Schopenhauer und die abendländische Mystik

Zur Entwicklungsgeschichte Schopenhauers.

arturschopenhauer

Es scheint sich tatsächlich zu bestätigen, was Theobald Ziegler vor einigen Jahren bedeutsam ausgesprochen hat, daß nämlich ein religiöser, mystischer Zug langsam zwar, aber unverkennbar durch Literatur und Kunst, durch Gesellschaft und Volk gehe, und daß die verschiedensten Strömungen deutlich auf dieses Wiederaufleben und Wiedererstarken der religiösen Motive hinweisen. Der Materialismus ist wieder mehr in den Hintergrund getreten, wenigstens bei den philosophisch Gebildeten, und allenthalben erscheinen Bücher und Abhandlungen, die den Daseinswert der menschlichen Persönlichkeit wieder nachdrücklich betonen. Die Menschen scheinen wieder Sinn zu bekommen für das, was vor einem Jahrhundert von den Philosophen als das Höchste gepriesen wurde, für die wahrhafte Menschenwürde, die innere Freiheit.

Man könnte hier, wo von Mystik die Rede ist, allerdings die Frage aufwerfen, ob denn jene uralten Ideale der Mystik auch dem modernen Menschen das sein können, was sie früher waren, ob sie in Einklang gebracht werden können mit dem heutigen Denken und Empfinden!, mit den exakten Wissenschaften, überhaupt mit den Bedürfnissen unserer Zeit!

Daß dies wirklich bis zu einem gewissen Grad möglich ist, beweist uns einer der bekanntesten und bedeutendsten der modernen Denker, Arthur Schopenhauer, mit seiner Willensphilosophie. Es scheint, als ob in jenen alten Lehren der Mystik etwas enthalten sei, das nie altert, weil es in dieser oder jener Form im Laufe der Zeit immer wieder aufgetaucht ist.

Es ist selbstverständlich in dem engen Kähmen der vorliegenden Abhandlung nicht möglich, das ganze Gebiet der Mystik heranzuziehen; wir begnügen uns deshalb damit zu zeigen, in welchem Verhältnis Schopenhauer zur abendländischen, speziell zur deutschen Mystik steht. Diese Frage ist auch noch verhältnismäßig wenig geklärt, während über Schopenhauers Stellung zur indischen Mystik in den letzten Jahren schon verschiedene Abhandlungen erschienen sind).

Bei dieser Gelegenheit möchten wir auch noch auf zwei kleine Schriften hinweisen, die insofern für uns wichtig sind, als sie in ihren Kesultaten eine gewisse Übereinstimmung zeigen mit den in unserer Abhandlung gefundenen. Trotzdem jene Broschüren erst kurz vor der Drucklegung vorliegender Arbeit in unsere Hände gelangten, konnten wir doch nicht umhin, sie so weit als möglich noch zu berücksichtigen. Es sind dies ein gedruckter Vortrag „Schopenhauer und die Mystik“, Halle 1909, und ein Aufsatz „Vom Wesen der Mystik“ (Monatshefte der Comenius-Gesellschaft 1908, Heft 4), beides von Dr. E. L. Schmidt, Berlin.

Man hat Schopenhauers Philosophie geradezu als sein System des Irrationalismus bezeichnet; tatsächlich hat auch seit Schelling selten mehr ein namhafter Philosoph soviel irrationale Elemente in seine Lehren aufgenommen, wie gerade Schopenhauer. In ihm haben wir recht eigentlich ein mächtiges philosophisches Ausklingen der Romantik. Wenn Schopenhauer auch nicht unmittelbar aus der romantischen Schule hervorgegangen ist? so sind doch seine Hauptgedanken demselben Mutterboden entsprossen, wie diejenigen der echten Romantiker, nämlich den mystischen Tiefen der Innerlichkeit.

