Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst

Deutsche-Mythologie-BuchdeckelDas Christentum schlug den heidnischen Germanen gegenüber ein doppeltes Verfahren ein. Das unduldsame Wort des Bischofs Remigius von Rheims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodoveeh (496): „Beuge dein Haupt in Demut, stolzer Sigamber, und verehre von nun an, was du bisher verbranntest, und verbrenne, was du bisher verehrtest!“, darf als vorbildlich für die spätere Zeit gelten, in der die heidnischen Götter sämtlich für teuflische Mächte erklärt wurden, und die christlichen Missionare sich beeif erteil, die Heiligtümer zu vem ich teil und den heimischen Glauben und Brauch auszurotten. Zwar leugnete die Kirche die persönliche Existenz der für Götter gehaltenen Wesen durchaus nicht, aber auf Grund biblischer Stellen (wie Psalm 965, I. Kor. 102l_g2) wurden sie als Dämonen bezeichnet. Ihre Verehrung wurde Teufelsdienst; die deutschen Götter wurden direkt als böse Geister bezeichnet. „Entsagst du den Unholden?“ fragt das ostfränkische Taufgelöbnis des 7. Jhds., und der Täufling anwortet: „ich entsage“. Die Opfer, die er seinen Göttern gebracht hatte, mußte er aufgeben; aber ihre Namen nennt die Taufformel nicht, sie wären eine Entweihung: sie sind nicht den Menschen hold, sondern unhold. In der sächsischen Taufformel von ca. 790 wird allen Werken und Worten des Teufels entsagt, dem Donar, Wodan und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind. So ist die Gestalt des Teufels, wie sie im Volksglauben lebt, reich an Zügen enstellten deutschen Heidentums. Namentlich in Xorddeutsehland ist die Kirche mit furchtbarer Rücksichtslosigkeit vorgegangen.

Unerbittliche Strenge spricht aus den Verordnungen Karls des Großen vom Jahre 787/8: die capitula, quae de partibus Saxoniae constituta sunt, setzen auf Mord von Priestern Todesstrafen, ohne das Wergeid (Manngeld) zuzulasseii, ebenso auf Menschenopfer, Bündnisse mit Heiden, Raub und Zerstörung von Kirchen, ja auf Verweigerung der Taufe, Verharren im Heidentum, Leichenverbrennen und Fastenbruch. Aber noch um 700 war in Bayern Kirchendiebstahl nicht höher gestraft als Diebstahl aus einem andern öffentlichen Gebäude, wie z. B. einer Mühle. In acht Artikeln zum Schutze des Christentums kehrt der schaurige Refrain wieder: „der soll des Todes sterben“. In einem besonderen Verzeichnisse werden auf das Sorgfältigste alle heidnischen Gebräuche und Opfer aufgezählt, deren völlige Unterdrückung durchgeführt werden soll. Dieser Indicuus superstitionumetpaganiarum (Verzeichnis heidnischer und abergläubischer Gebräuche und Meinungen) etwa vom Jahre 800 reiht in knapper Fassung 30 Punkte nebeneinander und scheint zum Amtsgebrauche der königlichen Sendboten oder Bischöfe für ihre Visitationsreisen gegeben zu sein, vermutlich bestimmt für friesische, den sächsischen benachbarte Gaue. Aber trotz Feuer und Schwert gelang es nicht, die alten heiligen Gebräuche gänzlich auszurotten. Oft genug erweist sich das, was niemals auf geschrieben ist und sich nur in mündlicher Überlieferung erhalten hat, durch Heranziehen ethnologischer Parallelen als Rest uralter Zeit.

Als Beispiel einer gegen germanischen Glauben gerichteten Predigt sei ein Predigtstück aus dem Leben des hl. Eligius mitgeteilt, das in mehr als einer Beziehung wichtig und interessant ist.

»Vor allem bitte und beschwöre ich Euch, daß Ihr keinerlei heidnischem Aberglauben anhängt, nämlich, daß Ihr keine Loswerfer, Zeichendeuter, Zauberer und falschen Propheten angeht und sie in irgendwelcher Angelegenheit und auch nicht in Krankheiten um Rat fragt. Denn wer solcher Sünde verfällt, geht sofort des Segens der Taufe verlustig. Ebenso sollt Ihr auch keine Wahrzeichen und Vorbedeutungen beim Niesen glauben, und wenn Ihr auf einer Reise begriffen seid, nicht auf die Stimmen der Vögel als auf Prophezeiungen achten. Mögt Ihr eine Reise antreten oder Euch sonst zu einem Werke vorbereiten, so zeichnet Euch im Namen Christi und sprechet das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser mit rechtem Sinn und Glauben, dann wird Euch kein Feind etwas anhaben können. Kein Christ lege darauf Wert, an welchem Tage er das Haus verläßt oder in dasselbe zurückkehrt, denn Gott hat alle Tage (nämlich der Woche) geschaffen. Kein Christ beachte für den Beginn eines Werkes den Tag oder den Mond, keiner soll beim Beginn des Neujahres sich lächerlichem und sündhaftem Spiel und Aberglauben hingeben, niemand soll in der Neu-jahrsnacht eine besetzte Tafel aufstellen oder Neujahrsgeschenke geben oder empfangen und unnützes Gelage anstellen.

Kein Christ soll an Feuerwahrzeichen glauben und sich auf den First des Daches setzen, denn das ist alles Teufelswerk. Und am Johannisfeste oder am Feste irgendeines anderen Heiligen soll niemand Sonnenwende begehen oder Tänze und Aufzüge unter teuflischem Gesänge aufführen. Niemand soll den Namen von Dämonen oder denjenigen des Neptun, des Orkus, der Diana, der Minerva oder des Genius anrufen oder an solche lächerliche Dinge glauben. Ferner soll außer an den Festen niemand den Donnerstag, weder im Mai noch zu einer anderen Jahreszeit, in Ruhe verbringen und feiern oder den Motten und Mäusen einen Tag weihen, sondern jeder soll allein nur den Sonntag heiligen. Kein Christ soll an alten heiligen Stätten oder an Felsen und an Quellen und unter Bäumen oder in einem Hag oder auf Dreiwegen Lichter anzünden und hierbei Gelübde verrichten.

Niemand darf am Halse eines Menschen oder eines anderen lebenden Wesens Binden und Amulette befestigen, auch wenn dies von seiten eines Klerikers geschehen sollte und gesagt wird, daß das eine heilige Sache sei und Sprüche aus der heiligen Schrift enthalte; denn in solchen Dingen liegt nicht der Segen Christi, sondern das Gift des Teufels. Auch soll niemand Kräuterzauber treiben und Reinigungsopfer veranstalten oder seinen Rauch durch einen hohlen Baum oder durch ein Erdloch hindurchgehen lassen, denn dadurch weiht er es allein dem Teufel. Und die Frauen sollen nicht Bernsteinschmuck um den Hals häugen und beim Spinnen und beim Färben nicht den Namen der Minerva oder einer anderen Heidengöttin anrufen, sondern bei jedem Werk, das sie verrichten, sich die Gnade Christi herbeiwünschen und der Kraft seines Namens aus ganzem Herzen vertrauen. Niemand soll den Mond anrufen, wenn er sich verfinstert, denn diese Finsternis tritt mit Gottes Willen zu ganz bestimmten Zeiten ein. Und beim Neumond soll sich niemand fürchten, an irgend ein Werk zu gehen. Denn Gott hat den Mond geschaffen, um die Zeiten zu bezeichnen und die Dunkelheit der Nacht zu erhellen, aber nicht, um eines Menschen Werk zu verbindern oder um den Menschen den Geist zu verwirren, wie die Törichten glauben, wenn sie annehmen, daß die von bösen Geistern Besessenen durch den Einfluß des Mondes leiden müßten.

Auch soll niemand Sonne und Mond als Götter anrufen und bei ihnen schwören, denn beide sind von Gott gemacht and dienen nach seinem Willen der Notdurft der Menschen. Auch hat niemand an ein Fatum oder an bestimmtes Glück oder an das Horoskop seiner Geburtsstande zu glauben, so daß er vermeint, er werde so, wie ibn die Konstellation geschaffen habe; denn Gott hat nach seiner Weisheit alles eingerichtet, wie er es vor Erschaffung der Welt bestimmte. Und wenn dem Menschen irgendwelches Leiden einmal zustößt, dann soll er nicht Zeichendeuter, Zauberer, Loswerfer und falsche Propheten befragen oder an Quellen und Bäumen und auf Kreuzwegen an die Kraft teuflischer Amulette glauben, sondern wer krank ist, der vertraue allein auf das Erbarmen Gottes und empfange im rechten Sinn und Glauben den Leib und das Blut Christi im Abendmahl und erbitte sieb von der Kirche geweihtes öl, um damit seinen Leib im Namen Christi zu salben. Dann wird er nicht nur Gesundheit seines Leibes, sondern auch seiner Seele empfangen . . . Und bedenket, was das für eine menschliche Torheit ist, einem fühllosen und abgestorbenen Baume göttliche Ehren zu erweisen und die Gebote Gottes zu verachten. Weder den Himmel noch die Sterne, weder die Erde noch irgend ein anderes Geschaffenes sollt Ihr anbeten, nur Gott allein, da er alles geschaffen und geordnet bat.

Wohl ist der Himmel hoch und groß die Erde, gewaltig ist das Meer, und schön sind die Sterne, aber größer und schöner muß der sein, welcher das alles schuf. Und wenn schon alles das, was sichtbar ist, vom Verstände des Menschen nicht begriffen werden kann, nämlich die verschiedenartige Frucht der Erde, die Schönheit der Blumen, die Mannigfaltigkeit des Obstes, die vielfachen Arten der Tiere, von denen einige auf der Erde, andere im Wasser und wieder andere in der Luft leben, ferner der kluge Verstand der Bienen, das Wehen der Winde, die Feuchtigkeit der Wolken, das Rollen des Donners, der Wechsel der Zeiten und die Wiederkehr von Tag und Nacht — denn das alles kann der menschliche Sinn nicht nach Gebühr fassen und würdigen —, wenn also solches, was wir sehen, für unsern Verstand unbegreiflich ist, wie sollen wir dann erst das Himmlische schätzen, das wir nicht sehen ? Und wie gewaltig muß der Schöpfer aller dieser Dinge sein, durch dessen Wink alles entstand und durch dessen Willen alles gelenkt wird! Ihn also, Ihr Brüder, fürchtet über alles, ihn betet in allem an, ihn liebet über alles, an sein Erbarmen haltet Euch, an seiner Güte zweifelt niemals.“

Hundert Jahre nach der Taufe Chlodovechs spricht der römische Bischof Gregor der Große ein anderes, geradezu entgegengesetztes Wort über das Verhalten der Kirche dem germ. Heidentum gegenüber. Auch er hatte anfangs die ags. Missionare angewiesen, die Götzentempel der Bekehrten zu zerstören, aber er war zu der Überzeugung gekommen, daß es besser wäre, behutsam zur Werke zu gehen und den christlichen Glauben soviel wie möglich an deutsch-heidnische Vorstellungen anzupassen.

Der Brief, den Gregor an den Abt Melittus von Canterbury geschrieben hat, lautet:

„Sagt dem Augustinus (der mit 40 Benediktinern in England gelandet war, 596), zu welcher Überzeugung ich nach langer Betraohtung über die Bekehrung der Angelsachsen gekommen bin. Man soll die Götzeokirchen bei jenem Volke ja nicht zerstören, sondern nur die Götzenbilder darinnen vernichten; man mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel, man errichte Altäre und lege Reliquien hinein. Denn sind jene Kirchen gut gebaut, so muß man sie vom Götzendienste zur wahren Gottesverehrung umschaffen, damit das Volk, wenn es seine Kirchen nicht zerstören sieht, von Herzen den Irrglauben ablege, den wahren Gott erkenne und um so lieber sich an den Stätten versammele, an die es gewöhnt war. Und weil die Angelsachsen bei ihren Götzeuopfern viele Stiere zu schlachten pflegen, so muß auch diese Sitte zu irgend einer christlichen Feierlichkeit für sie umgewandelt werden. Sie sollen sich also am Tage der Kirchweihe oder am Gedächtnistage der heiligen Märtyrer, deren Reliquien bei ihren Kirchen niedergelegt werden, aus Banmzweigen Hütten um die ehemalige Götzen-kirebe machen und sollen so den Festtag bei kirchlichem Mahle feiern, so dem Teufel keine Tieropfer mehr bringen, sondern sie sollen zum Lobe Gottes die Tiere zum Essen schlachten und dem Geber aller guten Gaben für ihre Sättigung danken; denn wenn ihnen einige äußerliche Freuden bleiben, werden sie um so geneigter zu den innerlichen Freuden (der Bekehrung) werden. Den rohen Gemütern auf einmal alles abzusebneiden, ist ohne Zweifel unmöglich, weil auch der, so auf die höchste Stufe steigen will, durch Schritt und Tritt, nicht aber durch Sprünge in die Höhe kommt.“

Diesem weisen Verhalten Gregors, das klug den deutschen Volksgeist schonte und so die neue Lehre volkstümlich machte, ist es zu verdanken, daß uralte Kultustrümmer der heidnisch-deutschen Gottesverehrung heute noch als Volksfeste und Volksbelustigungen erhalten sind und als unzertrennliche Begleiter der kirchlichen Feste auftreten.

Zur Bezeichnung dessen, das unter dem Banne der Gottheit steht oder die engere Zugehörigkeit zu dieser ausdrückt, dient das urgerrn. Adjectivum hailagas. Heilig gehört zu heil und bezeichnet etwas, was dauernd heil und unversehrt, was unverletzt und unverletzlich ist. Unverletzlich war nach germ. Vorstellung nur das von den Göttern Geschützte, und somit drückt heilig den Gegensatz zum Profanen aus. Es scheint; daß „heilig“ seine eigentümliche Prägung erst durch den Gottesglauben erhalten hat und ursprünglich nicht zur Bezeichnung dessen verwendet wurde, das auch den Seelen und Geistern gehörte.

Für das enge Verhältnis von Zauber und Kultus aber ist bezeichnend, daß aus derselben Wurzel sich entwickeln konnte im got. weihs mit dem Begriff „geweiht, heilig“ (lat. victima „Opfertier“) und ags. wicca mit der Bedeutung „Zauberei“, ags. wiccan „zaubern“.

