Walhall, Ragnarök: Ende und Neubeginn

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Das ist kein Todessignal sondern vielmehr, ein Aufruf zum Kampf. Die letzte Schlacht, Ragnarök.

Walhalla – das Ziel aller tapferen Krieger

Walhall (oder Valhall, im Volksmund oftmals auch Walhalla genannt) bezeichnet in der nordischen Mythologie das Ziel aller gefallenen Krieger, die sich als tapfer erwiesen hatten und in der Schlacht ihr Leben gelassen hatten. Von Göttervater Odin selbst auserwählt, fanden die mutigen Männer ihre letzte Ruhestätte in einer Halle mit 540 Toren, durch die je 800 Einherjer nebeneinander einziehen können. in seinem in Asgard errichteten Schloss Gladsheim im Reiche der Asen gelegen.

Tagsüber messen sich dort die Einherjer im Zweikampf. Abends vergnügen sich die Kämpfer bei Bier und Met, welches ihnen die Walküren reichen. Diesen kommt aber auch die Aufgabe zu, die tapfersten der auf dem Schlachtfeld gefallenen Kämpfer auszusuchen und nach Walhall zu bringen.

Heidrun

Auf dem goldbedeckten Dach weidet die Ziege Heidrun. Sie spendet den Kriegern jenen köstlichen Trank in unversiegbarer Fülle, der ihnen das heldische Wesen bewahrt. Die Ziege ernährt sich vom Baum des Lebens, der Weltesche. Niemand weiß, wie weit die Wurzeln der Weltesche (Yggdrasil) reichen. Eisen und Feuer können der Esche von jeher nichts anhaben. Die Krone ist sehr hoch und von weichem Nebel umwoben. Der Tau, der entsteht, befeuchtet die Täler. Zu den Füßen dieses gewaltigen Baumes sprießt der muntere Quell der Norne Urd. In den Zweigen der Esche wohnt, spielt und terrorisiert das Eichhörnchen Ratatöskr.

Helgi

Der einzige Krieger, der es der Sage nach je geschafft hat, nach seinem Tod Walhall noch einmal zu verlassen, war der strahlende Held Helgi. Als Helgi in seinem Totenhügel begraben liegt, holt Wodan ihn aus seinem irdischen Sein und zeichnet ihn mit einer Gunst wie nie zuvor aus. Doch auf der Erde sieht die Magd der von Helgi geliebten Sigrun den verwundeten, stark blutenden Helgi an seinem Grabhügel vorbeireiten. Er sagt zu ihr, daß er nach dem Wunsch ihrer Herrin am nächsten Tag erneut zu seinem Grabhügel zurückkehren wird. Er sendet die Magd mit der Kunde zu ihrer Herrin. Am nächsten Tag geht Sigrun zu der Grabkammer ihres Geliebten, und die Magd hat recht behalten. Sie fällt ihrem Geliebten voller Freude um den Hals, und das einstige Pärchen verbringt eine letzte innige Liebesnacht, bevor im Morgengrauen, noch ehe der erste Hahnenschrei in Asgard ertönt, der Geliebte wieder nach Walhall zurückkehrt.

Einherjer

Walhall galt nach germanischem Glauben als eine Art Kriegerparadies. Die Helden, die dort Einlass fanden, waren von Odin handverlesen. Im Regelfall gelangten nur ausgezeichnete und überaus tapfere Kämpfer und Krieger dorthin, die in der nordischen Mythologie unter dem Namen „Einherjer“ bekannt sind. Dies geschah jedoch nicht nur zur Ehrung der ruhmreichen Helden, sondern auch in Hinblick auf die letzte Schlacht, Ragnarök. Aufgabe der Einherjer sollte es sein, dem Göttervater und seinem Gefolge im endzeitlichen Kampf gegen die gewaltigen Riesen beizustehen.

Die Walküren als Botinnen Odins

Das letzte Geleit wurde den Einherjern von den Walküren gegeben, Odins Schlacht- oder Schildjungfern. Die Kriegerjungfrauen, die auf dem Schlachtfeld zu finsteren Todesgeistern wurden, die Helden in den Tod lockten, hatten die Aufgabe, die Gefallenen auszuwählen, denen der Einlass in Walhall gewährt werden sollte. Sie fanden die Einherjer, indem sie übers Eine Walküre (Arbo, 19. Jahrhundert)Schlachtfeld ritten und die Tapfersten unter den im Kampf getöteten Helden auswählten. Diejenigen Gefallenen, auf welche die Wahl der Walküren gefallen war, wurden im Anschluss von den geisterhaften Jungfrauen nach Walhall geleitet.

Walhall – die Halle der toten Krieger

Die prächtige Halle, die den Einherjern zur letzten Ruhestätte wurde, befand sich in Odins Burg in Asgard, der Burg Gladsheim. Diese galt als die größte in Asgard errichtete Burg und diente dem Göttervater selbst als Wohnsitz. Den Vorstellungen des germanischen Götterglaubens entsprechend handelte es sich bei Walhall um eine überaus prunkvoll gestaltete Halle, deren Dach aus auf Speeren ruhenden Schilden bestand. Besonderes Augenmerk wurde vor allem auf die über 500 Tore gelegt, die aus der Halle führten: Jedes Einzelne von ihnen war so breit, dass achthundert Einherjer in einer Reihe hindurch schreiten konnten. Walhall war bewusst so konzipiert, damit die auserwählten Krieger bereits beim ersten Anzeichen der Götterdämmerung ausrücken könnten, um an der Seite Odins und im Kampf für ihn und sein Gefolge ein zweites und letztes Mal zu fallen.

Das Kriegerparadies

Zuweilen wurden die Einherjer, die von den Walküren nach Walhall geleitet worden waren, dort auch von Odins Söhnen Hermod oder Bragi empfangen und vor den Thron des Göttervaters geführt, der die gefallenen Helden freudig und mit offenen Armen empfing. Die prunkvolle Halle war hauptsächlich Schauplatz von Kampfspielen und üppigen Gelagen.

Künstlerische Darstellung von WalhallaTagsüber maßen sich die Einherjer konzentriert und voller Kampfeslust im Zweikampf und diversen anderen Kampfspielen, um für die letzte große Schlacht an der Seite der Götter auf den Vigrid-Ebenen gewappnet und vorbereitet zu sein.

Abends hingegen wurden große Feste und üppige Gelage gefeiert, bei denen die Walküren den Kriegern Walhalls Bier und Met reichten. Verspeist wurde jeden Abend aufs Neue der Eber Saehrimnir, der am Folgetag wieder lebendig und erneut geschlachtet, gebraten und verzehrt wurde. Ihren Met hingegen erhielten die Einherjer von der Ziege Heidrun, die vom Laub eines Baumes frisst, der mitten in der Halle prangte. Aus ihrem Euter floss tagtäglich eine große Menge an Met, mit der alle Einwohner Walhalls verköstigt werden konnten.

In Gesellschaft Odins

Der Göttervater Odin selbst wohnte den Kampfesspielen seines Heeres gerne bei und beobachtete die Turniere. Von seinem Thron Hlidskialf aus sah er gemeinsam mit seiner Gattin Frigg dem munteren Treiben zu. Der Sage nach wurde die Giebelwand von einem Hirschgeweih geziert, durch das sich die Einherjer an vergangene Jagdfreuden erinnern sollten, die sie zu ihren Lebzeiten erlebt hatten. Über dem westlichen Tor Walhalls war ein Wolf angebracht, über diesem thronte ein Adler. Die symbolische Bedeutung verwies auf die Tiere, die den Gott in die Schlacht begleiten sollten.

Ragnarök: Ende und Neubeginn

Der Begriff „Ragnarök“ leitet sich aus der altnordischen Sprache her und bedeutet in die deutsche Gegenwartssprache übersetzt in etwa „Schicksal der Götter“. Im Gegensatz zu monotheistischen Weltbildern geht die germanische Mythologie ähnlich wie die griechisch-römische antike Vorstellung von der Fehlbarkeit der Götter und einem befristeten Dasein derselbigen aus. Durch die menschlichen Charakteristika, die den Göttern zugesprochen werden, können sie ebenso wie die Menschen durch Verbrechen und Kriege Schuld auf sich laden und somit gerichtet werden. Ragnarök bedeutet im germanischen Götterglauben das Ende der Welt in Zerstörung und Untergang, was die Götterwelt ebenso betrifft wie die Menschenwelt. Diese Vernichtung ist jedoch keineswegs endgültig, aufgrund einer zyklischen Vorstellung des Weltenlaufs wird nach dem Untergang eine neue und gereinigte Welt aus dem Meer emporsteigen.

Die vier großen eschatologischen Ereignisse

Eingeleitet und begleitet wird der Untergang der Götter durch vier große eschatologische Ereignisse. Nicht nur die Kämpfe der Götter, Riesen und Ungeheuer bedingen das Ende und den Untergang der Welt, auch die Elemente sind in das Schicksal der Götter eingebunden. Nacheinander läuten der Fimbulwinter, der Weltenbrand, das Versinken der Erde und die Verdunkelung der Sonne Ragnarök ein und besiegeln bereits im Voraus und während der letzten Schlacht die endgültige Katastrophe.

Der Fimbulwinter

An erster Stelle steht der sogenannte Fimbulwinter, eine karge Eiszeit mit drei strengen und eisig kalten Wintern, die von Schneefall, Frost und Stürmen geprägt sind. Die klirrende Kälte des Fimbulwinters wird von keinem Sommer unterbrochen und ist eine Abfolge einer kalten und kargen Periode, die in sich bereits die Zeichen des Untergangs trägt.

Der Weltenbrand

Der Zeit der klirrenden Kälte folgt als zweites großes eschatologisches Ereignis der Weltenbrand. Dieser wird vom Riesen Surt ausgelöst, der als Flammenriese Gewalt über das Feuer besitzt und mit den Flammen seines Schwertes alles Leben auslöscht.

Das Versinken der Erde

Das dritte eschatologische Ereignis, das mit dem Untergang einhergeht, ist das Versinken der Erde. Sie geht in den Wellen des aufgepeitschten Ozeans unter, der vom Wüten der an Land gekommenen Midgardschlange aufgewühlt wurde und nun das Land überflutet und alles in seinen Wogen verschlingt.

Die Verdunkelung der Sonne

Das letzte der vier eschatologischen Ereignisse, die das Schicksal der Götter einleiten und es als düstere Katastrophen begleiten, ist die Verdunkelung der Sonne. Im Chaos der bebenden Erde, die Felsen einstürzen lässt und Bäume entwurzelt, kann sich der gefährliche Fenriswolf aus seiner Gefangenschaft in Ketten lösen. Er verschlingt die Sonne und bringt dadurch Finsternis und Dunkelheit über die Welt.

Das Nahen der Feinde

Durch die Fluten des Ozeans, der die Erde überschwemmt hat, wird das Totenschiff Naglfar flott, das aus den unbeschnittenen Nägeln von Leichen erbaut ist. Das riesenhafte düstere Meeresgefährt bringt die Riesen, die Feinde der Götter mit sich. Im Chaos der bebenden Erde gelingt es den kampfwütigen grimmigen Gestalten, die Regenbogenbrücke Bifröst zu überqueren, die als Verbindung zwischen Midgard und Asgard fungiert und so einen Weg zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttern und Menschen ermöglicht. Zusammen mit den Gestalten Hels, der Unterwelt, versammeln sich Frost- und Eisriesen, die gewaltigen Ungeheuer Fenriswolf und Midgardschlange, der Verräter Loki und die Feuerriesen.
Heimdall, der Wächter der Regenbogenbrücke, die unter dem Ansturm der Feinde letztlich einstürzt, stößt einen Warnruf in sein Horn und verkündet den Göttern Asgards die herannahende Gefahr, die zur Ebene Wigrid gezogen ist, um sich dem endgültigen Kampf zu stellen.

Die Vorbereitung der Schlacht

Durch Heimdalls Horn gewarnt, versammeln sich die Götter und beratschlagen darüber, wie der Krieg gegen die Feinde zu führen ist. Der Göttervater Odin reitet zum Brunnen des Mimir, einem Weisheitsquell unter der Weltenesche Yggdrasil, um Rat zu holen. Die Asen und Wanen versammeln sich zusammen mit den Einherjern, den gefallenen tapferen Kriegern, die ihre letzte Ruhestätte in Walhall gefunden haben. Gemeinsam wappnen sich Götter und Einherjer für den entscheidenden Kampf und werden schließlich vom Göttervater im glänzenden Harnisch zur Ebene Wigrid geführt, um sich ihrem Schicksal zu stellen.

Ragnarök: Der letzte Kampf

Der Kampfplatz Wigrid ist der Schauplatz der letzten und katastrophalen Begegnung zwischen den Göttern und den Mächten der Unterwelt. Der Wane Freyr fällt im Kampf mit dem furchtbaren Feuerriesen Surt, dessen Schwert kurz darauf die Erde in Brand setzt. Der Höllenhund Garm und der Kampfesgott Tyr töten einander in einem grausamen Zweikampf, auch der listige Verräter Loki und der Brückenwächter Heimdall stehen einander gegenüber und beenden gegenseitig ihr Leben. Der mächtige Donnergott Thor trifft im Kampf auf die fürchterliche und gewaltige Midgardschlange. Zwar gelingt es ihm, das Ungeheuer zu töten, er stirbt jedoch selbst nur wenige Sekunden später an ihrem tödlichen Gift.
Auch der Göttervater Odin findet in dieser Schlacht sein Schicksal und sein Ende in den Klauen und zwischen den Zähnen des Fenriswolfes. Sein Sohn Vidar schließlich rächt den getöteten Vater und besiegt den Fenriswolf.

Ragnarök – Götterschicksal

Wie die Entstehung der Welt für die Germanen nicht der Anfang der Geschichte war, sollte die Götterdämmerung nicht ihr Ende sein, sondern lediglich eine weitere Zäsur im unendlichen Zyklus der Zeit.

Wie die Entstehung der Welt für die Germanen nicht der Anfang der Geschichte war, sollte die Götterdämmerung nicht ihr Ende sein, sondern lediglich eine weitere Zäsur im unendlichen Zyklus der Zeit. Hauptquelle der Überlieferung ist auch hier die Völuspa. Ihre eindrucksvolle Schilderung vom Untergang und der Erneuerung der Welt wird von einigen Stellen des Wafthrudnirliedes und des Hyndlaliedes. Auf diese Quellen bauen auch die einschlägigen Kapitel 51 bis 53 aus Snorris Gylgafinning auf, in denen allerdings – wie wir schon anmerkten – einiges verfälscht und hinzugefügt haben. Auch die Skalden Kormak (um 930) und Arnor Jarlaskald (um 1056) bezogen sich auf die Völuspa und die zwischen 940-950 und 961-970 verfaßten Preislieder auf die Könige Eirik und Hakon, gedenken ebenfalls dieser Zeit.

Der Beginn von Ragnarök wird durch das Krähen des Hahnes Gullinkambi  verkündet.

„Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.

Vol. 7. Auf Idafeld kamen / die Asen zusammen,
Altäre zu schaffen / und Tempel zu bauen;
Sie gründeten Essen, / das Gold zu schmieden,
Hämmerten Zangen / und Handwerkszeug.

Vol. 8. Im Hofe übten sie / heiter das Brettspiel –
An blitzendem Golde / gebrach’s ihnen nicht –
Bis die mächtigen drei / Mädchen kamen,
Die Töchter der Riesen / aus Thursenheim.

Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist. Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja, Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen.

Vol. 26. Das wankten die Eide, / die Worte und Schwüre,
Die festen Verträge, / die man vordem schloss.

Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewinnen alle Handlungen der Götter eine tiefere und weitere Bedeutung. Namentlich Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken. An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren, aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum verborgen, bis sein gehender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit. Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde bringt ein altes Riesenweib Fenrirs Brut[9] zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter, dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht“.

„51. Da sprach Gangleri: Was für Zeitungen sind zu sagen von der Götterdämmerung? Ich hörte dessen nie zuvor erwähnen. Har antwortete: Davon sind viele und wichtige Zeitungen zu sagen. Zum ersten, daß ein Winter kommen wird, Fimbulwinter genannt. Da stöbert Schnee von allen Seiten, da ist der Frost groß und sind die Winde scharf, und die Sonne hat ihre Kraft verloren. Dieser Winter kommen dreie nacheinander und kein Sommer da zwischen. Zuvor aber kommen drei andere Jahre, da die Welt mit schweren Kriegen erfüllt sein wird. Da werden sich Brüder aus Habgier ums Leben bringen und der Sohn des Vaters, der Vater des Sohnes nicht schonen. So heißt es in der Völuspa:

Brüder befehden sich / und fällen einander,
Geschwisterte sieht man / die Sippe brechen.
Unerhörtes ereignet sich, / großer Ehbruch.
Beilalter, Schwertalter, / wo Schilde klaffen,
Windzeit, Wolfszeit, / eh die Welt zerstürzt.
Der eine achtet / des andern nicht mehr.

Da geschieht es, was die schrecklichste Zeitung dünken wird: daß der Wolf die Sonne verschlingt, den Menschen zu großem Unheil. Der andere Wolf wird den Mond packen und so auch großen Schaden tun, und die Sterne werden vom Himmel fallen. Da wird sich auch ereignen, daß so die Erde bebt und alle Berge, daß die Bäume entwurzelt, die Berge zusammenstürzen und alle Ketten und Bande brechen und reißen. Da wird der Fenriswolf los, und das Meer überflutet das Land, weil die Midgardschlange wieder Jotenmut annimmt und das Land sucht. Da wird auch Naglfar, das Schiff, das so heißt und aus Nägeln der Toten gemacht ist, weshalb wohl die Warnung am Ort ist, daß, wenn ein Mensch stirbt, ihm die Nägel nicht unbeschnitten bleiben, womit der Bau des Schiffes Naglfar beschleunigt würde, den noch Götter und Menschen verspätet wünschen. Bei dieser Überschwemmung aber wird Naglfar flott. Hrymr heißt der Riese, der Naglfar steuert. Der Fenriswolf fährt mit klaffendem Rachen umher, daß sein Oberkiefer den Himmel, der Unterkiefer die Erde berührt, und wäre Raum dazu, er würde ihn noch weiter aufsperren. Feuer glüht hin aus den Augen und Nasen. Die Midgardschlange speit Gift aus, daß Luft und Meer entzündet werden; entsetzlich ist ihr Anblick, indem sie dem Wolf zur Seite kämpft. Von diesem Lärmen birst der Himmel: da kommen Muspels Söhne hervorgeritten. Surtur fährt an ihrer Spitze, vor ihm und hinter ihm glühendes Feuer. Sein Schwert ist wunderscharf und glänzt heller als die Sonne. Indem sie über die Brücke Bifröst reiten, zerbricht sie, wie vorhin gesagt ward. Da ziehen Muspels Söhne nach der Ebene, die Wigrid heißt; dahin kommt auch der Fehriswolf und die Midgardschlange, und auch Loki wird dort sein und Hrymr, und mit ihm alle Hrimthursen. Mit Loki ist Hels ganzes Gefolge, und Muspels Söhne haben ihre eigene glänzende Schlachtordnung. Die Ebene Wigrid ist hundert Rasten breit nach allen Seiten.

Und wenn diese Dinge sich begeben, erhebt sich Heimdall und stößt aus aller Kraft ins Giallarhorn und weckt alle Götter, die dann Rat halten. Da reitet Odin zu Mimirs Brunnen und holt Rat von Mimir für sich und sein Gefolge. Die Esche Yggdrasil bebt, und alles erschrickt im Himmel und auf Erden. Die Asen wappnen sich zum Kampf, und alle Einherier eilen zur Walstatt. Zuvorderst reitet Odin mit dem Goldhelm, dem schönen Harnisch und dem Spieß, der Gungnir heißt. So eilt er dem Fenriswolf entgegen, und Thor schreitet an seiner Seite, mag ihm aber wenig helfen, denn er hat vollauf zu tun, mit der Midgardschlange zu kämpfen. Freyr streitet wider Surtur, und kämfen sie ein hartes Treffen, bis Freyr erliegt, und wird das sein Tod, daß er sein gutes Schwert mißt, das er dem Skirnir gab. Inzwischen ist auch Garm, der Hund, losgeworden, der vor der Gnupahöhle lag: das gibt das größte Unheil, da er mit Tyr kämpft und einer den andern zu Falle bringt. Dem Thor gelingt es, die Midgardschlange zu töten; aber kaum ist er neun Schritte davongegangen, so fällt er tot zur Erde von dem Gifte, das der Wurm auf ihn gespien hat. Der Wolf verschlingt Odin, und wird das sein Tod. Alsbald kehrt sich Widar gegen den Wolf und setzt ihm den Fuß in den Unterkiefer. An diesem Fuße hat er den Schuh, zu dem man alle Zeiten hindurch sammelt, die Lederstreifen nämlich, welche die Menschen von ihren Schuhen schneiden, wo die Zehen und Fersen sitzen. Darum soll diese Streifen ein jeder wegwerfen, der darauf bedacht ist, den Asen zu Hilfe zu kommen. Mit der Hand greift Widar dem Wolf nach dem Oberkiefer und reißt ihm den Rachen entzwei, und wird das des Wolfes Tod. Loki kämpft mit Heimdall und erschlägt einer den andern. Darauf schleudert Surtur Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. So heißt es in der Völuspa:

Ins erhobne Horn / bläst Heimdall laut;
Odin murmelt mit / Mimirs Haupt.
Yggdrasil zittert, / die ragende Esche;
Es rauscht der alte Baum, / da der Riese frei wird.

Was ist mit den Asen, / was ist mit den Alfen?
All Jötunheim ächzt, / die Asen versammeln sich.
Die Zwerge stöhnen / vor steinernen Türen,
Der Bergwege Weiser: / Wißt ihr, was das bedeutet?

Hrym fährt von Osten, / es hebt sich die Flut;
Jörmungandr[18] wälzt sich / im Jötunmute.
Der Wurm schlägt die Brandung, / aufschreit der Adler,
Leichen zerreißt er; / Naglfagr wird los.

Der Kiel fährt von Osten, / Muspels Söhne kommen
Über die See gesegelt, / und Loki steuert.
Des Untiers Abkunft / ist all mit dem Wolf;
Auch Bileists Bruder / ist ihm verbunden.

Surtur fährt von Süden / mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint / die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, / Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, / der Himmel klafft.

Nun hebt sich Hlins / anderer Harm,
Da Odin eilt / zum Angriff des Wolfs.
Belis Mörder / mißt sich mit Surtur:
Da fällt Friggs / einzige Freude.

Nicht säumt Siegvaters / erhabner Sohn,
Mit dem Leichenwolf / Widar zu fechten:
Er stößt dem Hwedrungssohn / den Stahl ins Herz
Durch gähnenden Rachen: / so rächt er den Vater.

Da schreitet der schöne / Sohn Hlodyns
Der Natter näher, / der neidgeschwollnen.
Mutig trifft sie / Midgards Weiher;
Doch fährt neun Fuß weit / Flörgins Sohn.
Alle Wesen müssen / die Weltstatt räumen.

Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer, Vom Himmel fallen die heitern Sterne, Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum, Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

Auch heißt es so:

Widrid heißt das Feld, / wo sich finden zum Kampf
Surtur und die sel’gen Götter.
Hundert Rasten / hat es rechts und links:
Solcher Walplatz wartet ihrer.

52. Da fragte Gangleri: Was geschieht hernach, wenn Himmel und Erde verbrannt sind und alle Welten und die Götter alle tot sind und alle Einherier und alles Menschenvolk? Ihr habt vorhin doch gesagt, daß ein jeder Mensch in irgendeiner Welt leben soll durch alle Zeiten. Hat antwortete: Es gibt viel gute und viel üble Aufenthalte; am besten ist’s, in Gimil[20] zu sein. Sehr gut ist es auch für die, welche einen guten Trunk lieben, in dem Saale, der Brimir heißt und gleichfalls im Himmel steht. Ein guter Saal ist auch jener, der Sindri heißt und auf den Nidabergen steht, ganz aus rotem Gold gebaut. Diese Säle sollen nur gute und rechtschaffene Menschen bewohnen. In Nastrand[21] ist ein großer, aber übler Saal, dessen Türen nach Norden sehen. Er ist mit Schlangenrücken gedeckt, und die Häupter der Schlangen sind alle in das Haus hineingekehrt und speien Gift, daß Ströme davon durch den Saal rinnen, durch welche Eidbrüchige und Meuchelmörder waten, wie es heißt:

Einen Saal seh‘ ich / der Sonne fern,
In Nastrand; die Türen / sind nordwärts gekehrt.
Gifttropfen fallen / durch die Fenster nieder;
Aus Schlangenrücken / ist der Saal gewunden.
Im starrenden Strome / stehn da und waten
Meuchelmörder / und Meineidige.

Aber in Hwergelmir ist es am schlimmsten:
Da saugt Nidhöggr / der Entseelten Leichen.

53. Da sprach Gangleri: Leben denn dann noch Götter, und gibt es noch eine Erde oder einen Himmel? Har antwortete: Die Erde taucht aus der See auf, grün und schön, und Korn wächst darauf ungesät. Widar und Wali leben noch, weder die See noch Surturs Lohe hat ihnen geschadet. Sie wohnen auf dem Idafeld, wo zuvor Asgard war. Auch Thors Söhne, Modi und Magni, stellen sich ein und bringen den Miöllnir mit. Danach kommen Baldur und Hödur aus dem Reiche Hels: da sitzen sie alle beisammen und besprechen sich und gedenken ihrer Heimlichkeiten, und sprechen von Zeitungen, die vordem sich ereignet, von der Midgardschlange und dem Fenriswolf. Da finden sich im Grase die Goldtafeln, welche die Asen besessen haben. Wie es heißt:

Widar und Wali / walten des Heiligtums,
Wenn Surturs Lohe losch.
Modi und Magni / sollen Miöllnir schwingen
Und zu Ende kämpfen den Krieg.

An einem Orte, Hoddmimirs-Holz genannt, verbargen sich während Surturs Lohe zwei Menschen, Lif und Lifthrasir genannt, und nährten sich vom Morgentau. Von diesen beiden stammt ein so großes Geschlecht, daß es die ganze Welt bewohnen wird. So heißt es hier:

Lif und Lifthrasir / leben verborgen
In Hoddmimirs Holz;
Morgentau / ist all ihr Mahl.
Von ihnen stammt ein neu‘ Geschlecht.

Und das wird dich wunderbar dünken, daß die Sonne eine Tochter geboren hat, nicht minder schön als sie selber: die wird nun die Bahn der Mutter wandeln. So heißt es hier:

Eine Tochter entstammt / der strahlenden Göttin,
Eh der Wolf sie würgt.
Glänzend fährt / nach der Götter Fall
Die Maid auf den Wegen der Mutter.

Wenn du aber nun weiter fragen willst, so weiß ich nicht, woher dir das kommt; denn nie hört ich jemanden mehr von den Schicksalen der Welt berichten. Nimm also hiermit vorlieb.“

Der Neubeginn nach dem Ende

Nicht alle Götter fallen in der letzten Schlacht, die Söhne Thors, Magni und Modi, überleben, auch Odins Kinder Vidar und Vali finden sich im ehemaligen Asgard ein. Balder und Hödur kehren aus Hel zurück.
Nach dem großen Untergang wird eine neue und gereinigte Welt entstehen. Die neue Welt wird sauber und rein sein. Es wird keinen Hass mehr geben. Gemeinsam werden die übriggebliebenen Götter mit den Menschen leben, denn es wird ein allmächtiger Gott wiederkehren und herrschen. Ihn hat es schon immer gegeben und es wird ihn immer geben. Er wird keinen Namen haben. Dieser Gott hatte einst auch das Universum erschaffen. In einigen Überlieferungen wird er auch Allvater genannt.
So werden sich denn Ende und Neuanfang begeben

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jul-2016

Germanenherz wünscht allen Beseelten, friedliche und besinnliche Festtage.
God Jul und magische 12 Rauhnächte. Ein gesundes neues Jahr und uns allen eine bessere Zeit!. 

Wir sind von Nordlands Art !

Wenn durchs Land der Herbstwind pfeift, sind schon Berg und Tal bereift, dann wendet sich mit frohem Sinn, unser Herz zur Julzeit hin:
Herbststürme brausen, grau das Himmelszelt, wir harren und hausen in unsrer dunklen Welt.
Kein Wettersturm ist uns zu hart; wir sind von Nordlands Art!

Hat der Julmond Schnee gebracht, freuen wir uns dieser Pracht.
Hei, frisch die Schneeschuh angeschnallt, uns ist kein Schnee zu kalt;
Schneestürme brausen über Wald und Feld,
wir schlittern und sausen durch unsre weiße Welt.
Kein Aufwärts ist zu steil, zu hart, wir sind von Nordlands Art!

Hat die Zeit uns wohlgetan, sehnen wir das Fest heran,
die Sonnenwend mit neuem Licht, das hell ins Finstre bricht:
Lichter erhellen jedes deutsche Haus, wo wir uns gesellen,
bei Wetter, Sturm und Braus, ums heilge Feuer froh geschart,
wir sind von Nordlands Art!

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Julfesten Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende. Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen. Wintersonnenwende – Das große germanische Fest Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da, Yulezeit ist da Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht die Sonne wendet und Balder … Weiterlesen

Wodan Ruprecht (Hruodpercht) Wodanstag

Die deutsche Weihnacht ist eine Verschmelzung des christlichen Jesusglaubens mit der germanischen Tradition (Nordlands Art!), da durch die Zwangs-Christianisierung Germaniens das Julfest abgelöst werden sollte. Die Jul-Tradition war derart tief in der völkischen Kultur der Germanen verwurzelt, daß die römische Kirche, wie auch beim Ostara-Fest, eine zuerst beabsichtige Auslöschung verwarf und daraufhin die Julzeit umdeutete … Weiterlesen

Magische Nächte. Die 12 Rauhnächte

Die 12 Rauhnächte Die zwölf Nächte am Ende des Jahres und die mit ihnen verknüpften Mysterien gehen bis in die Antike zurück. Sie haben sowohl römische als auch germanische und sogar indische, japanische und chinesische Wurzeln, und auch heute noch finden sie vielerorts im Brauchtum Beachtung. Nach uralten Überlieferungen suchen zu dieser Zeit die Seelen … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der … Weiterlesen

Die weisen Frauen Hagedisen – Hexen

 Die erfolgreiche Vorgehensweise und die überzeugenden Ergebnisse der heilkundigen Frauen stellten eine große Bedrohung für das aufkommende Christentum, sprich die Kirche dar. Denn diese Frauen verließen sich mit ihren außergewöhnlichen Begabungen eher auf ihre Sinne und Erfahrungen als auf die Gebote des Glaubens. Versuch und Jrrtum lehrte sie Ursache und Wirkung zu erkennen. Sie Forschten … Weiterlesen

Das Erforschen der Zukunft

Als Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens bei den Deutschen nennt Cäsar „Losorakel und Prophezeiungen (sortes et vaticinationes; b. g. 150), Tacitus „Götterzeichen und LosorakeV1 (auspicia et sortes, Germ. 10). Beim Los wurde die Gottheit nach ihrem Willen gefragt, im anderen Falle erfuhr man ihn aus gewissen Vorzeichen. Die Wahrsagekunst scheint mehr Aufgabe der Frauen … Weiterlesen

Die Indogermanen

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905) Vorwort In diesem Buche habe ich beabsichtigt, eine knappe Übersicht über die Urheimat und Kultur der Indogermanen zu geben. Um die Urheimat zu bestimmen, mussten die Sprachen Europas betrachtet und die Wanderungen der einzelnen Stämme kurz dargestellt werden. Die Kultur … Weiterlesen

Der himmlische Lichtbaum der Indogermanen in Sage und Kultus.

Wenn die prähistorische Archäologie allmählich immer mehr einen gewissen homogenen Zustand der in Europa sich ausbreitenden und dasselbe eigentümlich kolonisierenden indogermanischen oder arischen Stämme in Bezug auf das häusliche Leben und die Anfänge gewerblicher Thätigkeit aufdeckt, so entsprechen dem auch die Besultate der Untersuchungen über den mythologisch-religiösen Entwickelungsstandpunkt derselben. Neben den überall bei den betreffenden … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, … Weiterlesen

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen Vorwort.  Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen … Weiterlesen

Mythologie der Germanen – Der Alpglaube

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Das Sterbelager und das Grab waren die Geburtsstätten des reichen Seelenglaubens, und schon dort war unter andern Erlebnissen und Eindrücken auch der Traum bei der Mythengeburt tätig. Das Traumbild des Toten aber, so wirksam es sich zeigte, war nicht die leitende Macht jenes Glaubensgebietes. Dagegen wenn der Traum sich krankhaft bis zum Alpdruck steigerte, wurde er allerdings die Haupttriebfeder einer anderen Vorstellungsmasse, des Alp- oder Mahrenglaubens. Auch dieser ist uralt.

Das Alpdrücken erklärte schon ein Hofmann Kaiser Ottos IV. für eine aus Verdickung der Säfte entstandene krankhafte Phantasie. Es wird durch eine akute Luftvergiftung oder, laienhafter gesagt, durch schwere Atemnot des Schlafenden hervorgerufen, wie sie etwa nach einer überreichlichen Mahlzeit namentlich in einem dumpfen Schlafraum aus der Verengerung oder dem Verschluß der Luftzugänge der Nase und des Mundes entsteht. Vom Fußende des Bettes fühlt der Schläfer eine unbehagliche Beklemmung allmählich auf den Leib, die Brust, den Hals, ja sogar den Mund vorrücken. Verwandelt sie sich also mehr und mehr in einen Erstickungsvorgang, so befreit sich der Betroffene endlich durch einen raschen Ruck, der auch die geschlossenen Lippen öffnet, oder häufiger noch durch ein Stöhnen oder einen Aufschrei der Angst und des Hilfsbedürfnisses, der ihm die erlösende Luft wieder zuführt. Er erwacht mit Herzklopfen und Schweiß. Nicht nur die Pein des Drucks ist es, die seine Nerven stark erregt, sondern auch die wilden Visionen, die gerade diese Traumart mit den durch betäubende Getränke erzeugten Hallucinationen teilt. Beim höchsten Grade des Alpfiebers reißt ein Taumel den Geplagten über Meere und Länder, von den höchsten Spitzen in die tiefsten Abgründe; feurige Kugeln umschwirren ihn, Flammen umlodern ihn, bis ein furchtbarer Knall die Irrfahrt urplötzlich abbricht.

In früheren roheren Zeiten mußte ein solcher Alpanfall viel öfter und stärker auftreten als in der unsrigen, weil namentlich bei einer auf die Jagdbeute angewiesenen Bevölkerung Speisemangel und Speiseüberfluß oft rasch wechselten und der letzte zu unmäßiger Magenüberladung und damit zu krankhaften Traumzuständen führte. Solche begünstigte ferner die dumpfere Enge der rauchigen Schlafstelle und das dichtere Zusammenleben und -schlafen mit den menschlichen und auch tierischen Hausgenossen. Wie oft mochten sich Hund und Katze dem Schlafenden lastend auf Brust oder Leib legen! Auch die Unordnung des Lagers verstärkte den Alpdruck, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß ein Zipfel des Bettzeugs oder eine Bettfeder oder ein Halm des Bettstrohs, dem Träumenden zwischen die Lippen geraten, sich ihm leicht als rauhaariges, befiedertes, stachliges Lebewesen fühlbar macht. Und das beängstigende Dunkel der Nacht, das schon der wachen Phantasie, wie wir im vorigen Kapitel sahen, allerhand Gespenster vorgaukelte, steigerte die Schrecken dieses qualvollen Halbschlafs.

Der Alpdruck vereinigt alle Erfordernisse eines zur Mythenbildung aufregenden Vorgangs in sich, die Rätselhaftigkeit, die volle Beweglichkeit eines körperlichen Wesens und die Macht eines wirklichen Einflusses auf des Menschen Befinden. Nicht nur sein Drücken, sondern auch sein Kommen, sein stilles, sicheres, unentrinnbares Heranschleichen, wie sein plötzliches, spurloses Verschwinden war unerklärbar. Und doch war der Alp soeben noch ein dicker, schwerer Körper, der an Leibhaftigkeit, an sinnenfälligster Wirklichkeit, alle gewöhnlichen Traumbilder, ja alle Bilder der Phantasie überhaupt, bei weitem übertraf.

Man sah und hörte ihn nicht nur, man fühlte ihn auch dreist und erbarmungslos dicht über sich gedrängt, und noch, wenn er beim Erwachen sich aus dem Staube gemacht hatte, troff man von Schweiß, und laut pochte das Herz. Es war fast unmöglich, die Erlebnisse eines solchen Schlafes und die des wachen Zustandes auseinanderzuhalten, jene waren ebenso wirklich wie diese! Aber der Alpdruck blieb denn doch wohl immer auf einzelne Personen und seltenere vorübergehende Momente ihres Lebens beschränkt. Darum hat seine Mythenbildung sich immer in engeren Grenzen bewegt und früh das Bedürfnis gefühlt, sich an andere Mythenkreise anzuschließen, um von ihnen Haltung und Fülle zu borgen.

Der Alp war vor Jahrtausenden und ist noch allen Indogermanen unliebsam bekannt. Die Inder klagten die etwa unseren Elfen vergleichbaren Gandharven an, daß sie aus dem Walde herantanzten, um sich wie ein Hund, ein Affe, ein ganz behaartes Kind dem Schlafenden aufzuhalsen. Die Griechen nannten den Alp Ephialtes den Aufspringer, die Römer Inuus den Aufhocker oder Incubus den Auflieger, die Litauer Aitvars, der unglaublich große Hände und Füße hat, die Letten Leeton, der namentlich Pferde matt reitet. Der jetzt in Deutschland schriftgemäße Name Alp gehörte etwa bis zu Luthers Zeit als Alpdrucksbezeichnung nur Mitteldeutschland an, galt aber bei allen Germanen ursprünglich einer ganz anderen Klasse mythischer Wesen, den elfischen Naturdämonen, und ist daher wahrscheinlich erst am Schluß des Mittelalters von diesen auf jene übertragen, da auch diese eigentlichen Albe oder Elfen vermittelst der Gewitterschwüle und des Wirbelwindes körperliches Unbehagen, ja Druck und Atemnot hervorzubringen vermochten. Der ältere und einst durchgreifende, schon althochdeutsche und altnordische Name ist Mara, zum Unterschied von Ephialtes, Incubus, Aitvars und Leeton weiblich, wie auch die rheinfränkische Mahr, während das angelsächsische mara, das englische nightmare, das niederdeutsche moor männlich ist und im mittelhochdeutschen , mare, im pommerschen Mahrt, das Geschlecht schwankt Neuhochdeutsch tiberwiegt das weibliche. Die Holländer haben nachtmerri, die Franzosen cauchemar die Tretmare vom lateinischen calcare treten, die Slaven , femin., aber böhmisch daneben auch morous masc., denen sich der andere pommersche Name Murraue nähert. Trotz einer lautgesetzlichen Schwierigkeit wird das vielgestaltige Wort wohl auf althochdeutsches marren, hemmen, hindern, altnordisch meria pressen zurückgehen und die Presserin bedeuten. Ähnlich weist der Ausdruck der Östreicher, Bayern und einiger mitteldeutscher Stämme: die Trüd, Trude, Drüde auf ein gotisches trudan d. i. treten, ebenso wie die althochdeutsche truta Trotte, Presse und trutäre der Springer. Die Trude ist also eine Treterin, Trotterin. Diese drei weitest verbreiteten Namen: Alp, Mare und Trude sind von zahlreichen mundartlichen umgeben. Die Franken nennen sie Trempe d. i. Tramplerin, die Tiroler Stempe d. i. Stampferin. Die Schwaben und Alemannen haben das unerklärte Wort Schrättele dafür, außerdem Toggeli d. i. Drückerlein, ferner Rätsel, Druckerl und Lork d. i. Kröte; Ausdrücke, die das Geschlecht dieses Wesens unentschieden lassen. Doch sagen die Züricher: „’s Nachtfräuli hat mi drückt “ Dieser freundlicheren Frauenbezeichnung steht die ernstere oldenburgisch-friesische Walriderske gegenüber, die wohl das Reiten auf dem Wal d. h. dem wie tot hingestreckten Schläfer oder die Zutodereiterin bedeutet. Denn wirklich schreibt man dem Alp sogar tötende Kraft zu. Der überwiegend unheimliche Charakter spricht sich auch in dem allgemeineren Ausdruck: „der “ aus, der im Mittelalter vorkam und bis in neuere Zeit in Bremen und Pommern fortlebte. Die Haupttätigkeiten des Alps, das Treten, Drücken, Reiten, erkennt man schon aus den älteren Schilderungen. Die Mara „trat“ nach der alten Ynglingasaga Kap. 16 dem norwegischen König Wanlandi erst die Beine fast entzwei und drückte ihm dann den Schädel ein, so daß er starb. Dieses ,Trotten’ der Trud beschwört ein alter Spruch, der noch heute durch weitverbreitete Zauberbücher, wie das Romanusbüchlein und den Wahren Geistlichen Schild, unseren Bauern im Aargau, wie in der ungarischen Zips, namentlich aber im Süden und Westen Deutschlands zum Gebrauch empfohlen wird und in bayrischen Hausern noch hie und da in der Kammer oder an der Bettstatt um einen darauf gemalten Trudenfuß oder ein Pentagramm geschrieben steht:

„Trudenkopf, ich verbiete dir mein Haus und Hof, meinen Roß- und Kuhstall, ich verbiete dir meine Bettstatt, mein Fleisch und Blut, mein Leib und Seel, daß du mich nicht trudest. Trude in ein anderes Haus, bis du alle Berge steigest und alle Läublein an Bäumen zählest und über alle Wässer steigest. So kömmt der liebe Tag wieder in mein Haus. Amen.“

Und so fordert auch eine niederländische Beschwörung den Maer, das häßliche Tier, auf, alle Wasser zu wehen, alle Bäume zu blähen, alle Gerstenähren zu zählen, ihn aber diese Nacht nicht zu quälen. So scheuchte schon der alte Inder seine Plagegeister, die Gandharven und ihre Frauen, die Apsa-ras, mit feierlichen Worten hinweg zu den Wasserfurten und großen bewipfelten Bäumen, wo sie sich nach Herzenslust tummeln und schaukeln mögen. Vom norddeutschen Moor heißt es ,he het mi drukkt’ oder ,reden (geritten)‘, hochdeutsch ,dich hät geriten der mar’ . Daher ist ein derartiger Träumer mar-, mortridden oder mareridt und das neumärkische Alpdrücken ein Mahrtriden. Im Mittelalter ,zäumt’ der Alp den also Betroffenen, ebenso wie die oldenburgische Walriderske und die isländische Alfemoe. Ihre Reitlust treibt den Alp von Norwegen bis nach Tirol in den Stall zu den Pferden, wie den lettischen Leeton, und er hetzt sie drinnen oder draußen bis zur äußersten Erschöpfung ab. Am andern Morgen stehen sie stark schnaubend, schweißgebadet, mit unauflöslich verflochtenen Mähnen da. Selbst Kühen saugt er die Milch aus und verschont auch Geißen und Schweine nicht; doch bleibt ihm das Schwein am Lechrain ein Graus. Und zuletzt, wenn der Mare nichts anderes übrig bleibt, umklammert sie sogar einen Baum und drückt ihn mit,Weltsgewalt’ , wobei sie sich wohl selbst zu Tode drückt. Die von ihr besessene Eiche kränkelt von Stund an und zittert auch beim stillsten Wetter.

Das geheimnisvolle Treiben dieses Unholds wurde von Anfang bis zu Ende mit gespannter Einbildungskraft verfolgt. Sein unmerkliches Kommen und sein Eindringen ins Haus erklärte man sich verschieden. Das süddeutsche Schrätteli schwebt wie ein Schatten von den Bergen zu den Häusern herab. Der Alp gleicht einem Nachtschmetterling; aus den zusammengewachsenen Augenbrauen eines dämonischen Menschen, des ,Rätzels’ , fliegt er auf und setzt sich auf die Brust des Schläfers. Meistens schlüpft er nach altem, wie neuerem Glauben in die Stube durch ein Astoder Schlüsselloch hinein, gleich der leisen Zugluft, nie durch offene Türen und Fenster. Eine erst im Jahre 1889 verstorbene Frau kam in einem schlesischen Dorfe einmal wie ein Zugwind durch die verschlossene Türe, huschte in das Bett der Hausfrau und quälte sie, bis sie vor dem Schimpfen des Mannes floh. In Kämthen spielt das Schrattl in den an der Wand zitternden Sonnenstrahlen. Nach der Schilderung eines Kaiserstühlers kriecht das Schrättele durch das Schlüsselloch, man hört es durch die Stube ,tappen’ , von unten herauf kriechen und über das Deckbett rauschen, bevor es Einem auf die Brust hockt. Aber derselbe wußte auch vom Mann im Monde, daß er sich bei Mondlicht über das Bett lehnte und nach Einem langte. Und so kommt die Drud in der Oberpfalz nie, eh der Mond auf gegangen ist, und in Westfalen und Thüringen sind Mondsüchtige Maren. Das aufregende Mondlicht umgibt hier geisterhaft den Alp und verstärkt seine Kraft. Wir verstehen nun auch, warum ein mittelalterlicher Dichter von seiner Liebsten singt:

„da kam sie gerade wie ein Alp auf mich geschlichen“.

Wegen ihres unheimlichen, leis wandelnden und doch schwerfälligen Körpers gilt die Kröte für einen Alp, daher dessen Name Lork. Grausiger ist die steirische Habergeiß oder Nachts,die, wie Rosegger erzählt, in eulenleisem Fluge oft durchs Schlüsselloch trotz ihres riesengroßen Kopfes kommt und diesen lastend auf die Brust des Schläfers legt. Je nach der Beschaffenheit des die Atemnot verstärkenden Bettstücks oder anderen Belags und je nach dem Gewicht des Drucks wechselt die den Träumenden bedrängende Tiergestalt. Bald ist sie glatt, ein Aal, eine Schlange, die dann in Seitentälern des Haslitals Stollwurm, in der Eifel Drache, in Niedersachsen Unke heißt, bald haarig, rauh und stachlicht, ein Pudel, Marder, Igel oder eine Katze. Sie ,gumpt‘ wie eine Katze auf der Brust auf und ab. Weil sie fest umarmt und schwer stößt und stampft, ist sie ein Bär, Schwein oder Bock, heißt auch darum wohl eine Bocksmärte oder Bockhexe. An der unteren Wupper dringt sogar ein Roß durch das Schlüsselloch, legt seine Vorderhufe auf des Schlafenden Brust und stiert ihn mit glühenden Augen an. Am schlimmsten quält das Schrättele, wenn es als Blutegel sich bald in ein Knäuel zusammenrollt, bald wieder zu Riesenlänge ausdehnt. Dieses Tier läßt schon ahnen, daß es nicht beim Drücken bleibt. Das schmerzhafte Saugen kommt noch hinzu. Das alemannische Dockele oder Schrättele saugt in Katzenform die Brüstchen der Kinder, selbst der Männer, an, daß sie aufschwellen und man Milch herauspressen kann. Den Frauen dagegen saugt es die Milch aus. Trinkt am Lechrain ein Kind an der Mutterbrust, so hat die Mutter gewöhnlich einen aus geweihtem Wachs gebildeten Trudenfuß auf der Brust liegen, damit nicht die Trud dem Kinde die Milch entfremde. Dagegen schlürft der Alp auch hin und wieder das Blut der Erwachsenen aus, so daß sie bleich werden und dahinsiechen, und berührt sich in dieser Begierde mit dem slavischen Vampyr. Doch ist er nicht immer Kinderfeind: mit dem im Schlaf lächelnden Kind, heißt es in Schlesien, spielt das Jüdel, das doch wohl auch ein Alp ist.

Über die Brust drängt sich die Mare noch weiter aufwärts bis an den Hals und bläst in den Mund, ja sie steckt ihre Zunge dem Menschen tief in den Hals hinein, daß er nicht schreien kann. Nun geraten auch Gesicht und Gehör des Gepeinigten in Aufruhr: Lichter, Flammen umschwirren ihn, und ein dumpfer Knall erschüttert ihm Mark und Bein. Befreit den Schläfer ein plötzliches Wegschleudem des Arms oder des Kissens von der belasteten Brust und bricht dann sein Schrei endlich hervor, oder — in offenbar milderen Fällen — kräht im Hofe zum erstenmale der Hahn, oder kommt der liebe Tag, wie es in jener Trudenkopfbeschwörung heißt, wieder ins Haus, dann entweicht sie lautlos, meist wie ein flüchtiges Tier: eine weiße Maus, ein Schmetterling, eine Elster, oder gar nur wie ein Rauch. Oder sie liegt als eine harmlose Flaumfeder, ein Besenreis, ein Strohhalm auf der Bettdecke, vom Erlösten noch krampfhaft gepackt.

Aus diesem erlösenden Schrei, vor dem der Alp floh, entwickelten sich dann als förmliche Abwehr- und Verscheuchungsmittel Rufe verschiedenen Inhalts. Fluchen kann das schwäbische Schrättele nicht vertragen, unangenehm ist ihm überhaupt die laute Nennung seines Namens, in christlicher Zeit auch die des Namens Jesu oder Gottes. Das gipfelte dann in der feierlichen Beschwörung, die mit dem Anruf des Trottenkopfes begann, ihn in Berge und Wälder zum Blätterzählen verwies und mit den Namen der hl. Dreieinigkeit schloß. Auch legte man sich wohl in Dänemark über den Kopf ein großes Sieb, dessen Löchlein die Mahrt, die doch über die heilige Zahl Drei nicht hinaus kann, erst zählen muß, ehe sie zu schaden vermag. Wenn der Alp selbst beim Erwachen nicht weichen wollte oder wenn man ihn noch ,hinauswitschen‘ hörte, so drohte man ihn festzunageln oder versprach ihm ein Geschenk: drei Almosen oder die drei weißen Gaben Salz, Mehl und Ei, die man ihm mit der linken Hand reichte. Auch lud man ihn für den folgenden Tag zum Frühstück ein oder rief ihm hastig nach: ,Komm morgen um ein Glehet’ d. h. um etwas zu leihen. In einigen Gegenden Deutschlands stellt der Bauer noch heute für [den]Unbekannten, der ihn in der letzten Nacht gedrückt hat, ein Näpfchen Quarkkäse an die Türe, und eine ältere Münchner Handschrift eifert gegen die, welche dem Teufel etwas opfern und dem Schrättlein oder der Trut ,rote Schüher’ . Ja im schlesischen Orte Kauffung umgeben sich noch gegenwärtig Leute geflissentlich mit dem Nimbus eines Alps, um dadurch nicht unbeträchtliche Geschenke zu erzielen.

Noch auf andre Weise sucht man sich des Alps zu versichern. Hat man beim Erwachen einen Strohhalm, einen Faden oder eine Bettfeder gepackt, so darf man sich durch die Harmlosigkeit des Gegenstands nicht irre machen lassen, sondern muß ihn festhalten, ja man nagelt oder schraubt ihn unbarmherzig fest, damit er elend zu Grunde gehe, oder sich entpuppe, etwa als eine um Hilfe schreiende Alte. Ist der Alp noch im Zimmer, verstopft man das Astoder Schlüsselloch, durch das er hereingekommen ist, denn schon Mephistopheles sagt: ,’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster, wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus4. So wird auch der Alp gefangen.

Man sorgt aber auch schon im voraus für allerhand Abwehrmittel, Wasser und Feuer, scharfe Werkzeuge, Zauberzeichen und übelriechende Sachen. In der Oberpfalz stellt man z. B. die Bettfüße in Wasser, damit die Trude nicht hinauf kann. Eine brennende Kerze, ja schon ein unangezündeter geweihter Wachsstock von roter Farbe hält den Alp ab. Ebenso ein Feuerstahl, eine Flachshechel, ein Beil, ein Messer auf der Brust. Dann mag sich auf den Färöern der Unhold die Klinge in den Leib drücken. Hier wie im norwegischen Tellemarken vertreibt man die Mare, indem man ein in ein Tuch gewickeltes Messer dreimal um den Leib aus einer Hand in die andre läßt, mit dem Spruch:

„Marra, Marra, Minni,

„Bist du hier innen?

„Denkst du nicht an jenen Schlag,

„Den Sjurdur Sigmundarson dir gab

„Einmal auf das Nasenbein?“

Sigurd oder Siegfried, der vornehmste aller Helden, wird hier als ein Marenschrecken aufgeboten. In Österreich hemmt ein Mistelzweig auf der Türschwelle, in Bayern ein Trudenfuß auf der Mutterbrust, fast überall ein kreuzweise unter das Bett gestelltes Schuhpaar, in der Schweiz und Vorarlberg ein unter das Kissen oder an die Wiege gehängter, mit einem Loch versehener „Schratten-“ oder „Toggistein“. Diese Steine mögen zu den Donar geweihten Donnersteinen gehören, wie denn auch in Ostpreußen die Pferde am Donnerstag vor dem Abendbrot abgefüttert werden müssen, um nicht von der Mahr gedrückt zu werden. Im Stalle wehrt sie am kräftigsten ein schwarzer Geißbock mit seinen Hörnern und seinem Gestank ab, vom Oberrhein bis tief nach Rußland hinein. So verscheuchten die Inder die alpartigen Gandharvas und Apsaras mit dem „Bockshorn“, einem stark riechenden Kraute. Im deutschen Mittelalter räucherte man den Alp mit der Verbena oder dem Holzwurz aus. Und noch werden starkriechende Hexenkräuter in Süddeutschland gegen ihn aufgehängt oder aufs Bett gelegt. In Hessen bestreicht man noch hie und da die von ihm gefährdeten Brustwarzen sogar mit Menschenkot. Ein ganzes Arsenal kindlich roher Anschauungen und Abwehrmaßregeln, das dem höchsten Altertum entstammt und bei den anderen indogermanischen Völkern, namentlich dem griechischen in gleicher Fülle und Eigenart bestand, hat noch bei den heutigen Germanen viele uralte Spuren hinterlassen.

Aber noch hat der Alpmythus seine üppigste Blüte nicht getrieben. Es war unvermeidlich, daß der gefürchtete Druck nicht bloß als von einem Tier, sondern auch von einem Menschen ausgeübt gefühlt wurde; aus der Gesellschaft der vielgestaltigen Alptraumbilder konnte die menschliche Gestalt nicht ausgeschlossen bleiben. Warum sollte nicht eine Liebende oder eine Hassende ganz leibhaftig den Feind oder Freund, eingehüllt ins Dunkel der Nacht, zu grausamer Lust oder Qual heimsuchen, oder auch ihre Seele im Traum in irgend welcher Form sich leidenschaftlich zu gleichem Zwecke aus ihrem Munde drängen und ins Nachbarhaus schlüpfen? Und nicht nur lebende Personen mochten so handeln, auch die Wiedergänger, von denselben Gefühlen stürmisch bewegt, ergriffen das böse Mittel des Alpdrucks, um sich zu befriedigen, schon im griechischen Altertum. Wie der Alpmythus durch diese Seelenanschauung sich mit dem schon besprochenen Seelenmythus verschlingt, so greift er auf der anderen Seite bereits in den Naturdämonenmythus des nächsten Abschnittes hinüber. Denn wenn sich auch der Mensch mit dem Plagegeist in seinem Hause praktisch abgefunden hatte, die einmal erregte Einbildungskraft verfolgte diesen weiter hinaus ins Freie, nicht nur in verdächtige Nachbarwohnungen, sondern auch in die weite Natur. Irgend wo mußte der Unhold doch stecken! Lauerte er nicht draußen auf einen neuen Angriff. Und wie sah er denn nun dort aus? Der Alp hält nur selten draußen seine häusliche, wirklich empfundene, seine sozusagen pathologische Form fest. Jenes Schweizer Schrät-teli, das nachts wie ein Schatten von den Bergen zum Haus herabschwebt, huscht nach seinem bösen Treiben wiederum wie ein Schatten zu den Schluchten und Wäldern zurück und verbirgt sich dort über Tag. Jene bayrische Habergeiß (S. 133), die mit ihrem Kopf den Schlafenden im Hause so schwer bedrückt, macht draußen auf ihrem Eulenfluge in der Mondnacht den Hafer schwarz, und jenes Roß mit den feurigen Glotzaugen tobt im Dunkel gespenstisch über die Heide an der unteren Wupper. Die steirische , Törin’, die die Menschen drückt, hält sich über Tag auf dem Heuboden auf. Am liebsten fliegen die Maren gleich ihren indischen Schwestern, den Apsaras, in die Kronen hoher Bäume, die dann fortwährend unter ihrem Druck zittern, und verwirren deren Zweige zu den sogenannten Marennestern oder Maretakken. Auch ruhen sie auf Brombeersträuchern aus oder lassen sich ins Korn nieder, aus dessen Ähren dann das schwarze giftige Mutterkorn hervorschießt. So werden die ursprünglichen mehr sächlich oder tierisch gedachten, im Schlafraum tätigen Alpgeister zu überwiegend menschengestaltigen Naturgeistern, vorzugsweise zu Windelfinnen, die frei durch die Luft schweifen und auf Wald und Flur verderblich herabfliegen. Die enge Genossenschaft verrät schon der altnordische Mythus: Drifa die Schneewirbelriesin tötet ihren Verlobten Vanlandi durch eine Mara.

Jetzt erst, nachdem der Alpmythus sich um wirkliche Menschen oder um Dämonen von menschlichem Aussehen gelegt und die engen Wände der dumpfen Schlafkammer durchbrochen, strömten alle Leidenschaften und Gefahren des wirklichen Lebens in das Traumleben des Mythus ein. Traum und Wirklichkeit schwammen nun noch leichter in einander über. Die im Traum erschienenen Nachbarn und Dorf genossen gerieten in den schlimmen Verdacht der Alpdrückerei, und indem der Traummythus ins reale Dasein gleichsam zurückwuchs, behauptete man auch, an diesen Verdächtigen die Spuren der mit ihnen im Traum erlebten Ereignisse mit wachen Augen wahmehmen zu können. Es entstand im Dorf eine höchst ärgerliche aus Traum und Leben wirr zusammengegossene Skandalchronik. Aber geheimnisvollen Liebreiz nimmt oft derjenige Alpmythus an, der sich an die übermenschlichen in der Natur waltenden Elfenweiber schließt.

Die mit der traurigen Fähigkeit des Alpdrückens begabten Menschen mußten nach dem Volksglauben von Dämonen oder unter dämonischem Einfluß geboren sein. Ihre Geburt fiel in ein böses Zeichen oder in die uni den 16. Oktober gelagerte Galluswoche, in der mit den Hirten allerhand böse Geister und Seelen von der Weide zu den Dörfern heimkehrten. Ihre Mutter hat in ihren Geburtswehen den Teufel angerufen, oder es ist bei deren Taufe ein Versehen begangen. Ein mit Zähnen auf die Welt kommendes Kind ist auch zum Alpdrücken bestimmt. Und wie der siebente Sohn ein Werwolf wird, so wird die siebente Tochter eine Mahrt. Beide, Werwolf wie Mahrt, sind an zusammengewachsenen Augenbrauen zu erkennen, auch alte Weiber mit Plattfüßen sind Maren. „Gänsfüßige Trute“ schilt man noch in Konstanz. Den breiten drückenden Alp-, Druten-, Schrättelesfuß stilisierte man später in die fremde Zauberfigur des Penta- oder Hexagramms oder um und gebrauchte sie homöopathisch als Gegengift gegen den Zauber. Von ihm stammt der niederdeutsche Name Maerenvoet.

Das weibliche Geschlecht ist der Leidenschaft des Alpdrückens zugänglicher als das männliche. Krankhafte Einbildung leidender junger Mädchen kam dem wilden Aberglauben entgegen, Liebe, Haß, Eifersucht trieb beiderlei Jugend dazu an, und namentlich alte Weiber waren in ihrer Bosheit, Ränkelust und ihrem Neide darauf erpicht Unleugbar hat manche auf diesem Wege förmlich nach Hexenruhm gegeizt. Sie muß aber oft für ihr boshaftes Geschäft büßen. In der Kammer, der Werkstube, der Mühle vom erwachenden Gesellen oder Müllerburschen als Strohhalm ergriffen, wird sie angeschraubt oder festgenagelt und steht anderen Tags als nacktes Frauenzimmer da, den kleinen Finger in den Schraubstock geklemmt, oder hängt gar als altes Weib tot an der Wand. Oder man haut auch einer Katze die Pfote ab, worauf die Frau am andern Morgen mit abgehauener Hand im Bett liegt. Durch ganz Süddeutschland ist folgende Sage verbreitet, die höheren Alters sein wird, ein milderes gleichsam weibliches Seitenstück zu der harten männlichen Werwolfssage: Eine Frau sah einst ihre Magd in der Nacht bleich an der Wand lehnen. Am anderen Morgen bekannte diese ihr weinend, daß sie drücken gehen müßte und ihr nur geholfen werden könnte, wenn sie etwas hätte, was sie erdrücken dürfte.

„Ei, so erdrücke meinthalben die schönste Kuh im Stalle“

, sagte die Frau. Am anderen Morgen lag die Kuh im Stall tot, und die Magd war befreit. Leidenschaftlicher erscheinen diese Nachtwandlerinnen nach norddeutschen Sagen bald in Menschen-, bald in Katzengestalt oder als schnell dahinlaufende Reifen oder Räder. Geistliche Lieder singend, schweifen sie durch die Felder, reißen mit bloßen Händen die Domen ab, schwimmen durch große Gewässer, stürzen sich in Flammen und magern bei ihren nächtlichen Menschenquälereien zu frühem Tode ab. Aber diesen unbestimmten rasenden Drang ersetzt nun auch eine auf eine bestimmte Person gerichtete bestimmte Leidenschaft. Im Hauensteinischen Schwarzwald z. B. dringt ein von seinem Mädchen verlassener Liebhaber als Schrättele durch das Schlüsselloch und legt sich ihr aufs Bett, und ebenso handelt dort wie in der Provinz Sachsen die verlassene Liebste. Auch in einer Bamberger Sage quält eine Müllerin ihren Knecht als Mare aus verschmähter Liebe. Der Quälgeist geht bereits in den Buhl-geist über, und in ähnlichen Sagen ist es nun nicht die leibhaftige Gestalt, sondern nur die im Traum ausgefahrne Seele, die aufs Drücken ausgeht.

Auch aus Gräbern steigt die Alpqual auf, wie wir aus dem. Wiedergängermythus erfahren haben, und der ertrunkne Syiter legt sich mit der ganzen Schwere seiner nassen Kleider alpartig über das Bett des Schlafenden. Die drückende Wucht verwandelt sich in ein markerschütterndes Geschrei, mit dem der Geist eines Ermordeten, das ,schrauend Ding‘ oder ,lopend Rad‘ im Oldenburgischen, so grausig über die Heide stürmt, daß auch die Tiere zittern.

Die volle Schönheit entfaltet der Alpmythus aber erst, wenn er in den Elfenmythus umschlägt; und da dieser es ist, von dem der eigentliche Glanz ausgeht, so kann hier diese leuchtende Spitze nur eben berührt werden. In dem Falle nämlich, wo die Mare nicht eine Nachtwandlerin oder eine ausgefahrene Seele oder eine Wiedergängerin, überhaupt nicht ein menschliches, sondern ein elfisches Wesen war, entstanden ganz neue imgewöhnliche Verhältnisse. Es war freilich auch ein Dämon wie der ursprüngliche Alp, aber es zog als elfisches Wesen seine ganze in den Wettererscheinungen sich offenbarende Naturgewalt mit sich. Es flog mit dem Sonnenstrahl durch das Schlüsselloch oder eine Ritze zum Jüngling hinein. Es floh nun auch nicht immer nach einem Zusammensein von wenigen Nachtstunden wieder davon, sondern wurde gezwungen, lange Jahre bei ihm zu verbleiben. Wesen zweier Welten taten sich zu einem dauernden Bündnis zusammen, sie trat in seinen Dienst oder schloß sogar mit ihm eine Ehe; denn als Elfin war sie klug und gewandt und oft genug von bezaubernder Schönheit. Immer aber blieb die Dauer solcher Verhältnisse von einer bedenklichen Bedingung abhängig. Eine gewisse Fremdheit konnten die Beiden gegen einander nicht überwinden, eine Spannung zitterte durch alle Liebe hindurch, stammte das eine doch von dieser Erde, während das andere über der Erde seine Heimat hatte, wonach es eine unstillbare Sehnsucht trug. Wie hoch man die Schönheit und den Adel dieses fremden, fluchtbegierigen Weibes schätzte, geht daraus hervor, daß man von Island bis nach Griechenland und Indien hin hervorragende, selbst königliche Geschlechter aus solch einer wundersamen Verbindung eines Sterblichen mit einer Apsaras, einer Nereide, einer Elfin herleitete.

Manchmal führte der Alpdruck einer Elfenschöne zu keiner dauernden Lebensgemeinschaft, sondern hatte den entgegengesetzten Erfolg. Die alte quälerische Unholdsnatur wog noch vor. Ein baumstarker Montavoner hatte mit beiden Händen ein Doggi, das sich ihm auf die Brust legte, bei den Zöpfen festgehalten. Als aber sein Weib, dem er zurief, mit Licht kam, wurde er des Doggi nicht mehr Meister; es huschte windschnell zur Tür hinaus, und man sah noch, wie seine zwei fliegenden Riesenzöpfe um die Türpfosten schlugen. Die Mare auf den Färöern gleicht der schönsten Dime und drückt zur Nachtzeit den von ihr heimgesuchten Mann so fest auf die Brust, daß er keinen Atem holen, kein Glied rühren kann. Sie fährt ihm mit ihren Fingern in den Mund, um die Zähne zu zählen; wird ihr Zeit gelassen, sie abzuzählen, so muß er das Leben verlieren. Anders erging es einem Witwer im Oldenburgischen. Als er einmal die Nähe einer Walriderske spürte, griff er zu und erhaschte einen vollen weichen Arm; aber sie entschlüpfte ihm durch das Riemenloch der Tür. In der folgenden Nacht jedoch gelang es ihm, sie festzuhalten, ein schönes junges Mädchen. Er machte das Riemenloch dicht zu, und sie war mehrere Jahre seine treue Haushälterin. Wie er aber einmal das Loch geöffnet hatte, verschwand die Fremde mit dem Ruf

„Wat klingen de Klocken in Engelland!“

Unsichtbar sorgte sie auch dann noch für seine und seiner Kinder Kleider und Wäsche bis zu seinem Tode. Fast genau dasselbe erzählt man von einer vorarl-bergischen und einer graubündischen Mare, von einem Doggi. Aber häufiger ist die schönere Geschichte, daß die Mare von dem Mann auf Bettesrand festgehalten wird, nackt und in leuchtendem Goldhaar, daß sie dann Kinder bekommen und glücklich Zusammenleben, bis der Mann ihrem Drängen, ihr das einst von ihr zum Einschlüpfen benutzte Astloch zu zeigen, in einer weichen Stunde nachgibt. Auch in Smäland kam eine Alfenjungfrau durch ein Astloch der Wand mit den Sonnenstrahlen in ein Haus und wurde von dem Sohn geheiratet. Sie gebar ihm vier Kinder, durch die sie die Stammutter eines namhaften Geschlechts wurde, und verschwand an einem heiteren Tage auf dieselbe Weise, wie sie gekommen war. Aber um dem aus den Erscheinungen der freien Natur geschaffenen Elfenmythus nicht vorzugreifen, dürfen wir hier nicht auf die hochpoetische Verkleidung der wüsten Maren in herrliche Schwanweiber, die nun nicht mehr in Kammer oder Stall oder Mühle, sondern im freien Quellbade überrascht werden, weiter eingehen. Und wenn das Alpwesen nicht im Sonnenstrahl in die Stube dringt, sondern in der Mittagshitze der Erntezeit draußen über den glühenden Kornfeldern zittert, so gewinnt es auch den Charakter eines Naturgeistes, des Mittagsgespenstes, das den Sonnenstich erzeugt. Und vollends modernisiert ist unser Alp, wenn „er im Traum eines Kandidaten als mordlustiger Examinator erscheint“.

Mythologie der Germanen – Die Elfen

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Das Seelen– und das Marenreich liegen hinter uns; wir betreten eine neue Welt, das Naturgeisterreich. Nicht nur am Sterbebett und am Grabe des Angehörigen und auf dem Lager des eigenen vom Alp gepeinigten Leibes erfuhr die Phantasie tiefe mythenbildende Eindrücke.

Die freie Natur mit ihren wechselnden Reizen und Schrecken, Segnungen und Gefahren wurde nun die ergiebigste Fundstätte der Einbildungskraft. Den weiten Luftraum gestaltete sie zu einem erdenhaften und doch überirdischen Wunderlande um, aus den Erscheinungen des Wetters, das auch heute noch die stärksten und weisesten Kulturmenschen in seiner Gewalt hat, aus all seinen zahllosen Formen, Tönen, Farben, Lichtem und seinen oft so auffälligen Wirkungen schuf sie zauberische Tiere und Hunderte von menschgestaltigen Geistern und Göttern, die jenes Wunderland bevölkerten. Aber auch die Erde war ihr Tummelplatz, denn die Licht- und Wettergewalten griffen ja fortwährend in die Berge, Gewässer, Wälder und Felder ein, und so entstand, um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen, ein reges

„Wechselleben der Weltgegenstände“.

Die Wolken wurden der Einbildungskraft zu Bergen, darum bedeutete z. B. altnord, klakkr Fels und Wolke, das angelsächsische clûd Berg, das englische cloud Wolke. Aber auch Wälder, Flüsse, Seen, später Burgen und Türme sah man in ihnen. Ein großes, verzweigtes Wolkengebilde erschien wie ein Riesenbaum mit einem Quell an seinem Fuße. Manche Wolke hielt man für eine Mulde, einen Kessel, ein Trink-hom. In bewegten Wolken erkannte man allerlei laufende, springende, fliegende Tiere und in der wetterleuchtenden ein Untier, einen flügelschlagenden, feuerhauchenden Drachen, die großartigste mythische Tiergestalt. Die Blitze waren feurige Schlangen oder springende Geißböcke und dann wieder glühende Geschosse, vom rohen Stein und der Keule der Urzeit durch Hammer, Beil, Speer bis zum heldenhaften Goldschwert. Auch als Peitschen, Ruten, Kugeln dienten sie. Das befruchtende Regennaß verwandelte sich in einen köstlichen Trank, die im Gewölk verborgenen Sonne, Mond und Blitz in einen leuchtenden, von der goldenen Wünschelrute oder dem Drachen behüteten Schatz. Dann wieder glich die auf- und abflammende Gewitterwolke einer lodernden Schmiedeesse oder einem Backofen. Der Osten oder der Westen des Himmels mit ihrem zauberischen Farbenspiel am Morgen und Abend wurden zu fernen geheimnisvollen Lichtländern höherer Wesen. — Von dieser Metamorphose der Oberwelt übertrug die Phantasie manche Züge auf die Erde. Gewisse irdische Berge könnten, wie man erzählte, gleich den himmlischen auseinander krachen und zusammenschlagen und schlössen auch goldene Waffen und Schätze in ihrem Schoße oder auch das Lebenswasser oder wasserreiche Seen ein. Und davor lauere ein Drache. In den Alpen aber stürzt er über die steilen Abhänge und reißt Blöcke und Bäume mit sich. Dann sagen die Leute:

„der Drach ist ausgefahren“.

Und auch draußen im weiten nordischen Meer wälzt er sich wogend und brandend im Riesenzorn. Mit solchen Deutungen begann der geistige Kampf des Menschen mit der Natur, der ihm Knechtschaft und zugleich Erhebung vielerlei Art brachte und ihm erst spät, als er das Spielzeug der Einbildung mit den Waffen der Wissenschaft vertauschte, von Sieg zu Sieg führte.

Die bald zarteren, bald gewaltsameren Mächte der Luft erreichten ihren höchsten Ausdruck in einer menschenartigen Form und zwar jene in oft mehr untermenschlicher und diese in übermenschlicher Größe, sie waren Elfen oder Riesen. Ihre beiden Gruppen treten nun neben die Seelen- und die Marenschar. Der alte Name ,dessen ’ Plural Elbe oder Elber lautete, wovon z. B. Elberfeld stammt, ist im Deutschen jetzt durch die englische Form Elfe, Elf, die Wieland in seiner Übersetzung von Shakespeares Sommernachtstraum 1762 einführte, ersetzt worden.

Im Nordischen heißt er Alfr, Elf. Man hält ihn für identisch mit dem Namen eines kunstfertigen altindischen Dämonengeschlechts, Ribhu, den man unsicher als Greifer, oder listig, geschickt, oder glänzend, licht deutet. So zweifelhaft demnach der ursprüngliche Sinn des Namens der Elfen ist, desto klarer ist ihr Wesen, wenn es auch in hundert Formen und Farben spielt. Die Elfen sind kleinere Dämonen von menschlicher oder untermenschlicher Größe, durch Rührigkeit, Anstelligkeit und vielfaches Eingreifen ins menschliche, wie auch ins heroische und göttliche Dasein ausgezeichnet. Ihr ursprüngliches Element ist die bewegte Luft in ihren verschiedenartigen Äußerungen, vom Blitz und heftigem Windstoß und vom schwarzen Gewölk bis zum stäubenden Sonnenstrahl, zum unhörbaren Zittern der heißen Luft und zum zartesten Nebel. Mit andern Worten, es gibt Gewitter- und Windelfen und eine überwiegend weibliche Gruppe von Wolkenelfinnen, die mit den Lichtelfen nahe verwandt sind. Doch bedürfen jene beiden ersten naturgemäß auch der Wolkenumhüllung, sowie anderseits diese einen ,entsehenden‘ bezaubernden Blitz im Auge haben und dem Wirbelwindtanze leidenschaftlich ergeben sind. Eigentliche Sonnen- und Mondelfen sind nicht nachweisbar, und die altnordische Einteilung in Licht-, Dunkel-und Schwarzelfen erklärt sich genugsam aus dem Wechsel jener Lufterscheinungen. Die Luftelfen aber verwandeln sich nach ihren verschiedenen lokalen Wirkungskreisen in Berg-, Erd-, Wald-, Feld- und Wasserelfen, ohne aber dabei ihre ursprüngliche meteorische Natur wesentlich einzubüßen. Ein angelsächsisches Wörterverzeichnis unterscheidet Munt (Berg)-, Vudu (Wald)-, Feld-, Vylde-, Sae- und Dün (Hügel) elfen, denen Shakespeare mit echtem Naturgefühl die Sturm- und Gewitterelfen hinzugesellt, und noch der heutige Isländer findet Alfar in Höhlen, Felsen, Wasser und Luft. Als nach der jütischen Sage Gott die gefallenen Engel aus dem Himmel stieß, fielen einige auf Berge herab, das Bjärgfolk, andere in Wälder und auf Wiesen, das Ellefolk, andere wiederum in die Häuser, die Nisser. Je nach ihrer Wetternatur müssen sie bald licht, schön, freundlich, nützlich, dienstfertig, bald dunkel, häßlich, grausig, schädlich und tückisch sein. So führen sie auch allerlei andre Namen. In Norwegen heißen sie Huldren Verhüllte, in Deutschland mit verwandtem Klange die , Hollen die Gütigen, auf Island die Liuflingar Lieblinge, anderswo weiße Weiber oder Frauen. Fremd ist der Name der englischen Fairies und der deutschen Feen, den Wieland ebenfalls wie den der Elfen im Sommernachtstraum herüberbrachte. Der im Berge, in der Erde hausende Elf heißt Zwerg, angelsächsich dveorg, englisch der berühmteste Alberich oder Elberich Elfenkönig. Ein wieder umfassenderer Name ist das oder der , im got. vaihts und altnord, vaettr weiblichen Geschlechts. Das Wort bedeutet eigentlich ein Ding, ein Etwas und fernerhin ein rätselhaftes übermenschliches Wesen, wie das lateinische res und das altfranzösische chose, im Norden oft ein ungeheures, in Deutschland häufig ein zwerghaftes. Es durchläuft aber fast alle Stufen der mythischen Lebewelt: Wichter heißen die Geister der Verstorbenen, die Wichtelmännchen, die Riesen, die Walkyrien, die Götter und im Heliand sogar die Teufel. Das Opfern an die heidnischen Wichter, unter die wohl alle diese Mächte zusammengefaßt werden, galt in den altnordischen Kirchenrechten für ein Hauptmerkmal des Unglaubens. Die Wichter waren bald böse, bald gut, dann heißen sie holde Wichter. Am innigsten gestaltete sich das Verhältnis der Menschen zu ihnen im Hause, sie helfen bei der Niederkunft und Hausarbeit, begleiten ihren Schützling zum Thing oder auf die Jagd, ja sie bewachen im Norden noch hie und da den Hausfrieden oder auch das ganze Land. Des Skalden Egil Neidstange forderte die Landwichter auf, den König aus dem Lande zu jagen; das älteste isländische Gesetz verbot, durch Fratzen, wie sie am Vordersteven der Schiffe ausgeschnitzt waren, die Landwichter zu schrecken. — Anderen Namen werden wir bei den besonderen Elfenarten begegnen.

Der Glaube an die Elfen ist uralt wie der an die Seelen und die Maren. Wurden unsre Vorfahren von diesen zu Hause oder an den Gräbern heimgesucht, so waren ihre frühsten Feinde und Freunde in der freien Natur die rie-sischen und fast noch mehr die elfischen Wesen und zwar schon während ihres Zusammenlebens mit den andern Indogermanen. Die indischen Elfinnen heißen Apsaras Wolken- oder Wasserwandlerinnen; die Nymphen und Neraiden Alt- und Neugriechenlands sind ebenfalls ihrem Namen nach Wasserwesen, wie die germanischen Elfinnen ursprünglich Wolkenfrauen waren und später gleich jenen Inderinnen und Griechinnen ihren Lieblingsaufenthalt an den Gewässern der Erde hatten. Gleich den Elfinnen aber verteilen sich die Apsaras auch auf die Berge, Wälder und hohen Bäume, und schon in der Ilias bewohnen die Nymphen nicht nur die Quellen, sondern auch die Berge, die schönen Haine, die kräuterreichen Auen, die Felder und Bäume, und sie verzweigen sich in Nereiden, Okeaniden, Oreaden, Dryaden, Hamadryaden und Feldnymphen, gerade wie die deutschen. Die neugriechischen Neraiden helfen sogar wie unsre Elfen als Hausgeister beim Spinnen und Kehren und putzen die Stuben. Allen diesen verschiedenen Nymphen- oder Elfenarten messen die genannten Völker zauberhaften Gestalt- und oft sehr gefährlichen Sinneswechsel, Freundlichkeit wie Bosheit, Häßlichkeit wie höchste Anmut zu. Mit schlanken glänzenden Gliedern und einem blendenden Blick wiegen sie sich in verlockenden Reigen und singen unwiderstehliche Lieder. Gleich‘ einer Kette von Wasservögeln flogen die Apsaras schon nach rigvedischen Liedern über den See und spielten darin wie Tauchenten, wenn sie sich über seinem Spiegel schmückten. Die schönste, zur Göttin erhobene Nymphe, Aphrodite, sah man wohl auf einem Schwan durch die Lüfte oder über das Meer reiten. Unsere Elfinnen streiften oft an Seen und Quellen ihre Schwanhemden zum Bade ab. Statt des schneeigen Gefieders hüllt sie bei allen drei Völkern auch ein weißer Schleier, ein zartes Gewand ein. Die Phantasie sehnt sich, die höchste Schönheit aus dem einsamen zauberischen Walten der Naturmächte herauszuerkennen. Ein Weib von strahlender Schönheit fragte der bewundernde Hindu: „Bist du eine Apsaras ?“ „Schön wie eine Neraide“ ist noch heute in Griechenland und das angelsächsische „elfsctn“, das altnordische „frid sem alfkona, elfenschön, schön wie ein Elfenweib“ war bei den Germanen der höchste Preis irdischer Weiblichkeit! Man begreift, wie man solchen Wesen zutraute, auch andere Männer als solche elfischer Art, auch Männer menschlicher Art bestricken zu können. Ihre verführerische Herrlichkeit hat bei allen drei Völkern ein reizendes Mythenpaar hervorgerufen: die Elfin bringt ein männliches Wesen dämonischer oder menschlicher Herkunft in ihre Gewalt, — oder jenes männliche Wesen bringt die Elfin in seine Gewalt, und aus beiden Verbindungen entspringt großes Glück oder großes Unglück. Noch ein dritter Mythus, der aber der Gesellschaft der männlichen Elfen angehört, trägt indogermanisches Gepräge, obgleich er sich um die doch erst später ausgebildete Schmiedekunst dreht. Die Inder wie die Germanen kannten einen Ribhu- oder Elfenkönig, einen Ribhukschan oder Alberich, aus dessen Volk hier wie dort drei unübertreffliche Schmiede hervorgingen, die in der Wettarbeit mit anderen ausgezeichneten dämonischen Schmieden die besten Waffen, Geräte und Schmucksachen der Welt in ihrer Himmelsesse für die Götter verfertigten. Und wie die Schönheit die Elfenweiber, verbindet die Kunstfertigkeit die Elfenmänner unmittelbar mit den Menschen, denn wenn diese ihnen Metall vor die irdische Höhle legen, so machen halbgöttliche Meisterschmiede treffliche Kessel und gefürchtete Waffen daraus. Überall unterhalten die Elfen, in Berg und Wald, in Feld und Haus, den lebendigsten Verkehr mit den Menschen.

Durch ihre noch ganz frische Verbindung mit der Natur, die die Seelen und die Maren entbehren, und zugleich durch ihren persönlichen Umgang mit der Menschen weit, der den Riesen und Göttern fehlt, zeichnet sich die Elfengruppe vor allen andern mythischen Gruppen aus.

Die Germanen drückten diese Innigkeit ihrer Beziehungen zu den Elfen noch auf ihre eigene Art aus. Nach Riesen wurden Menschenkinder kaum genannt, nach den Elfen aber so häufig wie nach den Göttern. Bei allen Stämmen schmückte man die Kinder mit schönen Elfennamen, die ihnen den Schutz und die eigentümliche Begabung der Elfen sichern sollten, auch Königskinder, wie den Langobarden Albuin d. i. Albwin Elfenfreund und den Angelsachsen Alfred den von Elfen Beratenen. Albruna, wohl von ähnlicher Bedeutung, hieß wahrscheinlich eine schon von Tacitus erwähnte Seherin. Verwandten Sinn mögen Albigardis, Albheida, Albhilt, Aelflint gehabt haben. Albofledis bezeichnet die Elfenreine und vielleicht auch Alblaug; auf die leuchtende Farbe weist Alfdag. Die Stärke und Kühnheit rühmen die Namen Albswinda, Alf-hard, Alfnand, ihr Geschoß der Name Alfger, und an die Elfenkönige erinnern Alfhere, Aelfwold, Alfward und vor allen Alberich. Klugheit, Schönheit, Entschlossenheit und königliche Herrschgewalt sind also den Elfen in hervorragendem Maße in unsrer ältesten Geschichte eigen.

Wie mangelhaft doch auch der von uns oben gerühmte Religionsbericht des Tacitus ist! Von diesem ins Leben so tief eingreifenden Elfentum meldet er nichts. Erst ein halbes Jahrtausend später erfahren wir indirekt von ihnen, durch den Griechen Agathias, wo er von den Opfern spricht, die die Alemannen den Bäumen, Flüssen, Hügeln und Höhlen darbrachten, und seitdem hören die Geschichtsschreiber bis zu Helmold gegen 1200, sowie die Konzilsbeschlüsse und Kapitularien nicht auf, über die Quellen-, Stein- und Baumverehrung zu zürnen. Das dabei übliche Lichteranzünden bestrafte Karl d. Gr. durch das ganze fränkische Reich, insbesondere aber auch im Sachsenland.

Die Könige Knut und Olaf der Heilige verpönten diese Kulte in England und Norwegen. Auf Island opferten die ersten Ansiedler hier einem Steine, dort einem Wald, dort wieder einem Wasserfall. Einem solchen gelobte Einer sogar seinen ganzen Nachlaß, und in seiner Sterbenacht stürzten sich wirklich alle seine Schafe in die Flut hinein. Daß nun die Germanen nicht diese Naturgegenstände als solche, sondern die darin wohnenden Geister verehrten, dafür spricht außer dem durchgehenden, dem rohen Fetischdienst abholden Charakter ihrer Religion das Vorhandensein der Berg-, Stein-, Wald-, Baum- und Quellelfen, die gerade in den genannten Naturgegenständen ihren Aufenthalt hatten. Das jüngere Christenrecht des norwegischen Gulathings verbot, an Landgeister zu glauben, die in Hainen, Hügeln und Wasserfällen wohnten. Riesen aber empfingen überhaupt kaum Verehrung, wenigstens nicht an solchen bestimmten Örtlichkeiten, und auch die Götteropfer knüpften sich damals in heidnischer Gegend wohl nur an Tempel und wagten sich in schon bekehrter Bevölkerung kaum ins Freie hinaus. Endlich decken sich die oft auffälligen Formen dieses scheinbaren Naturkultus genau mit denen des Elfenkultus. Wie man an Quellen Lichter anztindete und in Deutschland am Christabend mit Lichtern in den Brunnen sah, so empfing man noch nach späterem isländischen Julbrauch die Elfen mit vollem Lichterglanz im Hause. Wie jener Isländer seine Schafe dem Wasserfall gelobt hatte, so warf noch später der norwegische Geiger seinem Lehrmeister, dem Fossegrim oder Wasserfallselfen, am Donnerstagabend ein weißes Böcklein ins Wasser. Auch setzte man sich allen Konzilsbeschlüssen zum Trotz noch viel später auf die Kreuzwege hinaus, um gerade hier der Elfen Gunst zu erfahren. Wie schwer das germanische Volk sich vom Glauben an sie losriß, das lehren z. B. einige englische Daten. Chaucer meinte im 14. Jahrhundert, in König Arthurs Tagen sei das ganze Land von Fairies erfüllt gewesen und die Elfenkönigin habe mit ihrer fröhlichen Gesellschaft auf mancher grünen Wiese getanzt, bis die Bettelmönche sie verdrängt hätten. Aber drei Jahrhunderte später behauptete der Bischof Corbet ganz ernsthaft, erst seit Abschaffung des Mönchtums durch die Königin Elisabeth hätten die Feen das Land verlassen, und wiederum drei Jahrhunderte später hielt ein hochgebildeter Dichter, Coleridge, die Elfen für wirkliche Wesen. Noch heute glaubt mancher Bauer in manchem Bach, im Acker und im Bergesschoß das leise Walten der Elfen wahrzunehmen, und ihre Sage wenigstens schwebt noch über mancher Lieblingsstätte unsrer Heimat wie ein zerrinnender zarter Duft. Die neuere Dichtung und Musik aber verdankt dem Elfenmythus die wundersamsten Töne, ohne ihn noch erschöpft zu haben.

Eine Gesamtcharakteristik des Elfenvolks, das ja in den verschiedensten Naturreichen wohnte, dazu in sich zweideutig, ja zwiespältig war, in die verschiedensten menschlichen Verhältnisse eingriff und sich auch diesen wieder anzupassen verstand, wird nicht leicht gelingen. Je nach den freundlichen oder wilden Wettererscheinungen gab es, wie schon bemerkt, schöne, lichte, nützliche, dienstfertige und gütige und wiederum häßliche, dunkle, schädliche, gewalttätige und tückische Elfen. Im Durchschnitt sind sie von der Größe des Menschenleibes, doch bleiben namentlich die Bergelfen, die Zwerge, aber z. B. nicht in Island, dahinter zurück. Aber auch die großen isländischen Alfar haben weicheres Fleisch und mürbere Knochen als die Menschen, und auch des deutschen Zwergkönigs Goldemar Hände sind weich anzufühlen wie eine Maus oder ein Frosch. Goldemar erscheint sogar als bloßer Schatten, und alle Elfen lieben es, rasch zu verschwinden wie ein „Schwick“, oder wie ein Schatten, altnordisch skuggi. Sie können bei geschlossenen Türen ins Haus kommen. Die Elfinnen sind überwiegend anmutig, oft bezaubernd namentlich durch Glanz der Haut, Schlankheit des Wuchses und üppiges Haupthaar. Bei Saxo hatte der mythische König Alf silberglänzendes Haar, und seine Geliebte Alfhild blendete durch ihre strahlende Schönheit, wenn sie sich entschleierte. Schöner als die Sonne sind die Alfen nach der Prosaedda. Doch sind andere mit bleckendem Gebiß und langen Zotten ausgestattet, und die Wasserelfinnen, die Nixen, haben glotzenden Blick, grüne Zähne und grüne Locken und enden auch wohl in einen Fischleib. Von den männlichen Elfen sind die Zwerge oft allzu gedrungen, verhutzelt und dickköpfig und schreiten zuweilen auf Vogeloder Geißfüßen einher. Häufig tragen Elfen einen roten oder grünen Spitzhut, oder eine Tarnkappe, die sie unsichtbar macht, und die Elfinnen ein Schwanhemd oder Schleierkleid, das sie zum Bade abwerfen. Keine Klasse der mythischen Wesen führt ein menschlicheres Dasein und ist mit dem Menschengeschlecht inniger verbunden als die Elfen. Sie werden geboren, wachsen und sterben, wie die griechischen Nymphen, nach Art der Menschen, wenn sie auch gewöhnlich ein weit höheres Alter als diese erreichen. Doch gehen sie darin weit auseinander. Der Felddämon entstand auf jeder Flur jedes Jahr neu, wurde bei der Ernte gefangen und lebte in der letzten Garbe fort, bis er während des Drusches auf der Tenne hinstarb. Der Hausgeist dagegen blieb fest im Hause nisten, mehrere Geschlechter hindurch. Andere rühmen sich so alt zu sein wie uralte Wälder. Die Elfen backen, brauen, waschen, spinnen und halten gut Haus, sie haben ihr eigenes, imgewöhnlich milch-reiches Vieh. Sie übertreffen die Menschen in Tanz, Gesang, Musik und zumal in der Schmiedekunst. Die Zwerge bilden ein Volk, das seine bestimmten Feste, wie z. B. das Julfest, feiert und seine Dingstätten, ja sogar seine Kirchen hat. Es hat einen König Alberich, Laurin, Goldemar, Pippe über sich, auf Island sogar zwei neben einander. Die Elfen beschenken und ergötzen die Menschen, aber sie verwunden sie auch, machen sie krank und töten sie. Der Zauber, den sie auf die Menschen ausüben, ist kaum größer als der, mit dem die Menschen sie anziehen. In diesem Wechselverkehr liegt sogar der Schwerpunkt des Elfenmythus, der insofern mehr Ähnlichkeit mit dem Seelen- und dem Maren-, als mit dem Riesen- und Göttermythus hat.

Beide, Elf wie Elfin, schließen sich oft als Hausgeister den Menschen zu dauerndem Dienste an oder wie Liebende zu dauerndem Bunde. Die Elfinnen locken durch Schönheit, Sang, Spiel und Trank die Männer in ihren Berg, Wald, See und beglücken sie mit ihrer Liebe, oder sie leiten sie irre bis zur Erschöpfung, zur Schwermut und zum Wahnsinn. Namentlich die Nixen dringen Abends sogar in die Spinnstuben, um sich dort am Tanz zu erlustigen und dann einen Burschen mit sich ins Wasser zu ziehen oder ihn in seinem Bette zu töten. Die Elfen holen gern Weiber in ihre Wochenstuben, um sich ihrer Hebammenkunst zu bedienen, und vertauschen gern ihre Kinder, die Wechselbälge, mit den menschlichen. Oft sehen sie sich genötigt, den bald zum Heil, bald zum Unheil ausschlagenden Umgang mit den Menschen ganz aufzugeben und in ein andres Land weit ab von den Menschen tiberzusiedeln.

In christlicher Zeit legte man oft dem Verlangen der Elfen nach Menschenverkehr die Sehnsucht nach dem Christentum und der Seligkeit unter. Sie haben daher auch ihre Kirchen. Dann wurden sie sogar in die christliche Mythenwelt versetzt: die Lichtelfen wohnen schon nach der Edda im dritten Himmel wie die Engel des Mittelalters; die Südtiroler Waldelfen oder Norgen sollen vom Himmel gestürzte Engel sein, die an den Bäumen hängen blieben, wie sie in Griechenland zu Sirenen wurden. Die isländischen Alfar galten für die bei Luzifers Aufstand gegen Gott neutral gebliebenen Engel oder für die bei des Herrgotts Besuch ungewaschenen Kinder der Eva.

Wie die Seelen und die Maren waren die Elfen eine bedeutende Macht im Dasein, die man durch Speis- und Trankopfer zu Hause und draußen unter Bäumen, an Steinen, an Quellen und auf Kreuzwegen zu begütigen und zu gewinnen, aber auch durch Feuer, Donnerkeil, Stahl und das Tageslicht und schließlich durch Glockengeläute zu verscheuchen suchte.

Die Urheimat der Elfen ist die bewegte Luft, darin sie als Gewitter-, Wind- und Wolkenwesen sich tummeln. Die Gewitterelfen sind ausgerüstet mit dem Blitzgeschoß, dem „Alpschoß“. Ursprünglich ein bloßer feuriger Stein, den man erkaltet im Belemnit, dem sog. Donnerstein, schwed. Aelfqvam, engl. Elfstone, schott. Elfflint, wiedererkannte, wurde es später als Pfeil gedacht, norw. Alfpil, schott. Elfarrow oder Elfbolt. Da die Maren, Druten, Schrättele und Hexen, wie bemerkt, sich vielfach unter die Elfen mischen, so heißt der Donnerstein auch Maren-, Drutten-, Schrattenstein, engl. Hagstone. Der durch diesen zwischen den Schulterblättern hervorgebrachte „Hexenschuß“ heißt holländisch „Spit“ d. i. Spieß, schwed., dän. und englisch Elfenschuß, norw. Elfenfeuer oder Zwergschuß. Schon vor 1000 Jahren erzählte ein Angelsachse, wie mächtige Frauen, Hexen, laut über das Land geritten seien und gellende Speere, Götter-, Elfen- und He, gesendet und dadurch einem Kranken schmerzhafte Stiche in Haut, Fleisch, Blut oder Glied verursacht hätten. Dann beschwor er den kleinen Speer heraus und bedrohte die Unholde mit einem Messerwurf. So sprach 1675 noch eine deutsche Hexe „wider das Geschoß“:

„Alle Wolken triefen und alle Wasser fließen. Alle Bolzen schießen, schießen dir aus alles dein Gebein“.

Aus den Wolken fliegen also diese Geschosse. Nach dem dänischen Volkslied schießt die Elfin vorzugsweise mit dem Elvekvist Elfenzweig zwischen die Schulterblätter oder schlägt der Bergkönig mit der Elverod Elfenrute. Vom elfischen Pilwiz weiß Wolfram v. Eschenboch, daß er durch die Kniee schießt und Fliehende lähmt. In deutschen Sagen werfen weiße Frauen und Hexen Lauschern oder andern unbequemen Leuten namentlich bei der wilden Jagd ein Handbeil in den Rücken, das dann wohl erst nach sieben Jahren an demselben Orte, wo es ihn getroffen, herausgezogen wird. Die Elfin oder Huldre schießt in Norwegen eine Alßzula Elfenkugel ins Vieh, d. i. der im Magen eines Rindes häufig gefundene Haarballen, der Tiroler Hagelstein, der von Hexen gefüllt sein soll. Im Blitz sah man auch eine goldene, feurige Peitsche, mit der der Zwergkönig Alberich im Nibelungenliede bitterlich auf Siegfried und der Aargauer Zwerg Stiefeli auf die Holzfrau loshaut: Alberich aber ist im Epos aus den Wolken in die Berge herab versetzt. Hurtig springt er aus der Felswand hervor mit seiner Geißel und zwar in der Tarnkappe, der imsichtbar machenden Wolkenhülle, und da sie in sich andre furchtbare Blitze birgt, verleiht sie ihm die Stärke von zwölf oder zwanzig Männern. Trotzdem besiegt, führt er nach dem Siegfriedslied den Sieger ins Innere des Berges zum Nibelungenhort, der unter Anderem ein Schwert, den Blitz, hat, das allein den Feuerdrachen töten kann. Und noch nicht des fantastischen Spiels mit den Blitzerscheinungen genug: auf dem Schatze ruht als Köstlichstes „von Gold ein Rütelein“, das den Schatz der Wolke aufdeckt und ihr das regensreiche Naß entlockt und den Besitzer zum Meister aller Menschen macht. Des Rüteleins Zauberkraft ist dann spät auf die sich gabelnde Haselrute, das Abbild des zackigen Blitzes, die „Wünschelrute“, übertragen, mit deren Hilfe der Mensch im Schoß der Erde Gold oder Wasser aufspürt und die ihn in Bayern vor Blitzgefahr schützt. — In diesen Vorstellungskreis gehört auch der Tiroler Alber oder Alp, der niederdeutsche Alf oder Dräk (Drache), eine feurige Lufterscheinung, die auch „Tragerl“ in Ostreich heißt, weil er den Leuten das Gut Anderer zuträgt; in Pommern, wenn er blau ist, Korn, wenn er aber rot ist, Gold. — Überhaupt wurden in verwandte Feuererscheinungen, wie Irrlichter und St. Elmsfeuer, allerhand elfenhafte Spukgestalten hineingesehen, die der Wanderer plötzlich vor sich hergehen sieht, die ihm grinsend immer winken und ihn in die Irre leiten. Auch setzen sie sich gern auf den Wagen. Die Dorftiere, die sich oft mit tellergroßen feurigen Augen stets in derselben Gasse oder draußen auf demselben Wege zeigen, sind zum Teil aus solchen örtlichen Lichterscheinungen hervorgegangen. Diese Gewitter- und Gebirgselfen waren aber nicht nur Handhaber und Besitzer jener eigenartigen Waffen, Geräte und Schätze, sondern, als die bewunderte Schmiedekunst sich entwickelte, als die Donnersteine, -keulen, -beile, -hämmer und Peitschen durch Bronzeäxte und -hämmer, Speere und Schwerter ersetzt wurden, da wurden diese gewandten Blitzelfen, unterstützt von den das Essenfeuer anblasenden Windelfen, die Meisterschmiede der Welt.

Einen voll und schon anekdotenhaft ausgebildeten Mythus weiß von ihnen die Prosaedda zu erzählen: Als Thor einst bemerkte, daß seiner Gemahlin Sif das Haar von Loki abgeschoren sei, da hätte er sicherlich dem gepackten Frevler alle Knochen zermalmt, wenn ihm dieser nicht geschworen, ihr aus Gold neues, wachstumfähiges Haar fertigen zu wollen. Da fuhr Loki zu den Schwär seifen, Iwaldis Söhnen, die das gewünschte Haar für Sif, ferner das Schiff Skidbladnir für Freyr und den Speer Gungnir für Odin schmiedeten. Trunken von seinem Erfolg, verpfändete Loki mm sein Haupt dem Zwerge Brokkr, falls dessen Bruder Sindri oder Eitridrei gleich wertvolle Kleinodien fertigte. Da legte Sindri eine Schweinshaut in die Esse und hieß Brokkr mit dem Blasen nicht eher aufhören, als bis er die Haut wieder herausgezogen hätte. Als Sindri die Schmiede verlassen hatte, blies Brokkr, obgleich ihn eine Fliege in die Hand stach, fleißig weiter, bis Sindri kam und die Arbeit aus dem Feuer holte, einen goldborstigen Eber. Darauf legte er Gold in die Esse, und Brokkr blies, obgleich ihn die Fliege in den Hals stach, noch einmal so stark, bis Sindri kam und einen Goldring Draupnir aus dem Feuer zog. Endlich legte Sindri Eisen in die Esse, da stach die Fliege dem blasenden Brokkr mitten zwischen die Augen, daß das Blut ihm hineinrann, so daß er nichts sah. Und möglichst geschwinde griff er mit der Hand nach ihr und streifte sie ab; jedoch der Blasbalg war inzwischen in sich zusammengesunken. Wie nun Sindri zurückkam, sagte er, fast wäre alles verdorben, und nahm einen Hammer aus dem Feuer. Mit diesem und den beiden andern Kleinodien schickte er seinen Bruder Brokkr zu den Göttern nach Asgard, um Lokis Pfand einzulösen. Als Brokkr und Loki ihre Schmiedearbeiten herantrugen, setzten sich die Götter auf ihre Richtsttihle und beschlossen, daß Odin, Thor und Freyr das Urteil sprechen sollten. Da gab Loki dem Odin den Speer Gungnir, dem Thor das Haar für Sif, dem Freyr Skidbladnir und setzte die Tugenden dieser Arbeiten auseinander: daß der Speer nie auf seinem Stich stecken bleiben, das Goldhaar fest an die Haut anwachsen und das Schiff Skidbladnir überallhin günstigen Wind haben würde, außerdem wie ein Tuch bequem zusammengelegt und in die Tasche gesteckt werden könnte. Nun aber zeigte Brokkr seine Arbeiten: er gab Odin den Ring, von dem in jeder neunten Nacht acht neue Ringe von gleichem Gewicht abtröpfeln würden, dem Freyr den Eber, Gullinbursti, der durch Luft und Meer Nacht und Tag mit solcher Schnelligkeit laufen könnte wie kein Roß und dessen Borsten auch die tiefsten Finsternisse der Nacht und der Welt erhellten, und endlich dem Thor den Hammer, mit dem er jedes Wesen, auch das größeste, angreifen könnte, der nie fehlen und nach dem Wurf stets in seine Hand zurückkehren würde. Dazu wäre er leicht in einer Brusttasche zu bergen. Nur wäre sein Handgriff zu kurz geraten. Da fällten die Götter das Urteil, daß dieser Hammer das beste aller der Kleinodien wäre, und der stärkste Schutz gegen die Erzfeinde der Götter, die bösen Reifriesen, weshalb sie dem Zwerge das von Loki gewettete Pfand zusprachen. Loki erbot sich zwar, sein Haupt zu lösen, doch der Zwerg lehnte ab. „Nun, so greif mich!“ sprach Loki, war aber, als Brokkr ihn greifen wollte, schon über alle Berge, denn auf seinen Schuhen konnte er Luft und Meer durchlaufen. Nun bat der Zwerg den Thor, Loki zu greifen, und Thor griff ihn auch. Als aber der Zwerg ihm das Haupt abschlagen wollte, sagte Loki:

„Zwar hast du Anspruch auf mein Haupt, aber nicht auf meinen Hals.“

Da nahm der Zwerg einen Riemen und ein Messer, um die Lippen Lokis zu durchbohren und ihm dann den Mund zuzunähen. Weil aber das Messer stumpf war, meinte Loki, der Pfriemen seines Bruders würde dafür besser sein. Und sowie er ihn genannt, war der Pfriemen da und durchbohrte Loki die Lippen, die Brokkr zusammen nähte. Loki aber riß den Faden heraus. Dieser heißt Vartari. — Sieht man von der Rahmenerzählung ab, so erkennt man als ältere Füllung die Geschichte von zwei Gruppen kunstfertiger Dämonen, die um die Wette für die Götter Kunstwerke von durchweg völlig meteorischer Natur hersteilen. Zwar wird das Goldhaar der Sif gewöhnlich auf den Kornsegen der Erdgöttin gedeutet, aber es kann auch auf das Wetterleuchten bezogen werden. Das Schiff Skidbladnir ist offenbar die Wolke, die die Himmlischen trägt, bei jedem Winde weiter fährt und nach dem Regen wieder verschwindet, der Speer Gungnir ist der ruhelos zitternde oder sausende Wind, den Shakespeare des Wetters Speer nennt. Der Ring Träufler scheint ein Sinnbild immer sich erneuernden Reichtums, der Eber Goldborst ist die Sonne oder die blitzende Wetterwolke, wie denn die Griechen dasselbe Wort Argetes für die Blitze und die Eberzähne gebrauchten. Als Meisterstück wird aber trotz seines Fehlers der Hammer Mjölnir, der Zermalmer, hervorgehoben, der unter Blitz und Donner durch die Luft fährt, von selbst in die Hand des Donnergottes zurückkehrt und einen zu kurzen Stiel hat. So fliegt der Donnerkeil im Lenz- und Sommergewitter stets von neuem aus Thors Eisenhandschuh, ist aber im Winter schwach, was die Kurzstieligkeit auszudrücken scheint.

In dieser Sage sind alte Züge verborgen, deren meteorischer Sinn in den entsprechenden griechischen und indischen noch deutlicher hervortritt. Nach Hesiod verfertigten und schenkten drei Kyklopen, Brontes Donnerer, Steropes Blitzer und Arges Donnerkeiler, dem Zeus den Donner, Blitz und Donnerkeil, mit denen er die Titanen bezwingt und über Menschen und Götter herrscht. Die Blitzwaffe ist also auch wie im germanischen Norden das eigentliche Herrscherzeichen, das Schmiedemeisterstück. Nach dem jüngeren Apollodor werden aber auch andre Götter von den Kyklopen, wie oben von den Elfen, nämlich Pluton mit einer Tarnkappe und Poseidon mit dem Dreizack versehen. Den Elfen durch Wettermacherei, bösen Blick und kleinere Gestalt sind noch näher verwandt die griechischen Teichinen, die nach andern die ersten Eisen- und Bronzeschmiede hießen und dem Poseidon den Dreizack machten, auf deren Schätzen und Geschenken aber auch ein Fluch ruhte, wie auf dem Nibelungenring des Zwerges Andvari.

Die Schmiedekunst ist aber auch den indischen Ribhus eigen, deren Name, wie wir wissen (S. 146), mit dem germanischen Elfennamen überein stimmt, und auch ihr Meisterwerk ist offenbar der Blitz, und zwar auch dieser ein Geschenk an die Götter. Denn von diesen Männern der Luft, wie sie im Rigveda heißen, erklärt der eine das Wasser, der andre das Feuer, der dritte aber das Geschoßschleudernde d. i. den Blitz für die Hauptsache. Dem damaligen Götterkönig Indra, dem Donnergotte, schufen sie die falben Pferde d. h. die Blitze; an einer anderen Stelle zimmerten sie ihm den „Blitz“. Aber sie schufen auch Panzer und einen gedankenschnell um den Himmel rollenden Wagen, der an das nordische Wolkenschiff erinnert, und erneuerten aus einer Haut stets wieder eine Kuh, die dem aus einer Haut geschaffenen nordischen Goldborst ähnlich ist. Ja, von den germanischen Elfen, den Zwergen und Kasermännlein in Tirol, den englischen Pixies und den nordischen Huldren erzählt man hie und da noch heute, daß sie eine im Herbst in der Sennhütte zurückgelassene Kuh verspeisen und aus Haut und Knochen wieder, wie die Ribhus, lebendig machen, offenbar, weil sie im Frühling die befruchtende Wolkenkuh wiederbringen, wie auch die Ribhus gleich den Tiroler Albern die Kräuter wieder wachsen lassen. Der erste Ribhu heißt Ribhukschan Ribhukönig gerade wie der erste Elfkönig, und wie Ribhuschan dem Indra den Blitz schmiedet, so schmiedet der nordische Alfrik mit drei andern Zwergen den Halsschmuck der Freyja, der deutsche Alberich den goldnen Ringpanzer König Ortnits, und der „Elfenfürst“ Wieland ist der Meisterschmied. Das Auffälligste aber ist, daß auch in Indien ein Wettstreit dämonischer Künstler von den Göttern entschieden wird, wozu auch, wie im Norden der Feuergott Loki, so hier der Feuergott Agni die Hauptanregung gibt. Tvashtri d. h. der Künstler schuf außer dem Blitze für Indra noch für die Götter eine Trinkschale, die jene drei Ribhus getadelt haben sollten. Da stellte ihnen Agni die Aufgabe, aus der einen Schale vier für die Götter zu machen. Sie lösten die Aufgabe, und Tvashtri floh besiegt zu seinen Frauen. Diesem indischgermanischen, zum Teil auch griechischen Schmiededämonenmythus liegen gemeinsame Vorstellungen von überirdischen Gewittermächten zu Grunde, die nach den Anfängen der Schmiedekunst im Beginn einer angestaunten Technik bereits eine gemeinsame feinere Gestaltung empfangen hatten. Die himmlischen Götterschmiede wurden dann samt ihren zauberischen Werkstätten in den Schoß der Berge versetzt, wie denn die Kyklopen, nunmehr Gesellen des Meisters Hephaestos, in den Vulkanen am Mittelmeer ihre glühenden Essen hatten und die germanischen Zwerge in Erdhöhlen für Helden und gewöhnliche Menschen tätig waren.

Während die Übereinstimmungen dieser indischen, griechischen und germanischen Künstlersagen auf gemeinsamem naturmythischen Untergrund ruhen, scheint die noch auffälligere Übereinstimmung der germanischen Wielandssage mit dem Daedalos- und Hephaestosmythus aus den Kulturmitteilungen erklärbar, die schon in der älteren Bronzezeit aus dem hellenischen Süden mit der Spiralornamentik der Mykenaekultur quer durch Europa nach dem Norden wandelten. Aus der Mischung von altgermanischen Elfenmären mit Daedalos- und Hephaestosgeschichten entstand im Norden der poesievolle Künstlerroman, den uns das eddische Völundslied meisterhaft erzählt.

Wieland, ein Elfenfürst mit weißem Halse, und seine Brüder Slagfidr und Egil bemächtigen sich dreier badender Königstöchter, die bald als Walküren das Kriegshandwerk treiben, bald ihr Schwanhemd ablegen und am Seestrand friedlich Flachs spinnen. Aber nachdem sie acht Winter mit den drei Brüdern zusammengelebt haben, fliegen sie sehnsüchtig zum Kampfleben zurück. Egil und Slagfidr machen sich auf, um sie ostwärts und südwärts zu suchen; Wieland aber bleibt einsam zurück und schlägt rotes Gold und Edelgestein zu kostbarem Geschmeide zusammen, tief im Wolfstal, seiner lichten Geliebten Alvit harrend. Als er einmal auf der Jagd ist, dringen die Leute König Niduds in sein Haus und sehen staunend all die Schmiedeherrlichkeit, doch nehmen sie nur einen von den 700 Ringen weg. Wie Wieland nach der Heimkehr diesen Verlust bemerkt, hofft er, Alvit sei wiedergekommen. Er sitzt lange, bis er einschläft, um aufzuwachen freudlos, mit gefesselten Händen und Füßen. Da gab Nidud seiner Tochter Bödvild den Goldring, den er von der Bastschnur in Wielands Hause genommen hatte, er selbst trug Wielands Schwert. Auf den Rat der Königin, die des Meisters Rache fürchtete, zerschnitten sie ihm die Sehnen seiner Kniekehlen und setzten ihn auf die Insel Seestatt. Nun schmiedete er für den König aller Arten Kleinode, und niemand durfte zu ihm gehen als der König allein. Doch beim Hammerschlag sann der Schmied auf Rache. Als einmal die zwei Knaben des Königs neugierig in die Werkstatt kamen und in die Goldkiste schauten, schlug Wieland mit dem fallenden Deckel ihre Häupter ab und legte ihre Füße in den Schmutz unter dem Blasebalg. Ihre Schädel faßte er in Silber und schickte sie ihrem Vater, aus ihren Augen machte er Edelsteine und schickte sie ihrer Mutter, und aus den Zähnen machte er Brustringe und schickte sie ihrer Schwester Bödvild. Da begann diese ihren Ring, den einst Alvit getragen, zu rühmen … bis er zerbrochen war. Aber Wieland tröstete sie und versprach, ihn schöner wieder herzustellen. Er schläferte sie mit Bier im Stuhle ein und überwältigte sie. Lachend erhob er sich dann in die Luft, weinend ging Bödvild vom Eiland, voll Sorge um die Fahrt ihres Liebsten und den Zorn ihres Vaters. Der König war schlaflos über den Tod seiner Söhne, ihn fror sein Haupt. Da sah er Wieland fliegen und rief zu ihm hinauf:

„Was ist aus meinen frischen Knaben geworden?“

Und Wieland enthüllte ihm alles, aber der König hatte keinen Mann so kräftig, daß er jenen herabschießen könnte, und seine Tochter gestand ihm ihre Schande.

Weland, Wieland, altnord. Völundr bedeutet den Künstler gerade wie Daedalos. Er war Fürst der Alfen, der, von Zwergen belehrt, Ringe, Becher und Schwerter schuf und im Wettkampf mit dem Schmiede Amilias mit dem Schwerte Mimung den Preis davontrug. Er fertigte auch ein getreues Abbild von Regin, wie Daedalos die ersten menschlich gestalteten Bilder schnitzte. Er schwang sich aus der Gefangenschaft eines harten Herrschers, der ihn nicht frei lassen wollte, auf künstlichen Flügeln in die Lüfte, wie Daedalos. Bei diesem Flugversuch kam hier der mitfliegende Sohn Iearus, dort der brüderliche Fluggenosse Egil um. Auch Hephaestos wurde Daedalos zubenannt und wie Wieland in seiner Werkstatt die Bödvild, bedrängte Hephaest in seiner Werkstatt Athene.

Die zweite Elfenklasse, die der Windelfen, wird durch die alten Zwergnamen Vindalfr und Gustr Bläser bezeugt. In der Edda werden auch die Zwerge Austri, Vestri, Nor-dri und Sudri an den vier Himmelsecken erwähnt. Die beiden Diener des Gottes Freyr, ein Ehepaar Beyggvir Bieger und Beyla Buckel, scheinen ein paar anmutige Windelfen, deren Namen die gleichmäßige Senkung und Erhebung der Wellen bei ruhigem Wetter abspiegeln. Der Name des Zwerges Andvari, der auf den Ring des nordischen Nibelungenhorts einen Flüch legt, bezeichnet neuisländisch sanften Gegenwind, wie er sich denn auch in der Liederedda selber als Gustr zu bezeichnen scheint. Wie das Blitzgeschoß der Gewitterelfen bringt der Anhauch der Windelfen bei Mensch und Vieh Krankheiten hervor: norweg. alfgust, schwed. elfrebläst Elfenhauch ist eine Gliedergeschwulst, die auch der Sturm z. B. der wilden Jagd verursacht. Gewisse Krankheiten heißen fliegende Elbe, angelsächsisch aelf- oder lyftädl Elfen- oder Luftkrankheit. Man bindet Kindern als Gegenmittel Donnerkeile oder in Schwellden am Donnerstagabend verfertigte ,Elfenkreuze um den Hals.

Die windelfische Hauptform ist der Wirbelwind, männlich, aber auch, da seine Rundtanzbewegung gern dem tanzlustigen weiblichen Geschlecht zugeschrieben wurde, oft weiblich aufgefaßt. Schon Wolfram von Eschenbach und Berthold von Regensburg bekannt, geht der Pil- oder Bilwiz dessen Name westslavisch klingt, im östlichen Süd-und Mitteldeutschland mit Messern oder Sicheln an den Füßen Abends am Sonn wendtage oder am Veits- oder Peter und Paultage durch die Felder oder reitet auf einem schwarzen Bock, hinter dem Rauch aufsteigt, hindurch. So zieht er einen wellen- oder bockssprungförmigen Schnitt, einen fußbreiten Streifen der Verwüstung, durch das Getreide, den sog. Bilwiz-, Bilmes-, Bocks- oder Wolfsschnitt. Schon im 14. Jahrhundert galt er für ein männliches Gegenstück der Hexe und ist noch jetzt meist ein neidischer, mit Hexenkunst begabter Mann, der seines Nachbarn Getreide in seine Scheune hinüberzustehlen sucht. Früher war er wohl ein Wirbelwindgeist, der verheerend ins Korn brach, und vielleicht noch früher ein toll kreiselnder Bock, wie auch die Inder den Wirbelwind als einfüßigen Bock sich vorstellten. Seine wirbelnde Hast verwirrte und verfilzte im Mittelalter den Bart und die Haare, die dann „Pilbiszotten“ bekommen, und auch bei Hans Sachs bedeutet bilbitzen zausen und verwirren. Man hing diesem Wesen Knabenkleider am „Pilbisbaum“ auf.