Im ersten Teil unserer Abhandlung sollen zunächst die Beziehungen Schopenhauers zu den Schriften einer Anzahl von Mystikern,  besonders deutschen, dokumentarisch nachgewiesen werden. Da hier, wie gesagt, ein noch fast brach liegendes Gebiet zu behandeln ist, konnte von einer genaueren Prüfung der Original-Manuskriptbücher, in denen Schopenhauer die Notizen zu seinen Werken niederzulegen pflegte, nicht Umgang genommen werden; denn es war zu vermuten, daß trotz der so überaus präzis besorgten Ausgabe der Werke und des Nachlasses Schopenhauers durch Grise-bach in jenen umfangreichen Manuskript-Büchern besonders über dieses Gebiet noch ungedrucktes Material liegen könnte. Daß diese Vermutung sich bestätigt hat, mag das Folgende erweisen! Es scheint mir überhaupt von großem Wert zu sein, bei derartigen Untersuchungen möglichst auf die ursprünglichen Aufzeichnungen zurückzugreifen, weil man nur dadurch richtige Anhaltspunkte erhält, um das Philosophieren eines Denkers bis an seine ersten Quellen zu verfolgen. In jenen Manuskript-Büchern sind die Grundgedanken des Schopenhauerschen Systems, besonders auch die aus den frühesten Jahren des Philosophen stammenden, gleichsam noch im Duft ihrer ersten genialen Konzeption fixiert, während die später ausgearbeiteten Werke, infolge mannigfaltiger Nebeninteressen die Gedanken weniger extrem ausgedrückt, statt in einem genialen ,,Guß“ mehr in einem gelehrten „Fluß“ enthalten. Und dieses Aufzeichnen einzelner, zu verschiedenen Zeiten und unter .verschiedenen äußeren Umständen intuitiv empfangener (Gedanken zum Zwecke späterer systematischer Verarbeitung ist geradezu eine Eigenart der Schopenhauerschen Methode zu philosophieren. Aus diesem Grunde sind in der vorliegenden Abhandlung oft die Zitate nicht dem Text der Werke, wo sich zwar stilistisch, formell besser ausgearbeitet, aber dafür dem Sinne nach weniger charakteristisch abgefaßt stehen, sondern direkt den Original-Manuskript-Büchern entnommen worden.

Übrigens ist es eine bekannte Tatsache, und Schopenhauer sagt es selber an mehr als einer Stelle, daß er schon frühzeitig das Skelett zu seinem System besessen habe, sodaß sein späteres Philosophieren eigentlich nur den Zweck hatte, jenes Gerüste auszukleiden und auszufüllen, statt wesentlich neue Gedanken hinzuzufügen. Ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß dort, wo er späterhin neue Hauptgedanken in seine Philosophie einzureihen bemüht gewesen ist, jene genialen Grundgedanken aus der Jugendzeit, welche doch schließlich das ganze System stützen, dadurch eher verwischt, verplattet, mit Widersprüchen durchsetzt worden sind. Auch fehlt seinen frühesten Aufzeichnungen noch jenes gehässige Polemisieren gegen die nachkantischen, spekulativen Philosophen, das dem Leser seine späteren Schriften oft so widerwärtig macht.

Wir gewinnen einen rechten Überblick über Schopenhauers ganzes geistiges Schaffen, wenn wir ihn schon von den Anfangspunkten seiner wissenschaftlichen und philosophischen Laufbahn an beobachten, also besonders während seiner Studienjahre in Göttingen und Berlin. Zwar mögen schon die vorhergehenden Jahre für Schopenhauers geistige Entwicklung überaus wichtig gewesen sein, für unsere Untersuchung jedoch kommen sie weniger in Betracht, weil er damals noch zu sehr ein bloß Lernender gewesen ist, ohne eigentlich philosophische Urteilskraft und Besonnenheit zu besitzen. Wohl aber mag er solche schon in erheblichem Maße besessen haben, als er sich in Göttingen immatrikulieren ließ. Mit einer aufs Höchste gespannten Empfänglichkeit für wissenschaftliche Wahrheiten hat er als Mediziner seine Studien begonnen und anfänglich besonders naturwissenschaftliche Kollegien belegt. Was er hier in diesen ersten Semestern mit wahrer Wissensgier in sich aufgenommen und zur Unterstützung des Gedächtnisses meistens mit peinlicher Sorgfalt notiert hatte, ist für seine ganze spätere Geistesrichtung von weittragender Bedeutung gewesen. Ich will damit nicht gesagt haben, daß gerade dies seinem Geiste die unabänderliche Richtung gewiesen hätte, nein, diese ist vorher schon fixiert gewesen ; aber glückliche Zufälle und Umstände haben jhm am richtigen Ort und durch die geeigneten Leute die ihm angemessene Geistesnahrung übermittelt. Auch die Literatur, die ihm damals von seinen Lehrern zur persönlichen Weiterbildung empfohlen worden ist, hat Schopenhauer nie mehr ganz aus den Augen gelassen.