Die deutschen Götter gelten durchaus als mächtige Helfer und weise Lenker. Da das Opfer dem Menschen die Gnade der Götter gewinnen soll, ist die überragende Mehrzahl Bittopfer; es findet von der Gemeinde vor allem nach beendigter Aussaat, wie beim Beginne der Ernte statt. Eine Abart ist das Sühnopfer. Bei einem Viehsterben oder bei großen Landplagen gilt es, den mächtigsten Gott, der ganze Landstriche durch die von ihm zur Strafe gesandten Seuchen verheert, durch Opfer zu versöhnen; man hofft, durch einen Akt seiner verzeihenden Gnade Segen und Glück wieder zu erhalten. Das germ. Kriminalrecht ruht in seinem letzten Grunde auf der religiösen Idee der Sühnung. Hat die Gemeinde die Huld des Gottes wieder erlangt, so vergißt sie nicht ihm abermals zu nahen, in feierlichem Dankopfer. Es ist ein bedeutungsvoller Zug des deutschen Volksgeistes, daß er nach empfangener Wohltat sich dankend an die Gottheit wendet und sich nicht mit dem nackten Erfolge begnügt.

Ihren Höhepunkt erreichen die Opfer im blutigen Menschenopfer. Sie sind die fürchterlichsten, aber in gewissem Sinne auch die tiefsinnigsten Opfer des Heidentums; um die Götter zu gewinnen, verzichtet der Opfernde auf das, was ihm selbst als das Wertvollste erscheint, auf das eigene Leben, dann auf das der ihm zunächst Stehenden (wie der Kinder, Verwandten, Fürsten), und schließlich gibt er gewissermaßen als Ersatz das Leben der Gefangenen hin.

Dieser Ersatz an Stelle des Besten und Wertvollsten ist ein Zeichen des sinkenden Heidentums. Wohl wird noch ein Leben für das andere hingegeben, aber eins von geringerem Werte als das bedrohte. An Stelle der Könige und Fürsten, die für ihr Volk fielen, treten bei den Deutschen kriegsge-fangene Feinde, erkaufte Knechte oder schwere Verbrecher; Bonifatius klagt die christlichen Händler an, den Heiden Sklaven zu Opferzwecken verkauft zu haben. Wie an Stelle des höheren Lebens das niedere tritt, wie sogar das Opfer eines Tieres ein menschliches Leben ersetzen kann, so wird es ganz gebräuchliches Verfahren, den Teil für das Ganze hinzugeben. Die Gottheit erhält nicht mehr das ganze Opfertier, sondern nur bestimmte Stücke, oft solche, die der Mensch selbst nicht verwerten kann.

Schließlich bleibt von dem Opfer nur noch die bildliche Nachahmung übrig. Man brachte Nachbildungen von den erkrankten Gliedern dar, als Bittopfer vor der Heilung oder als Dankopfer nach derselben. Die Kirche hatte die heidnische Sitte zu bekämpfen, in Holz geschnittene Glieder zur Hebung der Krankheit vor einem heilkräftigen Idole aufzuhängen. Oder man ahmte die geweihten Opfertiere aus einem Mehlteige nach und opferte sie als symbolische Ersatzmittel. Wenn das Wasserhuhn an der Bode in Thale am Harz pfeift, muß ein Mensch ertrinken; aber dann werfen die Müller dem Xickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, um das Opfer abzulösen. Ja die Wassergottheit begnügt sich mit einer Nachbildung des Menschen, sie verlangt nur die Anerkennung ihres Hechtes. Die laubbekränzten Knaben und Mädchen (S. 48; s. u. 333) und die Stroh- und Lumpenpuppen, die am Sommer- oder Totensonntage (Laetare) in Franken, Thüringen, Meissen, Lausitz und Schlesien ins Wasser geworfen werden, sind nur ein Ersatz für einen lebenden Menschen, der beim Frühlingsbeginn für die Fruchtbarkeit des Jahres geopfert wird.

Uralt und weit verbreitet ist der Brauch, an geweihter Stätte ein Stück des Gewandes niederzulegen oder aufzuhängen. Aus dem 15. Jhd. ist die Sitte bezeugt, Knabenkleider an dem Pilbisbaum aufzuhängen für den Bilwiz. Häufig war es nur ein Dankopfer (vgl. Horaz Od. 15). ln Oberösterreich wirft man alte Kleider und Eßwaren in den Fluß, um vom Wassermanne Frieden für das ganze Jahr zu erhalten. Im Erzgebirge sucht man das Leben eines im Zeichen des Wassermannes geborenen Kindes dadurch zu retten, daß man dem Wassermanne ein getragenes Kleid des Kindes in den Fluß oder Teich wirft. Nicht als Opfer, sondern als mysteriöses Mittel der Heilung dienen die Kleidstücke, die sich an Quellen finden; auf die Lappen oder Fetzen soll die Krankheit übertragen werden. Die Gewänder wurden befeuchtet und in der Nähe des Wassers an einem Baume oder Strauche aufgeliängt, wo sie blieben, bis sie zerfielen; wer solches Opfer gebracht, durfte sich beim Weggehen nicht umschauen.

Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer

Germanenherz odinknot and runenÜber die Art und Weise des germanischen Gebetes fehlen genauere Nachrichten. Das einzige erhaltene Gebet, das allerdings in die älteste Zeit zurückreicht, ist der ags. Flursegen: „Zur Erde bet’ ich und zum Himmel darüber. . .“ (S. 278), „Erce, Erce, Erce, Mutter der Menschen“ (S. 276). Zu vergleichen ist der Brauch, daß in Mecklenburg am Ende des 16. Jhds. die Schnitter mit entblößtem Haupte um die Ähren im Reigen tanzen und dazu singen: „Wode, hole -deinem Roß nun Futter! Nun Distel und Dorn, aufs andere Jahr besser Koni!“ (S. 240, 302).

Das ags. Gebet ward stehend gesprochen, das Gesicht gen Osten, gegen die aufgehende Sonne gerichtet, unter deren belebenden Strahlen die Fluren gedeihen. Boiocalus blickt zur Sonne empor und ruft die übrigen Gestirne an, als wären sie gegenwärtig, ob es ihr Wille sei, auf leeren Boden niederzuschauen (Ann. 13w). Der Priester und der Hausvater flehten beim Erforschen der Zukunft zu den Göttern und blickten dabei gegen den Himmel auf (Germ. 10). Mit gebeugtem Rücken beteten die Langobarden zu Wodan, als sie ihm ein Ziegenopfer darbrachten (S. 251). Uralt ist die Sitte der Entblößung des Hauptes und vielleicht auch der Füße. Nur die Priester bei den Goten trugen während des Opfers Hüte, das übrige Volk aber stand unbedeckt (Jord. 5, 11). Auch von den Schnittern in Mecklenburg heißt es ausdrücklich, daß sie ihre Hüte abnahmen, während sie Wodan oder seine Gemahlin anriefen.

In der ältesten Zeit, von der keine geschichtliche Kunde uns meldet, war bei den gottesdienstlichen Handlungen, durch die die Gnade der Gottheit, ihr Segen für das Leben in Menschen, Tieren und Gewächsen, ihr Schutz gegen feindliche Kräfte und Wesen errichtet werden sollte, völlige Nacktheit des Bittenden und Opfernden erforderlich. Losgelöst von dem unreinen, gewöhnlichen Leben sollte der Mensch vor die Gottheit treten, wie ein vom Leben noch nicht beflecktes Kind. Auch die Götter w^aren ja in der Urzeit noch unverhüllt gedacht (S. 179). Wer eine über menschliche Kraft reichende Handlung vollziehen, den Göttern gleich wirken wollte, mußte wie sie nackt erscheinen. In den volkstümlichen Gebräuchen, die auf einen Einblick in die Zukunft und die Erkenntnis geheimnisvoller Erscheinungen zielen, ist die Nacktheit geboten; allerdings ist meistens die Entblößung des ganzen Leibes auf einen Teil, z. B. die Füße beschränkt.

Noch im 10. Jhd. ward bei Regenmangel ein Mädchen ausgewählt, nackt ausgezogen und zu einer Stelle außerhalb des Dorfes geführt, wo Bilsenkraut wachs. Dort mußte das nackte Kind eine Bilsenpflanze mit dem kleinen Finger der rechten Hand entwurzeln, die darauf an die kleine Zehe des rechten Fußes gebunden wurde. Zweige in den Händen haltend führte man die Kleine in den nächsten Bach, besprengte sie mit den ins Wasser getauchten Zweigen, saug dazu Zauberlieder und führte rück wärt» gehend das nackte Mädchen wieder ins Dorf. So hoffte man Regen zu bekommen (Burchard). Ursprünglich wnrde natürlich das Mädchen getötet als ein Opfer des Gottes, von dem das Gedeihen von Feld und Weide, also Regen und Sonnenschein abhing. Noch heute wird in vielen Gegenden ein Jüngling oder Mädchen in Laub, Schilf und Blumen gekleidet and durch das Dorf geführt, auch wohl ins Wasser geworfen. Der älteste Bericht hebt die völlige Nacktheit des Regenmädchens bei diesem Regenzauber hervor (vgl. auch S. 48). Die Umhüllung des ursprünglich nackten Menschen mit Laub und Kräutern ist die Bekränzung des Opfers. — In der heiligen Zeit der Wintersonnenwende suchen durch ganz Deutschland die Mädchen ihren künftigen Gatten im Schattenbilde zu schauen; wesentlich dabei ist die Nacktheit, die bis in die Gegenwart hinein noch häufig vorkommt. An Stelle der völligen Nacktheit ist bei den kimbrischen Priesterinnen die Barfüßigkeit getreten.

Als mit der steigenden Kultur der Mensch sich seiner Nacktheit schämte und gewahr wurde, daß er nackend war, machte er sich wie das erste Menschenpaar nach dem Sündenfalle Schürzen. Man wagte nicht mehr in seiner wahren Gestalt der Gottheit vor die mächtigen Augen zu treten, sondern suchte sich gewissermaßen durch Unkenntlichmachen vor ihr zu decken und zugleich feindliche Dämonen zu schrecken (S. 307). Uralte Gebräuche, die noch heute bei den Tänzen und Festspielen der Naturvölker geschehen, lassen sich auch für Deutschland vom Altertum her durch das Mittelalter bis in die Gegenwart bei Ernte- und Frühlingsfeiern, am heidnischen Neujahrsfest, aber auch bei Hochzeiten verfolgen. Wie man den überirdischen Wesen Gestaltenwechsel zuschrieb, namentlich von ihrer Fähigkeit fest überzeugt war, sich in Tiere zu verwandeln, so vermummten sich die Teilnehmer an Aufzügen bei gottesdienstlichen Festen in Tiermasken, besonders von Hirschen und Kühen. Ja, es scheint, daß diese Maskierungen wie die Nacktheit stattfanden, um den Göttern gleich zu erscheinen und gleiche Wirkungen auszuüben. Vor allem richteten sich die Verbote der Kirche gegen die Vermummungen bei der deutschen Neujahrsfeier.

„An den Tagen der Kalenden des Januar — beißt es in Predigten des 6. und 7. Jhds. — kleiden sich die Heiden mit Umkehr der Ordnung der Dinge in unanständige Mißgestalten, . . . diese elenden Menschen, und was noch schlimmer ist, einige Getaufte nehmen falsche Gestalt und monströse Gesichter an, worüber man sich schämen, dann aber vielmehr betrüben“muß. Denn welcher Vernünftige sollte es glauben, daß Menschen, die bei Besinnung sind, sich, indem sie den Hirsch spielen, in das Wesen von Tieren umwandeln wollen? Andere kleiden sich in die Felle ihres Viehes, andere setzen sich Tierhäupter auf, darüber sich freuend und ergötzend, daß sie sich so in die Gestalten wilder Tiere umgewandelt haben, daß sie nicht Menschen zu sein scheinen.“ „Was ist so verrückt, wie sich in wilde Tiere zu verkleiden, der Ziege oder dem Hirsch ähnlich zu werden, auf daß der Mensch, zum Ebenbilde und Gleichnis Gottes geschaffen, das Opfer der Dämonen werde?“ „Wenn ihr daher ihrer Sünden nicht teilhaftig werden wollt, so gestattet es nicht, daß der Hirsch oder die Kuh oder irgend ein Ungestüm vor euer Haus komme“ (wo man Gaben einsammelte). Die Christen werden aufgefordert, die von den. Ihren zu züchtigen, von denen sie wahrnehmen, „daß sie noch jene höchst schmutzige Schändlichkeit mit der Hindin und dem Hirsche treiben.“ Aber die Deutschen rechtfertigten sich, wie Bonifatius 742 an Papst Zacharias schreibt, damit, daß sie Ähnliches in Rom in der Nähe der Peterskirche gesehen hätten, wo man es ruhig geschehen ließe; auch dort gingen jedes Jahr am Tage oder in der Nacht vor den Kalenden des Januar Umzöge mit Gesang durch die Straßen und ließen heidnische Jubeltöne und unchristliche Lieder erschallen. Wie wenig die Verbote nützten, geht daraus hervor, daß sie im 11. Jhd. wiederholt werden mußten. Als Schwärzung des Gesichtes, Verkleidung in allerlei seltsame Trachten und Anlegen von Tiermasken hat sich der Brauch bis heute erhalten, namentlich zu Martini und in der Fastnacht.

Dem früher geschilderten Perchtenlaufen entspricht das Huttierlaufen in und bei Hall in Tirol. Die Abbildung 15 zeigt einen sogenannten „Altartuxer“, der auf dem Tuxerhute einen mächtigen Aufbau (= Altar) aus Kunstblumen trägt, in dessen Mitte sieh ein Spiegel befindet; ringsum ist der „Altar“ mit etwa 15 Schildhahnstößen und 50—60 weißen Hahnenfedern, dem tirolisehen Zeichen ungebeugten Mannesmutes besteckt; die Rückseite des Altars ist mit herab wallenden bunten Sendenbändern behängt. Aus Tubenholz geschnitzte und bemalte Larven, die mit dem Altarhute fest verbunden sind, werden vor dem Gesichte getragen (Fig. 15).

Auch das Schemenlaufen in dem oberinntaler Marktflecken Imst ist noch ein Stück der altgermanischen Frühlingsfeier. Unter den 300 Masken, die im Zuge mitwirken, fallen vor allem die sogenannten „Roller“ und „Scheller“ auf. Die Gesichtsmaske des Rollers stellt ein Mädchenangesicht dar; über diesem erhebt sich eine mit Seidenstoff bespannte Scheibe, die dicht mit Flitterwerk, Gold- und Silberblumen besteckt und, wie der oben beschriebene und abgebildete „Altar“, in der Mitte mit einem Spiegel versehen ist; sein bunter „Leibgurt“ ist dicht mit Schlittenschellen (Rollen) besetzt, in der Hand trägt er einen Wedel (Fig. 16). Mit graziösen Sprüngen tanzt der Roller vor dem Scheller, dem die Schwere seiner Lendenzier weniger gewandte Bewegungen, dafür aber ein um so betäubenderes Lärmen gestattet, denn sein Ledergurt ist mit großen Kulischellen behängt, die bei den wilden Sprüngen einen ungeheueren Spektakel verursachen. Sein Gesicht verdeckt eine wilde, aus Holz geschnitzte Männerfratze mit einem mächtigen langen Schnurrbarte. Über der Maske baut sich ebenfalls eine Scheibe auf, wie beim Roller, nur etwa doppelt so groß (Fig. 17).