Die Elfinnen, Maren, die vorarlbergischen Fenesleute und die vielleicht aus diesen entstellten Venediger, lauter Elfenvolk, fahren im Wirbel- oder im niederdeutschen Door-wind, die bairischen Truten, die oldenburgischen Walridersken erregen Windgäspeln d. i. Wirbelwind oder Trutenwind. Der Alpenelf „Almputz“ heult im Sommer vor gefährlichem Gewitter wie die Windsbraut und bezieht wie das „Kasermandle“ im Spätherbst die verlassene Sennhütte, ein einziges großes Auge auf der Stirne, — den Wirbelwind? Die Elfen verschenken einen Gürtel, der in einer Tiroler Sage noch ganz offen „Windsbraus“ Wirbelwind genannt wird und in vielen Sagen Mann, Baum oder Pfahl, um den er gelegt wird, im Nu zerreißt. Wo sich die Mare oder Trut ins Korn niederläßt, wird es schwarz wie da, wo der Wirbelwind es niedergelegt hat. So verdorrt der Brombeerstrauch, auf dem die Walriderske sitzt. Er kommt nicht zur Ruh, denn ein vom Mar bedrückter Baum zittert beständig, und der bewegte Tannenwipfel heißt englisch Mares’ tail, womit die Schiffersprache auch den sturmverkündenden Wetterbaum am Himmel bezeichnet. In den Zweigen, auf denen diese tollen Elfen rasten, entstehen struppige, nestartige Verknotungen oder auch die Misteln, daher Alpruten, Druden- oder , oder Marennester, Donnerbesen, Marenquasten genannt. Damit schlägt der Elf oder wird er geschlagen. Der daraus fallende Regentropfen bringt dem Betroffenen Alpdruck oder Kopfweh. Der Schwede hängt die Mareqvastar in den Stall, damit die Maren auf ihnen sitzen, anstatt den Pferden Ma-relockar in die Mähnen zu machen. Denn sie verwirren Pferd- und Menschenhaar zum Alp-, Druten-, Wichtel-, Hollenzopf oder -schwänz. Noch mehr: sie verwirren auch den Geist. Der Blödsinnige oder der Einfaltspinsel heißt daher auch Elbentrötsch, Elbst, Drut, Schrättel. Als Windgeister sind die Elfen diebisch: ein nordischer Zwerg hieß Erzdieb, der deutsche Elbegast oder Algast war „aller Diebe Meister“. Die elfischen Venediger der deutschen Sage, Wirbelwindsfahrer, entführen Leute weit weg, die Elfen stellen namentlich Erbsen und Frauen nach, so die lüsternen Zwergkönige Laurin und Goldemar. Jener Elberich bewältigt Ortnits, ein andrer Dietrichs und Hägens Mutter. Auch stehlen die Elfinnen Kinder der Menschen und lassen dafür die ihrigen zurück. Als Windgeister, die leise murmelnd oder laut drohend den Umschlag der Witterung ankünden, sind die Wildmännlein und -fräulein, die Fengen, die Schneefräulein in den Alpen, der nordische Marbendill auf der See des Wetters und dann überhaupt der Zukunft kundig und weissagen, namentlich wieder Elberich, und werden Warner der Menschen. Wie milde und kühlende Winde sind sie heilkräftig und schaffen dem Menschen schon im alten Norden Heilhände, „laeknishendr“: Musik und Tanz aber ist ihr Leben! Im sanft flüsternden, melodisch aufrauschenden Winde stimmen sie ihre verlockende Weise, den althochdeutschen Albleich das Elfenspiel an, der im Norden auch Elfvalek oder Ellaspel heißt, den Huldreslaat die Huldrenmelodie, das dänische Ellekongestykk das Elfenkönigsstück, das auch Erlkönigs Töchter zu ihren Nebelreigen um die grauen, dürr belaubten Weiden ertönen lassen. In Schweden tanzten noch vor etwa 100 Jahren die Bauern nach ihrer anmutigen Weise, die so lautete:

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Auch das vorarlbergische Nachtvolk macht liebliche Musik, wenn es durch die Luft fährt; aus den isländischen Alfarhöhlen hört man Sang und Tanz. Die Tiroler Saligfräulein, die bei drohendem Unwetter so traurig klagen, singen sonst so schön, daß der Zuhörer wie gefroren steht. Am Geigerstein im Unterelsaß hört man noch jetzt am späten Abend einen dämonischen Geiger spielen, der einst seine treulose Braut nebst ihrem Verführer und der ganzen Gesellschaft wie wahnsinnig um den Felsen tanzen ließ. Spielt er auf, gibt’s Sturm und Regen. Oberons d. i. Alberons des Elfenkönigs Horn regt unwiderstehlich zum Tanz auf, die Elfen selber führen bei Mondlicht im wrallenden Nebel Reigen auf, nordisch eile-, älf-, alfedans, engl, fairyring, die in den dunkleren, dichteren Ringen des Grases, den fairyrings oder Hexenringen, ihre Spuren zurücklassen. In ihren Tanz ziehen sie gern Menschen, um sie des Atems zu berauben und zu töten. Wer vermag ihrer leichten Schwebekraft und unersättlichem Wirbellust zu genügen? Maren, Walridersken und Schwanjungfrauen fahren aber auch gern in einem kreisenden Siebe, worunter die durchlässige Wolke verstanden wird, durch die Luft, und zuweilen klingt herrliche Musik herunter. Aber oft klagt auch die Elf in. Bei Windesgeheul sagt man in Westflandem: „Alwina (d. h. die Elfin) weint“. In stürmischen Nächten jammert das luxemburgische Buschgretchen. Wie diese Waldfrau ist auch die Haffru d. i. Meeroder Seefrau des Nordens ihrem innersten Wesen nach eine Windelfin. Denn auf den Färöern wird das Wetter gut, wenn der Marmennil, der Meermann, friedlich neben ihr auftaucht. Singt sie aber so schön, daß die Menschen darüber toll werden, dann kommt Unwetter. Die schwedische Haffru wäscht ihre Kleider am Ufer und breitet sie dort auf den Steinen aus, wenn der See schäumend heraufspült; bei Wind aber fährt sie über das Wasser und singt im Walde, und bei schwülem Wetter zankt sie mit dem Bergesherm, dem Bergwinde. So schwankt , die auch mit einem Manne, ihrem Gatten, zwistet, zwischen Wind und Wasser. In Böhmen fliegt sie mit ihren Kindern im Winde jammernd durch die Luft; geht jemand bei Sturm aus, so fährt Melusine in ihn, und er wird krank, also wie ein Elfenhauch. Wie dem Wind und der Frau Windin und ihren Kindern (s. u.), streut man ihr eine Handvoll Mehl in die Luft, und in den 12 Tagen vor Weihnachten, wo sie am stärksten tobt, wirft man ihr Nüsse in den Ofen und knallt in der Stube mit der Peitsche, um die Windsbraut zu vertreiben. Die ursprünglich wohl deutsche Sage von der Melusine oder Melusindis ist in Lusignan eine Wasserfrausage. Melusine gelobte sich einem Ritter zur Ehe, wenn er verspräche, sie niemals nackt zu sehen. Trotz seines Versprechens drang er nach vielen Jahren glücklicher Ehe, in der sie ihm sieben Kinder brachte, ins Badegemach seiner Frau und sah sie als völlige Schlange oder doch mit einem Schlangen- oder Fischschwanz. Voll Entsetzen stieß er einen lauten Schrei aus, und erzürnt entfloh sie ihrem Gatten auf alle Zeit. In Burgund hört man sie im Gewitter zürnen.

Auch die dritte Klasse, die der Wolkenelfinnen, verleugnet ihren Doppelcharakter nicht. Goethe empfand auf seiner Schweizerreise von 1780, wie die sich zur Erde senkenden Wolken dem Geiste schwer auflagen, und Annette von Droste-Hülshoff sah, daß die Wolkenschichte sich über die Heide legte „wie ein dunkler Mar“. Eine niederländische Mar verwandelt sich in eine schwarze Wolke mit gräulichem Sturm. Dem lang nachschleppenden Gewölk entsprechend steht der Walriderske Haar hinten aus wie ein Pechquast und tragen Huldren und Maren einen Schwanz. Sie haben, wie z. B. die westfälischen ken und das dänische Ellefolk, lange Brüste, dagegen einen Rücken hohl wie ein Backtrog, weil die sich ergießende Wolke schwer herabhängt, während sie oben sich leert. Wenn vor Gewitter diese Wolke leuchtet, gleicht sie einem Backofen, den jene Sgönaunken mit ihren langen Brüsten reinigen. Die wilden Frauen verfügen auch über einen Kessel gleicher Bedeutung, in dem sie Menschen sieden; oder sie verleihen einen Schatzkessel, wobei der Schatzheber von der Elfin schwarz angehaucht wird. Die Elfinnen und Maren fahren oft in Sieben, triefenden Wolken, unter Wirbelsturm oder lieblicher Musik. Und mehr und mehr kommt nun anderseits die Schwangestalt, der überirdisch lichte, schneeige Glanz der Wolke, zur Geltung. Die schwedischen Elfinnen stürzen sich als Schwäne aus der Luft ins Meer und in Teiche und sind alsbald die schönsten Mädchen. Hunderte von Sagen preisen die Holdseligkeit der Seligen, der Hollen, der weißen Weiber und Schwanjungfrauen, die Volkslieder namentlich die weiße Haut. Sie tragen oft einen weißen Schleier, ein schneeweißes, von einem Goldgürtel zusammengehaltenes Gewand oder Schwangefieder, unter ihrer goldenen Haube fließt langes blondes Haar hervor. In einem eddischen Liede bringen die Lichtelfen das Tageslicht, die Sonne, die Alfrödull d. h. Elfenstrahlenglanz heißt. Scheint die Sonne durch den Regen, so strählt sich nach deutschem Glauben die Elfin mit goldnem Kamme, offenbar mit den zinkenartig erglänzenden Regenstrahlen, das reiche Goldhaar. Schwebt dagegen aus dem feuchten Walde Nebel auf, so hängt sie auf den Büschen oder auch an den höchsten Wipfeln schneeweiße Wäsche zum Trocknen auf. Wenn der Nebel wie ein langer Faden oder ein Seil von einem Berg zum andern schwebt, so spinnen, weben die Elfinnen oder drehen gar Seile. Sie schöpfen Wasser, wenn der Dunst über den Bach oder den See zieht, und gießen es als Tau über die Wiesen und Felder. Der aus gepflügtem Acker aufsteigende frische Erdgeruch rührt von den Kuchen her, die sie oder ihre Männer backen und auch wohl der ackernde Knecht als Lohn am anderen Ende der Furche findet. Wenn aber das Gebirge im Morgengrauen lustig dampft, so backen die Elfen nicht nur, sondern brauen und schmieden auch. — Sie verschwinden wie ein Nebelhauch, ein Schatten und nahen wieder auf „Elfenzehen“. Nebelhülle bedeutet die Nebel-, Hel- und , der altnord. huldarhöttr, der norweg. uddehatt. der schwed. hvarfshatt d. i. Hulden- oder Zwerghut. Zuweilen verdichtet sich der Nebel und wird dann wieder lichter, so daß man einen Augenblick ein Stück imbekannter Landschaft im Sonnenglanze vor sich sieht; dann zaubern die Elfen mitten in der Wildnis die Fata Morgana hervor, die gartenartigen Hullahöfe.

Der Wohnort aller dieser Elfen ist naturgemäß die Luft. Darum dachte man sich im Norden Alfheinir das Elfenheim am Urdarbrunnen unter der Esche Yggdrasel, dem Wolkenbaum. Infolge einer schon in die Prosaedda eingedrungenen christlichen Vorstellung von der Wohnung der Engel im dritten Himmel wurden die Lichtelfen von ihrem alten Sitz in diesen dritten Himmel versetzt. Das Elfenreich heißt auch später , aus dem die Schwanjungfrauen, Walridersken und Maren in ihren Sieben fahren und zu dem sie von den „Glocken von Engelland“ zurückgerufen werden. Meistens ist aber das Elfenreich auf der Erde oder gar in die Erde herabgesunken.

In Deutschland erzählte man von anmutigen Elfenwiesen, auf denen sich das in einen Brunnen gefallene Kind plötzlich zu freudiger Überraschung wiederfindet. Die Schweden kennen einen Elfträdsg&rd, einen Garten, der Schneeballbüsche mit Gold- oder Edelsteinfrüchten trägt, oder auch einen Rosenwald, in den Elfenkönigs Tochter einen Bräutigam hineinlockt, so daß ihm darin 40 Jahre vergehen wie eine Stunde. Hier kommen alte Mythenzüge zum Vorschein. Denn nach Saxo stieg ein Weib mit Blumen im Schoß plötzlich aus der Erde neben dem Dänenkönig Hadding auf, als dieser bei seiner jungen Frau saß, und entführte ihn in ihrem Mantel unter die Erde, um ihm den stark ausgetretenen Pfad zur Unterwelt zu zeigen. Nachdem sie durch einen dicken Nebel gedrungen waren und mehrere in Scharlach gekleidete Edle unterwegs gesehen hatten, kamen sie auf ein sonniges Feld, von dem jener Blumenschmuck stammte. Dann überschritten sie einen Speere dahinwälzenden Fluß, jenseits dessen zwei Schlachtreihen miteinander stritten, die Waffentoten, die dort den Kampf des Lebens fortsetzten. Als weiterhin eine hohe Mauer den Weg versperrte, warf Haddings Führerin den abgerissenen Kopf eines Hahns hinüber und horch! der König und das Elfenweib vernahmen einen hellen Hahnschrei, wie einen Ruf aus dem Lande der Unsterblichkeit. Die berühmtesten solcher Elfenreiche sind die durch die deutsche Heldendichtung des 13. Jahrhunderts verklärten Rosengärten. In dem auf einer Rheinaue gelegenen Wormser Rosengarten herrschte König Gibich d. h. der Freigebige, Gütige, der im Harze bei Grund als Gübich oder Hübich Gold und Silber und bei Nienburg als Zwerg Gäweke freundlich Kuchen spendet. Den andern Rosengarten, der auf einer üppigen Halde bei Meran liegt, besaß der Zwergkönig Laurin. Solch ein Garten ist mühselig zu erreichen, er heißt ein Paradies oder ein Himmelreich auf Erden. Er schwillt über von Rosen, und ein Jahr darin vergeht wie ein Tag. Blütenpracht und Kriegsgetümmel sind auch hier vereinigt wie in jener dänischen Unterwelt, mitten unter den Rosen werden blutige Kampfspiele getrieben.

Auch sonst nannte man im Mittelalter Belustigungsplätze Rosengärten, ob sie mm dicht vor dem Stadttor, wie der 1288 erwähnte Rostocker, oder hoch oben auf dem Rücken des Thüringer Waldes, z. B. über Tambach, lagen. Wiederum haben andere Rosengärten eine scheinbar entgegengesetzte Bedeutung. In den Oldenburgischen Heiden wurden öde heidnische Grabstätten so genannt und weiterhin auch die christlichen Totenhöfe in Grabinschriften und in Volksliedern.

„Hier lieg ich im Rosengarten und muß auf Weib und Kinder warten.“

Es ist wiederum die Bedeutung des Paradieses, aber die ernstere des Jenseits, im Gegensatz zu jenem weltlichen Paradiese. An viele deutsche Rosenauen, -berge und -täler knüpfen sich Sagen und Beziehungen desselben Sinnes. Sie gelten alle für echt deutsche Paradiese, und man darf weder die fremde Herkunft des Blumennamens, der erst in der althochdeutschen Zeit eingeführt scheint, noch auch die spätere Einführung der gefüllten Centifolie dagegen einwenden. Denn auch die volldeutschen entsprechenden Örter, wie Buttelloh und Buttelberg (oft in Butterberg entstellt), teilen die Eigenschaften der Rosengärten und haben deren Sagen, und auch Deutschland hatte ein paar Dutzend heimischer Rosenarten, die lieblichen Hecken- oder Buttelrosen. Wie man jene Schneeballbüsche in den weißen Wolken, jene Gold- und Edelsteinfrüchte in den funkelnden Lichtem derselben zu sehen glaubte, so schien der Himmel bei Sonnen-auf- oder Untergang in überschwänglicher Rosenpracht zu erblühen. Hier dachten sich die Griechen die Gärten ihrer elfischen Hesperiden und die elysischen Gefilde, die Aufenthaltsörter der Seligen, die Iren die Inseln ihrer Feen und Seligen und so nun auch die Germanen die Gärten der Elfen und, wie es scheint, auch die Wohnorte der Verstorbenen. Diese waren häufig mit dem Gesicht gegen Osten, gegen den elfischen Rosengarten des Morgenrots gewandt, begraben. Ob man sich wirklich dem Gedanken an ein ewiges Leben im Jenseits näherte, davon wird später die Rede sein.

Die drei verschiedenen Klassen der Luftelfen, die schon unter sich vielfach in einander verschwimmen, gehen nun noch außerdem in die mehr irdischen Elfengeschlechter über, weil die Wettererscheinungen unmittelbar auf die Erde hinüber wirken, auf die Berge, Wasser, Wälder und Felder. Sie kommen nun den Menschen noch näher, sie belauschen sie noch häufiger und werden von ihnen belauscht, mit noch mehr Vertrauen und noch mehr Furcht treten sie einander gegenüber.

Die Berg- oder Erdelfen heißen im Norden gewöhnlich kurzweg Alfar auf Island und den Färöern aber auch folk d. i. verborgenes Volk, in Norwegen in Schweden Jordfolk, Erdvolk, in Dänemark , seltner Dverg. In Deutschland heißen sie Zwerge, Quer ge, Querxe, Unterirdische, Wichtel- oder Erdmännlein, Fenesleute u. s. w., in England dvarfs. Die reichsten Sagen haben die Alpenländer, die mitteldeutschen Bergbaubezirke, Norddeutschland, England, Dänemark und Island. Die ältesten knüpfen sich an Steine und Löcher von eigentümlicher Form oder Eigenschaft; die jüngeren an Bergbaustriche. Die durchweg neueren Kohlengruben haben kaum neue Zwergsagen hervorgebracht. Die Zwerge wohnen unter oder in Steinen, Höhlen und Erdlöchem, unter Baumwurzeln und in Gräbern. Der von Thor ausgefragte und überlistete Zwerg Alvis haust nach einem Eddalied in der Erdtiefe unter einem Stein, der Zwerg Andvari hat den Nibelungenhort in seinem Stein. Die Bergelfen sind meist klein, von gedrungenem Körper, oft mißgestalt, bucklig und dickköpfig, daher in Brandenburg „Dickköppe“ genannt, ältlich, nützlich, graubärtig, blaß, fahl um die Nase wie jener Alvis, und dazu oft noch enten- oder geißftißig. Doch ihre Weiber sind überwiegend lieblich. Namentlich auf Island haben auch die Bergalfar Menschengröße, und man findet Schöne und Häßliche, Junge und Alte darunter. Die Zwerge tragen vorzugsweise gern unsichtbar machende Tarn- oder Nebelkappen oder breitrandige Hüte. Gelingt’s, diese ihnen beim Hochzeitsmahl oder beim Erbsenstehlen mit einem Sack oder Seil abzustreifen, so sind sie plötzlich sichtbar und suchen das Weite. Sie sind mit grauem, oft langem Kittel angetan. Die Kraft Laurins wie die der färörschen Zwerge steckt in ihrem Gürtel. Einige schwingen Peitschen und reiten auf Böcken. Im Echo hört man der Zwerge Sprache, das dverga mäl. Sie verschwinden wie der „Schwick“. Sie gelten für geschickt, listig, diebisch, wie denn Alfrik in der Thidrekssage der große Stehler heißt, und für trügerisch, aber sie sind auch ebenso hilfreich den Menschen, wie ihrer Hilfe bedürftig, ebenso dankbar für Wohltaten, wie rachsüchtig nach einer Beleidigung. Durch die bekannten Elfenkünste des Backens, Brauens, Butterns und Spinnens tun sich auch die Bergelfen namentlich in der zwar jünger überlieferten, keineswegs aber deshalb späteren Volkssage hervor, jedoch auch durch die höhere Schmiedekunst, die neben ihrem Gold- und Silberreichtum sie besonders auszeichnet. Der Nibelungenhort gehört den Zwergkönigen Nibelung und Der schatzmehrende Gold ring Andvaranaut ist im deutschen Schatz durch die Wünschelrute vertreten. Die Zwerge der Volkssage belohnen Dienste der Hebammen und anderer Leute mit Gold und Kostbarkeiten. Auch Verirrter erbarmen sie sich hie und da und stecken ihnen zum Trost Gold und Silber ein, wie z. B. der Zwerg Hübich dem Försterssohn, der sich auf einen Stein bei Grund im Harze verstiegen hat. In Märchen, doch wohl fremder Herkunft, hüten Zwerge noch Kostbareres, das Wasser des Lebens, die nordischen Zwerge Fjalar und Galar in einer geschmacklos verkünstelten, nur halbechten Skaldengeschichte den Met der Dichtung. Sie erschlugen nämlich den allweisen Menschen Kvasir, der aus dem Speichel entstanden war, den die Götter und die Wanen zur Bekräftigung des zwischen ihnen geschlossenen Friedens in ein gemeinsames Gefäß gespieen hatten. Kvasirs Blut fingen seine Mörder im Kessel Odrörir d. i. Geisterreger oder Verjüngungstrank und in den Gefäßen Sön und Bodn, Brau- und Einladungsgefäß, auf und mischten ihm Honig bei. Wer von diesem Trank genießt, wird Dichter oder Gelehrter. Den Göttern logen die Zwerge vor, der arme Kvasir sei in seiner allzu großen Weisheit erstickt.

Echteren Gehalt haben die Schmiedesagen. Die Bergelfen sind nun nicht mehr die vornehmen himmlischen Schmiede im Dienst der Götter wie die Luftelfen (S. 157), sondern sie schmieden in der älteren Literatur für Helden Sclvwerter und für deren Frauen kostbaren Schmuck, in der jüngeren Volksüberlieferung für die gewöhnlichen Menschenkinder namentlich scharfe Messer, Kessel und allerlei Hausrat. Jene Heldenschwerter beißen Eisen und Stein, sind aber auch wohl, wie Tyrfings Schwert, mit dem Fluch belegt, drei Neidingswerke oder Verbrechen auszuüben. „Fein wie ein Wichtelgeschmeide“ sagte man in Schweden, und in Norwegen heißt der glänzende Berg-krystall „Dvergsmie“ Zwerggeschmeide. Die Schmiedesagen des Volks haben einen hochaltertümlichen Zug treu bewahrt, über den die ältere germanische Literatur schweigt. In Berkshire war es Brauch, dem Wayland smith, in dem wir den schmiedekundigen Elfenfürsten Wieland (S. 161) wiederfinden, vor seine schon im 10. Jahrhundert bezeugte „Welandes smidde“, ein altes Steindenkmal, ein etwa abgelöstes Hufeisen und ein Stück Geld zu legen und sich auf kurze Zeit zu entfernen. Kam man zurück, so war das Geld weg und das Pferd neu beschlagen. Ein schwedischer „Bergschmied“ erbot sich gleichfalls, alles zu schmieden, wenn man nur Eisen und Stahl auf seine Bergklippe legen wollte. In Westfalen, wo es so viele Höhlen und alte nach Eisen durchwühlte Bergwerke gibt z. B. um Iserlohn und Osnabrück, auch am Harz und in den Ardennen legte man den Zwergen, Sgönaunken und wilden Gesellen gleichfalls Eisen und Lohn oder einen zur Zahlung verpflichtenden Bestellzettel vor die Höhle, auf dem am andern Tag der Preis für das daneben gelegte Gerät stand. Wer aber nicht zahlte, oder gar den Platz vor der Höhle übermütig und undankbar beschmutzte, der wurde von einem glühenden Rade verfolgt. Am Harz und in Jülich borgten die Leute Geschirr für ihre Hausfeste oder Kirmessen von den Quergen und Heinzelmännchen und setzten ihnen dafür nachher Kuchen und andre Hochzeitsspeisen oder Kirmess-wecken hin. Bei Verviers legte man auch Hanf und Wolle den Zwergen in die Höhle und fand es am andern Morgen gesponnen. Einen ähnlichen geheimnisvollen Tauschhandel der Bevölkerung mit ihrem zauberkundigen Schmiede kannte schon Pytheas im 4. Jahrhundert v. Chr. auf der vulkanischen Insel Lipara: wenn man dort ein Stück rohes Eisen vor die Hephaistische Kyklopenwerkstatt lege, so könne man gegen Bezahlung am andern Morgen ein fertiges Schwert, oder was man sonst wünsche, abholen. Und noch heute erwerben sich die wilden Weddahs auf Ceylon ihre kleinen eisernen Äxte und Pfeilklingen vom benachbarten singhalesischen Dorfschmied dadurch, dass sie ihm nachts etwas Dörrfleisch und Honig nebst dem aus Ton oder einem Blatt gefertigten Modell jener Waffen vor die Türe legen. Ist die Arbeit fertig, so hängt der Schmied sie an die Türe, von wo sie der Weddah bei Nacht abholt Ist dieser damit zufrieden, so fügt er dem Lohne noch ein Geschenk hinzu.

Als man nun anfing, ins Innere der Erde einzudringen, um ihre Metalle auszubeuten, wurde aus dem Schmiedezwerg ein Bergmann, Bergmönch, Berggeist, der plötzlich aus gold- und silbergefülltem Gestein hervortrat, bei der Arbeit half, reiche Adern zeigte und sich auch außerhalb des Bergwerks der armen, schwachen, verirrten Arbeiter annahm. Vor dem Gehämmer und Gepoche ziehen sich diese Zwerge aber zurück und können im Schacht namentlich Pfeifen nicht leiden. Auf einer der Färöern flohen die Zwerge, weil zwei Burschen einmal fluchten und sich rauften, und spalteten den großen Zwergenstein auf Skuvoy. Glockengeläut hat sie aus manchen Bergen vertrieben, aus dem Halberstädtischen aber der alte Fritz bei seinem Regierungsantritt verwiesen und zwar ins Schwarze Meer.

Auch abgesehen von den Schmiede- und Bergmannsgeschichten sind die germanischen Berge und Höhlen reich an den mannigfaltigsten Bergelfensagen, von denen wir drei charakteristische Gruppen herausheben, eine vom Südfuße des Schwarzwalds, eine mehr mittel- und norddeutsche und eine isländische. Dort tut sich die Tropfsteinhöhle bei Hasel mit ihren unterirdischen Gewässern und blitzenden Krystallen auf, alte Schachte weisen auf früheren Bergbau, und aus den Löchern des nahen Dinkelbergs steigen oft auffällig starke Erddünste auf. Idyllische, humorvolle Gemütlichkeit atmet die dortige Sage, wie die später dort entstandene Hebelsche Poesie. Die mittel- und norddeutsche Zwergsage hat oft einen ernsteren und bedeutenderen Inhalt. In Island sehen namentlich die Bewohner der einsamen Bauerhöfe in der ewigen Nacht der Julzeit die Alfar aus den umnebelten Klippen und Blöcken leibhaftig herauskommen, die daher Alfaheime, Alfaburgen und Zwergberge heißen. Fels und Hof, Alf und Mensch treten in einen scheuinnigen Verkehr und beeinflussen gegenseitig ihr Schicksal. Das Dämonische und wieder das Realistische ist wie in Ibsens Dramen weit stärker herausgearbeitet als in Deutschland; und dieser Kontrast erzeugt dann gelegentlich eine tiefe Leidenschaftlichkeit. Die von den mittelalterlichen Sagaschreibern vererbte Vortragskunst hat einzelnen dieser Geschichten eine große Gewalt des Ausdrucks verliehen. Gewiß sind manche modernere Motive in diese neuere Alfarsaga eingedrungen, aber z. B. der darin beliebte Kirchenbesuch zur Julzeit, von dem wir noch hören werden, ist nur die neuere Form des altüblichen Verwandt-und Freundschaftsbesuchs zu dieser altheiligen Festzeit und steht mitten in der heidnischen Bergelfensage, wie der berühmte Kirchenbesuch der Kriemhild und der Brunhild mitten in der heidnischen Nibelungensage.

Unsre erste Schwarzwaldsage knüpft noch einmal an die Bergmannssagen an. Zwei Erdmännle führten einst einen Bauer in jene Haseler Höhle, worin er viele tausend kleine Leute mit der Gewinnung von Gold und Silber beschäftigt sah. Nicht nur bei seinem Abschied von der Höhle, sondern für jede Abendsuppe, die er ihnen seitdem daheim hinsetzte, schenkten sie ihm ein Goldstängelein, und so wurde er ein reicher Mann. Da trieb ihn die Neugier, zu erfahren, was-sie denn für Füße unter ihren langen Kleidern hätten. Er streute ihnen unbemerkt gesiebte Asche in den Hausgang und siehe da ihre Fußstapfen glichen denen von Gänsen. Als aber die Erdmännle das merkten, verließen sie die Gegend, und der Bauer erkrankte alsbald und starb. Nach mündlicher Mitteilung aus Öflingen streute ein vorwitziges Haseler Bübchen die Asche. Diese in Deutschland weit verbreitete Sage beansprucht ein höheres Alter: schon im Mittelalter hören wir von einem Zwergkönig Goldemer, später Volmar genannt, der wie ein Schatten, jedoch mit maus- oder froschweichen Händen versehen, auf dem Schlosse Hardenstein an der Ruhr in Freundschaft mit dessen Herrn Neveling lebte und in dessen schöne Schwester verliebt war. Er würfelte und zechte mit dem Ritter und schlief sogar mit ihm in einem Bette. Er entzückte durch sein liebliches Saitenspiel, beantwortete schwierige Fragen, warnte rechtzeitig seinen Freund vor feindlichen Anschlägen und hielt den Mönchen der Umgegend ihr sündhaftes Leben vor. Als ihm aber einmal ein vorwitziger Küchenjunge Asche streute, drehte er ihm das Genick um, briet ihn an einem Bratspieß und belegte das Geschlecht der Hardenberge mit einem Fluch. Er ist offenbar der noch früher bezeugte Zwergkönig Goldemar, der nach einem epischen Bruchstück in einem. Gebirge Trütmunt — es ist doch wohl das Ruhrgebirge bei Dortmund gemeint — eine Königstochter entführte und gefangen hielt, bis Dietrich von Bern sie befreite.

Wo aus dem Dinkelsberg bei Schopfheim oder der Fullhalde bei Waldshut Erddünste aufsteigen, da brachten die Erdweiblein oder die Herrmännlein den Ackersleuten von ihren frisch gebackenen Kuchen und legten ihren Kindern Spielzeug auf die Bettdecke, damit sie nicht in Abwesenheit der Mütter schrieen. Sie spannen in den Lichtstuben fleißig mit, verließen sie aber stets um 10 Uhr, damit ihr Herr sie nicht auszanke. Die Männlein halfen in der nahen Hammerschmiede bei Hausen, schlissen den Hanf, fütterten das Vieh, schnitten die Frucht und banden Garben mit den Menschen. Bei diesen gemeinsamen Arbeiten aber kam es doch auch zu Mißhelligkeit, So sprang einmal beim Garbenbinden einem Erdmännle ein Knebel so heftig an den Kopf, daß es kläglich aufschrie. Da liefen alle Erdleute herbei, doch als sie erfuhren, was geschehen, gingen sie mit den Worten: „Selber than, selber han!“ wieder beruhigt auseinander. Den vollen Sinn legt aber erst die Vorarlberger Sage bloß: einem geschwätzigen Wildweibe stellt sich ein listiger Bauer unter dem Namen „Selb“ vor und klemmt sie dann, ärgerlich über ihre Zudringlichkeit, in eine Holzspalte. Auf ihren Angstruf eilt das wilde Feng-männlein heran und fragt sie, wer ihr das getan habe. „O! Selb than!“ erwidert sie. Da lacht das Männlein auf: „Selb than, selb han!“ Dasselbe mythische Anekdötchen spielt sich an der Ostsee zwischen einer Nixe und einem durch sie gereizten Schiffer ab. Odysseus überlistet den Polyphem mit einem ähnlichen uralten Kniff, wenn er sich ihm als Niemand angibt.

Und so lassen sich auch noch die anderen harmlosen Sagen des alemannischen Schwarzwaldwinkels in höheres Altertum zurückverfolgen. Die dortigen Zwerge nehmen Kuchen und Obst für ihren Dienst gern an, aber in Brot gebackenen Kümmel fliehen sie gleich den andern deutschen Zwergen, und Unrat, Fluchen, Grobheit der Menschen ist ihnen verhaßt. Auch hier kehrt das Motiv wieder, daß ein neuer Anzug, den z. B. ein Müller einem schlecht gekleideten Erdmännchen zum Dank für seine Arbeit auf den Mühlstein legt, dieses für immer aus der Mühle vertreibt. Ein westfälisches Schanholleken, das einem Schuster fleißig geholfen hatte und von ihm mit einem neuen Anzug belohnt worden war, rief lustig: „Ich bin ein Bürschchen hübsch und fein, ich brauche nicht mehr Schuster zu sein!“ So rufen die beschenkten Pixies in Devonshire: „Now the Pixies’ work is done, we take our clothes and off we run?“ Ein Wichtelmännchen von der Werra bekannte schon im fahre 1336 einer Nonne, daß es gern Eier, Butter und Kuchen annähme, aber Störung und Neckerei nicht vertrüge. Doch kleine Bogen und Kinderschuhe waren den Zwergen zum Spielzeug recht, denn Burkhard von Worms tadelte ums Jahr 1000 den Brauch, den Satyri und Pilosi derlei in den Keller oder die Scheune zu legen, damit sie andrer Leute Sachen darin zusammentrügen.

Aber noch eine andre alte Erdmännchengeschichte lebt hier am Schwarzwald fort: ein Mann hielt einen offenen Sack vor eine Höhle bei Hasel, um einen Dachs zu fangen.

Wirklich sprang auch etwas hinein, und er zog mit seiner Beute ab. Plötzlich rief in seiner Nähe ein Erdmännlein: „Krachöhrle! wo bist du?“ „Auf dem Buckel, im Sack!“ antwortete es aus dem Sack. Nim wußte der Mann, daß er ein Erdmännlein gefangen hatte, das er dann auch ungesäumt in Freiheit setzte. Nach einer andern Überlieferung ist aber das Gefangene wirklich ein Tier. So fing bei Muri in der Schweiz ein Bursche ein Ferkelchen, das hinter dem wie eine laut wühlende Schweineherde den Berg heraufziehenden wilden Heer dreinlief, in einen Sack. Wie er es aber heimtragen wollte, vernahm er eine Stimme aus dem Windsgebrause herab: „Hagöhrle (Krummöhrlein), wo bischt au?“ und sogleich antwortete es im Sack: „Ins Heiniguggeli’s Sack inne!“ Vor Schreck ließ der Heiniguggeli den Sack fallen und sprang davon. Die Zugehörigkeit des gefangenen Tiers zum wilden Heer bestätigt weiter die havelländische Sage, nach der einmal die wilde Jagd über Ernst Koppe kam, der einen Dachs in einem Sack gefunden hatte. Einer von der wilden Jagd fragte: „Sind wir alle zusammen?“ „Ja“, sagte ein anderer, „bis auf die einäugige Sau, die Emst Koppe in seinem Sack gefangen hat“. Und als dieser zu Hause nachsah, fand er richtig eine alte einäugige Sau und keinen Dachs darin. Die Dachse galten in den Kamemschen Bergen des Havellandes für die unterirdischen Schweine der Frau Harke, einer Zwergkönigin, die mit ihren Tieren oft bei den Jägern vorbeihuschte „wie eine wilde Jagd“. — Und nun verstehen wir die dunkle Sage. Bei stillem Wetter leben diese Windtiere ruhig in gewissen Höhlen, die ja auch „Windlöcher“ heißen, wie bei Windstille die griechischen Winde in der Höhle des Aeolos, und Odysseus hielt diese in einen Lederschlauch gebannt, bis seine neugierigen Gefährten ihn zu ihrem Unglück öffneten. Der Nordmann Ogautan hat einen „Wetterbalg“, aus dem, wenn man ihn schüttelt, so starker Sturm und so heftige Kälte hervorbricht, daß in drei Nächten das Wasser vom dicksten Eis bedeckt ist. „Unsen Herrgott is de Windbüdel reten: nu makt he den Sack apen“ oder „de Jungens hebben den Sack apen makt“ sagt man noch bei Wind in Mecklenburg. Wie man den Wind aus dem Sack loslassen kann, kann man ihn auch im Sack fangen, das einäugige Tier der wilden Jagd d. h. den Wirbelwind. Und noch gibt man den Kindern bei Waldshut auf: „Wenn der Luft recht goht, dno (dann) nimmt man en Sack und hebt en uf gegen de Luft, no fahret Dilldappe drin“. Der Dilldapp heißt aber sonst in Süddeutschland Hilpetritsch, Elpentrötsch, Olpetriitsch, er ist ein elfischer Windgeist.

Dem Schwarzwälder Zwergsagenkreis werden auch folgende gemeingermanische Züge nicht gefehlt haben. Überall in Süddeutschland wie im höchsten Norden rauben die Zwerge Kinder und legen ihren Wechselbalg, Kielkropf, Umskiptungr in die Wiege. Da muß die beraubte Mutter angesichts des verhaßten Balges Bier in Eierschalen kochen oder in einen ganz kleinen Topf einen aus vielen Stöcken hergestellten ellenlangen Rührlöffel stecken. Denn bei diesem Anblick läßt sich der alte häßliche Balg zu einem plötzlichen Aufschrei des Erstaunens hinreißen, er ruft:

„Nim bin ich so alt wie der Bremer Wald“, oder „Nun bin ich so alt und hab’ einen langen Bart und bin Vater von 18 Kindern in Alfheim und doch habe ich nie einen so großen Flegel in einer so kleinen Grütze gesehen“.

Nun hat die Mutter guten Grund, ihn unbarmherzig mit der Rute so lange zu schlagen, bis auf sein Geschrei die Zwergin das gestohlene Kind wieder bringt und mit ihrem Balge abzieht.

Süd- wie nordgermanisch ist die Sage von der elfischen Kindbetterin, die der Menschenhilfe bedarf. Plötzlich steht ein Zwerg vor einer Frau und bittet sie flehentlich, seinem Weibe Hebamme zu sein. Er führt sie in ein hübsches Höhlengemach hinein, wo ein kleines Weiblein in schweren Wehen liegt. Die Frau braucht nur die Hand ihr auf den Leib zu legen, und das Kind wird glücklich geboren. Dann wird sie entlassen, reich beschenkt, oft mit einem in der Familie sorgsam gehüteten Schmuck. So schützt ein der Frau von Alvensleben von einer solchen Zwergin geschenkter Goldring das Gedeihen ihres Geschlechts. Geht er verloren, so muß es erlöschen. In der altnordischen Göngu-Hrolfsaga Kap. 15 trat eine Alfkona aus einem Hügel, um dem Hrolf die Jagd auf einen zum Hügel geflüchteten Hirsch zu verweisen. Sie bat ihn dann zu ihrer Tochter, die im Kindbett lag. Hrolf fuhr mit der Hand um diese, sie kam sofort nieder, und die Mutter schenkte ihm einen Ring, der ihn vor aller Irrfahrt Nacht und Tag, zu Wasser und zu Land bewahrte. — Die Hebamme von Harzgerode, die ein Nix zur Entbindung einer Nixe rief, bekam von dieser ein Handtuch. Wie sie sich einst damit das eine Auge getrocknet hatte, erkannte sie auf dem Markte die Nixe. Sobald aber diese das merkte, spie sie in ihre Schürze und strich sie über das Auge der Hebamme, die sie fortan nicht mehr sah. Die eigentümlichsten Züge der Alvenslebenschen und der Harzgeroder Sage vereinigt die isländische: Sowie die von einem Elf zu seiner Kindbetterin geführte Frau dieser mit ihrer Hand um den Leib fährt, ist die Qual gehoben und das Kind da. Sie bestreicht aber dann auf Anordnung des Mannes die Augen des Kindes mit einer Elfensalbe oder einem Elfenstein. Sowie sie damit ihr eigenes Auge berührt, sieht sie plötzlich eine Menge Volks in der Stube und kann auch später auf Erden mitten aus dem Marktgetümmel jeden Elf herauserkennen. Doch wenn einer das merkt, benimmt er ihren Augen sofort mit seinem Hauch oder seinem Speichel ihre eigentümliche Sehkraft. Endlich ist die Geschichte von einem kostbaren Elfenschmuck in Island nicht an eine erfahrene Frau, sondern an ein Kind geknüpft. Eine fromme Elfin hat ein einsam spielendes Kind mit sich in den Stein genommen, aber bei seinem 13. Lebensjahre wieder ihren Eltern zurückgeschickt. Beim Abschied gab sie dem Mädchen unter anderem mehrere Edelsteine mit dem Rat, diese immer im Haar zu tragen. Und das tat sie auch noch nach ihrer Heirat. Aber als sie einst, von der Kirche heimgekehrt, ihr Kopftuch ab legte, fielen die Edelsteine ihr aus dem Haar auf den Boden. Alsbald erkrankte sie und starb. So gab einmal ein Zwerg bei Rinteln einem Mädchen einen Wocken voll Flachs und meinte, daran würde sie ihr Leben genug haben, aber sie solle ihn nie ganz abspinnen. Das hat sie auch getan, hat gesponnen jahrein jahraus, und immer war der Wocken voll, und sie bekam so viel Garn, daß sie immer ein Stück vom schönsten Linnen zum andern legte. Endlich wollte sie doch einmal wissen, was wohl unter dem Flachse säße, und spann und spann und hatte zuletzt das Ende des Fadens zwischen den Fingern. Aber darunter saß nichts, und soviel sie den Wocken auch rund drehte, der ewige Flachs war und blieb fort.

So vertraut fühlten sich die Menschen und Zwerge miteinander, daß diese jene zu Gevatter luden und von ihnen zu ihren Hochzeiten gern Schüsseln und Bratspieß borgten, wie umgekehrt die Menschen zu ihren Festen von den Zwergen. Diese finden sich auch ungeladen ein, so daß das Hochzeitsessen, kaum aufgetragen, schon wieder fort ist. Braut und Bräutigam schauen sich darob verwundert an und stecken die Köpfe zusammen, aber setzen vor, was sie haben. Wie es aber nun zum Schenken, zur Gifte, geht, nehmen die Zwerge ihre Hüte ab und werden sofort sichtbar. Da zeigte sichs denn wohl, warum die Speisen immer gleich verschwunden waren, denn die ganze Stube war von kleinen Mitessern voll. Aber hatten sie helfen essen, so halfen sie nun auch giften; jeder legte ein Goldstück in den Korb. Zuweilen werden sie aber auch bei der Hochzeit überrascht, indem mitten im Schmause die Hüte mit einem Seil abgestreift wurden; dann fliehen sie ärgerlich davon. Oft dünkten ihnen aber ihre eigenen Räume für ihre Feste zu klein und dürftig; dann feierten sie diese mit Musik und Tanz im nächsten hübschen Grafenschloß, z. B. auf der Eilenburg in Sachsen. In Goethes feinem Hochzeitslied hört und schaut der Graf ihrem festlichen Treiben freundlich träumend zu.

Auf Island waren die Elfen zu solchen Festen in ihren eigenen wie in fremden Wohnungen besonders zur Julzeit aufgelegt, in der ja auch die Nordleute sich der ausgiebigsten Festfreude hingaben. In den heiligen zwölf Julnächten hatten die Alfar ihre Fahrtage und zogen von Stein zu Stein zu andern. Elfen oder auch in die Häuser der Menschen zum Gelage. So fuhren schon die indischen Ribhus, ihre Stammverwandten, zwölf Tage im Jahr umher, um Gastfreundschaft zu genießen, suchten ihre Verwandten auf, fluchten oder grüßten, je nach dem Empfang, der ihnen ward, und befruchteten die Erde. Offenbar wurden die Elfen auf Island auch deswegen, um ihre Gunst zu gewinnen, besonders feierlich und vorsichtig empfangen. Die Hausfrau ließ noch bis ins 19. Jahrhundert hinein in jeder Ecke des Hauses Licht brennen, so daß es weit hinausleuchtete in die öde Wintemacht und nirgendwo drinnen Schatten war. Alles war sorgsamst gefegt, alle Türen standen offen. Sie aber umschritt das ganze Haus und sprach:

„Komme, wer nur kommen mag, fahre, wer nur fahren mag, mir und den Meinen ohne Schaden!“

Auch aus Deutschland erfahren wir, daß man am Weihnachtsabend in den Brunnen hinein mit Lichtem leuchtete, also den Quellelfen, wie dort den umziehenden Bergelfen. Wir verstehen nun auch die an Steinen und Quellenrand aufgestellten Lichter in den alten Konzilsbeschlüssen, auch sie waren zu Ehren der Elfen entzündet. Noch im Jahr 1819 sah ein Hirte am Morgen nach dem 13. Jultag viele Männer, Weiber und Kinder mit bepackten Pferden und Wagen durch ein Tal in einen Stein fahren. Geläute und Gesang tönte heraus, aber kein Wort konnte er unterscheiden und, wie er sich näherte, war der Stein verschlossen. Als er nun ängstlich davon eilte, bezwang ihn der Schlaf, ein langer Schlaf, bis ihm der kalte Morgentau am Kinn herabrann. Da erwachte er und trieb sein Vieh heim und war lange Zeit verstört. Noch bedenklicher ist es, wenn jemand sich in der Julnacht auf einen Kreuzweg setzt. Denn da kommen die Elfen von allen Enden und bitten ihn, mitzukommen; er darf nichts darauf antworten. Nim tragen sie Schmucksachen und Kleider, Speis und Trank herbei; er darf nichts davon nehmen. Endlich schmeicheln ihm freundliche Elfinnen in Mutter- oder Schwestergestalt, doch mit ihnen zu gehen, auf jegliche Weise; er muß ihnen Stand halten. Sobald aber der Tag anbricht, muß er aufstehen und sagen:

„Gott sei Lob, nun ist der Tag in der ganzen Luft!“

Da verschwinden die Elfen plötzlich, und ihre Schätze, die sie in Stich lassen, erhält der standhafte Mensch. Antwortet er ihnen aber oder geht auf ihr Angebot ein, so wird er verzaubert und seines Verstandes beraubt und verkehrt nie wieder mit andern Menschen. Auch dies ist deutsch. Läßt man sich in Schwaben während der Christnacht auf einem Kreuzweg von den herzudrängenden Gespenstern nicht zum Reden oder Lachen verlocken, so wird man vom Teufel nicht zerrissen, sondern vielmehr mit Famsamen beschenkt, der 20 bis 30 Männerkraft verleiht.

Eine isländische Elfin, die in einem Bauernhof als tüchtige Magd dient, legt in jeder Julnacht dem schlafenden Knecht, der während des Gottesdienstes allein mit ihr zu Hause geblieben war, ein Zauberrittgebiß an und reitet ihn auf dem Weg zu und von dem Elfenfeste zu Tode, bis es einem Knecht gelingt, lebend einen Ring aus dem Elfenreiche mit heimzubringen. Wie er nun daheim seine Erlebnisse im festlichen Elfenstein erzählt und alle schweigen, die Magd ihn aber laut der Unwahrheit zeiht, da zeigt er ihr den Ring mit den Werten „Königin Hilda, ist das dein Ring?“ Sie ruft: „Nun bin ich erlöst, weil endlich ein Mensch es wagte, mir nach in Alfheim einzudringen. Nun verlangt mich zu den Meinen!“ Nach schöner Danksage für alles Gute verschwand sie, der Knecht aber wurde der beste Bauer im ganzen Lande.

Einen anderen Verlauf nimmt der Elfenspuk auf einem andern Bauerhof, auf dem ebenfalls an jedem Weihnachtsmorgen ein Knecht tot im Bette gefunden wird, getötet von den Elfen, die ins Haus dringen, um hier während des Kirchgangs der Familie ihr Julfest zu feiern. Trotzdem entschließt sich ein neuer Knecht, allein am Julabend zurückzubleiben. Er zündet Licht an und versteckt sich dann hinter zwei losen Wanddielen der Wohnstube so, daß er durch die Ritze sehen kann. Da treten zwei unfreundliche Fremdlinge ein und spähen überall umher. Der eine sagt: „Menschenluft, Menschenluft“, der andre: „Nein, hier ist kein Mensch“. Mit dem Licht leuchten sie in alle Winkel, finden nur den Hund unter dem Bett, drehen ihm den Hals um und werfen ihn hinaus. Nun füllt sich die Stube mit Volk, der Tisch wird gedeckt mit Silbergerät, Speis und Trank; und auf das laute Mahl folgt ein fröhlicher Tanz, nachdem die Stube von Tisch und Gerät und Kleidern geräumt ist. Zwei halten draußen Wache, ob auch jemand käme oder der Tag anbräche. Nachdem sie dreimal drinneu günstige Meldung gemacht haben, ergreift gegen Morgen der Knecht die beiden losen Dielen, springt mitten in die Stube, schlägt die Dielen aneinander und schreit aus Leibeskräften: „Tag! Tag!“ Nun drängt die ganze Gesellschaft ins Freie, eins über das andre, stürzt sich draußen durch das Gerät, einer tritt den andern unter die Füße, manche bleiben schwerverwundet liegen. Und hinter ihnen drein der Knecht, der fortwährend die Bretter zusammenschlägt und „Tag! Tag!“ schreit, bis sich alles in ein benachbartes Wasser wirft. Heimgekehrt trägt der Knecht die Toten hinaus und erschlägt die Verwundeten und verbrennt dann ihre Leichen. In die Sachen, die die Alfen in Stich gelassen, teilen sich der Knecht und sein Herr, und der Knecht wird ein angesehener Mann. Aber eine Julnacht hat er nie wieder in dem Hofe zugebracht. In Norwegen und in Schleswig-Holstein geht eine ähnliche Sage von einem Knappen, der allein in einer gespenstischen Mühle nächtigt. Aber viel genauer stimmt die Harzer Sage von einem alten Soldaten, der einem nächtlichen Fest des Zwergkönigs Hübich und seiner Leutchen in der Mühle beiwohnt. Als sie plötzlich Tabak riechen, schlägt der Soldat sie mit einem Stock in die Flucht und streicht all ihr kostbares Geschirr ein.

Die schönsten Sagen sind auch hier aus der Liebe entsprungen, aus der der Elfin zum Manne, oder des Weibes zum Elfen. Die folgende englische Sage läßt dies Motiv noch gar nicht ahnen. Am S. Cuthberts-Brunnen bei Edenhall belustigen sich Elfen, denen ein Kellermeister vom Brunnenrande weg ein kostbares Glas raubt, „the luck of Edenhall“. Sie rufen ihm nach „if that glass either break or fall, farewell the luck of Edenhall.“

Angedeutet wird die Liebe der Elfin in folgender olden-burgischen Sage: Einmal hielt Graf Otto von Oldenburg jagdmüde auf seinem Schimmel am Osenberg und rief: „Ach Gott, wer nur einen kühlen Trunk hätte!“ Da tat sich der Berg auf, und heraus trat eine Jungfrau in schönen Kleidern, die Haare über die Achseln geteilt und oben mit einem Kranze bedeckt. Sie bot dem Grafen ein silbernes, reich verziertes Trinkhom. Er hob den Deckel auf, aber der Trank mißfiel ihm. Da sprach die Jungfrau: „Trinket Ihr aus diesem Horn, so wird es Euch und Eurem Geschlecht und Lande wohlgehn; wo nicht, so wird es in Zwietracht zerfallen.“ Er aber schwang das Horn hinter sich und goß es aus, wobei einige Tropfen auf des Schimmels Rücken fielen, dessen Haare sie sogleich verbrannten. Als nun die Jungfrau ihr Horn zurückbegehrte, sprengte der Graf mit diesem davon; sie aber eilte ihm nach, bis sie tot zusammenbrach, und in der folgenden Nacht hörte man ringsum den Ruf „ Fehmömeis dood“ Der Graf aber brachte das Horn nach Oldenburg, von wo es später nach Kopenhagen kam. — Deutlicher erzählt die schlichte Fär-öemsage: Geht ein Bursch in die Öde durstig und müde, so kommt ein Huldremädchen aus dem Elfenhügel und bietet ihm einen Trunk Bier oder Milch. Bläst er den Schaum nicht ab, so trinkt er sich Vergessenheit, und sie nimmt ihn mit sich in den Berg. Aber offenbar ist der Trank, nicht die Liebe das alte Leitmotiv der Sage. Die entsprechende Blekinger Sage, nach der ein Knecht in der Walpurgisnacht Hexen, die seinem Herrn die Felder verwüstet hätten, bei ihrem Gelage überrascht und ihnen ein goldenes Horn raubt, aus dem er zu trinken verschmäht, eröffnet einen großartigeren Naturhintergrund. Als sein Herr, dem er davonsprengend das Maitagshorn gebracht hat, die Rückgabe des Horns den Hexen verweigert, brennen sie ihm die drei nächsten Ernten ab und werfen ihn in völlige Armut. Diese Bergelfinnen, Huldremädchen, Hexen sind also wohl ursprünglich Wolkenelfinnen, wie die befruchtenden Regnerinnen, die Pleiaden, in Griechenland aus himmlischen Nymphen zu Gebirgsnymphen geworden. Und wie die nahverwandten Hyaden, die Regnerinnen, aus Krügen Wasser gießen und ein fruchtbares Jahr bringen, so tritt die germanische Wolkenelfin im ersten Frühlingsgewitter im Mai mit einem Trinkhorn hervor, aus dem sie Segen, aber auch Brand auf Tier und Flur schütten kann.

Freundlicher ist die andere deutsche Liebesgeschichte einer Elfin und eines Mannes. Dicht unter dem Gipfel des Paschenbergs über der Schaumburg an der Oberweser liegt das Mömkenloch, worin eine Zwergin mit langem schönen Haar wohnte, das bis an die Sohlen reichte. In sie verliebte sich ein Graf oder Bauer und besuchte sie immer heimlich. Aber sein Weib spähte ihm nach und ging tief in das Loch hinein, bis sie endlich in eine Kammer kam, wo sie ihren Mann mit der Zwergin fand. Deren lange Haare hingen aus dem Bette bis auf die Erde hinab. Da rief die gute Bäuerin — ein rührend bescheidener Zug —: „O behüte Gott deine schönen Haare!“ und hob diese behutsam aufs Bett. Damit wich sie von den beiden, der Bauer aber erschrak so sehr darüber, daß er nie wieder mit der Zwergin zusammenkam. Diese auch westfälische und bairische Sage hat an der Oberweser ein ernstes Nachspiel. Ebenso wie am Osenberg, nachdem die Feh-möme vom Oldenburger Grafen verlassen, der Wehruf erscholl: „Fehmöme is dood!“, so rief hier ein Zwerg zur Schaumburg hinab: „De Möme is dood“, und bald darauf ist in der Nacht einer zum Fährmann in Großwieden an der Weser gekommen und hat ihm geheißen, die Fähre bereit zu halten, denn er solle Leute übersetzen. Viermal hat er übersetzen müssen, hat aber niemand gesehen, und dennoch ist die Fähre so tief gegangen, als wenn sie ganz voll wäre. Als er endlich zum vierten Mal mit schwerer Ladung übergefahren ist, hat der, welcher ihn gedungen hat, gesagt, er solle einmal (über seine rechte Schulter, heißt’s in mehreren Sagen) auf die Wiese sehen. Da hat er auf der Wiese Kopf an Kopf erblickt. Beim Abschied rief ihm der Kleine zu, seine Bezahlung liege in der Fähre. Er fand aber nichts als Pferdemist und stieß diesen ärgerlich mit dem Fuß ins Wasser. Etwas blieb ihm aber in seinem Schuh sitzen, und das waren am andern Tage lauter Dukaten. — Das ist die Sage von des kleinen Volkes Überfahrt oder Abzug, die weit über Deutschland bis nach Schottland und Irland verbreitet ist.

Ergreifender sind die isländischen Liebessagen. Hat ein Mann mit einer Elfin Umgang gehabt, so steht eines Sonntags plötzlich vor der Kirchtür eine Wiege, darin ein Kind, mit einem kostbaren Tuche bedeckt. Dabei wartet die Elfenmutter auf die Kirchgänger, und ihrer einen fragt sie laut vor allen Leuten: „Bekennst du dich zur Vaterschaft dieses Kindes!“ Da er sie verleugnet, schleudert sie die Wiegendecke, den „Elfenmantel“, zum ewigen Zeugnis seiner Lüge in die Kirche und verflucht sein Geschlecht bis ins zehnte Glied und verschwindet samt Wiege und Kind. — Die Perle aber aller dieser Geschichten ist die isländische Sage von der Liebe einer Bauerntochter zu einem Elf oder Huldumann. Wie sie am Herd ihrer einsamen Sennhütte steht, kommt ein junger freundlicher Bursch zu ihr und bittet um einen Krug Milch für seine kranke Mutter. Sie heißt ihn täglich wiederkommen, bis zu deren Genesung, und sie gewinnen sich lieb. Als sie nun bei ihrer Niederkunft in Ohnmacht fällt, träufelt er ihr aus seinem Munde Kraft ein und trägt das Kindlein zu seiner Mutter, die darauf die junge Bäurin pflegt, bis sie wieder auf den Füßen ist. In den Hof zurückgekehrt, verrät sie dem alten Bauer nichts, und dieser drängt sie bald darauf wider ihren Willen zur Ehe mit einem reichen Freier. Endlich gibt sie ihm nach mit den Worten „Das wird nun so, wie’s werden soll!“, und nur das eine bedingt sie sich aus, daß ihr Ehemann nie einen Wintergast, wie sie sich wohl im Herbst der Unterkunft halber in den Höfen zur Winterarbeit meldeten, ohne ihre Einwilligung aufnehmen solle. Das verspricht er. Drei Jahre leben sie glücklich dahin. Da stellt sich zur Herbstzeit ein Mann mit einem kleinen hübschen Buben ein und bittet den Bauer, sie beide über Winter bei sich zu behalten. Er ist geneigt dazu, doch, eingedenk seines Versprechens, fragt er erst seine Frau um ihre Einwilligung. Sie verweigert sie, doch dringt er so lange in sie, bis sie nachgibt und abermals spricht: „Das wird nun so, wie’s werden soll!“ Die Frau redet den ganzen Winter lang kein Wort mit dem Fremden. Da will der Bauer mit ihr am Palmsonntag zum Abendmahl gehen, und vor der Tür fragt er sie, ob sie alle Hausgenossen, der Sitte gemäß, zuvor um Verzeihung gebeten habe. „Nein!“ antwortete sie, „den Wintergast nicht; mit dem habe ich ja auch nichts zu tun gehabt!“ Darauf er: „Nicht eher fahren wir zur Kirche, als du das getan hast.“ „Das wirst du bereuen“ erwidert sie und zum dritten Male „Das wird nun so, wie’s werden soll!“ Und traurig geht sie zu dem Fremden ins Haus und kommt nicht wieder. Da geht auch ihr Mann ungeduldig hinein und hört sie in der offenen Kammer sagen: „Nun habe ich den süßesten Labetrunk von deinen Lippen geschlürft.“ Er stürzt hinein, und in inniger Umarmung liegen sie vor ihm, beide von Harm zersprungen, und das Büblein steht weinend dabei. Der Bauer läßt das Paar begraben, der Knabe verschwindet, niemand weiß, wohin.

Mit wie erschreckender Gewalt hat sich da oft die innere Phantasiewelt in volle Wirklichkeit umgesetzt: die Schicksale der Menschen und der Elfen greifen von alten Zeiten her wie die zweier nah verwandter und doch ewig fremder Geschlechter tief in einander. Selbst das Christentum vermochte nicht die gern betretenen Brücken zwischen beiden vollständig zu sprengen: hie und da birgt wohl noch eine isländische Kirche ein sagenhaftes Elfentuch, und der schwedische Elf sucht die Verbindung mit einem Menschen, gerade um mit ihm die ewige Seligkeit zu erlangen. So hat namentlich das Bergelfenvolk, nicht ganz in sich befriedigt, schon immer Anschluß an die Menschen gesucht, und gar manche von diesen hat es immer gereizt, in die Elfenwelt einzudringen. Aber fast ausnahmslos endet dieser oft so freundliche, innige Verkehr in Trauer. Während die Riesen zu tappig dazu sind und die Götter sich vornehmer davon zurückhalten, müssen die Zwerge gerade in diesem Verkehr allerlei Prüfungen durchmachen, und über ihr strebsames, genußreiches, heiteres Leben legt sich eine Wolke der Enttäuschung und der Entsagung.

In den germanischen Wäldern sind überall die Wald-und Baumelfen zu Hause; seltener aber im deutschen Marschenland, in Dänemark und England, und ausgestorben sind sie im waldlosen Island. Früher hieß der deutsche Waldmann Scrato, gotisch wohl , angelsächsisch Wuduaelf oder Wudewase, altnordisch Holzmann, die deutsche Waldfrau Holsmuoja, was auch Eule bedeutet, Holzruna,Waldminna. Jetzt nennt man sie Wildleute in den Alpen oder genauer und Waldfänken in Graubünden und Vorarlberg, Moos-, Holz- und Wetterfräulein und Buschweibchen in Süd- und Mitteldeutschland, in Schweden ist Hülfe oder Skougsmann der Holz- oder Waldmann, Skogsfru die Waldfrau oder die Waldschnauberin. Allgemeiner werden sie auch „weiße Weiber“ in Norddeutschland und Ellepigern und Ellefruen Elfenmädchen und -frauen in Dänemark genannt.

Eines der ältesten indogermanischen Lieder, das rigvedische Lied an die Waldesfrau, schlägt den Grundton derjenigen Empfindungen an, der in der Waldeinsamkeit noch heute im germanischen Volksgemüte widerklingt. Es ist nicht so sehr die Freude über die Schönheit der grünen, stolzen Pracht und die Andacht zu der dämmerigen Stille, es ist vielmehr das verlockende und zuweilen beängstigende geheimnisvolle Weben der Waldeinsamkeit, das das Innere erregt und die germanische Waldelfensage beherrscht. Jenes aus tiefer Naturempfindung entsprungene Lied lautet :

1. O Waldesfrau, O Waldesfrau,

die du im Busch verschwindest dort,

was fragst du nach dem Dorfe nicht?

Beschleichet dich denn keine Furcht?

2. Wenn auf des Uhus lauten Ruf

der Papagei die Antwort gibt

und wie mit Glöcklein läutet froh,

dann ist die Frau des Waldes stolz.

3. ’s ist, als ob Kühe fräßen Gras,

und wie ein Wohnhaus sieht sich’s an,

und wie ein Wagen knarrt es jetzt,

auf dem sie Abends weiterfahrt.

4. Dort ruft wohl Einer seiner Kuh,

dort hat wohl Einer Holz gefallt;

wer nahe bei der Waldfrau weilt,

hört deutlich Abends Jemand schrein.

5. Sie tötet nicht, die Waldesfrau,

wenn nicht ein Andrer sie beschleicht;

genoß er von der süßen Frucht

nach seinem Wunsch, so fällt er hin.

6. Gerühmt hab ich die Liebliche,

nach Wohlgeruch schön Duftende,

die reich an Speisen ohne Pflug,

die Wildmutter, die Waldesfrau.

Einsam und furchtlos verliert sie sich, vom Dorf abgekehrt, im Dickicht, froh über den Wettgesang des Uhus und des Papageis. Im Dämmer des Waldes schwimmen allerlei Bilder vorüber, in der Stille tauchen unerklärbare Geräusche auf und vergehen. Ein unheimlicher Schrei! vielleicht geht er von ihr oder auch von einem zudringlichen Menschen aus, den sie getötet. Doch — wie wenn hier ein Jäger spräche: „ich preise die liebliche, duftige Mutter der wilden Tiere“.

Die schwedische Waldfrau ist der indischen am meisten ähnlich. Denn sie trällert, lacht und wispert im Dickicht. Am klatschenden Waldbach wäscht sie, und wo im Lenz schneeweiße Flecken tief hinten im dunklen Walde sichtbar werden, breitet sie ihre Kleider aus. Sie zaubert in den Wald einen Huldrehof oder Hullagaard mit fettem Vieh hinein, der aber immer verschwindet, sobald man sich ihm nähert. Oft hört man sich bei Namen rufen, dann antworte man bei Leibe nicht: „Ja!“, sondern: „He!“, denn sonst ist man in ihrer Gewalt. Laut lacht sie auf und schleppt Einen stundenlang durch Dom und Morast, und zuletzt ist man so sinnverwirrt, daß man sein eigen Haus nicht erkennt. Dann ist man „skogtagen“ vom Walde festgehalten, bezaubert. Oder sie schreit tückisch laut auf und ruft ihren Gatten herbei, der dann den Liebhaber niederschlägt. Der Jäger aber sucht sie zu gewinnen, denn sie ist die Herrin des Wildes, namentlich einzelner Hirsche, Hasen und Auerhühner, sogenannter Freitiere. Er legt eine Münze oder etwas Speise für sie auf einen Baumstumpf oder Stein nieder. Ihre ursprüngliche Wettematur bricht noch vielfach in wilder Frische durch; wie in Ober-franken Wetterfräulein, heißt sie dämm auch in Schweden die Waldschnauberin. Sie kündigt ihr Erscheinen, wie ausdrücklich bemerkt wird, mit einem scharfen eigentümlichen Wirbelwind an, der die Baumstämme bis zum Brechen zusammenschüttelt. Oder sie beugt den Wald und klopft im Gewitter ihre Kleider. In Westfalen sagt man bei Wirbelwind: „Da fliegen die Buschjtmfern“. Im Riesengebirge stürzen sich die „ Rüttelweiber“ im Wirbelwind auf die Wiesen und werfen das Heu auseinander. Bei zerrissenem Nebelgewölk kocht das Buschweibchen und steigt im Aprilhagel mit wildem schneeweißen Haar über den bayrischen Wald. Die Dante verte des Franche Comt£ lacht bei ihren Koboldstreichen hell auf, daß es in vielfachem Echo spöttisch widerhallt. Das badische Rockertweible} das sich in einer Regennacht mit drei Wilderem am Feuer die Kleider trocknet, schleift den einen, der ihr ein grobes „Packe dich!“ zugerufen, bis Tagesanbruch durch dick und dünn. Andre Beleidiger reißt sie hoch auf den Lautenfelsen oder taucht sie tief in den Gumpen des Bachs hinab. Doch in dem Jahre, wo sie sich den Menschen zeigt, gibt es Frucht und Heu die Hülle und Fülle. Die wilden Weiber in Wälsch-tirol spinnen plötzlich Leinewand (Nebel?) durch den Wald und versperren dadurch dem Verirrten den Weg, und in zahllosen deutschen Sagen kämmt die Waldfrau ihr Haar und lockt in den Wald, und dabei macht oft schon ihr Anblick wirr und schwermütig.

Auch die Waldelfinnen haben Liebschaften mit Menschen. Schon ums Jahr 1000 erzählt Burkhart von Worms von Waldfrauen, die sich plötzlich ihrem Liebhaber zeigen, um sich mit ihm zu ergötzen, und plötzlich wieder verschwinden. In einem Wolfdietrichsgedicht des 13. Jahrhunderts kriecht „ die rauhe “zum Feuer, an dem Wolfdietrich schläft, auf allen Vieren wie ein Bär, reizt ihn vergebens zur Minne, zaubert ihn in Schlaf, schneidet ihm seine Nägel und zwei Locken ab und macht ihn zu einem derartigen Toren, daß er ein halbes Jahr „wild“ laufen muß. Da stellt sie sich ihm plötzlich wieder dar, streift ihre rauhe Haut ab und wird nun die Königin minne} des Helden allerschönstes Weib. In der Volkssage ist sie oft behaart, mosig, mit runzligem Gesicht, doch öfter vorn lieblich und mit fliegendem Haar, dagegen, nach steirischer wie nach schwedischer Sage, hinten wie ein Backtrog oder ein hohler Baumstamm, wie jene Wolken-elfinnen bereits einen hohlen Rücken hatten. So haben sie weltflüchtige Mönche zur Frau Welt ausgestaltet, die der Dichter Wirnt von Grafenberg um 1200 darstellte, eine vorn schöne Frau mit schlangen- und krötengefülltem Rücken. Die schwedische Skogsfru liebelt um Mitternacht mit Jägern, Fischern und Köhlern am Lagerfeuer und schwälenden Meiler; noch 1691 wurde ein junger Bursche aus dem schwedischen Markehärad wegen unerlaubten Verkehrs mit einem solchen Waldweib zum Tode verurteilt. Die schwedische Waldfrau trägt auch Tierfelle und einen Kuhschwanz, wohl im Winter, ja die Waldfrauen nehmen oft Tiergestalt an. Die Wildfangen der Alpen springen als Wildkatzen herum, das Holzweib klagt als Eule auf dem Ast, und hoch in der Luft kreist das selige Fräulein als Geier, um ihre Gemsen zu schirmen. In rein menschlicher Gestalt ist sie gleich anderen Elfinnen wilder Tanzlust ergeben, so sehr, daß ein römisches Denkmal bei Schweinschied deswegen, weil eine Tänzerin darauf dargestellt ist, vom Volk Wildfrauenkirche genannt wird. Ja die hessische Waldfrau kitzelt kleine Buben und raspelt sie im Wirbelwinde an dürren Bäumen zu Tode.

Doch sind die deutschen Waldfrauen auch vertraut mit allerlei Heilwurzkräutern des Waldes, von denen eins, eine Art Baldrian, in Montavon auch Wildfräulekrut heißt. Im Gudrunliede verdankt Wate seine Wundheilkunst einem wilden Weibe, und im Eckenlied bestreicht das von Fasolt gejagte Fräulein mit einer Wurzel den wunden Dietrich von Bern und sein Roß. Harzer Moos weiblein gaben Wanderern Wurzeln und Kräuter zur Gesundheit; in der Pestzeit riefen die oberpfälzischen Holzfräulein aus dem Walde: „Eßt Binellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an!“ Als Hödr, der Feind Balders, zum erstenmal in einem Waldhause drei Waldmädchen findet, versprechen sie ihm Hilfe im Kampf. Im selben Augenblick verschwindet das Haus, und Hödr steht allein in der Wildnis. Hernach trifft er sie noch zweimal, und sie schenken ihm siegbringende Waffen und lassen ihn genießen von der Zauberspeise, die Balders Kraft so gefährlich steigert. Die Waldmädchen sind hier schon halbe Walküren. Sie nisten sich auch hilfsbereit dicht bei den Wohnungen ein. Im Mittelalter wohnten die westfälischen guden Holden oder witten Vrouwen unter der Erde oder schönen Bäumen und krausen Büschen, wo man ihnen opferte. Der südschwedischen Askafroa Eschenfrau oder Hyllefroa Hollunderfrau goß man Wasser oder Milch über die Wurzeln ihres Baumes, um ihres Schutzes willen, und den schon (S. 90) besprochenen Schutzbaum eines nordischen Bauernhofes, den Wichterbaum, umarmt die kreisende Bäuerin in ihrer Not.

Wenn aber der Herbststurm heulend das gelbe Laub und wüsten Nebel durch den Wald jagt, dann ergeht es der Waldfrau schlimm; dann verfolgt sie ein riesen- oder götterhafter Jäger. Mit lautem Jagdhorn hetzt zu Roß der Sturmriese Fasolt, von langem Weiberhaar umflattert, eine klagende Frau wie ein Wild. Der Verfolger ist oft der höllische oder der wilde Jäger, ein wilder Mann, in Südtirol Beatrik d. i. Berndietrich oder in Lauenburg geradezu Wode, in Dänemark Un d. i. Oden, in Sm&land König Oden. Die Verfolgte ist die wilde Frau oder , Ellefru oder auch die Beischläferin eines Priesters. Mit tief hangenden Brüsten und flatterndem gelben Haar rennt sie vor ihm her und flüchtet auf einen mit drei Kreuzen ausgehauenen Baumstumpf oder in einen für sie bestimmten Ährenbüschel. Wird sie aber eingeholt, so wirft der Jäger sie vor sich übers Roß und stürmt frohlockend durch die Wildnis weiter. So jagt der Sturmriese oder Sturmgott die Wirbel windselfin des Waldes: ein altes Herbststimmungsbild! Da nun aber in Schweden die Wirbelwinde vorzüglich im Sommer kurz vor einem Gewitter entstehen, so verfolgt hier Gofar d. i. der Donner die Trolle und Wald-weiber. In Gotland heißt ein solches Thorspjäska Donnersmädchen, vom schön, hinten hohl wie ein Backtrog, und flüchtet bei Gewitter ins Haus, in Norwegen unter eine Weiberschürze. Nimmt man sie auf, so schlägt der Blitz ein. Wenn aber im Winter das Stadelheu mit Schlitten von der Alp geholt wird, hockt wohl ein ganzes Dutzend wilder Frauen hintenauf und fährt mit; auch ruhen sie gern in den Heustadeln.

Die anmutigsten Wildfräulein sind die blonden, blauäugigen, silbergekleideten Seligen oder Saligen Fräulein Deutsch Tirols, die zuerst von Berthold von Regensburg als felices dominae ausdrücklich genannt werden und in Wälsch Tirol Enguane oder Belle Vivane heißen. Sie umleuchtet wie das Hochgebirge ein klarerer, reinerer Glanz. Sie bewohnen in den innersten Talwinkeln Eis- und Krystallgrotten, die oft talwärts von paradiesischen Blumenauen umgeben sind. Hier hegen sie namentlich Gemsen, strafen die Jäger für deren Verfolgung und bejammern deren Tod. Die weißen Wölkchen an den höchsten Gipfeln, ihre Hemden und Kindstüchel, künden schönes Wetter an; als Schneefräulein geben sie im Herbst den Hirten Winke zum rechtzeitigen Abfahren von der Alp vor Schneewetter. Zur Ernte kommen sie gern aus dem Walde aufs Feld herab, den Leuten zu helfen. Durch ihren schönen Gesang machte eine Salige einen Hirten seinem Weibe abspenstig, bis dieses ihn nachts in der Höhle der Saligen überrascht, wie jene Bäuerin ihren Mann im Mömekenloch an der Oberweser (S. 188). Es weint und verwünscht ihre Ehe und die Saligen, die seitdem spurlos verschwunden sind.

Die Waldelfinnen führen meistens ein freies, nicht an die Bäume gebundenes Leben. Doch sind manche Bäume von einem dryadenhaften Geiste erfüllt. Eine warnende Stimme ertönt aus dem schwedischen Wachholder, der von der Axt bedroht wird: „Haue den Wachholder nicht“. Und wird der Baum dennoch gefällt, so stößt er einen Schmerzensschrei aus, und aus seinen Wurzeln fließt Blut. In einem kärntischen Ahornbaum lebte eine verwunschene Jungfrau. Mit dem Bogen, der aus einem Zweige desselben geschnitten wurde, wurden die ergreifendsten Weisen gespielt. Die Jungfrau ist eine ursprüngliche Baumnymphe.

Die wilden Männer gehen häufiger als die wilden Frauen über das Elfenmaß in Riesengestalt über, namentlich in den Alpen, aber auch in Hessen. Hier schreitet der Wildmann entweder baumgroß über die Berge und rüttelt an den Waldwipfeln oder wandelt winzig zwischen den Schachtelhalmen einher. Groß oder klein, sind sie echte Wetterfiguren. Auch in Tirol fährt ein riesiger wilder Mann, einen entwurzelten Baum in der Hand, mit Sturm durch die Lüfte und verfolgt die Seligen, oder er nimmt als starker Geißler oder Küher beim „Geißlerstein“, bis zu dem man ihm die Geißen oder Kühe des Dorfs entgegentreibt, diese in seine Hut und treibt sie mit strotzendem Euter Abends wieder bis zu diesem Steine herab. Außer diesem Riesen zeigt sich in Tirol in Bergmoos und grüner Kleidung das „wilde Mannl“ oder , Orge, vom italienischen Orco d. i. Unterirdischer, jauchzt bei herannahendem Regenwetter auf einer Anhöhe und dient, namentlich zur Zeit der Aussaat, als Wetterprophet. Hält er seinen guten Rat zurück, so füllt ihm wohl ein mutwilliger Bauer sein Trinkgefäß, ein Loch im Felsstein, mit Wein. Neugierig kostet er vom ungewohnten Naß und, lustig geworden, wird er mit der Frage nach einem Heilmittel gegen die Pest überrascht. „Ich weiß es wohl“, antwortet er ähnlich wie oben die kräuterkundige Waldfrau, „Bibernell und Eberwurz; aber das sage ich dir noch lange nicht!“ Oder man bindet ihn im Rausch und befragt den darauf Losgebundenen nach seiner Kunst, Butter, Käse und Lab und aus Milchschotten Gold zu bereiten. Da speist er schelmisch die Neugierigen mit einer selbstverständlichen Wetterregel ab. Genau so preßte man aus dem im Rausch gefesselten lateinischen und griechischen Wildmann, dem Faunus und Silen, sein Geheimnis. Auch hier liegt eine altdeutsche Volkssage ungelehrten Ursprungs vor, die aber wahrscheinlich nicht heimisch war und daher auf den äußersten Süden beschränkt blieb. Sie mag ein früher Völkerverkehr aus Italien in die deutschen Alpen getragen haben.

Dagegen scheint trotz der Verwandtschaft mit der antiken Überlieferung ganz selbständig zu sein die von Tirol bis nach Nordschleswig und England verbreitete Sage vom Weheruf der Berg (S. 187 f.), wie der Waldelfen über den Tod ihres Herrn oder ihrer Herrin. Als ein Wildfangenmädchen, das bei einem Bauer dient, von diesem erzählen hört, „die Rauhe Rinte ist tot!“, springt sie mit dem Schrei: „Die Mutter ist tot!“ aus dem Hause in den Bannwald. Vielstimmig ertönt die Klage: „Die Mäume is „Pippe Kong is dood!“, „Urban ist tot“. So erscholl einst in Griechenland über das spiegelglatte, von keinem Lüftchen bewegte Meer der Ruf: „Der große Pan ist tot!“, dem die Klage vieler Stimmen folgte. Pan hieß der „Herr des Waldes“, der mit den Baumfrauen, den Dryaden, buhlte, durch plötzliche Töne und Widerhalle des Waldes Schrecken einjagte und im Zorn Irrsinn bewirkte. Der troezenischen Obrigkeit zeigte er Heilmittel gegen die Pest an. Abends überbot er allen Vogelsang, wenn er auf der Syrinx spielte, so daß die Nymphen beim Echo des Berges ihn umtanzten. In der stillen Gluthitze der Mittagssonne schläft er, bei langer Windstille ist er tot. Aus tiefster lautloser Waldesruhe stieg seine schwermütige Sage auf.

Die achtungsvolle Scheu, die die indogermanischen Völker vor ihren Waldgeistern hegten, zitterte noch bis vor kurzem in der beerensuchenden Jugend Thüringens und Braunschweigs nach; sie zerdrückten bei der Heimkehr auf einem Stein zum Dank einige Beeren, und in Franken legten sie gar Brot, Obst und Beeren dem Heidelbeermann beim Eintritt in den Wald hin. Der Schwarzwälder Bub aber sang:

„Holder, holder, reere,

„Mer chomme us de Beere,

„’s Beerimännli isch zue is cho (uns gekommen),

„’s hat is alli Beeri gno (genommen).“

„Wind ist der Welle lieblicher Buhler“. Schweben die Luftelfen zu den Gewässern hinab oder tauchen sie in diese nieder, so werden sie zu Wasserelfen, wie sie noch heute in Schweden heißen. Der Windelfe Andvari gestand, daß ihn in der Vorzeit eine jämmerliche Norne dazu bestimmte, sich im Wasser zu tummeln. Der älteste einfache Wasserelfenname scheint althochdeutsch , angels. Nicor und altnord. Nykr zu sein, mit dem freilich damals das Krokodil oder Flußpferd oder ein vielgestaltiges Wassertier übersetzt wurde. Das Wort soll mit dem griechischen niptein sich waschen Zusammenhängen, wie denn auch in Südwestdeutschland die Nixe Waschwibele heißt. Nach dem isländischen Landnahmebuch stürzte sich ein apfelgrauer Nykurhest bei Sonnenuntergang nach dem Heueinfahren ins Wasser. Der nordische Nikur, Neck oder , der schottische Waterkelpic stieg als Apfelschimmel oder als Seehund aus der Flut, der Ahnherr der Merowinger war ein mächtiger Wasserstier. Die Langobardenkönigin Theodolinde überwältigte ein Meerwunder, das plötzlich wie ein schwarzer, feueräugiger Bär aus dem Wasser stieg. Bald als Roß, bald als schwarzer brüllender Stier erscheint der ostpreußische Nix, als Pferd auch der schlesische Wassermann. In diesen Formen nähert sich der Nix mehr den Riesen, als den Elfen. Aber auf den Färöern taucht er als ein kleiner, zarter Hengst aus dem Meer, der badische Bachdatscher, dem sonst menschliche Figur eigen ist, kommt bei Welschensteinach als kleines „wuseliges“ Tier, die schwäbische Nixe sogar als Kröte zum Vorschein. Das althochdeutsche weibliche Niche(s)sa, das das lateinische lympha klares Wasser übersetzt, wird schon die persönliche Geltung unsrer Nixe, schlesisch Lix oder Lisse, gehabt haben; das Masculinum ist in unsrem und Nix, im englischen Nick, im schwedisch-dänischen Nöck, Nisse erhalten. Altnordisch ist auch Marmen, neuer Marbendil, älter auch die hochdeutsche Merimannin, Meriminni, dann Meerfei, bei Albrecht von Halberstadt Wasserholde. Jetzt gebrauchen wir Wasser-, Hakenmann, Wasserjungfer, Seeweibchen, Brunnenholde, die Engländer Watersprite und -fairy, die Skandinavier Haffru und -mand Meerfrau und -mann, Sjörät Seewesen, Vattenelf Wasserelf, Brunnen-gubbe Brunnenalter, Källrat Quellgeist. Von mehr landschaftlicher Geltung ist die hochdeutsche , die niederdeutsche Watermöme oder Mettje. Die Schweden kennen „tre Möjeru drei Wassermuhmen.

Im Wasser haben sich die Luftgeister fast noch mannigfaltiger geformt als in Berg und Wald, weil es selber diese an Beweglichkeit und Formen Wechsel übertrifft. Vom leise rieselnden Brünnlein rauschen die munteren Bäche und die starken Ströme, hier zu Wasserfällen hinabgedrängt, dort sich zu Seen ausbreitend, zum imübersehbaren wogenden Meer. Steile Felswände oder flache Sandufer, hoher Wald oder Sumpfgestäude und in späterer Zeit auch Werke der Menschenhand begleiten oder unterbrechen ihre Bahn.

Und Wind und Wolken fliegen über die Wasser hin, sie lachen im Sonnenschein und dräuen im nächtlichen Dunkel. Wie sie milde kosen und heimlich schluchzen und lieblich singen und heftig donnern! So bringen sie vielgestaltig den Menschen Labe, Gedeihen und Segen, aber auch Ungemach, Gefahr und Verderben.

Die Quelle wird ein Haupt genannt, von den Griechen ein Haupt des Flusses, von den Römern ein Haupt des Wassers, von den Germanen ein Brunnhaupt oder Bornhövede. Auch in der Verehrung der Quellen stimmen diese Völker, namentlich die Römer und die Deutschen, mit einander überein. Beide umkränzen sie mit Laub und Blumen, die Römer schlachten ihnen ein Böcklein wie die Norweger dem Wasserfall. Beide warfen in die Heilbrunnen Geldstücke hinein. Wenn man mm auch zahlreiche römische Kaisermünzen in deutschen Heilquellen, namentlich an beiden Ufern des Rheins, gefunden hat, so könnte man deutsche Nachahmung eines fremden Brauches vermuten. Aber wie die Brunnenbekränzung aufs innigste mit der germanischen Frühlingsfeier zusammenhängt, ist auch jener andre Brauch in Skandinavien und andern von Rom unbeeinflußten Ländern häufig. Aber was hat man von der Quellgöttin Coventina, deren Name nicht gerade germanisch klingt, zu halten, der germanische Soldaten in Northumberland kleine Altäre, sowie tönerne Becher und zahlreiche Münzen von Hadrian abwärts weihten? Auch anderen Elfen als Quellelfen opferte man Geld. Das schon erwähnte Umstellen der Quellen mit angezündeten Lichtem war ebenfalls weit verbreitet, es wird schon in der Katechese des Bischofs Cyrillus von Jerusalem im Jahre 347 getadelt. Die Römer spendeten den Quellen auch Wein, die Germanen Brot und Kuchen, und wenn die Griechen ihnen abgeschnittenes Haar, so brachten ihnen die Germanen abgeschnittene Nägel dar. Von entschiedenerer germanischer Eigenart waren die Opfer, die nach dem Indiculus die Sachsen den Quellen brachten, und die Oster-, Mai- und Johannifahrten, die man zu den Quellen unternahm, um gesund und fruchtbar zu werden und ihre Weissagung zu hören. Man durfte sie aber nicht verunreinigen und durch Steinwürfe trüben. Das alles geschah nicht den Quellen selber, sondern ihren Bewohnern. Denn die Bläschen, die in schwäbischen Quellen aufperlen, kommen von den atmenden Wassergeistern. Meist sind diese weiblichen Geschlechts, weiße Jungfern oder Frauen oder Waschwibele, die darin waschen oder sich baden. Doch kommen auch männliche Brunne vor.

Freier tummeln sich die Bach- und Flußelfen. Namentlich in Thüringen hat jedes Flüßchen seine Nixen, die Saale, die Ilm, die Unstrut. Sie bewohnen im Grunde des Wassers lichte Säle und tauchen mit halbem Körper hervor und lauem unter oder auf den Brücken, ja sie wagen sich darüber hinaus aufs Land. Da kämmt dann wohl eine Nixe ihr Goldhaar oder breitet ihre Wäsche aus, wie oben ihr Wald- oder Bergbäschen, blickt dich mit großen, starren Augen aus der stillen, glasigen Wasserfläche an und zeigt zwischen dem säuselnden Schilf ihre grünen Zähne und grünen Locken. Im Wasser fühlt sie sich am wohligsten mit einem Fischschwanz, aufs Ufer steigt sie mit langem, triefendem Kleid. Der Nix schaut auf dem Lande oft unauffällig wie ein ältlicher Mann aus, der einen grünen oder roten Hut auf dem Kopf trägt. Aber auch er hat grüne Zähne und einen tropfenden Rockschoß, und gefährlich zum Wasser lockend blickt sein Auge. Noch heute ist der thüringische Nixenglaube nicht ganz erloschen, und manches badische Mütterchen hört das Waschwibele oder den Bachdatscher Abends im Dorfbach plätschern, und die Kinder fürchten den Hakenmann oder das Hakenfräulein oder die Mettje, die sie mit einem Haken oder ihren grünen Haaren oder ihrem langen Arm in die Tiefe ziehn. Der schlesische Wassermann fängt sie in einem Netz. Doch die hessischen Kinder schelten derbe auf ihn los: „Nix in der Grube, bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen mit roten Ziegelsteinchen.“ Was hilft’s? In zahlreichen deutschen, auch dänischen Flüssen pochen die Wassergeister auf ein förmliches Wasserrecht: sie fordern alljährlich zu Laetare oder Himmelfahrt oder Johanni oder Peter und Paul einen bis zehn Menschen zum Opfer. Mit Blumen, den Wasserrosen, und bunten Bändern, dem Mond-und Sonnenglitzem der Wellen, lockt der österreichische Wassermann die neugierigen Kinder ins Wasser, lacht dabei laut auf, patscht in die Hände und verschwindet. Ist die Stunde gekommen, so ruft es in der Lausitz aus dem Wasser: „Zeit und Stunde ist da, aber der Mensch noch nicht,“ und ein Mensch eilt herzu und stürzt sich imaufhaltsam ins Wasser. Abends lockt der süddeutsche Nix durch seinen Hilferuf, und willenlos wirft sich ein Mensch in die Tiefe. Hoch im Norden lacht der isländische -bendill und der schwedische Sjörät gellend auf, bevor jemand ertrinkt, und an der andern Ecke des Germanengebiets, in Steiermark, die Bachbarbara. Auch den Wassergeist im Würmsee verlangt es nach einem Opfer, wenn der See blüht d. h. sich auf der Fläche viele von Grund aufsteigende Bläschen zeigen. An jenen verrufenen Tagen badet man daher nicht, der Fischer stellt keine Netze, der Schiffer unterbricht seine Fahrt, und man meidet sogar den Weg über die Brücke. Sieht man in Böhmen den Wassermann kommen, so wirft man bunte Bänder ins Wasser. Neugierig greift er darnach und verwickelt sich in sie. Der Schwede legte wohl vor dem Bade einen Stahl hinein, weil er dadurch den Neck gebunden glaubte. Als der Frankenkönig Theuderich 539 mit seinem Heere über die alte Po-brücke zog, brachte er furchtbare Menschenopfer. Geht in Katzhütte in Thüringen eine Mutter mit ihrem Kinde das erste Mal zur Kirche, so wirft sie dreierlei Münzen in den Fluß mit den Worten: „Da hast du das Deine, laß mir das Meine.“

Daraus, daß die Nixen am liebsten Kinder greifen, erklärt sich vielleicht der grausige Brauch, in den Grund namentlich von Brücken, Flußwehren, Deichen ein unschuldiges Kind lebendig einzumauern, zu beschwichtigender Sühne. Noch 1841, als die Elisabethbrücke in Halle gebaut wurde, glaubte das Volk, man bedürfe eines Kindes zum Einmauem. Die Wassergeister stellen dem Müller wie seiner Mühle nach. Die Müller an der Bode in Thale am Harz warfen immer, wenn das Wasserhuhn pfiff, dem Nickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, denn sonst mußte jemand ertrinken. Das fränkische Wasserweible stellte dem Müller unlieb die Räder; zur Julzeit dringt der schwedische Neck aus seinem stillen Wasser in die Flüsse und zerbricht die nicht gehemmten Mühlräder, oder er mahlt so arg, daß die Mühlsteine bersten. Der schlesische Wassermann überrascht einen spöttischen Müller mit seiner Flut, bis dieser ihm sieben Leben verspricht, und hinter einander fallen fünf Kinder, des Müllers Weib und der Müller selber ins Wasser. Die Heimlichkeit der Spinnstube oder die Kirchweihmusik der nahen Schenke lockt die deutsche Nixe ans Ufer. Sie trocknet ihr Haar, schmückt sich, stiehlt sich im Abendnebel über die Wiese ins Dorf hinein und huscht im Tanzsaal in die Mädchenschar. Und selig tanzt sie mit dem schönsten Burschen und vergißt die rechte Stunde des Scheidens. Wie sie nun den Morgen grauen sieht, erblaßt sie, reißt sich von ihrem Tänzer los und stürzt sich in den Bach. Aus der Tiefe schäumt das Wasser blutig auf; der Wassermann hat seine Tochter getötet. In Schweden kennt man auch eine Art Kehrseite dieser Geschichte: fünfzehn Jahre lang hatte ein Mädchen im Haus einer Meerfrau gewohnt und nie die Sonne gesehen. Endlich dringt ihr Bruder hinab und führt seine Schwester wieder zu den Ihrigen. Sieben Jahre wartete die Meerfrau auf ihre Rückkehr, dann schlug sie mit ihrem Stab ins Wasser, daß es hoch aufbrauste und rief:

„Hätt ich gewußt, daß du wärest so falsch,

So hätt ich gebrochen deinen Diebeshals.“

Das schwedische Meerweib und die deutsche Nixe wissen bezaubernd zu singen, wenn das Wasser rauscht, das Wasser schwillt. Der Fischer sinkt zu ihr hinab. Aber noch mächtiger reißt der schwedische Strömkarl der Flußmann oder der oberste Felekarl Fiedelmann, oder der norwegische Fossegrim oder Fossekall der Wasserfallmann, oder der Quernknurren der Mühlengeist hin, wenn er in grauem Kleid mit roter Mütze auf einem Stein mitten im Wassersturz sitzt und auf seiner Geige den unwiderstehlichen Elfvalek spielt. Erst streicht er ganz sacht wie leises Geplätscher, aber immer höher schwillt die Melodie, und immer stärker berauscht sie die Zuhörer. Der Elfvalek oder Strömkarlslag hat elf Variationen, von denen man aber nur zehn tanzen darf. Wird die elfte aufgespielt, so fangen Greise und Tische und Bänke und Kannen und Becher, selbst die Kinder in der Wiege an zu tanzen, bis die ganze Gastgesellschaft hinab ins Wasser tanzt, wenn nicht einer kommt und dem Musikanten die Saiten der Geige zerschneidet. Der Müller fürchtet des Feiekarls Spiel so, daß er, wenn es anhebt, sein Mühlenhaus schließt und den Schlüssel fortwirft, um nicht ins Wasser zu tanzen. Aber auch drinnen muß er mit einem Scheffel in seinen Armen die ganze Nacht herumspringen. Der Fossegrim lehrt seine Kunst gegen Lohn auch Menschen. Ist die Gabe mager, so lernt der Lehrling nur das Stimmen der Geige. Wirft dieser aber mit abgewandtem Haupt ein weißes Böcklein oder ein schwarzes Lamm in den Wasserfall, so führt ihm der Fossegrim die rechte Hand so lange über die Saiten hin und her, bis ihm das Blut aus allen Fingerspitzen springt. Dann kann auch der Mensch spielen, daß die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Falle Stillstehen. Solche volksberühmte Geiger waren in den Tagen Oie Bulls im schwedischen Wärend Nils und Peter. Nach Andern lernt einer sofort die Kunst der schwedischen Elfen, wenn er ihnen die Auferstehung verspricht, denn sie sehnen sich nach dem Christentum. Wer das aber nicht tut, der hört, wie sie in ihrem Berg die Geigen zerschlagen und bitterlich weinen. So schleuderte auch der deutsche Neck seine Harfe weg und weinte, als ihm zwei Knaben zugerufen hatten: „Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig!“ Aber als sie, von ihrem Vater getadelt, zum andern Male ihm die Erlösung verhießen, spielte er lieblich auf seiner Harfe bis lange nach Sonnenuntergang.

Die stilleren Seen, die zu Zeiten so unruhig und wild werden können, haben ihre eigenen Elfenmythen. Läßt man ein flaches Sternchen über ihre Fläche hintanzen, so löst man ,Bräutle‘ oder ,Wassermännchen’ , als ob dadurch die darüber schwebenden Wassergeister von ihrem Element gelöst würden. Viele Schweizer und deutsche Seen dürfen aber nicht durch Steinwürfe beunruhigt werden. Sie erregen im Schwarzwälder Mummelsee den Zorn der Seemuhme, sodaß Unwetter losbricht, und zornig erweist der Mummelsee sich auch in der etwas unklaren Erzählung des Simplicissimus 5, 16, nach der ein Wassermännlein darin seine geraubte Gemahlin sucht. Es kommt aber nicht wieder zum Vorschein. Nur sein Stecken mit einer Hand voll Blut springt nach einiger Zeit ein paar Fuß hoch in die Luft. Aber der berüchtigtste See ist doch der am Pilatusberg bei Luzern gelegene , dessen Sage erst im 13. Jahrhundert mit der Pilatuslegende verknüpft ist. Bald watete, übrigens mehr nach Riesenart, der Unhold in diesem See, daß er tiberströmte und seine Wasser ins Tal ergoß, bald stürmte er durch das Gebirge, jagte Hirten und Herden auseinander und stürzte sie in die Abgründe. Namentlich wenn man in der Nähe des Sees lärmte, Steine hineinwarf oder gar seine Tiefe ausmessen wollte. Der Zutritt zu dem See und selbst der Besuch des Berges waren verboten; vregen versuchter Besteigung wurden 1387 sechs Geistliche zu Luzern ins Gefängnis geworfen, und selbst der Herzog Ulrich von Württemberg und 1555 der berühmte Konrad Gesner wurden nur unter Aufsicht und dem Versprechen, nichts in den See hineinwerfen zu wollen, hinaufgelassen. Noch im vorigen Jahrhundert sprachen die Sennen bei Sonnenuntergang durch die „Volle“, den Milchtrichter, einen feierlichen Segen gegen den Unhold und wurden dafür mit dem sogenannten Rufkäse belohnt.

Am Strande größerer Landseen oder gar des Meers haben die Wassergeister wiederum andern Umgang. Der heilige Gallus hörte ums Jahr 600, wie ein Berggeist bei Bregenz seinem Kameraden im See zurief: „Komm, hilf mir die Fremdlinge vertreiben, die mich aus meinem Heiligtum vertrieben!“ Darauf antwortete der Wassergeist:

„Einer von ihnen ist auf dem See, aber vergebens suche ich seine Fischnetze zu zerreißen. Er ist durch das Zeichen Christi geschützt.“

Darauf erhoben sie ein „fantastisches“ d. i. dämonisches Geschrei. Wo sich das Rauschen des Bergwaldes mit dem der Wellen mischte, belauschte der Bekehrer ein Zwiegespräch der Geister. Der nordische Skalde aber nannte die Wogen im Nebel Bräute, die auf Brandungsklippen gehen und die Bucht entlang fahren; ein hartes Bett haben die weißgeschleierten Weiber und spielen in Seestille wenig. Wir kennen schon die schwedische Meerfrau, die am Strand ihre Kleider ausbreitet und mit dem Herrn des Berges zankt. Wirft der Nord aus Gischt und Wasser gemischte Wogen auf, so sieht man sie ihr weißes, schwarzköpfiges Vieh ans Land treiben. Am Mälarsee trieb sie es bis zur Klinta-tanne, unter der sie wohnte. Niemand wagte deren Äste anzurühren. Graue Kühe nennt man noch wohl auf Island den Seekuhschlag, weil sie von Kühen abstammen, die einst ein gefangener Marbendill aus Dankbarkeit in den Hof seines Befreiers aus der See herausschickte. Der Fischer der schwedischen Seen opfert der Seejungfrau Früchte und Geld, um Wind und Glück von ihr zu kaufen.

Dem rauschenden Wasser ist weissagende Kraft eigen. Nach Plutarchs Caesar gingen germanische Frauen an die Strudel der Flüsse zu weissagen, und mehr als ein halbes Jahrtausend später warfen noch christliche Franken gefangene Gotenweiber und -kinder als Opfer in den Po, um die Zukunft zu erfahren. Im Nibelungenlied künden die Quelljungfern, die aber „Meerweiber“ heißen, dem Hagen samt dem ganzen Burgunderheer Verderben in König Etzels Land. Die dänische Königin Dagmar läßt sich von einer Meerfrau weissagen, wie auch die mecklenburgische Sage eine zukunftskundige Watermöme kennt. Gefangen weissagt die Meerfrau Untergang des Landes, soweit man sie landeinwärts schleppe. Die Meermaid von Padstow in Cornwall, die man durch einen Schuß erbittert hat, verflucht den Hafen, der auch wirklich versandet. Der merkwürdigste Meergeist ist aber der , der etwa mit den weissagenden Meergreisen des griechischen Mittelmeers verglichen werden kann. Vom Nabel an gleicht er einem Seehunde, wie Proteus am Strande unter Robben ruht, er hat auch wie diese einen dicken Kopf und breite Hände. Wenn die Wellen klatschen, so lacht er laut auf; man gedenkt des unzählbaren Gelächters der Wogen, das bei Aeschylos der gefesselte Prometheus anfleht, sein Leiden anzuschauen. Noch heute ist es ein bekanntes Wort in Island: „Da lachte Marbendill“, und schon einem der ersten Ansiedler der Insel weissagte er scherzend seinen Wohnort. Was die Halfssaga um 1300 vom lachenden Meermännlein erzählt, weiß auch noch die neuisländische Volkssage und zwar viel hübscher vorzutragen. Bei einem schweren Fischzuge holte ein Bauer einen Marbendill ins Boot und nahm ihn mit sich ans Land. Noch hatte er nicht sein Schiff in Ordnung gebracht, als sein Hund fröhlich an ihm aufsprang, und ärgerlich schlug er ihn. Da lachte der Marbenbill zum erstenmal. Wie nun der Bauer auf seinen Hof zuging und an einen Stein stieß und diesen verwünschte, da lachte der Marbendill zum zweitenmal. Und als der Bauer den freundlichen Gruß seines ihm entgegenkommenden ^Weibes freundlich erwiderte, da lachte der Marbendill zum drittenmal. Nun fragte ihn der Bauer, warum er dreimal gelacht hätte. Er erklärte sich zur Auskunft unter der Bedingung bereit, daß er an der Stelle der See, wo er gefangen worden wäre, wieder hinabgelassen würde. Nachdem der Bauer ihm das versprochen, äußerte sich dieser: „Zuerst lachte ich, weil du deinen Hund schlugst, der dich mit aufrichtiger Freude begrüßte; zum zweiten, weil du einen Stein verwünschtest, unter dem ein Goldschatz liegt; zum dritten, weil du so freundlich die schönen Worte deines Weibes aufnahmst, das dir doch untreu ist“. Darauf sprach der Bauer: „Zwei von den Dingen, die du mir sagtest, kann ich jetzt nicht prüfen, die Treue meines Hundes und die Treue meines Weibes. Aber auch wenn nur das dritte wahr ist, werde ich dir mein Versprechen halten“ — und damit grub er den Stein heraus und fand da wirklich einen großen Schatz. Nun fuhr er mit dem Marbendill aufs Meer und ließ ihn an der verabredeten Stelle über Bord, worauf der Marbendill, noch auf dem Ruderblatt sitzend, sagte: „Du hast wohlgetan, Bauer, daß du mich mm meiner Mutter wieder heimschicktest; das werde ich dir vergelten. Sei gesund und glücklich!“ Und sieben seegraue Kühe fand der Bauer kurz darauf in seinem Hof, die größten Kostbarkeiten auf Island, und hatte zeitlebens allen Überfluß. — Grausiger als der Marmennil, dem Grendel ähnlich, ist der norwegisch-fä-röersche Sjödreygur, das Seegespenst, das mit gewaltiger Hand plötzlich aus der Brandung über den Strand, ja bis ins Haus hinein in Grendels Weise nach einem Menschen ausgreift, um ihn in die Tiefe zu reißen. Nachts rudert es heulend wie ein Mann oder Hund durch die Wogen, ja reizt als Schiffer mit seinem Schiff die Schiffer zu verderblicher Wettfahrt im Sturm. Oder es hüpft auf seinem einen Fuß auf die Insel und trachtet die Menschen vom Deich ins Meer zu stoßen, wie der übrigens mehr riesische dit-marsische „ Dränger“, der auch die Deiche stürzt, so daß die See wieder ins Land hereinbricht.

Aus den wilden Bergen und Wäldern, die die Siedelungen der Menschen umgeben, dringen die Elfen in die Gemarkung, die Ackerflur, ja in die Gärten der Dörfer herein, die Bergmännchen, die und die Saligen werden Weide- oder Feldelfen. Die Flur ist voll davon. Im bayrischen Hochlande bindet man den Kühen Körbchen voll Erdbeeren und Alpenrosen zwischen die Hörner für die „Fräulein“. Auf dem Brenner wirft man nach der Furl, die das Heu zerführt, ein Messer, wie nach dem Wirbelwind. Wenn der Mähder das Rodnerinnenlocken übte, d. h. dreimal mit dem Wetzstein schrill über die Sense strich, so kam jedesmal ein Saigfräulein in die Wiese herunter und zerstreute die Mahden. Das Innerfeldmandl aber sieht der Tiroler Hirte sich im Wirbelwind um die Füße der Rinder drehen und ihnen in die Ohren blasen. Aber die Saligen oder wilden Frauen helfen auch beim Heuen, wie beim Flachsjäten oder Kornschneiden; man gibt in Martell den Arbeitern auf den Bergwiesen die sogenannten „Mahdküchel“ mit, angeblich für einen zufälligen Besuch der weißen Fräulein. Aber vom wilden Mann gejagt, eilen diese ruhelos vorüber. — In Oberfranken läßt man beim Einfahren ein Häufchen Grummet auf der Wiese und bei der Kornernte auf dem Acker einige Ähren für das Holzfräulein liegen, und auf den Obstbäumen bleibt hie und da für sie etwas von der Frucht hangen. In der benachbarten Oberpfalz warf man beim Leinsäen einige Körner in die Büsche des nahen Waldes, stellte beim Jäten aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttchen auf und rief:

„Hulzfral, dau is dafi Dal (Holzfräulein, da ist dein Teil),

„Gib an (dem) Flachs an kräftinga Flaug (Flug, Schuß),

„Nau (dann) hob i un du gnaug (genug)!“

Beim Ausraufen des Flachses aber band man sechs stehen gelassene Halme oben in einen Knoten zusammen, damit sie darunter Schutz fände.

Ist nun die Saat emporgeschossen und schlägt im Winde Wellen, so laufen allerlei Tiere hindurch: Roggenwölfe und -hundey Haferböcke, Roggensäue und Menschlicher gedacht haust darin eine Roggenntuhmey die im östlichen Holland ihre Ferkel draußen im Korn hat, oder nach deutschem und dänischem Glauben eine langbrüstige Roggen-, Weisen- oder Gerstenalte, ein Schrecken der Kinder, denn sie preßt sie, wenn sie ins Korn laufen, an ihre eisernen Zitzen. Statt ihrer läuft auch der harmlosere Hafermann oder der „Alte“ durch das Korn. Wenn dieses reif war für die Ernte, so band die Frau von Donnersberg drei stehende Halme unter den Ähren mit weißer Seide zusammen und betete und sagte: „Das gehört den drei Jungfrauen“ und schickte ein Kind unter sieben Jahren auf das Feld, das die drei Ähren hinlegte. So wurde in Litauen der Krumine, der Buschfrau der ersten Garbe, geopfert und dann die erste Garbe ins Haus des Besitzers gebracht. Erst am folgenden Tag begann die eigentliche Ernte. So besteht im deutschen Stidwesten das Glückshämpfli aus einer Handvoll von den ersten oder letzten drei, sieben, neun, elf Ähren der Ernte, die, von einem unschuldigen Mädchen, auch wohl unter Gebet und Niederknieen des Schnittervolks, geschnitten, mit einem Seidenbande umwunden und dann im Hause an einem besonders ehrenvollen Platze aufgehängt werden. Derber knüpft man in Schweden bei der Ernte drei Halme oben in einen Knoten zusammen und legt einen Stein darauf für die Gloso, die Komsau.

Während der heißen Erntezeit ist die Kommutter am gefährlichsten um die Mittagsstunde. Aus Frankreich meldet Gregor v. Tours schon im 6. Jahrhundert, daß eine von der Feldarbeit zurückkehrende Frau, von dem meridianus daemon dem Mittagsgeist angegriffen, sprachlos zusammengebrochen sei, und Caesarius v. Heisterbach kennt auch auf deutschem Boden ein daemonium meridianum. Die Slaven nennen ihn die Mittagsfrau. Dasselbe bedeutet am Niederrhein noch heute die Ennungermohr, die Mittagsmutter, von „in unner, unger“ d. h. in der Mittagszeit (undem), oder die Futtika, die während der Mittagsruhe übers Feld geht und alle, die sich unzeitig im Felde aufhalten, verscheucht oder gar verwirrt. Im nassauischen Amte Limburg droht man: „die Unnermoire kriegt dich“. Eine weiße Frau hieß sie im Kreise Friedberg und im fernen Gottschee. Bei völliger Windstille, wenn die sommerliche Mittagshitze über der niederrheinischen Komflur zittert, erhebt sich oft ein plötzlicher Wirbelwind; das ist die Ennungermohr. Im badischen Klettgau nimmt eine übers Feld wandelnde Frau ein Kind, das sie allein in der Mittagsstunde im Feld trifft, weg und legt statt dessen ihr eignes Kind hin, wie die thüringische Kornfrau. So liegt denn im Aargau mittags das Komkind oder der Komengel, das in Ratzeburg das Amkind Erntekind heißt, weinend im hohen Korn. Wer es aufhebt, muß noch selbigen Jahres sterben. Man sagte bei Chur im Jahr 1686, es sei schwer aufzuheben und kündige ein besonders fruchtbares Jahr an. Mit dem oder der Alten ist das reife, alte, zum Tode bestimmte Korn gemeint, mit dem Kinde der Überschuß, die zur Aussaat bestimmte Garbe, die nur klein, aber schwer ist, die, besonders wenn sie klein ausfällt, um so reicheren Ertrag im nächsten Jahre tröstend verspricht und darum Glücksgarbe heißt. Sie wird auch Wiege genannt und in Mecklenburg ganz deutlich das Ornkind oder Emtekind. Aus solcher altertümlichen Vorstellung erwuchs der angelsächsische Skedf d. i. Garbe, den schon das Beowulfsepos kennt. Als neugebomer Knabe, in einem steuerlosen Schiff auf einer Garbe schlafend, von Waffen umgeben, wurde er hilflos ans Land getrieben, von den Bewohnern wie ein Wunder aufgenommen, benannt und auferzogen und endlich zum König gemacht. Er ist der heroisierte Gründer des Ackerbaues, wie sein Sohn Skild der des Kriegswesens.

Je tiefer die Mäher ins Ährenfeld hineinschreiten, desto weiter, mit jedem sinkenden Schwaden, flüchtet der Alte oder die Alte zurück, bis in die letzte Garbe, als einzigen Zufluchtsort auf der leeren Stoppel. In Oberfranken und der Oberpfalz läßt man den Holzfräulein die letzten Ähren auf dem Felde stehen, in Niederbayern den sieben Schauerjungfrauen eine Garbe auf dem Acker liegen. In Thüringen werden die letzten Ähren mit bunten Bändern zusammengebunden, so daß der Büschel die Gestalt einer Puppe bekam, und lustig sprang das Schnittervolk der Reihe nach über das „Schainichen“, das Scheun-chen, hinüber. So hatte die Kornalte gleich ihr Haus, wie die Flachsfrau. So „bildeten“ die alten Preußen beim Emteschluß schon im Jahr 1249 das göttlich verehrte Idol Kurche. — Aber der oder die Alte wird auch gefangen, gebunden, auf dem letzten Fuder als Emtemai heimgeführt und möglichst bis zur Ernte des nächsten Jahres an der Haus- oder Scheunentür hängen gelassen.

Die gütigen segnenden Ackerwesen waren überwiegend weiblich, und sie besonders mögen die alten Germanen die Geberinnen, Allgeberinnen, auf den römischen Inschriftsteinen Gabiae, Alagabiae, genannt haben, gerade wie die Kelten ihre Ollogabiae und die Litauer ihre Gabiae hatten. Die Litauer beteten zu ihnen, wenn sie die auf dem Halm nicht völlig ausgereiften Fruchtkörner am Feuer dörrten. Zu den Gabiae scheint Garmangabis, die „bereitwillig Begabende“ (?) zu gehören, der in der Grafschaft Durham Sueben, d. h. Sueben vom Neckar, um 250 n. Chr. einen Stein setzten. Die spätere Ortssage hat eine gütige vornehme Frau daraus gemacht, die dem Orte Acker- oder Weideland spendet (s. u.).

Noch innigeren Verkehr haben die Hauselfen mit den Menschen, die angelsächsischen Cofgodas, Stuben-, Haus- oder Stallgötter, die deutschen Kobolde Haus- oder Stallhüter, mundartlich Poppele, Butse, -, Wichtelmännchen nordisch, friesisch und englisch Puki, , Puckt englisch auch Brownie, nordisch Gardsvor Hofhüter, Tomte Hofgeist, Vaette Wicht. So nahe stehen sie den Menschen, daß diese sie gemütlich mit menschlichen Eigennamen benennen: Niels Nikolaus, Hannpeiter, Chim Joachim, Heins, Robin Goodfellow. Sie waren aber vor den Menschen und ihren Häusern da, als Berg-, Waldoder Feldelfen. Manche Leute scheuen sich einen Bauplatz für ein Haus zu suchen, wo sich Unterirdische aufhalten, oder der Bauherr muß sie vorher laut um Erlaubnis bitten. So ritt schon der Altisländer Oddr um ein verlassenes Haus gegen die Sonne von rechts nach links mit einem lodernden Holzbrande und sprach: „Hier nehme ich mir Land, denn ich sehe hier keine bewohnte Baustätte. Hört das, ihr Wichter, die ihr in der Nähe seid!“ Dann spornte er sein Pferd und sprengte davon. Sie nisten sich wohl unter der Ttirschwelle ein und bringen Glück. Aber wie alle Elfen, verleugnen auch sie ihre ursprüngliche Wetternatur nicht. Das Westerwälder Wort Pöpel, dem jenes schwäbische Poppele gleich sein wird, bedeutet eine dunkle Wolke. Heult der hildesheimische Hauskobold Hödeke, so stürmt es. Wenn die Hilfe des Nisse beim Einschobem abgewiesen wird, so zerstreut er im Wirbelwind das Heu, und als ihm auf den Färöern ein Stall abgebrochen wurde, warf er die Besitzer im Wirbel in die See. Die Hausgeister berühren sich auch mit den Seelen. Diese bleiben als gutmütig helfende Geister, wie Kobolde, im hessischen Hause wohnen. Der vogtländische Kobold wird als Geist eines imgetauften Kindes gedacht; der rügensche Schiffsgeist oder Klabautermann entsteht aus der Seele, die in einem zum Schiffsbau benutzten Baume weilte. Auch wohnen den Menschen hilfreiche „Unterirdische“ häufig in den altheidnischen Hügelgräbern, vielleicht also auch Seelen. Und der Gardsvor oder Hofgeist gilt sogar für einen Wiedergänger, eine Seele des Mannes, der den Platz, wo das Haus erbaut ist, zuerst urbar machte.

Der Glaube an die Hausgeister ist noch im Norden lebendig, und die Nisse werden sogar, wie aus alter Gewohnheit, zum heiligsten Fest des dänischen Hauses, dem Christfest, hinzugezogen, indem sie in Biscuit und Ton oder auf Bilderbogen unter dem erleuchteten Christbaum dargestellt werden. Das knüpft an den früheren Brauch an, ihnen am Weihnachtsabend einen Topf mit süßer Grütze hinzustellen oder auch das Herdfeuer, wenn man es für die Nacht zudeckt, unbekreuzt zu lassen, damit der Niss frei sein Nachtmahl am Herde kochen könne. Aber noch heidnischer setzt man ihm an jedem Donnerstag, dem alten Sonntag der Heiden, jene Lieblingsspeise, aber auch Kuchen und Bier hin. Am Donnerstagabend durften die Männer nicht arbeiten, die Frauen nicht spinnen, weil der „Gardsvor“ seine Ruhe haben wollte. In Norwegen stand für diesen auf dem Boden ein sauber gemachtes Bett, in welchem Niemand liegen durfte. Als grauröckiges Männchen mit rotem Hut wohnt der Nisse am Herde, wo man dem „Herdvätte“ Bierwürze opfert, wenn gebraut wird, oder im Stall und in der Scheune. Auch nistet er unter einem nahen alten Laubbaume, dem Bosträd oder V&rdträd, dem Haus- oder Schutzbaum, unter dem dann gern die Bauersfrau ihre Kuh melkt, um reichlich Milch und Butter von ihm zu bekommen. Über die Wurzeln des Baumes aber wurde unter Gebeten Milch und Bier gegossen, um Unglück von Mensch und Vieh abzuwenden. Mit den Worten „O du Gottes Vätte!“ setzte man einen Krug Bier neben den Stamm des Wichterbaums des Hofes. Auch nach Wichterhügeln und Opfersteinen brachte man seine Gaben mit dem Gruße: „Gottes Frieden im Hügel!“ Der Tomtegubbe, der Hofalte, haust auch unter einem großen Stein, unter dem er Kleider, Speisen und alle Gaben des Hofbauem, dem er immer viel Gutes getan hat, in sauberster Ordnung bewahrt, bis ein Pastor ihn schroff wegweist, und alle seine schönen Sachen unter dem Steine in Asche zerfallen. Das ist der altisländische Kodranstein, in dem ein dienstbarer Geist, ein ärmadr des Bauern Kodran, wohnt. Ein Bischof besprengt den Stein mit Weihwasser und singt über ihn Beschwörungen. So wird des Geistes Herberge verdorben und er selber wie mit siedendem Wasser begossen. Er trennt sich von Kodran in Zorn. — In die Löcher des butterbeschmierten Elfensteins setzten schwedische Weiber Puppen, wenn ihre Kinder krank waren. Die Gabe neuer Kleider ist dem Nisse meist verhaßt; er fühlt sich dadurch ausgelohnt und aufgekündet, und darum verschwindet er. Am liebsten ist ihm der Stalldienst, Rinder und noch lieber Pferde wartet er sorgsam, daß sie rund und glatt werden. Auch schleppt er sich bei der Ernte stöhnend mit Heubündeln und Ähren. Zu dreien mähen sie wohl ein ganzes Feld. Getreu, zuverlässig, rastlos pflegt er zu arbeiten, aber er foppt auch gern die Dienstboten und Hunde und verwandelt sich neckisch in allerhand Haustiere. Er ist selber reizbar, eifersüchtig und rachsüchtig, wenn er verspottet oder vernachlässigt wird. Er bindet dann alle Kühe im Stall los und hält das Heu zurück; er tanzt und drückt die Mägde halb oder ganz tot und klemmt den Knecht zwischen zwei Latten der Heuscheune, sodaß er umkommt. Ja, er setzt den ganzen Hof in Flammen. Auch mit Seinesgleichen verkehrt er bald freundlich, bald feindlich. Sie spielen um ein umgekehrtes Scheffelmaß als Tisch Karten miteinander, bis sie in lärmenden Zank geraten. Die Tomten zweier einander benachbarter Höfe, die sich gegenseitig bestahlen, schlugen aufeinander los, daß das Mehl aus dem Sack des einen wie eine Wolke rund um sie her stob. Wenn die Luft nebelig, sagen noch alte Leute: „Der Mehlsack des Tomtes stäubt.“ Einst hatte ein norwegischer Bauernsohn einem Huldremädchen vor ihrem Berge ihr Trinkhorn geraubt, wie jener Graf von Oldenburg der Fehmöhme, da stürzte das Huldrefolk ihm bis auf seinen Hof nach und hätte ihn erschlagen, wenn nicht der Godbonde, der Hausgeist, sie mit seiner eisernen Stange vertrieben hätte. Ein Schleswig-Holsteiner fand beim Abreißen seines alten Hauses einen guten Eichenständer und legte in einem Loche desselben für den Niskepuks eine kleine Wohnung an. Er stellte eine Schale mit Grütze auf ein darunter genageltes Brett und rief freundlich: „Nun komm her, fröhlicher Niskepuks“. Der kam auch, und der Bauer wurde ein reicher Mann. Nicht nur einzelne Höfe haben ihren Niss, sondern auch die Dörfer, in denen sie dann wohl Dorfhirten sind. Auch Kirchennisse gab es hie und da. Sie hatten ein „Nest“ im Turme und konnten in den Schallöchem an ihren roten Mützen leicht erkannt werden. Wenn aber die Glocken geläutet wurden, verließen sie den Turm. Und sie begleiten die Schiffer in die salze See und waschen das Schiff und helfen in den Segeln. Begegnen sich Schiffe, so rufen sich die Nisse an wie die Kapitäne. Vor Sturm lärmt er im Lastraum; strandet das Schiff, so verteidigt er es gegen Stranddiebe. Aber vor dem Untergang verläßt er es mit den Ratten.

