Mythologie der Germanen – Das Götterleben und der Götterdienst

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Nächst dem Aufkeimen des Glaubens an übermenschliche Wesen überhaupt ist die Wendung eines Volkes vom niederen Seelen– und Geisterglauben zum höheren Götterglauben das denkwürdigste Ereignis seiner Mythengeschichte. Durch hundert Fasern hängt dieser neue Glaube mit dem alten zusammen; am tiefsten wurzelt er im Naturgeisterreich.

Denn die auf einzelne Menschen angewiesenen Seelen und Maren fügten sich ihrer ganzen Art nach schwer zu einer höheren geschlossenen Körperschaft zusammen. Ungezählt und zerstreut lebten sie weiter und gestatteten nur eine schwache Idealisierung über ihr Dämonentum hinaus. Das Reich der Naturgeister aber, unter denen schon Könige erstanden und aus denen schon, gleichsam als Versuche der Vergöttlichung, die meisten höheren Dämonen hervorgegangen waren, wurde bei der wachsenden Naturerkerintnis, beim Bestreben, die zersplitterten Naturkräfte einheitlicher zu fassen und das Naturleben gleich dem Menschenleben besser zu ordnen, und bei dem mit der Kultur steigenden Bewußtsein von dem Dasein auch sittlicher Mächte, äußerlich und innerlich umgeschaffen. Man schritt von Einzelvorstellungen zu höheren und umfassenderen Begriffen fort, und der Name einer bedeutenderen Naturgeistergruppe z. B. der Holden und Berchten wurde zum Eigennamen einer einzelnen Göttin, zu Holda oder Berchta, oder es wurde ein neuer Name dem neuen Vertreter einer hervorragenden Naturgewalt z. B. Donar beigelegt. So finden wir denn all die alten dämonisierten Naturgewalten, außer dem Donner auch den Wind und die Wolke, das Himmelslicht und die sprossende Erde, in den neuen Göttergestalten wieder. Aber alle Eigenschaften, Kräfte und Ehren der Vielen, die bisher Herren dieser oder jener Naturkräfte waren, wurden nun einem Donnergott, einem Windgott u. s. w. zugeschrieben, der wie ein unumschränkter König in seiner Machtsphäre herrschte. Höchstens wurde dieser von den älteren Naturgeistem als Dienerschaft und Troß umgeben oder auch mit Kindern und anderer Verwandtschaft ausgestattet. Während jene älteren Naturgeister nicht nur die Luft, sondern auch die Erde bewohnten, wurden die Götter, abgesehen von der Mutter Erde, als durchweg vornehme Himmelsbewohner gedacht, die nur ausnahmsweise die Erde mit ihrem Besuch beehrten.

Der Götterglaube ist ein jüngeres religiöses Gebilde, weshalb er auch ein schärferes nationales Gepräge trägt als die älteren Glaubensformen. Wann er unter den Indogermanen aufkam, kann nur ungefähr angegeben werden. Die Urmythen des Himmels- oder Donnergottes und der Mutter Erde, sowie die eines im Wechsel von Licht und Dunkel lebenden Brüderpaars und einer Göttin der Morgenröte, scheinen noch vor der Auflösung ihrer Völkergemeinschaft geschaffen worden zu sein, vielleicht auch einige skizzenhafte Entwürfe etlicher anderer Hauptgottheiten. Zunächst geben ihre Namen darüber Auskunft. Einige greifen in die indogermanische Urzeit zurück. Der deutsche Ziu, altnordische Týr begegnet wieder im indischen Dyaus, im griechischen Zeus, im römischen (D)jupiter, und der angelsächsischen Erdgöttin Folde entspricht trotz der Abweichung aller Laute genau die indische Erdgöttin Prithivi, die Breite. Die anderen germanischen Götter haben ihr eigenes Namenbuch. Von den älteren hat nur einer einen durchsichtigen Namen: Donar — Thor, andere, wie Frey und Freyja d. h. Herr und Herrin, fallen jüngeren zu. Weniger durchsichtig ist Wodan — Odin, doch hat das Volk noch lange den Zusammenhang mit dem Worte Wuot, unserem Wut, festgehalten, wie die Bezeichnungen des Wuotanheeres als Wüetungesheers, oder wütenden, wilden Heers bezeugen. Aber den Sinn des Namens seiner Gattin Frigg-Fria, indisch prija Geliebte, Gattin oder Tochter, fühlte der Germane nicht mehr. Einen zusammengesetzten Namen trug von den wichtigeren Göttern nur der neuere nordische Gott Heimdall.

An der Spitze der allgemeinen Namen für die Gottheit steht wie ein nationales Wahrzeichen der geheimnisvolle Name Gott, der durch alle germanischen Mundarten läuft, aber allen andern indogermanischen Sprachen fehlt. Er umfaßt als höchster Name die Äsen, wie die Wanen. Wie Gott hat auch der andre gemeingermanische Name, der gotisch und hochdeutsch Ans, worunter Jordanes nur einen heroischen Halbgott versteht, niederdeutsch und angelsächsisch ös und nordisch Äs lautete und z. B. in dem bekannten Personennamen Ansgar, Oskar und vielen Ortsnamen erhalten ist, bisher keine sichere Deutung erfahren. Am nächsten kommt ihm das altindische Asu Lebensgeist. Gemeingermanisch waren auch die Regin, Rögn die Ratenden, Bestimmenden, die an die 12 Consentes Dii, die 12 obersten beratenden Götter der Römer, erinnern. Nach ihnen heißt das Ragnarökkr das Götterdunkel oder heißen die Ragnrökk der Götteruntergang im Norden und die altsächsischen Reganogiscapu die Götterschickungen bei den Sachsen. Altsächsisch ist auch Metod der Messer und Metodgiscapu das Schicksal, beides auch angelsächsisch. Die altnordischen Viar die Heiligen und Höpt und Bönd Haft und Bande sind Skaldenausdrücke, vielleicht auch die Vanir die Lichten. Nach diesen allen ist unvolkstümlicherweise kein Ort benannt. Nur eine altnordische Bezeichnung: Tivar die Lichten reicht in die indogermanische Vorzeit hinauf und ist verwandt mit dem altindischen devas, dem griechischen dios und dem lateinischen divus.

Die folgende genauere Göttercharakteristik ist einseitig, weil sie fast ausschließlich auf nordischen und zum großen Teil noch dazu skaldischen Angaben beruht. Die Gestalt der Götter ist die kraftvoller stattlicher Menschen, sie bleibt an Größe hinter der der Riesen weit zurück, wie denn z. B. Thor in dem Däumling von Skrymirs Handschuh übernachtet. Die Mehrhäuptigkeit und -armigkeit der Riesen kommt bei den Göttern nicht vor. Im Gegenteil ist Odin einäugig, Tyr einhändig und Hödr blind, doch die beiden letzten vielleicht nicht nach echt germanischer Überlieferung. Die Götter nehmen Tiergestalt an, doch immer nur in bestimmter Absicht, so Odin, Freyja und Frigg, aber nie Thor, der nur einmal in Brauttracht verkleidet zum Riesen Thrymr fährt. Jene Göttinnen verdanken ihr Flugvermögen dem Falkengewand, Odin seine Schnelligkeit dem Pferde Sleipnir, Thor seine Kraft einem Gürtel, eisernen Handschuhen und dem Hammer, ohne den er machtlos ist. Alle Götter gehen oder, was den antiken Göttern fast durchaus fremd ist, sie reiten, nur Thor und Freyja gehen oder fahren zu Wagen, Frey auch zu Schiff. Nicht nur Rosse, sondern auch Eber, Böcke und Katzen sind Reit- und Wagentiere; Raben, Wölfe und Hunde begleiten Odin, auch Walküren und die wilde Jagd; Thor hat zu Gefährten Loki und Thjalfi, auf der Fahrt zu Hymir sonderbarerweise auch Tyr. Die Götter bedürfen des Essens, des Trinkens und Schlafens. Sie erscheinen dem Menschen unerwartet, wie namentlich Odin, oder bei Anruf, wie Thor, werden ihnen beim Blicken durch die Armbeuge sichtbar, verschwinden plötzlich (hverfa) elfengleich, lassen aber oft Spuren ihrer Hände, ihrer und ihrer Rosse Füße in einem Steine zurück. In der Mittsommemacht, in der die Sonne kaum unterging, glaubten die nordischen Germanen nach Tacitus ein Getöse zu vernehmen und Göttergestalten mit Strahlenhäuptem zu sehen. Nach Vellejus hielt ein deutscher Greis den waffenglänzenden römischen Imperator Tiberius für einen Gott, und auf Island gingen die Söhne Hjaltis zum Erbgelage ihres Vaters so schön gekleidet, daß die Leute meinten, die Äsen kämen. Götter und Göttinnen sind schön, namentlich, gleich manchen Elfen, durch die lichte Farbe ihrer Haut und ihres Haars, so Idunn und Heimdall, auf den eddischen Balder fällt auch fremder Glanz.

Im Gemüte der nordischen Götter überwiegt die Güte oder doch Freundlichkeit, sie heißen heiter, hold und nütze. Aber Liebe im höheren Sinne, die ihnen die Völuspa bei der Menschenschöpfung beilegt, wohnt weder in ihnen, noch in den altgriechischen Göttern. Sie stammt aus dem Christentum. Wohl schenken sie Einzelnen ihre Gunst, aber andere verfolgen sie auch, wie namentlich Odin, mit ihrem Grimm, der nicht immer ohne Tücke ist, während aus Thor öfter ein ehrlicher tobender Zorn hervorbricht. Die Götter spielen gern Brett und vertreiben sich z. B. beim Zechgelage beim Riesen Aegir die Zeit mit Weissagen aus Losstäbchen. Einzelne gehen allerlei Liebschaften nach, namentlich Odin und Freyja, niemals Thor. Die Kunstfertigkeit der Elfen, der sie ihre kostbaren Waffen, Schmucksachen und andere Kleinodien verdanken, ist ihnen versagt. Von dem Riesen Smid lassen sie sich ihre Götterburg bauen. Ihr Zimmern von Altären und Tempeln und ihr Schmieden von Zangen und anderen Werkzeugen auf dem Idafeld, das mit jener Nachricht von ihrer Ausstattung durch Elfen und Riesen im Widerspruch steht, wird nur von der Völuspa gemeldet und bildet einen Zug ihrer dort nach fremden Mustern ausgeführten schöpferischen Tätigkeit. Sind sie doch als echte Heidengötter durch ihre Körperlichkeit in ihren Leistungen stark beschränkt. Wenn Odin nicht auf seinem Himmelsthrone, der Hlidskjalf, sitzt, vermag er die Welt nicht zu überschauen. Von diesem aus vermögen aber auch Frigg und Frey dasselbe wie er. Die Götter, namentlich Odin und die Wanen, sind weise und runenkundig. Jedoch obgleich Odin der weiseste Gott heißt, wird er von des Riesen Billing Tochter überlistet, und der Riese Vafthrudnir kennt die Weltgeschichte fast so gut wie er. Wenn die Götter Thor nicht hätten, und dieser nicht unablässig die Riesen bekämpfte, so ginge die Welt alsbald an diese verloren. Die Götter gelten bald für unverwundbar, bald nicht. Bei Saxo verleihen sie sogar ihrem Schützling Unverletzbarkeit. Aber nach demselben Saxo, wie nach der Edda wird Balder von Hödr zu Tode verwundet und nach jenem sogar das ganze Götterherr, das dem Balder zu Hilfe kommt, von Hödr in die Flucht geschlagen, nachdem er den Schaft von Thors Keule abgehauen hat. Später minderte sich das Ansehen der Götter so, daß in den Färöerischen Liedern Odin vor gewaltigen Heldenhieben in die Erde versinkt.

Die Götter werden nie ewig genannt, wenn es auch in Grimnismal einmal heißt, daß Odin nur von Wein immer lebe. Sie konnten auch nicht ewig sein, denn sie hatten sowohl Eltern als Kinder. So galt Thor für einen Odins-sohn und hat wieder einen Sohn Magni. Aber die neugeborenen Götter wachsen mit übermenschlicher Schnelle zu voller Stärke heran: Jener Thorssohn hebt, drei Tage alt, das Bein des Riesen Hrungnir vom Halse seines hingestreckten Vaters, und der einnächtige Vali rächt blutig seinen Bruder Balder. Aber diese jäh aufstrotzende Kraft dauert nicht ewig, die Götter altem, wenn ihnen die Äpfel der Idun fehlen. Nach der Völuspa sterben sie alle beim Weltuntergang, und das Auftauchen, das Wiederkommen einiger imsicherer Göttergestalten nach dieser Katastrophe ist nur der Nachklang der großartigen Schlußakkorde des christlichen jüngsten Gerichts.

Die Elfen hatten bereits ihre Könige, aber kein eigentliches Staatswesen. Auch nennt Tacitus einen Semnonengott mit einem seltenen lateinischen Ausdruck omnium Deus, einen Allwalter, einen Oberherrscher. Die eddischen Götter bildeten einen Staat, den ein inmitten seines Hofes thronender Herrscher regierte, in dem jeder Gott einen Palast hatte, in dem Rats- und Gerichtsversammlungen gehalten wurden. Die spätere historisierende Überlieferung bei Saxo und Snorre schildert die Götter als ein irdisches Volk, das von Byzanz oder dem Tyrklande unter Odins Führung nach Sachsen, Fünen und Sigtun in Schweden zog. Odin verteilte unter seine 12 Tempelpriester die Wohnsitze, unter andern bekam Frey Uppsala, wo er Menschenopfer einführte. In Saxos Baldersage setzte ein Kollegium von Göttern Odin ab und wählte Oller zum König.

Die Hauptgötter haben in diesem Reiche jeder seinen eigenen Stand und Beruf, tragen weit individuellere, porträtartigere Züge als die Elfen und Riesen und haben einen bestimmteren, bedeutenderen Charakter. Das aber ist das Wichtigste, daß sie in ihrem Verhalten zu den Menschen viel stetiger sind als die wetterwendischen, launischen Naturgeister, daß sie zwar auch zürnen und strafen, namentlich die Friedensbrecher, daß sie aber durchweg das Gute fördern und dem Menschen Wohlwollen und ihm Vertrauen und Hoffnung einflößen. Wird doch auch die furchtbare dämonische Blitzwaffe in des Gottes Hand zu einem Schutz und Segen für die Erde und ihre Menschheit. Ein tieferer Einfluß der Götter auf die Sittlichkeit des Volks ist aber nicht bemerkbar; steht doch auch ihre eigene Sittlichkeit nicht höher als die der damaligen großen Herren auf Erden. Die Götter glichen Gefäßen, die Reines und Unreines in sich schlossen, und waren wert, von jenem Starken der Völuspa, der von oben kam, zerbrochen zu werden.

