Zur Unglaubwürdigkeit des Judäo-Christentums

Ortung der Götter

rabbi-jesus

Rabbi Jesus bar Abbas („Sohn des Herrn“)

Das Jesus-Bild der Evangelien

Da weder ein persönliches schriftliches Zeugnis von Jesus – sein hebräischer Name lautet Joshua bar Joseph (Jahwe hilft, Sohn des Joseph) – vorliegt, noch Ohren- oder Zeitzeugen sein Leben, Wirken und Sterben glaubhaft bekunden können, die vier >Standard-Evangelien< von den Juden Matthäus, Lukas, Markus und Johannes (?) zusammengestellt wurden und es sich selbst bei den ältesten Texten um Abschriften von Kopien handelt, also das Zustandekommen der Berichterstattung über den >Messias< mit dem Namen Jesus weitestgehend im Dunkeln liegt, ist die historische Tatsache von hoher Bedeutung, daß mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung durch den späteren Kaiser Titus der erste Religionskrieg der uns bekannten Menschheitsgeschichte zu Ende ging. Erst danach, etwa 40 Jahre nach der Kreuzigung des Rabbi Jesus, entstand eine sich in vielen Aussagen widersprechende Berichterstattung, die einer sauberen einheitlichen Interpretation im Wege steht. Bei dem Versuch, die menschlich-irdische Existenz des Rabbi Joshua bar Joseph, genannt Jesus, in Anlehnung an die vier Evangelien nachzuzeichnen, kann es sich prinzipiell nicht um die Wiedergabe von historisch-objektiv nachweisbaren Ereignissen handeln, sondern nur – wie die kirchenchristlichen Theologen sagen – um ein jeweilig subjektives Glaubensbekenntnis der Evangelisten.

Zunächst bestimmt die vom Propheten Jesaja (vgl. 7,14) vor mehr als 500 Jahren angekündigte Geburt des >Messias< die Berichterstattung. Der >Messias<, ein typisch hebräischer Begriff, der nicht wörtlich übersetzt, sondern nur sinngemäß umschrieben werden kann, muß laut biblischen Zeugnissen aus dem Hause Davids und Aarons stammen. Die Einmaligkeit des >Messias< kommt auch dadurch zum Ausdruck, daß er als >Gesalbter< (griech. christos: gesalbt) ein weltlicher König und der religiöse Befreier Israels in einer Person sein muß. Dieser Prophezeiung hat Jesus bekanntlich nicht entsprochen, was selbstverständlich nicht erst mit seiner Kreuzigung bestätigt wurde; abgesehen davon, daß Jesus sich selbst niemals unmißverständlich als >Messias< im Sinn der hebräischen Bibel bezeichnet hat. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben die Evangelisten auch deshalb alles erdenklich Mögliche an Verheimlichung und Verfälschung getan, den Rabbi Joshua als den von ihnen erwarteten >Messias< in seiner einmaligen Göttlichkeit gegenüber allen anderen Menschen abzugrenzen und zugleich hervorzuheben. Erst die moderne Religionswissenschaft in Verbindung mit der Archäologie, der Sprach- und der Geschichtsforschung ermöglichten die Aufdeckung unzähliger absichtlicher Verfälschungen einschließlich unbewußter, übersetzungsbedingter Irrtümer in den uns überlieferten Texten, insbesondere in den Evangelien. Einige besonders prägnante Beispiele mögen dieses bezeugen: So verlegt der Evangelist Lukas die Geburt des Joshua bar Joseph (Jesus) nach Bethlehem, einem Ort in der Provinz Judäa, weil nach dem Selbstverständnis der Jerusalemer Priesterschaft in den Provinzen Samaria und Galiläa keine Juden lebten, aber der >Messias< laut Jesaja „im jüdischen Land“ geboren sein muß. Weiter ist in den Evangelien – desgleichen in der Apostelgeschichte (2,22) – die Formulierung >Jesus von Nazareth< zu lesen, obwohl es den Ort Nazareth um jene Jahrhundertwende noch gar nicht gegeben hat und er erst 250 Jahre später geschichtlich nachgewiesen werden kann. Andererseits sprechen die Evangelisten aber auch von Jesus, dem Nazarenen. >Nazarener< dürfte die sinngerechte Übersetzung sein, denn im griechischen Urtext steht nazoraion (z. B. Matth. 2,23) – ein >Nazoräer< oder ein >Nazarener<.

Mit der Behauptung von der widernatürlichen >Jungfrauengeburt< muten Matthäus und Lukas – und später offiziell auch die katholische Kirche – der Welt ein unglaubwürdiges Dogma (griech.: unwiderlegbarer Glaubenssatz) zu. Diesem Glaubenssatz liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Der Evangelist Matthäus (vgl. 1,23) beruft sich eindeutig auf die Ankündigung des Propheten Jesaja, wenn es bei ihm heißt: >Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.< In der griechischen Fassung des Jesaja-Textes, in der Septuaginta, steht an dieser Stelle das Wort >parthenos< für Jungfrau, und niemand hat es offenbar versucht (oder gewagt?), das hebräisch aufgezeichnete Original hinsichtlich der angeblichen Jungfrauengeburt zu Rate zu ziehen. Die Jungfrauengeburt ist nämlich keine originale Formulierung des Matthäus, sondern er zitiert lediglich Jesaja 7,14, allerdings nach der griechischen Übersetzung aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert.

Im hebräischen Urtext heißt es bei Jesaja keineswegs >Jungfrau< (hebr.: betula), sondern Junge Frau< (hebr.: alma). Es sind also im Gegensatz zum Deutschen zwei im Klang völlig verschiedene Wörter, so daß die Möglichkeit einer Wortverwechslung ausscheidet. Die vermeintliche Jungfrauengeburt zog naturgemäß weitere Verfälschungen nach sich. So erregt es kein Erstaunen, wenn über die Familienangehörigen von Jesus nur spärliche und z. T. irreführende Mitteilungen überliefert werden. Daß Jesus (>Halb<-)Geschwister hatte, wird in den Evangelien zugestanden, aber schon die Herkunft seiner Eltern wird verschwiegen. So war sein Vater Joseph ein Rabbiner, seine Mutter Maria die Tochter eines Rabbiners und Maria Magdalena nach dem Philippus-Evangelium seine >Lebensgefährtin<. Aus dieser ehelichen Gemeinschaft gingen selbstverständlich mehrere Kinder hervor; und erst der Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin macht darauf aufmerksam, daß es vor 2000 Jahren für eine unverheiratete Jüdin ausgeschlossen war, >monatelang einem Wanderprediger nachzulaufen<.

