Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung

Deutsche-Mythologie-BuchdeckelWährend man früher einseitig glaubte, daß alle heidnische Religion sich aus der Naturbetrachtung entwickelt habe, nimmt man heute oft ebenso einseitig an, daß alles religiöse Denken aus dem Seelenglauben abzuleiten sei. Die Religion hat viele Quellen, und jeder Versuch, alle Erscheinungen der Religion auf eine Quelle zurückzuführen, muß gezwungen und unnatürlich erscheinen. Man könnte ebensogut den Ozean von einem Flusse, wie die Religion von einer Quelle ableiten. Zwei Schichten von mythischen Vorstellungen lassen sich mit Sicherheit bei den Indogermanen bloßlegen, Seelenverehrung und Naturverehrung; beide berühren sich oft auf das engste und verschmelzen zu einem Gebilde, so daß sie nicht scharf auseinander zu halten sind. Die großen, mächtigen Götter, die Repräsentanten von Naturmächten, sind von einem Gewimmel niedriger, mißgestalteter Wesen umgeben, die an der Schwelle des Hauses nisten und durch die Luft schwirren. Neben den feierlichen Opfern und Gebräuchen des höheren Kultus findet sich, nicht in getrenntem Nebeneinander, sondern unlöslich verwachsen mit ihnen, der niedere Kultus der Beschwörungen und des Zauberns, die abergläubische Beobachtung der kleinlichsten Vorschriften. Die moderne Ethnologie eröffnet einen Blick in die fernste vorgeschichtliche Zeit, wo von einer Ausprägung indogermanischen Wesens noch nicht die Rede sein kann, und zeigt uns, daß auch hier eine fortschreitende Entwickelung vom Rohsten zum Höchsten stattgefunden hat. Seelenverehrung und Naturverehrung mußten in ihrem letzten Ziele zu der Vorstellung führen, daß die ganze Natur belebt sei.

Es ist möglich, vielleicht wahrscheinlich, daß eben dieses die Stelle ist, wo die beiden getrennten Quellen sich in einem Strome vereinigten. Aber auch die Vorstellung ist noch nicht widerlegt, daß die trübe Quelle des Seelenglaubens die ältere ist, aus der die reinere der Natur Vergötterung sich ablöste, um schließlich doch wiederholt mit ihr in Berührung zu geraten. Galt nach der Auffassung des Seelenglaubens die ganze Außenwelt, vom Himmel an bis zum kleinsten Gegenstände für beseelt, d. h. als der Sitz von Geistern, so konnten die Naturerscheinungen allmählich immer mehr und mehr selbständig betrachtet werden und ihren gespensterhaften Untergrund verlieren. Bei allen Völkern findet sich der Glaube an ein Fortleben der Seele, aber nur bei höher beanlagten der Glaube an Götter als die idealisierten Abbilder von Naturerscheinungen oder die leitenden Mächte in den großen Naturbegebenheiten. Nicht auf deutschem, nicht einmal auf indogermanischem Boden kann die Frage entschieden werden, ob der Seelenglaube oder die Naturverehrung älter ist. Es genügt, beide Vorstellungen gesondert zu behandeln und darauf zu achten, wo beide ineinander übergehen. Da der Seelenglaube unfraglich niedriger und roher ist, soll mit ihm begonnen werden. Den zweiten Hauptteil nimmt die Darstellung der Naturverehrung ein, und hier gilt es, vom Einfachen zum Entwickelten, vom Naturgeister- und Dämonenglauben zum Götterglauben aufzusteigen.

Der Seelenglaube

Germanenherz odinknot and runen In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon Statius (Theb. III, 661), und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte, und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die falkenhelle sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter.

Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen Goethe, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte mau, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atems war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte.

Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebeuspriuzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt Cicero. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat Grillparzer in seinem dramatischen Märchen „Der Traum ein Leben“ packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind.

Der Mensch im Naturzustände vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.Seelenglaube und Traumleben berühren sich also nahe; der Tod wie der Traum mußten den Menschen auf das Dasein und die Fortdauer der Seele führen. Beim Tode verläßt die Seele den Körper für immer und schweift als Geist umher. Erscheint der Verstorbene dem Schläfer, so muß es seine Seele, sein anderes Ich, sein Trug- und Ebenbild sein, das mit dem Träumenden in Verbindung tritt. Mit dieser Vorstelluug, wo die fiemde Seele handelnd gedacht ist, hängt eine andere unmittelbar zusammen: Im Schlafe verläßt die Seele den Leib nur auf kurze Zeit; sie selbst ist jetzt die handelnde, sie kann Freud und Leid erfahren, mit Personen und Gegenständen verkehren, die ihr lieb sind oder ihr Angst und Furcht einflößen.

Je mehr der Mensch von der Wirklichkeit der Erlebnisse des Traumlebens überzeugt war, um so erklärlicher wird uns das Grauen, mit dem er diesem Rätsel gegenüberstand. Sein erstes Bestreben mußte sein, diese verwirrenden und beängstigenden Erscheinungen von sich fern zu halten: Abwehr wird der Anfang des Kultus gewesen sein. Auch beim Eintritte des Todes war das Grauen das naturgemäße Gefühl. Die Seele mußte widerwillig den Leib verlassen haben, feindlich mußte die Stimmung sein, in der sie vom Körper geschiedeu war; sie mußte nach der grausamen Logik des Naturmenschen auch dem Überlebenden zu schaden suchen: so entstand die Seelenabwehr. War aber die Seele persönlich gedacht, so mußte sie auch an den bescheidenen Freuden des Lebens teilnehmen; Essen und Trinken und was sonst den Menschen im Leben ergötzte, mußte auch die Seele gern haben, und so entstand die Totenpflege.

Die Aufgabe, den Verkehr mit den Seelen und Geistern zu vermitteln und dadurch über Leben und Gesundheit der Stammesgenossen zu wachen, mußte einer Person übertragen werden, die zugleich Arzt, Medizinmann und Zauberer war. Er mußte mit seinem Amte die Fähigkeit verbinden, die rätselvollen Vorgänge erklären zu können. So entstand die Traumdeuterei, die bis auf unsere Tage in Blüte steht, und da die Seele im Traume Dinge erlebt, die noch der Zukunft angehören, steht an der Schwelle des Glaubens neben dem Zauber auch die Weissagung.Da die Furcht das erregende Moment gewesen war, ist der ganze Seelenglaube mehr oder weniger in dumpfem Aberglauben und scheuer Gespensterfurcht befangen: sämtliche Naturerscheinungen sind Äußerungen des Zornes oder Wohlwollens der Toten. Himmel und Erde, Wald und Feld, Berg und Tal, das irdische Wasser und das himmlische Wasser der Wolke, alles ist beseelt von Scharen von Geistern:

Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.

Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut

Das ist in den allgemeinsten Zügen die Seelentheorie, wie sie allen Völkern eigen ist, in der das Leben, der Geist, der Atem, Träume und Visionen in einen gewissen Zusammenhang gebracht werden, um das eine durch das andere zu erküren. Selbst in den Sprachen der zivilisierten Völker finden wir noch ihre Spuren. Noch heute sagen wir: er ist außer sich, er kommt zu sich, und wenn er wirklich tot bleibt, bestätigen wir, er ist nicht mehr zu sich gekommen; in dem ersten Falle bezeichnen wir mit „er“ den geistigen, in dem anderen den leiblichen Menschen. Wenn das Volk sagt, „er“ geht um, meint es seinen Geist. In einer gesunden oder kranken Haut stecken, aus der Haut fahren, sind bekannte Redensarten. Das Wort Geist, das Bewegliche, bedeutet vielleicht den erregten und bewegten Lufthauch; west- und ost-germ. Seele gehört zu aitttos „beweglich, regsam“ und hängt mit dem Namen für See, got. saiws, zusammen: es ist nicht ausgeschlossen, für Seele an den sich bewegenden Atem zu denken. Ostgerm. und gehört zur Wurzel anan und vergleicht sich, lat. an-ima Luft, Wind, Atem. Auf dieselbe Wurzel geht auch ahd. ano, der Ahne, zurück. Der Ahn ist der Totliegende, Verstorbene, der ausgeatmet hat; auch nhd. „ahnen“, voraussehen, kann zu der Wurzel an gehören. Man faßte also die als Atem den Leib verlassende Seele als Wind, als Lufthauch auf. Darum glaubt man noch heute, daß sich beim Verscheiden eines Menschen die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen bewege, daß großer Sturm entstünde, wenn sich jemand erhängt habe, daß man ein Fenster oder eine Tür für die Seele öffnen müsse, wenn sie den Leib verlasse, und daß man eine Tür nicht stark zuschlagen dürfe, sonst klemme man die Seele ein.

Die Seele konnte auch als Rauch, Dunst und Nebel aufgefaßt werden; denn bei kaltem Wetter sah man für einen Augenblick den Atem als eine schwache Wolke, die zwar für das Auge alsbald wieder verschwand, von deren Gegenwart man sich aber durch das Gefühl überzeugen konnte. Auch beim Gähnen scheint der Glaube gewesen zu sein, daß aus dem weitgeöffneten Munde die Seele entfliehen könnte; heute gebietet der Anstand, die Hand vor den Mund zu halten, einstmals tat man es, um das Entweichen des Seelenhauche zu verhindern.

In Hersfeld dienten zwei Mägde in einem Hause; die pflegten jeden Abend, ehe sie zu Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube still zu sitzen. Den Hausherrn nahm das endlich wunder, er blieb daher einmal auf, verbarg sich im Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie die Mägde sich beim Tische allein sitzen sahen, hob die eine an und sagte:

„Geist tue dich entzücken
Und tue jenen Knecht drücken!“

Darauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in tiefen Schlaf. Da ging der Hausherr zu der einen, rief sie mit Namen und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging er davon und ließ sie; des Morgens darauf war diejenige Magd tot, die er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt hatte, blieb lebendig (D. S. Nr. 248). — In Kolmar hatte ein Kind die Eigenschaft, daß es an dem Orte, wo Tote lagen, immer ihre ganze Gestalt in Dünsten aufsteigen sah (D. S Nr. 261). — Die Tochter eines Bauern in Oldenburg pflegte nachts wie tot zu liegen. Als einst ein kundiger Handwerksbursch den Alkoven schloß, worin sie schlief, erblickte man die ausgefahrene Seele als eine Art Rauch oder Dunst, wie sie den Eingang suchte, bis der Verschlag wieder geöffnet wurde. Denn

s´ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:

Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.

Nachdem die Seele als der vom Körper entströmende Atem aufgefaßt war, wurde sie später um ihrer Feinheit und Unbemerkbarkeit willen mit einem Schatten verglichen. Der Geist oder das Gespenst, das der Träumende sieht, gleicht einem Schatten; während des Schlafes verläßt die Seele den Körper, wie während der Nacht der Schatten den Körper verläßt. Darum ist Schatten ein fast überall sich findender Ausdruck für Seele. Die Furcht vor den Schattenbildern schuf bei den Deutschen schemenhafte Gespenster (ags. scucca, ahd. scema); hagn, wovon Hagen gebildet ist, bedeutet die geisterhafte Erscheinung, Hagen ist das Gespenst vor allen andern; selbst die Hexe ist nichts anderes wie „die Schädigerin, die ein Gespenst ist“. Im Volksrätsel vom Schatten klagt der Schatten des Abgeschiedenen seinem verlorenen Menschenkörper nach:

„Da du lebtest, lebte auch ich,

Da hättest du gerne gefangen mich.

Nun bist du tot, nun hast du mich,

Und daß ich sterbe, was hilft es dich?“

Wer am Sylvesterabend seinen Schatten ohne Kopf sieht, stirbt im nächsten Jahre. Wer am Weihnachtsabend seinen Schatten doppelt erblickt, stirbt im nächsten Jahre. In der St. Markusnacht (25. April) kann man an der Kirchentüre die Schatten derer sehen, die demnächst sterben werden. — In Luthers Tischreden heißt es: Wenn ein Übeltäter zum Richtplatze geführt wird, soll ihm die Erde seines Schattens weggestocben oder weggestoßen werden und er selbst darauf Landes verwiesen werden. Ein Edelmann im Gefolge Kaiser Maximilians I. sollte in der Nacht einen Gefährten erstochen haben; sein blutiges Schwert war neben der Leiche gefunden. Der Angeschuldigte schwor, sein Schlafgemach jene Nacht nicht verlassen zu haben, und konnte nicht überwiesen werden. Man nahm an, der Teufel müßte die Schattengestalt des Angeklagten angenommen und die Tat verübt haben. Darum ward er gegen die Sonne geführt und hinter ihm seinem Schatten der Kopf abgestoßen. Diese Scheinhinrichtung, am Schatten vollzogen, wurde einer am Verbrecher ausgeübten für gleich gehalten. „Swaz ich im tuon, daz sol er minem schatten tuon‘, ist ein oberdeutsches Rechtssprichwort.

Da der Schatten dem Körper stets nachfolgt, wurde er als eine besondere rätselhafte Gestalt, als ein besonderer Geist gefaßt, der um das Wohl des Körpers liebend besorgt ist. So entwickelte sich der Glaube an die Schattengeister, Schutzgeister, die dem Menschen angeboren sind: sie begleiten ihn von der Geburt bis zum Grabe, warnen ihn in Gefahren sichtbar oder flößen ihm ein gewisses vorahnendes Vermögen ein. Diese Vorstellung, die allgemein heidnisch ist, wurde von der katholischen Kirche übernommen: alle Länder, alle Menschen haben Schutzheilige.

Tot und erkaltet liegt der Leichnam da, ohne jede Wärme, alle Tätigkeit und alles Leben ist erstarrt. Seitdem der Mensch an der Opferflamme des Zauberers die Wirkungen von Wärme und Kälte kennen gelernt hatte, lag es nahe, im lebendigen Leibe ein sanft loderndes Feuer anzunehmen, das den Körper beseelt und belebt, wie das verborgene Feuer die dunklen Reibhölzer und den geschliffenen Stein. Die Auffassung der Seele als Licht, Feuer ist daher jünger.