Die Zahl der Götter schwankte. Sie ging von drei Hauptgöttem und einer Hauptgöttin aus, denen auch noch zu Tacitus’ Zeit das göttliche Ansehen ausschließlich oder vorzugsweise Vorbehalten blieb. In dieser Auffassung darf man sich nicht durch die zahlreichen Namen beirren lassen, die die römisch-germanischen Inschriftsteine aus der römischen Kaiserzeit überliefern. Das sind wahrscheinlich entweder nur andere Namen jener höheren Gottheiten wie z. B. Hludana, oder Beinamen derselben, wie z. B. Magusanus der Starke ein Beiwort des Hercules ist, wie hinn rammi der Starke ein Beiwort des Thor. Oder diese sogenannten „Göttinnen“ sind höhere Ortsgeister, oder walkürenhafte Wesen, wie Hariasa ein Schutzgeist des Heers, falls sie nicht keltisch sind. Später aber nahm nach einem bei den meisten anderen Indogermanen wiederkehrenden Entwicklungsgesetz die Götterzahl von Jahrhundert zu Jahrhundert zu, um im Norden zur Zeit der Bekehrung auf einige Dutzend zu steigen. Tacitus meinte mit seinem Hercules, Mercurius und Mars den Thunar, Wodan und Tiu oder Saxnot. Als dann bald darauf die römischen Wochentage in Deutschland eingeführt wurden, übersetzte man den dies Martis, Mercurii und Jovis durch den Tiestag, den späteren Dienstag oder Zistig, und durch den Wotanstag, den niederländischen Woensdag, den englischen Wednesday der alten taciteischen Auffassung gemäß. Aber abweichend von dieser entriß man mit Recht den Thunar seiner Gleichstellung mit Hercules und erhob ihn auf Jupiters Platz: der dies Jovis hieß Thunarstag, unser Donnerstag. Diese Göttertrias blieb in Deutschland lange maßgebend, und noch in der Karolingerzeit verlangte der christliche Priester vom deutschen Täufling die Abschwörung derselben Dreiheit: Thunaer, Woden und Saxnot (Tiu). Das von Tacitus daneben erwähnte bildlose Brüderpaar der Alcis im Haine der Naharvalen scheint nur von diesem einzigen Stamme verehrt worden zu sein. Dagegen kennt er außerdem eine Hauptgöttin, die aber unter verschiedenen Namen als Nerthus, Tanfana und wie eine Isis erscheint. Auch im götterreicheren Norden springt doch eine ähnliche Dreizahl männlicher Gottheiten überall als die alte Kerngruppe hervor. Adam von Bremen meldet, daß in dem berühmtesten nordischen Tempel, dem zu Uppsala, drei Götterbilder standen: Odin, Thor und Fricco, der, wohl der nordische Frey, nur eine Abwandlung jenes deutschen Tiu ist.

Wie die Griechen schon früh bei den drei Göttern: Zeus, Athena und Apollo, schworen die Nordgermanen ebenfalls bei drei Göttern, während die Römerschwüre die Dreizahl nicht erkennen lassen. Odin, Thor und Frey, oder Frey, Njörd und der allmächtige Gott d. i. Thor oder der Landgott d. i. wiederum Thor, oder Thor, Odin und Frey, oder Frey, Freyja und der starke Thor werden angerufen. In allem Wechsel der Schwurformeln bleibt Thor der Hauptschwurgott, wie Zeus, insbesondere Zeus der König, in Griechenland und Jupiter in Rom. Öfter wurde auch, wie in Rom, beim Donnergott und den „andern Göttern“ geschworen. Im Mythus machten sich neben den Hauptschwurgöttern auch die drei anderen, die Wanengötter Njörd, Frey und Freyja geltend, deren ursprünglich auf einen östlichen Stamm beschränkter Dienst sich später weiter nach Westen verbreitete. Außerdem traten noch Odins Gattin Frigg und der zurückgesetzte alte Tyr wenigstens im Mythus hervor. Endlich führten die vielgereisten und zum Teil gelehrten Skalden aus den verschiedenen Landen allerlei lokale oder fremde Götter ein oder schweißten ältere Götter nach fremden Vorbildern um, wie z. B. Baldr. Nun wurde man auch mit dem antiken Zwölfgöttersystem bekannt. Die älteste indogermanische Religionsurkunde, der Rigweda 2, 27, nennt nur sechs höhere Götter, deren Zahl später auf zwölf steigt und bald in ein Göttergewimmel auswuchert. Die Griechen deuteten ein Zwölfgöttersystem zuerst im sogenannten homerischen Hermeshymnus V. 128 an, das später auch vom Kultus der Italiker übernommen wurde. Aber während das griechische System in Rom schon zu Hannibals Zeit wirklich eingebürgert war, wurde es im Norden zum bloßen Spielzeug der Dichterlaune. Die eddischen Grimnismal zählen zuerst zwölf Gottheiten auf, aber nicht nach antikem Vorbild je sechs von beiden Geschlechtern, sondern neun Götter, nämlich Thor, Ullr, Frey, Odin, Baldr, Heimdall, Forseti, Njörd und Widar, und drei Göttinnen: Säga, Freyja und Skadi, wobei namentlich die Abwesenheit Tyrs und Friggs auffällt, wenn diese nicht in der Saga verborgen ist. Elf Äsen werden auch gezählt, als Baldr, der zwölfte, zu Tode kam, und auch Snorre Sturluson nennt zwölf die Zahl der göttlichen Äsen, und Odin verteilt nach demselben Snorre in Schweden Wohnsitze an seine 12 Tempelpriester d. h. Götter. Aber Snorres Göttemamenlisten überschreiten bereits die älteren bescheidenen Zahlen bedeutend, die erste enthält 14 Götter und sogar 18 Göttinnen. Er fügt jenen neun der Grimnismal noch fünf hinzu: Tyr, Bragi, Hödr, Väli und Loki und umgibt die beiden Hauptgöttinnen Frigg und Freyja mit einem reichen Gefolge von Nebengöttinnen, die zum Teil deren Dienerinnen sind, zum Teil die besonderen Eigenschaften ihrer Herrin darstellen.

Die Götterwohnung Äsgardr Asenhof oder Ragna Sjöt der Waltenden Sitz wurde im Westen gedacht Da schaute der langobardische Wodan morgens durch ein Fenster gen Osten, und Thor fährt ostwärts gegen die Riesen aus. Bei der Götterabschwörung wandte man sich mit zorniger Gebärde gegen Sonnenuntergang, dagegen mit erhobenen Händen und Augen gegen Sonnenaufgang. Doch dies mag ein aus rein christlicher Symbolik hervorgegangener Brauch sein. Bei Gebet und Opfer schauten die Nordleute gegen Norden. Die einen dachten sich Asgard mitten auf der Erde, die anderen im Himmel gelegen. Erde und Himmel verband die Äsbrü die Götterbrticke oder Bifröst die bebende Rast, sie führte zur Göttergerichtsstatt am Fuße der Esche.

Der Dichter der Grimnismal führt uns tiefer hinein in das „heilige Land“ der Götter, eine weite mit Burgen besetzte Landschaft von durchaus nicht isländischem oder norwegischem, sondern altirischem Stil. Nur eine Zwölfzahl von Göttern besitzt darin himmlische Paläste. Da wohnt Thor in Thrüdheim mit dem Saale Bilskimir, Ullr in Ydalir, Frey in Alfheim, Skadi in Thrymheim, Baldr in Breidablick, Heimdall in Himinbjörg, Freyja in Folkwang, Forseti in Glitnir, Njörd in Noatün und Vidar in Vidi. Alle diese Göttersitze werden mit wenigen Strichen geschildert, aber von Odins Palästen entwirft das überhaupt zu Odins Preise bestimmte Gedicht mehrere glänzende Bilder. Der Gott sucht das silberbedachte Gehöft, die Valaskjälf, auf, oder er trinkt am Sökkvabekkr mit Saga glücklich alle Tage aus goldenen Bechern. Seine prachtvollste Wohnung aber ist die goldstrahlende Valhall in Gladsheim, in die Odin täglich waffentote Männer aufnimmt. Sie hat 540 Türen, durch deren jede 800 Einheriar täglich zum Kampf gegen den furchtbarsten Feind Odins, den Wolf, fahren. Ihr Dach, dessen Sparren Speerschäfte sind, ist mit Schilden gedeckt, der Saal um die Bänke mit Brünnen bestreut. Ein Wolf hängt vor der Westtür, und ein Aar schwebt darüber. Drinnen speisen abends die Einheriar, jene durch Waffen Erschlagene, von einem im Kessel gekochten Eber Saehrimnir, während der Gott seine Hunde Geri und Freki füttert und selber immer nur von Wein lebt. Auf der Halle steht die Geiß Heidrün oder der Hirsch Eikthymir; sie beißen von den Zweigen des Baumes Laerädr. Ihr Euter füllt die Henkelgefäße stets mit Met, und von seinem Geweihe tropfen alle Erdengewässer. Der Laerädr ist wohl die in einen Burgbaum verwandelte Weltesche, die nun auch Yggdrasill heißt, die Yggr oder Odin wie ein Drasil oder Pferd reitet, wenn er als Windgott durch ihre Krone braust. Alle Götter fahren über die flammende Götterbrücke zum Gericht unter diese Esche, unter deren einer Wurzel die Unterweltsgöttin Hel, der andern die Reifriesen, der dritten die Menschen wohnen. Das Eichhörnchen Ratatösk läuft an ihrem Stamme hinab, um das Zankwort des Adlers Vedrfölnir von oben dem unten schädlich hausenden Drachen Nidhögg zu bringen. Der indogermanische Wolkenbaum, von dem alle Wasser fließen, unter dem die Nomen an ihrem Brunnen wohnten und Mimir seinen Brunnen hatte, ist mm ein Odinsbaum, verziert mit allerlei Märchenzügen und allegorischen Schnörkeln, und wie die ganze Götterlandschaft hat auch namentlich Walhall einen irischen Charakter. Denn schon vor den Grimnismal schildert die irische Poesie des 8. oder 9. Jahrhunderts das Land der Verheißung ganz ähnlich. Den Mittelpunkt überirdischen Genusses bilden auch hier ein in einem Kessel gekochtes ewiges Schwein und berauschendes Getränke. Der Ire Kormak tritt im Lande der Verheißung in eine schöne Burg, wo ein in einem Kessel gekochtes Schwein am andern Morgen wieder lebendig wird, und zum frischen Schwein gibt es dort Bier und Milch. Die eine Wand der Burg, zu der der Ire Maelduin kommt, besteht aus Gold- und Silberbroschen, die zweite aus Halsketten, die dritte aus Schwertern mit Gold- und Silbergriffen. Auf dem Flur stehen zur Verfügung ein gekochter Ochse, ein gesalzenes Schwein und große Gefäße mit berauschendem Getränk. Die nordische Vorstellung vom Kriegerparadies scheint zu einem guten Teil irische Wikingerbeute zu sein. Andere Skalden haben die Walhall noch weiter ausgestattet: Vor ihr strahlt der Wald Glasir in Goldlaub, neben oder in ihr liegt ein Vingolf, das man wohl am besten als Weinhalle auffaßt. Es wurde dem Saale Gimte gleichgesetzt, der nun schon, wie sich zeigen wird, dem christlichen Gedankenkreise angehört.

Noch weiträumiger als die Walhall Odins scheint seines Sohnes Thor Bilskirnir zu sein, denn er hat 540 hausartige Gemächer. Aber so viele sind auch wohl erforderlich, denn wenn Odin die Krieger, so hat der Donnergott die noch größere Zahl der Knechte zu beherbergen. Was sie dort treiben, wird nicht gesagt. Aber vielleicht enthält noch einen heidnischen Nachklang der hessische Volksglaube, daß die Knechte nach ihrem Tode im Himmel donnern müssen.

Über ein liebliches Elfenparadies und eine nebelige Riesenhölle oder gar über ein von Gelagen und Waffenspielen widerhallendes Kriegerheim, neben dem noch ein Frauengasthaus bei Freyja und etwa eine von Thor verwaltete Knechtsherberge gedacht wurde, ist die echt germanische Jenseitsvorstellung nicht hinausgekommen. Die ewige sonnige Friedenswelt auf dem Edelsteinberge Gimte, die die Völuspa schildert, ist bereits nach dem fremden Muster des himmlischen Jerusalems entworfen.

Wenn man schließlich das ganze Weltall zerlegte und zwar in neun verschiedene Heime, so folgte man wohl schon der gemeinmittelalterlichen gelehrten Kosmologie, die die Welt sich aus neun Sphären zusammengesetzt dachte. Nur mit Mühe brachte man aus dem alten Mythenschatz als neun Welten Asgard, Vanaheim, Alf heim, Midgard, Svartalfaheim, Jötunheim, Müspellsheim, Niflheim und etwa noch Hel zusammen.

Diese höher geartete und tiefer ins Menschenschicksal eingreifende Götterwelt verlangte von ihren Schützlingen eine größere Fürsorge, ein eingehenderes Verständnis und eine feierlichere Andacht als die Geister- und Elfenwelt. Der Dienst dieser Dämonen hatte etwas Kindliches, Häusliches, Heimliches und Gemütliches, das nicht immer frei von Grauen war. Dazu wechselte er von Haus zu Haus, indem in dem einem der eine, im anderen der andere Geist vorzugsweise Verehrung genoß. Durchweg vollzog der Hausvater die altherkömmlichen Bräuche, aber auch Kinderhand mochte für manche genügen. Der Götterkultus ließ sich in diese engen und einfachen Formen nicht bannen. Er drängte aus dem Hause hinaus, er wollte eine größere Bevölkerung gleichmäßig befriedigen, zunächst die des Dorfs, dann die des Gaues, endlich die des weiten Landes. So wurde aus dem häuslichen Privatkultus ein öffentlicher Gemeinde-, Stamm- und Volkskultus. Unzertrennlich damit aber war verbunden die Handhabung des Rechts und des Krieges. Versammelten sich die Männer zum Gericht und zur Beratung, so schwebten die Götter mitten über der Dingstatt; zogen sie in den Kampf, so folgten die Götter den Tierstandarten. Der Dienst solcher ernst und weit waltender Wesen bedurfte kundiger und würdiger Leitung und feierlicherer Verehrungsstätten; mit den Göttern entstanden Priester und Tempel. Um diese beiden drehen sich die wichtigsten gottesdienstlichen Fragen.

Für das hohe Alter des germanischen Priestertums zeugen die uralten Namen, der althochdeutsche Harugari oder Parawari, der wie der lateinische Flamen lucularis den Hainmann nach dem alten in Hainen geübten Gottesdienst bedeutet, und der gotische der altnordische Godi d. i. der Gottesmann, der Gottesdiener. Im Triumphzug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr. schritt bereits mit der Thusnelda ein Chattenpriester Libes vor den Römern vorüber.

Aus Tacitus’ Bericht glaubt man den Zusammenhang des Priesterberufs einerseits mit der Hausvaterwürde, anderseits mit der Fürsten- oder Königswürde noch einigermaßen deutlich zu erkennen. In frühster Zeit versah der Hausvater namentlich den regelmäßigen Seelen- und Elfendienst ausschließlich, zumeist im Hause oder unter einem nahen Baum, am Stein oder Quell. In außergewöhnlichen Fällen, bei schwerem Unwetter, Mißwachs, Krankheit und sonstiger Not, griff ein höheren Wissens mächtiger Zauberer mit geheimnisvollen Sprüchen und Bräuchen, oft an einem besonders feierlichen Orte, ein. Diese Zauberer überdauerten den Wechsel der Zeiten, aber das Hauspriestertum wuchs sich beim festeren Zusammenschluß der Gemeinden, Gaue und Stämme und bei der fortschreitenden Vergöttlichung der überirdischen Wesen zu höherer Würde und Macht aus. Jedoch weder zu Caesars, noch zu Tacitus’ Zeit bildeten diese Priester, zum Unterschied von den gallischen Druiden, eine besondere Kaste. Der Älteste d. h. der Mächtigste, der Fürst, der König vollzog den eigentlichen Götterdienst in einem der Gottheit geweihten und, wie es scheint, ihm zugehörigen Haine.