Dieses nordische Haus- und Hofgeisterwesen fühlte sich in Deutschland am heimischsten im niedersächsischen Bauernhause, auf dessen großer Diele das Herdfeuer auf vorspringendes Gebälk spielende, zuckende Lichter wirft, während im Dunkel der Winkel und Ecken heimliche Schatten huschen und leise weiche Schritte wie von einer Katze auf Treppe und Boden hörbar werden. Drum hält sich der Kobold auch am liebsten in der Nähe des Herdes auf und trägt eine rote Mütze oder Jacke in der Mark, doch verrichtet er seine Dienste meist unsichtbar und sorgt für Recht und straft die Lüge. Aber auch anderswo in Deutschland, sowie in England finden wir ihn wieder, mit denselben Haupt- und Nebenzügen. Einzelne sind hier jedoch eigenartig ausgeprägt, z. B. das nordthüringische Steppchen (Stephanchen). Wenn jemand viel Geld verdient, dem hat’s Steppchen gebracht; er gibt auch wohl bei der Hochzeit einen Hecketaler in die Ehe. Er bringt den Feldarbeitern, wie ein drachenförmiger Vogel aus der Luft herabrauschend, Essen auf den Acker. Hat sich Jemand erhängt, den hat Steppchen auf den Kopf geschlagen. Er wird bald wie der altmärkische Drak, bald als Kobold, bald als Teufel gedacht. Es gibt nicht nur Hausgeister, sondern auch Burg- und Schloßgeister. Ähnlich ist jener niederdeutsche Klabautermann, der auch seine Milch bekommt.

Es sind echte Heidengeister, darum scheuen sie das Kreuz und den Namen Jesu; aber auch das den Tag ankündende Krähen des Hahns, den man zu Olaus Magnus’ Zeiten, im 16. Jahrhundert, in Schweden zuerst in ein neues Haus brachte wegen der bösen Geister. Die meisten Hausgeister zogen wegen des Glockenklangs aus, nur einer blieb, immer weinend, auf einem Hahnenbalken zurück, bis er sich im Moor ertränkte. Auch sie hat man später wie andre Elfen (S. 147. 154) als gefallene Engel aufgefaßt.

Dieses überwiegend nordische Bild der Haus- und Hofgeister trägt trotz der jungen Überlieferung und einzelner moderner Züge einen hoch altertümlichen Charakter.

Deswegen finden wir es überall in England und in Deutschland wieder. Doch sind hier einzelne Hausgeister feiner ausgeprägt zu Burg- und Schloßgeistem. Der alemannische Poppele wohnt zwar auch in Bauernhäusern, hat aber sein Hauptquartier auf dem Hohenkrähen, nicht weit vom berühmten Hohentwiel. Unter der Burg läßt er sich von einem Müller auf dem Wagen mitnehmen, stiehlt aus dessen Geldgurt einen Taler nach dem andern und wirft ihn auf die Landstraße, wo sie im Mondlicht blinken. Als der Müller das merkt, steigt Poppele unter lautem Lachen rasch ab. In die Scheuern kommt er nachts, um Heu für das Vieh herauszuholen. Dann muß man ihn mahnen: „Poppele, nit z’viel und nit z’weng!“ sonst wirft er den ganzen Heustock herab. Sonntags Mitternacht kegelt er mit goldenen Kegeln und Kugeln. Man stellt ihm täglich einen besonderen Teller hin und sagt: „Poppele, iß auch mit!“ — Vornehmeren Schnittes sind Goldetncr auf dem Hardenstein an der Ruhr, den wir S. 178 zu den Berggeistern gerechnet haben, und Hinselmann auf dem lüneburgischen Schlosse Hudemühlen, die im 15. und 16. Jahrhundert sich bekannt machten. Beide sind unsichtbar, aber an ihren weichen Händen kenntlich, beide sind musikalisch, beide beanspruchen ein wohlbereitetes Bett, beide sind in die Schloßfräulein verliebt, beide dienen ihrem Herrn mit guten Ratschlägen, und beiden sind Laster und Untugenden zuwider. Doch haben beide auch in der Küche zu schaffen; Hinzelmann striegelt auch fleißig die Pferde im Stall und schlürft täglich eine Schüssel voll süßer Milch mit Brocken von Weißbrot Er verwandelt sich auch in einen Marder oder in eine Schlange, und neben dem Wagen des Schloßherrn, der Hudemühlen auf eine Zeit verläßt, um ihn los zu werden, fliegt er her als eine weiße Feder. Nach vierjährigem Aufenthalt schied er vom Schloß im Jahr 1588. In der Regel aber läßt der Kobold seinen Hausherrn nicht los. Ein Bauer, der seiner überdrüssig war, steckte seine Scheune an, um ihn darin zu verbrennen, nachdem er das Stroh auf einem Karren herausgeführt hatte. Wie sie nun in vollen Flammen stand, sah er um sich; da saß der Kobold hinten auf dem Karren und rief ihm ganz munter zu: „Wenn wir nicht wären entronnen, so wären wir alle verbronnen!“

Aus dem Leben der germanischen Haus- wie Feldgeister ist zwar ersichtlich, daß diese manche, auch über ihr eigenstes Gebiet hinausreichende Tätigkeit ausübten, aber sie verteilten doch nie die vielen einzelnen Handlungen des Bauern mit der peinlichen Sorgfalt unter sich, wie die entsprechenden römischen und litauischen Hausgeister. Es fehlte den Germanen z. B. ein besonderer Geist für das erste Pflügen, ein anderer für das zweite, ein dritter für das dritte, wiederum ein andrer für das Eggen, das Jäten u. s. w. Die germanischen Geister halten sich die Hände freier und greifen bald hier, bald dort ein.

Neben dem Seelen- und Marenglauben entwickelte sich in uralter Zeit der Elfenglaube und zwar aus einer umfassenden Beseelung des freien Naturlebens. Wenn er sich auch hie und da mit jenen beiden anderen Richtungen berührte und vermischte, so nahm er doch innerlichst gegenüber ihnen, wie gegenüber dem Glauben an die Riesen, die höheren Dämonen und die Götter eine selbstständige Stellung ein. Seine Bedeutung kann nicht leicht überschätzt werden. Kein Glaube hat das Alltagsleben so dicht umsponnen, keiner ist so tief ins Familienbewußtsein hineingewachsen wie dieser. Der Elfenkultus und der Elfenmythus tragen die Merkmale höchster Altertümlichkeit an sich und ragen doch auch noch in unsere Zeit. Und wie konnte es anders sein? Führten diese Wesen doch dem Menschen die maßgebenden Licht- und Wettererscheinungen, die Gewitter- und Regenwolken samt den Winden herauf. Freundlich oder feindlich kamen sie aus Berg, Busch und Bach zu ihm, sie halfen oder schadeten ihm bei Saat und Ernte, auf der Jagd und bei jedem Weide- und Pfluggang; sie mühten sich mit ihm und scherzten mit ihm in Haus und Scheune und Stall. Und auch bei schwierigeren Handlungen, wie beim Bierbrauen und Schmieden, waren sie zur Hand. Ohne ihre Güte war das alte gewöhnliche Tagesleben des Volks undenkbar, war aber auch ihrer leicht erweckten Rachsucht ausgesetzt. Daher ist denn auch ihre Behandlung zum Unterschiede vom Götterkultus zwiefacher, ja entgegengesetzter Art. Noch ganz ein Naturvolk, wehrten die Germanen die elfischen Mächte durch allerlei naive Verachtungsgeberden, z. B. das Zeigen des bloßen Hintern, und durch andere Schreckmittel ab, oder gewannen sie durch allerlei Gaben ihres bescheidenen Haushalts und andere Aufmerksamkeiten.

Im alten Island war der Unrat ein Alfrek, ein Alfenvertreiber, und in Westfalen baten die „Guden Holden“ die Leute, ihre Stätte reinzuhalten, sollte es ihnen anders gut gehen. Man fuhr in Schweden nicht über einen Fluß, ohne vor sich zu spucken, wie die Zigeuner noch heute von einer Brücke herab tun, und warf in Tirol den Wildfräulein bespieene Steine hin. Stark riechende, würzige Kräuter wie Thymian, Dill, Kümmel und Lauch verscheuchten die Elfen. Man jagte sie bei der Ernte in die letzte Garbe und tötete auch wohl die Kornmutter darin, man warf die Wassergeister mit Steinen, die Windelfen mit dem Messer und schützte sich überhaupt gegen alle diese Geister durch schneidende Geräte und Donnersteine. Laute Flüche und Trommelwirbel wurden gegen sie angewendet, später kirchlich geweihte Dinge, wie Wasser, Salz und Osterbrände. Das Feuer nennt Saxo ein treffliches Schutzmittel gegen die Dämonen. Auch Nacktheit gilt dafür. Die meisten dieser Riten stehen noch unter dem Zeichen der Zauberei.

Ebenso kindlich war die Pflege der Elfen, die jedoch nicht zarterer Züge ermangelt. Mehl streut man den Winden als stillende Speise in die Luft, auch wohl Salz und Brot. Blumen trägt man den Quell- und Waldelfinnen zu und legt diesen auch Beeren auf einen Stein. Unschuldige Kindeshand muß bei der Ernte die ersten oder die letzten Ähren schneiden, mit Seidenfaden zum Büschel binden und den Kornfrauen hinlegen oder aufhängen. Nach Berthold von Regensburg wurde den saligen Fräulein, den felices dominae, zur Nacht sogar ein Tisch mit Speisen ausgerüstet, wie wir um dieselbe Zeit vom Pariser Bischof Wilhelm d’Auvergne hören, daß die Dominae noctumae, nächtliche Fräulein, vielleicht keltischer Art, nachts in den Häusern aus offenen Speis- und Trankschüsseln sich gütlich tun und dafür Fülle und Überfluß spenden. Den nordischen Hausgeistern spendet man gern Grütze mit Butter und leckerem Honig, den deutschen ein Süppchen. Oft fehlt auch Milch, Bier oder gar Branntwein nicht. Es galt wohl schon für feiner, ihnen Wolle oder gar Geld hinzulegen, draußen auf Steinen, an Höhleneingängen, Baumstümpfen und Wurzeln, drinnen auf Türschwellen und auf dem Herde oder im Ofenwinkel. Anspruchsvoller sind die deutschen Wassergeister, die ein Huhn verlangen, noch mehr der nordische Wasserfallelf, der Fossegrim, dem Schafe oder doch ein Böcklein dargebracht wird, und auch der Neckar verlangte am Himmelfahrtstage einen Bienenkorb, einen Laib Brot, ein Schaf und einen Menschen. Ein altnordisches Alfablöt Elfenopfer, durch das man gutes Wetter und Wundenheilung erlangen wollte, brachte man im Hause mit Ausschluß Fremder oder auf einem dem Hause nahen Hügel dar, den man mit blutigem Stierfleisch belegte. Ist ein Kind unruhig oder krank, so legt man in Schweden am Donnerstagabend bei Sonnenuntergang in eine einst vom Gletscherstrudel ausgehöhlte Elfenmühle oder Älfqvarn, die man mit Butter oder Pflaumenmus bestreicht, eine Puppe, auch wohl mit Nadeln, Getreide und andern Sachen. In Tirol warf man, um das Kind zu beruhigen, eine solche Puppe in die Ziller mit den Worten: „Nachtwuone, da hast du dein Kind!“ Mit einem Betrug also macht man sich von ihr los. Solche Puppen meint wahrscheinlich der Indiculus mit den aus Tuchstücken gemachten Götzenbildern. Vielleicht hat denselben Sinn die aus dem 15. Jahrhundert bezeugte Sitte, Knabenkleider an dem Pilbisbaum aufzuhängen, also für den Bilwiz. Auch in neuerer Zeit lohnte man die Elfen, wenn sie gar zu unbequem werden, mit neuen Kleidern ab oder brannte sie aus dem Hause aus.

Die Opfer wurden den meisten Elfen bei einzelnen Anlässen, wo man ihrer Gunst bedurfte, dargebracht, aber manche, namentlich die Hauselfen, hatten, wie die Seelen, auch ihre bestimmten Opferzeiten. Den Hausgeistern spendete man täglich oder doch wöchentlich am Donnerstag, statt dessen in späterer christlicher Zeit auch der Sonnabend oder Sonntag gewählt wurde. Die schonische Hausmutter opferte am Herdfeuer den guten Wichtern am Abend der drei hohen Feste. Das Haupt jahresfest der Elfen waren aber die Zwölften zwischen Weihnacht und dem Dreikönigstag, die Rauhnächte oder Loostage, im Norden die Julzeit, die Fahrtage der Landwichter und der Elfen oder moderner die Fahrengeltage. An diesen Tagen, übrigens in Deutschland auch schon an den „scheulichen“ und „verworfenen“ Tagen der Adventszeit, ziehen die Un-hulden und Schrezlein um. Da werfen die vizentinischen und veronesischen Deutschen der Waldfrau Flachs ins Feuer; in Deutschland bekommen die Schrezlein in der hl. Dreikönigsnacht Speise. Auch die Ausstattung der Tische zu Neujahr mit Broten und anderen Speisen, eine auch römische Sitte, die schon vom hl. Eligius (gestorben 659) und später um 1000 von Burkhard von Worms erwähnt wird, könnte ebenfalls altgermanischer Brauch sein, zumal da auch die Germanen an beliebigen Tagen die Elfen gastlich an Tischen bewirteten (S. 221) und die Engländer noch 1493 in der Neujahrsnacht den „Alholde“ und „Gobelyns“ Speis und Trank auf die Bank setzten. Um Husum tanzten um 1700 in den Zwölften die „Hahnjörs“ durch die Straßen, welche Menschen krank machen und in die Irre führen, und holen sich Essen und Trinken aus den Kellern. In Norwegen besuchen die Unterirdischen einander, ganz nach der Jul-sitte der Menschen, und das Ellefolk trinkt und tanzt dann auf den Kreuzwegen und in den Höhlen. Wie die wilde Jagd oder das wütende Heer in Deutschland zieht in Norwegen die Aasgardsreia, gleichfalls ein Gemisch von Seelen und Elfen, um und hält ihr Trinkgelage oder drängt sich in die Julfeste der Menschen. Diese setzen deshalb auch etwas vom Weihnachtsessen und einen Krug Bier auf den Hof hinaus. Von der isländischen Hausfrau wurden die Alfar in der Julnacht feierlich empfangen.

Diese kindlichen, armseligen Bräuche bezeugen den niedrigen Stand einer Religion, die sich zusammensetzt aus dem Grauen oder wenigstens der Furcht vor den Naturgeistern und aus der Zuneigung zu ihnen, einer gewissen Sympathie. Noch sind diese beiden Gefühle nicht veredelt und zu dem höheren Gefühle der Andacht verwoben. Die überlegene Zauberkraft wird anerkannt, aber im Übrigen betrachtet der Mensch die Elfen mehr wie Seinesgleichen. Daher behandelt er sie oft rücksichtslos und geht mit ihnen die allerpersönlichsten Verbindungen ein, wie sie manche schöne Sage uns bewahrt. So dreht sich der Elfenglaube noch ganz wie der Seelen- und der Marenglaube, im Gegensatz zu den jüngeren Glaubensrichtungen, um den unmittelbaren privaten Verkehr mit den religiösen Mächten, die noch kaum höhere zu nennen sind. In dieser nahen Fühlung mit den Menschen, wie in manchen andern Zügen stimmen diese drei älteren Gruppen so sehr miteinander überein, daß sie, obgleich verschiedenen Ursprungs und Gehalts, oft in einander übergreifen, und manche ihrer Mitglieder fließende Übergangsfiguren geworden sind. Seelen Verstorbener werden Winde, und Seelen noch ungeborener Kinder perlen im stillen Quell empor; aber Winde sind auch Elfen, und der Atem des Wassergeistes steigt in Bläschen aus dem See auf. Jene Zwölften-umzüge umfassen meistens Toten- wie Windgeister. Auch heißen Maren nicht nur die Alpdrucks-, sondern auch die drückenden Wolkenelfinnen.

Die nahe Fühlung dieser drei übermenschlichen Wesensarten mit den Menschen hat noch eine andere Wirkung; sie hat einige bevorzugte Menschen zu jenen gleichsam hintiberzogen und mit ihrer Zauberkraft ausgestattet, namentlich mit der Fähigkeit des Alpdrückens und mit der Kunst, das Wetter zu machen, Helle und Dunkel zu verbreiten durch Schwenken eines Tuchs oder Felles. Der Zauberer Eyvind machte sich und seinen Leuten einen Hulidshjälm Hüllhelm und ein solches Nebeldunkel, daß man sie nicht mehr sehen konnte. Ähnliche Künste schrieb man auch Weibern, Hexen, zu, deren geröteten oder triefenden oder stechenden Augen der elfische böse Zauberblick, eignete. Schon ums Jahr 1000 und gewiß viele Jahrhunderte früher hieß das Elfengeschoß ein Hexengeschoß, das den Hexenschuß verursacht. Die Hexen machen das Wetter wie die Elfen, in Stubai am Sailjoch gerade an dem Elfentage, dem Donnerstag. Auch sie flechten in den Bäumen Alpruten, daher heißen diese Hexenbüsche, und man fürchtete an den Adventsdonnerstagen und in den Zwölften den Umzug nicht nur der Unhulden und Truten d. h. der Elfen und Maren, sondern auch der Hexen. Diese haben später aber auch in den Frühlingsstürmen ihren eigenen Fahrtag oder vielmehr ihre Fahmacht. In der ersten Mai- oder der Walpurgisnacht reiten sie auf Wetterbesen, dunklen Hagelwolken, zu wildem Tanz und Schmaus auf die umwölkten Berge ihrer Gegend, von denen der Blocksberg im Harz und der Bläkulle auf dem schauerlichen Felseneiland Jungfrun an der Küste von Oeland die berühmtesten sind. So ist mitten zwischen der Seelen-, der Maren- und der Elfengruppe eine vierte mythische Gruppe aus leibhaftigen Menschen gebildet worden, der aber erst der kirchliche Wahn von ihrer Buhlschaft mit dem Teufel die ganze unheilvolle Gehässigkeit gegeben hat.

Der innige Verkehr der Menschen und Elfen hatte noch eine ganz andere Folge: das Elfenreich wurde den Seelen der Verstorbenen eröffnet, es wurde eine Art Totenreich geschaffen. Die Seelen führten in ältester Zeit ein unstetes oder unsicheres Dasein bald im Hause oder in einem nahen Baum oder Stein, bald in oder bei ihrem Grabe, bald in den Lüften ringsum. Hier schon berührten sie sich mit den Haus-, Baum-, Stein- und Windelfen, und die Elfen ihrerseits suchten auch die Grabhügel zur Wohnung aus. Als Winde waren die Seelen kaum von den Elfen unterscheidbar. Dazu kam der tägliche Umgang der lebenden Menschen mit den Elfen draußen und drinnen, man glaubte sogar, daß beide sich mit einander zur Ehe zusammenschlössen, und gar manches Menschenkind war ins Elfenland entführt oder eingedrungen. Nim gingen auch die Toten ein in die Herrlichkeit des Elfenreiches, das wir oben bald auf Erden, bald droben im Himmel oder in der Luft gefunden haben (S. 170). Der Niss antwortet dem nach seinem verstorbenen Vater fragenden Sohne: „Dein Vater ist bei uns!“ In einer schottischen Sage sagt der Tote:

„Ich bin nicht tot, sondern im Elfenland gefangen“.

Die Isländer „starben“ in den Berg, d. h. ihre Seelen fuhren in den Berg, so in den Helgafell, den Heiligenberg, in dem auch Alfar wohnten und die Toten um große Feuer jubelnde Gelage hielten. So sind die schonischen Trollenberge am Julabend auf Goldpfeiler gestellt, unter denen die Trolle tanzen. Die deutschen Toten aber kamen in den Rosengarten der Zwerge, die durch ihre paradiesischen Eigenschaften, durch einen dahin übersetzenden Fährmann oder einen Wächter, der eine Hand und einen Fuß als Zoll fordert, als Totenreiche charakterisiert werden.

Der Elfenglaube war ein Angelpunkt des germanischen Gesamtglaubens. Den Seelen- und den Marenglauben entwurzelte oder lockerte er zwar nicht, im Gegenteil diese blieben unvergleichlich fest in der Volksseele haften; aber die Naturverehrung gab ihm das Übergewicht über die beiden andern. Er gehörte nicht nur wie sie zu den ältesten und bis heute dauernden Grundlagen des menschlichen Glaubens überhaupt, sondern er bildete, zum Unterschied von ihnen, mit dem Riesenglauben vereint, die Grundlage des ganzen höheren Dämonen- und Götterglaubens.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen Meyer, Elard Hugo.

Mythologie der Germanen – Die höheren Dämonen

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Die Germanen gehörten zu denjenigen Naturvölkern, die zwar lange Zeiten hindurch nomadenhaft ihre Wohnsitze immer wieder wechselten, aber in der Regel mit diesem Wechsel einen höheren Kulturstand erreichten. Das zeigt auch ihr Übergang von der niederen zu einer höheren Mythologie. Sie gaben zwar keineswegs den Glauben an Gespenster und Maren, Elfen und Riesen auf — er bildete vielmehr den dauernden Untergrund ihrer Religion bis in die neuere Zeit hinein —, aber er allein genügte nicht mehr. Diese Wesen alle waren trotz ihrer mannigfachen Zauberkräfte doch nicht viel mehr als ihresgleichen. Im Umschwung der großen Schicksale, der die germanischen Stämme aus dem Osten zuerst nach Mitteleuropa und dann weiter nach Süd- und Westeuropa warf, bei der wachsenden Erkenntnis ihrer höheren Lebenszwecke bedurfte es für sie anderer stärkerer Mächte, als jene niederen Dämonen waren, um ein festes Vertrauen zu ihnen und das noch fehlende tiefste religiöse Gefühl, die Andacht, zu erwecken. Wie in der Sprache der alte Wortschatz einen allmählichen Bedeutungswandel erfuhr, indem man der Bezeichnung nicht bloß äußerlicher Dinge und Vorgänge, sondern auch innerer Eigenschaften Herr zu werden suchte, so bildete sich im Glauben der alte Mythenschatz um, indem seinem mehr sinnlichen Gehalt mehr und mehr geistige, sittliche und aesthetische Motive eingeflößt wurden. Die alten Figuren wurden umgeformt und vergeistigt, ihr Kultus gereinigt und vertieft. Aus dem sinnlichen Mythenstoff keimten immer kräftiger die Empfindungen des Unterschiedes von Schön und Häßlich, von Gut und Böse, von Vergangenheit und Zukunft empor. Über das Urgestein schob sich eine neue, in vielen Stücken wertvollere Schicht, die aber weder die Mächtigkeit der ältesten, noch die der späteren hatte. Mit andern Worten: der Glaube erstieg eine höhere Stufe, die der höheren Dämonen, die eine Zwischenstufe von der niederen Mythologie zu der Göttermythologie bildet.

Veredelung oder doch Vergeistigung des dämonischen Wesens ist das Hauptmerkmal, das diese höheren Dämonen von den niederen scheidet. Zwar haben auch sie noch nicht allen Zusammenhang mit den sinnlichen Naturerscheinungen gelöst, aber ein höherer, von diesen mehr oder minder unabhängiger Beruf füllt doch nun fast ihr ganzes Leben aus. Sie treten auch gewöhnlich nicht mehr in unzählbarer Menge auf, sondern ordnen sich entweder zu einer Sippe, wie die Riesen des späteren Mythus, oder sie verteilen sich in zwei oder drei Scharen, oder sie bilden eine scharf umrissene Gruppe von zwölf, neun, sieben oder drei Personen, wie die Walküren und die Nornen, oder auch nur ein Paar, oder sie schließen sich zu einer einzigen Gestalt zusammen, die nun ein ganz individuelles halbgöttliches Dasein führt, wie Mimer und Loki. Gleich den Elfen und den Riesen des späteren Mythus werden sie häufig in einen umfassenderen Götteroder Heroenmythus verflochten, aber sie greifen auch tief ins Menschenleben ein. So stellen sie einen Dämonenadel dar, der das niedere Volk der älteren Geister nicht verdrängt, aber überragt, jedoch selber wieder unter den noch jüngeren königlichen Göttern steht und diesen oft zu dienen hat. Mancher echt germanische Zug haftete schon den Seelen, Maren, Elfen und Riesen an, obgleich alle diese Dämonen internationale Figuren des indogermanischen Völkerkreises waren. Die höheren Dämonen haben zum Teil auch noch wenigstens ihren Ursprung in solchem weiteren Kreise, der sich aber schon zu einem indoeuropäischen zusammengezogen hat; zum Teil tragen sie bereits ein ganz nationales, eigentlichst germanisches Gepräge.

Unter diesen höheren Dämonen beanspruchen die weiblichen den Vortritt, sie zeigen sich gern in Gruppen. Die Nordleute nannten sie Disir, d. h. kluge Frauen oder genauer Spddisir, framvisar Disir zukunftskundige Frauen, worunter sie halbgöttliche Weiber verstanden, bald Nornen, bald Walküren, bald Schutzgeister. Ihnen scheinen die weit ungenauer charakterisierten Idisi in Deutschland zu entsprechen.

Die Schicksalsfrauen oder Nornen, die die erste Gruppe bilden, haben in den griechischen Moiren und den römischen Parzen ihre ziemlich getreuen Gegenbilder. Der Name der Nornen, der ursprünglich auf Island, die Färöern und Norwegen beschränkt war, ist nicht sicher zu deuten. Wenn er wirklich, wie man vermutet, die Flechterinnen bezeichnete, so würde das nicht nur zu der bisher einleuchtendsten Erklärung des lateinischen Parzennamens stimmen, sondern auch einen Hauptzug ihres Tuns wiedergeben. Nicht nur die nordischen Nornen, sondern auch die ihnen entsprechenden deutschen Schepfen flochten und wanden das Schicksalsseil. Seltener gebrauchte man für sie im Norden den Plural Urdir, dessen Sinn klar ist. Denn das singularische Urdá (r), der Name der bedeutendsten isländischen Norne, geht im Sinne von Geschick, Verhängnis, Tod als althochdeutsch Wart, altsächs. Wurdh, angelsächs. Wyrd, englisch Weird durch die andern germanischen Sprachen. Aber auch in diesen nahm der abstrakte Gattungsname, wie das entsprechende griechische Moira, das Lebenslos, mehr und mehr den Charakter des Eigennamens eines überirdischen Wesens an, die Wurt wurde eine Schicksalswalterin. Als Hadubrand, der seinen Vater Hildebrand für tot hält, vom Zweikampf mit diesem nicht lassen will, da ruft der Alte aus: „Nim wohlan, waltender Gott, Wehwurt geschieht!“ Schon persönlicher nimmt im Heliand und im Beowulf die Wurd oder Wyrd den Menschen weg, d. h. er stirbt, und die Wyrd webt ihm sein Geschick. In England waren die drei Weirdsisters bekannt.

Daneben erscheinen die Schicksalsfrauen als die altdeutschen Skeffarun, Skephentun, Schepfen und als rasche, jähe Gdchschepfen und noch bei Michael Behaim als die Geschöpfen, d. h. Verhängerinnen, wie auch den nordischen Nornen das Skapa, d. h. Verhängen, beigelegt wurde. Die angelsächsischen messen das Leben ab als graman Mettena grimme Messerinnen, und das ganze Schicksal hieß altsächsisch Wurdigiscapu oder Metodogiscapu und, als Werk ratender Mächte, Reganogiscapu.

Die Schicksalsfrauen treten fast immer in der Dreizahl auf, wahrscheinlich weil sie den Anfang, die Mitte und das Ende des Lebens bestimmten, und sehr häufig sind sie verschwistert oder wenigstens miteinander nahe verwandt. Burkhard von Worms nennt die drei „Parzen“, deren Bewirtung er tadelt, Schwestern, Saxo erzählt von drei schicksalbestimmenden Schwesternnymphen, der Engländer kennt drei Weirdsisters, der Friese , der Niedersachse drei weiße Jungfern, der Süddeutsche, insbesondere der Bayer, drei Schwestern, Basen, , Jungfern oder auch drei Heilrätinnen. Wie die Disir, die nicht nur Walküren, sondern auch Nornen bezeichnen, weiß oder schwarz sind, ist auch die der Urdr gleiche Hel halb schwarz, halb menschenfarbig, und von den drei bayrischen Heilrätinnen, deren eine Hel(d) heißt, ist die eine weiß, die andere halb weiß, halb schwarz und die dritte schwarz. Dem heiteren Geburtstage gebührt die weiße, dem freudevollen, aber auch mühevollen Hochstande des Lebens die gemischte und der ernsten Todesstunde die schwarze Farbe ihres Gewandes. Einfluß geübt haben mag auf diese Verteilung auch die Verschiedenheit der älteren Elfinnen, die, je nach der Wolkenfarbe, in der sie erschienen, bald licht und freundlich, bald finster und feindselig waren, bald zwischen beiden in der Mitte schwebten. So wurde im indischen Weda die leise auf dämmernde, dann voll prangende und wieder dahinschwindende Göttin der Morgenröte in den drei Formen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgeführt. Namentlich mit den Wolken- und Quellelfinnen zeigen die Nornen nahe Verwandtschaft. Der Schotte kannte sogar Weirdelves, die Norae Skuld ist Tochter einer Alfin und ist von Alfen und Nornen umgeben. Saxo nennt die Nornen Nymphen, und die bayrischen drei Schwestern sind auch Wasserjungfern und Meerfräulein. Gleich deutschen Nixen, weißen und wilden Frauen, spinnen, flechten, singen, weissagen jene drei Schwestern, und die nordischen Nornen sind auch Schwäne und Schwanjungfrauen. Die drei süddeutschen Schwestern haben wie die Wirbelwindsbräute (S. 164) einen Gürtel, der, vom Menschen umgelegt, ihm den Leib zerreißt. Wenn die Schicksalsfrauen andrerseits in der Völuspa drei übermächtige Riesenmädchen heißen und Urd vereinzelt als schwarzgekleidete Riesin auftritt, so kommt darin ebenfalls ihre Herkunft von älteren Naturdämonen, aber auch die Gewalt ihres erhabenen Berufs zum Ausdruck. Dann wieder stammen sie von Äsen, Alfen und Zwergen ab, je nach ihrem Charakter und dem Gebiete ihrer Tätigkeit. Doch scheinen sie keine Macht über der Götter Dasein zu haben, und ihr Erscheinen nach der Menschenschöpfung in der Völuspa hat den Zweck, den Menschen das Schicksal zu bestimmen.

In der Nornenschilderung der beiden Edda’s mischt sich Uraltes und Neueres. Die drei Nornen sitzen am Urdarbrunnen unter der immergrünen Eiche Yggdrasil, dem Wolkenbaum, den sie (täglich) mit glänzendem Naß begießen. Von da fällt der Tau in die Täler herab. (Zwei Schwäne schwimmen auf dem Brunnen.) In diese alte Wolkenscenerie, in der man die stille Badestelle der Schwanjungfrauen wiedererkennt, dringt mm der Gedanke eines höheren Berufes. Aus dem Saal oder, nach anderer Lesart, dem See unter dem Baum kamen die vielwissenden Mädchen Urdr, Verdandi — sie schnitten in ein Holzstück (den Schicksalsspruch) — und Skuld. Sie bestimmten das Gesetz, sie erkoren das Leben den Menschenkindern, das Schicksal der Männer. Und nun beginnt in der Völuspa sich das Weltenschicksal zu entrollen. Ruhig walten die Nornen ihres hohen Amtes. Eine ähnlich großartige Landschaft tut sich hinter ihnen bei des vornehmsten echt nordischen Helden Helgi Geburt auf. Da schrieen die Adler, und heilige Wasser strömten von himmelhohen Bergen. Kräftig wanden sie die Schicksalsfäden unter burgenbrechendem Sturm. So künden sie noch wie mit Naturkraft ein leidenschaftliches kurzes Kampfleben an.

Wie die drei Nornen, wohnen die drei bayrischen Schwestern an einem Brunnen oder See, schwimmen als Enten darauf, singen und jammern vor großen Ereignissen. An ihrem Rastort, der „Jungfernrast“ bei Meransen, hoch oben in den Alpen, entsprang ein heiliger Baum und ein Brünnlein. Von da spenden sie Regen, weshalb man bei Dürre noch im 19. Jahrhundert sieben bis acht stundenweite Wallfahrten dorthin machte. Wie die Nornen das Schicksalsseil drehen und auswickeln, so spinnen die bayrischen Schwestern, hängen Wäsche auf und spannen ein Seil von einem Berg zum andern, um gutes oder schlechtes Wetter anzuzeigen. Wird ihrer eine verwundet, so bricht ein Unwetter los.

Jene blaß abstrakten Einzelnamen der drei nordischen Nornen: Urdr, Verdandi und Skuld, die offenbar das Gewordene oder die Vergangenheit, das Werdende oder die Gegenwart und das Gesollte oder die Zukunft bedeuten sollen, sind stark verdächtig, den spätlateinischen Parzennamen Praeteritum, Praesens und Futurum nachgebildet zu sein. Von echterem Klange sind die allerdings auch wenig frisch sinnlichen Namen der drei süddeutschen Schwestern Einbet, Wilbet und Werbet, die wohl von Bitten in der alten Bedeutung des Gebietens und Befehlens herzuleiten sind. So wird auch das entsprechende nordische Bidja das Befehlen, Bestimmen als eine Haupttätigkeit der Nornen hervorgehoben. Dann wäre Einbet die in ihrer Art einzige Schicksalsbestimmerin, die oberste Bestimmerin, Wilbet, die des Gewollten, des Erwünschten, Werbet, die der Wirren, der Wechsel des Lebens.

Diese drei heidnischen Schwestern wurden nicht nur in den Heiligenstand erhoben, sondern auch an manchen Orten alle drei oder ihrer zwei durch Heilige ersetzt. Sie heißen dann St. Einbet, St. Werbet, St. Wilbet; von denen die erste bei Freiburg i. B. auch allein eine Kapelle hatte. Auf dem Kapellenberg bei Gengenbach aber, dem Platz eines alten Römerkastells, wurde der Einbet und den beiden christlichen Märtyrerinnen St. Perpetua und St. Felicitas eine Kapelle gebaut, und im Jülichschen und im Elsaß sogar Fides, Spes und Caritas an ihre Stelle gesetzt. Sie wurden auch dem Heere der 11000 heiligen Jungfrauen eingereiht. Die Bayern verehrten die drei Schwestern in unterirdischen Gängen und Höhlen, „steinernen Stuben“, und an heilkräftigen Brunnen bis in die Brixener Gegend, die Alemannen bei dem Dreischwesterbrunnen auf dem Rigi und an den Hängen des Schwarzwalds und noch über dem Rhein, die Franken vorzugsweise im niederrheinischen Jülichgaue. Saxo weist den nordischen drei Schwestern einen Tempel mit drei Sitzen an.

Die deutschen und die nordischen Schicksalsfrauen stimmen nicht nur in ihrem Naturleben, sondern auch in ihrem Berufsleben überein. Jene wie diese „schaffen“ oder „schepfen“ d. h. verhängen, oder „bitten“ im Sinne von befehlen, bestimmen, oder „raten“ d. h. entscheiden das Schicksal. Die guten Nornen schaffen Glück und Ehre, die bösen Freud- und Ruhmlosigkeit. Sie richten und weisen und weissagen schon bei seiner Geburt des Menschen Los, das die beiden ersten, wie es nach der Völuspa scheint, auf ein Holz einkerben. Darum hieß auch im Angelsächsischen der Schicksalsbeschluß Schicksalsbuchstabe Vyrdstäf. Ihrem unwiderruflichen Wahrspruch, heißt es, kann niemand widerstehen oder

„Niemand lebt nur noch einen Abend, wenn er ihren Spruch vernommen hat“.

Es bricht hier das Gefühl des Unabwendbaren durch, das mit unerschrockenem Fatalismus die Helden des germanischen Südens wie die des Nordens durchdringt und noch in der neueren isländischen Alfensage so ergreifend zum Ausdruck kommt.

Nach Burkhard von Worms um 1000 bestimmen drei Schwestern das Schicksal des Menschen bei seiner Geburt und können ihnen dabei die Fähigkeit verleihen, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Nach Saxo befragte König Fridlev nach feierlichen Gelübden drei auf Stühlen sitzende Nymphen in ihrem Tempel um die Zukunft seines Sohns. Die zwei ersten verhießen ihm Reichtum und Glück, die dritte aber Geiz. Der antiken Meleagersage scheint die vielleicht nur scheinnordische Nornagestssage zu entsprechen, in der zwei Nornen dem Kinde Glück verkünden, die dritte dagegen nur das kurze Leben einer neben ihm brennenden Kerze. Die wird mm rasch gelöscht, um ihre schnelle Aufzehrung zu verhindern, gerade wie der Feuerbrand des Herdes bei Meleagers Schicksalsoffenbarung. Auch die deutschen drei Schwestern stimmen keineswegs immer in ihrem Ausspruch überein, die zwei weißen haben meistens die gleiche Gesinnung, während die dritte sich oft nicht in den Willen der andern fügen will. So galten auch ihrer zwei für blind und wurden von der dritten übervorteilt.

Aber nicht nur durch Spruch oder Schrift fällen sie ihr Urteil, sie spinnen auch das Leben des Menschen an, spinnen es weiter, spinnen es ab. Sie wirken sein Lebensgewebe oder flechten ein Seil, bis die eine es zerreißt. Klar drückt dies ein Minnesinger des 13. Jahrhunderts, der Marner, aus:

„Zwei Schepfen flochten mir ein Seil, dabei die dritte saß; die zerbrach’s zu meinem Unheil“.

Unklarer ist das erste Helgilied. Die für Helgi kräftig gewundenen Schicksalsfäden waren goldene Seile, die die Nornen auseinander wickelten und unter dem Himmel befestigten. Ihre Enden bargen sie im Osten und Westen, zwischen denen sein Land in der Mitte lag. Eine Kette aber warf eine Norne nordwärts und befahl ihr, immer zu halten. Bedeutet das: Weit soll Helgi’s strahlender Ruhm sich ausbreiten und sein Andenken im Norden ewig dauern?

Die Nornen der Geburt sind Nothelferinnen, schon in der Liederedda Naudgönglur, die die Mutter vom neugeborenen Kinde lösen. So spinnen die zwei guten bayerischen Heilrätinnen Leinen für die Wöchnerin, die sich darauf legt, um leichter zu gebären, und die drei Jungfern von Schildtum, denen 1237 eine Kapelle geweiht wurde, beförderten glückliche Entbindung. Darum erschienen die Nornen, wie die drei deutschen Schwestern des Mittelalters und die neuisländischen Blakapur oder Schwarzmäntel, bei der Geburt im Hause des Neugeborenen und wurden hier bewirtet. Die „Nornengrütse“, wahrscheinlich die beliebteste mit Honig durchsüßte Grütze, die erste Speise der färöerschen Kindbetterin, ist wohl als Nornenopfer zu betrachten. Auch das Zuckerwerk, das noch in Deutschland und Holland das Neugeborene seinen Geschwistern mitbringt, mag ursprünglich für die Schicksalsfrauen bestimmt gewesen sein. Denn Burkhard von Worms erwähnt die volle Zurüstung eines Tisches mit Speis und Trank und drei Messern für die drei Schwestern. Aber sie fand nicht am Geburtstag, sondern zu Neujahr statt, war also übertragen auf die Zeit, in der man im Orient und darnach im Abendlande den Tisch des Glücks mit Speisen und Getränken versah.

Die Gabe, ein Geldstück oder eine Peitsche oder ein Kochlöffel, die man noch hie und da in Deutschland zu guter Vorbedeutung ins erste Kindsbad beschert oder dem Kinde ins Händchen steckt, wird früher als Gabe der Schicksalsfrauen gedacht worden sein, wie es der unten erwähnte griechische Brauch ausdrückt. Die deutschen Schicksalsfrauen wurden wahrscheinlich auch mit einem Liede begrüßt, das in moderner Form noch über der Wiege manches Bauernkindes gesungen wird:

„In N. N. steht ein goldnes Haus,
Da schauen drei Jungferle (Mariele) heraus,
Eine windet Seide,
Die andere schnitzelt Kreide,
Die dritte schneidet Haferstroh,
Behüt mir Gott mein Kindlein auch!“

Hoffnungsvoll beginnt das Leben mit dem Winden der schönen Seide, setzt sich fort in dem unklaren, wahrscheinlich verderbten Kreideschnitzeln und endet mit dem Schneiden des dürren Strohes, eines Symbols des Todes. Freundlicher heißt es auch von der letzten Jungfer: „Die dritte macht’s heilig Tor auf“, sie öffnet also den Himmel. — Weiße Fleckchen auf den Fingernägeln, die noch heute nach deutschem Aberglauben Glück bedeuten, gelten auf den Färöern für „Nornenspuren“.

Die altnordischen Nornen gossen Naß auf den Wolkenbaum, von dem Tau auf die Erde herabfällt. Auch die bayerischen drei Schwestern begünstigten nicht nur die Fruchtbarkeit der Weiber, sondern auch die der Felder, weshalb bei Dürre die Tiroler mühsam über Berg und Tal zu ihnen hoch nach Meransen hinauf wallfahrten. An den drei ersten Märzdonnerstagen verehrt man zu Lützkampen im Kreise Prüm die drei in Holz geschnitzten Fides, Spes und Caritas, vielleicht weil man dann die ersten Pfluggänge machte; in Frauweiler bei Bedburg wurde der Einbett, Willbett und Warbett am 1. August d. h. am Schluß der Getreideernte das Dreijungfernfest gefeiert, und den süddeutschen drei Heilrätinnen opferte man drei schwarze Pfennige oder auch vor der Ernte drei stehende Ähren, die man mit weißer Seide zusammenband und die dann ein Kind unter sieben Jahren auf das Feld legte. Auch scheinen sie Ehestifterinnen zu sein, denn die drei wilden Frauen vom Staufen bei Reichenhall, zwei weiß und die eine halb schwarz, halb weiß, kamen nicht nur nach der Geburt ins Haus und sangen, dem Kinde zum Glück, sondern sie kamen auch zur Hochzeit. So erschienen früher auch auf märkischen Hochzeiten drei Feien oder als Frauen verkleidete Maschkers. Von der Botenlaube, einer Burg bei Kissingen, stellten sich die drei Schwestern, in denselben Farben wie jene Staufer Frauen, bei Kindstaufen, Hochzeiten und Begräbnissen ein.

Ist der Nornen Spruch ergangen, so lebt niemand nur einen Abend. Der Urdarmdniy der Mond der Norne Urd, ein halbmondförmiger Schein, bewegt sich an der Wand eines Hauses und bedeutet großes Sterben; ebenso wie das westfälische Quädlecht an der Wand den Tod eines Hausbewohners ankündigt. Namentlich Urd, Wurd oder Wyrd führt den Tod durch ihren Eingriff herbei, und Ainbet wird als ein mörderisches Burgfräulein geschildert. Wie diese zur Held oder Rachel d. h. zur rächenden Hel, der Unterweltsgöttin, wird, berührt sich auch Urd nahe mit der nordischen Hel. Hel bezeichnete ursprünglich das Grab, weiterhin das Totenhaus und endlich die Herrscherin desselben. Sie ist halb schwarz, halb menschenfarbig oder ganz schwarz; sie hat ein Seil und einen Hund gerade wie die bayerische Held; sie nimmt nach der älteren nordischen Auffassung und der Volkssage alle Toten auf, nach der späteren nur die nicht im Kampf Gefallenen oder gar nur die Schlechten. Aber auch den getöteten Gott Balder erwartet die Hel in einem hohen geschmückten Hause, im Saale Eljudnir, mif Met und Goldschmuck der Dielen. Auf dem Helweg kommt man über den Totenfluß zur Helgrind, zum Höllengitter. Aus Näsheim, dem Totenheim, reitet ein großes Weib auf grauem Hengst, an dessen Schwanz ein Mann fortgeschleppt wird zur Strafe für seine Schlechtigkeit. In Dänemark geht ein Seuchen ankündigender Hel als dreibeiniger Helhengst um, der an den männlichen reitenden Tod der Apocalypse erinnert. In Bayern erscheint dieses gespenstische Todesroß allein oder mit den drei Schicksalsschwestern.

Der Dreischwesterglaube ist nicht schon in der indogermanischen Gemeinschaft entstanden, er scheint auf die europäischen Indogermanen beschränkt. Die Schicksalsfrauen sind nicht gleich den Gestalten der niederen Mythologie psychologische Urphänomene, sie sind Geisteserzeugnisse einer schon späteren Kultur in Europa, die mit der der asiatischen Arier, der Iranier und Inder, nicht mehr in genauem Verbände stand.

Schon in der homerischen Dichtung tritt eine einzige Schicksalsfrau oder mehrere, meist drei, auf, eine Moira oder drei Moiren, wie im germanischen Glauben eine Urd-Wurt oder drei Urdir. Die Moiren sind schon damals Klothes, Spinnerinnen, deren erste bei der Geburt eines Menschen den Lebensfaden anspinnt, während die beiden anderen ihn weiter- und abspinnen, oder die letzte ihn zerreißt oder nach römischer Anschauung abschneidet, sowie die germanischen spinnen, winden, weben und ein Seil drehen und zerreißen. Nach hellenistischem und neugriechischem Glauben spinnt nur eine, die andere zieht von drei Losstäbchen eins hervor, die dritte schreibt den Schicksalsspruch auf ein Täfelchen oder in ein Buch. So kannte der Angelsachse ein Vyrdstäf, ein Losstäbchen der Vyrd, und zwei der nordischen Nornen schnitten den Schicksalsspruch in ein Holz ein. Unwiderruflich ist der griechischen wie der germanischen drei Frauen Beschluß. Noch vor Kurzem riefen schwangere athenische Frauen die Hilfe der Moiren an und rieben sich dabei an einem Felsen bei der Quelle Kalirrhoé, und so breiteten ja auch die bayerischen Heilrätinnen ihr Leintuch hilfreich den Gebärenden unter. Die antiken Moiren wurden auch bei Geburten angefleht und in Sikyon alljährlich mit trächtigen Schafen, Honigwasser und Blumen beschenkt. Die neugriechischen Moiren, die in der dritten Nacht nach der Geburt erscheinen, werden im sorgsam gesäuberten Hause mit einem Teller Honig, Zuckerwerk und drei Gläsern Wasser, drei Löffeichen und drei Handtüchern empfangen. Auf Corfu legt man für sie neben den Neugeborenen außer Brot und Zuckerwerk auch Gold. Ähnlich wurden die germanischen Schicksalsfrauen bewirtet und beschenkt und ähnliche Gaben, Zuckerwerk und Geld, auch neben das deutsche Kind gelegt. Und, um das gleich anzuführen, auch den bretonischen Feen wurde eine reich besetzte Tafel mit drei Gedecken bereitet, um sie dem Neugeborenen günstig zu stimmen. Nehmen und Geben gehen in diesem Verkehr hin und her; die Gaben sind bald mehr für die überirdischen Weiber, bald mehr für das neue schwache Erdenkind bestimmt. Die griechischen Drei sind nicht immer einig in ihrem Verhalten gegen das neue Leben; öfter hadern sie vor ihrem endgültigen Schicksalsspruch unter einander. So zanken auch häufig die nordischen Nornen und die bayerischen Schwestern. Kleine Blütchen auf der Nase des neugeborenen Kindes gelten in Neugriechenland für Schriftzeichen der Moiren; weiße Tupfen auf den Fingernägeln, „das Blühen der Nägel“, im Norden für Nornenspuren. Die von der deutschen Mutter an der Wiege ihres Kindes begrüßten drei Jungfern schauen aus einem goldenen Haus; die Moiren wohnen auf dem Gipfel des Olympes oder am Ende der Welt in einem Palast mit herrlichem Garten. Die drei wilden Frauen vom Reichenhaller Staufen singen das Hochzeitslied, wie die drei Moiren bei der Vermählung des Zeus mit der Hera und der des Peleus mit der Thetis. Wie Wurt und die Todesgöttin Hel sich berühren, so wirken schon in der Ilias Moira und die beiden Todesgottheiten Thanatos und Ker kameradschaftlich zusammen, und der neugriechische Todesgott Charos auf seinem Pferde, der die Moiren vom Gebiete des Todes zurtickgedrängt hat, erinnert an den germanischen Helhengst, der die Stelle der Todesnorne einnimmt. Felsgrotten und unterirdische Gänge waren in Griechenland wie in Bayern die Lieblingskultstätten der Schicksalsfrauen.

Die auffallende Übereinstimmung der Grundzüge des germanischen Nornenglaubens mit denen des griechischen Moirenglaubens, die auch bei den Slaven und Kelten wiederkehren, darf nicht auf Entlehnung zurückgeführt werden, sondern ist aus alter Religionsgemeinschaft zu erklären. Aus dieser heraus entwickelte dann nach der Trennung jedes Volk für sich einzelne besondere, meist aber dann auch noch ähnliche Züge. Die Gesamtbenennung dieser mythischen Wesensgruppe scheint sich erst später befestigt zu haben und ist darum überall eine abweichende, und so auch die Benennung der einzelnen drei Gestalten. Die einzige Übereinstimmung auch in den Namen, die zwischen den römischen Parzen und den nordischen Nornen besteht, ist dagegen mehr gelehrten Charakters. Schon in Platos Republik erscheinen die Moiren als Zeitgottheiten, welche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft singen. Aber nach den Zeiten benannt sind erst bei Isidor die drei spätlateinischen Parzen Praeteritum, Praesens und Futurum, denen dann wieder in der Völuspa die Namen der drei Nornen Urdr, Verdandi und Skuld nachgebildet worden sind. Dagegen mag die Doppelfarbigkeit der drei bald weißen, bald schwarzen deutschen Schwestern und der römischen bald weißen, bald schwarzen Parzen in Bayern, wie in Rom aus ihrem zwiespältigen Wesen selbständig sich ergeben haben.

Wie die griechischen und germanischen Schicksalsfrauen spinnen die Parzen, singen bei der Gebtut, und ihrer eine, namens Scribunda, trägt den Schicksalsspruch ein und zwar in ein Buch; neu ist ihr Name „Mütter“, der vereinzelt dem Parzennamen vorgesetzt wird. Da wirkten wahrscheinlich die drei Matres oder Matronae herüber, denen in den Rheinlanden Hunderte von Steinen mit Inschriften und auch Bildnissen geweiht worden sind. Sie waren aber keine Schicksalsgottheiten, sondern keltische Ortsgottheiten wohl ausschließlich der Fruchtbarkeit, die dann auch von den angrenzenden Germanen übernommen wurden. Sie wurden dargestellt als mütterliche Frauen, die nebeneinander sitzend den Segen der Erde in Körben auf ihrem Schoße halten.

Die Schicksalsfrauen bestimmten zwar des Menschen Lebenslauf, aber sie verfolgten diesen nur von ferne, sie begleiteten ihn nicht. Fast nur bei Geburten und etwa noch bei Hochzeiten und Sterbefällen traten sie in die Häuser. Doch der Mensch hatte auch seinen persönlichen Begleiter, der ihm auf all seinen Wegen folgte, einen Schutzgeist. Das war in Griechenland der Daimon oder auch Heros, in Rom der Genius der Männer und die Juno der Frauen, im germanischen Norden aber — denn in Deutschland ist sie nicht erkennbar — die Fylgja oder Fylgjukona die Folgerin, Folgefrau. Mit ihr fällt oft zusammen die Hamingja, die wohl von dem Ham d. h. der zarten Glückshaube des Neugeborenen, die für ihren Sitz galt, ihren Namen hat. Beide unterschieden sich aber dadurch, daß die Fylgja nicht immer zuverlässig schützte und nicht immer Glück brachte, während die Hamingja ursprünglich mehr einer freundlichen Fortuna glich, die man sogar einem Andern mit auf den Weg gab.

Bei den Griechen, Römern und Nordgermanen hat sich der Schutzgeist aus der Vorstellung der Seele des Menschen entwickelt, darum teilt er einige merkwürdige Eigenschaften mit ihr. Er wird dem Menschen namentlich sichtbar im Traume und dicht vor dessen Tode, d. h. dann, wenn sich die Seele vom Menschen löst; sein Erscheinen kündet ihm also auch, wie das der Seele, den Tod an. Er nimmt dabei, wie sie, entweder Tier- oder auch Menschenform an und zwar von den Tierformen, ebenfalls wie sie, namentlich die der Hausschlange oder eine dem Charakter seines Schützlings entsprechende Tierform. Der griechische Heros zeigt sich bald als Schlange, bald als Wolf; ein dem Genius geweihter römischer Altar wird als von einer Schlange umwunden dargestellt. Da wir im Norden fast nur von den Lebensläufen vornehmer und kriegerischer Männer hören, tritt die Hausschlange zurück. Aber im Traum rennen die „Hugir“ die Seelen starker Männer als Bären und Wölfe heran und schweben als Adler, Raben, Schwäne und fantastische Tiere vorüber. Des Helden Bjarki Fylgja kämpft, während er noch im Zelte schlummert, schon draußen als Bär, der aber beim Erscheinen des Erwachten in der Schlacht sofort verschwindet. Scherzhaft behauptete ein Alter, der sein Enkelkind fallen sah, es wäre über einen Bären, seine Fylgja, gestolpert. Wie oft künden sich in den Sagen Personen und ihre Schicksale durch ihre Fylgjen in der Gestalt heldenhafter Tiere an! Jedoch Thord, ein zum Hause Njals gehöriger Freigelassener, sah vor seinem Tode seine Fylgja als ein bloßes Haustier, einen Geißbock, blutig in einer Pfütze liegen; ein im Traum eines andern erschienener roter Hengst wurde auch als Fylgja gedeutet, die einen gewaltsamen Tod ankündige.

Die reifste Form des nordischen Schutzgeistes, die weibliche, hat sich am entschlossensten von den alten Seelenvorstellungen losgesagt. Sie übertrifft die des antiken Schutzgeistes an Freiheit und plastischer Deutlichkeit, sowie an Tiefe des Ausdrucks für das Verhältnis des Menschen zu seinem besseren Selbst. Während die Griechen und überwiegend auch die Römer sich ihn als männlich dachten, faßten die Nordleute, denen ihr Weib eine irdische Lebensgefährtin war, auch diese überirdische Geleitschaft als eine Frau, eine übermenschliche Dis auf. So hatte denn auch ursprünglich jeder nur eine Fylgja, die geheim neben ihm waltete ; denn sie wurde in der Regel von Andern als etwa Geistersichtigen oder Hellsehern (spämadr) nicht erblickt, selbst von ihrem Schützling, wie bemerkt, nur im Traume, oder dicht vor seinem Tode. Aber indem sie ihm vor dem Kampfe Mut einflößte oder eine Warnung gab, schloß sie sich dicht an ihn an, weshalb sie auch einmal mit einer aufhockenden Mare verglichen wurde. Doch auch ganz anders trat sie auf. Der zwischen Heiden- und Christenglauben schwankende Hallfred Vandraedaskald sah sie, als er auf einer Seefahrt im Sterben war, als walkürenhaft gepanzertes Weib über die Wogen auf sein Schiff zuschreiten. Einem Andern, der eines gewaltsamen Todes sterben sollte, erschien sie blutbefleckt, als wäre sie schon von seinem Blute angespritzt. Am ergreifendsten weiß die dänische Volksballade vom Erik Glipping, der im Jahr 1286 ermordet wurde, den schmerzlichen Abschied von ihr und aller Lebenslust zu schildern: Der auf der Jagd verirrte König fand seine Fylgja in einem Waldhaus als schönste Jungfrau, und wie er sie umarmte, schwand sie ihm unter den Händen, und er stand wieder in dichtem Gestrüpp, einem schmählichen Tode verfallen.

Unter den Seelen ist die angesehenste die des Familienhaupts, des Ahnen oder vielleicht der Ahnin; sie bleibt wirksam über mehrere Generationen hinaus. So erweiterte sich dem entsprechend der persönliche Daimon und Genius der Alten zum Schutzgeist der ganzen Familie, so wurde die Fylgja des Einzelmenschen die Mannsfylgja zur Kyn-und Aettarfylgja zum Geschlechtsschutzgeist. Diese Fylgja oder Hamingja wandte sich beim Tode ihres ersten Schützlings oder auch schon dicht vorher einem anderen jüngeren, nächst verwandten Familienmitgliede zu. Der Held Hetgi, Hjörvards Sohn, ahnte seinen baldigen Tod, weil er bemerkte, wie seine Fylgja, auf einem schlangengezäumten Wolf reitend, bereits seinen Bruder Hedin auf gesucht hatte. Als jener Skalde Hallfred sich im Sterben von seiner walkürenhaften Fylgjukona lossagte, fragte sie seinen Bruder: „Willst du mich nehmen?“, und als dieser sich dessen weigerte, erklärte sich Hallfreds Sohn dazu bereit, und alsbald verschwand sie. Vigaglum träumte, er ginge einer übers Meer auf ihn zureitenden Frau entgegen, die mit ihren Schultern die Felsen des Fjords überragte. Er hielt sie für die Hamingja seines vermutlich verstorbenen Großvaters Vigfus, die nun beim Enkel Unterkunft suchte. In der Vatnsdaelasaga schützt die Hamingja eines Mannes auch schon dessen Söhne bei dessen Leibzeiten und „folgt“ auch anderen Verwandten.

Der dehnbare Begriff der Fylgja, Hamingja, Dis verflüchtigt sich mehr und mehr, wenn sie in einer Mehrzahl den Menschen umgeben. Der Römer duldete solche unlogische Vervielfachung des Genius nicht, obgleich er in der augusteischen Zeit wohl die Schattenseele eines Einzelnen durch den Plural „umbrae“ wiedergab. Auch der Grieche hielt am Einzeldämon fest, doch wechselte der Mensch wohl mit seinem Dämon, sei’s daß, wie bei Pindar, ein böser Schutzgeist einen guten verdrängte, sei’s daß, wie bei Euripides, der alte Dämon sich bei seinem Schützling langweilte und gern einem anderen Platz machte. Aber die Nordleute kannten ganze Gesellschaften von Schutzgeistern, die sich freilich zunächst wohl auflösen, um sich einzeln an einzelne Menschen zu heften. In den Vafthrud-nismal reiten drei Scharen kluger Riesenmädchen herbei, um nach dem Weltbrand den Erdbewohnern nur Hamingjen zu werden, nur Glück zu spenden. So wendet sich durch sie alles zum Besten zu guter Letzt. Jedoch hat nun weiterhin auch der Einzelne mehrere Schutzgeister, der eine große, starke, der andere kleine, schwache, die beim Zusammenprall jenen nicht widerstehen können. Auch verlassen die Disir wohl ihren Schützling und sterben kraftlos ab, dann erscheinen sie ihm im Traume als tote Weiber. Bei der Geburt wendet man nach Sigrdrifum. 9 nicht nur „Bergerunen“ an, um den Kreisenden zu helfen, sondern man bittet auch die Disir um ihren Beistand. Die guten, mächtigen Disir verbreiten Licht über ihren Schützling. So sah ein finnischer Seher tun König Olaf Tryggvasons Haupt leuchtende „Götter“ schweben, deren Nähe er nicht ertragen konnte.

Ein neues Motiv brachte wohl erst das aufsteigende Christentum, es schied die Fylgjen eines und desselben Mannes in zwei Parteien, die sich ihren Schützling streitig machten, wie sich um die Christenseele böse und gute Geister streiten. Der Isländer Thidrandi sah in einer mondhellen Nacht vor der Türe seines väterlichen Hauses neun schwarz gekleidete Disir mit gezogenen Schwertern von Norden heranreiten, neun lichte von Süden her. Von jenen wurde er auf den Tod verwundet. Es waren die heidnischen Fylgjen des Geschlechts, die vor der Bekehrung desselben ein Opfer, ihr Disablot (S. 270), verlangten. Die weißen waren die christlichen Schutzengel. Bald darauf landete der erste Missionar, Thangbrand, auf der Insel, und Thidrandis Vater ließ sich mit seinem „Heimvolk“ taufen und zwar gegen das Versprechen, daß der Erzengel Michael sein Fylgjuengil würde. So mündete der alte Glaube friedlich in den neuen.

Es gibt nur schwache Spuren eines ähnlichen Glaubens in Deutschland; denn eine unsichere ist doch die Bezeichnung des Todestags als „Folgedach“ bei den Wurster Friesen. Dagegen entwickelte sich aus einer anderen Seelenvorstellung, dem Schatten, bei den Südgermanen wie bei den Neugriechen etwas Vergleichbares. Die letzteren nennen sogar den persönlichen Schutzgeist Iskios d. h. Schatten, und vielleicht denkt der Norweger, wenn er hinter dem scheidenden Gaste nochmals die Türe öffnet, damit dessen Folgte nachkommen könne, an den Schatten, der durch das Schließen der Türe einen Augenblick abgeklemmt erscheint. Der Schatten folgt dem Menschen wie ein anderes Ich überall hin, wo Sonne und Mond auf seinen Weg scheinen und ein Feuer oder Licht ihn beleuchtet. Er gleicht somit der Seele, die sich vor oder bei dem Tode als Schatten vom Menschen löst oder als schattenhaftes Tierlein davonhuscht Daher knüpfen sich noch heute an die Erscheinungen des Schattens Todesgedanken, wie im Altertum an die Erscheinungen der Seele und des Schutzgeistes. In Bayern muß sterben, wer am Weihnachtsabend seinen Schatten doppelt d. h. zu seinem natürlichen Schatten noch seinen schattenförmigen Schutzgeist sieht. Anderswo in Deutschland und in der Schweiz ist dem der Tod nahe, der in dieser entscheidenden Zeit, in der auch Helgi von seinem Schutzgeist verlassen wird, einen kopflosen oder gar keinen Schatten hat. Da schwindet der Schutzgeist allmählich hin oder ist schon auf und davon. Wer binnen Jahresfrist sterben soll, sitzt auch in Schweden zur Julzeit am Jultisch mit einem doppelten oder einem kopflosen Schatten. Dieser Erscheinung des Schattens ist nahe verwandt die in Deutschland geglaubte, gleichfalls todan-ktindende Erscheinung des D die auch in andern germanischen Ländern, auf den Färöern unter den Namen Hamferd d. h. Fahrt in eine andere Gestalt, bekannt ist und dieselbe Wirkung wie jene hat.

Die oft kriegerischen Schutzgeister nähern sich bereits einer neuen Gruppe von Halbgöttinnen, den altdeutschen Idisi und nordischen Valkyrjur, die auch Disir hießen. Die Valkyrjur, angelsächs. Välcyrigen sind Kürerinnen der in der Schlacht gefallenen Krieger, des sogen. Wals; in ihnen atmet die eigentümlich wilde Kampflust der Germanen, die während ihres tausendjährigen Eroberungszuges nicht nur die Männer, sondern auch manche Weiber ergriff. Schon aus jener Frühzeit, in der unsre Vorfahren in die nordostdeutsche Tiefebene einbrachen, mag die nach einem römischen Inschriftstein in Tongern verehrte Vihansa d. i. Schlachtgöttin stammen, der Schild und Speer geweiht werden, sowie die kölnische Hariasa und die von Germanen am Hadrianswall verehrte , offenbare

Göttinnen des Heers. Tacitus weiß von dem Hain einer friesischen Göttin Baduhenna, in dem die aufständischen Friesen im Jahre 28 n. Chr. 900 Römer erschlugen. Badu aber ist Schlacht. Auch die alten kriegerischen Frauennamen, wie z. B. Brunhild und Helmgund die Panzer- und die Helmstreiterin, waren nicht eitle Phantasienamen, sondern Bezeichnungen überirdischer Frauenideale, denen die damit geschmückten irdischen Weiber im wilden Männerkampf nachstrebten. Tacitus schildert die deutsche Frau als Genossin der Arbeiten und Gefahren des Mannes, bereit, im Frieden wie im Kriege dasselbe wie er zu ertragen und zu wagen. Es kam vor, daß Frauen die Schlachtreihe ihrer wankenden oder fliehenden Männer wiederherstellten. Die Römer der späteren Kaiserzeit erstaunten über die wie Männer gerüsteten Weiber, die unter den gefangenen Goten einherschritten, oder unter den gefallenen Markomannen und Quaden auf der Walstatt lagen. Noch über die Völkerwanderung hinaus dauerte im Norden diese Kampffreudigkeit der Frauen fort. Im 8. und 9. Jahrhundert zogen norwegische und dänische Jungfrauen als Schildmädchen mit den Wikingern über See, um Sachsen und Iren zu schlagen. Kriegsschiffe hießen nach ihnen, und noch kürzlich hat man Grabhügel der jüngeren Eisenzeit bei Aasnes und am Nordfjord geöffnet, in denen eine vollbewaffnete Frau ruhte, auch zusamt einem Pferde, inmitten eines verbrannten Schiffes. In der berühmten Bravallaschlacht kämpften drei fremde Scharen, geführt von drei Schildmädchen, und Lathgertha stritt mit lang herabwallendem Haar unter den vordersten Kriegern. Oft werden sie in den altnordischen Sagen als übermütig und herrschsüchtig geschildert, und sie streben sogar nach Thronen. In den dänischen Volksliedern befreit das Weib mit der Waffe Bruder oder Bräutigam, verteidigt mit ihr seine eigene Ehre, kämpft statt des alten Vaters oder zieht gepanzert aus, um seinen Tod zu rächen. Noch 1500 scharten sich die Ditmarschen in der Schlacht von Hemmingsted, noch 1516 die Wursterfriesen um ein Schildmädchen.

Solche Heldinnen sah man nun auch in den stürmischen, düsteren und wieder leuchtenden Wettererscheinungen ; wie ja auch die Sturmriesin Skadi im Zorn in voller Rüstung gedacht wurde (S. 236). Die nordischen Dichter wurden nicht müde, die Schlacht als Wetter der Waffen, Lanzen, Schilde oder noch zutreffender als Rauschen, Schauer, Sturm und Wind der Walküren zu umschreiben. Vielleicht bedeuten schon ihre Namen Skögul und Göndul nichts anderes als Wolkenstreifen und Wolkenballen, jedenfalls die Namen Hrist und Mist Sturm und Nebelwolke. Die Walküre Sigrdrifa, der sieghafte Schneesturm, schläft in einer Brünne, von wetterleuchtender Waberlohe umgeben. Andre Walküren reiten unter Blitzen über Land und Meer auf Rossen, die befruchtenden Tau oder auch Hagel von den Mähnen schütteln. Gunnr und Göndul „rudern“ gleich den oldenburgischen Walridersken (S. 167), aber so, daß es Blut regnet. Dann freuten sich die Krieger, denn ein Blutregen galt ihnen wie den Griechen vor Troja als ein Vorzeichen mörderischen Kampfes. So werden die Wetterfrauen immer mehr zu Schlachtweibern und heißen darum auch Gunnr und Hildr die Kämpferin und ähnlich. Sie gehen auch hier, wie auf dem elfischen Gebiete, in Waldfrauen über, die die Schlachten lenken, unsichtbar mitten im Getümmel sind und ihren Freunden heimlich helfen und so auch dem dänischen Hother, dem Feinde Balders, eine feste Brünne und einen Siegesgürtel schenken. Saxo Grammaticus wundert sich wiederholt über die Dreistigkeit dieser Mädchen, nachts auszureiten, um einen Helden aufzusuchen und zu Taten zu reizen.

Wenn nun der Kampf losbricht, reiten die Walküren oder auch Disir, von Adlern und Raben, den gierigen Aasvögeln, umflattert, zu Neunen oder Dreimalneunen oder auch zu Sechsen und Sechsen, bewaffnet herab. Altnordische Sigrmeyjar Siegmädchen oder angelsächsische Sigevif Siegweiber walten des Kampfs und des Sieges, treiben Kriegshandwerk, indem sie mitten unter die Krieger sprengen, die Gegner durch „Herfjötr“ Heerfessel lähmen und töten, ihren Schützlingen aber helfen und sie lebend oder tot küssen und umarmen. Ein wildes Schlachtschauspiel unter dem wolkenüberflogenen Himmel des Nordens! Ein ähnliches deutsches Bild deutet der mehr als tausendjährige Merseburger Zauberspruch an, den Einer zu sprechen hat, um aus der Gefangenschaft befreit zu werden:

„Einst saßen Idisi, saßen hier- und dorthin,
Einige hefteten Hafte, einige hielten das Heer auf,
Einige klaubten rings alle Fesseln los:
„Entspring den Haftbanden, entlaufe den Feinden!“

Die Schlachtweiber also lassen sich an drei Stellen in drei Haufen nieder; der eine fesselt die gefangenen Feinde hinter dem Heere der Landsleute, der andere wirft sich den Feinden entgegen, und der dritte löst hinter ihrer Reihe die Fesseln eines Gefangenen mit einer Zauberformel, die ihm Freiheit gibt. In dieser Weise waren auch die nordischen Walküren tätig, denn eine heißt Hlöck die Kette und eine andere Herfjötr die Heerfessel. Einen umfassenderen Sinn hat ein angelsächsisches Schlachtgebet zu den Siegweibern, das merkwürdigerweise später auf die schwärmenden Bienen übertragen wurde:

„Sitzt, ihr Siegeweiber, kommt zur Erde herab.
Wollet ja nicht fort in den Wald fliegen!
O seid eingedenk meines Heiles,
Wie ein jeder Mensch seiner Speise und Heimat!“

Den nordischen Disir brachte man auch Opfer dar und zwar in einer Disarhalle oder einem Disarsaal z. B. im Tempelhofe zu Uppsala. Das Verhältnis der Krieger zu ihren Schlachtgenien gestaltete sich im Norden, wie es scheint, inniger, ja leidenschaftlicher als im Süden. Zumal in der Wikingerzeit. Einige Walküren umschweben schützend ihre tapferen Krieger in der Schlacht, wie liebende Wesen die Geliebten. Freilich reicht ihre Sorge nicht immer aus, und trotz der Hilfe seiner Walküre Kara wird Helgi im Kampfe erschlagen. Wenn die Helden nun als „Valr“ dalagen, dann hoben sie dieselben von der Walstatt auf und führten sie in das himmlische Kriegerheim, die Walhalla, ein. So wurden sie nun auch die Dienerinnen des Schlachtenlenkers und Walhallkönigs Odin, Odins , Herjans des Heergottes Disir. Der Gott sandte sie zu jedem Kampf hinab, den Wal zu küren, die Gefallenen auszulesen und zu ihm zu bringen mit dem Jubelruf: „Nun mehrt sich die Gefolgschaft.“ Andre Walküren empfingen die neuen Ankömmlinge in der Halle und schenkten ihnen Met oder Wein ein. Wie lieblich mögen diese Oskmeyar oder Wunschmädchen manchen sterbenden Wikinger umrauscht haben! Ungehorsame Walküren wurden von Odin ausgestoßen, und z. B. Sigrdrifa von ihm durch einen Domstich in Schlaf versenkt, weil sie wider Odins Willen ihrem Liebling Agnar den Sieg verliehen hatte. Von Sigurd auf erweckt, weiß sie ihn vielnütze Runen zu lehren. In der neuen Halle des reichen Isländers Olaf Pfau sah man Odin abgebildet, wie er seinen schwersten Ritt ritt, zum Leichenbrande Balders; da wurde er begleitet von seinen Raben und seinen Walküren.

Ist es ein schwacher, verchristlichter Nachklang, wenn nach der Legende die heilige , die Speerfreundin, die einen ganz walkürenhaften Namen hat, dem ihr ergebenen Ritter mit ihrem Hirtenstab erscheint und einen Becher Weins reicht oder hinter ihm aufs Roß sitzt, um ihn für das Himmelreich zu retten? Sie beherbergt in der ersten Nacht nach dem Tode die Verstorbenen, die in der zweiten zu den Erzengeln und dann erst zum Heere Gottes kommen. Sie wird als Spinnerin dargestellt, an deren Rocken, Kleid und Kopf Mäuse oder Ratten, die uns bekannten Seelentiere, hinauflaufen. Spann sie etwa den Schicksalsfaden? Denn auch die altnordischen Walküren erscheinen einmal zwar nicht als Spinnerinnen, so doch als Weberinnen, die vor der von Iren und Nordleuten geschlagenen Schlacht bei Clontarf 1014 an einem furchtbaren Gewebe arbeiteten. Daran hingen Menschenhäupter als Gewichte, Menschendärme waren Zettel und Einschlag, Schwerter die Spulen und Pfeile der Kamm. Und immer wieder klang durch ihr Lied der Kehrreim:

„Winden wir, winden wir das Speergewebe!“

Endlich zerrissen sie ihr blutiges Gewebe, von dem jede ein Stück festhielt, und schwangen sich auf ihre Rosse; sechs ritten gen Süden, sechs gen Norden. Ihre Schützlinge, die Nordleute, siegten. Noch der christliche König von Norwegen, Harald Hardrade der Strenge, singt dicht vor der Schlacht von Stamford im Jahre 1066, die ihm das Leben kostete, von den Walküren, die ihm, über dem Walplatz schwebend, den Kampf lehren.

Ein liebliches Gegenbild, ein Stillleben der Walküren, entwirft der Dichter des schönen eddischen Wielandsliedes (S. 161). Drei Walküren, Alvitr, Svanhvit und Ölrun, flogen aus dem Süden vom Schwarzwald, einem mächtigen Waldgebirge, an den Meeresstrand, um sich vom Kriegshandwerk auszuruhen, und spannen kostbaren Flachs, und Schwankleider lagen neben ihnen. Da wurden sie von Wieland und seinen beiden Brüdern gefangen, und sie lebten sieben Winter (Jahre) mit ihnen, aber den ganzen achten sehnten sie sich fort, und im neunten flogen sie davon zum Schwarzwald, um wieder Kampf zu suchen. Wielands Brüder wandelten, um sie zu finden, der eine nach Osten, der andere nach Süden; Wieland selber aber blieb einsam zurück und schlug rotes Gold und Edelgestein zu kostbarem Geschmeide zusammen, tief im Wolfstal, auf sein lichtes Weib wartend.

Echte Walkürennamen tragen auch noch andere Schwanfrauen, die „weisen Meerweiber“ Hadburg und Siglint im Nibelungenlied. Als sie in einem schönen Brunnen ihren Leib kühlten, nahm ihnen der grimme Hagen ihr Vogelgewand, und die erste weissagte den Burgundern große Ehren in Etzels Land, um ihre Kleider wieder zu bekommen. Als aber Hagen diese zurückgegeben hatte, warnte die andere:

„Meine Muhme hat dir gelogen; ihr habt alle den Tod an der Hand!“

In eine Heroine verwandelt ist in der Nibelungensage die Walküre Brünhild, die nicht mehr in Luft und Himmel, sondern auf Erden ihr herrlich schweres Schicksal lebt. Im Speer- und Steinwurf, im Sprung und dann weiter im Ringkampf ist sie imbesiegbar, außer für Siegfried. Doch im nordischen Bericht umlodert sie noch, ein Zeichen ihrer höheren Abkunft, die Waberlohe, die auch nur Siegfried durchreitet. Die nordischen Walküren berühren sich vielfach mit den Schicksalsfrauen, denn auch sie tun entscheidende Sprüche und spinnen und weben, sowie mit den Folgefrauen, denn auch sie schweben schützend über ihrem Helden. Ihrer neun reiten nach der Geburt Helgis heran, von denen die stattlichste, Svava, ihm den Namen des Heiligen d. h. des durch Götterschutz Unverletzlichen gibt. Diese drei Gruppen höherer weiblicher Mächte lassen sich nicht mehr allein aus Naturerscheinungen erklären, sondern sie schöpfen ihr Herzblut aus dem ahnungsvollen, mitfühlenden und mittätigen und kampffreudigen Wesen altgermanischer Weiblichkeit.

Walkürenhaft sind die Riesinnen Thórgerár Hölgabrúdr d. h. Háleygis oder Hölgis Braut, und Irpa. Jene war der Schutzgeist des Iarl Hakon vom norwegischen Haloga-land. Später wurde ihr ein Tempel in Island geweiht, den Grimkell im Zorne darüber, daß sie ihm nichts Gutes prophezeit hatte, samt allen Götterbildern verbrannte. Am Abend war er tot. Die Bildsäule der Thorgerd hatte einen Goldring um den Arm und krümmte die Hand, als ihn Einer greifen wollte, dem sie ihn nicht gönnte. Da kniete der Mann nieder und legte ihr unter Tränen viel Geld zu Füßen, und als er nun nochmals den Ring faßte, ließ sie ihn los. In einem norwegischen Tempel standen drei Bilder, Thors und der mit Armspangen geschmückten Thörgerdr und Irpa. In der Schlacht schleuderten sie aus jedem Finger Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihrer Schützlinge entgegen, gleich Walküren der grimmigsten Art. In der Not opferte ihnen Hakon sogar seinen Sohn.

Zwei andere halbgöttliche Riesinnen sind Menglöd die Halsbandfrohe und Gerdr die Eingesperrte. Sie sind beide schöne Sommerwolkenfrauen, die aus düsterer Wolkenhaft im Lenzgewitter befreit werden. Die Befreiung der Menglöd, die wie die indische Wolke am Regenbogenhalsband ihre Freude hat und acht Winter(monde) eingesperrt war, vollzog Svipdagr, der sie wie ein svip, ein plötzlicher Blick, ein taghell aufleuchtender Blitz, mit dem Laevateinn, der Verderbensrute erlöst. Der Held lebt im skandinavischen Volkslied als Jung Sveidal fort. Die Erlösung der von den Hrimpursar, den Reifriesen, mit ewiger Haft bedrohten lichtarmigen Gerdr vollzog Freyr oder an seiner Statt sein Diener Skirnir der Aufheiterer, Wetterklärer mit seinem sich selber bewegenden Schwert, das Gambanteinn Zauberrute heißt und, wie der Laevateinn, den Blitz bedeutet. Beider Riesinnen Saal ist von Waberlohe, Wetterleuchten, umgeben, wie Brünhilds Lager, und bewacht von Hunden, und einem Wächter. Diese nordischen Mythen sind nah verwandt mit den deutschen Sagen von der Erlösung der weißen Schloß- oder Burgfrau.

Endlich sind die beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena zu erwähnen. Diesen beiden und dem Mars Thingsus weihten römische Soldaten des 3. Jahrhunderts n. Chr., Friesen aus Twenthe, am Hadrianswall zwei Altäre. Der eine stellt nur Opfergeräte, der andere nur eine weibliche Figur mit Kranz und Palmzweig in den Händen dar. Die weibliche Gegenfigur, die zweite Alaesiaga, fehlt. Wie sich im Mars Thingsus römische Form und germanischer Inhalt vereinigen (s. u.), so sind auch vielleicht die Alaesiagen an die Stelle von Victorien getreten. Aber an sich sind sie ihren Widmern und ihren Namen nach offenbar deutsch. Ihr Gesamtname ist freilich unerklärt, auch die beiden Einzelnamen sind nicht sicher zu deuten. Doch scheint Beda vom friesischen Zeitwort beda zu stammen, worin die Bedeutung bitten und gebieten zusammenfallen, woraus auch schon die Namen der deutschen Schicksalsfrauen hergeleitet wurden. Fimmilena wird die Bewegliche bezeichnen. Sie sind, nach dem von ihnen unterstützten Hauptgott zu schließen, Thinggöttinnen d. h. Göttinnen des Gerichts oder des Kampfs.

Die Ausbildung von Naturgewalten zu höheren Dämonen erreicht ihren Gipfel in den Einzelgestalten Loki und Mimir, von denen der erste das bisher kaum beachtete Element des Feuers personifiziert, der andere in geistigerer Weise als die älteren Wasserdämonen das des Wassers. Als das gewaltige Himmelsfeuer, das Wetterleuchten, war Loki doch nur eine Begleiterscheinung anderer Wettermächte und als Herdfeuer in die Enge des Hauses gebannt nach Art untergeordneter Hausgeister. Darum ist er kein Vollgott geworden und hat trotz seiner tiefen Eingriffe in die Götterschicksale neben den Göttern eine oft untertänige Stellung, die auch die anderen indogermanischen, übrigens durch eigene Kulte viel höher geehrten Feuergottheiten einnehmen, der indische Agni, der griechische Hephaistos und der lateinische Vulcanus. Loki teilt mit diesen und nun gar mit den Herdgöttinnen Hestia und Vesta nur wenige Züge und scheint auch nur den Nordgermanen bekannt gewesen zu sein. Auf die Angabe Caesars, daß die Germanen außer Sonne und Mond auch den Vulkan verehrt hätten, ist kein Verlaß (S. 5).

Dieses absonderliche Mittelwesen wird freilich Gott genannt und als solcher in den drei oder vier Götterlisten der Edda mit aufgezählt. Aber Loki hat keine Götterwohnung im Himmel wie die anderen Götter, ja es ist nach der Lokasenna ein Wunder, wenn dieser Vater so ungeheuerlicher Kinder sich unter den Göttern blicken läßt. So heißt er denn auch Riese und Elf oder Zwerg und wird Wicht gescholten. Bald ist er der Götter Freund, bald ihr Feind, ihr Verleumder und Schandfleck. Er entführt z. B. die Jugendgöttin Idun zuerst den Göttern zu den Riesen, dann aber den Riesen zu den Göttern. Er ist schön von Aussehen, aber böse von Sinnesart. Wie ein Alf verzaubert er sich in größere und kleinere Tiere: Pferd, Kuh, Lachs, Fliege und Floh, auch gern in ein Weib und in die Hexe Thökk. Durch Alfen läßt er Göttergeschenke schmieden. Seine Sippe aber ist riesisch. Alle übertrifft er an Lug und Arglist. Er haßt alle lebenden Wesen, auch die Götter.

Der Name Loki ist identisch mit (V)logi Lohe und scheint von derselben Wurzel ausgegangen wie der römische Vulcanus. Auch sein andrer Name Loptr, das dem bayrischen Loftern d. i. Lodern verwandt ist, kennzeichnet ihn als Feuergott. Seine Eltern sind der Riese , der gefährliche Schläger d. i. der Blitz, und Laufey oder Ndl, das dürre Laub- oder Nadelwerk der Bäume, das die Flamme erzeugt oder nährt. Im Namen seines Bruders Byleiptr steckt jedenfalls leiptr der Blitz, und der seines andern Bruders Helblindi bezeichnet wohl das höllenartig finstre Gewitterdunkel. Schwieriger sind seine Gattinnen Sigyn und Angrboda und ihre Söhne zu erklären, sie sind wohl zum Teil fremden Mustern nachgebildet.

Loki ist die Himmelslohe, dann die Sommerschwüle und die in der Hitze zitternde Luft, ferner das Herdfeuer und endlich das vulkanische Erdfeuer; er ist das Feuer in seiner Beweglichkeit und Verderblichkeit. Er hohnlacht, wenn das Wetter imheimlich am Horizont aufleuchtet. Wenn es in Tirol „himmelblitzt“ ohne Regen und Donner, so nennt man das am Brenner „Wetterlachen“, wobei man nicht mehr an das ältere Wetterleichen, das Wetterspielen, denkt. Doch auch einem lächerlichen Spiel gleicht die Posse, die Loki mit einer an ihn gebundenen Geiß aufführt, um die finstre sturmwolkige Skadi zum Lachen zu bringen. Er buhlt mit ihr und mit Thors Gattin Sif, der er das Goldhaar abschert. Auf wunderbaren Fitigelschuhen durchläuft er Luft und Meer. — Bei drückender Schwüle vergiftet Loki die Luft schon nach der Völuspa. Meint man in Mecklenburg: „Nu höddt (hütet) de Düwel sin Schap up Land, wenn dat so flämmert, wenn de Luft so wackelt“, so sagt man in Dänemark altertümlicher: „Lokke driver med sine Geder d. h. Loki treibt seine Geißen aus“ und neuisländisch: „Loki führt über die Äcker“. In Jütland „sät Loki Hafer“ d. h. den Tieren schädliches Unkraut. Knistert das Herdfeuer stark, so prügelt der dänisch-norwegische Lokje seine Kinder; knallendes oder brummendes Herdfeuer kündet in Deutschland Zank an.

In Griechenland galt das Knistern für ein Lachen der Herdgöttin Hestia oder des Feuergottes Hephaestos. Um den zürnenden Lokje zu beschwichtigen, wirft man den „Pelz“, die Haut abgekochter Milch, in die Flamme. — Jung scheint der Mythus vom vulkanischen Loki, der nach der Völuspa „und hvera lundi“ d. h. unter dem Haine der Kessel, der Sprudel, also wahrscheinlich unter dem isländischen Geysir gefesselt liegt, und wenn er an seinen Banden rüttelt, Erdbeben erzeugt. Erst seit der Besiedelung Islands im 9. Jahrhundert lernten die Germanen Erdbeben und Vulkane kennen, also in einer Zeit, in der antike und christliche Vorstellungen von verwandten Wesen, wie Typhon und Luzifer, bereits ihren Einzug in den Norden hielten. Kein andrer war mehr dazu geschaffen, um deren Rolle zu übernehmen, als der tückisch stets auf Zwist und Schande und Unheil sinnende Loki.

Diese Züge seines allgemeinen Charakterbildes kehren in seinen zahlreichen, bald freundlichen, bald feindlichen Beziehungen zu den Dämonen und Göttern wieder. Alt sind seine Fahrten mit Thor zu Thrym, Geirröd und Utgardaloki, denn das Wetterleuchten ist der natürliche Gefährte des Gewitters. Noch ein neuisländisches Sprichwort lautet:

„Lange gehen Loki und Thor, das Unwetter läßt nicht nach“.

Bei Thors Heimkehr von dem furchtbaren Kampf mit dem Midgardsdrachen und mit dem Riesen Hymir verursacht er das Hinken des Bocks vor Thors Wagen. Wie Thors Hammer acht Rasten tief liegt, ist Loki acht Jahre d. h. ebenfalls acht Wintermonate in der Erde verborgen. Auf der Fahrt zu Utgardaloki begleiten den Donnergott Loki und Thjalfi, der Blitz, dieser, um mit dem schnellen Hugi, aber Loki, um mit dem Wildfeuer Logt zu kämpfen. Auf der Geirröds-, wie auf der Thrymsfahrt fliegt Loki als Späher in Freyjas Falkengewand voraus. Auf der ersten begleitet er ihn dann als Diener, der sich beim Durchwaten des Flusses Vimur ängstlich an Thors Kraftgürtel anklammert. Auf der anderen begleitet er ihn als kluge Magd. Als Loki die Idunn entführt, schützt ihn Thor vor dem verfolgenden Sturmriesen Thjazi. Dem riesigen Sturmroß Svadilfari gebiert Loki den Sleipnir, das den Windgott Odin trägt.

Aber Thor und Loki haben auch, ganz den von ihnen vertretenen Naturerscheinungen gemäß, Feindschaft miteinander. Das zeigt vor allem das „ Lokasenna Lokis Lästerung“ betitelte Eddalied. Loki tötet vor Aegirs Halle, in der die Götter zum Gelage versammelt sind, ihren Diener Fima- oder Funafengr, zankt mit Eldir, der ihm den Eintritt wehrt, wird aber nach seiner Berufung auf seine Blutsbrüderschaft mit Odin eingelassen. Nachdem er den Göttermet mit bösem Zusatz versehen, die Götter mit Hohn übergossen und sich seiner Liebschaften mit drei Göttinnen gerühmt hat, bringt ihn Thors Erscheinen endlich zum Schweigen, doch nicht bevor er den Gott mit dem leckenden „logi“, der Lohe, bedroht hat. — Ferner fängt Thor den Loki, als dieser der Sif das Haar abgeschoren, doch Loki löst rieh mit den kostbaren Schmiedearbeiten der Iwaldissöhne. Thor fängt den Loki nochmals, als diese Arbeiten vom Zwerge Brokkr noch tibertroffen werden; Lokis Lippen werden zusammengenäht. Zum drittenmale fängt Thor den Loki, als dieser nach dem von ihm verschuldeten Tode Balders in Lachsgestalt sich in einem Wasserfall verbirgt. — Alle diese letzten Mythen mögen in allerhand Spielen der Einbildungskraft mit den Naturerscheinungen ihre Keime haben, aber sie sind dann zu freieren Darstellungen des Götterlebens ausgestaltet worden. Und Lokis grausamste Bestrafung, seine Fesselung im Kesselhain, ist sogar der christlichen Legende entlehnt.

Während die Reisegenossenschaft Lokis und Thors in echter Naturanschauung wurzelt, scheint die Gesellschaft dreier himmlischer Erdenwanderer, zu denen auch Loki gehört, ein novellistisches, in der griechischen und christlichen Legende beliebtes Motiv zu sein, das auch dem Norden bekannt wurde. Im Thjazimythus sind Odin, Hoenir und Loki Reisegefährten, aber die beiden ersten sind überflüssige Figuren. Dieselbe Dreizahl zieht im Eingang der nordischen Nibelungensage über die Erde, wobei Loki unterwegs den Otr tötet, aber auch vom Zwerge Andvari das nötige Gold herbeischafft, um damit Otrs Vater Hreidmar die Mordbuße zu zahlen. Er erlangte auch den Goldring, der stets neues Gold erzeugte, aber von Andvari verflucht wurde, stets seinem Besitzer Verderben zu bringen. Diese Vorgeschichte des Nibelungenhorts ist wie die ganze Umrahmung der deutschen Siegfriedssage durch den Göttermythus erst später im Norden hinzugefügt worden. Auch die anderen Beziehungen Odins und Lokis, wie ihre Blutsbrüderschaft und der Auftrag Odins an Loki, der Freyja ein Halsband zu stehlen, das sie von den Zwergen gegen Gewährung ihrer Gunst bekommen hatte, mögen freie Erfindungen sein. Vielleicht gehört auch Lokis Kampf mit Heimdall um die schöne Meerniere d. h. den Regenbogen dazu.

Diesem schelmisch-boshaften Abenteurer, der originellsten Figur des germanischen Götterhimmels, war noch eine bedeutendere Rolle aufgespart in den neuen mythologischen Gestaltungen, die das Christentum heraufführte. Er wurde zum Teufel, der den Tod Christi-Balders anstiftete, der ráábani Baldrs, er wurde zum gefesselten Fürsten der Hölle und zu einem Hauptfeind der Gottheit in der großen Entscheidung des Weltuntergangs. Doch davon im Schlußkapitel.

Der nordische Kultus kümmerte sich so wenig um ihn, wie um die Riesen. Man warf, in späterer Zeit, ein Milchhäutchen ins knisternde Feuer, wenn Lokje seine Kinder schlug, oder schwedische Kinder warfen ihren ausgefallenen Zahn ins Feuer, um einen neuen von Loki zu bekommen. Das ist alles!

Aus der Schar der weissagenden Geister des rauschenden Wassers und Waldes erhebt sich ein anderer höherer Dämon, Mimir, den schon sein mit dem lateinischen Worte memor verwandter Name als ein geistigeres Wesen, als den Denker bezeichnet. In Südskandinavien verblieb er noch bis in die neuere Zeit ein gefährlicher Wassergeist, der z. B. in der südländischen Mimest dem Mimesbach haust, und nach dem auch der Mimesjö der Mimesee genannt ist Bei Saxo heißt er Miming, der ursprünglich wahrscheinlich Mime hieß, während sein berühmtes Schwert den bekannten Schwertnamen Miming nach ihm führte. Er war ein Waldsatyr, der eine für Menschen kaum erreichbare, von eisigen Bergen umstarrte Höhle bewohnte und ein Schwert darin barg, mit dem selbst der gegen alles Eisen gefeite Halbgott Balder getötet werden konnte. Außerdem hatte er einen Armring, der den Reichtum des Besitzers stetig vermehrte. In diese wilde Öde eilte Balders Feind Hother und lauerte Miming auf, lange vergebens. Als aber einmal der Waldgeist nachts aus seiner Höhle trat und sein Schatten den Eingang des davor aufgeschlagenen Zeltes Hothers verdunkelte, da stach dieser ihn nieder. Und nun mußte er, gefesselt und mit dem Tode bedroht, Schwert und Ring herausgeben. Das alte Motiv der Fesselung des zum Ratgeben gezwungenen deutschen Waldgeistes und des Witolfs oder Waldmannes kehrt hier wieder. Jenem Schwerte aber wird in der ursprünglichen Sagenfassung Balder erlegen sein.

Der deutsche Mime ist ein weiser Waldschmied, Wielands Lehrmeister, und heißt im Norden gewöhnlich Regin d. i. Berater, wie er denn auch durch kluge Zauberkunde sich auszeichnet. Er wird bald Riese, bald Zwerg, bald sogar Drache genannt, während er doch nur ein Bruder des Drachen Fäfnir ist. Aus seiner dunklen Waldschmiede bricht ein strahlendes Heldenleben hervor. Denn Mime erzieht den jungen Siegfried und stachelt ihn aus Gier nach seines Drachenbruders Golde zu dessen Ermordung an. Er hat für ihn ein Schwert Gram geschmiedet, das so scharf ist, daß es, in den Rhein gehalten, eine entgegentreibende Wollflocke zerschneidet. Er begrüßt den jungen Helden als Sieger, wie dieser mit Gras das Blut des Drachen von seinem Schwerte wischt.

Die isländische Überlieferung hat die alte einfache Wald- und Wassergeistsage von Mimir künstlich gesteigert, man möchte fast sagen, verhimmelt. Sein Brunnen liegt nun wie der Urdarbrunnen am Fuße der Weltesche Yggdrasil, die deswegen auch Mimatneidr Mimisbaum heißt. Der Mimisbnmnen wird auch Odroerir Geisterreger genannt und birgt Weisheit und Verstand. Aus ihm schöpft Odin die hineinverquirlten Runen, die ihm Zauberkräfte verleihen. Und so hoch schätzt dieser Mimirs Geist, daß er sein Auge in dessen Quell als Pfand läßt, um einen Trunk daraus zu erlangen. Oder der Gott raunt mit Mimirs Haupt, das wohl ursprünglich den natürlichen Urquell, das Brunnhaupt, das Bomhövede war und dann durch einen Mythenkünstler zu einem wirklichen, vom Leibe abtrennbaren Haupte gemacht wurde. Denn laut eines Friedensvertrages, den die beiden verfeindeten Göttergeschlechter der Äsen und der Wanen miteinander schlossen, wurden Geiseln ausgetauscht: die Äsen gaben Hoenir her, den Mimir nach Wanaheim begleitete, die Wanen die schöne Freyja. Als die Wanen sich nun mit dem zwar stattlichen, jedoch einfältigen Hoenir betrogen sahen, da schlugen sie zornig dem Mimir das Haupt ab und schickten es den Äsen. Odin aber salbte es unter Beschwörungen ein, damit es nicht verfaule und ihn weiterhin beraten könne. — Nicht die Verpfändung des Gottesauges, noch weniger die Enthauptung Mimirs und vor allem die Einbalsamierung seines Kopfes sind echte Volksmythen. Auch scheint die Annahme zweier Götterfamilien und ihres uralten Krieges durchaus unheidnisch. Überhaupt wurde in diesen an sich schon geheimnisvollen Wald- und Wassergeist durch die christliche Mythologie noch viel mehr hineingeheimnißt.

Wenn wir die römisch-germanischen namenreichen Inschriftsteine mustern, so gewinnen wir den Eindruck, daß die Germanen noch manche höhere Geister verehrt haben. Aber selten gelingt es, auch nur ihren Namen sicher zu deuten, geschweige denn ihr Wesen. Möglich wäre es, daß man mit dem aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. bei Köln bezeugten Requalivahanus d. h. dem im Dunkel Lebenden den geheimnisvoll im Waldesdunkel hausenden Mimer meinte. Spielt doch die mit Mime verknüpfte Siegfriedssage gerade am Niederrhein und scheint doch im anstoßenden Westfalen die Stadt Münster mit ihrem ältesten Namen Mimigardeford nach diesem Waldgeist benannt worden zu sein.

Mythologie der Germanen – Das Christentum in der nordischen Mythologie

Nordischer Glaube

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Der germanische Mythenbau steht jetzt vor uns, freilich durch weit klaffende Lücken entstellt, aus verschiedenartigem, bald nordischem, bald deutschem Gestein zusammengesetzt und in den Stilen verschiedener Zeiten und Stände aufgeführt.

So lückenhaft ist die heimische heidnische Überlieferung, daß man sagen darf, sie beginne erst in dem Zeitpunkte, wo das germanische Heidentum zu bestehen aufhört. Nur landfremde Römer und glaubensfremde Mönche wissen schon früher davon zu berichten. Die heimische Überlieferung aber zerfällt in zwei große Hauptmassen, eine überwiegend skaldische nordische und eine überwiegend volkstümliche gemeingermanische. Darin spiegelt sich der scharfe Gegensatz der Stände wieder, der die germanische Staatsverfassung und Gesellschaft beherrscht. Es gab eine Bauernmythologie und eine Adelsmythologie.

Beiden zugrunde aber liegt dieselbe Entwicklung: aus den ältesten niederen Formen des Seelen-, Alp– und Dämonenglaubens erheben sich nach und nach höhere Gestalten, und Götter bilden den krönenden Abschluß. Aber die übermenschlichen Wesen des Bauernglaubens wahren sich fast alle noch den Zusammenhang mit den Naturkräften, selbst die Götter, und behaupten sich gerade dadurch sogar gegenüber dem Andrang der geistigeren Mächte des Christentums lange, lange Zeit. Der Glaube der großen Masse war in seinem Mythus, wie Kultus vorzugsweise Naturreligion, die aber schon seit unvordenklicher Zeit sich zu festumrissenen und menschlich gearteten Gestalten erhoben hatte. Dagegen huldigte der gottentstammte Adel vorzugsweise den Göttern einer geistigeren Art, wie sie namentlich die Priester und die Hofsänger veredelten. Zu dem schlichten, oft derben, aber durchweg keuschen, sinnigen und oft poetischen Bauemgeist gesellte sich ein kriegerischer, kühner, höher strebender Heldensinn, von dem wir die schönsten Proben in manchen aus der Wikingerzeit hervorgewachsenen Eddaliedern haben. So begann allmählich eine Geistesreligion sich zu entwickeln. Aber erst im Werden begriffen, erwies sie sich beim Zusammenstoß mit dem Christentum viel haltloser und erlag diesem weit schneller als jener alte robuste Volksglaube. Ihre höchste Leistung war, doch wohl nur im Norden, die Herstellung einer durch Verwandtschaft und Schicksal leidlich fest verbundenen Götterordnung, in der jeder Gott sein Amt hatte, vom König herab bis zum Hofdichter und zur Kammerfrau. Aber die Vorstellungen vom Jenseits schwankten beim Volk, wie bei den Großen hin und her und waren durchweg sinnlicher Natur, ja das Familienleben wurde in Walhall zugunsten des Kampf- und Freudelebens mit den Walküren unterdrückt. Noch viel imgenügender wurden die noch ferner liegenden Fragen nach dem Anfang, dem Verlauf und dem allerletzten Ende der Dinge und der Menschheit beantwortet. Es fehlte die Weisheit einer hochgebildeten, sinnenden Priesterschaft, sowie die anregende Fülle einer städtischen Kultur. Man brachte es zu vielen einzelnen runden Personenmythen und bildete daraus hie und da Mythengruppen. Aber man hatte nicht das Zeug zur Schaffung eines zusammenhängenden, wohlgegliederten Weltmythus.

Mit dieser aus den Quellen geschöpften Charakteristik unserer Mythologie steht in schroffem Widerspruch die Völuspa, die Weissagung der Seherin, das großartigste und meistumstrittene Gedicht der Liederedda, das, obgleich absichtlich dunkel gehalten und in Einzelheiten ungedeutet, seine Hauptgedanken und seine ganze Grundidee vollkommen verständlich vorträgt. Es behandelt in einem vornehmen Überblick das denkbar erhabenste Thema, die Geschichte der Welt von ihrem äußersten Anfang bis zu ihrem äußersten Ende, ja darüber hinaus bis zu ihrer Erneuerung. Woher dieser kühne Ideenwurf, diese tiefgründige Weisheit? Konnte solche Raum und Zeit gewaltig umspannende Spekulation, deren Ausgestaltung eine vielhundertjährige Vorarbeit voraussetzt, wie eine Offenbarung aus der soeben gezeichneten zerstückelten, doch noch so unreifen germanischen Mythenwelt plötzlich hervorbrechen? Solche Wunder trugen sich in der nationalen Entwicklung der heidnischen Mythologie nicht zu. Es muß eine fremde Macht eingegriffen haben, die diese weiten Sprünge ermöglichte, die eine neue ganz andersartige Gedankenwelt in den alten Mythus einließ.

Die Heimat jener religiösen Spekulationen über den Anfang und das Ende der Dinge und ihren tieferen Sinn war das Morgenland; die Kirche stellte in all diese Weltbegebenheiten mitten hinein Christus, seinen Vergangenheit und Zukunft versöhnenden Kreuzestod. Seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts faßten die christlichen Weltgeschichten die Schöpfung, die Erlösung, die Wiederkunft Christi, das tausendjährige Reich und das Ende der Welt als die Hauptpunkte des göttlichen Heilsplans auf. In vielerlei Formen wurde diese Lehre in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends im Norden bekannt, die einfachste, beliebteste Form war die sogenannte Summe der Theologie, eine Predigt, die in volkstümlicher Weise jene ganze große Heilsgeschichte den Gemeinden öfters in Erinnerung brachte. So stieß sie auch auf das nordische Skaldentum.

In der Völuspa rinnen nun wie in einem Becken die beiden maßgebenden geistigen Strömungen des Nordens in der Zeit der inneren Abkehr vom Heidentum zum Christentum zusammen. Ihr Verfasser steht zwischen einer neuen Glaubenslehre und einer alten technischen Schulung. Jene führte ihm großartige, aber fremde Begriffe in Hülle und Fülle zu, diese nötigte ihn, nach Skaldenart die Begriffe, auch die fremdesten, durch die altgewohnten mythologischen Wendungen und Namen zu umschreiben.

Nicht nur christliche Einzelheiten, sondern auch ganze Gedichte christlichen Inhalts wurden in heidnischen Stil gekleidet. Ähnliches geschah auch in Südeuropa. So stückte die Dichterin Proba Faltonia im 4. Jahrhundert ihre lateinische Darstellung der wichtigsten Ereignisse des alten Testaments von der Schöpfung bis zur Sintflut und des neuen Testaments bis zur Himmelfahrt aus lauter virgilianischen Versen und Verstehen zusammen. So sklavisch beugte sie sich vor dem heidnischen Stilmuster, daß sie bei ihrer Schilderung der Kreuzigung nicht einmal das Wort „Kreuz“ zu brauchen wagte.

Die nordischen Künstler und Dichter hielten gleichfalls an ihren alten Figuren fest. Auf einem echt christlichen Denkmal, dem zweiten cumberländischen Gosforthkreuz, angelt der Gott Thor in des Riesen mir Gesellschaft aus dem Schiff heraus nach dem Midgardswurm. Der Künstler wollte mit Thor bereits Christus bezeichnen, wie dieser nach mittelalterlicher Anschauung mit dem Angelhaken des Kreuzes den Drachen oder Leviathan oder Teufel fängt. Daher wurde diese echt heidnische Szene auf dem heiligsten christlichen Symbol, dem Kreuz, angebracht. Wiederum heißt Christus in einem nordischen ihm gewidmeten Preisliede des 10. Jahrhunderts der Besieger der Bergriesen und hat am Nornenbrunnen seinen Sitz. Um dieselbe Zeit verherrlichten zwei Dichter den Einzug der christlichen Könige Erich Blutaxt und Hakon des Guten in das Heidenparadies der Walhall, wo jener von den Göttern Odin und Bragi, dieser von den Walküren festlich empfangen wird. Solche innere Widersprüche kümmerten die Skalden nicht; sie standen im zwingenden Banne ihrer von Geschlecht auf Geschlecht vererbten poetischen Stilistik und nordischen Anschauungsweise. Auch fremde Stoffe rein weltlichen Inhalts mußten sich dieser skaldischen Umstilisierung unterwerfen, wie z. B. die deutsche Nibelungensage. Nicht nur werden ihr nordische Helden, wie Helgi, einverleibt, nicht nur wird das milde Rheinland, der alte Schauplatz, in eine Landschaft wilder Eis- und Schneeberge verwandelt, über die Brunhild jeden Abend voll böser Gedanken dahinschreitet, sondern es wird auch durch eine eigens hinzuerfundene Vorgeschichte des Nibelungenschatzes das Geschlecht Siegfrieds mit dem nordischen Göttermythus verknüpft und Odin zum Lenker des Schicksals des Helden erhöben.

So haben sich die nordischen Dichter den größten germanischen Sagenstoff zu eigen gemacht, zu ewigem Ruhme; so desgleichen das höchste Erzeugnis der christlichen Weltanschauung, die Heilslehre. Schon Primin verkündigte sie den Alemannen am Bodensee, und Karl der Große ließ sie in eine Musterpredigt verarbeiten, in eine Summa der Theologie, die die Geistlichen seines Reichs den Gemeinden von Zeit zu Zeit einzuprägen hatten, damit jeder Christenmensch erführe, was ihm zu wissen notwendig sei. Auch die Dichter des Abendlands bemächtigten sich des eindrucksvollen Stoffes. In den Hauptpunkten Übereinstimmend, drangen diese prosaischen und poetischen Summen mit ihren vielerlei Änderungen und Erweiterungen der biblischen Überlieferung in den Norden vor und ließen namentlich, wenn wieder einmal die Furcht vor dem Untergang der Welt die Gemüter ergriff, zum Schlüsse die gewaltigen Klänge der Offenbarung des Johannes erdröhnen.

Die Summa begann mit der sechstägigen Schöpfung dürch die ewige Dreieinigkeit, die sich bei ihrem letzten und würdigsten Werke, der Erschaffung des ersten Menschenpaars, besonders macht- und liebevoll erwies. Ihm wird das Paradies mit seinem verhängnisvollen Baume zur Wohnung angewiesen. Es begibt sich der Sündenfall, dessen Hauptschuld der Eva zugemessen wird, dessen eigentlicher Urheber aber der erfolglos nach Gottgleichheit trachtende rachsüchtige Fürst der aufrührerischen und deshalb gestürzten Engel ist. Die von Eva auf die Erde gebrachte Sünde fordert Strafgerichte heraus, so die Zerstörung des frevelhaften babylonischen Turmbaues und die Verwirrung der Sprachen. Endlich erscheint der Herr, der auch das Pfand Gottes heißt, am Kreuz; aus seiner Seitenwunde vergießt er das sühnende Wasser und das erlösende Blut. Er fährt zur Hölle, ersteht auf und schwebt gen Himmel. Das jüngste Gericht kündet sich durch mancherlei Vorzeichen an, das erste und eigenartigste ist das Erscheinen des größten Bösewichts, des Antichrists. Dann folgen Sünde und Krieg der Menschen. Die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Himmelsmächte an, auch die Heidengötter gehen zu gründe. Finsternis bricht herein, in Flammen steht die Welt. Da sieht der Prophet einen neuen Himmel und eine neue Erde auftauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt, das neue Jerusalem erglänzt von Gold und Edelstein heller als die Sonne. Der Allmächtige kommt zum großen Gericht.

Und nun folge sofort das in der Völuspa auf gefangene Spiegelbild: Das Gedicht beginnt nach einer zweistrophigen Einleitung mit der sechsaktigen Schöpfung, deren letztes Werk, die Erschaffung des ersten Menschenpaars, von drei Göttern, mächtigen und liebevollen, vollzogen wird. Dann erhebt sich ein Schicksalsbaum vor uns; ein Weib, das sich vergangen hat, wird aus dem Himmel verstoßen und bringt bösen Zauber auf die Erde hinab. Ihr Vergehen hängt zusammen mit dem Krieg, den die Wanen, weil sie göttergleich sein wollten, gegen die Götter führten. Ein großer Bau, den ein frevelhafter Riese aufführt, wird hier nur rätselhaft angedeutet, ist uns aber sonst bekannt. Thor fährt dazwischen, und alle Verträge und Reden gehen auseinander. Dann steigt ein heiliger Baum auf mit dem Pfände Walvaters, von dem sich Wasser in einem Falle ergießt, und der blutige Balder wird nach einigen dunklen Strophen sichtbar. Hölle und Paradies werden mit heidnisch-christlichen Farben geschildert. Das Kommen des Weltuntergangs eröffnet die Erscheinung des größten Bösewichts, der später Surtr heißt. Sünde und Krieg der Menschen; die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Götter. Diese fallen. Sonnenfinsternis, Untergang und Brand der Welt. Da sieht die Prophetin eine neue Erde aus dem Meere tauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt. Schöner als die Sonne erglänzt das goldgedeckte Edelsteinhaus, und der Allmächtige kommt zum großen Gericht. Der noch einmal aufsteigende Drache versinkt auf alle Zeit.

So überraschend diese Gleichung auch wirken mag, überzeugen wird sie erst, wenn man ihre einzelnen Glieder prüft und das eigentümliche Umbildungsverfahren erkennt, dem der skaldische Dichter seine christliche Vorlage unterzogen hat. Er kleidet zunächst das Ganze in die Form der Weissagung einer Wölva oder Seherin:

1.
Um Gehör bitte ich alle heiligen Menschenkinder,
Hohe und niedere Söhne Heimdalls.
Du willst, daß ich, Walvater, genau erzähle
Die alten Geschichten der Menschen, d
eren ich von Anfang gedenke.

2.
Ich gedenke der Riesen, der früh geborenen,
Die einst mich erzeugt hatten,
Ich gedenke der neun Heime,
der neun Binnenwohnungen,
Des herrlichen Maßbaums bis hinab unter die Erde.

Was ist hier aus der meist armseligen nordischen Wölwa geworden, die zur Julzeit bei den Bauern von Hof zu Hof umherzog, um ihnen gegen Lohn die Witterung und den Ausfall der nächsten Ernte, Familienereignisse und etwa noch Krieg oder Frieden vorauszusagen? Unsere Wölwa wendet sich an das ganze Menschengeschlecht als Vollstreckerin des Willens Gottes, demgemäß sie die alten Geschichten der Menschen von Uranfang erzählen soll. Sie ist eine Urriesin und kennt alle Räume der Welt bis ins Innerste der Erde. Solch ein gewaltiges Seherweib ist nur einmal geschaffen worden, im alexandrinischen Judentum, das neben Gott die schöpferische Weisheit oder Sapientia als ein himmlisches Geistes wesen, ein allwissendes Weib, kühn einsetzte. Sie wurde dem ganzen Abendlande bekannt durch die hellenistischen Schriften des alten Testaments: die Sprüche Salomonis, das Buch der Weisheit und Jesus Sirach. Ihre hochheilige Natur übertrug der Dichter der Völuspa
auf das dürftige Zauberweib seiner Heimat. Denn alle die großartigen Züge unsrer Wölwa sind bereits in der Sapien-tia vorgebildet. Diese ruft: „Höret mich, ihr Menschensöhne. Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang der Erde“. Sie ist die Gehilfin Gottes, die seinen Willen ausführt, sie kennt die Gedanken der Menschen und den Anfang der Zeiten. Ja sie lebte mit den „Giganten“ zusammen, die „von Anfang bestanden“. Sie kennt die Ordnung des Erdkreises und mißt die Höhe des Himmels, die Breite der Erde und die Tiefe des Abgrunds. Das meint auch unsre Wölwa mit ihren neun Heimen und Binnenwohnungen und dem herrlichen Maßbaum. Nach christlicher Anschauung nahm man 9 Himmel für die 9 Engelchöre an und dem entsprechend 9 Höllenwelten, und wiederholt wird das Kreuz der herrliche Baum und das Maß genannt, und als ein kosmischer Baum aufgefaßt, dessen Wipfel zu den Himmeln strebe, dessen Zweige sich über die ganze Erde ausbreiten und dessen Wurzel unter der Erde bis in die Hölle hinabdringe.

Nun folgt die Schöpfung:

3.
Der Beginn war’s der Zeiten, in dem Ymir wohnte,
Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen,
Erde gab es nicht, noch Himmel oben:
Ein Abgrund war der Abgründe, aber Gras nirgend.

4.
Zuvor erhoben Scheiben Bors Söhne,
Die (dann) den herrlichen Midgard schufen.
Die Sonne schien von Süden auf des Saals Steine:
Da ward der Grund begrünt von grünem Kraute.

5.
Die Sonne schlang von Süden her,
die Gefährtin des Mondes,
Ihre rechte Hand um den Himmelsrand.
Die Sonne wußte nicht, wo sie Wohnungen hätte,
Der Mond wußte nicht, was für Kraft er hätte.
Die Sterne wußten nicht, wo sie ihre Stellen hätten.

6.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber.
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,
Benannten den Morgen und Mittag,
Nachmittag und Abend, die Jahre darnach zu zählen.

7.
Die Äsen trafen sich auf dem Idafelde,
Die Altar und Tempel hoch aufbauten.
Sie legten Essen an, schmiedeten Gold,
Schufen Zangen und fertigten Geräte.

8.
Sie spielten Brett im Garten und waren heiter,
— Es war ihnen kein Mangel an Gold —
Bis drei Riesenmädchen kamen,
Sehr übermächtige, aus Riesenheim.

9.
Es gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Wer von den Zwergen das Volk schaffen solle
Aus Brimirs Blut und aus Blaens Gebeinen.

10.
Da war Mótsogner der ausgezeichnetste
Aller Zwerge, aber Durenn der andre;
Die Zwerge machten viele Menschenkörper
In der Erde, wie Durenn sagte.

11—16 geben eine Zwergnamenliste.

17.
Bis drei kamen aus diesem Geschlechte
Mächtige und gütige Äsen nach Hause;
Sie fanden am Lande die wenig vermögenden,
Schicksalslosen Ask und Embla.

18.
Atem hatten sie nicht, noch Geist,
Noch Blut, noch Gebärde, noch gute Farben;
Atem gab Odin, Geist gab Hoener,
Blut gab Lothor und gute Farben.

Niemand wird auf den ersten Blick in diesem rätselhaften, seltsamen Berichte ein Abbild der biblischen Schöpfungsgeschichte, der Genesis, erkennen, höchstens eine gleiche Anzahl und eine gleichartige Reihenfolge ihrer Hauptakte von der uranfänglichen Leere bis zur Erschaffung des ersten Menschenpaars unsicher durchschimmern sehen. Erst wer die skaldische Formengebung, in welche die Vorgänge eingehüllt sind, abgestreift hat und vieler anderer mittelalterlichen Fassungen des Schöpfungsberichtes, welche Züge der weitbekannten platonischen Schöpfungslehre auf genommen hatten und von der biblischen Genesis mehr oder minder abwichen, eingedenk ist, wird unter dem heidnischen Schein das alttestamentliche Urbild wiederfinden.

Die wüste, leere Erde und den mit Finsternis bedeckten Abgrund des Anfangs übersetzt unser Dichter ganz verständlich durch die Worte:

„Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen, noch war Erde, es war ein Abgrund der Abgründe, ein Gap Ginnunga“.

Und diesem erhabenen Bilde fügt er den fast kleinlichen Zug ein: „aber Gras war nirgend“, gerade so wie der christliche Dichter der angelsächsischen Genesis zu derselben Bibelstelle hinzufügt: „die Erde war da noch von Gras ungrün“, was heißen soll: „Erde war noch nicht und Gras grünte nicht“. So weit steht also die Völuspaschilderung ganz im Banne der christlichen Genesisdarstellung.

Aber Ymer? Trotz seinem heidnischen Riesennamen, der vielleicht den Rauscher bedeutet, ist auch er aus dem Genesistexte der biblischen Vulgata hervorgewachsen. Sie spricht nämlich nicht kurzweg vom Abgrund oder Abyssus, sondern von einer Facies, einem Antlitz, des Abgrunds, woraus man schon im frühen Mittelalter einen Riesenkopf machte. Diese Personifizierung war so beliebt, daß Karl der Große in den sogen. Karolinischen Büchern, die von der Bilderverehrung handeln, als schriftwidrig verbot, den uranfänglichen Abgrund in menschlicher Figur darzustellen. Aber sein Verbot drang nicht durch. Noch im 11. und 12. Jahrhundert wird der Abyssus des zweiten Genesisverses auf einer Elfenbeintafel im Berliner Museum, auf einer Illustration der französisch-lateinischen Bibel von Noailles und auf einer Mosaik von Monreale als ein Riesenkopf dargestellt, der einen Wellenberg durchbricht. Der nordische Urriese der Völuspa ist also doch auch nur ein Auswuchs der Genesisauslegung.

Auch fast alles, was wir aus anderen Stellen der Liederedda und aus der Prosaedda von diesem Urriesen erfahren, stammt nicht aus dem heimischen Mythus, sonders aus der Lehre der mittelalterlichen Theologie von der Urmaterie. Den Abgrund erklärten viele Theologen für das häßliche Bild der formlosen Materie, die der schaffende Gott schon im Anfang vorgefunden habe. Dagegen setzten andre in den Anfang das Nichts. Der oft heftige Widerstreit dieser Lehrmeinungen bewog Snorre, im Sinne der strengeren Orthodoxie den Vers der Völuspa:

Der Beginn war’s der Zeiten,

da Ymir wohnte zu verwandeln in:

Der Beginn war’s der Zeiten, da Nichts war.

Der ganze Roman von Ymirs Geburt, Leben und Tod verdankt seine Herkunft der abendländischen Philosophie. Nach Snorre strömten zwölf Flüsse, die , bevor die Erde geschaffen war, aus dem kalten nördlichen Niflheim dem Nebelheim, in dessen Mitte der Brunnen Hvergelmir, der Rauschekessel, lag. Sie erstarrten in ihrem Laufe zu Eis, das immer höher im Ginnungagap übereinander wuchs, worin nun Feuchtigkeit und Wind entstand. Aus dem südlichen lichten und heißen dem Feuerheim, flogen Funken herüber, sodaß das Ginnungagap lau und windlos wurde. Der Hauch der Hitze brachte das Eis zum Tröpfeln, und die Kraft des Hitzesenders belebte die Tropfen zum ersten Wesen von Menschengestalt. Das hieß Ymir, aber bei den Reif riesen , das rauschende Naß, oder Örgelmir, der gewaltige Rauscher. — Diese Kosmogonie fröstelt einen echt nordisch an, aber auch sie ist fremd und entstammt dem Timaeus Platos, der in der lateinischen Übersetzung und Erläuterung des Chalddius schon seit dem frühen Mittelalter eifrig gelesen wurde. Nach Platos Theorie, die weithin das Mittelalter beherrschte, erstarrt ein die vier Elemente wild vermengender Strom zwischen dem kalten, feuchten Erdelemente und dem heißen, trocknen Feuer zu Eis. Nach der Erdseite hin bildet sich zwischen Kälte und Hitze das kalte, aber feuchte Wasser, nach der Feuerseite hin die warme, feuchte Luft. Der formlose Urstoff wird also jetzt zuerst zur Form, und zwar durch die „Kraft des Schöpfers“, die Virtus des Opifex. Also auch hier eine zwischen Kälte und Hitze vereisende Strömung, ein Entstehen der zwei jüngeren Elemente Wasser und Luft aus dem Zusammenstoß zweier älterer; auch hier eine Verwandlung des Formlosen in eine Form, auch hier ein unmittelbares Eingreifen einer höheren Macht, um dies zu bewirken. Nur dadurch unterscheidet sich Snorre von Plato, daß er dieser geformten Materie einen Personennamen gibt und zwar denselben, den die Völuspa der von ihm als das Nichts bezeichneten formlosen Materie gab, nämlich Ymir.