Ich setze diese Dinge hier etwas eingehender auseinander, weil ich beim Studium der Schopenhauerschen Manuskript-Bücher auch seine Kollegienhefte in die Hände bekommen und darin wertvolles Material für das Verständnis seiner Bildungsgeschichte gefunden habe. Weniges daraus ist zwar von Grisebach im  Nachlaß Schopenhauers schon gedruckt worden. Dann aber mögen uns jene Notizen auch mit der inneren Art seines Lernens und Forschens vertraut machen und so das Verständnis des Folgenden“ erleichtern.

Die oben angedeutete Eigenart in Schopenhauers Schaffen wird uns geschildert an einer Stelle, die Grisebach zitiert in Schopenhauers Nachlaß, Bd. IV, S. 415 f:

„Auf den Rand des Bogens BB (Dresden 1814) hat Schopenhauer 85 Jahre später in Frankfurt a. M. folgende allgemeine Charakterisierung dieser seiner Erstlings-Manuskripte gesetzt: Diese zu Dresden in den Jahren 1814 bis 1818 geschriebenen Bogen zeigen den Gährungsprozeß meines Denkens, aus dem damals meine ganze Philosophie hervorging, sich nach und nach daraus hervorhebend, wie aus dem Morgennebel eine schöne Gegend. — Bemerkenswert ist dabei, daß schon im Jahre 1814 (meinem ,27. Jahr) alle Dogmen meines Systems, sogar die untergeordneten, sich feststellen. — 1849“.

Besondern Gewinn hat Schopenhauer aus den natur-wissensehaftlichen Vorlesungen gezogen, z. B. aus denjenigen Blumenbachs in Göttingen. Aus seinen Notizen geht hervor, daß er mit großem Scharf- und Weitblick gerade diejenigen .Tatsachen aus der Naturlehre sich bleibend anzueignen wußte und auch aufschrieb, die einem philosophisch veranlagten Kopf allein von Interesse sein können. Schopenhauer hat es damals schon verstanden, aus der Fülle der Tatsachen den unvergänglichen Gehalt, den Kern, herauszusehälen, um durch ihn ins Innere der Natur zu dringen. Merkwürdig ist der Umstand, daß am zahlreichsten die Notizen über sexuelle Dinge sind, denen Schopenhauer überhaupt große Bedeutung beigemessen haben muß.

Nach vielen Jahren noch hat Schopenhauer zur Exem-plifizierung seiner Hypothesen manche von den Beobachtungen, die in jenen Heften aufgeschrieben sind, in seine Werke hinübergenommen, was ebenfalls zum Schlüsse verleiten könnte, diese Hypothesen seien damals schon wenigstens keimhaft vorhanden gewesen, als er aus den Vorlesungen eine entsprechende Notizenauswahl getroffen hatte. —

Bald genug merkte indessen Schopenhauer, daß er am Studium der Medizin niemals Genüge finden könnte; er fühlte, daß er zu Anderem berufen sei. Er wandte sich deshalb zur Königin der Wissenschaften, zur Philosophie, zu der es ihn am meisten hinzog. Kant und Platon haben ihn eingeführt in die großen Probleme des Daseins! Wilhelm Gwinner zitiert uns in seiner bekannten Biographie Schopenhauers [2. Aufl. Lpz. 1878, S. 83 ff.] eine längere Bemerkung, die Schopenhauer damals in seinen Platon schrieb, und die uns ein schönes Zeugnis gibt, in welch genialer Art der junge Philosoph in die Geheimnisse der platonischen Ideenlehre hineinzudringen versuchte. Ich muß den Worten, die Gwinner dazu setzt, ganz und gar beipflichten, nämlich:

„Diese damals von ihm zum Schluß des 6. Buches der „Politeia“ in der Zeit seiner ersten Bekanntschaft mit Platon geschriebene Glosse enthält bereits alles Wesentliche der späteren Lehren über die Ideen, und ich gebe zu bedenken, ob sie außerdem nicht mehr enthält, was er nachmals als dogmatische Schlacken weggeworfen, was aber der platonischen Weisheit nicht allein, sondern auch der Wahrheit näher gestanden und eine solidere Grundlage hätte, als das im Zusammenhang seines Systems doppelt problematische 3. Buch der „Welt als Wille und Vorstellung“.