Darauf folgt eine seltsam angekleidete Musikkapelle, die mit sonderbaren Instrumenten eine wahre Katzenmusik verübt; es ist die Hexenkapelle. Die „Hexen“ selbst mit auffallend häßlichen Gesichtsmasken (Fig. 18) und langen Besen veranstalten bei den ohrenzerreißenden Tönen ihrer Musikbande einen ganz wunderlichen Tanz.

Mit lustigen Sprüngen nahen dann die „Spritzenmönner“, die aus einer langen Spritze das neugierige Publikum mit Wasserstrahlen beglücken. Die „Rüßler“ mit ihren geschwärzten Gesichtem suchen andere anzuschwärzen; die „Kübele-Majen“ oder „Maimädchen“ machen den Schabernack wieder gut, indem sie die Gesichter der Angeschwärzten rein waschen, oder sie fahren auch den Nahestehenden mit einem nassen Lappen übers Gesicht.

Zu den Vermummungen gehören auch die Verstellungen der Männer in Weiber und der Weiber in Männer. Auch dagegen eifert die Kirche bereits in der ältesten Zeit:

Wie schändlich ist aber auch, daß die als Männer Geborenen Frauenkleider anziehen und in den schändlichsten Verkleidungen durch Mädchen-anzug die männliche Kraft weibisch machen, sie, die nicht erröten, die kriegerischen Arme in Frauenkleider zu stecken; bärtige Gesichter tragen sie zur Schau, und doch wollen sie ftlr Weiber gelten* (Eligius, Primin). Noch im 17. Jhd. verbietet eine brandenburgisch-kulmbach’sche Polizeiverordnung die Fastnachts-Vermummungen, wobei die Frauen sich in Mannes-, die Männer in Frauenkleidung verstellen. Dieser Kleidertausch der Geschlechter, namentlich bei den Mai- nnd Pfingstaufzügen, findet noch heute in Schwaben, Thüringen und der Altmark statt Im Elsaß wird bei der Beendigung der Weinlese auf einem mit Trauben beladenen Wagen ein ganz rußiger Mensch umhergefahren, der alle Begegnenden mit seinen rußigen Händen schwarz zu machen sucht. Den Wagen umgeben die übrigen Arbeiter, wobei sich die Männer als Weiber, die Weiber als Männer aufputzen.

Die gemeingermanische Bezeichnung für das Gebet ist verloren gegangen; auch der heidnische Ausdruck für Opfer mußte dem von der Kirche gebrauchten Fremdworte weichen. An Stelle des got., ags. blötan, an. blöta, ahd. pluozan „Gott durch Opfer verehren“, trat in Oberdeutschland ahd. opfarön, mhd. opfern, aus kirchenlat. operari = Almosen spenden, in Niederdeutschland as. offrön, engl, to off er, auf lat. offerre = darbietcn zurückgehend. Got. hunsl, an., ags. hüsl „Opfer“ gehört zu lit. szwefitas, aw. svetu „heilig“; ahd. siodan „sieden“ geht auf das beim Opfer gebrauchte, gesottene Fleisch.

Ahd. Je eit, as. geldy ags. giehl, nhd. Geld „die Spende“, „Entgeld“, was man als schuldig zu entrichten gezwungen ist, bezeichnet sowohl Zahlung, Steuer, wie Opfer. Zu dem gemeinschaftlichen Opfermahle wurden die Steuern in Form von Lebensmitteln eingesammelt, wobei das Heiligtum von Haus zu Haus herumgeführt wurde. Eine solche Einigung zum religiösen Mahle bildete nach altgermaniscliem Begriff eine Gilde. Von diesen alten Opferschmäusen beim Götterdienste oder auch schon von den durch den Totenkult geforderten Opfergelagen führen die Gilden ihren Namen.

Unmöglich konnten natürlich bei den großen Festen der religiösen Genossenschaften alle Teilnehmer im Tempel Platz finden. Beim Überfalle des Germanicus wurde der Tempel der Taufana dem Erdboden gleich gemacht, und die feiernden Massen wurden auf ihren Gehöften niedergemacht (Ann.l50_51). Also nur ein Teil feierte im Heiligtume selbst, der andere in derselben Weise unter freiem Himmel oder in den nächsten Höfen. Aus dem Schreiben Gregors an Melittus geht hervor, daß die Teilnehmer während der Festzeit sich in Laubhütten bei der Kultusstätte aufzuhalten und für sich zu feiern pflegten. Aber es wurde nicht allein zu Ehren der Götter gegessen; sondern auch wacker getrunken. Welche Angelassenhenheit dabei herrschte, kann man daraus ersehen, daß die Germanen im Spätherbste des Jahres 14 nicht einmal die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen und für das Auf stellen von Nachtposten nicht Sorge getragen hatten.

Der übermäßige Genuß von Speise und Trank konnte dem Gläubigen nicht schaden, sondern nur Vorteil bringen. Je mehr er aß, um so sicherer war er, des Segens der Gottheit teilhaftig zu werden, der auf das ihr geweihte Mahl überging, und je mehr Becher er ihr zu Ehren leerte, um so stärker und schöner mußte er werden. Feierte die Gemeinde ein großes Fest nach glücklich eingebrachter Ernte oder zur Zeit der Wintersonnenwende, so durfte sich niemand vom Opferschmaus und Gelage zurückziehen. Selbst der vorüberwandernde Fremdling ward gastlich in den feiernden Kreis gezogen. Gregor von Tours spricht von der Überfüllung mit Speise und Trank, der sich die Barbaren im Opferbezirke bis zum Erbrechen ergeben hätten (vitae patr. 6). Die Langobarden wollten 579 bei einem Siegesfeste 400 gefangene Christen zwingen, Wodan anzubeten und vom Opferfleische zu essen (S. 250).

Aus dem mit Silber oder anderem Metalle beschlagenen Becher brachte man von dem Biere, das die Priesterinnen bei den öffentlichen Feiern bereitet hatten, oder von dem Met, den die Frauen durch Aufguß auf Honigwaben gewonnen, den Göttern ein Trankopfer dar. Wie man der Verstorbenen beim fröhlichen Mahle gedachte und zur Erinnerung an sie „Minne“ (d. h. Gedächtnis) trank, so war es Sitte, auch der Götter nicht zu vergessen, man ließ sie den feierlichen Trank mitgenießen (Gregor, a. a. 0.). Dankwart stürmt mit Blut bedeckt, das bloße Schwert in der Faust, in den Saal und verkündet laut den treulosen Überfall in der Herberge. Da springt der grimme Hagen auf, heißt ihn die Türe schließen und bricht in die entsetzlichen Worte aus: „Nu trinken wir die minne und gelten s küneges win (N. L. 1897) d. h. „nun trinken wir die Minne und opfern des Königs Etzel Wein“; dabei schlägt er Kriemhilds Sohn das Haupt ab. Wie man beim Mahle einen Becher leerte als Gedächtnis für die Toten, so denkt Hagen in furchbarer Ironie des erschlagenen Siegfried; der Trank aber ist Blut, und die Becher sind die Schwerter; des Königs Wein ist das Opfer, das Blut seines Sohnes und seiner Mannen. Der heilige Columban traf auf ein alemannisches Wodansfest; in dem mächtigen Opferkessel stand aus 26 Scheffeln Getreide gebrautes Bier; sie wollten auf die Minne ihres Gottes trinken. Auch Liutprand erwähnt, daß die Deutschen des Teufels Minne getrunken hätten; an welchen heidnischen Gott zu denken sei, läßt sich nicht erkennen. Der Ind i culus enthält das Verbot depotando (memoriam oder amorem, quod boni vocant sanctae Mariae d. h. nicht über das Minnetrinken zu Ehren der Maria, sondern über das Trinken zum Andenken an heidnische Götter (No. 19).

Im heiligen Festrausche ließ man sich zu Gelübden kühner * Taten hinreißen. Tacitus scheint von solchen gehört zu haben: „Beim Gelage beraten sie über die Gewinnung von Häuptlingen und über kriegerische Unternehmungen, und am nächsten Morgen überlegen sie, wie sie das Gelübde ausführen können; handelte es sich um Angelegenheiten de)‘ Gemeinde, so konnte das Gelöbnis nur in voller Volksversammlung zum Beschluß erhoben werden“ (Germ. 22).

Feierliche Lieder zum Preise der Götter erklangen beim Opferfeste.

Die ags. Verse: »Heil sei dir Erde, Menschenmutter“ (S. 276) sind ein uralter heidnischer Frühlingshymnas. Aach der Eingang eines alten Donarhymnus ist erhalten (S. 265). Gesänge, die die Germanen allzu siegesgewiß an den Kriegsgott richteten, erwähnt Tacitus (Ann. 1M). Als die Bataver unter Civilis bei castra vetera die Kohorten und Schwadronen des Cerialis geschlagen haben, briugen sie die Nacht unter Gesang und Jubel zu (Hist. 516). An beiden Stellen sind Opferleiche beim Siegesfeste gemeint. Bei einem Siegesfeste 579, wobei die Langobarden Wodan ein Ziegenopfer darbringen und im Kreise umtanzen, weihen sie es »mit einem verab-scheuungswördigen Liede* dem Gotte (S. 251).

Ahd. Ansleicus, ags. Ösläc, Leich für die Götter, bedeutet einen solchen Hymnus auf die Götter, wie sie an hohen Festen angestimmt wurden. Aber keins von diesen alten ehrfürchtigen Liedern ist auf die Nachwelt gekommen, selbst ihren Inhalt können wir kaum vermuten.

Noch im 12. Jhd. nahmen an dem niederländischen Schiffsumzuge Männer und Frauen teil; unsinniges Gejuchze und Jubelgescbrei ertönte, selbst Matronen drehten sich im wirbelnden Reigen, auch Musik und der Geistlichkeit anstößige Gesänge fehlten nicht (S. 291). Nicht nur bei den großen Festen der Ampbiktyonien erklangen heilige Lieder, bei keinem Opfer, das die Gemeinde darbrachte, fehlte der weihevolle 8ang. Gerade diese religiösen Volksgesänge erschienen der Geistlichkeit gefährlich; sie bezeichnete sie als „Teufelslieder*, nannte sie „schimpflich, albern und unanständig* ; die Kapitularien verboten Tänze und Gesänge in den Häusern, auf den Straßen oder einem anderen Orte als Überbleibsel des Heidentums.

Bei Kirchweihen und den Festtagen der Heiligen, den alten heidnischen Festtagen, strömte das Volk nAch wie vor zusammen, aber statt zu beten oder auf die psallierenden Geistlichen zu hören, sang es heidnische Lieder zur Begleitung der Reigentänze, und diese wurden besonders von Frauen ausgeführt (Konzil von Cbälons 639—654). Der Indiculus verbietet diese die Heiligkeit der Kirche entweihenden Mißbräuche (Nr. 5: de taeri-legiis per eeelesias): eine Folge der anfänglichen milden Bekehrungspraxis und ein Beweis für das Festhalten unserer Vorfahren an OpfergelAgen mit Spiel, Gesang und Tanz. Also nicht einmal von den Kirchen waren die heidnischen Festfeiern mit ihren Liedern und Tänzen fernzuhalten, wie viel mehr mußten sie in Wald und Flur fortleben! In dem mecklenburgischen Volksbrauche sind noch alle Teile der germanischen Opferfeier enthalten; mit der Opferspende — ein Büschel Getreide bleibt für den Gott, sein Roß und seine Hunde ungeschnitten — verbindet sich unter Entblößung des Hauptes Gesang und Tanz (S. 240).

Zum Opferfeste gehörten außer Schmaus, Gelage und Gesang auch heilige Opfertänze. Dieser Reihentanz hat sich Jahrhunderte lang als Bauerntanz erhalten, und als der Bauer ihn aufgab, setzte ihn das Kind bis heute fort, und dunkle Erinnerungen an heidnische Gebräuche leben in den verderbten Versen weiter, mit denen sie begleitet werden. Die altgermanische Bezeichnung für diese Verbindung von Lied, Melodie und Tanz ist *laikaz, got. laiks, ags. läc, ahd. leih, Leich (mhd. leichen = hüpfen). Da da9 Wort in allen germanischen Sprachen wiederkehrt, muß es uralt sein, und wenn läc im ags. auch „Opfer“ und „Gabe“ bedeutet, so muß Tanz, Musik und Gesang zur urgermanischen Opferfeier gehört haben. Wiederum bietet Tacitus den ältesten geschichtlichen Beleg (Ann. 1Ä0); denn die Worte bei der Schilderung des Festes derTanfana: „Die Germanen begingen diese Nacht festlich und weihten sie bei feierlichem Mahle dem Spiele“, zwingen an die mit Schmausen, Singen und Tanzen verbundenen Opferfeste zu denken.

Bei Beginn des Frühlings, bei der Aussaat, im Mittsommer, bei der Ernte wie zur Weihnachtszeit, beim Anrücken gegen den Feind wie nach erfochtenem Siege, aber auch bei der Hochzeit und der Totenfeier ertönten heilige Lieder teils heitern, teils ernsten Inhaltes, aber alle Gesänge waren teils von den lebhaften Windungen des Beigentanzes begleitet, teils in feierlich abgemessenem Schritt vorgetragen. Der Gesang ist zugleich Bewegung, Wort und Weise zugleich Takt. Eine Beschreibung des Schwerttanzes gibt Tacitus (Germ. 24; S. 217). Von den Ditmarschen wissen wir, daß sie die Lieder zum Tanze sangen, die sie in ihren Fehden und Kriegen dichteten.

Lied und Beigen begleiteten auch die Prozessionen, bei denen das Götterbild in festlichem Zuge unter Leitung des Priesters vorangetragen wurde; die festlich geschmückte Gemeinde, Blumen und Kränze im Haare, Weidenzweige in der Hand, oder in allerlei Vermummungen, führte unter Gesang Spiele und Tänze auf. Noch heute ist „begehen“ die übliche Bezeichnung für die Feier eines Festes und besagt nichts anderes wie „einen feierlichen Umzug“ halten. Wie die Götter selbst zu bestimmten heiligen Zeiten durch das Land zogen, um Segen zu spenden, so ahmte man aucli ihre Umzüge nach und führte ihre Bilder oder Symbole mit, der festen Hoffnung, daß auch diese dasselbe wirken würden wie jene selbst. (Vgl. den Umzug der Nerthus S. 279 ff., das auf Rädern gehende Schiff der Xehalennia S. 291 und das Gebot. Athanarichs, vor dem umhergefahrenen Bilde eines gotischen Gottes niederzufallen und der Gottheit während des Verweilens Opfer darzubringen S. 284).