Die Feuermänner sind arme Seelen, die einst Grenzsteine verrückt oder sonst übles getan haben; sie erscheinen des Nachts entweder ganz feurig leuchtend oder nur feuerspeiend oder ziehen einen Feuerstreifen hinter sich her. Die Irrlichter, Irrwische, Heerwische hausen in Sümpfen und auf feuchten Wiesen, führen den Wanderer irre, leuchten ihnen aber auch bisweilen (D. S. Nr. 276, 283, 284). Wenn ein Licht von selbst auslöscht, stirbt jemand im Hause, ebenso wenn das Licht bei einer Leiche trübe brennt. Bekannt ist der Ausdruck, .einem das Lebenslicht ausblasen“. Wir pflegen noch beute den Kindern am Geburtstage soviel Lichter um den Festkuchen zu stellen und anzuzünden, wie sie Jahre zählen. In dem Märchen Gevatter Tod (K. H. M. Nr. 44) wird eine unterirdische Höhle erwähnt, worin tausend und tausend Lichter in unübersehbarer Reihe brennen. Das sind die Leben der Menschen, einige noch in großen Kerzen leuchtend, andere schon zu kleinen Endchen heruntergebrannt; aber auch eine lange Kerze kann Umfallen oder umgestülpt werden.

Nach der rohsten Auffassung ist der eigentliche Sitz der Seele das warme, feuchte Blut; nach seinem Ausströmen verläßt die Seele den Menschen. Blutsverwandte Menschen sind auch seelenverwandt: die das Blut aus demselben Blut haben, haben auch die Seele aus derselben Seele. Auch nach freier Wahl glaubt man die Blutsverwandtschaft erzeugen zu können, durch gegenseitige Aufnahme des Blutes, durch Blutmischung. Wer einen Teil des lebendigen Blutes mit einem zweiten tauscht, wird dessen wirklich blutsverwandter Bruder.

Bei den wilden Völkern ist der Blutbund noch heute üblich; Herodot erwähnt ihn bei den Skythen, Tacitus als armenisch-iberische Sitte. Auch bei den Deutschen finden sich dunkle Spuren dieser uralten Vorstellung. In dem mittelalterlichen Volksbuche „der Römer Taten“ , wird der Hergang auf das Genaueste beschrieben: Ein Ritter schlägt einem andern vor, mit ihm einen Bund zu schließen und sagt: Ein jeder von uns wird aus seinem rechten Arme Blut fließen lassen; ich werde dann dein Blut trinken und du meines, damit keiner den andern weder im Glück noch im Unglück verlasse, und was der eine von uns gewinne, der andere zur Hälfte mitbesitze. Im Walthariliede erneuern der Held des Gedichtes und König Günther das „blutige Bündnis“ (pactum cruentum, 1443). In den Teufelsbündnissen des Mittelalters spielt das Blut eine wesentliche Rolle. Das Schreiben mit Blut ist natürlich eine Zutat, die bei Verdunkelung des ursprünglichen Sinnes der Handlung wie so oft zur Hauptsache wurde. Auch den Hexen wird ein Blutzeichen aufgedrückt, wenn sie mit dem Teufel ein Bündnis eingehen. Im 16. Jhd. gestand eine Hexe zu Köln, daß sie der Teufel auf der Stirn geritzt und damit gekennzeichnet habe.

Die Seele in Tiergestalt

Die Seele, die den Leib verlassen hat, ist zum  Geist geworden. Menschen, denen die Rufe der Vierfüßler und Vögel wie menschliche Sprache erscheinen und ihre Handlungen, wie wenn sie von menschlichen Gedanken geleitet wären, schreiben ganz logisch den Tieren so gut wie den Menschen Seelen zu. Wie das Tier gleich dem Menschen von Mut, Kraft und Schlauheit beseelt ist, muß es auch von einer Seele belebt sein, die nach dem körperlichen Tode ihr Dasein fortsetzt. Diese Seele kann auch ein menschliches Wesen bewohnt haben, und somit kann das Geschöpf ihr eigner Ahne oder ein einst vertrauter Freund sein. Hierin beruht die Vorstellung, daß, da alles in der Welt lebendig ist, auch alles Lebendige seine Gestalt wechseln, sich verwandeln kann. Der Mensch kann auf einige Zeit zum Tiere werden, das Lebendige kann auch zum Steine oder Baume werden, scheinbar starr und leblos erscheinen, aber dennoch seine lebendige Menschheit im Innersten der unbeweglichen Masse bewahren. Die Märchen und die mythischen Sagen der kultiviertesten Völker bezeugen diesen Totemismus aller Orten.

Unter den Tiereu, in die sich die Seele verwandelt, nimmt die Schlange einen hervorragenden Platz ein. Ihr geräuschloses Gleiten, ihr stummes Züngeln, ihr plötzliches Erscheinen und Verschwinden, ihre stete Verjüngung, als welche die Ablegung der alten Haut und deren Ersetzung durch eine neue erschien, hatten etwas Geheimnisvolles und riefen die Vorstellung hervor, daß sie Alter und Tod nicht kenne, daß sie eine Art göttliches Wesen wäre. Ihr Leben in der Dunkelheit, das sie mit den spukhaften Seelen teilte, ihre Vorliebe für Schlupfwinkel, die sie in der Nähe der

Gräber wie in die Wohnungen der Lebenden führte, konnte dazu führen, die Schlange als die endlich vom Leibe ganz entwichene Seele zu betrachten, sie als den Wohnsitz der Seele anzusehen.

Der fränkische König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und dahin zerstreut; bloß ein einziger, sein liebster und getreuster. blieb noch bei ihm. Da befiel den König große Müdigkeit; er setzte sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoß und schloß die Augenlider zum Schlummer. Als er nun entschlafen war, schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief fort bis zu einem nahe fließenden Bach, an dessen Rand stand es still und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen Schoß er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein hinüber und ging hin zum Loche eines Berges, da hinein schloff es. Nach einigen Stunden kehrte es zurück und lief über die nämliche Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und sagte zu seinem Gesellen: „Ich muß dir meinen Traum erzählen und das wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen großen, großen Fluß, darüber war eine eiserne Brücke gebaut ; auf der Brücke gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren.“ Da erzählte ihm der Gesell alles, was er unter der Zeit des Schlafes gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung übereinstimmte. Darauf ward an jenem Orte nachgegraben und in dem Berg eine große Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin verborgen war (Pis. Diac. 3, 34; D. S. Nr. 428).

Anstatt eines Kindes wird eine Schlange geboren, diese aber solange mit Ruten gestrichen, bis sie sich in ein Kind verwandelt; es soll aber oft geschehen, daß die Schlange verschwindet, und alsdann findet sich kein Kind mehr. In einer adeligen Familie kamen alle Kinder mit einem Schlangengesicht oder in Schlangengestalt zur Welt. Sobald aber das Kind zum erstenmale gewaschen wurde, legte es das Schlangengesicht ab und entdeckte seine menschliche Gestalt. Denn solange das germanische Kind die heidnische Wassertaufe noch nicht erhalten hatte, mit der die Namengebung verbunden war, galt es als Seele; der Körper wurde als Gewand erdacht, das die Seele anzieht; durch einen Ring oder ein Seil wird nach deutschen Sagen die Verbindung zwischen Körper und Seele hergestellt. Man darf eine Schlange nicht töten, das bringt Unglück und kann das Leben kosten. Der Zisterzienser-Prior Cäsarius von Heisterbach (13 Jhd.) weiß, daß die Schlange als Schutzgeist mit dem Kinde zur Welt kommt, und daß das Leben des Neugeborenen an das ihre geknüpft ist. Im Spreewalde sagt man: jedes Haus hat zwei Schlangen, eine männliche und eine weibliche; aber sie lassen sich nicht eher sehen, als bis der Hausvater oder die Hausmutter stirbt; dann teilen sie ihr Los.

Das Schlangenpaar, das als Schutzgeist im Hause wohnt, sind die Seelen des Ahnherrn und der Ahnfrau des Geschlechts, die in dem Hause der Familie geblieben sind. Darum ist die Schlange von der Schweiz bis Niederdeutschland ein erwünschter Gast im Hause, den man nicht töten darf, soll dem Hause nicht großes Unglück widerfahren; vielmehr muß man sie mit Spenden, besonders mit Milch und Brot gewinnen. Auf der Türschwelle darf man nach bayerischem und voigtländischein Aberglauben nicht Holz spalten, weil die Hausotter darunter liegt.

Als die Seele, die ihren Schatz nicht hergeben will, ist die Schlange die Hüterin des Grabschatzes; nach süddeutschem Glauben trägt sie daher ein Schlüsselbund am Halse, im deutschen Märchen kehrt als ähnliches Symbol die Krone des Otternkönigs wieder. Gelingt es, der Schlange dieses Krönchen zu entwenden, so hat man entweder an diesem selbst einen unerschöpflichen Schatz, oder man zwingt den Schatzwächter zur Auslieferung eines solchen.

Aus dem Seelenglauben ist also ein Teil der Schatzsagen zu erklären. Dem Toten werden reiche Schätze mit in sein Grab gegeben; bei späteren Geschlechtern erwacht die Gier nach den nutzlos vermodernden Kleinodien; der Mensch überwindet das Grauen, steigt in das Grab hinab und holt sich den Schatz. Die gewaltige Scheu vor der lebhaft gebliebenen Vorstellung, durch das Einringen in sein Haus und in seinen Frieden die Seele des mächtigen Toten zu beleidigen, war es, die in Wirklichkeit den Schatz hütete; aber ihr mit menschlichen Waffen entgegenzutreten, war das Verwegenste, das die Phantasie erfinden konnte. Die Seele bewacht als Schlange oder in jeder anderen Tie’rgestalt den Hort, wie schon die alte Sage von König Guntram erzählt; um das ungeheure Wagnis hervorzuheben, werden die grellsten Farben aufgetragen, das Tier verwandelt sich in Drachen, Bären und andere Spukgestalten, und nur selten gelingt das Abenteuer. Nach jüngerer Sagenform erscheint die Seele selbst dem Menschen im Traume, nennt ihm den Ort im alten „verwünschten“ Schlosse, wo der Schatz liegt, sagt ihm voraus, wie alles kommen werde und bittet ihn, sich nicht zu fürchten. Sie werde als Schlange unter dem grauen Steine hervorkriechen, sich um ihn ringeln und ihn küssen wollen, und wenn er das ruhig ertrüge, so werde sie erlöst sein, ihm aber solle der Schatz gehören. Der Mensch verspricht alles, aber wenn der kalte Kuß nach ihm züngelt, schreit er laut auf; dann bleibt der Schatz ungehobeu, und die Seele wartet auf einen anderen Erlöser. Auch hier klingt noch das natürliche Schaudergefühl vor dem Toten nach. Besteht aber der Mensch die Probe, so daß die Seele erlöst wird, dann erhält er zum Danke den Schatz, und oft beschenkt ihn die schöne Jungfrau, die in die Schlange verwandelt war, auch mit ihrer Hand. Diese Sagen, in denen die Erlösungssehnsucht einer Seele so scharf ausgeprägt ist, verraten deutlich christlichen Ursprung, gehen aber wohl in die Zeit zurück, wo die Lehre vom Erlöser den heidnischen Deutschen zuerst bekannt wurde. Von einem zweiten Teile der Schatzsagen, der im Traumleben seine Erklärung findet, wird später die Rede sein.

Dieselbe Rolle wie die Schlange spielt auch wegen ihres Aufenthaltes in der Erde die Kröte. Noch vor 50 Jahren wurde ein Knabe, als er eine solche Kröte erschlagen wollte, .mit den Worten zurückgehalten: Du kannst nicht wissen, ob es nicht deine Großmutter ist. Zu Sylvester haben die armen Seelen Erlaubnis, zur Erde zu kommen, man darf dann keine Kröten und Frösche töten, weil es „verwunschene“ Seelen sind.

Zu einem Kinde kam täglich eine Hausunke aus einer Ritze hervorgekrochen, senkte ihr Köpfchen in die Milch und ah auch von dem Brote mit. Als aber die Mutter das gute Tier tötete, verlor das Kind seine schönen roten Backen und magerte ab. Nicht lange, so fing der Totenvogel an zu schreien, das Rotkehlchen sammelte Zweiglein und Blättlein zu einem Totenkranze, und das Kind lag auf der Bahre (K. H. M. Nr. 105).

C ä s a r i u s von Heisterbach berichtet eine der Sage vom Binger Mäuseturme völlig gleiche Erzählung:

Zu St. Gereon in Köln liegt ein Wucherer bestattet, dem das den Armen vorenthaltene Almosen sich in lauter Kröten verwandelte. Als ihm der Beichtvater auftrug, sich nackt in die Kiste zu legen, ward er bis auf die Gebeine aufgezehrt. Seitdem aber kam keine Kröte mehr über die Schwelle. Ursprünglich sind es die Seelen der betrogenen Armen, die den Geizhals zu Tode quälen.

Die Hauskröte, Unke, auch Muhme genannt, wohnt im Hauskeller und hält die hier verwahrten Lebensmittel in gutem Zustande. Dadurch kommt Wohlstand ins Haus, sie heißt daher auch Schatzkröte und wird darum als schützender Hausgeist mit Milch gefüttert.

Dieselbe Sage, die von König Guntram erzählt wird, kehrt bei einem Landsknechte wieder: nur ist es ein klein, weiß Tierlein, gleich einem Wiesel, das aus dem offenen Munde des Schlafenden herauskriecht; ,,die Landsknechte konnten erkennen, daß, was sie mit den Augen gesehen, ihm wirklich im Traume vorgeschwebt hätte“ (D. S. Nr. 455). In einer hessischen Sage ist die Gestalt der ausfahrenden Seele gleichfalls ein weißes Wiesel; in einer niedersächsischen schwebt die Seele als schattenhafte Maus umher. In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich anfangs des 17. Jhd. folgendes begeben:

Das Gesinde schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den anderen weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offenen Maule heraus ein rotes Mäuselein. Die Leute sahen es meistenteils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die anderen verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andere Stelle etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald danach kam das Mäuselein wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zu recht finden, verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb „mausetot“. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Todo der Magd auf (D. S. Nr. 247).