Noch Tacitus erkennt den innigen Zusammenhang der Funktionen des Familienvaters und der des Gemeindepriesters. So z. B. bei der Orakelbefragung. Man zerteilte nämlich den Zweig eines fruchttragenden Baumes in Stäbchen, beritzte sie mit Zeichen und warf sie auf ein weißes Tuch. Wenn man die Götter in einer öffentlichen Angelegenheit befragte, so hob der Priester, wenn dagegen in einer privaten, so hob der Hausvater, zum Himmel aufblickend, dreimal je ein Stäbchen auf und deutete deren Zeichen. Verneinten sie die Frage, so fragte man an diesem Tage in dieser Sache nicht weiter; bejahten sie dieselbe, so achtete man noch auf andere Vorzeichen. Der Priester aber befragte nicht nur die Götter imd opferte ihnen, sondern hütete auch das Gesetz im Frieden, wie im Kriege. Darum hieß er auch althochdeutsch der Éwart oder Èsago altfriesisch der Ásega der Gesetzwart oder Gesetzsprecher. Er eröffnete die Volksversammlung an der Kultstätte, die zugleich die Malstätte war, oder doch in deren Nähe lag, durch das Gebot des Stillschweigens und die Verkündung des Dingfriedens, der Pinghelgr, und bannte den, der ihn brach. Rückte ein Heer in die Schlacht, so trug der Priester aus dem Haine Bilder und Zeichen, die Tierstandarten, voran, denen die Gottheit folgte, und als deren Diener vollzog er auf deren Befehl, nicht auf den des Häuptlings, an dem Schuldigen Geißelung, Fesselung, ja Todesstrafe. Zogen die weißen, zu keiner gewöhnlichen Arbeit benützten Rosse, die in den heiligen Hainen gehalten wurden, den heiligen Wagen der Gottheit, so geleitete sie der Priester und hinter diesem der König oder Fürst des Landes, und beide horchten auf ihr Wiehern und Schnauben, das beim ganzen Volke für eine unfehlbare Weissagung galt. Fast scheint der Priester einen Geheimdienst auszuüben, wenn er in weiblichem Schmucke die bildlosen naharvalischen Alcis verehrt, wenn allein er den mit einem Tuche bedeckten Wagen der Nerthus berühren darf und ihr Bildnis badet, worauf dann die Sklaven, die ihn dabei unterstützt haben, der See verschlingt.

So steht der altgermanische Priester da als ein in göttlichem Auftrag ratender Vermittler nicht nur zwischen der Gottheit und den Menschen, sondern auch zwischen dem Volk und dem Herrscher, und vertritt dem Fürstentum und seiner Gefolgschaft gegenüber fast wie ein Volkstribun die alte sittliche Ordnung und den Frieden der Geschlechtergemeinde. Im Priestertum war das höhere religiöse Bewußtsein und die Rechtsweisheit geborgen.

Aus der nahen Berührung der priesterlichen und der fürstlichen Gewalten darf man aber wohl vermuten, daß, wie bei vielen andern Völkern, auch bei den Südgermanen einst der Priester und König oder Fürst eine und dieselbe Person waren, daß der König als der Mächtigste im Lande auch das Oberpriestertum führte. Auch der nordische Jarl oder Fürst hatte bei der Opferversammlung den Vorsitz und brachte den Göttern den ersten Minnetrunk, und nach der Rigsthula kannte er und noch besser der König die Runen und leitete durch sie, wie ein Gottesmann, die Kräfte der Natur und Leben und Glück der Menschen.

Aus dem von den Göttern abstammenden Uradel wurde der Priester gewählt, ein vornehmer, weiser und begüterter Mann. Als nicht blutsverwandte Freie, Hörige und Unfreie zu der alten Geschlechtergemeinde hinzutraten, da baute er sich und ihnen, den weniger bemittelten Gemeindemitgliedern, einen Tempel von allerdings sehr ursprünglicher Art. Der Hainpriester wurde ein Tempelpriester, der nicht nur das Heiligtum verwaltete, sondern auch zu dauerndem Eigen besaß und es unterhielt und für den Gottesdienst darin sorgte. Als Grundherrn eines Eigentempels kamen ihm auch die ihm von Tacitus zugeschriebenen Hoheitsrechte zu, die Vertretung der Gemeinde, die Hut des Gesetzes und die Leitung des Gerichts. Nicht nur aus der Ausstattung des altgermanischen Priesters mit solchen Hoheitsrechten, sondern auch aus der urkundlich besser bezeugten Geschichte des nordischen Priestertums und aus der gemeingermanischen Institution der Eigenkirche in frühchristlicher Zeit schöpfen wir das Bild einer solchen älteren Entwicklung, die allerdings weiterhin bei den verschiedenen Stämmen verschieden verlief.

Die alte einflußreiche Stellung neben dem König oder Häuptling behauptete der Priester am längsten bei dem so lange auf der Wanderschaft begriffenen Stamme der Burgunder. Neben dem bei Kriegsunglück oder Mißwachs „nach altem Brauche“ absetzbaren Hendino, dem König, stand unabsetzbar der Oberpriester, der Sinisto oder .

Dagegen scheint die Macht der Priester bei den meisten anderen westgermanischen Stämmen, insbesondere den ackerbauenden Hermunduren, Alemannen und Franken, früh gesunken; wenigstens hatten die Fürsten dieser Stämme unmittelbar nach der Völkerwanderung die volle und ausschließliche Strafgewalt im Heere. Aber der Eigentempel ist geblieben und drängt sich als gemeingermanische Institution sofort bei der Bekehrung der Stämme in das römisch-katholische Kirchenwesen bedrohlich störend ein. Die germanische Grundherrschaft, die sich auf ihrem Grund und Boden ihre Eigenkirchen baut, tritt der bischöflichen Macht entgegen. Der Grundherr muß seine Kirche und den Gottesdienst in ihr unterhalten und, wenn er nicht selbst geistlich ist, ihr einen Geistlichen geben und besolden. Er kann sie verkaufen, vertauschen, verschenken, vererben und verpfänden. Diese Eigenkirche, die germanisch und im alten römischen Kirchenrecht nicht bekannt war, haben die Sueven in Spanien und die Westgoten und Burgunder nur kurze Zeit, die zäheren Langobarden länger behauptet, aber ein halbes Jahrtausend hat sie im fränkischen und deutschen Reiche gedauert, bis nur ein dürftiges Patronatsrecht davon übrig blieb.

Auch der Adel der Sachsen scheint mit seiner richterlichen und feldherrlichen Gewalt die priesterliche verbunden zu haben. Er verwaltete die Heiligtümer, und von einem besonderen Priesterstande ist hier vollends keine Spur zu finden. Der angelsächsische König Edwin aber hat einen Oberpriester, dessen Machtkreis nicht genauer bestimmt werden kann. Nur so viel steht fest, daß die angelsächsische Geistlichkeit gleich zu Anfang in die staatlichen Rechte der heidnischen Priesterschaft eintrat und bereits zu König Alfreds Zeit ihr Landbesitz bedenklich angewachsen war. Wahrscheinlich war jener Oberpriester dem König so untergeben, wie ein Priester der fränkischen Eigenkirche dem Grundherrn oder der norwegische Priester dem Kleinfürsten, dem Iarl oder Hersir. Darum nennen nordische Runensteine einen Ruulf den Goden (Priester) des Nori und einen Ali den Goden des Solvi, also priesterliche Beamte vornehmer Leute. Der Iarl wird der Eigentümer des Tempels gewesen sein und behielt sich, während der Gode als sein Beamter die priesterlichen Pflichten vollzog, den Vorsitz beim Opferschmaus vor und leerte dabei den ersten Becher zum Gedächtnis der Gottheit. Übrigens scheinen andre norwegische Goden z. B. in Maeri bei Drontheim einen Tempel selbständig verwaltet zu haben. Ob aber als ihr Eigen? Diese größere Selbständigkeit führte in Island das germanische Priestertum zu seiner höchsten Leistung.

Nach Island brachten ausgewanderte norwegische Goden entweder ihren ganzen Hof genannten Tempel oder doch dessen Hauptgebälk und die Erde unter dem Thorsaltar vom Mutterlande im Schiff mit hinüber und bauten ihn an der Stelle wieder auf, wo die über Bord geworfenen mit Thors Bildnis versehenen Hochsitzpfeiler des Hofs ans Land getrieben waren. Oder auch fuhr z. B. der Isländer Loptr in jedem dritten Jahr nach Norwegen, um dort im Tempelhof der Ahnen zu opfern. Der Tempel, hüben oder drüben, galt also für ein uraltes, wertvolles Erbstück. Andre wohlhabende Ansiedler, die entweder in der alten Heimat keinen Hof besessen oder ihn von dort nicht mitgebracht hatten, bauten für sich und ihre minder begüterten Ansiedler einen Tempel, für dessen Benutzung diese eine Abgabe, den Hofzoll, zu zahlen hatten, und erwarben sich dadurch einen Vorrang über die andern, die Stellung eines Goden und Yfirmadr, eines Übermanns, einer Obrigkeit. Der Hof wurde der Stützpunkt der Staatsgewalt seines Besitzers; die Godenwürde, das Godova bemächtigte sich der Herrschergewalt, der richterlichen und der ausftihrenden. Auch zum Heeresdienst bot der Gode seine Thingleute auf. Aus 39 solcher Godorde setzten die Goden den Freistaat ihrer Insel zusammen. Ihre Würde vererbten sie meistens auf den ältesten Sohn, doch wurde sie auch wohl unter zwei Brüder geteilt. Wie eine Sache konnte sie gleich dem Besitz einer fränkischen Eigenkirche verschenkt, verkauft und vertauscht werden, und machtsüchtige Männer strebten darnach, mehrere solcher Godorde durch Kauf, List oder Gewalt in ihrer Hand zu vereinigen. Die isländische Familiensage hallt wider von solchen Godordskämpfen, auch noch in christlicher Zeit. Denn die Godenhäuptlinge führten auch, wie die westgermanischen Grundherren nach ihrer Bekehrung, Eigenkirchen auf und behaupteten dieselben Rechte wie ihre heidnischen Vorgänger.

So haben sich in Deutschland wie im Norden die Einrichtungen des heidnischen Priestertums mit dem Grundbesitz als seiner Unterlage noch Jahrhunderte lang in der römisch-katholischen Kirche Geltung verschafft, bis sie erst der Investiturstreit im wesentlichen zerstörte. Doch noch heute kann manche Schloßkapelle oder im Gebirge auch die Hauskapelle manches Bauernhofes an die alte Zeit erinnern. Im Schwarzwald besorgt darin die älteste Magd dreimal täglich das Läuten und, wenn die Kirchwege verschneit sind, halten die Hausbewohner unter dem Vortritt des Hausvaters darin ihre Sonntagsandacht.

Neben den Priestern sind bei den Südgermanen Priesterinnen zweifelhaft und nur bei den aus dem Norden eingewanderten und vielfach mit Kelten gemischten oder gar keltischen Kimbern nachweisbar. Diese wurden von greisen weissagekundigen Priesterinnen in den Krieg begleitet. In weißes Linnen gekleidet, einen metallenen Gürtel um den Leib, barfuß traten sie den Kriegsgefangenen mit einem Schwerte entgegen, bekränzten sie und führten sie zu einem mächtigen Kessel. Auf einer Leiter stehend durch-schnitt ihrer eine die Kehle der in die Höhe gehobenen Gefangenen und weissagte aus ihrem in den Kessel rinnenden Blute. Als später Ariovist dem Caesar gegenüberstand, losten und weissagten die suebischen Hausfrauen, daß ihre Männer nicht siegen würden, wenn sie vor dem Neumond zum Kampfe schritten. Aber hier und weiterhin werden Priesterinnen nicht erwähnt. Sogar die geheimnisvolle Göttin Nerthus hatte keine Priesterin, sondern einen Priester.

Wiederum weicht auch in dieser Hinsicht die nordische Priesterschaft ab. Denn die Tempelpflege und den Opferdienst übernahmen auch Gydjur Priesterinnen, unter denen die Gydja Steinvör sogar einen Haupttempel besorgte. Aber selbst diesen standen als Weibern nicht die weltliche Gewalt und Würde der Goden zu, vor allem war ihnen ein Einfluß auf das Gerichtswesen und die Verwaltung untersagt. Von besonderer Bedeutung war die schöne junge Priesterin Freys, die dessen Bildsäule auf ihren Umfahrten durch Schweden begleitete: wenn sie schwanger wurde, stand dem Lande reiche Fruchtbarkeit bevor. Weissagung mag den nordischen Gydjur wie jenen kimbrischen Priesterinnen und den germanischen Priestern vertraut gewesen sein, aber mit der Prophezeiung ist nicht zugleich das priesterliche Amt untrennbar verbunden. Sie geht vielmehr von besonders gottbegabten Menschen, namentlich Weibern, aus, deren wir gleich gedenken werden.

Die Priestertracht kennen wir nur wenig. Wenn schon in der ältesten Zeit vom Zauberer, Beter und Opferer äußere Reinheit gefordert wurde, so ist uns sofort die weiße Kleidung und die Barfüßigkeit jener kimbrischen Priesterinnen verständlich. Auch der gotische Priester war mit wreißem Gewände angetan. Der Alcispriester der Nahamavalen trug weiblichen Schmuck, womit vielleicht langwallendes Haar gemeint ist; der nordische und vielleicht auch der gotische war mit einem Hand- oder Armring geschmückt, oder er hielt bei dem vor der Gottheit zu leistenden Schwur einen Eidring in der Hand. Der angelsächsische war als Mann des Friedens stets unbewaffnet und unberitten. Nur um die Ohnmacht der Heidengötter seinem König Edwin recht augenscheinlich zu beweisen, sprengte der schon für das Christentum gewonnene Oberpriester auf dem Streithengst des Königs gegen den heidnischen Tempel an und schleuderte einen Speer durch den Zaun ins innere Heiligtum.

Noch weniger bekannt als die äußere Erscheinung des Priesters ist uns seine geistliche Tätigkeit und sein inneres Verhältnis zu seinem von ihm vor andern bedienten Gotte und zur Gottheit überhaupt. Den priesterlichen Wirkungskreis hat kaum ein Späterer so richtig umschrieben wie Tacitus und so umfassend. Seine Angabe über den Vollzug der Todesstrafe durch den Priester scheint Bestätigung zu empfangen durch die Nachricht, daß auf Island dem schweren Verbrecher auf einem gottgeweihten Stein, dem Thorsstein, im Gerichtsring der Rücken gebrochen wurde. Auch die, wie es scheint, schon altarischen Gottesurteile, die dem Angeklagten an Leib und Leben gingen, scheinen unter priesterlicher Aufsicht vollzogen zu sein. Und von der Eidesabnahme durch den Priester haben wir schon gehört. Wenn auch die Priester vor dem Krieg auf das Pferdegewieher horchen, wenn sie die heiligen Tierstandarten ins Heer führen, so stimmt dazu, daß namentlich die Sachsen vor dem Krieg den Götterwillen befragten, gewiß vermittelst des Loswurfs, den doch wieder der Priester zu tun hatte.

