Der Mythus des 20. Jahrhunderts Zweites Buch: Das Wesen der germanischen Kunst II. Wille und Trieb

Der Mythus des 20. Jahrhunderts

II. Wille und Trieb

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 Mit dem leider so trivial gewordenen Worte Kants, daß der bestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns unser Dasein ausmachten, ohne im Verhältnis von Ursache und Wirkung zueinander zu stehen, ist doch ein tiefes Bekenntnis zur polaren Weltbetrachtung und zum dynamischen Lebensgefühl ausgesprochen. In Wirklichkeit hat auch kein echter Europäer außerhalb dieser seiner Lebensbedingung als Schöpfer bestehen können, obgleich in manchen von ihnen die Sehnsucht nach der Aufhebung der Gegensätze, nach Ruhe, nach Statik und Monismus ungeheuer stark gewesen ist. Nichts ist für diese Sehnsucht typischer, nichts beweist aber die Unmöglichkeit eines Monismus für uns deutlicher als der Fall Artur Schopenhauer, jenes Romantikers, der die blutvolle Dynamik seines Wesens mit dem „Binsenschwert der Vernunft“ glaubte meistern zu können – und daran zerbrach. Allein schon die auf das Wollen bezogene Welterklärung entrückt ihn dem indischen Denken, das er als das seine glaubte deuten zu können, wo doch der Inder die Erlösung nicht in einen Willens-, sondern in einen Erkenntnisakt verlegt. Der gewaltsame monistische Versuch von Schopenhauers Weltdarstellung als Wille und Vorstellung aber deckt einen Vorgang auf, dessen Kenntnis und Wertung grundlegend ist für unsere Weltanschauung, aber nicht minder für die Erfassung des Wesens unserer Kunst.

Objekt und Subjekt sind voneinander nicht lösbare Korrelata. Das ist der Punkt, die Erkenntnis einer Polarität, (Objekt und Subjekt) von der Schopenhauer ausgeht. Von hier wendet er sich einerseits gegen den Idealismus, welcher den Satz von der Kausalität nicht als eine den Menschen zugehörige Vorstellung, sondern als eine dem Ding an sich wesentliche Eigenschaft, welches das Objekt hervorbringe, ansieht, und andererseits gegen den dogmatischen Materialismus, welcher die Tätigkeit des Vorstellens seitens des Subjekts als das Ergebnis der Formen und Wirkungen der Materie hinzustellen bemüht ist. Denn das Erkennen, welches erklärt, materiell erklärt werden soll, wird hier von vornherein vorausgesetzt, und wir haben „mit dem Erkennen zwar die Materie uns eingebildet, in der Tat aber nichts anderes als das die Materie vorstellende Subjekt, das sie sehende Auge, die fühlende Hand, den sie erkennenden Verstand gedacht.“

Es ist der Fehler des Materialismus, vom Objektiven auszugehen, da doch dasselbe schon durch das Subjekt und dessen Anschauungsformen bedingt, also nicht ein Absolutes ist; ebensogut könnte man die Materie als Modifikation des Erkennens des Subjektes auffassen so stellt sich Schopenhauer zwischen den dogmatischen Realismus und den dogmatischen Idealismus; er nimmt weder vom Subjekt noch vom Objekt allein seinen Ausgang, sondern von der „Vorstellung als erster Tat des Bewußtseins“.

Er stimmt mit Kant überein in der Lehre von der Idealität von Raum, Zeit und Kausalität, als reinen, d. h- nicht empirischen Anschauungen, die Erfahrung erst möglich machen, und sein ganzes Bestreben im ersten Buche seines Hauptwerkes läuft gerade darauf hinaus, dieses nachzuweisen, zu erläutern, daß, wenn man die Materie als Ding an sich betrachte und das Subjekt daraus zu erklären sich bemühe, so ergebe sich ein platter Materialismus. sehe man dagegen das Subjekt als ein Absolutes an, so entstehe der Spiritualismus. Trenne man dogmatisch Objekt und Subjekt, so (Die Funktionen von Verstand und Vernunft) habe man den Dualismus. Behaupte man, beide seien ein- und dasselbe, so ergebe sich der Spinozismus. Alles dieses seien dogmatische Anschauungen, wogegen wir nur Objekt und Subjekt als zwei Korrelata kennen, Objektsein – Vorstellung des Subjekts.

Wir besitzen zwei Intellekte: den Verstand, das Vermögen des Erkennens des kausalen Zusammenhanges (welches wir mit den Tieren gemeinsam haben), und die Vernunft, das Vermögen der Abstraktion (welches uns allein gegeben ist). Die Funktion des Verstandes besteht im Bilden der Anschauungen, die Tätigkeit der Vernunft im Bilden der Begriffe, woraus erst unsere Sprache, Wissenschaft, überhaupt unsere ganze Kultur herauswächst. Diese Vernunft nun ist „weiblicher Natur: sie kann nur geben, nachdem sie empfangen hat.“ Damit ist das Grunddogma der Schopenhauerschen Anschauung ausgesprochen. Die Vernunft – eine Funktion des Gehirns; die Welt entpuppt sich somit als ein „Gehirnphänomen“. Das Denken seinerseits ist ein Absonderungsprozeß, ähnlich der Bildung des Speichelsekrets.