Die durch die Bibel überlieferten Evangelien wurden im Laufe von nahezu zwei Jahrtausenden derart oft gezielten Veränderungen unterworfen, daß vor allem wegen der vielen widersprüchlichen Worte des >Jesus als Christus< häufig eine eindeutige Unterscheidung zwischen jüdisch-jahwistischem und unjüdisch-christologischem Gedankengut mit Schwierigkeiten verbunden, ja, mitunter sogar unmöglich ist. Es drängt sich folglich der berechtigte Verdacht auf, daß sowohl die Evangelisten als auch die im Entstehen begriffene >Christensekte< und spätere alleinseligmachende römisch-katholische Kirche< während der 300 Jahre dauernden äußeren und inneren – nicht nur theologisch begründeten – Auseinandersetzungen mittels Textfälschungen von Anfang an dafür sorgten, daß die ideelle bzw. religiös-ideologische Bindung an das Mosaische Gesetz nicht verlorenging.

Die folgende Gegenüberstellung von ausgewählten widersprüchlichen Zitaten aus den Evangelien soll diesen Verdacht erhärten:

Beispiele als Ausdruck typisch mosaisch-jahwistischen Denkens: >Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen.< (Matth. 5,17) > Gehet nicht auf der Heiden Straße, sondern zu den verlorenen Schafen Israels.< (Matth. 10,5) >Doch jene meine Feinde, die nicht wollen, daß ich über sie herrschen sollte, bringt her und macht sie vor mir nieder. < (Lukas 19,27) >Meint ihr, daß ich hergekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage, nein, sondern Zwietracht.< (Lukas 12,51), Beispiele als Ausdruck typisch unjüdisch-christologischen Denkens: >Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet Eure Feinde.< (Matth. 5,43/44) >Ich bin der Weg, das Leben und die Wahrheit; niemand kommt zum Vater denn durch mich.< (Joh. 14,6) >Da aber die Pharisäer hörten, daß er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.< (Matth. 22,13) >Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen.< (Matth. 22,13) >Jesus sagte zu den Juden: Ihr stammt aus dem Teufel als Vater, und wollt nach den Gelüsten eures Vaters tun. Dieser war ein Menschenmörder von Anbeginn; er steht nicht in der Wahrheit, weil in ihm nicht Wahrheit ist.< (Joh. 8,43/44) >Niemand redete offen von ihm (Jesus Christus) aus Furcht vor den Juden.< (Joh. 7,13)

Der neutestamentliche Paulus

Paulus gilt in der Christenheit seit nahezu 2000 Jahren als Kronzeuge dafür, daß Jesus für alle Menschen der >Christus< sei. Jeder, der sich einige Kenntnis erworben hat über das Zustandekommen des christlichen Glaubens und über die institutionalisierte Hüterin des Glaubens, die >alleinseligmachende römischkatholische Kirche<, weiß, daß der durch ein persönliches, irrationales Erlebnis in ein rationales System gebrachte christliche Glaube nicht jesuanischer, sondern paulinischer Herkunft ist. Aus eben diesem Grund ist die Frage berechtigt, was wir denn eigentlich über die Person mit dem Namen Paulus (lat.: der Kleine) und sein religiöses Schrifttum in Form von dreizehn Briefen wissen. Eine erste, spontan gegebene Antwort könnte lauten: Es handelt sich um einen Juden, der hebräisch Schaul (der Erhabene) und römisch Saulus hieß. Er war einer der schärfsten Verfolger der ersten Gemeinde von >Juden-Christen<, soll in der Nähe von Damaskus durch Jesus persönlich >bekehrt< worden sein, unternahm mehrere Missionsreisen durch das Mittelmeergebiet von insgesamt ungefähr 8.000 km Länge und wurde als Gefangener nach Rom gebracht, wo er vermutlich um das Jahr 60 unserer Zeitrechnung starb.

Diese ersten Informationen erhalten wir nicht aus zeitgenössischen Zeugnissen, sondern aus der Apostelgeschichte des Lukas, die schätzungsweise erst rund zwanzig Jahre nach dem Tod von Paulus verfaßt worden ist. Für jemand, der in Glaubensfragen an möglichst historisch gesicherten Fakten interessiert ist, bedeutet dieser Sachverhalt gewiß eine Enttäuschung. Kann ein Bericht, der obendrein mit einer ausführlichen Beschreibung der leiblichen Himmelfahrt des Rabbi Jesus beginnt, überhaupt den Anspruch erfüllen, eine historisch echte Quelle zu sein? Jede Kritik an einem schriftlichen Dokument muß bei der Urheberschaft beginnen. Das bedeutet im Hinblick auf die Apostelgeschichte: Sie ist weder von Paulus selbst verfaßt, noch vom ihm diktiert, noch von einem Zeitzeugen aufgeschrieben worden, auch nicht teilweise von einem Begleiter des Paulus auf seinen Missionsreisen. Infolgedessen drängen sich zwangsläufig arge Bedenken an der Glaubwürdigkeit der Berichterstattung des Lukas auf. Einige schwerwiegende Zweifel seien genannt: die Bekehrung bei Damaskus, die außergewöhnlichen Geschehnisse, die damals als Wunder bezeichnet wurden: Krankeilheilungen, die Befreiung aus dem Gefängnis durch Engel, die Rettung in der römischen Arena vor der Zerfleischung durch Löwen, das Überleben nach mehrtägiger Schiffbrüchigkeit und anderes mehr. Die Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte als Ganzes wird auch dadurch geschmälert, weil keiner der erwähnten Namen in irgendeiner neutestamentlichen Schrift auftaucht. (Gleiches gilt für die Namen in den paulinischen Briefen!) Auch für das bedeutsamste Geschehen der Apostelgeschichte, die persönliche Ansprache durch Jesus, auf der Paulus seine Christologie aufbaute und der nicht nur die römisch-katholische Kirche Heiligkeit zuspricht, existiert kein Zeuge. Unmittelbar hierzu gehört auch der Zweifel an der Echtheit des Auftrags, die Heiden zu lehren und zu bekehren, der nur eine persönliche Erfindung des Paulus sein kann, da sich Jesus mit diesem Auftrag selbst widersprochen hätte. Es bleibt allein die weltgeschichtlich höchst bedeutsame Tatsache bestehen, daß sich Saulus/Paulus durch eine persönliche Entscheidung vom grausamen Verfolger >jesuanischer Juden-Christen< zum fanatischen Verfechter und Missionar seiner eigenen Christologie umfunktionierte.