Damit ist aber nicht das ganze innere Leben des Priestertums aufgedeckt; sein geistiger Anteil am Gottesdienste ging sicherlich nicht im bloßen Opferakt und in den damit verbundenen Rechtshandlungen auf. Aus der priesterlosen Vorgötterzeit, der Zeit der Geister- und Dämonenverehrung, hatte es gar manche hausväterliche Beschwörungsformeln, Segen und Zaubersprüche geerbt, die mm aus Priesters Munde veredelt und vertieft zum Vorschein kamen. So sang er bei Not und Gefahr im Stabreim die Herabkunft der Idisi zum Heere und die Holzfahrt Balders und der Götter, bis er ihren göttlichen lösenden und heilenden Zauberspruch der Menge, dem „Umstand“, verkündete. Uralt wie diese Sprüche, deren Formeln auch der Altindier kannte, war der auch brahmanische Brauch, beim Opfer den Preis der Götter in eine gemischte Erzählungsform zu kleiden, zwischen Prosa und epischen Liedern abzuwechseln, ja in die Prosa auch wohl einen ganz dramatischen poetischen Monolog oder Dialog einzuflechten. In einzelnen Eddaliedern und in den Erzählungen Saxos klingt diese wohl vom Priester und einem Chor ausgeführte Vortragsweise noch an. In Frage-und Antwortstrophen suchten die Priester die Rätsel der Welt, namentlich der über- und der unterirdischen, zu ergründen, wie wir vielleicht gleichfalls aus Eddaliedern, wie Vafbrudnis-, Grimnis- und Alvismal, als späten Nachbildern, schließen dürfen. Nicht nur die Opferhandlungen, sondern auch ihre Rechtshandlungen waren von volkstümlicher feierlicher Poesie begleitet, die durch die Sprache unserer Volksgesetze und Dorfweistümer immer wieder hervorblitzt. Namentlich die friesische Rechtssprache wogte in hochpoetischen oft stabreimenden Bildern und Gleichnissen dahin und ergoß sich hie und da zu breiter bewegter Schilderung z. B. der Notlagen eines stocknackten Kindes, das in der nebeldüsteren Wintemacht über seinen Vater weint, der so tief und dunkel mit vier Nägeln verschlossen und bedeckt unter Eichenholz und Erde ruht. Die alten Bannflüche und Eidschwüre, die doch auch die Priester aussprachen und vorsagten, hatten auch dieselbe poesievolle Würde.

Tiefer in das Gemütsleben der Priester können wir kaum hineinblicken; es entgeht uns alle priesterliche Lyrik: kein andachtsvolles Lied, kein eigentliches Gebet, kein frommer Herzenserguß eines Priesters und kaum eines Laien ist uns erhalten. Gewiß wird es auch an herzlichen Äußerungen tiefer Gottesfurcht nicht gefehlt haben. Zwar die Debatten der christlichen Bekehrer mit den nordischen Heiden drehten sich immer wieder um die Hauptfrage, die auch schon der heidnisch gesinnte Frankenkönig an seine christliche Gemahlin richtete, wer denn doch eigentlich der stärkere sei, der Heidengott oder der wie ein Verbrecher gekreuzigte Christengott. Ihrem Gott aber das Beste zu geben, waren auch manche Heiden bereit, ob Priester oder nicht; kinderlose Eltern weihten ihm ihr noch ungeborenes Kind. Das genießt dann Odins Gunst und Hilfe im höchsten Maße, aber plötzlich stellt sich der Gott in der Schlacht seinem Schutzbefohlenen gegenüber und erschlägt ihn im besten Mannesalter, z. B. den Wölsung Sigmund und den König Harald Hildetand. So holt er sich das Gelobte. Die germanischen Priester aber nennt Tacitus Diener der Götter, und sie heißen im Norden Liebling, Freund, aufrichtiger Freund, Voll vertrauter Thors oder Freys. Die besondere Freundschaft mit Thor wird einmal durch drei Generationen bewahrt: sie erbt sich von Thorolf zu Mostr in Norwegen auf seinen Sohn Thorstein und von diesem auf seinen Enkel Thorgrim fort. Der Freysgode Hrafnkell opferte seinem Gotte seine besten Waffen, doch nicht, ohne sich deren Mitgebrauch vorzubehalten, und hielt ihm den herrlichsten Hengst, Freysfaxi. Er schwur, daß jeder, der dieses Roß bestiege, mit dem Tode büßen solle. Er erschlug auch einen, der diesen Schwur mißachtet hatte, und lud dadurch Friedloslegung auf sich. In diesem Unglück erklärte er es für Tand, an die Götter zu glauben. Aber wie Hrafnkell fühlten sich viele trotzige Wikinger während ihres an Wechselfällen so reichen Lebens in ihrem Vertrauen auf die alten Götter enttäuscht und „trauten“ fortan auf nichts weiter, als auf „ihre Kraft und Stärke“. Solche Leute, darunter auch Priester, waren besonders reif für den neuen Glauben.

Das germanische Priestertum hat bei weitem nicht die religiöse Bedeutung erlangt wie .das gallische Druidentum. Die Priester scheinen ihr Ansehen bei den meisten Stämmen auf einen Eigentempel gegründet zu haben. Den weltlichen Machthabern, Königen oder Herzögen, waren sie als helfende und beratende Mitwisser der Götter untergeordnet, im alten Germanien und Skandinavien. In den Sachsengauen übte die priesterliche Macht der Adel aus, in Island riß das Priestertum die weltliche Macht an sich. Die Vereinigung geistlicher und weltlicher Würde gab gewiß dem Gottesdienst und anderen wichtigeren Handlungen einen feierlichen Emst und wirkte namentlich auf das Gerichts- und Heerwesen versittlichend ein. Aber die vielen vereinzelten Priester, die keinen eigentlichen Sonderstand bildeten, unter sich nur einen losen Zusammenhang hatten und ihr Augenmerk wohl vorzugsweise auf weltliche Dinge gerichtet hielten, konnten keine Hierarchie bilden, die unter einem anerkannten Oberhaupt von festen Mittelpunkten aus den religiösen und dogmatischen Ausbau des altgermanischen Glaubens hätte unternehmen können. Überall ergab sich namentlich die deutsche, weniger schnell die nordische Priesterschaft nach schwachem Widerstande der vordringenden neuen Lehre, wenn auch z. B. in Hessen noch manche nach ihrer Bekehrung wieder rückfällig wurden oder Heiden- und Christenglauben beliebig miteinander vermischten. Das Volk hielt überall auch, nachdem es von seinen Priestern verlassen und selber bekehrt war, noch Jahrhunderte an seinen mythologischen Traditionen fest. Im Norden verdankte man vielleicht den Goden die friedliche Vereinigung des neueren milderen östlichen Wanenkultes mit dem älteren rauheren Asenkult, die der nordischen Götterwelt mehr Fülle und Licht gegeben hat. Aber weiterhin trugen doch wohl nur die Skalden zur Ausbildung, zu einer rein poetischen Ausbildung, der Mythen bei, indem sie diese rundeten und zuweilen vertieften oder mit anderen zu größeren Dichtungen verknüpften, zur Ergötzung der Fürsten und ihres Hofstaats, aber nicht zur Erbauung des Volkes. Bis erst die christliche Lehre ihre großen fremden Gedanken in die Germanenseelen warf.

Neben den Priestern und außerhalb des Heiligtums wirkten die Zauberer und die Zauberinnen mit ihren uralten Bräuchen weiter und es befriedigten eins der wichtigsten religiösen Anliegen, das Bedürfnis der Seele, den Willen der Gottheit zu erfahren, die gleichfalls schon in der Vorzeit tätigen Wahrsager und Wahrsagerinnen. Das kimbrische Weissagen aus dem Blute der Kriegsgefangenen war noch an priesterliche Würde geknüpft, aber das Loswerfen übte auch der Nichtpriester, wie wahrscheinlich auch die Deutung des Vogelflugs und Vogelschreis oder des Pf erdege wiehers, die schon Tacitus und 700 Jahre später der Indiculus erwähnen. Aus dem guten oder bösen Angang d. h. der Begegnung eines tapferen, nützlichen oder feigen, schädlichen Tiers erschloß man das Glück oder Unglück eines Unternehmens noch bis in die Gegenwart. Es gab und gibt Leute, die aus der Sprache der Vögel ganze Sätze heraushörten: als Sigurd vom Herzen des Drachen genossen hatte, verstand er die Erzählung der Meisen von seinem Schicksal.

Aber das reinste Gefäß des zukünftigen, göttlichen Wissens ist doch der Mensch, der geistersichtige Hellseher, der zu ungewöhnlicher, heiliger Zeit in diese Welt gekommen ist, zumal die germanische Frau. Man verspürte zu Tacitus’ Zeit in ihr einen unbeirrbaren vorahnenden Sinn, das sichere Gefühl des Weibes, das in unsicherer Lage oft richtiger leitet, als der nüchterne Verstand des Mannes. So verehrten die Deutschen schon früher die Aurinia, wahrscheinlich richtiger Albruna oder Alruna geheißen. In der weiten schwermütigen westfälischen Heide aber, wo noch im 19. Jahrhundert manche einsame Menschen, die „ Vorkiekersu, ein Vorgesicht vom Siege eines in der Luft ziehenden Heers und der Niederlage eines andern hatten, wuchs das brukterische Mädchen Veléda auf. Seitdem ihre Prophezeiung vom Siege der Deutschen und dem Untergang der Legionen sich erfüllte, glaubte man an sie als an eine gnadenvolle Göttin. Von einem hohen Turme aus leitete sie jahrelang die Geschicke ihrer Landsleute und der Bataver in dem blutigen Kriege des Claudius Civilis gegen die Römer. Mit diesem verhütete sie die Schleifung der treulosen Ubierstadt Köln, aber sie ließ deren Gesandte nicht vor sich und steigerte noch durch ihre Unsichtbarkeit die Ehrfurcht vor ihr. Die Besten ihrer Sippe überbrachten ihre Ratschläge und Antworten. Gefangene römische Offiziere und das erbeutete Admiralschiff wurden nach ihrem Turme die Lippe hinaufgeschickt. Aber nach der Niederlage ihres Stammes geriet sie in römische Gefangenschaft und mag geendet haben verlassen und verachtet in Rom, das sie einst durch ihre Weissagungen erschüttert hatte. — Noch einmal trat eine deutsche Seherin den Römern entgegen, ein riesiges Weib der Elbgegend, das dem Drusus den nahen Tod weissagte.

Im Norden wurde die Weissagung aber auch gewerbsmäßig getrieben vom Spdmadr Seher und von der Spdkona Seherin oder der Völva. Die Völvur d. h. die Stabträgerinnen, die nach dem völr, ihrem Zauberstabe, hießen, erwarben sich ihr übernatürliches Wissen durch Zauberkunst. Ein solches Weib setzte sich zu bestimmten Zeiten in der Nacht draußen an einen bestimmten einsamen Ort zu der sogenannten Utiseta nieder. Dort weckte sie die Seelen und Geister (tröll) mittelst ihres Stabes und ihrer Beschwörungen, des Valgaldr oder Leichenzaubers, und brachte sie, auch wohl mit des Zaubergottes Odin Hilfe, zur Beantwortung ihrer auf die Zukunft, aber auch auf die Vergangenheit und die Gegenwart bezüglichen Fragen. Sie griff also auf die uralte Totenbefragung zurück. Dann zog sie, wie z. B. Thorbjörg, namentlich in der Julzeit, bedeckt mit einer Pelzmütze und einem dunkelblauen Mantel, Zauberzeug in einer Tasche am Gürtel, ihren Stab in der Hand, durch das Land, oft mit einem großen Gefolge.

In den Bauernhöfen wurde sie mit den Herzen geschlachteter Tiere und mit Brei bewirtet. Dann bestieg sie einen erhöhten Zauberstuhl, den ihre Begleiterinnen umgaben, und Zaubergesänge, Vardlokkur, die die Wart- oder Schutzgeister anlocken sollten, wurden angestimmt. Nun erst ganz ihrer Kunst gewiß, weissagte sie die künftige Witterung, den Emteausfall, das Schicksal der Familie oder auch große Ereignisse des kommenden Jahres. Dafür wurde sie beschenkt, aber auch wohl, wenn sie Unwillkommenes verkündete, bestraft.

Um das Jahr 1000 streiften die Wölur nicht nur in Norwegen und Island, sondern auch in Dänemark und Grönland. Die geachtetste Wölwa war die Seherin Thordis in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, der sogar in schwierigen Rechtsfragen das Schiedsrichteramt übertragen wurde. Sie scheint ihren ernsten Sinn dem neuen Glauben zugeneigt zu haben: sie zog zu Spakonufell den ersten isländischen Missionar Thorwald auf. Die berühmteste Wölwa ist diejenige, der ein Dichter die Völuspä, die Weissagung der Seherin, in den Mund legte. Aber diese ist als ein urweltliches Wesen, das unter Walvaters Einfluß das Schicksal der Welt von ihrem Anfang und ihrem Ende und bis zu ihrer Erneuerung allen Menschenkindern prophezeit, ein ungermanisches, sibyllenartiges, aus der altchristlichen Poesie herübergenommenes Gebilde, wie sich weiter unten zeigen wird.

Mit dem Wahrsagen wurde aber schon damals viel Unfug getrieben, weshalb die altnorwegischen Gesetze das Draußensitzen auf den Kreuzwegen, die Utiseta, während der Jul- und Neujahrsnächte verboten. Auch in Deutschland setzte man sich in der Neujahrsnacht zu gleichem Behuf auf einen Kreuzweg und zwar auf eine Rinderhaut oder, was noch altertümlicher aussieht, mit umgürtetem Schwert auf das Dach eines Hauses. Diese sogenannte (H)liodorsäza d. h. das Orakelsitzen bekämpfte die Geistlichkeit schon seit Primin ums Jahr 700, aber mit wenig Erfolg. Noch bis ins 19. Jahrhundert setzte man sich in Island und in Deutschland in der Andreas-, Christ- und Dreikönigsnacht auf den Kreuzweg, auf den Färöern auf ein dort ausgebreitetes graues Kalbsfell und ausgerüstet mit einer scharfen Axt, allerdings nicht mehr um die Gabe der Weissagung, sondern um Gold und Silber von den herandrängenden Elfen oder dem Teufel zu erlangen. Auch ist jene wirkungsvolle Dachsitzung des Bewaffneten nicht vergessen, sie hat aber auch ein anderes Ziel bekommen. In Gossensaß am Brenner meint man, wer während der Christmette auf dem First seines Hauses säße und seine Sense dengelte, der hätte das ganze Jahr Schneid.

Diese zum Teil so grotesken Bräuche erklären sich aus der Anschauung, nur in der Absonderung, in der Erhebung über die gewöhnlichen Menschen, auf dem Turm, dem Zaubergerüst, dem Dach und dem einsamen Kreuzweg, von wo aus zugleich der Blick nach allen Seiten zu schweifen vermochte, sei das Zukunftsgesicht zu erreichen.

Von jener Veleda aber führt eine lange Reihe mehr oder minder berühmter deutscher Seherinnen bis gegen unsre Zeit, bis zur „Harkbüre“, einer Schwarzwälderin, die in der altheidnischen Weissagezeit zwischen Weihnacht und heüig Dreikönig den mitternächtlichen Lauf der Sterne betrachtete und darnach den Bauern voraussagte, ob das neue Jahr gut oder schlecht ausfallen, Krieg oder Frieden bringen würde. Die napoleonischen Kriege und noch die Revolution von 1848 soll sie vorhergesehen haben.

Nahe berühren sich mit dem Wahrsagen und der Wahrsagerin der Zauberer und die Zauberin, der altnord. seid- oder galdramadr und die seid- oder galdrakona. Im Norden war das uralte Zauberwesen noch stärker entwickelt als in Deutschland, weil es genährt wurde durch das Schamanentum der benachbarten Lappen oder Finnen. Man fuhr zu den Finnen, um ihre Kunst zu lernen, so eifrig, daß noch die christliche Gesetzgebung Norwegens dagegen auftrat. Aber schon in der letzten Zeit des Heidentums war Zauberei eines Mannes nicht würdig, und Harald Schönhaar ließ seinen Sohn Ragnvald samt 80 Zauberern, die ihn begleiteten, töten. Eher ließ man zaubernde Frauen gewähren; doch gemeinschädliche steinigte oder ersäufte man.