Die Arbeit der Vernunft besteht darin, Wissen zu schaffen, d. h. abstrakte Urteile; „Wissen heißt: solche Urteile in der Gewalt seines Geistes zur willkürlichen Reproduktion haben, welche in irgend etwas außer ihnen ihren zureichenden Erkenntnisgrund haben, d. h. wahr sind.“

Das Objekt ist aIso Vorstellung, es erscheint uns in den reinen Anschauungsformen von Zeit, Raum und Kausalität. Alles ist in ihnen und alles ist durch sie. Damit ist die Weltanschauung streng geschlossen und es scheint nirgends ein Schlupfloch übrig geblieben zu sein, um zu einem Urgrund hinauf- oder hinabzusteigen. Schopenhauer aber findet noch eine „andere Seite“ der Welt. Unsere Vernunft, Vergangenheit und Zukunft überschauend, den sicheren Tod im Bewußtsein, muß die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen, nach dem (Wille nur intuitiv erkennbar) Wesen der Welt und des Ich aufwerfen. Und Schopenhauer, der vorher versicherte, die ganze Welt sei „durch und durch“ Vorstellung, durchbricht seine selbst gesetzten Schranken. „Was aber uns zum Forschen antreibt, ist eben, daß es uns nicht genügt, zu wissen, daß wir Vorstellungen haben, daß sie solche und solche sind, und nach diesen und jenen Gesetzen, deren allgemeiner Ausdruck allemal der Satz vom Grunde ist, zusammenhängen. Wir wollen die Bedeutung jener Vorstellungen wissen: wir fragen, ob diese Welt nichts weiter als Vorstellungen sei, in welchem Falle sie wie ein wesenIoser Traum an uns vorüberziehen müßte, nicht unserer Beachtung wert; oder ob sie noch etwas anderes, noch etwas außerdem ist, und was sodann dieses sei!“ Niemand hat bis jetzt mehr als eine rein negative Antwort darauf geben können, eine Antwort, die ganz abstrakt, inhaltslos und nur begrenzend war. – Der Nus des Anaxagoras, der Atman der Inder, das Ding an sich des Kant. Schopenhauer entschleiert nun dieses Ding an sich als das uns aufs „intimste“ bekannte innere Wesen, als den Willen. Zu ihm kann man von der Vorstellung aus nicht gelangen, vielmehr ist er ein ihren Gesetzen und ihren Formen völlig fremdes Wesen. Der Wille ist nur intuitiv erkennbar. Der Mensch würde die Bewegungen und Aktionen seines Körpers ebenso ansehen, wie die Veränderung anderer Objekte in bezug auf Ursache, Reize und Motive. Er würde ihren Einfluß aber nur verstehen als die Verbindung jeder anderen ihm erscheinenden Wirkung mit ihrer Ursache. Diesem ist aber nicht so, denn das Wort Wille gibt ihm „den Schlüssel zu seiner eigenen Erscheinung, offenbart ihm die Bedeutung, zeigt ihm das innere Getriebe seines Wesens, seines Tuns, seiner Bewegungen.“

Dem Subjekt ist also sein Leib auf zweierlei Art gegeben: einmal als Vorstellung, als Objekt unter Objekten, und deren Gesetzen unterworfen, sodann auf andere Weise (Objektivationen des Willens) durch das,, jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet“. „Jeder Willensakt ist zugleich Bewegungsakt seines Leibes, nicht als ob der eine Ursache, der andere Wirkung sei, sondern sie sind ein und derselbe auf verschiedene Weise zum Bewußtsein gebracht.“ „Die Aktion des Leibes ist nichts anderes als der objektivierte, d. h. in die Anschauung getretene Akt des Willens.“

Ich erkenne den Willen nicht als etwas Ganzes und Vollkommenes, sondern nur in einzelnen Akten der Zeitl; ich kann also den Willen mir nicht vorstellen; er ist raum-und zeitlos. Als unabhängig von der Vorstellung ist der Wille dem Satze vom Grunde nicht unterworfen, grundlos; er ist in allen Erscheinungen dasselbe Wesen. Nach Kant kommt das alles nur dem Ding an sich zu, folglich ist der Wille das Ding an sich. Als solches ist er frei, als Erscheinung ist er unfrei, vorausbestimmt (determiniert). Die Freiheit liegt also gleichsam hinter uns, kommt im Handeln nie zu Tage. Daraus folgt, daß unser empirischer Charakter, wie er uns in unseren Handlungen entgegentritt, unfrei und unveränderlich ist, daß er jedoch die Objektivation des freien intelligiblen darstellt; der empirische Charakter verhält sich zum intelligiblen wie die Erscheinung zum Ding an sich. Am vollkommensten, gleichsam im Brennpunkt, objektiviert sich der Wille im Geschlechtstriebe, im unbedingten Willen zum Leben. Er ist ein ewiges Wünschen und streben, welches nach kurzer Befriedigung immer von neuem von Begierde getrieben diesem dämonischen Wesenszuge ohne Rast und Ruhe folgt.

Aber nicht nur im Menschen tritt uns dieser Wille als Ding an sich entgegen, vielmehr ist er in der ganzen Natur das hinter der Erscheinung stehende treibende Moment. Zwar objektiviert er sich am vollkommensten im Menschen, aber wenn wir den gewaltigen unaufhaltsamen Drang sehen, mit dem „die Gewässer der Tiefe zueilen, die (Vielheit ohne ein Prinzip der Vielheit) Beharrlichkeit, mit welcher der Magnet sich immer wieder Zum Nordpol wendet, die Heftigkeit, mit welcher die Pole der Elektrizität zur Wiedervereinigung streben, und welche gerade wie die der menschlichen Wünsche durch Hindernisse gesteigert wird, wenn wir den Kristall schnell und plötzlich aufschießen sehen nsw., so wird es uns – nach Schopenhauer – keine große Anstrengung der Einbildungskraft kosten, selbst aus großer Entfernung unseres eigenes Wesen zwar dumpf und unausgesprochen, aber nicht minder einleuchtend zu erkennen, „so gut wie die erste Morgendämmerung mit den strahlen des vollen Mittags den Namen des Sonnenlichtes teilt“; dieses ist der Wille. Demgemäß gibt es verschiedene stufen der Objektivation des Willens, das sind die platonischen Ideen. sie sind jene Mittelglieder, welche zwischen die beiden auseinanderklaffenden Welten: Vorstellung und Wille, eingeschoben werden und somit die sonst auf keine Weise zu verstehende gegenseitige Beziehung herstellen. Also eine Vielheit ohne ein Prinzip der Vielheit! Als die niedrigste stufe stellen sich die allgemeinen Kräfte der Natur dar, schwere, Undurchdringlichkeit, Starrheit, Elastizität, Elektrizität, Magnetismus usw. Auch sie sind, wie unser eigener Wille, grundlos, und wie dieser sind nur ihre einzelnen Erscheinungen dem Satze vom Grunde unterworfen. sie sind „Qualitas occulta“. Auf höherer Stufe der Objektivation des Willens sehen wir das Individuelle bei Mensch und Tier, hauptsächlich bei jenem, immer mehr hervortreten und hier ist es, wo sich insbesondere das Wesen des Weltalls zeigt, der Kampf für sein Dasein den Willen manifestiert.