Aus dem tropfenden Reif entstand auch eine Kuh Audhumla, die mit der Milch ihres Euters Ymir, sich selber aber durch das Ablecken salziger Eisblöcke nährte. Infolgedessen trat der Körper eines Mannes nach und nach daraus hervor, des mächtigen, schönen , der (ohne Weib) einen Sohn Borr zeugte, der „Erzeuger“ den „Erzeugten“. Dem Borr schenkte die Riesentochter Bestla die drei Söhne Odin, Vili und Vé. Die nährende, leckende Riesenkuh mag noch ein altes Bild der die Gletscher umlagernden Wolke sein, die unten Leben schafft; der Erzeuger aber und der Erzeugte entsprechen dem Genitor und dem Genitus der Christologie, sowie Odin, Vili und Vé d. i. Gott, Wille und Heilig der mittelalterlichen Trinitätslehre, wonach die drei Personen u. a. auch als Gott, Wille (Voluntas) und heiliger Geist bezeichnet wurden.

Wie Audhumla nach Snorre die Ahnfrau der Götter und die Amme Ymirs ist, so ist nach den Vafthrudnismal Ymir oder Aurgelmir der Vater des sechshäuptigen Riesen Thrüdgelmir, den sein einer Fuß mit dem andern erzeugte, während unter seinem Arme ein Mann und ein Weib hervorwuchsen. Dies scheint ein verzerrtes Abbild des Urriesen der durch Irenäus im Abendland bekannt gewordenen fantastischen Ophitenlehre, der aus sich heraus sechs Söhne, die sechs Haupttugenden, hervorbringt und Adam sowohl als auch Eva das Leben schenkt.

Und um die Gelmirgenealogie hier verabschieden zu können, sei noch bemerkt, daß der Sohn Thrudgelmirs Bergehnir ist, der in den Vafthrudnismal bei der Sintflut in einen Kasten gelegt, nach Snorre diesen aber mit Weib und Kind besteigt und dadurch gerettet wird. Wer kann darin Noah verkennen, der ja auch zu dem Riesengeschlechte gehört? Fast möchte man in Bergelmir einen Berggelmir vermuten, so genannt, weil er auf dem Berge Ararat landete.

In dieser Erzählung ist die Sintflut aus dem Blute Ymirs, den die Götter erschlagen haben, entstanden. Nach einer andern zerstückeln die Götter den Urriesen und bilden aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen das Gebirge, aus seinem Schädel den Himmel, aus seinem Schweiß die See, aus seinem Haare den Baum, aus seinen Brauen den Midgard und aus seinem Gehirn die Wolken. Ähnliche Listen von Vergleichungen des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos, des Menschen mit der Welt, haben allerdings auch weit entfernte Völker auf gestellt, aber genau übereinstimmende finden wir doch nur in den kirchlichen Schriften des Mittelalters. Selbst deren auffällige Vergleichung der Wolken mit den Gedanken kehrt hier in den aus dem Hirn, dem Sitz der Gedanken, geschaffenen Wolken wieder.

Wie sehr diese ganze Vorgeschichte der Schöpfung, auch wo sie von der Genesis weit abweicht, von Gedanken und Motiven der christlichen Theologie durchsetzt ist, zeigt zum Schlüsse noch der folgende kleine Zug. Snorre wirft bei seiner Ymircharakteristik plötzlich die höchst überraschende Frage auf: „War Ymir ein Gott?“ und bekommt die Antwort:

„Wir halten ihn durchaus nicht für einen Gott, denn er war böse, wie alle seine Nachkommen.“

Diese ernste ethische Frage hatte dem volkstümlichen Riesentum gegenüber keinen Sinn, aber sie versetzt uns plötzlich wiederum mitten in die christliche Gedankenwelt. Denn seit Plato bis auf den heutigen Tag war man geneigt, in der Urmaterie, die doch Ymir vertritt, das Grundböse zu erkennen.

Kehren wir zur Völuspa zurück! Den eigentlichsten ersten Schöpfungsakt der biblischen Genesis, die Scheidung des Lichts von der Finsternis, überging unser Dichter, vielleicht mit dem stillen Einwande, daß das Licht doch erst möglich gewesen, nachdem die Sonne geschaffen worden sei. Darum ließen auch manche christliche Genesisdichter die Lichtschöpfung weg.

Die nächsten drei Schöpfungsakte, den zweiten, dritten und vierten, vollzieht die Gottheit nach den Strophen vier bis sechs der Völuspa genau in der biblischen Reihenfolge: Himmel, Erde und Gestirne. Die Götter erheben die Himmel, schaffen die Erde und bestimmen nach einer Beratung den Gestirnen ihre Bahnen und Zeiten. Der Dichter schließt sich bald mehr an den Genesistext an, bald mehr an dessen theologische Erklärung. So drückt er das Firmament der Genesis durch „Scheiben“ aus, wie es die Kirchenväter nach der mittelalterlichen Sphärentheorie durch himmlische Sphären, Zirkel und Kreise übersetzten. Und Gott nannte weiter das Trockne Erde, und die Erde ließ auf gehen Gras und Kraut. So wird in der Völuspa die Erde geschaffen, und um das Trockne auszudrücken, läßt der Dichter vorgreifend hier schon die Sonne auf sie, die mit einem Saalbau verglichen wird, herabscheinen, sodaß sie mit grünem Kraute begrünt wird. Zum vierten machte Gott, nach der Bibel, zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und diese Lichter scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. So kommen in der Völuspa hinter einander die Sonne, der Mond und die Sterne zum Vorschein, und die Götter geben ihnen Namen und Zeiten, die Jahre danach zu zählen.

Offenbar sind die Gegenstände dieser drei Schöpfungsakte dieselben, aber die Schöpferzahl ist eine verschiedene, mußte eine verschiedene sein, da die mythisierende Darstellungsmanier des im Polytheismus wurzelnden Skalden-tums an die Stelle des einen Gottes mehrere, Bors Söhne, um so unbedenklicher rückte, als ja auch die kirchliche Lehre die Schöpfergew^lt auf mehrere göttliche Personen verteilte. Es sind also heidnische Scheingötter; den echten Heidengöttem war eine Schöpferkraft nicht gegeben und überhaupt den Germanen eine Schöpfungslehre, eine Kosmogonie, fremd. Tadtus ließ kein Wort darüber fallen, denn die von ihm berichtete Herleitung der Ingvaeonen, Herminonen und Istvaeonen von drei Söhnen des Mannus, der wieder ein Sohn des erdgeborenen Tuisco war, ist nur eine Stammheroensage, keine Kosmogonie. Sechs Jahrhunderte später erkannte der kluge Bischof Daniel von Winchester als Kernschaden des deutschen Heidenglaubens den Mangel einer Lehre von der Schöpfung durch die Gottheit, und wenn die heidnischen Nordleute in ihren ausführlichen Debatten mit den Missionaren die Gewalt Thors und Odins über Unwetter und Ungeheuer, über das Gedeihen des Ackers und den Sieg in der Schlacht stolz rühmten, so wagten sie doch nie, obgleich von ihren Gegnern förmlich dazu gereizt, die Schöpferkraft ihrer Götter zu behaupten. Man hat also nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, die schaffenden Götter der Völuspa als bloße poetische Ersatzfiguren der christlichen Gottheit aufzufassen.

Aber wie ist weiterhin die Hochzimmerei und die Goldschmiedekunst der Götter samt ihrem heiteren Brettspiel zu erklären? Die Partie der Genesis 1, 31 bis 2, 2 bot dafür das Leitmotiv:

„Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Also wurden vollendet die Himmel und die Erde und ihr ganzer Schmuck, und Gott ruhete“.

Die christlichen Angelsachsen nannten den Himmel ein „Hochgezimmer“, und als er und die Erde fertig waren, jubelten in ihrer Genesis die Engel, „denen kein Mangel an irgend etwas war“, und hielten ein Gelage. So zimmerten die nordischen Götter den Himmel hoch wie ein Heiligtum und schmiedeten Gold, „an dem ihnen kein Mangel war“ (für den Stemenschmuck), und erfreuten sich am Brettspiel. Die selige Ruhe, die Gott nach der Vollendung Himmels und der Erden empfindet, wird vom angelsächsischen Genesisdichter ebenso frei ausgemalt, wie vom nordischen Völuspaverfasser. Dort jubeln die Engel und halten, frei von allem Mangel, ein Gelage, hier schmie den die Götter, frei von allem Mangel, schönen Schmuck und ergötzen sich mit Spiel. Ein eigentlich heidnisches Motiv ist auch hier ganz ausgeschlossen, denn der echtnordische Glaube versagte seinen Göttern nicht nur die schöpferische Tätigkeit überhaupt, sondern auch insbesondere alles Bauen und Schmieden. Mit diesen Künsten sind nur Zwerge und Riesen vertraut. Wenn dann plötzlich drei mächtige Riesenweiber erscheinen d. h. die Nomen, so sind wir überrascht. Doch auch dieser Zug, die Verknüpfung des Schicksals mit der Schöpfung der Sterne, kehrt in der mittelalterlichen Kosmogonie wieder: Chalcidius fand das Schicksal in den neugeschaffenen Sternen und zwar dreigeteilt in die drei Parzen Atropos, Clotho und Lachesis.

Noch überraschender ist nun die folgende Mitteilung, daß eine Götterversammlung Zwerge beauftragt, Menschenformen in Erde aus Wasser und Gestein zu bilden, da doch die Genesis als fünftes Werk die Schöpfung der Tiere schildert. Hier folgt der Dichter völlig der platonischen Schöpfungsgeschichte. Denn darnach werden von einer Götterversammlung die niederen Götter und Dämonen, die der nordische Verfasser Zwerge nennt, beauftragt, die Formen sterblicher Wesen aus den Elementen zu bilden.

Alsbald kehrt der Verfasser mit der Schilderung des sechsten Schöpfungsaktes zu der biblischen Vorlage und ihrer mittelalterlichen Auslegung zurück. Die Krone des ganzen SchöpfungsWerkes ist auch in der Völuspa das erste Menschenpaar. Die Worte Gottes in der Genesis:

„Lasset uns Menschen machen“

wurden von den Kirchenvätern schon früh auf die Dreieinigkeit gedeutet, und so greifen auch in der Völuspa drei Götter das Werk an und zwar durch dieselben zwei Eigenschaften getrieben, ihre Macht und ihre Güte. Der dreieinige Gott findet einen Erdenkloß, dem er den lebendigen Odem in die Nase bläst, so daß der Mensch eine lebendige Seele wird. Diese Gaben verteilt die christliche Auslegung auf die drei göttlichen Personen, so daß Gottvater den Atem, Gottsohn die Seele und der heilige Geist die bewegliche Lebenskraft spendet.

So finden die drei nordischen Götter unvermögend und schicksalslos jene von den Zwergen aus Erde gemachten Körper und verleihen ihnen dieselben Gaben in derselben Verteilung. Und sie tragen die frei erdichteten Namen Ask und Embla, die den gleichen Stabreim bilden wie Adam und Eva. Daß die erste Person der Dreieinigkeit mit dem Namen des höchsten nordischen Gottes Odin bezeichnet wurde, ist fast selbstverständlich, wie ihn auch Snorre als Här den Hohen neben die beiden anderen Namen der christlichen Dreieinigkeit Jafnhär Ebenhoch und Thridi den Dritten setzt. Verunglückt dagegen ist die Umtaufung der beiden andern Schöpfer in Hoenir und L6-ßor, denn jener ist ein höchst unbedeutender Gott und dieser ein völlig unbekanntes, wohl nur für diese Stelle erfundenes Wesen.

Der dritte Abschnitt der Völuspa besteht aus den Strophen 19—26:

19.
Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasill;
Ein hoher Baum, mit glänzendem Naß begossen,
Von da kommen die Tautropfen, die in die Täler fallen,
Er steht immer grün über dem Urdarbrunnen.

20.
Von da kommen Mädchen, vielwissende,
Drei aus dem Saal (See), der unter dem Wipfel steht.
Urd nannten sie die eine, die andre Werdandi,
— sie schnitten ins Scheit ein — Skuld die dritte.
Sie setzten die Satzungen, sie erkoren das Leben
Den Kindern der Menschen, das Schicksal der Männer.

21. D
ieses Volkskriegs gedenke ich als des ersten in der Welt,
Als sie Gollweig mit Geren stießen
Und sie in der Halle des Hohen brannten,
Dreimal brannten, die dreimal Geborne;
Oft, unselten; dennoch lebt sie noch.

22. Heibr nannten sie sie, wo immer sie in die Häuser kam,
Eine wohlkundige Wölwa: sie rüstete Zauberwesen aus,
Zauberte, wo sie konnte, zauberte sinnbetörend,
Immer war sie die Lust böser Weiber.

23.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Ob die Äsen Abgabe zahlen sollten,
Oder alle Götter Opfer haben.

24.
Odin schleuderte und schoß ins Volk,
Das war jener erste Volkskrieg in der Welt,
Gebrochen wurde der Ringwall der Asenburg,
Die kampfkühnen Wanen waren imstande, die Felder zu
zerstampfen.

25.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Wer die ganze Luft mit Unheil gemischt hätte
Oder dem Riesengeschlecht Ods Mädchen gegeben.

26.
Thor allein schlug zu, von Zorn bezwungen,
Er sitzt selten, wenn es sich darum handelt.
Zertreten wurden die Eide, die Worte und Schwüre,
Alle feierlichen Verträge, die zwischen ihnen fuhren.

Der Erschaffung des Menschen folgt auch in der Genesis das Bild eines Baums des Lebens, der nach der Apokalypse an beiden Seiten des Flusses mit dem krystall-hellen Lebenswasser steht und das ganze Jahr hindurch Frucht und Laub trägt. Mit ihm verschmolz der Dichter die heidnische hohe Weltesche, die bei den Skalden Odins Roß d. i. Yggdrasill hieß. Aber auch des Genossen des paradiesischen Lebensbaumes scheint er sich dabei erinnert zu haben, des schicksalvollen Baumes der Erkenntnis, und darum die drei Schicksalsweiber an seinen Stamm gesetzt zu haben, wenn ihm hier nicht eine ältere volkstümliche Nornenszenerie vorschwebte. Ob nicht auch die Namen der drei Nornen ,

Gegenwart und Zukunft den drei lateinischen Parzennamen Praeteritum, Praesens und Futurum, die wir bei den Gelehrten des Mittelalters z. B. Isidor finden, nachgebildet worden sind?

Und nun entrollt sich das Schicksal der Welt. Es beginnt in der Völuspa wie in der Bibel mit der Ver- schuldung eines Weibes, die hier wie dort auf eine noch ältere Verwicklung, einen Krieg, zurückdeutet. Denn nach der Kirchenlehre erhoben sich Luzifer und andere treulose Engel gegen Gott, weil sie ihm gleichgestellt sein wollten, zum „primum bellum civile“, zum ersten Volkskrieg. Sie wurden aber aus dem Himmel gestoßen, worauf sich Satanas rächte durch die Versuchung der Eva zum Sündenfall. Die lichten Engel verwandelt der Dichter in die lichten Wanen, die gleich den andern Göttern durch Opfer geehrt sein wollen. Darüber bricht der erste Volkskrieg aus. Die angelsächsische Genesis schildert, wie nun des Himmels Hochkönig zornig gegen die Aufrührer die Hände erhebt, auf einer ihrer 48 Miniaturen schleudert er sogar, von seinen Engeln umgeben, ein Bündel Pfeile gegen sie. So schießt in der Völuspa Odin ins Volk hinein. Dennoch gelang es nach der romanhaften Darstellung des Engelsturzes z. B. durch Honorius von Augustodunum, den meuterischen Engeln, einen Palast des Allmächtigen zu zerstören. So brechen auch in der Völuspa die Wanen den Burgwall der Äsen.

Dieses Volkskriegs gedenkt also die Seherin mit Recht, als sie den Sündenfall schildern will. Denn die mit Geren gestoßene, in der Halle des Hohen dreimal gebrannte, dreimal geborene, noch lebende , Goldgetränk (?) ist keine andere als Eva, wie sie die kirchenväterliche Deutung darstellte. Sie wird nach Ambrosius durch drei vergiftete Pfeile d. h. drei Versuchungen des Teufels getroffen, die von andern Kirchenvätern auch drei feurige Gere genannt wurden. Das geschah im Paradiese, das hier die Halle des Hohen heißt. Ob sie dreimal geboren genannt wird, weil sie erstens zugleich mit und in Adam, dann aus seiner Rippe, endlich auf Erden gleichsam noch einmal geboren wurde, bleibe dahingestellt. Auf Erden lebt sie noch heute als Heidr, Heitere, Strahlende fort, die durch ihre Schönheit bezaubert, immer die Lust böser Weiber.

Den Sinn der zwei folgenden Strophen 25 und 26 kann man nur erraten, wenn man sich erinnert, daß mit dem Riesengeschlecht insbesondere der riesige Baumeister Smidr gemeint sein muß, der eine große Burg den Göttern baute und dafür Ods Mädchen d. i. Freyja zum Lohn erhalten sollte, bis Thor dazwischen fuhr, den Vertrag brach und den Baumeister erschlug. Die Anspielungen auf einen alten Heidenmythus haben hier den Sinn der christlichen Heilslehre fast verdrängt, die hier als einen der durch die Sünde der Menschen herbeigeführten Hauptakte den Bau des Turms zu Babel vorführt. Dieser Bau galt auch den Kirchenschriftstellem als ein Bau der bösen Giganten, den Gott zerstört, und die auffällig breite Ausführung der Störung der Eide, Worte, Schwüre und Verträge hatte zur geheimen Ursache die andere Bedeutung Babels, die der Störung, der Verwirrung der Sprachen.

27.
Sie weiß Heimdalls Horn verborgen
Unter dem aethergewohnten heiligen Baume,
Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle
Aus dem Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres?

28.
Allein saß sie draußen, als der Alte kam,
Der schreckliche der Äsen und sah ihr ins Auge.
„Wonach fragst du mich, wie versuchest du mich?
Alles weiß ich, Odin, wo du das Auge verbargst“.

29.
Ich weiß Odins Auge verborgen
In jenem berühmten Mimisbrunnen,
Met trinkt Mimir jeden Morgen
Vom Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres?

30.
Heervater schenkte Ringe und Halsbänder,
Ich empfing weise Kunden und Zauberkünste.
Ich sah weit und breit über alle Welten.

31.
Ich sah die Walküren weither gekommen,
Fertig zum Ritt ins Heldenvolk.
Skuld hielt den Schild, Skögul war die andre,
Gudr, Hildr, Göndul und Geirskögul.
Nun sind gezählt die Mädchen Herjans (Odin),
Die Walküren fertig zum Ritt auf die Erde.

32.
Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte,
Odins Sohne, das Schicksal verborgen.
Gewachsen stand hoch über der Flur
Der zarte und sehr schöne Mistelzweig.

33.
Es wurde aus dem Baumstamm das sehr zart erscheinende,
Aber gefährliche Unglücksgeschoß: Höder ergriff es zum
Schießen.
Balders Bruder wurde alsbald davon getragen,
Da übernahm Odins Sohn, eine Nacht alt, die Rache,

34.
Wusch seine Hände nicht, noch kämmte er sein Haupt,
Bevor man auf den Scheiterhaufen trug Balders Feind.
Aber Frigg beweinte in ihren Fensälen
Das Weh der Walhall: wißt ihr noch weiteres?

35.
Gebunden sah ich liegen unter dem Kesselhaine
Die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki.
Da sitzt Sigyn, doch nicht um ihren
Mann sehr erfreut: wißt ihr noch weiteres?

In diesen dunklen Strophen tritt die Wölwa mit Fug und Recht wieder in den Vordergrund. Die Schöpfung samt den ersten sündigen Störungen der neu geschaffenen Welt liegen hinter ihr. Ihr drängt sich jetzt etwas Wichtigeres, Schwereres, Persönlicheres auf. Sie hat ein zentrales Ereignis zu verkünden, das voll Schmerz und Kampf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet. Es birgt das tiefste Mysterium in sich, das das furchtbarste Strafgericht nach sich zieht. Dies Mysterium stellt sich ihr in drei Gesichten vor, immer deutlicher, immer beängstigender.

Sie weiß Heimdalls Horn, sie weiß Odins Auge, sie weiß Balders Schicksal verborgen. Das alles weiß sie aber nicht aus dem nordischen Mythus, wenn sie sich auch der Sprache desselben bedient, sondern aus dem christlichen Ideenkreise und zwar aus demjenigen, der den Mittel- und Kernpunkt der Heilslehre, den Kreuzestod des Gottessohnes Christus, umgibt. Von dem seltsamen Versteck des Homes Heimdalls unter einem in den Äther ragenden heiligen Baum ist im nordischen Mythus nichts bekannt, auch nicht die leiseste Anspielung. Dagegen nannten zahlreiche Kirchenschriftsteller, auch angelsächsische und nordische Dichter, das Kreuz den „heiligen Baum“ und rühmten von ihm, daß sein oberer Teil gen Himmel blicke, also äthergewohnt sei. Seine Äste oder Arme wurden von ihnen Hörner genannt. Den in der Tiefe der Erde verborgenen unteren Teil, das untere Horn, hebt hier die Wölwa besonders hervor, denn dieses unsichtbare „Profundum“ des Kreuzes wurde auf die unerforschlichen Gerichte Gottes gedeutet, von denen zu reden sie sich ja gerade hier anschickt. Das Wächterhom Heimdalls (S. 408) hat hier nichts zu schaffen, es ist hier eine bloße mythologische Ketming oder Umschreibung eines christlichen Begriffs.

Wie tief aber die Wölwa aus der christlichen Ideenwelt schöpft, das lehren auch ihre unmittelbar folgenden Worte:

„Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle (forse) vom Pfände (ved) Wal vaters.“

Schon im Epheser-brief und weiterhin überall in der kirchlichen Literatur heißt das „Pfand“ der Erlösung durch sein Blut der Sohn Gottes, der Gekreuzigte, aus dem sich nach dem Lanzenstich des römischen Soldaten durch eine Seitenwunde Blut und Wasser ergießen, auf manchen alten Bildern in einem förmlichen Falle. Noch im 16. Jahrhundert sagt ein nordisches geistliches Gedicht:

„Uns wuschest du, o Christus, mit dem Falle (fossi) deines Blutes.“

In ihrer zweiten Vision sieht die Wölwa Odins Auge im Mimisbrunnen verborgen; Met trinkt Mimir jeden Morgen aus dem Pfände Walvaters. Die altmythischen Begriffe Odins Auge und der Mimisbrunnen sind hier, wie soeben Heimdalls Horn, der Darstellung christlicher Ideen dienstbar gemacht. Denn die Kirchensprache faßte auch wohl in der Dreieinigkeit Gott als das Auge, Christus als den Brunnen, den heiligen Geist als das daraus fließende Wasser auf. Und da Christus hier von neuem das „Pfand Gottes“ heißt, so gilt er für das verpfändete Auge, das im Brunnen verpfändete, im Brunnen des heiligen Geistes. Bedeutet vielleicht der tägliche Trunk Mimirs aus diesem Pfände den täglichen Opfertrunk des Messe haltenden Priesters? Denn es heißt z. B. bei Honorius, ohne Zweifel nach älteren Auslegern: Wegen des der Kirche übergebenen „Pfandes“ nimmt der Priester mit der Weihe des heiligen Geistes täglich Brot und Wein, das Fleisch und Blut Christ! Dieses nannte der Angelsachse Älfric auch kurzweg Pfand, mit dem gleichen Ausdruck, wie es die Wölwa „wedd“ nennt. Schon Snorre ahnte die neue Bedeutung des Mimis-brunnens, indem er ihn den Brunnen der göttlichen Weisheit (visindi) nannte. Doch gestehen wir gern, daß diese dunkle Partie noch sehr der Aufhellung bedarf, die sie aber schwerlich aus der Natursymbolik empfangen wird.

Die Wölwa sieht diese rätselhaften Bilder nach der Sitte der heidnischen Wölur draußen in der Einsamkeit, wobei ihr der Zaubergott Odin durch Gaben verschiedener Art Hilfe leistet. So ausgerüstet sieht sie das letzte, das traurigste Bild, das der wilde Ritt von Walküren ankündigt Krieg ist die Losung auf der Erde, wie im Himmel, zwischen den Guten und den Bösen. Und nun tut der Dichter einen Meistergriff. Er setzt den lichten der beiden altgermanischen Dioskurenbrüder, den Sommergott Balder, an die Stelle des lichten Christus und beläßt zwar noch dessen dunklen Bruder Hödr, der ihn mit der Mistel, dem Wintersymbol, erlegt, aber er macht zum eigentlichen Urheber des Todes Balders den unheilvollen Dämon , den Saxo noch gar nicht in diesem Mythus kennt So wurde Loki zu einer Art Teufel, der ja der eigentliche Urheber des Todes Christi war, und mußte sich die weitere Verchristlichung gefallen lassen, daß er für seine Untat in der Hölle gebunden wurde. Der Baldermythus mag auch schon, da er den Untergang eines glänzenden Lichtgottes zum Inhalt hatte, einen schwermutsvollen, auch die andern Götter beunruhigenden oder gar erschütternden Charakter gehabt haben; aber die das Schicksal des Weltalls entscheidende Zentralbedeutung des Todes Balders kann nur der des Todes Christi nachgebildet sein. Wie es in der Apokalypse 19, 11 heißt:

„Ich sah den König aller Könige, den Herrn aller Herren, angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war, und ich sah das Tier, und mit ihm den falschen Propheten, und lebendig wurden diese beide in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brennt“,

so heißt es in der Völuspa:

„Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte, sein Schicksal verborgen und ich sah gebunden liegen unter dem Haine der heißen Sprudel die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki.“

Die weinende Mutter Gottes aber wird durch die weinende Mutter Balders, Frigg, ersetzt. Beide Schilderungen des Todes des lichtesten Wesens, Balders wie Christi, bereiten die Ankunft des jüngsten Gerichts vor.

36.
Ein Strom fällt von Osten her durch Gifttäler.
Mit Schneiden und Schwertern: der Grausige heißt er.

37.
Es stand nördlich auf den Finsterfeldern
Ein Saal aus Gold des Geschlechtes Sindris,
Aber ein anderer stand zu Unkühlheim,
Der Biersaal des Riesen, der Brimer heißt.

38.
Einen Saal sah sie stehn, der Sonne unerreichbar,
An den Leichenstränden; nordwärts wendet sich die Tür.
Es fielen Gifttropfen herein durch die Lichtlöcher, G
eflochten ist der Saal aus Schlangenrücken.

39.
Sie sah da waten schwere Ströme Meineidige Männer und Mörder,
Und den, der eines Anderen Frau verfährt.
Da sog Nidhögg die Leichen der Abgeschiedenen,
Der Bösewicht zerriß die Männer: wißt ihr noch weiteres?

Diese Bilder der Unterwelt muten uns auf den ersten Blick unchristlich, nordisch genug an: der Waffenfluß, der aus den östlichen Frosttälern strömt, der Goldsaal der Zwerge, der Biersaal des Riesen und der Saal der Hel mit seinem Schlangendach. Die Sünder waten durch Ströme, Leichen werden von einem Drachen ausgesogen oder vom Bösewicht zerrissen. Aber gegen altheidnische Herkunft spricht, daß alle diese Unterweltsbilder, abgesehen etwa von dem Waffenfluß, kaum im altnordischen Glauben

nachgewiesen werden können, zumal nicht die Hel als Qualort der Sünder. Dagegen bieten die christlichen Quellen zahlreiche gleiche Vorstellungen dar, z. B. wird in der aus dem 4. Jahrhundert stammenden paulinischen Apokalypse, die seit dem 9. Jahrhundert vielfach übersetzt und bearbeitet wurde, Paulus in die goldtorige Stadt der Seligen, ins mehr als Gold glänzende Land der Sanftmütigen, endlich in die Stadt Gottes mit ihren Honig-, Milch-, Öl- und Weinflüssen versetzt. Daraus machte der nordische Dichter einen Goldsaal der Zwerge und einen Biersaal des Riesen. Darauf schaute Paulus den finstern Ort der Verdammten mit dem „bestrafenden“ Strom, in dem die Ehebrecher waten, und einen feurigen Strom, in dem die Diebe und Mörder gepeinigt werden. Einem dieser Sünder kriechen Würmer aus dem Munde. In der Vision Karls III. um 900 stehen die Räuber und Raufer in einem metallenen, also wirklich „schweren“, Strom, und Schlangen packen sie von den Ufern her an. Wie nach der Offenbarung des Johannes der Drache, die alte Schlange, im Abgrund gefesselt liegt, so haust auch in der Völuspa der Drache tief in der Unterwelt.

Der christliche Einfluß erscheint in dieser Strophengruppe vollends sieghaft durch die Stellung, die ihr im Gedankengange des Gedichts angewiesen ist. Die Schilderung des Paradieses und der Hölle eröffnet die eigentliche Darstellung des jüngsten Gerichts, wie auf den alten Wandbildern der Kirche und den Miniaturen der Evangeliarien Italiens und Deutschlands unter dem Gerichtsbilde häufig Hölle und Paradies nebeneinander stehen, und Predigten und Gedichte des Mittelalters vor der Schilderung des Gerichts diese beiden Welten vorführen.

40.
Ostwärts saß die Alte im Eisenwalde
Und gebar da Fenris Gezücht.
Es wird von allen vornehmlich ein Gewisser
Des Gestirns Verschlinger in Unholdsgewande.

41.
Er füllt sich mit dem Fleische getöteter Männer,
Er rötet der Götter Sitz mit rotem Blute.
Schwarz werden die Sonnenscheine die folgenden Sommer über,
Die Wetter werden alle übelgesinnt. Wißt ihr noch weiteres?

42.
Es saß da auf dem Hügel und schlug die Harfe
Der Riesin Hirte, der frohe Eggther,
Über ihm sang im Vogelwalde
Ein schönroter Hahn, der Fjalar heißt.

43.
Es sang über den Äsen Gullinkambi,
Der weckt die Männer in Heervaters Hause,
Aber ein andrer singt unter der Erde unten,
Ein rußroter Hahn, in den Sälen der Hel.

44.
Laut bellt Garm vor Gnipahellir,
Die Fessel wird zerreißen, aber der Wolf rennen!

Viel weiß ich der Kunden, vorwärts sehe ich weiter Über der Götter Untergang, den gewaltigen der siegmächtigen. Man hat die im Eisenwalde d. h. im unermeßlichen Walde sitzende Alte für eine Waldriesin erklärt, die im östlich gelegenen Riesenheim wohnte. Aber nirgendwo erscheint in der heidnischen Überlieferung der Osten als Brutstätte besonders bösartiger Wesen, und vollends über deren schlimmstes gibt sie keine Auskunft, weder über dessen Charakter, noch über dessen Auftreten in einem so entscheidenden Zeitpunkt der Erzählung. Dagegen stellen uns die Offenbarung des Johannes und die im Mittelalter außerordentlich beliebte Antichristlegende jene beiden abschreckenden Persönlichkeiten, Mutter wie Kind, dicht vor dem Einbruch der Weltkatastrophe vor Augen. In der Wüste fern im Osten sitzt das furchtbare Weib, die Mutter aller Gräuel auf Erden, die Behausung der Teufel und das Behältnis aller unreinen Geister, die „alte, wüste Babilonie“, wie es oft im Mittelalter heißt. Die unermeßliche Wüste, deren Begriff den Germanen weiter ablag, wird hier, wie auch in andern Wiedergaben der Antichristlegende, ein unermeßlicher Wald genannt. In ihrer Wildnis gedeihen namentlich Drachen und Würmer aller Art, und mit dem Teufel gebiert sie als schlimmstes Kind, als omnium nequis-simus, den größten Böse wicht, den Antichrist, der das menschliche Geschlecht verderben wird, und zwar in des „Teufels Form“, also in Unholdsgewande. Aus dem Osten dringt er vor und übt dieselben Frevel aus, wie der Sohn der Eisenwälderin. Nach Jerusalem kommend tötet und erwürgt er alle Gläubigen und dringt in den heiligen Tempel Jehovas, um dort seinen Sitz aufzuschlagen. Er erfüllt nun Christi evangelische Prophezeiung, daß der Antichrist große Zeichen und Wunder tun wird und daß Sonne und Mond den Schein verlieren und die Sterne vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel sich bewegen werden. Auch heißt es in der Antichristlegende:

„Die Lüfte wird er mit Winden erregen.“

Die auch die Sommer über übelgesinnten Wetter, die in der Völuspa zu den Vorzeichen des Weltuntergangs gehören, werden in den Vafthrudnismal, einem andern der Völuspa ungefähr gleichaltrigen eddischen Gedichte, und in der Prosaedda als der Fimbulvetr d. h. der große, furchtbare Winter bezeichnet. Und auch diese beiden nordischen Berichte zeigen sich durchaus abhängig von der Antichristlegende. Denn der Antichrist kehrt die Ordnung der Natur um, erregt die Lüfte durch Winde und vielfache Störungen. Diese schreckliche Plage wird drei und ein halbes Jahr in der ganzen Welt dauern, nach andern Theologen drei Jahre. Die Prosaedda aber beschreibt jenen Winter so:

„Da treibt Schnee aus allen Ecken, großer Frost ist da und scharfe Winde, und die Sonne nützt nichts. Da fahren drei Winter zusammen, und ist kein Sommer dazwischen“.

Also auch hier dieselbe dreijährige Frist furchtbaren Wetters. Ferner: als der Antichrist gebietet, daß Feuer vom Himmel herabfalle, fliehen viele Menschen in die Einsamkeit. So verbergen sich nach der Prosaedda zwei Menschen in Hoddmimisholt während dem Feuer, das Surtr auch vom Himmel reißt, und Surtr, der Schwarze, ist auch weiterhin beim Ansturm auf die Himmelsmächte mit dem Antichrist identisch. Jene beiden Menschen Lif und Lifthrasir d. h. Leben und Lebenswünscher haben Morgentau zur Speise, und davon nähren sie ihr Leben. So fliehen z. B. nach dem Kirchenschriftsteller Lactanz die Menschen vor dem Antichrist in die Einsamkeit, da fällt von Gott der Morgentau seines Segens, und Gott spendet allen reichliche und unschuldige Nahrung.

Den zwei folgenden Strophen 42. 43 ist kein bestimmterer, tieferer mythischer Sinn abzugewinnen. Der Harfenschlag Eggthers und die Schreie der drei Hähne scheinen auf die Entscheidung vorbereiten zu sollen, wie das Gebell des Hundes und das Loskommen des Wolfes in der 44. Strophe. Der letzte Zug entstammt wohl wieder der christlichen Überlieferung: schon im 8. Jahrhundert hört ein Christ als Zeichen des Weltuntergangs, wie die Seylla und ihre jungen Hunde vor der Hölle nicht aufhören, zu bellen; und in der Apokalypse wird vor dem jüngsten Gericht ein Tier los, der Drache oder die alte Schlange oder Teufel und Satanas genannt Nun überblickt die Wölva den gewaltigen Untergang der Götter, das

Weitende, das in ein paar andern Liedern auch Götterdämmerung ( Ragnarekkr) genannt wird d. h. ebenfalls Untergang der Götter, etwa wie die Christen des Mittelalters das jüngste Gericht den Finis oder die Consummatio mundi, das Ende oder den Untergang der Welt, nannten, oder auch die Vespera mundi, den Abend der Welt.

45.
Brüder werden sich schlagen und einander zu Tötern werden,
Schwesterkinder, werden die Sippe brechen.
Arg ist es in der Welt: großer Ehebruch,
Beilalter, Schwertalter, Schilde werden zerspalten,
Windalter, Wolfsalter, bevor die Welt zusammenstürzt,
Kein Mensch wird des andern schonen.

46.
Es spielen Mims Söhne, aber der Maßbaum entzündet sich,
Beim Schall des alten Gjallarhorns.
Laut bläst Heimdall, das Horn ist in der Luft:
Odin redet mit Mims Haupt.

47.
Es bebt Yggdrasils Esche, die emporragende,
Es stöhnt der alte Baum, aber der Riese kommt los!
Alle fürchten sich auf den Unterweltswegen,
Bevor Surts Blutsfreund ihn verschlingt.

48.
Was ist bei den Äsen, was bei den Elfen?
Es tost ganz Jötunheim, die Äsen sind auf der Dingstatt,
Es ächzen die Zwerge vor den Steintoren,
Der Felswand kundig. Wißt ihr noch weiteres?

49. wiederholt Strophe 44.

Der Dichter überläßt sich in der 45. Strophe dem Zuge der biblischen Schilderung der Vorzeichen des Weltuntergangs. So heißt es im Marcusevangelium 13,12: Es wird ein Bruder überantworten den andern zum Tode und der Vater den Sohn, und die Söhne werden sich gegen die Eltern erheben und werden sie töten. Und schon Jesaias 9,19 verkündet, daß im Zorn des Herrn kein Mensch des andern schonen wird. Ehebruch wird nicht erwähnt, aber nach Marcus wird man, bevor alles zu Ende geht, hören von Kriegen und Kriegsgeschrei, und Erdbeben werden geschehen, und es wird teure Zeit sein. Das meinen jene Schwertalter, Wind- und Wolfsalter.

Nur kurze Zeit bedient sich der Dichter einer einfacheren, unverhüllten Ausdrucksweise, um in den nächsten Strophen wieder ganz in den skaldischen Rätselton zu verfallen. Aber wie dunkel er klingt, biblische Anschauungen von den Vorgängen vor dem Weltuntergang, nicht heidnische, klären uns über den Sinn auf. Nach Matthaeus 24,29 werden nach der Trübsal derselben Zeit die Kräfte des Himmels sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes im Himmel. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen. Die Bewegung der Himmelskräfte, die auf die vom heiligen Geist belebten Engel gedeutet wurden, übersetzt der Dichter durch das Spiel der Söhne Mimirs, in dem wir schon oben den heiligen Geist vermutet haben. Das Zeichen des Herrn, des Gekreuzigten, das bei den Angelsachsen das leuchtende Zeichen, der leuchtende Baum und insbesondere als Vorzeichen des Gerichts auch bei Berthold von Regensburg das „leuchtende“ heißt, wird der sich entzündende Maßbaum genannt und auch hier wie oben mit dem Gjallarhom in unmittelbare Verbindung gesetzt. Hier aber ist dieses nicht mehr verborgen, sondern erschallt laut wie ein Heerhom in die Luft gleich den Posaunen der Engel, die den Kampf verkünden. Gottvater und der heilige Geist, Odin und Mimir, bereden sich mit einander, wie sie beide nach den Kirchenschriftsteilem dem Gottsohne beim Gerichte beistehen.

Zwischen heidnischem Ausdruck und christlichem Inhalt bewegen sich auch die folgenden Strophen. Freilich ist Yggdrasils Esche, die heidnische Weltesche, ein Abbild des Alls, die beim Beginn des allgemeinen Zusammenbruchs ganz natürlich erbebt und alle Wesen der Welt, die Riesen wie die Menschen, die Äsen wie die Zwerge, in Aufregung versetzt. Aber ein paar intimere Züge des Baumes stammen doch von Ezechiel Kap. 31 und Jesaias 14. 26. 31, wo sie den Sturz Assurs mit dem Sturz eines gewaltigen Baumes vergleichen. Denn die Völker erschrecken, da sie ihn fallen hören, da er hinuntergestoßen wird mit denen, so in die Grube fahren. Und als der Herr die gewaltige Rute Babel zerbricht, da erweckte er die Giganten. Nach Ezechiel fällt der Assurbaum in die Hand des Mächtigsten, der mit ihm machen wird, was er will. Er rottet ihn aus. Das ist wahrscheinlich Surts Blutsfreund, der ihn verschlingt, nämlich das Feuer. Die Aufregung der Riesen, Götter und der felswandkundigen Zwerge, die in den Bergtoren vor Angst stöhnen, entspricht der Angst der Könige, der Gewaltigen, der Freien und der Knechte, die nach der Apokalypse Kap. 6 vor dem Gericht in den Höhlen und Steinen der Berge sich verbergen.

In die apokalyptische Bahn lenken dann auch die folgenden Strophen ein.

50.
Hrym fährt von Osten her, hält den Schild vor.
Die Weltschlange windet sich im Riesenzorne,
Der Wurm drängt die Wogen. Aber der Adler kreischt,
Der schnabelfahle zerreißt die Leichen: Naglfar kommt los.

51.
Ein Schiff fährt von Norden her:
kommen werden der Hel Leute über die See, aber Loki steuert.
Die tollen Gesellen fahren alle mit dem Wolfe,
Mit denen der Bruder Byleipts in der Fahrt ist.

52.
Surtr fährt von Süden her mit dem Reiserverderben:
Es glänzt von dem Schwerte die Sonne der Schlachtgötter.
Steinberge schlagen zusammen, aber die Bergriesinnen stürzen.
Die Männer betreten den Helweg, aber der Himmel spaltet sich.

53.
Dann kommt der Hlin zweiter Harm heran,
Als Odin auszieht, mit dem Wolf zu kämpfen,
Aber der Töter Belis, der leuchtende, gegen Surtr:
Dann wird fallen der Frigg Geliebter.

54.
Es kommt der große Sohn Siegvaters,
Vidar, zu kämpfen mit dem Leichentier,
Es läßt dem Sohne Hvethrungs dringen
Das Schwert ins Herz: so ist der Vater gerächt.

55.
Es kommt der herrliche Sohn der Hlothyn:
Es übergähnt die Luft der Erdumgürter von unten,
Es geht Odins Sohn dem Wurm zu begegnen.

56.
Er erlegt im Zorne den Schützer Midgards,
Alle Menschen werden die Heimstatt räumen!
Neun Schritte geht der Sohn der Fjörgyn
Kaum noch von der Schlange, die die Schandtat nicht kümmert.

57.
Die Sonne beginnt zu verfinstern: die Erde sinkt ins Meer,
Es fallen vom Himmel die heitern Sterne,
Es rast Dampf und Feuer:
Es spielt die hohe Hitze bis zum Himmel selbst.

58. = 44. 49.

Die Völuspa zählt fünf dämonische Angreifer auf: Hrym, die Schlange, Loki mit den Helsöhnen, den Wolf Freki und Surtr, die Apokalypse im 20. Kapitel Mors und Infemus, dazu im 16. drei andre, den Drachen, die Bestia und den Pseudopropheten oder Antichrist, also auch fünf. Hrym scheint ein Schiffer, dem das aus den Nägeln der Toten zusammengesetzte Schiff Naglfar gehört, und der vielleicht auch dem Namen nach mit dem antiken Ch(a)rön verwandt ist. Er vertritt den apokalyptischen Tod, der im Mittelalter trotz des weiblichen Geschlechts der Mors durchweg als Mann vorgestellt wurde. Ihm ist in der Apokalypse, wie in der mittelalterlichen Malerei und Dichtung, der Infemus, der Höllenfürst, zugesellt, gleich wie in der Völuspa Loki, der mit seinen Höllenleuten über die See fährt. Und wenn in der Apokalypse das Meer und der Tod und die Hölle ihre Toten herausgeben, so zerreißt hier ein Adler, der Hrym, die Wogenschlange und Loki begleitet, die auf dem Meer treibenden Toten. Den drei andern Gottesfeinden der Apokalypse: dem Drachen, der Bestia dem Antichrist entsprechen aufs beste der Wurm, der Wolf und Surtr. Hier vollendet sich unsere obige Gleichung Surtr-Antichrist. Surtr fährt mit dem Reiserverderben d. h. mit Feuer daher, oder, wie Snorre es ausdrückt, er reitet an der Spitze der Söhne Muspells d. h. des Feuers, brennendes Feuer vor sich und hinter sich, gegen ein sonnenleuchtendes Schwert, und der Himmel klafft. So geht eine unauslöschliche Flamme vor dem Antichrist her, vom Himmel fällt ein Schwert, und der Himmel öffnet sich in der Mitte.

Nun hebt der Kampf an. Der Antichrist überwindet nach der Legende den Apollo, Jupiter und Mercurius, wie in der Völuspa drei Götter besiegt werden, die aufs genaueste nach der gangbaren lateinischen Auslegung jenen römischen Göttern entsprechen. Denn Odin, der Geliebte der Frigg oder Hlin (S. 415), ist gleich Mercur, der Töter Belis, d. i. der milde lichte Frey gleich dem Lichtgotte Apoll und der herrliche Sohn der Hlothyn d. i. Thor gleich Jupiter. Doch weichen die beiden Kampfschilderungen darin erheblich von einander ab, daß der Antichrist alle drei überwindet, während in der Völuspa dem Surtr nur Frey erliegt. Aber nach der Apokalypse Kap. 16 versammeln sich mit dem Antichrist am großen Tage Gottes auch gerade jene beiden tierischen Dämonen, der Drache und die Bestia, auf dem Schlachtfeld Armageddon, das in Vafthrudnismal Vigridr Kampfplatz heißt, zum Streite.

Nun mußte der Drache dem alten Drachenschläger des altnordischen Mythus, dem Thor, entgegengestellt werden und die Bestia als Wolf, als Fenriswolf, dem Odin. Eine schlimmere Ungereimtheit ergibt sich aber daraus, daß Odin, der durch das ganze übrige Gedicht hin den Christengott der christlichen Heilslehre wiedergibt, an dieser Stelle dem Ansturm des Antichrists erliegt wie ein Heidengott. Ein solcher uns unerträglicher Widerspruch ist aber in allen derartigen ernsten und gewaltsamen Trave-stieen fast unvermeidlich. Er ist aber kaum stärker, als wenn die Skalden Christenkönige feierlich in Walhall von heidnischen Göttern empfangen lassen oder Christus im Kampfe mit Riesen und am Nornenbrunnen sitzend darstellen (S. 437). Daß aber der Dichter wirklich, dem Druck der Antichristlegende nachgebend, jene Götter erliegen und dem Tode verfallen sein ließ, daß er wirklich hierin einem christlichen Vorbilde folgte, geht klar daraus hervor, daß keiner von ihnen zu der herrlich erneuten Welt zurückkehrt, sondern nur die beim letzten Kampf unbeteiligten, die noch stärker christianisierten, wie Balder, oder solche bedeutungslose Wesen, wie Hoenir. Wie hätte ein wirklich heidnischer Dichter es übers Herz bringen können, seinen alten Göttern Odin, Thor und Frey die neue Herrlichkeit zu verschließen und statt ihrer andere jüngere, im Kult ganz nichtige Götter darin einzuführen?

Die Schilderung der Naturstörungen in der 57. Strophe schließt sich wieder an die Apokalypse Kap. 6, denn es heißt dort: „Da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack. Und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde. Der Himmel entwich, und alle Berge und Inseln wurden bewegt aus ihren Örtern. Nach 2. Petrus 3, 7 werden die Himmel und die Erde dem Feuer Vorbehalten für den Tag der Gerichte, und nach Apokalypse 20 fällt verzehrendes Feuer vom Himmel auf die dämonischen Angreifer.

59.
Sie sieht aufsteigen zum andern Male
Die Erde aus dem Meer frisch und grün.
Sturzbäche fallen: der Adler fliegt darüber,
Der auf dem Gebirge Fische jagt.

61.
Da werden wieder die wundersamen Goldnen Bretter im Grase sich Anden,
Die sie vor Zeiten gehabt hatten.

62.
Ungesät werden die Äcker tragen,
Alles Übels Besserung wird werden;
Balder wird kommen. Höder und Balder bewohnen Hropts Siegeshallen,
Herrlich die Schlachtgötter. Wißt ihr noch weiteres?

63.
Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen
Und die Söhne der zwei Brüder bewohnen
Das weite Windheim. Wißt ihr noch weiteres?

64.
Einen Saal sieht sie stehen schöner als die Sonne,
Mit Gold bedeckt, auf Gimlee:
Da sollen treue Scharen hausen Und ewiglich Freude genießen.

65.
Es kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht,
Der Starke von oben her, der über alles herrscht

66.
Es kommt der düstre Drache fliegend,
Die gleißende Schlange unten von den Finsterbergen:
In seinem Gefieder trägt er, — das Feld überfliegt er, —
Nidhögg die Leichen: nun wird er versinken.

Nach dem Kampf und dem Brande fährt die Völuspa im Ton der Apokalypse Kap. 21 fort, wo es heißt: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Ob der fischjagende Adler, der dann über Wasserfällen fliegt, eine tiefere Bedeutung hat, ist unsicher. Aber wie vor der Ankunft des jüngsten Tages nach 2 Petrus 3 die Frommen sich zu heiligen Unterhaltungen versammeln und im neuen Himmel und auf der neuen Erde nach Jesaias 65 die vorige Angst vergessen wird und nach der Apokalypse dann der

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Herr spricht: „Ich bin das A und O“, so unterhalten sich nun die Äsen auf dem Idafelde, in der neuen Welt, ruhig von dem sie früher so beängstigenden Erdumspanner, der Midgardsschlange, und gedenken jener alten Runen (A und O) des Herrgottes.

Jesaias prophezeit weiter:

„Sie werden sich ewiglich freuen . . . und sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und derselben Früchte essen. Sie sollen nicht pflanzen, daß ein anderer esse.“

Und nach Ezechiel 36 will der Herr sich wieder zu den Bergen Israels wenden und sie ansehen, daß sie bebaut und besäet werden. Die christliche Theologie ging weiter. Honorius z. B. sagt: „Dann wird die verfluchte Erde gesegnet und keine Arbeit und kein Schmerz mehr sein“. So werden sie in der Völuspa ewiglich Freude genießen, Höder und Balder Häuser bewohnen und die Äcker ungesät Früchte tragen. Balder wird kommen und alles Übel bessern. Wenn Balder in seiner Siegeshalle dem Christus entspricht, den die Angelsachsen gern den Siegesherm nannten, so mag hier Höder, der Kampfgott, den streitbaren Erzengel Michael bedeuten, der als Verwalter des Paradieses im Mittelalter für die Herbergen tüchtiger Krieger im Himmel sorgte.

Außer Christus und Michael sind nach der Apokalypse auch Henoch und Elias in den letzten Kampf mit den dämonischen Mächten verwickelt. Sie kommen dabei um, werden aber nach der Apokalypse neu belebt. Wie sie dem alten Paradiese angehörten als die zwei einzigen Menschen des alten Testaments, so auch dem neuen. Als alttestamentlicher Heros hat namentlich Henoch für die Juden in der neuen Welt zu sorgen. Nach der berühmten Vision Ezechiels Kap. 37 (vergl. 47, 14) fährt ein aus vier Winden herzugekommener Wind über ein weites Totenfeld und weckt die Toten zu neuem Leben. Dann werden die Wohnsitze des neuen Jerusalems unter die Söhne der beiden lange getrennten Stämme Israel und Juda wie unter Brüder verteilt durch ein Losholz. Das Mittelalter übertrug diese

Verteilung dem Henoch. Der Völuspadichter verwandelte dessen Namen in den für einen skandinavischen Mund leichter aussprechbaren nordischen Götternamen Hoenir. So enträtselt sich der Sinn der Worte:

„Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen, und die Söhne der zwei Brüder bewohnen das weite Windheim.“

Und mm wird das himmlische Jerusalem geschildert fast genau mit den apokalyptischen Zügen. Es bedarf der Sonne nicht, seine Häuser sind von Gold, seine Mauern von Edelstein. Darum heißt es bei den Kirchenschriftstellen die gemmata et aurea Jerusalem. So nennt die Wölwa hier den Saal der neuen Welt schöner als die Sonne, mit Gold bedeckt und mit halbfremdem Worte Gimle d. h. Gemmenheim, Edelsteinheim. Im neuen Jerusalem wohnen nach christlichen Quellen Gottes Trautfreunde, um mit ihm in Ewigkeit zu genießen, gerade wie die treuen Scharen in der Völuspa im Edelsteinheim.

Endlich kommt nach Matthaeus Kap. 24 des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit zum Gericht, und in der Völuspa kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht, der Starke von oben her, der über alles herrscht.

Zuletzt erhebt sich noch einmal der Drache aus der Hölle mit Toten im Gefieder, um dann zu versinken. So wird der in den Abgrund geworfene Drache der Apokalypse Kap. 20 nach tausend Jahren der Gefangenschaft noch einmal los, aber nur eine kleine Zeit.

So endet das ernsteste, erhabenste Gedicht des alten Nordens mit gewaltigen, trostreichen Akkorden. Immer freier durchbricht in der Schlußpartie der Strom der christlichen Gedanken die Dämme der Heidensprache und führt nur noch ein paar heidnische Namen, aber keine heidnische Mythen mehr mit sich. Wie sollte die darüber schwebende Hoffnung auf eine letzte Gerechtigkeit und einen ewigen Frieden anderswoher als aus einem Christenherzen auf steigen? Man sieht, wie der neue Glaube den alten fast vollends überwältigt.

Wie die Geistlichen des Mittelalters so gern die Ereignisse und Personen des neuen Testaments in denen des alten vorgebildet wiederfanden, weil dem Neuen etwas tief ausgebildetes Altes vorangegangen war, so suchte der noch immer auf seinen alten Glauben und seine alte Kunst stolze nordische Skalde für die neuen christlichen Heilswahrheiten gewisse Vorbilder in der alten Fundgrube seiner Dichtung, in der heimischen Mythologie. Hatten doch die starken Götter Odin und Thor manche Züge mit Gottvater gemein und der jung sterbende Balder mit dem Heiland! Und, was noch wichtiger war, die poetische Sprache fühlte sich stark genug, mit ihren mythologischen Bildern auch die christlichsten Gedanken zu umschreiben! Je tiefer der Dichter nicht nur aus der Bibel und ihren Erläuterungen, sondern auch aus anderen christlichen Schriften fremde Weisheit, auch allerlei christliche Mythen schöpfte, desto williger fügte sich das alte Nordlandstum der „neuen Summe der Theologie“.

So bietet uns denn die Völuspa die goldenen Früchte des Christentums in der silbernen Schale der Skaldendichtung dar, schön geschichtet nach altheiliger Ordnung. Sie ist demnach wohl ein Kunststück, nicht aber ein Kunstwerk ersten Ranges, weil ihr die Haupttriebfeder eines solchen gebricht, die innere Wahrheit. Dem Mythologen aber klingt sie wie ein Gruß des siegreichen christlichen Geistes an das versinkende Heidentum.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen,  Meyer, Elard Hugo.

ergänzend

Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums

Das Christentum zählt heute zu den drei größten Religionsgemeinschaften der Welt. Seine Ursprünge liegen jedoch nicht, wie von vielen Theologen noch heute verbreitet, primär im Judentum, sondern in heidnischen Religionskulten, aus denen sich auch die mosaische Glaubensgruppe eifrig bediente.1 Die bekanntesten und offensichtlichsten Adaptionen aus heidnischem Brauch finden sich bereits in den christlichen Festen. Die … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Götterglaube und Ort der Götterverehrung

Der Götterglaube Wie bei den Dämonen ist bei den Naturgöttern der Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Naturerscheinungen gelockert, ja oft aufgelöst; der Glaube, daß es die großen Naturmächte sind, von denen Wohl und Wehe des menschlichen Daseins abhängt, ist mehr und mehr zurückgetreten. Die Götter sind zu wunderbarer Größe und Herrlichkeit gesteigerte Menschen, Idealbilder von … Weiterlesen

Die Religion der Germanen

Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder „deutscher“ Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die Dauer nicht vermochte und auch der alte Kultus nur in bruchstückweiser Erinnerung; und die Göttersagen … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst

Das Christentum schlug den heidnischen Germanen gegenüber ein doppeltes Verfahren ein. Das unduldsame Wort des Bischofs Remigius von Rheims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodoveeh (496): „Beuge dein Haupt in Demut, stolzer Sigamber, und verehre von nun an, was du bisher verbranntest, und verbrenne, was du bisher verehrtest!“, darf als vorbildlich für die spätere Zeit … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, … Weiterlesen

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen Vorwort.  Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der … Weiterlesen

Frömmigkeit nordischer Artung

Ein Querschnitt durch das Indogermanentum von Benares bis Reykjavik7. Auflage, 1989, Verlag Hohe Warte • Franz von Bebenburg • KG Hans F.K. Günther zeigt zunächst einmal, was nordische Frömmigkeit nicht ist, beispielsweise die Herabwürdigung des Leibes, die Abhängigkeit der Frömmigkeit von dem Tode, die Wertung des diesseitigen Lebens als Jammertal. Er zeigt darüber hinaus die … Weiterlesen

Atlantis, Edda und Bibel – 200 000 Jahre Germanischer Weltkultur

Hörbuch .Hier als pdf >   < Die Edda als pdf Wenn die „Edda“ nicht in Ihrem Bücherschrank steht, dann können Sie sie hier herunterladen: „Edda“ (PDF, 691 kB) Die Edda, das Buch der Götter und Heldensagen! Das Buch der Götter und Heldensagen, die Edda wird als Überlieferung des alten Nordischen Heidnischen Glaubens gehandelt. Sollte … Weiterlesen

Zeitgenössisches Heidentum – Tradition, Kontinuität und Rekonstruktion

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen irgendwo in Deutschlands geographischem Herzen etwa 30 junge Menschen beisammen und schweigen. Hier auf einer Waldlichtung sind der Schein der Fackeln und das prasselnde Feuer in der Mitte des Gemeinschaftskreises das einzige Licht, das die ernsten Gesichter der Anwesenden zaghaft erhellt. Zum Fest der Tagundnachtgleiche im Frühling haben sie … Weiterlesen

Germanische Mythologie

  EINLEITUNG Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf … Weiterlesen

Mythologie der Germanen – Das Götterleben und der Götterdienst

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Nächst dem Aufkeimen des Glaubens an übermenschliche Wesen überhaupt ist die Wendung eines Volkes vom niederen Seelen– und Geisterglauben zum höheren Götterglauben das denkwürdigste Ereignis seiner Mythengeschichte. Durch hundert Fasern hängt dieser neue Glaube mit dem alten zusammen; am tiefsten wurzelt er im Naturgeisterreich.

Denn die auf einzelne Menschen angewiesenen Seelen und Maren fügten sich ihrer ganzen Art nach schwer zu einer höheren geschlossenen Körperschaft zusammen. Ungezählt und zerstreut lebten sie weiter und gestatteten nur eine schwache Idealisierung über ihr Dämonentum hinaus. Das Reich der Naturgeister aber, unter denen schon Könige erstanden und aus denen schon, gleichsam als Versuche der Vergöttlichung, die meisten höheren Dämonen hervorgegangen waren, wurde bei der wachsenden Naturerkerintnis, beim Bestreben, die zersplitterten Naturkräfte einheitlicher zu fassen und das Naturleben gleich dem Menschenleben besser zu ordnen, und bei dem mit der Kultur steigenden Bewußtsein von dem Dasein auch sittlicher Mächte, äußerlich und innerlich umgeschaffen. Man schritt von Einzelvorstellungen zu höheren und umfassenderen Begriffen fort, und der Name einer bedeutenderen Naturgeistergruppe z. B. der Holden und Berchten wurde zum Eigennamen einer einzelnen Göttin, zu Holda oder Berchta, oder es wurde ein neuer Name dem neuen Vertreter einer hervorragenden Naturgewalt z. B. Donar beigelegt. So finden wir denn all die alten dämonisierten Naturgewalten, außer dem Donner auch den Wind und die Wolke, das Himmelslicht und die sprossende Erde, in den neuen Göttergestalten wieder. Aber alle Eigenschaften, Kräfte und Ehren der Vielen, die bisher Herren dieser oder jener Naturkräfte waren, wurden nun einem Donnergott, einem Windgott u. s. w. zugeschrieben, der wie ein unumschränkter König in seiner Machtsphäre herrschte. Höchstens wurde dieser von den älteren Naturgeistem als Dienerschaft und Troß umgeben oder auch mit Kindern und anderer Verwandtschaft ausgestattet. Während jene älteren Naturgeister nicht nur die Luft, sondern auch die Erde bewohnten, wurden die Götter, abgesehen von der Mutter Erde, als durchweg vornehme Himmelsbewohner gedacht, die nur ausnahmsweise die Erde mit ihrem Besuch beehrten.

Der Götterglaube ist ein jüngeres religiöses Gebilde, weshalb er auch ein schärferes nationales Gepräge trägt als die älteren Glaubensformen. Wann er unter den Indogermanen aufkam, kann nur ungefähr angegeben werden. Die Urmythen des Himmels- oder Donnergottes und der Mutter Erde, sowie die eines im Wechsel von Licht und Dunkel lebenden Brüderpaars und einer Göttin der Morgenröte, scheinen noch vor der Auflösung ihrer Völkergemeinschaft geschaffen worden zu sein, vielleicht auch einige skizzenhafte Entwürfe etlicher anderer Hauptgottheiten. Zunächst geben ihre Namen darüber Auskunft. Einige greifen in die indogermanische Urzeit zurück. Der deutsche Ziu, altnordische Týr begegnet wieder im indischen Dyaus, im griechischen Zeus, im römischen (D)jupiter, und der angelsächsischen Erdgöttin Folde entspricht trotz der Abweichung aller Laute genau die indische Erdgöttin Prithivi, die Breite. Die anderen germanischen Götter haben ihr eigenes Namenbuch. Von den älteren hat nur einer einen durchsichtigen Namen: Donar — Thor, andere, wie Frey und Freyja d. h. Herr und Herrin, fallen jüngeren zu. Weniger durchsichtig ist Wodan — Odin, doch hat das Volk noch lange den Zusammenhang mit dem Worte Wuot, unserem Wut, festgehalten, wie die Bezeichnungen des Wuotanheeres als Wüetungesheers, oder wütenden, wilden Heers bezeugen. Aber den Sinn des Namens seiner Gattin Frigg-Fria, indisch prija Geliebte, Gattin oder Tochter, fühlte der Germane nicht mehr. Einen zusammengesetzten Namen trug von den wichtigeren Göttern nur der neuere nordische Gott Heimdall.

An der Spitze der allgemeinen Namen für die Gottheit steht wie ein nationales Wahrzeichen der geheimnisvolle Name Gott, der durch alle germanischen Mundarten läuft, aber allen andern indogermanischen Sprachen fehlt. Er umfaßt als höchster Name die Äsen, wie die Wanen. Wie Gott hat auch der andre gemeingermanische Name, der gotisch und hochdeutsch Ans, worunter Jordanes nur einen heroischen Halbgott versteht, niederdeutsch und angelsächsisch ös und nordisch Äs lautete und z. B. in dem bekannten Personennamen Ansgar, Oskar und vielen Ortsnamen erhalten ist, bisher keine sichere Deutung erfahren. Am nächsten kommt ihm das altindische Asu Lebensgeist. Gemeingermanisch waren auch die Regin, Rögn die Ratenden, Bestimmenden, die an die 12 Consentes Dii, die 12 obersten beratenden Götter der Römer, erinnern. Nach ihnen heißt das Ragnarökkr das Götterdunkel oder heißen die Ragnrökk der Götteruntergang im Norden und die altsächsischen Reganogiscapu die Götterschickungen bei den Sachsen. Altsächsisch ist auch Metod der Messer und Metodgiscapu das Schicksal, beides auch angelsächsisch. Die altnordischen Viar die Heiligen und Höpt und Bönd Haft und Bande sind Skaldenausdrücke, vielleicht auch die Vanir die Lichten. Nach diesen allen ist unvolkstümlicherweise kein Ort benannt. Nur eine altnordische Bezeichnung: Tivar die Lichten reicht in die indogermanische Vorzeit hinauf und ist verwandt mit dem altindischen devas, dem griechischen dios und dem lateinischen divus.

Die folgende genauere Göttercharakteristik ist einseitig, weil sie fast ausschließlich auf nordischen und zum großen Teil noch dazu skaldischen Angaben beruht. Die Gestalt der Götter ist die kraftvoller stattlicher Menschen, sie bleibt an Größe hinter der der Riesen weit zurück, wie denn z. B. Thor in dem Däumling von Skrymirs Handschuh übernachtet. Die Mehrhäuptigkeit und -armigkeit der Riesen kommt bei den Göttern nicht vor. Im Gegenteil ist Odin einäugig, Tyr einhändig und Hödr blind, doch die beiden letzten vielleicht nicht nach echt germanischer Überlieferung. Die Götter nehmen Tiergestalt an, doch immer nur in bestimmter Absicht, so Odin, Freyja und Frigg, aber nie Thor, der nur einmal in Brauttracht verkleidet zum Riesen Thrymr fährt. Jene Göttinnen verdanken ihr Flugvermögen dem Falkengewand, Odin seine Schnelligkeit dem Pferde Sleipnir, Thor seine Kraft einem Gürtel, eisernen Handschuhen und dem Hammer, ohne den er machtlos ist. Alle Götter gehen oder, was den antiken Göttern fast durchaus fremd ist, sie reiten, nur Thor und Freyja gehen oder fahren zu Wagen, Frey auch zu Schiff. Nicht nur Rosse, sondern auch Eber, Böcke und Katzen sind Reit- und Wagentiere; Raben, Wölfe und Hunde begleiten Odin, auch Walküren und die wilde Jagd; Thor hat zu Gefährten Loki und Thjalfi, auf der Fahrt zu Hymir sonderbarerweise auch Tyr. Die Götter bedürfen des Essens, des Trinkens und Schlafens. Sie erscheinen dem Menschen unerwartet, wie namentlich Odin, oder bei Anruf, wie Thor, werden ihnen beim Blicken durch die Armbeuge sichtbar, verschwinden plötzlich (hverfa) elfengleich, lassen aber oft Spuren ihrer Hände, ihrer und ihrer Rosse Füße in einem Steine zurück. In der Mittsommemacht, in der die Sonne kaum unterging, glaubten die nordischen Germanen nach Tacitus ein Getöse zu vernehmen und Göttergestalten mit Strahlenhäuptem zu sehen. Nach Vellejus hielt ein deutscher Greis den waffenglänzenden römischen Imperator Tiberius für einen Gott, und auf Island gingen die Söhne Hjaltis zum Erbgelage ihres Vaters so schön gekleidet, daß die Leute meinten, die Äsen kämen. Götter und Göttinnen sind schön, namentlich, gleich manchen Elfen, durch die lichte Farbe ihrer Haut und ihres Haars, so Idunn und Heimdall, auf den eddischen Balder fällt auch fremder Glanz.

Im Gemüte der nordischen Götter überwiegt die Güte oder doch Freundlichkeit, sie heißen heiter, hold und nütze. Aber Liebe im höheren Sinne, die ihnen die Völuspa bei der Menschenschöpfung beilegt, wohnt weder in ihnen, noch in den altgriechischen Göttern. Sie stammt aus dem Christentum. Wohl schenken sie Einzelnen ihre Gunst, aber andere verfolgen sie auch, wie namentlich Odin, mit ihrem Grimm, der nicht immer ohne Tücke ist, während aus Thor öfter ein ehrlicher tobender Zorn hervorbricht. Die Götter spielen gern Brett und vertreiben sich z. B. beim Zechgelage beim Riesen Aegir die Zeit mit Weissagen aus Losstäbchen. Einzelne gehen allerlei Liebschaften nach, namentlich Odin und Freyja, niemals Thor. Die Kunstfertigkeit der Elfen, der sie ihre kostbaren Waffen, Schmucksachen und andere Kleinodien verdanken, ist ihnen versagt. Von dem Riesen Smid lassen sie sich ihre Götterburg bauen. Ihr Zimmern von Altären und Tempeln und ihr Schmieden von Zangen und anderen Werkzeugen auf dem Idafeld, das mit jener Nachricht von ihrer Ausstattung durch Elfen und Riesen im Widerspruch steht, wird nur von der Völuspa gemeldet und bildet einen Zug ihrer dort nach fremden Mustern ausgeführten schöpferischen Tätigkeit. Sind sie doch als echte Heidengötter durch ihre Körperlichkeit in ihren Leistungen stark beschränkt. Wenn Odin nicht auf seinem Himmelsthrone, der Hlidskjalf, sitzt, vermag er die Welt nicht zu überschauen. Von diesem aus vermögen aber auch Frigg und Frey dasselbe wie er. Die Götter, namentlich Odin und die Wanen, sind weise und runenkundig. Jedoch obgleich Odin der weiseste Gott heißt, wird er von des Riesen Billing Tochter überlistet, und der Riese Vafthrudnir kennt die Weltgeschichte fast so gut wie er. Wenn die Götter Thor nicht hätten, und dieser nicht unablässig die Riesen bekämpfte, so ginge die Welt alsbald an diese verloren. Die Götter gelten bald für unverwundbar, bald nicht. Bei Saxo verleihen sie sogar ihrem Schützling Unverletzbarkeit. Aber nach demselben Saxo, wie nach der Edda wird Balder von Hödr zu Tode verwundet und nach jenem sogar das ganze Götterherr, das dem Balder zu Hilfe kommt, von Hödr in die Flucht geschlagen, nachdem er den Schaft von Thors Keule abgehauen hat. Später minderte sich das Ansehen der Götter so, daß in den Färöerischen Liedern Odin vor gewaltigen Heldenhieben in die Erde versinkt.

Die Götter werden nie ewig genannt, wenn es auch in Grimnismal einmal heißt, daß Odin nur von Wein immer lebe. Sie konnten auch nicht ewig sein, denn sie hatten sowohl Eltern als Kinder. So galt Thor für einen Odins-sohn und hat wieder einen Sohn Magni. Aber die neugeborenen Götter wachsen mit übermenschlicher Schnelle zu voller Stärke heran: Jener Thorssohn hebt, drei Tage alt, das Bein des Riesen Hrungnir vom Halse seines hingestreckten Vaters, und der einnächtige Vali rächt blutig seinen Bruder Balder. Aber diese jäh aufstrotzende Kraft dauert nicht ewig, die Götter altem, wenn ihnen die Äpfel der Idun fehlen. Nach der Völuspa sterben sie alle beim Weltuntergang, und das Auftauchen, das Wiederkommen einiger imsicherer Göttergestalten nach dieser Katastrophe ist nur der Nachklang der großartigen Schlußakkorde des christlichen jüngsten Gerichts.

Die Elfen hatten bereits ihre Könige, aber kein eigentliches Staatswesen. Auch nennt Tacitus einen Semnonengott mit einem seltenen lateinischen Ausdruck omnium Deus, einen Allwalter, einen Oberherrscher. Die eddischen Götter bildeten einen Staat, den ein inmitten seines Hofes thronender Herrscher regierte, in dem jeder Gott einen Palast hatte, in dem Rats- und Gerichtsversammlungen gehalten wurden. Die spätere historisierende Überlieferung bei Saxo und Snorre schildert die Götter als ein irdisches Volk, das von Byzanz oder dem Tyrklande unter Odins Führung nach Sachsen, Fünen und Sigtun in Schweden zog. Odin verteilte unter seine 12 Tempelpriester die Wohnsitze, unter andern bekam Frey Uppsala, wo er Menschenopfer einführte. In Saxos Baldersage setzte ein Kollegium von Göttern Odin ab und wählte Oller zum König.

Die Hauptgötter haben in diesem Reiche jeder seinen eigenen Stand und Beruf, tragen weit individuellere, porträtartigere Züge als die Elfen und Riesen und haben einen bestimmteren, bedeutenderen Charakter. Das aber ist das Wichtigste, daß sie in ihrem Verhalten zu den Menschen viel stetiger sind als die wetterwendischen, launischen Naturgeister, daß sie zwar auch zürnen und strafen, namentlich die Friedensbrecher, daß sie aber durchweg das Gute fördern und dem Menschen Wohlwollen und ihm Vertrauen und Hoffnung einflößen. Wird doch auch die furchtbare dämonische Blitzwaffe in des Gottes Hand zu einem Schutz und Segen für die Erde und ihre Menschheit. Ein tieferer Einfluß der Götter auf die Sittlichkeit des Volks ist aber nicht bemerkbar; steht doch auch ihre eigene Sittlichkeit nicht höher als die der damaligen großen Herren auf Erden. Die Götter glichen Gefäßen, die Reines und Unreines in sich schlossen, und waren wert, von jenem Starken der Völuspa, der von oben kam, zerbrochen zu werden.

Die Zahl der Götter schwankte. Sie ging von drei Hauptgöttem und einer Hauptgöttin aus, denen auch noch zu Tacitus’ Zeit das göttliche Ansehen ausschließlich oder vorzugsweise Vorbehalten blieb. In dieser Auffassung darf man sich nicht durch die zahlreichen Namen beirren lassen, die die römisch-germanischen Inschriftsteine aus der römischen Kaiserzeit überliefern. Das sind wahrscheinlich entweder nur andere Namen jener höheren Gottheiten wie z. B. Hludana, oder Beinamen derselben, wie z. B. Magusanus der Starke ein Beiwort des Hercules ist, wie hinn rammi der Starke ein Beiwort des Thor. Oder diese sogenannten „Göttinnen“ sind höhere Ortsgeister, oder walkürenhafte Wesen, wie Hariasa ein Schutzgeist des Heers, falls sie nicht keltisch sind. Später aber nahm nach einem bei den meisten anderen Indogermanen wiederkehrenden Entwicklungsgesetz die Götterzahl von Jahrhundert zu Jahrhundert zu, um im Norden zur Zeit der Bekehrung auf einige Dutzend zu steigen. Tacitus meinte mit seinem Hercules, Mercurius und Mars den Thunar, Wodan und Tiu oder Saxnot. Als dann bald darauf die römischen Wochentage in Deutschland eingeführt wurden, übersetzte man den dies Martis, Mercurii und Jovis durch den Tiestag, den späteren Dienstag oder Zistig, und durch den Wotanstag, den niederländischen Woensdag, den englischen Wednesday der alten taciteischen Auffassung gemäß. Aber abweichend von dieser entriß man mit Recht den Thunar seiner Gleichstellung mit Hercules und erhob ihn auf Jupiters Platz: der dies Jovis hieß Thunarstag, unser Donnerstag. Diese Göttertrias blieb in Deutschland lange maßgebend, und noch in der Karolingerzeit verlangte der christliche Priester vom deutschen Täufling die Abschwörung derselben Dreiheit: Thunaer, Woden und Saxnot (Tiu). Das von Tacitus daneben erwähnte bildlose Brüderpaar der Alcis im Haine der Naharvalen scheint nur von diesem einzigen Stamme verehrt worden zu sein. Dagegen kennt er außerdem eine Hauptgöttin, die aber unter verschiedenen Namen als Nerthus, Tanfana und wie eine Isis erscheint. Auch im götterreicheren Norden springt doch eine ähnliche Dreizahl männlicher Gottheiten überall als die alte Kerngruppe hervor. Adam von Bremen meldet, daß in dem berühmtesten nordischen Tempel, dem zu Uppsala, drei Götterbilder standen: Odin, Thor und Fricco, der, wohl der nordische Frey, nur eine Abwandlung jenes deutschen Tiu ist.

Wie die Griechen schon früh bei den drei Göttern: Zeus, Athena und Apollo, schworen die Nordgermanen ebenfalls bei drei Göttern, während die Römerschwüre die Dreizahl nicht erkennen lassen. Odin, Thor und Frey, oder Frey, Njörd und der allmächtige Gott d. i. Thor oder der Landgott d. i. wiederum Thor, oder Thor, Odin und Frey, oder Frey, Freyja und der starke Thor werden angerufen. In allem Wechsel der Schwurformeln bleibt Thor der Hauptschwurgott, wie Zeus, insbesondere Zeus der König, in Griechenland und Jupiter in Rom. Öfter wurde auch, wie in Rom, beim Donnergott und den „andern Göttern“ geschworen. Im Mythus machten sich neben den Hauptschwurgöttern auch die drei anderen, die Wanengötter Njörd, Frey und Freyja geltend, deren ursprünglich auf einen östlichen Stamm beschränkter Dienst sich später weiter nach Westen verbreitete. Außerdem traten noch Odins Gattin Frigg und der zurückgesetzte alte Tyr wenigstens im Mythus hervor. Endlich führten die vielgereisten und zum Teil gelehrten Skalden aus den verschiedenen Landen allerlei lokale oder fremde Götter ein oder schweißten ältere Götter nach fremden Vorbildern um, wie z. B. Baldr. Nun wurde man auch mit dem antiken Zwölfgöttersystem bekannt. Die älteste indogermanische Religionsurkunde, der Rigweda 2, 27, nennt nur sechs höhere Götter, deren Zahl später auf zwölf steigt und bald in ein Göttergewimmel auswuchert. Die Griechen deuteten ein Zwölfgöttersystem zuerst im sogenannten homerischen Hermeshymnus V. 128 an, das später auch vom Kultus der Italiker übernommen wurde. Aber während das griechische System in Rom schon zu Hannibals Zeit wirklich eingebürgert war, wurde es im Norden zum bloßen Spielzeug der Dichterlaune. Die eddischen Grimnismal zählen zuerst zwölf Gottheiten auf, aber nicht nach antikem Vorbild je sechs von beiden Geschlechtern, sondern neun Götter, nämlich Thor, Ullr, Frey, Odin, Baldr, Heimdall, Forseti, Njörd und Widar, und drei Göttinnen: Säga, Freyja und Skadi, wobei namentlich die Abwesenheit Tyrs und Friggs auffällt, wenn diese nicht in der Saga verborgen ist. Elf Äsen werden auch gezählt, als Baldr, der zwölfte, zu Tode kam, und auch Snorre Sturluson nennt zwölf die Zahl der göttlichen Äsen, und Odin verteilt nach demselben Snorre in Schweden Wohnsitze an seine 12 Tempelpriester d. h. Götter. Aber Snorres Göttemamenlisten überschreiten bereits die älteren bescheidenen Zahlen bedeutend, die erste enthält 14 Götter und sogar 18 Göttinnen. Er fügt jenen neun der Grimnismal noch fünf hinzu: Tyr, Bragi, Hödr, Väli und Loki und umgibt die beiden Hauptgöttinnen Frigg und Freyja mit einem reichen Gefolge von Nebengöttinnen, die zum Teil deren Dienerinnen sind, zum Teil die besonderen Eigenschaften ihrer Herrin darstellen.

Die Götterwohnung Äsgardr Asenhof oder Ragna Sjöt der Waltenden Sitz wurde im Westen gedacht Da schaute der langobardische Wodan morgens durch ein Fenster gen Osten, und Thor fährt ostwärts gegen die Riesen aus. Bei der Götterabschwörung wandte man sich mit zorniger Gebärde gegen Sonnenuntergang, dagegen mit erhobenen Händen und Augen gegen Sonnenaufgang. Doch dies mag ein aus rein christlicher Symbolik hervorgegangener Brauch sein. Bei Gebet und Opfer schauten die Nordleute gegen Norden. Die einen dachten sich Asgard mitten auf der Erde, die anderen im Himmel gelegen. Erde und Himmel verband die Äsbrü die Götterbrticke oder Bifröst die bebende Rast, sie führte zur Göttergerichtsstatt am Fuße der Esche.

Der Dichter der Grimnismal führt uns tiefer hinein in das „heilige Land“ der Götter, eine weite mit Burgen besetzte Landschaft von durchaus nicht isländischem oder norwegischem, sondern altirischem Stil. Nur eine Zwölfzahl von Göttern besitzt darin himmlische Paläste. Da wohnt Thor in Thrüdheim mit dem Saale Bilskimir, Ullr in Ydalir, Frey in Alfheim, Skadi in Thrymheim, Baldr in Breidablick, Heimdall in Himinbjörg, Freyja in Folkwang, Forseti in Glitnir, Njörd in Noatün und Vidar in Vidi. Alle diese Göttersitze werden mit wenigen Strichen geschildert, aber von Odins Palästen entwirft das überhaupt zu Odins Preise bestimmte Gedicht mehrere glänzende Bilder. Der Gott sucht das silberbedachte Gehöft, die Valaskjälf, auf, oder er trinkt am Sökkvabekkr mit Saga glücklich alle Tage aus goldenen Bechern. Seine prachtvollste Wohnung aber ist die goldstrahlende Valhall in Gladsheim, in die Odin täglich waffentote Männer aufnimmt. Sie hat 540 Türen, durch deren jede 800 Einheriar täglich zum Kampf gegen den furchtbarsten Feind Odins, den Wolf, fahren. Ihr Dach, dessen Sparren Speerschäfte sind, ist mit Schilden gedeckt, der Saal um die Bänke mit Brünnen bestreut. Ein Wolf hängt vor der Westtür, und ein Aar schwebt darüber. Drinnen speisen abends die Einheriar, jene durch Waffen Erschlagene, von einem im Kessel gekochten Eber Saehrimnir, während der Gott seine Hunde Geri und Freki füttert und selber immer nur von Wein lebt. Auf der Halle steht die Geiß Heidrün oder der Hirsch Eikthymir; sie beißen von den Zweigen des Baumes Laerädr. Ihr Euter füllt die Henkelgefäße stets mit Met, und von seinem Geweihe tropfen alle Erdengewässer. Der Laerädr ist wohl die in einen Burgbaum verwandelte Weltesche, die nun auch Yggdrasill heißt, die Yggr oder Odin wie ein Drasil oder Pferd reitet, wenn er als Windgott durch ihre Krone braust. Alle Götter fahren über die flammende Götterbrücke zum Gericht unter diese Esche, unter deren einer Wurzel die Unterweltsgöttin Hel, der andern die Reifriesen, der dritten die Menschen wohnen. Das Eichhörnchen Ratatösk läuft an ihrem Stamme hinab, um das Zankwort des Adlers Vedrfölnir von oben dem unten schädlich hausenden Drachen Nidhögg zu bringen. Der indogermanische Wolkenbaum, von dem alle Wasser fließen, unter dem die Nomen an ihrem Brunnen wohnten und Mimir seinen Brunnen hatte, ist mm ein Odinsbaum, verziert mit allerlei Märchenzügen und allegorischen Schnörkeln, und wie die ganze Götterlandschaft hat auch namentlich Walhall einen irischen Charakter. Denn schon vor den Grimnismal schildert die irische Poesie des 8. oder 9. Jahrhunderts das Land der Verheißung ganz ähnlich. Den Mittelpunkt überirdischen Genusses bilden auch hier ein in einem Kessel gekochtes ewiges Schwein und berauschendes Getränke. Der Ire Kormak tritt im Lande der Verheißung in eine schöne Burg, wo ein in einem Kessel gekochtes Schwein am andern Morgen wieder lebendig wird, und zum frischen Schwein gibt es dort Bier und Milch. Die eine Wand der Burg, zu der der Ire Maelduin kommt, besteht aus Gold- und Silberbroschen, die zweite aus Halsketten, die dritte aus Schwertern mit Gold- und Silbergriffen. Auf dem Flur stehen zur Verfügung ein gekochter Ochse, ein gesalzenes Schwein und große Gefäße mit berauschendem Getränk. Die nordische Vorstellung vom Kriegerparadies scheint zu einem guten Teil irische Wikingerbeute zu sein. Andere Skalden haben die Walhall noch weiter ausgestattet: Vor ihr strahlt der Wald Glasir in Goldlaub, neben oder in ihr liegt ein Vingolf, das man wohl am besten als Weinhalle auffaßt. Es wurde dem Saale Gimte gleichgesetzt, der nun schon, wie sich zeigen wird, dem christlichen Gedankenkreise angehört.

Noch weiträumiger als die Walhall Odins scheint seines Sohnes Thor Bilskirnir zu sein, denn er hat 540 hausartige Gemächer. Aber so viele sind auch wohl erforderlich, denn wenn Odin die Krieger, so hat der Donnergott die noch größere Zahl der Knechte zu beherbergen. Was sie dort treiben, wird nicht gesagt. Aber vielleicht enthält noch einen heidnischen Nachklang der hessische Volksglaube, daß die Knechte nach ihrem Tode im Himmel donnern müssen.

Über ein liebliches Elfenparadies und eine nebelige Riesenhölle oder gar über ein von Gelagen und Waffenspielen widerhallendes Kriegerheim, neben dem noch ein Frauengasthaus bei Freyja und etwa eine von Thor verwaltete Knechtsherberge gedacht wurde, ist die echt germanische Jenseitsvorstellung nicht hinausgekommen. Die ewige sonnige Friedenswelt auf dem Edelsteinberge Gimte, die die Völuspa schildert, ist bereits nach dem fremden Muster des himmlischen Jerusalems entworfen.

Wenn man schließlich das ganze Weltall zerlegte und zwar in neun verschiedene Heime, so folgte man wohl schon der gemeinmittelalterlichen gelehrten Kosmologie, die die Welt sich aus neun Sphären zusammengesetzt dachte. Nur mit Mühe brachte man aus dem alten Mythenschatz als neun Welten Asgard, Vanaheim, Alf heim, Midgard, Svartalfaheim, Jötunheim, Müspellsheim, Niflheim und etwa noch Hel zusammen.

Diese höher geartete und tiefer ins Menschenschicksal eingreifende Götterwelt verlangte von ihren Schützlingen eine größere Fürsorge, ein eingehenderes Verständnis und eine feierlichere Andacht als die Geister- und Elfenwelt. Der Dienst dieser Dämonen hatte etwas Kindliches, Häusliches, Heimliches und Gemütliches, das nicht immer frei von Grauen war. Dazu wechselte er von Haus zu Haus, indem in dem einem der eine, im anderen der andere Geist vorzugsweise Verehrung genoß. Durchweg vollzog der Hausvater die altherkömmlichen Bräuche, aber auch Kinderhand mochte für manche genügen. Der Götterkultus ließ sich in diese engen und einfachen Formen nicht bannen. Er drängte aus dem Hause hinaus, er wollte eine größere Bevölkerung gleichmäßig befriedigen, zunächst die des Dorfs, dann die des Gaues, endlich die des weiten Landes. So wurde aus dem häuslichen Privatkultus ein öffentlicher Gemeinde-, Stamm- und Volkskultus. Unzertrennlich damit aber war verbunden die Handhabung des Rechts und des Krieges. Versammelten sich die Männer zum Gericht und zur Beratung, so schwebten die Götter mitten über der Dingstatt; zogen sie in den Kampf, so folgten die Götter den Tierstandarten. Der Dienst solcher ernst und weit waltender Wesen bedurfte kundiger und würdiger Leitung und feierlicherer Verehrungsstätten; mit den Göttern entstanden Priester und Tempel. Um diese beiden drehen sich die wichtigsten gottesdienstlichen Fragen.

Für das hohe Alter des germanischen Priestertums zeugen die uralten Namen, der althochdeutsche Harugari oder Parawari, der wie der lateinische Flamen lucularis den Hainmann nach dem alten in Hainen geübten Gottesdienst bedeutet, und der gotische der altnordische Godi d. i. der Gottesmann, der Gottesdiener. Im Triumphzug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr. schritt bereits mit der Thusnelda ein Chattenpriester Libes vor den Römern vorüber.

Aus Tacitus’ Bericht glaubt man den Zusammenhang des Priesterberufs einerseits mit der Hausvaterwürde, anderseits mit der Fürsten- oder Königswürde noch einigermaßen deutlich zu erkennen. In frühster Zeit versah der Hausvater namentlich den regelmäßigen Seelen- und Elfendienst ausschließlich, zumeist im Hause oder unter einem nahen Baum, am Stein oder Quell. In außergewöhnlichen Fällen, bei schwerem Unwetter, Mißwachs, Krankheit und sonstiger Not, griff ein höheren Wissens mächtiger Zauberer mit geheimnisvollen Sprüchen und Bräuchen, oft an einem besonders feierlichen Orte, ein. Diese Zauberer überdauerten den Wechsel der Zeiten, aber das Hauspriestertum wuchs sich beim festeren Zusammenschluß der Gemeinden, Gaue und Stämme und bei der fortschreitenden Vergöttlichung der überirdischen Wesen zu höherer Würde und Macht aus. Jedoch weder zu Caesars, noch zu Tacitus’ Zeit bildeten diese Priester, zum Unterschied von den gallischen Druiden, eine besondere Kaste. Der Älteste d. h. der Mächtigste, der Fürst, der König vollzog den eigentlichen Götterdienst in einem der Gottheit geweihten und, wie es scheint, ihm zugehörigen Haine.

Noch Tacitus erkennt den innigen Zusammenhang der Funktionen des Familienvaters und der des Gemeindepriesters. So z. B. bei der Orakelbefragung. Man zerteilte nämlich den Zweig eines fruchttragenden Baumes in Stäbchen, beritzte sie mit Zeichen und warf sie auf ein weißes Tuch. Wenn man die Götter in einer öffentlichen Angelegenheit befragte, so hob der Priester, wenn dagegen in einer privaten, so hob der Hausvater, zum Himmel aufblickend, dreimal je ein Stäbchen auf und deutete deren Zeichen. Verneinten sie die Frage, so fragte man an diesem Tage in dieser Sache nicht weiter; bejahten sie dieselbe, so achtete man noch auf andere Vorzeichen. Der Priester aber befragte nicht nur die Götter imd opferte ihnen, sondern hütete auch das Gesetz im Frieden, wie im Kriege. Darum hieß er auch althochdeutsch der Éwart oder Èsago altfriesisch der Ásega der Gesetzwart oder Gesetzsprecher. Er eröffnete die Volksversammlung an der Kultstätte, die zugleich die Malstätte war, oder doch in deren Nähe lag, durch das Gebot des Stillschweigens und die Verkündung des Dingfriedens, der Pinghelgr, und bannte den, der ihn brach. Rückte ein Heer in die Schlacht, so trug der Priester aus dem Haine Bilder und Zeichen, die Tierstandarten, voran, denen die Gottheit folgte, und als deren Diener vollzog er auf deren Befehl, nicht auf den des Häuptlings, an dem Schuldigen Geißelung, Fesselung, ja Todesstrafe. Zogen die weißen, zu keiner gewöhnlichen Arbeit benützten Rosse, die in den heiligen Hainen gehalten wurden, den heiligen Wagen der Gottheit, so geleitete sie der Priester und hinter diesem der König oder Fürst des Landes, und beide horchten auf ihr Wiehern und Schnauben, das beim ganzen Volke für eine unfehlbare Weissagung galt. Fast scheint der Priester einen Geheimdienst auszuüben, wenn er in weiblichem Schmucke die bildlosen naharvalischen Alcis verehrt, wenn allein er den mit einem Tuche bedeckten Wagen der Nerthus berühren darf und ihr Bildnis badet, worauf dann die Sklaven, die ihn dabei unterstützt haben, der See verschlingt.

So steht der altgermanische Priester da als ein in göttlichem Auftrag ratender Vermittler nicht nur zwischen der Gottheit und den Menschen, sondern auch zwischen dem Volk und dem Herrscher, und vertritt dem Fürstentum und seiner Gefolgschaft gegenüber fast wie ein Volkstribun die alte sittliche Ordnung und den Frieden der Geschlechtergemeinde. Im Priestertum war das höhere religiöse Bewußtsein und die Rechtsweisheit geborgen.

Aus der nahen Berührung der priesterlichen und der fürstlichen Gewalten darf man aber wohl vermuten, daß, wie bei vielen andern Völkern, auch bei den Südgermanen einst der Priester und König oder Fürst eine und dieselbe Person waren, daß der König als der Mächtigste im Lande auch das Oberpriestertum führte. Auch der nordische Jarl oder Fürst hatte bei der Opferversammlung den Vorsitz und brachte den Göttern den ersten Minnetrunk, und nach der Rigsthula kannte er und noch besser der König die Runen und leitete durch sie, wie ein Gottesmann, die Kräfte der Natur und Leben und Glück der Menschen.

Aus dem von den Göttern abstammenden Uradel wurde der Priester gewählt, ein vornehmer, weiser und begüterter Mann. Als nicht blutsverwandte Freie, Hörige und Unfreie zu der alten Geschlechtergemeinde hinzutraten, da baute er sich und ihnen, den weniger bemittelten Gemeindemitgliedern, einen Tempel von allerdings sehr ursprünglicher Art. Der Hainpriester wurde ein Tempelpriester, der nicht nur das Heiligtum verwaltete, sondern auch zu dauerndem Eigen besaß und es unterhielt und für den Gottesdienst darin sorgte. Als Grundherrn eines Eigentempels kamen ihm auch die ihm von Tacitus zugeschriebenen Hoheitsrechte zu, die Vertretung der Gemeinde, die Hut des Gesetzes und die Leitung des Gerichts. Nicht nur aus der Ausstattung des altgermanischen Priesters mit solchen Hoheitsrechten, sondern auch aus der urkundlich besser bezeugten Geschichte des nordischen Priestertums und aus der gemeingermanischen Institution der Eigenkirche in frühchristlicher Zeit schöpfen wir das Bild einer solchen älteren Entwicklung, die allerdings weiterhin bei den verschiedenen Stämmen verschieden verlief.

Die alte einflußreiche Stellung neben dem König oder Häuptling behauptete der Priester am längsten bei dem so lange auf der Wanderschaft begriffenen Stamme der Burgunder. Neben dem bei Kriegsunglück oder Mißwachs „nach altem Brauche“ absetzbaren Hendino, dem König, stand unabsetzbar der Oberpriester, der Sinisto oder .

Dagegen scheint die Macht der Priester bei den meisten anderen westgermanischen Stämmen, insbesondere den ackerbauenden Hermunduren, Alemannen und Franken, früh gesunken; wenigstens hatten die Fürsten dieser Stämme unmittelbar nach der Völkerwanderung die volle und ausschließliche Strafgewalt im Heere. Aber der Eigentempel ist geblieben und drängt sich als gemeingermanische Institution sofort bei der Bekehrung der Stämme in das römisch-katholische Kirchenwesen bedrohlich störend ein. Die germanische Grundherrschaft, die sich auf ihrem Grund und Boden ihre Eigenkirchen baut, tritt der bischöflichen Macht entgegen. Der Grundherr muß seine Kirche und den Gottesdienst in ihr unterhalten und, wenn er nicht selbst geistlich ist, ihr einen Geistlichen geben und besolden. Er kann sie verkaufen, vertauschen, verschenken, vererben und verpfänden. Diese Eigenkirche, die germanisch und im alten römischen Kirchenrecht nicht bekannt war, haben die Sueven in Spanien und die Westgoten und Burgunder nur kurze Zeit, die zäheren Langobarden länger behauptet, aber ein halbes Jahrtausend hat sie im fränkischen und deutschen Reiche gedauert, bis nur ein dürftiges Patronatsrecht davon übrig blieb.

Auch der Adel der Sachsen scheint mit seiner richterlichen und feldherrlichen Gewalt die priesterliche verbunden zu haben. Er verwaltete die Heiligtümer, und von einem besonderen Priesterstande ist hier vollends keine Spur zu finden. Der angelsächsische König Edwin aber hat einen Oberpriester, dessen Machtkreis nicht genauer bestimmt werden kann. Nur so viel steht fest, daß die angelsächsische Geistlichkeit gleich zu Anfang in die staatlichen Rechte der heidnischen Priesterschaft eintrat und bereits zu König Alfreds Zeit ihr Landbesitz bedenklich angewachsen war. Wahrscheinlich war jener Oberpriester dem König so untergeben, wie ein Priester der fränkischen Eigenkirche dem Grundherrn oder der norwegische Priester dem Kleinfürsten, dem Iarl oder Hersir. Darum nennen nordische Runensteine einen Ruulf den Goden (Priester) des Nori und einen Ali den Goden des Solvi, also priesterliche Beamte vornehmer Leute. Der Iarl wird der Eigentümer des Tempels gewesen sein und behielt sich, während der Gode als sein Beamter die priesterlichen Pflichten vollzog, den Vorsitz beim Opferschmaus vor und leerte dabei den ersten Becher zum Gedächtnis der Gottheit. Übrigens scheinen andre norwegische Goden z. B. in Maeri bei Drontheim einen Tempel selbständig verwaltet zu haben. Ob aber als ihr Eigen? Diese größere Selbständigkeit führte in Island das germanische Priestertum zu seiner höchsten Leistung.

Nach Island brachten ausgewanderte norwegische Goden entweder ihren ganzen Hof genannten Tempel oder doch dessen Hauptgebälk und die Erde unter dem Thorsaltar vom Mutterlande im Schiff mit hinüber und bauten ihn an der Stelle wieder auf, wo die über Bord geworfenen mit Thors Bildnis versehenen Hochsitzpfeiler des Hofs ans Land getrieben waren. Oder auch fuhr z. B. der Isländer Loptr in jedem dritten Jahr nach Norwegen, um dort im Tempelhof der Ahnen zu opfern. Der Tempel, hüben oder drüben, galt also für ein uraltes, wertvolles Erbstück. Andre wohlhabende Ansiedler, die entweder in der alten Heimat keinen Hof besessen oder ihn von dort nicht mitgebracht hatten, bauten für sich und ihre minder begüterten Ansiedler einen Tempel, für dessen Benutzung diese eine Abgabe, den Hofzoll, zu zahlen hatten, und erwarben sich dadurch einen Vorrang über die andern, die Stellung eines Goden und Yfirmadr, eines Übermanns, einer Obrigkeit. Der Hof wurde der Stützpunkt der Staatsgewalt seines Besitzers; die Godenwürde, das Godova bemächtigte sich der Herrschergewalt, der richterlichen und der ausftihrenden. Auch zum Heeresdienst bot der Gode seine Thingleute auf. Aus 39 solcher Godorde setzten die Goden den Freistaat ihrer Insel zusammen. Ihre Würde vererbten sie meistens auf den ältesten Sohn, doch wurde sie auch wohl unter zwei Brüder geteilt. Wie eine Sache konnte sie gleich dem Besitz einer fränkischen Eigenkirche verschenkt, verkauft und vertauscht werden, und machtsüchtige Männer strebten darnach, mehrere solcher Godorde durch Kauf, List oder Gewalt in ihrer Hand zu vereinigen. Die isländische Familiensage hallt wider von solchen Godordskämpfen, auch noch in christlicher Zeit. Denn die Godenhäuptlinge führten auch, wie die westgermanischen Grundherren nach ihrer Bekehrung, Eigenkirchen auf und behaupteten dieselben Rechte wie ihre heidnischen Vorgänger.

So haben sich in Deutschland wie im Norden die Einrichtungen des heidnischen Priestertums mit dem Grundbesitz als seiner Unterlage noch Jahrhunderte lang in der römisch-katholischen Kirche Geltung verschafft, bis sie erst der Investiturstreit im wesentlichen zerstörte. Doch noch heute kann manche Schloßkapelle oder im Gebirge auch die Hauskapelle manches Bauernhofes an die alte Zeit erinnern. Im Schwarzwald besorgt darin die älteste Magd dreimal täglich das Läuten und, wenn die Kirchwege verschneit sind, halten die Hausbewohner unter dem Vortritt des Hausvaters darin ihre Sonntagsandacht.

Neben den Priestern sind bei den Südgermanen Priesterinnen zweifelhaft und nur bei den aus dem Norden eingewanderten und vielfach mit Kelten gemischten oder gar keltischen Kimbern nachweisbar. Diese wurden von greisen weissagekundigen Priesterinnen in den Krieg begleitet. In weißes Linnen gekleidet, einen metallenen Gürtel um den Leib, barfuß traten sie den Kriegsgefangenen mit einem Schwerte entgegen, bekränzten sie und führten sie zu einem mächtigen Kessel. Auf einer Leiter stehend durch-schnitt ihrer eine die Kehle der in die Höhe gehobenen Gefangenen und weissagte aus ihrem in den Kessel rinnenden Blute. Als später Ariovist dem Caesar gegenüberstand, losten und weissagten die suebischen Hausfrauen, daß ihre Männer nicht siegen würden, wenn sie vor dem Neumond zum Kampfe schritten. Aber hier und weiterhin werden Priesterinnen nicht erwähnt. Sogar die geheimnisvolle Göttin Nerthus hatte keine Priesterin, sondern einen Priester.

Wiederum weicht auch in dieser Hinsicht die nordische Priesterschaft ab. Denn die Tempelpflege und den Opferdienst übernahmen auch Gydjur Priesterinnen, unter denen die Gydja Steinvör sogar einen Haupttempel besorgte. Aber selbst diesen standen als Weibern nicht die weltliche Gewalt und Würde der Goden zu, vor allem war ihnen ein Einfluß auf das Gerichtswesen und die Verwaltung untersagt. Von besonderer Bedeutung war die schöne junge Priesterin Freys, die dessen Bildsäule auf ihren Umfahrten durch Schweden begleitete: wenn sie schwanger wurde, stand dem Lande reiche Fruchtbarkeit bevor. Weissagung mag den nordischen Gydjur wie jenen kimbrischen Priesterinnen und den germanischen Priestern vertraut gewesen sein, aber mit der Prophezeiung ist nicht zugleich das priesterliche Amt untrennbar verbunden. Sie geht vielmehr von besonders gottbegabten Menschen, namentlich Weibern, aus, deren wir gleich gedenken werden.

Die Priestertracht kennen wir nur wenig. Wenn schon in der ältesten Zeit vom Zauberer, Beter und Opferer äußere Reinheit gefordert wurde, so ist uns sofort die weiße Kleidung und die Barfüßigkeit jener kimbrischen Priesterinnen verständlich. Auch der gotische Priester war mit wreißem Gewände angetan. Der Alcispriester der Nahamavalen trug weiblichen Schmuck, womit vielleicht langwallendes Haar gemeint ist; der nordische und vielleicht auch der gotische war mit einem Hand- oder Armring geschmückt, oder er hielt bei dem vor der Gottheit zu leistenden Schwur einen Eidring in der Hand. Der angelsächsische war als Mann des Friedens stets unbewaffnet und unberitten. Nur um die Ohnmacht der Heidengötter seinem König Edwin recht augenscheinlich zu beweisen, sprengte der schon für das Christentum gewonnene Oberpriester auf dem Streithengst des Königs gegen den heidnischen Tempel an und schleuderte einen Speer durch den Zaun ins innere Heiligtum.

Noch weniger bekannt als die äußere Erscheinung des Priesters ist uns seine geistliche Tätigkeit und sein inneres Verhältnis zu seinem von ihm vor andern bedienten Gotte und zur Gottheit überhaupt. Den priesterlichen Wirkungskreis hat kaum ein Späterer so richtig umschrieben wie Tacitus und so umfassend. Seine Angabe über den Vollzug der Todesstrafe durch den Priester scheint Bestätigung zu empfangen durch die Nachricht, daß auf Island dem schweren Verbrecher auf einem gottgeweihten Stein, dem Thorsstein, im Gerichtsring der Rücken gebrochen wurde. Auch die, wie es scheint, schon altarischen Gottesurteile, die dem Angeklagten an Leib und Leben gingen, scheinen unter priesterlicher Aufsicht vollzogen zu sein. Und von der Eidesabnahme durch den Priester haben wir schon gehört. Wenn auch die Priester vor dem Krieg auf das Pferdegewieher horchen, wenn sie die heiligen Tierstandarten ins Heer führen, so stimmt dazu, daß namentlich die Sachsen vor dem Krieg den Götterwillen befragten, gewiß vermittelst des Loswurfs, den doch wieder der Priester zu tun hatte.

Damit ist aber nicht das ganze innere Leben des Priestertums aufgedeckt; sein geistiger Anteil am Gottesdienste ging sicherlich nicht im bloßen Opferakt und in den damit verbundenen Rechtshandlungen auf. Aus der priesterlosen Vorgötterzeit, der Zeit der Geister- und Dämonenverehrung, hatte es gar manche hausväterliche Beschwörungsformeln, Segen und Zaubersprüche geerbt, die mm aus Priesters Munde veredelt und vertieft zum Vorschein kamen. So sang er bei Not und Gefahr im Stabreim die Herabkunft der Idisi zum Heere und die Holzfahrt Balders und der Götter, bis er ihren göttlichen lösenden und heilenden Zauberspruch der Menge, dem „Umstand“, verkündete. Uralt wie diese Sprüche, deren Formeln auch der Altindier kannte, war der auch brahmanische Brauch, beim Opfer den Preis der Götter in eine gemischte Erzählungsform zu kleiden, zwischen Prosa und epischen Liedern abzuwechseln, ja in die Prosa auch wohl einen ganz dramatischen poetischen Monolog oder Dialog einzuflechten. In einzelnen Eddaliedern und in den Erzählungen Saxos klingt diese wohl vom Priester und einem Chor ausgeführte Vortragsweise noch an. In Frage-und Antwortstrophen suchten die Priester die Rätsel der Welt, namentlich der über- und der unterirdischen, zu ergründen, wie wir vielleicht gleichfalls aus Eddaliedern, wie Vafbrudnis-, Grimnis- und Alvismal, als späten Nachbildern, schließen dürfen. Nicht nur die Opferhandlungen, sondern auch ihre Rechtshandlungen waren von volkstümlicher feierlicher Poesie begleitet, die durch die Sprache unserer Volksgesetze und Dorfweistümer immer wieder hervorblitzt. Namentlich die friesische Rechtssprache wogte in hochpoetischen oft stabreimenden Bildern und Gleichnissen dahin und ergoß sich hie und da zu breiter bewegter Schilderung z. B. der Notlagen eines stocknackten Kindes, das in der nebeldüsteren Wintemacht über seinen Vater weint, der so tief und dunkel mit vier Nägeln verschlossen und bedeckt unter Eichenholz und Erde ruht. Die alten Bannflüche und Eidschwüre, die doch auch die Priester aussprachen und vorsagten, hatten auch dieselbe poesievolle Würde.

Tiefer in das Gemütsleben der Priester können wir kaum hineinblicken; es entgeht uns alle priesterliche Lyrik: kein andachtsvolles Lied, kein eigentliches Gebet, kein frommer Herzenserguß eines Priesters und kaum eines Laien ist uns erhalten. Gewiß wird es auch an herzlichen Äußerungen tiefer Gottesfurcht nicht gefehlt haben. Zwar die Debatten der christlichen Bekehrer mit den nordischen Heiden drehten sich immer wieder um die Hauptfrage, die auch schon der heidnisch gesinnte Frankenkönig an seine christliche Gemahlin richtete, wer denn doch eigentlich der stärkere sei, der Heidengott oder der wie ein Verbrecher gekreuzigte Christengott. Ihrem Gott aber das Beste zu geben, waren auch manche Heiden bereit, ob Priester oder nicht; kinderlose Eltern weihten ihm ihr noch ungeborenes Kind. Das genießt dann Odins Gunst und Hilfe im höchsten Maße, aber plötzlich stellt sich der Gott in der Schlacht seinem Schutzbefohlenen gegenüber und erschlägt ihn im besten Mannesalter, z. B. den Wölsung Sigmund und den König Harald Hildetand. So holt er sich das Gelobte. Die germanischen Priester aber nennt Tacitus Diener der Götter, und sie heißen im Norden Liebling, Freund, aufrichtiger Freund, Voll vertrauter Thors oder Freys. Die besondere Freundschaft mit Thor wird einmal durch drei Generationen bewahrt: sie erbt sich von Thorolf zu Mostr in Norwegen auf seinen Sohn Thorstein und von diesem auf seinen Enkel Thorgrim fort. Der Freysgode Hrafnkell opferte seinem Gotte seine besten Waffen, doch nicht, ohne sich deren Mitgebrauch vorzubehalten, und hielt ihm den herrlichsten Hengst, Freysfaxi. Er schwur, daß jeder, der dieses Roß bestiege, mit dem Tode büßen solle. Er erschlug auch einen, der diesen Schwur mißachtet hatte, und lud dadurch Friedloslegung auf sich. In diesem Unglück erklärte er es für Tand, an die Götter zu glauben. Aber wie Hrafnkell fühlten sich viele trotzige Wikinger während ihres an Wechselfällen so reichen Lebens in ihrem Vertrauen auf die alten Götter enttäuscht und „trauten“ fortan auf nichts weiter, als auf „ihre Kraft und Stärke“. Solche Leute, darunter auch Priester, waren besonders reif für den neuen Glauben.

Das germanische Priestertum hat bei weitem nicht die religiöse Bedeutung erlangt wie .das gallische Druidentum. Die Priester scheinen ihr Ansehen bei den meisten Stämmen auf einen Eigentempel gegründet zu haben. Den weltlichen Machthabern, Königen oder Herzögen, waren sie als helfende und beratende Mitwisser der Götter untergeordnet, im alten Germanien und Skandinavien. In den Sachsengauen übte die priesterliche Macht der Adel aus, in Island riß das Priestertum die weltliche Macht an sich. Die Vereinigung geistlicher und weltlicher Würde gab gewiß dem Gottesdienst und anderen wichtigeren Handlungen einen feierlichen Emst und wirkte namentlich auf das Gerichts- und Heerwesen versittlichend ein. Aber die vielen vereinzelten Priester, die keinen eigentlichen Sonderstand bildeten, unter sich nur einen losen Zusammenhang hatten und ihr Augenmerk wohl vorzugsweise auf weltliche Dinge gerichtet hielten, konnten keine Hierarchie bilden, die unter einem anerkannten Oberhaupt von festen Mittelpunkten aus den religiösen und dogmatischen Ausbau des altgermanischen Glaubens hätte unternehmen können. Überall ergab sich namentlich die deutsche, weniger schnell die nordische Priesterschaft nach schwachem Widerstande der vordringenden neuen Lehre, wenn auch z. B. in Hessen noch manche nach ihrer Bekehrung wieder rückfällig wurden oder Heiden- und Christenglauben beliebig miteinander vermischten. Das Volk hielt überall auch, nachdem es von seinen Priestern verlassen und selber bekehrt war, noch Jahrhunderte an seinen mythologischen Traditionen fest. Im Norden verdankte man vielleicht den Goden die friedliche Vereinigung des neueren milderen östlichen Wanenkultes mit dem älteren rauheren Asenkult, die der nordischen Götterwelt mehr Fülle und Licht gegeben hat. Aber weiterhin trugen doch wohl nur die Skalden zur Ausbildung, zu einer rein poetischen Ausbildung, der Mythen bei, indem sie diese rundeten und zuweilen vertieften oder mit anderen zu größeren Dichtungen verknüpften, zur Ergötzung der Fürsten und ihres Hofstaats, aber nicht zur Erbauung des Volkes. Bis erst die christliche Lehre ihre großen fremden Gedanken in die Germanenseelen warf.

Neben den Priestern und außerhalb des Heiligtums wirkten die Zauberer und die Zauberinnen mit ihren uralten Bräuchen weiter und es befriedigten eins der wichtigsten religiösen Anliegen, das Bedürfnis der Seele, den Willen der Gottheit zu erfahren, die gleichfalls schon in der Vorzeit tätigen Wahrsager und Wahrsagerinnen. Das kimbrische Weissagen aus dem Blute der Kriegsgefangenen war noch an priesterliche Würde geknüpft, aber das Loswerfen übte auch der Nichtpriester, wie wahrscheinlich auch die Deutung des Vogelflugs und Vogelschreis oder des Pf erdege wiehers, die schon Tacitus und 700 Jahre später der Indiculus erwähnen. Aus dem guten oder bösen Angang d. h. der Begegnung eines tapferen, nützlichen oder feigen, schädlichen Tiers erschloß man das Glück oder Unglück eines Unternehmens noch bis in die Gegenwart. Es gab und gibt Leute, die aus der Sprache der Vögel ganze Sätze heraushörten: als Sigurd vom Herzen des Drachen genossen hatte, verstand er die Erzählung der Meisen von seinem Schicksal.

Aber das reinste Gefäß des zukünftigen, göttlichen Wissens ist doch der Mensch, der geistersichtige Hellseher, der zu ungewöhnlicher, heiliger Zeit in diese Welt gekommen ist, zumal die germanische Frau. Man verspürte zu Tacitus’ Zeit in ihr einen unbeirrbaren vorahnenden Sinn, das sichere Gefühl des Weibes, das in unsicherer Lage oft richtiger leitet, als der nüchterne Verstand des Mannes. So verehrten die Deutschen schon früher die Aurinia, wahrscheinlich richtiger Albruna oder Alruna geheißen. In der weiten schwermütigen westfälischen Heide aber, wo noch im 19. Jahrhundert manche einsame Menschen, die „ Vorkiekersu, ein Vorgesicht vom Siege eines in der Luft ziehenden Heers und der Niederlage eines andern hatten, wuchs das brukterische Mädchen Veléda auf. Seitdem ihre Prophezeiung vom Siege der Deutschen und dem Untergang der Legionen sich erfüllte, glaubte man an sie als an eine gnadenvolle Göttin. Von einem hohen Turme aus leitete sie jahrelang die Geschicke ihrer Landsleute und der Bataver in dem blutigen Kriege des Claudius Civilis gegen die Römer. Mit diesem verhütete sie die Schleifung der treulosen Ubierstadt Köln, aber sie ließ deren Gesandte nicht vor sich und steigerte noch durch ihre Unsichtbarkeit die Ehrfurcht vor ihr. Die Besten ihrer Sippe überbrachten ihre Ratschläge und Antworten. Gefangene römische Offiziere und das erbeutete Admiralschiff wurden nach ihrem Turme die Lippe hinaufgeschickt. Aber nach der Niederlage ihres Stammes geriet sie in römische Gefangenschaft und mag geendet haben verlassen und verachtet in Rom, das sie einst durch ihre Weissagungen erschüttert hatte. — Noch einmal trat eine deutsche Seherin den Römern entgegen, ein riesiges Weib der Elbgegend, das dem Drusus den nahen Tod weissagte.

Im Norden wurde die Weissagung aber auch gewerbsmäßig getrieben vom Spdmadr Seher und von der Spdkona Seherin oder der Völva. Die Völvur d. h. die Stabträgerinnen, die nach dem völr, ihrem Zauberstabe, hießen, erwarben sich ihr übernatürliches Wissen durch Zauberkunst. Ein solches Weib setzte sich zu bestimmten Zeiten in der Nacht draußen an einen bestimmten einsamen Ort zu der sogenannten Utiseta nieder. Dort weckte sie die Seelen und Geister (tröll) mittelst ihres Stabes und ihrer Beschwörungen, des Valgaldr oder Leichenzaubers, und brachte sie, auch wohl mit des Zaubergottes Odin Hilfe, zur Beantwortung ihrer auf die Zukunft, aber auch auf die Vergangenheit und die Gegenwart bezüglichen Fragen. Sie griff also auf die uralte Totenbefragung zurück. Dann zog sie, wie z. B. Thorbjörg, namentlich in der Julzeit, bedeckt mit einer Pelzmütze und einem dunkelblauen Mantel, Zauberzeug in einer Tasche am Gürtel, ihren Stab in der Hand, durch das Land, oft mit einem großen Gefolge.

In den Bauernhöfen wurde sie mit den Herzen geschlachteter Tiere und mit Brei bewirtet. Dann bestieg sie einen erhöhten Zauberstuhl, den ihre Begleiterinnen umgaben, und Zaubergesänge, Vardlokkur, die die Wart- oder Schutzgeister anlocken sollten, wurden angestimmt. Nun erst ganz ihrer Kunst gewiß, weissagte sie die künftige Witterung, den Emteausfall, das Schicksal der Familie oder auch große Ereignisse des kommenden Jahres. Dafür wurde sie beschenkt, aber auch wohl, wenn sie Unwillkommenes verkündete, bestraft.

Um das Jahr 1000 streiften die Wölur nicht nur in Norwegen und Island, sondern auch in Dänemark und Grönland. Die geachtetste Wölwa war die Seherin Thordis in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, der sogar in schwierigen Rechtsfragen das Schiedsrichteramt übertragen wurde. Sie scheint ihren ernsten Sinn dem neuen Glauben zugeneigt zu haben: sie zog zu Spakonufell den ersten isländischen Missionar Thorwald auf. Die berühmteste Wölwa ist diejenige, der ein Dichter die Völuspä, die Weissagung der Seherin, in den Mund legte. Aber diese ist als ein urweltliches Wesen, das unter Walvaters Einfluß das Schicksal der Welt von ihrem Anfang und ihrem Ende und bis zu ihrer Erneuerung allen Menschenkindern prophezeit, ein ungermanisches, sibyllenartiges, aus der altchristlichen Poesie herübergenommenes Gebilde, wie sich weiter unten zeigen wird.

Mit dem Wahrsagen wurde aber schon damals viel Unfug getrieben, weshalb die altnorwegischen Gesetze das Draußensitzen auf den Kreuzwegen, die Utiseta, während der Jul- und Neujahrsnächte verboten. Auch in Deutschland setzte man sich in der Neujahrsnacht zu gleichem Behuf auf einen Kreuzweg und zwar auf eine Rinderhaut oder, was noch altertümlicher aussieht, mit umgürtetem Schwert auf das Dach eines Hauses. Diese sogenannte (H)liodorsäza d. h. das Orakelsitzen bekämpfte die Geistlichkeit schon seit Primin ums Jahr 700, aber mit wenig Erfolg. Noch bis ins 19. Jahrhundert setzte man sich in Island und in Deutschland in der Andreas-, Christ- und Dreikönigsnacht auf den Kreuzweg, auf den Färöern auf ein dort ausgebreitetes graues Kalbsfell und ausgerüstet mit einer scharfen Axt, allerdings nicht mehr um die Gabe der Weissagung, sondern um Gold und Silber von den herandrängenden Elfen oder dem Teufel zu erlangen. Auch ist jene wirkungsvolle Dachsitzung des Bewaffneten nicht vergessen, sie hat aber auch ein anderes Ziel bekommen. In Gossensaß am Brenner meint man, wer während der Christmette auf dem First seines Hauses säße und seine Sense dengelte, der hätte das ganze Jahr Schneid.