Aus der Apostelgeschichte erfahren wir weiter, daß Paulus nach seiner Genesung sogleich nach Jerusalem reiste, um aus Glaubensgründen den Oberhäuptern der dortigen >Gemeinde der Juden-Christen, Petrus und Jakobus, zu begegnen, und es sofort zu heftigen Streitereien kam, die später zum völligen Zerwürfnis führten. Der Grund war das neue Messiasverständnis des Paulus. Er interessierte sich nämlich überhaupt nicht für die (religiöse) Lehre und das Wirken des Rabbi Jesus, sondern einzig und allein für die Kreuzigung und den auferstandenen Jesus als >Messias<.

Die sich über rund zehn Jahre hinziehenden Auseinandersetzungen endeten auf dem >Apostelkonzil< im Jahre 48 mit der Spaltung in >Judenchristen< und >Heidenchristen<. Seitdem predigten Jakobus, ein leiblicher Bruder des Jesus, Petrus und andere den Juden in Palästina weiter den >jesuanischen Messias< und Saulus/Paulus den Juden und Nicht-Juden seinen eigenen >Christus< in der übrigen damals bekannten Welt. Die Anhänger des >paulinischen Christus< nannte man griechisch nunmehr >christianoi<, und so heißen sie noch heute. Im Brief an das kriegerische Bergvolk der Galater lesen wir, daß sich Saulus/Paulus nach dem Empfang seiner >Offenbarung< nicht sogleich nach Jerusalem, sondern für drei Jahre (!) nach Arabien begeben haben soll. Welche Information ist denn nun geschichtlich wahr: die von eigener Hand geschriebene oder von Lukas ungefähr 40 Jahre später an die damalige Weltöffentlichkeit weitergegebene? Welchen Glaubwürdigkeitsgrad, so müssen wir weiter fragen, besitzen die aufgeschriebenen Worte und Taten des ersten christlichen Missionars und >Theologen<, wenn dieser behauptet, er habe seine Ausbildung zum Pharisäer in Jerusalem durch einen der berühmtesten Schriftgelehrten (Gamaliel) erhalten, aber in der gesamten antik-jüdischen Literatur nirgendwo von einem abtrünnigen >Gamaliel-Schüler< die Rede ist?

Ein anderer Zweifel richtet sich gegen die Behauptung in der Apostelgeschichte, Paulus sei autorisiert gewesen, >Judenchristen< zu verhaften. Hierzu sagt der jüdische Religionsphilosoph Pinchas Lapide, Paulus habe kein Recht besessen, die Verfolgung der >Judenchristen< vorzunehmen, zumal Damaskus zu der Zeit nicht der Gerichtsbarkeit der jüdischen Zentralverwaltung, dem sog. Synhedrion, unterlag. Und schließlich ist zu fragen: Warum verschweigt der Schreiber der Apostelgeschichte sämtliche Paulus-Briefe? Kannte er sie nicht? Hat er sie aus einem bestimmten Grund nicht erwähnt? Oder gab es die dreizehn Briefe überhaupt noch gar nicht, stammen sie also von einem anderen Verfasser, der sie erst viel später schrieb?

Anstatt weitere negative Kritik an einzelnen Textstellen der Apostelgeschichte zu üben, sei der evangelische Theologe Hermann Detering zitiert: „Die Apostelgeschichte, gleicht, wie man seit langem in Theologenkreisen weiß, in vieler Beziehung eher einem phantastischen wunderbaren Roman als einer geschichtlichen Darstellung, auch wenn sich ihr Verfasser in dem Vorwort den Anschein des Historikers gibt und den Gepflogenheiten antiker Historiker in seiner Darstellung folgt. Bei der Darstellung von Person und Werk des Apostels gehen Irdisches und Himmlisches, Geschichtliches und Legendäres darin wunderbar und ununterscheidbar durcheinander.“

Vergleicht man die Apostelgeschichte mit den paulinischen Briefen, so ist unübersehbar, daß in der Wortwahl, der Begrifflichkeit, dem Stil, der Ausdrucksweise und den theologischen Aussagen ganz erhebliche Abweichungen bestehen. Vor allem aufgrund der zahlreichen Widersprüche inhaltlicher Art entsteht der Eindruck, als handele es sich um zwei verschiedene Paulusse. Der an Objektivität interessierte Leser der Briefe jedenfalls nimmt mit Verwunderung zur Kenntnis, wie sich der Autor mitunter einer überheblichen Selbstdarstellung bedient, die ebenso wenig ins Bild paßt, wie er sich phantastischer Taten rühmt, seine Lebensweise ohne die übliche christliche Demut< zur Nachahmung empfiehlt, einzelne Christen-Gemeinden in übelster Weise beschimpft, theologisch stark voneinander abweichende Thesen aufstellt und sogar behauptet, er sei in der römischen Arena der Zerfleischung durch Löwen entkommen. Darüber hinaus fragt sich nicht nur der zweifelnde Christ, wie es denn um die Echtheit des berühmten Römerbriefes steht, wenn sein Verfasser kurz vor seinem Romaufenthalt einen der längsten Briefe der gesamten antiken Literatur schreibt, obwohl er bald Gelegenheit haben wird, in Rom der >Christengemeinde< persönlich zu begegnen, und er diesen Brief sogar mit einem Rückblick auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 schreibt, nachdem er selbst doch bereits seit zehn Jahren tot ist! Auch sei gefragt: Wie paßt in diesen zeitlichen Rahmen die Verbannung der Juden und >Christen< aus Rom im Jahre 49 durch den Kaiser Claudius?