Meistens ging dem Zauber, wie dem Orakel, ein Opfer voran, vereinzelt sogar ein Menschenopfer. Wie die Wölwa bestieg der Zauberer einen hohen Sitz, den Seidhjallr, um ungestört von da herab seine Beschwörung, seinen Zaubergesang, kund zu tun, zauberkräftige zu Lied oder Spruch zusammengefügte Wörter oder Runen. Auch ritzte der Zauberer solche in den zur Zauberwirkung ausersehenen Gegenstand, namentlich auch auf Schutz- wie Trutzwaffen. Durch gewisse Pflanzen und Steine vermochte er zu heilen, Liebe oder Sieg oder auch von allem das Gegenteil zu wirken.

In der Liederedda reicht Sigrdrifa dem Sigurd Bier, das voll ist von Zauberliedem und Heilrunen, von gutem Zauber und Freudenrunen. Sie hat diese nämlich zuvor auf ein Schwertgriff, ein Trinkhorn und viele andere zu feiende Dinge eingeritzt, dann davon abgeschabt und in den heiligen Met getan. Durch solchen Trunk wird Sigurd zu jeglichem Tun fähig. So verhackt wohl noch die badische Mutter ganz fein die Buchstaben des großen und des kleinen gedruckten Alphabets in ein Karfreitagsei und gibt es vor dem ersten Schulgang ihrem Knaben zu essen, damit er lemkräftig werde.

Seit der Urzeit gab es bösen, unheimlichen und guten, woltätigen Zauber. Der zauberkräftige Mensch konnte nicht nur andere in eine beliebige Gestalt verwünschen, sondern sich auch selber in allerlei Tiere verwandeln, so z. B. häufig in einen den Schiffen gefährlichen Walfisch, und in die Gestalt anderer Menschen. Guten Zaubers, soweit er in der Runenkunde bestand, war in alter Zeit besonders der König mächtig, der nach der Rigsthula dem Jarl darin überlegen war und die Lebens-, wie Todesrunen verstand. Gute und böse Zauberkünste, auch die finnischen, wurden dem Odin beigelegt.

Der Gottesdienst vollzog sich zu Tacitus’ Zeit überwiegend in einem Gemeindeheiligtum. Das war damals meist sehr einfach, wie seine Namen verraten. Zwar das hochdeutsche Wi(ch), mit dem die Ortsnamen Donnerschwee bei Oldenburg und das schon im 10. Jahrhundert bezeugte Wodeneswege, jetzt Gutenswegen bei Magdeburg, als Opferstätten der beiden höchsten Götter zusammengesetzt sein mögen, und das nordische Vi, Vd, wonach Thors-, Odins- und Freysvi genannt wurden, bedeutet nur allgemein das Heiligtum. Aber eine andre Tempelsbezeichnung althochd. Haruc, angelsächs. Hearg, altnord. Hörgr scheint von einem bloßen Steinhaufen, dessen man sich als Altar bediente, hergenommen zu sein. In Jütland hat man nebeneinander mehrere Steinhaufen mit Tonscherben und Kuhhörnern und einen mit zwei Holzstücken gefunden, in denen die Füße eines Götterbildes vermutet werden. Neben einem andern bei Viborg lag eine wahrscheinlich sakrale phallische Holzfigur. Drei andere Wörter für den Tempel altnord. Lundr, ahd. Paro, ags. Bearo und das deutsche Loh (latein. lucus) haben ursprünglich den Begriff Hain. Der alte Tempel war also ein eingehegtes Waldstück, eine Waldlichtung, worin ein Feldstein oder Steinhaufen den Altartisch und etwa noch eine Hütte, eine Casula, wie es im Indiculus heißt, ein Blockhaus die Cella, die eigentliche Wohnung der Gottheit, bildete. Darüber rauschten unantastbar die höchsten Waldbäume. Solche heilige Haine hatte das grüne Waldland der Germanen überall: zu Tacitus’ Zeit den Hain der Baduhenna, den Hercules (Donars) hain an der Oberweser, den Nerthushain auf einer Meeresinsel, den Hain des Allwalters im Spreegebiet und den Alcishain noch weiter östlich bei den Nahanarvalen. Und noch durch das ganze Mittelalter hören wir von heiligen Lohen in Niederdeutschland, von heiligen Forsten in Oberdeutsch-land. Der bremische Bischof Unwan mußte sie noch im 11. Jahrhundert ausrotten, weil in ihnen geopfert wurde. Im Norden waren ein Thors- und ein Freyslundr bekannt und der Hain von Uppsala. Lund in Schonen gehörte zu den vier Haupttempeln Dänemarks.

Vor den späteren größeren Tempelbauten wichen die älteren Haine immer mehr zurück, aber oft mag man einen besonders mächtigen Baum verschont haben, wie z. B. die hessische Donarseiche bei Geismar und den immergrünen Baum, desgleichen man anderswo nirgend sah, bei dem Tempel von Uppsala. An Stelle eines Baumes errichteten die Sachsen auch einen Baumstamm von bedeutender Größe unter freiem Himmel, die Irmin- oder Ermensäule, die eine geraume Strecke von der Eresburg, dem heutigen Stadtberge, entfernt, in einem heiligen Bezirke des Eggegebirgs stand. Sie wird bald Hain, bald Heiligtum, bald Idol genannt. Diese allen heilige „Allsäule“ war wahrscheinlich ein Nationalheiligtum aller Sachsen oder doch aller Engem und wurde von Karl d. Gr. 772 zum Zielpunkte seines ersten planmäßigen Eroberungszuges nach Sachsen ausersehen. Dreier Tage bedurfte sein Heer, um sie und wahrscheinlich noch andere Anlagen zu zerstören, und das dort gefundene Silber und Gold nahm er mit sich fort. Schon drittehalb Jahrhunderte früher, im Jahre 532, stellten, wie Widukind von Korvey meldet, die Sachsen nach einem übrigens unhistorischen Siege bei Scheidungen an der Unstrut ein ebenfalls säulenförmiges Denkmal auf, das sie ebenfalls Irminsäule nannten, offenbar als Zeichen ihres siegreichen Stammes. Auch der viel jüngere Maibaum mag als Triumphzeichen des Lenzes gegen den besiegten Winter aufgerichtet worden sein.

Auf eine andere alte Form des Heiligtums weist vielleicht das gotische Alhs, das altdeutsche , das eine Wehr, etwa einen Ringwall, eine Burg im alten Sinne des Worts bedeutet, weshalb die alten Chroniken den Tempel oft als castrum bezeichnen. Diese namentlich in Norddeutschland häufigen Erdbauten, die in Kriegszeiten als Zufluchtsstätten und Festungen dienten, waren auch zu Opferstätten geeignet. Auch vermutet man, daß die Orte, an denen alte Römerstraßen zusammentrafen, von den heidnischen Germanen als die am leichtesten erreichbaren Versammlungsplätze zum Gottesdienst benutzt worden wären, wie Münster (Mimigardeford), Osnabrück, Paderborn und Minden. Auch im ribuarischen Gesetz, 72, 1 schwört der Franke einen Eid in einem Harah, einem Tempel, am Kreuzweg. Dazu opferten die Dänen nach Alfrics Heiligenleben dem Oben auf Kreuzwegen.

Kunstvollere Tempel sind bei den Indogermanen überhaupt spät, selbst bei den Griechen. Die mykenische Kultur scheint sie nicht gekannt zu haben, erst in den jüngeren Partieen der Ilias tauchen sie auf. Aber wenn Tacitus meint, die Vorstellung von der Erhabenheit ihrer Götter hätte die Germanen abgehalten, sie in Wände einzuschließen und bildlich darzustellen, so irrt er, in spät römischer Anschauung befangen, sowohl in der Angabe des Tatsächlichen, als auch in deren Begründung. Er selber führt einen dem Erdboden gleich gemachten, weit angesehenen Tempel der Tanfana im Marsenlande und ein Allerheiligstes der Nerthus an. So einfach diese Heiligtümer auch gewesen sein mögen, sie hatten doch zusamt ihrem Gehege, ihrem Hofe, einen gewissen Wert und scheinen ihren Eigentümern eine mit manchen Rechten ausgestattete priesterliche Stellung eingetragen zu haben. Vom 5. Jahrhundert an, als man bereits von den Römern gelernt hat, werden Heidentempel, auch größere, in Süddeutschland häufiger erwähnt, aber von ihrer Einrichtung hört man nichts Näheres, nur daß ein kölnischer Tempel, in dem die Germanen Opferschmäuse hielten, mit Götterbildern, allerlei Schmucksachen und hölzernen Nachbildungen kranker Glieder versehen war. König Edwin (gestorben 633) ließ einen angelsächsischen Tempel samt seinen Hecken, Altären und Götzenbildern niederbrennen. Die friesischen Tempel, deren ehrwürdigster der des Gottes Fosete auf Helgoland war, bargen Schätze, die von Geschlecht zu Geschlecht vermehrt wurden. Der Tempelräuber wurde, grausam verstümmelt, am Meeresstrande geopfert, da, wo die Flut über seinen Leichnam hinwegspülte. Vom eroberten Gold und Silber aber nahm nach der Unterwerfung der Friesen Karl der Große zwei Drittel an sich und wies ein Drittel dem Bischof Alberich von Utrecht zu. Karl bekämpfte auch die sächsischen Tempel durch Verbote und Kriege. Die bedeutendsten lagen da, wo der sächsische Adel am dichtesten angesessen war, an der fränkischen Grenze. Von der Eresburg, der Irminsul, von Paderborn, Detmold und Herford aus führte dieser seine Aufgebote in die Schlacht. Nach den obigen Angaben (S. 312) darf die Nachricht, daß Karl bei der Zerstörung der Irminsul Gold und Silber gefunden und weggeführt habe, kaum bezweifelt werden, so wenig wie jene Meldungen über die friesischen Tempelschätze. Auch die Sachsen straften Tempelschädigung mit dem Tode.

Der nordische Tempel, der wie der angelsächsische auch das Hof d. h. geschützter Ort hieß, bestand wie der deutsche überwiegend aus Holz, in Island, wie es scheint, auch aus Torf. Selbst ein großer Hof wie der Thorstempel zu Maeri in Drontheim konnte abgebrochen und teilweise nach Island verladen werden. Aber im isländischen Gemeindetempel, wie er in den Sagen beschrieben wird, glaubt man schon eine Nachbildung fremden Kirchenbaues wahrzunehmen. 60 Fuß breit und bis zu 120 Fuß lang, hatte er ein Langhaus und, davon durch einen schmalen Zwischenraum getrennt, eine Art Chor, Stuka, Afhüs; jenes war mit einer Seitentür, dieser mit einer Türe in der Mitte der Rimdung versehen. Jene Halle war für den Opferschmaus, diese Zelle für die Götter und ihr Opfer bestimmt. Im Mittelraum der Halle stand das Öndvegi, der Hochsitz des Vorsitzers, dessen Säulen mit Thors Bild geschmückt und mit Reginnaglar, großen Nägeln, beschlagen waren. In der Stüka befand sich der eisenbeschlagene Stalli, Stallr Altar, auf dem das oder die Götterbilder standen und der goldene oder silberne Eidring lag, bei dem die Hofseide, ursprünglich alle Eide als Kultusakte, geschworen wurden, nachdem er vom Priester ins Blut des Opfertiers getaucht war, nach uraltem Brauche. Alfred der Große ließ 875 die Dänen einen Vertrag nicht nur auf den Gebeinen der Heiligen, sondern auch auf einem heiligen Ringe, der mit Opferblut bestrichen auf dem Altar lag, beschwören. Eide auf heilige Ringe, die später auch wohl durch Eide auf den Griff von Kirchentüren oder auf Ring und Stab oder auf Reliquien ersetzt wurden, kannten auch die Goten, Franken und Sachsen. Auch verdammte ein fränkisches Konzil in Orleans im Jahr 541 als heidnische Sitte, den Eid mit Berührung eines Tierhaupts unter Anruf der Götter abzulegen. — Ein großer kupferner Opferkessel, wie er auch in alten Schilderungen deutscher Opfer erwähnt wird, fing das Blut (hlaut) des geopferten Tiers oder auch Menschen auf, in das nicht nur jener Eidring, sondern auch der zur Be-sprengung der Opferer und der zur Losung dienende Opferzweig oder Opferbüschel getaucht wurde. Da heißt es z. B. von einer Schicksalsbefragung König Granmars beim Opfer in Uppsala: Da fiel ihm der Zweig so, als ob er nicht mehr lange zu leben hätte.

Den Tempel umgab ein angelsächsischer Geard, ein nordischer Gardr, ein etwa mannshohes Gehege, auch wohl eine goldne Kette in Uppsala, wie später in Deutschland Marien-, Leonhards- und Nikolauskirchen von Eisenketten umzogen waren. Beim Tempel in Uppsala überragte ein unvergleichlicher immergrüner Baum einen Quell, an dem geopfert wurde. Dieser machte Uppsala zur heiligsten Stätte des Landes, ein andrer Helgoland zu einer dem Gott Fosete geweihten Insel. So ertränkte man auf Island in „Opferquellen“ vor der Tempeltüre die zum Opfer bestimmten Menschen, wobei man sich des Sees der Nerthus erinnert, in den die Diener der Göttin versenkt wurden, aber auch der vielen Kirchen, in und bei denen Quellen sprudeln, wie in Paderborn, Freiburg i. B., Bomhövede, Visselhövede und Bexhövede. Der Tempelfriede, die Hofshelgi machte das Heiligtum für alle Schuld- und Wehrlosen zur unverletzlichen Zufluchtsstätte, die ein Bewaffneter nicht betreten durfte. Aber der friedlos Erklärte war wie der Wolf und Bär ausgeschlossen vom Frieden, und wer diesen durch Gewalttat brach, hieß Wolf im Heiligtum „vargr i véum“. Friedloslegung traf besonders die, welche das Heiligtum und den Thingplatz verletzt hatten. Daher kam es vor, daß selbst Leute, die durch die Ermordung eines der Ihrigen zu äußerster Wut gegen den Mörder gereizt waren, wegen des Tempelfriedens ruhig auseinander gingen. War die Opferstatte dennoch durch Mord oder Totschlag geschändet, so wurde das Thing von ihr verlegt. Den sichersten Schutz aber gewährte sie in den Hochzeiten d. h. an den hohen Festtagen.

Die Opferstätte war häufig auch Thingstätte, weil die Todesstrafe ein Staatsopfer war. In einem westisländischen Dömhringr, Gerichtsring, stand der Thorsstein, auf dem den zum Opfer für Thor Bestimmten das Rückgrat zerbrochen wurde.

Die heiligen Stätten und die Gotteshäuser wurden durch Weihgeschenke ausgezeichnet, vornehmlich durch Beutestücke, selten aber durch Waffen. Die Germanen der römischen Kaiserzeit hängten ihren Göttern in den heiligen Hainen die eroberten römischen Feldzeichen auf. Wenn auf dem Gail- oder Galgenberg bei Hildesheim, auf dem man 1868 einen römischen Silberschatz entdeckte, ein heidnisches Heiligtum stand, wie es nicht unwahrscheinlich ist, so darf man annehmen, daß darin, wie nachweisbar in andern Heidentempeln, die kostbarsten Beutestücke niedergelegt und vor aller Augen ausgestellt waren, jedoch keine Waffen, weil man diese besser für den Kampf brauchte. So behielt sich auch jener Isländer Hrafnkell (S. 304) den Mitgebrauch der seinem Lieblingsgotte Frey geopferten Waffen vor.

Mit wertvollen Weihgeschenken waren auch die nordischen Tempel ausgestattet, so daß Adam von Bremen mit starker Übertreibung den ganzen Tempel von Uppsala aus Gold gemacht nannte. Andre sprechen von einem aus Silber und Gold gefertigten Thorsbild und seinem prächtigen von zwei Böcken gezogenen Wagen in Maeri und erzählen, daß König Olaf Tryggvason alles Geld und Schmuckwerk aus dem Tempel zu Hladir und von dessen Götzen nehmen ließ. Thor geriet einmal in großen Zorn darüber, daß ein zum Christentum Bekehrter sein Tempelsilber ins Moor warf.