Der allgemeine Kampf in der Natur tritt in der Tierwelt am sichtbarsten zutage, „welche die Pflanzenwelt zu ihrer Nahrung hat und in welcher selbst wieder jedes Tier die Beute und Nahrung eines anderen wird, d. h. die Materie, in welcher seine Idee sich darstellt, zur Darstellung einer anderen abtreten muß, indem jedes Tier sein Dasein (Erkenntnis als „klarer Spiegel der Welt“) nur durch die beständige Aufhebung eines fremden erhalten kann; so daß der Wille zum Leben durchgängig an sich selbst zehrt… bis zuletzt das Menschengeschlecht die Natur für ein Fabrikat zu seinem Gebrauch ansieht“. Fürchterlich und unsinnig ist diese Macht, welche durch soviel Mannigfaltigkeit und Aufwand an Kraft, Klugheit und Tätigkeit nur ein ephemeres und flüchtiges Glücksgefühl in der Begattung und Hungerbefriedigung als Gegengewicht zu bieten vermag; die Mühe und der Lohn stehen in keinem Verhältnis zueinander. Überall sieht Schopenhauer „allgemeine Not, rastloses Mühen, beständiges Drängen, endlosen Kampf…“, bestenfalls Langeweile.

Nur ein blinder Wille konnte sich selbst in die Lage versetzen. In der anorganischen Natur geht der ganze Kampf nach dem unabänderlichen Gesetze von Ursache und Wirkung vor sich, im Pflanzenreiche folgen Bewegungen auf Reize, d. h. Ursachen rufen Wirkungen, die denselben nicht gleich sind, hervor; endlich treten Motive und Erkenntnis als Leiter unserer tierischen Handlungen auf. Alles dieses geschieht gesetzmäßig, für Freiheit der Vernunft und ihre Ideen ist kein Platz gelassen, sie ist „ein untergeordnetes Organ“.

Die Erkenntnis, anschauliche sowohl als vernünftige, geht nun zwar aus dem Willen auf seinen höheren stufen der Objektivation hervor, da der Mensch notwendig anderer Fähigkeiten bedarf, als die anorganische Natur, die Pflanzen- und Tierwelt; sie ist aIso ursprünglich ganz in den Dienst des Willens gestellt, doch vermögen es einzelne ganz große Menschen, sich diesem Joch zu entziehen. Die Erkenntnis steht dann da als bloßer „klarer Spiegel der Welt.“

So ist die Welt als Vorstellung doch aus dem Willen entsprungen! Trotz der anfänglichen Verwahrung Schopenhauers, hier einen ursächlichen Zusammenhang zu (Die Illusion der Welt) behaupten, tritt die Kausalität, wenn auch verkappt, auf. Es ergibt sich deshalb als Konsequenz folgendes: die Vernunft ist nur Reflexion, d. h, sie ist ein ganz und gar „weibliches Vermögen“; sie ist bedingt durch den durch die Anschauung notwendig bestimmten Begriff; sie ist aIso unschöpferisch. Wir sind unfrei: denn unser Handeln ist notwendig bestimmt durch Motive, ob nun tatsächliche oder imaginäre; der gleichsam hinter den Menschen wirkende „intelligible Charakter“, der außerhalb der Notwendigkeit liegt, erscheint im Leben als angeboren und unveränderlich, unterliegt also auch dem Satze vom Grunde.

Von diesen Fesseln des dämonischen „Willens“ vermag aber gerade diese geknebelte Vernunft durch einen „Überschuß von Intelligenz“ sich zur willenlosen Betrachtung zu erheben, als reines “ Subjekt des Erkennens“ die fürchterliche Macht des Willens, seine Grundlosigkeit und Unvernünftigkeit als „reines Weltauge“ zu durchschauen und zu überwinden. Das geschieht durch das Genie des Künstlers, der, vom Willen befreit, nun die Natur rein und objektiv darzustellen vermag; es geschieht aber vor allem im Phänomen der Heiligkeit, wo es der Vernunft gelingt, die vorübergehende aesthetische Vergessenheit in eine dauernde wunschlose Kontemplation zu verwandeln, die Illusion der Welt zu durchschauen und den Willen zum Leben zu verneinen.