Schließlich sei die Frage gestellt: Warum schweigt die frühchristliche Literatur länger als ein Jahrhundert nicht nur über den paulinischen Anspruch auf göttliche Autorität, sondern auch über seine gesamte apostolische Tätigkeit? Selbst bei berühmten antiken Autoren wie Plutarch (gest. 120), Pausanias (gest. um 190), Aulus Gellius (gest. um 170) und Lukian (gest. 180) findet sich kein Wort über den >Völkerapostel Saulus/Paulus<. Des Rätsels Lösung lautet: Sämtliche dreizehn Briefe sind Fälschungen und erst in der Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts formuliert worden. Das ist nunmehr eine nachgewiesene geschichtliche Wahrheit. Dem schon genannten Theologen Hermann Detering kommt das Verdienst zu, mit seiner Schrift Der gefälschte Paulus eine nicht zu widerlegende Dokumentation erarbeitet zu haben. Mit überzeugender Logik und wissenschaftlicher Genauigkeit weist er nach, daß derselbe Marcion, den die >römisch-katholische Christengemeinde< im Jahre 144 exkommunizierte und der danach eine eigene Kirche gründete, die bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert vor allem im östlichen Mittelmeerraum Bestand hatte, mit (an) Sicherheit (grenzender Wahrscheinlichkeit) der Verfasser der angeblich von Saulus/Paulus geschriebenen Briefe ist. Die Entlarvung der Paulus-Briefe als Fälschung hat insofern eine weitere Bedeutung, weil mit ihr das allerletzte >Heilige Dokument der 27 neutestamentlichen Einzelschriften den Anspruch auf direkte oder indirekte apostolische Verfasserschaft verliert. Handelt es sich doch um dieselbe apostolische Verfasserschaft, die ursprünglich die Voraussetzung für die Aufnahme in den Schriftenkanon des NT bildete.

Ein Christentum ohne eigene Identität

Wegen der zahlreichen unaufhebbaren Widersprüche zwischen dem Neuen Testament bzw. der >christlichen Bibel< und der hebräischen Bibel besteht eine unüberbrückbare Kluft, deren formale Überwindung ebenso wenig durch ideologisch-dialektisches Argumentieren beseitigt werden kann wie die inhaltliche Unvereinbarkeit von >Jahwe< und >seinem eingeborenen Sohn< Joshua bar Joseph, genannt >Jesus der Christus<: hier der grausame jüdische >Gott Jahwe<, dort die unjüdische >Christusinkarnation<! Zwar war Erlösung der zentrale jüdische Begriff der damaligen Zeit, aber kein rechtgläubiger Jude dachte im Entferntesten an die unjüdische Erkenntnis, >Jahwe< würde für ihn seinen einzigen Sohn als Verbrecher ans Kreuz schlagen lassen. Auch die Behauptung, das AT sei eine Art Vorstufe des Christentums, ist schlichtweg falsch. Denn >was christlich ist, kann man aus dem AT nicht ersehen<, sagt z.B. auch der anerkannte Erforscher des frühen Christentums A. von Harnack. Darüber hinaus besteht eine zweite unüberbrückbare Kluft, nämlich die zwischen dem Jesus des Evangeliums und dem Christus, den die Kirche verkündet. Diese religiös-spirituelle Kluft beschreibt Johannes Lehmann wie folgt: „Wenn Kirche und Theologie wirklich den historischen Jesus meinten, dann müßten sie mehr von Gott und weniger von Rabbi J. reden. Statt dessen >verkünden< sie einen verdunkelten und verzerrten, durch Geschichte und Tradition entstandenen >Christus<, in dem sich Rabbi J., wenn überhaupt, nur mit Erstaunen oder mit Entsetzen wiedererkennen würde. Sie sprechen vom Erlöser und vom Auferstandenen; sie nennen ihn Sohn Gottes, der unsere Sünden trägt; den Vermittler, Versöhner und Herrn; sie bekennen noch heute im Glaubensbekenntnis, er sei von einer Junofrau geboren und in den Himmel aufgefahren, sitzend zur Rechten Gottes – und nicht bei einem einzigen Wort würde Rabbi J. sich wiedererkennen und sagen: Ja, das bin ich.“

Die Vermutung, die Evangelisten hätten den Rabbi Joshua von Geburt an zu einer übernatürlichen Person in der paradoxen Doppelfunktion als >Jüdischen Messias< und als >unjüdischen, griechischen Christos< hochstilisiert, erfährt eine moderne Bestätigung, wenn in der >Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift< aus dem Jahre 1980 das berühmte Wort: >Dieses ist das Blut des Neuen Bundes<, (Matth. 26,28) verkürzt wiedergegeben wird mit >Dieses ist das Blut des Bundes<. Die Übersetzungskommission, die sich aus Theologen und Sprachwissenschaftlern unter der geistlichen Supervision von Bischöfen (griech.: Aufseher) beider Kirchen bzw. Konfessionen zusammensetzte, berief sich bei ihrer Übertragung – dieser Textstelle – des >Neuen Testaments< offensichtlich auf die hebräische Bibel (2. Buch Moses, 24,8), wo es heißt: „Da nahm Moses“ (nach einem Brandopfer) „das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der Herr mit euch macht über allen diesen Worten.“

Zweifellos sprach Jesus mit seinen >12 Jüngern< hebräisch bzw. aramäisch und nicht griechisch, die Ursprache der Evangelien. Wie so häufig steht manvor einem unlösbaren Problem. Bei den drei Evangelisten Matthäus, Lukas und Markus ist nämlich gemäß der >Interlinearen Übersetzung< wörtlich übereinstimmend die Rede von >aima mou tes diathexes<, das heißt auf deutsch >mein Blut< – bzw. >Blut mein< – >des Bundes<. Die Wiedergabe der vielleicht wichtigsten jesuanischen Aussage ohne >mein< kann nur eine gezielte Verfälschung sein und läßt aus diesem Grund keine andere Interpretation zu als die, daß Jesus als Christus [!] anläßlich der Stiftung des >Abendmahles< im nachhinein ein Gedanke unterstellt wird, den er nicht gedacht und auch nicht ausgesprochen hat, sondern den der Religionsstifter Moses vor (damals) ca. 1200 Jahren in Worte gekleidet haben soll. Die Kirche selbst ist es also, die ihren >Christus< zu einer Art Erfüllungsgehilfen des Moses degradiert und ihn damit verrät. Deutlicher kann die auch heute noch offenbar gewollte (religiöse) Bindung des >Neuen Testamente an das >Mosaische Gesetz< wohl kaum zum Ausdruck gebracht werden. Oder mißtrauen etwa alle für die Übersetzung verantwortlichen Bischöfe der Berichterstattung der drei synoptischen Evangelien?