Platon sagte ihm zunächst viel mehr zu als Kant, weil in Schopenhauer von Anbeginn eine romantisch-mystische Ader geschlagen hat. Gwinner sagt S. 82 hierüber:

„Platons Genius war ihm durchaus homogen; dagegen lag er mit Kant, bis er sich von ihm angeeignet hatte, was seiner Natur zusagte, in hartem Kampf“, zu welcher Bemerkung Gwinner veranlaßt worden ist durch eine ebenda zitierte „Randglosse Schopenhauers. (Siehe auch G., N. IV, S. 421.)

Das erste eigentlich philosophische Kolleg besuchte Schopenhauer im Winter 1810/11 bei Gottlob .Ernst Schulze in Göttingen, dem Verfasser des „Änesidemus“. Die Notizen zu dieser Vorlesung sind uns erhalten und stehen im 2. Bd. der nachgelassenen Manuskript-Bücher. Nach reiflicher Erwägung erscheint mir diese Vorlesung für die spätere Entwicklung Schopenhauers ganz besonders bedeutungsvoll, deshalb will ich nicht unterlassen, hier einige wichtige Textstellen mit den entsprechenden Randbemerkungen Schopenhauers anzugeben, besonders auch, weil die Schopenhauer-Forschung hierüber noch wenig zu Tage gefördert hat. Grisebach z. B. bringt uns in seiner Ausgabe des Schopenhaucrschen Nachlasses [4. Bd., „Neue Paralipomena“, S. SO f.] bloß zwei derartige Stellen.

Das ganze Kollegheft umfaßt 23 Quartbogen in sehr sorgfältiger, reinlicher Schrift. Es ist überschrieben : „M e taphysik bei Gottlob Ernst Schulze (der laufende Text sind Schulzens Diktate; das Eingeklammerte hat er gesagt, aber nicht diktiert; das mit ,,ego“ Überschriebene sind meine Bemerkungen)“. Als Motto steht dabei:

„Sie gehn den Flämmehen auf der Spur Und glaub’n sich nah dem Schatze.

Auf Teufel reimt der Zweifel nur,

Da bin ich recht am Platze.“

Goethe.

Die Vorlesung beginnt mit einer Hinweisung auf das metaphysische Bedürfnis des Menschen, entspringend aus der Unzufriedenheit mit der Welt, so wie sie uns unmittelbar gegeben ist. Dann folgen einige Definitionen der Philosophie. Daneben schreibt Schopenhauer an den Rand:

„Reinhold sagt, die wahre Philosophie wird nicht eher kommen, als das wahre System“.

Weiter gibt dann Schulze eine Darstellung der vielen mißlungenen Versuche, die Wahrheit zu ergründen, wozu Schopenhauer die Glosse macht:

„Die Wahrheit ist eine krumme Linie, und die Philosophie ist die Anzahl der Tangenten. die sich ihr ins Unendliche nähern, ohne sie je zu erreichen, die Asymptoten“.

Weiter folgt dann eine Besprechung des religiösen Gefühls. Da, wo der Ursprung des Monotheismus (zur Sprache kommt, weist Schulze auch auf die indischen Religionen hin; dabei sind sicherlich für Schopenhauer wichtige Andeutungen und Literaturangaben mitunterlaufen. Am Rand steht in Klammern, was bedeutet, daß Schulze es gesagt hat:

,,Der Grund der indischen Lehre ist das Emanationssystem“.

Am Ende von § 21 steht ebenfalls in Klammern:

„Pythagoras und Plato waren in Ägypten gewesen. Platos Lehren im Phädrus wahrscheinlich indischen Ursprungs. Die Kaste der Brahminen war zuerst entstanden, die andern sukzessive später, daher durfte sie sich nicht durch Heirat vermischen“.

Neben Schulzes Bemerkung, daß auf dem Unterschied zwischen Substanz und Akzidens der zwischen Sein und Erscheinung beruhe, steht am Rand: „ego: Ist also die Substanz ein Märchen, (wie ich glaube), so ist cs auch das Sein der Sinnenwelt“.

Zeigt uns diese Bemerkung nicht, daß schon damals in Schopenhauer die Idee schlummerte, die Welt sei unsere Vorstellung ?