Ein Mädchen, das viel unter dem Alpdruck zu leiden hatte, beschloß, den Gegenstand zu fangen, der sie immer quälte. Sie legte sich daher jede Nacht so hin, duß sie die Hände über den Kopf zusammen hatte; ihre Mutter hielt im Nebenzimmer Wache. Als sie ihre Tochter ächzen hörte, ging sie mit einem Lichte in ihr Zimmer; das Mädchen, von dem Lichte erschreckt, ließ die Hände niedersinken und griff in der Gegend der Herzgrube ein kleines Tier. Ohne es zu besehen, steckte sie es in einen Strumpf und verschloß diesen. Bald darauf erfuhr sie, daß ihr Bräutigam gestorben wäre. In der Kirche, während der Leichenrede, wo der offene Sarg stand, zog sie zufällig den Strumpf aus der Tasche, den sie aus Versehen eingesteckt hatte, und aus demselben sprang eine weiße Maus; die lief hurtig in den Mund des Toten, und dieser wurde wieder lebendig. — Nach alemannischem Aberglauben muß man, wenn ein Kind mit offenem Munde schläft, ihn schließen, sonst möchte die Seele in Gestalt einer weißen Maus entschlüpfen. Jedem steht der Tod bevor, der von weißen Mäusen träumt; läßt sich eine weiße Maus im Wohnhause blicken, kündet sie hier einen Sterbefall an.

In der Sage vom Bingcr Mäuseturme siud die Mäuse, die Tag und Nacht über Bischof Hatto laufen und an ihm zehren, die durch den Rhein schwimmen, den Turm erklimmen und den Bischof lebendig auffressen, die Seelen der verbrannten armen Leute (D. S. Nr. 241). Die Sage ist über die ganze germanische Welt verbreitet, wird zuerst beiThietmar von Merseburg (Anfang des 11. Jhd.) erwähnt und ist im 14. Jhd. an Bischof Hatto und den Binger Wasserturin geknüpft. Andere Erklärer denken an den uralten Brauch, bei eintretendem öffentlichem Unglück (z. B. Hungersnot durch Mäusefraß) die Götter durch Opferung der Landeshäupter vermittelst Hängens zu versöhnen, oder an eine aus dem Orient eingeschleppte Hautkrankheit: die Wunden, die sich bildeten, wurden im Volksmunde als Mäusefraß erklärt, weil sie so aussahen. Der Rattenfänger von Hameln lockt durch sein zauberisches Pfeifen die als Ratten vorgestellten Kinderseelen hinter sich her und verschwindet mit ihnen im nahen Koppenberge (D. S. Nr. 244). Spätere Zeit hat statt der Seelen in

Tiergestalt die Kinder selbst zum zweiten Male eingesetzt und ein neues Motiv, das der Undankbarkeit der Bürger und der Rache des Pfeifers, dazu erfunden. Das Pfeifen des Seelenfängers kann auf den Wind Bezug haben, in dem die Seelen dahin fahren. „Den Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“, um von ihnen abgeholt zu werden. Möglich ist aber auch, daß seit dem 14. Jhd. die dramatischen und bildlichen Darstellungen von Totentänzen eingewirkt haben, bei denen der musizierende Tod den ihm verfallenen Menschen voraustanzt. Der geschichtliche Auszug der Bürger von Hameln zu einer unglücklichen Schlacht ist mit dem mythischen Zuge der Seelen zusammengeschmolzen, die ein dämonischer Spielmann in sein Totenreich, den Berg, lockt.

Auch Hexen nehmen daher Mausgestalt an. Peucer, Melanchthons Schwiegersohn, war durch die allgemeine Anschauungsweise seiner Zeit zu dem Glauben verleitet, er selbst habe bei einer besessenen Weibsperson den Teufel in Gestalt einer Maus unter der Haut hin und her laufen sehen. In der Walpurgisnacht sagt Mephistopheles zu Faust:

Was lässest du das schöne Mädchen fahren,

Das dir zum Tanz so lieblich sang?

und Faust erwidert: ,

Ach! mitten im Gesänge sprang

Ein rotes Mäuschen ihr aus dem Munde.

Als Faust stirbt, beklagt sich Mephisto darüber, daß es jetzt so viele Mittel gebe, dem Teufel die Seelen zu entziehen. Früher war es mit der Seele einfacher:

Sonst mit dem letzten Atem fuhr sie aus,

Ich paßt ihr auf und, wie die schnellste Maus,

Schnapps! hielt ich sie in fest verschlossnen Klauen.

War einmal der Gedanke der Verwandlung einer Seele in ein Tier geläufig geworden, so konnte diese Vorstellung bald auf alle Tiere und selbst auf Bäume und Blumen ausgedehnt werden. Da es im Grunde überall dieselbe Vor-stelluug ist, kann sich die Darstellung auf einige alte und besonders merkwürdige Beispiele beschränken.

In Thüringen und im Voigtlande sind die den Herd bewohnenden Heimchen Kinderseelen; Heimchen ist eine Ableitung von Heim und bedeutet Hausbewohner. Man nimmt an, daß das todweissagende Heimchen als Hainemännchen oder Hainchen für Claudius den Anstoß gegeben habe, den Namen der Verkleinerungsform zu entkleiden und seinen Freund Hain daraus zu bilden (s. u. Wodan Henno). Lärmen sie im Hause, so stirbt bald jemand; aber sie bringen auch Glück und Reichtum. Die Totengöttin Perchta ist von Heimchen, den Seelen der Gestorbenen, umgeben.

Auch als Katze erscheint die Seele in der Volkssage (D. S. Nr. 249).

Wegen ihres schnellen Entschwindens wird die Seele geflügelt, als Vogel oder Insekt gedacht. Althochdeutsche Glossen kennen den durch seinen schauerlichen Ruf einen nahen Sterbefall ankündigenden Vogel, der gern auf Friedhöfen weilt, die wilde Holztaube (got. hraiwadubo Leichentaube) und die E u 1 e. Hölzerne Tauben, auf Stangen gesteckt, die, wenn einer in der Fremde gestorben war, nach jener Richtung hin Kopf und Schnabel drehten, wo der Tote begraben lag, errichteten die Langobarden auf ihrem Grabfelde außerhalb der Stadt Pa via (Pis. Diac. 5, 34). Aschenbrödel pflanzt ein Reis auf der Mutter Grab, netzt es mit ihren Tränen, bis es ein schöner Baum wird, geht alle Tage dahin, weint und betet; und allemal kommt ein weißes Vöglein auf den Baum und wirft herab, was sie gewünscht hat (K. H. M. Nr. 21). Nicht der Baum beschenkt, sondern die ihn bewohnende Seele der verstorbenen Mutter; mit dem Vogel läßt sich die Seele der Mutter auf das Bäumchen des Grabes nieder; sie kündet auch dem Königssohn an, wer die rechte Braut ist. „Ein Vogel heißt Caradrius (Brachvogel); mit ihm kann man erfahren, ob ein Kranker sterben oder genesen wird. Wenn er sterben wird, kehrt sich der Caradrius von ihm; wenn er aber genesen wird, kehrt sich der Vogel zu dem Manne und nimmt des Mannes Unkraft an sich“ (ahd. Physiologus). Ahd. holzrüna, holzmuoja, holzfrowe bedeuten weibliche Waldgespenster; holzmuoja (got. raawi Mädchen), übersetzt, aber auch in ahd. Glossen die Eule (holzmowa), die als Unheil und Tod verkündender Vogel auch holzrüna hieß. Wenn ausdrücklich dabei von ihrer einer alten Frau ähnlichen Stimme die Rede ist, so weist das auf einen volkstümlichen Namen wie „Klagemuhme, Klagemutter“ oder bloß „Wehklage“ hin. Läßt sich die „Klagemutter“ abends sehen, so muß sterben, wer sie angreift. Die „Klage“ erscheint als ein den Tod vorhersagendes Gespenst; am Lechrain führen Eule und Käuzchen den Namen Holzweibl. Das bewegte abergläubische Gemüt glaubt bei ihrem Geschrei die Worte zu hören: „Komm mit! geh mit!“ Das Käuzchen setzt sich wochenlang vor des Kranken Fenster und ruft klagend „komm mit“, bis dem Sterbenden der letzte Atem ausgegangen ist. In Braunschweig geht das „Klageweib“ nächtlicherweile in Sturm und Regen auf den Wiesen um, ist in Linnen gehüllt und hat glue Augen; schwebt es mit klagender Stimme über ein Bauernhaus weg, so stirbt dort bald ein Insasse. Die Klagemutter, die auch als Eule erscheint, ist also die das Haus beschützende Ahnfrau, darum wird sie im Münchener Nachtsegen beschworen: „Klagemutter, gedenke mein zum Guten!“ Darum fliegt auch die Eule dem wütenden Heere vorauf; in Schwaben und Thüringen heißt sie Tutosei, Tuturschel, am Harz Ursula (D. S. Nr. 311), in Tirol Vogel vom Röschner (= Fuhrmann, Roßknecht); ihre Zugehörigkeit zur wilden Jagd ist also augenscheinlich. Im Märchen vom Machandel boom (K. H. M. Nr. 47) wird das von der Stiefmutter ermordete und verscharrte Kind in einen Vogel verwandelt, und Gretchen singt:

Mein Schwesterlein klein,

Hub auf die Bein,

Da ward ich ein schönes Waldvögelein.

Der Storch hieß ahd. odebero, mhd. odebar; das Wort wird als der Seelenbringer erklärt (ahd. atum, nhd. Odem) oder als der Glücksbringer (ahd. öt, Glück, Reichtum). Ein sehr alter Aberglaube, der schon von Gervasius von Tilbury (3, 73) erwähnt wird, ist der, daß die Störche nur bei uns in Vogelgestalt leben, in den fernen Gegenden aber, nach denen sie im Herbste abziehen, Menschen sind, die sich alle Jahre auf einige Zeit verwandeln. Dieser Glaube herrscht noch jetzt in Ostpreußen, Westfalen und in den Niederlanden. Fast allgemeiner Kinderglauben ist, daß der Storch die kleinen Brüder und Schwestern bringt; er holt sie mit seinem langen Schnabel au3 dem Wasser, dem Aufenthaltsorte der Seelen, und trägt sie den Menschen zu. Auf Rügen muß das Geschäft des Kinderbringens gewöhnlich der Schwan verrichten.

In Tirol sagt man für „Du hast damals noch nicht gelebt“ „Du bist noch mit den Mücken herumgeflogen“. Noch 1479 wurden die Insekten vom Bischof nach Bern vor Gericht geladen und es wurde ihnen ein Advokat gestellt. Als die Beklagten nicht erschienen, wurden sie dazu verurteilt, bei Strafe der Exkommunikation das Land zu räumen; sie wurden also wie Menschen behandelt. Die älteste Erzählung dieser-Art stammt aus dem 8. Jhd. (Pis. Diac. 6, 6; D. S. Nr. 404).

Außerordentlich weit verbreitet ist der Glaube, daß die Seele, die immer bereit ist, fortzufliegen und in einen anderen Körper zu fahren, sich in einen Schmetterli ng verwandele. Aber während er uns als holder Frühlingsbote lieb und willkommen ist und als ein Sinnbild der Fortdauer nach dem Tode erscheint, war es alter Volksglaube, daß Hexen und andere seelische Wesen die Gestalt von Schmetterlingen annehmen und in dieser Verhüllung einem ihrer Hauptgeschäfte, dem Verderben der Milch- und Buttervorräte, nachgehen. Schmetterling ist vielleicht abgeleitet vou nhd. Schmetten, Milchrahm, weswegen er auch Schmantlecker heißt. Auch seine anderen Namen stehen mit Milch, Butter, Molke in Beziehung. Er heißt Molkentöver (Molkenzauberer), Molkendieb, Milchdieb, Butterlecker; wegen seiner angeblichen Leidenschaft, die Milch aus den Eutern der Kühe zu ziehen oder von der Butter zu naschen, hat er auch den Namen Buttervogel, Butterfliege, wenn man auch später den Namen besonders auf die gewöhnliche gelbe Art (Zitronenfalter) beziehen mochte. Ein feindliches Wesen dieser Art meint der Züricher Segen gegen Verzauberung des Hausviehes; sobald sein Name genannt ist, wird es wie der Alp unschädlich :

„Wohlan, Wicht, daß da weißt, daß du Wicht heißest; daß du weder weißt noch kannst attssprechen Kuhbezauberung.“

Der Schmetterling heißt auch Ketelböter, Kesselheizer, weil er als nächtliches Wesen das unter dem siedenden Kessel brennende Feuer scheut. Schon im 6. Jhd. wird den suevi-schen Bauern in Asturien verboten, den Motten und Mäusen au einem bestimmten Tage Zeug und Brot auszusetzen, um sie für das ganze Jahr abzuspeisen und sie ,,wie einen Gott zu verehren“. (Martin von Bracara [Residenzstadt der suebischen Könige, Braga in Portugal], in seiner Bauernpredigt [de correctione ad rusticos K. 11], zwischen 572 und 574; s. u. Gottesdienst im Wirtschafts verbände). In Niedersachsen und am Niederrhein wird im Frühjahre das Gehöft dreimal umschritten, mit hölzernen Hämmern an die Pfosten geklopft uiid der Sommervogel, Süntevügel (geschwinder Vogel ?) oder Sullevogel (der an der Schwelle sitzende Vogel), d. i. der Schmetterling unter Hersagen eines altertümlichen, abwehrenden Spruches nebst den Schlangen und Molchen vertrieben. Die Schmetterlinge erscheinen als Verkörperungen der feindlichen Geister, die sich im Winter in Haus und Hof eingenistet haben und nun bei beginnendem Frühjahr in feierlicher Weise verjagt werden. Der Landraann sieht in ihnen verwandelte, Milchstehlende Hexen, und unterbliebe der Brauch, so würden sich im Sommer die Molkentöver bei den Milchnäpfen versammeln und das Haus würde von allem möglichen Ungeziefer geplagt werden.

Auch Pflanzen und Bäume sind der Wohnsitz der dem Menschenleibe entrückten Seelen.

Die Seelen Liebender oder unschuldig Gemordeter wandeln sich in weiße Lilien und andere Blumen, die aus dem Grabe oder aus dem hinströmenden Blute hervorsprießen. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wuchs eine stattliche Eiche hervor. König Marke läßt das treue Liebespaar Tristan und Isolde in zwei Särgen bestatten,

Doch eine Rose, einen Reben
Sah man sich aus den Gräsern heben
Und innig sich verschlingen.

Aus dem Grabe eines Erschlagenen erwuchs ein Rohrstengel; den schnitt ein Schäfer ab und machte eine Flöte. Aber wie er darauf blies, sang sie: 0 Schäfer fein, o Schäfer fein, du bläst auf meinem Beinelein, und so kam der Mord an den Tag (vgl. K. H. M. Nr. 28).