Diese zum Teil so grotesken Bräuche erklären sich aus der Anschauung, nur in der Absonderung, in der Erhebung über die gewöhnlichen Menschen, auf dem Turm, dem Zaubergerüst, dem Dach und dem einsamen Kreuzweg, von wo aus zugleich der Blick nach allen Seiten zu schweifen vermochte, sei das Zukunftsgesicht zu erreichen.

Von jener Veleda aber führt eine lange Reihe mehr oder minder berühmter deutscher Seherinnen bis gegen unsre Zeit, bis zur „Harkbüre“, einer Schwarzwälderin, die in der altheidnischen Weissagezeit zwischen Weihnacht und heüig Dreikönig den mitternächtlichen Lauf der Sterne betrachtete und darnach den Bauern voraussagte, ob das neue Jahr gut oder schlecht ausfallen, Krieg oder Frieden bringen würde. Die napoleonischen Kriege und noch die Revolution von 1848 soll sie vorhergesehen haben.

Nahe berühren sich mit dem Wahrsagen und der Wahrsagerin der Zauberer und die Zauberin, der altnord. seid- oder galdramadr und die seid- oder galdrakona. Im Norden war das uralte Zauberwesen noch stärker entwickelt als in Deutschland, weil es genährt wurde durch das Schamanentum der benachbarten Lappen oder Finnen. Man fuhr zu den Finnen, um ihre Kunst zu lernen, so eifrig, daß noch die christliche Gesetzgebung Norwegens dagegen auftrat. Aber schon in der letzten Zeit des Heidentums war Zauberei eines Mannes nicht würdig, und Harald Schönhaar ließ seinen Sohn Ragnvald samt 80 Zauberern, die ihn begleiteten, töten. Eher ließ man zaubernde Frauen gewähren; doch gemeinschädliche steinigte oder ersäufte man.

Meistens ging dem Zauber, wie dem Orakel, ein Opfer voran, vereinzelt sogar ein Menschenopfer. Wie die Wölwa bestieg der Zauberer einen hohen Sitz, den Seidhjallr, um ungestört von da herab seine Beschwörung, seinen Zaubergesang, kund zu tun, zauberkräftige zu Lied oder Spruch zusammengefügte Wörter oder Runen. Auch ritzte der Zauberer solche in den zur Zauberwirkung ausersehenen Gegenstand, namentlich auch auf Schutz- wie Trutzwaffen. Durch gewisse Pflanzen und Steine vermochte er zu heilen, Liebe oder Sieg oder auch von allem das Gegenteil zu wirken.

In der Liederedda reicht Sigrdrifa dem Sigurd Bier, das voll ist von Zauberliedem und Heilrunen, von gutem Zauber und Freudenrunen. Sie hat diese nämlich zuvor auf ein Schwertgriff, ein Trinkhorn und viele andere zu feiende Dinge eingeritzt, dann davon abgeschabt und in den heiligen Met getan. Durch solchen Trunk wird Sigurd zu jeglichem Tun fähig. So verhackt wohl noch die badische Mutter ganz fein die Buchstaben des großen und des kleinen gedruckten Alphabets in ein Karfreitagsei und gibt es vor dem ersten Schulgang ihrem Knaben zu essen, damit er lemkräftig werde.

Seit der Urzeit gab es bösen, unheimlichen und guten, woltätigen Zauber. Der zauberkräftige Mensch konnte nicht nur andere in eine beliebige Gestalt verwünschen, sondern sich auch selber in allerlei Tiere verwandeln, so z. B. häufig in einen den Schiffen gefährlichen Walfisch, und in die Gestalt anderer Menschen. Guten Zaubers, soweit er in der Runenkunde bestand, war in alter Zeit besonders der König mächtig, der nach der Rigsthula dem Jarl darin überlegen war und die Lebens-, wie Todesrunen verstand. Gute und böse Zauberkünste, auch die finnischen, wurden dem Odin beigelegt.

Der Gottesdienst vollzog sich zu Tacitus’ Zeit überwiegend in einem Gemeindeheiligtum. Das war damals meist sehr einfach, wie seine Namen verraten. Zwar das hochdeutsche Wi(ch), mit dem die Ortsnamen Donnerschwee bei Oldenburg und das schon im 10. Jahrhundert bezeugte Wodeneswege, jetzt Gutenswegen bei Magdeburg, als Opferstätten der beiden höchsten Götter zusammengesetzt sein mögen, und das nordische Vi, Vd, wonach Thors-, Odins- und Freysvi genannt wurden, bedeutet nur allgemein das Heiligtum. Aber eine andre Tempelsbezeichnung althochd. Haruc, angelsächs. Hearg, altnord. Hörgr scheint von einem bloßen Steinhaufen, dessen man sich als Altar bediente, hergenommen zu sein. In Jütland hat man nebeneinander mehrere Steinhaufen mit Tonscherben und Kuhhörnern und einen mit zwei Holzstücken gefunden, in denen die Füße eines Götterbildes vermutet werden. Neben einem andern bei Viborg lag eine wahrscheinlich sakrale phallische Holzfigur. Drei andere Wörter für den Tempel altnord. Lundr, ahd. Paro, ags. Bearo und das deutsche Loh (latein. lucus) haben ursprünglich den Begriff Hain. Der alte Tempel war also ein eingehegtes Waldstück, eine Waldlichtung, worin ein Feldstein oder Steinhaufen den Altartisch und etwa noch eine Hütte, eine Casula, wie es im Indiculus heißt, ein Blockhaus die Cella, die eigentliche Wohnung der Gottheit, bildete. Darüber rauschten unantastbar die höchsten Waldbäume. Solche heilige Haine hatte das grüne Waldland der Germanen überall: zu Tacitus’ Zeit den Hain der Baduhenna, den Hercules (Donars) hain an der Oberweser, den Nerthushain auf einer Meeresinsel, den Hain des Allwalters im Spreegebiet und den Alcishain noch weiter östlich bei den Nahanarvalen. Und noch durch das ganze Mittelalter hören wir von heiligen Lohen in Niederdeutschland, von heiligen Forsten in Oberdeutsch-land. Der bremische Bischof Unwan mußte sie noch im 11. Jahrhundert ausrotten, weil in ihnen geopfert wurde. Im Norden waren ein Thors- und ein Freyslundr bekannt und der Hain von Uppsala. Lund in Schonen gehörte zu den vier Haupttempeln Dänemarks.

Vor den späteren größeren Tempelbauten wichen die älteren Haine immer mehr zurück, aber oft mag man einen besonders mächtigen Baum verschont haben, wie z. B. die hessische Donarseiche bei Geismar und den immergrünen Baum, desgleichen man anderswo nirgend sah, bei dem Tempel von Uppsala. An Stelle eines Baumes errichteten die Sachsen auch einen Baumstamm von bedeutender Größe unter freiem Himmel, die Irmin- oder Ermensäule, die eine geraume Strecke von der Eresburg, dem heutigen Stadtberge, entfernt, in einem heiligen Bezirke des Eggegebirgs stand. Sie wird bald Hain, bald Heiligtum, bald Idol genannt. Diese allen heilige „Allsäule“ war wahrscheinlich ein Nationalheiligtum aller Sachsen oder doch aller Engem und wurde von Karl d. Gr. 772 zum Zielpunkte seines ersten planmäßigen Eroberungszuges nach Sachsen ausersehen. Dreier Tage bedurfte sein Heer, um sie und wahrscheinlich noch andere Anlagen zu zerstören, und das dort gefundene Silber und Gold nahm er mit sich fort. Schon drittehalb Jahrhunderte früher, im Jahre 532, stellten, wie Widukind von Korvey meldet, die Sachsen nach einem übrigens unhistorischen Siege bei Scheidungen an der Unstrut ein ebenfalls säulenförmiges Denkmal auf, das sie ebenfalls Irminsäule nannten, offenbar als Zeichen ihres siegreichen Stammes. Auch der viel jüngere Maibaum mag als Triumphzeichen des Lenzes gegen den besiegten Winter aufgerichtet worden sein.

Auf eine andere alte Form des Heiligtums weist vielleicht das gotische Alhs, das altdeutsche , das eine Wehr, etwa einen Ringwall, eine Burg im alten Sinne des Worts bedeutet, weshalb die alten Chroniken den Tempel oft als castrum bezeichnen. Diese namentlich in Norddeutschland häufigen Erdbauten, die in Kriegszeiten als Zufluchtsstätten und Festungen dienten, waren auch zu Opferstätten geeignet. Auch vermutet man, daß die Orte, an denen alte Römerstraßen zusammentrafen, von den heidnischen Germanen als die am leichtesten erreichbaren Versammlungsplätze zum Gottesdienst benutzt worden wären, wie Münster (Mimigardeford), Osnabrück, Paderborn und Minden. Auch im ribuarischen Gesetz, 72, 1 schwört der Franke einen Eid in einem Harah, einem Tempel, am Kreuzweg. Dazu opferten die Dänen nach Alfrics Heiligenleben dem Oben auf Kreuzwegen.

Kunstvollere Tempel sind bei den Indogermanen überhaupt spät, selbst bei den Griechen. Die mykenische Kultur scheint sie nicht gekannt zu haben, erst in den jüngeren Partieen der Ilias tauchen sie auf. Aber wenn Tacitus meint, die Vorstellung von der Erhabenheit ihrer Götter hätte die Germanen abgehalten, sie in Wände einzuschließen und bildlich darzustellen, so irrt er, in spät römischer Anschauung befangen, sowohl in der Angabe des Tatsächlichen, als auch in deren Begründung. Er selber führt einen dem Erdboden gleich gemachten, weit angesehenen Tempel der Tanfana im Marsenlande und ein Allerheiligstes der Nerthus an. So einfach diese Heiligtümer auch gewesen sein mögen, sie hatten doch zusamt ihrem Gehege, ihrem Hofe, einen gewissen Wert und scheinen ihren Eigentümern eine mit manchen Rechten ausgestattete priesterliche Stellung eingetragen zu haben. Vom 5. Jahrhundert an, als man bereits von den Römern gelernt hat, werden Heidentempel, auch größere, in Süddeutschland häufiger erwähnt, aber von ihrer Einrichtung hört man nichts Näheres, nur daß ein kölnischer Tempel, in dem die Germanen Opferschmäuse hielten, mit Götterbildern, allerlei Schmucksachen und hölzernen Nachbildungen kranker Glieder versehen war. König Edwin (gestorben 633) ließ einen angelsächsischen Tempel samt seinen Hecken, Altären und Götzenbildern niederbrennen. Die friesischen Tempel, deren ehrwürdigster der des Gottes Fosete auf Helgoland war, bargen Schätze, die von Geschlecht zu Geschlecht vermehrt wurden. Der Tempelräuber wurde, grausam verstümmelt, am Meeresstrande geopfert, da, wo die Flut über seinen Leichnam hinwegspülte. Vom eroberten Gold und Silber aber nahm nach der Unterwerfung der Friesen Karl der Große zwei Drittel an sich und wies ein Drittel dem Bischof Alberich von Utrecht zu. Karl bekämpfte auch die sächsischen Tempel durch Verbote und Kriege. Die bedeutendsten lagen da, wo der sächsische Adel am dichtesten angesessen war, an der fränkischen Grenze. Von der Eresburg, der Irminsul, von Paderborn, Detmold und Herford aus führte dieser seine Aufgebote in die Schlacht. Nach den obigen Angaben (S. 312) darf die Nachricht, daß Karl bei der Zerstörung der Irminsul Gold und Silber gefunden und weggeführt habe, kaum bezweifelt werden, so wenig wie jene Meldungen über die friesischen Tempelschätze. Auch die Sachsen straften Tempelschädigung mit dem Tode.

Der nordische Tempel, der wie der angelsächsische auch das Hof d. h. geschützter Ort hieß, bestand wie der deutsche überwiegend aus Holz, in Island, wie es scheint, auch aus Torf. Selbst ein großer Hof wie der Thorstempel zu Maeri in Drontheim konnte abgebrochen und teilweise nach Island verladen werden. Aber im isländischen Gemeindetempel, wie er in den Sagen beschrieben wird, glaubt man schon eine Nachbildung fremden Kirchenbaues wahrzunehmen. 60 Fuß breit und bis zu 120 Fuß lang, hatte er ein Langhaus und, davon durch einen schmalen Zwischenraum getrennt, eine Art Chor, Stuka, Afhüs; jenes war mit einer Seitentür, dieser mit einer Türe in der Mitte der Rimdung versehen. Jene Halle war für den Opferschmaus, diese Zelle für die Götter und ihr Opfer bestimmt. Im Mittelraum der Halle stand das Öndvegi, der Hochsitz des Vorsitzers, dessen Säulen mit Thors Bild geschmückt und mit Reginnaglar, großen Nägeln, beschlagen waren. In der Stüka befand sich der eisenbeschlagene Stalli, Stallr Altar, auf dem das oder die Götterbilder standen und der goldene oder silberne Eidring lag, bei dem die Hofseide, ursprünglich alle Eide als Kultusakte, geschworen wurden, nachdem er vom Priester ins Blut des Opfertiers getaucht war, nach uraltem Brauche. Alfred der Große ließ 875 die Dänen einen Vertrag nicht nur auf den Gebeinen der Heiligen, sondern auch auf einem heiligen Ringe, der mit Opferblut bestrichen auf dem Altar lag, beschwören. Eide auf heilige Ringe, die später auch wohl durch Eide auf den Griff von Kirchentüren oder auf Ring und Stab oder auf Reliquien ersetzt wurden, kannten auch die Goten, Franken und Sachsen. Auch verdammte ein fränkisches Konzil in Orleans im Jahr 541 als heidnische Sitte, den Eid mit Berührung eines Tierhaupts unter Anruf der Götter abzulegen. — Ein großer kupferner Opferkessel, wie er auch in alten Schilderungen deutscher Opfer erwähnt wird, fing das Blut (hlaut) des geopferten Tiers oder auch Menschen auf, in das nicht nur jener Eidring, sondern auch der zur Be-sprengung der Opferer und der zur Losung dienende Opferzweig oder Opferbüschel getaucht wurde. Da heißt es z. B. von einer Schicksalsbefragung König Granmars beim Opfer in Uppsala: Da fiel ihm der Zweig so, als ob er nicht mehr lange zu leben hätte.

Den Tempel umgab ein angelsächsischer Geard, ein nordischer Gardr, ein etwa mannshohes Gehege, auch wohl eine goldne Kette in Uppsala, wie später in Deutschland Marien-, Leonhards- und Nikolauskirchen von Eisenketten umzogen waren. Beim Tempel in Uppsala überragte ein unvergleichlicher immergrüner Baum einen Quell, an dem geopfert wurde. Dieser machte Uppsala zur heiligsten Stätte des Landes, ein andrer Helgoland zu einer dem Gott Fosete geweihten Insel. So ertränkte man auf Island in „Opferquellen“ vor der Tempeltüre die zum Opfer bestimmten Menschen, wobei man sich des Sees der Nerthus erinnert, in den die Diener der Göttin versenkt wurden, aber auch der vielen Kirchen, in und bei denen Quellen sprudeln, wie in Paderborn, Freiburg i. B., Bomhövede, Visselhövede und Bexhövede. Der Tempelfriede, die Hofshelgi machte das Heiligtum für alle Schuld- und Wehrlosen zur unverletzlichen Zufluchtsstätte, die ein Bewaffneter nicht betreten durfte. Aber der friedlos Erklärte war wie der Wolf und Bär ausgeschlossen vom Frieden, und wer diesen durch Gewalttat brach, hieß Wolf im Heiligtum „vargr i véum“. Friedloslegung traf besonders die, welche das Heiligtum und den Thingplatz verletzt hatten. Daher kam es vor, daß selbst Leute, die durch die Ermordung eines der Ihrigen zu äußerster Wut gegen den Mörder gereizt waren, wegen des Tempelfriedens ruhig auseinander gingen. War die Opferstatte dennoch durch Mord oder Totschlag geschändet, so wurde das Thing von ihr verlegt. Den sichersten Schutz aber gewährte sie in den Hochzeiten d. h. an den hohen Festtagen.

Die Opferstätte war häufig auch Thingstätte, weil die Todesstrafe ein Staatsopfer war. In einem westisländischen Dömhringr, Gerichtsring, stand der Thorsstein, auf dem den zum Opfer für Thor Bestimmten das Rückgrat zerbrochen wurde.

Die heiligen Stätten und die Gotteshäuser wurden durch Weihgeschenke ausgezeichnet, vornehmlich durch Beutestücke, selten aber durch Waffen. Die Germanen der römischen Kaiserzeit hängten ihren Göttern in den heiligen Hainen die eroberten römischen Feldzeichen auf. Wenn auf dem Gail- oder Galgenberg bei Hildesheim, auf dem man 1868 einen römischen Silberschatz entdeckte, ein heidnisches Heiligtum stand, wie es nicht unwahrscheinlich ist, so darf man annehmen, daß darin, wie nachweisbar in andern Heidentempeln, die kostbarsten Beutestücke niedergelegt und vor aller Augen ausgestellt waren, jedoch keine Waffen, weil man diese besser für den Kampf brauchte. So behielt sich auch jener Isländer Hrafnkell (S. 304) den Mitgebrauch der seinem Lieblingsgotte Frey geopferten Waffen vor.

Mit wertvollen Weihgeschenken waren auch die nordischen Tempel ausgestattet, so daß Adam von Bremen mit starker Übertreibung den ganzen Tempel von Uppsala aus Gold gemacht nannte. Andre sprechen von einem aus Silber und Gold gefertigten Thorsbild und seinem prächtigen von zwei Böcken gezogenen Wagen in Maeri und erzählen, daß König Olaf Tryggvason alles Geld und Schmuckwerk aus dem Tempel zu Hladir und von dessen Götzen nehmen ließ. Thor geriet einmal in großen Zorn darüber, daß ein zum Christentum Bekehrter sein Tempelsilber ins Moor warf.

Älteres Zeugnis für die Ausstattung der nordischen Heiligtümer mit mehr oder minder kostbaren Weihgeschenken legen die Opferfunde ab, gleichartige Sachen, die gewöhnlich in größerer Anzahl auf einfacheren Opferplätzen niedergelegt wurden. Sie stammen aus den Jahrhunderten um Christi Geburt. Nordische Krieger weihten auf offenem Felde ganze Sammlungen von Beutestücken, die später das Moor überwuchs, gerade wie die Gallier ihre dem Kriegsgott gelobte Siegesbeute zu Haufen aufstapelten, die Caesar in vielen Gauen sah. Nordische Frauen brachten eine Anzahl bronzener Halsringe, ein Schiffer etwa 100 ineinander gesteckte Goldboote, Krieger prachtvolle mächtige Trompeten aus Bronze, sogen. Lure, ihren Göttern dar. Die wertvollsten Votivgaben, die sich durch reiches, noch immer nicht sicher gedeutetes, fremdartiges Figurenwerk auszeichnen, sind der Silberkessel von Gundestrup in Jütland und die beiden schleswigschen Goldhömer, die zu heiligen Kultzwecken bestimmt waren.

Aber auch Äcker, Wälder, Quellen und weidende Tiere gehörten zu den Tempeln auf Helgoland und im übrigen Friesland. Die isländischen Tempel oder Höfe bezogen einen Zoll, den Hofzoll, wie später die Kirchen ihren Zehnten, und fromme Leute machten ihnen auch Landschenkungen.

Wie stand es aber um den höchsten Tempelschmuck? Kleine aus Holz geschnitzte Götzenbilder unbestimmten Ranges hegte man wohl seit unvordenklicher Zeit: sie hießen im Norden Schnitzgötter oder kurzweg Stöcke. Man brachte sie auf oder neben den Steinhaufenaltären an. Das nordische Eidsifjagesetz verbot, solche Stöcke oder Altäre im Hause zu halten. Aber von eigentlichen Götterbildern will Tacitus in Deutschland nichts wissen. Die Bilder oder Gestalten und die Zeichen, die nach seinem Bericht die Priester aus den Hainen in die Schlacht trugen, sind bloße Bilder oder Gestalten wilder Tiere, wie er an einer anderen Stelle deutlicher sagt, insbesondere kampflustiger Eber und Wölfe, und die Zeichen sind wohl nur Symbole oder Attribute der Gottheit, wie bei ihm das Schiff ein Zeichen der Isis heißt. Die ältesten in den nordischen Mooren gefundenen wirklichen Götterbilder sind römische Bronzestatuetten: Mars, Jupiter und Venus. Sie mögen, wie einige von den zahlreichen in England und am Rhein entdeckten Götterbildern, auf germanische Gottheiten gedeutet und als Abbilder solcher verehrt worden sein. Sie werden auch zur Nachahmung gereizt haben. Ein germanisches Götterbild muß man wohl in der Nerthus, die herumgeführt und gebadet wird, und jedenfalls in der Bildsäule anerkennen, die der heidnische Gotenkönig Athanarich (gestorben 382) vor den Häusern aller des Christentums Verdächtigen auf einem Wagen herumfahren ließ, mit dem Befehl, ihr zu opfern. Die Missionare melden weiterhin öfter von Götterbildern deutscher Stämme vom Züricher See bis nach Helgoland, mehrmals von dreien neben einander. Und so werden sie auch im Norden bald einzeln erwähnt, bald in der Dreizahl. In Maeri stand das silbern-goldene Bild Thors allein da, während es in Uppsala neben sich das Odins und das Friccos (Freys) hatte. Thor wurde am häufigsten bildlich dargestellt, namentlich in Norwegen und Island. In Norwegen werden überhaupt Götterbilder viel öfter genannt, als in Schweden, wo Adam von Bremen nur die in Uppsala kennt. In Dänemark ist keins sicher nachgewiesen.

Die innere und äußere Ausstattung, die Größe und das Ansehen, zum Teil auch der Opfer- und Festbrauch waren verschieden, je nachdem der Tempel ein bloßer Hof oder ein Höfudhof war, für eine Gemeinde, einen kleineren Bezirk, oder für eine Landschaft oder gar ein ganzes Land bestimmt war. Solche stattliche, möglichst im Mittelpunkt der Landschaft und des politischen Lebens gelegene, durch großartige Opfer geehrte Haupttempel waren der schwedische in Uppsala, die dänischen in Viborg, Odense, Hleidra (Ringsted) und Lund, mehrere norwegische und die der 39 Godorde (Priesterschaften) auf Island. Vielleicht bezeichnet auch die Irminsul, ein ungeheurer Baumstamm, ein Hauptheiligtum der Sachsen, wie der immergrüne Baum in Uppsala ein schwedisches.

Die Verehrungsstätten der Götter, mochten sie nun in weiten freien Opferplätzen auf der Heide, in heiligen Bannwäldern, in Wallburgen oder Tempeln bestehen, wurden mit mehr Scheu und Feierlichkeit behandelt als die bescheidenen Opferräume der Seelen und der Elfen, am Herde oder unter einem nahen Baume, an einer Quelle oder auf einem Steine. Wie schon diese Örtlichkeiten, durften vollends nicht jene weihevolleren verunreinigt werden. Man duldete hier auch keinen weltlichen Lärm oder gar andere Friedensstörung. Nach Tacitus war auch der Ehrlose sowohl von der richtenden und ratenden VolksVersammlung, als auch vom Opfergelage, überhaupt von jedem religiösen Feste und damit überhaupt von der Gemeinschaft seiner Stammesgenossen ausgeschlossen. Nach demselben Tacitus näherte sich der Semnone dem allwaltenden Gotte mit so unterwürfiger Demut, daß er nur gefesselt dessen schauriges Heiligtum betrat. Den meist nordischen Nachrichten zufolge suchte man un-bewaffnet, entblößten Haupts, ehrerbietig den Tempel auf. Hier verneigte man sich oder schaute gen Himmel nordwärts, wo die Götter wohnten, oder warf sich gar zu Boden. Das geschah, um zu beten oder um den Gott zu befragen. So lag ein Isländer Thorstein früh morgens im Leinkleid auf dem Gesicht vor Thor im Tempel; ein anderer gleichen Namens fiel vor dem Stein in einem (Thors ?)hof nieder, betete zu ihm und erhielt Antwort von ihm. Für das Bitten zu Gott scheint der Heide kein eigenes Wort, wie unser Beten, geprägt zu haben. Die Hauptbitte war die um Hilfe, der Gott möge einem „taugen“ (duga) d. h. helfen, wie es im Norden auch noch vom Hvitakristr, von Jesus Christus, erfleht wurde.

In den verschiedensten Angelegenheiten fragte man, wie früher die Toten, jetzt die Götter um Rat. Man ging nach einem feierlichen Opfer „til fréttar „, zur Erkundigung, die sie durch Loszweige erteilten, die der Priester warf, wie es schon Tadtus beschreibt. Das nannte man im Norden „die Stäbe schütteln“ oder „den Opferspan werfen“. Der Hauptorakelgott war wenigstens den Norwegern Thor, der ihnen namentlich durch Losorakel oder sonstige Zeichen ihre Siedelstellen in Island anwies. In Friesland legte man sogar noch nach der Bekehrung zwei Ruten, deren eine mit einem Kreuze bezeichnet war, mit reiner Wolle umwickelt auf den Altar. Ein Priester oder ein unschuldiger Knabe nahm eins der Lose auf. Wurde das mit dem Kreuz aufgehoben, so waren die sieben eines Totschlags Bezichtigten unschuldig; wenn das andere, so mußte jeder eine Rute mit seiner Hausmarke bezeichnen. Wieder wurden sie mit reiner Wolle umwunden und auf den Altar gelegt. Dann nahm der Priester ein Los nach dem andern: das letzte bezeichnete den Mörder.

Nicht nur zu Gebet und Orakelbefragung, sondern auch zu feierlichem Schwur auf den Tempelring trat man vor die Gottheit (S. 302. 314). Glum legte einen Reinigungseid in drei Tempeln ab, um diesen besonders wirksam zu machen, wie noch der Bube am badischen Titisee seinen „Palmbuschen“, seine Palmsonntagsstange, zur Weihung in drei Kirchen trägt, damit diese besonders wirksam werde. Die neubekehrten Friesen schwuren nicht mehr auf den Ring, sondern statt dessen auf Reliquien oder auf den Altar.

Zum Unterschiede vom unblutigen Geister- und Elfenopfer bestand wenigstens das öffentliche Götteropfer nicht nur aus Feldfrüchten, sondern überwiegend aus Tieren, aus concessa animalia d. h. opferbaren, eßbaren Tieren, althochd. zebar, angels. Ufer, unserem , dessen Gegensatz das unreine Ungeziefer bildete. Nur Haut und Haupt wurden den Göttern gegeben, der Rest verblieb den Menschen zur Speisung. Das höchste Opfer nächst dem Menschen war, vielleicht als Tier des höchsten Gottes Wodan, das Pferd, dessen Fleisch auffälliger Weise bei allen Germanen sehr beliebt war. Darum bekämpften die christlichen Glaubensboten dessen Genuß besonders eifrig, und die Isländer bedangen sich bei ihrem Glaubenswechsel ausdrücklich aus, auch noch als Christen Pferde schlachten und verspeisen zu dürfen. Dem Frey gefielen namentlich Ochsen und Eber. Hunde und Wölfe wurden nicht geschlachtet oder gar gegessen, sondern nur neben geopferten Menschen aufgehängt, um deren Opferung als sakrale Todesstrafe deutlicher zu kennzeichnen. — In das von einem Kessel aufgefangene Tierblut tauchte man den Loszweig und den Eidring zu besonderen Zwecken, den Opferwedel aber zu dem allgemeinen, die Opfergenossen mit dem Blute zu besprengen und sie der Segnungen desselben recht teilhaftig zu machen. Auch besprengte man noch dazu die Tempel wände von innen und außen. In anderen Kesseln wurde das zerstückelte Tier gekocht, das zum Opferschmaus diente, wobei mit Met oder Bier gefüllte Trinkhömer oder Vollbecher von der einen Reihe der Festteilnehmer der gegenübersitzenden über die Feuer hingereicht wurden. Die große Bierkufe bildet im 6. Jahrhundert den Mittelpunkt eines alemannischen Opfers am Bodensee; noch weit älter ist der Blutkessel bei den Kimbern bezeugt. Kessel und Horn wurden im Norden auch als kostbare Weihgeschenke der Gottheit dargebracht. Das Gildi, altdeutsch Gild oder Geld, die festliche Opfermahlzeit, brachte noch manche andere Festfreuden mit sich. Tänze und mimische Spiele mit Musik und Sang entfalteten sich bei der Heranführung des Opferrosses mit seinem stolzen Schmuck und des Opferstiers mit seinen vergoldeten Hörnern, und wohl auch beim Gelage. Da erscholl mancher laute Ruf und Zuruf, wenn die Minne zu Ehren der Götter und der Ahnen getrunken wurde, und manches Opferlied erklang. Wie innig alle diese Handlungen miteinander verknüpft waren, bezeugt am besten das alte Wort , das in den verschiedenen germanischen Sprachen bald Reigen, bald Gedicht, bald Opfer, bald Gabe bedeutet.

So eifrig blieb das Volk auch nach seiner Bekehrung diesen heidnischen Tempelfreuden ergeben, daß es mit ihnen auch die christlichen Kirchen erfüllte und seit dem Beginn des 7. Jahrhunderts die Konzilien immer wieder Tanzspiele und Gastmähler in oder vor den Kirchen und die sogenannten Lose der Heiligen, die man aus der heiligen Schrift oder den Meßbüchern zog, sowie die vor dem Gotteshaus den Heiligen dargebrachten Opfer verbieten mußten. Draußen im Freien dauern noch heute namentlich bei den Frühlings- und Sommerfeiem die alten Schmäuse, Tänze und Wettspiele hie und da fort. Jenes Verbot traf auch die weniger kostspieligen Vertreter von Opfertieren, bescheidene Teigfiguren, schon im Indiculus des 8. Jahrhunderts. In allerhand Festgebäcken, besonders weihnächtlichen, kehren diese Tiergestalten in Schweden wie in Deutschland noch immer wieder, und ihnen haftete noch lange auch die alte Zauberkraft des Opfers an, indem man sie dem Pflüger, seinem Zugtier und in den Saatkorb gab, oder sie auch in ausbrechendes Feuer warf, um den Acker zu befruchten oder den Brand zu löschen.

Die Festfreude schlug oft ins Übermaß um. Nicht müder Domherr Adam von Bremen tadelte die unehrbaren Gesänge, die bei den Opfern von Uppsala angestimmt wurden, sondern auch der rauhe Heidenkämpe Starkad wurde dort angeekelt von den weibischen Tanzbewegungen, dem Lärm der Schauspiele und dem feinen Schellengeklingel. Aber wie schön war der Frühlingsausflug der Nerthus, wenn sie auf einem von Kühen gezogenen Wagen unter tiefer Verehrung durch das Land fuhr! Weit und breit herrschte Gottesfriede, alle Waffen ruhten, jedes Dorf nahm sie mit gastlichem Jubel auf. Und wenn die Göttin sich an all den Festfreuden der Sterblichen gesättigt hatte, kehrte sie in ihren stillen Tempel im frisch ergrünten Hain zurück, wo ihr Bild oder Symbol in einem See gebadet wurde.

Mit der steigenden wirtschaftlichen, staatlichen und religiösen Kultur, dem Aufblühen der Viehzucht und des Ackerbaus, dem Zusammenschluß der Gemeinden zu Hundertschafts-, Gau- und Landesverbänden, dem Siege des neuen Götterglaubens über den alten Geisterglauben nahmen die Opfer eine festere Zeitordnung, einen bestimmteren Verlauf, eine feierlichere und reichere Ausstattung und einen bedeutenderen Sinn an. Sie blieben im wesentlichen Dank-und Bittopfer, den Göttern dargebracht für das Gedeihen des Viehs und des Ackers oder auch für das Gelingen des Kriegs oder auch eines anderen Unternehmens, nicht bloß in Fruchtspenden, sondern auch in Spenden eßbarer Tiere. Aber ausnahmsweise kamen nun die schwereren Sühnopfer von Menschenblut dazu, das die Götter vom Frevler für ein begangenes Verbrechen verlangten. Man versammelte sich zu drei oder vier regelmäßigen Jahresopfern, die sich an die Hauptereignisse des bäuerlichen Lebens knüpften, an das erste Pflügen und die Aussaat, den ersten Austrieb des Viehs, die Ernte und den Viehheimtrieb, das Schlachten für den Winter und den dankbaren Genuß der Wintervorräte. Einige von diesen Festen fielen mit den großen imgebotenen Volksversammlungen zusammen; für Opfer und Ding wählte man als die glücklichsten Zeiten den Neumond oder den Vollmond. Der Priester besorgte das Opfer, sowie die andern mit den Rechtshandlungen verbundenen Religionsgebräuche.

Ein genaues Bild des germanischen Festwesens ist kaum herzustellen. Die alten Germanen hatten den abstrakten umfassenden Begriff Jahr noch nicht, sie rechneten nur nach den ihnen von der Natur selbst gegebenen Abschnitten Sommer und Winter, und ihre Einteilung dieses Naturjahrs war wohl sehr ähnlich der römischen, die wir aus Varro kennen. An diese römischen Naturfeiem lehnte die von Rom aus herrschende Kirche ihre religiösen Gedenktage an und brachte diese Festmischung den nördlichen Völkern, die sie wiederum mit ihren zeitlich entsprechenden Bräuchen verquickten. Da nun selbst die ältesten und älteren Nachrichten vom germanischen Festwesen, die angelsächsischen des Beda und die nordischen, unvollständig und widerspruchsvoll sind und dazu sich bereits vom kirchlichen Kalender gängeln lassen, so ist es oft sehr schwer, das Germanische vom heidnisch und vom christlich Römischen und hinwiederum die aus dem Altertum entlehnten Bräuche von den im Mittelalter neu entstandenen scharf zu scheiden.

Wie nach germanischer Anschauung die Nacht den Tag führt, das Dunkel dem Licht voraufgeht, so führt auch der dunkle Winter den lichten Sommer, und das Jahr beginnt zu Wintersanfang mit dem Herbstfest, dem ein Mittwintersfest und ein Frühlingsfest folgen. Diese von den Nordleuten angegebene Festdreiheit scheint auch für die übrigen Germanen maßgebend gewesen zu sein, wie sie denn auch dem Wesen ihres Wirtschaftsjahrs gemäß war. Das erste Fest, das Herbstfest, fiel je nach dem Klima der verschiedenen germanischen Länder bald früher, bald später, im Norden häufiger in den Oktober, im Süden in den November. Es war ein Dankfest, das man nach der völligen Einheimsung der Ernte und nach der Einstallung des Viehs feierte, wohl das ursprünglich wichtigste Jahresfest. Unter dem mm reichlicher als in irgend einer anderen Jahreszeit vorhandenen Viehstapel, den man doch nicht ganz den Winter durchzufüttern vermochte, begann ein großes Schlachten für den Haushalt und das Götteropfer. Daher hieß auch dieser erste Wintermonat der Schlacht oder Opfermonat. Dann lud im Norden der König oder Häuptling oder auch ein reicher Bauer zur Blötveizla, zum Opfergelage, ein, die Lehnsleute oder Bauern zogen auf weiten rauhen Wegen mit ihren Opfertieren, Vieh von allerlei Art und auch Pferden, mit Korn und Bier herbei Und nun wurde geopfert, geschmaust und gezecht, wie es Seite 321 geschildert ist. Der Festgeber hatte vor dem Genuß Speis und Trank zu segnen, mit Thors Hammerzeichen, und dann trank er zuerst aus dem Odinsbecher für Herrschaft und Sieg, dann — was wohl die Hauptsache war — aus dem Njörds- und dem Freysbecher til drs ok fridar, für ein gutes Jahr und Frieden. Außerdem waren viele gewohnt, den Bragarfull oder Gelübdebecher zu trinken und den Minnetrunk zum Gedächtnis ihrer Verstorbenen. Das Fest hatte also auch seine ernsten Seiten. — Bei einem solchen Fest überfiel Germanicus im Herbst des Jahres 14 n. Chr. die trunkenen Marsen und zerstörte ihren hochgeehrten Tempel der Tanfana, die wahrscheinlich eine Emtegöttin war (s. unten). An die Stelle dieses Herbstfestes trat in Skandinavien und noch weit früher in Deutschland der Martinsbegräbnistag, der 11. November, oder auch der Nikolaustag, der 6. Dezember, oder der Michaelistag, der 29. September, der Nikolaustag erst mit dem 11. Jahrhundert. Diese Heiligen wurden die Erben jener alten Götter; Martin und Nikolaus zogen von Haus zu Haus als gütige Spender der Herbstgaben. Zu Martini und Michaeli brannten, wie am nordischen Herbstfest, große Festfeuer, wurden leckere Gebäcke, die Martinshörner, die Klausenbröte oder -zelten und die Michaeliswecken genossen und bei fröhlichen Gansschmäusen die Martins- und die Michaelisminne getrunken. Bei der letzten gedachte man auch der Toten, namentlich in der sächsischen Meinweke. St. Nikolaus griff auch schon in das nächste Jahresfest, nach Weihnachten, hinüber: so wurde schon an seinem Tage der Erbsenbär, ein in Erbsenstroh gehüllter Eber, der zum Mittwinteropfer bestimmte Zuchteber, umgeführt. Der ältere Martinstag trug das viel deutlichere Gepräge eines tiefen wirtschaftlichen Einschnitts, eines altgermanischen Neujahrstages. Er schloß das Acker- und Pachtjahr ab und wurde bereits zu Karls des Großen Zeit zum allgemeinen Zinstag gewählt. In manchen Landschaften wurde erst an diesem Tage das Vieh eingestallt, der Hirte übergab seine Gerte seinem Herrn; noch in unsrer Zeit treten dann hie und da Knechte und Mägde ihren Dienst an.

Nun waren Felder und Weiden und Wälder leer von Mensch und Vieh und den Geistern und Göttern überlassen, um in wildem Wintersturm darüber hinzufahren. Die Jugend ahmte gern diese Umzüge der Überirdischen nach, namentlich an den Donnerstagsabenden der späteren Adventszeit, und tobte mit schreckendem Lärm durch die Dorfgassen. Der Bauer aber nahm zur Sicherung die letzten draußen gebliebenen Ackergeräte, Rad und Pflug, aus dem Freien unter Dach, war doch die Winteraussaat bereits besorgt. Nur der Hausarbeit, zumal dem Dreschen, der Viehfütterung und dem Spinnen, lag man ob und, wenn man sich bereits des Vorhaltens der Ernte Vorräte bis zum Sommer gefrösten durfte, feierte man im Mittwinter das zweite große Jahresfest, das im Norden Jól oder Jú, in England Geól d. h. das Jubelfest hieß. Das nordische Julfest fiel ursprünglich nicht in die Wintersonnenwende — dieses Wort oder ein sinnverwandter Ausdruck fehlte dem Mittelalter völlig und kein Brauch zielte auf die Sonne —, sondern in die Zeit vom 9. bis 16. Januar. Es faßte noch einmal all die winterlichen Bedürfnisse, Genüsse, Bräuche und Anschauungen zu einem Feste zugleich des nochmaligen Dankes für die letzte Ernte und der jubelnden Hoffnung auf die neue zusammen. Es wurde til gródrar, für das Wachstum der schon der Erde entsprießenden Aussaat, begangen. Aber es wurde in Deutschland und England früher, schon vor Beda, im Norden später auf das Fest der Geburt des Herrn verlegt, in Norwegen von König Hakon dem Guten im 10. Jahrhundert. Und damit überkam es die Ausdehnung und die Festfülle des kirchlichen Dodekahemeron d. h. des Festes der zwölf Tage von der Geburt des Herrn bis zu dessen Taufe, dem Epiphanientag, dem 6. Januar. In diese fröhliche Geburtsfeier waren aber schon eingebettet die ausgelassenen heidnisch-römischen Brumalien und die Satumalien, die Tage des Wintersonnenwendfestes und des Aussaatfestes, samt der lustigen Kalenden- oder Neujahrsfeier. In keine Stelle des altgermanischen Festwesens drangen fremde Festbräuche und Festanschauungen massenhafter und tiefer ein als in die Mittwinterfeier. Sie ist förmlich bedeckt damit, und nur hie und da lugen echt germanische Bräuche aus der dichten, sei es heidnisch, sei’s christlich-römischen Verhüllung hervor.

Aus dem alten Julfest wurde das Fest der Weihnachten, der heiligen Nächte, der Zwölfnächte oder der unrichtig sogenannten Zwölften, der R,weil man dann das Haus gegen den bösen Feind mit Weihwasser und Weihrauch schützte. Altgermanisch ist das Opfer des Zuchtebers, des altnordischen Sonargöltr d. h. Herdenebers, der mm fallen konnte, wo die Eichelmast aufhörte und frischer Wurf erwartet wurde. Feierlich wurde Freys Eber, wie an zwei Stellen bezeugt wird, am Julabend in die Festhalle geführt, damit man vor seiner Opferung Gelübde zukünftiger Taten auf seinen Rücken ablegte. Und noch später war der Schweinskopf in Schweden, England und Deutschland das Weihnachtsgericht. Alt scheint auch der Brauch, Juleber aus Kuchenteig zu backen und sie unter die Frucht zu reiben, damit die nächste Aussaat kräftig aufgehe. Dieser Zug auf das Zukünftige, der der römischen Neujahrsfeier so natürlich stand, war doch wohl auch dem germanischen Mittwinterfest eigen, das aus der dunklen Tiefe des Winters zu einer lichteren, wärmeren Jahreszeit hinüberführte. Freilich setzte man auch schon in Rom, wie noch in Süddeutschland, verschiedene Fruchtsorten in Gefäßen auf den Festtisch, um am andern Morgen aus dem Steigen oder Fallen derselben auf die Zukunft zu schließen. Auch kannte man im Süden die zwölf Lostage, aus deren Witterung man auf die Witterung der nächsten zwölf Monate schloß. Aber ist es nicht echt germanisch, aus dem „Duft“, dem dick an den Bäumen hangenden Rauhreif, oder aus der großen Zahl der Sterne, die in der Christnacht am Himmel standen, eine gute Ernte für das nächste Jahr zu weissagen? Man würfelt in Südwestdeutschland in der Neujahrsnacht gerade so, wie man es in Rom in dieser Zeit tat. Aber altgermanisch mutet es an, wenn in der Christnacht (oder auch am Andreasabend) das Mädchen, nackt sein Bett rüttelnd, den Liebenden zu erscheinen beschwört, und wenn man auf einem Kreuzweg oder einem Zaubergestell oder gar auf dem Dach des Hauses in dieser Zeit die Zukunft erspähte.

Germanisch und zugleich römisch mögen die lauten Umzüge Vermummter sein, die zu Neujahrs Anfang stattfanden, aber in manchen Gegenden Deutschlands schon in den Adventsnächten klopften, bochselten und anglöckelten. Mit den bösen Geistern, den nordischen Julburschen, kommen aber auch zu Besuch die Gottheiten Wodan oder Berchtold mit dem wütenden Heer, dessen leises Rauschen ein gutes Jahr, dessen Ungestüm Krieg ankündet. Man flüchtete vor ihm Wagen und Pflug in die Scheune. Die fleißigen Spinnerinnen aber spannen dicht vor der Festzeit, während deren die Spindel ruhte, eine ganze Nacht durch, die Durchspinnacht, bis alle Rocken leer waren, und besetzten den Tisch mit reichlicher Speise. Denn mm kam die Göttin Berchta mit den Schrätlein oder Holda, um nach der Spinnarbeit zu schauen und die Faulen zu strafen und dann sich an jenen Speisen zu erlaben. Möglicherweise nannten die Angelsachsen nach dem Besuch solcher mütterlicher Gottheiten die Weihnacht Modranihty die Nacht der Mütter, die schwerlich als Muttemacht aller kommenden Nächte des neuen Jahres aufzufassen ist. Sie übten nach Beda diese ganze Nacht hindurch feierliche Gebräuche aus.

Der volle Berchtentisch erinnert stark an die sogenannte Tabula fortunae, den Schicksalstisch, den die Römer nach orientalischem Vorbild in diesen Tagen des Jahrs mit Speisen ausrüsteten. Und wie die Fürsten in Südeuropa luden die des Nordens ihre Leute zu üppigem Festmahl ein. Auch die Kirche fügte sich dem schwelgerischen Grundzuge dieser Festzeit, indem sie dieselbe für fastenlos erklärte. So darf man sich nicht wundem, daß der Christabend in Norddeutschland wohl der Vollbauchsabend hieß und in nordischen Kalendern der erste Tag der Julzeit durch ein aufrechtes, der letzte durch ein umgekehrtes Trinkhom bezeichnet wurde.

Auch der zuerst im Jahre 1184 erwähnte Weihnachtsblock oder Christbrand, den man langsam auf dem Herde verbrannte und mit dessen Asche und Kohlen man die Äcker bestreute, ist der römische durch ganz Europa verbreitete Kalendenblock. Die Römer zündeten in dieser Zeit auch Lichter an, schenkten einander Süßigkeiten, Früchte und Kerzen und schmückten die Häuser außen und auch innen mit Grün und mit Bäumchen, woraus dann schließlich unser zuerst 1605 in Straßburg bezeugter mit Früchten und Flitter behängter Weihnachtsbaum hervorgegangen zu sein scheint.

Das aus so mannigfachen heidnischen und altchristlichen, römischen und germanischen Zügen zusammengesetzte Fest wurde dann noch mit zahlreichen sinnigen Legenden ausgeschmückt: in der Christnacht, glaubte man, wandele sich das Brunnenwasser in Wein, sprächen die Tiere im Stall freudig mit einander, der Himmel ließe heilkräftigen Tau hinabfallen, und mitten im Frost keimten und blühten die Bäume.

Das altgermanische Mittwinterfest ist demnach trotz dem aus der Fremde bezogenen Zusatzmaterial keine Fiktion und kein fremder Eindringling, sondern hatte seinen guten Sinn innerhalb der winterlichen Wirtschaft. So hören wir auch von einer festlichen Begrüßung des isländischen Monats Thorri, dessen Anfang auf den Mittwinter fiel. Es war ein häusliches einfacheres Julfest, wobei die „Hausväter“ mit ihren Nachbarn einen fröhlichen Schmaus hielten. Auch begrüßten die „Hausfrauen“ den Anfang des folgenden Monats Gói, der um Mitte Februar begann und mit einem Frauenfest gefeiert wurde.

Das Góiopfer mag schon das dritte hohe Fest, die Frühlingsfeier, vorbereitet haben, wie so viele andre Festlichkeiten. Voll sehnsüchtigen Verlangens nach Wärme und Licht, Wachstum und Leben drängte man schon gegen Ende Februar, wenn der Pflug wieder ins Land ging, sich vom Winter loszumachen und den Lenz wieder und wieder zu begrüßen z. B. bei der Sommeraussaat und dem ersten Weidegang. In den buntesten Formen äußert sich diese Vorfestfreude. Die Sachsen zu Karls des Großen Zeit feierten im Februar die Spurcalia, andere Deutsche die spurci dies d. h. die unflätigen Tage, vielleicht sogenannt wegen der unflätigen Schimpflieder, mit denen man den Winter austrieb. Am 22. Februar, Petri Stuhlfeier, klopft noch heute die Jugend der badischen Ortenau die Schlangen und Kröten und die westfälische den Sommervogel (den ersten Schmetterling?) mit möglichstem Lärm aus der Winterruhe auf. In manchen oberbayrischen und Tiroler Gegenden erklopft oder weckt man den Lenz, den Mai, das Korn mit Schellenläuten und Fackelläufen. Die Nordfriesen tanzten mit ihren Frauen und Bräuten um große Feuer oder Biken; dann gings wieder auf die See. Der dänische Hute trat seinen Dienst an. Nach deutschen Sprichwörtern beginnt mit St. Peter das Frühjahr. — Der Indiculus erwähnt auch einen heidnischen Umzug in zerrissenen Kleidern und Schuhen, den die Sachsen Yrias nannten. Der Name ist unklar, doch scheint der Winter als zerlumpte Figur, verfolgt von der Menge, dargestellt worden zu sein. Denn als solche tritt zu Mittfasten oder Laetare z. B. im badischen Ober-, wie Unterlande der Winter in seiner ganzen Häßlichkeit ohne oder mit dem Sommer auf. Überhaupt steckt die Faschingszeit mit ihren Vermummungen, ihrem Lärm, ihren Schlägen mit der Lebensrute und ihren Festkuchen voll alten Frühlingsübermutes. Noch am Fastensonntag (Invocavit) werden Hexen- und Fastnachtspuppen aus Stroh oder Reisig verbrannt, oder der „Tod“ ins Wasser geworfen. Der schönste Brauch dieses Tages ist das Herabwälzen eines brennenden Rades von einer Höhe im Fränkischen und das jetzt besonders noch von den Alemannen bewahrte Schlagen brennender Scheiben, das Feueroder Funkenbrennen, das zuerst 1090 bei Lorch erwähnt wird. Dieses Frühlingsfeuer befruchtet Feld und Wiese und die Menschen. Man ruft beim Scheibenschlag den Namen der Geliebten aus, und die jüngste Ehefrau springt durch das Feuer.

Immer mehr verschwindet der Winter aus den Bräuchen, die von den Göttern gespendete Fruchtbarkeit trägt den Sieg davon. Aber sie wird nicht allen im gleichen Maße zuteü, sondern der Wachsamste, Fleißigste, Schnellste gewinnt ihr Bestes, und die Treuste und Schönste wird be sonders geschmückt. Daher die Wettspiele des Ostereiersuchens, -tickens, -lesens und -laufens, daher der Wetteifer der Hirten, am ersten Austriebstag der erste, der „Tauträger“, draußen zu sein auf der taunassen Weide, daher die Maienfahrten mit der Liebsten in Berg und Wald, daher das Maienstecken ihr zu Ehren und die Aufrichtung des Maibaums, des Maypole, den das Volk umtanzte. Schon 1225 hieb ein Priester in Aachen einen solchen Baum um, wie später die englischen Puritaner, aber der Vogt befahl, einen noch höheren aufzurichten. Der laubverhüllte Pfingstbutz oder Wasservogel wird ins Wasser geworfen, um den Frühlingsregen auf das dürstende Land herabzuziehen. Dann schreitet das elsässische Maireseli, die badische Uffardsbrud (Himmelfahrtsbraut), die niederdeutsche Mai- oder Pingsbrud geschmückt mit einem Kranz, der den Feldern Fruchtbarkeit bringt und in der Kirche aufbewahrt wird, unter Preis- und Jubelliedern der Mädchen durch das Dorf, und aus den gesammelten Eiern, Äpfeln, Bretzeln und Mehl backt man den Uffardskuchen.

Wer gedenkt da nicht jenes von Ort zu Ort jubelnden Frühlingsumzugs der Göttin Nerthus, der auch offenbar das von ihr besuchte Land segnen sollte? Und auch das paarweise Auftreten der Frühlingsgestalten am 1. Mai, des Maigrafen und seiner Braut in Norddeutschland und des Robin Hood und seiner Maid Marian in England, erinnert an die ältere Landfahrt des schwedischen Gottes Frey mit seiner Priesterin, deren Schwangerschaft den Äckern Segen brachte. Schon hören wir um 800 aus dem Indiculus, daß die Sachsen ein Götterbildnis durch die Felder trugen, statt dessen später die sogenannten heiligen Trachten von Heiligenbildern durch die Fluren vorgenommen wurden.

In den Frühling fiel auch das nordische Siegesopfer, man opferte für einen siegreichen Seezug oder Sommerfeldzug in vollem Waffenstaat. Chlodwig rief seine ganze Mannschaft 486 zum Märzfeld zusammen, für das später das fränkische Maifeld gewählt wurde, um Lanze, Schwert und Beil zu zeigen. Nach dem norwegischen Gulafeingsgesetz mußte jeder Lehnsmann zur Frühlings Versammlung seine Waffen mitbringen. Zu Pfingsten oder am 1. Mai ließ sich schon der vierzehnjährige Ditmarsche gleich allen Männern in seinem Harnisch bei der großen Waffenschau sehen. Noch 1747 führten sie unter Trommelklang den Schwerttanz auf, dessen höchste Kunst darin bestand, die Klingen so geschickt ineinander zu fügen, daß der Vortänzer darauf treten und, auf ihnen in die Höhe gehoben, von oben eine Ansprache halten konnte.

Der Mittsommertag, die Sonnenwende oder Sungicht, trat als viertes Hauptfest minder hervor. Es scheint jüngeren Ursprungs und aus der Fremde eingeführt zu sein. Es ist durch fast ganz Europa von Griechenland bis nach Norwegen hin verbreitet. Doch kannte schon das alte Island ein Sommerfest, das in die Zeit des großen Althings, in die elfte Sommerwoche d. h. etwa in die Mitte Juni fiel, wenn die in großartiger Einsamkeit gelegene Versammlungsstätte sich auf einige Tage mit vielen hundert Männern aus allen Teilen der Insel füllte. Es wurde auch in Norwegen des Friedens und reicher Ernte halber begangen. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern war es ausgezeichnet durch die Johannisfeuer, die man auf Bergspitzen, wie auf den Marktplätzen anzündete. Man warf Kraut hinein, um damit sein Unglück zu verbrennen; der Bursche sprang mit seinem Mädchen hinüber zur Gesundheit; je höher die Flamme loderte, desto höher wuchsen Hanf, Flachs und Korn. Auf eine Gottheit oder gar auf eine Sonnengottheit weiset nichts hin. Der ursprüngliche Sinn des Feuers scheint der eines Sühnfeuers zu sein, das die bösen Geister vertrieb und Krankheit und Mißwachs und in Griechenland auch die Sünden hinwegnahm.

Dagegen waltete über die Ernte unzweifelhaft Wodan oder Odin. Die bayrischen und niedersächsischen Schnitter beteten um reichliches Korn in bestimmten Versen zu Waudl oder Waul, Wauden; sie ließen wie in Schweden eine Garbe für sein Pferd auf dem Felde zurück; sie warfen in Niedersachsen beim letzten Sensenstreichen die Mützen in die Luft und zündeten auf einem Hügel ein Feuer für ihn an. Die Ernte hieß darum in Bayern Waudlmähe, das Emtebier in Niedersachsen Wodelbier.

Die Hauptemte pflegte im August, die Vollemte aller Feldfrüchte erst mit dem Eintrieb des Viehs um Martini erledigt zu sein. Daher wurden und werden Erntefeste vom August bis zum November gefeiert, die späteren sogenannten Kirchweihen, die früher im oben besprochenen Herbstfest (S. 324) ihren vornehmsten Ausdruck fanden. Namentlich in katholischen Landschaften nehmen der Bauer und sein Gesinde, die Jungen und die Alten, die reichen Hofbesitzer und die ärmsten Häuslinge, die Lebenden und in gewissem Sinne auch die Toten, deren man an diesem Tage mitgedenkt, an diesem Freudenfeste den fröhlichsten Anteil. Auf dem erst später aufgestellten Hintergründe der Feier des Gedächtnisses an die Einweihung der Kirche und vielerwärts zugleich an deren Schutzheilige spielt sich ein wesentlich heidnisches, mit vielen altertümlichen Zügen ausgestattetes Fest ab, das nach getaner Sommerarbeit die ganze Familie, auch die oft zerstreute Freund- oder Verwandtschaft, und die Armen zu gemeinsamem Genüsse der Gaben des Feldes und der Weide vereinte und den Dienstleuten ein paar Tage voller Freiheit schenkte. Die Kirche wird oft an die Stelle eines Göttertempels getreten sein, wie es Gregor der Große schon um 600 den Angelsachsen gestattete, sich zu fröhlichen Opferschmäusen um ihr altes Gotteshaus zu lagern. Auf den Gräbern des Friedhofs feiern noch hie und da am Kirchweihtage die Familien häupter mit den Ihrigen das Gedächtnis ihrer Toten; noch hie und da, z. B. im Schwarzwald, spielen die schönste Rolle, eine echte Herrenrolle, der alemannische Hofbauer und seine Bäuerin als Wirte und Diener ihres Gesindes. Nachmittags bildet den Mittelpunkt ein Jahrmarkt mit seiner höchsten Wonne, dem Tanz.

Und so schließt die Kette der Feste, und ihr letzter Ring ist schon wieder der erste des neuen Wirtschaftsjahres. Die Wirtschaftsereignisse bestimmen die Opferzeiten des heidnischen Jahres und verleihen den Festen das Hauptgepräge. Das christliche Festjahr aber wird geleitet durch die einschneidenden Ereignisse des Lebens Jesu. Eine tiefe Kluft tut sich zwischen den beiden Festordnungen auf, und dennoch haben Volk und Kirche sie an manchen Stellen zu überbrücken gewußt!

Von den regelmäßigen Opferfeuern unterschieden sich die außerordentlichen Feuer dadurch, daß sie nicht in gewöhnlicher Festzeit angezündet wurden, sondern wenn Viehseuche oder Dürre im Lande war oder sonstiger Wetterschaden drohte. Dann dienten sie nicht dem Kochen der Opferspeisen, sondern zum Schutz- und Reinigungsmittel, um böse Geister abzuwehren und die Luft von ihnen zu säubern. Darum hieß es im Indiculus um 800 sächsisch Nodfyr und noch früher 742 mehr friesisch Niedfyr, althochdeutsch Nötfiur, norweg. d. h. Notfeuer.

Es heißt aber schwed. Vrid- oder Gnideld Dreh- oder Reibefeuer, weil es durch Reibung von Holz, meist Eichenholz, mit einer Walze oder einem Rade oder auch durch Feuersteinschlagen gewonnen werden mußte als ganz reines freies Element. Auf dem Eichsfeld nennt man es darum auch das wilde Feuer, wie in England Willfire. Am wirksamsten war es, wenn man zuvor alles Feuer im Dorfe auslöschte und zwei keusche Jünglinge inmitten der Gemeinde unter feierlichem Schweigen die Flamme aus trockenen Hölzern herausrieben. Mit dieser zündete man einen Holzstoß an, der aus den Beisteuern jeder Familie zusammengetragen war. Meistens trieb man dann das Vieh dreimal durch das Feuer, und namentlich Burschen und Mädchen sprangen darüber weg. Man verbreitete den Rauch mit Scheiten weithin, streute Asche auf die Felder und mischte sie dem Vieh unters Futter. In Schweden räucherte man mit solchem Feuer Obstbäume und sogar Fischernetze. Noch im Jahre 1855 loderte im Braunschweigischen das wilde Feuer.

Ein seltneres Opfer war auch das Menschenopfer, dem die Germanen nachweisbar ein Jahrtausend ergeben gewesen sind. Gleich die ersten deutlicher hervortretenden Germanen, wenn wir die Kimbern so nennen dürfen, schlachteten die Kriegsgefangenen, um aus ihrem Blut zu weissagen, oder henkten sie alle voll Erbitterung über geschehene Unbill der Gegner auf, wie die Germanen Armins die Schädel der römischen Kriegsgefangenen an Bäumen befestigten. Tacitus bemerkt auch, daß Menschen dem allwaltenden Semnonengott in seinem Haine fallen und zwar in einer festgesetzten Periode, nicht alljährlich. Andre Stämme halten es für Recht, wenigstens ihren höchsten Gott Wodan durch Menschenopfer in bestimmten Fristen gnädig zu stimmen, während die beiden anderen großen Götter, Donar und Tius, sich mit Tieropfem zufrieden geben. Doch im Kriege der Chatten und der Hermunduren im Jahr 58 n. Chr. weihten jene dem Wodan, diese dem Tius das feindliche Heer zum Opfer, und die besiegten Chatten mußten furchtbar büßen. Damals also ertönte schon in Deutschland der schreckliche Fluch „Wodan hat euch alle!“, den später mancher nordische Heerführer über die Feinde schleuderte. Das grausame Blutadlerschneiden, wobei dem Gefangenen die Lunge zwischen den Rippen durch herausgezogen wurde, galt auch wohl dem Odin, dessen Vogel der Adler war. Die Sachsen hielten noch zu Karls des Großen Zeit am Menschenopfer fest. Die Schweden sollen auf ihrem großen Landesfest zu Uppsala alle neun Jahre um die Frühlingstag-und -nachtgleiche neun Menschen getötet und neben Hunden aufgehängt haben, am dänischen ebenfalls alle neun Jahr im Januar gehaltenen Landesfest zu Lethra sollen sogar 99 Menschen und ebensoviel Pferde, Hunde und Hähne geopfert worden sein. Menschenopfer in Uppsala bezeugt auch der Däne Saxo und führt sie auf Frey zurück. Doch scheinen die deutschen Gewährsmänner jener Nachrichten, Adam von Bremen und Dietmar von Merseburg, zu übertreiben, der letzte faßt irriger Weise die Tiere nicht als Götteropfer, sondern als Nahrungsmittel für die getöteten Menschen in der Unterwelt. Das Menschenopfer nannte ein norwegischer König einmal das höchste Opfer, und gewiß ist es überall von den Germanen so angesehen worden. Der Wert des Menschenopfers stieg, je teurer das Menschenleben war. Franken, Heruler und Sachsen sollen sogar unschuldige Verwandte und als besänftigendste Opfer Leute priesterlichen Amts den Göttern getötet haben. Jedenfalls gab man im Norden bei Mißwachs auch den König den Göttern preis. Nach der ersten Mißernte brachten die Schweden Ochsen dar, nach der zweiten Menschen und nach der dritten gar ihren König Domald und röteten mit dessen Blute die Sitze der Götter in Uppsala. Es war eine mildere Opferform, wenn die Burgunder ihren Hendino oder König bei Kriegsunglück oder Mißwachs absetzten (S. 298). Jarl Hakon opferte seinen Sohn, um den Sieg über die Jomsvikinger zu gewinnen, ein andrer Fürst sogar hintereinander dem Odin neun Söhne, um dadurch sein eignes Leben im neuen Jahre zu verlängern. Um günstigen Wind zu verleihen, forderte Odin einen Mann aus König Wikars Schiffsmannschaft, der aufgehängt werden sollte, und das Los traf den König selber. Am andern Tage hängte ihn Starkad feierlich an einem Aste auf und durchbohrte ihn mit einem zum Speer werdenden Rohrstengel mit den Worten:

„Nun gebe ich dich dem Odin“!

Nur einzelne dieser Opfer waren Akte der Rachgier, Grausamkeit und Selbstsucht. Durchweg wurden sie als sacrale Todesstrafen, als Sühnopfer für begangene Frevel, als Vollstreckung der über den Frevler verhängten Friedlosigkeit dargebracht. Vor allem fielen Kriegsgefangene, die als Landesfeinde den Frieden gebrochen, und Verbrecher, die eines gleichen Vergehens sich schuldig gemacht hatten. Je nach der Art ihres Verbrechens war die Art der Todesstrafe verschieden. Wer in Friesland einen Tempel zerbrochen hatte, wurde am Strande verstümmelt, den Göttern geopfert, der Flut preisgegeben. Feiglinge und Lüstlinge versenkte man in einen Sumpf und warf ein Hürdengeflecht darüber, um sie für alle Zeit unsichtbar zu machen. Auf dem isländischen Thorsstein wurde dem Verbrecher der Rücken zerbrochen, wahrscheinlich dem Meineidigen oder Lügner, den ja nach dem Volksglauben der Blitz erschlägt. Eine Missetat am heidnischen Kult war es, einen Gehängten lebend oder tot vom Galgen zu nehmen, da dieser doch der Gottheit gehörte, zumal dem nordischen Hangagud, dem Gott der Gehängten, Odin. Sagenhaft klingt die nordische sogenannte „Rollenrötung“, d. h. der Stapellauf eines Schiffs über den Leib eines Menschen hinweg, dessen Blut dann den Kiel sühnend netzte. Aber man hat oft beim Niederreißen alter deutscher Bauten, Stadtmauern und Brücken und Deiche, Gerippe mit Särgen und ohne sie gefunden, die die Wahrheit der häufigen noch jetzt vom Volk geglaubten Geschichten vom Einmauern lebendiger Menschen in den Grundstein wichtiger Schutzbauten bezeugen.

Die Kreuzzüge

Germanenherz Die ChristianisierungJeder zugefügte Schaden muss gleichem Maße beglichen werden. Ob nun, Christ, Moslem oder Jude. Sie werden noch dieses Jahr 2016 für ihre Schandtaten, an Mensch, Natur und Tierwelt zahlen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule, Seele um Seele. So steht es geschrieben, so soll es geschehen!

Der wirtschaftliche Grund für den I & II Weltkrieg, war nur von sekundären Interesse. Primär ging es um ganz andere Interessen. In Rom steht Heute nur noch eine ausgeraubte leere Hülle. Der Vatikan ist heute in Israel bzw. Jerusalem. Das ist der wahre Grund für den Ersten und Zweiten Weltkrieg gewesen.

Das Zentrum von Jerusalem: 666 – Heimat Satans?

Breitengrad und Längengrad ergeben Satans Wohnort gemäß Johannes-Offenbarung

Der Breitengrad ist eine horizontale Linie und stellt die winkelförmige Entfernung, in Graden, Minuten und Sekunden von einem Punkt nördlich oder südlich des Äquators dar.

Der Längengrad ist eine vertikale Linie und stellt die winkelförmige Entfernung in Graden, Minuten und Sekunden von einem Punkt östlich oder westlich der Ersten Meridiane (Greenwich) dar. Die Längengrade werden oft Meridiane oder Parallele genannt.

Die Entfernung zwischen den Graden wird errechnet, indem man den Erdumfang (etwa 25.000 Meilen) durch 360 Grad dividiert. Die Entfernung zwischen den Breitengraden beträgt demnach 69 Meilen oder 111 Kilometer.

Minuten und Sekunden werden zur vollkommen präzisen Ortsbestimmung mit eingerechnet, indem die Längen- und Breitengrade noch in Minuten (‚) und Sekunden („) aufgeteilt sind. 60 Minuten liegen zwischen jedem Grad und jede Minute besteht aus 60 Sekunden. Die Sekunden können nochmals in Zehntel-, Hundertstel- oder sogar in Tausendstelsekunden aufgeteilt werden.

Der absolute Mittelpunkt der Stadt Jerusalem (Yerushalyim) liegt auf 31° 47′ 00 Nord und 35° 13′ 00 Ost. Wenn wir diese Zahlen addieren erhalten wir folgendes Ergebnis:

31º

º47’00

ºNord

+

35º

º13’00

ºOst

=

66

6 (0)

= 666

Selbstverständlich kann es sich dabei um ein Zufall handeln, doch die Wahrscheinlichkeit dieses Zufalls liegt bei über 99.999.999 zu 1. Überprüfen Sie diese Ortsbestimmung bitte selbst unter: http://www.mapquest.co.uk/cgi-bin/ia_find?link=btwn/twn-map_latlong_degrees_form

„Israels Geheimvatikan“. Als Vollstrecker biblischer Prophetie

Der Teufel steckt im Detail sagt man.
Die Zahl 66 sowie die Zahl 6 zieht sich durch die Jüdische Geschichte.

Im Jahr 6 n. Chr. war Judäa zur römischen Provinz Syria geschlagen worden und wurde – mit kurzen Unterbrechungen – von ritterlichen Präfekten verwaltet.
Der große Jüdische Krieg gegen die Römer begann im Jahr 66 n. Chr. in Judäa, ausgelöst durch staatliche und religiöse Unterdrückung

DIE 66 Fragen über des Judentum und die Frage ob es nicht doch vielleicht 666 Fragen sein sollten.

Warum benutzen die Juden ein Gnostisches Symbol, das die Vereinigung Christi und der Sophia, das heißt die Vergöttlichung des Menschen symbolisiert, oder geht es darum nur einige Menschen Göttlich darzustellen ???

01 Waren es nicht Juden, die ihre, die britische Wirtschaft 1887, durch die Herkunftsbezeich-nung: „Made in….“ schützen, und dadurch die deutsche
Wirtschaft zerstören wollten? Der Schuss ging bekanntlich nach hinten los. Ist dies nicht eine krasse Form des RASSISMUS?
02 Waren es nicht Juden, die Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen in den WK I trieben? (Beistandspakt zu Österreich Ungarn – in deren Krieg
gegen Serbien)
03 Waren es nicht Juden, die Deutschland das Versailler Diktat auferlegten?
04 Waren es nicht Juden, die deutsche Maschinen aus den Fabriken stahlen?
05 Waren es nicht Juden, die Polen hochrüsteten um sie als Kriegsgegner Deutschlands aufzubauen?
06 Waren es nicht Juden, die Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen in den WK II trieben?
07 Waren es nicht Juden, die dazu aufriefen, keine Deutschen Waren zu kaufen?
08 Waren es nicht Juden, die Deutschland am 24. 03. 1933 den totalen Vernichtungskrieg erklärten?
09 Waren es nicht Juden, welche die NSDAP für Deutschland mit 24 Milliarden US $ die Rüstung für den WK II finanzierten?
10 Waren es nicht Juden, die die NSDAP dafür kauften, STERNE an die deutschen Juden auszugeben?
11 Waren es nicht Juden, die die NSDAP dafür kauften, ARBEITSLAGER für die deutschen Juden nach britischem Vorbild einzurichten?
12 Waren es nicht Juden, die den Druck auf deutsche Juden erhöht sehen wollten, um diese zum Auswandern zu bewegen?
13 Waren es nicht Juden, die Dresden zerbombten und auf Befehl des Juden Abkömmlings Churchill 600 000 (Churchill) Zivilisten ermordeten?
14 Waren es nicht Juden, die in den Rheinwiesenlagern 1,7 Mio Kriegsgefangen und Zivilisten auf Befehl des judenhörigen Roosevelt durch Hunger
ermordeten?Umgesetzt durch den Judenabkömmling Eisenhower)?
15 Waren es nicht Juden, die Märchen über Arbeitslager erzählten und aus ihnen Vernichtungslager machten?
16 Waren es nicht Juden, die zum zweiten Mal die deutschen Maschinen stahlen?
17 Waren es nicht Juden, welche die deutschen Spezialisten und Fachleute entführten?
18 Waren es nicht Juden, die das deutsche Gold stahlen?
19 Sind es nicht Juden, die dem Deutschen Volk seit 70 Jahren die Souveränität verwehren?
20 Sind es nicht Juden, die dem Deutschen Volk seit 70 Jahren die Friedensverträge verwehren?
21 Waren es nicht Juden, die den Hooton Plan ersannen und umsetzen.?
22 Waren es nicht Juden, die den Kaufmann Plan ersannen und umsetzen?
23 Waren es nicht Juden, die den Morgenthau Plan ersannen und umsetzen.
24 Waren es nicht Juden, die den Nizer Plan ersannen und umsetzen?
25 Waren und sind es nicht Juden, die mit Goldmann Sachs, Morgan Fairchild, Rockefeller, Rothschild und anderen Verbrecher, Deutsche mit Lebens
mitteln, Chemie und Pharmazie umzubringen versuchen?
26 Sind es nicht Juden, die Monsanto, Nestle´ und andere gierige, menschenfeindliche Unternehmen beherrschen?
27 Sind es nicht Juden, die das Westjordanland besetzen?
28 Sind es nicht Juden, die das Jordanwasser nur für sich beanspruchen?
29 Sind es nicht Juden, die die Golanhöhen besetzen?
30 Sind es nicht Juden, die ihr Territorium in dem Gebiet „Israel“ immer weiter ausdehnen?
31 Waren es nicht Juden, die die 70.000 Beduinen aus der Negev Wüste deportierten?
32 Sind es nicht Juden, die die Palästinenser ausrotten wollen?
33 Sind es nicht Juden, die die ISIS gegründet haben?
34 Sind es nicht Juden, die die ISIS anführen?
35 Sind es nicht Juden, die Bombenangriffe gegen Syrien fliegen?
36 Sind es nicht Juden, die den Jemen aus arabischen Flugzeugen bombardieren?
37 Sind es nicht Juden, die die Neutronenbombe auf den Jemen warfen?
38 Sind es nicht Juden, die sich hinter den Khassaren (Zionisten) verstecken?
39 Sind es nicht Juden, die sich hinter den Semiten verstecken?
40 Sind es nicht Juden, die die weltweit härtesten Rassegesetze in Israel durchsetzten?
41 Sind es nicht Juden, die die weltweit härtesten Einwanderungsgesetze in Israel durchsetzten?
42 Sind es nicht Juden, die ihre Lügen durch Gesetze schützen lassen?
43 Sind es nicht Juden, die die FED seit 1913 beherrschen?
44 Sind es nicht Juden, die fremde Staaten („Demokratien“) ausbeuten und unterdrücken?
45 Sind es nicht Juden, die fast alle Staaten durch die Herrschaft über den IWF und die Zentralbanken in die Zinsknechtschaft getrieben haben?
46 Sind es nicht Juden, die alle Nationen, die sich nicht ihrem Zinsdiktat unterwerfen wollen, mit Krieg überziehen?
47 Sind es nicht Juden, die sich die USA als Weltgendarmen und Weltaggressor aufgebaut haben?
48 Sind es nicht Juden, die die EU Fahne mit den 12 Sternen als Zeichen ihrer Herrschaft gestalteten?
49 Waren es nicht Juden, denen die Twintowers gehörten?
50 Waren es nicht Juden, die für die Towers 14 Tg. vor dem Zusammenbruch der Gebäude die Versicherung auf den doppelten Wert der Gebäude
abschlossen?
51 Sind es nicht Juden, die seit Moses Zeiten immer wieder von 6 Millionen jüdischen Brandopfern faseln? (3 Mose 1: 14-17).
52 Sind nicht Juden die Herren der Arbeits-, Folter- und Vernichtungslager weltweit?
53 Sind es nicht Juden, die die Menschheit per NWO zu unterjochen versuchen? (Steine von Georgia)?
54 Sind es nicht die Juden, die – vor allem anderen – den Fortbestand der Menschheit gefährden?
55 Sind es nicht Juden, die in weltweit dafür Sorge tragen, dass politische Gegner mundtot bis ganz tot gemacht werden?
56 Sind es nicht Juden, die uns mithilfe ihres Medienmonopols in einer Matrix (Scheinrealität) gefangen halten?
57 Sind es nicht Juden, die in ihrer Geldgier den WK III herbeiführen?
58 Sind es nicht Juden, die aufgrund ihrer „heiligen Bücher“ alle anderen Menschen belügen, betrügen und bestehlen dürfen?
59 Sind es nicht Juden, die seit Anbeginn ihrer Existenz mit a l l e n Völkern in Streit leben?
60 Sind es nicht Juden, die dem Satan als ihrem Gott dienen?
61 Sind es nicht Juden, die für die Körperverletzung von wehrlosen Kleinkindern (Beschneidung der Geschlechtsorgane verantwortlich sind?
62 Sind es nicht Juden, die für das Quälen von Millionen Tieren beim Schächten verantwortlich sind?
63 Sind es nicht Juden, welche so ziemlich alles (z.B. Recht, Wahrheit, Schönheit, Frieden, Freiheit, Liebe, Reichtum, Vielfalt, Leben, Gesundheit,
Zukunft) ins Gegenteil pervertieren?
64 Sind es nicht Juden, die sich für unantastbar halten?
65 Sind es nicht Juden, die sich selber zum auserwählten Volk ernannten?
66 Sind es nicht Juden, die sich für die HERRENRASSE halten?

Alle Gewalt und alles Unglück dieser Welt, geht vom Kapitalistischen Geld geilen Judentum aus und seinen abartigen Verbündeten. Sechs Spitzen hat der Davidstern, sechs Ecken hat er in sich gern, in mitten steht ein Sechseck drin, der Teufel kennt sein Teufelsding.
Hier mal schauen Israel / Palästina Analysen
und hier Jeder Christ ein Sklave der Juden und hier  Christentum Freimaurer und Pyramiden   und hier Juden- und Christentum  der Kreuzzug 2016 hier  Der Yinon-Plan

Schaffende Angehörige aller Nationen, erkennt euren gemeinsamen Feind!

Zensur in der BRD und Eurozone Der israelische Plan zur Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens. Einer der Gründe, wenn nicht sogar der Hauptgrund der momentanen Völkerwanderung ist, der Yinon-Plan.

Der Yinon-Plan sieht vor, die heute bestehenden arabischen Länder und darüber hinaus den Iran, Afghanistan und Pakistan grundlegend neu zu zeichnen. Die gesamte Region soll fragmentiert werden. Der Zweck ist, schwache Länder zu schaffen, die Israel nicht gefährlich werden und die sich nicht wehren können, wenn Mächte von außerhalb auf ihre Rohstoffe Zugriff nehmen wollen. weiterlesen hier  Der Yinon-Plan

Doch nun schauen wir erstmal wie die Kreuzzüge begann.

· 1. Die Rechtfertigung für die Kreuzzüge
· 2. Auslöser der Kreuzzüge
· 3. Die Geschichte der Kreuzzüge
· 3.1. Der Erste Kreuzzug
· 3.1.1. Der Armenkreuzzug
· 3.1.2. Der Aufbruch der Ritter
· 3.1.3. Der eigentliche Kreuzzug
· 3.1.4. Die Belagerung von Jerusalem
· 3.1.5. Das Ergebnis des Ersten Kreuzzuges
· 3.1.6. Die Kreuzfahrerstaaten
· 3.1.7. Das Leben in den Kreuzfahrerstaaten
· 3.2. Der Zweite Kreuzzug
· 3.3. Der Dritte Kreuzzug
· 3.4. Der Vierte Kreuzzug
· 3.4.1. Der eigentliche Vierte Kreuzzug
· 3.4.2. Der Kinderkreuzzug
· 3.4.3. Der Angriff auf Damiette
· 3.5. Der Fünfte Kreuzzug
· 3.6. Der Sechste Kreuzzug
· 3.7. Der Siebte Kreuzzug
· 3.8. Der Aufstieg der Osmanen
· 4. Die Ritterorden
· 5. Ausrüstung und Kampfesweise
· 5.1. Die Ausrüstung der Kreuzritter
· 5.2. Die Kampfesweise der Ritter
· 5.3. Kampftaktik und Bewaffnung der Muslime
· 5.4. Die Belagerung
1. Die Rechtfertigung für die Kreuzzüge
ritter05Die Zerstörung der vorchristlichen Kulturen wird heute beschönigend Christianisierung genannt. Der Eifer, den die Christen bei der Vernichtung der als Heiden und Ketzer verschmähten Nichtchristen oder vom „rechten Glauben Abtrünnigen“, an den Tag legten, war grenzenlos. Wer die Taufe verweigerte, wurde mit dem Tod bestraft. Wer der Häresie verdächtigt wurde und nicht abschwor, wurde verbrannt. Die qualvollsten Tötungsformen sollten den Widerstand auch des letzten Bewahrers naturwüchsiger Lebensformen brechen.

Die christlichen Gebote wie „Du sollst nicht töten“ galten natürlich nicht für die „Heiden“. In Religionskriegen wurde versucht, die Vormachtstellung der römisch-katholischen Kirche zu sichern, aber natürlich standen auch oft genug Machterhalt der weltlichen Staaten und wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. So unterstütze zum Beispiel das katholische Frankreich im 30järigen Krieg nicht die eigentlich katholische Seite, sondern die protestantischen Schweden.

Die Zerstörung vorchristlicher Lebensformen sollte total sein. Auf germanischen Kultstätten wurden Kirchen gebaut, heilige Haine und Eichen wurden niedergebrannt oder gefällt. Das Julfest wurde zur Geburtsfeier Christi, die Frühlingsfeste zur Trauerfeier der Kreuzigung. Durch die Übernahme dieser und weiterer Feste und ihre Umbenennung versuchte das Christentum den Umstieg der „Heiden“ zu erleichtern.

Dabei waren sie sogar erstaunlich flexibel, wurde doch das Fest der Geburt Christi eigentlich am 6. Januar begangen, aber passenderweise auf die heidnische Wintersonnenwendfeier umgelegt. Die Namen einiger vorchristlicher Götter haben sich aber in den Namen der Planeten (Jupiter, Venus, Mars…) oder Wochentagen halten können. Im romanischen Sprachenraum entsprechen sie den römischen, im germanischen Sprachraum den germanischen Göttern.

Einem Christen ist es durch das fünfte Gebot eigentlich nicht erlaubt zu töten. Trotzdem zogen christliche Krieger im Namen ihres Gottes ins „Heilige Land“, um es mit Schwert und Feuer zu erobern. Christliche Denker des 4. und 5. Jahrhunderts, vor allem der Heilige Augustinus, verfaßten Schriften über die Theorie eines Heiligen Krieges, auf die sich die Kirche im Mittelalter stützte. Diese Theorie besagte, daß Gewalt nicht schlecht oder unchristlich sei, sondern moralisch neutral zu bewerten sei. Gewalt bekäme ihre moralische Bewertung von der Absicht, in der sie geführt werde. Der Zweck heilige die Mittel.

Eine solche Absicht könne, laut diesen Texten, auch Liebe sein. So handle ein Vater, der seinen Sohn schlage, um ihn zu erziehen, nicht unbedingt unmoralisch oder schlecht, sondern wolle seinem Sohn helfen, wolle ihm den rechten Weg weisen. Auch wenn es abstrakt klinge, zeige er, daß er ihn liebe. Die Kirche duldete und unterstützte auch Kriege, wenn ihre Absichten im Sinne des von ihr gelehrten Christentums gerecht waren.

Aber es war ein Grund vonnöten, um einen Krieg zu führen. Auf ein erlittenes Unrecht konnte man durchaus mit Gewalt antworten. So war zum Beispiel Blutrache für einen Christen nicht verboten. Und waren es nicht die Muslime gewesen, welche die heiligen Stätten der Christen eroberten und die Pilger töteten, die ins heilige Land zogen? Man empfand dies als genug Unrecht, um es zu rächen.

Zudem waren die Muslime keine Christen. Sie waren Ungläubige. Für sie hatten Gottes Gebote angeblich keine Geltung. Es war nicht verboten, einen Ungläubigen zu töten, aber es brauchte den Aufruf einer legitimen christlichen Autorität wie den Kaiser oder besser noch den Papst zum heiligen Krieg.

Dies geschah, als am 27. November des Jahres 1095 Papst Urban II. auf der Synode von Clermont zum Zug ins Heilige Land aufrief. Im 9. Jahrhundert schon hatten die Päpste Leo IV. und Johannes VIII. versprochen, daß dem, welcher im Kampf gegen die ungläubigen Muslime falle, alle Sünden vergeben würden und daß ihm ein ewiges Leben sicher sei.

2. Auslöser der Kreuzzüge
Wenige Jahre nach dem Tod Mohammeds (632) eroberten die Araber große Teile Vorderasiens. Im 11. Jahrhundert bedrohten türkische Volksstämme den Orient. Die Seldschuken, türkische Moslems, waren von der Ebene zwischen Euphrat und Tigris aus nach Kleinasien vorgestoßen. Die Seldschuken hatten längere Schwerter und Bögen aus speziellen Hölzern, mit denen sie einen Pfeil bis zu 500 m weit schießen konnten. Außerdem besaßen sie einen kleinen runden Schild, um die Schläge der Gegner abzuwehren.

Man weiß nicht, warum sie nach Kleinasien kamen, doch wahrscheinlich wegen einer Klimaveränderung in ihrer alten Heimat. 1071 schlugen die Seldschuken ein byzantinisches Heer bei Mantzikert in der heutigen Türkei, eroberten Anatolien und besetzten auch die heiligen Städte der Juden und Christen, nicht nur Jerusalem, sondern ganz Palästina. Sie machten Nicaea (heute Iznik) auf der kleinasiatischen Seite des Bosporus zu ihrer Hauptstadt, wo der Seldschukensultan Alp Arslan residierte.

Mit den Seldschuken konnten die Byzantiner nicht fertigwerden. Als 1095 sogar die Hauptstadt ihres Reiches bedroht wurde, wandte sich Kaiser Alexios I. an Papst Urban II. und bat ihn um Hilfe gegen die „Ungläubigen“, die auch das Heilige Land verwüsteten. Er sollte ihm doch gegen die Horden von Seldschuken und gegen die Petschenegen helfen, die den Balkan unsicher machten.

Der Papst sagte ihm diese Hilfe zu, obwohl er weniger Alexios helfen, sondern auch seinen Anspruch als einziger „Stellvertreter Gottes auf Erden“ festigen wollte. Urban II. predigte daraufhin einen Kreuzzug. Er glaubte, die Zeit wäre gekommen, um das Heilige Land zu befreien und die unselige Kirchenspaltung von 1059 im gemeinsamem Kampf rückgängig zu machen.
Am 18.11.1095 ordnete Urban II. eine Versammlung von Bischöfen an, die sich vor allem mit der kirchlichen Reform beschäftigten. Dies sollte die Synode von Clermont sein, zu der Hunderte von Bischöfen und hohen Geistlichen in Südfrankreich zu einer großen Kirchenversammlung zusammenströmten. Der Andrang war so stark, daß kein Haus die Versammelten zu fassen vermochte. Darum mußte Papst Urban unter freiem Himmel sprechen. Wie es überliefert wurde, hielt er folgende Rede:

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Papst Urban II. (Abbildung aus dem 14. Jh.)

„Wehe uns, daß wir stillsitzen und ruhig zuschauen den Missetaten und der Schmach der Stadt Gottes! Darum auf, waffnet euch! Ein jeglicher lege sein Schwert an, um unseren Brüdern zu helfen. Lasset uns ausziehen, und der Herr wird mit uns sein. Im Namen des barmherzigen Gottes und der Apostel Petrus und Paulus verkündigen wir allen, so die Waffen gegen die Ungläubigen ergreifen wollen, vollkommenen Erlaß ihrer Sündenstrafen, und denen, die im Heiligen Streit fallen werden, verheißen wir den Lohn des ewigen Lebens. Nun sollen diejenigen, die ihr Fehderecht gegen die Gläubigen mißbraucht haben, zu einem Kampf ausziehen, der des Beginnes wert ist. Jetzt sollen diejenigen. die lange Räuber waren, christliche Ritter werden. Jetzt sollen jene mit Recht gegen die Barbaren kämpfen, die einst gegen Bruder und Blutsverwandte auszogen! Gott will es!“ Papst Urban II. (Abbildung aus dem 14. Jh.)

Die Geschichten darüber, wie schlecht es den Christen im Heiligen Land angeblich ging, schockierten die Menschen. Jedenfalls muß Urban ein guter Redner gewesen sein, denn er löste eine regelrechte Massenhysterie aus. Tausende riefen: „Deus lo volt!“ (lat.: Gott will es) und ließen sich ein rotes Kreuz, das Zeichen der Kreuzfahrer, auf die rechte Schulter heften.

Die Predigt von Clermont hatte Erfolg im ganzen Abendland. Lange waren die Kreuzzüge die „einende Idee“. Die römische Kirche versprach jedem, der gegen die Slawen in Osteuropa, die Araber in Spanien oder die Türken im Orient zog, Gnade und Ablaß, wobei sie auch das Hab und Gut in der Heimat schützte. Kriegs- und Abenteuerlust, der Wunsch, eine Pilgerreise zu machen, und religiöse Begeisterung kamen zusammen.

3. Die Geschichte der Kreuzzüge

3.1. Der Erste Kreuzzug

3.1.1. Der Armenkreuzzug
Im sogenannten „Armenkreuzzug“, der dem eigentlichen ersten Kreuzzug vorausging, zog eine große Anzahl von armen Bauern und anderer Leute, die meist tief verschuldet waren, nach Jerusalem, um mit frommer Begeisterung dem Aufruf des Papstes zu folgen und die heiligsten Stätten der Christen von der seldschulkischen Besetzung zu befreien.

Man nannte es damals „expeditio“ (Pilgerfahrt). Es waren an die 50.000 bis 70.000 Männer, weil der Papst reiche Beute und den Erlaß ihrer Sünden versprochen hatte, wenn sie im Kampf fallen würden (und es fielen eine Menge der sehr schlecht ausgerüsteten Bauern). Er ernannte Adhémar von Le Puy zu seinem Stellvertreter auf dem Kreuzzug.

Den größten Teil der Strecke legten die Kreuzfahrer zu Fuß zurück. In Mainz, Speyer und anderen Städten töteten sie zunächst die Juden und zogen dann über Regensburg und Nisch nach Konstantinopel. Auf diesem Marsch plünderten sie aus Hunger, manche allerdings auch wegen der Beute, in vielen Dörfern, die sie durchquerten. Die Leute wehrten sich natürlich, und bei Nisch wurden die Kreuzfahrer von den Petschenegen überfallen, einem wilden Volk, das auch den Byzantinern zu schaffen machte.

In Konstantinopel wurden diese ersten Kreuzfahrer ungern gesehen. Der byzantinische Kaiser hatte Angst, daß sie seine Hauptstadt plündern würden. Nicht ohne Grund, denn er hatte von den Plünderungen auf dem Weg dorthin gehört. Nach seinem Hilferuf kamen die christlichen Kreuzfahrer zwar in großer Anzahl, doch Alexios I. hatte sich die Hilfe etwas anders vorgestellt. Er wollte Söldner anmieten, die er mit seinen Geldern bezahlen wollte und die ihm gehorchen sollten.

In ganz Konstantinopel herrschte Angst. Würden die Kreuzfahrer nun angreifen oder nicht? Wegen der Plünderungen und der Gefahr, daß Konstantinopel dasselbe blühen könnte, ließ der Kaiser die heruntergekommen Bauern möglichst schnell über den Bosporus setzen, um sie loszuwerden.

Als die Kreuzfahrer dann in Nicaea eintrafen, wurden sie am 21.10.1096 von den Seldschuken geschlagen und bis auf einen kleinen Rest vernichtet, weil sie nur sehr schlecht bewaffnet waren. Was konnten sie gegen die berittenen und gut geschulten Seldschuken ausrichten, wo sie doch nie gelernt hatten zu kämpfen und außerdem vom langen Anmarsch und der ungewohnten Hitze strapaziert waren?

Wer nach verzweifeltem Widerstand nicht getötet wurde, wurde als Sklave verkauft. Wer nicht an der Front stand, sondern weiter hinten, zog sich nach Konstantinopel zurück und wartete dort auf das Ritterheer.

3.1.2. Der Aufbruch der Ritter
Die Kreuzritter verließen erst Mitte August 1096, unter der Führung Gottfrieds von Bouillon, dem Herzog von Niederlothringen, die Heimat und marschierten auf dem Landweg nach Südosten. Bohemund von Tarent, der ehrgeizigste und skrupelloseste unter den Anführern, segelte mit seinem Heer, wie Robert von Flandern und Stefan von Blois, über das Mittelmeer nach Osten.

Am 23.12.1096 trafen sie in Konstantinopel ein. Das größte Heer leitete Raimund von Toulouse, in dessen Gefolge auch der päpstliche Vertreter Adhemar von Le Puy reiste. Der byzantinische Kaiser Alexios hatte sich auch die Hilfe etwas anders vorgestellt. Er wollte die Kreuzritter anmieten und mit seinem Geld bezahlen. Statt dessen erschienen nach dem armseligen „Bauernheer“ jetzt Heerscharen von westlichen Rittern, vor allem aus Frankreich und Süditalien. Das schlimmste war, daß sie ihre eigenen Fürsten an der Spitze mitbrachten, also keinesfalls „sein“ Söldnerheer sein würden. Es war zu erkennen, daß die Ziele des Kaisers, die Rückeroberung der ehemals byzantinischen Gebiete in Anatolien und im Vorderen Orient, nicht die der Kreuzfahrer waren.

Die normalen Ritter durften nicht in seine prächtige Hauptstadt. Nur die Anführer ließ er hinein. Er hatte Angst davor, daß sie seine Stadt ausplündern und womöglich Konstantinopel besetzen würden. Alexios hoffte, daß ihm die Kreuzritter helfen würden, sein verlorenes Gebiet zurückzuerobern, diese aber hofften, die Byzantiner würden sie bei der Vertreibung der Muslime aus den heiligen Stätten des Christentums helfen. Er verlangte den Vasalleneid.

Lehensleute des byzantinischen Kaisers zu werden, hatten die westeuropäischen Anführer keine Lust, und die sträubten sich zuerst dagegen. Es war daher wohl allen klar, daß die Ziele des byzantinischen Kaisers nicht die des Papstes und der Kreuzritter waren. Aber die Kreuzritter waren auf die Hilfe der Byzantiner angewiesen. Die byzantinische Flotte konnte sie über den Bosporus setzen und bei der Belagerung von Nicea helfen, byzantinische Truppen konnten sie im Kampf gegen die Seldschuken brauchen. Lebensmittel und ortskundige Führer waren nötig, und so leisteten die Fürsten dann aber doch widerwillig den Vasalleneid und versprachen die Rückgabe ehemals oströmischer Gebiete an Byzanz.

Alle Eroberungen, welche die Kreuzfahrer von nun an machten, waren Lehen des byzantinischen Kaisers, dem sie den Treueid geleistet hatten und dem sie Gehorsam schuldeten. Die Kreuzfahrer jedoch dachten, sie würden von den Byzantinern, im Kampf gegen die Seldschuken und bei der Eroberung der heiligen Stätten des Christentums unterstützt, sie dachten aber nicht im Traum daran, ihren Lehensverpflichtungen nachzukommen und die byzantinische Oberhoheit anzuerkennen, wie sich später herausstellte. So ist es nicht verwunderlich, daß beide Seiten sich stets mißtrauten.

3.1.3. Der eigentliche Kreuzzug
Die Kreuzfahrer waren in einem Moment gekommen, wo sich die islamischen Staaten im Umbruch und in inneren Wirren befanden. Nach der Zeit der Abbasidendynastie im 9. Jahrhundert spaltete sich die islamische Welt. Die Abbasiden bekannten sich wie die Mehrheit der Muslime zum sunnitischen Islam. Ab 969 begann die Herrschaft der Fatimidendynastie, die der schiitischen Minderheit angehörte, in Ägypten. Sie konnten ihre Macht auch auf Syrien und Palästina ausdehnen. Die Abbasiden, die ihren Sitz in Bagdad hatten, wurden zu Gefangenen der Buyidendynastie.

Die Seldschuken, türkische Nomaden, waren ein weiterer Machtfaktor. Sie eroberten Afghanistan und Ostpersien und konnten unter Malik Schah von den Fatimiden Syrien und den größten Teil Palästinas erobern. 1070 konnten sie Jerusalem einnehmen. Nach dem Tode Malik Schahs gab es einen Bürgerkrieg, und das Reich der Großseldschuken spaltete sich. Ein Teil von ihnen siedelte sich im westlichen Kleinasien an, der andere Teil im Norden und Osten der Halbinsel.

Das erste Ziel der Kreuzfahrer war Nicaea, die Hauptstadt des Seldschukensultans Arslan. Hier wurde ja schon am 21.10.1096 das Bauernheer geschlagen. Weil der Sultan die Kreuzritter deswegen unterschätzte, konnten sie mit byzantinscher Hilfe die Stadt einnehmen. Die Stadt war nämlich so gelegen, daß sie sie nicht ohne militärische Hilfe vom Meer aus hätten erobern können.

In der glühenden Hitze Anatoliens zogen sie weiter. Am 01.07.1097 besiegten sie auf ehemaligem byzantinschem Gebiet nahe bei Doryläum die Seldschuken ein weiteres Mal. Danach teilten sie sich. Das größere Heer zog über Cäsarea in Richtung der syrischen Stadt Antiochia. Sie trafen Ende September zunächst in der von ihren Einwohnern verlassenen Stadt Cäsarea ein. Die Bevölkerung war aus Angst geflohen.

Die Kreuzritter waren in Begleitung einer byzantinischen Heeresabteilung durch Anatolien weitergezogen, nicht ohne zuvor dem Kaiser bei einer Zusammenkunft die schon zuvor geleisteten Eide erneuert zu haben. Nach Überschreiten des mittleren Taurus auf schlechten Pfaden brach die Eintracht der Verbündeten jedoch entzwei. Balduin von Boulogne und der Normanne Tankred stritten sich um die Städte Kilikiens, bis Balduin dann in Richtung auf den Euphrat vordrang, ohne freilich seine dortigen Eroberungen um die Stadt Edessa dem griechischen Kaiser zu übergeben, was auch Tankred nicht beabsichtigte. Statt dessen gründete er dort die Grafschaft Edessa.

Im Oktober 1097 standen die Kreuzritter vor Antiochia und belagerten die Stadt bis Anfang Juli 1098. Dann ergab sie sich. Die Belagerung hatte fast sieben Monate gedauert, und die Byzantiner und Armenier hatten dabei geholfen. Es hatten sich inzwischen auch einige französische Kreuzritter die Macht über Edessa geholt. Balduin von Boulogne gründete sich hier einen eigenen Staat, der sich zu beiden Seiten des Euphrat ausbreitete. Dies war der erste Kreuzfahrerstaat im Orient, aber es blieb nicht der einzige, südlich davon entstanden später noch mehr. Der Kaiser von Byzanz wartete vergeblich darauf, daß ihm sein Land zurückgegeben wurde.

Die Kreuzritter zogen weiter nach Süden und nahmen unterwegs einige Hafenstädte in ihren Besitz. Über Beirut, Tyros und Akkon gelangten sie nach Haifa und Jaffa, wo sie dann nach Osten schwenkten. Am 6. Juni zog der Normanne Tankred, ein Neffe Bohemunds von Tarent, mit seinem Heer in Bethlehem ein. Von der Spitze des Berges „Montjoie“ (Berg der Freude) sahen sie etwas später Jerusalem vor sich liegen.

3.1.4. Die Belagerung von Jerusalem
Jerusalem war eine gut befestigte Stadt. Hier lebten Christen und Juden mit den Muslimen ziemlich friedlich zusammen. Jahrhundertelang stand die Stadt unter muslimischer Herrschaft. Die muslimischen Herrscher erhoben von den Christen besondere Steuern, aber die Christen mußten nicht zum Islam konvertieren. Doch als die Moslems vom Anrücken christlichen Heere erfuhren, wiesen sie die Christen kurzerhand aus ihrer Stadt aus. Sie befürchteten, von ihnen verraten zu werden.

Am 07.06.1099 trafen die Kreuzfahrer vor den Mauern von Jerusalem ein. Es stand der Stadt eine Belagerung bevor, auf welche die Fatimiden gut vorbereitet waren. Sie ordneten die Evakuierung der christlichen Bevölkerung an, die in der Überzahl gegenüber den Juden und den Arabern war. So mußten sie die Christen nicht ernähren, und die Sicherheit innerhalb der Stadtmauern wurde gewährleistet.

Dann vergifteten und verstopften sie die Brunnen der Umgebung, so daß die Europäer Durst leiden mußten, denn die Gegend um Jerusalem ist dürr und wasserarm. Doch ein Soldat entdeckte eine Quelle. Sie wird „Gihon Quelle“ genannt, und ohne sie hätten es die Kreuzritter nie geschafft, die Stadt einzunehmen.

Als das Wasserproblem gelöst war, mußten sie erst einmal losziehen, um Holz für Belagerungstürme und Leitern zu holen. Das kostete viel Zeit. Erst am 13. Juni 1099 versuchten die Kreuzfahrer, die Stadt zu erobern, doch das Heer war schlecht ausgerüstet und am Verdursten. Schließlich gelang es ihnen doch, mit Hilfe einer kleinen genuesischen Flotte, die über Holz verfügte, Belagerungstürme herzustellen. Vor dem Sturmangriff machten sie eine Bittprozession um die Wälle von Jerusalem und schritten zum Ölberg. Ihre inbrünstigen Gesänge und Gebete waren in der Nähe der Stadtmauer zu hören.

Am 15. Juli 1099 gegen Mittag war die Eroberung der Stadt nur noch eine Sache von Stunden. Man sagt, es seien 15.000 Männer gewesen, die Jerusalems Mauern in einer furchtbaren Schlacht bezwangen. Die Kreuzfahrer hatten die Belagerungstürme bis dicht vor die Stadtmauer geschoben. Sie stießen zur Al-Aksa-Moschee vor. Die Araber hatten zuvor versucht, aus ihr eine Festung zu machen. Tankred besetzte sofort die Al-Aksa-Moschee, sie war damals ein wichtiger Ort muslimischer Gottesverehrung. Und hier begann dann das schreckliche Gemetzel, das sich durch die ganze Stadt zog.

Der Statthalter hatte sich von den Kreuzfahrern losgekauft und ihnen die Stadt ausgeliefert. Außer dem Gouverneur und seinem Gefolge kamen wenige mit dem Leben davon, unwichtig ob Muslim oder Jude. Es hat nie ein schlimmeres Blutbad in Jerusalem gegeben. Die Kreuzfahrer verschonten weder Frauen noch Kinder. Sie waren wie im Rausch, liefen durch die Totenstadt, plünderten die Häuser und rafften Gold, Silber und Pferde zusammen. Die Soldaten aus Ägypten und dem Sudan, die sich im Felsendom ergeben hatten, wurden erschlagen, alles war blutbefleckt, und an jeder Hausecke fanden sich grausam zugerichtete Leichen.

Die meisten Juden hatten sich in die Synagogen geflüchtet, doch diese wurden von den Kreuzfahrern angezündet. Brennende Dachbalken stürzten auf die Betenden herunter und erschlugen viele. Viele erstickten im Rauch, die meisten starben durch die Flammen. Die Schlacht hatte nur zwei Tage gedauert, aber es waren kaum Juden und Moslems am Leben geblieben. Die Leichen wurden eilig verbrannt, da man große Angst vor Seuchen hatte.

Warum die Kreuzfahrer ein solches Gemetzel veranstaltet haben, kann man nur vermuten. Wahrscheinlich war es der pure Fanatismus, ein Blutrausch. In diesen zwei Tagen haben sie ihre ganze Aggression nach drei Jahren Krieg auf diese Weise verarbeitet.

3.1.5. Das Ergebnis des Ersten Kreuzzuges
Die meisten Kreuzfahrer machten sich nach der Eroberung des heiligen Grabes wieder auf den Heimweg. Einige blieben, und andere kamen dazu. Nach der Nachricht von der Eroberung Jerusalems kamen viele hierher und siedelten sich im Heiligen Land an. Sie lebten, wie sie es gewohnt waren, nämlich als Ritter auf Lehen. Die übergeordneten Fürsten gaben ihren Vasallen also Grund und Boden. Dafür schuldete der Lehensmann seinem Lehnsherrn Dienste, genauso wie in Europa. Zusätzlich waren beide durch ein persönliches Treueverhältnis miteinander verbunden.

Am Weihnachstag des Jahres 1100 wurde Balduin I. in der Geburtskirche von Bethlehem zum König von Jerusalem gekrönt. Balduins Vorgänger war sein Bruder Gottfried von Bouillon, dieser nannte sich damals nur „Beschützer des heiligen Grabes“. Jerusalem war auch der wichtigste Kreuzfahrerstaat. Ihm wurden alle bisher und auch später gegründeten Kreuzfahrerniederlassungen unterstellt.

Gottfried von Bouillon wurde zum Beschützer des Heiligen Grabes gewählt. Sein Nachfolger Balduin sollte als erster den Titel des Königs des Königreichs Jerusalem annehmen. Andere Fürsten schufen sich eigene Miniaturreiche im Morgenland. Doch schon bald gab es Fehden und Kleinkriege unter den Adligen. Als stabilisierendes Element wurden von kirchlicher Seite die Ritterorden gegründet.

Im Ergebnis des Ersten Kreuzzuges gelang es den Byzantinern aber, Teile Kleinasiens, vor allem einen Streifen an der Küste, wiederzugewinnen. Byzanz versuchte nun, die Kreuzfahrerstaaten und die arabischen Staaten etwa gleich stark zu halten, denn wenn die Kreuzfahrerstaaten zu stark würden, dann würden sie sich selbständig machen. Doch wenn die arabischen Staaten zu stark würden, so würden sie die Kreuzfahrerstaaten auslöschen.

Natürlich versuchte Byzanz, seine Lehenshoheit über die Kreuzfahrerstaaten durchzusetzen, was im Falle Antiochias schon 1137 gelang. 1159 kam das Königreich Jerusalem unter die Lehensherrschaft des byzantinischen Kaisers Manuel Komnenos.

In Anatolien war Byzanz nicht so erfolgreich. Die Seldschuken faßten wieder festen Fuß. Die griechische Bevölkerung begann zunächst, vor ihnen in die Städte und an die Küsten zurückzuweichen. Am 17.09.1176 erlitten die Byzantiner eine schwere Niederlage gegen die Seldschuken bei Myriokephalon. Eine Wiedereroberung Zentralanatoliens erwies sich als unmöglich.

Viele Kreuzfahrer und ihre Nachkommen blieben in den Städten des Orients. Die öffentlichen Einrichtungen wie Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Fließwasser waren hier viel besser als in Europa. Die Christen lebten ein gutes Leben und ließen es sich gut gehen.

Viele fingen an, sich wie Muslime mit Turban und langen leichten Gewändern zu kleiden. Sie gewöhnten sich auch bald an die arabischen Speisen mit Pfeffer, Ingwer und Nelken. Es schmeckt ja auch ganz vorzüglich, weshalb diese Gewürze immer mehr von den italienischen Seestädten nach Europa eingeführt wurden. Schreiben und Lesen, was für die Muslime nichts Ungewöhnliches war, fingen auch viele Christen zu lernen an. Wenn sie einmal krank waren, suchten sie gerne einheimische Ärzte auf, die sie mit natürlichen Heilmitteln behandelten.

So gewöhnten sich die Christen mehr und mehr an die Lebensgewohnheiten der Muslime. Sie zogen sich ähnlich an wie diese und aßen ihre Speisen. Die Christen konnten ja auch ihren Lebensstandard durch die Kanalisation, Staßenbeleuchtung und andere öffentliche Einrichtungen verbessern.

Alexios bekam trotz allem wenigstens einen Teil seines Landes wieder zurück, nämlich Küstengebiete in Kleinasien, und der Papst konnte seinen Anspruch als einziger „Stellvertreter Gottes“ festigen. Die römische Kirche festigte ihren Einfluß in Palästina. Die einfachen Ritter konnten auch nicht klagen, erst recht nicht die großen Herren, welche die neuen Staaten gegründet hatten. Sogar die einfachen Leute hatten einen Luxus, den sie zu Hause nicht besaßen.

3.1.6. Die Kreuzfahrerstaaten
Nachdem es den Kreuzfahrern überraschenderweise recht schnell gelang, Boden im Heiligem Land zu gewinnen, und nach der Eroberung der Heiligen Stadt Jerusalem am 15.07.1099, begannen sie in den eroberten Gebieten eigene christliche Feudalstaaten nach dem Vorbild ihrer fränkischen Heimat zu gründen, um ihre Machtstellung im Nahen Osten zu festigen. Diese Staaten nannte man Kreuzfahrerstaaten, zu denen man das Königreich Jerusalem, die Grafschaft Edessa, das Fürstentum Antiochia, das Königreich Klein-Armenien, die Grafschaft Tripolis und zuletzt das Königreich Zypern zählte.

Um diese Staaten zu finanzieren, erhob der regierende Hochadel eine Kopfsteuer und Ernteabgaben von Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen. Die Monarchen der Kreuzfahrerstaaten teilten ihr Land genauso wie im Abendland in Lehen ein, die sie an ihre Vasallen vergaben. Um die für die Abendländer riesigen Städte zu regieren, ernannten sie Vicomtes, Vizegrafen.

Aber trotz alledem waren die Kreuzfahrerstaaten von der abendländischen Heimat abhängig. Ohne den Nachschub aus Westeuropa hätten sie die großen Verluste an Kriegern nie ersetzen können, zumal auch viele Ritter und ihre Fußsoldaten in die gelobte Heimat zurückkehrten. Aber mit den neuen Rittern und Fußsoldaten kamen auch Pilger, Handwerker und sogar Künstler, von der Kirche aufgerufen, als Siedler und friedliche Kreuzfahrer ins Heilige Land, um dort ihr Gewerbe in den Kreuzfahrerstaaten auszuüben und damit zu helfen, die jungen Staaten zu unterstützen. Die Zurückkehrenden brachten viel von der muslimischen Kultur und Baukunst nach Westeuropa mit.

So blieb zum einem der Kreuzzuggedanke von Generation zu Generation erhalten und zum anderen entstand ein reger Handelsverkehr und Austausch zwischen den Kreuzfahrerstaaten und dem Abendland. Fernhändler hatten hierbei eine große Bedeutung. Sie besaßen viele Handelsniederlassungen in den großen Hafenstädten des Morgenlandes. Einige der bedeutendsten Kaufleute waren die Venezianer, die ihr Hauptkontor in Tyrus hatten, die Genuesen und die Händler aus Pisa mit ihren Haupthandelsniederlassungen in Akkon.

Die Schiffe dieser Händler brachten auf ihrem Weg vom Abendland in den Nahen Osten Pilger, neue Truppen und Waren, welche die Kreuzfahrer in ihren neuen Staaten nicht bekommen konnten, wie zum Beispiel Waffen und Rüstungen. Auf ihrem Rückweg brachten sie begehrte und luxuriöse Waren aus dem fernen und nahen Orient nach Westeuropa: Gewürze wie Zimt, Pfeffer, Natron, Ingwer, Muskat, Nelken, Anis, Safran, Drogen und Arzneimittel wie Myrrhe, Weihrauch, Balsam, Aloe, Kampfer, kostbare Stoffe wie Seide, Gaze, Damast, Satin, Brokat, Kamelhaar, edle Hölzer wie Sandelholz, aber auch andere Kostbarkeiten wie Elfenbein, Edelsteine, Perlen, Alaun, Porzellan, Glaswaren, Purpur und Indigo, Parfüm oder exotische Speisen wie Reis, Melonen, Zitronen, Datteln, Feigen und Orangen.

Viele dieser Waren kamen durch Karawanen und Segelschiffe aus den entferntesten Gebieten, wie aus Indien, von den malaiischen Inseln, aus den Tiefen der Sahara und sogar aus dem fernem China über die Seitenstraße. Dieser Handelsverkehr, Levantehandel genannt, zwischen den italienischen und südfranzösischen Kaufleuten und den Händlern des Nahen Ostens blieb selbst nach der Kreuzzugszeit erhalten. Durch Erhebung von Hafengebühren, Zöllen und Marktgebühren profitierten auch die Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land von diesem Handel.

3.1.7. Das Leben in den Kreuzfahrerstaaten
Trotz der neuen Herren änderte sich das Leben der islamischen Bevölkerung in den Kreuzfahrerstaaten kaum. Man versuchte die Muslime von der abendländischen und christlichen Lebensart zu überzeugen, hatte aber keinen Erfolg. Die Völker des Morgenlandes waren einfach völlig anders geartet, ihre Lebenseinstellung der westlichen zu fremd.

Die einheimische Bevölkerung war den Christen zudem an Kultur und Bildung weit überlegen. Ihre Kenntnisse in Philosophie und in den Wissenschaften der Mathematik, Geographie, Chemie und Astronomie basierten auf dem Wissen der antiken Griechen und waren durch ihre Wissenschaftler und Gelehrten erweitert worden. Ihre Philosophie und ihr Glaube waren flexibler und toleranter. Bevor die Kreuzfahrer im Heiligen Land einzogen, lebten dort Muslime, Juden und sogar Christen friedlich miteinander.

Ihre Medizin war hoch entwickelt, während die abendländischen Ärzte nicht mehr als Scharlatane und Quacksalber waren. Entzündete oder gebrochene Gliedmassen wurden bei uns amputiert, auf Wunden tat man Salz oder Essig, bei Fieber oder anderen Erkrankungen diagnostizierte der Arzt, daß der Patient vom Teufel befallen sei, und trieb diesen aus, indem er dem Patienten in die kahlrasierte Schädelhaut ein Kreuz ritzte. Viele Patienten erlagen diesen Heilmethoden, anstatt zu genesen.

Die moslemischen Ärzte aber waren mit vielen Körperfunktionen und -vorgängen vertraut. Sie kannten viele Heilkräuter wie Myrrhe, Balsam, Moschus, Kampfer und Sennesblätter. Bei Geschwüren und Verwundungen benützten sie Umschläge, bei Magenverstimmung oder anderen Beschwerden verordneten sie wirksame Diäten. Deshalb bevorzugten die Kreuzfahrer die einheimischen Ärzte gegenüber den ihren.

Die mathematischen Kenntnisse des komplexen arabischen Zahlensystem übernahmen die Muslime aus Indien. Die Ritter und Krieger der Muslime waren nicht nur mutige und tapfere Kämpen, sondern auch von hoher Bildung und Kultur. Fast jeder besser gestellte Muslim beherrschte die Kunst der Schrift und des Lesens, während die meisten christlichen Krieger Analphabeten waren.

Schon nach kurzer Zeit begannen die christlichen Invasoren die Kultur und die Lebensweise der Muslime zu übernehmen und sie zu ihrem Nutzen zu gebrauchen. Es kam wie zuvor in Spanien und auf Sizilien zu einer Verschmelzung abendländisch-christlicher und morgenländisch-islamischer Kultur. Diese Verschmelzung beeinflußte auch unsere Kultur, unsere Wissenschaften und unsere Architektur durch die zurückkehrenden Kreuzfahrer nachträglich.

Die Kreuzritter führten im Heiligem Land nach der Weise der muslimischen Lebensart ein angenehmes und luxuriöses Leben. Um sich dem Klima anzupassen, gewöhnten sie es sich an, die luftigen Mäntel, Burnus, Turbane und Sandalen, wie sie die Einwohner dort trugen, ebenfalls zu tragen. Auch waren sie nun auf ihre Schönheit bedacht. Sie legten Wert auf kostbare und edle Kleidung und ließen sich sehenswerte Haar- und Bartfrisuren schneiden, wie es bei den Moslems üblich war.

Sie übernahmen auch die morgenländische Hygiene, die im Gegensatz zu den erbärmlichen Hygieneverhältnissen in Westeuropa sehr weit entwickelt war. Die Angewohnheit, sich täglich zu waschen, galt im Westen als überflüssig, obwohl sie vielen Krankheiten vorbeugte.

Auch der Gebrauch von Schönheitsmitteln und Duftstoffen war im Abendland verpönt, weil dadurch die Todsünde der Eitelkeit entstünde. Dennoch gewöhnten sich die europäischen Frauen und Töchter, die man mit ins Morgenland genommen hatte, an, die kostbaren orientalischen Parfüme zu benutzen, und machten es den einheimischen Frauen gleich, sich das Gesicht zu pudern und Lippen und Wangen mit Ocker rötlich zu färben. Außerdem trugen sie wie die Frauen der Muslime einen Schleier vor dem Gesicht, um sich vor der Hitze zu schützen.

Bald ernährten sie sich nicht mehr von den einfachen Gerichten des Abendlandes, sondern erfreuten ihren Gaumen mit den edlen und gewürzten Speisen des Orients. Süßem Wein oder Fruchtsäften, durch Schnee aus den Gebirgen gekühlt und fremdartigen und exotischen Früchten waren sie sehr zugetan.

Aber auch die Macht und die Bedeutung von Bildung lernten sie zu schätzen. Sie erlernten die Kunst der Konversation, vornehmes Benehmen, Künste wie Musik und Malerei und den Umgang mit Frauen und Liebe. Kultur und Bildung entwickelten sich während dieser Zeit zu einer weiteren Tugend eines Ritters. Um sich zu unterhalten, veranstalteten sie wie in ihrer Heimat Turniere und Jagden. Von den Einheimischen lernten sie Spiele wie Schach oder Dame, die später zu einer gern gesehenen Unterhaltung eines Ritters wurden.

Aber sie fanden auch Gefallen an der orientalischen Musik und an orientalischen Tänzen, besonders aber auch an den Tänzerinnen. Einige Ritter heirateten sogar einheimische Frauen. Dennoch schloß selten ein Kreuzritter Freundschaft mit den Muslimen. Zudem ist kaum ein Fall bekannt, daß ein christlicher Ritter sich zum Islam bekehrte.

Aber es gab auch Not und Elend zu ertragen. Die Hitze im Morgenland machte den europäischen Heeren sehr zu schaffen, die das heiße Klima nicht gewohnt waren. Die endlosen, unwirtlichen Wüsten, in denen es kein Wasser gab, forderten ihren Tribut. Viele Pferde und auch Ritter verdursteten. Hinzu kamen schwere, zum Teil unbekannte Krankheiten und Epidemien wie die Pest, die ganze Heere zum Verschwinden brachten.

Aber die Kreuzfahrer kamen in Westeuropa in schlechten Ruf. Nachfolgende Pilger und Siedler stellten voller Erstaunen und Entsetzen fest, daß die Christen, die schon länger in den Kreuzfahrerstaaten lebten, den ungläubigen Muslimen immer ähnlicher wurden. Sie mußten zusehen, wie ihre Glaubensgenossen mit ihren größten Todfeinden jagten, feierten und sogar deren Töchter zur Frau nahmen.

Ein Pilger schrieb über die Kreuzritter: „…verweichlicht, mehr ans Baden als ans Kämpfen gewöhnt, und sie kleiden sich wie Weiber in Samt und Seide…“ Im Abendland reagierte man empört über das Verhalten der Kreuzfahrer. Sie wurden als Sünder bezeichnet, ihr Tun galt als Verrat am Christentum. Über ihre Frauen wurde behauptet, daß sie von den Frauen der Moslems die Hexerei erlernt hätten.

Der christliche Glaube besagt, daß Gott die Sünder bestraft. Dies sollte sich mit der schmachvollen Niederlage in der Schlacht von Hattin am 04.07.1187 und mit der Eroberung Jerusalems durch Saladin am 2. Oktober des gleichen Jahres erfüllen. Trotzdem war die Berührung mit der fremdartigen Kultur des Islam für das Christentum von großer kultureller Bedeutung.