Umzüge fanden zu verschiedenen Zeiten und zu verschiedenen Zwecken statt. Besonders im Frühling, wo das Korn im vollen Wachstum steht, und wo am leichtesten Gefahr durch Wind und Wetter, Begen und Sturm, Schlossen, Hagel und Dürre droht, wurden feierliche Umzüge durch die Felder abgehalten. Wie man die Heiligtümer mit Binsen und Laub bestreute, so schmückte man die Wohnungen mit Birkenreisern; zur Abwehr schadenfroher Geister besprengte, man sie mit Weihwasser oder zog zu ihrem Schutze Furchen um sie (Indie. Nr. 23: de sulcis circa villas).

Am Abend vor der Feier versammelte man sich an heiliger Kultusstätte, hielt das Opfermahl, wozu jeder beisteuerte, unter Tanz und Gesang ah und zog am anderen Morgen vor Sonnenaufgang um die Saatfelder in langer Prozession, voran der Priester, in der Mitte die Götterbilder in weißer Umhüllung und am Schluß die zum Opfer bestimmten Tiere. Unter den heiligen Eichbäumen oder am heiligen Quell machte der Zug Halt, der Priester segnete die Feldfrüchte und flehte, gegen Sonnenaufgang das Antlitz gerichtet, die Götter um Schutz und Schirm vor Unwetter, Hagel und Mißwachs, um Segen für Saat und Vieh an. Bei der Rückkehr wurde das Götterbild an den altheiligen Ort zurückgeführt, in den Tempel oder an heiligen Bäumen aufgehängt oder auf Baumstämmen aufgestelit, das gemeinschaftliche Opfer gebracht und das Opfermahl gehalten. Der Gottheit wurden Tiere geschlachtet, Brot, Eier, Pflanzen und Früchte des Feldes geopfert und Feuer angezündet. Unter dem Singen feierlicher, alter Weisen tanzte man jauchzend und jubelnd um den brennenden Holzstoß, steckte verglimmte Scheite des Opferfeuers gegen Hagel und Blitz in die Felder oder streute die Asche darauf.

Noch im 10. Jhd. verlief der Flurumgang in dieser Weise; die entworfene Schilderung ist unter Heranziehung alter Gebräuche im wesentlichen eine heidnische Rückübersetzung einer Verordnung der Äbtissin Marcsuith vom Kloster Schildesche bei Bielefeld (940). Nr. 28 des Indiculus handelt von dem Götterhilde, das sie durch die Fluren tragen [de simu-laci’o, quod per campos portant). Da es der Kirche nicht gelang, diese Feld- und Flurbegänge auszurotten, verwandelte sie diese mit Beseitigung des Anstössigen und Uradeutung der einzelnen Teile in Litaneien und Rogationen. An Stelle des Gottes trat der Patron der Kirche, an die Stelle der Opfergaben Almosen zum Besten der Armen, an die Stelle der Opfer und Lieder Vigilien und heilige Gesänge.

Der Aufzug und das Spiel wie die begleitenden Reden und Gesänge verschmolzen zu einer eigentümlichen Kunstgattung, in der wir die ersten rohen Behelfe dramatischer Kunst, den Anfang des deutschen Schauspiels zu sehen haben. Man besang nicht bloß die Taten der Götter im feierlichen Liede, sondern stellte sie mit verteilten Rollen dramatisch dar; der Inhalt des Liedes wurde beim Feste wirklich vorgeführt. Ein dramatischer Wettkampf zwischen Sommer und Winter wird noch heute in manchen Gegenden veranstaltet und hat früher sicherlich einen Teil der germanischen Frühlingsfeier ausgemacht.

Der Sommer tritt auf, in Kfeu, Singrün, oder weiße Gewänder gekleidet, der Winter in Stroh und Moos oder Pelz vermummt. Unter dem Zurufe des Volkes, das gleichsam den zuschauenden Chor abgibt, beginnen beide einen Streitgesang, dann kämpfen sie mit ihren Holzstangen, bald werden sie handgemein und ringen so lange miteinander, bis der Winter niederliegt. Dem zu Boden geworfenen Winter wird seine Hülle abgerissen, zerstreut und ein sommerlicher Kranz oder Zweig umhergetragen. Die in den Worten des Chores

.Stab aus, Stab aus, Stecht dem Winter die Augen aus!“ enthaltene grausame Sitte ist gewiß ein Rest aus uralter Zeit. Beim Zürcher Sechseläuten im April wird noch heute der Winter, „Bögg“ genannt, durch die Straßen der Stadt nach dem Richtplatze geführt, die mit Feuerwerkskörpern gefüllte Riesenpuppe auf einer hohen Stange aufgestellt und darunter ein großer Reisighaufen zusammengelegt. Die Vorübergehenden verspotten die Figur, und in Gegenwart der Zünfte wird der Holzstoß mit dem sechsten Glockenschlag in Brand gesetzt, unter lautem Geknatter explodiert das Feuerwerk im Körper des „Bögg“ und zerfetzt die letzten Überreste des Winters. Mißglückt die Verbrennung, und tritt im folgenden Jahre Unglück ein, so ist die Behörde daran Schuld, weil sie die „Hinrichtung“ nicht ordnungsgemäß vollzogen hatte.

In Schlesien wird am Sonntag Lätare die „Marzanna“ (Fig. 19), eine sorgfältig herausgeputzte Strohpuppe, und der „Gaik“ (Fig. 20), ein mit Eiern und bunten Bändchen behängtes Bäumchen, unter Absingung passender Lieder durch das Dorf getragen. Die große, auf einem Stocke befestigte Puppe verkörpert den nun überwundenen Winter. Jauchzend wird sie nach dem Umzug in ein Gewässer geworfen, und dann mag der durch das Bäumchen dargestellte Frühling seinen Einzug halten; alt und jung ist voll Sehnsucht, ihn zu empfangen. — In der Frühe des Maitages zog man in den Wald, um den Sommer einzuholen, zu empfangen oder zu begrüßen. Die Rolle des Sommers pflegte dabei der sog. Maikönig oder Maigraf zu spielen, der sich seine Königin oder Gräfin wählte (S. 282). ln Moos gekleidete Personen, die letzten Nachzügler des Winters, wurden dabei verfolgt und vertrieben (S. 144). Das geschmückte, in Laub und Blumen verkleidete Paar wurde unter Jubel und Gesang aufgesucht und hielt dann fröhlichen Einzug im Dorfe, oder feierte auf dem Saatfelde das Brautlager.

Merkwürdig und noch nicht aufgeklärt ist eine Nummer des Indiculus (Nr. 24: de pagano cursti quem yrias nominant, „scissis pannis vel cdlciamentis“). Man deutet den sächsischen Ausdruck „yrias“ auf einen Volksumzugs-Brauch, der dem oben geschilderten Winter-Austreiben, oder, wie es an anderen Orten heißt, dem Tod-Austragen verwandt ist: der Person, die den Winter darstellt, oder der Puppe, die ihn symbolisiert, werden dabei die Kleider zerrissen. Man sucht in yrias eine Ableitung des Stammes „Jahr“ und deutet es als „Jahresfest“.

Was dem Menschen selbst Freude machte, das mußte nach alter kindlicher Auffassung auch den Göttern Freude bereiten. Nicht nür die Opfergaben stimmten die Himmlischen gnädig, sondern auch die Spiele, die ihnen zu Lust und Ehren veranstaltet wurden. Je mehr man seine Geschicklichkeit und Gewandtheit zeigte, um so huldvoller mußten die Götter dareinschauen. Ein heldenhaftes Volk findet Gefallen an kriegerischen Vorführungen, an Spielen, die Mut und kühnes Wagen offenbaren. Wie bei den Griechen, so gehörten auch bei den Deutschen Wettläufe und Wettrennen als heilige Kulthandlungen zu den Frühlings- und Erntefesten; aber auch bei den bedeutenden Ereignissen des öffentlichen und häuslichen Lebens fehlten sie nicht. Die ags. Synode von 747 bestimmt „die Litaneien an den drei Tagen vor der Himmelfahrt Christi mit Fasten und Meßopfern zu begehen, aber ohne eitle Nebendinge, wie sie oft geschähen, z. B. Spiele, Pferderennen, Mahlzeiten“.

Der Kultus – Opferspeise

Die älteste Opferspeise waren die wuchtigsten Erzeugnisse der Ackerwirtschaft wie der Viehzucht; der Krieger wird blutige Opfer, der Hirt und Ackerbauer wird Vieh und was die Herde, der Acker, das Feld und der Haushalt bietet, darbringen: Milch, Butter, Eier, Körnerfrüchte, Honig, Pflanzen, Blumen, Brot und Wein. Mit unblutigen Opfern mußte sich der einzelne begnügen, blutige Opfer, die an den großen Jahresfesten fielen, wurden von der Familie oder der Gemeinde dargebracht.Die Früchte deß Feldes wmrden in die gen Himmel steigende Flamme oder in den brausenden Wind gestreut, oder man ließ einen Teil von ihnen zum Gebrauche für die Götter auf der Flur stehen, oder stellte ein aus ihnen bereitetes Gericht für sie beiseite. Blumenschmuck durfte selbst bei dem Opfern von Tieren und Menschen nicht fehlen (vgl. das laubbekränzte Regenmädchen S. 48). Bevor die weissagenden Priesterinnen der Kimbern den Gefangenen die Gurgel durchschnitten, bekränzten sie diese (Strabo 72).

Die bei den Gemeindefesten zum Opfer bestimmten Tiere wurden mit Blumen bekränzt und mit bunten, farbigen Bändern geschmückt, den Kühen und Böcken die Hörner vergoldet. Selbst die Teilnehmer waren festlich mit Blumen und Kränzen geziert. In den Kräutern und Gräsern waren heilbringende Kräfte enthalten; dankbar erblickte man in ihnen kostbare Geschenke der Götter, und in kindlicher Einfalt wußte man sie nicht besser zu vergelten, als dadurch, daß man die heilkräftigsten Blumen bei dem Opfer den Himmlischen darbrachte.Zu den unblutigen Opfern gehören auch die bildlichen Opfer, die eine Nachahmung des blutigen Ritus sind. Das älteste schriftliche Zeugnis für Kultgebäcke oder Gebildbrote der Mittwinterzeit ist bei Eligius erhalten: „Niemand begehe an den Kalenden des Januars die Abscheulichkeit und Abgeschmacktheit, Kälblein (vetulas = vitulos? oder Vetteln, Weibsbilder?), Hirschlein oder Teigfiguren herzustellen“ (iutticos; al. ulerioticos = vellerios ticos „zottige Ziegen“?). Nr. 26 des Indiculus handelt vom Götzenbild aus geweihtem Mehle oder auch aus süßem hefelosen Teig (de simtdacro de consparsa Jarina).

Für die Opfer und die sich anschließende Mahlzeit kneteten die Frauen Götzenbilder aus Teig, in der Form eines Gottes oder eines seiner Symbole oder eines der ihm heiligen Tiere. Diese wurden mit Öl bestrichen, an geweihter Stätte von den Frauen gebacken und teils den Göttern dargebracht, teils verzehrt. Obwohl diese Brote, Fladen oder Kuchen nur ein Ersatz für das wertvollere Tieropfer waren, glaubte man doch, daß durch den Segen des Priesters die geheimnisvolle, göttliche, sündentilgende oder segenbringende Kraft in sie eindrang und auf den Genießenden übertragen wurde. Zahlreiche Spuren dieser Opferbäckereien haben sich bis heute erhalten. Noch vor kurzem bildete zu Ulten in Tirol die Hausmutter aus dem letzten, vom Teigbrette zusammengescharrten Brotteige eine unbestimmte Figur, die „der Gott“ hieß. Die verschiedenen Backwerke zu Ostern, Martini und Weihnachten: die Osterwölfe, Osterwecken, Hedwige (= heiße Wecken), der Pflaumenmann, der Pfefferkuchenreiter, die Pferde und Schweinchen am Weihnachtsbaume sind nichts weiter als alte Opferkuchen; das Martinshorn stellt die langgebogenen Hörner eines Ochsen oder einer Kuh vor; in England schenkte man sich sogar übergoldete Martinsringe von Kupfer zu Martini (11. Nov.).

Bis in die Mitte des 6. Jhds. können wir ein anderes, unblutiges Opfer verfolgen: man opferte das Abbild und gleichsam das Ersatzmittel des erkrankten Gliedes oder Körperteiles in Holz, Metall oder Wachs, um Heilung zu erlangen (S. 331).Wer an einem Gliede ein Gebrechen trug, brachte ein hölzernes Abbild als Weihgeschenk in den Tempel zu Köln oder stellte es an der Wegscheide auf (Greg. v. Tours, vitae patr. 6). Eligius befahl: .Verbietet die Nachbildung von Faßen, die sie an Kreuzwege stellen, und verbrennt sie mit Feuer, wo ihr sie antrefft; durch keine andere Weise könnt ihr gesund werden, wie durch Anrufen und das Kreuz Christi.“ .Legt nicht aus Holz gemachte Glieder an Kreuzwegen oder Bäumen oder anderswo nieder, denn sie können euch keine Heilung verschaffen“ (Primin 22). Der Indiculus verbietet das Aufstellen oder Aufhängen von Armen und Beinen (Nr. 29: de ligneüs pedibus vel manibus pagano more). Diesen Brauch, gegen den die Kirche anfangs eiferte, gestattete sie bald selbst. Im 10. Jhd. mischte sich heidnischer Glaube seltsam mit christlicher Zutat: man brachte die Abbildungen nicht mehr vor die Götterbilder, sondern an die Kreuze, die an Scheidewegen errichtet waren; unter christlicher Form verbarg sich so heidnische Kultusstätte und heidnischer Aberglaube (Burch. v. Worms).