Ausführlicher ergeht sich Schulze über die Kantsche Philosophie. Die beiden Randbemerkungen hierzu auf Bogen 15 sind abgedruckt bei Grisebach N. IV. S. 80 f. Bei Gelegenheit der Erörterung des Pflichtbegriffes schreibt Schopenhauer zur Textstelle:

„Wenn es Pflicht ist, der Idee der Heiligkeit zu entsprechen, so muß dies auch möglich sein“, ,,ego: Hier macht Schulze einen Einwurf gegen die Möglichkeit in dem Beispiel, daß, wenn man einen im Wasserstrudel sähe, wäre es Pflicht, ihn zu retten; aber wenn man gar nicht schwimmen könne, wäre die Erfüllung der Pflicht unmöglich. Scheint mir Unsinn, denn es ist Pflicht, das Gute zu tun, das man tun kann, nicht aber alles Unglück in der Welt aufzuheben, da dazu kein Einzelner die Macht hat: Hätte er sie, so wäre auch das Pflicht. Die Pflicht geht gerade soweit als die Kraft“. —

Ferner steht im laufenden Text in Klammern:

„Hierdurch glaubt der Sophist Schulze zu beweisen, daß Heiligkeit und Glückseligkeit unvereinbar sind“, „ego: Ich führe seine Widerlegung der Moraltheologie für ihn aus: Da Glückseligkeit Empfänglichkeit für Sinnenlust voraussetzt und in der ununterbrochenen Befriedigung derselben besteht, so ist die erste Bedingung zur Glückseligkeit, daß wir vom moralischen Gefühl befreit werden; denn es könnte trotz unserem besten Willen doch einmal die Befriedigung der Lust verhindern und die Glückseligkeit unterbrechen. Darum o Herre Gott, erlöse uns von diesem Übel, laß uns zu Schweinen werden und gib auch Kot. in dem wir uns wälzen können“.

Der III. Abschnitt der Vorlesung hat den Titel:

„Von dem Versuche vermittelst einer intellektuellen Anschauung des Absoluten den Ziveck der Metaphysik zu erreichen und das Rätsel der Welt zu lösen: oder von der Ficht ersehen Wissenschaftslehre und der Schelling’schen Naturphilosophie“.

Schulze diktierte, daß Fichte und besonders Schelling ihre Philosophien wesentlich auf die Tatsache der intellektuellen Anschauung bauten, und daß es eine solche im menschlichen Geiste gäbe, meinten schon viele der alten Philosophen. Diese Überzeugung sei so alt wie die Mystik und hätte besonders Bedeutung gehabt in der neuplatonischen Schule. Dann wird auch auf einige Vertreter dieser Richtung hingewiesen, wie Herennius, Origenes, Plotinus, Longinus und seine Schüler.

„Plotinus v. 205—270. Plotini operum philosophi-corum, Libri 54, in (? sex?) enneades distributi a Por-phyrio, cum Ficini interpretatione, Basel, 1580“.

Dann folgen einige Notizen über Plotin. Daneben am Rand : „Über die neuplatonische Philosophie schreibt Tennemann in der Geschichte der Philosophie ausführlicher“.

Der Darstellung der Lehren Fichtes und Schellings sind mehrere Seiten gewidmet; angeführt wird auch Fichtes Schrift: „Sonnenklarer Bericht über das eigentliche Wesen der neuern Philosophie etc.“, Berlin 1801.

Und bei Schelling steht: „Seine neueste Philosophie lehrt Schelling in: 1. Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge, 2. Zeitschrift für spekulative Physik, 2 Bde., 3. Jahrbücher der Medizin, I. Bd., 1. und 2. Heft, 4. Schellings! philosophische Schriften, I. Bd. 1809, darin Untersuchung über die menschliche Freiheit“.

Zur Textstelle Schulzes:

„Mit dieser Vernunfterkenntnis fängt alle wahre Philosophie an und tritt eigentlich auch nie aus derselben heraus“, schreibt Schopenhauer: „ego: Schulze bemerkt sehr richtig, aber beherzigt nicht, daß, wer dieser nicht fähig ist, der Philosophie entsagen muß“. —

Im II. Teil der Vorlesung, betitelt:

„Von den Versuchen, das Rätsel der Welt ohne Gott zu lösen oder von dem Atheismus“

, weist Schulze ausführlich hin auf die englischen und französischen Philosophen dieser Richtung und führt als bekanntestes Werk an Systeme de la nature, von Mirabeau, London 1770. Der Verfasser heiße eigentlich Baron Holbach. Es wird hier auch einiges über die antiken Materialisten gesagt.