Das Ende ist das Nichts, in das der Mensch nach aller MühsaI und Qual hineinblickt. „Vor uns bleibt allerdings das Nichts. Aber das, was sich gegen dieses Zerfließen ins Nichts sträubt, unsere Natur, ist ja nur der Wille zum Leben, der wir selbst sind wie er unsere Welt ist… Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen, die die Welt überwanden, in denen der Wille, zur vollen Selbsterkenntnis gelangt, sich in allem wiederfand, und dann sich selbst (Schopenhauers Zentralbegriff) frei verneinte, so zeigt sich uns statt des steten Überganges von Wunsch zur Furcht, statt der nie befriedigten Hoffnung … jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, wie sie Raffael und Correggio dargestellt haben, nur die Erkenntnis ist geblieben, der Wille ist verschwunden. „Wir aber blicken dann mit tiefer und schmerzlicher Sehnsucht auf diesen Zustand, neben welchem das Jammervolle und Heillose unseres eigenen, durch den Kontrast, in vollem Licht erscheint. Dennoch ist diese Betrachtung die einzige, welche uns dauernd trösten kann, wenn wir einerseits unheilbares Leid und endIosen Jammer als der Erscheinung des Willens, der Welt, wesentlich erkannt haben und andererseits, bei aufgehobenem Willen, die Welt zerfließen sehen und nur das leere Nichts vor uns behalten… Wir bekennen es frei: was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle die, die noch des Willens voll sind, allerdings ein Nichts. Aber auch umgekehrt ist denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so reale Welt mit allen ihren sonnen und Milchstraßen – Nichts.“

Es kann nicht im Rahmen dieses Buches liegen, die ganze Lehre Schopenhauers zu besprechen, sondern nur jene punkte hervorzuheben, die zur Beurteilung unserer Lebensgesetze und ihrer Äußerungen in Weltanschauung, Wissenschaft und Kunst behilflich sein können.

Hier ist nun zu allererst der zentrale Begriff der Schopeuhauerschen Philosophie, der Wille, herauszugreifen. Wir sahen ihn hingestellt als das uns allen unmittelbar Bekannte und Gegebene. Wird nun aber das Wort Wille ausgesprochen, so tritt wohl jedem Unbefangenen, noch nicht von Schopenhauer Hypnotisierten, das (Der Wille und die Welt als Vorstellung) nicht weiter zu deutende und tatsächlich „aufs intimste“ bekannte Prinzip ins Bewußtsein, welches allem angeborenen Egoismus zum Trotz gar oft in uns spricht und manchmal in der Geschichte der Völker unbegreiflich wuchtige Gestalten gezeugt hat. Uns wird vielleicht die Seelengewalt der deutschen Mystiker, eines Luther, die Lebenshingabe vieler für eine Idee kämpfender Männer vors Gemüt treten, die Gestalt des Weltüberwinders aus Nazareth, kurz, alle die Persönlichkeiten, die den freien Willen allen Gewalten entgegen im Leben dargestellt haben. Daran etwa würden wir denken, wenn wir aufgefordert werden, nach dem Wesen in uns zu suchen, welches mit dem Wort Wille bezeichnet wird und uns „aufs intimste“ bekannt sein soll. Je mehr wir aber in Schopenhauer weiter lesen, um so mehr stellt sich heraus, daß diese Auffassung vom Willen falsch und kindlich sein soll. Vielmehr ist der Wille zwar von aller Erscheinung verschieden, grundlos und geheimnisvoll, jedoch ein gewaltsamer und zielloser, von Begierde zu Begierde taumelnder dämonischer Drang. Er lebt im Menschen und im Tier, er tritt in der Pflanze und im Stein zutage. Er macht, daß die Wasser rauschend die Felsen herabstürzen, daß der Magnet das Eisen anzieht, daß die Pflanze hochstrebt, daß das Männlein zum Weiblein geht, daß ein Geschöpf das andere vertilgt…

Dieser Wille nun, der, wie versichert wird, eine Einheit ist, zerschlägt sich durch Vermittlung der Ideen in eine vielheitliche Körperwelt, ruft sich seine Objektivationen hervor und „zündet sich“ auf seiner höchsten stufe „ein Licht“ an, – den Intellekt. Dieser ist ganz von ihm abhängig und zu seinen Diensten geboren. Er schaut nach allen Richtungen auf Beute aus, um seinem tyrannischen Herrn stets Gefolgschaft zu leisten. Er entwirft die Welt als Vorstellung, und wir erleben die sonderbare Tatsache, daß das Gehirn, welches doch die polare Vorbedingung (Die Kraft des „tertiären Organs“) Zur Vorstellung von Zeit und Raum ist, selbst in Zeit und Raum entsteht, daß es zugleich Vorstellungssubjekt und Vorstellungsobjekt ist. Das erinnert an die alte Geschichte, wonach zuerst die Henne aus dem Ei, das Ei aber doch zuerst aus der Henne schlüpfte.

Schopenhauer hatte seine Philosophie eigentlich schon im ersten Buche seines Hauptwerkes abgeschlossen. El hatte gezeigt, daß alles „durch und durch“ Vorstellung sei, daß alles Zeit, Raum und Kausalität zur bedingenden Voraussetzung habe, daß wir durchaus unfrei seien. Er hatte der Vernunft, diesem untergeordneten Organ, keine Hintertür offen gelassen und ihr gesamtes Vermögen auf die Vorstellung beschränkt. Daraus folgen alle späteren Ungeheuerlichkeiten über diese.

Der Wille aber, der sonst überall so zweckmäßig (warum, bleibt ein ewiges Geheimnis) sich seine Objektivationen hervorrief, hatte eine Unvorsichtigkeit begangen (die um so weniger begreiflich ist, da ausdrücklich versichert wird, die Funktionen des Leibes seien dem Willen durchaus und überall angemessen), und das Gehirn mit einem „Überschuß“ an Intellekt ausgestattet. Einige Männer rebellieren plötzlich, verzichten, indem sie den unheilvollen Willen durchschauen, auf dieses Ding an sich und stehen da als reines Subjekt des Erkennens, schaffen ewige Kunstwerke und werden Heilige. Woher diese Kraft des tertiären Organs, des Intellektes, plötzlich seinem unbezwingbaren Tyrannen einfach den Gehorsam kündigen zu können? Wir wissen es nicht, aber ohne diese Behauptung stimmt die schopenhauersche Architektonik vom unbedingten einen Willen, den Ideen, den Objektivationen, dem aesthetischen Zustande usw. nicht. Und sie stimmt auch in anderer Form nicht.