Dieselbe Sitte wurde von menschlichen Krankheiten auch auf die der Tiere ausgedehnt, besonders in Bayern und den benachbarten deutsch-Österreichischen Landschaften. Ein Hufeisen des kranken Pferdes wird angenagelt, kunstlos aus Eisen geschmiedete Abbildungen von Tieren wurden in ganzer Figur aufgehängt, oft waren es nur die erkrankten Glieder. Anstatt des Tieres, das man zur Beschwichtigung der Seuche unter die Schwelle der Stalltüre lebendig vergrub, wurde auch ein metallenes Abbild eingegraben.Diesen unblutigen Opfern stehen die kräftigeren blutigen zur Seite. Blut ist ein ganz besonderer Saft. Uralt ist der Glaube, daß zur Sühne Blut fließen muß: das blutige Opfer Abels, der als Hirt von den Erstlingen der Herde opfert, gefällt Jahve besser als das des Ackerbauers Kain, der die Früchte des Feldes darbringt. Bei den Deutschen waren nur untadelige, meistens männliche Haustiere und Wild opferbar, nicht Raubtiere. Für Tius und Wodan wurden Rosse auserlesen, für Wodan Rinder, Ziegen, Hunde, für Frija Kühe und Schweine, für Donar Böcke, Hähne und Gänse. Donar und Tius versöhnen sie mit den erlaubten Tieropfern, sagt Tacitus (Germ- 9). Diese erlaubten, d. h. ausgewählten und geheiligten Tiere wurden Ziefer genannt (ahd. zebar, ags. tifer; Ungeziefer = „schlechtes Getier“; portug. Zebra). In den ältesten Zeiten galten besonders Pferdeopfer als wohlgefällig: in den heiligen Hainen und Waldtriften wurden weiße Pferde gehalten (Germ. 10).

Die Hermunduren opferten die Pferde der besiegten Chatten (Ann. 1357). Ihr Fleisch wurde bei den Mahlzeiten gegessen; im got. hat sogar der Dornbusch, womit das Roßopfer angezündet wurde, davon den Namen Roßzünder (aihvatundi). Den Thüringern wurde noch zur Zeit des Bonifatius das Verbot eingeschärft, Pferdefleisch zu essen, und selbst 1272 wurde ein Gesetz veröffentlicht, das den Genuß des Pferdefleisches aufs strengste untersagte. Bei den Franken und Alemannen war das Ferkel als Opferspeise beliebt; ahd. friscing (Frischling) übersetzt geradezu lat. hostia, victima, holocaustum.

Dem Opfertiere wurde das Haupt abgeschnitten, dieses wurde dann als Pfand der Versöhnung zwischen Gottheit und Mensch an heiliger Statt unter dem Dachfirst aufbewahrt und galt als sicheres Unterpfand des Wohlwollens der Götter und als Schutz vor Krankheiten. Die in Deutschland weit verbreitete Sitte, die Giebel der Häuser mit zwei roh geschnitzten Pferdehäuptem oder anderen Tierschädeln zu zieren, hängt damit zusammen. Der Glaube lag nahe, daß selbst hölzerne Abbildungen der heil- und wunderkräftigen Opferhäupter zum Schutze der Gehöfte dienen würden. Die Sitte des Hauptabschneidens beim Opfer reicht bis in die ältesten Zeiten des deutschen Heidentums zurück.

Auf dem Schlachtfelde des Varus sahen die Soldaten des Germanicus an den Baumstämmen angenagelte Schädel (Ann. 1A1). Die Alemannen schnitten Pferden, Rindern und anderen Tieren die Köpfe ab und riefen die Götter an (Agathias 28s). Gregor ermahnt die Frankenkönigin Bruni-hild, die Franken zu verhindern, daß sie bei den Häuptern von Tieren verruchten Opferdienst trieben (Epist. 75). Im Märchen wird das Haupt des treuen Pferdes Falada über das Tor genagelt, und die Königstochter führt mit ihm Gespräche (K. H. M. Nr. 89).

Das herabrinnende Blut wurde unter der Weihe heiliger Segensformeln oder Lieder und unter Tänzen in einer Grube oder in Opferkesseln aufgefangen; in diese tauchte man Wedel, um das Volk zu besprengen oder Altäre und Götterbilder damit zu bestreichen. Haut, Knochen und Eingeweide des Rumpfes der geköpften Opfertiere wurden in dem Opferfeuer zu Asche verbrannt.

Darin lag keine Mißachtung der Götter, denn sie vermochten aus dem, das dauernd Zeugnis ablegte für das geopferte Tier, also aus den bleibenden Gebeinen stets neues Leben zu erwecken. Das Übrige wurde gesotten, wie es scheint, aber nicht gebraten, durch die Priester an das Volk verteilt und gemeinschaftlich verzehrt. Später wurde ein Baum auf dem Opferplatze errichtet und die Äste mit den gesammelten Knochen besteckt. Die Spitze des Opferbaumes oder Knochengalgens zierte ein Pferdeschädel. Mit Gelage, Minnetrinken, Tanz, Spiel und Ausgelassenheit schloß dann die Feier.

Das höchste und feierlichste Opfer war das Menschenopfer. Natürlich konnte sich an ein Menschenopfer der Opferschmaus nicht unmittelbar anschließen, vielleicht fand er dann überhaupt nicht statt, oder es wurden auch Tiere geopfert, die das Fleisch zur Mahlzeit gaben.

Die älteste Nachricht von Menschenopfern bei den Deutschen findet sich bei Strabo (72). Die weissagenden Prieste-rinnen der Kimbern bekränzten die Kriegsgefangenen und führten sie an einen ehernen Kessel, der etwa 20 Maß faßte. Dann bestieg eine von ihnen einen Tritt und durehschnitt, über einen Kessel gebeugt, dem Gefangenen, der über den Rand empor gehoben wurde, die Gurgel (s. u. Priesterinnen). Auch die Scharen des Ariovist opferten die Gefangenen; nur dem glücklichen Fallen der Lose verdankte Procillus seine Rettung (Caesar b. g. 158). „In bestimmten Fristen halten sie auch Menschenopfer zu hingen für frommes Recht“ (Germ. 9); in diesen Worten des Tacitus liegt eine leise Entschuldigung der Menschenopfer, es ist nicht Grausamkeit, sondern religiöse Verirrung. Aber der Zusatz, „in bestimmten Fristen“ zeigt, daß solche Menschenopfer nicht ausnahmsweise stattfanden, sondern ein durchaus fester und regelmäßiger Brauch waren. Im Frieden wie im Kriege fielen Menschenopfer.

Der Umzug des Wasservogels und des laubbekränzten Regenmädchens in Schwaben und Bayern sind Reste eines uralten Menschenopfers am Frühlingsfeste des schwäbischen Tiu, des bajuvarischen Eru (S. 205).

Auch bei den Herbstfesten wurde ein Mensch geopfert, um die himmlischen Mächte zu erfreuen und zu stärken, die das Wachstum, das Sonnenfeuer und das befruchtende Himmelswasser schaffen. Ein lebendiger Mensch ward in der Urzeit begraben — heute in volkstümlichen Gebräuchen zum Schein oder als Ersatz nur ein Strohmann; oder er ward, in Erbsenstroh gehüllt, verbrannt — heute nur noch das Stroh, womit er umwickelt ist; oder er ward im Wasser ertränkt — heute wird ein „Butz“ hineingeworfen. Beerdigen, Verbrennen, Ertränken, das waren die verschiedenen Arten des Menschenopfers am Herbstfeste.

Menschenopfer sind an den Quellen selten gefallen, wohl aber an Strömen und Seen, also an fließendem Wasser und an tieferen, größeren Wasserbecken.Das furchtbare Menschenopfer, das der Frankenkönig Theudebert 539 brachte, als er mit seinem Heere über die alte Pobrücke zog, war zwar ein „Erstlingsopfer des Krieges“ (Procop, b. g. 2*8), aber zugleich ein Opfer an den Flußgott (S. 222). Bis in die Gegenwart erhielten sich die Spuren des Brückenopfers. Die Sagen von der notwendigen Einmauerung eines lebenden Menschen in den Brückenbau bewahren die Erinnerung an die Brückenopfer aufs zäheste. Unzählige B’lüsse, Seen und Teiche stehen in dem Rufe, Menschenopfer als Recht zu fordern; wenn die Stunde gekommen, lockt der Wassergeist durch seinen Ruf oder durch Pfeifen, durch gellendes Lachen oder auch durch einen glockenähnlichen Klang aus der Tiefe den zum Tode bestimmten Menschen mit unwiderstehlicher Gewalt zu sich. Meist zu Johannis (24. Juni), am Mitsommerfeste, fordert das Wasser sein Opfer. Am Sonnen wendtage, der hochheiligen Zeit der blühenden und reifenden Natur, hat das Wasser ganz besondere Kräfte; aber es war auch der Tag, an dem die Wassergeister besondere schädliche Macht hatten und ein Menschenopfer verlangten. Ihnen, die das sommerliche Gedeihen wesentlich gefördert hatten, wurde ein Menschenopfer gebracht.Die Angabe des Tacitus, daß nur dem höchsten Gotte Wodan das höchste Opfer, der Mensch, falle (Germ. 9), ist nicht richtig.

Selbst den niederen Naturmächten wurden in sehr alter Zeit Menschenopfer gebracht.Vor der Heimkehr von einem Raubzuge von der gallischen Küste wählten die Sachsen den zehnten Teil der erbeuteten Gefangenen durchs Los und töteten diese in religiöser Handlung, um von den Göttern gute Reise zu erlangen (Apollinar. Sidon. Epist. 8a). Das Paderborner Capitulare gebietet (785): Wer einen Menschen dem Teufel opfert und ihn nach heidnischer Sitte den bösen Geistern als Opfer darbringt, soll des Todes sterben. Papst Gregor macht Bonifatius zur Pflicht, gegen die Schändlichkeit der Christen vorzugehen, die ihre Knechte den Heiden zum Opfer verkauften (Bonif. Ep. 25). Die Sachsen, Franken und Eruier glaubten, daß durch das Opfern eines Menschen ihre Götter versöhnt würden, und daß ihre Götter nur dann gnädig seien, wenn Menschenblut flösse; sie vertrauten, daß der Zorn der Himmlischen schwände, wenn unschuldig Blut vergossen würde: darum schlachteten sie zu ihren Ehren ihre Verwandten; als besonders besänftigende Opfer wurden Leute priesterlichen Standes geopfert (Ennodius, V. Antonii; Procop. b. g. 2U).

Alljährlich pflegten die Schwaben zu Ehren ihrer Götter zwölf Christen zu schlachten und durch diesen schändlichen Brauch diese sich zu versöhnen. Der Christengott ließ darauf eine fürchterliche Hungersnot ausbrechen. Um ihr zu entgehen, beschloß man: wer mehrere Söhne hätte, sollte alle außer einem töten, damit, je kleiner die Zahl der Einwohner wäre, um so weniger die Not das Volk bedrücke (de origine gentis Suevorum; weitere Zeugnisse sind in den Inhalts-Nachweisungen am Schlüsse enthalten).Wenn bei dem Auftreten von Hungersnot, Seuche oder Mißwachs die mit dem Notfeuer verbundenen Sühnopfer vergeblich gewesen waren, so brachte das Land als solches zur Versöhnung der Götter Menschenopfer dar.

Besonders dem Kinderopfer schrieb man große Wirkung zu, denn man glaubte, daß die erzürnte Gottheit am besten durch Darbringung eines völlig reinen Geschöpfes versöhnt werden könnte. Noch im Mittelalter wurden bei Grundsteinlegungen von Burgen, Stadtmauern, Brücken, Flußwehren sowie beim Bau von Deichen Kinder, manchmal auch Erwachsene, lebendig eingemauert, um dem Bau Dauer und Glück zu verschaffen. War die Not am höchsten gestiegen und zeigte sich keine Aussicht auf Hilfe mehr, so verschonte man selbst die geheiligte Person des Königs nicht Die Könige waren für alle Unfälle verantwortlich, die das Land trafen. In den meisten Sagen ist die Person, die vom Himmel als Opfer verlangt wird, dem höheren Stande angehörig. Deutlich kehrt die Vorstellung des Sühnopfers in dem geschichtlichen Berichte wieder, daß im 4. Jhd. der König bei den Burgunden nach alter Sitte sein Amt niederlegen muß, wenn sich das Kriegsglück gegen ihn erklärt hat, oder der Boden eine reiche Ernte verweigert hat.

Der Kultus – Opferfeuer

Das Feuer im Gottesdienste beförderte vor allem die Spende zu den Göttern. Zu ihren himmlischen Höhen sandte man ihnen mit dem emporwirbelnden Rauch und der aufsteigenden Flamme die Opferspeise hinauf, und der liebliche Geruch des verbrannten Opfertieres lockte sie an, sich dem Menschen huldreich zu nahen. Zwar nicht jede Spende wurde dem Feuer übergeben; in den heiligen Quell warf man ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als Opfergabe hinein, streute Körner in die Luft oder ließ Früchte des Feldes für sie stehen, aber im allgemeinen bildete das Feuer den wesentlichsten und wichtigsten Bestandteil des deutschen Opferfestes.Dieses Opferfeuer, der Bote zwischen der göttlichen und menschlichen Welt, ist natürlich verschieden von den großen Feuern, die an bestimmten Festtagen, besonders an denen der Tag- und Nachtgleiche und der Sonnenwende sowie bei ungewöhnlichen Gelegenheiten, auf Bergen und Höhen und Feldern, aufflammten. Sie reichen bis in die indogermanische Urzeit zurück. Denn als man schon längst eine bequemere Art der Feuerbereitung gefunden hatte, wurden noch bei Indern, Griechen, Römern und Germanen das sühnende Feuer in der ursprünglichsten Art hergestellt und durch Drehung gewonnen, indem ein Stab entweder in einen anderen gebohrt und so hin- und hergedreht wurde, oder ein solcher durch eine Scheibe, Tafel oder die Nabe eines Rades gebohrt wurde.

In Deutschland werden diese Feuer urkundlich im 8. Jhd. erwähnt. Die unter Karlmann 742 unter dem Vorsitze des Bonifatius abgehaltene Synode gebot den Bischöfen und Grafen, gottlose Feuer zu unterdrücken, die sie „niedfyr“ nennen. Auch der Indiculus handelt de igne fricato de ligno i. e. nod/yr (Nr. 15). Ignis fricatus ist die wörtliche Übersetzung von Notfeuer, ahd. hnotfiur (niinvau, nüan reiben). Auf dem Eichsfelde heißt es das „wilde Feuer“, in England ‚„Willfire“.Wenn unter dem großen und kleinen Vieh eine böse Seuche ausbrach und die Herde dadurch bereits großen Schaden gelitten hatte, oder wenn ein großes Sterben die Bevölkerung fortraffte, wurden die Bewohner schlüssig, ein Notfeuer herzurichten. Nachdem alle andern Feuer im Hause und auf dem Herde ausgelöscht waren und die .Gemeinde früh vor Sonnenaufgang auf den für die heilige Handlung bestimmten Platz gezogen war wurde nach uralter, mühevoller, aber darum um so ehrwürdigerer Art neues Feuer geweckt. Unter feierlichem Stillschweigen, das der Priester der Opferversammlung, wie nach Tacitus (Germ. 11) der Volksversammlung , gebot, setzten zwei keusche Jünglinge zwei trockene Hölzer, vom Eichbaume, vom roten Erlenholz, oder von verschiedenen Holzarten durch Aneinanderreiben in Brand.