Obwohl die Kreuzfahrer längere Zeit im Heiligen Land lebten und viel von der Lebensart der Muslime übernahmen, entstand zwischen den christlichen Eroberern und der muslimischen Bevölkerung nicht gerade ein sehr freundschaftlicher Kontakt. Schon in früheren Zeiten hatten Christen und Muslime schlechte Erfahrungen miteinander gemacht und konnten daher auch nicht ohne Vorurteile dem anderem Glauben begegnen. Zudem war es den Moslems wohl bewußt, daß sie den Christen sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich in vielen Aspekten weit überlegen waren.

Die Muslime hatten außerdem wenig Verständnis für die abendländischen Bräuche und Sitten. Sie waren verwundert über diese Lebensart und konnten sie in keiner Weise verstehen. Deshalb gelang es nie, unter der muslimischen Bevölkerung in den Kreuzfahrerstaaten abendländische Sitten einzuführen.

Die Muslime konnten auch nie verstehen, daß die Christen ihren Frauen gewisse Freiheiten ließen, denn sie hielten ihre Frauen abgesondert und heirateten bisweilen sogar mehrere. Ein berühmter arabischer Zeitgenosse, Usama ibn Munquidh, schrieb: „…Die Franken kennen weder Ehrgefühl noch Eifersucht…“

3.2. Der Zweite Kreuzzug
Erst jetzt kam ein Gegenstoß der Moslems. Doch diese Verspätung war keineswegs der Kampfkraft der Europäer zuzuschreiben. Es begann die Aufrüstung für den Djihad, den Heiligen Krieg, denn schon der Prophet Mohammed hatte gesagt: „Gott liebt diejenigen, die für seine Sache kämpfen.“

Der erste Führer im muslimischen Gegenkreuzzug war Zengi, der Statthalter von Mossul. Er eroberte mit seinem Heer den östlichen Teil der christlichen Fürstentümer Tripolis und Antiochia. 1143/44 nahm er auch Edessa ein, womit das erste christliche Fürstentum im Heiligen Land fiel. Zengi starb 1146.

Das Ziel des 2. Kreuzzuges (1147 bis 1149) war es, das verlorengegangene Edessa, das 1143/44 von den Seldschuken unter Zengi erobert worden war, zurückzugewinnen. Dieser Verlust und die vorausgegangene Eroberung von Antiochia (1137) durch die Byzantiner unter Johannes II. löste im westlichen Europa Besorgnis und Wut aus. Dazu konnte es kommen, weil die Kreuzfahrerstaaten untereinander zerstritten waren und sich daher nicht gegenseitig zu Hilfe kamen. Sie hatten sich Land angeeignet, das ihnen nicht gehörte. Die Folge davon war, daß jetzt die angrenzenden Länder zurückschlugen. In dieser Situation bat der König von Jerusalem um Hilfe beim Papst.

So kam es dazu, daß Bernhard von Clairvauk an 31.03.1146 die Christenheit zum 2. Kreuzzug aufrief, weil sogenannte Heiden drohten, das gelobte Land zu erobern. Bernhard konnte auch Kaiser Konrad III., König Ludwig VII. und ihre Heere überreden, am Kampf teilzunehmen. Ein Motiv mitzukämpfen war es, daß ein Kreuzzug die Vergebung aller Sünden versprach.

Sie brachen 1147 auf, wobei die Franzosen den Seeweg nahmen und sich die Deutschen von Regensburg aus für den Landweg über Ungarn entschieden hatten. In Byzanz trafen die Heere zusammen und plünderten dort wegen Lebensmittelknappheit. Das ließ Manuel I., Kaiser von Byzanz, sich nicht gefallen. Der forderte eine Huldigung, die ihm die Fürsten nicht entgegenbrachten. Sie aber forderten einen ihnen gemäßen Empfang, den Manuel seinerseits verweigerte.

Kurz danach wurde Konrad bei Doryläum von den Seldschuken angegriffen. Er erlitt schwere Verluste bei dieser Auseinandersetzung, so daß er über den Seeweg mit Hilfe der byzantinischen Flotte ins Heilige Land fliehen mußte.

1148 wurde dazu Ludwig von den Muslimen bei Laodicea angegriffen, so daß Ludwigs Heer sehr geschwächt worden war. Manuel I. von Byzanz steckte in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite wollte er nicht, daß die Kreuzfahrerstaaten an die Muslime verlorengingen, da er dann keinen Gewinn mehr aus ihnen ziehen konnte. Anderseits war er nicht an allzustarken Kreuzfahrern interessiert, weil sie dann nicht mehr von ihm abhängig gewesen wären.

Als alle dann wieder zusammen waren, planten Konrad, Ludwig und der König von Jerusalem den Eroberungszug gegen Damaskus, obwohl es neutral und von den Kreuzfahrerstaaten abhängig war und mit dem Anlaß des Kreuzzugs nichts zu tun hatte. Nachdem die Stadt angegriffen worden war, merkte sie, daß sie vor den Kreuzfahrerstaaten nicht mehr sicher sein konnte und verbündete sich mit den islamischen Staaten. Auch der Eroberungsfeldzug gegen Askalon war fehlgeschlagen. Nun war klar, daß der 2. Kreuzzug 1149 verloren war, und sie Edessa wegen der Übermacht der Feinde nicht mehr zurückerobern konnten.

3.3. Der Dritte Kreuzzug
Die Moslems führten ihren heiligen Krieg weiter. Zengis Sohn Nur ad Din konnte 1154 Damaskus einnehmen und gewann schließlich sogar die Kontrolle über Ägypten. Saladin, der Sohn eines Kurden, war Nur ad Dins Vasall. Nur ad Din betraute ihn gerne mit verantwortungsvollen Aufgaben. Als der Kalif al-Adid von Ägypten Nur ad Din um Hilfe bat, weil er fürchtete, von den Franken überrannt zu werden, zögerte Nur ad Din nicht, denn er wollte schon lange in Ägypten Fuß fassen.

Saladins Onkel Schirkuh wurde beauftragt, mit dem Heer nach Ägypten zu ziehen. Saladin war mit dabei. Schirkuh erhielt vom Kalifen die Ernennung zum Wesir und feierte sich über dem Triumph zu Tode. Saladin wurde sein Nachfolger. Er war nach dem Kalifen der zweitmächtigste Mann in Ägypten geworden. Nach al-Adids Tod machte er sich zum Herrscher über Ägypten, indem er das Palastgelände besetzte und alle Anhänger der alten Regierung hinrichten ließ.

Die sunnitische Bevölkerung, die wahrend der schiitischen Dynastie der Fatimiden ihrem Glauben treugeblieben war, tolerierte den sunnitischen Herrscher. 1175 wurde er zum Sultan ernannt. Er hatte nun eine neue Dynastie, die der Ayiubiden, gegründet. Saladin benannte diese Dynastie nach einem Vorfahren.

Nur ad Din starb 1174, und da er keinen geeigneten Nachfolger hinterließ, war der Weg für Saladin frei. Seinem Heer gelang ein erster Vorstoß auf das Königreich Jerusalem, und es belagerte die Festungen Darum und Gaza. Es konnte sogar den Hafen Akaba am Roten Meer erobern.

Ein halbes Jahr nach Nur ad Dins Tod zog Saladin in Damaskus ein. 1183 gelang es ihm, Aleppo einzunehmen. Damit war die Einkreisung der Kreuzfahrerstaaten vollendet. Nachdem ein Kreuzfahrerheer bei Hattin eingekreist und seine Reste gefangengenommen worden waren, war Saladins Sieg vollständig. Das Land lag nahezu schutzlos vor ihm. Er eroberte fast alle Kreuzfahrerbesitzungen in Syrien und Palästina. Ein arabischer Chronist nennt 52 Städte und Festungen, die er eroberte. Die Zitadelle von Tiberias, die Echive von Tripolis übergab, machte den Anfang. Danach folgten Akkon und Askalon.

Im Jahre 1187 konnte Saladin am 2. Oktober nach vierzehntägiger Belagerung Jerusalem zurückerobern. Saladin wollte nicht wie die Christen handeln. Die Christen konnten sich freikaufen. Zehn Dinare kostete ein Mann, 5 Dinare eine Frau und 1 Dinar ein Kind. Saladin wies seine Männer an, mit der Bevölkerung nicht brutal zu sein. Im Jahre 1190 hielten die Franken nur noch einige Küstenplätze und Burgen, und zwar Tyrus, Tripolis, Tortosa, Antiochia, Krak des Chevaliers und Margat.

Nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 1187 fing man in Europa an, zum 3. Kreuzzug (1189 bis 1192) zu rüsten. Kaiser Friedrich I. Barbarossa von Hohenstaufen stellte sich in Kreuzzugbegeisterung an die Spitze. Man entschied sich für den Landweg, da die Flotte für den Seeweg zu schwach war und es zu wenig Schiffe gab. So brach Kaiser Friedrich am 11.05.1189 mit dem größten Teils eines Heeres von Regensburg auf. Sein Heer bestand aus ca. 100.000 Mann. Sein Sohn Richard segelte mit der italienischen Flotte, damit das Heer problemlos über die Dardanellen übersetzen konnte. Der 67 Jahre alte Mann schloß Verträge mit den Seldschuken in Anatolien, um die Durchreise zu sichern. Als die Kreuzfahrer dann in Anatolien ankamen, wurden sie mehrfach angegriffen, weil ihre Verträge wegen eines Herrscherwechsels auf seldschukischer Seite ungültig geworden waren.

Jetzt kam er nur noch schwer voran, da die große (ungewohnte) Hitze Seuchen hervorrief und die Bedingungen immer unhygienischer machte. Nach einer siegreichen Schlacht bei Ikonion ertrank Kaiser Friedrich I. Barbarossa am 10.06.1190 im Fluß Saleph, so daß sein Sohn Herzog Friedrich von Schwaben die Führung des Heeres übernahm. Wegen mangelndem Vertrauen in Herzog Friedrich kehrten viele um. Am 07.10.1190 erreichte er dann mit einem Teil des Heeres Akkon, wo er 1191 starb.

Ein Streit zwischen Engländern und Franzosen verzögerte ihren Aufbruch, sie starteten 1190 zum 3. Kreuzzug. Die Franzosen zogen von Vezelay in Burgund unter König Philipp II. August nach Marseille und nahmen dort den Seeweg über Korsika nach Messina auf Sizilien.

Die Engländer unter König Richard Löwenherz starteten von London aus und nahmen ebenfalls den Seeweg, aber um Portugal und Spanien herum mit Zwischenstop in Lissabon nach Messina, wo sie sich mit den Franzosen trafen. Im Frühjahr 1191 fuhren sie dann gemeinsam, trennten sich aber kurze Zeit später wegen Streitereien.

Um Saladin aus Akkon zu vertreiben, belagerten sie die Stadt mit einer pisanischen Flotte, was aber scheiterte. Saladins Kampfmittel gegen die Belagerungsmaschinen war Griechisches Feuer, eine hochbrennbare Mischung aus Schwefel, Pech und Öl. Das setzte viele Belagerungsmaschinen in Brand. Außerdem ließ er große Tücher aus Tierhäuten zusammennähen, die gespannt wurden und die Geschosse der Ritter abfingen.

Dann, nach dem Tod von Herzog Friedrich, übernahm Richard Löwenherz die Führung. Richard Löwenherz war König von England von 1189 bis 1199. Er wurde 1157 geboren und mußte mit 32 Jahren den Thron seines Vaters übernehmen, weil dieser 1189 starb. Als er zum 3. Kreuzzug aufbrach, übernahm sein jüngerer Bruder, Johann I. Ohneland (Prinz John genannt), die Regierungsgeschäfte in England.

Am 12. Juli 1190 hatten die Franken unter Richard Löwenherz den Sturm auf die Festung Akkon begonnen. Obwohl die Situation der verteidigenden Muslime schon beinahe hoffnungslos war, konnten sie sich noch zum Gegenangriff aufraffen. Dieser brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg.

Am nächsten Tag griffen die Franken noch aggressiver an. Sie untergruben sogar die Mauern und legten Feuer in den Stollen, so daß ein Teil der Festung einstürzte. Im Winter brach dann in der Stadt eine Hungersnot aus, so daß Saladin aufgeben mußte und Akkon den Kreuzfahrern überließ.

Nach vier Jahren war die Stadt wieder in christlicher Hand. Ein Vertrag wurde geschlossen. Die Muslime sollten den Franken die Stadt übergeben, einschließlich der ganzen Ausrüstung. Außerdem sollten sie 200.000 Dinar zahlen und 500 einfache und 100 vornehme Gefangene zurücklassen.

Als Saladin dann Zahlungsschwierigkeiten beim Lösegeld hatte, traf Richard Löwenherz nach mehreren Wochen eine grausame Entscheidung. Er ließ 2.700 muslimische Gefangene gefesselt zu einer Ebene östlich von Akkon bringen und dort von den Franken niedermachen. Saladin hatte darauf aus Schmerz und Haß einen erneuten Gegenangriff gestartet. Es waren auf beiden Seiten viele gefallen. Akkon war die einzige Niederlage, die Saladin erlebt hatte. Er starb im Jahre 1193, doch sein Erbe, das 1175 gegründete Aiyubidenreich, existierte weiter.

Die Kreuzfahrer zogen dann nach Jerusalem, welches aber muslimisch blieb. Sie durften jedoch Pilgerfahrten nach Jerusalem machen. Durch den Gewinn des Küstenstreifens zwischen Tyrus und Jaffa konnte das Königreich Jerusalem wesentlich verkleinert wiederhergestellt werden, mit Akkon als Hauptstadt.

Richard Löwenherz eroberte 1192 Zypern auf dem Weg nach Osten, um eine Zwischenstation für die Auffrischung der Lebensmittel zu schaffen. Am 08.10.1192 floh er aus dem Heiligen Land, weil es hieß, daß die Franzosen sich mit seinem Bruder Johann, seinem ständigen Widersacher, verbündet hätten.

Im Mittelmeer ging seine Flotte unter, so daß er auf dem Landweg weiterreisen mußte. Dieser Weg führte ihn durch Österreich. Da er den österreichischen Herzog bei der Belagerung von Akkon beleidigt hatte, mußte er sich verkleiden, um durchreisen zu können. Leider wurde er entdeckt und von Herzog Leopold VI. in der Burg Dürnstein an der Donau eingekerkert. Richard wurde vom deutschen König gegen Lösegeld befreit, nachdem er ihm den Lehenseid geleistet hatte.

Als Richard endlich doch vom 3. Kreuzzug heimkehrte, mußte er zuerst seinen Bruder Johann unterwerfen. Richard Löwenherz schützte sein Volk und kämpfte für es, und er beschütze die angelsächsischen Bauern vor der Unterdrückung der Franzosen. Er starb am 06.04.1199 bei einer Belagerung in Frankreich an einem Pfeil in der Schulter. Sein Thronfolger wurde sein Bruder Johann.

3.4. Der Vierte Kreuzzug
3.4.1. Der eigentliche Vierte Kreuzzug
Saladins Nachfolge blieb zuerst umstritten, bis im Jahre 1200 sein Bruder Sephadin seinen Platz einnahm. Ihm folgte al-Kamil als Sultan von Ägypten.

Der Vierte Kreuzzug, von Papst Innozenz III. aufgerufen, sollte in das Zentrum der muslimischen Macht im Nahen Osten, d.h. nach Ägypten führen. Die durch Handel reich gewordene Seerepublik Venedig übernahm den Transport und verpflichtete sich vertraglich, 4.500 Ritter, 9.000 Schildknappen und 20.000 Fußsoldaten für 85.000 Mark Silber nach Ägypten zu verschiffen.

Doch als zum vereinbarten Zeitpunkt im Oktober 1202 nur 11.000 Mann gezählt wurden und sich nicht einmal die Hälfte des erforderlichen Geldes in der Kasse befand, stand die Bezahlung der Venezianer für ihre Dienste zur Debatte.

Der 90jährige Doge Enrico Dandolo, politisches Oberhaupt Venedigs, schlug angesichts der leeren Kasse vor, die Kreuzfahrer sollten zunächst die 1186 von den Ungarn besetzte Stadt Zara (heute Zadar, Kroatien) für seine Republik zurückerobern, dann könnte Venedig großzügig sein. Trotz der Anweisung des Papstes Innozenz III., daß keine christliche Stadt angegriffen werden dürfte, wurde Zara Ende November im Jahre 1202 erobert. Daraufhin schloß der Papst das ganze Kreuzfahrerheer aus der Kirche aus. Dies jedoch störte die wenigsten Kreuzfahrer, sie überwinterten in der nun wieder venezianischen Stadt.

Währenddessen wurde das byzantinische Reich von einer Krise in der Herrscherdynastie erschüttert. Der Kaiser Isaak Angelos war von seinem Bruder Alexios III. abgesetzt und geblendet worden. Isaaks Sohn Alexios IV. floh in den Westen, um Hilfe zu suchen, und machte den Kreuzfahrern einen überraschenden Vorschlag: Sollten sie ihn und seinen Vater wieder einsetzen, wäre er bereit, die Ostkirche wieder mit der Westkirche zu versöhnen, 200.000 Mark in Silber zu bezahlen und ein Heer für die Eroberung des Heiligen Landes zu stellen. Der neue Kaiser wurde jedoch bald vom Volk wieder abgesetzt, weil er seine Versprechungen nicht halten konnte.

Im Frühjahr brach man in Richtung Byzanz auf. Die Venezianer sprachen sich für die Eroberung der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel aus, da sie auf diese Weise ihre Stellung als Handelsmacht im östlichen Mittelmeer auf Kosten von Byzanz ausbauen konnten. Als nach seiner Einsetzung zum Kaiser durch die Kreuzfahrer Alexios IV. seine Zusagen nicht einhalten konnte und die Ostkirche sich gegen eine Vereinigung mit der Westkirche sträubte, eroberten die Kreuzfahrer Konstantinopel und plünderten es aus.

Das Byzantinische Reich wurde aufgeteilt. Aus einem Teil entstand das Lateinische Kaiserreich unter einem gewählten Kaiser. Das Kaiserreich Nicea, Trapezunt und der Despotat Epiros waren zwei byzantinische Nachfolgestaaten. Der Rest wurde zwischen den Kreuzfahrerstaaten und Venedig aufgeteilt. Venedig bekam viele Inseln in der Ägäis und wurde zur wichtigsten europäischen Macht im Osten.

3.4.2. Der Kinderkreuzzug
Vor dem nächsten Kreuzzugsunternehmen gab es 1212 einen Kinderkreuzzug. Das heißt, Kinder unternahmen einen Kreuzzug. Sie gerieten aber in Marseille an Schiffseigner, die zwar versprachen, sie in das Heilige Land zu bringen, die sie aber auf der Fahrt versklavten. Man brachte sie vermutlich nach Alexandria und verkaufte sie auf dem Sklavenmarkt. So kam es erst gar nicht zum eigentlichen Kinderkreuzzug.

3.4.3. Der Angriff auf Damiette
Papst Innozenz III. plante 1213 einen neuen Kreuzzug. Eigentlich wäre es der 5. Kreuzzug, er wird aber aus unklaren Gründen nicht numeriert, ebensowenig wie der Kinderkreuzzug.

Papst Innozenz III. rief alle auf, auch Priester, sich an diesem Unternehmen zu beteiligen. Das Ziel war diesmal Damiette, das im Nildelta am Meer liegt. Von dort aus wollten die Kreuzfahrer den Schiffsverkehr auf dem Nil kontrollieren. Zudem war es eine mächtige Hauptstadt Saladins und der Muslime, die es einzunehmen galt.

Die Vorfreude war groß, und der junge König Friedrich, Sohn Heinrichs und Enkel von Friedrich Barbarossa, wollte die Führung übernehmen. Doch der Papst fürchtete um seine Macht und um den Einfluß bei diesem Vorhaben. Der Aufbuch sollte 1217 stattfinden, aber ehe sich die Truppen zum Aufbruch zusammenfanden, starb der Papst 1215. 1216 trat dann ein älterer Mann an seine Stelle, nämlich Honorius III..

Der Aufbruch fand, wie besprochen, 1217 statt, allerdings ohne Friedrich, der dann 1220 zum Kaiser gekrönt wurde. Die österreichische und ungarische Flotte mit einigen Schiffen aus dem französischen Oststaaten erreichten dann im Mai 1218 die Stadt und belagerten sie bis 1219. Es entstand eine große Hungersnot. Als dann aber 1219 Verstärkung eintraf, gelang die Besetzung von Damiette. Allerdings dauerte das Glück nicht allzu lange, denn schon im darauffolgenden Jahr (1220) kam eine Übermacht muslimischer Truppen und eroberte die Stadt Damiette zurück, und vertrieb somit die Kreuzfahrer.

Dieser Kreuzzug scheiterte an zu vielen Feinden, die sich im Umkreis der Stadt befanden. Aber lange sollten die Muslime keine Ruhe haben, denn schon 1227 sollte es einen weiteren Kreuzzug geben, denn der Verlust von Damiette erschütterte den Papst so, daß er sogar den Kaiser zu Hilfe bat.

Dadurch daß die Truppen jedesmal in den Orient transportiert wurden und das viel Geld kostete, erlebten die Seestädte in Italien, zum Beispiel Pisa, Genua, Venedig und die Inseln mit ihren Flotten, einen großen Aufschwung. Nun verstärkte sich der Handel mit dem Orient, und die Geldwirtschaft blühte. Außerdem brachte man zum Teil auch die orientalische Lebensweise mit. So stieg der Lebensstandard, und die Nachfrage nach orientalischen Waren war groß. Auch Einflüsse auf die Baukunst, Schmuck, Textilien, Gewürze und Teppiche kamen nach Europa. Das kulturelle Niveau stieg.

Die Kirche hatte sehr an Glaubwürdigkeit verloren, weil sie den Glauben zur Eroberung von Land ausgenutzt hatte, welches sie dann auf Dauer doch nicht halten konnte. Besonders das Desaster des 2. Kreuzzuges, zu dem Bernhard von Claivaux aufgerufen hatte, ließ viele an den Prophezeiungen der Kirche und den Versprechen zweifeln. Byzanz blieb dauerhaft geschwächt und erlag 1453 dem Ansturm der Osmanen, die ganz Osteuropa und weite Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas erobern konnten.

3.5. Der Fünfte Kreuzzug
Schon 1227 sollte es Vorbereitungen für einen weiteren Kreuzzug (1228 bis 29) geben, denn der Verlust von Damiette erschütterte den Papst so, daß er sogar den Kaiser zu Hilfe bat. Friedrich II. gab Honorius III. seine Zusage und verpflichtete ca. 1.000 Ritter für 2 Jahre und stellte eine Flotte für 2.000 Mann zur Verfügung. Das Ziel war Jerusalem, was Friedrich sehr gelegen kam, denn als er nach dem Tod seiner ersten Frau die Erbin des Throns von Jerusalem 1225 geheiratet hatte, erhob er jetzt den Anspruch auf die Krone Jerusalems.

Der Aufbruch war eigentlich auf den August 1227 festgesetzt worden, aber es brach Malaria aus, an der auch der Kaiser erkrankte. Da er zur Genesung ein Jahr in ein Heilbad ging, brach die Flotte ohne ihn auf. Das handelte Friedrich ziemlich viel Ärger ein, denn der jetzige Papst Gregor IX: verstieß ihn wegen Wortbrüchigkeit aus der Kirche.

Nach seinem Kuraufenthalt folgte Friedrich II. dann seinem Heer, das der Papst nun nicht mehr unterstützte, weil er die Macht darüber verloren hatte. Als Friedrich in Palästina angelangt war, verhandelte er mit dem Sultan Al Kamil von Ägypten. Das konnte er wegen guter arabischer Sprachkenntnisse und wegen seines Verständnisses für die arabische Kultur und Wissenschaft. In den Verhandlungen erreichte er die Übergabe Jerusalems, Bethlehems und Nazareths, und am 18.03.1229 krönte er sich selbst zum König von Jerusalem, sehr zum Ärger des Papstes. So entstand das Königreich Jerusalem, zu dem die Muslime aber freien Zutritt hatten.

Al-Kamil als Sultan von Ägypten weitete 1232 seine Herrschaft aus, so daß das Aiyubidenreich von Assuan in Oberägypten bis ins anatolische Hochland reichte. Der Sultan in Ägypten war übrigens nicht der alleinige Herrscher, sondern es gab innerhalb des Familienverbands mehrere Prinzen, die von verschiedenen Hauptstädten ihre Gebiete verwalteten. Al-Kamils Sohn hieß al-Salih. Er hatte ein Heer aus Mamluken gegründet. Mamluken sind weiße türkische Sklaven, die in jungen Jahren angekauft und dann für den Soldatenberuf ausgebildet wurden. Den ersten Rang nahmen die Bahriyya-Mamluken ein, so genannt nach der Nilinsel, wo al-Salih sie kaserniert hatte. Ihre Zahl betrug nur etwa eintausend.

3.6. Der Sechste Kreuzzug
Nach dem 5. Kreuzzug gab es noch zwei weitere Kreuzzüge unter dem Franzosen Ludwig IX., auch Ludwig der Heilige genannt. Weil König Johann von England sich gerade mit seinen Baronen stritt und so keine Zeit hatte, sich mit den Franzosen anzulegen, beschloß Ludwig, in den Orient zu ziehen und den 6. Kreuzzug (1248 bis 54) zu führen und zwar wieder einmal gegen Damiette.

Er fuhr 1248 mit einem kleinen Heer, das fast nur aus Franzosen bestand, nach Zypern, von wo sie im Juni 1249 nach Ägypten aufbrachen. Die Ägypter wollten es aber nicht mehr zu einer Belagerung kommen lassen und zogen sich zurück. Die Franzosen verfolgten sie am Nil entlang, wo es hier und da kleine Kämpfe gab. Aber durch die ungewohnte Hitze, die starke Sonneneinstrahlung und die mangelnde Hygiene brachen Seuchen aus, und es kam zu Lebensmittelknappheit.

Das Heer wurde dadurch immer schwächer und scheiterte endgültig, als König Ludwig gefangengenommen wurde. Er wurde gegen sehr viel Lösegeld wieder freigelassen und das restliche Heer zog sich zurück. Als er wieder frei war, befestigte er noch Akkon und kehrte dann 1254 nach Hause nach Frankreich zurück. Dieser Kreuzzug war ein glatter Fehlschlag.

Als Turan-Sah, al-Salihs Erbe, Anstalten machte, die Verwaltung mit seinen mitgebrachten mesopotamischen Parteigängern zu durchsetzen, fühlten sich die Bahriyya-Mamluken bedroht und ließen Turan-Sah ermorden.

Damit war die aiyubidische Herrschaft in Ägypten beendet, und Aybeg stieg zum ersten Mamlukensultan auf. Der Krieg zwischen den Mamluken und den Aiyubiden blieb nicht aus, und eine Einigung kam erst im April 1253 zustande. Die Aiyubiden behielten Syrien und das nördliche Palästina, die Mamluken wurden in Ägypten und dem südlichen Teil Palästinas anerkannt.

Dieser Einigung folgten aber blutige Kämpfe innerhalb der Bahriyya, die bis 1254 andauerten und durch die Auswanderung eines Teiles des Regiments nur ungenügend beigelegt wurden, denn die Exilmamluken bildeten noch bis jetzt eine für die Ägypter gefährliche militante Gruppe in Syrien. Die Aiyubiden konnten die Herrschaft in Ägypten nicht wieder herstellen. 1260 wurde jede Hoffnung nun zunichte gemacht. Die Mamluken konnten die Mongolen schlagen und eigneten sich das ganze ehemalige Aiyubidenreich an.

Damit erlebte der Islam einen großen Aufschwung. Der Mamlukensultan Baibar I. war dabei, die Kreuzfahrerstaaten der Abendländer weitgehend zu zerstören, um eine Rückeroberung seiner Gebiete durch die Christen auszuschließen. Außerdem wurden Koalitionen geschlossen, zum Beispiel mit Genua und dem Königreich Aragon, um die Franken von möglichen Verbündeten abzugrenzen. 1261 konnte sich Nicea als Kaiserreich Byzanz wieder durchsetzen. Es eroberte Konstantinopel zurück und vernichtete das Lateinische Kaiserreich.

3.7. Der Siebte Kreuzzug
In seinem zweiten Kreuzzug machte Ludwig IX. es sich zum Ziel, den Sultan von Tunis zu bekehren. Von dort aus wollte er nach Jerusalem weiterziehen. So zog er im August 1270 während der größten Hitze über Sardinien nach Nordafrika. Dort brach aber eine Seuche aus, und der König mit seiner Familie und den Angehörigen starben daran. Wegen Uneinigkeit in Europa gelang es dann endgültig nicht mehr, die Muslime aus dem Heiligen Land zu vertreiben. Als dann Akkon 1291 fiel, war es für die Kreuzfahrer endgültig aus.

3.8. Der Aufstieg der Osmanen
Um 1300 herum gründete Osman ein kleines Reich in der Nachbarschaft von Byzanz im Nordwesten Kleinasiens. Mit der Zeit wurde daraus eine Macht, die über größere Teile Kleinasiens die Herrschaft ausübte. Mit der Eroberung von Adrianopel im Jahre 1369/70 stand ihnen der Weg nach Europa offen. Außerdem wurden Serbien, Bulgarien und ein großer Teil Kleinasiens erobert. 1451 übernahm Mehmed II. der Eroberer die Herrschaft. Die Osmanen hatten zu dieser Zeit auch fast alle ehemaligen byzantinischen Gebiete erobert und Konstantinopel umzingelt.

1453 wurde die Stadt eingenommen und war von nun an die Reichshauptstadt der Osmanen, denn sie lag genau zwischen Asien und Europa. Das war wichtig, da die Osmanen eine Weltherrschaft anstrebten. Sie wollten eigentlich etwas Ähnliches wie die christlichen Kreuzfahrer, nämlich ein Reich errichten auf dem Grundstock des Glaubens. Deshalb hießen ihre Krieger Ghazis, was soviel bedeutet wie „Kämpfer für den Glauben“.

Das stellte natürlich für die Christen wiederum eine große Bedrohung dar, und so wurden noch viele weitere Kreuzzüge gegen die Osmanen geführt. Doch sie blieben erfolglos, denn die Kreuzfahrer hatten Nachschubprobleme und waren weitaus weniger gesichert als ihre Gegner. So wurden die Osmanen in rund 150 Jahren zu einer Weltmacht, die dem Zentrum Europas gefährlich naherückte. 1529 und 1683 standen die Osmanen sogar zweimal vor den Toren Wiens und belagerten die Stadt, aber ohne Erfolg.

4. Die Ritterorden
Um 1119 gründete der französische Ritter Hugo von Payens eine kleine Brüdergemeinschaft. Einige Zeit später übergaben ihnen König Balduin II. von Jerusalem und Bernhard von Clairvaux, die ihr Vertrauen gewonnen hatte, einen Teil des Tempelbezirks.

Der Orden des heiligen Johannes vom Spital zu Jerusalem entstand im 11. Jahrhundert aus einem Spital für Pilger und Kaufleute. 1137 wurde die Ordensregel bestätigt. Die Hospitaliter (Johanniter) legten das Gelübde der Benediktiner-Mönche ab und waren zur Armut verpflichtet. Sie waren die ersten, welche die ärztliche Versorgung einführten. Um 1130 begann die Johanniter, die früher im Hospital gearbeitet haben, sich um militärische Aufgaben zu kümmern.

Ein weiterer Ritterorden war der Templerorden von Salomon, der 1123 gegründet wurde. Die Templer errichteten in ganz Europa Ordenshäuser und nannten sich selbst Beschützer der Pilger, Straßen und heiligen Plätze.

Beide Ritterorden hatten ihre Hauptquartiere in Jerusalem. Schnell kauften sie Besitzungen im Abendland und richteten dort Konvente ein, die als Werbungszentren dienen konnten. Es gab nämlich nicht viele Ritterbrüder. Die Orden benutzten deshalb auch Hilfstruppen, zum Beispiel die einheimischen Türkopolen. Von den einheimischen Herrschern und Adligen erhielten sie durch Kauf oder Übergabe Festungen, die das Umland kontrollierten.

Die Großmeister standen an der Spitze der Orden und kämpften für die Könige, schuldeten ihnen aber nicht den „Treueschwur“. Sie waren nur dem Papst unterstellt. Kein König konnte ohne ihre Unterstützung regieren. Die Ritterorden bauten ihre Burgen an wichtigen Punkten. Die Festungen unterschieden sich von denen in Europa durch noch bessere Vereidigungsanlagen, in denen sich Hunderte, ja Tausende Männer aufhalten konnten. Was von den Festungsmauern und Türmen auf die Feinde herniederprasselte war furchtbar: Pfeile, Steine, kochendes Öl und griechisches Feuer. Damit schlug man die Feinde in die Flucht.

Die Kreuzfahrer hatten im Jahr 1153 Askalon erobert und versuchten in den sechziger Jahren, Ägypten zu erobern. Sie konnten aber nicht verhindern, daß Ägypten sich mit dem muslimischen Syrien vereinigte, obwohl sie Alexandria, Damiette und dreimal Bilbais belagert hatten. Als 1170 aber Muslime im Norden immer weiter vorrückten, verloren die Christen das Gebiet östlich des Flusses Orontes. Sie bauten nun Burgen, die in Sichtweite einer anderen lagen, damit die ins Feld ziehenden Besatzungen mit den Besatzungen benachbarter Burgen den Feind schlagen konnten.

Ritterorden verfügten über Mittel die nur sie aufzubringen vermochten, und bekamen so die gefährdetsten Gebiete zugewiesen, in denen sie die mächtigsten Kreuzfahrerburgen, wie zum Beispiel Krak des Chevaliers bauten. Doch im Jahr 1187 verloren sie in Syrien die meisten Burgen nach der Schlacht bei Hattin. Zu ihrem Glück hatten die Johanniter die bedeutendsten gehalten. Das waren Krak des Chevaliers und Margat.

Nachdem die Kreuzfahrer die Küste wiedererlangt hatten, eroberten auch Ritterorden einige Burgen und Gebiete zurück. Da im 13 Jahrhundert viele Burgen in Jerusalem in ihre Hand gerieten, die Johannitern, Templern und dem Deutschen Orden, der seit 1198 auch militärische Aufgaben erfüllte, zugewiesen wurden, verlegte man den Hauptwirkungskreis der Orden vom Norden hierher. Als Ritterorden den Vormarsch der Mamluken nicht aufhalten konnten, verloren sie in den sechziger Jahren des 13. Jahrhunderts viele Festungen. 1291 waren sie dann gezwungen, das Heilige Land ganz zu räumen, so daß ihnen nur noch einige Besitztümer in Armenien verblieben.

Bis 1310 eroberten die Johanniter die Insel Rhodos. Dort wurde dann ihr Hauptquartier errichtet. Hafen und Stadt waren befestigt. Auf Rhodos entwickelte sich nun ein Handelszentrum, weil abendländische und griechische Bauern sich ansiedelten, und auch Kaufleute zogen dorthin.

Die Besitzungen des Ordens im Abendland waren beträchtlich. Ordensbrüder stellten aus den Erträgen Gelder, Söldner und Galeeren zum Unterhalt der Brüder, die mehrere Hundert waren, und auch zur Verteidigung von Rhodos und den abhängigen Inseln bereit. Auch die Zuckerplantagen brachten Geld ein.

Die meisten Johanniter waren französischer Herkunft. Erst ab dem Jahr 1377 wurde die Leitung des Ordens internationaler. Die Johanniter schlossen sich im 14. Jahrhundert verschiedenen Unternehmungen an, die ihren Höhepunkt in der Eroberung Smyrnas im Jahr 1344 fanden. Das lenkte die türkische Expansion in Richtung Norden ab, so daß die Osmanen begannen, den Balkan zu erobern. Die Johanniter griffen besonders auf dem festländischen Griechenland an. Als der Stützpunkt Smyrna verlorenging, wurde er durch die Burg Bodrum ersetzt. Die Johanniter schlugen im Jahre 1440 und 1444 schwere Attacken der Mamluken zurück.

Der Angriff der Osmanen unter Sultan Süleyman erwies sich zuletzt als übermächtig. Die Johanniter widerstanden zwar für einige Zeit, aber als keine Hilfe kam, ergaben sie sich im Dezember 1522. Der Orden verlagerte seinen Sitz nun nach Malta.
5. Ausrüstung und Kampfesweise

5.1. Die Ausrüstung der Kreuzritter

Kreuzritter

ritter02Die militärischen Qualitäten der Ritter lagen weniger in Gewandtheit und Geschwindigkeit, sondern in Zähigkeit, Ausdauer und Kraft, oder eher sogar roher Gewalt. Dementsprechend fiel die Ausrüstung eines Ritters aus. Die Hauptwaffen des Ritters waren die Lanze und das Schwert. Seltener kamen Streitkolben und Streitaxt vor. Am Anfang des Spätmittelalters entwickelten sich einige Abarten von Waffen, der Morgenstern und der Streithammer, obwohl es als unehrenhaft galt, diese Waffen zu führen.

Die Lanze wurde als Stoßwaffe verwendet. Anfangs war es üblich, die Lanze über den Kopf zu schwingen und zuzustechen. Später aber bürgerte es sich ein, die Lanze unter der Achsel einzulegen, um so die Wucht des Ansturms auszunutzen. Die Lanze bestand aus einem 2,50 bis 4,00 Meter langem Holzschaft, an dessen Ende eine lange eiserne Spitze befestigt war. Diese Waffe konnte bei einem größeren Anritt eine solche Wucht entwickeln, daß sie mühelos einen leichtgepanzerten Gegner glatt durchbohren konnte.

Die zweite Hauptwaffe war das Langschwert, eine Hiebwaffe mit einer Länge von ca. 1,20 Meter. Es bestand aus einer beidseitig geschärften Eisenklinge, zum Schutz der Hand waren am unteren Ende zwei Querstangen angebracht, die sogenannten Parierstangen. Das Heft, so nannte man den Schwertgriff, endete in einem meist reichverzierten Knauf, um das Schwert besser im Griff zu halten und der als Gegengewicht dient. Zum Schutz wurde das Schwert in eine Schwertscheide gesteckt, wenn es nicht in Gebrauch war. Diese Schwertscheide war oft reich verziert. Mit dem Schwert konnte ein geübter Krieger mit Leichtigkeit einem leicht gepanzertem Gegner die Gliedmaßen vom Körper trennen.

Zwei eher selten geführte Waffen war die einblättrige Streitaxt und der Streitkolben, an dessen Kopf sich sternförmig vier oder sechs scharfe Metallblätter befanden. Der meist zweihändig geführte Streithammer, der dem Schmiedehammer nachempfunden ist, und der Morgenstern, der aus einem Schaft, an dessen Ende sich eine Metallkugel mit bis zu 10 cm langen Eisenspitzen befand, bestand, waren zwar äußerst wirksame Waffen, wurden aber zurecht als unehrenhaft und unritterlich bezeichnet. Dennoch griffen vor allem junge Ritter zu diesen brutalen Waffen. Die Waffen änderten sich im Laufe der Zeit nur geringfügig.

Anders war es bei den Rüstungen. Die Ritter des Kreuzzugszeitalters trugen ein Kettenhemd oder seltener einen Schuppenpanzer. Das Kettenhemd bestand aus Tausenden von ineinandergreifenden Metallringen. Es bot mehr Schutz als der Schuppenpanzer und schränkte die Bewegungsfreiheit nur gering ein. Das Kettenhemd schützte den Leib, die Arme und reichte bis zum Knie. Es wurde durch Kettengamaschen zum Schutz der Beine und durch eine Kettenhaube, eine Art Kapuze, zum Schutz des Kopfes und des Halses ergänzt. Über die Kettenhaube legte der Ritter noch einen Topfhelm oder auch die Barbiere, den Normannenhelm mit dem Nasenschutz. Der Topfhelm schützte den gesamten Kopf und ließ nur einen schmalen Sehschlitz frei.

Um die Hiebe des Gegners zu parieren, hatte der Ritter einen Holzschild, welcher meist durch einen Metallbuckel und einen Metallstreifen am Rand entlang verstärkt war. Der Schild wurde um die Schulter gehängt und konnte nur schlecht bewegt werden. Er reichte vom Boden bis zu den Schultern und schützte so den ganzen Ritter. Auf dem Schild wurde das Wappen des Herren oder das eigene Familienwappen gemalt, um die Zugehörigkeit zu einem Heer zu zeigen.

Außerdem trug der Ritter über dem Kettenhemd einen Waffenrock, der mit einem breiten Waffengürtel an die Hüfte geschnallt wurde. Auf dem Waffenrock war meist auch noch das Wappen zu sehen. Unter dem Kettenhemd trug der Ritter ein Unterkleid, Gambeson genannt, aus dickem Stoff oder Leder, um das Gewicht des schweren Kettenhemdes abzupolstern.

Etwa seit Mitte des 13. Jahrhunderts wurde es gebräuchlich, über dem Kettenhemd einen eisernen Brustpanzer zu tragen. Diese Entwicklung ist auf die Erfindung stärkerer Fernkampfwaffen zurückzuführen wie der Armbrust oder dem Langbogen, die selbst eine Plattenrüstung ohne Probleme durchschlagen konnten und noch so viel Wucht besaßen, um den Träger zu töten.

Bei einem vollgepanzerten und vollbewaffneten Ritter konnte man mit Recht von einer schwergewichtigen Persönlichkeit reden. Eine vollständige Kettenrüstung wog 20 kg, Waffen und Helm zusammen 15 kg. Wenn man davon ausgeht, daß ein Ritter ein Körpergewicht von 65 kg (da fast jeder Mensch im Mittelalter an Untergewicht litt) besaß, hatte er ein Gesamtgewicht von 100 kg. Die Fernkampfwaffen wie Bogen, Armbrust und Wurfspeer beherrschte der Ritter, aber sie waren für ihn Jagdwaffen.

Das die Ritter begleitende Fußvolk ähnelte in seiner Bewaffnung den Rittern, hatte aber meist leichtere Rüstungen, um beweglicher und schneller zu sein. Außerdem waren sie um etliches billiger. Das Fußvolk setzte auch Fernkampfwaffen ein, meist Bogen, später auch zunehmend die Armbrust. Ihre Nahkampfwaffen waren sehr einfach, meist umgewandelte Werkzeuge oder Ackergeräte wie Axt, Speer, Dreschflegel, Sense etc.

5.2. Die Kampfesweise der Ritter
Die westeuropäischen Kreuzritterheere hatten, wenn es zu einer offenen Feldschlacht kam, eine einfache, aber dennoch sehr wirksame Taktik. Überlegungen bei der Aufstellung der Armee, Hinterhalte, Fallen, Einkesseln oder ähnliche Taktiken oder Manöver waren für einen echten Ritter unehrenhaft.

Die Ritter nahmen Stellung in einer geschlossenen Formation, meist in einer breiten Front, legten die Lanzen ein und stürmten auf Kommando allesamt in wildem Galopp wie eine Lawine aus Eisen auf den Gegner zu. Das Fußvolk stürmte hinterher. Meist löste dieser Anblick bei den muslimischen Heeren Panik aus.

Der Zusammenprall war verheerend. Man hörte das Krachen und Splittern von zerberstenden Lanzen und zerschmetternden Schilden, Eisen klirrte, Pferde bäumten sich auf, und die Luft war erfüllt von den Schreien der Sterbenden und Verwundeten. Verstümmelte und tote Krieger wirbelten durch die Luft, wurden von den Hufen der hinteren Pferde zertrampelt. Ein Krieger brauchte starke Nerven, um in diesem Moment nicht in Panik zu geraten.

Meist riß dieser Sturmangriff die locker formierten Reihen der Muslime in Stücke. Hielten sie aber stand, entartete das Gefecht in ein wildes Schlachten Mann gegen Mann. Meist hatte die Lanze eines Ritters diesen Ansturm nicht heil überstanden, und man wütete mit Schwert, Streitaxt und Streitkolben weiter. Aber diese Schlachten hatten wenig mit den Kämpfen aus Heldensagen gemein. Keine Finten, keine Ausweichmanöver oder Fechten. Die Kunst lag darin, daß ein Ritter versuchte, einen möglichst kräftigen Schlag gegen den Feind zu führen. Meist zielte man auch nicht und ließ den Schild des Gegners außer Acht, sondern schlug mit aller Gewalt zu.

Der Angegriffene versuchte den Schlag mit seinem Schild aufzufangen. Eine Parade mit der Waffe war unmöglich. Streitaxt und Streitkolben (ältere Modelle) würden wegen ihrer Holzschäfte zerstört oder aus der Hand geschlagen. Und selbst das Schwert, das mit seiner Eisenklinge einem Schlag standhalten könnte, war wie die übrigen Waffen viel zu schwer, um rechtzeitig in Position gebracht zu werden. Wenn der Schlag durch den Schild drang oder wenn dieser schon zerstört war, konnte man nur noch auf seine Körperpanzerung vertrauen.

Alles in allem war dies nur noch ein grausames Gemetzel, denn gegen die schwergepanzerten Ritter waren die muslimischen Krieger fast machtlos. Ein muslimischer Edler der Kreuzzugszeit beschrieb die Unverwundbarkeit der „fränkischen Eisenleute“ folgendermaßen: „…Sie schienen eine eiserne Masse zu sein, von der alle Schläge einfach abglitten…“. Die schweren Waffen der abendländischen Ritter konnten dazu den leichtgepanzerten Muslimen schlimme Wunden reißen und sogar das Haupt vom Rumpf trennen. Nach dem Sturmangriff wurden die Ritter vom folgenden Fußvolk im Nahkampf unterstützt.

War die Schlacht gewonnen, stellte der siegreiche Heerführer seine Standarte auf dem Schlachtfeld auf und schlug das Feldlager hier auf. Die fliehenden Truppen des Feindes zu verfolgen, stand selten im Sinne des Heerführers. Die Besetzung des Schlachtfeldes sollte den Sieg symbolisieren. Der Hauptgrund war aber eher die Plünderung der Gefallenen. Fast schon eine Unsitte, die gegen die ritterlichen Tugenden verstieß, aber weil Waffen und Rüstungen sehr teuer waren, wurden sie den Toten, Freund wie Feind, abgenommen.

Ein weiterer Grund, das Feldlager sofort aufzuschlagen, war die Versorgung der Verwundeten und die Erschöpfung der Pferde, die einen Eisenkoloß durch die Schlacht tragen mußten. Diese Kampftaktik wurde während des Hochmittelalters fast nie umgeändert oder variiert. Die Truppen hätten wahrscheinlich in diesem Falle gemeutert. Diese Verranntheit und das feste Vertrauen in ihre Taktik sollte den westeuropäischen Heeren noch viele Niederlagen bereiten.

5.3. Kampftaktik und Bewaffnung der Muslime
Die Stärken der muslimischen Heere waren im Gegensatz zu den Kreuzritterheeren Gewandtheit und Schnelligkeit. Die Hauptstreitmacht der Muslime war die Kavallerie. Auf ihren kleinen Wüstenpferden waren sie gewandter und schneller als die schweren europäischen Ritter. Sie waren nur leicht gepanzert. Entweder trugen sie ein Kettenhemd, das den Körper bis zur Taille und die Oberarme bedeckte, oder gar keine Rüstung, um ihren Körper zu schützen. Die meisten von ihnen trugen zudem einen leichten Helm.

Eine weitere Besonderheit waren ihre kleinen, runden Buckelschilde, die mit Metallbändern und -buckeln verstärkt wurden. Sie wurden auf der Innenseite mit einem Lederriemen festgehalten und boten deshalb mehr Bewegungsfreiheit, und man konnte sie besser führen als die fränkischen Schilde. Die Rüstungen der Muslime waren besser an die klimatischen Verhältnisse des Morgenlandes angepaßt als die europäischen.

Die Waffen der Moslems waren Lanzen, beidseitig geschärfte Schwerter und Krummsäbel, Streitkolben und Streitaxt. Zudem trug fast jeder Krieger einen Krummdolch (Jambiya) bei sich, der eine rituelle Bedeutung hatte. Ihr Waffenarsenal war dem europäischen sehr ähnlich, obwohl ihre Waffen im Durchschnitt leichter und damit nicht so tödlich waren. Ihre Krummsäbel, Scheiden und auch ihre Schilde und Rüstungen verzierten sie mit Silber, Gold und Edelsteinen in Form von Tierfiguren, Ornamenten und Inschriften aus dem Koran.

Die Hauptwaffe der Moslems war jedoch der türkische Kurzbogen. Er hatte zwar eine kürzere Reichweite als die europäischen Kreuzbogen, konnte aber dafür leichter gehandhabt und vor allem vom Pferderücken herab benutzt werden. Jeder muslimische Reiter besaß solch einen Bogen und einen Köcher voller Pfeile. Zudem führten manche ihrer Reiter noch einen leichten Wurfspieß mit sich.

Die Grundtaktik der Muslime war nur gering komplexer als die der christlichen Heere. Sie stürmten auf ihren schnellen Pferden, meist aus mehreren Richtungen zugleich, an den Feind heran, schossen noch im Ansturm ganze Pfeilhagel auf den Feind ab, schleuderten ihre Wurfspieße in die feindlichen Reihen und fuhren dann mit blitzenden Krummsäbeln in die gegnerischen Linien. Bald aber merkten sie, daß sie wenig Chancen im Kampf gegen die waffentrotzenden Reihen der schwergepanzerten Ritter hatten.

Sie begannen ihre Taktiken zu ändern. Sie mieden Schlachten auf offenem Feld, auf dem der Feind seine und die gegnerischen Truppen gut überschauen konnte und nutzten das Gelände zu ihren Gunsten. Sie versteckten sich hinter Hügeln und in felsigem Gelände, um den europäischen Truppen aufzulauern und diese dann von hinten anzugreifen. Außerdem versuchten sie einzelne Truppenteile vom Rest des Heeres zu trennen und zu umzingeln. Auch Überraschungsangriffe auf Feldlager gehörten zu ihren unritterlichen Taktiken.

Sie merkten zudem, daß ihre Pfeile die Ritter kaum verletzten, und schossen statt auf den Reiter auf sein Roß. Nachdem das Pferd von Pfeilen durchbohrt zu Boden ging, mußte der Ritter zu Fuß weiterkämpfen und war so ein besseres Ziel für die Muslime. Außerdem konnte man auf diese Weise einen Sturmangriff der Ritter schwächen, ja sogar ins Wanken bringen. Zudem war ein lebendiger Ritter meist mehr wert als ein toter, denn für seine Freilassung konnte man ein Lösegeld von seinen Verwandten fordern.

Weil die Muslime untereinander selbst in mehrere Glaubensgruppen gespalten waren, die sich sogar hart untereinander bekämpften, konnte es den Kreuzfahrern gelingen, im Heiligen Land überhaupt Boden zu gewinnen. Anfangs hatten die kleinen moslemischen Armeen bei strategischen Truppenbewegungen durch ihre Schnelligkeit einen Vorteil, aber auf Dauer konnten sich die Europäer durch ihre Überzahl besser behaupten.

Die moslemischen Heere konnten nicht so viel Verluste hinnehmen, ohne an Schlagkraft zu verlieren. Zudem verstanden sich die christlichen Heere sehr gut auf Belagerungen. Daher gelang es ihnen schnell, strategisch wichtige Burgen, Festungen und Städte zu besetzen. Die späteren Niederlagen der Europäer gründen unter anderem darin, daß sie untereinander zerstritten waren und sich mißtrauten.

5.4. Die Belagerung
Die Muslime waren Meister im Bauen von Festungen und Burgen. Aber auch die meisten morgenländischen Städte waren befestigt. Weil die westeuropäischen Heere anfangs den Muslimen im offenen Feld überlegen waren, zogen sich diese in ihre Festungen zurück. Deshalb waren die Kreuzfahrer oft gezwungen, sich auf eine langwierige Belagerung einzulassen. Im Gegensatz zur offenen Feldschlacht kannten die Westeuropäer bei einer Belagerung eine Vielzahl von Taktiken und Strategien, um eine Festung oder Burg einzunehmen.

Als erstes mußte eine Festung umzingelt werden, um gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Umliegende Dörfer und Ansiedlungen wurden niedergebrannt. Meist versuchte man dann, mit Sturmleitern die Mauern zu überrennen. War die Gegenwehr zu heftig, stellte man sich auf eine längere Belagerung ein. Es wurden Kriegsmaschinen gebaut, um Breschen in die Mauer zu schießen und um die Bewohner zu terrorisieren und zu entmutigen. Zur Zeit der Kreuzzüge waren verschiedene Arten von Kriegsmaschinen im Gebrauch, hauptsächlich aber die Prätaria und das Katapult (näheres siehe auf der Seite über die Burgen und auf der Seite über die mittelalterlichen Waffen).

Eine besondere Grausamkeit der abendländischen Heere war, daß die abgeschlagenen Köpfe der Gefallenen wieder in die Stadt zurückgeschossen wurden, um die Verteidiger zu demoralisieren. Manchmal verschoß man auch Tierkadaver, um Seuchen zu verursachen. Es wurden auch Brandgeschosse in die Festungen geschleudert, um sie auszuräuchern. Daher legten die Verteidiger großen Wert darauf, die gegnerische Artillerie durch Ausbrüche oder eigene Katapulte zu vernichten.

Man konnte aber auch auf anderem Wege Breschen in die Mauern schlagen. Im Schutz von fahrbaren Holzdächern, sogenannten Katzen, unterminierten die Belagerer die Mauern, um sie entweder so zum Kollabieren zu bringen oder direkt durch den Stollen in das Innere der Festung zu gelangen. Wenn der Verteidiger dies bemerkte, legte er einen eigenen Tunnel an, der zum gegnerischen führte, und erschlug die Arbeiter.

Ein anderes Kriegsgerät, um Mauern und vor allem Tore zu brechen, ist der Rammbock oder auch Sturmbock. Er wurde entweder mit Muskelkraft gegen die Mauer oder das Tor geschlagen oder an Stricken befestigt im Schutze einer Katze gegen die Mauer geschwungen. Dagegen konnte der Verteidiger nur versuchen, den Sturmbock mit Steinen zu zertrümmern, ihn in Brand zu stecken oder die Mannschaft zu töten.

Um den Verteidiger zu schwächen und um einen Sturmangriff zu decken, feuerte man hinter beweglichen großen Holzschilden, sogenannten Pavesen, geschützt, mit Bögen und Armbrüsten auf die Krieger auf den Wehrgängen. Zu diesem Zwecke wurden auch Ballistas und Arcuballistas, eine Art Riesenarmbrust, verwendet, mit der man bis zu speergroße Bolzen und kleinere Steinkugeln verschoß. Die Arcuballista war eine Verbesserung der Ballista und konnte mehrere Geschosse gleichzeitig verschießen. Ballisten wurden von Verteidigern wie Angreifern gleichermaßen verwendet.

Trotz all dieser Kriegsgeräte mußte eine Festung erstürmt werden, wenn sie nicht kapitulierte. Dies geschah durch lange Sturmleitern, die von den Verteidigern leicht mit Stangen weggestoßen und umgekippt werden konnten. Also war dies sehr riskant, zumal die Kletterer von oben bombardiert wurden. Man konnte aber auch mit Hilfe eines sogenannten Belagerungsturms, eines fahrbaren Holzturms, die Mauern erstürmen.

Der Belagerungsturm wurde meist noch mit nassen Fällen und Leder umspannt, damit er nicht so gut in Brand zu stecken war. Er wurde von Soldaten an die Festungsmauer über den mit Holz zugeschütteten Burggraben gezogen. Nun konnte man mit Hilfe von Fallbrücken und Holzleitern auf die Mauer gelangen. Die Belagerungstürme waren bei den Verteidigern gefürchtet, da es ein sehr schweres Unterfangen war, einen an die Mauer gezogenen Belagerungsturm zu zerstören.

Konnte eine Festung trotz aller Bemühungen nicht eingenommen werden, versuchte man die Besatzung auszuhungern und diese so zur Kapitulation zu zwingen. Es gab viele Festen, die nie erstürmt werden konnten, sondern nur ausgehungert wurden.

Jeder Krieger vom Knecht über den Fußsoldaten bis hin zum Ritter haßte Belagerungen. Das Ausharren und die großen Anstrengungen machten den meisten Rittern sehr zu schaffen. Aber auch die Zivilbevölkerung einer belagerten Stadt hatte große Not und unendliches Elend zu ertragen. Es gab Belagerungen, die sich über Jahre hin erstreckten. So lange hielten die wenigsten Besatzungen aus. Sie verloren den Mut und die Nerven und kapitulierten.

ergämzend:

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Die Indogermanen

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905)

Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905)
(PDF-Dateien: Band 1, Band 2)

Vorwort

In diesem Buche habe ich beabsichtigt, eine knappe Übersicht über die Urheimat und Kultur der Indogermanen zu geben. Um die Urheimat zu bestimmen, mussten die Sprachen Europas betrachtet und die Wanderungen der einzelnen Stämme kurz dargestellt werden. Die Kultur der Indogermanen aber ist die des prähistorischen Europas überhaupt, da sich auf diesem Gebiet Grenzen zwischen ihnen und den übrigen Völkern nicht ziehen lassen. Mein Plan war von allem Anfang an darauf gerichtet, ein allgemein verständliches Buch zu schreiben. Ich habe daher in der Darstellung alle Anmerkungen vermieden und diese an den Schluss des Werkes in einen dritten Teil verwiesen. In diesem wird der Leser die Literatur, die ihn weiter führen kann, das sprachliche Material, soweit es wirklich beweiskräftig ist, und zahlreiche Zeugnisse angeführt finden. Auch einige ausführliche Erörterungen sollen dort ihren Platz erhalten. Da die Fülle des Stoffes schliesslich nicht in einem Band vereinigt werden konnte, so ist eine voraussichtlich gleichmässige Teilung vorgenommen. Doch wird der zweite Band so eingerichtet werden, dass man die Anmerkungen besonders binden lassen und dann bequem neben dem Texte benutzen kann.

Den Plan zu diesem Buche habe ich im Jahre 1891 gefasst und seitdem nie aus dem Auge verloren. Eine ganze Reihe kleinerer Aufsätze, die ich seit dieser Zeit veröffentlicht habe, waren die Frucht der dauernden Beschäftigung mit den behandelten Problemen. Die erste, nicht vollendete Ausarbeitung stammt aus dem Jahre 1897. Ich musste diese aus äussern Gründen abbrechen und bin erst vor zwei Jahren wieder dazu gekommen, die endgültige Fassung zu beginnen. Die Grundgedanken, von denen dieses Buch beherrscht ist, dass die Heimat der Indogermanen in der grossen nord-ostdeutschen Tiefebene zu suchen ist, und dass ihre Kultur bei weitem höher war, als man jetzt anzunehmen pflegt, stehen mir seit langem lest, und icli habe sie schon wiederholt ausgesprochen. Kbenso habe ich betont, dass sich mit Hilfe der Sprachwissen-schalt allein über die Kultur wenig ermitteln lassen wird. Die Sprache stellt daher nur im ersten Teil im Vordergrund, bür die Bestimmung der Wanderungen und der Verteilung der Völker ist sie unsere beste Führerin, für die Krschliessung der Kultur kann sie nur als Hilfswissenschaft in Betracht kommen.

lös ist selten zum Vorteil einer Wissenschaft, wenn sich nur wenige Forscher mit ihr beschäftigen. Die sog. indogermanische Altertumskunde wurde seit Jahren fast allein von O. Schräder betrieben, und es ist daher die Gefahr vorhanden, dass dessen Ansichten von Fern erstehen den für die von der Sprachwissenschaft allgemein anerkannten angesehen werden. Da ich die Richtigkeit gerade der wichtigsten Aufstellungen Schräders bezweifeln musste, so war es schon deshalb angebracht, in einer Gesamtdarstellung eine andere Auffassung zur Geltung zu bringen. Im übrigen wird man sehen, dass mein Buch ganz andere Wege einschlägt und andere Ziele verfolgt als die Schräders.

Am Schluss einer langem Arbeit ziemt es sich für mich, dankbar auf die mannigfache Förderung zurückzublicken, die ich erfahren habe. Vor vielen Jahren hat es mir die Albrcchtstiftung unserer Universität ermöglicht, Bosnien und die Herzegowina in längerm Aufenthalt kennen zu lernen. Wenn ich auch auszog, um serbische Dialekte zu studieren, so ergab sich doch als wesentlichstes Ergebnis der Einblick in die höchst altertümlichen wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Länder. Und dieser Einblick ist, glaube ich, diesem Buche ausserordentlich zugute gekommen. Die lebendige Anschauung ist eben durch keine Bücher zu ersetzen.

Auch jetzt wieder hat mir die Albrcchtstiftung die Fertigstellung dieses Buches ermöglicht. Die bedeutendste Förderung auf ethnologischem Gebiete habe ich durch E. Grosses Bücher . Die Anfänge der Kunst«, und Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft« erfahren. Mannigfache Anregungen im persönlichen Verkehr kamen hinzu. Büchers Schriften haben mich in die volkswirtschaftlichen Fragen eingeführt, und ebenso habe ich aus dem Umgang mit ihm manchen wertvollen Fingerzeig erhalten. Der Frage nach der Urheimat der Indogermanen brachte Fr. Ratzel stets das grösste Interesse entgegen und im Hin und Wider der lebendigen Unterhaltung mit ihm hat sich manche Ansicht bei mir geklärt.

Prof. Hoops in Heidelberg und Prof. S. Müller in Kopenhagen haben mich durch die Überlassung der Aushängebogen ihrer Werke zu grossem Danke verpflichtet. Ich habe mich gefreut, ihren bedeutenden Ergebnissen meist rückhaltlos zustimmen zu können. W. Streitberg hat mir in mehr als einer Beziehung bei diesem Buche beigestanden. Bei der Korrektur hat er mir grosse Dienste geleistet. Ich kann ihm meinen Dank nicht besser abstatten, als dass ich ihm dieses Buch widme.

Dass eine Arbeit, die ein so weites Gebiet zusammenfasst, nicht ohne Mängel sein kann, dessen bin ich mir wohl bewusst. Ich glaube aber dafür gesorgt zu haben, dass der Leser das sichere vom unsichern unterscheiden kann, und dass er, wenn er will, zu den Problemen hinabsteigen kann.
Die Indogermanen – Die Nachbarn der Indogermanen: Iberer, Urbewohner der britischen Inseln, Ligurer, Etrusker, die Prähellenen, Kleinasiaten und Finnen

I. TEIL.

Einleitung. — Die Nachbarn der Indogermanen: Iberer, Urbewohner der britischen Inseln, Ligurer, Etrusker, die Prähellenen, Kleinasiaten und Finnen.

l. Einleitung und Vorbemerkungen.

Die Geschichte in dem Sinne, wie sie gewöhnlich verstanden wird, beginnt in Europa aussergewöhnlich spät. Wenn es neuerdings gelungen ist, tiefer in das Dunkel des griechischen Altertums einzudringen, so führt uns auch das kaum viel über das erste vorchristliche Jahrtausend zurück, und die Geschichte der nordeuropäischen Völker in der Zeit vor der christlichen Zeitrechnung ist ausserordendlich dürftig. Ein berechtigtes Streben treibt dazu, tiefer in die Schicksale der Völker einzudringen, die nunmehr fast seit drei Jahrtausenden die Weltgeschichte beherrschen und das höchste für die menschliche Kultur geleistet haben. Wir wollen wissen, woher sie stammen und wie sie gelebt haben, bevor sie vor unsern Augen schaffend und handelnd auftreten. Einiges davon lässt sich in der Tat erkennen und dies darzustellen ist die Aufgabe dieses Buches, das daher in zwei Teile zerfällt. Der erste behandelt die Herkunft und die Wanderungen der europäischen Völker, insbesondere derer, die wir indogermanische nennen, und der zweite will ein Bild ihrer vorgeschichtlichen Kultur geben, soweit wir dies mit den Mitteln, die uns zu Gebote stehen, zeichnen können.

Seit dem Ende der Eiszeit, das wir zeitlich nicht festsetzen, kaum schätzungsweise bestimmen können, ist Europa zweifellos besiedelt gewesen. Geschichtliche Nachrichten führen uns schwer-lieh über das erste Jahrtausend vor Christus zurück, und so sind wir, uni die 1 lerkunft der Hewohner unseres Erdteils zu ermitteln, auf andere Hilfsmittel angewiesen, als sie die eigentliche Geschichte bietet. Die Funde, die in immer steigender Menge aus dem Schoss der Hrde ans Licht gefördert werden, künden uns wohl, dass Menschen gelebt haben, aber woher sie stammen, welche Sprache sic gesprochen, lehren sie uns nicht. Die Überreste menschlicher Körper, die uns die Gräber bewahrt haben, stimmen zwar vielfach mit den heute noch in Kuropa vorhandenen Menschentypen überein, aber auch sie vermitteln keine sichere historische Erkenntnis, da die Gelehrten oft genug noch nicht einig sind, was sic aus den menschlichen Überresten folgern dürfen. So bleibt uns denn nur eine Wissenschaft, die sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt hat, als Führerin übrig, die uns zwar nicht in allzuweite Fernen, aber doch sicher in Zeiten zurückführt, von denen keine geschichtliche Kunde auf uns gekommen ist, das ist die vergleichende Sprachwissenschaft. Sie hat uns in Europa eine Reihe grösserer Sprachstämme kennen gelehrt, von denen der wichtigste durch das Alter seiner Denkmäler und durch die Bedeutung der Völker, welche ihm ange hören, der indogermanische genannt wird.

Während man noch im 18. Jahrh. mehr oder minder unsichere Vermutungen über den Zusammenhang der europäischen Sprachen hegte, wurde auf einmal der Nebel unsicherer Spekulationen zerstreut und die Vergangenheit der europäischen Völker mit einem Schlage bis zu einem gewissen Grade erhellt, als Franz Bo pp nachwies, dass eine Reihe von Sprachen unseres Erdteils, wie Griechisch, Lateinisch, Germanisch, Litauisch und Slavisch mit denen Indiens und Irans, dem Sanskrit und dem Avestischen, auf das engste zusammenhingen. Diese Verwandtschaft Hess sich, wie die weitere Forschung lehrte, nur so denken, dass alle diese Sprachen aus einer nicht mehr erhaltenen Ursprache geflossen, also Töchter einer ausgestorbenen und untergegangenen Muttersprache seien. Da sie sich nach der damaligen Erkenntnis vom Indischen im fernen Osten bis zum Germanischen im Westen erstreckten, so nannte man den Sprachstamm, dem sie angehörten, den Indogermanischen. Als man erkannte, dass er sich noch weiter nach Westen ausgedehnt habe, dass ihm auch das Keltische zuzurechnen sei, hat man den Namen indokeltisch als zutreffender vorgeschlagen, ohne dass dieser dem eingebürgerten gegenüber hätte Anerkennung gewinnen können. Während wir Deutsche bei der älteren Bezeichnung beharren, hat sich sonst der Name indoeuropäisch Geltung verschafft, der insofern nicht berechtigt ist, als die europäischen Sprachen nicht durchweg unserm Sprachstamm angehören. Und schliesslich finden wir nicht selten auch den Ausdrucke arisch gebraucht, den zweifellos die Inder und Iranier als Bezeichnung für sich selbst angewendet haben, und von dem man vermutet hat, dass er auch im Westen, in Irland, vorhanden war. Aber diese Annahme ist nichts weniger als sicher, wenngleich sich nicht verkennen lässt, dass der Name Arjo-in der Namengebung sehr beliebt war. Die Indogermanen haben aber wahrscheinlich kein einheitliches Volk mit dem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gebildet, sondern sie sind wie noch in spätem Zeiten die geschichtlichen Völker in zahlreiche Einzelstämme zerfallen, so dass sie sich schwerlich mit einem Gesamtnamen bezeichnet haben.

Andere Bezeichnungen wie japhetitisch, teutarisch haben sich niemals einer weitern Verbreitung zu erfreuen gehabt. So wird man am besten bei dem in Deutschland eingebürgerten Ausdruck Indogermanen bleiben, wenngleich der Name „Arier“ durch seine Kürze manche Vorzüge für den Gebrauch aufwiese. Die Zahl der Sprachen, die wir zu diesem Stamme rechnen, hat sich mit der Zeit und unserer wachsenden Kenntnis immer noch vermehrt und wird sich vielleicht in kommenden Jahren noch vergrössern, wenn uns günstige Funde mit neuen Sprach-quellen bekannt machen. Sind auch viele Gruppen der indogermanischen Sprachfamilie im Laufe der Zeiten ausgestorben, so leben doch heute noch acht Abkömmlinge des alten Sprach-zweiges fort, nämlich Griechisch, die romanischen Sprachen, die vom alten Latein stammen, die keltischen und germanischen Dialekte, das Litauische, das Slavische, das Albanesische, das Armenische und die arischen Sprachen in Asien. Ihr Schicksal hat sich sehr verschieden gestaltet. Denn während heute die romanischen, germanischen, slavischen und arischen Dialekte weite Länder auch ausserhalb Europas beherrschen, ist das Griechische auf einen verhältnismässig kleinen Kreis der Mittelmeerküste beschränkt. Keltisch, Litauisch, Albanesisch und Armenisch aber breiten sich kaum noch aus, sondern sie werden von den übermächtigen Nachbarsprachen mehr und mehr zurückgedrängt.

Die Geschichte aller dieser Sprachstämmc ist sehr merkwürdig und wird später kurz vorgeführt werden, dem ausserdem eine Betrachtung der ausgestorbenen Idiome anzureihen ist. Wir sehen, wie sich diese Sprachen im Laufe der Geschichte über ein ungeheures Gebiet ausgedehnt haben, und da wir eine derartige Ausdehnung auch für die vorgeschichtlichen Zeiten voraussetzen dürfen, so müssen wir annehmen, dass das Land, in dem die Ursprache gesprochen wurde, viel beschränkter gewesen ist als es zu der Zeit war, in der die Geschichte ein erstes Licht auf diese Stämme verbreitet. Diese grosse Ausbreitung, die sich naturgemäss durch Wanderungen vollzogen hat, zu verfolgen, wird eine der Aufgaben dieses Buches sein. Ehe wir aber an sie herantreten, ist es nötig einige allgemeine Begriffe festzustellen, die, wenn sie nicht genügend scharf gefasst werden, leicht zu Verwirrung Anlass geben,

Rasse, Volk und Sprache.

Auf Grund der Ergebnisse der Sprachwissenschaft vermuten wir, dass einst eine Sprache bestanden hat, aus der alle die genannten Sprachen geflossen sind. Diese Annahme ist so sicher, wie nur etwas sein kann, denn das Fortleben einer Sprache ist in der schriftlosen Zeit nur so denkbar, dass sie von Mensch zu Mensch, vom Mund des einen zum Ohr eines andern übertragen wird. Erschliessen wir aber eine indogermanische Sprache, so setzt das auch notwendig Menschen voraus, die sie gesprochen haben. Man nennt sie Indogermanen. Mit einer leicht erklärlichen Übertragung spricht man aber auch von einem indogermanischen Volke, ja man redet sogar von einer indogermanischen Rasse, ohne sich klar zu machen, dass wir mit diesen Ausdrücken schon über das Erkennbare hinausgehen. Jedenfalls darf man diese Worte nicht ohne weiteres eines für das andere gebrauchen, denn Rasse, Volk und Sprache sind drei Begriffe, die wir auf das schärfste auseinanderhalten müssen.

Der Begriff „Rasse“ bezieht sich auf die körperlichen Eigenschaften des Menschen, die Eigenschaften, mit denen er geboren wird, und denen er nicht entfliehen kann. Die Menschen zeigen in grossen geographischen Provinzen bei aller Verschiedenheit im einzelnen gewisse Ähnlichkeiten im allgemeinen, die sie von Bewohnern anderer Länder unterscheiden. Das augenfälligste Merkmal ist die Hautfarbe, von der denn auch eine der wichtigsten Einteilungen der Rassen stammt, da wir die weisse, die gelbe, die rote und die schwarze Rasse unterscheiden. Zur weitern Einteilung dienen andere Merkmale, die es uns ermöglichen, auch innerhalb der weissen Rasse noch Unterabteilungen anzunehmen. Welche das sind, wird weiterhin erörtert werden, jedenfalls aber darf man nicht glauben, dass die Sprache ein Kennzeichen der Rasse ist, denn die Sprache eignet man sich erst nach der Geburt an, und es ist unzweifelhaft, dass jedes Kind die Sprache der Menschen lernt, unter denen es aufwächst. Ein Kind deutscher Eltern wird in England, wenn es nur englisch hört, so gut die Landessprache lernen, wie nur ein Brite. Die Vermutung, dass in den Sprachorganen verschiedener Menschenrassen oder Völker Unterschiede bestehen, die notwendig zu verschiedener Aussprache führen müssten, hat sich noch nicht bewahrheitet und wird sich wahrscheinlich auch nie als richtig erweisen lassen. Was dem einzelnen Menschen geschehen kann, dass er im fremden Lande eine andere Sprache lernt, darf auch für ganze Volksstämme vorausgesetzt werden. Dafür kennen wir Beispiele genug. Das klassische ist das der romanischen Sprachen. Gewiss sind römische Beamte und römische Kolonisten nach Spanien und Gallien gekommen, aber sie waren sicher so gering an Zahl, dass die eingeborene Bevölkerung anthropologisch nicht wesentlich verändert wurde. Die Masse der Gallier blieb genau dieselbe, mochte sie nun keltisch oder romanisch sprechen. Und so sind die heutigen Franzosen im wesentlichen die Nachkommen der alten Kelten oder einer noch altern Bevölkerung, die auch die eingewanderten Kelten zu verdrängen nicht vermocht hatten. Die neue Sprache ist eingeführt durch die römische Verwaltung. An gewissen hervorragenden Punkten hatte sich das römische Element stärker als anderswo festgesetzt, und von hier aus erfolgte die Romanisierung des Landes. In entlegenen Gegenden hat die keltische Volkssprache noch Jahrhunderte lang bestanden, ist aber dann völlig ausgestorben. Das heutige Keltisch in der Bretagne wird von Menschen gesprochen, die erst im 5. — 7. Jahrh. nach Chr. aus Cornwales eingewandert sind. Nur wenig anders wie in Frankreich steht es in Spanien. Hier hat sich wenigstens im Baski-schen ein Dialekt der alten Landessprache der Pyrenäenhalbinsel bis zum heutigen Tage erhalten. Auf der Balkanhalbinsel haben ebenfalls zahlreiche Sprachübertragungen .stattgefunden, und nur ein indogermanischer Dialekt hat sich im Albanesischen, wenn auch in stark veränderter Gestalt, gerettet. W ie die Ausdehnung der neuen Sprache vor sich geht, das lehren uns moderne Verhältnisse mit hinreichender Deutlichkeit. Seit der Besetzung Bosniens und der Herzegowina durch die Österreicher gewinnt das Deutsche in diesen Ländern an Verbreitung. In der Hauptstadt Serajevo wird sehr viel deutsch gesprochen. In den kleinern Städten lernen es wenigstens die angesehenem Einwohner, und von ihnen nehmen es allmählich auch andere an. Nach ioo Jahren würde vielleicht fast das ganze Land deutsch sprechen, wenn die Österreicher so vorgehen könnten, wie die Römer es getan haben. Die römische Sprache ist zweifellos in allen romanischen Ländern zur herrschenden geworden, ohne dass eine nennenswerte Blutmischung stattgefunden hätte. Aber auch in Italien hat die Sprache der Stadt Rom erst zahlreiche Dialekte verdrängen müssen, ehe sie zur Alleinherrschaft gelangte. Zum Teil hat hier wirkliche Kolonisation stattgefunden, aber in der Hauptsache ist das eingeborene Element nicht durch die Römer ersetzt, nur ihre Sprache ist aufgegeben.

Ein anderer klassischer Ort für die Übertragung von Sprachen ist England. Hier haben zuerst nicht indogermanische Stämme gelebt. Nach dem Eindringen der Kelten aus Gallien wurde das Keltische zur herrschenden Sprache, neben der aber die einheimischen Dialekte gewiss noch lange Zeit bestanden haben. Den Römern scheint es nicht gelungen zu sein, das Land in weiterm Umfang zu romanisieren. Im 5. Jahrhundert eroberten die Angelsachsen England. Ihre Sprache verbreitete sich, und viele Kelten haben sie zweifellos gelernt, aber bis zum heutigen Tage sind die keltischen Dialekte noch nicht vernichtet. Noch einmal stand für England eine Sprachvcränderung bevor. Nach dem Eindringen der Normannen, selbst eines ursprünglich germanischen Volkes, wurde das Französische, das diese in der Normandie angenommen hatten, die Sprache des Hofes und der herrschenden Klasse. Erst nach mehreren Jahrhunderten hat das angelsächsische Element wieder soviel Kraft gewonnen, um mit seiner Sprache zu siegen, die allerdings vieles aus dem französischen Wortschatz aufnehmen musste. Wie steht es nun mit den Bevölkerungsverhältnissen? Unzweifelhaft hat England durch die Einwanderungen auch neues Blut erhalten, aber es ist doch nicht soviel gewesen, dass nicht der ältere Typus gegenüber dem eingewanderten seine Geltung hätte bewahren können.

Die Sprache ist also, das brauchen wir kaum noch weiter auszuführen, wir stehen damit aber im striktesten Gegensatz zu den Anschauungen vor dreissig, vierzig Jahren, nicht für eine Rasse charakteristisch und ebensowenig für ein Volk. Dass ein Volk nicht aus Blutsverwandten, ja nicht einmal aus Angehörigen derselben Rasse zu bestehen braucht, das lehren zahlreiche Beispiele. In der Gefolgschaft des hunnischen Königs Attila befanden sich auch germanische Stämme. Im Deutschen Reich treffen wir deutsche, dänische, französische, litauische und sla-vische Sprache, sicher auch anthropologisch verschiedene Menschen, und auch für die ältere Zeit dürfen wir annehmen, dass verschiedene Sprachen auf einem geographisch abgegrenzten Gebiete, innerhalb einer politischen Einheit bestanden haben können.

Wir würden auf diese Punkte nicht so energisch hinweisen, wenn sie nicht oft genug vernachlässigt würden, und wenn wir uns nicht vor Missverständnissen schützen müssten. Da es aber in unserer Darstellung nicht immer angeht, von iberischer, keltischer, germanischer Sprache zu reden, so betonen wir ausdrücklich, dass wir die Ausdrücke Iberer, Kelten, Germanen usw. nur im Sinne der Sprache verwenden. Tatsächlich ist ja nun auch die Sprache das Element, das dem Menschen das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit am ehesten nahelegt. Als Deutsche gelten uns die Menschen, die deutsch sprechen, mögen sie in Deutschland, Österreich, Russland oder Amerika wohnen, und ebenso nennen wir Slaven die slavisch sprechenden, auch wenn sie deutsche Staatsangehörige sind. Nur wenn starke anthropologische oder religiöse Verschiedenheiten innerhalb einer Sprachgemeinschaft hinzukommen, wie bei den Juden, genügt die Sprache nicht zur Charakteristik. Für die ältern Zeiten aber ist und bleibt die Sprache überhaupt das einzige Mittel, nach dem wir die Völker einteilen können. Auch da, wo nur eine Sprachübertragung, keine Völkerverschiebung stattgefunden hat, setzt diese Tatsache einen geschichtlichen Vorgang voraus, der für uns von der höchsten Bedeutung ist. Treffen wir die indogermanischen Sprachen in entfernten Ländern, so folgern wir daraus mit Notwendigkeit eine Wanderung indogermanischer Stämme in diese Gegenden. Mögen diese auch nicht sehr stark an Zahl gewesen sein, mag das einheimische Element anthropo-loL,i“ch wenig oder gar nicht verändert sein, die politische Herrschaft und Gewalt müssen die Einwanderer doch so lange besessen haben, bis die einheimische Bevölkerung die fremde Sprache gelernt hatte. Das ist, wie schon die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen lehrt, oft genug geschehen, aber vielleicht noch öfter haben die Eroberer ihre Sprache zu gunsten der einheimischen aufgegeben. Den germanischen Stämmen, wie den Goten, den Vandalen, den Franken ist es zwar zeitweilig gelungen, mächtige Reiche im Süden zu gründen, aber ihre Sprache konnten sie nicht bewahren. Die Kelten haben ebenfalls ein gewaltiges Gebiet politisch beherrscht, aber ihre Sprache konnte sich noch weniger als die germanische durchsetzen. Es müssen also besondere Bedingungen sein, die einer Sprache zum Siege verhelfen, Bedingungen, die sich wohl noch erkennen lassen, und von denen vornehmlich die eine zu beachten ist, dass das eroberte Gebiet in einem gewissen Verhältnis zur Zahl der Eroberer stehen muss. Hat sich erst mal ein zusammenhängendes neues Sprachgebiet gebildet, so kann von hier aus allmählich eine weitere Ausdehnung eintreten. Die Geschichte lehrt uns, dass alle Sprachübertragungen schrittweise vor sich gegangen sind. Am deutlichsten ist auch hier wieder die Ausbreitung der römischen Sprache, die sich von Rom über Eatium, dann über Samnium, Etrurien, schliesslich über Italien und von da aus Schritt für Schritt weiter im Laufe vieler Jahrhunderte ausgedehnt hat. Ähnlich wird sich die Entwicklung an anderen Orten vollzogen haben. Auch Indien, Iran, Griechenland und andere Ränder sind erst allmählich indogermanisch geworden, und erst im Raufe von Jahrhunderten haben die Sprachen die Verbreitung erlangt, in der wir sie finden.

Wir dürfen uns deshalb die Wanderung der indogermanischen Stämme nicht, wie man das wohl früher getan hat, so-denken, dass sie mit einem Male infolge eines übermächtigen Wandertriebes, der sie ergriffen, samt und sonders aus der Urheimat aufgebrochen wären und nun auf den verschiedensten Wegen ihre spätem Wohnsitze erreicht hätten. Eine solche Auffassung ist so unhistorisch wie nur möglich, sie ist, das kann man mit Sicherheit sagen, ganz undenkbar. Wir werden sehen, dass die Indogermanen schon einen ziemlichen Grad der Sesshaftigkeit erreicht hatten, und unter solchen Verhältnissen machen sich Völker nicht ohne weiteres auf, um in ferne Länder zu ziehen. Ein rascher Zug durch weite Länderstrecken kann zwar zu zeitweiliger Eroberung führen und manche Verhältnisse umgestalten, aber zu nachhaltiger Umwandlung der Sprache führt er nicht. Weder die Kimmerier, die Kleinasien überschwemmten, noch die Skythen, die ihnen folgten, noch auch die spätem asiatischen Völker wie die Hunnen, Bulgaren, Mongolen haben ihre Sprache den Besiegten aufzwingen können. Nur eine allmähliche Ausbreitung mit immer erneuten Nachschüben kann zu dauernder Sprachübertragung führen.

Auch der Begriff des Volkes muss noch durch einige Bemerkungen näher bestimmt werden. Er ist heute im wesentlichen staatsrechtlicher Bedeutung, und in der Tat verbinden wir mit diesem Wort die Anschauung einer festen Vereinigung unter einer einheitlichen Leitung. An der Hand der Geschichte erkennen wir, dass sich diese Vereinigung erst allmählich vollzogen hat, ja dass auch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gleich sprechender Menschen erst allmählich entstanden ist. Je weiter wir zurückkommen, um so seltener finden wir eigentliche Völker, vielmehr zerfallen die Angehörigen eines Spracli-stammes zunächst in kleine Gruppen, die sich oft genug feindlich gegenüberstehen.

Fast überall, wenn auch nicht immer, ist die Einigung ein später Vorgang, der gewöhnlich dadurch hervorgerufen wird, dass ein Stamm mit der Zeit andere unterwirft und sich dadurch vergrössert. So ist denn auch dieser Begriff mit Sicherheit für die Urzeit kaum anwendbar, er entwickelt sich vielmehr im Laufe der Geschichte. Es ist aber wohl zu beachten, dass schon in früher Zeit zuweilen auch grössere Reiche und Volksverbände unter einheitlicher Leitung entstanden sein können, ja entstanden sein müssen. Während die Ausdehnung an den Grenzen vielfach in Form der Kolonisation vor sich gehen kann, setzt die Tatsache, dass Indogermanen in sehr ferne Gebiete gelangt sind, mit Notwendigkeit grössere Geschlossenheit und kriegerische Organisation voraus. Es müssen Stämme unter einem Häuptling ausgezogen und sich im fremden Lande behauptet haben.

Die Lage Europas und seine verschiedenen Völker.

Die Geographen wollen unser altes Europa nicht als vollgültigen Krdteil anerkennen und das mit vollem Recht. Ks verdankt ja diese seine Würde nicht wissenschaftlicher Überlegung, sondern dem zufälligen Umstand, dass die Geographie ihren Ausgangspunkt im Mittelmeerbecken genommen hat. Hin Blick auf die Karte lehrt uns in Kuropa eine Halbinsel Asiens erkennen, die auch mit Afrika eng verbunden ist. Denn das Mittelmeer bildet keine Trennungslinie, sondern verbindet die anliegenden Küsten. Aber doch ist hier wenigstens in dem Meer eine Grenze gegeben, während nach Osten hin zum Teil jede natürliche Scheidewand fehlt. Zwar trennt die Gebirgskette des Ural für eine grosse Strecke die Völker, aber südlich davon ist das nicht mehr der Fall, und erst in neuerer Zeit ist die Grenze hier dauernd festgelegt. Mit dem Begriff Erdteil können wir aber kulturhistorisch überhaupt nicht viel anfangen, für uns ist es vielmehr geboten, wirtschaftsgeographische Provinzen anzunehmen. Und da vermögen wir im Osten allerdings eine Grenze zu ziehen, wenngleich sie nicht scharf bestimmt werden kann. Denn hier geht das Waldland Europas mehr und mehr in eine Steppe über, nicht durch Zufall, sondern bedingt durch klimatische Verhältnisse, besonders durch den immer geringer werdenden Einfluss des Golfstromes. Im südöstlichen Russland, im Gebiete der Steppe hört der Ackerbau allmählich auf, und seit ältester Zeit fast bis auf die Gegenwart weiden dort wenig sesshafte Hirtenvölker ihre Herden. Diese Gegenden hängen in ihrer Natur und der Wirtschaftsform, die sie immer nur ermöglicht haben, eng mit den angrenzenden Teilen Asiens zusammen, und und hier haben wir also die Grenze unseres Kulturgebietes zu ziehen. Im Süden sind Nord- und Südküste des Mittelmeers einander ähnlich. Das Meer trennt hier die Völker nicht, es verbindet sie nur. A.ber die mächtigen Gebirge Kleinasiens bilden wiederum einen Grenzwall, der ein Naturgebiet von dem anderen scheidet, und über den im allgemeinen die Indogermanen nicht hinausgelangt sind. Ganz im Norden treffen wir in Osteuropa die Tundren, die sich gleichfalls deutlich von dem Waldgebiet abheben.

Innerhalb dieser Grenzen liegt nun ein Gebiet, das von der Natur ausserordentlich günstig ausgestattet ist. In Breiten, in denen anderswo fast dauernder Winter herrscht, in Ländern, die sonst unter Eis und Schnee begraben sind, ist der Mensch hier noch gut zu leben befähigt, dank den milden Lüften, die der Golfstrom von dem Wendekreise herbeiführt. Das Meer schneidet überall tief in den Erdteil ein, macht seine ausgleichende Wirkung geltend und gliedert ihn in so mannigfaltiger Weise, dass die Europäer die kühnsten Seefahrer der Welt geworden sind. Durchweg liegt er in der gemässigten Zone, und in den südlicheren Teilen unseres Gebietes sorgen mächtige Erhebungen für einen Ausgleich im Klima und für reichliche Bewässerung. Europa ist ganz einzig gestellt. Immerhin sind die Winter in den nördlichen Teilen und in den Gebirgen des Südens doch so hart, dass der Mensch von Anfang an zu einer Fürsorge für die unwirtliche Zeit gezwungen gewesen ist, und es haben sich daher beim europäischen Menschen Eigenschaften entwickeln müssen, die ihn weit über andere Menschen erheben. Vieles gewährt die Natur in unsern Landen, aber nichts ohne andauernde und angestrengte Arbeit, und so ist die Kraft und die Arbeitsfreudigkeit des Nordeuropäers zweifellos eine Eigenschaft, die ihm in Jahrtausenden anerzogen zur zweiten Natur geworden ist.

Bei dem kleinen Gebiet, das Europa verhältnismässig umfasst, muss die Fülle seiner verschiedenen Völker berechtigtes Erstaunen hervorrufen. Nirgends auf der Welt finden sich auf so engem Raume so viel Völkerindividualitäten, wie man wohl cum grano salis sagen kann. R. von Jhering hat in seinem geistreichen Buche »Vorgeschichte der Indoeuropäer« den leider nicht ausgeführten letzten Teil überschrieben »Die Verschiedenheit der Europäischen Völker«, und es ist bedauerlich, dass wir* seine Antwort auf diese Frage nicht erhalten haben. Aber schon dass er sie aufgeworfen hat, zeugt von einem tiefen Eindringen. Tatsächlich sind ja Griechen und Römer, Germanen und Slaven, Spanier und Franzosen stark von einander verschieden. Sie lassen sich an gewissen Eigenarten ihres Charakters erkennen und durch die Erzeugnisse ihres geistigen Lebens bestimmen. Diese Verschiedenheit weist darauf hin, dass sich in Europa Ströme verschiedenster Völker aus ganz entgegengesetzten Richtungen gekreuzt haben. Und in der Tat steht ja Europa für Asien wie für Afrika in gleicher Weise offen. Die Landbrücke, die unsern Erdteil im Osten mit Asien verbindet, ist zweifellos auch schon in vorhistorischen Zeiten der Weg mancher Völker gewesen, wie sie ihn in historischen Zeiten noch oft genug gewandelt sind. Aber auch das Mittelmcer hat dem Vordringen südlicherer Stamme nie einen Riegel vorgeschoben. Wie die Araber nach Spanien, die Türken nach der Balkanhalbinsel im Lichte der Geschichte vorgedrungen sind, so kann es auch in vorhistorischen Zeiten öfter, als wir ahnen können, der Fall gewesen sein.

Wir haben dabei nur ein Europa im Sinne, wie es geographisch heute noch vorliegt. Gehen wir in Zeiten zurück, von denen uns nur die Geologie und Geographie Kunde gibt, so wird das Bild ein ganz anderes. Die zwei grössten Tatsachen«, sagt Ratzel, Her. d. kgl. sächs. Ges. der Wiss. zu Leipzig 1900 S. 32, die wir nachweisen können, wenn wir von der Gegenwart aus zurückgehen, sind die Trennung Europas von Asien durch Eis, Meer und Seen, wodurch Europa Insel wurde, und der Zusammenhang Asiens mit Amerika über das heutige Beringsmeer weg. Beide sind von unberechenbarem Einfluss auf die Geschichte der Menschheit geworden, denn nichts geringeres als die heutige Rassensonderung und Rassenverteilung führt auf sie zurück. Wenn wir die Rassengemeinschaft zwischen Xordasiaten und Nordamerikanern, die durch den stillen Ozean getrennt sind, vergleichen mit der Rassensonderung zwischen Europäern und Asiaten, deren Wohnsitze ein Ganzes bilden, so glauben wir vor einem Rätsel zu stehen. Sehen wir aber, dass in der Diluvialzeit Asien und Amerika zusammenhingen, während Asien und Europa getrennt waren, so verbreitet sich Licht: die Mongoloiden von Asien und Amerika sind die Vertreter des zusammenhängenden Asien-Amerika, die weisse Rasse ist die Vertreterin des losgelösten Europa, eines Inselerdteils.« So verstehen wir das Dasein der besonderen weissen Rasse, aber die Fülle ihrer verschiedenen Unterformen und die Menge der verschiedenen Sprachen erhärten nur das, was jede Karte lehrt, mannigfache Wanderungen nach Europa.

Denn seiner natürlichen Lage entsprechend finden wir in Europa noch beim Beginn der Geschichte sechs verschiedene, mehr oder minder umfangreiche Sprachzweige, nämlich den iberischen in Spanien, den ligurischen in Südfrankreich und Italien, den rhäto-etruskischen in Italien und den finnischen im Norden unseres Erdteils. Dazu kommt die Sprache der Ureinwohner Griechenlands und Kleinasiens, die wir die pra-hellenische nennen wollen, und alle andern an Bedeutung und schliesslicher Ausdehnuug überragend, das Indogermanische. Von diesen leben nur drei heute noch fort, das Iberische im Baskischen, das Finnische und das Indogermanische, und es mag daher einst noch mehr Sprachzweige in unserm Erdteil gegeben haben. Im Laufe der Geschichte hat sich eine Sprache auf Kosten aller andern ausgedehnt, und heute beherrscht das Indogermanische fast ganz Europa, ist aber seinerseits wieder in zahlreiche Dialekte gespalten, die zu vollständig selbständigen Sprachen geworden sind, und sich aus ihrer heutigen Gestalt kaum noch als urverwandt würden erkennen lassen.

Hilfsmittel für die Kenntnis der Sprachen.

Wenn wir uns auch in diesem Buche hauptsächlich mit den indogermanischen Sprachen ihrer Bedeutung entsprechend beschäftigen wollen, so dürfen wir die übrigen Sprachzweige nicht ganz übergehen, denn aus ihrer Verbreitung und ihrem Untergang wird sich manches für die Geschichte und die Urheimat des Indogermanischen gewinnen lassen. Ausserdem sind schon alle diese Gruppen von einzelnen Forschern als indogermanisch angesehen worden, so dass wir auch aus diesem Grunde, wollen wir festen Boden unter den Füssen gewinnen, auf sie eingehen müssen. Freilich sind unsere Hilfsmittel für ihre Erforschung nichts weniger als glänzend. Von manchem Sprachzweige, wie dem Ligurischen, besitzen wir keine zusammenhängende Urkunde, und wir sind daher darauf angewiesen, andere Sprachüberlieferungen heranzuziehen. Das sind vor allem die Namen, die uns teilweise verhältnismässig reichlich bekannt sind; Namen von Personen und Völkern, Benennungen von Orten, Flüssen und Gebirgen sind uns nicht wenige überliefert, und es ist eine Eigentümlichkeit dieses Materials, dass es auch dann noch bestehen bleibt, wenn die Sprache selbst, der sie ursprünglich angehörten, zugrunde gegangen ist. Noch heute zeugen zahlreiche Ortsnamen im östlichen und mittlern Deutschland mit einem Klange, der auch dem Laien auffällt, von der einstigen Besiedelung der deutschen Lande durch die Slaven. ? Aber während die Ortsnamen in gewissen Gegenden fast durchweg aus dem Slavischen stammen, haben die grossen Flüsse wie Elbe, Oder, Havel, Saale, Spree den Namen bewahrt, den ihnen vor dieser Zeit die Germanen gegeben haben. Anderseits übernahmen die Germanen, als sie nach dem Süden und Westen vorrückten, die keltischen Benennungen der grossen h’liisse Rhein, Main, Neckar u. s. w. sowie andrer Orte, und es lasst sich daher mit Hilfe der Flussnamen das Gebiet abgrenzen, das einst in Deutschland keltisch gewesen ist. Wenn wir auch meist die Bedeutung dieser Namen nicht verstehen, so weist doch die Wiederkehr der gleichen Benennungen an den verschiedensten Orten auf das gleiche Volk als Namenquelle hin. Den I’lussnamen Iser treffen wir an verschiedenen Stellen Europas. Wir kennen die Iser als Nebenfluss der Elbe, die Isar als Nebenfluss der Donau, die Isere in Frankreich, und wahrscheinlich wird auch die alte Bezeichnung der Donau damit Zusammenhängen. Durch die Vergleichung derartiger Namen lässt sich einerseits der Umfang eines alten Sprachgebietes feststellen, und anderseits haben diese Benennungen ihren Wert für die Erkenntnis der Sprache selbst. Es liegen auf diesem Gebiet schon manche wertvolle Untersuchungen vor, wenngleich es bei weitem noch nicht erschöpft ist. Es fehlen uns vor allem auf den verschiedensten Gebieten systematische Sammlungen des Namenmaterials. Erst wenn wir diese besitzen, werden wir hier weiter Vordringen können als bisher.

Von besondrer Wichtigkeit sind ferner die Personennamen. Denn wenn wir auch sonst keine Sprachquellen haben, so sind diese doch oft reichlich bei den antiken Schriftstellern oder auf Grabsteinen überliefert. Zum besondern Glück sind die indogermanischen Personennamen auf ganz eigentümliche Weise gebildet, so dass wir sie deutlich erkennen und bestimmen können,, ob eine Sprache indogermanisch ist oder nicht. In Kleinasien hat Kretschmer ein anderes System der Benennung entdeckt, so dass wir auch hier den Umfang eines Sprachgebietes annähernd abzugrenzen imstande sind, und bei den Semiten herrscht wieder eine andere Art der Namengebung. Die Mittel, um die alten Sitze der einzelnen Völker zu erkennen, sind nicht so reichhaltig, dass wir es nicht mit Freuden begrüssen sollten, wenn wir vielleicht noch auf andern Wegen als den bisher bekannten unserm Ziele näher kommen könnten. Das ist in der Tat möglich, denn die altern Bewohner eines Landes haben vielleicht eine Spur ihrer Anwesenheit nicht nur in den Ortsnamen, sondern auch in den heute noch vorhandenen Mundarten hinterlassen. Tatsächlich gibt es ja innerhalb der heutigen grossen Sprachgebiete noch stark abweichende Dialekte, und es ist ganz zweifellos, dass zwischen solchen Dialekten des öftern eine scharfe Grenze besteht. Allerdings will die Forschung diese nicht immer anerkennen, weil man nicht darüber einig ist, was man als Kennzeichen des Dialektes ansehen soll. Man legt da, da wir ja meist von der geschriebenen Sprache ausgehen, einzelne Lautübergänge oder andere Eigentümlichkeiten zugrunde. So scheidet man das Hochdeutsche vom Niederdeutschen auf grund der hochdeutschen Lautverschiebung und innerhalb der hochdeutschen Dialekte werden ähnliche Kennzeichen benutzt. Aber derartige Züge bilden zweifellos nur in den wenigsten Fällen die Grundeigenheit einer Sprache. Wenn man mit dem Ohr Dialekte beobachtet, so fällt einem etwas ganz anderes auf, und das ist der Akzent im weitesten Sinne genommen. Das weiss schon das Volk, das den Sprechern andrer Mundarten vorwirft, dass sie anders sängen, d. h. einen andern musikalischen Akzent hätten. Wo ein derartiger neuer Akzent einsetzt, da haben wir zweifellos eine scharf ausgeprägte Dialektgrenze vor uns. Man muss nun die Frage aufwerfen, wie denn die Dialekte überhaupt entstehen. Es ist auch hier klar, dass wir es nicht mit einem so einfachen Vorgang zu tun haben, wie man gewöhnlich annimmt, dass nämlich bei einem einzelnen Menschen eine gewisse Veränderung eintritt, die sich dann allmählich ausbreitet. Das klingt in der Theorie ganz schön, in der Praxis aber kommen wir damit nicht aus. Das wird uns sofort klar, sobald wir nur die tatsächlichen Vorgänge etwas genauer betrachten.

Man sagt z. B. die heutigen romanischen Sprachen sind aus dem lateinischen entstanden. Aber wie haben wir uns das zu denken? Zweifellos haben die Gallier, die Iberer, die Vorfahren der Rumänen von den römischen Soldaten, Kaufleuten, Kolonisten u. s. w. lateinisch gelernt, und diese neue Sprache hat sich von gewissen Mittelpunkten des Handels oder der Verwaltung allmählich ausgedehnt. Von Anfang an aber werden die Eingeborenen die fremde Sprache etwas anders wiedergegeben haben, als sie im Munde der Römer klang. Wenn man sich auch bemühte, ganz genau so zu sprechen, wie man hörte, und wenn man dies auch nahezu erreichte, so gewann man dieses Ergebnis doch vielleicht auf einer ganz andern Grundlage der Aussprache. Vor allem aber wird man wohl stets einen andern Akzent gehabt haben, und wenn dadurch die Sprache zunächst nicht allzusehr bceinllusst wurde, allmählich musste die ganze Sprachentwicklung doch eine andere Richtung annehmen, gerade wie eine Billardkugel, die von einer andern einen kleinen Seitenstoss erhält, zuerst vielleicht nur unmerklich abweicht, bis dann bei wachsender Länge der Bahn die Abweichung immer merkbarer wird. Wie stark der Kinfluss der Muttersprache bei der Aussprache der fremden ist, kann man in grober Form beobachten, wenn Engländer oder Franzosen deutsch sprechen. Jedem fällt das Fremdartige dieses Deutsch auf, und der geschulte Forscher merkt sehr bald, dass dies auf der Beibehaltung einer Reihe von Eigentümlichkeiten der Muttersprache beruht. W enn also eine Sprach-übertragung stattgefunden hat, so müssen sich fast mit Notwendigkeit soviel neue Dialekte entwickeln, als alte vorhanden waren. Man kann sich das an den verschiedensten Fällen klar machen. Ganz deutlich wird es an dem Beispiel der neuhochdeutschen Schriftsprache. Zweifellos ist diese für die grosse Masse der Deutschen eine fremde Sprache, die sie erlernen müssen. In der Schrift scheint sie im grossen und ganzen einheitlich zu sein, wenn auch einige Abweichungen Vorkommen. Sobald sie aber ausgesprochen wird, erkennen wir, woher der Sprecher stammt. Der Schwabe, der Baier, der Sachse, der Ostpreusse, sie alle sprechen die Schriftsprache etwas verschieden aus, weil sie die Artikulationsbasis und den Akzent des heimischen Dialektes bei-behaltcn. Mit absoluter Notwendigkeit würden diese Unterschiede in späterer Zeit immer grösser werden, wenn nicht die Schule für eine Einheit sorgte. Wären nun einmal die eigentlichen Dialekte ganz in Deutschland verschwunden, wäre überall die Schriftsprache dafür eingetreten und hätte diese sich selbständig entwickeln können, so würden wir nach hunderten von Jahren wieder grosse, stark abweichende Dialekte finden, die aber im wesentlichen dieselben Grenzen und denselben Umfang haben würden wie die alten, obgleich sie mit diesen unmittelbar gar nicht zusammenhingen.

Das ist nun vorläufig zwar eine reine Konstruktion. Wir können aber ein Beispiel anführen, das dieser Annahme völlig entspricht. Die alte griechische Sprache zerfiel in zahlreiche Dialekte, die allmählich zu gunsten der Gemeinsprache gewichen sind. Auch das Neugriechische zerfällt wieder in zahlreiche Mundarten, die mit einer einzigen Ausnahme nicht auf die altgriechischen Dialekte zurückgehen, sondern eben auf der Koine, der Gemeinsprache beruhen. Wenn trotzdem die heutigen Dialekte ihrem Umfange nach zum guten Teil mit den alten übereinstimmen, so ist das nach dem oben gesagten nur natürlich, es kann eigentlich gar nicht anders sein. Denn die Gemeinsprache musste eben in jedem Dialektgebiet eine besondere Färbung annehmen, die sich ursprünglich wohl wenig auffällig mit der Zeit zu grösserer Entschiedenheit entwickelt hat.

Nach all diesem müssen wir jedenfalls den Versuch machen, ob wir nicht mit Hilfe heute bestehender Dialektgrenzen die Grenzen der alten Sprachen ermitteln können. Tatsächlich ist dieser Grundsatz von den Romanisten auch völlig anerkannt, und es steht fest, dass die grossen Verschiedenheiten der romanischen Dialekte, durch die sie eigentlich als besondere Sprachen erscheinen, auf der Verschiedenheit der Volkssprachen beruhen, auf denen sie erwachsen sind. Es ist mit der Annahme von dem Fortbestehen der Dialektgrenzen nicht gesagt, dass dieser Fall immer eintreten muss. Wenn eine starke Einwanderung, eine bewusste Kolonisierung stattgefunden hat, so kann allmählich auch die Sprache der Eroberer siegen, namentlich wenn das neue Gebiet nicht allzu weit von dem alten entfernt ist. So ist es z. B. nicht auffällig, dass sich zwar in den Alpen ein besonderer romanischer Dialekt, das Rhätoromanische, entwickelt hat, während von den Eigentümlichkeiten dieses Dialektes in Etrurien, wo doch auch Etrusker sassen, nichts zu spüren ist. Entweder sind hier die Etrusker selbst nur Einwanderer gewesen, die die einheimische Sprache nicht so wesentlich verändern konnten, oder Rhätisch und Etruskisch sind überhaupt verschiedene Sprachen gewesen. Und es gibt noch andere Möglichkeiten, dies zu erklären.

Nach Oberitalien sind ferner Kelten eingewandert. Wenn die oberitalienischen Dialekte in manchen Punkten dem französischen näher verwandt sind als dem eigentlichen italienischen, so weist das darauf hin, dass hier eben eine starke Einwanderung keltischen Blutes stattgefunden hat, und dass die keltische Sprache hier mit allen ihren Eigentümlichkeiten gesiegt hatte, ehe das Römische eindrang. Freilich könnte die Übereinstimmung zwischen Oberitalien und Frankreich auch auf das ältere in beiden Ländern heimische Volkselement der Ligurer zurückgehen. Und noch eins muss man betonen. Bei dem Kindringen eines neuen Volkes und der Sprachübertragung entwickeln sich immer zwei Sprachen, die der Sieger und die der Besiegten, Bei jener braucht keine Veränderung einzutreten, und es ist daher nicht wunderbar, wenn uns das Altgallische in einer so altertümlichen Gestalt entgegentritt. Die Sprache der besiegten Urbevölkerung kann schon zu Casars Zeiten wesentlich von jener verschieden gewesen sein, und es kann uns nicht in Erstaunen netzen, wenn das spätere Keltische solch starke Veränderungen zeigt. Neuerdings hat R. Meister i Dorer und Achaeer, Abhandl. d. phil.-hist. Klasse der k. sächs. Ges. der Wiss. 24, 3) gezeigt, wie in Lakedaimon und den übrigen Gegenden mit dorischer Herrscher- und achäischer unterworfener Bevölkerung tatsächlich zwei Sprachen nebeneinander standen. Infolge der spätem geschichtlichen Entwicklung wird die eine oder die andere gesiegt haben.

Es braucht sich natürlich nicht mit Notwendigkeit in der neuen Sprache irgend eine besondere Eigentümlichkeit der alten zu zeigen, da ja auch aus der Verbindung zweier Stoffe ein neuer entstehen kann, der von den beiden alten vollständig verschieden ist, wie sich denn aus Chlor und Natrium Salz bildet, das weder die Eigenschaften des Chlores noch des Natriums zeigt. Es wird sich nur fragen, ob nicht die Veränderungen, denen die neue Sprache im Laufe der Zeiten notwendig unterliegen muss, aus denselben Ursachen hervorgehen wie die der alten, ob also nicht das merkwürdige Zusammenschrumpfen der französischen Sprache auf denselben Gründen beruht wie der gleiche Vorgang im Keltischen. Oft werden wir nicht einmal das feststellen können, und wir werden uns damit begnügen müssen, das Zusammenfallen der alten Volksgrenze mit der Grenze des neuen Dialektes festzustellen. Auf der Karte 1 sind die heutigen romanischen Sprachgrenzen eingetragen, und daneben durch Schraffierung die alten Volkselemente angedeutet. Gewiss decken sich die beiden nicht vollständig, aber eine gewisse Übereinstimmung lässt sich nicht leugnen.

In der Balkanhalbinsel finden wir heute zwei slavische Sprachen, das Serbische und das Bulgarische, die sich sehr abweichend entwickelt haben, obgleich sie demselben Teil der grossen slavischen Sprachfamilie, dem Südslavischen angehören. Da wir hier auch im Altertum zwei verschiedene Völker, die Illyrier und die Thraker finden, so hat schon Miklosisch daran gedacht, dass die Verschiedenheit der beiden slavischen Sprachen durch die Verschiedenheit der zugrunde liegenden Sprache bedingt sei, und man wird vermutlich die Grenze zwischen Illyrisch und Thrakisch dahin verlegen können, wo heute die Grenze zwischen Serbisch und Bulgarisch ist. Wenn wir nun ausserdem sehen, dass das Albanesische, die so stark veränderte indogermanische Sprache, zwar eine ganze Reihe Entwicklungseigentümlichkeiten mit dem Bulgarischen, noch mehr aber mit dem Rumänischen teilt, während es mit dem Serbischen gar keine Ähnlichkeit zeigt, so wird man kaum daran zweifeln dürfen, dass es auf derselben Grundlage wie Bulgarisch und Rumänisch, d. h. auf Grundlage des alten Thrakischen erwachsen ist.

Die neuhochdeutsche Schriftsprache zeigt in der Aussprache eine merkwürdige Eigentümlichkeit. Obgleich sie ihrem ganzen Baue und ihrem Lautstande nach hochdeutsch ist, so wird sie doch richtig, d. h. bühnengemäss ausgesprochen mit den niederdeutschen Lautwerten. Als sich also die Niederdeutschen diese Sprache, die von ihrer eigenen stark abwich, aneigneten, haben sie sie einfach mit denselben Lauten wiedergegeben, die sie bisher gebrauchten. Ähnlich hat der armenische Lautstand eine grosse Ähnlichkeit mit dem der kaukasischen Sprachen, woraus wir mit Sicherheit schliessen können, dass in Armenien einst Menschen indogermanisch gelernt haben, deren Sprache dieselben Laute hatte wie die kaukasischen Sprachen. Denselben Lautstand wie das Armenische hat ferner das Ossetische im Kaukasus, das man mit Sicherheit für eine iranische Sprache ansieht. Auch hier weist diese Gleichheit darauf hin, dass beide Sprachen aus demselben Volkselement erwachsen sind.

Es ist ganz zweifellos, dass uns diese Eigentümlichkeit in der Sprachentwicklung manches lehren kann, und dass es uns auf manches hinweist, was wir sonst nicht wissen können. Zu bedauern bleibt nur, dass wir dieses Argument mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, aber doch nicht mit völliger Sicherheit verwenden können. So ist es z. B. auffallend und für die künftige Erkenntnis vielleicht von Bedeutung, dass das Etruskische, wie wir sehen werden, eine Reihe von Eigentümlichkeiten mit dem Süddeutschen teilt. Wie weit dies auf einem historischen Zusammenhang beruht, lässt sich, da uns andere Momente vorläufig noch ganz fehlen, nicht bestimmen.

Am Schluss dieser einleitenden Bemerkungen möchten wir noch auf eine Frage die Aufmerksamkeit lenken, um auch in dieser Beziehung keine Missverständnisse zu veranlassen. Sie betrifft das Alter der Bevölkerungsschichten, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. Auch hier begegnen wir grossen Verwirrungen, indem man die Frage nach der Herkunft der Indogermanen mit der Frage nach der Besiedelung Kuropas überhaupt verbindet. Letztere lässt sich, wie wir sehen werden, überhaupt nicht annähernd bestimmen, jedenfalls treffen wir den Menschen in unserm Lrdteil schon, als die Fauna und Flora sowie das Klima ganz andere waren. Bei den Indogermanen kann uns nur die Sprache leiten, und diese fuhrt uns nicht in allzuweite Fernen zurück. Kein Literaturdenkmal geht viel über das erste vorchristliche Jahrtausend hinaus. Sollten die Anschauungen richtig sein, die man über Vorkommen indogermanischer Namen in Vorderasien geäussert hat, und auf welche wir unten Kapitel 12 zu sprechen kommen, so stammt das erste geschichtliche Zeugnis für unsern Sprachstamm aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert. Sehr viel weiter zurück, wird uns auch die Sprachwissenschaft nicht führen. Ich habe früher in runder Zahl etwa das Jahr 20C0 v. Chr. als die Zeit bezeichnet, in der die Ausbreitung der Indogermanen begonnen hätte, glaube aber jetzt, dass auch dieser Ansatz noch zu hoch ist, und würde jetzt lieber auf 1600—1800 v. Chr. heruntergehen. Aber wenn wir die Anfänge ihrer Wanderungen noch um ein Jahrtausend zurückschieben wollten, so würde das doch wenig bedeuten im Vergleich mit den Zeiten, die seit der ersten Besiedlung Europas vergangen sind. In diese Fernen führt uns die Sprachwissenschaft nicht zurück.

Alles das, was wir ermitteln können, bewegt sich in Zeiträumen, die in Vorderasien schon im Lichte der Geschichte liegen, und die daher verhältnismässig jung sind. Aber auch diese etwas erhellt zu haben, ist ein unvergleichliches Verdienst der Sprachwissenschaft.

2. Die Rassenfrage.

Gedeihen der Menschen an einem fremden Ort.

Rasse und Klima.

Es gibt fast keinen Teil Europas, den die Indogermanen auf ihren Wanderungen nicht erreicht hätten, und selbst die Grenzen unseres Erdteils haben dem Vordringen der Völker kein Ziel gesetzt. Indien, Iran und Armenien haben sie dauernd ihrem Sprachgebiet einverleibt, und Kleinasien hat wenigstens teilweise eine Zeit lang indogermanisch gesprochen. Bei dieser Ausdehnung unsres Sprachgebietes, müssen wir die Frage aufwerfen, ob und wie der Mensch in einem andern Klima, als seine Heimat bietet, fortbestehen kann. Europa liegt fast ganz in der gemässigten Zone, aber doch sind die Unterschiede im Klima zwischen den südlichen Halbinseln Spanien, Griechenland und Italien auf der einen und Deutschland, England und Skandinavien auf der andern Seite gross genug, um auf die Menschen einen Einfluss ausüben zu können. Mag man auch, wie wir es tun, einen einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechtes annehmen, wobei man voraussetzen muss, dass die Menschen die verschiedenen Teile der Erde nach einander besiedelt und sich ganz allmählich eingewöhnt haben, so steht es doch zweifellos fest, dass heute die Menschen in der Hauptsache an die Scholle gebunden sind. Sie können klimatische Verschiedenheiten nur bis zu einem gewissen Grade ertragen. Aber welcher Grad das ist, bleibt eben die Frage. Wir stehen noch durchaus im Anfänge der Forschung, und es ist selbstverständlich, dass ältere Nachrichten und Untersuchungen ganz fehlen.

Um den einzelnen Menschen handelt es sich hierbei nicht, — der kann auch grössere klimatische Unterschiede lange Zeit, vielleicht ein ganzes Leben hindurch ertragen —, sondern das ist die Frage, wie weit eine gesunde, kräftige, sich vermehrende Nachkommenschaft den in ein anderes Klima Versetzten be-schieden sein mag. Und selbst, wenn diese vorhanden ist, so bleibt immer noch zu erwägen, ob sich nicht die einheimische Bevölkerung rascher vermehrt als die eingewanderte.

Es darf als feststehend gelten, dass die Bevölkerung Europas im allgemeinen in der heissen Zone nicht zu leben vermag. Immerhin ist es für die Menschen Südeuropas eher möglich gegen

den Äquator vorzudringen als für die Nordeuropas. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika dominiert das germanische Element entschieden im Norden, während in den Südstaaten Italiener, Franzosen und Spanier ihre Rechnung finden. Der Neger kommt seinerseits nicht im Norden fort. Die Schwindsucht setzt hier seinem Vordringen entschieden ein Ziel. Bei der Kolonisation der nordafrikanischen Küste sollen die Südfranzosen bessere Fortschritte aufweisen als die Nordfranzosen, die sehr bald zugrunde gehen. Aus der Geschichte weiss man, wie rasch die deutschen Heere in Italien vernichtet wurden, wie schnell die Reiche der germanischen Heerkönige und ihre Mannen im Süden dahinschwanden. Im allgemeinen scheint schon Südeuropa für die Nordeuropäer nicht mehr den rechten Boden zu bieten. Da nun die ursprüngliche Heimat der Indogermanen sicher nicht in den südlichen Halbinseln Europas gelegen hat, so kann man vermuten, dass die nach Süden vordringenden Indogermanen sehr bald vernichtet wurden, falls sie nicht Gebiete fanden, in denen die Bodenerhebung die Einflüsse der südlichen Breiten mehr oder minder ausglich. Tatsächlich haben sich denn auch nur solche indogermanischen Sprachen im Süden erhalten, die wenigstens geraume Zeit in Gebirgsgegenden gesprochen wurden. Die Griechen sitzen zunächst in den rauhen Bergen Nordgriechenlands, die Italiker im Apennin, der rauhe Charakter des armenischen Hochlands ist durch Xenophons Schilderung zur Genüge bekannt, und auch die Inder haben wahrscheinlich erst in den Himalayatälern die Kraft gewonnen nach dem Süden vorzustossen, wo sie aber ihrem Volkscharakter nach z. T. bald zugrunde gingen, während die Hauptstämme der Iranier, die Perser und Meder, ebenfalls längere Zeit in Gebirgsgegenden gewohnt haben.
Zu der Akklimatisationsfrage kommt noch ein zweiter Punkt hinzu, die Rassenmischung. Waren Nordeuropäer nach dem Süden vorgedrungen, so blieb in den meisten Fällen eine Verbindung der eingewanderten Sieger mit den Eingeborenen nicht aus. Was wird aus diesen Mischlingen? Es kann sein, dass sich ein Mischtypus bildet, aber im allgemeinen zeigt sich in der Natur das Bestreben, das südliche Blut durchschlagen zu lassen, und nach einigen Generationen ist von dem nördlichen Einfluss nichts mehr zu spüren, falls nicht unaufhörlich Blutauffrischung erfolgt.

Sind nun die Einwandrer durch die Natur des Landes so gestellt, dass sie sich nicht so stark wie die einheimischen vermehren, so wird der Typus zur Norm zurückkehren, und nach einer Reihe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten ist nichts mehr von dem Blute der Eingewanderten zu spüren. Schliessen sich aber die Sieger, wie dies auch möglich ist, kastenartig ab, so kann sich ihr Typus allerdings Länger erhalten. Naturgemäss bleiben die Sieger auch weiterhin die Herrscher, sie bilden den Adel, der im Altertum unter mannigfach verschiedenem Namen auftritt. So in Sparta als Spartiaten gegenüber den Heloten, in Rom vielleicht als Patrizier den Plebejern gegenüber, in Indien in den beiden obersten Klassen der Brahmanen und Krieger. Wollen wir also erkennen, welchen Typus die eingewanderten Indogermanen gehabt haben, so wird man untersuchen müssen, ob sich nicht unter dem Adel der südlichen Länder körperliche Eigenschaften finden, die in andern Gegenden bei weitern Volkskreisen vorhanden sind. Jedenfalls aber wird das eigentlich indogermanische Blut unter den Menschen unsres Sprachstammes nicht immer zu finden sein.