Vom religiösen Glauben zur politischen Macht

Der durchaus lange Zeitraum von 300 Jahren, das heißt von der Kreuzigung des Rabbi Jesus bis zum Konzil in Nicäa des Jahres 325, der für die Konstruktion eines dogmatischen Glaubensbekenntnisses benötigt wurde, spricht nicht nur allein für die heftigen theologischen Auseinandersetzungen, ja: Streitereien, innerhalb der >Christensekte<; und die geistigen Kämpfe hätten ganz gewiß noch länger angedauert, wenn nicht der Kaiser Konstantin der Verfälschung des >Urchristentums< – bildlich gesprochen – die Krone aufgesetzt hätte, um auf diese Weise die >Christensekte< in den Rang einer Staatsreligion zu erheben.

Wie konnte es zu dieser weltgeschichtlich einmaligen Verbindung, ja: Kopplung, von Staat und >Religion< kommen, so daß die Geschichtswissenschaftler, und nicht nur diese, über Jahrhunderte gezwungen waren, von einem Staatschristentum statt von einem christlichen Staat bzw., nach der Auflösung des römischen Weltreichs, jeweils von christlich geprägten Staaten zu sprechen? Die historisch verbürgte und daher glaubwürdige Antwort auf diese Frage lautet: Die Bevölkerung des damaligen römischen Weltreichs betrug um 300 nach unserer Zeitrechnung schätzungsweise 50 Millionen Menschen, von denen höchstens 15 Millionen, also knapp 30%, >Christen< waren. Diese >Christen< waren über den gesamten Mittelmeerraum und somit über viele Länder verstreut. Sie bildeten zwar eine Minderheit ohne Führung und Einfluß und wurden wegen ihrer Rituale teilweise vom Staat bekämpft, bildeten aber andererseits – modern politisch gesprochen – ein großes Wählerpotential. Der Kaiser Konstantin war ein grausamer Staatsmann und ein ebenso rücksichtsloser Eroberer, der sich sein Weltreich in vielen Kriegszügen erkämpft hatte. Er mußte daher versuchen, dieses Riesenreich zwischen Schottland und >Kleinasien< möglichst von inneren Kämpfen freizuhalten, wenn es nicht verhältnismäßig schnell wieder zerbrechen sollte. Zudem war es unnötig, über ein Viertel der Bevölkerung zum Gegner oder gar zum Feind zu haben und diese Menschen lediglich deshalb zu verfolgen, weil sie die göttlichen Staatssymbole nicht anerkennen wollten. Es ist ein Brief des Kaisers an einen gewissen Anullinus erhalten, in dem Konstantin bekennt, was ihn zu der Tolerierung der >Christensekte< veranlaßt hat. Unter anderem heißt es in diesem Brief, „die Mißachtung des christlichen Gottesdienstes habe dem Staat große Gefahr, seine Wiederaufnahme und Pflege hingegen Glück und Segen gebracht.“ Es war demnach der staatsmännische Wille, der Konstantin der Kirche zuführte, nicht die Frömmigkeit des Herzens, so muß die Nachwelt urteilen.

Die im Laufe von drei Jahrhunderten nach und nach sich als Kirche hierarchisch organisierende >Christensekte< stellte inzwischen eine so große Macht dar, daß sie fähig war, unter Umständen des Kaisertum zu stürzen. Darum galt es für Konstantin, sich mit dieser Macht zu verbinden. Aus seiner Sicht konnte das politische Ziel nur die Verstaatlichung des Christentums und nicht die Verchristlichung des Staates sein. Wie war es möglich, daß diejenigen, die eben noch das religiös begründete Martyrium auf sich nahmen, um der Vergottung des Staates im römischen Sinn zu widerstehen, sich nun plötzlich einem Kaiser unterwarfen, den seine Lobredner noch immer mit göttlichen Attributen überschütteten und der sich, während er noch Tempel baute, dreist als Stellvertreter Christi< feiern ließ, so müssen wir mit Johannes Lehmann fragen.

Als der Kaiser Konstantin im Jahre 324 nach kriegerischen Handlungen auch das oströmische Reich beherrschte, war er sofort bemüht, einen folgenschweren Streit in der ägyptischen Stadt Alexandria zu schlichten. Es ging dort um das höchst wichtige Problem, ob das >Christentum< an dem von Moses eingeführten Monotheismus des Judentums, aus dem ja auch Jesus hervorgegangen war, festhalten wollte, oder ob eine >Drei-Götter-Lehre< eingeführt werden sollte; genauer gefragt: War der jüdische Wanderprediger Jesus, der vor 300 Jahren zum >Christus< erklärt wurde, selbst ein Gott oder nicht? Nach den vorhandenen >christlichen< Quellentexten, die von gewissen >Kirchenvätern< willkürlich zu einem Kanon zusammengestellt worden waren, ist er es nicht. Saulus/Paulus und die vier Evangelisten nannten ihn den >Sohn Gottes<. Diese Bezeichnung bedeutete jedoch zu jener Zeit nichts anderes, als daß ein Mensch ein besonderes Verhältnis zu >Gott< hatte. Jesus selbst jedenfalls bezeichnete sich niemals als Gott. Es wäre ohnehin die schlimmste Lästerung gewesen, denn für die Juden gab und gibt es nur den einen Gott mit den verschiedenen Namen Jahwe, Jehova, Adonai und El Shaddai u.a., den der sterbende Jesus am Kreuz vertraulich mit >Abba< (Papa) angesprochen haben soll. Selbst dann, wenn wir eins der angeblichen letzten Worte des sterbenden Jesus für wahr halten, wie sie von den biblischen Evangelisten, ohne selbst Ohrenzeugen gewesen zu sein, nach bestem Wissen und Gewissen (?) überliefert werden, läßt sich aus ihnen keine Gottessohnschaft im Sinne einer Wesensgleichheit herleiten. Als Nachweis hierfür mögen die entsprechenden Zitate dienen:

Johannes-Evangelium 19,30: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und neigte sein Haupt und verschied!“ Lukas-Evangelium 23,46: „Und Jesus rief laut und sprach: ‚Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände’. Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ Matthäus-Evangelium 27,46 und Markus-Evangelium 15,34: „Um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?’“

Der Gedanke der Trinität, das heißt die >göttliche Dreieinigkeit Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist<, ist nicht jüdisch-christlichen Ursprungs, sondern wir finden ihn geschichtlich nachweisbar schon Jahrhunderte früher. Beispielsweise kennen die indischen >Religionen< einen >Dreieinigen Gott<, die Griechen das Prinzip der heiligen Dreizahl unter ihren Göttern; Martial, ein römischer Dichter um 38-102 nach unserer Zeitrechnung, nannte den Hermes Trismegistos – den dreimal großen Hermes – denjenigen, der >allein ganz und dreimal einer< war; der Dionysoskult kannte die Dreiheit von Zagreus, Phanes und Dionysos, und im damaligen Italien wurden Jupiter, Juno und Minerva als Einheit gesehen, und so weiter. Origenes, der bedeutendste christliche Theologe der ersten drei Jahrhunderte, hatte noch gelehrt, daß Jesus Christus nicht mächtiger sei als der Vater, sondern geringer an Macht: „Wir lehren dies, indem wir seinen eigenen Worten glauben, wo er sagt: ‚Der Vater, der mich gesandt hat, ist größer als ich.’“ (Job. 14,28)

In Nicäa kam es im Jahre 325 zu der größten Versammlung, die das >Christentum< bzw. die >Christensekte< bis zu diesem Zeitpunkt gekannt hatte. Über 300 Bischöfe waren von den rund 1000 aus dem Riesenreich auf Einladung des Kaisers zusammengekommen. Eusebius von Cäsarea (um 265-339) verfaßte nicht nur die erste Kirchengeschichte dieses >Christentums< und eine Biographie des Kaisers Konstantin, sondern auch ein (Verlaufs-)Protokoll des Konzils. (Heute spricht man in Kirchenkreisen von Bischofskonferenzen und Synoden.) Aus dem Protokoll erfahren wir unter anderem, daß der Kaiser im byzantinischen Pomp erschien, und daß die bezahlten (!) Lobredner seinen Auftritt mit den Worten überliefern: „Wie ein Engel Gottes strahlte er in der feurigen Glut des Purpurs und dem Glanz von Gold und kostbaren Steinen. Alle seine Begleiter überragte er an Größe, Schönheit und Würde (…) Er schritt bis zur vordersten Reihe der Plätze, wo mitten in der Versammlung ein Goldsessel für ihn bereitgestellt war (…) Konstantin hielt eine Rede und mahnte zu Frieden und Eintracht.“Seine Methode, Frieden zu stiften, war einfach. Beschwerde- und Streitschriften ließ er ungeöffnet verbrennen, damit keinem Menschen der Streit der Priester bekannt wurde. Auch sonst griff der Kaiser ständig in die Verhandlungen ein, obwohl er gar nicht den Vorsitz führte. Der Hauptstreit ging um einen einzigen Buchstaben, um ein >i<. Der schon erwähnte Eusebius von Cäsarea hatte gerade dem Konzil das Taufbekenntnis seiner Gemeinde vorgelesen, in dem unter anderem Christus als der >Erstgeborene< und >Einziggeborene< bezeichnet wird, der vor aller Zeit vom Vater >gezeugt< worden sei. „Man bekannte einen >Herrn Jesus Christus<, das Wort Gottes, Gott aus Gott, Licht aus Licht, Leben aus Leben, den einzig geborenen Sohn, den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung, vom Vater gezeugt, vor allen Äonen geboren …“ Auf diese Formulierungen hatten sich die anwesenden Bischöfe geeinigt. Da griff plötzlich der Kaiser ein und verlangte zur Überraschung der Konzilteilnehmer eine völlig neue Definition. Er hatte dafür ein griechisches Wort, das auf dem Konzil noch nicht gefallen war: >homousios< (wesenseins). Es bedeutet hier, daß Rabbi Jesus als >Christus< wesenseins mit Gott sei, also selbst ein Gott. Aber genau das bestritten die Anhänger des Presbyters (griech. urchristlicher Gemeindeältester) Arius aus Alexandria. Für Arius war der Rabbi Jesus nur das vornehmste aller Geschöpfe, >homoiusios<, das heißt als Geschöpf nur gottähnlich. Von einem >i< hing es also ab, ob das >Christentum< in der Gestalt der künftigen >alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche< an den Aussagen des Apostels Saulus/Paulus und der vier (Standard-)Evangelisten Matthäus, Lukas, Markus und Johannes über das Menschsein des jüdischen >Messias< festhalten wollte, oder ob >man< den Prozeß der Verfälschung durch eine Art Schiedsspruch, einen Menschen zu einem Gott zu erklären, auf die Spitze treiben wollte; anders gesagt: Von diesem >i< hing es ab, ob sich die künftige >alleinseligmachende römisch-katholische Kirche< von dem einen Gott (Jahwe), an den offenbar auch der Rabbi Jesus geglaubt hatte, d.h. also vom Judentum trennen würde oder nicht. Das Konzil von Nicäa entschied so, wie es der Kaiser Konstantin verlangte: Es machte 300 Jahre nach der Kreuzigung des Rabbi Jesus aus einem Wanderprediger einen Gott, der >homousios<, wesensgleich, mit Gott war. Am 19. Juni 325, vier Wochen nach Beginn des Konzils, mußten alle anwesenden Bischöfe auf Anordnung des Kaisers Konstantin unterschreiben. Ergänzend dazu ist bei Johannes Lehmann zu lesen, daß der Kaiser Konstantin nach dem Konzil an die Gemeinde in Alexandria einen Brief schrieb, in dem es unter anderem heißt: „Die Übereinstimmung der 300 Bischöfe ist nichts anderes als das Urteil Gottes“; aber es war eben ein vom Kaiser manipuliertes >Urteil Gottes<: Von den 1000 Bischöfen seines Reiches hatte er überhaupt nur 300 eingeladen; vermutlich diejenigen, die am wenigsten Widerstand leisten würden. Es >ergab< sich, daß sie fast alle aus dem eben eroberten Ostreich stammten und Orientalen waren. Aus ganz Westeuropa waren nur sieben Bischöfe gekommen. Der amtierende Papst mit Namen Sylvester war gar nicht selbst in Nicäa erschienen, sondern hatte aus Rom lediglich zwei Vertreter geschickt. Nach dieser Pseudoabstimmung war der Weg endgültig frei für eine scheinbar unanfechtbare Formulierung des Glaubensbekenntnisses, in dem interessanterweise die Jungfrauengeburt< nicht erwähnt wird, was wohl in späteren Zusätzen ebenso korrigiert wurde wie der fehlende Hinweis auf die Kreuzigung unter Pontius Pilatus, die man dem Kaiser zuliebe oder auf sein Drängen hin weggelassen hatte, denn sonst wäre die Schuld am Tod Jesu eindeutig zu Lasten eben jener Römer gegangen, deren Kaiser Konstantin war.