Älteres Zeugnis für die Ausstattung der nordischen Heiligtümer mit mehr oder minder kostbaren Weihgeschenken legen die Opferfunde ab, gleichartige Sachen, die gewöhnlich in größerer Anzahl auf einfacheren Opferplätzen niedergelegt wurden. Sie stammen aus den Jahrhunderten um Christi Geburt. Nordische Krieger weihten auf offenem Felde ganze Sammlungen von Beutestücken, die später das Moor überwuchs, gerade wie die Gallier ihre dem Kriegsgott gelobte Siegesbeute zu Haufen aufstapelten, die Caesar in vielen Gauen sah. Nordische Frauen brachten eine Anzahl bronzener Halsringe, ein Schiffer etwa 100 ineinander gesteckte Goldboote, Krieger prachtvolle mächtige Trompeten aus Bronze, sogen. Lure, ihren Göttern dar. Die wertvollsten Votivgaben, die sich durch reiches, noch immer nicht sicher gedeutetes, fremdartiges Figurenwerk auszeichnen, sind der Silberkessel von Gundestrup in Jütland und die beiden schleswigschen Goldhömer, die zu heiligen Kultzwecken bestimmt waren.

Aber auch Äcker, Wälder, Quellen und weidende Tiere gehörten zu den Tempeln auf Helgoland und im übrigen Friesland. Die isländischen Tempel oder Höfe bezogen einen Zoll, den Hofzoll, wie später die Kirchen ihren Zehnten, und fromme Leute machten ihnen auch Landschenkungen.

Wie stand es aber um den höchsten Tempelschmuck? Kleine aus Holz geschnitzte Götzenbilder unbestimmten Ranges hegte man wohl seit unvordenklicher Zeit: sie hießen im Norden Schnitzgötter oder kurzweg Stöcke. Man brachte sie auf oder neben den Steinhaufenaltären an. Das nordische Eidsifjagesetz verbot, solche Stöcke oder Altäre im Hause zu halten. Aber von eigentlichen Götterbildern will Tacitus in Deutschland nichts wissen. Die Bilder oder Gestalten und die Zeichen, die nach seinem Bericht die Priester aus den Hainen in die Schlacht trugen, sind bloße Bilder oder Gestalten wilder Tiere, wie er an einer anderen Stelle deutlicher sagt, insbesondere kampflustiger Eber und Wölfe, und die Zeichen sind wohl nur Symbole oder Attribute der Gottheit, wie bei ihm das Schiff ein Zeichen der Isis heißt. Die ältesten in den nordischen Mooren gefundenen wirklichen Götterbilder sind römische Bronzestatuetten: Mars, Jupiter und Venus. Sie mögen, wie einige von den zahlreichen in England und am Rhein entdeckten Götterbildern, auf germanische Gottheiten gedeutet und als Abbilder solcher verehrt worden sein. Sie werden auch zur Nachahmung gereizt haben. Ein germanisches Götterbild muß man wohl in der Nerthus, die herumgeführt und gebadet wird, und jedenfalls in der Bildsäule anerkennen, die der heidnische Gotenkönig Athanarich (gestorben 382) vor den Häusern aller des Christentums Verdächtigen auf einem Wagen herumfahren ließ, mit dem Befehl, ihr zu opfern. Die Missionare melden weiterhin öfter von Götterbildern deutscher Stämme vom Züricher See bis nach Helgoland, mehrmals von dreien neben einander. Und so werden sie auch im Norden bald einzeln erwähnt, bald in der Dreizahl. In Maeri stand das silbern-goldene Bild Thors allein da, während es in Uppsala neben sich das Odins und das Friccos (Freys) hatte. Thor wurde am häufigsten bildlich dargestellt, namentlich in Norwegen und Island. In Norwegen werden überhaupt Götterbilder viel öfter genannt, als in Schweden, wo Adam von Bremen nur die in Uppsala kennt. In Dänemark ist keins sicher nachgewiesen.

Die innere und äußere Ausstattung, die Größe und das Ansehen, zum Teil auch der Opfer- und Festbrauch waren verschieden, je nachdem der Tempel ein bloßer Hof oder ein Höfudhof war, für eine Gemeinde, einen kleineren Bezirk, oder für eine Landschaft oder gar ein ganzes Land bestimmt war. Solche stattliche, möglichst im Mittelpunkt der Landschaft und des politischen Lebens gelegene, durch großartige Opfer geehrte Haupttempel waren der schwedische in Uppsala, die dänischen in Viborg, Odense, Hleidra (Ringsted) und Lund, mehrere norwegische und die der 39 Godorde (Priesterschaften) auf Island. Vielleicht bezeichnet auch die Irminsul, ein ungeheurer Baumstamm, ein Hauptheiligtum der Sachsen, wie der immergrüne Baum in Uppsala ein schwedisches.

Die Verehrungsstätten der Götter, mochten sie nun in weiten freien Opferplätzen auf der Heide, in heiligen Bannwäldern, in Wallburgen oder Tempeln bestehen, wurden mit mehr Scheu und Feierlichkeit behandelt als die bescheidenen Opferräume der Seelen und der Elfen, am Herde oder unter einem nahen Baume, an einer Quelle oder auf einem Steine. Wie schon diese Örtlichkeiten, durften vollends nicht jene weihevolleren verunreinigt werden. Man duldete hier auch keinen weltlichen Lärm oder gar andere Friedensstörung. Nach Tacitus war auch der Ehrlose sowohl von der richtenden und ratenden VolksVersammlung, als auch vom Opfergelage, überhaupt von jedem religiösen Feste und damit überhaupt von der Gemeinschaft seiner Stammesgenossen ausgeschlossen. Nach demselben Tacitus näherte sich der Semnone dem allwaltenden Gotte mit so unterwürfiger Demut, daß er nur gefesselt dessen schauriges Heiligtum betrat. Den meist nordischen Nachrichten zufolge suchte man un-bewaffnet, entblößten Haupts, ehrerbietig den Tempel auf. Hier verneigte man sich oder schaute gen Himmel nordwärts, wo die Götter wohnten, oder warf sich gar zu Boden. Das geschah, um zu beten oder um den Gott zu befragen. So lag ein Isländer Thorstein früh morgens im Leinkleid auf dem Gesicht vor Thor im Tempel; ein anderer gleichen Namens fiel vor dem Stein in einem (Thors ?)hof nieder, betete zu ihm und erhielt Antwort von ihm. Für das Bitten zu Gott scheint der Heide kein eigenes Wort, wie unser Beten, geprägt zu haben. Die Hauptbitte war die um Hilfe, der Gott möge einem „taugen“ (duga) d. h. helfen, wie es im Norden auch noch vom Hvitakristr, von Jesus Christus, erfleht wurde.

In den verschiedensten Angelegenheiten fragte man, wie früher die Toten, jetzt die Götter um Rat. Man ging nach einem feierlichen Opfer „til fréttar „, zur Erkundigung, die sie durch Loszweige erteilten, die der Priester warf, wie es schon Tadtus beschreibt. Das nannte man im Norden „die Stäbe schütteln“ oder „den Opferspan werfen“. Der Hauptorakelgott war wenigstens den Norwegern Thor, der ihnen namentlich durch Losorakel oder sonstige Zeichen ihre Siedelstellen in Island anwies. In Friesland legte man sogar noch nach der Bekehrung zwei Ruten, deren eine mit einem Kreuze bezeichnet war, mit reiner Wolle umwickelt auf den Altar. Ein Priester oder ein unschuldiger Knabe nahm eins der Lose auf. Wurde das mit dem Kreuz aufgehoben, so waren die sieben eines Totschlags Bezichtigten unschuldig; wenn das andere, so mußte jeder eine Rute mit seiner Hausmarke bezeichnen. Wieder wurden sie mit reiner Wolle umwunden und auf den Altar gelegt. Dann nahm der Priester ein Los nach dem andern: das letzte bezeichnete den Mörder.

Nicht nur zu Gebet und Orakelbefragung, sondern auch zu feierlichem Schwur auf den Tempelring trat man vor die Gottheit (S. 302. 314). Glum legte einen Reinigungseid in drei Tempeln ab, um diesen besonders wirksam zu machen, wie noch der Bube am badischen Titisee seinen „Palmbuschen“, seine Palmsonntagsstange, zur Weihung in drei Kirchen trägt, damit diese besonders wirksam werde. Die neubekehrten Friesen schwuren nicht mehr auf den Ring, sondern statt dessen auf Reliquien oder auf den Altar.

Zum Unterschiede vom unblutigen Geister- und Elfenopfer bestand wenigstens das öffentliche Götteropfer nicht nur aus Feldfrüchten, sondern überwiegend aus Tieren, aus concessa animalia d. h. opferbaren, eßbaren Tieren, althochd. zebar, angels. Ufer, unserem , dessen Gegensatz das unreine Ungeziefer bildete. Nur Haut und Haupt wurden den Göttern gegeben, der Rest verblieb den Menschen zur Speisung. Das höchste Opfer nächst dem Menschen war, vielleicht als Tier des höchsten Gottes Wodan, das Pferd, dessen Fleisch auffälliger Weise bei allen Germanen sehr beliebt war. Darum bekämpften die christlichen Glaubensboten dessen Genuß besonders eifrig, und die Isländer bedangen sich bei ihrem Glaubenswechsel ausdrücklich aus, auch noch als Christen Pferde schlachten und verspeisen zu dürfen. Dem Frey gefielen namentlich Ochsen und Eber. Hunde und Wölfe wurden nicht geschlachtet oder gar gegessen, sondern nur neben geopferten Menschen aufgehängt, um deren Opferung als sakrale Todesstrafe deutlicher zu kennzeichnen. — In das von einem Kessel aufgefangene Tierblut tauchte man den Loszweig und den Eidring zu besonderen Zwecken, den Opferwedel aber zu dem allgemeinen, die Opfergenossen mit dem Blute zu besprengen und sie der Segnungen desselben recht teilhaftig zu machen. Auch besprengte man noch dazu die Tempel wände von innen und außen. In anderen Kesseln wurde das zerstückelte Tier gekocht, das zum Opferschmaus diente, wobei mit Met oder Bier gefüllte Trinkhömer oder Vollbecher von der einen Reihe der Festteilnehmer der gegenübersitzenden über die Feuer hingereicht wurden. Die große Bierkufe bildet im 6. Jahrhundert den Mittelpunkt eines alemannischen Opfers am Bodensee; noch weit älter ist der Blutkessel bei den Kimbern bezeugt. Kessel und Horn wurden im Norden auch als kostbare Weihgeschenke der Gottheit dargebracht. Das Gildi, altdeutsch Gild oder Geld, die festliche Opfermahlzeit, brachte noch manche andere Festfreuden mit sich. Tänze und mimische Spiele mit Musik und Sang entfalteten sich bei der Heranführung des Opferrosses mit seinem stolzen Schmuck und des Opferstiers mit seinen vergoldeten Hörnern, und wohl auch beim Gelage. Da erscholl mancher laute Ruf und Zuruf, wenn die Minne zu Ehren der Götter und der Ahnen getrunken wurde, und manches Opferlied erklang. Wie innig alle diese Handlungen miteinander verknüpft waren, bezeugt am besten das alte Wort , das in den verschiedenen germanischen Sprachen bald Reigen, bald Gedicht, bald Opfer, bald Gabe bedeutet.

So eifrig blieb das Volk auch nach seiner Bekehrung diesen heidnischen Tempelfreuden ergeben, daß es mit ihnen auch die christlichen Kirchen erfüllte und seit dem Beginn des 7. Jahrhunderts die Konzilien immer wieder Tanzspiele und Gastmähler in oder vor den Kirchen und die sogenannten Lose der Heiligen, die man aus der heiligen Schrift oder den Meßbüchern zog, sowie die vor dem Gotteshaus den Heiligen dargebrachten Opfer verbieten mußten. Draußen im Freien dauern noch heute namentlich bei den Frühlings- und Sommerfeiem die alten Schmäuse, Tänze und Wettspiele hie und da fort. Jenes Verbot traf auch die weniger kostspieligen Vertreter von Opfertieren, bescheidene Teigfiguren, schon im Indiculus des 8. Jahrhunderts. In allerhand Festgebäcken, besonders weihnächtlichen, kehren diese Tiergestalten in Schweden wie in Deutschland noch immer wieder, und ihnen haftete noch lange auch die alte Zauberkraft des Opfers an, indem man sie dem Pflüger, seinem Zugtier und in den Saatkorb gab, oder sie auch in ausbrechendes Feuer warf, um den Acker zu befruchten oder den Brand zu löschen.

Die Festfreude schlug oft ins Übermaß um. Nicht müder Domherr Adam von Bremen tadelte die unehrbaren Gesänge, die bei den Opfern von Uppsala angestimmt wurden, sondern auch der rauhe Heidenkämpe Starkad wurde dort angeekelt von den weibischen Tanzbewegungen, dem Lärm der Schauspiele und dem feinen Schellengeklingel. Aber wie schön war der Frühlingsausflug der Nerthus, wenn sie auf einem von Kühen gezogenen Wagen unter tiefer Verehrung durch das Land fuhr! Weit und breit herrschte Gottesfriede, alle Waffen ruhten, jedes Dorf nahm sie mit gastlichem Jubel auf. Und wenn die Göttin sich an all den Festfreuden der Sterblichen gesättigt hatte, kehrte sie in ihren stillen Tempel im frisch ergrünten Hain zurück, wo ihr Bild oder Symbol in einem See gebadet wurde.

Mit der steigenden wirtschaftlichen, staatlichen und religiösen Kultur, dem Aufblühen der Viehzucht und des Ackerbaus, dem Zusammenschluß der Gemeinden zu Hundertschafts-, Gau- und Landesverbänden, dem Siege des neuen Götterglaubens über den alten Geisterglauben nahmen die Opfer eine festere Zeitordnung, einen bestimmteren Verlauf, eine feierlichere und reichere Ausstattung und einen bedeutenderen Sinn an. Sie blieben im wesentlichen Dank-und Bittopfer, den Göttern dargebracht für das Gedeihen des Viehs und des Ackers oder auch für das Gelingen des Kriegs oder auch eines anderen Unternehmens, nicht bloß in Fruchtspenden, sondern auch in Spenden eßbarer Tiere. Aber ausnahmsweise kamen nun die schwereren Sühnopfer von Menschenblut dazu, das die Götter vom Frevler für ein begangenes Verbrechen verlangten. Man versammelte sich zu drei oder vier regelmäßigen Jahresopfern, die sich an die Hauptereignisse des bäuerlichen Lebens knüpften, an das erste Pflügen und die Aussaat, den ersten Austrieb des Viehs, die Ernte und den Viehheimtrieb, das Schlachten für den Winter und den dankbaren Genuß der Wintervorräte. Einige von diesen Festen fielen mit den großen imgebotenen Volksversammlungen zusammen; für Opfer und Ding wählte man als die glücklichsten Zeiten den Neumond oder den Vollmond. Der Priester besorgte das Opfer, sowie die andern mit den Rechtshandlungen verbundenen Religionsgebräuche.