Gleichzeitig mit diesem Kolleg hörte Schopenhauer bei Schulze noch ein anderes über Psychologie. Die Notizen dazu stehen ebenfalls im 2. Manuskript-Band. Ich habe darin folgende sehr charakteristische, im gedruckten Nachlaß Schopenhauers ebenfalls noch nicht enthaltene Bemerkungen gefunden: „Reil: Archiv für Physiologie, Bd. 1.“ „Helvetius, de l’homme, will zeigen, daß aus jedem Menschen etwas Großes werden kann“. „Malebranche, sur la recherche de la verite, klagt über die Leiden der Einbildungskraft“.

Auf Bogen 12 steht eine interessante Äußerung Schopenhauers, die uns Aufschluß gibt, wie es ihm in den Vorlesungen Schulzes gelegentlich zu Mute gewesen ist:

,,Er, das Rindvieh Schulz, sagt, was wahr, daß die Jugend mehr das Trauerspiel, das reifere Alter mehr das Lustspiel besuche und liebe: als Grund gibt die infernale Bestie an, die liebe Jugend wage gern viel, und das geschieht eben im Trauerspiel, im späteren Alter wisse man aber, daß es im Leben so manches wahre Trauerspiel gäbe und lacht daher lieber, zudem schüttle die liebe Jugend auch bald die Trauer wieder ab. Aber warum schimpfe ich heute, da ich täglich zwei Stunden dulde und schweige ?‘‘

Die Stellung des jungen Schopenhauer zu seinem Lehrer Fichte soll später zur Sprache kommen, weil wir dann von den gegenseitigen Beziehungen dieser beiden Philosophen sowieso genauer reden werden. —

Diese Studienjahre haben wir als den Frühling im geistigen Leben Schopenhauers zu betrachten. Überall zeigte sich sprießendes Leben; es wogte und wallte in seinem Innern und drängte aus verborgenen Tiefen ans helle Tageslicht. Hier sind die Geburtsstunden all seiner großen Gedanken anzusetzen, und wir können die hohen Gefühle, die damals den Jüngling beseelt haben, cm besten aus den Worten lesen, die er im September 1811 auf einer Haizreise geschrieben (siehe Gwinner, S. 87): “

Die Philosophie ist eine hohe Alpenstraße, zu ihr führt nur ein steiler Pfad über spitze Steine und stechende Dornen: er ist einsam und wird immer öder, je höher man kommt, und wer ihn geht, darf kein Grausen kennen, sondern muß alles hinter sich lassen und sich getrost im kalten Schnee seinen Weg selbst bahnen. Oft steht er plötzlich am Abgrund und sieht unten das grüne Tal: dahin zieht ihn der Schwindel gewaltsam hinab; aber er muß sich halten und sollte er mit dem eigenen Blut die Sohlen an den Felsen kleben. Dafür sicht er bald die Welt unter sich, ihre Sandwüsten und Moräste verschwinden, ihre Unebenheiten gleichen sich aus, ihre Mißtöne dringen nicht hinauf, ihre Rundung offenbart sieh. Er selbst steht noch immer in reiner, kühler Alpenluft und sieht sehon die Sonne, wenn unten noeh schwarze Kaeht liegt“.

,,Einen Trost gibt es, eine sichere Hoffnung, und diese erfahren wir vom moralischen Gefühl. Wenn es so deutlich zu uns redet, wenn wir im Innern einen so starken Beweggrund auch zur größten, unserem seheinbaren Wohl ganz widersprechenden Aufopferung fühlen: so sehen wir lebhaft ein, daß ein anderes Wohl unser ist, demgemäß wir so allen irdischen Gründen entgegenhandeln sollen; tdaß die schwere Pflieht auf ein hohes Glück deutet, dem sie entspricht: daß die Stimme, die wir im Dunkeln hören, aus einem hellen Orte kommt. — Aber kein Versprechen gibt dem Gebote Gottes Kraft, sondern sein Gebot ist statt des Versprechens….. Diese Welt ist das Reich des Zufalls und des Irrtums: darum sollen wir nur naeh dem streben, was kein Zufall raubt, und nur das behaupten und naeh dem handeln, worin kein Irrtum möglich ist“.