Die Schafe verfolgen die Wölfe

„Die Tatsache, daß die Christen im römischen Reich teilweise verfolgt wurden, darf nicht zu der Annahme verleiten, die >Alte Welt< sei gegenüber jeglicher Religionsausübung intolerant gewesen“, schreibt der Schweizer Theologe Robert Kehl. Das Gegenteil war nämlich der Fall. Sowohl die Griechen als auch die Römer waren sehr viel toleranter als die Christen. Das lag vor allem an der Verehrungspraxis ihrer eigenen Götter, einem Polytheismus (griech. poly: mehr; theos: Gott). Der tiefere Hintergrund dieser toleranten Haltung der Römer – wie immer, wenn sie denn bei einem Volk üblich ist – gegenüber jeder Religion bildete die Tradition des Althergebrachten. So waren die Römer beispielsweise ursprünglich der Ansicht, der römische Bürger dürfe nur seine eigenen, das heißt die Götter Roms verehren, was andererseits natürlicherweise einschloß, daß andere >Staaten< und >Städte< andere Götter hatten. Denn jeder Mensch sollte die Götter seiner Heimat verehren, weil das Gemeinwesen nur dann stark und gesegnet sein könne. Dieser Glaube stand natürlich in krassem Widerspruch zum Judentum und somit auch zur >Christensekte<. Ein weiterer Vorbehalt der Römer gegenüber der >Christensekte< bestand in der Furcht, die Götter des Vaterlandes könnten sich rächen, wenn ihnen nicht in Form des traditionellen Kultes die schuldige Ehre zuteil würde. Außerdem befürchteten die Römer, dem Staat könnten aus neuen religiösen Kulten gewisse Gefahren erwachsen; denn die Verachtung der römischen Götter bedeutete in der damaligen Zeit zugleich die Verachtung des Staates. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß der sich über 200 Jahre hinziehende römisch-jüdische Krieg erst mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 durch Titus endete, und die >Christensekte<, zunächst nur aus Juden bestehend, sich nach und nach immer mehr unter den NichtJuden verbreitete. Weil die Juden außer ihrem eigenen Gott >Jahwe< alle anderen Götter für bloße Chimären (Ungeheuer der griechischen Sage) oder böse Dämonen hielten, wurde der römische Staat in seinem Lebensnerv getroffen und reagierte dementsprechend: Es begann der erste Religionskrieg der Weltgeschichte.

In der antiken Welt hatten die vielen Religionen in ausgesprochener Harmonie zusammengelebt, und erst das >Christentum<, eine (vermeintliche) Religion der Nächsten- und Feindesliebe [!], hat diese Harmonie zerstört und statt dessen den religiösen Unfrieden gebracht, der in der Antike so gut wie unbekannt war. Mitentscheidend für den jahrhundertelangen religiösen Frieden war die Tatsache gewesen, daß die innerhalb des römischen Weltreichs praktizierten Religionen und Kulte keine Dogmen, also keine verbindlichen, unwiderruflichen Lehren, kannten. Der zerstörende Charakter der >Christensekte< sowohl gegen den römischen Staat als solchen, als auch gegen die griechisch-römische Kultur insgesamt bestand in ihrem Absolutheitsanspruch, und das nicht nur in Glaubensfragen. Trotzdem ließen die römischen Kaiser die >Christen< immerhin 250 Jahre lang gewähren, und manche Kaiser hatten sie sogar geschützt. Bei dem schon zitierten R. Kehl lesen wir im Zusammenhang mit der von den Christen so beklagten, angeblich grausamen Verfolgung: „Zu dem historischen Begriff gehört nämlich, daß es sich bei dem bezüglichen Vorgehen entweder um eine Bestrafung der Christen für ihr Christsein oder für die Praktizierung und Propagierung ihrer religiösen Grundsätze, oder eine Maßnahme zur Niederschlagung oder wenigstens zur Eindämmung des Christentums handelte. Weder das eine noch das andere traf hier zu. „ Es ist weiter anzumerken, daß es mit zur Verfälschung der Geschichte des >frühen Christentums< (gemeint ist die Zeit bis zum nicäischen Konzil) gehört, die heidnisch-römischen Kaiser wären mehr oder weniger von Haß erfüllte Scheusale gewesen. In Wirklichkeit war ein großer Teil der Kaiser den Christen gegenüber freundlich gesinnt. Die meisten von ihnen waren sogar eher ihre Beschützer als ihre Verfolger. Mit der Erhebung der Glaubensinhalte der >Christensekte< zur römischen Staatsreligion war ein erster heimlicher Machtanspruch verwirklicht worden, denn das soeben formulierte Glaubensbekenntnis erhielt noch einen Zusatz im Sinn einer Strafandrohung. Dieser Zusatz lautete: „Die aber, welche sagen: ‚Es gab eine Zeit, da er nicht war’, und: ‚Bevor er erzeugt wurde, war er nicht’, und: ‚Aus Nichtseiendem wurde er geschaffen’, und die behaupten, entweder aus einer anderen Wesenheit oder geschaffen oder wandelbar oder veränderlich sei der Sohn Gottes – die verdammt die Katholische Kirche.“ Die Entscheidung, die Lehre von der Dreieinigkeit mit in das Glaubensbekenntnis aufzunehmen, kam ja nicht von ungefähr, sondern war eine Folge theologischen Denkens im Sinn einer absichtlichen, nicht unmittelbar überprüfbaren Konstruktion und ist vor allem, nicht aus den sog. >neutestamentlichen< Schriften ableitbar. Mit Nachdruck muß deshalb betont werden, daß mit der Dogmatisierung des Rabbi Jesus zum >Christus einmaliger Göttlichkeit< die Theologie begann, sich zu verselbständigen. In der Sprache unserer Zeit ausgedrückt heißt das >Ideologisierung eines religiösen Glaubens<. Die Theologen behaupten zwar auch heute noch, sie orientierten sich ausschließlich an der Bibel, aber sie gehen mit unverrückbaren Vorurteilen an ihre Quellen heran und lesen das heraus, was sie hinein zu lesen wünschen. In Bezug auf die Trinitäts-Formel >Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist< sagt der US-amerikanische Theologe Hugh J. Schonfield, sie „ist eine Verballhornisierung der paulinischen Glaubenslehre“; während es Goethe in dichterischer Form taktvoller ausdrückt: ‚Jesus fühlte rein und dachte nur den einen Gott im Stillen; der ihn selbst zum Gotte machte, kränkte seinen heiligen Willen.“