Ein genaues Bild des germanischen Festwesens ist kaum herzustellen. Die alten Germanen hatten den abstrakten umfassenden Begriff Jahr noch nicht, sie rechneten nur nach den ihnen von der Natur selbst gegebenen Abschnitten Sommer und Winter, und ihre Einteilung dieses Naturjahrs war wohl sehr ähnlich der römischen, die wir aus Varro kennen. An diese römischen Naturfeiem lehnte die von Rom aus herrschende Kirche ihre religiösen Gedenktage an und brachte diese Festmischung den nördlichen Völkern, die sie wiederum mit ihren zeitlich entsprechenden Bräuchen verquickten. Da nun selbst die ältesten und älteren Nachrichten vom germanischen Festwesen, die angelsächsischen des Beda und die nordischen, unvollständig und widerspruchsvoll sind und dazu sich bereits vom kirchlichen Kalender gängeln lassen, so ist es oft sehr schwer, das Germanische vom heidnisch und vom christlich Römischen und hinwiederum die aus dem Altertum entlehnten Bräuche von den im Mittelalter neu entstandenen scharf zu scheiden.

Wie nach germanischer Anschauung die Nacht den Tag führt, das Dunkel dem Licht voraufgeht, so führt auch der dunkle Winter den lichten Sommer, und das Jahr beginnt zu Wintersanfang mit dem Herbstfest, dem ein Mittwintersfest und ein Frühlingsfest folgen. Diese von den Nordleuten angegebene Festdreiheit scheint auch für die übrigen Germanen maßgebend gewesen zu sein, wie sie denn auch dem Wesen ihres Wirtschaftsjahrs gemäß war. Das erste Fest, das Herbstfest, fiel je nach dem Klima der verschiedenen germanischen Länder bald früher, bald später, im Norden häufiger in den Oktober, im Süden in den November. Es war ein Dankfest, das man nach der völligen Einheimsung der Ernte und nach der Einstallung des Viehs feierte, wohl das ursprünglich wichtigste Jahresfest. Unter dem mm reichlicher als in irgend einer anderen Jahreszeit vorhandenen Viehstapel, den man doch nicht ganz den Winter durchzufüttern vermochte, begann ein großes Schlachten für den Haushalt und das Götteropfer. Daher hieß auch dieser erste Wintermonat der Schlacht oder Opfermonat. Dann lud im Norden der König oder Häuptling oder auch ein reicher Bauer zur Blötveizla, zum Opfergelage, ein, die Lehnsleute oder Bauern zogen auf weiten rauhen Wegen mit ihren Opfertieren, Vieh von allerlei Art und auch Pferden, mit Korn und Bier herbei Und nun wurde geopfert, geschmaust und gezecht, wie es Seite 321 geschildert ist. Der Festgeber hatte vor dem Genuß Speis und Trank zu segnen, mit Thors Hammerzeichen, und dann trank er zuerst aus dem Odinsbecher für Herrschaft und Sieg, dann — was wohl die Hauptsache war — aus dem Njörds- und dem Freysbecher til drs ok fridar, für ein gutes Jahr und Frieden. Außerdem waren viele gewohnt, den Bragarfull oder Gelübdebecher zu trinken und den Minnetrunk zum Gedächtnis ihrer Verstorbenen. Das Fest hatte also auch seine ernsten Seiten. — Bei einem solchen Fest überfiel Germanicus im Herbst des Jahres 14 n. Chr. die trunkenen Marsen und zerstörte ihren hochgeehrten Tempel der Tanfana, die wahrscheinlich eine Emtegöttin war (s. unten). An die Stelle dieses Herbstfestes trat in Skandinavien und noch weit früher in Deutschland der Martinsbegräbnistag, der 11. November, oder auch der Nikolaustag, der 6. Dezember, oder der Michaelistag, der 29. September, der Nikolaustag erst mit dem 11. Jahrhundert. Diese Heiligen wurden die Erben jener alten Götter; Martin und Nikolaus zogen von Haus zu Haus als gütige Spender der Herbstgaben. Zu Martini und Michaeli brannten, wie am nordischen Herbstfest, große Festfeuer, wurden leckere Gebäcke, die Martinshörner, die Klausenbröte oder -zelten und die Michaeliswecken genossen und bei fröhlichen Gansschmäusen die Martins- und die Michaelisminne getrunken. Bei der letzten gedachte man auch der Toten, namentlich in der sächsischen Meinweke. St. Nikolaus griff auch schon in das nächste Jahresfest, nach Weihnachten, hinüber: so wurde schon an seinem Tage der Erbsenbär, ein in Erbsenstroh gehüllter Eber, der zum Mittwinteropfer bestimmte Zuchteber, umgeführt. Der ältere Martinstag trug das viel deutlichere Gepräge eines tiefen wirtschaftlichen Einschnitts, eines altgermanischen Neujahrstages. Er schloß das Acker- und Pachtjahr ab und wurde bereits zu Karls des Großen Zeit zum allgemeinen Zinstag gewählt. In manchen Landschaften wurde erst an diesem Tage das Vieh eingestallt, der Hirte übergab seine Gerte seinem Herrn; noch in unsrer Zeit treten dann hie und da Knechte und Mägde ihren Dienst an.

Nun waren Felder und Weiden und Wälder leer von Mensch und Vieh und den Geistern und Göttern überlassen, um in wildem Wintersturm darüber hinzufahren. Die Jugend ahmte gern diese Umzüge der Überirdischen nach, namentlich an den Donnerstagsabenden der späteren Adventszeit, und tobte mit schreckendem Lärm durch die Dorfgassen. Der Bauer aber nahm zur Sicherung die letzten draußen gebliebenen Ackergeräte, Rad und Pflug, aus dem Freien unter Dach, war doch die Winteraussaat bereits besorgt. Nur der Hausarbeit, zumal dem Dreschen, der Viehfütterung und dem Spinnen, lag man ob und, wenn man sich bereits des Vorhaltens der Ernte Vorräte bis zum Sommer gefrösten durfte, feierte man im Mittwinter das zweite große Jahresfest, das im Norden Jól oder Jú, in England Geól d. h. das Jubelfest hieß. Das nordische Julfest fiel ursprünglich nicht in die Wintersonnenwende — dieses Wort oder ein sinnverwandter Ausdruck fehlte dem Mittelalter völlig und kein Brauch zielte auf die Sonne —, sondern in die Zeit vom 9. bis 16. Januar. Es faßte noch einmal all die winterlichen Bedürfnisse, Genüsse, Bräuche und Anschauungen zu einem Feste zugleich des nochmaligen Dankes für die letzte Ernte und der jubelnden Hoffnung auf die neue zusammen. Es wurde til gródrar, für das Wachstum der schon der Erde entsprießenden Aussaat, begangen. Aber es wurde in Deutschland und England früher, schon vor Beda, im Norden später auf das Fest der Geburt des Herrn verlegt, in Norwegen von König Hakon dem Guten im 10. Jahrhundert. Und damit überkam es die Ausdehnung und die Festfülle des kirchlichen Dodekahemeron d. h. des Festes der zwölf Tage von der Geburt des Herrn bis zu dessen Taufe, dem Epiphanientag, dem 6. Januar. In diese fröhliche Geburtsfeier waren aber schon eingebettet die ausgelassenen heidnisch-römischen Brumalien und die Satumalien, die Tage des Wintersonnenwendfestes und des Aussaatfestes, samt der lustigen Kalenden- oder Neujahrsfeier. In keine Stelle des altgermanischen Festwesens drangen fremde Festbräuche und Festanschauungen massenhafter und tiefer ein als in die Mittwinterfeier. Sie ist förmlich bedeckt damit, und nur hie und da lugen echt germanische Bräuche aus der dichten, sei es heidnisch, sei’s christlich-römischen Verhüllung hervor.

Aus dem alten Julfest wurde das Fest der Weihnachten, der heiligen Nächte, der Zwölfnächte oder der unrichtig sogenannten Zwölften, der R,weil man dann das Haus gegen den bösen Feind mit Weihwasser und Weihrauch schützte. Altgermanisch ist das Opfer des Zuchtebers, des altnordischen Sonargöltr d. h. Herdenebers, der mm fallen konnte, wo die Eichelmast aufhörte und frischer Wurf erwartet wurde. Feierlich wurde Freys Eber, wie an zwei Stellen bezeugt wird, am Julabend in die Festhalle geführt, damit man vor seiner Opferung Gelübde zukünftiger Taten auf seinen Rücken ablegte. Und noch später war der Schweinskopf in Schweden, England und Deutschland das Weihnachtsgericht. Alt scheint auch der Brauch, Juleber aus Kuchenteig zu backen und sie unter die Frucht zu reiben, damit die nächste Aussaat kräftig aufgehe. Dieser Zug auf das Zukünftige, der der römischen Neujahrsfeier so natürlich stand, war doch wohl auch dem germanischen Mittwinterfest eigen, das aus der dunklen Tiefe des Winters zu einer lichteren, wärmeren Jahreszeit hinüberführte. Freilich setzte man auch schon in Rom, wie noch in Süddeutschland, verschiedene Fruchtsorten in Gefäßen auf den Festtisch, um am andern Morgen aus dem Steigen oder Fallen derselben auf die Zukunft zu schließen. Auch kannte man im Süden die zwölf Lostage, aus deren Witterung man auf die Witterung der nächsten zwölf Monate schloß. Aber ist es nicht echt germanisch, aus dem „Duft“, dem dick an den Bäumen hangenden Rauhreif, oder aus der großen Zahl der Sterne, die in der Christnacht am Himmel standen, eine gute Ernte für das nächste Jahr zu weissagen? Man würfelt in Südwestdeutschland in der Neujahrsnacht gerade so, wie man es in Rom in dieser Zeit tat. Aber altgermanisch mutet es an, wenn in der Christnacht (oder auch am Andreasabend) das Mädchen, nackt sein Bett rüttelnd, den Liebenden zu erscheinen beschwört, und wenn man auf einem Kreuzweg oder einem Zaubergestell oder gar auf dem Dach des Hauses in dieser Zeit die Zukunft erspähte.

Germanisch und zugleich römisch mögen die lauten Umzüge Vermummter sein, die zu Neujahrs Anfang stattfanden, aber in manchen Gegenden Deutschlands schon in den Adventsnächten klopften, bochselten und anglöckelten. Mit den bösen Geistern, den nordischen Julburschen, kommen aber auch zu Besuch die Gottheiten Wodan oder Berchtold mit dem wütenden Heer, dessen leises Rauschen ein gutes Jahr, dessen Ungestüm Krieg ankündet. Man flüchtete vor ihm Wagen und Pflug in die Scheune. Die fleißigen Spinnerinnen aber spannen dicht vor der Festzeit, während deren die Spindel ruhte, eine ganze Nacht durch, die Durchspinnacht, bis alle Rocken leer waren, und besetzten den Tisch mit reichlicher Speise. Denn mm kam die Göttin Berchta mit den Schrätlein oder Holda, um nach der Spinnarbeit zu schauen und die Faulen zu strafen und dann sich an jenen Speisen zu erlaben. Möglicherweise nannten die Angelsachsen nach dem Besuch solcher mütterlicher Gottheiten die Weihnacht Modranihty die Nacht der Mütter, die schwerlich als Muttemacht aller kommenden Nächte des neuen Jahres aufzufassen ist. Sie übten nach Beda diese ganze Nacht hindurch feierliche Gebräuche aus.

Der volle Berchtentisch erinnert stark an die sogenannte Tabula fortunae, den Schicksalstisch, den die Römer nach orientalischem Vorbild in diesen Tagen des Jahrs mit Speisen ausrüsteten. Und wie die Fürsten in Südeuropa luden die des Nordens ihre Leute zu üppigem Festmahl ein. Auch die Kirche fügte sich dem schwelgerischen Grundzuge dieser Festzeit, indem sie dieselbe für fastenlos erklärte. So darf man sich nicht wundem, daß der Christabend in Norddeutschland wohl der Vollbauchsabend hieß und in nordischen Kalendern der erste Tag der Julzeit durch ein aufrechtes, der letzte durch ein umgekehrtes Trinkhom bezeichnet wurde.

Auch der zuerst im Jahre 1184 erwähnte Weihnachtsblock oder Christbrand, den man langsam auf dem Herde verbrannte und mit dessen Asche und Kohlen man die Äcker bestreute, ist der römische durch ganz Europa verbreitete Kalendenblock. Die Römer zündeten in dieser Zeit auch Lichter an, schenkten einander Süßigkeiten, Früchte und Kerzen und schmückten die Häuser außen und auch innen mit Grün und mit Bäumchen, woraus dann schließlich unser zuerst 1605 in Straßburg bezeugter mit Früchten und Flitter behängter Weihnachtsbaum hervorgegangen zu sein scheint.

Das aus so mannigfachen heidnischen und altchristlichen, römischen und germanischen Zügen zusammengesetzte Fest wurde dann noch mit zahlreichen sinnigen Legenden ausgeschmückt: in der Christnacht, glaubte man, wandele sich das Brunnenwasser in Wein, sprächen die Tiere im Stall freudig mit einander, der Himmel ließe heilkräftigen Tau hinabfallen, und mitten im Frost keimten und blühten die Bäume.

Das altgermanische Mittwinterfest ist demnach trotz dem aus der Fremde bezogenen Zusatzmaterial keine Fiktion und kein fremder Eindringling, sondern hatte seinen guten Sinn innerhalb der winterlichen Wirtschaft. So hören wir auch von einer festlichen Begrüßung des isländischen Monats Thorri, dessen Anfang auf den Mittwinter fiel. Es war ein häusliches einfacheres Julfest, wobei die „Hausväter“ mit ihren Nachbarn einen fröhlichen Schmaus hielten. Auch begrüßten die „Hausfrauen“ den Anfang des folgenden Monats Gói, der um Mitte Februar begann und mit einem Frauenfest gefeiert wurde.

Das Góiopfer mag schon das dritte hohe Fest, die Frühlingsfeier, vorbereitet haben, wie so viele andre Festlichkeiten. Voll sehnsüchtigen Verlangens nach Wärme und Licht, Wachstum und Leben drängte man schon gegen Ende Februar, wenn der Pflug wieder ins Land ging, sich vom Winter loszumachen und den Lenz wieder und wieder zu begrüßen z. B. bei der Sommeraussaat und dem ersten Weidegang. In den buntesten Formen äußert sich diese Vorfestfreude. Die Sachsen zu Karls des Großen Zeit feierten im Februar die Spurcalia, andere Deutsche die spurci dies d. h. die unflätigen Tage, vielleicht sogenannt wegen der unflätigen Schimpflieder, mit denen man den Winter austrieb. Am 22. Februar, Petri Stuhlfeier, klopft noch heute die Jugend der badischen Ortenau die Schlangen und Kröten und die westfälische den Sommervogel (den ersten Schmetterling?) mit möglichstem Lärm aus der Winterruhe auf. In manchen oberbayrischen und Tiroler Gegenden erklopft oder weckt man den Lenz, den Mai, das Korn mit Schellenläuten und Fackelläufen. Die Nordfriesen tanzten mit ihren Frauen und Bräuten um große Feuer oder Biken; dann gings wieder auf die See. Der dänische Hute trat seinen Dienst an. Nach deutschen Sprichwörtern beginnt mit St. Peter das Frühjahr. — Der Indiculus erwähnt auch einen heidnischen Umzug in zerrissenen Kleidern und Schuhen, den die Sachsen Yrias nannten. Der Name ist unklar, doch scheint der Winter als zerlumpte Figur, verfolgt von der Menge, dargestellt worden zu sein. Denn als solche tritt zu Mittfasten oder Laetare z. B. im badischen Ober-, wie Unterlande der Winter in seiner ganzen Häßlichkeit ohne oder mit dem Sommer auf. Überhaupt steckt die Faschingszeit mit ihren Vermummungen, ihrem Lärm, ihren Schlägen mit der Lebensrute und ihren Festkuchen voll alten Frühlingsübermutes. Noch am Fastensonntag (Invocavit) werden Hexen- und Fastnachtspuppen aus Stroh oder Reisig verbrannt, oder der „Tod“ ins Wasser geworfen. Der schönste Brauch dieses Tages ist das Herabwälzen eines brennenden Rades von einer Höhe im Fränkischen und das jetzt besonders noch von den Alemannen bewahrte Schlagen brennender Scheiben, das Feueroder Funkenbrennen, das zuerst 1090 bei Lorch erwähnt wird. Dieses Frühlingsfeuer befruchtet Feld und Wiese und die Menschen. Man ruft beim Scheibenschlag den Namen der Geliebten aus, und die jüngste Ehefrau springt durch das Feuer.