Im allgemeinen wird man sich auf Grund derartiger Erwägungen sagen müssen, dass durch die Wanderungen der Indogermanen bei weitem keine so grosse Verschiebung des Blutes stattgefunden haben wird, wie die Ausdehnung der Sprachen erwarten lässt. Die Veränderungen, die sich in dieser Beziehung in Europa vollzogen haben, sind vielleicht geringer als man auf den ersten Blick anzunehmen geneigt ist. P’iir diesen Punkt beweist gerade das Beispiel, das uns, wie oben bemerkt, Nordamerika mit seiner Besiedelung bietet, ausserordentlich viel. Seit uralter Zeit finden wir in Europa im Norden einen blonden Typus, der je mehr wir uns dem Süden nähern, brünetter und dunkler wird. Und wie dies vor Jahrtausenden der Fall gewesen zu sein scheint, so ist das auch heute noch zu finden, im Norden die Blonden, im Süden die Brünetten, natürlich mit Ausnahmen. Und dieselben Verhältnisse entwickeln sich nun anscheinend auch in Nordamerika. Auch hier herrscht im Norden der blonde Typus im Süden der brünette, was teils aus der Herkunft der Bevölkerung zu erklären ist, teils aber auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass im Norden wie im Süden das entsprechende Pilement bessere Lebensbedingungen fand und sich dementsprechend besser erhielt und vermehrte.

Trotz aller Wanderungen, trotz aller Verschiebung der Sprachen können sich also die einzelnen Menschentypen an ihrem Orte erhalten, und das berechtigt zu der Hoffnung, die Anthropologie werde einst, wenn sie sichere Mittel gefunden hat, die Rassen einzuteilen, manche Auskunft über die europäischen Yolkerverhältnisse geben. Die Verhältnisse in altern Zeiten können ganz einfach, sie können aber auch recht verwickelt gewesen sein, und die Tatsachen der Geschichte lehren uns, welche Möglichkeiten wir voraussetzen dürfen.

Die eigentliche Rassenfrage.

Als die anthropologischen Studien aufblühten, da hat sich auch die Anthropologie mit der Frage nach der Herkunft der europäischen Völker beschäftigt, und sie hat im ersten Eifer gehofft, dieses Problem besser als die andern Wissenschaften lösen zu können. Freilich vermochte sie diese Erwartungen nicht zu erfüllen, und sie muss sich heute, so lange ihre Ergebnisse nicht besser gesichert sind, mit einer bescheidenen Stellung begnügen. Ein grosser Zwiespalt der Meinungen besteht darüber, welche Eigenschaft des menschlichen Körperbaues man der Einteilung in Rassen zugrunde legen solle. Nachdem man ursprünglich im wesentlichen die Haut-, Augen- und Haarfarbe beachtet hatte, glaubt man später in den Verhältnismassen des Schädels ein untrügliches Kennzeichen der Rasse gefunden zu haben. Das Verhältnis von Breite und Höhe des Schädels ist sehr verschieden. Schon eine unbefangene Beobachtung unterscheidet längliche und breite Gesichter oder Lang- und Breitschädel, und in der Tat erweist sich diese auch für die Wissenschaft als brauchbar. Man hat begonnen, genaue Messungen vorzunehmen, und zuerst hat A. Retzius das Verhältnis der Länge zur Breite des Hirnschädels in einen zahlenmässigen Ausdruck gebracht. Man nimmt jetzt allgemein die Länge als ioo an und berechnet danach die Breite in Prozenten. Die relativ schmalen Schädel nennt man Langschädel, Dolichokephalen, die relativ breiten Schädel Kurzköpfe, Brachokephalen, denen sich dann naturgemäss die mittleren Köpfe anreihen. Bei der Unterscheidung der Rassen der gesamten Erde kommt dann noch das Verhalten des Kiefers in Betracht, doch spielt dieses in Europa keine Rolle, und wir können es daher übergehen. Es hat sich aber herausgestellt, dass mit der Schädelmessung allein keine einwandfreie Klassifizierung des Menschen zu erreichen ist. Zwar herrscht auf gewissen Gebieten wie z. B. in Skandinavien der Langschädel vor, aber wir finden diesen auch in Süditalien, und keiner wird zweifeln, dass wir dort ganz andere Menschen vor uns haben als im Norden. Man muss unbedingt noch andere Merkmale hinzuziehen, und da kommt in erster Linie die Hautfarbe in betracht. Europa scheidet sich in dieser Beziehung in mehrere Zonen. Im Norden herrscht der blonde, blauäugige Typus mit heller Hautfarbe. Je mehr wir uns dem Süden nähern, treten dafür braunes oder schwarzes Haar, dunkle Augen und eine stärker pigmentierte Hautfarbe ein. Aber das ist noch nicht genug. Auch die Körpergrösse ist ein beachtenswertes Merkmal. Den grossen Skandinaviern stehen im übrigen Europa sehr viel kleinere Menschen gegenüber. Aber die grossen Menschen leben nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Schottland, in Bosnien und der Herzogovina und anderswo.

Die Anthropologie, das braucht man nicht zu bezweifeln, wird einst ebenfalls zur Förderung der Frage von der Herkunft der europäischen Menschheit beitragen. Auch bei dieser Wissenschaft darf man eins nicht vergessen. Schärfer als alle Messungen und physikalischen Versuche ist das menschliche Auge, und wer »vieler Menschen Städte gesehen hat«, der wird nicht verkennen, dass es Rassentypen gibt, genau wie uns das Ohr das Bestehen von dialektischen Eigentümlichkeiten lehrt, die aufzunehmen noch keinem Instrument gelungen ist. Zu diesen Rassentypen gehört die germanische Rasse, deren reinste Vertreter in einem Moltke und andern Angehörigen des hohen Adels deutlich vorliegen, wie dies Chamberlain in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts mit Recht scharf betont hat. Die Eigentümlichkeiten jüdischen Blutes treten jedem klar vor Augen, obgleich man sie nicht messen und beschreiben kann, und selbst wenn nur einmal eine Kreuzung stattgefunden hat, lässt sich das semitische Blut auch in spätem Generationen noch oft genug erkennen, wenn man nur gelernt hat, aufmerksam zu beobachten. Die Rassenfrage ist in der Tat kein leerer Wahn, und für die, die ihre Bedeutung leugnen, gilt das Wort;
Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet steht euch meilenfern,
Was ihr nicht fasst das fehlt euch ganz und gar,
Was ihr nicht rechnet glaubt ihr sei nicht wahr,
Was ihr nicht wägt hat für euch kein Gewicht,
Was ihr nicht münzt das meint ihr gelte nicht.

Die Rassenfrage ist nicht dadurch erledigt, dass bis jetzt noch keine einwandfreie Unterscheidungsmerkmale gefunden sind, und wenn sie nicht gefunden werden sollten, so bleibt sie doch bestehen. Kine kritische Darstellung der Ergebnisse der Anthropologie hat vor einer Reihe von Jahren Kretschmer in seiner Umleitung in die Geschichte der griechischen Sprache S. 29 ff. gegeben, und es war ihm sehr leicht, die Widersprüche der einzelnen anthropologischen Systeme untereinander und ihre Mängel herauszufinden; schwieriger ist es aus dem Wirrwarr der Meinungen den gesunden Kern herauszuschälen. Auch ich möchte mich nur mit grossem Vorbehalt äussern, glaube aber doch, dass Schädelform, Haar- und Hautfarbe sowie Grösse drei Merkmale sind, mit denen man wohl die Unterschiede der europäischen Menschheit festlegen kann. Das Hauptmerkmal wird zwar der ganze Typus des Gesichts bleiben, aber hier lässt sich mit Messungen wenig erreichen. Den ersten Versuch auf Grund dieser drei Merkmale eine Rasseneinteilung für unsern Erdteil vorzunehmen, hat Deniker in seinen Aufsätzen Bulletins de la societe d’anthropologie de Paris 8 Bd. IV Serie) S. 189 ff. 291 ff. unternommen. In einem ausführlichen Referat in dem Archiv für Anthropologie Bd. 25, S. 321 hat IT Schmidt die wesentlichen Grundzüge der Aufstellungen Denikers gegeben. Wenn wir uns auch nicht verhehlen können, dass auch dieses System, schon weil streckenweise das Material recht dürftig ist, nicht vollkommen sein kann, so bietet es doch manche Vorzüge und vor allem den Vorteil, dass wir auch die Nachrichten der Alten mit ihm vergleichen können. Denn sie haben uns mannigfache Angaben über die Körpergrösse und die Haarfarbe der Völker hinterlassen, womit wir also zwei Einteilungsprinzipien Denikers auch aus dem Altertum nach weisen können. Schädel haben die Alten zwar nicht gemessen, aber für diesen Punkt treten die Grabfunde in reichem Masse ein, und wenn auch die Verbindung der gefundenen Schädel mit den Nachrichten der Alten nicht immer sicher ist, so wird sie doch innerhalb einer gewissen Fehlergrenze einige Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen. Wer nur einige der anthropologischen Nachrichten aus dem Altertum kennt und sie mit den heutigen Zuständen vergleicht, wird sich sagen müssen, dass diese beiden Dinge oft genug nicht zu sammenfallen. Die Alten beschreiben die Gallier als grossgewachsen, blond und blauäugig, von den Germanen wenig zu unterscheiden. Aber dieser Typus ist im heutigen Frankreich kaum noch zu treffen. Sollen wir annehmen, dass sich die Menschen seit Cäsars Zeit derartig verändert haben? Wir kommen damit auf das schwierige Problem der Veränderlichkeit der Rassen. Zunächst ist das eine sicher, dass die Rassen keine feststehenden Typen sind. Die verschiedenen Menschenrassen müssen sich doch einmal auseinander entwickelt haben, und was früher geschehen ist, kann auch heute noch eintreten. Freilich besitzen wir wrenig einwandfreies Material.

Aber in Amerika, Australien und Südafrika leben doch Nordeuropäer unter neuen veränderten Bedingungen, und hier hat sich in verhältnismässig kurzer Zeit in der Tat eine Veränderung des Rassentypus vollzogen. Der Typus der Nordamerikaner scheint sich der hageren Schlankheit der Ureinwohner zu nähern und beginnt sich selbst in Haarfarbe und Haarwuchs von den europäischen Verwandten zu unterscheiden. »Die Engländer«, sagt Schurtz Urgeschichte der Kultur S. 31, »denen diese merkwürdige Veränderung ihrer Stammesgenossen nicht entgangen ist, haben auch in anderen Teilen der Erde Gelegenheit zu ähnlichen Beobachtungen gehabt; überall, wo sich die angelsächsische Rasse kolonisierend niedergelassen hat, unterliegt sie Wandlungen, die nicht immer einfach zu deuten sind, mag man auch im allgemeinen dem Einfluss des Klimas die Hauptursache zuschreiben. Mit besonderer Schärfe hat schon im Jahre 1876 A. K. New man auf die Entstehung eines neuseeländischen Typus hingewiesen, der namentlich (wie ebenfalls in Nordamerika) in einem Schmälerwerden des Unterkiefers hervortritt, was wieder, da die Zähne nun zu wenig Raum haben, zu Unregelmässigkeiten des Gebisses führt. An sonstigen Umbildungen fehlt es nicht. Die hellen Farben der Engländer machen bei Jung-Neuseeland welkeren und stumpferen Farbentönen Platz. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass sehr wenige Kinder mit dunkeln Augen und Haaren in Neuseeland geboren werden: die Eltern mögen so dunkel sein wie sie wollen, mit rabenschwarzen Locken und schwarzen Augen, ihre Nachkommenschaft wird immer blässere Farben zeigen. Auf dem austialischen Festlande .scheinen dagegen die Blonden immer mein* gegen die Brünetten zuriiek-zutreten. Auch die Wirkungen eines heisseren Klimas auf die Menschen sind in Neuseeland, besonders aber auf dem Festland Australiens, merklich. ln Australien , sagt Newman, unter dem Kintluss einer grimmigen Sonnenglut wachsen die Kinder schnell heran, aber sie welken auch schnell wie Treibhausblumen, und ihre geistigen und physischen Kräfte sind in einem Alter nahezu erschöpft, wo der Engländer noch in seiner Jugendkraft steht. . . . Die Jugend Neuseelands und der (australischen Kolonien ist körperlich und geistig schwacher als gleichaltrige Bewohner der ursprünglichen Heimat. Sie ist weniger leistungsfähig, harte Arbeit und Entbehrungen greifen sie rasch an. Der koloniale Nachwuchs ist aber auch von geringerer körperlicher Widerstandskraft; die Leute sind oft, wie sie sagen, abgenutzt (seedy), jeder Krankheitsanfall wirft sie rasch nieder und sie erholen sich langsam. Auch die Frauen verblühen rasch.«
»Wie die Yankees neigen auch die Australier zu hohem, schlottrigem Wuchs und magerer Muskulatur, was ihnen den Spottnamen »Getreidehalm« (cornstalks) eingetragen hat. Man darf wohl diese Eigentümlichkeit, die sie mit den Wüsten Völkern teilen, auf die Trockenheit des australischen Klimas zurückführen; seltsamerweise bietet dagegen das ebenso trockene Südafrika das Schauspiel, dass hier die eingewanderten Europäer zur Fettleibigkeit neigen, ähnlich wie sich schon bei den älteren Bewohnern des Gebietes, den Hottentotten, neben sonst grosser Magerkeit des Körpers die Steatopygie (Fett-steissbildung) allgemein verbreitet findet.«

Diese Beobachtungen lassen es unbedingt als möglich erscheinen, dass sich auch die europäische Bevölkerung allmählich verändert hat. Aber immerhin liegen hier die Verhältnisse doch anders. Denn erstens kamen die einwandernden Indogermanen nicht in völliges Neuland, sondern sie fanden eine Urbevölkerung vor, und zweitens sind die klimatischen Unterschiede innerhalb Europas nicht derartig wie zwischen den verschiedenen Kontinenten. Schliesslich aber sind die Unterschiede zwischen dem älteren und jüngeren Typus zu gross, als dass sie aus Anpassung erklärt werden können. Wir müssen auch bedenken, dass in Europa die Blutmischung eine ganz andere Rolle spielt als in Amerika und Australien. Ich glaube also kaum, dass man die Veränderung der Rasse in Anspruch zu nehmen braucht. Was uns die Römer von den besondern Eigenschaften der Kelten berichten, das gilt von der eingewanderten, herrschenden Klasse der Indogermanen. Wie das eigentliche Volk, das nach Cäsar in einer Art von Hörigkeit lebte, ausgesehen hat, das wissen wir nicht; wir dürfen aber wohl vermuten, dass es dem heutigen französischen Typus in stärkerem Masse glich als der eigentliche keltische.

Alles in allem können wir mit der Rassenveränderung noch nicht viel anfangen. Aber wir dürfen nicht ausser acht lassen, dass Veränderungen möglich sind. Die Arier in Indien unterscheiden sich anthropologisch von den Eingeborenen durch die hellere Hautfarbe, aber sie sind doch nicht blauäugig und blondhaarig, man kann sie nur mit den Südeuropäern vergleichen, und man darf wohl fragen, ob sich die dunkeln Farben des Auges und des Haares nicht erst entwickelt haben.

Denn die Inder sind in ein Gebiet eingerückt, das klimatisch von dem ihrer ursprünglichen Heimat stark abwich. Die europäischen Indogermanen aber sind zum Teil in ihren alten Sitzen geblieben. Und wenn man für gewisse Teile eine Veränderung des Typus annehmen wollte, so bleibt die Frage ungelöst, weshalb sich der Typus an andern Stellen nicht verändert hat. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass die körperlichen Eigenschaften, die heute Teile der Germanen auszeichnen, Körpergrösse, Blondheit, Blauäugigkeit und schmaler Schädel schon vor 2000 Jahren und vielleicht noch länger vorhanden waren. Hier haben wir also eine Andauer der Rasse, wie wir sie deutlicher nicht wünschen können. Am Schlusse dieses Kapitels dürfte es angebracht sein, ein Bild der heutigen Verteilung der europäischen Menschheit auf grund von Denikers Anschauungen zu geben. Man wird dann leichter in den Stand gesetzt sein, Vergleiche mit den früheren Zeiten zu ziehen, und wir können die Frage aufwerfen, inwieweit sich die Rassen mit den Sprachen in Verbindung bringen lassen. Wir finden

1. einen blonden, dolichokephalen, sehr hochgewachsenen Typus im Norden Europas, den man daher als nördlichen Typus bezeichnen kann. Seine Merkmale sind: Körpergrösse beträchtlich, im Durchschnitt 172 cm; Haar aschblond, gelblich oder rötlichblond, leicht wellig; Augen hellgefärbt, meist blau; Kopf lang, dolichokephal (Index am Lebenden zwischen 72 und 78. Haut rosig weiss, Gesicht ländlich, Nase schmal, kräftig hervortretend, gerade. Er ist verbreitet in Skandinavien mit Ausnahme der Westküste Norwegens , im nördlichen Schottland, Westengland, Irland (mit Ausnahme des westlichen Teiles., auf den Far-Ör-Inseln, in Friesland, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, in den Ostseeprovinzen und Teilen Finnlands. Dieser Typus wurde bisher kvmrische, germanische Rasse, Reihengräbertypus genannt.

2. Blonder, subbrachykephaler, kleingewachsener Typus, besonders im östlichen Kuropa (Russland) vorkommend,, daher auch östlicher Typus zu nennen. Seine Merkmale sind: Wuchs untermittelgross (163 bis 164 cm), Kopf massig kurz und breit (Index am Lebenden 82 —83), Haar aschfarbig oder flachsblond, gerade; Gesicht breit, viereckig, Nasenrücken gerade oder konkav, Augen hell, meist grau. Die Träger dieses Typus sind die Weissrussen, die Polieschtschuken der Sümpfe von Pinsk und manche Litauer. Durch Mischung abgeschwächt ist dieser Typus häufig bei den Grossrussen im nördlichen und mittlern Russland und in Finnland.

3. Sehr dunkler, sehr dolichokephaler und sehr kleiner Typus, auch iberisch-insulaner Typus, oder mittelländischer Typus mancher Autoren. Merkmale: Wuchs 161 — 162 cm, Kopf lang (Index am Lebenden 74—75), Haar schwarz, lockig oder kraus, Augen sehr dunkel, Haut gebräunt, Nase gerade oder aquilin, Gesicht länglich. Verbreitung: Iberische Halbinsel und die westlichen Inseln des Mittelmeers, Korsika, Sardinien, Sizilien (die Balearen gehören nicht dazu). Durch Mischung abgeschwächt, erscheint dieser Typus in Frankreich (Angoumois, Limousin, Perigord) und Italien (südlich von der Linie Rom-Ascoli).

4. Dunkler, sehr brachykephaler, kleingewachsener Typus, auch westlicher oder cevennischer Typus, oder keltische, keltisch-ligurische, keltoslavische oder alpine Rasse verschiedener Autoren. Merkmale: Sehr breiter Kopf (Index am Lebenden 85—87),. massig kleiner Wuchs (163—164 cm), braunes Haar, hellbraune oder dunkelbraune Augen; Gesicht breit, Nase ziemlich gross,. Körper breit. Verbreitung: In seiner reinsten Form in den Cevennen, im französischen Hochplateau und in den Westalpen; durch Mischung modifiziert an vielen Stellen zwischen mittlerer Loire und Dniepr, in Piemont, der Mittel- und Ostschweiz, Süddeutschland, Kärnthen, Mähren, Galizien und Wolhynien.

5. Brauner, subdolichokephaler, grossgewachsener Typus. Litoral er oder atlantisch-mediterraner Typus. Merkmale: Neigung zur Mesokephalie (Index am Lebenden 79—80), übermittelgrosser Wuchs (im Mittel 166 cm) und sehr tiefe Haar- und Augenpigmentierung. Verbreitung: Im Tiefland (nicht über 200 m) der untern Loire, in der Gascogne, zwischen Gibraltar und der Mündung des Guadalquivir und an der Mittelmeerküste bis zur Tibermündung.

6. Brauner, brachykephaler, hochgewachsener Typus, auch adriatischer oder dinarischer Typus. Merkmale: Körperhöhe 169—171 cm, starke Brachykephalie (Index am Lebenden 85—86 cm), Haar braun, wellig, Augen dunkel, Augenbrauen gerade, Gesicht länglich oval, Nase schmal, Nasenrücken gerade oder gebogen, Haut leicht gebräunt. Verbreitung: Bosnien, Dalmatien, Kroatien, dann in der Romagna, Venetien, bei den Slovenen, Ladinern, Romanen, zwischen Lyon und Lüttich auf dem Plateau von Langres, im Ursprungsgebiet der Saöne und Mosel, in den Ardennen. Modifiziert findet sich dieser Typus auch im untern Tal des Po, im nordwestlichen Böhmen, Graubünden, Eisass, im mittleren Gebiet der Loire, in den Karpathen (Polen und Ruthenen des Gebirges), bei den Kleinrussen und wahrscheinlich auch bei den Albanesen, Serben und Griechen und manchen kaukasischen Stämmen. Die Basken bilden eine Abart dieses Typus.

Als Untertypen stellt Deniker folgende vier auf:

a) Blonder, mesokephaler, grossgewachsener Untertypus (wahrscheinlich nur eine Varietät des nordischen Haupttypus). Gesicht eckig, Nase gerade oder konvex, Augen grau oder blau. Verbreitung: Land der Letto-Litauer, Ostpreussen, Hannover, Westküste von Norwegen, Westrussland.

b) Blonder, mesokephaler, sehr kleingewachsener Untertypus (wahrscheinlich eine Varietät des östlichen Haupttypus). Gesicht rund, Nase häufig aufgestülpt, Haar gerade oder wellig, Augen grau. Verbreitung: Unter den Polen und Ka-schuben, in Scliweclcn, vielleicht auch in Schlesien.

c) Subdolichokephaler, grosser Untertypus mit hellbraunem oder braunem Haar (hat eine mittlere Stellung zwischen nordischem und westlichem Typus«. Verbreitung: Im westlichen Irland, Wales, Westbelgien, Normandie, Picardie u. s. w.

d) Subbrachykephaler, mittelbrauner Untertypus mit hellbraunem Haar (wahrscheinlich aus Mischung zwischen adriatischem Typus und Untertypus a) hervorgegangen). Verbreitung: In Perche, Champagne, Lothringen, Franche-Comte, Luxemburg, Seeland (in Holland), Rheinprovinz, Bayern, Südböhmen, Deutsch-Österreich, Mitteltirol, einem Teil der Lombardei und Venetiens u. s. w.

Wir sehen also hier eine Fülle verschiedener Unterabteilungen, was uns nicht in Erstaunen setzen kann, wenn wir die Fülle der verschiedenen Sprachen in Betracht ziehen. Sicher hat es in dem vorgeschichtlichen Europa auch Menschentypen gegeben, die ganz zugrunde gegangen sind. Der sogenannte Neandertal-schädel zeigt uns Menschen, die heute nicht mehr zu finden sind, und seit in neuester Zeit selbst Zwergrassen in unserm Erdteil nachgewiesen sind, ist das Bild noch mannigfaltiger geworden.

3. Der iberische Sprachzweig.

Wenn wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu der Betrachtung der europäischen Sprachen übergehen, so beginnen wir am besten mit dem äussersten Westen, weil hier eine natürliche Grenze gegeben ist. Das unwegsame Gebirge der Pyrenäen, das Spanien gegen Frankreich abschliesst, hat sich auf die Dauer ebensowenig wie die Alpen als eine vollständige Völkerscheide erwiesen. Auf dem Wege, den die Franken einschlugen, um die Ungläubigen zu vernichten, sind Goten und Vandalen Jahrhunderte früher gezogen. Hannibal überschritt mit seinem Heere die Pyrenäen leichter als die Alpen. Von den beiden Pässen, die über das Gebirge führen, hat er den südlichen gewählt. Im ersten Dämmer der Geschichte erfahren wir von keltischen Eroberungszügen, die freilich auch auf dem Seewege vor sich gegangen sein können, wie später die Normannen gekommen sind. Jedenfalls kann und wird, wie alles dies beweist, Spanien einen Teil seiner Bevölkerung von Frankreich erhalten haben. Ebensogut aber vermochten auch afrikanische Stämme über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien überzusetzen und das Land zu besiedeln. Diese Meerenge hat die Vandalen und die Araber nicht aufgehalten und wird auch frühere Völker nicht in ihren Eroberungszügen gehemmt haben. Schliesslich sind die Karthager auch zur See nach Spanien gelangt, was ebenfalls schon für frühere Zeiten möglich war.

Die Alten nennen die Bewohner Spaniens Iberer. Was sie über die Herkunft dieses Volkes, namentlich über die sagenhafte Insel Atlantis berichten, hat D’Arbois de Jubainville Les Premiers habitants de l’Europe I S. 16 ff. zusammengestellt. Da auch im Kaukasus Iberer wohnten, so haben die Alten schon auf einen uralten Zusammenhang geschlossen, den auch moderne Gelehrte so kühn waren zu behaupten. An und für sich liegt dies nicht ausser dem Bereich der Möglichkeit. Denn wenn die Kelten in Spanien und die Inder im Osten einem und demselben Sprachzwreige angehören, weshalb sollten sich nicht im Kaukasus Verwandte der spanischen Bevölkerung gehalten haben? Aber ausser dieser Namengleichheit haben wir vorläufig nicht den geringsten Anhalt für einen Zusammenhang, und dass wir auf sie nichts bauen können, wird jeder einsehen.

Die Sprache der alten Iberer kennen wir durch zahlreiche, aber dürftige Inschriften, die meistens nur Namen enthalten und fast völlig ungedeutet sind. Ausserdem überliefern uns die antiken Schriftsteller einige iberische Worte, aus denen wir auch nicht viel lernen können. Ob man in ganz Spanien iberisch gesprochen hat, oder ob noch • andre Sprachen vorhanden waren, lässt sich aus Mangel an Zeugnissen nicht feststellen. Zwar sagt Strabo ausdrücklich, dass die Sprache nicht ein und dieselbe gewesen sei, doch kann er verschiedene Dialekte gemeint haben, wie sich in Gallien Gallisch und Belgisch unterschieden, und er spricht auch von einer Zeit, in der schon längst die Kelten eingewandert waren. Er kann also sehr wohl kelto-iberische Sprachen bei seiner Bemerkung im Auge gehabt haben. Frühzeitig, wahrscheinlich im 6. Jahrh. oder früher, sind keltische Heeresschwärme in Spanien eingedrungen, haben sich an verschiedenen Stellen niedergelassen und mit den Iberern das Mischvolk der Keltiberer gebildet. Wie lange sich ihre Sprache erhalten hat, können wir mangels jeglicher Zeugnisse nicht wissen. Getrennt von dem Stanimlande hat sie wohl unterteilen müssen. Mit der römischen Eroberung ist dann das Land allmählich romanisiert, ohne dass eine starke Blutmischung stattgefunden hatte. Die romanischen Sprachen in Spanien sind natürlich das Ergebnis der römischen Sprache in spanischem Munde, und es ist sehr wohl möglich, dass sich alte Dialektunterschiede bis heute erhalten haben, das heisst, dass die grossen Dialekte der Neuzeit auf iberische Dialekte zurückgehen. Nach Steinthal (vgl. dazu Karte 1 ist das Portugiesische ein keltisch romanischer, das Spanische ein keltiberisch-romanischer und das Provcnzalische ein iberisch-romanischer Dialekt.

Anderer Meinung ist Wechssler. Auch er erkennt an, dass wir drei Sprachgemeinschaften auf der Pyrenäenhalbinsel finden: die portugiesisch-galizische, die spanische kastilianische) und die katalanische. Für die beiden ersten Sprachgemeinschaften ist ein iberisches Substrat vorauszusetzen, das in Portugal weniger stark war als in Spanien, d. h , wir haben es in Portugal mit der keltiberischen Sprache zu tun.
»Nach Strabo und Avien«, sagt Wechssler weiter, haben die Kelten Portugal und Galizien dichter bevölkert, sie sind dahin auch zu Schiff gekommen. Galizien trägt einen keltischen Namen. In Portugal haben die kriegerischen Bewohner den Römern besonders lange Widerstand geleistet. Ks wäre vielleicht nicht unmöglich, die grosse phonetische Verschiedenheit des Portugiesischen vom Spanischen einer starken keltischen Besiedelung zuzuschreiben, und man könnte dabei an manche phonetische Parallelen mit dem Galloromanischen erinnern.«

Merkwürdig ist nun, dass die katalanische Sprachgemeinschaft der provenzalischen so nahe verwandt ist, dass man sie als eine blosse Spielart von ihr bezeichnet hat. Die bisherigen Erklärungsversuche dieser Tatsache weist Wechssler ab, und er meint, die Analogie der andern romanischen Sprachgemeinschaften zwinge uns, auch hier eine vorrömische, der provenzalischen nahverwandte Sprachgemeinschaft anzunehmen. Diese aber sei wahrscheinlich eine ligurische. Diese Annahme ist freilich sehr unsicher. Denn wir können bisher keine Ligurer in Spanien, wohl aber Iberer in Südfrankreich nachweisen. Aber in deren Gebiet haben, wie Sieglin meint, zunächst Ligurer gesessen, und undenkbar wäre die lvroberung eines Teiles von Spanien durch dieses Volk nicht. Jedenfalls sehen wir hier noch nicht klar, aber man wird diese Tatsachen immerhin im Auge behalten müssen.

Sicher gibt es im heutigen Spanischen eine Anzahl von Worten, die man, da sie den übrigen romanischen Sprachen fehlen, aus der Sprache der Eingeborenen ableitet. Die bisher angeführten erschöpfen vielleicht die Sache noch nicht, doch sind sie, wie dies nach den Ausführungen Windischs Her. d. ph. hist. Kl. d. kgl. sächs. Ges. d. Wiss. 1897, 101 ff. nicht anders zu erwarten ist, ziemlich gering an Zahl, so dass wir sie als Quelle der alten iberischen Sprache nicht mit besonderm Nutzen verwerten können. Gesammelt sind sie von Hübner in seinen Monumenta linguae Ibericae S. LXXYIII.

Noch heute findet sich ausser dem Romanischen in Spanien eine Sprache, die man seit langem als die Fortsetzung des alten Iberischen angesehen hat, das Baskische. Sein Verbreitungsgebiet ist aus Karte I zu erkennen. Vorsichtiger hat man darin einen alten iberischen Dialekt zu sehen, der in Nordspanien gesprochen wurde. Die Zahl der Basken, die heute in den spanischen und französischen Pyrenäentälern wohnen, beläuft sich auf etwa 556000. Sie nennen sich selbst Eskalditnac, Euskal-dunac, d. h. angeblich Menschen, die das Euskara sprechen. Den Stamm dieses Wortes hat schon Humboldt mit dem Namen der alten Ausci oder Auscii in Aquitanien in Zusammenhang gebracht. Die Sprache der Basken ist höchst eigentümlich, und alle Versuche, sie mit einer andern Sprachgruppe in Zusammenhang zu bringen, sind gescheitert. Uhlenbeck hat sie ohne Ergebnisse mit dem Indogermanischen verglichen. Andere Forscher denken an Verwandtschaft mit afrikanischen Sprachen. Doch ist der Versuch, den G. von der Gabelentz gemacht hat, das Baskische mit dem Berberischen in Nordafrika zu verbinden, gescheitert. Damit ist aber nicht gesagt, dass diese Hypothese an und für sich unhaltbar wäre, möglicherweise erhärtet ein guter Kenner der afrikanischen Sprachen einmal die Verwandtschaft mit einem Idiom des dunkeln Erdteils. Vorläufig müssen wir uns in Geduld fassen.

Was den allgemeinen Bau des Baskischen betrifft, so sagt Whitney, Leben und Wachstum der Sprache S. 275, er sei ausgezeichnet durch eine, man möchte sagen, übertriebene Agglutination, da es in das Verbum eine Fülle von Beziehungen hinein nimmt, die fast überall sonst durch selbständige Worte ausgedrückt werden, und dass es in dieser Beziehung am meisten den Indianersprachen Amerikas gleiche. Aber wenn wir auch die Sage von der Insel Atlantis haben, so wird man doch darum keine Brücke zwischen den beiden Erdteilen schlagen können. Ob die Worte Whitneys ganz zutreffend sind, weiss ich nicht zu sagen, doch bestätigte mir Uhlenbeck die mannigfachen Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Sprachen. Im übrigen verweise ich den Leser auf die Darstellung des Baskischen in Friedrich Müllers Grundriss der Sprachwissenschaft 3. Band 2. Abteilung, 1. Hälfte S. 1 ff. und auf die in der Anmerkung angeführte Literatur.

Da uns die Sprache zu keinem Ergebnis geführt hat, so dürfen wir vielleicht hoffen, von der Anthropologie Auskunft zu erhalten. Aber leider sind wir über die Körperbeschaffenheit der Iberer nur durch dürftige Notizen unterrichtet. Tacitus hielt die Siluren in Britannien für verwandt mit den Iberern auf Grund der äussern Erscheinung. Bei Silius Italicus wird ein iberischer Jüngling geschildert als rothaarig und von weisser Hautfarbe und Calpurnius Flaccus spricht von der blonden Schlankheit Spaniens. Strabo aber unterscheidet die Iberer von den Galliern auch in der Körperbeschaffenheit. Diese dürftigen Nachrichten, die auch sonst nicht den Eindruck grosser Zuverlässigkeit machen, stammen ausserdem erst aus der Römerzeit, wo ja längst eine Mischung mit keltischem Blute stattgefunden hatte. Ziehen wir die heutigen Verhältnisse zu Rate, so zeigt sich allerdings in der iberischen Halbinsel ein besonderer Menschenschlag. Als dritte Rasse Europas unterscheidet Deniker (s. oben S. 32) einen sehr dunklen, sehr dolichokephalen und sehr kleinen Typus, den manche Autoren den iberisch-insulanen oder mittelländischen nennen. Er findet sich auf der iberischen Halbinsel, in Korsika, Sardinien, Sizilien, aber die Balearen gehören nicht dazu, während er durch Mischung abgeschwächt erscheint in Frankreich (Angoumois, Limousin, Perigord) und in Italien südlich von der Linie Rom-Ascoli. Wir werden im folgenden sehen, dass wir auf Grund historischer Nachrichten den grössten Teil dieses Gebietes für Iberer in Anspruch nehmen dürfen, so dass man zu der anthropologischen Aufstellung einiges Vertrauen haben darf.

Allerdings steht daneben auch der fünfte Typus Denikers, ein brauner, subdolichokephaler, grossgewachsener Menschenschlag, der sich im Tiefland der untern Loire, in der Gascogne, zwischen Gibraltar und der Mündung des Guadalquivir und an der Mittelmeerküste zwischen Gibraltar bis zur Tibermündung findet. Und die Basken rechnet Deniker schliesslich zu einem sechsten Typus, dem dinarischen, der vornehmlich auf der Balkanhalbinsel verbreitet ist. Dies zeigt uns, dass auch die anthropologischen Verhältnisse auf der Pyrenäenhalbinsel keineswegs einfach sind, wie bei dem reichen Zuströmen von Völkern nicht anders zu erwarten ist.

Verbreitung der Iberer.

Wenn auch zweifellos Spanien der Hauptsitz der alten Iberer war, so sind sie doch nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt geblieben. Zunächst sitzen sie auch in Gallien im Gebiete des alten Aquitaniens. Was Cäsar nur kurz andeutet, bestätigt Strabo ausdrücklich, und die alten Fluss- und Ortsnamen lassen keinen Zweifel darüber, dass die Sprache der Aquitaner der iberischen verwandt war. Wenn wir Sieglin folgen dürfen, so bildeten aber die Ligurer hier das ältere Element. Weiter finden wir Iberer auf den Inseln zwischen Spanien und Italien. Dass die Balearen und Pithyusen von ihnen besetzt waren, unterliegt keinem Zweifel, aber sie sind auch auf die übrigen Inseln gelangt. Schon Humboldt hat erkannt, dass zahlreiche alte Ortsnamen in Sizilien, Sardinien und Korsika denen Iberiens ähnlich seien, und Thukydides berichtet ausdrücklich, dass in Sizilien Iberer sässen. Obwohl seine Nachricht, die auf Philistos zurückgeht, manches unklare bietet, so haben wir doch keinen Grund, ihren wesentlichen Inhalt, der durch die Anthropologie bestätigt wird, zu bezweifeln.

Auf Sardinien finden wir den Volksstamm der Balaroi, dessen Name mit dem Inselnamen der Balearen übereinstimmt, und Celsitani nennt Ptolemaeos auf dieser Insel. Für Korsika besitzen wir das wertvolle Zeugnis des Spaniers Seneca, der acht Jahre als Verbannter auf dieser Insel zubrachte. Er schliesst aus der Übereinstimmung der Tracht und einzelner Worte, dass sich hier Iberer niedergelassen hätten. Anklänge an iberische Ortsnamenn sind vorhanden, aber nicht entscheidend. Sehr schwer fallt die Sitte der Kuvade ins (Jewicht, von der uns Diodor berichtet. Sie wird aus der Zeit des Altertums für das westliche Europa allein von Korsen und Iberern überliefert, und das ist beachtenswert, da wir es zweifellos mit einer uralten Gewohnheit zu tun haben.

Ob und wie weit die Iberer auch in Afrika gesessen haben, lasst sich schwer entscheiden. Immerhin kehren eine Reihe spanischer Ortsnamen in Afrika wieder, wie man aus der Liste ersehen kann, die Hübner zusammengestellt hat, und aus der in der Anmerkung eine Auswahl gegeben ist. So haben sich also die Iberer, wie fast alle Völker, einmal weit verbreitet, und vielleicht sind sic noch über das umgrenzte Gebiet hinausgekommen. Nur lasst sich mangels jeglicher Nachricht nichts darüber sagen.

Auch in kulturgeschichtlicher Beziehung bietet die Urbevölkerung Spaniens manche Züge, die sonst kaum in Luropa wiederkehren und höchst altertümlich zu sein scheinen. Die Sitte des männlichen Kindbetts ist schon erwähnt. K. v. d. Steinen Unter den Naturvölkern Centralbrasiliens 335 hat sie einleuchtend als Gewohnheit eines Jägervolkes erklärt, und wir würden es demnach, wenn seine Auffassung richtig ist, bei den Iberern mit alten Jägervölkern zu tun haben, die mit den Jägern der altem Steinzeit (s. II. Buch Kap 2) Zusammenhängen könnten. Die Iberer verwenden ferner hölzerne Kochgeschirre und dementsprechend wird das Steinkochen noch in der Neuzeit von den Basken geübt. Ebenso sind die Schwitzbäder mittels erhitzter Steine üblich und Strabo berichtet: Bei den Kantabrern geben die Männer den Frauen einen Brautschatz, und die Töchter werden zu Erbinnen eingesetzt, die Brüder aber werden von diesen ausgestattet. Wie Gcrland, Grundriss der rom. Phil. 1,315 ausführt, hat bei den Basken das Weib dieselben Rechte wie der Mann, auch im Mandel und Verkehr, in einigen Gegenden herrschte nach Cordier sogar die Sitte der Vererbung durch die älteste Tochter, die ihren Geschwistern Unterhaltsgelder geben musste. Dabei ist es sehr merkwürdig, dass Männer und Weiber trotz dieser Gleichstellung noch heute ein ziemlich gesondertes Leben führen, jedes Geschlecht hat seine Tänze, seine Spiele für sich.

Aus dem Altertum besitzen wir zwei ziemlich ausführliche Schilderungen der iberischen Lebensweise. Die eine steht bei Diodor 5, 33 und die andere bei Strabo p. 154 ft, wozu dann noch eine Reihe einzelner Notizen kommen. Wie weit der heutige spanische Nationalcharakter auf iberischen Eigenschaften beruht, lässt sich natürlich nicht feststellen. Aber wenn wir finden, dass eine von den Alten beschriebene Kopftracht der Frauen noch heute getragen wird, so werden wir auch an der Dauer geistiger Eigenschaften keinen allzugrossen Zweifel hegen dürfen. Aus dem allen ergibt sich also, dass wir über die Herkunft der Iberer keine sichere Auskunft gewinnen können. Immerhin weist die dunkle Hautfarbe eher nach Afrika als nach Mittelund Nordeuropa, und da wir es mit einem verhältnismässig kleinen Menschenschlag zu tun haben, der am äussersten Ende Europas sitzt, so haben wir es aller Wahrscheinlichkeit mit einer uralten, zurückgedrängten Bevölkerung zu tun, während die Verschiedenheit der anthropologischen Typen auf mannigfache Einwanderung hindeutet.

4. Die Urbevölkerung Britanniens.

Die älteste Besiedelung Britanniens geht zweifellos in eine weit entlegene Zeit zurück, in der von Indogermanen jedenfalls noch keine Rede war. In vorhistorischer Zeit haben dann die Kelten von dieser Insel Besitz genommen, und die Urbevölkerung ist in ihrer Sprache fast ganz vernichtet worden, und nur die Körper haben sich dauerhafter erwiesen als diese. Dass aber die Kelten in Britannien eine Urbevölkerung vorgefunden haben, das geht aus deii starken Veränderungen, die die keltische Sprache erfahren hat, mit Sicherheit hervor. Vielleicht gelingt es noch einmal, aus der Vergleichung der Entwicklung der keltischen mit der einer romanischen Sprache wenigstens mit Wahrscheinlichkeit das in England einheimische Volkselement nachzuweisen. Die Nachrichten der Alten über die Urbevölkerung Britanniens sind unbedeutend und wenig ergiebig. Cäsar sagt ausdrücklich, dass es unbekannt sei, woher die Bewohner des Innern stammten, sie hielten sich für Eingeborene, während die Küstenvölker aus Belgien übergesetzt seien. Bestimmter drückt sich Tacitus aus, der in Kaledonien, also in Schottland, germanische, im Westen iberische und in der Nachbarschaft Galliens gallische Ulemente unterscheidet. Kr tut dies auf Grund anthropologischer Momente, und da bei der Feststellung der Körperbeschaffenheit das Auge mehr leistet, als alle Messinstrumente, so sollte man seine Angaben nicht so leicht in Zweifel ziehen. Natürlich können wir nicht wissen, ob die Kaledonier germanisch gesprochen haben, aber dass hier schon zu Tacitus Zeiten eine blonde, hochgewachsene Rasse wohnte, die der germanischen sehr stark glich, lässt sich billigerweise nicht bezweifeln. Dieses Volkselement hat in diesen Gebieten vielleicht schon Jahrhunderte früher gewohnt. Denn die Lästrygonen, zu denen Odysseus verschlagen wird, sind von gewaltiger Körpergrösse, und ihre Wohnsitze müssen wir im hohen Norden suchen, da bei ihnen die Triften der Nacht und des Tages nicht weit von einander entfernt sind.

Noch heute sind die anthropologischen Verhältnisse wenig verändert. Im nördlichen Schottland, in Westengland, Irland (mit Ausnahme des westlichen Teiles) herrscht der nördliche, d. h. der blonde, dolichokephale, sehr hochgewachsene Typus Denikers. Daneben besteht in Wales und im westlichen Irland ein subdolichokephaler grosser Typus mit hellbraunem oder braunem Haar, der eine mittlere Stellung zwischen dem nordischen und westlichen Typus einzunehmen scheint. Dieser Typus kommt noch in Westbelgien, in der Normandie, Picardie u. s. w. vor, und es weist dies darauf hin, dass die Bevölkerung Englands mit der Frankreichs zusammenhängt. Eine genauere graphische Darstellung der anthropologischen Verhältnisse der britischen Inseln findet man bei Schurtz Urgeschichte der Kultur S. 90. Sie zeigt uns, dass sie das dunkle Element hauptsächlich im Westen und in den Gebirgen findet, was immerhin auf ein Zurückweichen schließen lässt.

Die Kelten haben England frühzeitig erobert, und ihre Sprache ist bis in die äussersten Winkel vorgedrungen. Heute spricht im allgemeinen nur noch die brünette Bevölkerung keltisch. Für die Reste der einst in Britannien heimischen Sprache hat man einige Inschriften in Anspruch genommen, die den alten Pikten zugeschrieben werden. Prof. Rhys suchte nachzuweisen, dass das Piktische weder keltisch noch indogermanisch war, sondern die Sprache der Urbewohner Britanniens vor Ankunft der Kelten darstelle und mit dem Baskischen verwandt sei. Dass wir soweit nicht in unsrer Erkenntnis kommen können, ist wohl klar, aber die Ansicht von dem nicht indogermanischen Ursprung des Piktischen steht oder fällt nicht mit der baskischen Hypothese.

Es sprechen dafür die starken Veränderungen, die die keltische Sprache in England und Irland erfahren hat, es lassen sich für ein präindogermanisches Element die mannigfach abweichenden Sitten anführen, die wir in älterer Zeit auf diesem Gebiete finden, und weiter die eigentümliche Form der Namengebung, auf die die Forscher die Aufmerksamkeit gelenkt haben. Weitere Auskunft dürfen wir vielleicht von den geographischen Namen erwarten. Vorläufig sind sie noch nicht genügend untersucht. Bei den Bewohnern der britischen Inseln haben sich eine Reihe sonderbarer Züge erhalten. Cäsars Nachricht von der Frauengemeinschaft innerhalb einer Familie könnte freilich auf einem Missverständnis eigentümlicher Bräuche beruhen. Doch zeigen auch spätere Nachrichten, dass sich hier zügellose Sitten entwickelt hatten. Wichtiger ist die mehrfach für Pmgland und Irland bezeugte Sitte des Menschenfressens, die zwar auch dem Kontinent nicht ganz fremd ist, die sich aber in Irland besonders lange erhalten hat. Am wichtigsten aber ist die Mutterfolge, die wir bei den Iberern angetrofifen haben. Zimmer hat sie Zeitschrift für Rechtsgeschichte 15, S. 209 ff. für die Pikten nachgewiesen: »Auf einen Piktenherrscher und seine Brüder folgt nicht etwa der Sohn des ältesten, sondern der Sohn der Schwester.« Es lassen sich ja aus der Übereinstimmung in Sitten keine ganz sichern Schlüsse ziehen, immerhin ist die Mutterfolge insofern Avichtig, als wir sie bei keinem einzigen indogermanischen Volke sicher antrefifen. Spätere Forschung wird zeigen, ob wir auf Grund dieser Übereinstimmungen eine Brücke von England über Spanien nach Nordafrika schlagen können.

5. Die Ligurer.

Ein weiterer Sprachstamm, der in den vorhistorischen Zeiten jedenfalls eine grössere Rolle gespielt hat, als in den historischen, ist das Ligurische. Auch hier sind wir mangels ausreichender Quellen in einer schlechten Lage, und wir können die alten Grenzen und die ehemalige Ausbreitung dieses Volkes nur unsicher bestimmen.

Die Ligurer treten uns in den historischen Zeiten in Norditalien und Sudfrankreich entgegen, ihre hauptsächlichen Wohnsitze aller bilden die Seealpen, und infolge der Ungunst der natürlichen Lage sind sie auch in der Kultur sehr weit zurückgeblieben. Ls ist eine oft wiederkehrende Erscheinung, dass wir die Reste eines einst weiter verbreiteten Stammes in den unwegsamen Gebirgsgegenden antreffen. So finden wir die Basken in Nordspanien und den Pyrenäen, die Bretonen in der Bretagne, sowie die Kelten in Irland und Wales. Auch die Albanesen haben es wohl nur ihren unwirtlichen Wohnsitzen zu verdanken, dass sie der Ro-manisierung wie der Slavisierung in gleicher Weise entgangen sind. Wie sich die Iberer einst in Spanien und in Frankreich niedergelassen hatten, und der letzte Rest ihrer Sprache sich in einem mittleren Gebiete erhalten hat, so können wir auch von vornherein annehmen, das die Ligurer grössere Gebiete in Frankreich wie in Italien inne gehabt haben. In Frankreich bildet in historischer Zeit die Rhone die Grenze der Ligurer, aber nach den Untersuchungen Sieglins haben sie einst auch in Aquitanien und, wie es scheint, vor den Iberern gesessen. Ob sie auch Teile Spaniens besiedelt haben, lässt sich zur Zeit nicht ermitteln.

Schwierig ist die Frage, wie weit sie einst im mittleren und nördlichen Frankreich gewohnt haben. Dort finden wir in historischer Zeit Kelten, die aber höchst wahrscheinlich erst später erobernd vorgedrungen sind. W ir kennen kein anderes Volk als die Ligurer, das wir für die ursprünglichen Bewohner Galliens ansehen könnten. Jedenfalls tragen die Cevennen, die Rhone, Genua ligurische Namen, und es hindert nichts, lässt sich aber freilich auch nicht beweisen, sie noch weiter in den Norden zu schieben. Das Vordringen der Kelten hat hier die alten Grenzen vollständig verwischt. Selbst in das später noch ligurische Gebiet dringen sie ein, und es entstanden Mischvölker, die die Alten Keltoligyes nennen. In andern Fällen können wir auf eine Mischung schliessen, wenn die Alten nicht wissen, ob sie ein Volk den Figuren oder den Kelten zurechnen sollen. Im Gebiet der alten Ligurer wird nun heute noch ein besonderer romanischer Dialekt gesprochen, das Provenzalische. »Wir erhalten«, sagt Windisch Gröbers Grundriss d. rom. Phil. I* 379 »für die Herrschaft des Provenzalischen lauter Gebiet, in welchem ursprünglich nicht keltische Stämme vorherrschten oder wenigstens einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausmachten, nämlich die Ligurer und Aquitaner.« So liegt denn die Vermutung sehr nahe, dass die Grenze des Provenzalischen ungefähr der Verbreitung des Ligurischen entspricht. Diese Grenze bildet eine Linie, die sich durch Dauphine, Lyonnais, Limousin, Perigord und Saintonge zieht (siehe Karte 1). Mit dem Provenzalischen verwandt, aber doch von ihm zu scheiden, ist das Gascognische im Westen, das mehr auf dem iberischen Substrat des alten Aquitaniens beruht. Wahrscheinlich sind die Ligurer auch noch über diese Grenzen hinausgegangen, dort aber ist die keltische Bevölkerung so stark gewesen, dass hier ein besondrer Dialekt, das eigentliche französische entstehen musste.

Auch in Italien finden wir die Ligurer auf weiten Gebieten, wie bereits W. Helbig, Die Italiker in der Poebene S. 30 dargelegt hat. »Nach Verrius Flaccus sassen dereinst Ligurer und Sikuler auf dem Boden, auf dem nachmals die Stadt Rom entstand. Niederlassungen des ersteren Volkes werden von Dionys von Halikarnass, vermutlich nach Angaben des Varro, in derselben Gegend angenommen. Zwar ist die bereits von dem Syrakusaner Philistos vertretene Ansicht, dass die Sikuler ein li-gurischer Stamm gewesen seien, entschieden falsch und bleibt es zweifelhaft, ob der flimmernde Volksbegrifif der Aborigines, wie von einigen römischen Gelehrten versucht wurde, mit den Ligurer in Beziehung gebracht werden darf. Immerhin aber lassen diese Auffassungen darauf schliessen, dass sich das Andenken an die dereinstige weite Verbreitung jenes Volkes bei der Nachwelt erhalten hatte. Überdies wird die Überlieferung durch sprachliche Erscheinungen bestätigt. Der Name der Insel Ilva (Elba) entspricht dem des ligurischen Gaues der Ilvates. Ligurisch scheint auch der Name des Mons Ciminus oder Ciminius in dem südlichen Etrurien, da er in auffälliger Weise an den der Ortschaft Cemenelum, jetzt Cimella oder Cimiez (bei Nizza) und an das Kemmenon oros, die Cevennen, in dem ursprünglich von Ligurern bewohnten südlichen Gallien anklingt. Eine ähnliche Erscheinung ist es, wenn eine Lagune, die sich an der ligurischen Küste unweit der südlichen Ausläufer der Seealpen hinzieht, Sabata und ein in dem südlichen Ktrurien gelegener See, der heutige Lago di Bracciano, Lacus Sabatinus hiess. Auch der Name Alba kommt häutig in ligurischer Gegend vor. Eine Ortschaft dieses Namens lag auf der W estseite des Rhodanus in dem Gebiete der Helvier. Nördlich von Massalia kennen wir das ligurische Gebirgsvolk der Albieis, Albienses oder Albici und in seinem Gebiete Alba Augusta. Hierauf folgen in östlicher Richtung an der italischen Küste Albium Intermelium, Albium Ingaunum, Alba Docilia. Unweit des nördlichen Abhanges des Appenin lag am Tanarus Alba Pompeia;. Wahrscheinlich mit Recht bringt Helbig mit diesem Alba auch den Namen Alba longa in Verbindung, und man wird weiter den Namen der Alpen und der rauhen Alb in Deutschland hinzufügen dürfen.

Weiter wohnten die Ligurer auch in Korsika. Die gleichen Namen des Flusses Rhotanus auf dieser Insel und des Rhodanus im Ligurergebiet weisen mit Notwendigkeit auf dasselbe Volkselement, genau wie Genua und Genf (alt Genava) zwei ligurische Ansiedelungen sind. Der französische Forscher D’Arbois de Jubainville hat, wenn man auch seine sonstigen Ausführungen ablehnt, das grosse Verdienst, die Ausbreitung der Ligurer auf Grund gewisser Ortsnamen genauer bestimmt zu haben. Es handelt sich dabei namentlich um Orts- und Flussnamen mit den Suffixen -asco, -osco, -iisco, von denen man wohl nicht zweifeln kann, dass sie ligurisch waren, denn in der Inschrift vom Jahre 117 v. Chr. lernen wir die ligurischen Namen Xcviasca, Tnlclasca, Vcraglasca, Vine-lasca kennen und aus späterer Zeit kommen noch einige andere hinzu, so dass dieses Suffix als ligurisch mit Sicherheit angesehen werden kann. Heute sind diese Namen auf -asco, -asca vornehmlich in dem heutigen Ligurien verbreitet. Es finden sich da 33. Dieses Suffix nebst den verwandten -osco, -usco treffen wir ausserdem noch in Oberitalien, der Schweiz, in Elsass-Lothringen, in Oberbayern, Tirol, Korsika und auch in Spanien, was demnach auf eine beträchtliche Ausdehnung des Sprachstammes schliessen Hesse.

Wenn wir sehen, in welch grossem Umfang die Ligurer verbreitet waren, so wird die Frage nach der Herkunft dieses Volkes um so dringender. Wir werden auch für dieses Problem zunächst die Sprache heranziehen wollen. Leider fehlen uns aber die nötigen Sprachdenkmäler. Wir kennen das Ligurische eigentlich nur aus den geographischen Namen und einigen Glossen, worauf sich ein sicheres Urteil nicht gründen lässt. Müllenhoff, der diese Reste in seiner Altertumskunde untersucht hat, stellte alles zusammen, was sich für den indogermanischen Ursprung der Ligurer anführen Hess. Man darf sich aber durch diese seine Ausführungen nicht beirren lassen. Er war zu der Überzeugung gekommen, dass wir es in den Ligurern mit einem Sprachstamm zu tun hätten, der nicht zu dem indogermanischen gehörte. Dagegen verficht D’Arbois de Jubainville mit grosser Ent-schiedenheit den entgegengesetzten Standpunkt, und er hat verschiedene Forscher zu überzeugen gewusst. Aber das meiste, was er mit vielem Geschick für seine Hypothese zu verwerten gesucht hat, ist doch nicht beweiskräftig und gerade die Suffixe -asco, -nsco sehen mir nicht indogermanisch aus.

Auf einen neuen Boden ist die Frage gestellt, seitdem, wie man glaubt, zusammenhängende ligurische Sprachdenkmäler aufgefunden sind. In dem Gebiete von Lugano und an andern Orten *) sind Inschriften in einem besondern Alphabet gefunden, das Pauli das Alphabet von Lugano nennt, und das er ausführlich behandelt hat. Diese Funde sind durch neue Inschriften erweitert, die in der Nähe von Ornavasso, am Südende der Valle d’Ossola und westlich vom Lago Maggiore im Jahre 1890 aufgedeckt sind. Da die Inschriften nicht ganz kurz sind, so ist es natürlich von höchster Bedeutung zu untersuchen, welcher Sprache wir sie zuzuschreiben haben. Im allgemeinen liegen die Fundorte, nördlich und südlich von Lugano, südlich vom Comersee und östlich von Como, nach Kretschmer in einem Gebiete, das die Alten den Lepontiern zuweisen, und so haben denn auch Pauli und Bran-chetti die Inschriften den Lepontiern zugeschrieben. Leider wissen wir aber über die Nationalität dieses Volksstammes nichts sicheres. Kretschmer möchte sie zu den Ligurern rechnen. Nissen aber sagt: »Die Salassi im Tal der Dora Baltea heissen den Alten Gallier: die Angabe wird durch die Aufschrift von Goldmünzen, die an der Rhone vor deren Mündung in den Leman gefunden sind, bestätigt; noch jetzt herrscht hier trotz der uralten Verbindung mit Italien tlie französische Sprache . . . An die Sa-lasser grenzen östlich die Lepontii ungefähr bis zum St. Gotthard, das ganze Vorland bis zum Corner-See bewohnend: die Yalle Leventina, das Tal des Tessin hat ihren Namen bis auf die Gegenwart fortgepflanzt. Strabo weist sie ausdrücklich dem raetischen Stamme zu: aber seine Beschreibung der Alpen steckt voller Fehlet*, und ihm widerspricht Cato, der sie den Salassern gleich stellt, also für Kelten erklärt, sowie Plinius, der in diesen Gegend zu Hause war < *\ So sind also die Ansichten über die Lepontier geteilt. Ausserdem ist es aber noch nicht einmal sicher, dass sie auch bei Lugano sassen. Hier sind vielmehr eigentlich Gallier zu Hause, und wir haben auch gar keinen Grund die Sprache dieser Inschriften den Galliern abzusprechen, da sie, wie in der Anmerkung gezeigt werden wird, deutlich keltisches Gepräge tragen.

Neben der Sprache können wir noch die Körperbesch affer.-heit heranziehen. Aus dem Altertum haben wir freilich nicht viel Nachrichten, doch werden die Ligurer gerade den hochgewachsenen Galliern gegenüber als klein und zäh geschildert. Heute aber finden wir auf einem weiten Gebiete, das gerade das ligurische Gebiet mit umfasst, einen besondern Menschentypus, der dunkel, sehr brachykephal und klein ist. Dieser Typus, der der westliche, cevennische, keltische, keltisch-ligurische oder keltisch-sla-vische genannt wird, hat sich in seiner reinsten Form in den Cevennen, im französischen Hochplateau und in den Westalpen erhalten, und kommt durch Mischung modifiziert vor an vielen Stellen zwischen mittlerer Loire und Dnjeper, in Piemont, der Mittel- und Ostschweiz, Süddeutschland, Kärnthen, Mähren, Galizien und Wolhynien.

Ist diese Annahme Denikers richtig, so würden wir eine Rasse vor uns haben, die sich einst weit durch Mitteleuropa verbreitet hätte, deren älteste und Hauptsitze aber im Gebiete der Ligurer zu suchen wären. Dass dieser Typus aber nichts mit dem indogermanischen zu tun hat, kann man wohl als sicher bezeichnen, wenngleich damit eine frühzeitige Indogermanisierung dieser Stämme nicht ausgeschlossen ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Ligurer weit verbreitet gewesen, und wenn dies der Fall war, so hätten wir in der Körperbeschaffenheit einen Hinweis darauf. Nach den Angaben der Alten waren die keltischen Gallier hochgewachsen, blond und blauäugig, von den Germanen wenig verschieden. Wenn wir diesen Typus heute in Frankreich nicht mehr treffen, so darf man schwerlich, wie wir oben gezeigt haben, mit einer Umwandlung der Rasse rechnen, man wird die Tatsachen viel leichter erklären, wenn man annimmt, dass die heutigen Franzosen die Nachkommen jenes Volkstypus sind, den uns die Alten in den Ligurern schildern. Die Kelten sind als Eroberer die herrschende Klasse gewesen, und es ist nicht wunderbar, wenn uns die Römer die Eigentümlichkeiten der Herrscher geben, mit denen sie in der Hauptsache zu tun hatten.

Auf ein ganz anderes Gebiet, um die Herkunft der Ligurer zu erforschen, hat uns Mehlis geführt. Zwischen Rhone- und Rheingebiet scheinen die archäologischen Funde eine frühzeitige Verbindung zu erweisen, und darauf, sowie auf andere bereits gewürdigte Punkte gründet der Verfasser die Annahme von der Ausbreitung der Ligurer bis an den Mittelrhein. Ich kann diese Ausführungen nicht nachprüfen, halte sie aber nach dem angeführten nicht für unmöglich. Es kann sich sehr wohl ein anthropologisch verhältnismässig gleiches Volkselement weit über Westeuropa ausgedehnt haben, wenn wir auch natürlich nicht nachweisen können, dass sie ligurisch gesprochen haben.

Das Ligurerproblem kann also in gewissem Grade als ge* löst betrachtet werden, während es in andrer Hinsicht vorläufig unlösbar ist. Gelöst ist es insofern, als im Süden Europas ein Menschenschlag vorhanden gewesen sein dürfte, in dem wir einen alten Volkstypus Europas zu sehen haben; ungelöst aber bleibt es nach der Richtung, dass wir die Herkunft und genaue Verbreitung dieses Elementes nicht feststellen können. Als die Kelten sie nachhaltig bedrängten, trafen sie mit Indogermanen zusammen, aber es können auch schon vorkeltische Indogermanen die Ligurer beeinflusst haben. Darüber fehlt uns vorläufig jegliche Kunde.

6. Die Etrusker.

Schreiten wir auf dem Roden des völkerreichen Italiens, auf dem wir soeben die Ligurer verlassen haben, weiter, so stossen wir auf die Etrusker, nach denen die Landschaft Toskana noch heute ihren Xanten trügt. Die Frage nach der Herkunft der Etrusker hat schon das Altertum viel beschäftigt, und auch heute ist das Rätsel, das sich an dieses Volk knüpft, nicht gelost, wenn auch die neuere Zeit einige glückliche Funde zu verzeichnen hat und eine eindringende Forschung mit der Zeit manches klarer stellen wird.

Die Etrusker erschienen den Römern ganz fremdartig, und Dionys von Halikarnass (I, 30) sagt, sie seien ein sehr alter Stamm und keinem andern weder in Sprache noch in Sitte gleich. Im grossen und ganzen stimmen die antiken Nachrichten darin überein, dass wir es mit einem Volk zu tun haben, das in Italien eingewandert ist. Nach Hellanikos ( Dion. Hai. 1,28, Diodor XIV 1,13) landen sie am Po bei Spina und gründen von hier aus ihr Reich, und Herodot erzählt (1,94j, dass das halbe lydische Volk unter dem Königssohn Tyrscnos aus Mangel an Unterhalt im Westen eine neue Heimat suchen musste.

Es hat in der Geschichtsforschung eine Zeit gegeben und gibt sie auch wohl noch, in der man die antiken Traditionen ohne grosses Federlesen verwarf. Mit der Zeit hat sich aber die Richtigkeit vieler Nachrichten der Alten bestätigt, und wir haben auch hier keinen Grund, die bestimmte Kunde von einer Einwanderung der Etrusker abzulehnen. Immerhin war es wohl angebracht, sich nach einer anderen, lautrern Quelle umzusehen, aus der man bessere Wahrheit zu schöpfen hoffen konnte, und die musste natürlich die Sprache sein. Aber es scheint, dass wir hier vom Regen in die Traufe gekommen sind.

Die etruskischen Sprachreste bestehen aus einigen Glossen und mehreren tausend Inschriften, von denen die meisten allerdings nur Namen und wenige Worte enthalten, während in der Agramer Mumienbinde ein umfangreiches Denkmal vorliegt. In der Hauptsache haben wir es mit Grabinschriften zu tun, wras deshalb nicht ganz unvorteilhaft ist, wreil der gleichartige Bau derartiger Funde die Deutung etw^as erleichtert. Denn wir müssen die Inschriften ganz aus sich selbst erklären, da bis jetzt eine umfangreichere Bilingue fehlt. Leichter als auf dem äusserst mühsamen Weg der philologischen Kombination würde man zum Ziele kommen, wenn wir eine dem Etruskischen verw andte Sprache ausfindig machen und vergleichen könnten. Da hat man denn sehr bald an indogermanische Herkunft gedacht. Die Etrusker sitzen doch inmitten indogermanischer Stämme und haben w7ohl auch manche Einflüsse von ihnen erfahren. Im Jahre 1874 veröffentlichte W. Corssen sein grosses Werk über die Sprache der Etrusker, in dem er mit Feuereifer die Verwandtschaft des Etruskischen mit dem Lateinischen nachzuweisen suchte. Aber er fand gar bald an Deecke und Pauli •energische Widersacher. Als aber später Deecke auf den ursprünglich so scharf bekämpften Standpunkt Corssens übertrat, da schien sich die allgemeine Lage sehr zu seinen Gunsten verschoben zu haben und Pauli musste nunmehr allein weiter kämpfen.

Nur im Scherz stimmte er seinen Gegnern zu, indem er, um sie ad absurdum zu führen, das Litauische als die nächste Verwandte des Etruskischen erklärte. Ohne weitere einschneidende Untersuchungen hat sich allmählich wieder das Blatt gewendet, und heute verficht kaum noch ein Forscher den indogermanischen Ursprung dieser Sprache. Aber eine andere Verwandte hat sich auch nicht entdecken lassen. V. Thomsen hat in äusserst vorsichtiger Form Anklänge an kaukasische Sprachen hervorgehoben, aber es scheint, als ob auch diese trügerisch sind, und als ob der alte Dionys recht behalten sollte. Auch wer den etruskischen Forschungen ferner steht, wird den Wunsch haben, sich ein Urteil über die Frage zu bilden. Nun besitzen wir etw^as, was einer Bilingue annähernd gleichkommt, wir kennen die etruskischen Zahlwörter von I—6. Im Jahre 1848 entdeckten die Brüder Campanari ein Paar etruskische Würfel, die an Stelle der gewöhnlichen Punkte auf jeder Seite ein unbekanntes Wort aufwiesen. Diese Worte sind: mayy ftu, zalhuft, ci, sa. So ordnete Campanari die Zahlen an, offenbar der Etymologie zu Liebe, indem er so Anklänge an gr. ffa, lat. duo, quattuor, quinque, sex hersteilen zu können glaubte. Doch ist diese Anordnung keineswegs sicher, und andere Forscher sind zu einer ganz andern Folge gekommen. Mit ziemlicher Sicherheit glaubte Skutsch die Reihenfolge may, ci, ftu, hilft; 4a, zal annehmen zu dürfen, musste sie aber sehr bald selbst wieder verwerfen. Mag man die Zahlen aber ordnen, wie man will, mag man Campanaris Vorschlag oder den eines andern Forschers für richtig halten, so wird man doch erkennen, dass von Verwandtschaft mit dem Indogermanischen keine Rede sein kann, und ebensowenig hat eine Vergleichung mit andern Sprachen nennenswerte Anklänge ergeben. Zahlwerte sind aber eines der besten Mittel, um Sprachverwandtschaft zu erweisen. Vergleicht man die französischen ini. dcux. irois. quatre, cinq, six. sept, Jiuit. neu/, di.r mit den deutschen, so wird die Ähnlichkeit trotz mannigfacher Veränderung im Laufe von 4000 Jahren nicht verborgen bleiben.

Dasselbe ergibt sich, wenn wir eine deutbare Inschrift heranziehen. Während bei indogermanischen Sprachen wie dem Phrygischen oder Venetischen das Verständnis durch die Sprachvergleichung sehr bald erschlossen wurde, versagt diese hier völlig. Auch die etruskische Namengebung weicht deutlich von der indogermanischen ab, wie ein Blick in jede Sammlung belehrt. So sind wir also auf diesem Wege nicht weiter gekommen, und wir müssen unsere Zuflucht wieder zu den Nachrichten der Alten nehmen. Wir haben jetzt schon des öftern erlebt, dass sich diese, obgleich sie ursprünglich verworfen wurden, bewahrheitet haben. Auch in diesem Fall haben sie eine überraschende Bestätigung erfahren durch zwei Inschriften, die im Jahre 1886 auf der Insel Lemnos gefunden sind. Obgleich wir auch die Sprache dieser Monumente nicht verstehen, so sind doch alle Forscher darin einig, dass sie bemerkenswerte Anklänge an das Etruskische zeigt. Und da nun die antiken Schriftsteller übereinstimmend berichten, dass auf Lemnos bis zur Eroberung durch die Athener im Jahre 510 v. Chr. Tyrrhener gelebt hätten, und Strabo hinzufügt, dass diese unter Führung des Tyrrhenos nach Italien gekommen seien, so stimmen die geschichtlichen Nachrichten sehr wohl zu dem, was wir sonst zu erkennen vermögen.

Zur geschichtlichen Erklärung dieser Tatsachen liegen mehrere Möglichkeiten vor. Es könnten die Tyrrhener entweder von einem nördlich gelegenen Zentrum nach Etrurien und nach der thrakischen Küste gelangt und von dort nach Lemnos übergesetzt sein, oder wir können es mit einem Volke zu tun haben, das sich zur See im Mittelmeerbecken verbreitet und in Lemnos wie in Italien Kolonien gegründet hat. Es bietet das ebensowenig auffallendes wie die Ausbreitung der Griechen. Und schliesslich könnten wir es mit einer von Etrurien ausgesandten Kolonie zu tun haben. Eine sichere Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten ist nicht zu treffen. Doch ist die letzte Annahme am unwahrscheinlichsten. Sie kann durch die Untersuchung entschieden werden, ob das Lemnische dieselbe Sprache ist, wie das Etruskische oder nur ein verwandter Dialekt. Der neueste Bearbeiter der lemnischen Inschrift A. Torp betont wohl mit Recht die Verschiedenheiten, die zwischen Lemnisch und Etruskisch bestehen, und meint, dass aus diesen Gründen nur die zweite Alternative in betracht kommen könne. Lemnisch und Etruskisch sind verwandte Dialekte einer Grundsprache, das Lemnische ist aber keine Mundart des Etruskischen. Auch die erste oben angeführte Möglichkeit einer von Norden kommenden Einwanderung ist nicht gerade verlockend, und man wird jedenfalls die zweite für die wahrscheinlichste erklären müssen. Dann aber gewinnen die Nachrichten der Alten an Glaubwürdigkeit, dass wir es in den Etruskern mit Seefahrern zu tun haben, die im Mittelmeer weit verbreitet waren und auch an Italiens Küste ein Reich gegründet haben. Dieser Vorgang wäre nicht auffallender als so viele andere Staatengründungen, die zur See erfolgt sind. Dann ist freilich das Rätsel der ertruskischen Sprache unlösbar, da wir von den kleinasiatischen Sprachen nur das Ly-kische einigermassen kennen. Soviel ich sehe, zeigt es keine bemerkenswerte Verwandtschaft mit dem Etruskischen. Denkbar ist es auch, dass wir einen unserm Sprachstamm verwandten Dialekt einmal im Innern Kleinasiens entdecken. Vor einer Reihe von Jahren hat Bugge die Verwandtschaft des Etruskischen mit dem Armenischen behauptet, freilich, ohne dass seine Ansicht -sonderlichen Beifall gefunden hätte. Aber vielleicht könnte seine Annahme doch ein Körnchen Wahrheit enthalten. Denn im Armenischen scheinen eine Reihe nicht indogermanischer Elemente vorhanden zu sein, die natürlich auf die ursprüngliche kleinasiatische Sprache zurückzuführen sein dürften.

Man kann ferner, wie wir dies noch öfter tun werden, die Sitten und Gebräuche untersuchen, um die Herkunft der Etrusker zu enthüllen. Würden wir bei den Etruskern dieselbe Lebensweise wie bei den Indogermanen finden, so würde das zwar keine Verwandtschaft erweisen, aber es würde doch darauf hindeuten, dass die beiden Stämme auf benachbartem Boden erwachsen wären, wie z.B. nach den Nachrichtcn der Alten die Sitten der Ligurer und der Kelten sehr übereinstimmten. Nun sind aber die ISin-richtungen und Zustände bei den beiden Sprachgemeinschaften so verschieden wie möglich.

Zunächst tritt uns Lei den Etruskern die grosse Bedeutung der Zwölfzahl entgegen in den 12 Städten, den 12 Liktoren, während bei den Indogermanen die 9 herrscht. Der Anfang des Tages wurde bei den Etruskern durch den höchsten Stand der Sonne bedingt. Bei den Indogermanen beginnt er mit ihrem Untergang. Den Römern fiel cs auf, dass die etruskischen Frauen am Mahle der Männer tcilnahmen, eine Sitte, die wir sonst in unserm Kulturkreis nicht kennen, und auf den Grabinschriften wird neben dem Namen des Vaters auch sehr häufig der der Mutter genannt, was man längst als einen Rest der Mutterfolge gedeutet hat, wie sie uns besonders deutlich in Lykien, Spanien und Britannien entgegentritt. Auch für die Toten sorgte man in ganz andrer Weise als die Römer taten, man erbaute ihnen prächtige Grabkammern.

Das Auguren und Vorzeichen wesen war bei den Etruskern besonders ausgebildet, und wenn man die Darstellung dieser Dinge bei 0. Müller liest, so wird man ausserordentlich stark an babylonische Vorstellungen erinnert, die man jetzt bequem in Jastrows Religion Babyloniens und Assyriens übersehen kann. Zimmern macht mich darauf aufmerksam, dass in Etrurien bronzene Lebern gefunden sind, die auch in Babylon ihre Rolle spielen. Ebenso auffällig aber, ein Hinweis auf Sternbeobachtung, ist die Orientierung des Templum und der Gräber nach Norden (Müller-Deecke II S. 131, 183). So könnte man noch mancherlei anführen, was alles so weit als möglich von dem entfernt ist, was wir bei indogermanischen Stämmen antreffen, wohl aber Analogien im Orient haben dürfte.

Auch die körperliche Beschaffenheit der Etrusker weicht von dem europäischen Typus ab. Die Figuren auf den Deckeln der Aschenkästen zeigen Menschen von kleiner Statur mit grossen Köpfen, kurzen, dicken Armen und von ungeschickter unbehülf-licher Leibesgestalt. Wir wissen freilich nicht, wie viel davon einer mangelhaften Technik zuzuschreiben ist, aber auch die Römer nannten die Etrusker pingues et obesos. Heute freilich ist von einer besondern Rasse in Etrurien nichts zu spüren, was man aber kaum gegen die Einwanderungstheorie wird verwenden können.

Demgegenüber betont allerdings Wilser, Die Germanen 136, dass das Volk zu einer langköpfigen Rasse (durchschnittlicher Schädelindex 76) mit nur geringer (kaum ein Drittel betragender) Beimengung von Rundköpfen gehört hat, und die bemalten Bildnisse Verstorbener auf zahlreichen Aschenkisten, die oft deutlich helles Haar, blaue Augen und rosige Hautfarbe erkennen Hessen, zeigten, dass diese Rasse die nordeuropäische sei. Sollten diese Angaben richtig sein, so wurde damit doch nichts über die Herkunft und den Ursprung der etruskischen Sprache entschieden, da zweifellos in den gesegneten Fluren Etruriens starke Völkermischungen stattgefunden, und wir auch wissen, dass Umbrer in grossen Teilen Etruriens gewohnt haben.

Auf noch einen Punkt mag in diesem Zusammenhang hingewiesen werden. Wir finden bei den Römern eine Reihe von Entlehnungen aus semitischen oder kleinasiatischen Sprachen, Entlehnungen, die wir auch bei den Griechen antreffen, die aber nicht von den Hellenen zu den Römern gekommen sein können, da ihre Form den Lautgesetzen widerstreitet. Man hat, um dies doch annehmen zu dürfen, von einer thrako-illyrischen Vermittlung über den Norden der Balkanhalbinsel hin gesprochen, aber hier ist kaum ein Kulturweg vorhanden, der von Osten nach Westen geführt hätte. Sollten die Etrusker wirklich aus Kleinasien eingewandert sein, so würde sich diese Erscheinung der Lehnwörter auf das beste bei der Annahme erklären, dass die Einwanderer diese Worte aus ihrer Heimat mitgebracht und den Römern überliefert hätten.

Wir können ferner mit völliger Sicherheit annehmen, dass in Etrurien einmal eine Eroberung stattgefunden hat. Darauf weist der starke Unterschied zwischen Herrschern und Beherrschten, den wir in Etrurien antrefifen. Darauf weist die gewaltige Ausdehnung, die das Reich in kurzer Zeit gewonnen hat, die aber bald wieder verloren ging.
»In den Bundesversammlungen«, heisst es bei Müller-Deecke 1, 337, »berieten und beschlossen bloss die Principes, dieselben herrschten in den Gemeindeversammlungen der einzelnen Staaten . . . Den Geist etruskischer Adelsherrschaft bezeichnet am besten der äussere Pomp der Erscheinung in Kleidung und Insignien, besonders wenn man damit das einfache und schlichte Äussere griechischer Obrigkeiten, auch spartanischer Könige, vergleicht.«

So spricht denn sehr viel dafür, dass die antike Überlieferungen, die von einer Einwanderung der Etrusker zur See weiss, durchaus richtig ist. Woher sie gekommen, lasst sich bei dem Schwanken und der Unklarheit der Überlieferung nicht sagen. Jedenfalls kann sie sehr wohl von Kleinasien ausgegangen sein, da sich hier die Seeschiffahrt frühzeitig entwickelt hatte. Und in der Tat finden wir einige sprachliche Anklange, die diese Vermutung bestätigen. Man weiss, welche Rolle der Name Tarku hat. Tarquinius im Etruskischen spielte. Der gleiche Name kehrt als Torkun, Trokun häufig im Lykischen und in ganz Vorderasien wieder, und man wird diesen Anklang nunmehr nicht so leicht bei Seite schieben können. Der Heroenname Nanos findet seine beste Vergleichung in kleinasiatischen Sprachen.

Diese Anklange können die Frage natürlich noch nicht entscheiden; weiteres hat Pauli (Altitalische Forschungen II, 2, S. 126 ff.) beizubringen versucht, ohne den hypothetischen Charakter seiner Aufstellungen zu verkennen und es lässt sich wohl aus dem lateinischen Namenmaterial, das, wie W. Schulze Zur Geschichte lat. Eigennamen 1904 gezeigt hat, viel Etruskisches enthält, noch manches anfiihren. doch ist auch das unsicher und so müssen wir gestehen, beweisen lässt sich der kleinasiatische Charakter des Etruskischen nicht. Das kann und darf uns nicht wundernehmen, denn tatsächlich ist unsere Kenntnis der klcinasiatischen Sprachen noch sehr gering. Und wenn wir auch vom Lykischen etwas mehr wissen, so sind doch die Lykier aller Wahrscheinlichkeit nach von der See eingewandert, also vielleicht nicht in Kleinasien einheimisch. Auch das, was Torp als Ähnlichkeiten zwischen Karisch und Etruskisch anführt, ist zu vag, als dass es zum Beweise dienen könnte.

An geschichtlichen Parallelen zu der vermuteten Wanderung der Etrusker fehlt es nicht. Wir können mit grosser Sicherheit annehmen, dass im Mittelmeerbeckcn sehr frühzeitig eine ausgedehnte Seeschiffahrt bestanden hat. Die Natur musste hier von selbst auf das Meer hinauslocken. Und namentlich die kleinasiatische Küste war ja vor allem begünstigt. Wie die nordischen Wikinger auf ihren kleinen Schiffen überall hingekommen sind, so werden auch von Kleinasien aus Unternehmungen zur See stattgefunden haben, die nach Lemnos und nach Italien gelangt sein können. Man darf nur nicht an einfache Verhältnisse denken, es war hochentwickelte Kultur.

Wenn die Etrusker nach Italien gelangt sind und in schrittweisem Vorgehen Norditalien erobert haben, so haben sie dort natürlich auch eine einheimische Bevölkerung angetroffen und unterworfen, und es ist für die Sprachenfrage zu erwägen, ob wir nicht gerade den Dialekt dieser Unterworfenen in den etruskischen Inschriften zu suchen haben. Man kann dafür einen wichtigen Punkt anführen. Aus der Behandlung der griechischen Lehnwörter im Etruskischen müssen wir schliessen, dass die Etrusker die erste Silbe der Wörter betonten, und aus dem häufigen Ausfall von Vokalen in unbetonten Silben müssen wir folgern, dass die Sprache einen stark exspiratorischen Akzent hatte. Ausserdem fehlen dem Etruskischen die Medien, während zweifellos stark gehauchte Tenues vorhanden waren. Alle diese Eigentümlichkeiten kehren in dem, dem Etruskischen benachbarten Süddeutschen wieder, so dass man wohl annehmen darf, dass die Eigentümlichkeiten der Sprache durch das gleiche zu Grunde liegende Volkselement bedingt sind.

Nach den Nachrichten der Alten sind die Etrusker bei dem Einbrüche der Kelten unter ihrem Anführer Rätus in die Alpen geflüchtet, wo sie als Rätier fortlebten, und wo noch heute das räto-romanische insofern Kunde von ihnen gibt, als man die eigentümliche Gestaltung dieser romanischen Sprache auf das zu Grunde liegende Volkselement zurückführen darf. Diese Nachricht hat zwar, wie Ratzel Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wiss. 1898, 31 ausführt, manche Analogien für sich, aber sie unterliegt doch schweren Bedenken. Man ersieht die Verteilung des Rätoromanischen aus der Nebenkarte von Karte 1, und man erkennt, wie das Rätoromanische im Herz der Ostalpen gesprochen wird. Das deutet nicht auf ein versprengtes Volkselement hin, sondern auf ein uraltes auf weiteren Gebieten sesshaftes, das hierher zurückgedrängt ist, und es spricht für die Vermutung, dass wir im Rätischen ein vom Etruskischen verschiedenes alteinheimisches Element vor uns haben.

Die Etruskerfrage bildet zweifellos noch heute das schwierigste Rätsel der antiken Ethnographie. Aber wir brauchen nicht daran zu zweifeln, dass es eines Tages gelöst werden wird. Nur darf man bei den Erklärungsversuchen nicht vergessen, dass die Wanderungen der Völker mannigfaltiger sind, als man gewöhnlich annimmt.

7. Die Urbevölkerung Griechenlands und Kleinasiens.

Wir verlassen nunmehr vorläufig den Boden Italiens, da man für die übrigen Teile der Bevölkerung dieses Landes mit grösster Sicherheit indogermanische I lerkunft annehmen darf. Diese werden uns daher erst später beschäftigen. Wir werden sehen, dass wir auch unter den Indogermanen Italiens mindestens zwei besondere Spnichstämme vor uns haben, die zu verschiedenen Zeiten eingewandert sind. Wir finden demnach eine Mannigfaltigkeit der Völkerschichtung, die uns daran erinnert, auch auf anderen Gebieten nicht mit ganz einfachen Annahmen vorzugehen. Was für Italien gilt, dürfte auch für die Balkanhalbinsel zutreffen, wenngleich hier die Tatsachen bei weitem nicht so klar liegen.

A. Der vorhellenische Sprachstamm.

Sobald man die indogermanische Herkunft der griechischen Sprache erkannt hatte, zweifelte man nicht daran, dass die Hellenen die ersten Besiedler Griechenlands gewesen seien, oder dass eine Urbevölkerung, wenn sie vorhanden war, vollständig vernichtet wurde. Das widerspricht aber allen geschichtlichen Analogien. Auch im Mittelmeerbecken haben unendliche Zeiten vor dem Eindringen der Indogermanen Völker gelebt, die sich sicher unter diesen günstigen geographischen Verhältnissen eine bedeutende Kultur erworben haben. Wie schon die Ausgrabungen in Troja, Mykene und Tiryns unsere historische Erkenntnis auf das glänzendste erweitert haben, so zeigen nun auch die neuen kretischen Funde, dass die Nachrichten der Alten von einem alten, mächtigen Reich auf Kreta eine wirkliche Grundlage haben. Inschriften in einer besonderen Schrift (Fig. i), die mit den antiken Alphabeten nicht zusammenhängt, sondern ganz selbständig dasteht, zeigen, welchen Grad der Kultur man hier schon erreicht hatte. Sind auch die Inschriften bisher nicht lesbar, so beseitigen sie doch jetzt schon eine Anzahl älterer Annahmen und geben Raum für neue Forschung. Sie lehren, dass die vordringenden Indogermanen wohl kaum als Kulturträger, sondern zunächst als Zerstörer gekommen sind, bis die angeborene Anlage der Einwanderer in Verbindung mit den Fähigkeiten der eingesessenen Bevölkerung zu jenen weltgeschichtlichen Taten und zu jener Höhe der geistigen Entwicklung führte, die noch heute unsere Bewunderung erregen.

Vergleicht man die geistigen Anlagen und die geistige Regsamkeit der Athener mit dem Charakter der Römer, so muss man auf den Gedanken kommen, dass uns hier grundverschiedene Völker entgegentreten, während doch die Sprachwissenschaft lehrt, dass Griechisch und Lateinisch eng verwandte Sprachen sind. Das lässt sich kaum anders erklären als dadurch, dass an der Bildung des attischen Volkes neben dem indogermanischen auch andere, d. h. einheimische Elemente beteiligt sind. Dagegen zeigen die Dorer in Sparta, die sich zweifellos stets abgesondert erhalten haben, in ihrer Nüchternheit und Konsequenz entschiedene Verwandtschaft mit dem Volkscharakter der Römer.

Alles dies weist darauf hin, dass wir in Griechenland neben den eingewanderten Indogermanen auch eine einheimische Bevölkerung anzuerkennen haben, die ja ihrerseits schon wieder mannigfach gemischt gewesen sein kann. Das einzige Mittel, von der Herkunft dieses Volkes etwas zu erfahren, muss doch wieder die Sprache bilden. Die in einer Art Bilderschrift geschriebenen kretischen Inschriften, die jetzt auch im eigentlichen Griechenland ans Tageslicht getreten sind, haben bis jetzt noch dem Versuch der Lesung getrotzt. Aber schon vor einer Reihe von Jahren ist in Praisos auf Kreta im Gebiet der Plteokreter eine nicht griechische Inschrift in griechischen Buchstaben entdeckt, zu der 1901 eine zweite umfangreichere gekommen ist. Mit grossem Scharfsinn und genügender Vorsicht hat R. S. Conway diese Inschriften untersucht und sich für indogermanischen Ursprung ausgesprochen. Mir scheint dies Ergebnis freilich keineswegs sicher zu sein, vor allem da wir den Inschriften noch keinen Sinn abgewinnen können. Aber das eine lehren uns die Inschriften, dass auf Kreta einst eine Bevölkerung gesessen, die eine nicht griechische Sprache gesprochen hat. Jeder Tag kann uns neue Funde bringen, und diese werden hoffentlich über den Charakter der Sprache Auskunft geben.

Vorläufig müssen wir uns aber ohne dieses Hilfsmittel behelfen. Wenn auch ein eroberndes Volk nicht allzuviel Fremdwörter aus der Sprache der Unterworfenen aufnimmt, so wird es doch nicht ganz ohne diese bleiben, und so hat man die Aufmerksamkeit auf eine Reihe griechischer Wörter mit dem Suffix -nthos gelenkt, mit einem Suffix, das wir nur schwer aus dem Indogermanischen erklären können. Ausserdem sind es, wie Conway Iiervorgehoben hat, meist Ausdrücke, die aus der Sprache der Hauern stammen durften, da sie Gegenstände des Landlebens bezeichnen, und bei ihnen liegt allerdings der Verdacht der Entlehnung nahe.

Aber auch dieser Punkt kann uns wenig nutzen. Wohl aber bieten die Orts-, Fluss- und Bergnamen Griechenlands ein wichtiges Hilfsmittel, die Verbreitung der alteinheimischen Sprache festzustellen. Während auf keltischem, germanischem und sla-vischem Gebiet die Deutung der topographischen Namen aus dem Indogermanischen in vielen Fällen gar keine Schwierigkeiten bereitet, ist ein grosser Teil des griechischen Namenmaterials so gut wie undeutbar. Gewiss sind auch hier Versuche gemacht, alles aus dem Hellenischen oder Indogermanischen selbst herzuleiten, aber überzeugend sind diese Ausführungen nicht gewesen, und auch spätere Arbeiten dürften wenig besseren Erfolg haben. Gerade gegenüber den bedeutendsten Namen, wie Athen, Sparta, Theben versagt jeder Deutungsversuch.

Zum Teil kehren auch die gleichen Ortsnamen in Europa und Kleinasien wieder, so z. B. Larisa in Thessalien, in Lydien, und Mysien; einen Parnassos gibt es in Phokis, zwei andere in Kappadokien und Karien; Mykalessos erscheint in Böotien und Karien, Kephisos in Attika und Böotien, Kabcssos in Lykien Kabassos in Kappodokien. Neben dem Erymanthos in Elis steht ein 0romandos in Kappadokien.

Anderseits finden wir auch dieselben Stämme, und nur die Suffixe wechseln. Neben Larisa steht Laranda in Kappadokien und Lykaonien, neben Pyrasos in Thessalien Py rindos in Karien, neben Kot risset, in Galatien Kor int kos und Kerinthos in Griechenland. Man kann nicht daran zweifeln, dass wir es in allen diesen Fällen mit Namen zu tun haben, die ein und derselbe Sprachstamm geprägt hat. Da nun diese Namen in Griechenland und Kleinasien Vorkommen, so zog ihr erster Bearbeiter, Georg Meyer, den Schluss, wir hätten es, da ja die Griechen sicher Indogermanen waren, auch in Kleinasien mit indogermanischen Sprachen zu tun. Aber es sind weder die Wortstämme noch die Endungen mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Indogermanischen herzuleiten, und da wir weiter gelernt haben, wie oft ein Volk die Spuren seiner Anwesenheit in Ortsnamen hinterlässt, so schliessen wir jetzt gerade umgekehrt: weil diese namentlich in Karien und dem übrigen Kleinasien verbreiteten Namen sicher nicht indogermanisch sind, so hat auch in Griechenland einmal eine nicht indogermanische Bevölkerung gesessen. Diese Folgerung haben schon Pauli und nach ihm Kretschmer gezogen, und nur einige skandinavische Gelehrte haben den indogermanischen Charakter jener Worte und Bildungen verteidigt. Meines Erachtens kann man an dem nicht indogermanischen Charakter dieser Sprache nicht zweifeln, und so hätten wir hier also eine neue Sprachgruppe nicht indogermanischer Herkunft vor uns, die in Griechenland und Kleinasien einst weit verbreitet war.

Wenn nun auch die topographischen Namen genügen, um dieses Ergebnis festzustellen, so wissen wir doch über diese Sprache zunächst nichts, und wir können also ihre weitern Wege und ihre Herkunft nicht ermitteln. Wir wissen auch nicht einmal sicher, ob die Namen auf -00- und auf -vK (~vö~) derselben Sprachgruppe angehören, wenngleich dies, da dieselben Stämme mit beiden Suffixen versehen werden, einigermassen wahrscheinlich ist. Nun sind aber allmählich auf kleinasiatischem Boden in Inschriften Reste verschiedener Sprachen ans Tageslicht gekommen, die möglicherweise eine Förderung unserer Frage bieten können. Natürlich ist es von vornherein durchaus nicht sicher, dass diese Sprachreste demselben Volk angehören, von dem die Ortsnamen stammen. Ms können auch liier Indogermanisierungen stattgefunden haben, oder es können andere Sprachstämme eingewandert sein. Immerhin sind aber diese Sprachen auch an sicli wertvoll genug, um mancherlei geschichtliche Aufklärung bieten. Weiterhin ist es ja auch nicht sicher, dass die Menschen, die diese Ortsnamen geprägt haben, die ersten Be-siedler dieser Gegenden waren. Zeigt doch das Land zwischen höbe und Weichsel fast durchgehend eine slavische Namengebung, obgleich hier sicher vor ihnen Germanen gewohnt haben. Wenn sich Städtenamen erhalten sollen, so müssen erst einmal Städte vorhanden sein. Wohnte die älteste Bevölkerung Griechenlands in Dörfern, so können die Namen dieser Ansiedelungen völlig verloren gegangen sein, sobald eine neue Art der Siedelung aufkam.

Über die Verbreitung der auf diese Weise gebildeten Ortsnamen würde am besten eine Karte Auskunft geben, doch würde eine in dem kleinen iMassstab, wie sie diesem Buche hätte beigegeben werden können, keine genügende Übersicht gewährt haben. Ich führe daher nur Paulis Ergebnis an (Altitalische Forschungen : Die Namen auf -d- sind im ganzen seltener als die auf -v-, sie verhalten sich zu einander wie 64 zu 120, innerhalb der einzelnen Provinzen aber ist das Verhältnis beider so, dass im Süden die Formen mit -d- verhältnismässig stärker vertreten sind, als die mit -v , so in Karien, Lykien, Pisidien, Pamphylien, Kilikien und Lykaonien, während sie nach Norden stark zurücktreten, so in Pontus, Galatien, Kappadokien, Phrygien und Mysien. Als den Hauptsitz dieser beiden Formationen überhaupt ergeben sich Kappadokien, Karien, Lykien und Pisidien, in zweiter Reihe Lykaonien, Phrygien, Lydien und Mysien, nur dünn gesät sind sie im Norden.« Wir finden sie ferner jenseits der Propontis in Thrakien, in Makedonien, Thessalien, Böotien, Attika und vereinzelt in Mittelgriechenland und dem Peloponnes. Nach der Verbreitung zu schliessen, war der Ursitz dieser Sprache Südkleinasien, namentlich Karien, von wo sie sich in den Küstenländern des ägäischen Meeres ausgedehnt hat. Wir wenden uns nunmehr zu den Sprachen Kleinasiens. Freilich die Hoffnung, hier jene Sprache, die auch in Griechenland geherrscht hat, noch in Inschriften anzutreffen, müssen wir aufgeben. Wir finden auch hier Rätsel über Rätsel und nur selten sichere Lösungen.

Es ist das Verdienst von Kretschmer, uns ein weiteres Hilfsmittel, den kleinasiatischen Sprachstamm zu bestimmen, er schlossen zu haben. In Kleinasien ist das Prinzip sehr verbreitet, die Personennamen aus den Bestandteilen der Sprache zu bilden, die besonders als Lallwörter verwendet werden.

Wir finden da beinahe alle Möglichkeiten erschöpft, nämlich Ba, Baba, Aba, Da, Dada, Duda, Ada, Ma, Mama, Ama, Na, Nana, N011710s, Ninnis, Nenis, Anna, Papa, Appa, Ta, Tata, Tatta, Ata, Atta, Kaka, Akka, La, Lala, Sa, Sassa, Sustt. Vava. Es ist ganz richtig, dass derartige Wörter auch in andern Sprachen Vorkommen, aber in solcher Menge und als namenbildendes Prinzip treten sie eben nur in Kleinasien auf. Kommt hinzu, dass auch sonst die gleichen Namen über einen Teil Kleinasiens verbreitet sind, so wird man den Schluss auf einen besonderen Sprachstamm, den schon Kiepert gezogen hat, anerkennen müssen. Das schliesst aber nicht aus. dass auch in Kleinasien noch andere Volks- und Sprachelemente vorhanden gewesen sind. Wenn die babylonische und ägyptische Kultur schon im vierten Jahrtausend hoch entwickelt waren, wenn wir in beiden Ländern die mannigfachsten Eroberungen und Völkerverschiebungen finden, so wird man ähnliches auch für Kleinasien voraussetzen dürfen.

B. Das Lykische.

Von allen kleinasiatischen Sprachen kennen wir das Lykische am besten, da uns eine beträchtliche Anzahl von Inschriften, darunter auch einige Bilinguen, von dieser Sprache überliefert sind. Das lang erwartete Werk, das die Inschriften vollständig bietet, ist jetzt erschienen, und es wird die Forschung entschieden neu anregen. Es lässt sich nicht leugnen, dass wir die kleinern Grabinschriften mit ihrem typischen Inhalt ganz oder nahezu ganz verstehen, dass wir aber der grössten Inschrift, der Xanthosstele, noch keinen Sinn haben abgewinnen können. Immerhin genügt das bisher erkannte, um uns einen Einblick in den Bau der Sprache zu gewähren, die sich danach als eine flektierende enthüllt.

Das Alphabet, in dem die Inschriften geschrieben sind, ist aus dem Griechischen abgeleitet, zeigt aber eine Reihe neuer Zeichen, und andere in eigentümlicher Verwendung, und daraus geht schon deutlich hervor, dass das lykische Lautsystem ein anderes war als das griechische. Das kann natürlich vorläufig fiir die 1 Icrkimft der Sprache nichts beweisen, wenngleich es einmal von Bedeutung werden kann. Wichtiger ist schon, dass, wie Deecke 1887 zuerst erkannte und Arkwright 1891 genauer begründete, im Lykischen eine Art Vokalharmonie bestand. Eine derartige Eigentümlichkeit kennen wir bisher nur aus dem alten Sumerischen und den uralaltaischen Sprachen, aber darauf Lässt sich nicht die Annahme von Verwandtschaft gründen, da eine solche Erscheinung, die nur phonetischer Natur ist, auch selbständig auftreten kann. Andrer Art ist die Verdoppelung der Konsonanten nach Konsonanten, die H. Pedersen zuerst beobachtet hat. Zugleich zeigt die Sprache eine grosse Häufung von Konsonanten, was auf Vokalausfall und starken exspiratorischen Akzent schliessen lässt.

Sehr bald nach einer genaueren Bekanntschaft mit dem Lykischen hat man die Ansicht aufgestellt, wir hätten es mit einer indogermanischen Sprache zu tun, und unter dieser Voraussetzung hat die Erforschung des Lykischen Jahre lang gestanden. Dann aber vertreten andere Forscher wie Taylor, Pauli, Ark-wright, Kretschmer die gegenteilige Auffassung, während Bugge und ihm folgend Pedersen mit grossem Eifer die Anklänge an das Indogermanische hervorgehoben haben und den indogermanischen Charakter des Lykischen verteidigen. Bugges und Pedersens Argumente scheinen, wenn man sie im Zusammenhänge liest, in der Tat einiges Gewicht zu haben, versucht man aber die Inschriften selbst mit Hilfe des Indogermanischen zu deuten, so wird der Glaube wieder wankend. Ich habe mich früher für Kretschmer ausgesprochen, halte es aber heute für möglich, wenn auch nicht für erwiesen, dass im Lykischen, das jedenfalls eine Mischsprache ist, ein indogermanischer Einschlag vorhanden war.

Eine Einwanderung fremder Volkselemente folgert Kalinka mit Recht aus verschiedenen Gründen. Wenn man die dem Inschriftenwerke beigegebene Karte überblickt, in der die Orte, wo Inschriften gefunden wurden, eingetragen sind, so sieht man sofort, wie dicht die Lykier am Meere sassen, während die Inschriftenfunde in den von der See entfernteren Gegenden immer seltener werden und im Mittellande ganz fehlen. Ausserdem zerfällt dieses Siedelungsgebiet an der Küste in zwei getrennte Teile, einen westlichen und einen östlichen.

Ferner weichen die lykischen Personennamen durchaus von dem von Kretschmer aufgedeckten kleinasiatischen Namensystem ab und drittens findet man die eigentümlichen lykischen Grabdenkmäler sonst in Kleinasien nicht. Von dieser Einwanderung zur See berichtet ja auch Herodot, aber wir wissen freilich nicht, woher die Lykier gekommen sein mögen. Verwandtschaftliche Züge mit dem Etruskischen oder Lemnischen haben sich im Lykischen, wie wir oben gesehen haben, bisher noch nicht nachweisen lassen, und da wir von dem Sprachengemisch, das offenbar im Mittelmeerbecken herrschte, nur sehr unvollkommene Kenntnis haben, so müssen wir die Lösung des lykischen Rätsels auf Zeiten vertagen, da einst neue sprachliche Urkunden ans Tageslicht gekommen oder die alten noch sichrer gedeutet sein werden. Proben der lykischen Sprache und Erörterungen über ihren Bau bietet die Anmerkung.

Bemerkenswert ist ferner, dass den Alten an den Lykiern die Sitte der Mutterfolge auffiel. Sonderbarerweise wird sie durch die Inschriften nicht bestätigt, da der Sohn hier regelmässig als Sohn seines Vaters eingeführt wird. Wohl aber finden wir in Kos und anderswo Reste dieser Sitte, so dass wir auch durch diese Tatsachen auf den Gegensatz zweier Bevölkerungsschichten geführt werden. Auf der Xanthosstele tritt uns neben dem eigentlichen Lykischen noch eine etwas abweichende Sprache entgegen, die man pseudolykisch oder milyisch genannt hat. Wenn sie nun auch ein wirkliches Lykisch ist, so weist doch ihr Dasein wohl ebenfalls auf Mischungsverhältnisse hin.

Das System der Namengebung ist, wie wir schon öfter gesehen haben, manchmal ein wichtiges Hilfsmittel und unser letzter Rettungsanker. Die lykischen Namen zeigen nun durchaus nicht jene Lallnamen, die Kretschmer als den kleinasiatischen Sprachen eigentümlich erkannt hat, vielmehr haben sie des öfteren deutlich eine zweistämmige Form wie z. B. in Purihi-mete (25) und Purihi-mrbbese (62), Asa-wazala (3) und Wazala (16) Pddje/-kfita (13) und Knte-nube (39), Ddawa-parta (101) und Ddawa-hama (113), Pertina-muwa (66). Diese Art der Namenbildung würde für das Indogermanentum stark in die Wagschale fallen, wenn man die Wortstämme wiederfände. Wer nach Indogermanismen sucht, wird leicht Anklänge finden, die ich auch in den Bemerkungen zu diesem Kapitel andeuten werde.

Alles in allem ist das Problem des Lykischen noch nicht gelöst , aber es ist zu hoffen, dass weitere eindringende Forschung uns einst sichere Ergebnisse geben werde. Wenn sich die indogermanische Herkunft bestätigen sollte, so würden wir allerdings immer noch nicht wissen, woher denn die Lvkier eigent-lieh kommen. Zur See müssten sie eingewandert sein. Das nächstliegende wäre, Herkunft aus Griechenland anzunehmen, aber Italien, die chalkidische Halbinsel oder selbst Xordklein-asien wären ebenso als Ausgangspunkte denkbar. Selbst wenn ich den indogermanischen Charakter des Lykischen anerkennen wollte, vermöchte ich nicht zu entscheiden, ob wir es mit einer westlichen oder östlichen Sprache zu tun haben.

C. Die übrigen Stämme Kleinasiens.

I. Die Karer.

Sollte sich wirklich das Lykische als eine indogermanische Sprache erweisen lassen, so würde dadurch das Ergebnis früherer Forschung, dass in Kleinasien ein besonderer Sprachstamm vorhanden gewesen ist, nicht beeinträchtigt werden. Denn darauf weisen die Orts- und Personennamen mit hinreichender Deutlichkeit hin. An und für sich ist es nicht einmal wahrscheinlich, dass sich c i n einziger Sprachstamm über ganz Kleinasien erstreckt hat. Das Land dürfte ebenso wie andere Gebiete verschiedene Völkerstürme über sich haben ergehen lassen. Aber die Xachrichten, die uns zu Gebote stehen, sind zu dürftig, um etwas sicheres erkennen zu lassen.

Im Altertum treten uns drei verschiedene Stämme hier entgegen, die Karer, die Lyder und die Myser. Über die Herkunft der Karer besitzen wir bei Herodot 1,71 eine antike Überlieferung, nach der sie auf das Festland von den Inseln gekommen sein sollen; die Karer selbst dagegen hielten sich für Autochthonen, d. h. wussten nichts über ihre Herkunft. Die Xachricht Herodots wird insoweit zu Recht bestehen, als auch auf den Inseln, namentlich in Kreta einst eine karische Bevölkerung vorhanden war. Auf enge Beziehungen weist das Vorkommen der Doppelaxt, deren Name in labiys vorliegt und auch in dem kretischen Labyrinthos steckt.

Von der karischen Sprache sind uns aus dem Altertum eine Reihe von Glossen überliefert, die am vollständigsten von Sayce zusammengestellt sind. Ausserdem ist eine Anzahl von Inschriften auf uns gekommen. Leider sind sie, obgleich wir einige Bilinguen besitzen, die sich aber nicht genau entsprechen, noch nicht gedeutet, ja, obgleich die Schrift auf einem griechischen Alphabet beruht, enthält sie doch so viele neue Zeichen, dass wir sie nicht einmal sicher lesen können. Kretschmer glaubt ein Genetivsuffix nachgewiesen zu haben, das das Karische mit dem Lykischen teile, während Torp Die Inschrift von Lemnos S. 49 Anklänge an das Etruskische findet, die aber doch auch nur sehr dürftig sind. Jedenfalls wird man schwerlich daran denken können, dass wir es im Karischen mit einer indogermanischen Sprache zu tun haben.

Anderseits finden wir in Mylassa ein altes Heiligtum des karischen Zeus, in dem die Karer gemeinsam mit den Lydern und Mysern als ihren Brüdern opferten. Wir erfahren also hier von einer alten Kultgemeinschaft, und das weist darauf hin, dass eine Sprachverwandtschaft zwischen diesen Völkern bestand, denn ohne gleiche Sprache ist die gemeinsame Verehrung eines Heiligtums im Altertum kaum denkbar.

2. Die Lyder und Myser.

Während uns die karischen Inschriften wenigstens darüber Auskunft geben, dass wir es mit keinem indogermanischen Volk zu tun haben, versagen bei den Lydern auch die Inschriften. Bis jetzt ist nur eine Inschrift gefunden, die Sayce für lydisch hält. Seine Annahme ist jedoch sehr unsicher. Glossen sind nur wenige vorhanden, darunter jedoch einige, die in der Tat indogermanisch zu sein scheinen. Die ausführlichen Erörterungen, die das Lydische bei Kretschmer Einleitung 384 ff. gefunden hat, haben das eine klar gestellt, dass wir es bei diesem Volke wohl mit einem indogermanischen Einschlag zu tun haben, das heisst, indogermanische Stämme, die zweifellos in den Norden der kleinasiatischen Halbinsel gelangt sind, scheinen auch diese Teile des Landes erreicht und hier ein Reich von kurzer Dauer gegründet zu haben. Das homerische Epos kennt die Lyder noch nicht, sondern dafür die Mai071er, ein Volksname, der sehr wohl indogermanisch sein kann. Später wird der König Kandaules durch Gyges gestürzt, und es hat schon Kiepert (Lehrb. d. alt. Geogr. S. 112) vermutet, dass mit Gyges ein einheimisches Element wieder zur Herrschaft gekommen sei. Das ist insofern beachtenswert, als Kandaules in der Tat einen indogermanischen Namen zu tragen scheint, wie weiter unten zu besprechen sein wird.

Noch deutlicher tritt diese Mischung in der Landschaft Mysien auf. Xanthos (bei Strab. 12, 572) sagt ausdrücklich, der mysische Dialekt sei aus lydisch und phrygisch gemischt gewesen. Wir haben keinen Grund, diese Angabe zu bezweifeln. Sonst wissen wir über die Sprache wenig, da nur drei Glossen überliefert sind. Da die Myser am Kult von Mylassa teilnehmen, müssen wir sie als Verwandte der Lyder und Karer betrachten, während anderseits die Anwesenheit indogermanischer Stämme in Mysien sicher steht.

3. Die übrigen kleinasiatischen Stämme.

Von den Völkerverhältnissen des übrigen Kleinasiens wissen wir verhältnismässig wenig. Wie weit indogermanische Einwanderungen stattgefunden haben, werden wir im zweiten Teil sehen. Das Vorhandensein einer vorindog. Bevölkerung folgt aus den Personen- und Ortsnamen. Karolidis hat, wie Kretschmer S. 399 ausführt, in dem heute nördlich des Tauros gesprochenen griechischen Dialekt eine Reihe von Pdementen entdeckt, die sich aus dem Griechischen nicht deuten lassen, und die er deshalb auf die alte kappadokische Landessprache zurückführt. Wir finden in diesem Dialekt vor allem Zahlwörter wie lingiv 6, tatli oder tutli 7, matli oder mutli 8, danjar oder tsankar 9, die sicher nichts mit dem Indogermanischen zu tun haben.

Die Mittel, die ursprünglichen Völkerverhältnisse Kleinasiens zu entwirren, sind vorläufig noch zu gering, als dass wir sichere Ergebnisse erwarten dürften. Vor allem fehlen uns ausgiebige Sprachdenkmäler. Aber vielleicht treten solche mit der Zeit ans Tageslicht. Zu hoffen ist, dass die Erforschung des Lykischen zu voller Klarheit führen werde. Die Zukunft wird hier gewiss manches Rätsel lösen, aber auch neue knüpfen. Jedenfalls steht fest, Kleinasien ist einst von Nichtindogermanen bewohnt gewesen. Dass hier ein einziger einheitlicher Sprachstamm gesessen habe, widerspricht eigentlich aller Wahrscheinlichkeit, genaueres aber können wir nicht darüber wissen. Wie die Indogermanen in dieses Land eingedrungen sind, werden wir im zweiten Teile sehen.

8. Die Finnen.

Glücklicher als bei den bisherigen Sprachstämmen sind wir bei der Sprache daran, die im Norden und Osten seit mehreren tausend Jahren den germanischen benachbart ist, der finnischen. Diese Sprache lebt noch heute und gibt, da sie sich verhältnismässig wenig verändert hat, über vieles Auskunft. Lehnwörter, die in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt von den Germanen zu den Finnen gekommen sind, zeigen noch heute die Gestalt, die die Sprachforschung für das Urgermanische erschlossen hat, ja es gibt Wörter, die völlig den vorausgesetzten indogermanischen gleichen.

Mit dem Namen »finnischer oder finnisch-ugrischer Sprachstamm« bezeichnet man die Sprachen der Völker, die heute auf einem Gebiet wohnen, das sich vom Ob und Ural im Osten bis zur Ostsee dem Ozean und der Donau im Westen und Süden erstreckt. Ein Blick auf eine ethnographische Karte (s. Karte 2) lehrt uns ihr Gebiet kennen, das in zwei grosse getrennte Teile zerfällt, zwischen die sich jetzt die Russen geschoben haben. Aber innerhalb des russischen Gebietes treffen wir noch immer vereinzelte Reste, was auf eine einstige grössere Ausdehnung schliessen lässt. Getrennt von dem grossen Stamm finden wir die Magyaren in Ungarn, in ihrem Verhältnis zu den übrigen Finnen ursprünglich ein kleiner versprengter Rest.

Das Finnisch-Ugrische teilt man in folgende Sprachzweige:

1. Die baltischen Finnen im eigentlichen Finnland, im Petersburger Gouvernement, im nördlichen Schweden und Werm-land und im nördlichen Norwegen; sie zählen jetzt etwa 2600000 Angehörige.

Zu ihnen im weiteren Sinne gehören:

a) Die Karelier in Russland im westlichen Teil des Gouvernements Archangelsk und Olonez (etwa 90000) und in dem Gouvernement Twer und Nowgorod, wo sie aber erst nach dem Stolbower Frieden eingewandert sind (etwa 150000);

b) Die Wepsen in den Gouvernements Olonez und Nowgorod (etwa 20000),

c) Die Woten im Petersburger Gouvernement (etwa 2000),

d) Die Esthen im Esthland und Livland (etwa 870000),

e) Die Liven (kaum noch 3000) auf der nördlichsten Landspitze von Kurland.

2. Den zweiten Zweig bildet das Lappische im nördlichen Schweden und Norwegen. Die Zahl der Lappen beträgt gegen 250CO. Anthropologisch sind die Lappen von den Ugrofinnen deutlich zu scheiden. Es sind kleine Leute (1,3—-1,6 m) von schmutziggelber Hautfarbe, mit straffem schwarzem Haar, rundem Schädel, ein wenig schiefstehenden Augen, kleiner platter Nase und kleinem spitzen Kinn.

3. Die Mordwinensitzen hauptsächlich in den russischen Gouvernements Simbirsk, Pensa, Saratow, Samara, Nischnij Nowgorod und Tambow, an Zahl etwa 800000.

4. Die Tscheremissen betragen etwa 360000, und sie wohnen besonders im Gouvernement Wjatka.

5. Die Syrjanen, mit den engverwandten Wotjaken zusammen auch Permi er genannt, findet man besonders in den Gouvernements Wologoda und Archangelsk, an der Petschora, dem Meilen und den östlichen Zuflüssen der Dwina, etwa 112000 an Zahl. Die W otjaken wohnen im Gouvernement Wjatka und am Oberlauf der Kama, sowie in den Gouvernements Kasan und Ufa. Sie umfassen noch 300000—350000 Menschen.

6. Die Wogulen, meistenteils an der östlichen Seite des. nördlichen Urals sesshaft, bilden mit den ihnen benachbarten Ostjaken den ugrischen Zweig der finnischen Sprachfamilie, von dem wahrscheinlich

7. Die Magyaren, die herrschende Klasse in Ungarn, abstammen. Ihre Zahl betrug 1890 7426730, übertrifft also die aller übrigen finnischen Sprachen zusammengenommen. Sie erscheinen um 836 n. Chr. an der untern Donau und lassen sich am Ende des neunten Jahrhunderts in Ungarn nieder. Ihre Heimat sucht man auf Grund der Sprachverwandtschaft am Ural,, wo sie am südlichsten sassen, wahrscheinlich in der Nachbarschaft türkischer Stämme, wie die Lehnworte wahrscheinlich machen, die sie von diesen erhalten haben.

Die finnisch-ugrische Sprache ist weiter mit dem Samoje-dischen in Nordsibirien und Nordosteuropa und dem türkisch-tatarischen verwandt, und man vereinigt alle diese Idiome unter dem Namen uralaltaischer Sprachzweig, der seit alter Zeit das östliche Europa und Nordasien einnimmt, und den man zu den agglutierenden Sprachen rechnet. Doch ist das eigentliche Finnisch heute durchaus flektierend.

Wo die Urheimat der Finnen zu suchen sei, dürfte ebenso umstritten sein wie die Frage nach der Herkunft der Indogermanen. Während man ihnen früher wie diesen Sitze in Asien anwies, sprechen sich heute auch Stimmen dafür aus, dass sie schon seit Alters in Nordeuropa gewohnt haben. Und in der Tat lässt sich dagegen kaum ein stichhaltiger Grund geltend machen. Man wird in ihnen die uralten Bewohner der Tundren Nordeuropas zu sehen haben, eines Gebietes, das nur eine spärliche Bevölkerung ernähren konnte und fremde Eroberer auch nicht anlockte. Jedenfalls sitzen finnische Stämme seit Alters in Osteuropa und längs der Wolga ziemlich tief bis in den Süden herab. Nachbarn der Indogermanen, die ihnen in der Kultur überlegen waren, sind sie schon mindestens im ersten Jahrtausend vor Christus gewesen. Das zeigen die zahlreichen Lehnwörter, die sie aus dieser Sprache aufgenommen haben. Nach Setälä sind die Indo-Iranier die ersten Indogermanen gewesen, mit denen die finnisch-ugrischen Stämme in Berührung gekommen sind. Der Anfang dieser Berührungen ist auf die Zeit zurückzu führen, wo die finnisch-ugrischen Sprachen noch eine Einheit bildeten oder sich wenigstens in geographischer Hinsicht recht nahe standen. Und es haben nicht nur die iranischen Sprachen auf das Finnisch-ugrische gewirkt, sondern es muss auch der Einfluss einer Sprache vorausgesetzt werden, die dem Indischen näher stand als dem Iranischen. Nach dieser Zeit hat das Litauische eingewirkt. »Es unterliegt keinem Zweifel«, sagt Setälä S. 34, »dass die baltischen Entlehnungen in der mordwinischen Sprache der Zeit nach den iranischen am nächsten stehen. Das geht daraus hervor, dass die meisten baltischen Wörter der mordwinischen Sprache (wie Thomsen gezeigt hat) in den westfinnischen Sprachen nicht selten genau in übereinstimmender Form angetroflen werden, was beweist, dass der Verkehr zwischen den Finnen und ihren nächsten Stammgenossen in der Epoche, wo diese Entlehnungen stattgefunden, noch nicht ganz abgebrochen war.« Wiederum später sind die germanischen Lehnwörter.

Aus alle dem geht also hervor, dass die Finnen seit Jahrtausenden Nachbarn der Indogermanen gewesen sind, und man kommt daher naturgemäss auf den Gedanken, ob nicht die beiden Sprachstämme überhaupt verwandt seien. Und das hat man wirklich behauptet. Obwohl schon im Jahre 1879 N. Anderson diese Hypothese ausführlich zu begründen versucht hat, hat die Ansicht doch wenig Beifall gefunden, bis sich ihrer H. Sweet mit grosser Wärme angenommen hat. Und in der Tat werden keinem, der sich vorurteilsfrei mit dem Finnischen beschäftigt, die auffallenden Ähnlichkeiten entgehen können, die sich zwischen diesem Idiom und unsrer Sprache zeigen. Ich stehe nicht an zu behaupten: Wenn man bei einer neu entdeckten Sprache solche Übereinstimmungen mit dem Indogermanischen fände, wie beim Finnischen, so würde jeder Sprachforscher sie für indogermanisch erklären. Trotzdem kann man sich täuschen und einigen äussern, direkt in die Augen springenden Ähnlichkeiten zu grossen Wert beimessen. Erst wenn wir eine urfinnische Grammatik besitzen, wie wir eine indogermanische haben, und wenn wir weiter in der Analyse der indogermanischen Flexion gekommen sein werden, dann wird es möglich sein, sicher über die Verwandtschaft zu urteilen.