Was not tut, ist vor allem die Einsicht, daß der Schein, das Natürliche und Metaphysische in ein einheitliches monistisches System gebunden zu haben, hier mit einem spielen (Wille und Trieb) von zwei ganz verschiedenen Auffassungen dessen, was unter Willen zu verstehen sei, ermöglicht worden ist. Ich habe dies nirgends genügend scharf durchgeführt gefunden. Zwar verwirft Rudolf Haym in seiner Arbeit über Schopenhauer sehr energisch den Willen als ein Prinzip der Naturerklärung; zwar erläutert J. Volkelt den Zwiespalt in der Willensauffassung, will das Prinzip aber aufrechterhalten; K. Fischer spricht so gut wie gar nicht über den Willen; H- St. Chamberlain weist (ins andere Extrem verfallend) die Willenslehre ganz im allgemeinen ab, doch scheint mir überall zu wenig Gewicht auf die doppelte Anwendung des Begriffes gelegt worden zu sein.

Einige Jahre vor Herausgabe seines Hauptwerkes hatte Schopenhauer den Willen als etwas Großes und Heiliges empfunden. Er sagt darüber: „Mein Wille ist absolut, steht über aller Körperlichkeit und Natur, ist ursprünglich heilig und seine Heiligkeit ohne Schranken.“ Dann aber nahm diese Vorstellung des als metaphysische Kraft erkannten Willens schillernde Farben an und als ein solches Chamäleon durchzieht sie fortan das ganze Werk Schopenhauers.

Schopenhauer meint z. B., daß es das Wollen sei, wofür wir uns allein verantwortlich fühlen und wofür wir auch allein verantwortlich gemacht werden könnten, da der Intellekt ein Geschenk der Götter und der Natur sei; dieses zeige, daß man instinktiv den Willen als das Wesen der Menschen ansehe. Ganz recht, nur wird hier der Wille in der Bedeutung gebraucht, die dem Willen Schopenhauers, der ein zielloser und unabänderlicher egoistischer Trieb ist, gerade zuwiderläuft.

Oder, wenn Schopenhauer die Welt als ein zweckmäßiges Ganzes hinstellt, in dem alles in einer „unbegreiflichen Harmonie“ zueinander stehe, so reimt auch das sich nicht mit einem blinden Willen zusammen Der Notbehelf aber, der Wille sei zwar unvernünftig,(Schopenhauer als Dichter) handle jedoch so, „als ob“ er vernünftig wäre, ist gar zu dürftig.

Wenn weiter die Ideen stärkere und schwächere Objektivationen des Willens darstellen sollen, so wird wieder einem ziellosen Wesen ein zielbewußtes Maßvermögen zugesprochen, insofern nämlich, je stärker er sich objektiviere, um so differenzierter werde er.

Weiter fällt die ganze teleologische Naturauffassung aus Schopenhauers System heraus. Eine menschliche Handlung erfasse ich als solche nur dann, wenn ich ihren Zweck einsehe, d. h. wenn ich einen schaffenden, zielstrebigen Willen voraussetze. sehe ich die Natur aber als zielstrebig an, aIso als unbewußte Zweckmäßigkeit, so setze ich ein ordnendes Prinzip, ganz gleich wie beschaffen, nur keinen wahnsinnigen, blinden, ziellosen Willen voraus.

Eins muß also deutlich erfaßt werden: daß mit dem einen Wort Wille zwei grundverschiedene Begriffe bezeichnet werden. Der eine deutet auf ein der ganzen Natur mit ihrem einzig und allein auf Selbsterhaltung gerichteten streben entgegengesetztes Prinzip, der andere kennzeichnet das Wesen des Egoismus. Kurz, wir müssen Wille und Trieb unterscheiden. Wille ist immer der Gegensatz des Triebes und nicht mit ihm identisch, wie es Schopenhauer aus seiner monistischen Dogmatik heraus lehrte. Der Unterschied zwischen Wille und Trieb und Anziehungskraft ist kein quantitativer, sondern ein qualitativer. Fühle ich in mir, hier hat Schopenhauer recht, eine tierische, ganz auf das sinnliche gerichtete, unterbewußte oder in den Kreis des Bewußtseins tretende Begierde unbezwingbar herrschen und ihren ganzen Zweck eben in ihrem Dasein und in ihrem Sichdurchsetzen offenbaren, so kann ich, wenn ich Dichter bin, mir einen ähnlichen Trieb auch im Pflanzenreiche und im Mineralreiche denken. Ich kann aber diese dichterische Analogie nicht zur Grundlage einer philosophischen (Polare Richtungen des Wollens) Weltanschauung machen. Ich kann dies um so weniger, da ich dann mit der Erklärung der Vernunft in einen Zirkel gerate, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Ich bin gezwungen, anzunehmen, daß der andere Faktor, welcher der Begierde entgegenwirkt, auch ein anderes Prinzip verkörpert; daß auch die Vernunft (die diesem Prinzip beigeordnet ist, mit seiner Hilfe das Joch des blinden Triebes, sei es zeitweise oder auf immer, überwinden kann) zwar durch das Gehirn bedingt, aber nicht durch dasselbe erzeugt ist, denn die Funktion eines Organes kann dasselbe nicht vorstellen.

Ich bin gezwungen, festzustellen, daß mein ganzes wollendes Wesen ein polares, in zwei Teile geteilt ist: in ein sinnlich-triebhaftes und in ein übersinnlich-willenhaftes; daß die zwei Seelen, die Faust in seiner Brust fühlte, tatsächlich zwei Prinzipien sind, die nur ein blinder Dogmatismus als ein und dasselbe hinzustellen vermag. Hörte Goethe „ganz leise, ganz vernehmlich“ eine Stimme, die ihm sagte, was „zu tun sei“, und was „zu fliehn“, so riß ihn oft Leidenschaft nach der anderen Richtung. Die moralische Seite des Menschen beruht demnach darauf, daß der Mensch ein kategorisches Sittengesetz in sich walten weiß, und auch die Möglichkeit in sich spürt, diesem Folge zu leisten. sonst wären alle Moralgebote nur Lächerlichkeiten und Christus und Kant müßten reichlich dumme Menschen gewesen sein. sollen und Können setzen einander voraus: ohne Freiheit kein Verantwortungsgefühl, keine Moral, keine Seelenkultur.