Harte Strafen waren den Baumschälern angedroht; denn der Wipfel stellte den Kopf, die deckende Rinde die Haut, der umwickelnde Bast die Eingeweide des Baumes, als eines beseelten, menschenartig empfindenden Wesens dar. Der frevelnde Mensch mußte mit dem entsprechenden Teile seines Körpers gut machen, was er an jenem gesündigt hatte. Heilige Bäume und andere Pflanzen bluten bei Verletzungen, als wären sie leibhafte Menschen. Walther Teil (III, 3) fragt seinen Vater, ob es wahr sei, daß die Bäume bluten, wenn man einen Streich drauf führt mit der Axt, und daß dem Frevler die Hand zum Grabe herauswachse. Allgemein herrscht der Glaube, daß der Hieb in den Baum und in den Leib des Ruchlosen zugleich gehe; ja, daß die Wunde am Leibe nicht eher heile, als der Hieb am Baume vernarbe. Umgekehrt können Gebrechen des Menschen durch den Baum ausgeglichen werden. Schon im 7. Jhd. eifert Eligius (588— 659) gegen den Brauch, durch einen hohlen Baum zu kriechen oder Tiere zu treiben.

So zieht man noch heute ein krankes Kind durch ein Weidenstämmchen und verbindet den Spalt wieder; sobald er verwächst, wird das Kind gesund. Für den so Geheilten ist es fortan gefahrvoll, wenn der mit ihm in Sympathie gebrachte Baum abgehauen wird; sein Leben geht mit dem des Baumes zugrunde. Stirbt der Mensch zuerst, so geht sein Geist in jenen Baum über, und wird der letztere nach Jahren zum Schiffsbau benützt, so entsteht aus dem im Holze weilenden Geiste der Klabautermann, d. h. der Kobold oder Schutzgeist des Schiffes und der Schiffsmannschaft. Ist die Seele des Verstorbenen in den Baum übergegangen und hat sie ihn gleichsam mit menschlichem Leben erfüllt, so daß Blut in seinem Geäder umläuft, so läßt sie sich zugleich aber noch außerhalb des Baumes, in dessen Nähe, als Schatten in Tier- oder Menschengestalt sehen. Ihr Anschauen verursacht Krankheiten und Plagen, wiederum verhüllte Anblick von Geistern stets Gefahr bringt. Wird sie durch Vernichtung des Baumes frei, so vereinigt sie sich mit dem Winde und tobt in der wilden Jagd daher. Darum nimmt der Schutzgeist des Einzelnen wie der ganzer Geschlechter in einem Baume Wohnung. Dem jungen Paare werden bei der Hochzeit grüne Bäume vorangetragen, und ein grüner Baum prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in die neue Heimat führt: es ist der Schicksals- oder Lebensbaum der jungen Leute, der aus dem heimatlichen Boden verpflanzt künftig auch in dem neuen Wohnsitze grünen, wachsen und Früchte bringen soll. Der Fortreisende verknüpft sein Leben sympathetisch mit einer daheirableibenden Pflanze.

Im Märchen von den zwei Brüdern (K. H. M. Nr. 60) stößt der fortziehende sein Messer in den Baum vor der Tür des Vaterhauses: solange es nicht roste, sei das ein Zeichen, daß er selbst gesund sei wie der Baum. Im Märchen von den Goldkindern (K. H. M. Nr. 85) lassen die beiden Jünglinge, als sie ausziehen, um die Welt zu sehen, ihrem Vater ihre beiden Goldlilien zurück: an ihnen kannst du sehen, wie es uns ergeht; wenn sie frisch sind, befinden wir uns wohl; wenn sie welken, sind wir krank; wenn sie abfallen, sind wir tot.

Wiederholt war die Rede davon, daß die Seele, die den Körper verlassen und Tiergestalt angenommen hat, die Zukunft kennt. Noch heute glaubt man z. B., daß der Hund besonders den Tod wittert, den Leichenzug sieht und durch sein Heulen bevorstehendes Unglück des Hauses anzeigt. Wenn das Pferd die Mähne sträubt und ängstlich tut, sieht es einen Leichenzug. Ein über den Weg laufender Hase oder eine Katze bedeutet Unglück, eine begegnende Schafherde Glück.

Ein alter Zug in den Märchen ist, daß die Tiere, besonders die Vögel, sprechen und die Zukunft vorauswissen. Fast unübersehbar ist die Reihe der hierher gehörenden abergläubischen Vorstellungen. Aber das Volk weiß nicht mehr, daß die Seele des Verstorbenen, die in Tiergestalt erscheint, Glück und Unglück bringen kann, sondern schreibt den Tieren selbst den Einfluß auf den Menschen zu.

Auch im Traum erscheint die Seele, die den Leib verlassen hat, dem Menschen in Tiergestalt und offenbart ihm die Zukunft.

Kriemhild träumt, ehe sie noch von Siegfried etwas vernommen hat, wie ein schöner, starker Falke, den sie gezogen, von zwei Aaren (Günther und Hagen) ergriffen wurde. Ihre Mutter Ute deutet dieses auf einen edlen Mann, den Kriemhild bald verlieren werde (N. L. 13 ff.).

In dem ältesten deutschen Romane, dem Ruodlieb (um 1030), siebt die Mutter des Helden im Traume zwei Eber und eine große Anzahl von Säuen mit ihren Hauern drohend auf Ruodlieb eindringen, doch er tötet sie alle. Dann sieht sie ihn auf einer hohen, breitwipfligen Linde sitzen, umgeben von den kampfbereiten Seinen. Da kommt eine schneeweiße Taube, d. h. die Seele der ihm bestimmten Königstochter, bringt Im Schnabel eine kostbare, edelsteingescbm&ckte Krone und setzt sie Ruodlieb auf das Haupt. Obwohl die Mutter wußte, daß damit Ehre verkündigt wäre, fürchtete sie doch, da sie aufgewacht war, ehe der Traum zu Ende war, daß sie vor seiner Erfüllung sterben müßte (17, 85—128). Die Verkündigung des Geschickes im Traum ist ein beliebtes Motiv der mhd. Dichtung; oft ist es ein Engel, der dem Träumenden Befehle gibt, ihn warnt, an seine Pflicht erinnert und gutes Ende voraussagt. In ganz Deutschland Anden sich noch heute auffallend übereinstimmende Traumdeutungen. Läuse und anderes Ungeziefer bedeuten Geld, ein Wagen mit Schimmeln, oder Schimmel überhaupt, weiße Mäuse bringen Tod. Leichen bedeuten eine Hochzeit, eine Hochzeit hingegen Leichen, und zwar sterben die, die man als Brautleute gesehen hat.

Der Glaube, daß sich gewisse Menschen durch natürliche Begabung oder durch magische Künste auf eine Zeitlang in wilde Raubtiere verwaudeln können, ist über die ganze Welt verbreitet. Der Werwolf, das uralte Geschöpf westarischer Phantasie, lebt bis auf den heutigen Tag im europäischen Volksglauben fort. Es ist dieselbe Vorstellung, die wir bei den Naturvölkern Asiens und Afrikas vorfinden, nur daß hier statt des Wolfes das Raubtier ihrer Heimat, meist der Tiger oder die Hyäne eingesetzt ist. Mit dem Glauben, daß eine Seele nur vorübergehend den Menschen verläßt, um in der Zwischenzeit in einem Tiere ihren Sitz zu nehmen, und mit der Meinung, daß die Menschen nicht eingestaltig sind, sondern in Tiere verwandelt werden können, scheint eine Art Geisteskrankheit, die Lykanthropie, zusammen zu häugen. Der von dieser wahnsiunigen Täuschung Ergriffene wähnt sich zum Wolf verwandelt, ahmt tierische Bewegungen und Laute nach und fällt mordsüchtig lebende Wesen an.

Ahd. Weriwolf, in Passauer Urkunden des 9. Jhd., ags. werewulf, engl, werewolf bedeutet Mannwolf: der Werwolf ist ein in Wolfsgestalt gespenstisch umgehender Mann. Die neueste Erklärung ,,Kleidwolf Wolf, der es erst durch sein Gewand geworden ist“ (nhd. wariwulf, got. wasjan. as. werian, kleiden) ist nicht haltbar. Bonifatius verbietet, an Hexen und Wölfe zu glauben, die nur in der Einbildung leben. Bei Bure har d, Bischof von Worms (f 1025), heißt es von den Schicksalsgöttinnen, daß man glaube, sie könnten einen Menschen zu dem bestimmen, was sie wollten, daß nämlich ein solcher sich nach Belieben in einen Wolf verwandeln könne, was die Torheit der Menge Werwolf nennt, oder in irgend eine andere Gestalt. Ein oberdeutscher Beleg des 13. Jhd. findet sich bei Berthold von Regensburg, der unter den Vergehen wider das fünfte Gebot auch die Taten des Werwolfes aufzählt. Gervasius von Tilbury sagt: wir haben oft Menschen sich in Wölfe verwandeln sehen, welche Menschen die Gallier „gerulfi“ nennen, die Angeln aber ,,werewolf“; denn were bedeutet auf englisch einen Mann, ulf den Wolf; er gibt also bereits eine Erklärung des Namens, und diese älteste Deutung wird auch die richtige sein. In den Gesetzen König Knuts (11. Jhd., Nr. 26) wird den Priestern befohlen, die Herde vor dem Werwolf (gemeint ist der Teufel) zu hüten.

Ein Mann, der aus seinem Erbe vertrieben war, irrte in den Wäldern umher, und wurde aus Verzweiflung zum Wolf, verschlang Kinder und beschädigte auch Alte. Endlich wurde ihm einmal von einem Zimmermanne ein Fuß abgehackt, und sofort bekam er seine menschliche Gestalt wieder. Er versichert darauf öffentlich, daß ihm der Verlust des Fußes vom größten Heile sei, da ihn derselbe vom irdischen Elend und den jenseitigen Folgen seiner Tierverwandlung befreit habe (Gerv. v. Tilb.). Im Jahre 1589 gestand ein Mann aus der Nähe von Köln, zwanzig Jahre lang eine teuflische Buhle gehabt zu haben, diese habe ihm einen Gürtel geschenkt, durch den er zum Wolf geworden sei; in dieser Gestalt habe er fünfzehn Knaben, zwei Weiber und einen Mann gewürgt, jedoch nur das Gehirn von ihnen gegessen. — Ein Schäfer wurde von einem Wolfe angefallen und hieb ihm mit dem Beil in die Hüften. Darauf fand er im nächsten Busch ein Weib aus dem Dorfe, das ihm spinnefeind war, wie sie mit den Fetzen ihres Rockes eine starkblutende Wunde stillen wollte. Die Hexe wurde verbrannt (D. S. N. 213—215). — Einem Bauer in Niederselk begegnete auf dem Felde eine alte Wölfin, die sprang immer auf sein Pferd zu, um es am Halse zu packen. Da kam dem Bauer ihre Stimme bekannt vor und er rief: „Btist du dat, min olle Möhm, odder büst du dat nich?“ Da stand seine eigene alte Mutter in leibhaftiger Gestalt vor ihm und konnte kein Glied röhren. Der Bauer hob sie auf seinen Wagen und brachte 9ie nach Hause. Es dauerte aber nicht lange, so starb sie.

Noch in unseren Tagen sind Sagen vom Werwolf, besonders im Norden und Nordosten Deutschlands, lebendig. Der Gestaltenwechsel ist in naiv sinnlicher Art gedacht als das Hineinschlüpfen in eine andere Hülle, oder die Menschen legen einen Gürtel aus Wolfsfell an und werden zu diesen Tieren mit deren wilden Eigenschaften Die Verwandlung dauert gewöhnlich neun Tage, die mythische alte Zeitfrist. Wirft man am zehnten Tage Eisen oder Stahl über einen Werwolf, so wird er in seine nackte Menschennatur zurückgewandelt. Er wird auch wieder zum nackten Menschen, wenn man ihn dreimal bei seinem Namen ruft. Diesen Glauben berührt auch Goethes Zigeunerlied in der Bühnenbearbeitung des Götz (5. Aufzug).

Man erkennt einen Menschen, der ein Werwolf ist, daran, daß er Faseru zwischen den Zähnen hat (diese rühren von den zerrissenen Kleidern her) oder an den zusammengewachsenen Augenbrauen, oder er hat am Kreuz ein Wolfsschwänzchen oder auf dem Kopfe zwei Wirbel. Die Werwölfe hausen in den Zwölften; man darf in dieser Zeit den Wolf nicht mit seinem Namen nennen, sondern nur „das Gewürm oder Ungeziefer“, sonst wird man von Werwölfen zerrissen. Ein Bauer soll einmal sogar seinen Pfarrer, der Wolf hieß, in dieser Zeit „Herr Ungeziefer“ angeredet haben.

Eine Abart des Werwolfs ist der Böxenwolf; das ist ein Mensch, der mit dem Teufel im Bunde steht und durch Umschnallen eines Gürtels ein riesenstarker Wolf wird, um andere Leute zu quälen. Besonders liebt er es, wie die Mare oder der Alp, dem Menschen auf den Rücken zu springen und sich eine Strecke weit tragen zu lassen. In Westfalen, Hessen und im Schaumburgischen gibt es kein Dorf, wo sich nicht jemand fände, dem dies schon begegnet sein soll. Der Name scheint auf das plattdeutsche böxen — Hosen — zurückzuführen und einen Wolf zu bezeichnen, der Hosen trägt, also einen männlichen Werwolf.

Nicht immer ist der Werwolf ein verwandelter lebender Mensch, sondern ein dem Grabe in Wolfsgestalt entstiegener Leichnam. Der Werwolf hat im Grabe keine Ruhe und erwacht wenige Tage nach der Bestattung. Dann wühlt er sich, nachdem er das Fleisch von den eigenen Händen und Füßen abgefressen hat, um Mitternacht aus dem Grabe hervor, fällt in die Herden und raubt das Vieh, oder steigt in die Häuser, legt sich zu den Schlafenden und saugt ihnen das warme Herzblut aus; nur eine kleine Bißwunde auf der linken Seite der Brust zeigt die Ursache ihres Todes an. In diesen Sagen ist deutlich die Vorstellung von der Verwandlungsfähigkeit der Seele mit dem unheimlichen Glauben an den blutsaugenden Alp verbunden.