Mit dem so gewonnenen Feuer zündete man den Holzstoß an, zu dem aus jedem Hause Stroh und Buschholz dargebracht war, stellte mancherlei Weissagungen an auf die Fruchtbarkeit de3 kommenden Jahres in Feld und Flur, das Gedeihen der Herden, den Gesundheitszustand der Menschen, ja selbst Uber Liebe, Ehe und Tod. Dann jagte man das Vieh, Kühe, Schweine, Gänse nebst den Pferden mit Stecken und Peitschen zwei- bis dreimal durch die Flammen und trieb es dann wieder in den Stall oder auf das Feld. Unter Gesang alter Lieder umtanzte man darauf den Holzstoß, warf Gaben hinein, um durch die Opfer die Gottheit geneigt zu machen, sprang Uber die Flammen und schwärzte sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den heilkräftigen Kohlen, riß brennende Scheite aus der Glut heraus und beräucherte damit die Felder, Wiesen und Fruchtbäume. Sodann ward der zusammengobrachte Holzstoß wieder zerstört, aber zuvor nahm jeder Hausvater einen Brand mit sich, um das erloschene Herdfeuer damit wieder anzuzünden, löschte ihn daheim und legte ihn in die Klippe; denn er erhoffte davon Gedeihen für das Vieh. Die Asche des Notfeuers wurde sorgfältig gesammelt als Heilmittel bei Krankheiten, oder als Mittel gegen Raupenfraß und Mißwachs auf die Felder zerstreut.

Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande

Zur Sühne und Abwehr brannten Notfeuer, ehemals nur bei wirklich eingetretenen Seuchen, später ständig. Der Hirt wollte, zumal im Hochsommer, von vornherein den Viehseuchen Vorbeugen, der Landmann wollte die das Wachstum gefährdenden Mächte verscheuchen und die über Himmel, Erde und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig stimmen, durch Sühnopfer versöhnen, daß nicht Gewitter und Hagel die schweren Ähren knickten und die goldenen Körner vernichteten.Jedes Zeichen des neuerwachenden Lebens ward freudig begrüßt. Der Priester, der Hüter des heiligen Waldes, nahm an dem Ergrünen des ersten Laubes, am Erblühen der ersten Waldblume das Nahen des Frühlingsgottes wahr(S. 213), und freudig begrüßte alles Volk die Boten des Lenzes, den ersten Käfer, die erste Lerche, den ersten Storch.Die Burschen schmückten mit grünen Maien das Haus der Geliebten und durchzogen in grüner Verkleidung die Dörfer.

Heitere Spiele auf dem Anger stellten die Verfolgung und Austreibung der in Moos gekleideten winterlichen Dämonen dar, das Aufsuchen und den Einzug eines in Laub und Blumen geschmückten Paares. Von Haus zu Haus streifte die Jugend, um von jedem Mitgliede der Gemeinde Holz und Stroh zum Festfeuer, Milch, Korn und Eier zum Festmahl einzusammeln. Dann zog man hinaus auf die Wiese oder auf den Hügel vor dem Dorfe, brachte Rinder, Pferde und Korngabe dem Tius oder Wodan dar, Schweine, Flachs und Speisen der großen Mutter Erde, Hähne, Gänse und Böcke dem Wettergotte Donar. Auf ‚dem Scheiterhaufen thronte der winterliche Dämon oder die Hexe in Gestalt einer Strohpuppe, und während die Flamme den Holzstoß prasselnd verzehrte, zog man mit entblößtem Haupte feierlich um ihn herum, und sprang auch über die lodernden Feuer, bis die allgemeine Lust in Jubel und frohen Tanz ausbrach. Die jungen Burschen entzündeten an dem Feuer lange Strohfackeln und schwärmten damit lärmend, mit Peitschen knallend, mit kleinen Schellen läutend, über die Felder, um die Geister zu verscheuchen. Soweit das Feuer leuchtete, teilte es der Flur seine heilende Kraft mit, und darum gedieh soweit das Korn gut.

Auch bei der Feier des Frühlingsanfangs flammten Feuer: Holzscheiben, die in der Mitte durchlöchert und an den Rändern rotglühend gemacht waren und so ein Bild der aufsteigenden Gestirne darstellten, wurden an Stöcken in die dunkle Luft geworfen. Sie sind schon aus dem Jahre 1090 von Lorch bezeugt: eine brennende Holzscbeibe war bei einem am Abend der Früh jahrstag- und Nachtgleiche stattfindenden Volksfeste auf das Dach der Kirche des Klosters gefallen, und das Feuer griff rasch um sich und vernichtete die prächtige Kirche und einen großen Teil der Gebäude. Ihr Emporschnellen vertrieb die Wetterdämonen, half der Sonne und unterstützte das Wachstum. Wenn aber die Sonne auf ihre höchste Stelle kam und sich langsam wieder zum Abstieg wendete, rollte man brennende Reisigbüschel über die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete Räder die Anhöhe hinab in die Felder und in den Fluß. Das heilige Feuer selbst, der Umlauf mit Fackeln, das Scheibenschlagen, die Umwälzung eines brennenden Rades bildeten also einen Teil des deutschen Frühlingsfestes; aber während das Aufwärtsschleudern der feurigen Scheiben beim Frühlingsfest fin März ein Symbol der aufwärts steigenden Sonnenbahn ist, galt das abwärts gerollte Rad zu Johanni als Symbol der abwärts steigenden Sonne.Von besonderer Bedeutung waren die Frühlingsfeuer und die dabei geschlagenen Scheiben noch für Liebespaare und junge Eheleute.

Durch die lodernden Flammen mußte der junge Bursche mit der Geliebten springen. Jünger, aber verwandt ist die Sitte, daß der Bursch für sich und sein Mädchen die im Frühlingsfeuer angezündete Scheibe vom Schleuderstocke hoch im Bogen in die Luft entsendet und den Wurf mit Sprüchen und Segenswünschen begleitet: er wollte damit der Geliebten den vollen Sonnenschein des Glückes ins Haus wünschen. Aus der Art, wie die Scheibe brannte, und wie sie flog, zog er Schlüsse über ihr Schicksal im kommenden Jahre. Aber nicht nur für die Geliebte, auch für die Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde wollte man in dieser Weise die Zukunft erforschen. So wurde das Scheibenschlagen eine Art Orakel, wie das Aufsteigen des Rauches, die Helligkeit und die Bewegungen der Flamme bei den Frühlings-, Johannis-, Herbst-, Winter- und Notfeuern (vgl. Indic. Nr. 17, S. 195); und wie man in der Flamme des Geburtstagslichtes oder am Sylvesterabend in den schwimmenden Kerzchen das Lebensschicksal geliebter Personen vorgebildet sieht, so zeigte der schöne, weite Bogen, den die Scheibe in der Luft beschrieb, das Glück der Person an, der sie gewidmet war.Im Frühjahr oder zur Sommersonnenwende fand auch ein Brunnenfest statt. Ihm ging die Reinigung der Quellen als Einleitung in der Nacht vor dem Festtage voran.

Die Reinigung vollzogen die Jungfrauen des Ortes unter Gebet und Gesang; kein Mann durfte zugegen sein, vielleicht war daher ursprünglich die Nacktheit der Mädchen bei dieser heiligen Handlung gefordert (S. 333). Bis Sonnenaufgang mußten sie die Reinigung beendet haben. Der Brunnen warde dann bekränzt, der Festplatz geschmückt, die Gemeinde versammelte sich, Opferschmaus, Tanz und Spiel folgte. Reicher Wasserfluß durch das ganze Jahr war der Dank der Quellgöttin.

Um die Brunnen gegen feindliche verderbliche Dämonen zu schützen, versenkte man Hufeisen in sie. Denn Hufeisen galten als Glück bringende Talismane, als ein Schutz gegen Truden, Hexen und alle bösen Geister; deshalb wurden sie auch an den Türen von Häusern und Ställen, an Masten und an Grenzsteine angeschlagen. Auch Lichter wurden an den Quellen angezündet (weiteres S. 141).

Der Indieulus (Nr. 3; 8. o. S. 44) verbietet die „Sjmrcaliadas „Schmutzfest“ im Februar, anderwärts werden die „schmutzigen Tage“ im Februar verboten und unmittelbar vorher das sog. „Winter- oder Todaustreiben“ (Homil. de sacril. § 17), die bekannte Feier zuin Empfange der schönen Jahreszeit. Da stellte man entweder den Einzug einer milden Gottheit ins Land dar, oder man vernichtete einen finstern, wilden Dämon der Natur im Bilde unter allerhand Zeremonien, oder man ließ sie sich beide bekämpfen und schließlich den Winter oder Tod als den Besiegten, dessen Herrschaft ja zu Ende ging, sich zurückziehen. Da Nr. 1 und 2 des Indiculus den privaten Totenkultus verbieten, liegt es nahe, in Nr. 3 das Verbot eines öffentlichen Totenfestes zu sehen, das sich an das Frühlingsfest der erwachenden Natur anschloß, wo die Vegetationsgeister und die Seelen der Toten wieder aus der Erde hervorkamen.

Das Konzil von Tours im Jahre 567 schilt die, die an der Stuhlfeier Petri den Seelen Speise opfern, nach der Messe nach Hause gehen und zu ihren heidnischen Mißbräuchen zurückkehren. Martin von Bracara und Eligius erwähnen allein die „Tage der Motten und Mäuse“, ersterer aber so ausführlich und ausdrücklich, daß sie zu seiner Zeit bei den suevischen Bauern in Asturien wirklich von großer Bedeutung gewesen sein müssen. An Petri Stuhlfeier (22. Februar) werden noch heute der Süntevügel, Kröten, Mäuse und Schlangen in Niedersachsen und am Niederrhein vertrieben (S. 20); in Schwaben, Bayern, Franken singt man Lätare: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus.“

Zu der Zeit, wo ein heftiger Hagelschauer, ein Hochgewitter die schönsten Hoffnungen des Landmanns auf eine reiche Ernte zu vernichten drohte, wurden zum Frommen des Viehbestandes der Hirten die Johannis-Notfeuer angezündet.

Das Fest der Sommersonnenwende, die hochheilige Zeit der blühenden und reifenden Natur hatte also eine ungemein hohe Bedeutung; die Dorfgemeinde, die sich aus Hirten und Ackerbauern zusammensetzte, beging dann das wichtigste und größte Sühn- und Bittopfer des ganzen Jahres.

Das große Gemeindeerntedankopfer im Herbste (Oktober oder November) ward zu Anfang Winters gefeiert.

Finsternis und Kälte galten als die Keimzeit des warmen, lichten Lebens. Im Spätherbste nach der Ernte des Jahres 14 feierten die Deutschen das Tanfanafest; Germanicus benutzte den Festfrieden zu einem Streifzuge und machte den Tempel der „Opfer empfangenden“ Göttin dem Erdboden gleich. Es war vermutlich dieselbe Zeit, wo bei den Semnonen das Fest des Tius Irmino, des Herrn über Leben und Tod, gefeiert wurde (Germ. 39). Drei Tage lang, vom 1. Oktober an, währte die Sieges- und Totenfeier der Sachsen nach der Schlacht bei Scheidungen (S. 44, 204). Die Zeit der Dankopfer für die erhaltene Erntefülle war zugleich eine allgemeine Totenfeier, wo Sühneopfer für die Verstorbenen gebracht wurden, von deren Gunst der Reichtum der Ernte abhing. So war die Jahreswende nicht nur eine Zeit der Lustbarkeit, sondern auch der Klage. Vielleicht war Sisetac eine Bezeichnung des Totenfestes, das die Gemeinde beging; der Name Sisetag erklärt sich aus ahd. sisesang = Trauerlied und bedeutet Tag der Klagelieder. Noch im 8. Jhd. hieß der 28. September oder St. Michaelisabend in Augsburg so, auf ihn fiel von alters her die Augsburger Kirchweih, und er wurde durch nächtlichen Umritt mit vorgetragenen Lichtern, Tanz, Pfeifenspiel und Zechgelage gefeiert.

Die Sonnenwende im Winter war, wie die kn Sommer, eine hochheilige Zeit der Germanen und erhielt ihre Bedeutung namentlich dadurch, daß von hier das Aufwachen des erstorbenen Naturlebens beginut.

Die Zeit der Zwölften, der Unternächte, wie sie im Vogtländischen heißen, weil sie zwischen Weihnachten und Epiphanias liegeu, ist auch die Zeit, wo die Tage wieder länger werden, und die Hoffnung des kommenden Sommers, seiner Sonne und der langen, hellen Tage wieder wach wird, die frohe Zeit des wiedergeborenen Lichtes. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Julfest (an. J61, Jül, engl. Geöl; Jul in Pommern scheint aus Schweden oder Dänemark eingeführt zu sein) eine gemeingermanische Benennung für das große Jahresfest im Mittwinter war. Die Etymologie des Wortes ist dunkel. Forscher, die es als Fest der wiederkehrenden Sonne auffassen, bringen es mit ags. hveöl, engl, wheel, fries. yule, an. hvel Rad zusammen und denken an die Sonnenräder; andere deuten es als das „fröhliche, lustige“ (lat, joculus) oder das „Schlachtfest“ (lat. jugulare), noch andere als die „dunkle Zeit“, im Gegensätze zu „Ostern“, der „hellen oder aufleuchtenden Zeit“. Weihnachten war vor allem den chthonisehen Gottheiten heilig, die im Schoße der Erde das Wachstum der Saat, der Felder und der Wiesen fördern.

Holda, Perchta, aber auch Wodan in seiner ältesten Gestalt waren auchthonische Gottheiten; Wodan, der Herr der Unterwelt, der Nacht und des Todes, war auch Erntegott (S. 245).

Darum treiben noch heute im Volksglauben zur Zeit der winterlichen Sonnenwende vor allem Wodan, Holda und Perchta ihr Wesen. Sie dachte man sich zur Zeit der zwölf Nächte wieder in ihr Land einziehend. Darum heißt es von Wodan und Frija geradezu, sie zögen besonders in den Zwölften. Ahnung und Weissagung lag über der ganzen Zeit, jeder Tag war bedeutungsvoll, und in das Dunkel der Zukunft suchte man durch Zauber und I^osspiele zu dringen. Noch heute knüpft an diese Tage zahlreicher Aberglaube, der sich wie in der Vorzeit mit den beiden ursprünglichsten Fragen des menschlichen Lebens beschäftigt, dem Vorwärtskommen im Besitz und dem Finden einer passenden Ehehälfte. Nicht eine ausgelassene Festzeit also war es, sondern eine geheimnisvolle, geheimen Schauder erzeugende.