Immer mehr verschwindet der Winter aus den Bräuchen, die von den Göttern gespendete Fruchtbarkeit trägt den Sieg davon. Aber sie wird nicht allen im gleichen Maße zuteü, sondern der Wachsamste, Fleißigste, Schnellste gewinnt ihr Bestes, und die Treuste und Schönste wird be sonders geschmückt. Daher die Wettspiele des Ostereiersuchens, -tickens, -lesens und -laufens, daher der Wetteifer der Hirten, am ersten Austriebstag der erste, der „Tauträger“, draußen zu sein auf der taunassen Weide, daher die Maienfahrten mit der Liebsten in Berg und Wald, daher das Maienstecken ihr zu Ehren und die Aufrichtung des Maibaums, des Maypole, den das Volk umtanzte. Schon 1225 hieb ein Priester in Aachen einen solchen Baum um, wie später die englischen Puritaner, aber der Vogt befahl, einen noch höheren aufzurichten. Der laubverhüllte Pfingstbutz oder Wasservogel wird ins Wasser geworfen, um den Frühlingsregen auf das dürstende Land herabzuziehen. Dann schreitet das elsässische Maireseli, die badische Uffardsbrud (Himmelfahrtsbraut), die niederdeutsche Mai- oder Pingsbrud geschmückt mit einem Kranz, der den Feldern Fruchtbarkeit bringt und in der Kirche aufbewahrt wird, unter Preis- und Jubelliedern der Mädchen durch das Dorf, und aus den gesammelten Eiern, Äpfeln, Bretzeln und Mehl backt man den Uffardskuchen.

Wer gedenkt da nicht jenes von Ort zu Ort jubelnden Frühlingsumzugs der Göttin Nerthus, der auch offenbar das von ihr besuchte Land segnen sollte? Und auch das paarweise Auftreten der Frühlingsgestalten am 1. Mai, des Maigrafen und seiner Braut in Norddeutschland und des Robin Hood und seiner Maid Marian in England, erinnert an die ältere Landfahrt des schwedischen Gottes Frey mit seiner Priesterin, deren Schwangerschaft den Äckern Segen brachte. Schon hören wir um 800 aus dem Indiculus, daß die Sachsen ein Götterbildnis durch die Felder trugen, statt dessen später die sogenannten heiligen Trachten von Heiligenbildern durch die Fluren vorgenommen wurden.

In den Frühling fiel auch das nordische Siegesopfer, man opferte für einen siegreichen Seezug oder Sommerfeldzug in vollem Waffenstaat. Chlodwig rief seine ganze Mannschaft 486 zum Märzfeld zusammen, für das später das fränkische Maifeld gewählt wurde, um Lanze, Schwert und Beil zu zeigen. Nach dem norwegischen Gulafeingsgesetz mußte jeder Lehnsmann zur Frühlings Versammlung seine Waffen mitbringen. Zu Pfingsten oder am 1. Mai ließ sich schon der vierzehnjährige Ditmarsche gleich allen Männern in seinem Harnisch bei der großen Waffenschau sehen. Noch 1747 führten sie unter Trommelklang den Schwerttanz auf, dessen höchste Kunst darin bestand, die Klingen so geschickt ineinander zu fügen, daß der Vortänzer darauf treten und, auf ihnen in die Höhe gehoben, von oben eine Ansprache halten konnte.

Der Mittsommertag, die Sonnenwende oder Sungicht, trat als viertes Hauptfest minder hervor. Es scheint jüngeren Ursprungs und aus der Fremde eingeführt zu sein. Es ist durch fast ganz Europa von Griechenland bis nach Norwegen hin verbreitet. Doch kannte schon das alte Island ein Sommerfest, das in die Zeit des großen Althings, in die elfte Sommerwoche d. h. etwa in die Mitte Juni fiel, wenn die in großartiger Einsamkeit gelegene Versammlungsstätte sich auf einige Tage mit vielen hundert Männern aus allen Teilen der Insel füllte. Es wurde auch in Norwegen des Friedens und reicher Ernte halber begangen. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern war es ausgezeichnet durch die Johannisfeuer, die man auf Bergspitzen, wie auf den Marktplätzen anzündete. Man warf Kraut hinein, um damit sein Unglück zu verbrennen; der Bursche sprang mit seinem Mädchen hinüber zur Gesundheit; je höher die Flamme loderte, desto höher wuchsen Hanf, Flachs und Korn. Auf eine Gottheit oder gar auf eine Sonnengottheit weiset nichts hin. Der ursprüngliche Sinn des Feuers scheint der eines Sühnfeuers zu sein, das die bösen Geister vertrieb und Krankheit und Mißwachs und in Griechenland auch die Sünden hinwegnahm.

Dagegen waltete über die Ernte unzweifelhaft Wodan oder Odin. Die bayrischen und niedersächsischen Schnitter beteten um reichliches Korn in bestimmten Versen zu Waudl oder Waul, Wauden; sie ließen wie in Schweden eine Garbe für sein Pferd auf dem Felde zurück; sie warfen in Niedersachsen beim letzten Sensenstreichen die Mützen in die Luft und zündeten auf einem Hügel ein Feuer für ihn an. Die Ernte hieß darum in Bayern Waudlmähe, das Emtebier in Niedersachsen Wodelbier.

Die Hauptemte pflegte im August, die Vollemte aller Feldfrüchte erst mit dem Eintrieb des Viehs um Martini erledigt zu sein. Daher wurden und werden Erntefeste vom August bis zum November gefeiert, die späteren sogenannten Kirchweihen, die früher im oben besprochenen Herbstfest (S. 324) ihren vornehmsten Ausdruck fanden. Namentlich in katholischen Landschaften nehmen der Bauer und sein Gesinde, die Jungen und die Alten, die reichen Hofbesitzer und die ärmsten Häuslinge, die Lebenden und in gewissem Sinne auch die Toten, deren man an diesem Tage mitgedenkt, an diesem Freudenfeste den fröhlichsten Anteil. Auf dem erst später aufgestellten Hintergründe der Feier des Gedächtnisses an die Einweihung der Kirche und vielerwärts zugleich an deren Schutzheilige spielt sich ein wesentlich heidnisches, mit vielen altertümlichen Zügen ausgestattetes Fest ab, das nach getaner Sommerarbeit die ganze Familie, auch die oft zerstreute Freund- oder Verwandtschaft, und die Armen zu gemeinsamem Genüsse der Gaben des Feldes und der Weide vereinte und den Dienstleuten ein paar Tage voller Freiheit schenkte. Die Kirche wird oft an die Stelle eines Göttertempels getreten sein, wie es Gregor der Große schon um 600 den Angelsachsen gestattete, sich zu fröhlichen Opferschmäusen um ihr altes Gotteshaus zu lagern. Auf den Gräbern des Friedhofs feiern noch hie und da am Kirchweihtage die Familien häupter mit den Ihrigen das Gedächtnis ihrer Toten; noch hie und da, z. B. im Schwarzwald, spielen die schönste Rolle, eine echte Herrenrolle, der alemannische Hofbauer und seine Bäuerin als Wirte und Diener ihres Gesindes. Nachmittags bildet den Mittelpunkt ein Jahrmarkt mit seiner höchsten Wonne, dem Tanz.

Und so schließt die Kette der Feste, und ihr letzter Ring ist schon wieder der erste des neuen Wirtschaftsjahres. Die Wirtschaftsereignisse bestimmen die Opferzeiten des heidnischen Jahres und verleihen den Festen das Hauptgepräge. Das christliche Festjahr aber wird geleitet durch die einschneidenden Ereignisse des Lebens Jesu. Eine tiefe Kluft tut sich zwischen den beiden Festordnungen auf, und dennoch haben Volk und Kirche sie an manchen Stellen zu überbrücken gewußt!

Von den regelmäßigen Opferfeuern unterschieden sich die außerordentlichen Feuer dadurch, daß sie nicht in gewöhnlicher Festzeit angezündet wurden, sondern wenn Viehseuche oder Dürre im Lande war oder sonstiger Wetterschaden drohte. Dann dienten sie nicht dem Kochen der Opferspeisen, sondern zum Schutz- und Reinigungsmittel, um böse Geister abzuwehren und die Luft von ihnen zu säubern. Darum hieß es im Indiculus um 800 sächsisch Nodfyr und noch früher 742 mehr friesisch Niedfyr, althochdeutsch Nötfiur, norweg. d. h. Notfeuer.

Es heißt aber schwed. Vrid- oder Gnideld Dreh- oder Reibefeuer, weil es durch Reibung von Holz, meist Eichenholz, mit einer Walze oder einem Rade oder auch durch Feuersteinschlagen gewonnen werden mußte als ganz reines freies Element. Auf dem Eichsfeld nennt man es darum auch das wilde Feuer, wie in England Willfire. Am wirksamsten war es, wenn man zuvor alles Feuer im Dorfe auslöschte und zwei keusche Jünglinge inmitten der Gemeinde unter feierlichem Schweigen die Flamme aus trockenen Hölzern herausrieben. Mit dieser zündete man einen Holzstoß an, der aus den Beisteuern jeder Familie zusammengetragen war. Meistens trieb man dann das Vieh dreimal durch das Feuer, und namentlich Burschen und Mädchen sprangen darüber weg. Man verbreitete den Rauch mit Scheiten weithin, streute Asche auf die Felder und mischte sie dem Vieh unters Futter. In Schweden räucherte man mit solchem Feuer Obstbäume und sogar Fischernetze. Noch im Jahre 1855 loderte im Braunschweigischen das wilde Feuer.

Ein seltneres Opfer war auch das Menschenopfer, dem die Germanen nachweisbar ein Jahrtausend ergeben gewesen sind. Gleich die ersten deutlicher hervortretenden Germanen, wenn wir die Kimbern so nennen dürfen, schlachteten die Kriegsgefangenen, um aus ihrem Blut zu weissagen, oder henkten sie alle voll Erbitterung über geschehene Unbill der Gegner auf, wie die Germanen Armins die Schädel der römischen Kriegsgefangenen an Bäumen befestigten. Tacitus bemerkt auch, daß Menschen dem allwaltenden Semnonengott in seinem Haine fallen und zwar in einer festgesetzten Periode, nicht alljährlich. Andre Stämme halten es für Recht, wenigstens ihren höchsten Gott Wodan durch Menschenopfer in bestimmten Fristen gnädig zu stimmen, während die beiden anderen großen Götter, Donar und Tius, sich mit Tieropfem zufrieden geben. Doch im Kriege der Chatten und der Hermunduren im Jahr 58 n. Chr. weihten jene dem Wodan, diese dem Tius das feindliche Heer zum Opfer, und die besiegten Chatten mußten furchtbar büßen. Damals also ertönte schon in Deutschland der schreckliche Fluch „Wodan hat euch alle!“, den später mancher nordische Heerführer über die Feinde schleuderte. Das grausame Blutadlerschneiden, wobei dem Gefangenen die Lunge zwischen den Rippen durch herausgezogen wurde, galt auch wohl dem Odin, dessen Vogel der Adler war. Die Sachsen hielten noch zu Karls des Großen Zeit am Menschenopfer fest. Die Schweden sollen auf ihrem großen Landesfest zu Uppsala alle neun Jahre um die Frühlingstag-und -nachtgleiche neun Menschen getötet und neben Hunden aufgehängt haben, am dänischen ebenfalls alle neun Jahr im Januar gehaltenen Landesfest zu Lethra sollen sogar 99 Menschen und ebensoviel Pferde, Hunde und Hähne geopfert worden sein. Menschenopfer in Uppsala bezeugt auch der Däne Saxo und führt sie auf Frey zurück. Doch scheinen die deutschen Gewährsmänner jener Nachrichten, Adam von Bremen und Dietmar von Merseburg, zu übertreiben, der letzte faßt irriger Weise die Tiere nicht als Götteropfer, sondern als Nahrungsmittel für die getöteten Menschen in der Unterwelt. Das Menschenopfer nannte ein norwegischer König einmal das höchste Opfer, und gewiß ist es überall von den Germanen so angesehen worden. Der Wert des Menschenopfers stieg, je teurer das Menschenleben war. Franken, Heruler und Sachsen sollen sogar unschuldige Verwandte und als besänftigendste Opfer Leute priesterlichen Amts den Göttern getötet haben. Jedenfalls gab man im Norden bei Mißwachs auch den König den Göttern preis. Nach der ersten Mißernte brachten die Schweden Ochsen dar, nach der zweiten Menschen und nach der dritten gar ihren König Domald und röteten mit dessen Blute die Sitze der Götter in Uppsala. Es war eine mildere Opferform, wenn die Burgunder ihren Hendino oder König bei Kriegsunglück oder Mißwachs absetzten (S. 298). Jarl Hakon opferte seinen Sohn, um den Sieg über die Jomsvikinger zu gewinnen, ein andrer Fürst sogar hintereinander dem Odin neun Söhne, um dadurch sein eignes Leben im neuen Jahre zu verlängern. Um günstigen Wind zu verleihen, forderte Odin einen Mann aus König Wikars Schiffsmannschaft, der aufgehängt werden sollte, und das Los traf den König selber. Am andern Tage hängte ihn Starkad feierlich an einem Aste auf und durchbohrte ihn mit einem zum Speer werdenden Rohrstengel mit den Worten:

„Nun gebe ich dich dem Odin“!

Nur einzelne dieser Opfer waren Akte der Rachgier, Grausamkeit und Selbstsucht. Durchweg wurden sie als sacrale Todesstrafen, als Sühnopfer für begangene Frevel, als Vollstreckung der über den Frevler verhängten Friedlosigkeit dargebracht. Vor allem fielen Kriegsgefangene, die als Landesfeinde den Frieden gebrochen, und Verbrecher, die eines gleichen Vergehens sich schuldig gemacht hatten. Je nach der Art ihres Verbrechens war die Art der Todesstrafe verschieden. Wer in Friesland einen Tempel zerbrochen hatte, wurde am Strande verstümmelt, den Göttern geopfert, der Flut preisgegeben. Feiglinge und Lüstlinge versenkte man in einen Sumpf und warf ein Hürdengeflecht darüber, um sie für alle Zeit unsichtbar zu machen. Auf dem isländischen Thorsstein wurde dem Verbrecher der Rücken zerbrochen, wahrscheinlich dem Meineidigen oder Lügner, den ja nach dem Volksglauben der Blitz erschlägt. Eine Missetat am heidnischen Kult war es, einen Gehängten lebend oder tot vom Galgen zu nehmen, da dieser doch der Gottheit gehörte, zumal dem nordischen Hangagud, dem Gott der Gehängten, Odin. Sagenhaft klingt die nordische sogenannte „Rollenrötung“, d. h. der Stapellauf eines Schiffs über den Leib eines Menschen hinweg, dessen Blut dann den Kiel sühnend netzte. Aber man hat oft beim Niederreißen alter deutscher Bauten, Stadtmauern und Brücken und Deiche, Gerippe mit Särgen und ohne sie gefunden, die die Wahrheit der häufigen noch jetzt vom Volk geglaubten Geschichten vom Einmauern lebendiger Menschen in den Grundstein wichtiger Schutzbauten bezeugen.

Autor: Germanenherz

Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben. Sieg oder Spott, folg deinem Gott!

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