Die Seele in Menschengestalt

Germanenherz Toto Haas Thule Gesellschaft Die ursprüngliche Vorstellung, daß eine entkörperte Seele mit dem Schlafenden in Verkehr tritt, mußte zu der Überzeugung führen, daß der Verstorbene in Menschengestalt wieder erscheinen könnte, um zu ermuntern oder zu quälen, zu warnen oder zu benachrichtigen, oder um die Erfüllung seiner eigenen Wünsche zu fordern. Diesen Zusammenhang von Seelenglauben und Traumleben bestätigt die Sprache selbst. Ahd. troc, as. gidrog = dämonisches Wesen, wurde ursprünglich nur von Toten gebraucht, die im Traume erschienen; das Wort Traum hatte anfangs nur die Bedeutung Toteutraum. Zugrunde liegt die idg. Wurzel dhreugh „schädigen“; der Draug (urgerm. draugaz) ist also das Unheilstiftende Wesen. Der Zustand aber, in dem die Seele von den Unholden heimgesucht wurde, hieß urgerm. draugwmös „Traum“. Später überwiegt mhd. gespenste (ahd. gispanst) „Verlockung, teuflisches Trugbild“, ein Verbalabstraktum zu spanan „locken“ (lit. spéndziu „Fallstricke legen“). Die ursprüngliche Konstruktion des Verbums „träumen“ zeigt noch deutlich den Glauben an die Wirklichkeit der Traumwelt: Die Person, von der nach unserer Anschauungsweise geträumt wird, galt im Altertum als die erzeugende Ursache des Traumes; man sagte nicht bloß unpersönlich „mich träumte“, sondern „der Mann hat mich geträumt“: offenbar wird das Traumbild noch als ruhestörende, beängstigende Erscheinung gedacht. Schon im ahd. wurde die Passivität des Traumzustandes minder lebhaft empfunden: es hieß „mir troumte“; und als endlich das aufgeklärte Bewußtsein die völlige Subjektivität der Traumerscheinungen erkannte, sagte man stolz: ich habe geträumt.

Im allgemeinen gilt das Wiedererscheinen als ein Unglück oder eine Strafe, nicht nur unheimlich und störend für die Lebenden, sondern auch als Quai für die Toten. Die Wiedergänger erscheinen in menschlicher Gestalt, grau, schattenhaft schwebend, meist im Leichenge wände. Selbstmörder haben im Grabe keine Ruhe; Meineidige, Scheidengänger (Grenzsteinverrücker), Geizige, Wucherer, Hartherzige, Ungetreue und die, die mit einer nicht gesühnten und nicht selbstbekannten Sünde gestorben sind, müssen als Spukgeister erscheinen. Ein vergrabener Schatz läßt dem Toten keine Ruhe, bis er gehoben ist. Eine unvollendete Arbeit, ein nicht erfülltes Versprechen treibt ihn auf die Oberwelt zurück.

Ein Kind hat von der Mutter zwei Heller bekommen, um eie einem armen Manne zu geben, aber für sich behalten und in die Dielenritzen versteckt. Nach seinem Tode kommt es alle Mittage gegangen und sieht ängstlich nach den beiden Hellern, bis sie endlich von den Eltern gefunden und den Armen gegeben werden (K. H. M. Nr. 154). Doch behalten die Seelen auch nach dem Tode ihre menschliche Beschäftigung bei: die Geister der Gefallenen kämpfen über den Schlachtfeldern weiter, z. B. über den kata-launischen Gefilden die Hunnen und die Westgoten. Der Geist der toten Mutter kehrt wieder, um sich der vernachlässigten Kinder gegen die böse Stiefmutter auzunehmen; Mutterliebe ist stärker als der Tod (K. H. M. Nr. 11; 18). Aber es stört auch die Ruhe des Toten, wenn er zuviel beklagt und beweint wird. In der rührenden thüringischen Sage vom Tränen-krüglein bittet das Kind die Mutter, vom Weinen abzustehen. Im Märchen kann das Kind vor den Tränen der Mutter im Sarge nicht oinschlafen: das Totenhemdchen wird nicht trocken vor all den Tränen, die darauf fallen (K. H. M. Nr. 109).

Dem milden, versöhnenden Glauben, daß die Liebe auch die Pforten des Todes und der Hölle überwindet, steht die finstere, grausige Anschauung gegenüber, daß die Tränen der Braut, die über das Ableben des Geliebten in den Volksliedern meist unaufgeklärt ist, den Verstorbenen aus dem Grabe locken: er holt die Braut auf seinem Rosse und führt sie im gespenstischen Ritte in sein Totenreich. Das ist der volkstümliche Hintergrund von Bürgers Lenore.

Wie die ahd. Glossen „necromantia = hellirüna“ oder „dohot-(döt) runa, d. i. Höllenzauber, Totenzauber“ und „morti-feri cantus seu spani, d. i. Lockung“ zeigen, kannten die Deutschen Zaubergesänge, die den Toten aus dem Grabe zurückrufen konnten, um die Zukunft zu offenbaren oder durch Zauber Böses zu wirken. Noch heute kann man durch Zauberkunst die Seelen der Toten beschwören und herbeirufen, daß sie sichtbar erscheinen oder hörbar antworten müssen. Der Kuudige geht des Nachts auf den Kirchhof, ruft den jüngst beerdigten Toten und legt ihm Fragen vor, meist über geschehene Diebstähle und verborgene Schätze.

Umgekehrt kannte die Vorzeit ein mit Runeuzauber verbundenes Totenlied, den sisu (Geflüster), das den Geist des Verstorbenen an der Rückkehr auf die Erde verhindern sollte. Diese leise mit gedämpfter Stimme gesungenen Zauberlieder, die den Geist des Toten bannen sollten, waren mit Tanz und Opfer verbunden und wurden teils bei der Leichenwache, teils bei der Bestattung selbst angewandt. Der Indiculus (Nr. 2), eine Instruktion für Königsboten und Missionare von ca. 800, verbietet diese Totenlieder, dädsisas, und Abt Regino von Prüm (f 915) schilt sie „Teufelsgesänge“. Noch heute glaubt man, die plagenden Spukgeister bemeistern und in wüste Orter tragen und bannen zu können. Schon im 13 Jhd. zieht, wie noch heute, der Beschwörende einen Kreis auf dem Boden, steht selbst mitten im Kreise und zwingt die armen Seelen zum Erscheinen, um sie dann auf einen sumpfigen Ort zu bringen (Münch. Nachtsegen). Das Ziehen des Kreises war ursprünglich eine rechtssymbolische Handlung. Der Schläfer denkt den Kreis um sich und sein Haus gezogen, zum Schutze vor dem nächtlichen, quälenden Gesindel.

Der Aufenthaltsort der Seelen

Nachdem die Seele oder der Geist beim Tode den Körper verlassen hat, hält er sich in der Nähe des Grabes auf, wandelt auf der Erde oder fliegt in der Luft umher oder zieht in das eigentliche Geisterreich. Unter den Boden, unter die Schwelle grub man den Toten ein, um dem Hause einen Schutzgeist zu sichern. Der beliebteste Sammelplatz der Seelen ist der Altar des Hauses, d. h. der Herd, die uralte Begräbnisstelle. Norddeutsche Bauern erinnern sich noch, daß an den Ufern des sumpfigen Drörnling der Eintrittsort in das Land der abgeschiedenen Seelen war. Das Schauspiel der in die Unterwelt versinkenden Sonne rief den Glauben hervor, daß das Seelenheim im fernen Westen gelegen wäre. England, die Gegend des Sonnenunterganges, galt dem germanischen Altertum als das Land der Toten. Procop, der Geschichtsschreiber des gotischen Krieges, hat im 6. Jhd. einen ausführlichen Bericht aufgezeichnet (IV, 20):

An der Küste, die Britannien gegenüberliegt, befindet sich eine große Anzahl von Dörfern, deren Bewohner von Fischfang, Ackerbau und Schifffahrt nach Britannien leben. Sie sind den Franken untertan, zahlen aber keinen Tribut, da sie von alters her die beschwerliche Pflicht haben, abwechselnd die Seelen der Verstorbenen Überzusetzen. Vor Mitternacht merken sie, wie es an ihre Türen klopft, und hören die Stimme eines Unsichtbaren, der sie an die Arbeit ruft. Sogleich stehen sie auf, ohne sich zu besinnen, und begeben sich an den Strand, durch eine unbekannte Gewalt angetrieben. Dort finden sie Kähne vor, zur Abfahrt bereit, aber ganz menschenleer. Es sind das nicht ihre eigenen, sondern fremde Fahrzeuge. Sie steigen hinein und greifen zu den Rudern. Dann fühlen sie, wie die Schiffe durch die Menge der Mitfahrenden so schwer belastet werden, daß sie bis an die Deckbalken und die Rudereinschnitte im Wasser liegen und kaum einen Finger breit daraus hervorragen; aber zu sehen ist niemand. In einer Stunde schon sind sie am anderen Ufer, während ihre eigenen Boote die Überfahrt nicht unter einer Nacht und einem Tage machen. Am jenseitigen Strande entleert sich das Schiff und wird so leicht, daß nur noch der Ifiel die Wellen berührt. Sie sehen niemand auf der Reise, niemand bei der Landung, aber hören eine Stimme, die von jedem neu Ankommenden Namen, Stand und Herkunft ausruft; bei Frauen wird der Name dessen ausgerufen, dem sie im Leben angehörten. — Bis ins 13. Jhd. war die Erinnerung an ein britannisches Totenreich in Deutschland lebendig.

Deutsche Sagen wiederholen noch heute das Thema, wie die Mare aus Engeland über das Meer herüberkomme; da hört die von Heimweh Erfüllte von England her die Glocken klingen, noch einmal will sie ihre Mutter sehen, sie schmeichelt dem Manne den Urlaub ab und verschwindet, oft mit dem Rufe: „wie klingen die Glocken in Engeland“. Da aber die Seelen des heidnischen Volksglaubens in christlicher Zeit häufig in Engel übergingen, ist es nicht ausgeschlossen, daß das himmlische Totenreich als Engelland bezeichnet wurde.

Eine besonders von den Seelen heimgesuchte Stelle sind, wie bei den Indern, Griechen und Römern, auch die Kreuzwege, vermutlich alte verlassene Begräbnisplätze. Sie sind daher der Sitz des mannigfachsten Zaubers. Schon Eligius verbietet das Lichtanzünden an Kreuzwegen.

Floh der Lebenshauch aus dem erstarrten Körper, so schwebte er in die Luft empor, und die Seele flog mit dem wütenden Heere einher. War der Sturm als die Vereinigung von Seelen gedacht, so mußte den Geistern, während der Wind ruhte, ein bestimmter Ruheort zugeschrieben werden. Aus den Bergen bricht der Wind hervor, im Berge verweilte der Windgott Wodan, so wurden die Berge zum Seelenheim. Der Indiculus  verbietet die Opfer auf Steinen, Felsen und Bergen; denn in Bergen und Höhlen hausten die Seelen der Verstorbenen und kamen zu bestimmten Zeiten daraus hervor. Der Rattenfänger von Hameln lockt die Seelen der Kinder zu den Unterirdischen in den Koppenberg. In den Venus- und Hollenbergen verschwindet die wilde Jagd, und oft hört man das Heulen und Wimmern der Seelen aus dem Berge. Bei Worms wurde einst einige Tage hindurch eine große bewaffnete Menge von Rittern gesellen, die aus einem Berge herauszog und wieder dorthin zurückkehrte. Endlich näherte sich einer von den Bewohnern ängstlich dem Heere und redete einen daraus an. Da ward ihm die Antwort:

„Wir sind nicht, wie ihr glaubt, bloße Einbildungen, noch eine Schar Soldaten, sondern die Geister der verstorbenen Ritter.“

Auch ein Graf, der vor wenigen Jahren getötet war (1117), wurde in dem gespenstischen Zuge wahrgenommen. Im Münchener Nachtsegen werden allerlei biblische Stellen zitiert, um die Schwarzen und Weißen, die die Guten heißen, d. h. die alten Hausgeister abzuwehren; denn auch sie können schaden, wenn sie erzürnt sind. Zwar sind sie nach dem Blocksberg ausgewandert uud haben dort ihren ständigen Sitz; aber sie sind beleidigt und gekränkt dem Christentum gewichen, d. h. nach der Anschauung des Volkes in den Berg entrückt; und wenn sie des Nachts zum Hause zurückkehren, muß der im Bette liegende Schläfer ihren Zorn fürchten und versuchen, ihren feindlichen Einfluß abzuwehren.

In den Bergen ist auch der Wohnsitz der Lieblinge der deutschen Volksdichtung. Karl der Grosse ruht im Desemberge bei Paderborn oder im Unterberge bei Salzburg, Heinrich der Erste im Sudemerberge bei Goslar. Der im els&ssischen Bergschlosse Geroldseck (richtiger: in dem Wasserschlosse Geroldseck an der Saar) hausende Siegfried ist von dem Dichter Moscherosch (f 1669) erfunden, ebenso das Fortleben des Ariovist, Hermann und Widukind im Hügel Babilonie in Westfalen (D. S. Nr. 21). Nach dieser Vorlage hat dann unser Jahrhundert weiter gearbeitet; im Fichtelgebirge weilt Erzherzog Karl von Österreich, in der Sarner Scharte oder im Iffinger lebt Andreas Hofer fort und wird einst wieder erscheinen.

Obwohl die Darstellung auf das wütende Heer bei Wodan zurückkommen wird, sei doch schon bemerkt, daß es noch im 13. Jhd., im Münchener Nachtsegen, Wütanes her genannt wird. Wütendes Heer ist also entstellt aus Wutens-heer = Heer des Wuotan. Der Nacht- und Windgott ist in ältester Zeit bereits mit den im Sturme einherfahrenden Seelen in Verbindung gebracht und das Toteuheer nach dem Führer benannt. Der nächtliche Schrecken des wilden Heeres wird noch durch die Begleitung anderer entfesselter Naturgewalten gesteigert, durch den aus schwarzen Gewitterwolken hervorleuchtenden Blitz. Glözan und Lodevan, Wütan und Wütanes her werden im Münchener Nachtsegen abgewehrt: ihr sollt von hinnen gehn 1 Glö-zan. Feuerzahn, (mhd. gelohe Flamme, ahd. mhd. zan Zahn) soll der Blitz sein; Lode-van (mhd. lode Zotte, ahd. ludo zottige Decke) soll Zottelfahne bedeuten, und unter der zottigen Fahne sei die Wolke zu verstehen; wahrscheinlich aber sind Gloczan und Lodowan slavische Namen.