Es war eine Art Vorfrühlingsfest.

Heilige Feuer flammten auf, Feuerröder rollten, und Fackellauf breitete die heilige Glut über die Felder aus. An der reinen Flamme des Wintersonnwendfeuers wurde das zuvor sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder entzündet. Schon im 12. Jhd. wird urkundlich im Münsterwalde die Sitte erwähnt, einen schweren Klotz aus Eichenholz, den Christblock, im Feuerherde einzugraben; wenn das Herdfeuer in Glut kommt, glimmt dieser Klotz mit, doch ist er so angebracht, daß er kaum in Jahresfrist verkohlt. Sein Rest wird bei der Neuanlage sorgfältig herausgenommen, zu Staub gestoßen und auf die Felder gestreut: das soll die Fruchtbarkeit der Jahresernte befördern. Während im Johannisfeuer ein Baum ganz verbrannt wird als Bild der versengenden, Laub und Gras verzehrenden Glut des Hochsommers, wird der Baum im Weihnachtsfener nur angekohlt, ein Bild der mit Mittwinter beginnenden, langsam Blätter, Blüten und Früchte hervorbringenden Sonnenkraft.

Daß bei diesem wichtigen Opferfeste Umzüge, Verkleidungen, Gesang und Spiel nicht fehlten, zeigt der Brief des Bonifatius an Papst Zacharias (742; S. 335). Für die ags. Kirche war bereits im 6. Jhd. bestimmt: „Wenn jemand an den Kalenden des Januar sich in eine Hirschhaut oder Kalbshaut steckt, d. h. als wildes Tier verkleidet und sich in die Felle von Haustieren vermummt und Tierköpfe aufsetzt, — wer sich so in Tiergestalt verwandelt, der soll drei Jahre Buße tun, weil das dämonisch ist.* Martin von Bracara wendet sich gegen den Glauben der suevischeu Bauern, sie hätten das ganze Jahr vollauf, wenn sie zu Jahresanfang schwelgten (decorr. rust. 11).

Im 11. Jhd. erzählt Burchard von Worms, wie schon im 8. Jhd. Primin von den Alemannen, daß man sich in der Neujahrsnacht, mit dem Schwert umgürtet, auf das Dach des Hauses gesetzt habe, um zu ergründen, was der Schoß der Zukunft für das neue Jahr Gutes oder Schlimmes berge. Dieselbe Frage wie 400 Jahre vorher bei Eligius kehrt wieder: ob man zur Neujahrsnacht nach heidnischem Brauche den Tisch in seinem Hause zugerichtet (d. h. geopfert) und auf den Straßen Tänze und Gesänge aufgeführt habe, in dem Wahne, für die Zukunft Nutzen davon zu haben; ob man Kuchen (Weihnachtsstollen) gebacken und aus ihrem Aufgehen Glück für das kommende Juhr geschlossen habe; ob man sich an einem Kreuzwege auf eine Kindshaut gesetzt habe, um gleichfalls Weissagungen anzustellen; und Primin erwähnt, daß man Weiber auf das Dach steigen ließ, um aus dem Feuer, etwa einem brennenden Scheite, die Zukunft zu verkünden.

Eine gewöhnliche Rindshaut wird es nicht gewesen sein, sondern das Fell eines Opferrindes, das dadurch Zauberkraft erhielt, daß es der den Göttern gebührende Anteil beim Opfer war. Mit dem Schwerte, das ja der freie Mann stets bei sich trug, mußte man bewaffnet sein, um sich der feindlichen Dämonen erwehren zu können. Wer es in Gossen-saß am Brenner „der täte, während der Christmette auf dem Firste seines Hauses zu sitzen und die Sense zu dengeln, der hätte das ganze Jahr Schneid“. So stimmen die wenigen geschichtlichen Zeugnisse durchaus mit den heutigen Volksbräuchen überein, und noch heute erscheint neben den drei Königen aus dem Morgenlande und dem Geschenke verteilenden Bischof Nikolaus der heilige Martin an Wodans Stolle auf dem Schimmel oder Wodan selbst, zwar nicht in göttlicher Macht und Pracht, sondern als Knecht Ruprecht (Hruodperaht), aber sonst unangetastet vom christlichen Einflüsse: der ruhmglänzende, gütige Gott; (neuerdings erklärt als Rühpert, der rauhe Bercht); an die große Schicksalsgöttin Frau Holla-Berchta mag die weißverschleierte Frau der schlesischen Adventsspiele und ihr goldener Wagen gemahnen.

Wie sich die Hirtenopfer mit den Bauernopfern zu einer gemeinsamen Feier verschmolzen, so gingen aus den Ge-meiudeopfern zur Wintersonnenwende, zu Frühlingsanfang, zur Sommersonnenwende und im Herbste die großen Volksopfer hervor, wo die zerstreut wohnenden Mitglieder der Landesgemeinde zusammenkamen, der mitanwesenden, mitfeiernden Götter gedachten, Gericht hielten und tausch-, kauf- und verkauflustig ihre Ware ausstellteu. Aus Opfer mit Schmaus und Tanz, Markt, aber auch zugleich aus Gericht, Waffenmusterung und Beratung über bevorstehende Feldzüge, Gelöbnissen liebender Paare aus fremden Gemeinden bestanden die großen altgermanischen Volksfeste.

Der Kultus– Der Götterdienst im Staatsverbande

Unter freiem Himmel oder unter dem Schutze eines großen heiligen Baumes tagte die Landgemeinde. Das germ. Wort Thing bezeichnet die öffentliche Versammlung, die Gerichtsstätte war zugleich Opferstätte und stand unter dem Schutze der Götter, vor allem des Tius, der darum den Beinamen Thingsus führte (S. 209), aber auch des Donar und Wodan. Die Land gemeinde ist zugleich Heeresversammlung und dient zur Musterung der waffenfähigen Schar (Caesar, b. g. 6S5; Tac. Germ. 11. 13. 22; Hist. 464). Sie entscheidet über Ackerverteilung, Krieg und Frieden, über Verbrechen, durch die man sich den ganzen Stamm und seine Götter zu Feinden macht, über Landesverrat, Übergang zum Feinde und Feigheit, Die Gerichtsstätte war von der Umgebung durch einfriedende Haseln ausgeschieden. Die Hasel war dem Gott des Waffen- und Rechtsstreites Tius heilig, mit ihr wurde der zur Walstatt wie zum Thing bestimmte Platz eingehegt. Die Haselung war das äußere Zeichen der Weihung des Feldes, der Übergabe in den Schutz des großen Himmelsgottes. Die Stecken wurden durch heilige Bänder verbunden, und der Priester vollzog dann die Heiligung der Stätte.Nach feierlichem Eingangsopfer, wobei in der Regel Menschenblut floß, forderte der Vorsitzende Richter den Priester auf die Lose zu fragen, oh die Beratung den Göttern genehm sei (Germ. 10) und ließ durch ihn feststellen, ob die Förmlichkeiten der Einhegung gehörig erfüllt seien. Darauf gebot der Priester im Namen des Gottes, dem das Thing geheiligt war, Stillschweigen (Germ. 11) und verkündete den Thingfrieden.

Die Schweigen auferlegende Opferformel, die im griechischen evtprgtelze, in Rom favete linguis lautete, war: ich gebiete Lust und verbiete Unlust (as. hlust zu ahd. hlosen, bayr. losen = lauschen, zuhören).Nach Caesar (b. g. 62S) und Tacitus (Germ. 12) sprechen die Häuptlinge das Recht, aber die Strafe erteilt im Namen der Gottheit der Priester, er vollstreckt körperliche Züch-tigungen und die Todesstrafe, aber nicht eigentlich zur Strafe, noch auf Befehl des Häuptlings, sondern auf der Gottheit Geheiß (Germ. 7). Die Todesstrafe hatte also sakralen Charakter, sie war ein Opfer. Gewalttaten gegen einzelne, Raub, Körperverletzung, selbst Mord konnten als leichtere „Verschuldungen“ (Germ. 12. 21) durch Übereinkunft mit einer Anzahl von Pferden, Rindern oder Schafen gebüßt werden; aber staatsgefährliche und entehrende Verbrecher, die die ewigen unverbrüchlichen Gesetze der Gemeinde- und Familienordnung verletzt, die sich damit als Feind der Götter und des Volkes gezeigt hatten, wurden mit dem Tode bestraft. Verräter und Überläufer wurden mit einem Weidenstrang erdrosselt und an laublosen, dürren Bäumen oder an Galgen aufgehängt (Germ. 11). Dieselbe Strafe traf Kriegsgefangene, oder sie wurden in Gruben lebendig begraben (Ann. 161), oder am Altäre geschlachtet (Ann. 161), oder verbrannt (Caes. b.g. 158). Feiglinge, Kriegsflüchtige und Unzüchtige wurden in Moor und Sumpf versenkt und Flechtwerk darüber geworfen (Germ. 11). Von den Heeresflüchtigen bestimmt noch ein Gesetz Karls d. Gr.: qui lieri sliz {= Heeresbruch) fecerit, periculum incurrat. Tempelschänder wurden bei den Friesen ertränkt. Die Franken pflegten einen rückfälligen Dieb den Göttern zu opfern.

Die zweite Art, Verbrecher zu bestrafen, erscheint auf den ersten Blick weniger grausam, war aber nicht minder furchtbar. Nicht der Mensch selbst vergriff sich an ihm, (in der Regel vergönnte man dem Verurteilten Zeit zur Flucht), er bestimmte nur im Namen der Gottheit das Urteil und überließ den strafenden Göttern, wie sie Sühne für begangene Missetat nehmen wollten. Das heilige Gericht, das die Friedlosigkeit ausgesprochen hatte, sollte nicht entweiht werden. Ein Wunder war es, wenn der Verfehmte in den Wäldern sein verlorenes Leben nicht sofort einbüßte. So war die Friedlosigkeit geradezu ein Todesurteil. Auf feiger Heeresflucht stand nicht immer unmittelbare Todesstrafe, Tacitus erwähnt auch (Germ. 6), daß den Schandbeladenen, die den Schild verloren und dadurch die allergrößte Schmach begangen hatten, verwehrt war, bei den Opfern zu erscheinen oder in die Volksversammlung zu kommen; viele hätten daher, obwohl sie dem Kriege entronnen wären, solcher Ehrlosigkeit durch den Strick ein Ende gemacht. Zwar nennt Tacitus weder in Kap. 6 noch in Kap4 12 der Germania die Friedlosigkeit und Verfehmung der Ausreißer, aber nur diese Strafe kann gemeint sein. Der schändliche Mann, der den Frieden verwirkt hat, heißt noch im Gesetze des Frankenkönigs Chilperich: ein Mensch, der durch die Wälder irrt. Eine gemeinsame Bezeichnung des Friedlosen war wäre, warg: der Würger, der Wolf. Dem Dichter des Heliand ist der Verräter Judas, der sich entleibt, warag (5170). Der Friedlose soll wolfsfrei sein, wie der Wolf als allgemeiner Feind von jedermann erschlagen werden kann und soll.Friedlosigkeit traf besonders den, der gegen die eigene Familie gefrevelt, sich gegen den heiligen Frieden der Sippe vergangen hatte. Die Stiftung der heiligsten Gemeinschaft, des Blutsverbandes der Familie war das Werk der Götter, ihre Verletzung daher- ein Religionsfrevel. Ein Verbrecher, der den Göttern selbst zur Bestrafung preisgegeben wurde, konnte nur durch sie selbst wieder begnadigt werden. Vielleicht galt seine Freveltat als gebüßt, wenn er neun Jahre das Elend der Wildnis überstanden hatte.

Der Gründer der Familie, wie der Schutzherr der Lebensordnung, war Tius, gegen seine ewigen Satzungen hatte sich der Friedensstörer vergangen, in seinem heiligen Walde kam man zusammen, im Gotteswalde sollte er, friedlos gelegt, sein elendes, gehetztes Leben führen, die feierliche Thingstätte des Tius war auch die grausigste Opferstätte.Dem Opferakte ging die Anwendung eines Gottesurteils, eines Ordals voraus (ags. ordal = Urteil). Die allwissenden Götter, denen nichts verborgen ist, offenbarten ihre Macht auch bei gewissen heiligen Handlungen: man befragte das Los und den Kriegsgott im Zweikampfe. Der Kriegsgott Tius war zugleich Gott des Gerichtes, von seinem Willen hing der Ausgang des Kampfes ab.

Nach bayerischem Rechte werden die Kämpen vor Beginn des Ordals den Parteien durchs Los zugewiesen. War der Verbrecher bereits überführt, so suchte man den Willen der Götter zu erkunden, ob der Verbrecher oder der gefangene Feind ihnen genehm sei. Nur dem günstigen Ausfälle der Lose hatte Caesars Freund Procillus das Lehen zu verdanken; dreimal war in seiner Anwesenheit#das Orakel befragt worden, oh er sofort den Feuertod erleiden oder für später aufbewahrt werden sollte (Caes., b. g. 183). König Radbod warf über den gefangenen Willibrord dreimal an drei Tagen hintereinander das Los; aber nur einen von seinen Gefährten traf das Todeslos (V. Willib. 12). Auch der heilige Willehad war zum Tode verurteilt worden, weil er die heidnischen Götter gelästert hätte. Aber man wollte erst das Los befragen, ob er leben oder sterben sollte.

Die Götter wiesen sein Leben zurück — sagten die Heiden; das Todeslos fiel nach Gottes Willen nicht — frohlockten die Christen (V. Willeh. 3). Zur Zeit des heiligen Wolfram hatte einen friesischen Knaben das Los getroffen, daß er den Göttern geopfert werden sollte. Als Wolfram ihn sich von Radbod ausbat, antwortete dieser: es sei, wenn Christus ihn vom Tode errettete. Als sie ihn zum Galgen schleppten, betete Wolfram; da zerriß der Strick, der Knabe fiel zur Erde und stand unverletzt (V. Wulfr. 6. 8; D. S. Nr. 447).

Fielen die Lose zugunsten des Verbrechers, oder bestand er unversehrt das Gottesurteil, so verkaufte man ihn in die Knechtschaft oder vertrieb ihn außer Landes. War das Ergebnis des Ordals ungünstig, so war die Tötung nur Erfüllung des göttlichen Willens und konute nicht die unmittelbare Vollziehung eines auf Todesstrafe lautenden Urteils sein.

Auch beim Ablegen des Eides wurden die Götter zu Zeugen angerufen.