Vergleichen wir mit dem feurigen Jüngling, der solches geschrieben, den alten Schopenhauer! Man vertiefe sich einmal in die beiden Porträts, die in L. Sehemanns Buch „Schopenhauerbriefe“, Lpz. 1893, wiedergegeben sind. Das von Kühl gemalte stellt den zwanzigjährigen, das andere, von Lenbaeh, den beinahe siebzigjährigen Philosophen dar. Aus den Gesichtszügen liest man, daß in dieser weiten Spanne Zeit vieles in Schopenhauer vorgegangen sein muß. Aber trotzdem steht er noch als Greis in ungebrochener Kraft aufreeht im ewigen Weehsel der Erscheinungen, ruhigen Bliekes von seiner einsamen Höhe auf das wogende Treiben der Mensehen hcrabschaucnd. Sein glanzvolles Auge scheint zu verraten, daß dieser Schopenhauer vielleicht doch jenem erhabenen Ziel der Heiligkeit einen Schritt näher gekommen ist, als er, ein leidenschaftlicher, unstäter Jüngling, es war. —

Alle die keimhaft angelegten Gedanken seiner Jugend sind in ihm ausgereift. Die Grundsäulen seines Systems sind unerschüttert geblieben; daran hat sich freilich im Laufe der Zeit viel Neben werk angehängt. Die verschiedensten Geistesrichtungen haben seinen Geist passieren müssen. Eine ganze Anzahl davon ist würdig befunden worden, darin dauernd Aufenthalt zu nehmen. Diesen Vorzug haben erlangt die indischen Philosophie- und Religionssysteme, wie sie in den Veden und Upanisehadon niedergelegt sind, dann Platon vor allen übrigen Denkern Alt-Grieehen-lands, unter den neuern Philosophen Kant wegen seiner Vernunftkritik und neben ihm seine englischen Vorläufer. Mit einigem Interesse wandte sich Schopenhauer auch den französischen Materialisten und Sensualisten zu, so Cabanis, Holbach, Helvetius; doch erstreckt sieh deren Bedeutung für seine Philosophie nur auf Fragen untergeordneter Stellung. Vor allem wichtig aber sind für ihn gewesen die Mystiker der verschiedensten Länder und Zeiten, sodaß er deren Studium zeitlebens eifrig betrieben hat.

Schopenhauers Materialismus, soweit bei ihm von einem solchen die Rede sein kann, bezieht sich übrigens bloß auf das Gebiet des Intellektuellen, vor dem materialistischen Moralismus warnt er dringend. So sagt er in einem Briefe (s. Schopenhauers Briefe, herausgegeben von Grise-bach, S. 351): „Die Moral der französischen Materialisten ist ein Gewebe plumper Sophismen. Helvetius ist vortrefflich im Intellektuellen, — de l’esprit — schlecht im Moralischen, — de l’homme —.“

Um zum Schlüsse aus diesen, wenn auch teilweise sehr unvollständigen Andeutungen heraus ein Urteil abzugeben über das Ganze der Sehopenhauerschen Philosophie, so dürfen wir sagen sie sei eine kunstvoll-harmonische Verschmelzung dreier einander sonst heterogener Geistesrichtungen, des Idealismus, des Materialismus und der Mystik.

Germanenherz aus dem Buch: Schopenhauer und die abendländische Mystik (Jakob,Mühlethaler 1910)

ergäzende Werke hier im Blog als pdf
Schopenhauer: Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde
Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 1 / Band 2 / Band 3 / Band 4 / Band 5; Ueber den Willen in der Natur
Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik: Ueber die Freiheit des menschlichen Willens, Ueber das Fundament der Moral
Schopenhauer: Parerga und Paralipomena 1 / Band 2 / Band 3 / Band 4
Schopenhauer: Farbenlehre. Aus dem Nachlaß

Die Erlösungslehre Schopenhauers

 I N H A L T I.       Einleitung II.      Das Weltbild Schopenhauers a)       Die Willenswerdung der Welt b)       Die Intelligenzwerdung des Willens c)       Die Losreißung des Intellekts vom Willen d)       Die Verneinung des Willens III.     Der Pessimismus a)       Die erkenntnistheoretische … Weiterlesen

Arthur Schopenhauer

sämtliche Werke hier im Blog als pdf Schopenhauer, Arthur, ist geb. am 22. Februar 1788 in Danzig als Sohn des Bankiers Heinrich Floris Schopenhauer und der Schriftstellerin Johanna Seil. 1793 übersiedelte die Familie nach Hamburg. Der Knabe, den der Vater … Weiterlesen

Schopenhauer und die abendländische Mystik

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Autor: Germanenherz

Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben. Sieg oder Spott, folg deinem Gott!

3 Kommentare zu „Schopenhauer und die abendländische Mystik“

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