In demselben Segen werden Herbrot und Herebrant aufgefordert, in ein anderes Land auszufahren. Auch diese beiden Namen, wovon Herbracht in einer oberdeutschen Beschwörung als ein den Augen feindlicher Krankheitsdämon, und Heribrand in westfälischem Aberglauben als Feuerdrache, in Mecklenburg als Herddämon wiederkehrt, den ein geweihter Kesselhaken vertreibt, scheinen mit dem wilden Heere zusammen zu hängen. Sie sind kaum die bekannten Heroennamen Hildebrand und Hadubrand, auf mythische Geister übertragen. Herbrot ist der im Gebälk des Hauses wohnende und auf Plünderung ausziehende Hausgeist und vergleicht sich dem bekannteren Ausdruck Heerwisch. Wird von einem Baume, der „Feuer in sich birgt“, d. h. den der Blitz versehrt hat, ein Balken zum Bau verwendet, so brennt das Haus ab. Wenn der Herbrand in ein Haus fällt, so brennt dieses nach sieben Jahren ab. Vielleicht ist Herbrot das Femininum dazu. Neuerdings erklärt man etwas gekünstelt Herbrant als die Brandstiftungen des einbrechenden feindlichen Heeres, und Herebrort als die Vorhut, die nächtlicherweile verheerend einfällt, sieht also in den Namen nur poetische, nicht mythische Beziehungen.

Der Seelenkultus

Verschiedene Gebräuche der Seelenabwehr sind über den ganzen Erdkreis verbreitet. Zu gleichen Zwecken hat der Mensch überall Vorkehrungen getroffen, um die spukende Seele zu vertreiben oder unschädlich zu machen. Die Geister und Gespenster scheuen den nackten Menschen. Wer von bösen Träumen heimgesucht wird, kann sich dagegen wehren, wenn er beim Schlafengehen sich in der Mitte der Stube ganz entkleidet und rückwärts zu Bette geht. Nach einem Todesfälle werden sogleich die Fenster geöffnet, damit die Seele nicht länger im Hause bleibt. Die Töpfe werden umgekehrt, damit die Seele nicht irgendwo unterschlüpfen kann. Hinter dem Sarge her wird die Stube ausgekehrt, um das Wiederkommen zu verhüten, oder man gießt, wie schon zur Zeit Burchards von Worms schweigend unter die Totenbahre, so heute der Leiche einen Eimer Wasser nach, dann kann sie nicht umgehen. Auf großen Umwegen wird die Leiche nach dem Kirchhofe gefahren, damit der Tote den Weg nicht zurückfindet. Der Wunsch, die Rückkehr des Verstorbenen zu verhindern und zugleich seine Reise ins Jenseit für ihn selbst bequemer und sicherer zu machen, hat zu dem weitverbreiteten Brauche geführt, dem Toten Schuhe mit ins Grab zu geben (s. u. Einrichtung der Welt).

Rind und Roß dem Toten ins Jenseits mitzugeben, war altgerm. Brauch: sie sollen nicht nur dem Verstorbenen im Jenseits dienen, sondern sie sollen ihm, wie die Schuhe, Wagen und Schiffe, helfen, daß er bequem und ungefährdet ins Totenreich gelange. Pommersche Leidtragende lassen, wenn sie vom Kirchhofe zurückkehren, Hirsenstroh hinter sich zurück, damit die wandernde Seele darauf ruhen und nicht nach Hause zurückkehren möge. Wie Stroh einst das Wesentlichste am Lager war, so knüpfen gerade hieran noch alte Bräuche. Das Revestroh (got. hraiws, ahd. hreo, mhd. re Leichnam, ursprünglich der blutige, getötete Leib, caro, cruor, xQEas) wird im Hause verbrannt oder auf das Feld geworfen, damit es schnell verwese; denn von seiner Vernichtung hängt die Wiederkehr des Toten ab. Nimmt man es mit nach Hause, so kommt der Geist des Nachts immer wieder auf die Hofstätte zurück, um sein ihm entzogenes Eigentum zu suchen. Sogleich nach dem Tode legt man den Verstorbenen auf das Rehbrett, d. i. Leichenbrett, um dem häuslichen Gebrauche nichts anderes entziehen zu müssen, da auch diese Unterlage dem Toten gehört: der tote Siegfried wird gewaschen und „üf den re“ gelegt (N. L. 967).

Diese Leichenbretter entsprechen den Bauta- und Runensteinen des Nordens, sie deckten den Toten unmittelbar, legten ihn fest und verhinderten seine gefürchtete Wiederkehr. Besonders in Oberbayern und im Bayerischen Walde sieht man lange Schmalbretter im Erdreich aufgepflanzt, gruppenweise oder vereinzelt: oft mitten im Walde, wo die Fußsteige vorübergehen, an Waldbäumen oder auch an Feldwegen, bisweilen am Acker, den der Tote einst bestellte (Fig. 1 und 2). Auf dem Rehbrett bleibt der Tote bis zum Begräbnisse liegen; der Maler streicht es dann blau an und setzt den Namen, Geburts- und Todestag des Verstorbenen darauf, eine Bitte um ein Vaterunser und auch wohl einen Spruch, der die Vergänglichkeit alles Irdischen lehrt. Niemals aber findet man Totenbretter an geweihter Stätte, und heilige Scheu umgibt sie; niemand vergreift sich an den ungeschützt im Freien stehenden Denkmälern, bis sie morsch verwittern. Wahrscheinlich kommt das Totenbrett auch den Alemannen und Franken zu. Ein lignum insuper positum“ erwähnen die leges Bajuvariorum (Tit. 19, C. 8), das salische Gesetz (Tit. 339) spricht von einem „Haristado h. e. stapplus super mortuum missusd. h. von einer Heersäule oder einem Stappel (= Stütze, Säule, Pfosten), der über dem Toten ins Grab gelegt wird, und von einem „nach altem Brauche aufs Grab gelegten Steg“: alle drei Zeugnisse scheinen doch von Toten-brettern zu sprechen.

Um die Rückkehr des Toten abzuwehren, beseitigt man also alles, woran sich die Seele besonders gern zu heften pflegte: man vernichtete entweder die Gegenstände oder legte sie dem Toten mit ins Grab. Der toten Mutter gibt man Kamm, Schere, Fingerhut, Zwirn und Nadel und ein Stückchen Leinwand, Bettchen, Häubchen und Windeln des Kindes, und wenn ihr dieses selbst in den Sarg folgt, diesem Puppen und Spielzeug mit, damit die Mutter nur ja nichts zu holen habe. Aber neben diesen negativ vorbeugenden Mitteln gab es auch positiv abwehrende. Man erschwerte dem Toten nicht nur den Weg oder die Zurechtfindung, sondern man übte noch besondere Gebräuche und Vorsichtsmaßregeln, um den geisterhaften Angriff abzuwehreu. Da die Zeit der schwärmenden Geister besonders die Nacht ist, zündete man Feuer an, um die feindlichen Gespenster abzuhalten. Brennende Lichter schützen gegen Gepenster, gegen den Alp und gegen die Hexen; bei Kranken und neugeborenen Kindern müssen Kerzen brennen. Ebenso vertrieb man die Geister durch Lärm, wie z. B. noch heute in China bei Seuchen und Landplagen. Schießen und anderes starkes Lärmen, wie Knallen mit den Peitschen, auch G lock engeläute ist allgemein ein Mittel gegen böse Geister, besonders gegen Hexen. Durch Schießen am Pfiugsttage vertreibt man die Unholde von den Feldern. Am Polterabend begann ein fürchterliches Lärmen in dem Hause, das die Brautleute beziehen sollten. Alle Fensterläden wurden geschlossen, jede Öffnung zugekeilt, nur die Haustüre weit offen gelassen. Dann wurde oben unterm Dache mit schrecklichem Lärmen und Poltern begonnen, vom Speicher pfianzte es sich durch alle Räume bis in den Keller fort, dann die Kellertreppe hinauf, zur Haustüre hinaus. Der „Polterabend“ bezweckte also eine Reinigung des neu zu beziehenden Hauses von bösen Geistern und lehrt aufs deutlichste, mit welchen sinnlichen Mitteln man gegen diese Vorgehen mußte.

Noch heute werden auf den Weihnachtsmärkten „Brummtöpfe“ und „Waldteufel“ feilgeboten, die kein Mensch mehr zu etwas Nützlichem zu verwenden weiß. Aber zweifellos hat man mit diesen einmal die Geister von den Häusern fortgescheucht, und das Ding, mit dem man den Teufel wieder in den Wald trieb, hieß darum auch der „Waldteufel“. Ihm entspricht genau das Schwirrholz, mit dem manche wilden Völker noch heute lästigen Geisterbesuch fernzuhalten suchen. Und was soll die Rute, die heute zur Weihnachtszeit eine so große Rolle spielt? Schwerlich würden Kinder sie sich gewünscht haben, wenn diese zu ihrer Züchtigung gedient hätte. Früher erhielt das Kind grüne Zweige und Reiser mit den Martins- und Nikolausgeschenken, erst das 16. Jhd. legte der Rute pädagogischen Sinn unter, und noch heute droht man, höchst unpädagogisch, den Kindern zur Zeit der heiligsten Freude mit der Rute Knecht Ruprechts. Es ist ein idg. Glaube, daß die Berührung mit einer Rute unter gewissen Feierlichkeiten Krankheiten des Viehs vertreibt und die feindlichen Geister von Haus und Herd, Feld und Flur verscheucht. Aber die Rute, die ursprünglich nur abwehrt, wird später in der Hand des Hirten zur Lebensrute, die feindlichen Zauber abwendet und Wachstum hervorbringt, und auf dem Acker sogar ein Symbol der Fruchtbarkeit. Nr. 22 des Indiculus (de tem-pestatibus et cornibus et cocleis) handelt von Instrumenten, Hörnern und Muscheln, mit denen man Lärm machte, um Unwetter zu vertreiben. Offenbar sind unsere Wetterhörner und Wettermuscheln gemeint. Beim Blasen der Wettermuschel soll sich noch heute im Kinzigtaie das Wetter „sichtlich“ verteilen, uud das „Wetterläuten“ ist allgemein bekannt. Karl d. Gr. verbot 789, gegen Wettergefahr Glocken zu taufen und mit Zauberformeln versehene Zettel an Stangen aufzuhängen.

Es ist merkwürdig, welche Scheu vor dem Wasser die Naturvölker den Geistern zuschreiben; man glaubt diese überall wiederkehrende Auffassung in eiue Zeit zurückverlegen zu müssen, wo der Mensch dem Wasser noch wehrund machtlos gegenüberstand und es als feindliches, hinderndes Element betrachtete. Darum wird bei vielen Völkern das Totenreich jenseit eines Flusses gedacht, weil kein Wesen ihn zu überschreiten vermag. Noch heute gießt man des Nachts Wasser vor die Tür: daun bleibt der Tote wehklagend stehen und kann nicht hinüber.

Zwei alte Zeugnisse zeigen, wie grausam man die Wiederkehr des Toten zu verhindern suchte:

Eine mit ihrem Kinde in den Wochen estorbene Krau heftete man mit einem Pfahle im Grabe fest (Burchard von Worms). Eine Ehebrecherin ward mit einem Stricke, der aus ihrem eigenen Haare geflochten war, an einem Baume aufgehängt; nach drei Tagen ward ihr Leichnam verbrannt, die Asche ins Wasser geworfen, daß nicht die Sonne dunkle, nicht die Luft den Regen weigere, oder Hagel wüste: man fürchtete also, daß eine Verbrecherin als Gespenst weiter lebte und Schaden verübte, wenn der Körper nicht bis aufs letzte Stäubchen vernichtet würde (Ruodlieb VIII, 50—57).

Während wir unserer Toten nur noch gedenken können, waren unsere Vorfahren von ihrem Weiterleben und ihrer Gegenwart überzeugt Aber sie suchten die Toten nicht nur fern zu halten, sondern sahen sie gern um sich, im eigenen Hause, reichten ihnen den Becher, rüsteten ihnen Tisch und Mahl und tranken mit ihnen Minne. Die Totenpflege unserer Ahnen entrollt uns ein Bild kindlich traulicher Innigkeit, das auch unseren Blick noch mit rührender Teilnahme zu längerem, liebevollem Verweilen zwingt. Was dem Verstorbenen auf Erden lieb und wert gewesen war, das gab man ihm mit ins Grab, damit er sich nicht von seinen Lieblingsdingen zu trennen brauchte. Die Gräberfunde gehören zu den ältesten Zeugnissen für mythische Vorstellungen; Waffen und Schmuckgegenstände, Geld und Gut, Handwerkszeug und Trinkhörner, Pferde- und Hunde- und Sklavenskelette, sowie Steinamulette sind aus dem Schoße der Erde wieder ans Tageslicht gefördert. Schon Tacitus bezeugt ausdrücklich, daß jedem Manne seine Waffen mitgegeben wurden (Germ. 27).

Im Grabe des Frankenkönigs Childerich in Tournay wurden eine Anzahl Münzen und auch der Kopf eines Pferdes gefunden. Mit dem toten Alarich werden reiche Schätze in den Schoß des Busento versenkt (D. S. Nr. 372), Alboin wurde in vollem Waffenschmucke beerdigt, und Kaiser Otto III. sah Karl den Großen im Dome zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend und nahm das goldene Kreuz, das der Leiche am Halse hing, an sich. Noch 1781 wurde zu Trier ein Kavallerie-General nach altem heiligem Brauche bestattet: bei dem Leichenzuge wurde sein Pferd mitgeführt, und nachdem der Sarg in das Grab gesenkt war, getötet und in die Gruft geworfen. Eine letzte, schwache Erinnerung ist es, wenn noch heute bei der Bestattung eines Soldaten das gesattelte und aufgezäumte Streitroß hinter der Leiche mitgeführt wird, und wenn verstorbenen Ordensrittern die Orden bi9 an das Grab nachgetragen werden.

Dem Toten gebührte von Rechtswegen ein Drittel des eigenen Nachlasses als Ausstattung für das Leben im* Jeuseits. Dieser Totenteil bestand nicht nur aus Geld und Gut, sondern aus der Fahrnis überhaupt, die mit ihm verbrannt und begraben wurde. Er wurde in christlicher Zeit zum Seelgerät, Seelschatz, und der Tote erhielt seinen Anteil am eigenen Nachlasse dadurch, daß dieser zu kirchlichen oder wohltätigen Zwecken verwendet wurde; denn die Sorge für das Heil des Verstorbenen im Jenseits war jetzt Sache der Kirche.