Freilich gehören die finnischen Völker der Rasse nach teilweise sicher nach Asien. Aber doch nur teilweise. Denn sie bestehen auch nicht aus einer einzigen Rasse, und die Bewohner des eigentlichen Finnlands zeigen auch Typen, die mit denen Europas durchaus verwandt sind. Wie das zu erklären sein mag, steht noch dahin. Jedenfalls kann indogermanisches Blut in ihnen stecken. Denn die Nordeuropäer werden sich ebenso nach Osten ausgedehnt haben, wie sie nach Süden und Westen gewandert sind, und wenn so die Asiaten und Europäer zu-sammenstiessen, so musste eine Sprachübertragung und Rassenmischung stattfinden. Dass bei dieser Gelegenheit Europäer finnisiert seien, ist ebensogut möglich, wie in Russland zahlreiche finnische Stämme russifiziert worden sind. Andere Forscher freilich, wie z. B. Ripley, halten die Finnen für ursprünglich blond und sehen in der blonden Bevölkerung Europas indoger-manisierte Finnen. Durch eine Vergleichung des allen finnischen Sprachen gemeinsamen Wortschatzes hat man die älteste Kultur der Finnen ebenso zu erschliessen versucht wie die der Indogermanen. Doch stellen sich hier der Erkenntnis dieselben Schwierigkeiten, ja vielleicht noch grössere entgegen, wie auf indogermanischem Gebiete. Das bedeutendste Werk, das diesen Gegenstand behandelt, ist 1874/75 erschienen, und seitdem hat die Erforschung der finnischen Sprachen natürlich ebensolche Fortschritte wie die der indogermanischen gemacht, so dass man das Buch nicht mehr als eine sichere Grundlage ansehen kann. Ähnliche Wege und Ziele verfolgen J. N. Smirnows Untersuchungen über die Ostfinnen. Doch sind die Ergebnisse dieser Arbeit, wie E. N. Setälä gezeigt hat, zum Teil verfehlt. Das Gutachten dieses Eorschers über die Arbeiten Smirnows ist wohl das bedeutendste, was wir über diesen Gegenstand augenblicklich besitzen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Finnen war jedenfalls höher als man gemeinhin annimmt, und es stimmt das zu dem, was wir jetzt von der höheren Kultur der Indogermanen zu wissen glauben. »Es scheint mir«, sagt Setälä S. 15, »aus dem oben genannten klar hervorzugehen, dass in der Zeit des Zusammenlebens der finnisch-mordwinischen Gruppe irgend eine Art primitiven, halb nomadenhaften Ackerbaus, aller Wahrscheinlichkeit nach das »Schwenden« betrieben wurde. Wenn die letztgenannten finnisch-permischen Zusammenstellungen richtig sind, müssen wir daraus schliessen, dass die Anfänge des Ackerbaus den finnisch-ugrischen Stämmen viel früher bekannt waren, als man bisher angenommen hat.« Wenn ich auch mangels eigener Kenntnisse nicht näher auf diese Fragen eingehen kann, so muss ich doch betonen, dass das Dasein von Lehnwörtern, die im Finnischen sehr zahlreich sind, noch nicht den ursprünglichen Mangel des damit bezeichneten Begriffes bedingt. Fremdwörter verdrängen sehr leicht auch alteinheimische Wörter, wofür Onkel, Tante, Cousin, Cousine, Pferd usw. nur ein paar Beispiele aus dem Deutschen sind.

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen : ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905), Author: Hirt, Herman.  (PDF-Dateien: Band 1, Band 2)

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Die Deutsche Passion

Deutsche Passion Veröffentlicht am von

Deutsche PassionDeutsche Passion Uwe Lammla Verlag: Engelsdorfer Verlag ISBN-10: 3867036209 ISBN-13: 978-3867036207 95 Seiten 8,40 Euro

Wer bei “Gedichten” reflexartig die Augen verdreht, sich grundsätzlich nur handfesten und praktischen Dingen widmet, aber doch den einen oder anderen Vers in Gedanken bei sich trägt, der greife zur “Deutschen Passion”!
Kerngedanke dieses Buchs ist die staufische Reichsidee. Hier tritt ein Dichter aus der Unverbindlichkeit subjektiver Eindrücke und Stimmungen heraus und redet Klartext, und zwar von Dingen, die uns Deutschen angehn. Wer den ersten Blick in diese Gedichtsammlung wirft, gewinnt leicht den Eindruck, hier rede eine Stimme aus längst vergangener Zeit, die von Bomben und Propaganda verschüttet ist. Aber dieser Schein trügt. Zwar liegen die Motive oft in der Vergangenheit, aber das Thema ist brandaktuell.

Die “Deutsche Passion” ist keine Elegie und kein Klagelied, erst recht keine Satire oder Parodie, sondern ein Schlachtruf – nicht nur metaphorisch, sondern ganz echt. Der Dichter tritt in die klassische Rolle eines Erziehers der Nation zu Selbstbewußtsein und Kultur ein. Jeder der Verse atmet den Geist der Überzeugung, daß im Nationalbewußtsein im Kern das gründlichere Denken liegt, Gründlichkeit des Denkens im Sinne des Nachdenkens der Deutschen über sich selbst und ihre Geschichte womit sich ein Glauben an die “Lehren” der “Sieger von 1945″ als völlig unbrauchbar und substanzlos erweist. Sie nämlich führten in Deutschland jene Oberflächlichkeit ein, in deren Vollzug Politik zu der puren Irrationalität von moralisierter Gesinnungspolitik wurde. Die Gedichte zeigen nunmehr, daß Demokratie als Systemform oder gar als “Gesinnung” niemals gegen die nationale Substanz ausgespielt werden kann und geistiger Wurzeln bedarf. Ein Buch, das Tabus aufbricht und kontrovers diskutiert werden wird.

Besinne Dich, deutsches Volk, finde Deine alte gute Geisteskraft wieder und den klaren reinen ehrlichen Verstand, mit dem Du Dir einst fast die ganze Welt zum Freunde machtest und Achtung erwarbst, die heute manchmal noch aufblitzt, wo Völker unter der anglo-amerikanischen Knute leiden oder fast wie Tiere dahinvegetieren, weil die korrupten Eliten Ihres Landes sie vollständig preisgegeben und versklavt haben! Wach auf aus der verordneten und dauerhaft neu gepredigten Besinnungslosigkeit, erkenne Dich und Deine Geisteskraft!


Aus Gedichte von Uwe Lammla, »Deutsche Passion«.
Wir leben in Stämmen, wo Zwietracht und Neid
Vom Rand der Geschichte nach Brudermord schreit,
Wir träumen in Wäldern mit dichtem Gezweig,
Im Nebel und unter der Rauhnacht Geschweig,
Wir herrschen in Mären, die fern einer singt,
Der nie in den Schein unsrer Sonnfeuer dringt,
Und spät ward ein Name uns Makel und Lohn,
Doch schon unser Werden war immer Passion.

Der Limes der Römer durchschnitt unser Land,
Der West und der Süd ging dem Feinde zur Hand
Und kaufte von Freien mit gutem Gewinn
Den Bernstein und mancherlei Hausrat aus Zinn,
Doch auch die Gezähmten im römischen Staat,
Sie sannen auf Abfall und schnöden Verrat,
Erwacht im Cherusker der alte Teuton,
Wird Varus das Opfer der deutschen Passion.

Wer Grauen nicht meidet, dem stehts zu gebot,
Ist Tod nicht mehr Leiden, wird Leidenschaft Tod,
Wer nah bleibt dem Quell, der das Leben gebiert,
Lacht über den Gecken, der schamvoll sich ziert,
Barbar, was als Schimpf und Verachtung gedacht,
Entpuppte sich rasch als geschichtliche Macht,
Und bald wird Byzanz seine Heldenlegion
Erkennen in Stämmen der deutschen Passion.

Die Inbrunst, die nach dem Erlöser sich sehnt,
Erstickten die Pfaffen und drückender Zehnt,
Wer frei ist, der duldet nicht Steuer und Zoll,
Stößt Schranzen aus Fenstern und zeigt seinen Groll
Mit Waffen, die bar aller Zierde und Weih
Der ländliche Alltag ihm steuert herbei,
Und hilft gegen Plündrer nur Reformation,
Erfährt auch Herr Tetzel die deutsche Passion.

Wir sind in die Mitte Europas gestellt,
Wir einen das Kleine der Größe der Welt,
Das göttliche Recht, im Gemächte des Manns
Verbürgt, macht uns einig und fruchtbar und ganz,
Von Welschen und Schweden zur Walstatt erkorn,
Hat Deutschland ein ganzes Jahrhundert verlorn,
Doch ziehn die Besatzer mit Flüchen und Drohn,
So bleibt doch das Deutschsein für immer Passion.

Denn ernst nimmt der Deutsche die Liebe, den Streit,
Den Glauben, das Recht und Gerechtigkeit,
Er duldet nicht Phrase, Theater, Zierrat,
Er fordert die Treue, die Ehre, die Tat,
Er haßt eine Ordnung, bequem und korrupt,
Sie gilt ihm als Teufel und Drache, beschuppt,
Bis Siegfried, Sieglindes erbsündiger Sohn,
Das Untier läßt spüren die deutsche Passion.

In Frankreich verspielte der König den Kopf,
Als Freigeisterei als gefährlicher Kropf
Sich auswuchs, wo Spiel und der Unernst am Hof
In Albernheit punkte, für keine zu doof,
Der Mühe abhold und im Fordern sich keck
Erhebend, erfand ein Regime seinen Zweck,
Doch fand hier auch mancher begeisterter Ton,
Verharrten die Deutschen doch in der Passion.

Da reiner Verbrauch an die Endlichkeit stößt,
So wurden als nächstes die Nachbarn erlöst.
Dem Reich, das von Rom einst den heiligen Stab
Forttrug, gab der Korse ein ruhmloses Grab,
Bis endlich die Preußen und Bismarck gewitzt
Ertrotzten, daß Deutschmann im Vaterland sitzt,
Und Türme und Male, gehuldigt dem Thron,
Erschienen als Zeugen der deutschen Passion.

Die deutschen Erfolge, die Flotte, das Heer,
Ertrugen die Angeln nur knirschend und schwer,
Sie schufen Allianzen, zu stoppen den Fleiß
Des Deutschen, der ärgerlich viel kann und weiß,
Sie forschten nach Schwächen in Reiches Gebälk,
Sie stützten, was brachliegt, was morsch ist und welk,
Bis Kriegslust Europa berauschte wie Mohn,
Für Deutschland der Weg in die ärgste Passion.

Denn nicht nur versagt blieb dem Reiche der Sieg,
Der Frieden ward schlimmer als jeglicher Krieg,
Im Osten zerstückelt, im Westen besetzt,
Ein Staat ohne Würde und Hunger zuletzt,
Ein Mann und ein indisches Lebenssymbol,
Sie stiegen und wurden der Deutschen Idol,
Was diese versprachen, als hätten sies schon,
So träumten die Deutschen in ihrer Passion.

Doch tiefer nur noch als beim ersten Mal fällt
Der Deutsche im Wahne, den Haß aus der Welt
Mit Waffen zu kehrn, mit Gefolgschaft allein,
Als könne der Führer der Gottessohn sein,
Und Kleinmut besetzt, was der Größenwahn ließ,
Und Deutscher ist nun, wer Zerknirschung bewies,
Den Deutschen ist Deutsches nun Abscheu und Hohn,
Sie spotten ihr Dasein und ihre Passion.

Wie lang soll das gehn? fragt sich mancher und glaubt
Man hätt den Verstand allen Deutschen geraubt,
Doch sammeln sich fern vom Getön der Parteien
Geächtete, reif, wieder Deutsche zu sein.
Sie rüsten sich, wecken den Kaiser im Kyff,
Der tiefer als Spätre nach Heiligkeit griff,
Die Pfalzen vereinte im Burg-Oktagon
Als Walstatt des Geistes und deutscher Passion. http://germanenherz.blogspot.de/2012/06/die-deutsche-passion.html

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen
Vorwort. 
Wald- und FeldkulteDas vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen „ Sammlung der Ackergebräuche“ einzuordnen seien. Es ist hier der Versuch gemacht worden, die wichtigsten Sagen, Frühlings- und Sommergebräuche, welche zu den Erntegebräuchen in unverkennbarer Analogie stehen, einzig und allein aus sich selbst heraus einer methodischen Untersuchung auf ihren Inhalt und dessen Bedeutung zu unterwerfen, soweit es der Hauptsache nach auf Grund des in der Literatur vorhandenen Materiales schon jetzt geschehen konnte. Doch sind an vielen Orten bisher ungedruckte Ueberlieferungen eingestreut. In größerem Umfange ist dies bei Gelegenheit des Erntemai geschehen; die rheinländischen Sitten und die zu Kuhns Aufzeichnungen hinzugekommenen westfälischen verdanke ich schriftlichen Mittheilungen, so auch alle übrigen, dagegen sind die S. 203 ff. verzeichneten französischen einer größeren Sammlung entnommen, welche mir im Jahre 1870 persönlich aus der Unterhaltung mit Kriegsgefangenen zu schöpfen vergönnnt war.

Den mannigfachen neuen Stoff, welchen ich in dem Abschnitte über die schwedischen Waldgeister verwenden konnte, schulde ich dem gütigen und liebreichen Entgegenkommen der Herren D. D. Hildebrand (Vater und Sohn) in Stockholm, Propst E. Rietz in Tygelsjö bei Malmö (inzwischen verstorben), und Baron Djurklou auf Sörby bei Örebro, welche bei meinem ersten Aufenthalt in Schweden im Herbste 1867 mir die im Besitze des Reichsanti-quaritims, des Schonischen Altertnmsvereins und ihrer selbst befindlichen handschriftlichen Aufzeichnungen von Volksüberlieferungen mit außerordentlicher Liberalität zugänglich machten und deren Benutzung erleichterten. Meinem verehrten Freunde Professor H. Weiß, Custos des Kupferstichkabinets in Berlin, bin ich für den Nachweis mehrerer der auf S. 339—340 erwähnten Kunstwerke, den Vorständen und Beamten der königlichen und Universitätsbibliothek zu Berlin für freundlichen, unermüdlichen Beistand verpflichtet. Vor allem aber fühle ich mich gedrungen, dem hohen Unterrichtsministerium meinen ehrerbietigsten Dank für die fortgesetzte hochgeneigte Förderung und Unterstützung meiner Bestrebungen auszusprechen. Eine eingehendere Erörterung über die Grundsätze, das Rüstzeug und die Methode, sowie über die allgemeinen Ergebnisse meiner Arbeit wird den zweiten Band einleiten, der durch treffende Belege die Wahrheit der aufgestellten Sätze zu bestärken Gelegenheit giebt. Im übrigen bilden die in diesem Bande vereinigten Untersuchungen ein abgeschlossenes Ganzes für sich. Mögen sie sich Freunde erwerben und als ein nicht unbrauchbarer Beitrag zur Lösung der großen Aufgaben erfunden -werden, welche der Kulturgeschichte heutzutage im Zusammenwirken der Wissenschaften zugefallen sind.

Grundanschauungen

In dem ewigen Kreislauf, der die Atome aller irdischen Dinge umhertreibt und in welchem jeder, auch der festeste Körper, nichts anderes darstellt, als eine zeitweilige Form der unaufhaltsamen Bewegung, einen Strudel im Strome, ist trügendem Augenscheine nach dem Steine ein ruhiges Verharren gegeben, Von seiner Starrheit hebt sich unterscheidend der verhältnißmäßig schnelle und in regelmäßiger Wiederkehr nachweisbare Verlauf in der Veränderung organischer Bildungen ab. Alle lebenden Wesen vom Menschen bis zur Pflanze haben Geborenwerden, Wachstum und Tod miteinander gemein und diese Gemeinsamkeit des Schicksals mag in einer feinen Kindheitsperiode unsers Geschlechts so überwältigend auf die noch ungeübte Beobachtung unserer Voreltern eingedrungen sein, daß sie darüber die Unterschiede übersahen, welche jene Schöpfungsstufen von einander trennen.1
1)Daß der Naturmensch den Unterschied von Geist und Körper noch wenig beachtet, sich mit seinen Nebengeschöpfen auf gleichem Niveau rangiert, nicht nur Menschen, Tieren, Pflanzen, sondern auch Steinen und Hausgeräten Seele und Wiederaufstehen im Jenseits znschreibt, auf Tiere mit Stolz seine Ahnenreihe zurückleitet u. s. w. setzt A. Bastian in Steinthals Zeitschr. f. Völkerpsychol. V, 153 gut auseinander.

Die Anerkennung der Gleichartigkeit ging so weit, daß manche Völker die ersten Menschen aus Bäumen oder Pflanzen gewachsen oder geschaffen annahmen; noch in historischer Zeit verfügt die Sprache und naturwüchsige Dichtung der meisten Nationen über einen mannigfaltigen Vorrat von schönen Vergleichen des animalischen und des vegetabilischen Lebens, welche teils als zerbröckelte Trümmer uralter, auf das naive Bewußtsein der Identität gegründeter Mythen anznsehen sind, teils die ursprünglichen ästhetischen, in Anschauung umgesetzten Empfindungen conservieren oder aus der Tiefe des Menschengeistes neu erzeugen, die auch jenen das Dasein gaben. Am häufigsten finden wir auf Zustände in der Entwicklung des Menschen die entsprechenden Erscheinungen des vegetabilischen Daseins in bildlicher Redeweise übertragen.
Der Mensch blüht, wächst und welkt; in seiner Vergänglichkeit gleicht er dem Grase des Feldes; der Mann in seiner Kraft erinnert an die starke Eiche, das hingebende anmutige Weib an den umrankenden Epheu, die duftende Blume.

Der Liebende aller Zeiten und Länder weiß die Schönheit der Geliebten nicht treffender zu schildern, als wenn er das Mädchen als seine Rose, Lilie, als Myrte oder Granatblüte feiert. Die reiche Lese verwandter Wendungen, Beiwörter und Kosenamen, welche J. Grimm in seinem feinsinnigen Aufsatze „Frauennamen aus Blumen“ zusammengebracht hat, ließe sich von allen Feldern der Weltliteratur mit Leichtigkeit ins Unübersehbare vermehren. Andererseits machen Sprache und Dichtung umgekehrt die Pflanze zum Spiegel animalischen Lebens.

Der junge Pflanzenschoß im Frühlinge wird dem jungen Tiere verglichen. Dem Römer erschien er wie ein Kind, Füllen oder Küchlein (pullus), dem Griechen wie ein Kälbchen; die Berechtigung dieser Auffassung werden die nachfolgenden Untersuchungen hoffentlich dartun. Unsere Palmkätzchen gehören einer anderen Vorstellungsgruppe an, sie tragen ihren Namen von dem silbergrauen, sammetweichen Fell; aber im skandinavischen Norden war Kalb vom neuen Pflanzensproß im Gebrauch, z. B. Engelwurzschößlein, angelica tenella.. Die weibliche und männliche Blüte des Hanfs wird als Hahn und Henne unterschieden, wie das Männchen und Weibchen mancher Singvögel; und nicht unerwähnt bleibe die auf dem Gebiete der Pflanzennamen reichlich und schon seit alters hervortretende Neigung, die Gestalt der Kräuter einzelnen Gliedmaßen der Tiere zu gleichen (Wolfsfuß, Gansfuß, Storchschnabel, Löwenzahn u. s. w.). Auch diesmal bietet die Menschengestalt, welche zwar übrigens im weitesten Abstande von der am Boden haftenden Pflanze befindlich, durch ihren aufrechten Wuchs derselben sich wiederum am meisten nähert, die ausgiebigste Veranlassung zu personifizierenden Gleichnissen.

Wir legen den Gewächsen im Schmuck der poetischen Darstellung gerne Fuß und Arm, Kopf und Augen, Brust, Busen, Haar und Kleidung u. dergL bei. Reichliche Beispiele für diesen Sprachgebrauch bei neueren deutschen Dichtern, Shakespeare und den Autoren des klassischen Altertums ließen sich aus der reichhaltigen und lehrreichen Schrift Ton C4. Hense „Persouificationen in, griechischen Dichtungen, THL. I. Halle 1868“ zusammenstellen. Schon diese so zu sagen teilweise und vorübergehende Aid. von Personification setzt Beseelung voraus: der Mensch leiht dem bewußtlosen Gewächse Empfindung und weil wir in demselben gewisse Eigenschaften wahrzunehmen glauben, die an verwandte Seiten in unserm Innern anklingen, sucht unsere Phantasie in ihm ein Leben wie das unsrige, Geist von unserm Geiste.

Diese Vorstellung steigerte sich in früher Vorzeit ohne Zweifel zu dem wirklichen Glauben, daß die Pflanze ein dem Menschen gleichartiges, mit Denken und Gesinnung begabtes Wesen, Mann oder Weib sei. Als später im primitiven Bewußtsein ein Bruch eintrat und eine Art von botanischem Begriff aufzukommen begann, suchte jener Glaube in veränderten Formen sein Dasein zu retten. Zunächst mußte er sich von Tag zu Tage fortschreitend eine Einschränkung auf einzelne Individuen gefallen lassen, an denen das Wunder noch haftete, während die große Mehrzahl der Gewächse der nüchternen Betrachtung und dem noch mein’ ernüchternden Gebrauche des wirtschaftlichen Lebens verfiel. Sodann hieß es nun entweder, die Pflauze sei der zeitweilige Sitz, das Kleid, die Hülle einer durch den Tod ans dem leiblichen Dasein entrückten Menschenseele. Kobersteins treffliche Abhandlung 1 ist noch immer das Beste, was bisher über diesen Gegenstand veröffentlicht wurde. Nach anderer Auffassung sind gewisse Pflanzen verwandelte Menschen oder Halbgötter, deren Bewußtsein durch Zauber oder Schicksalsspruch in ihnen noch fortlebt Hieraus erklärt sich in weit größerem Umfange, als man bisher zu wissen scheint, eine Anzahl der vielen Volkssagen, in welchen von einer Metamorphose in Pflanzen die Rede ist. 2
1) Koberstein, A., üb. d. Vorstellung v. d. Fortlebea menschlicher Seelen in der Pflanzenwelt. Nanmburg 1849; wieder abgedruckt Weimar. Jahrbuch. I, 78—100. Vgl. den Nachtrag Reinhold Köhlers ebd. 479—483, Herrig, Archiv 1 d. Stud. der n. Spr. XVII, 444. Sitzungsberichte der Wiener Akad. 1856. XX, 94. Slavische Beispiele bei Grohmann, Abergl. a. Böhmen 193, 1361. 93, 648.

2) Gute und richtige Bemerkungen über diesen Gegenstand machte B. Schmidt in s. hübschen Aufsatz über Calderons Behandlung antiker Mythen im Rhein, Museum X, 1856, p. 341: „Jener Glaube (an Verwandlungen von Menschen in Pflanzen) wurzelt durchaus in einem Gefühle der alten Völker das der neueren Zeit völlig fremd ist, in ihrer religiösen Sympathie mit der Nata. Vermöge dieser empfanden sie die Pflanze wie den Stein und das Gewässer als individuell begeistet, dagegen den Mensehen auch in seinem geistigen und sittlichen Dasein als eine Gestalt der Natur, brachten also für ihre Betrachtung das Naturleben und das Leben der Menschen in ein Verbältniß innerer Gleichartigkeit und gemütlicher Nähe und sahen darum auch die Schranken zwischen dem einen und dem andern als leicht überschveitbar an.“

Endlich eine dritte Anschauungsweise weiß von einem geisterhaften Wesen, einem Dämon, dessen Leben an das Leben der Pflanze gebunden ist. Mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er. In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein Körper und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Tier- oder Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr.

Eine Abart dieser Vorstellung tritt uns entgegen in Form der Annahme, daß der Dämon nicht der einzelnen Pflanze, sondern einer Vielheit derselben oder der gesamten Vegetation einwohne und darum auch nicht im Herbste mit den einzelnen Gewächsen vergehe, sondern irgendwo überwintere und im neuen Jahre sein Leben in der Natur weiterführe. Einmal aus der Pflanze herausgetreten, wird der Dämon endlich zuweilen im Fortschritte der Entwickelung zum Geber oder Schöpfer ihres Lebens, er ist und webt nun nicht sowohl in der Vegetation, er bringt dieselbe hervor.

Die auf vorstehenden Blättern nach verschiedenen Stufen gesonderten Anschauungen gehen in der Wirklichkeit meistens in einander über. Das Volksgedäektniß bewahrt sie neben einander oder verbindet sie oder ihre Spielarten in mannigfaltigster Weise zu neuen Gebilden. Der Verfasser meint dartun zu können, daß auf der Entwickelung dieser Grundanschauungen ein nicht geringer Teil des Glaubens und Brauches der europäischen Menschheit und zwar sowohl der nordeuropäischen Stämme, als der Hellenen und Italer beruhte. Das vorliegende Buch ist bestimmt, dem Erweise dieses Satzes zunächst in Bezug auf die nordeuropäischen Baum- und Waldgeister zu dienen.

Die Baumseele

Strafe für Baumschäler:
„Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum negeln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien. (Oberurseler Weistum.)

Kapitel I.

Kapitelgliederung:
§ 1. Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze
§ 2. Mensch und Baum
§ 3. Anthropogonischer Mythus von Askr und Embla
§ 4. Der Baum als Person behandelt
§ 5. Die Holundermutter, die Eschenfrau und ihre Sippe
§ 6. Niederlitauische Waldgeister
§ 7. Baum, Menschenleib und Krankheitsdämonen
§ 8. Strafe für Baumschäler
§ 9. Miteinanderwuchs des Baumes und des Menschenleibes
§ 10. Verletzte Bäume bluten
§ 11. Freibäume
§ 12. Baum zeitweilige Hülle einer abgeschiedenen Seele
§ 13. Baum Aufenthalt des Hausgeistes
§ 14. Baum Schutzgeist oder Sitz des Schutzgeistes
§ 14a. Baum = Lebensbaum
§ 14b. Fortreisende verknüpfen ihr Leben mit einem Baume
§ 14c. Schicksals- und Geburtsbaum von Einzelnen und Familien
§ 14d. Várdträd
§ 15. Weltbaum Yggdrasill
§ 16. Erläuternde Begegnisse ans dem täglichen Leben
§ 17. Boträ
§ 18. Chronologische Zeugnisse

§ 1. Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze. Verschiedene Formen dieses Glaubens.

Wir wenden uns zunächst der Betrachtung einer Reihe germanischer, lettoslavischer und keltisch-romanischer Anschauungen und Bräuche zu, welche uns darüber belehren, wie und in welcher Weise der Gedanke, daß die Pflanze beseelt sei, in Bezug auf die Bäume weiter und in mannigfachen Formen bis zu so völliger Gleichstellung mit den Menschen hinausgesponnen und entwickelt wurde, daß die einen so zu sagen als vollendete Doppelgänger der andern auftreten. Schon im antkropogoniscken Mythus nehmen wir eine Art solcher Gleichsetzung wahr; eine andere äußert sich in der Behandlung des Baumes als persönliches Wesen. Die Identifizierung erstreckt sich zuweilen sogar auf eine imaginäre Verschmelzung der Körperlichkeit von Mensch (oder Tier) und Pflanze und führt zu der Annahme, daß der Baum der Körper einer durch den Tod dem Menschenleibe entrückten Seele, der Wohnsitz mehrerer Elfen oder eines Schutzgeistes sei, der wiederum kaum von einem alter ego des Menschen zu unterscheiden sein möchte. Zuweilen führt die Baumseele oder der Banmgenius auch schon ein Leben außer dem Baumleibe in Sturm und Unwetter, in Wald und Feld. Da wir die in diesen Ueberlieferungen sehr scharf und deutlich zu Tage tretenden Verhältnisse später einmal vorzugsweise zum Verständniß von Korngeistem vergleichend zu nutzen gedenken, gestatten wir uns hier bereits gelegentlich von selbst aufstoßende Uebereinstinmmngen der Baumsage mit dem an das Getreide geknüpften Volksglauben voraunerken. Und auch das möge den Leser nicht stören, wenn er (da sich ein anderer Platz dazu nicht eignete) in die Darlegung des Baumglaubens nordenropäischer Stämme nicht ganz selten auch einzelne Analogien aus fernen Ländern und Weltteilen eingeflochten findet.

Es geschähe gegen unseren Willen, wenn durch Schuld dieser Einschaltungen das Bild des nordischen Baumkultus sich in einen verschwimmenden Allerweltsnebel auflösen würde. Wir stimmen vollkommen den goldenen Worten Th. Monunsens zu (Röm. Chronologie):
„das über die Kluft der Nationen hinweggerichtete Auge erfaßt nur allzuleicht der Schwindel und man vergißt den wahren und hauptsächlichsten Grundsatz aller historischen Kritik, daß die einzelne historische Erscheinung zunächst im Kreise der Nation, der sie angehört, geprüft und erklärt werden soll und erst das Resultat dieser Forschung als Grundlage der internationalen dienen darf.“

Insofern es sich aber hei unseren Zusammenstellungen zunächst noch nicht um die Darlegung irgend welcher historischen Verwandtschaft, sondern um die Beschreibung von Typen handelt, so bedienen wir uns desselben Vorteils, den etwa der Botaniker genießt, wenn er die Coniferen Europas und Amerikas miteinander vergleichen kann. Die Beobachtung gewisser gleicher Eigenschaften bei beiden macht klar, daß dieselben zum Wesen der Gattung gehören. Gleichartigkeit der Vorstellungen über den nämlichen Gegenstand in zwei verschiedenen Zonen läßt zumeist auf eine gewisse psychologische Notwendigkeit derselben schließen und die eine erläutert die andere. Nur als ein solches die Natur und den Sinn der nordeuropäischen Traditionen durch Analogie erläuterndes Material wünscht der Verfasser Einschiebsel aus der Fremde beachtet zu sehen.

§ 2. Mensch und Baum.

Gleichniss im Háramál. Die germanische Welt hat die Gleichung Mensch und Pflanze zur mannigfachsten Entfaltung gebracht. Auch abgesehen von jeder mythischen Verkörperung war dieselbe in unserer Poesie von alters her lebendig. Wie neuerdings Schüler den von seinen Anhängern verlassenen Waüenstein einen entlaubten Stamm nennt, hatte z. B. schon ein altnorwegischer Gnomendichter, dessen Sinnspruch man später dem Odhinn in den Mund legte, gesagt:
der Baum, der einsam im Dorfe steht, stirbt ab und nicht Laub noch Rinde halten ihn fürder wann; so ist der Mann, den niemand liebt, was soll er länger leben?

§ 3. Anthropogonischer Mythus von Askr und Embla.

Jahrhunderte bevor dieses Stückchen Volksweisheit sein poetisches Gewand erhielt, mag der bekannte anthvopogoniscke Mythus von Askr und Embla entstanden sein. Derselbe ist jedoch — ich folgere dies aus psychologischen Gründen — unmöglich in der uns vorliegenden Form zuerst entsprungen, sondern wir besitzen ihn in einer Gestalt, welche erst das Ergebniß mehrfacher Umwandlungen im Munde der Dichter gewesen zu sein scheint. Wie die Urform lautete, werden wir verstehen, wenn wir die noch einfachere Gestalt entsprechender Sagen bei anderen Völkern in Vergleich ziehen.

Bekanntlich läßt eine der eranischen Schöpfungssagen, aus denen die Cosmogonie des Bundehesch zusammengesetzt ist, das erste Menschenpaar Maschia und Maschiána in Gestalt einer Reivaspflanze (rheum ribes) aus der Erde emporwachsen. Sie machten ursprünglich ein uugetrenntes Ganze aus und trieben Blätter; in der Mitte bildeten sie einen Stamm, oben aber umarmten sie sich dergestalt, daß die Hände (Zweige, Aeste) des einen sich um die Ohren des andern schlangen. Erst später wurden sie von einander getrennt. In diesen Körper goß Ahuramazda die zuvor bereitete Seele und sie wurden zur Menschengestalt, indem jener Glanz geistiger Weise zum Durchbruch kam, der die Seele kundgiebt. Diese weder dem Avesta, noch den alten von Firdosi benutzten Quellen bekannte Anthropogonie -macht gleichwol auf hohes Altertum Anspruch, insofern sie noch ziemlich unverändert jene früheste Anschauungsstufe vor Augen stellt, wonach Mensch und Pflanze gleiches Wesens waren, und unmittelbar in einander übergingen. Eine ganz ähnliche Vorstellung begegnet bei den den Eraniern allem Anscheine nach nahverwandten Phrygem im Stromgebiete des Sangarios. Ihnen galten die Korybanten als die ersten Menschen; die Sonne beschien sie zuerst, als sie baumartig emporsproßten. Wir wissen nicht, wie sich der Rationalismus einer späteren Zeit den in der Mythe ausgesprochenen Uebergang des Baumes in die Menschengestalt in diesem Falle zurechtlegte. Nach den Sioux, die gleich den Karaiben nnd Antillenindianern ebenfalls die Stammeltern im Anfänge als zwei Bäume entstehen ließen, standen diese viele Menschenalter hindurch mit den Füßen im Boden haftend, bis eine große Schlange sie an den Wurzeln benagte, worauf sie als Menschen Weggehen konnten. Biesen Beispielen entsprechend wird auch der germanische Mythus die Urahnen anfänglich nicht aus todten Hölzern, sondern aus lebendigen aus der Erde aufsprießenden Bäumen (einem mit einem männlichen Namen und einem mit weiblicher Benennung) haben liervorgeheu lassen; später hat er dann zur Motivierung der freien Beweglichkeit des Menschen eine Umänderung dahin erfahren, daß drei kräftige und liebreiche Götter am Strande zwei über Meer von den Wellen ans Land getriebene Bäume (Askr und Elmja (?), Esche und Ulme (?) fanden und den noch Schicksalslosen Geist, Sprache, Blut und blühende Farbe eiuflößten. Die belebten Bäume Askr und Elmja (? fern, zu almr Ulmbaum) waren die Stammeltern aller Menschen. Uns ist diese Erzählung nur in einer zweiten Umformung bewahrt, in welcher der schwer über die Zunge gleitende Name der Stammmutter durch Metathesis mimdrecht gemacht und so in den geläufigeren Embla (aus Emla = amlja die arbeitsame) verändert ist. Auf den von uns für die Grundform dieser Schöpfungssage vorausgesetzten primitiven Standpunkt d. h. bis nahezu an die Schwelle wirklichen Glaubens an die Identität von Mensch und Pflanze würden uns gewisse der Skaldenpoesie geläufige Metaphern zurückweisen, falls nicht deren unmittelbarer Zusammenhang mit dev Naturpoesie sehr zweifelhaft wäre.

§ 4. Der Baum als Person behandelt.

Beruht der anthropogonische Mythus der Nordgermanen auf der Anschauung
„der Mensch ist wie ein Baum“, so haftet der umgekehrte Vergleich
„der Baum ist wie ein Mensch“

nicht minder tief in dem Volksglauben sowol der skandinavischen als der deutschen Stämme, denen sich slavische und finnische Nachbarn anschließen. Schon auf den untersten Stufen zeigt sich diese Vorstellung in verschiedenen Formen, fast überall jedoch — wo sie auftritt — hat sie den Standpunkt der reinen Identität bereits verlassen und als Beimischung die Annahme eines dem Menschen zwar ähnlichen, aber geheimnisvollen und übernatürlichen Wesens erhalten. Am nächsten kommt es jenem ursprünglichen Standpunkt, daß der Mensch den Baum selbst ganz als eine ihm gleich stehende oder übergeordnete, mit individuell bestimmten Character, mit menschlichem Ethos begabte Persönlichkeit behandelt und anredet.

Man kündigt in Westfalen den Bäumen den Tod des Hausherrn an, indem man sie schüttelt und spricht: „der Wirt ist todt“. Die mährische Bäuerin streichelt den Obstbaum mit den von Bereitung des Weihnachtsteiges klebrigen Händen und sagt: „Bäumchen bringe viele Früchte“. Man springt und tanzt in der Sylvesternacht um die Obstbänme und ruft:
Freue ju Böme
Nüjár is kömen!
Dit Jar ne Käre vull,
Up et Jär en Wagen vull!

Zwischen Eslöf und Sallerup in Haragers Härad in Schweden befand sich noch 1624 ein Hain, den eine Riesenjungfrau gesät haben sollte; darin gab es eine Eiche, die Gyldeeiche, worin in alten Tagen viel Spukerei gespürt war. Wer irgend vorbeiging, grüßte den Baum mit Ehrerbietung  „Guten Morgen Gylde!“ ..Guten Abend Gylde!“

Allem Anscheine nach auf einstigem Gebrauche ruht, was der Tiroler vom Holunder sagt:
„der Holer ist ein so edler Baum, daß man vor ihm den Hut abnehmen soll.“

Die Holzarbeiter in der Oberpfalz reden von den Waldbäumen wie von Personen; zieht der Wind durch die Baumkrone, so
„neigt sie sich und beginnt zu sprechen“;

die Bäume „verstehen sich“. Der Baum „singt“, wenn die Luft durch seinen Wipfel streicht; nur ungern „läßt er sein Leben“; unter dem Axtschlag „seufzt“, zu Boden fallend „stöhnt“ er. Ein Förster stritt mit dem Herrn des Waldes, welche von den zwei schönen Buchen vor ihnen gefällt werdon solle. Da beugten sich beide Bäume seufzend hin und wieder. „Wer hat geseufzt?“ rief der Herr. Es war aber niemand da, der Antwort gab. Furcht trieb sie von dannen und die herrlichen Bäume blieben verschont. Noch jetzt bitten die Holzfäller den schönen gesunden Baum um Verzeihung, ehe sie ihm „das Lehen abtun“.

§ 5. Die Holundermutter, die Eschenfrau und ihre Sippe.

Trogill Arnkiel, ein geborner Nordschleswiger und Pastor zu Apenrade erzählt 1703, daß in seiner Jugendzeit (wie er öfters gehört und gesehen) niemand es wagte, frischweg einen Elhornbaum (Holunder) zu unterhauen, sondern wo sie denselben unterhauen (d. i. die Aeste stutzen) mußten, so pflegten sie vorher mit gebeugten Knien, entblößtem Haupte und gefalteten Händen dies Gebet zu tun:
„Frau Elhorn gib mir was von deinem Holtze, denn will ich dir von meinem auch was geben, wenn es wächst im Walde.“

Die Wahrheit dieser Erzählung erhärtet eine Aufzeichnung aus Dänemark v. J. 1722:
„Paganismo ortum debet superstitio, sambueum non esse excindendum, nisi prius rogata permissione his verbis: mater sambuci, mater sambuci permitte mihi tnam caedere silvam.“ 1

Der dänische Name des angerufenen Wesens lautet Hyldemoer, es wird auch sonst erwähnt, daß man dreimal hinter einander eine der Arnkielschen fast wörtlich entsprechende Formel anssprechen müsse, ehe man etwas vom Holunderbaum breche.1 In Schonen spricht man ebenso von der Hyllefroa (Holunderfrau), in Ljunitshärad ebendaselbst von der Askafroa (Eschenfrau). Am Aschermittwochsmorgen [askons dags morgon, diese Zeit ist nur wegen des zufälligen Gleichklangs mit ask Esche gewählt] opferten die Alten der Askafroa, indem sie vor Sonnenaufgang (denn dann sind die Geister rege) Wasser über die Wurzeln des Baumes ausgossen mit den Worten: nu offrar jag, sá gör du oss ingen skada. Nun opfere ich, tue, uns keinen Schaden!

Wer einen Holunderbamn beschädigte oder verunreinigte, bekam eine Krankbeit, Hylleskál genannt, dagegen bötete man, indem man Milch über die Wurzeln des Baumes ausgoß,2 d. h. durch ehrerbietige Speisung des im Baume verkörperten Nuunens den begangenen Fehler wieder gut machte. Den Dänen ist auch eine Ellefra (Ellerfrau) bekannt, die im Erlenbaum (elle) lebt.4 In der Smáländischen Landschaft Värend heißt das der Holunderfrau und Eschenfrau entsprechende Wesen in gewissen Laubbäumen Löfvika.5 In der Mehrzahl dieser Beispiele erscheint der mit religiöser Scheu geehrte Dämon auch als der mit Denkkraft und Sinnen ausgerüstete Baum selbst; nicht anders verschieden steht der Baumgeist dem Holze gegenüber, als der menschliche Geist dem menschlichen Körper. Auch da noch bilden Baum und Baumgeist eine geschlossene Einheit, wo von dem Holunderbaum auf einem dänischen Pachthofe erzählt wird, der oft in der Dämmerung spazieren gehe und durch das Fenster gucke, wenn die Kinder allein im Zimmer sind.1 Diese Erzählung ist der einfache Widerschein der tiefen Furcht, welchen abergläubig erzogene Kinder vor jenem Baume als einem gespenstigen Wesen hegten.
anmerkungen-58

§ 6. Niederlitauische Waldgeister.

Der Glaube, daß der von seinem Geiste erfüllte Baum schaden könne (s. n. die Askafroa) kehrt auch sonst wieder. Zwischen 1563 —1570 bemühte sich der Revisor von Niederlitauen, Jaeub Laszkowski, die noch stark in heidnischen Anschauungen befangenen Zemaiten von ihrem Aberglauben abzubringen.

§ 7. Baum, Menschenleib und Krankheitsdämonen.

Ein merkwürdiger französischer Brauch aus der Nähe der Pyrenäen schließt uns das Verständniß dieses litauischen Glaubens auf.

Nores-Mitteillung

So weit de Nore’s Mitteilung. Der Askafroa, den niederlitauischen Baumdämonen. dem Monsieur le yéble wurde die Macht zugeschrieben, Menschen und Tieren zu schaden. Dies geschah — wie der französische Bericht in Verbindung mit dein litauischen lehrt — dem Volksglauben nach vermittelst der Insekten von mancherlei Gestalt und Farbe, welche in und unter der Rinde, Stamm und Wurzeln der Bäume uud Kräuter ihren Aufenthalt haben. Man warf dieses Gewürm nämlich mit den bösen Geistern in Wurmgestalt zusammen, welche nach einer uralten schon bei den Indern in dem Atharvaveda und in den Grihyasutras ganz ähnlich wie unter den Germanen entwickelten Vorstellung sich als Schmetterlinge, Raupen, Ringelwürmer, Kröten u. s. w. in den menschlichen oder tierischen Körper einschleichenn und dann als Parasiten verweilend die verschiedensten Krankheiten (z. B. Schwindsucht, Kopfweh. Magenkrampf, Zahnweh, besonders nagende, bohrende und stechende Schmerzen u. s. w.) hervorbringen sollten.1

Anmerkung

Anmerkung-2

Der Glaube an dieses Gewürm beruht auf einem ganz einfachen psychologischen Vorgänge und erzeugt sich häufig auch jetzt noch in den Fieberphantasien sonst ganz gebildeter Kranker auf Momente wieder. Aus dem wilden Walde, meinte man, kämen diese Geister, welche häufig Elbe genannt werden,1 zu Menschen und Vieh.2 Der Baum, dessen Rinde sie beherberge, entsende sie entweder aus Lust am Schaden, oder um sie loszuwerden, weil sie in seinem eigenen Leibe, nie in den Eingeweiden des Menschen verzehrend wüteten.

Wie der Baum oder Baumgeist das krankheitserzeugende geisterhafte Ungeziefer (Elben u. s. w.)2 schickt, kann er es wieder zurücknehmen. Deshalb umwandelt man bei Zahnschmerzen einen Birnbaum rechts und umfaßt ihn mit den Worten:

Birnbaum, ich klage dir,
Drei Würmer, die stechen mir,
Der eine ist grau,
Der andere ist blau,
Der dritte ist rot,
Ich wollte wünschen, sie wären alle drei todt.

Diese Zeremonie nennt man den Baum „anklagen“.1 Auch andere Pflanzen, als Bäume, stehen im Verdacht, durch ihren Willen die Würmer im tierischen Organismus festznhalten. So schreibt z. B. der böhmische Aberglaube vor, auf dem Felde eine Distel zu suchen, einen Stein und eine Ackerkrume darauf zu legen und zu sagen:
Distelchen, Distelchen
Ich lass‘ nicht eher dein Köpfchen los,
So lang du nicht frei läßt die Würmer der Kuh (des Pferdes u. dgl.). 2

Anmerkung-3

Die einmal vorhandene Vorstellung von dem Verweilen der Krankheitsgeister im Baume haftete so sehr1, daß man sie auch da beibehielt, wo diese Dämonen nicht in Wurmgestalt, sondern in anderer Tier- oder Menschengestalt gedacht wurden. Auch da ist es häufig der Baum, der durch ihre Entsendung Epidemien hervorruft, durch ihre Zurückberufung die Gesundheit wiederherstellt. Lehrreich in dieser Beziehung ist ein Lied, welches bei einer Seuche die russischen Weiber singen, indem sie mit einem Pflug um das Dorf die die bösen Geister abwehrende Furche ziehen:
Vom Ocean, von der tiefen See
Sind zwölf Mädchen gekommen;
Sie nahmen ihren Weg — kein kleiner war’s —
Zu den steilen Höh’n, zu den Bergen empor,
Zu den drei alten Holunderbäumen.

Diese zwölf Mädchen, die in vielen gegen sie gerichteten Beschwörungsformeln „die bösen Schütteler“, oder „Töchter des Herodes“ oder einzeln mit den Namen besonderer Krankheiten genannt werden, mithin Personificationen der Krankheitsursachen sind,1 werden nun redend eingefiihrt:
Macht fertig die weißen Eichentische,
Schärfet die Messer von Stahl,
Macht heiß die siedenden Kessel,
Spaltet, durchbohrt bis zum Tode
Jedes Leben unter dem Himmel.

Die Holunder geben ihre Zustimmung zn dem Wunsche der zwölf Schwestern; alle lebenden Wesen sind dem Tode geweiht.
In diesen siedenden Kesseln
Brennt mit unauslöschlichem Feuer
Jedes Leben unter dem Himmel.

Doch die drei Holunder erfaßt mitleidige Rührung:
Rund um die siedenden Kessel
Steheu die alten Holunder.
Die alten Holunder singen,
Sie singen von Leben, sie singen von Tod,
Sie singen vom ganzen Menschengeschlecht.
Die alten Holunder verleihen
Der ganzen Welt langes Leben;
Doch dem andern, dem Übeln Tode,
Bestimmen die alten Holunder
Eine weite und große Reise.
Die alten Holunder versprechen
Ein beständiges Lehen
Dem ganzen Geschlechte der Menschen.2

Rief der Baumgeist die Krankheit verursachenden Elben nicht freiwillig zurück, so bediente man sich zauberischer Worte und symbolischer Handlungen, der unter uns sogenannten sympathetischen Kuren, welche darauf hinausgingen, die schädlichen Geister unter einen Stein, in die Wüstenei zu verweisen, einem Vogel zum Mitnehmen zu empfehlen, oder sonst zu verbannen, vorzüglich aber sie auf einen Baum oder ein Kraut zu 1 2

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übertragen, da sie ja zu solchen gehören, von solchen ansgingen;1 oder wo diese letztere Vorstellung nicht mehr obwaltete, bewog die in der Menschheit ewig rege Selbstsucht die Schmerzen des eigenen Leibes auf einen fremden (den des Pflanzendämons) abzuleiten. Eine von Räucherung geweihter Kräuter und Rosenblätter begleitete Beschwörung in Böhmen lautet:
Ich verwünsche euch Gliederweh,
Brandweh, Beinweh
In den tiefen Wald,
In die hohe Eiche,
In das stehende Holz
Und in das liegende.
Dort schlagt euch herum und stoßet
Und gebet dieser Person (Name) Ruhe.2

In Mecklenburg spricht der Kranke bei abnehmendem Monde, die Würmer anredend:
Ji sölt mit mi führen to Holt,
Dár steit en Bömken köl un stolt,
Dárin will ik ju versenken,
Ertränken! 3

In Böhmen hält der Besegner behufs Entfernung der „fressenden Würmer in den Augen“ ein Büschel von 29 Sommerkornähren an das kranke Auge und sagt:
„Du N. N. hast fressende Würmer in den Augen. Ich laß sie nicht dort, ich bespreche sie heraus. Kommt ihr Würmer in diese Aehren.“4

Uebereinstimmend ist der mit mehrfachen Modificationen weit verbreitete Brauch, das Fieber in Getreidekörner (Gerste, Buchweizen u. s. w.) durch Berührung mit dem Körper des Kranken übergehen zu lassen und dieselben dann auszusäen; verfaulen

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sie in der Erde, so starb der Quälgeist mit, gehen sie auf und schießen in Halmen empor, so steckt er in diesen und sie zittern bei ruhiger Luft beständig in Fieberschauern.1 Wer an Schwindel leidet, läuft nach Sonnenuntergang dreimal nackt um ein Flachsfeld. dann bekommt der Flachs den Schwindel.2

Wenn jemandem in Masuren die krazno lutki (Fettleute), kleine rote Würmer, in den Eingeweiden an der Lunge zehren, so schneidet mau etwa 40 Paar Hölzchen von nennerlei Holz (Kaddik. Erle, Birke u. s. w.) — dieselben müssen jedoch unter einem Aestchen abgeschnitteu sein, so daß sie mit diesem die Gestalt eines Häckckens bilden — übergießt den Kranken mit einem Kübel warmen, bei abnehmendem Licht aus fließendem Rinnsal geschöpften Wassers und wirft die Hölzchen paarweise hinein. Dann wäscht man den Leidenden besonders die Ohren, Nasenlöcher, Achselgruben und Kniekehlen) und sieht nun nach, wie viele Hölzchen oben im Wasser schwimmen, und wie viele zu Boden gesunken sind. Die ersteren zeigen die Anzahl der krazno lutki au, welche den Körper des Patienten bereits verlassen haben (d. h. in die Baumzweige übergegangen sind, die letzteren entsprechen der Anzahl der noch im Fleisch und Gebein des Unglücklichen verweilenden Plagegeister.3 An drei Donnerstagen wird die Procedur wiederholt, Bis alle Fettleute aus dem Körper heraus sind, oder die Unheilbarkeit sich herausstellte. Ein ganz ähnliches Verfahren wendet man mit drei in 81 kleine Stäbchen zerlegten Zweigen des Kirschbaums an, um zu erkennen, ob jemand mit „weißen Leuten“ (biale ludzie) in Haut, Blut, Adern und Gelenken behaftet sei. Bleiben alle Stäbchen schwimmen, so ist der Besegnete von weißen Leuten

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frei, geht ein Teil unter, so ist er mit ihnen in dem Grade behaftet, als das Verhältniß zu den schwimmenden Zweigteilchen angiebt.1

Hierzu stellt sich u. a. der Brauch aus Vorarlberg, die Tschütaläuse (d. i. Flechten, herpes) einem kranken Tier zu vertreiben, selbst wenn das Stück entfernt ist. Man bricht bei Sonnenuntergang von der Holunderstaude drei Schossen ab unter Verwahrung für das namentlich genannte Tier, dem man zu helfen verlangt (dadurch gehen, wie man sich offenbar vorstellte, die Plagegeister in die Schößlinge über), hernach bindet man sie zusammen und henkt sie in den Kamin oder sonst in den Rauch; so geschwind die Schosse dürr werden, werden auch die Tschütaläuse weg sein.5 Aus diesen und ähnlichen Bräuchen darf wol gefolgert werden, daß die Vorstellung von den gespenstigen Würmern im kranken Menschenkörper wieder rückwärts gewirkt habe auf die Vorstellung von dem den Baum- oder sonstigen Pflanzenkörper bewohnenden Gewürm. Nicht allein unter dem Baum, oder zwischen dessen Borke, sondern (trichinartig) in seinem Innern dachte man sich nun wol derartig die Elben verteilt, daß im Holze jedes Zweiges mehrere ihren Sitz hatten, wie sonst in Fleisch und Gliedern des Menschen. In einen solchen Zweig sollten die vorstehenden Zauberformeln sie zurücklocken. Möglich ist, daß die Knoten der Astansätze für Anzeichen des Daseins je eines Elben oder eines Elbenpaares (Elb und Elbin, wie Wurm und Würmin) gehalten wurden; wenigstens die Unformen und auffallenden Knorren sollen von alten Elben herrühren, die sich im Baum verkriechen und dann verwachsen.3 Bei Potsdam heißen sie Alfloddern und verursachen, wenn man unter ihnen durchgeht, einen schlimmen Kopf. 4 (Der Alb springt von ihnen herab in den Kopf des Menschen.) Im menschlichen

anmerkungen-7

Körper entsprechen diesen Knorren und Auswüchsen vorzugsweise die Geschwülste, Warzen und Leichdörner, weil diese das Dasein eines Geistes verraten; auch sind sie angeblich durch Uebertragung auf einen andern Menschen, auf Tiere und Bäume, durch Regenwasser, das auf einem Leichenstein gesammelt wurde, u. s. w. zu heilen.

Den vorstehenden Auseinandersetzungen entspricht es, daß der Beschwörer den krankheitverursachenclen Geist bald auf den Ast des Baumes sich setzen heißt, bald leibhaftig mitten in das Innere des Baumkörpers hineinzuversetzen sucht:
„Zweig ich biege dich, Fieber nun meide mich!“ (Myth. 1 CXL, XXVI),

oder
„Holunderast hebe dich auf, Rotlauf setze dich drauf!“ (Myth.2 1122),

oder den Holnnderbaum, während man Fieber hat, schüttelnd:
„Holunder! Holunder! Holunder! Auf mich kriecht die Kälte; wenn sie mich verlassen wird, kriecht sie dann auf dich! (Wuttke, § 488. Grollmann, Abergl. 164,1158)

oder:
„Goden Abend Herr Fléder! hier bring ick min Féber!“

oder frühmorgens drei Knoten in den Ast eines alten Weidenbaumes knüpfend:

„Gon morgen, Olde, ick géf u de Kolde; gón morgen, Olde! (Myth. 2 1123).

Schon etwas complizierter, mithin auf ältere einfachere Formen zurück weisend ist das vou Plinins Valerianus (oder Siberius, einem Gallier des 4. Jahr.) gemeldete Heilmittel für das viertägige Fieber: Panem et salem in linteo de lyco (lies: deliculo) liget et circa arborem licio alliget et juret ter per panem et salem: „Grastino mihi

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hospites ventni sunt, snscipite illos.“ Hoc ter clicat. Plin. Valer. III. 6. p. 191b. Die Gäste sind die Plagegeister; der Kranke, der sie nicht haben will, bringt sie dem Baum zugleich mit Brot und Salz, damit dieser sie bewirte. Dazu vgl. Frischbier, Hexenspruch S. 58, 3, wo der Fieberkranke ein Geldstück und ein Stück Brot in einem Lappen jenseits neun Grenzen unter einen Stein (vgl. o. S. 18 Anm. 3) trägt und spricht:
„Grenze, Greuze, ich klage dir
Kalt und Heiß plaget mir,
Der erste Vogel, der rüber fliegt
Nehm’ es unter seine Flücht’.“

und dazu wieder den Spruch ebds. 4, welcher lehrt, daß auch dem Baume der Krankheitsgeist zuweilen nur übergeben wird, damit er denselben einem Vogel zum Hinwegtragen in weite Feme überliefere:
Bóm, Bóm öck schödder di,
Dat kóle Féber bring öck di.
De érscht Vagel, der räwerflücht,
Dat de dat Féber kriege mücht.

Über die ganze Vorstellung s. Kuhn, Zs. f. vgl. Spracht XIII. 73, der nicht allein Analoga aus den Veden und der Edda anführt, sondern auch an den Gebrauch in der Altmark erinnert, daß Kopfwehkranke einen Faden zuerst dreimal um ihr Haupt binden, dann in Form einer Schlinge an einen Baum hängeu. Fliegt ein Vogel hindurch, so nimmt er das Kopfweh mit. Ein Gichtkranker soll sich vor Tagesanbruch im Walde einfinden, dort drei Tropfen seines (von den unsichtbaren Plagegeistern erfüllten Blutes in den Spalt einer jungen Fichte versenken und nachdem die Öffnung mit Wachs von Jungfernhonig verschlossen ist, laut rufen:

Gut morgen, Frau Fichte, da bring i dir die Gichte! was ich getragen hab’ Jahr und Tag, das sollst du tragen dein Lebetag!1 Wer jemanden von Zahnschmerzen befreien will geht rücklings aus der Stube zu einem Holunderstrauch nud spricht dreimal
Liebe Hölter
Leiht mir einen Spälter
Den bring ich euch wieder!

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Unterdessen macht er, sich umdrehend, zwei neben einander liegende Einschnitte und schält die Rinde auf eines Zolls Länge, doch so daß sie möglichst ungerissen unten mit dem Aste vereinigt bleibt, schneidet ans deim hloßgelegten Holz einen Splitter und trägt den wieder rücklings gehend in die Stube. Der Leidende ritzt dort mit dem grünen Splitter sein Zahnfleisch bis derselbe blutig wird, (mit dem Blute den das Zahnweh verursachenden Geist in sich auf nimmt). Dann bringt ihn der Beschwörer immer rückwärts gehend nieder zu dem Holderbaum, drückt ihn in den Splint, legt die Rinde, wie sie gewesen und befestigt sie mit einem Bindfaden, damit der Einschnitt desto eher verwachse. Dann noch einiges Gemurmel unverständlicher Worte und der Zahnschmerz ist fort.1 In Dänemark nimmt man bei Zahnweh einen Holunderzweig in den Mund und steckt ihn dann in die Wand mit den Worten: „Weiche böser Geist.“2 Es ist nun wohl deutlich, wie alle vielfachen Kuren, welche sonst noch auf ein Verpflöcken der Krankheit in den Baum, (sogar die Pest wird als Schmetterling in den Baum verkeilt), oder auf ein Einknoten oder Einbinden in Zweige hinausgehen samt und sonders auf eine und dieselbe Grundvorstellung zurückzuführen sind. 3

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Von den unzähligen individuellen Ausgestaltungen und Sproßformen der dargelegten Ideen will ich nur noch eine hier erwähnen, welche aufs neue recht deutlich der im Volksglauben feststehenden Parallelismus des Baumes und des Menschenkörpers zeigt. Offenbar um seiner Form willen heißt ein schwellend hervorspringender Fleischteil bei Menschen, der Muskel, unter Hellenen, Römern und Deutschen Maus, Mäuslein, Mänschen. Auch von Tieren gilt dasselbe Wort.

So heißt in Augsburg ein besonders geschätzter Teil des Rindfleisches Herrenmaus. Man hat aber sicherlich diese Stelle einst auch wirklich von einem geisterhaften Wesen in Mausgestalt erfüllt gedacht. In vielen Sagen schlüpft die den Menschenleib bewohnende Seele in Mansgestalt aus dem Munde und verläßt zeitweilig oder für immer deu Körper.1 Auch Hexen, Hausgeister, Waldgeister und andere Dämonen nehmen Mausgestalt an. 2 Caspar Peucer, Melanchthons Schwiegersohn war doch wol durch eine allgemeine Anschauungsweise seiner Zeit zu der Ueberzengung und Behauptung verleitet, er selbst habe hei einer besessenen Weibsperson den Teufel in Gestalt einer Maus unter der Haut hin- und herlaufeu sehen.3 Wenn daher der Aberglaube versicherte, gewisse unerklärliche und krankhafte Anschwellungen des Körpers hei Menschen und Vieh rührte daher, weil eine Feldmaus darüber hingelaufeu sei, so wird diese Vorstellung ursprünglich ein Hineiuschlüpfen gemeint haben und nichts anderes besagen, als daß diese Geschwülste ähnlich den Warzen und anderen Auswüchsen durch einen gespenstigen Parasiten und zwar einen mausgestaltigen erzeugt würden. Unter dieser Voraussetzung wird es dann vollkommen erklärbar, weshalb man, um jene Krankheit zu heben, eine lebendige Feldmaus in eine Eiche, Ulme oder Esche, (pollardash, shrewash) verpflückte und der Ansicht war, mit einem Zweige dieses Baumes berührt, werde die Geschwulst sofort aufhören.4 Natürlich, die gespenstige Maus wurde als in den Baum zurückgegangen gedacht. Man gewahrt hier aber deutlich, wie durch Analogie und Wechselwirkung der Vorstellungen, nachdem zuerst die im Baume hausenden Insekten mit den vermeintlichen schmerzerregenden

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Würmern identifiziert worden waren, nun auch andererseits die auf Gewürm oder Ungeziefer anderer Art erweiterte Vorstellung von den Krankheitsgeistern rückwärts auf den Baum als ursprünglichen Wohnsitz derselben übertragen worden und daher der Glaube an die Heilung durch eingepflöckte Feldmäuse entstanden ist. Fast überall wird bei derartigen Heilversuchen der Baumgeist angeredet, und von den Krankheit bringenden Geistern, den Elben, unterschieden. Nicht also das bewußtlose Gewächs, sondern der empfindend und denkend gedachte, der vollen Anthropomorphose sich annähernde Baum beherbergt, entsendet und nimmt wieder auf die schädlichen geisterhaften Würmer.1 Jene Aussage Laszkowskis über den Glauben der Niederlitauer wirft, wie es scheint, die Baumgeister und die Elben in eins. Erstere wollte der erzürnte Neubekehrte tödten oder schädigen, indem er von den Bäumen die Kinde abschälte (ego vos nudas faciam); aber unter den dem Viehstand schädlichen Götterchen, welche „intra arbores et cortices“ verborgen seien, sind sowol die den Baum als ihren Körper erfüllende unter der Rinde als unter ihrer Haut sich bergende Baumseele, welche die Plagegeister auf Tiere und Menschen entläßt, als die in Holz und Borke umherkriechenden den Leib des Baumgeistes bevölkernden „bösen Dinger“ von dem in die Einzelheiten der Vorstellung schwerlich genauer eingeweiliten Berichterstatter zusammengefaßt.1

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anmerkungen-14

Die Richtigkeit dieser Behauptung werden die auf den nachfolgenden Seiten anzustellenden Untersuchungen dartun, welche nachzuweisen bestimmt sind, wie detailliert sich der Volksglaube die Analogie des Baumleibes mit dem Menschenkörper weiterhin ausmalte.

§ 8. Strafe für Baumschäler.

Von allem anderen abgesehen, beweist Laszkowskis Mitteilung, daß bei einem Volke lettischen Stammes es für einen Frevel galt heilige Bäume der Rinde zu berauben, weil dadurch innewohnende Dämonen geschädigt würden; wer dies dennoch tat, erwartete für sich einen unerhörten Nachteil. Hiermit stimmt nun genau das Verbot des Baumschälens in dem uralten Gewohnheitsrechte der deutschen Markgenossenschaften zusammen, welches furchtbare Strafen für solchen Forstfrevel androhte.

Aus den Weistümem hat J. Grimm R. A. 519 ff. viele Beispiele znsammengestellt, ihrer noch weit mehrere sind hier und dort in seiner großen Weistümersammlung veröffentlicht; sie gleichen sich und es genügt das eine oder das andere herauszuheben.
„Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum negeln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien. (Oberurseler Weistum.)

Wenn jemand eine Weide abschält, so soll man ihn mit seinem Gedärme den Schaden bedecken lassen; kann er das verwinden, kann es der Baum auch verwinden. (Wendhager Bauemrecht.)

Der en fruchtbaren Baum truddelte, soll mit seinen Därmen nach ufgeschnittenen Bauche und den Schaden gebunden und damit zugehelen werden. Wenn jemand einen fruchtbaren Baum abhauete und den Stamm verdeckte dieblicher Weise, dem soll seine rechte Hand auf den Rucken gebunden und sein Gemechte uf den Stammen genegelt werden und in die linke Hand eine Axe geben sich damit zu lösen. (Sehaumburger altes Landrecht.)

Wir haben meines Wissens keinen Beweis dafür, daß dieses barbarische Recht in Deutschland zu historischer Zeit jemals in Anwendung gebracht sei. Der Schuldige konnte Hals und Glied mit einer geringen Geldsumme lösen.1

Ein um so bemerkenswerteres Zeugniß für die Wahrheit des Dichterwortes, daß „Rechte und Gesetze“ sich längst überlebt wie eine ewige Krankheit fortpflanzen, bietet daher u. a, das Protokoll des Holt-tings zum Harenberg unweit Blumenau und Dimmer hei Hannover am 13. Nov. 1720. Noch damals erklärten die Beisitzer des unter dem Herrn von Holle als Erben und Holzgrafen zusammengetretenen Holzgerichts:

Frage 22:

Wenn einer befunden würde „der einen Heister (ndd. bester junger Eich- oder Buchbaum) witjede (von witjen weiß machen, schälen), wie hoch derselbe soll gestraft werden?

Antw.: Man solle dem Täter das Eingeweide ans dem Leibe schneiden und daran knüpfen und ihn so lange umb den Heister henunjagen, bis er wieder bewunden wird.

Fr. 23:

So einer befunden, der einem fruchtbaren Heister den Poll (Wipfel, Kopf2) abhauete, wie hoch derselbe soll gestrafet werden?

Autw.: Wenn der Heister fruchtbar sei, solle dem Täter der Kopf wieder abgehauen werden.

Fr. 24: Wenn einer einen Schnatbaum (Grenzbaum) abhauet, wie hoch derselbe solle gestrafet werden?

Autw.: Man soll dem Täter den Kopf auf dem Stamm wieder abhauen.3

anmerkungen-15

Augenscheinlich hatten diese furchtbaren Strafandrohungen nur dann Sinn, wenn man zur Zeit, als sie zuerst ausgesprochen wurden, annahm, daß der Wipfel den Kopf, die deckende Rinde die Haut, der umwickelnde Bast die Eingeweide des Baumes als eines beseelten, menschenartig empfindenden Wesens darstellten.

Wer die Krone haut, Borke und Bast des lebenden Baumes reißt, beraubt den Baumgeist der zum Leben notwendigsten Glieder, Vgl. oben den Zemaiten Lazskowskis und unten in Kap. II. die Moosweibchen im Orlagau. Nach dem Grundsätze Auge um Auge, Zahn um Zahn sollte der frevelnde Mensch mit dem entsprechenden Teile seines Körpers gut machen, was er an jenem gesündigt; er sollte die entfremdeten Glieder mit seinen eigenen gleichsam ersetzen. Zu einer gewissen Zeit muß es mit solchen Strafandrohungen auch in Deutschland bitterer Ernst gewesen sein, mag diese Periode, auch vielleicht hinter der Zeit, der Bekehrung zum Christentum weit zurückliegen. In abgelegenen Strichen des Westens z. B. in Irland dauerte sie aber im elften Jahrhundert, in den heidnischen Ländern des Ostens im dreizehnten Jahrhundert noch fort. Was in unsem Weistümem nur als eine durch die Tradition fortgepflanzte, in der Praxis schwerlich ausgefilhrte Rechtsformel uns entgegentritt, war dort noch ein Stück lebendiger Sitte.

Als die deutschen Ordensritter die Eroberung Preußens kaum begonnen hatten, wurde ihnen im J. 1231 von seinem eigenen Oheim einer ihrer hartnäckigsten Gegner, der Häuptling Pipin in die Hand geliefert.

anmerkungen-16

So erzählt nach einer den Ereignissen fast gleichzeitigen Quelle die ältere Chronik von Oliva p. 21. (Script. Rer. Prussic. edd. Hirsch Strehlke, Tüppen I. 677.) Obwohl das wirkliche Verhalten der deutschen Ordensritter keineswegs durchaus dem idealen Bilde entsprach, an welches J. Voigts berühmte Darstellung die Lesewelt gewöhnt hat, müßte uns ein so barbarisches Verfahren von ihrer Seite unbegreiflich erscheinen, wenn dasselbe nicht eine ganz besondere Veranlassung hatte; die Verwunderung schwindet, sobald wir der naheliegenden Vermutung Raum geben, daß die Deutschherren ihrem Gegner diejenige Todesart zuerkannten, welche er zuvor einem oder mehreren ihrer Untergebenen mochte angetan haben. Wenn man sich erinnert, daß heilige Bäume und Haine, denen kein Christ nahen durfte (Adam. Brem. IV. 18) hei den Völkern lettischen Stammes den Fremden als die augenfälligste Aeußerung ihres Cultus immer zuerst bemerkbar geworden sind, daß mithin grade diese die nächsten Opfer des frommen Bekehrungseifers der Christen sein mußten, so ist leicht einzuseheu, nie der preußische Häuptling seinerseits freche Eindringlinge für ein an heiligen Bäumen begangenes Sacrileg strafen zu müssen geglaubt hat. Wenn die Deutschen dies dann wieder für nichts anderes, als einen rohen Ausbruch blutdürstigen Hasses ansahen und demgemäß behandelten, so gewährt uns diese Bloßlegung der wahren Motive nur einen weiteren Beleg für die traurige Wahrheit, daß viele unserem Gefühle Schauder erregende Taten der beiderseitigen Unfälligkeit entspringen, sich in die Gedankenwelt des Gegners zu versetzen.

Uebrigens darf uns der barbarische Character der Strafe nicht verleiten den Culturzustand der alten Preußen allzu niedrig anzunehmen, sie standen (zumal in wirtschaftlicher Beziehung, wie das Neumannsche Vocabular lehrt) kaum niedriger als ihre christlichen Nachbarn in Polen und wenn der obige Bericht Laszkowski’s die Entdärmung auch in lettopreußischer Sitte als anfängliche Vergeltung für Baumschulen begreiflich macht, so läßt mich der Umstand, daß die Bekehrer heilige Bäume eher mit der Axt umzuhauen pflegten, daran denken, daß wohl schon 1231 jenes Verfahren für jede Art Verletzung der geweihten Haine und der mit religiöser Ehrfurcht behandelten Stämme in Anwendung gebracht sein mag, und im späteren Verlauf des zweihundertjährigen Religionskrieges, der mit der Ankunft der Deutschen anhub, wird es bei steigender Erbitterung auch in solchen Fällen auf Christen ausgedehnt sein, wenn sie kein specielles Baumheiligtum geschädigt hatten.1

anmerkungen-17

So wird der folgende Vorgang verständlich. Im Januar 1345 erschien der heidnische Litauerkönig mit seinem Heere vor Riga. Festinans ad transitum (Dünahrücke, die zur Stadt führte)

anmerkungen-18

Auch dieses Zeugnis bewährt, daß wir es mit einer religiösen Handlung, nicht mit einer profanen Strafe, oder leeren Grausamkeit zu tun haben; und auf eben denselben Punkt trifft noch ein weiterer Beweis, den ein Ereigniß aus der Zeit um 1236 darbietet. Papst Gregor IX. spricht sich nämlich 1238 in einer Bulle über die Verfolgung der Neubekehrten in Tawastland durch die finnischen Heiden folgendermaßen aus:

Letztere tödten die getauften Kindlein, quosdam adultos exfractis ab eis primo viseeribus daemonibus immolant et alios usque ad amissionem Spiritus arborem circnire compellunt.1 Eine so blutige Ceremonie durfte wol von den Christen als ein den Dämonen dargebrachtes Opfer bezeichnet werden, wenn sie auch nach Anschauung der Heiden eine Sühne für ihre beleidigten Götter war. Unter den letzteren werden wir auch in diesem Falle zunächst an jene der Hyldemoer, Aska froa u. s. w. zu vergleichenden Baumnymphen denken, welche der Finne unter dem Namen Kati, puiden emnu (Kati? Baummutter) Tuometar (von tnomi Traubenkirsche) Katajatar, (von kataja Wacholder). Hongatar (von honka Tanne), Pihlajatar (von pihlaja Eberesche) als Pflegerinnen und Schützerinnen der Waldbäume verehrte,1 und deren ja in jedem heiligen Haine eine oder mehrere zur Stelle waren. Es führt uns tief in das frische Waldleben der Vorzeit ein, wenn diese Gottheiten — die nach S. 22 Anm. 3 unzweifelhaft auch als Menschen und Tieren gefährlich gedacht worden sind — anderseits angerufen werden, sich der auf der Waldweide gehenden Viehherden anznnehmen

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und ihnen in reichlichem Maße Laub zum Futter zu spenden.1 Wie durch die vorhergehenden Zeugnisse bei Finnen und Litauern, lernen wir die Sitte der Entdärmung durch Helmold auch als Brauch der heidnischen Slaven des 12. Jahrhunderts in Wagrien, Polabien und Obotritenland kennen. Er schildert deren Blutdurst und fügt hinzu:
„Wie viele Todesarten sie den Cristen schon zugefügt haben ist schwer zu erzählen, da sie den einen die Eingeweide aus dem Leibe rissen, und sie um einen Pfahl wickelten, die andern ans Kreuz schlugen, um das Zeichen unserer Erlösung zu verhöhnen.“ 2

Bei den Wagriem lag das Christentum damals bereits seit mehreren Jahrhunderten mit dem Heidentum im Kampf und dieser war zu großer Erbitterung gediehen. Da wir aber von ihnen ebenfalls wissen, daß Land und Städte an heiligen Hainen und Hausgöttern (luci et penates) Ueberfluß hatten (redundabant),3 so ist leicht zu erraten, daß auch hier jene Marterart gegen die Christen ursprünglich mit dem Auftreten der Missionare in Zusammenhang gestanden haben wird.4

anmerkungen-20

§ 9. Miteinanderwuchs des Baumes und des Menschenleibes.

Das Gegenstück aber zu dem durch die Strafe, für Baumschäler geforderten Ersatz zerstörter Baumglieder liefert der Volksglaube, daß umgekehrt Gebrechen des Menschen durch den Baum ausgeglichen werden könnten.

Bekommt ein neugeborenes Kind einen Leibesschaden, so schlitzt man am nächsten Charfreitag ein Weidenstämmchen auf, zieht das Kind hindurch und verbindet den Spalt wieder, sobald er verwächst wird das Kind gesund.1 Meistens ist es eine in der Mitte gespaltene mit großen Keilen auf eine Weile auseinander gesperrte, später wieder fest verbundene und verklebte junge Eiche oder ein Obstbaum, wodurch man das lahme, oder an Nabelbruch oder an zurückbleibendem Wachstum (englischer Krankheit) leidende Kind vor Sonnenaufgang schweigend und nackt kriechen läßt. 1 Ackermann sah um 1790 in dem Eichenschlage eines gewissen Dorfes viele junge Eichen, an denen dieser Versuch gemacht war.3 Rückgratverkrümmungen heilt man, indem man den kranken Kleinen dreimal durch den aus der Erde hervorragenden Bogen einer Wurzel zieht; kann er nicht gehen lernen, so heißt man ihn durch die in die Erde gewachsenen Ranken des Brombeerstrauchs kriechen. Wenn der Bruch des Baumes verwächst, verwächst der Bruch des Menschenleibes, wenn der Baum, der Brombeerstrauch von der Wurzel aus grade und gesund in die Höhe wächst und Fortgang nimmt, so der darunter durchkriechende Mensch. Derselbe hat sein Schicksal, sein Leben mit demjenigen der Pflanze gleichsam auf mystische Weise verknüpft, sich selbst mit ihr so zu sagen für eins erklärt.4 Dies geht noch

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deutlicher aus dem Umstande hervor, daß es fortan für den so Geheilten sehr gefahrvoll sein soll, wenn der mit ihm in Sympathie gebrachte Baum abgehauen wird.1 Sein Leben geht mit dem des Baumes zu Ende. Und umgekehrt stirbt der Mensch zuerst, so geht — nach Rügischem Glauben — sein Geist in den betreffenden Baum über und wird der letztere nach Jahren zum Schiffsbau tauglich und dazu benutzt, so entsteht aus den im Holze weilenden Geiste der Klabautermann, d. h. der Kobold oder Schutzgeist des Schiffes und der Schiffsmannschaft.2

Uebrigens lehrte schon unter Theodosius Marcellus von Bordeaux die in Rede stehende Kur:

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Es liegt von meinem gegenwärtigen Zwecke ab auszuführen, wie dieses Durchkriechen durch einen gespaltenen Baum sich umgesetzt hat in das Durchkriechen durch die natürliche Höhlung, welche durch zwei unten sich trennende, oben wieder in eins zusammenwachsende Aeste gebildet wird, oder durch alle möglichen anderen Spalten und Höhlungen z. B. in Steinen, in der aufgegrabenen Erde (Friedberg, Bußbücher S. 99) u. s. w. Was wir jedoch vom Baume geglaubt sehen, findet auch auf das Getreide Anwendung. Hat ein Kind kein Gedeihen, so legt man es am Johannismorgen nackt in den Rasen und sät Leinsamen über dasselbe, oder man übersät es im Frühjahr mit Sommergerste. wenn die Saat aufgeht, zu „laufen“ anfängt, fängt auch das Kind an zu laufen.4 Der aufsprießende Halm ist hier der Doppelgänger des jungen Menschen und sein Wachstum verbürgt das Emporschießen und die Gesundheit desselben. Und anderer-

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seits trat au die Stelle des Menschen auch wol das Tier; im 7. Jahrhundert predigt der h. Eligius im Frankenreiche „Nullus praesnmat peeora per cavam arhorem transire (Myth.1 XXX.). Es ist also auch das Tier mit dem Baume gewissermaßen identifiziert worden.

§ 10. Verletzte Bäume bluten.

Die Verschmelzung von Mensch (oder Tier) und Pflanze in der Phantasie, die magische Wechselwirkung zwischen beiden, welche in dem bisher besprochenen Volksglauben uns entgegentrat, steigerte sich zuletzt zu der noch mehr anthropomorphischen Vorstellung, daß heilige Bäume und andere Pflanzen hei Verletzungen bluten, als wären sie leibhafte Menschen und nur dem äußeren Scheine nach Vegetabilien. Loccenius im 17. Jahrhundert erzählt,1 daß ein Knecht auf dem Gute Vendel im Kirchspiel Osterhanning in Södermannland einen schönen schattenreichen Wachholder hauen wollte, der von anderen Bäumen umgeben auf einem ebenen, runden Platze stand. Da hörte er eine Stimme
„Haue den Wachholder nicht!“

und als er sich dennoch anschickte zuzuschlagen, ertönte die Stimme abermals:

„Ich sage dir, haue den Wachliolder nicht!“

Afzelius2 berichtet damit übereinstimmend nach einer älteren Schrift, als ein Mann einen Baum im Walde habe abhauen wollen, habe aus der Erde eine Stimme gerufen
„Lieber, haue nicht!“

und aus den Baumwurzeln sei Blut geflossen. Eine der ersten schwedischen ähnliche Sage erzählt man in Baden von einem Kirschbäumchen bei der Barbarakirche zu Herrenalb, aus dem sich ein Bauer eine Flegelrute machen wollte. Da rief es beim ersten Schnitte hinein „Au weh!“ und ebenso heim zweiten, worauf der Bauer sich mit Grauen davon machte. Am andern Tage war das Bäumchen verschwunden. Ein ander Mal, als ein Küfer dort eine Birke ahschneiden wollte, rief es hei jedem der drei Schnitte ans ihr „o Jesus!“ Auf dieses ließ der Küfer die Birke stehen, die er später nicht wiederfinden konnte.3 Doch auch der von Afzelius berichtete Zug findet unter dentschredenden Stämmen Analogien. Man vergleiche nur was Schiller Walter Tell zu seinem Vater sagen läßt (Act. III. Sc. 3):

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Vater ists wahr, daß auf dem Berge dort

Die Bäume bluten, wenn man einen Streich

Drauf führe mit der Axt?

Tell: Wer sagt das Knabe?

Walter: Der Meister Hirt erzählte. Die Bäume seien

Gebannt, sagt er, und wer sie schädige,

Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.

Grimm Myth.2 619 führt aus Meinerts Kuhländchen S. 122, das mir nicht zur Hand ist, an, daß die Erle anhebe zu bluten, zu weinen und zu reden, wenn einer sie haue. Nach Schönwerth soll es auch oberpfälzische Sagen geben, daß der Baum blute, wenn er umgehauen wird.1 Derselbe Glaube herrscht noch in Oesterr. Schlesien2 In jeder Hinsicht beglaubigt ist ferner die wichtige Aufzeichnung von J. V. Zingerle über den erst 1855 niedergehaunen „heiligen Baum“ bei Nanders in Tirol. Es war ein uralter zwieseliger Lärchbaum, aus dessen Nähe das Volk aus heiliger Scheu selbst bei öffentlichen Holzverteilungen kein Brenn- oder Bauholz nehmen mochte.3 Lärmen und Schreien bei diesem Baume galt für den größten Unfug. Fluchen und Schelten für einen himmelschreienden Frevel, der auf der Stelle geahndet werde. Oft hörte man die Warnung:

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„Tu nicht so. Hier ist der heilige Baum und dem Zorne wurde sofort Einhalt geboten. Allgemein herrscht der Glaube, der Baum blute, wenn man hineinhacke und der Hieb gehe in den Baum und in den Leib des Frevlers zugleich. Der Hieb dringe in beide gleich weit ein und Baum und Leibwunde blutest gleich stark, ja die Wunde am Leibe heile nicht früher, als der Hieb am Baume vernarbe.“

Ein frecher Knecht nahm sich vor — so erzählt man — den heiligen Baum zu fällen, um den Volksglauben zu Schanden zu machen. Schon schwang er die Axt zum zweiten Hiebe, als Blut aus dem Stamm quoll und Blutstropfen von den Aesten nieder träufelten. Der Holzknecht ließ die Axt vor Schrecken fallen und lief davon, fiel aber bald ohnmächtig zur Erde nieder und kam erst Tags darauf zur Besinnung.

Die Blutspuren blieben noch lange Zeit am Baume sichtbar. Die Narbe die von jenem Streiche herrühren sollte, sah mau noch vor einigen Jahren. Zur Stütze dieses Berichts aus neuester Zeit dient, was der (wol zwischen 1409—1418) in Niederlitauen unter den noch halbheidnischen Zemaiten missionierende Camaldulensermönch Hieronymus aus Prag im Jahre 1431 zu Basel dem damaligen Secretär Enea Silvio Piccolomini, späteren Papste Pius II. über seine Erfahrungen mitteilte, und was dieser der Nachwelt in seiner „Europa“ aufbewahrt hat:

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Hier ist von demselben Lande die Rede, in welchem noch 150 Jahre später Laszkowski heilige Bäume umhieb, (o. S. 12). So tief wurzelte der Glaube an die geheimnißvolle Sympathie zwischen dem heiligen, von einem für göttlich erachteten Geiste erfüllten Baume und dem beschädigenden Menschen, daß den bereits zu der rationellen Erkenntniß Vorgedrungenen, die Eiche sei ja nur ein lebloses Stück Holz, im Augenblicke als er den Streich ausführt, jeue ältere ihm anerzogene Vorstellung mit Macht wieder überkommt und er unwillkürlich das Beil auf seinen eigenen Fuß lenkt. Ueberzeugt. daß er verwundet sei, so tief, als er vermutlich in den Baun gehauen, fällt er hin und bleibt liegen, bis ihn der Mönch aufstehen heißt und zeigt, daß er keine Wunde davon getragen.2 Schön ist die Anwendung, welche eine Sage ans Millstadt in Kärnten vom Glauben an das Bluten der Waldbäume macht.

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Ein vaterloses Mädchen liebt einen Soldaten und wird deshalb durch den Fluch seiner Mutter in einen Ahornbaum verwünscht; sein Leib wird zäh, seine Brust knorrig, seine Haut Rinde, die Hände ästig und die Haare Laub. Ein Spielmann will sich von dem Baume einen Zweig zum Bogen schneiden, da quillt Blut heraus. Eine Stimme aber spricht:
„Mein Blut ist versöhnt, schneide dir einen Bogen und spiele mir mit demselben ein Grablied; dann gehe zum Bleicherhause und siehst du meine Mutter, so geige ihr ein Stücklein und sage, daß der Bogen von ihrem Kinde sei.“

Als die Mutter das Spiel des Bogens hörte, der noch nie solche Töne hervorgebracht hatte, wie diesmal, ward sie blaß und versöhnt und reuevoll rief sie aus:
„Fürwahr, ein gefallenes Kind ist besser, als keines.1 Hier ist die Baumnymphe. deren Blut dem verletzten Stamme entströmt, durch rationalistische Deutung zur Metamorphose einer menschlichen Jungfrau geworden; die übrigen Züge der Sage gehören größtenteils einer zart empfundenen freien Erdichtung zur Motivierung dieser Verwandlungsgeschichte an, welche auf ihre wahre Meinung und ursprünglichste Grundform zurückgeführt deutlicher als die vorhergehenden Beispiele die Baumgöttin mit der Verschmelzung menschenartiger und vegetabilischer Leiblichkeit vor Augen führt.“

§11. Freibäume.

Derartiger Glaube konnte der Erfahrung des praktischen Lebens gegenüber natürlich in Bezug auf wenige Baumexemplare sich halten. In heidnischer Zeit werden das

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vorzugsweise die Bäume geheiligter Haine gewesen sein, welche dem wirtschaftlichen Gebrauche durchaus entzogen waren. Aber auch später noch finden wir, daß in den Marken oder Gemeinwaldungen gewisse Bäume davor geschützt waren, von jedem Markgenossen geschlagen zu werden. Sie umzuhauen war bei Kapitalstrafe verboten. Dazu gehörten vorzugsweise die „fruchtbaren.“ d. h. zur Mast dienenden Harthölzer Eiche und Buche, (das Blumholz, die Blumware) wogegen es in alter Zeit jedermann freistand, das „unfruchtbare“ weiche Taub oder Dustholz nach Belieben für seinen Gebrauch zu hauen;1 ferner die zur Bezeichnung der Grenze dienenden Bäume. In manchen Gebirgstälern der Schweiz z. B. im Urserental waren Arven und Tannen gebannt d. h. vor dem Axthieb gefreit. Auf dem Umhauen gewisser Grenzarven stand der Tod.4 Unzweifelhaft blieben einzelne Exemplare stets unberührt stehen, während andere zu Bauholz angewiesen wurden. Solche Schutz- oder Freibäume scheinen vielfach die Träger der alten mythischen Anschauung geworden zu sein (vgl. o. S. 35). In Schweden spricht man von gewissen friträd (Freibäumen) welche nicht gehauen werden mögen „denn die Bewohnerin des Baumes (hon som bor i trädet) will nicht gehauen sein“.3

§ 12. Baum zeitweilige Hülle einer abgeschiedenen Seele.

In weiterer Entwickelung nehmen nun die bisher behandelten Vorstellungen von einem Baumgeiste mannigfach andere Formen an, von denen wir jedoch nur einige der einfacheren und von fremder Beimischung frei gebliebenen teils erwähnen, teils näher darlegen wollen. Aus dem Glauben, daß die Pflanze eine Seele habe, erwuchs die Ansicht, daß dieselbe der zeitweilige Körper einer Menschenseele sei. Die Seelen Liebender oder unschuldig Gemordeter wandeln sich in weiße Lilien und andere Blumen, welche aus dem Grabe oder aus dem hinströmenden Blute hervorsprießen (S. die o. S. 3 Anm. 1 angeführten Schriften). Die 70 Fuß hohe sogenannte „schöne Eiche“ im Walde bei Lüchow soll aus dem Munde eines in der

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Schlacht gefallenen Könige hervorgewachsen sein.1 Ebenso giebt es viele Sagen von sogenannten Blutbäumen, die aus dem Blute schuldlos Gerichteter entstanden; mit dem Blute ging die Seele in sie über. Zu Camern waren das 7 Eichen, die sich wunderbar zu einem Stamme vereinigten und als man einst eine derselben fällte, schwitzte der Stumpf blutige Tränen, bis ein neuer Baum aus demselben hervorwuchs.2 Zu Mödrufell im Eyjafjördr auf Island ist es ein Vogelbeerbaum (reynir), der aus dem Blute zweier wegen vermeintlicher Blutschande unschuldig hingerichteter Geschwister entsteht.1 In der Hüll (Oberpfalz) hängt man an dem Orte, wo jemand gewaltsamen Todes starb, eine Tafel mit einer Gedächtnißinschrift an einen Baum. Bei Tag soll dann die arme Seele des Getödteten im Baume hausen, Nachts aber entbunden sein und in einem gewissen Umkreise frei schalten dürfen.4

Doch nicht bloß reine und selige Menschengeister, auch die Seelen Verdammter nehmen nach dem Tode Pflanzenleib an. In einem Laubwalde zwischen Neustrelitz und Brandenburg, an einer Stelle, wo einst ein Meuchelmord begangen wurde, stieg täglich mit dem ersten Schlage der Mittagsstunde eine distelähnliche Gestalt aus dem Boden, deren Stamm zwei mit Stacheln besetzte Arme mit in einander gerungenen Händen bildeten, unten am Stiel zwei über und über mit Stacheln oder Dornen besetzte Menschenköpfe. Sobald es zwölf ansgeschlagen hatte, war das Gewächs spurlos verschwunden. Einem Pastor, der mit seinem Stocke darüber hinfuhr, verkohlte der Stock und verlahmte der Arm.

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1 Diese Mecklenburger Sage zeigt, eine wunderliche Zutat mittelalterlichen Fegefeuerglaubens. Reiner ist die bairische von den drei verfluchten Jungfern, die in einem Waldschlosse hei Nürnberg ein gottloses Leben führten, Fremde anlockten, ausplünderten und tödteten. Gottes Blitzstrahl erschlug sie und verbrannte ihr Haus; ihre Seelen aber fuhren in drei große Bäume und so oft einer davon gefällt wird, geht die Seele in einen andern. Nach Gebetläuten hört der Torübergehende von den Wipfeln dieser Bäume herab lachende Stimmen oder schadenfrohes Gekicher und nicht undeutlich glaubt er zwischen den Aesten eine Gestalt zu sehen, die ihn zu sich winkt.

2 Breithut, der Geist eines berüchtigten Raubritters im Geißenthäle läßt sich hier und da als Baumklotz oder gradezu als Baum blicken.

3 Ein Pfleger, der Waisengelder angegriffen bat, spukt im Walde. Er sieht aus, wie in Baumrinde gekleidet, lehnt sich an einen Baumstamm und schaut die Holzarbeiter starr an, bis sie entsetzt fliehen.

4 An der Pfaffenhaide am Hallwiler See stand bis vor kurzem ein sehr alter Kirschbaum. Dahinter sah jeder, der Nachts vorüber ging, einen Mann stehen, der die Hand vorstreckte, dann rasch hervorsprang und verschwand. Wer sich nach ihm umsah, dem blieb der Hals verdreht. Einem Weib hing er sich als Dom in die Jüppe und als sie diesen entfernen wollte, schwoll ihr der Kopf an. Man hieb den Birnbaum um. Seitdem ist auch jene Stelle frei, aber ebenso lange sitzt im Keller des nächstgelegenen Hauses ein schwarzer Hund auf einer Kiste und heißt wie der längst verstorbene Ahnherr dieses Hanses Suchelis.

5 Im Buchenwalde auf dem Kestenberg zwischen den Schlössern Wildegg und Brumnegg hat sich ein Jäger an einer Eiche erhängt. Als der Schloßherr ihn fand, vom Winde in den Zweigen hin- und her geschaukelt, befahl derselbe die Eiche zu fällen; aber Blut quoll unter den Axthieben hervor und rote

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Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm und Leichnam. Seitdem pirscht aber der Todte als Wildhans von Wildegg mit gespenstigen Hunden durch den Wald, oft hört man dieselben winseln, wenn er sie an die Bäume hängt, um sie mit Riemen zu hauen.1 Eine Variante dieser Sage knüpft sich unweit davon an einen Holzbirnbaum zwischen Wildegg und Lupfig. Der krumme Jäger, der an diesem Baume seine Hunde aufzuhängen pflegte, sich an ihm erhängt hatte und unter demselben begraben war, ließ sich da noch immer sehen, z. B. als dreibeiniger Hase mit Augen so groß wie ein Pflugrad. Wer ihm nachschaute, dem schwoll der Kopf. Oder er stand als schwarzer Mann hinter dem Baume. Einer, der ihn anredete, büßte mit gedunsenem Mund und geschwollenen Augen. Die Gemeinde beschloß nun den Baum umbauen zu lassen. Aber während das Gebüsche ringsum unbewegt in der ruhigen Luft stand, schüttelte ein Brausen die Aeste des Holzbirnbaumes. Den Arbeitern sprang die große Waldsäge ab, und wo man mit der Axt hintraf, war das Beil stumpf und ein blutroter Saft quoll nach.1

Diese Sagen sind in mancher Hinsicht lehrreich. Die Seele des Verstorbenen gebt in den Baum über, erfüllt ihn gleichsam mit menschlichem Leben, so daß Blut in seinem Geäder umläuft. Zugleich aber läßt sie sich als Schatten in Tier- oder Menschengestalt außerhalb des Baumes aber in dessen Nähe sehen, und ihr Anschanen verursacht jene Krankheiten, mit welchem der unverhüllte Anblick von Geistern auch sonst bestraft wird. Durch die Vernichtung des Baumes frei geworden, vereinigt sie sich mit dem Winde und tobt in der wilden Jagd daher.3 Es wird nun auch wol verständlich sein, weshalb auch Gespenster und Klopfgeister in hohle Bäume, Weideubäume u. dgl. gebannt werden.4 Man giebt ihnen, um sie los zu werden,

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den Baum zum Leibe. Der im Weinkeller spukende Geist eines bösen Wirts ist in die Ruckfelder Linde bei Zurzach gebannt worden. Dort hauste er in einem Astloch. Nachts saß er oft auf einem Aste und geigte und je schärfer im Winter die Schneeflocken über Rückfeld stöberten, desto schöner und schärfer geigte er drauf los. Ein Bauer, der nach diesen Tönen tanzte, bis er umfiel, ist von Stand an der beste Tänzer im Lande geworden. Dieses zauberische Geigenspiel ist die Musik des Waldes, das Lied des Sturmes, welches alles bewegt und tanzen macht.1 Die breite Eiche auf dem Bleß bei Salzungen war die mächtigste des ganzen Forstes. Als sie hohl wurde, trugen die Jesuiten manchen Poltergeist in dieselbe. Leute, die vorbeigingen, hörten die Geister darinnen rumoren. In die dicht belaubten steilen Wände der wilden Löcher einer Schlucht in der Nähe dieser Eiche sind ebenfalls Poltergeister getragen und festgebannt. Noch heute guckt fast ans jeder Ecke und aus jedem Baumstumpf ein Spukgesicht heraus und erschreckt die armen Leute, die dort Leseholz suchen. Ein Tagelöhner aus Salzungen hatte hier Baumstubben gerodet und spaltete dieselben unter seinem Fenster vor dem neuen Tore; da sah er, als er soeben einen Keil ein trieb, aus dem Stubben ein kleines graues Männlein heraus und durch die Türe in das Haus schlüpfen, und ehe der Tagelöhner sich noch von seinem Schrecken erholt hatte, guckte der kleine Mann auch schon durch die runden Scheiben der Wohnstube, schnitt allerlei Gesichter und trieb so lange Unfug, bis er ihn durch einen Geisterbanner fangen und wieder bannen ließ.2

Noch ein Beispiel sei angeführt, welches wieder erinnern mag, daß auch diese Vorstellnngsweise die Bäume und niederen Pflanzen gemeinsam umfaßt. Man soll die Schmelber (Schmelcher oder Schmielen), eine hohe schlanke Grasart, nicht abreißen oder damit die Zähne ausstochern, damit man nicht von den bösen Geistern oder Teufeln besessen werde, welche oft dahinein gebannt oder darauf gespießt sind.3 Zu vergleichen steht die

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von J. W. Wolf, Beitr. II, 242 aus Jacob a Voragine angeführte Legende von einem bösen Geist, der in oder zwischen den Blättern einer Salatstande saß.

§ 13. Baum Aufenthalt des Hausgeistes.

Mit den zuletzt behandelten Sagen berührt sich, was wir schon oben S. 38 wahmahmen, daß die Seele eines durch sympathetische Kur mit dem Baume verbundenen Menschen nach dem Tode, in ersteren übergeht, nach dem Abholzen des Baumes in dem daraus gezimmerten Balken verbleibt und Klabautermann d. b. Schutzgeist des Schiffes wird. Ebenso weilt nach manchen Sagen der Hausgeist im Hausbalken und bleibt wo dieser verbleibt.1 Er war wol auch vorher Geist des zum Balken verarbeiteten Baumstammes. W. Menzel 2 bezieht auf die Herkunft des Hauskobolds aus dem Baume vielleicht nicht mit Unrecht auch die folgende Sage.

Ein Hausgeist zu Sachsenheim, der sogenannte Klopferlee, schenkte der Magd, so oft sie in den Keller kam, ein Geldstück. Als ihm aber der Ritter befahl mehr zu bringen, erschien der Geist vor dem Ritter mit einem Eichenblatte im Munde, woran drei Eicheln hingen und verbrannte ihn sammt dem Schlosse.3 Sollte das Eichenblatt andeuten, daß der Schutzgeist des Hauses in den Wald zurückkehren wolle?

§ 14. Baum Schutzgeist oder Sitz des Schutzgeistes.

Jedenfalls gehört es in den Kreis dieser Vorstellungen, daß der

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ideale Doppelgänger der Menschenseele, der Schutzgeist (genius tutelaris) der einzelnen Persönlichkeit (oder ganzer Geschlechter) die Fylgja, wie der Altnorweger sagte (Myth2 828ff. Mannhardt. Germ. Mythen 306 ff.) in einem Baume Wohnung haben soll. Um jedoch diese letztere Anschauung vollständig verständlich zu machen, gehen wir, ehe wir ihren Bestand aufführen, noch einmal auf eine schon vorhin von einem andern Punkte aus angeschlagene Gedankenreihe ein.

§ 14a. Baum = Lebensbaum.

Die unter uns ganz geläufige Redeweise
„der Baum meines, deines, seines u. s. w. Lebens grünt, welkt, stirbt ab“

zeigt uns den Vergleich menschlichen und vegetabilischen Wachstums in persönlichster Anwendung zu einem stetig dem Bewußtsein vorschwebenden Bilde gediehen. Während wir uns aber darüber klar sind, daß das uns immanente Leben, die Gesammtheit der Zustände und Veränderungen unseres Seins durch dieses Bild ausgedrückt werde, tritt dasselbe für das Bewußtsein mancher Menschen auf niederen Stufen durch Hypostase als etwas Reales und Selbständiges, gleichsam als ihr Doppelgänger, der alle ihre Schicksale mitmacht, anzeigt, oder gar bestimmt, aus ihrer Persönlichkeit heraus und neben dieselbe. Man sehe nur, wie in einem von Orest Miller mitgeteilten schönen russischen Hochzeitsliede aus dem Permschen Gouvernement das Mädchen sein Verhältniß zu dem künftigen Ehegatten schildert:
Nur wenig schlief ich Junge,
Wenig die ganze Nackt.
Doch in dem Schlummer hatt’ ich
Einen schönen Traum.
Ich sah in Hofes Mitten
Wuchs ein Cypressenbaum
Und ihm zur Seit´ ein andrer,
Ein zuckersüßer Baum.
Und auf dem Baume waren Goldener Zweige viel,
Zweige von Gold und Silber.
Da sprach das Haupt des Hauses,
Der Meister „liebes Herz,
Soll ich den Traum dir deuten?
Sieh der Cypressenstamm
Bin ich, der ich dein eigen.

Der zuckersüße Baum
Bist du, und du bist mein.
Und auf dem Baum die Aeste
Sind unsre Kleinen ja,
Die lieben teuren Kinder.“

Obgleich Hunderte von Meilen von Perm entfernt, liefert das Saterland den nächsten Verwandten dieses Volksliedes in einem Hochzeitsbrauche.1 In die eine Ecke der Bettlaken, welche ein Bräutigam mitbekommt, wenn er aus dem elterlichen Hause in einen fremden Hof hineinheiratet (und nur dann) stickt man mit bunten Fäden einige Blumen auf einen Baum, auf dessen Wipfel und reich belaubten Aesten Hähne (eine leicht verständliche Symbolik) sitzen. Zu beiden Seiten des Stammes stehen die Anfangsbuchstaben seines Tauf- und Familiennamens. Ebenso sticken die Mädchen in ihre Aussteuerhemden am Halse auf jede Seite der Spange je einen Baum und die Buchstaben ihres Namens. Es ist der Schicksals- oder Lebensbaum der jungen Leute selber gemeint, der aus dem heimatlichen Boden verpflanzt künftig auch in dem neuen Wohnsitze grünen, wachsen und Früchte bringen soll Auf der gleichen Anschauung beruht eine Reihe schöner Hochzeitsitten, die sich durch viele deutsche, slavische und lettische Landschaften verfolgen lassen.

Dem jungen Paare werden bei der Hochzeit grüne Bäume vorangetragen, ein grüner Baum prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in die neue Heimat führt, auf dem Dach oder vor der Tür des Hochzeitshauses. Im Drömling tragen die Braut- und die Bräutigamsjungfern auf dem Wege zur Kirche dem Brautpaar brennende Lichter auf jungen Tannen oder mit Buchsbaum umwundenen Gestellen voran. 2 Im Hannoverschen Wendlande tragen die Kranzjungfern während der Ehrentänze der Brautführer und des jungen Ehemanns mit der Neuvermählten mit brennenden Lichtern besteckte grüne Tannenbäumchen vorauf; indem die jungen Eheleute diese Lichter mit Tüchern ausschlagen (sie wollen ihren Lebensbaum für sich behalten), geben sie das Zeichen zum Beginn des allgemeinen Tanzes.3 In den wendischen Dörfern bei Ratzeburg

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dagegen hatte ein grüner Baum auf dem Brantwagen Platz.1 In der Oberpfalz steckt ebenso vorn auf der äußersten Spitze des Kammerwagens, der die Aussteuer der Braut trägt, ein verziertes Fichtenstämmchen,5 nicht minder schmücken den schwäbischen Brautwagen um Ehingen, der die Kunkel und das Ehebett führt, sechs mit seidenen Bändern, Goldflittem und Blumen gezierte Tannenbäume.3 Auf den lettischen Bauerhochzeiten in Kurland wurde, sobald das neue Paar aus der Brautkammer trat, nachgeforscht, ob der junge Ehemann die Liebesprobe kräftiglich bestanden. Befand es sich so, so wurde große Fröhlichkeit geübt und ein großer grüner Baum oder Kranz oben auf das Hans gestellt. 4

Der Lebensbaum des Bräutigams oder des neubegründeten Stammes steht gut, wenn Aussicht auf Nachkommenschaft da ist. In Schweden nimmt man als Brautstuhl, auf dem das Hochzeitpaar während der Trauung sitzt, einen Chorstuhl, pflanzt zwei Tannen mit Blumen und Goldpapier vor dessen Türen, spannt oben eine weiße Decke ans und verziert es auffallend. Zu Väßbo werden am Vorabend der Hochzeit an allen Türen, Pforten und Gattertoren Tannen gesetzt, eine zu jeder Seite.5 Im Zwodtagrunde im Voigtlande werden, wie auch in Thüringen, Fichten vor das Hochzeithaus gesetzt.8 Im Weimarischen pflanzen die Burschen und Mädchen des Ortes am Vorabend der Hochzeit grüne Tannen vor das Brauthaus und verbinden sie mit Blumengewinden, Kränzen, bunten Bändern und einer Zitrone, worauf die Namen der Brautleute eingestochen sind.7 Dies geht schon über in eine andere Form der nämlichen Sitte, welche wir später nach Erörterung des Maibaums und Emtemais betrachten werden.

Nicht selten geschah es, daß unwillkürlich oder mit Absicht ein bestimmter lebender Baum zum Träger des zweiten Gliedes der Gleichung und dadurch gleichsam dauernd zum alter ego eines

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bestimmten Menschen gemacht wurde. In Hochheim, Einzingen und anderen Orten in der Nähe von Gotha z. B. besteht der Brauch, daß das Brautpaar zur Hochzeit oder kurz danach zwei junge Bäumchen auf Gemeindeeigentum pflanzen muß. An sie knüpft sich der Glaube, wann das eine oder das andere eingehe, müsse auch das eine oder andere der Eheleute bald sterben.1 Auf ähnliche Anschaumig, vermöge deren der Liebhaber einen Baum mit sich selbst identifiziert, gründet sich u. a. auch der preußische Aberglaube, wenn man die Liebe eines Mädchens begehrt, drei Haare desselben in eine Baumspalte einzuklemmen, sodaß sie mit dem Baume verwachsen müssen. Das Mädchen kann dann nicht mehr von einem lassen.2

§ 14 b. Fortreisende verknüpfen ihr Leben mit einem Baume.

Sehr deutlich springt diese Vorstellung vom Schicksals-oder Lebenshaum in einer Reihe weitverbreiteter Traditionen hervor, wonach ein Fortreisender sein Leben sympathetisch mit einer daheinibleibenden Pflanze verknüpft. Im Märchen von den zwei Brüdern (K. H. M. Nr. 60) z. B. stößt der Fortziehende sein Messer in den Baum vor der Tür des Vaterhauses. So lange, es nicht roste, sei das ein Zeichen, daß er selbst gesund sei, wie der Baum. Im Märchen von den Goldkindern (Nr. 85) lassen die beiden Jünglinge, als sie ausziehen, um die Welt zu sehen, ihrem Vater ihre beiden Goldlilien zurück.
„An ihnen kannst du sehen, wie es uns ergeht. Wenn sie frisch sind, befinden wir uns wohl; wenn sie welken, sind wir krank; wenn sie abfallen, sind wir todt.“

Ob diese Märchen, denen sich verwandte Züge nicht allein aus Indien, sondern selbst aus Mexiko und Ägypten an die Seite stellen lassen,3 einheimische Gewächse

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seien ist mehr als zweifelhaft; ganz nahe aber ihrem Inhalt liegt der Gedanke in der fein empfundenen dritten Strophe des Volksliedes:
„Morgen muß ich fort von hier.“

Der in Abschiedsweh fast vergehende Liebhaber erklärt sein Leben mit der zurückbleibenden Geliebten, die wie ein Baum auf grüner Aue sprießt, der Art eins und verwachsen, daß es (wenn er mit dem Körper davonziehe) gleichsam dableiben und sein Wiederbild in der Feme absterben werde:
Dort auf jener grünen Au,
Steht mein junges Leben.
Soll ich denn mein Lebelang
In der Fremde schweben?
Hab’ ich dir was Leids getan
Halt ich um Verzeihung an;
Denn es geht zu Ende.1

§ 14c. Schicksals- und Geburtsbaum von Einzelnen und Familien.

Jedenfalls kann nunmehr kein Zweifel sein über die richtige Auffassung des folgenden von Geyler von Kaisersberg als wirkliche Geschichtee aus dem 15. Jahrhundert berichteten Vorgangs. Als Molber, ein Schuhmacher zu Basel, ein neues Haus bezog, wählte jedes seiner drei Kinder sich im Garten einen Baum. Die Bäume der beiden Mädchen, Katharina und Adelheid brachten, „als der Glentz (Lenz) hereinstach,“ weiße

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Blüten hervor; die deuteten auf ihren künftigen Beruf als Nonnen. Der des Bruders Johannes trug eine rote Rose; er ward Predigermönch in Prag und fand als Märtyrer durch die Hussiten seinen Tod. Die reinste und folgerichtigste Ausgestaltung der hier zu Grunde liegenden Anschauung war die schöne Sitte, schon in der Geburtstunde eines Kindes ein Bäumchen zu setzen. Im Aargau geschieht das noch jetzt ziemlich allgemein und man meint dort, der Neugeborne gedeihe oder sterbe (verkümmere) wie dieses Bäumchen.

Für Knaben setzt man Apfelbäume, für Mädchen Birnbäume. Noch in der letzten Generation kam der Fall vor, daß ein Aarganer Vater im Zorne über seinen misratenen Sohn, der eben in der Fremde und also der väterlichen Züchtigung unerreichbar war, aufs Feld ging und den dort gepflanzten Geburtsbaum wieder umhieb.1 Zuweilen sieht der Bauer auch ohne ausdrückliche Anpflanzung für eine bestimmte Person das Schicksal seiner Familienglieder mit dem Schicksal der Bäume am Hause verbunden. Der Voigtländer fürchtet, jemand aus der Familie werde sterben, wenn ein Baum im Garten oder ein einzelner Ast plötzlich dürr wird,3 auch in Bayern bedeutet ein Baum am Hause, der verdirbt, einen Todten vom Hause4 und dem Siebenbürger Sachsen verkündet es einen Todesfall, wenn ihm im Traume ein umstürzender Baum zu Gesichte kommt.5 Genau hiezu paßt es, daß in Siebenbürgen (Sächsisch-Regen) auch der poetische Glaube herrscht, dem Kinde nahe der Tod nicht mit der Sense, sondern er breche im Garten eine Blume vom Stengel, im nämlichen Augenblicke sterbe das Kind.6

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Wie ein Einzelner kann aber auch eine Vereinigung mehrerer Menschen, eine Familie, eine Dorfschaft in einem Baume das reale Abbild ihres gemeinsamen Lebens empfinden. In Schweden sind nachweislich die Namen mehrerer Familien von einem heiligen Baume bei ihrem Stammhofe hergenommen; so der des Geschlechts Almén von einer großen Ulme, die ehemals am Hofe Bjellermála im Sockn Almundsryd stand. Die drei Familien Linnaeus (Linné), Lindelius und Tiliander hießen angeblich nach einem und demselben Baume, einer großen Linde mit drei Stämmen, welche zu Jonsboda Lindegárd in Hvitarydssocken Landschaft Finveden wuchs.

Als die Familie Lindelius ausstirbt, vertrocknete eines der Hauptäste der alten Linde; nach dem Tode der Tochter des großen Botanikers Linné hörte der zweite Ast auf Blätter zu treiben, und als der Letzte der Familie Tiliander starb, war die Kraft des Baumes erschöpft, aber der erstorbene Stamm der Linde steht noch und wird hoch in Ehren gehalten.1

§ 14 d. Várdträd.

Diese Linde und ähnliche Bäume werden als Várd-träd, Schutzbäume, bezeichnet. Várd (von várda warten, bewachen, hüten) bezeichnet Fürsorge, Obhut, Schutz; Várdträd ist also der Baum, der die Fürsorge, die Obhut ausübt; oder vielmehr der die Fürsorge persönlich ist. Der Várd wird nämlich als ein persönliches Wesen gedacht, also ein Geist, der dem Menschen folgt, wohin derselbe geht; er offenbart sich zuweilen, sei es als Lichtlein, (das Licht ist eine Form der Seele, vgl. Lebenslicht), sei es als des Menschen Scheinbild. Es giebt noch heute unweit der Gehöfte manche für heilig gehaltene Bäume, welche Várdträd genannt sind, offenbar als Wohnstätten der Várdar oder persönlichen Schutzgeister der Hofleute, oder der Familie, die den Hof bewohnt. Vor wenigen Menschenaltern gab es in der Südländischen Landschaft Várend einen Várdträd noch in der Nähe jedes Hofes. Es war eine alte Linde, Esche oder Ulme. Niemand brach davon auch nur ein Blatt, und ihre Beschädigung rächte sich sicher durch Unglück oder Siechtum. In Hänger erlaubte die Volkssitte nicht einmal windbrüchiges Holz davon weg zu nehmen und zu Hause zu verbrennen, sondern man häufte es zu einem Reiserhaufen oder Holzstoß („bäl“) am Fuße des heiligen Baumes auf. Schwangere umfasten sowol in Värend als in Vestbo in ihrer Not den Várdträd, um eine leichte Entbindung zu erhalten.1

Der Várd entspricht genau demjenigen Begriffe, den der Altnorweger und Isländer mit dem Namen Fylgja verband und wir sind somit hier auf dem Punkte angelangt, von dem aus mit vollem Verständniß die o, S. 45 angekündigte Vorstellungsreihe zu verfolgen möglich ist. Die Fylgja2 (d. h. Folgegeist) ist das Leben, der Genius des Menschen selbst als ein besonderer Dämon personifiziert und als solcher zum Begleiter, Schicksalsverkünder und Schicksalsurheber geworden. Von da war es nur ein unmerklicher Schritt und die Fylgja wurde ein warnender oder helfender Schutzgeist, der für den ihm zugeteilten Menschen liebreich sorgte. Die als Abbild oder Doppelgänger eines menschlichen Einzellebens oder des Lebens einer menschlichen Gemeinschaft gedachte Baumseele in derselben Weise mit Baum und Menschen zugleich verbunden und zugleich von beiden als selbständig hypostasiert, sodann als schützender, helfender Genius aufgefaßt ist der Várd. Die Sitte einen Várdträd hinter dem Hause zu haben, hatte in Dänemark ein unverkennbares Seitenstück. Noch H. Steffens (Gebirgssagen) konnte davon erzählen. In einer entlegenen Vorstadt von Kopenhagen — sagt er — innerhalb der Wälle, bewohnen die Matrosen der dänischen Marine ein Quartier, welches fast eine eigene Stadt bildet. In einem jeden Hof ihrer kleinen Häuser sieht man über die Planken hervorragend einen Holunderbaum, der mit einem religiösen Eifer unterhalten und gepflegt wird. Der Geist dieses Baumes ist Schutzgeist des Hauses. Er hilft in Krankheit, steht den Frauen in Kindesnöten bei, beschützt die Kinder, aber verschwindet auch, wenn der Baum abstirbt. Sicher aber war dieser Glaube sehr alt und in die heidnische Vorzeit hinaufreichend. Dies möchte ich aus der Uebereinstimmung mit der Sitte eines andern auch am Ostseerande wohnenden Volkes, der Letten nämlich, schließen, bei denen ehedem hinter jedem Hause, unweit der Hofstatt ein kleiner Hain von mehreren Bäumen gefunden wurde, in welchem der „Mahjas kungs“ (Herr der Heimat, Wohnung, Behausung)

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also der Schutzgeist des Hofes wohnen sollte, dem man von Zeit zu Zeit kleine blutige und unblutige Opfergaben hineinwarf. Es mangelt uns nicht an älteren Zeugnissen über die Sache, aber noch 1836 u. a. zerstörte Pastor Carlbom in dem einen Kirchspiel Ermes in Livland innerhalb 14 Tagen etwa 80 solcher Götzenhaine.1 Wer den Hain umhieb, sah den Mahjas Kungs in Gestalt eines Vogels unter Sturmwind entweichen und mußte des Aussterbens seiner Familie und des Verlustes seines gesammten Hainstaudes gewärtig sein.2 Das Leben also der Menschen und der Tiere in der gesammten Wirtschaft war an das Wolbefinden der Bäume, resp. des Mahjas Kungs geknüpft, der andererseits ihr Heil fürsorglich in Schutz nahm.

Ob und wieweit auch in Deutschland vor alters Hans und Familie ihren Schutzbaum hatten und pflegten, darüber kann ich nichts Ausreichendes mitteilen. Einzelne Spuren scheinen dafür zu reden. Der Aelpler im Allgäu und Bregenzer Walde hat noch einen Familienbaum, unter dem er mit den Seinen sein Abendgebet verrichtet. Viele reservieren sich solche Bäume, wenn sie auch sonst Hab und Gut verkaufen und sind bei ihrem Absterben ängstlich um junge Stämme und Aeste bemüht.3 Manche Namen deutscher Familien (wie Linde, Eichbaum, Buchheister, Holunder, Kirschbaum, Birnbaum, Eschenmayer, Birkmayer, Pirkmayer, u. s. w.)4 könnten wenigstens mittelbar auf unsem Ideenkreis zurückweisen, falls die Bauernhöfe, von denen sie herstammten, nach besonders hochgehaltenen Bäumen in ihrer Umgebung genannt waren.5 Und wenn es Familienbäume gab, sollte vermöge naturgemäßer Erweiterung nicht auch die Dorfschaft in einem Baume ein Gegenbild und Symbol ihres Lebens, ihren Schutzgeist gesucht haben? Bewahren nicht etwa unsere deutschen Dorflinden eine Erinnerung, einen Anklang daran? Es verlohnte sich

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wol diesen Gegenstand einmal ernstlich zur Frage und Untersuchung zu stellen.

§ 15. Weltbaum Yggdrasill.

Falls sich Schutzbäume der Dorfschaft erweisen ließen (und ich bitte den Leser darüber nachzusehen was ich weiter unten Kap. III. hinsichtlich der Maibäume anmerken werde) so wäre damit ein wichtiges Mittelglied aufgefunden, um einer Hypothese zu großer Wahrscheinlichkeit zu verhelfen, welche sich auch ohnedem unabweislich mir aufdrungen will. Ich vermute nämlich, daß auch der tiefsinnigen Eddamythe, vom Weltbaum Yggdrasill in ihrer ältesten Gestalt nichts anderes als eine ins Große, malende Anwendung der Vorstellung vom Várdträd auf das allgemeine Menschenheim zu Grunde gelegen habe. Schon diejenige Form, in welcher der Yggdrasillmyths in der Völuspá uns entgegentritt, noch mehr diejenige des Grimnismál enthält spekulative Gedanken durch Allegorie ausgedrückt und so einheitlich und harmonisch das aus allen Vorstufen als schließliches Ergebniß hervorgegangene großartige und allumfassende, die Einheit des gesamten Universums, wie es sich in Raum und Zeit darstellt, vergegenwärtigende Bild auch zu sein scheint,1 schon der Name Yggdrasill (Odhins Roß),2 die Vorstellung, daß Götter und Nornen als Richter und Urteiler unter dem Baume Ding halten.3 und die andere, daß die drei Schicksalsfrauen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Fluten aus dem Brunnen der Vergangenheit die Erde begießen und frisch erhalten, stellen ebenso viele verschiedene. Entwickelungsphasen der Sage dar, die ohne Zweifel vor Abfassung der Völuspá schon längere Zeit von den Dichtern bearbeitet und unter stets neuen und andern Gesichtspunkten dargestellt war; auch später noch, wie Grimnismál lehrt, der Gegenstand ergänzender oder tungestaltender Darstellungen blieb. Eine mehrfach abweichende Variante zur Auffassung des Weltbaums neben derjenigen in Völuspá gewährt das Lied Fjölsvinnsmál 19—24.4 Der