Ursprünglich ist der Eid ein Fluch, den man für den Fall des Meineids gegen sich selbst ausspricht, ein Zauber, den man gegen sich selbst herbeiruft. Man berührt dabei sich selbst oder einen Gegenstand, in dem Gedanken, daß das Berührte, wenn man falsch schwört, dem Verderben ausgesetzt sei oder Verderben bringen solle. Als man aber die Götter als ethische Persönlichkeiten verehrte, als Hüter ewiger Wahrheit, rief man sie zu Zeugen oder Vollstrecker des Eides an und rief die göttliche Vergeltung auf sein Haupt herab. Der älteste Eid ist der Waffeneid, dann der Vieheid.

Man legte den Schwur beim Haupte des Opfertieres ab, oder auf einen Eidring, der in das Blut des geopferten Tieres getaucht war, oder in den meisten Fällen auf das Schwert des schwertfrohen Hiramelsgottes (S. 216). Das Konzil von Orleans (541) setzte Bußübungen und Strafen für den Christen fest, der nach heidnischer Sitte beim Haupte eines Haustieres oder eines wilden Tieres einen Eid leiste und obendrein noch die Gottheiten anriefe. Im ribuarischen Gesetz 72, 1 schwört der Franke einen Eid in einem Harah (Tempel) am Kreuzwege.

Von höchster Feierlichkeit waren die Opfer, zu denen sich die religiösen Verbände des Stammes vereinigten.

Wie in Griechenland die rings um ein Heiligtum liegenden Nachbargemeinden (Amphiktyonien) sich zusammentaten, um Opfer, Feste und Wettspiele gemeinsam zu begehen und im Frühling und Herbste bei den Bundesheiligtümern zusammenkamen, so nahm auch bei den Germanen die ursprünglich rein religiöse Vereinigung der Sakralverbände politischen Charakter an. Der gemeinsame Hauptkultus hielt die verschiedenen kleinen Staaten zusammen. Sie verehrten eine Stammesgottheit, von der sie abzustammen glaubten, den Gott sahen sie als den Vater und Gründer ihres Geschlechtes an, die Göttin als ihre Mutter. Einem Stamme ward die Pflege und Bewachung des Bundestempels anvertraut, hier strömten sie alljährlich zusammen und erneuerten bei blutigem Opfer ihre Zusammengehörigkeit.

Tacitus erwähnt solche Opferverbände bei den Erminonen (Germ. 39), den Istwäonen (Ann. 161), den Ingwäonen (Germ. 40) und den vandilischen Stämmen (Germ. 43).

Zum Zielpunkte seines ersten planmäßigen Eroberungszuges nach Sachsen wählte Karl der Große das nach der Irminsäule benannte Heiligtum in Engem, in der Mitte des Landes. Denn da es das sächsische Nationalheiligtum war, hatte es auch eine hervorragende politische ßedeutung (Annales Laurissenses). Der Gail- oder Galgenberg bei Hildesheim war vermutlich auch ein Stammesheiligtum, und daß das dort 1868 gefundene Silbergerät, ein altrömisches Tafelservice, nicht nur im Besitze eines deutschen Fürsten, sondern sogar das Weihegeschenk nach einem Siege für einen heidnischen Tempel war, ist wohl möglich. Hermann Prell, der das Rathaus in Hildesheim mit köstlichen Gemälden geschmückt hat, erfand dazu die sinnige Legende, Arminius habe jene Schätze erbeutet und den deutschen Göttern geweiht; der Held naht zu Roß, umjauchzt von dem siegreichen Heere und läßt den „Hildesheimer Silberfund“ den Priestern zur Verwahrung tibergeben. Der friesische Haupttempel des Foseti lag auf Helgoland (S. 225), ein anderer, der Nehalennia geweiht, auf Walcheren (S. 289), als dritter wird ein Hain der Baduhenna erwähnt.

Wie es einen Gott geben mußte, zu dem die Kultverbände gemeinsam aufsahen, und eine Opferstätte, groß genug, die zahllosen Scharen zu fassen, so muß es einen bestimmten Leiter gegeben haben. Er wird aus dem Stamme genommen sein, der das Bundesheiligtum unter seiner Obhut hatte, er wird priesterliche, richterliche und weltliche Macht in sich vereint haben, also dem vornehmsten Adelsgeschlechte entstammt sein.

Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege

„Weder mit dem Tode noch mit Fesseln noch selbst mit Schlägen zu strafen, ist irgend einem gestattet außer den Priestern, und auch diesen nicht icie zur Strafe oder auf Befehl des Herzogs, sondern gleichsam auf Befehl des Gottes, der nach ihrem Glauben bei den Kämpfern ist. Holen sie doch Bilder und gewisse heilige Zeichen aus den Hainen, wo sie geivöhnlich auf bewahrt werden, hervor und nehmen sie in die Schlacht mitu (Germ. 7). Ans diesen Worten des Taci-tus geht hervor, daß der Krieg eine heilige Handlung, ein furchtbarer Opferdienst war. Der Anmarsch gegen den Feind glich den feierlichen Umzügen, bei denen das Bild der Götter vorangetragen, heilige Lieder angestimmt und weihevolle Opfer dargebracht wurden. Der Krieger fühlte sich im Dienste seines Gottes; fiel er, so wußte er, daß sein Tod vom höchsten Gotte bestimmt gewesen war, und daß der Gott ihn als sein Opfer gezeichnet hatte, um ihn teilnehmen zü lassen an seiner Herrlichkeit (S. 243).

Daher stammte die den Tod verlachende Tapferkeit der germanischen Krieger. Von den Vorbereitungen zur Schlacht an bis zur Niederlage der Feinde war der Krieg durch gottesdienstliche Gebräuche bestimmt. Unter dem Gesetze desselben Gottes, der über den Streit der Schwerter waltete, stand der Friede wie da3 Recht, und wie die Ding- oder Malstätte dem Schutze des Himmelsgottes Tius übergeben ward, so ward im Altertum der zur Walstatt auserlesene Platz mit Haselstecken umgrenzt, und wie man vor Gericht den Gegner an eine bestimmte Stätte am bestimmten Tage lud, so forderte man auch den Feind zur Entscheidung durch die Waffen auf ein bestimmtes Feld zur bestimmten Zeit. Diesem altgermanischen Kriegsbrauche folgte Boiorix, der König der Kimbern. Er ritt mit wenigen Begleitern an das römische Lager heran und forderte Marius auf, er möchte Tag und Ort bestimmen, wann und wo er sich stellen und mit ihm um den Platz kämpfen wollt».

Der dritte Tag ward zum Schlachttage, die Ebene von Vercellae zum Walplatze festgesetzt (Plutarch, Marius 25). Zum Zeichen, daß der Kriegsgott selbst bei den deutschen Völkern gegenwärtig war, standen seine Bilder und Symbole bei den Heeressäulen: der Adler oder das Schwert des Tius, die Lanze Wodans, der Hammer Donars. , Tacitus erwähnt, daß die Bilder der wilden Tiere den Hainen entnommen wurden, wie es bei jedem Stamme Brauch sei, in den Krieg zu ziehen (Hist. 422); es wraren Bilder von Drachen, Wölfen, Ebern, Adlern und Raben. Ein eherner Stier war das Feldzeichen der Kimbern (Plut., Mar. 23). Im Frieden schwebten sie an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den Opferfesten der Gau- und Volksgemeinde, wo auch die eroberten Feldzeichen der Feinde hingen (Ann. 159). Jetzt nahm sie der Priester, dem es allein gestattet wrar, herab, unter feierlichem Gebete, daß der Gott unter sein Heer kommen wolle (vgl. Germ. 40.: nur dem Priester ist es gestattet, den Wagen der Nerthus zu berühren). Damm erinnerte Civilis vor der entscheidenden Schlacht am Rheine seine Scharen daran, daß der Rhein und Deutschlands Götter ihnen vor Augen stünden, unter ihrem Segen sollten sie den Kampf beginnen (Hist. 517).

Die Priester waren auch während der Schlacht Träger und Hüter der heiligen Feldzeichen, und deshalb war auch die Handhabung der Kriegszucht nicht Sache des Herzogs, sondern Pflicht des Priesters (Germ. 7). Ehe die Schlacht beschlossen ward, forschten die Deutschen nach dem Willen des Gottes: er w?ard befragt, ob er dem Kampfe günstig sei oder nicht.Die im Lager der Ariovist befindlichen Hausmütter mußten aus Los und Weissagung verkünden, ob es Tätlich sei, eine Schlacht zu liefern oder nicht; sie sagten: es sei nicht der Götter Wille, daß die Deutschen Sieger blieben, wenn sie vor dem Neumonde eine Schlacht schlügen (Cäsar, b. g. Iso). Fielen die Zeichen ungünstig, so schob inan den Kampf auf oder ließ sich auf Friedensverhandlungen ein (Amm. Marc. 14,10, 9). Als trotz des Abratens ihrer Seher die Alemannen die Schlacht gegen Narses begannen, wurden sie besiegt (Agathias 28). Weissagende Frauen, vor allem die westfälische Veleda waren von größtem Einflüsse auf die kriegerischen Unternehmungen (Rist. 461, M, b22, 2B. Germ. 8).

Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens waren das einfache Loswerfen, das der Oberpriester des Volkes im Kriege wie bei allen öffentlichen Angelegenheiten vollzog (Germ. 10), die Beobachtung der Eingeweide und des rinnenden Blutes der Opfer (Strabo 72, S. 384), das Horchen auf verschiedene Stimmen, das schwellende Schlachtgeschrei (barditus Germ. 3, S. 264),. sowie das Wiehern der Tempelrosse und endlich der Zweikampf (Germ. 10).Die Deutschen stellten einen Gefangenen aus dem feindlichen Volke einem auserlesenen Krieger des eigenen Stammes, jeden mit seinen heimischen Waffen ausgerüstet, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder anderen als Vorentscheidung. Als die Vandalen und Alemannen sich im Felde gegenüberBtanden, weil ihre Wohnsitze zu nahe bei einander lagen, sagte der Alemannenkönig: „Wie lange soll denn der Krieg das ganze Volk heimsuchen? Labt doch nicht so viel Volks auf beiden Seiten umkommen, sondern zwei von uns mögen mit ihren Kriegswafien auf den Kampfplatz treten und die Sache unter sich ausfechten. Wessen Kämpfer dann siegt, der nehme das Land ohne Streit/ Alle stimmten dem bei, die Partei der Vandalen unterlag, und Geiserich gelobte, Spanien zu verlassen (Greg. v. Tours H. F. 2,).

Waren die Vorbedeutungen günstig ausgefallen, so wurden der Gottheit Opfer dargebracht, um sie zu versöhnen, falls sie etwa einen alten Grimm gegen das Volk hätten. Die gegen Drusus verbündeten Völker der Sueben, Cherusker und Sugambrer kreuzigten 20 römische Centurionen, gleichsam als Bundesopfer (Florus 4j2; S. 222). Um den göttlichen Zorn zu besänftigen, mußte menschliches Blut fließen‘. Mit diesem Sühnopfer war das Gelübde verbunden, die Erstlinge des Krieges und die furchtbaren Früchte des siegreichen Walfeldes den Göttern als Dankopfer zu bringen: antheiz hieß bei den Oberdeutschen solch Gelöbnis und Opfer. Vor der Schlacht bei Idisiaviso stellte Armin die Römer als den zürnenden Göttern verfallen dar (Ann. 2m).

Auch die Verwünschungsformel, die Civilis die Seinen nachsprechen ließ, hatte religiöse Bedeutung und gelobte den Göttern das feindliche Heer (Hist. 415). Das Blut aller Christen gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zuge nach Italien 405, wenn sie ihm den Sieg gäben (Isidor, chron. got.; weitere Zeugnisse für die Franken und Goten S. 222).Ständen sind die Höfe gegenüber,  ward ein Speer übef die feindlichen Reihen geschleudert. Aus seinem Fluge ergab sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes (S. 235). Noch in christlicher Zeit war es Sitte, vor der Sclilacht einen Speer mit Verwünschungsformeln über das feindliche Heer zu schleudern. Der Sperwurf geschah aber zugleich als eine Opferhandlung für den Totengott, der der wilde Kriegsgott geworden war, für Wodan. Erfolgte dann der Ansturm selbst, so erbrausten wie bei den festlichen Umzügen zur Friedenszeit heilige Gesänge, in denen die Heldentaten der Götter zur Nacheiferung gepriesen wurden (Germ. 3; S. 264).

Unter wildem Gesänge rückten die auf Seite des Vitellius kämpfenden Germanen vor (Hist. 2m). Im thracischen Aufstande jagt die Sugam-brische Kohorte dem Feinde Schrecken ein durch ihren brausenden Schlachtgesang. Im Befreiungskämpfe der Bataver unter Civilis rücken die Römer ganz still, die Germanen aber unter Gesang und Geheul der Weiber vor (Hist. 4l8). Als die Römer 377 den Goten schlachtbereit in Thracien gegenüberstanden, erhoben sio ihr Kriegsgeschrei, barritus mit Namen, das leise anfing und immer lauter anschwoll, dadurch stärkten sie ihren Mut; die Westgoten ab£r antworteten mit Gesängen auf ihre Götter, von denen die germanischen Völker und Königsgeschlechter abstammten, die Anses (Amm. Marc. 81,7, n).

Vor Beginn der Schlacht war den Göttern gelobt worden, ihnen für den errungenen Sieg die Feinde zu opfern. Dem Gelübde mußte die Erfüllung folgen.

Nach dem großen Siege über die Römer bei Arausio (105) warfen die Kimbern das erbeutete Gold und Silber ins Wasser, zerrissen die Gewänder, zerhieben die Rüstungen, zerstörten die Reitzeuge, ertränkten die Rosse im Flusse und henkten die lebenden Gefangenen an die Bäume (Orosins 5l8).

Ein anderes furchtbares Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es Germanicus sechs Jahre später antraf (15). So wie die Römer gefallen waren, lagen die Gebeine unbestattet, samt den Waffeniesten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Pferdeschädel genagelt, das eigentliche Opfer für die Götter. In den nahen Wäldern standen die Altäre, an denen die Tribunen und Centurionen ersten Ranges geopfert waren. Die anderen Gefangenen hingen an Galgen oder waren in Gruben lebendig begraben worden (Ann. 181). Ebenso opferten die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles dem Tius und Wodan, was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war (Ann. 13*7; vgl. S. (222). Pie Sachsen bestimmten aua den Kriegsgefangenen durchs Los dpn zehnten Mann und opferten sie (Sid. Apoll. 80; S. 353).

Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht.

Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen.

Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern.

Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen.

Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht.

Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche.

Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt.

Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein.

Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Germanenherz aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (Paul Herrmann 1906)

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Autor: Germanenherz

Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben. Sieg oder Spott, folg deinem Gott!

3 Kommentare zu „Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst“

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