Die sterbende Austrigild, die Gemahlin des Frankenkönigs Guntram, verlangte, daß jemand mit ihr sterben solle, und der König ließ ihre beiden Arzte töten (Greg. Tur. 5, 35).

Der grausame Brauch, daß die Witwe dem Gatten als sein Eigentum in den Tod folgte, gleich seinem Pferde und seinen Knechten, scheint schon zur Zeit des Tacitus verschwunden zu sein, denn er hätte ihn sonst sicher erwähnt (Germ. 27); aber bei den Herulern und Nordgermanen lebte er fort.

Wenn ein Heruler gestorben ist, muß seine Gattin, wenn sie etwas auf ihren Ruf gibt und ihr an einem freundlichen Gedenken nach dem Tode gelegen ist, sich am Grabhügel ihres Gemahls bald nach seinem Begr&bnis erdrosseln. Wenn sie es nicht tut, so wird sie ehrlos, und die Verwandten ihres Mannes fühlen sich durch sie beleidigt (Prokop, b. got. 2, 14; vgl. K. H. M. Nr. 16).

Die ostdeutschen Leichenfelder zwischen Elbe und Weichsel haben nicht nur beträchtliche Massen gerösteten Weizens ergeben, sondern auch kugelförmige, aus gestoßenem Korn und aus Tonerde zusammengeknetete Opferbrote. Ags. Bußordnungen von 700 und Burchard eifern dagegen, Körner in einem Hause zu verbrennen, wo ein Toter liegt. Weitere Funde zeigen, daß man ausgehöhlte Steine auf die Gräber legte und in diese Spenden goß, zur Nahrung für den Toten. Papst Gregor III. verbot im Jahre 739 in einem Schreiben an die alemannischen Bischöfe die heidnischen Totenopfer. Auf dem I. deutschen National-Konzil 742 wird jedem Bischof aufgetragen, alljährlich bei der Synode Umfrage zu halten, ob jemand an Losdeuten, Wahrsagen, Amulette, Beobachtung des Vogelfluges uud Hexereien glaube, zur Nachtzeit über einen Toten singe, esse oder trinke und sich gleichsam über seinen Tod freue. Zahlreiche Zeugnisse aus dem 8. Jhd. bekunden, wie schwer der Kirche die Bekämpfung der Kulthandlungen an den Gräbern gemacht wurde. Karl d. Gr. erließ 785 zu Paderborn bei Todesstrafe den Befehl, daß die Sachsen auf den Gräbern ihrer Vorfahren nicht mehr tanzen, singen und schmausen sollten. Die erste Nummer des In-diculus verbietet den Sachsen das Totenopfer (de sacrilegio ad sejmlchra mortuorum), und Burchard von Worms eifert noch um das Jahr 1000 gegen die Spenden, die in gewissen Gegenden an den Gräbern der Verstorbenen gebracht werden.

In welchem Ansehen die Totenpflege stand, und wie sehr mit ihr der Ahnenkult zusammenhängt, zeigt wiederum der Indiculus (Nr. 25: de eo, quod sibi sanctos fingant quoslibet mortuos). Er verbietet, beliebige Tote zu Heiligen zu machen. Diese Gefahr lag für den Deutschen bei solchen Männern nahe, die schon bei Lebzeiten besondere Macht über ihre Mitmenschen und deren Geschicke besessen hatten; ihnen mußte ja nach dem Tode übermenschliches Können und Wissen zugeschrieben werden. In gleicher Weise verbietet das ags. Gesetz König Eadgars nebeneinander Totenbeschwörung und Menschenverehrung.

Die bereits besprochenen Schatzsagen (S. 13) zeigen, daß die Ruhe des Toten heilig war, und daß kein Frevler wagen durfte, nach den ihm mitgegebenen Schätzen zu trachten. Die Beraubung eines Toten (Walraub) war durch strenge Gesetze bestraft. Der Walraub war nach dem Edikt dos Langobardenkönigs Hrothari Blut raub (plödraub) oder R e r a u b (hrairaub). Blutraub beging man an einem Menschen, den man selbst getötet hatte, mochte der Totschlag um des Raubes willen verübt sein oder nicht. Dem Getöteten durfte man nach ags. Gesetz nichts nehmen, sondern man sollte den Leichnam auf den Schild legeu, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Selbst der, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeile verwundete, mußte nach bayerischem Volksrechte zwölf Schilling Strafe zahlen. Reraub war die Beraubung eines Leichnams ohne Konkurrenz mit erlaubter oder unerlaubter Tötung. Die strafrechtliche Behandlung der Missetat gestaltete sich verschieden, je nachdem sie am unbestatteten oder am bestatteten Leichname verübt war. Bei den Franken machte die Beraubung eines bestatteten Leichnams friedlos. Auch auf Herauswerfen der Leichen aus dem Grabe (crapworf) waren strenge Strafen gesetzt. Damit hängt wohl auch zusammen, daß die Deutschen die Leichen der Gefallenen selbst in zweifelhaften Gefechten zurücktragen (Germ. 6).

Was den Menschen ergötzte, mußte auch den Abgeschiedenen erfreuen. Auch er mußte sich an Schmaus und Trank, froher Scherzrede und dem Ruhme seiner Taten laben. Darum erklangen feierliche Totenklagen während des Totenzuges und bei der Bestattung.

Der sterbende Wolfhart beauftragt seinen Oheim Hilde-brant, die Totenklage um ihn abzustellen (N. L. 2239):

„Und wollten meine Freunde im Tode mich beklagen,

Den nächsten und den besten sollt ihr von mir dann sagen,

Daß sie nicht um mich weinen, das tu nimmer Not.“

Schon Tacitus kennt die Totenklage (Germ. 27): „ Weh-Magen und Weinen gehen sie schnell, Schmerz und Trauer langsam auf; Frauen ziemt Trauerklage, Männern Erinnerung“.

Nach der Schlacht auf den katalaunischen Feldern 451 wurde der König Th eoderich mitten in dem dichtesten Haufen der Leichen erschlagen gefunden. Die Goten ehrten sein Andenken mit Liedern und erwiesen noch während der Wut des Kampfes mit ihren unharmonischen Stimmen der Leiche die letzte Ehre. Tränen wurden vergossen, aber solche, die tapferen Männern nachgeweint zu werden pflegen (Jord. c. 41). Zwei Jahre später wird der Hunnenkönig Attila ganz nach germanischem Brauche bestattet; die Totenklage, die dabei ertönt, darf als ein Rest gotischer Poesie des 5. Jhds. gelten. Mitten auf dem Felde unter seidenem Zelte wurden die sterblichen Reste Attilas aufgestellt. Dann wurde ein wunderbar feierliches Schauspiel aufgeführt. Die besten Reiter aus dem ganzen Hunnenvolke ritten um den Platz herum und verherrlichten seine Taten in einer Totenklage auf folgende Weise: „Attila der Mächtige, Mundzuks Erzeugter,

Herrscher der Hunnen, König kampfmutiger Völker, der wie kein anderer vor ihm Scythiens und Germaniens Reiche mit uneihörter Macht allein regierte, der beiden Kömerreiche Schrecken, der Städteeroberer: um nicht alles den Feinden zur Beute werden zu lassen, ließ er sich erbitten, jährlichen Tribut anzunehmen. Da er alles dieses mit Glöck vollbracht hatte, fand er nicht durch eine Waffe der Feinde, nicht durch den Trug der Seinigen, mitten im freudigsten Glück, im Glanze seines Volkes, sonder Schmerzenempfindnng den Tod. Wer sollte also das für des Lebens Ende halten, wo niemand an Rache denken kann?“ Nachdem sie ihn mit solchen Klageliedern betrauert, feierten sie auf seinem Grabhügel eine strawa (Aufbahrung, got straujan), d. h. ein gewaltiges Trinkgelage, und indem sie die Gegensätze miteinander verbanden, vermischten sie die Totenklage mit Äusserungen der Freude. Dann übergaben sie in der Stille der Nacht den Leichnam der Erde und legten die durch Feindes Tod erbeuteten Waffen, kostbaren Pferdeschmuck, strahlend von Edelsteinen aller Art, und mancherlei Ehrenzeichen bei, mit denen der Glanz des Hofes geziert wird. Und damit menschliche Neugier von so vielen großen Reichtümern fern gehalten würde, töteten sie die mit der Arbeit Beauftragten nach vollbrachtem Werk: offenbar ein Totenopfer (Jord. c. 49).

Ergreifend ist die Schilderung, die das ags. Epos von der Leichenfeier Beowulfs entwirft (3138 ff). Die Recken bereiteten einen Scheiterhaufen auf der Erde, einen festgefügten, mit Helmen behängen, mit Heerkampfsschilden, mit blinkenden Brünnen, wie er gebeten hatte. Mitten darauf legten den herrlichen Herrscher die Helden wehklagend, den geliebten Gefolgsherrn. Dann begannen sie auf dem Berge der Brandfeuer größtes zu erwecken, die Helden; der Holzrauch stieg empor schwarz von dem Scheiterhaufen, prasselnde Lohe, mit Klagelauten untermischt, wenn das Sturmgewühl ruhte, bis das Beinhaus gebrochen war heiß in der Brust. Darauf errichteten sie einen Hügel, der war hoch und breit und den Wogen-befahrern weithin sichtbar, und erbauten in zehn Tagen des Helden Denkmal; für die Asche stellten sie eine Grabkammer her und taten in den Hügel Ringe und kostbare Kleinodien. Dann ritten die Recken um den Hügel, sie wollten ihren Kummer klagen, den König betrauern, Hochgesang erheben und den Helden preisen; sie rühmten seine Ritterlichkeit und seine kühnen Taten, wie es billig ist, daß man seinen Herrn mit Worten feiert und in Liebe sein gedenkt, wenn er das Leben hat verlassen müssen. So betrauerten sie ihres Gefolgsherrn Fall, die Herdgenossen, sie sagten, daß der große König gewesen wäre unter den Männern der freigebigste und leutseligste, unter den Menschen der mildeste und stolz auf das Lob der Seinen.

Auch solange der Tote vor seiner Beerdigung sich noch im Hause befand, fanden mancherlei heilige Gebräuche statt. Die Kirche eiferte gegen den Unfug, der bei den Leichenwachen getrieben wurde und verbot das Absingen teuflischer Lieder, das Scherzen und Springen über den Toten, Gelage und Mummereien. Selbst christlichen Priestern mußte nach Regino von Prüm verboten werden, mit den Heiden sich am Jahrestage oder am 30., am 7. und 3. Tage nach dem Sterbefalle zum Totengedächtnis zu berauschen, der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich schimpfliche Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Talamascae (geisterhafte Mummereien) vorführen zu lassen (I, 216).

Bei Bur-chard von Worms heißt es: „Hast du der Leichenfeier des Verstorbenen beigewohnt, das* ist: hast du der Wache bei den Leichnamen der Verstorbenen beigewohnt, wo die Leiber der Christen nach Sitte der Heiden bewacht wurden? Hast du dort die Teufelslieder gesungen und an den Tänzen teilgenommen, die die Heiden nach Anweisung des Teufels erfunden haben?“ Drei Tage und drei Nächte wacht Kriemhild bei dem toten Siegfried (N. L. 997). Die Leichenwache ist nichts anderes wie eine Belustigung der Seele, solange sie noch im Hause weilt. Der Leichenschmaus aber wird der Seele zu Ehren gegeben, und sie nimmt selbst daran teil. Da man einst den Toten im Hause begrub — König A1 b o i n wurde noch unter der Treppe seines Palastes bestattet (Pis. Diac. 2, 28) —, fand das Mahl im Hause statt, später auf dem Grabhügel. Beim Leichenschmause lustig zu sein und viel zu genießen ehrt den Toten, denn er wünscht nach der kindlichen Vorstellung des Naturmenschen Erheiterung. Noch heute heißt es in der Oberpfalz: je mehr dabei getrunken wird, um so besser; es kommt dem Toten zu gut, und das Abhalten des Leichenmahles wird dort das „Ein-daichteln“ des Toten genannt (got. dauhts das Mahl). In Ganghofers Roman „Der Fidelweißkönig“ (I, 115) trägt ein junges Mädchen nach einem Todesfälle eine Schale mit Milch und weißes Brot an das Gesimse des Fensters und raunt innig und leise vor sich hin:

„Arme Seele, tu dich speisen,

Arme Seele, tu dich tränken,

Deine Reis’ is lang,

Dein Weg is drang.“

Rosegger entwirft in seinem tiefsinnigen Romane „Der Gottsucher“ eine nächtliche Totenfeier, die Zug für Zug den heutigen Volksbräuchen entnommen ist (S. 8 ff.).

Aber auch Klagerufe und Schmerzausbrüche erschallten bei der Leichenwache. Aus den Verschanzungen der Goten drangen im Jahre 537 des Nachts laute Wehklagen in das römische Lager hinüber (Prokop, b. got. 2, 2).

Nach hannoverschem Aberglauben beträgt die Frist, die der Seele auf Erden gegöunt ist, fünf Stunden; in dieser Zeit muß sie die Strafpredigt anhören, die die Gattin ihr hält. Nach dem Sachsenspiegel (I, 21, 22) bleibt die Witwe bis zum dreißigsten Tage im Besitze des ungeteilten Hausgutes, als wäre ihr Mann noch unter den Lebenden. Am 30. wird auch heute noch in vielen Gegenden das kirchliche Leichenamt wiederholt: dann sind die Pflichten gegen den Toten erfüllt Die alte mythische Dreizahl kehrt in dem Glauben wieder, daß der Tote am dritten oder neunten Tage noch einmal in sein Haus zurückkommt, und daß der Leichenwagen drei oder neun Tage rasten muß, d. h. zu keiner anderen Arbeit gebraucht werden darf.

Solange der Germane noch unstet als Nomade von Trift zu Trift zog, war an eine Wiederholung der Totenfeste nicht zu denken. In der späteren Zeit waren die Totengedächtnisfeiern mit der Verehrung der mächtigen Götter verbunden. Ein öffentliches Totenfest, das sich an das Früh-liugsfest der erwachenden Natur anscliloß, verbietet Nr. 3 des Indiculus (de spurcalibus in Februario). Widukind, Abt des Benediktinerklosters Corvey an der Weser, berichtet, daß die Sieges- und Totenfeier der Sachsen nach der Schlacht bei Scheidungen im Herbste des Jahres 531 drei Tage lang, vom 1. Oktober an, gewährt habe (s. u. Opferzeiten).