Und zum Schluß hebt denn auch Schopenhauer sich selbst aus dem Sattel. Wenn der Trieb, der so gewaltig dahinbraust, von der tertiären Vernunft erkannt, plötzlich sanft säuselt und lieblich zu schnurren beginnen soll, so ist das eine Konsequenz, die selbst dem von seiner Idee besessenen Schopenhauer bisweilen Kopfschmerzen gemacht hat. (Schopenhauers ungewollte Willensbejahung) Das „Binsenschwert der Vernunft“ (Deussen) kann durch Erkenntnis allein keinen Weltkonflikt lbsen, woraus sich zwei Folgerungen ergeben: entweder geht man vom Tatsächlichen aus, und, Beispiele erhabenster Art sich vor Augen haltend, erkennt man die Möglichkeit des Sieges des Willens über den Trieb an; oder man macht einen Gewaltstreich und erklärt die ganze Welt für unfrei, gibt damit jede Läuterungsmöglichkeit auf. Auf jenem Standpunkt standen Christus, Leonardo, Kant, Goethe, auf diesem die Inder und Schopenhauer. Aber ein einzigesmal erlaubt der letzte plötzlich ein In-die-Welttreten der Freiheit, einmal, als „einzige Ausnahme“. Das sollen nämlich, über welches sonst die Lauge des Spottes ausgegossen wird tritt zum Schluß als deus ex machina auf; dem chaotischen ziellosen Trieb wohnt nun plötzlich eine moralische Kraft inne, und die sittliche Weltordnung, auf die Schopenhauer mit Recht viel Gewicht legt, ist gerettet. sonst kennt der ursprüngliche Wille Schopenhauers nur das Physische, nicht das Moralische; jetzt erscheint er als das Gegenteil.

Also auch Schopenhauer wenn er die Verneinung des Willens lehrt, meint die Verneinung des Triebes und Bejahung des Willens. –

Aber dieses ist eine Inkonsequenz des ganzen Systems und hebt es vollständig aus den Angeln. Was Schopenhauer sein ganzes Leben über mit so viel Eifer und Energie verfochten hat, war die Behauptung, daß der Trieb das Wesen des Weltalls und des Menschen ausmache und mit dem Willen identisch sei; was er, erfreulicherweise zwar, aber unvereinbar mit seinem System, Zugibt, ist, daß dieser Wille zu gleicher Zeit ein moralischer, erlösender, ist, daß der Mensch außer Trieb und tertiärem Verstand noch etwas ganz anderes darstellt. Der moralische Wille, wie er im letzten Buche von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hervortritt, verneint die ganze (Naturalistischer Monismus) Lehre seiner ersten Bücher und Schopenhauer gesteht später in einem Brief, bedrängt von lästigen Fragern, daß „die Sache allerdings eine Art Wunder sei“…

Diese erzwungen monistische Weltanschauung klafft weit auseinander und keine Zeit vermag sie mehr zusammenzufügen. Was Schopenhauer später über die im Ding an sich eingebettete Individualität und ihre Unvergänglichkeit sagt, ist schön und macht seiner gelegentlichen Selbstüberwindung alle Ehre, reimt sich aber ebenfalls nicht mit dem immerwährenden Spott über diese zusammen Er sagt: „… Es folgt, daß die Individualität nicht allein auf dem principio individuationis beruht und daher nicht durch und durch bloße Erscheinung ist; sondern daß sie im Ding an sich, im Willen des Einzelnen wurzelt; denn sein Charakter selbst ist individuell. Wie tief nun aber die Wurzeln gehen, gehört zu den Fragen, deren Beantwortung ich nicht übernehme.“* Das schreibt der Mann, welcher sein Leben lang behauptete, das Einheitsprinzip der Welt, den Stein der Weisen gefunden zu haben und alle schmähte, die dieses so unbedingt nicht wollten gelten lassen.

Soll der als Wille verschleierte Trieb durchaus ein „Einheits“prinzip darstellen, so ist es nicht die Einheit des ganzen Menschen, sondern nur die Zusammenfassung einer Seite desselben, der natürlichen. Dieses hat Schopenhauer in glänzender Weise durchzuführen unternommen. Indem er den Trieb als das mehr oder weniger hervortretende Prinzip entzifferte, ist seine Lehre zwar kein materialistischer, wohl aber naturalistischer Monismus. Da Schopenhauer aber nicht ein blutloses Schemen, sondern eine mächtige Persönlichkeit gewesen ist, so noch einige Worte über ihn, da Schopenhauer-Naturen im deutschen Volke nicht selten sind.

Brief vom l. März 1858. Schopenhauer als Charakter

Es sind oft Vergleiche zwischen Mensch und Werk angestellt und einerseits auf die klaffenden Gegensätze, andererseits aber auf das Zusammentreffen vieler Lehren mit der Persönlichkeit hingewiesen worden. Und es ist wahr: der Mann, welcher sich allen Ernstes als einen Religionsstifter betrachtete und Weltverneinung predigte, lebt ein recht sorgloses Leben als gut gestellter Patrizier und ist mit einer geradezu grotesk anmutenden Ängstlichkeit um sein Wohlergehen bekümmert. Er verläßt eines bösen Traumes wegen und aus Angst vor der Cholera Berlin; er lebt in Frankfurt im Erdgeschoß, um sich bei Feuersgefahr schnell retten zu können; er führt bei allen Besuchen einen Becher mit sich, um sich nicht einer Ansteckungsgefahr durch Trinken aus möglicherweise unsauberen Gläsern auszusetzen… Hier tritt sein „Wille“ mit einer bis zur Krankhaftigkeit gesteigerten Macht in Erscheinung.