Naturverehrung

Auf dem Untergründe des Seelenglaubens und des Zauberwesens erhebt sich die Welt der Naturgeister und der Götter, der in den großen Naturerscheinungen waltenden Mächte, und des reineren, feierlicheren Kultus. Der Versuch, sich das Unverständliche, Geheimnisvolle zu erklären, fand in den dürftigen, ärmlichen Vorstellungen des Seelenglaubens seine Schranken. Aus dem Menschen selbst, nicht aus der ihn umgebenden Natur sind die mythischen Anschauungen des Seelenglaubens hervorgegangen; die Natur kommt nur insoweit in Betracht, wie sie der Aufenthaltsort des abgeschiedenen Ahnherrn des Hauses ist. Für Nomaden, vor allem aber für Ackerbau treibende Völker, deren ganzes wirtschaftliches Leben vom Stande der himmlischen Gestirne abhängt, mußte die Verehrung der großen Naturkräfte hinzutreten. Vom einfachen Beobachten der Witterungserscheinungen verklärte sich diese Betrachtung immer mehr zu einer idealen Auffassung. Die Verehrung der himmlischen Erscheinungen und ihre dichterische Verwertung setzt eine schon fortgeschrittene Gesittung voraus. Aber auch diese Vorstellungen waren noch beschränkt, so lange das Leben eines Volkes sich mehr in einzelnen landschaftlichen Kreisen vollzog. Erst mit dem Eintreten des Volkes in die Geschichte erhält der Götterglaube seine ideale Ausprägung, entsteht eine nationale Mythologie. Darum sind die Gestalten des Seelenglaubens über die ganze Erde verbreitet, die Naturgeister zeigen die charakteristischen Züge der Rasse und des Volkes und finden ihre Erklärung in der Gegend, wo sie entstanden sind; die Götter spiegeln die Eigenart des Volkes im allgemeinen, und die Stamm- und Hauptgötter die des Stammes im besonderen wieder.

„In die Wildnis hinaus sind des Waldes Faunen verstoßen,

Aber die Andacht leiht höheres Leben dem Stein.“

Der Mensch sucht sich die Naturerscheinungen zu erklären. Wenn der Donner rollt, vernimmt er Toben und Krachen über sich in der Luft; Geschrei und Lärm kennt er selbst aus seinen eigenen Kämpfen; der Schluß liegt für ihn nahe: auch da droben wird gekämpft, der Donner ist der Lärm, den unsichtbare Gewalten machen. Er dichtet eine Schlacht, und aus dem Kreise des ihm Bekannten und von ihm Verstandenen dichtet er diesen Kampf weiter: es ist ein Streit um ein wertvolles Gerät, eine nützliche Waffe, um gestohlene Rinderherden, um geraubte Frauen. So wird das Gewitter mythisch erklärt. In dem Eindrücke, den Sonnenaufgang und Untergang auf den Menschen ausüben, den die Wiederkehr des Tages und der Nacht, der Kampf zwischen Licht und Finsternis, das ganze Sonnendrama mit allen seinen Einzelheiten hervorrufen, das jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr, im Himmel und auf Erden abgespielt wird, liegt der dunkle Same eines Glaubens an ein übermenschliches Wesen. Eine von Geschlecht zu Geschlecht aufsteigende und sich mehrende Naturbetrachtung entdeckt immer mehr Ordnung und Regelmäßigkeit in der Natur und wird sich bewußt, wie sehr der Mensch unter ihrem Einflüsse steht, ohne selbst auch nur im geringsten auf sie einwirken zu können. Die Naturkräfte werden personifiziert, es tritt eine Vermenschlichung der gesamten Natur durch Personifikation ein; der Mensch faßt z. B. die wandelnde Sonne als wandelndes, menschenähnliches Wesen auf. Aber dieses Wesen wandelt da oben, wo hinauf kein Mensch zu steigen vermag, es leuchtet und erwärmt, es strahlt und funkelt; eine andere Naturperson stürmt, blitzt und donnert, kurz, sie besitzt Eigenschaften, die dem Menschen versagt sind; das Firmament, an dem die Wolken dahinschweben, vom Winde getrieben, ist sinnlich wahrnehmbar, es scheint vom hohen Berge aus so nahe zu sein und ist doch unerreichbar: überkräftig, übermenschlich muß also das Wesen sein, das diese Naturbegebenheiten vollbringt. Diese gewaltigen Naturkräfte sind von unermeßlicher Macht, sie trotzen der Begierde des Menschen, sie können schaden und nützen, darum sucht man sie durch Gebet, Hymnen und Anrufungen gnädig zu stimmen. Der Mythus beschreibt, was das höhere Wesen getan hat, der Ritus soll es bewegen, die gleiche Tat für seine Verehrer zu wiederholen. Darum lobt und preist man es nicht nur, sondern.speist, tränkt und erfreut es durch Spiele. Einige Gebräuche suchen den himmlischen Vorgang nachzuahmen, umgekehrt wird der himmlische Vorgang nach irdischem Muster ausgemalt. Der Dichtkunst kommt also ein hoher Anteil an der Ausbildung des Mythus zu, und diese religiös-poetischen oder poetisch-religiösen Anschauungen von der umgebenden Natur und den in ihr wirkenden Kräften riefen die vornehmste Gattung der alten Poesie ins Leben, die hymnischen Lieder, und diese wurden bei den Indogermanen von der versammelten Menge im Chore zum feierlichen Opferreigen gesungen.

Zwischen Seelenglaube und Naturverehrung befindet sich also ein gewaltiger Abstand. Nicht mehr der Mensch ist Gott, sondern die Natur ist das Göttliche. Die Naturerscheinungen sind nicht mehr Äusserungen des Wohlwollens oder des Zornes der Abgeschiedenen, sondern alles Sein ist einer an Gesetze gebundenen Naturnotwendigkeit unterworfen. Der Naturmythus ist an ein Volk mit Ackerbau und Viehzucht geknüpft. Himmel und Erde, Tag und Nacht, Gewitter, Sturm, Wolkenzug und Nebelflor, Luft im Laub und Wind im Rohr, das Zwielicht und das Feuer, des Menschen freundlicher Hausgenosse, werden zu überirdischen Wesen. Wohnungs- und Klimawechsel, besonders der Wandel der geistigen Kultur und Lebensweise, die Entstehung eines Staates, die Bildung fester Stände, sowie die geschichtlichen Schicksale geben dem Mythus ein eigenartiges, von andern Völkern unterscheidendes Gepräge. Alle Völker der Erde haben den Seelenkultus geübt, gerade hier müssen die Überlieferungen aller Indogermanen wie aller Germanen, südlich oder nördlich der Ostsee, am genauesten übereinstimmen. Bei fast allen Völkern sind Ansätze zur Naturvergötterung vorhanden, aber nur bei den Indogermanen ist diese Naturverehrung zur vollen Blüte gekommen. Bei den Griechen und den Germanen, den Trägern des Idealismus, erlangt der Naturmythus seine höchste Weihe und durchdringt veredelnd Poesie und Kunst, häusliches und staatliches Leben.

Naturerscheinungen als leblose Gegenstände aufgefaßt.

Die den Menschen umgebende Natur rief die Vorstellung von Wesen hervor, die mächtiger waren als er selbst, aber sie schwankten noch zwischen übertierischen und übermenschlichen Wesen. Auch mit unbelebten Gegenständen konnte sie verglichen werden, wie die Sonne mit einem Rade, ihre Strahlen mit einem Schwerte, der Blitz mit einer Waffe, einer Keule oder einem Hammer, Wolkengebilde mit einem Baume, einem Berge (vgl. ags. clüd „Berg“, engl, cloud „Wolke“), mit Burgen, Türmen, Wällen und Mauern. Über ganz Deutschland verbreitet ist die Vorstellung von einer im Wasser versunkenen Stadt, Burg oder einem Kloster. Noch jetzt nennt man eiue sich auftürmende Wolkenburg einen weißen Turm oder Grummelturm.^ Wind und Sturm werden in der volkstümlichen Auffassung alter und neuerer Zeiten vielfach als Musik dargestellt.

Die Wolke wird gern als Schuh aufgefaßt, und weil das Gewölk schnell dabinjagt, sind es Zauberschuhe, Siebenmeilenstiefel. Meistens erscheinen sie mit anderen Gegenständen zusammen, sogenannten Wunschdingen. In dem Märchen „Der König vom goldenen Berg“ (K. H. M. Nr. 92) erwirbt der Held von drei Riesen einen Degen, der bei den Worten „Köpf alle runter, nur meiner nicht“ alles köpft, einen unsichtbar machenden Mantel und ein Paar Stiefel; weun man die angezogen hatte und sich wohin wüuschte, so war man im Augenblick da. In dem Märphen „Der Rabe“ (K. H. M. Nr. 93) sind die drei von Riesen gefundenen Wuuschdinge ein Stock, vor dem jede Tür aufspringt, ein unsichtbar machender Mantel und ein Roß, auf dem man überall hinreiten kann, auch auf den gläsernen Berg. Die Hexe, die den entflohenen Kindern nachsetzt, benützt, wie der Menschenfresser im Däumlingsmärchen, Meilenstiefel (K. H. M. Nr. 56). Diese Wunschdinge sind ursprünglich Wolken* und Gewittersymbole. Der Mantel bezeichnet die allverhüllende, die Schuhe die eilig dahinschwebende Wolke. Der unerschöpfliche Beutel und das Tischlein-deck-dich sind das Symbol der Segen und Reichtum spendenden Wolke (K. H. M. Nr. 36). Der Degen, der alles köpft, der Stock, vor dem jede Tür aufspringt, weisen auf den Blitz. Die Wunschdinge erscheinen fast stets zusammen, weil sie zusammen den Gewittervorgang versinnbildlichen.

An die Stelle des unsichtbar machenden Mantels tritt häufig eine Tarn- oder Nebelkappe mit derselben Eigenschaft (ahd. tarni heimlich, mittelniederl. dären sich verbergen).

Das Milrehen „Sechse kommen durch die ganze Welt“ (K. H. Nr. 71) erzählt von einem Manne, der durch Schief- und Geradesetzen seines Hutes das Wetter lenken kann, ein anderes (Nr. 54) von einem Hut, aus dem unwiderstehliches Geschütz donnert, wenn er gedreht wird. Wodan trägt den Wolkenhut tief in die Stirn gedrückt; den Muet mit dem Breithut nennt ihn der Einderspruch. Vom Kyffhäuser wie vom Pilatus sagt man: „hat er einen Hut, so wird das Wetter gut*. Es wird regnen, sagt man im Harz, denn der Brocken bat eine Nebelkappe. Wie der an Bergen und auf Fluren lagernde Nebel vor dem Winde und den Sonnenstrahlen weichen muß, so kann man den Besitzer einer Tarnkappe ergreifen, wenn man ihm seine Kopfbedeckung entreißt. Einem Bäcker fehlten immer einige seiner Brote, doch gelang es nicht, den Dieb zu entdecken. Da kam er auf den Verdacht, die Zwerge könnten an seinem Unheile schuld sein. Er schlug also mit einem Geflechte von schwanken Reisern so lange um sich her, bis er die Nebelkappen einiger Zwerge traf, die sich nun nicht länger verbergen konnten (D. S. Nr. 153). Auf dieselbe Weise werden Zwergen, die des Nachts die Feldfrüchte raubten, die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen (D. S. Nr. 152, 153, 155). Zwergkönig Laurin zieht ein Tarnkäppiein hervor, bedeckt sich damit und verschwindet vor Dietrichs Augen; so unsichtbar geworden schlägt er dem Berner manche tiefe Wunde, daß ihm das Blut durch die Panzerringe rinnt (495 ff.). Hagen weiß, daß Siegfried an einem Berge dem Alberich die Tarnkappe abgewonnen hat und dadurch Herr des Hortes geworden ist (N. L. 98). Die Nibelungen selbst sind Nebel- und Dunkelgeister, denen die Tarnkappe von vornherein zukommt. Im Seyfriedsliede gelangt der Held durch dichte Finsternis dort-hiu, wo er nachher den Schatz der Söhne Niblings findet. Im Walberan ist Nibelung der Führer einer Schar, die, von keinem Menschen gesehen, Schiffe entführt (139 ff.). Der Nibelung Kugel reitet im Seyfriedsliede auf einem kohlschwarzen Pferde und ist mit einer Nebelkappe ausgestattet wie Alberich; er wirft sie über Siegfried und rettet ihn dadurch vor dem hinterlistigen Riesen Kuperan. Mit Hilfe des Zwergkönigs Albewin, der die Tarnkappe benützt, erschlügt der Held einer Arthusdichtung Garei das Meerwunder, das ein alles tötendes Haupt im Schilde führt (s. u. S. 104). Alberich gelobt Ortnit Treue und Dienstbarkeit, wenn er den Ring von des Helden Hand bekäme. Doch Ortnit verweigert ihn, weil er ihn von seiner Mutter hat. Da begehrt der Kleine nur, ihn näher zu besehen, und als der König ihm arglos die Hand hinreicht, verschwindet der Ring von seinem Finger und der Zwerg vor seinen Augen: denn der Ring gab ihm die Kraft, den Zwerg zu sehen (141 ff.). Auf der Stutzalp zu Graubünden spukt das Nebelmflnnlein. Wenn regenschauernde, frostig graue Wolken niederhangen, gleitet es leisen Trittes auf der Alp einher, mitten am Tage bei der Herde, im späten Abenddunkel und in schneeiger Nacht bei den Hütten, mit breitrandigem Hute, Holzschuhen und nebelweißer Jacke.

Unsichtbar, in der Tarnkappe, dem deckenden Helme, (Heliand 5454) erscheint Satan der Gattin des Pilatus und bestimmt sie durch teuflischen Spuk, sich für Christus zu verwenden. Noch bei Hans Sachs heißt es in dem Schwanke „Der Teufel läßt keinen Landsknecht mehr in die Hölle fahren:

Zuhandt der Teuffel Beltzebock zog an sein unsichtigen Rock.

Germanenherz aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (Paul Herrmann 1906)

Autor: Germanenherz

Ich bin kein Christ "in dem heutigen Sinne", kein Zionist, kein Moslem oder sonst was. Ich bin auch kein Weißer, Grüner, Brauner oder Schwarzer. Kein Linker, kein Rechter und kein Befürworter einer erfundenen Richtung. Jeder soll als Person respektiert und keiner vergöttert Sein. Ich bin nicht auf dieser Erde, um zu sein, wie andere mich gerne hätten.

5 Kommentare zu „Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung“

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