Schopenhauer war besessen von einem geradezu dämonischen Angstgefühl vor dem Tode; er war besessen von einem brutalen Egoismus und war von einer unsagbaren Wut gegen alle erfüllt, die etwas gegen ihn einzuwenden hakten. Er war aber zugleich ein weltumfassender Intellekt, an dessen genialen Einsichten und Geistesblitzen noch Tausende seelische Aufschlüsse empfangen werden, der in manche Fragen wunderbar hineinleuchtete und ein Deutsch schrieb von einer Pracht, Farbigkeit und Klarheit, wie nur ganz Wenige unter den Größten.

Die „leise, vernehmliche“ Stimme dagegen, von der Goethe und Kant berichteten, hat er nur selten gespürt; sie trat bloß als unbestimmte Sehnsucht auf. Er konnte die Feinheit Schleiermachers und die Großheit Fichtes nicht fassen; er war erdrückt und erstickt von der Krankheit einer weitgehenden Selbstüberhebung und sprach nur mit Schadenfreude von Schwächen jener, denen er im Leben begegnete.

Widersprüche als inneres Erlebnis

Das Wort vom Menschen, der kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Naturgebild mit „seinem Widerspruch“ sei, paßt auf keinen besser aIs auf Artur Schopenhauer; selten klaffte wohl der Widerspruch zwischen Trieb, Einsicht und Willen so mächtig in einem Herzen. Im zunehmenden Alter fühlte er mit Behagen den sinnlichen Trieb weichen und von da an ebben die Ruhmessprüche zugunsten des grundsätzlichen Pessimismus (im Sinne von Verbitterung) merklich ab. Als 70jähriger Greis schreibt er: „Daß das alte Testament an zwei Stellen 70 bis 80 Jahre setzt, würde mich wenig scheren, aber dasselbe sagt Herodol auch an zwei Stellen: dies hat mehr auf sich. Allein der Heilige Upanishad sagt an zwei Stellen: 100 Jahre ist das Menschenleben… Das ist ein Trost.“*

Früher hat Schopenhauer jedoch den inneren Kampf Zweier Naturen entschieden tief gefühlt; sein Hauptwerk ist auch nicht, wie manche oberflächliche Philosophen (Fischer) behaupten, von einem Zuschauer angesichts des Theaters des Lebens geschrieben worden, sondern von einem vom Dämon ergriffenen Mitspieler. Er hätte sonst als Intellekt doch leicht die auseinanderklaffenden Stücke seines Werkes gesehen, so aber waren sie die Widerspiegelung eines wirklichen Erlebnisses. Wie Schopenhauer selbst sich unter einem großen Triebe winden fühlte, so schien ihm auch die ihn umgebende Welt demselben unentrinnbar preisgegeben. Wie er selbst seinen Intellekt sich weiten sah, so ließ er ihn auch in seinem Werk das Joch des Triebes theoretisch ganz abstreifen. Und wie er selbst nur ein ohnmächtiges Ahnungsgefühl des freien Willens besaß, so tritt die moralische Weltordnung auch am Schlusse nur ganz verschämt zutage. Daß die Erkenntnis des Triebes allein ihn überwinden könnte, hat Schopenhauer als Sehnsucht gepredigt, er hat es selbst aber, trotz* Parerga II, 8. Kap. § 116. (Mensch und Werk) aller Einsicht, nicht verwirklichen können. Und wenn eine s o l c h e Intelligenz es nicht zustande brachte, dann richtet sich dieses grandiose Selbstbekenntnis, und ein solches ist „Die Welt als Wille und Vorstellung“, von selbst. Schopenhauer hatte nicht sehen, oder aus krankhaftem Festhalten an einer dogmatischen Anschauung nicht zugeben wollen, daß nicht eine theoretisch gelehrte philosophische Einsicht allein helfen kann, sondern das Auftreten eines Faktors, über den alle wahrhaft Großen verfügt haben: des den Trieb meisternden oder überwindenden Willens. Wenn Buddha den Trieb als Leiden erkennt, so ist das nur die eine Seite seines Wesens; wenn er ihn aber durch die gelebte Tat zurücksetzt, so ist das die willenhafte andere. Wenn Christus gegen das “ Otterngezücht“ auftritt, wenn er einer Idee wegen den Tod auf sich nimmt, so ist dieses die Wirkung eines dem Triebe zum Leben entgegengesetzten Prinzips der Freiheit, welches keine Disputation aus der Welt zu schaffen vermag und das nicht auf Einsicht allein gegründet ist.

„Das selbständige Gewissen“, wie es Goethe verstand, tritt als „Sonne des Sittentages“ in die Erscheinung, als ein Prinzip, das Schopenhauer überwunden zu haben glaubte, indem er es in den Trieb hineinschmuggelte, um dann beides durcheinanderschillern zu lassen.

Die Philosophie Artur Schopenhauers ist ein mit vielen Köstlichkeiten gefülltes, durch das eiserne Band seiner robusten Individualität gehaltenes Gefäß. Nun dies Band gefallen ist, liegen alle Teile, so schön sie als solche sind, durcheinander. Die Persönlichkeit reichte nicht aus für ein vollendetes, abgerundetes Werk, und Schopenhauers Philosophie war ein tragischer Traum eines verzweifelten Suchers. Der Wille, in dessen zersplitterten Äußerungen und auf dessen Zufällen der,, geniale Weltgeist seine sinnvollen Melodien spielt“, kann nur ein genialer Wille sein. Der Wille aber, der nur grundloser, zielloser, blinder (Schopenhauers tragischer Kampf) Drang ist, ist ein rein tierischer Trieb. Jener ist ein werteschaffendes, dieser ein unschöpferisches, niederziehendes Prinzip. Jener offenbart uns die Würde im Menschenwesen, dieser die nichtige Seite desselben. Alle großen Künstler und Heiligen sind vom ersten erfüllt, sie haben ihn in den Taten als Kunstwerk und als Leben geformt; sie haben durch ihn und durch die ideenbildende Vernunft den Trieb in Bahnen gelenkt, wo er als Material ihres Schaffens seinen angemessenen Platz fand. Artur Schopenhauer wollte auch darauf hinaus, und versagte, weil ihm zum Intellekt der Wille fehlte. Dieses ist die Tragik seines Lebens und seines Werkes. Und als eine solche Tragik wird Schopenhauer unserer Ehrfurcht stets gewiß sein, als das Beispiel eines heroischen – und in seiner Gewaltigkeit echt abendländischen – Kampfes um das Wesen dieser Welt; ein Mensch hat hier alles auf eine Karte gesetzt, und diese hat fehl geschlagen. Die verzweifelten Aufraffungen zur Höhe enden immer mit einem Zurückfallen ins Nichts. Aber auch der doch ganz unindische Schopenhauer bekannte, das Höchste, was ein Mensch erreichen könne, sei ein „heroischer Lebenslauf“. Das ist ein nordisches Bekenntnis, wie es schöner nicht gefunden werden kann. Und deshalb ist auch Arthur Schopenhauer – unser.

Für das, was ich in diesem Buche sagen möchte, scheint mir die vorhergehende Auseinandersetzung mit der Philosophie Schopenhauers besonders wichtig. seine Schriften liegen heute nicht nur auf den Tischen des Professors, sondern ebenso auf denen des Geschäftsmannes und haben dank ihres glänzenden Stils und bestechender Überredungskunst ihren Weg in weiteste Kreise gefunden. Der Begriff des „Willens“ ist somit allerorts geläufig und wird wohl jetzt meist im sinne Schopenhauers als ein blinder Drang (Fünf Formgebiete des Willens) aufgefaßt, auch wenn eine andere Anschauung halb unbewußt immer nebenher geht. Diesen Willensbegriff galt es einer kurzen Untersuchung auszusetzen und seinen Widerspruch in sich selbst aufzuzeigen, bzw. ihn als Trieb und nichts anderes zu deuten. Der Wille muß in seiner alten Reinheit, als ein dem egoistischen Triebe entgegenwirkendes Prinzip aus dem Reiche der Freiheit, wie Kant und Fichte es meinten, aufgefaßt werden, will man sich eine Grundlage für nordisches Lebensgefühl wieder freimachen. Diese Auseinandersetzung ist aber auch für das Begreifen der abendländischen Kunst und ihrer seelischen Einwirkung von grundlegender Bedeutung. Wenn ich von einer nicht willenlosen aesthetischen Kunstauffassung spreche, so will ich nicht etwa die unmögliche Behauptung aufstellen, daß die Kunst auf den Trieb, den „Willen“ Schopenhauers wirken soll, sondern daß sich Kunstwerke, und besonders eine bestimmte Gruppe von ihnen, nicht allein, oder überhaupt nicht an das in kontemplative Stimmung versenkte Subjekt des Erkennens wenden, sondern eben auf die Erweckung einer seelischen Aktivität, eines Willens abzielen.

Eine der wichtigsten Einsichten in das Wesen alles Menschlichen, ist die Anerkennung der Tatsache, daß er ein formendes Geschöpf ist. Aller seiner seelischen und vernünftigen Tätigkeit liegt das streben nach Umwandlung Zugrunde; nur auf diese Weise kann er sich der umliegenden Welt bemächtigen, sie als Einheit fassen so formt er sich aber auch mit seinen Kräften sein eigenes Innere und projiziert diese Tat hinaus als Religion, Moral, Kunst, Idee der Wissenschaft, Philosophie. Fünf Tendenzen leben im Menschen; jede fordert eine Antwort. In der Kunst sucht er nach äußerer und innerer Form; in der Wissenschaft die Wahrheit im Zusammentreffen von Urteil und Naturphänomen; von der Religion verlangt er ein eindringliches Symbol des Übersinnlichen; in der Philosophie fordert er die Übereinstimmung von Wollen und (Farbigkeit der Kulturen) Erkennen, von Religion und Wissenschaft. In der Moral schafft er sich die notwendigen Leitsätze des Handelns.

Jedesmal, wenn der Mensch eines dieser fünf Gebiete betritt, spricht ein andersgerichtetes Formen, ein anderstätiger Wille. Dies Streben des Wollens und Erkennens ist aus der ganzen Natur nicht zu deuten, es sind Tendenzen, die dem Triebe und seiner Befriedigung entweder gleichgültig (Wissenschaft, Philosophie) oder kampfbereit gegenüberstehen (Moral, Religion), oder beide in das Bereich ihrer Gestaltung ziehen (Kunst). Eine Unterscheidung dieser verschiedenen Einstellung der seelischen Kräfte, die auf Wille und Vernunft zurückgehen und sich in der Seele, in der Persönlichkeit vereinigen, bedeutet die erste Voraussetzung einer echten Kultur. Ihre einheitliche Lebensformung den Mythus einer Rasse. Die Unterscheidung kann naiv-unbewußt oder philosophisch-bewußt vollzogen werden; in welcher Art und Farbigkeit der Betonung der einzelnen Tendenz dies aber vor sich geht, auch davon hängt die Mannigfachheit, der Beziehungsreichtum einer Kultur ab als Ausdruck einer seelisch bestimmten Rasse.


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Autor: Germanenherz

Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben. Sieg oder Spott, folg deinem Gott!

1 Kommentar zu „Der Mythus des 20. Jahrhunderts Zweites Buch: Das Wesen der germanischen Kunst II. Wille und Trieb“

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