Schon 16 Jahre nach dem nicäischen Konzil begann die schrecklichste und Jahrhunderte währende Zeit der Heiden- und Ketzerverfolgungen, als Kaiser Konstantin II. mit dem Beinamen >Nostra Mansuetudo< (lat.: Unsere Sanftmut) ein Edikt erließ, das der Väterreligion vollkommen den Garaus machen sollte. Die soeben staatlich anerkannte Religionsfreiheit für die >Christen< schlug um in den Vorsatz, jegliche Konkurrenz auszurotten. Diesem Edikt des Jahres 341 folgte am 27.3.380 ein Gesetz, das die beiden amtierenden Kaiser Gratianus (Weström. Reich) und Theodosius (Ostreich) erließen und das mindestens die gleiche folgenschwere Bedeutung haben sollte wie das Gesetz, das den christlichen Glauben zur Staatsreligion erklärte: „Wir wollen, daß alle Völker, welche die Leitung unserer Gnade lenkt, in der Religion leben, die der göttliche Apostel Petrus, wie die von ihm gewiesene Religion bis jetzt beweist, den Römern überliefert hat. Wir gebieten, daß diejenigen, welche diesem Gesetz folgen, den Namen >Katholische Christen< beanspruchen dürfen, die anderen aber, die wir für unsinnig und verrückt halten, den Schimpf ketzerischen Dogmas trafen, daß ihre Versammlungsorte nicht den Namen von >Kirchen< führen und daß sie zunächst durch die göttliche Strafe, dann aber auch durch die Rache unseres Eintretens, das uns durch den Willen des Himmels übertragen ist, getroffen werden.

Ein weiterer Höhepunkt der Verfolgungen wurde im 6. Jahrhundert erreicht, als der christliche Kaiser sämtliche Heiden für besitz- und rechtlos erklärte, damit sie „aller Habe beraubt dem Elend ausgeliefert sind“. Was danach folgte, ist zur Genüge bekannt: die grausame Ausbreitung des christlichen Glaubens in Mittel- und Nordeuropa, von der Kirche Missionierung genannt, und eine damit verbundene Umwertung aller Werte im Sinn einer Relativierung sämtlicher menschlicher Bewußtseinsinhalte, das heißt, entweder wurden diese für unwichtig erklärt oder aber mindestens in Sinn und Bedeutung umgepolt – Leben und Sterben gehören dem >Herrn<; es gibt nur ein auf >Christus< bezogenes Denken und Handeln; eine Höherentwicklung der individuellen Seele gibt es ebenso wenig wie ein schöpferisches Universum. Die Lebensbejahung wird ins Gegenteil, in die Lebensverneinung verkehrt. Jeder Versuch des Menschen, als ein auf Gemeinschaft angewiesenes Lebewesen sein Leben dennoch eigenständig zu deuten und zu gestalten, wird als sträflich betrachtet, ins >Jenseits< verlagert und ist ausschließlich von der Gnade des >Herrn< abhängig. Gewissen, Freiheit, Liebe, Verantwortung, Treue und Ehre sowie Würde der Lebensgemeinschaften Ehe, Familie und Volk verlieren ihre bisherige existentielle Bedeutung, ja: sind seit dem >Opfertod Christi< null und nichtig. Künste sind nur insoweit zugelassen, als sie der Verherrlichung Gottes (Jahwe) dienen. Naturwissenschaften und Philosophie sind außerhalb kirchenchristlichen Denkens unzulässig. Überhaupt ist alles Denken verboten, sofern es nicht im >christlichen Geist< geschieht: Und was >christlich< ist, bestimmt die Kirche. Folglich ist dem französischen Soziologen Albert Bayet vorbehaltlos zuzustimmen, wenn er urteilt: „Was im Grunde mit der Kirche des 4. Jahrhunderts siegte, das ist weder die Vorstellung eines gerechten und guten Gottes noch der Erlösungsgedanke, denn alle diese Vorstellungen fanden sich auch in anderen Religionen; es ist die Intoleranz, die die Rechte des Geistes den Rechten des Schwertes unterwirft. Diese beiden Prinzipien belasten auch noch unsere Zeit aufs schwerste.“

Das Wesen dieses Christentums charakterisierte schon 200 Jahre früher Friedrich der Grosse, auch der >Alte Fritz< genannt, ohne die Kenntnis der Ergebnisse der Bibelforschung des 19. und 20. Jahrhunderts, in seinem Testament, das er für seinen königlichen Nachfolger niederschrieb, mit den folgenden Worten: „Das Christentum, ein altes metaphysisches Märchen, voller Wunder, Widersprüche und Widersinn, aus der glühenden Einbildungskraft des Orients entsprungen, hat sich über Europa verbreitet. Schwärmer haben es ins Volk getragen, Ehrgeizige sich zum Schein davon überzeugen lassen, Einfältige es geglaubt, und so hat dieser Glaube das Antlitz der Welt verändert.

Die Christianisierung Nordgermaniens

nordland Die römische Germanen Mission schließt mit der Christianisierung Norwegens und Alt Islands ab. Aber dieses Einzelereignis ist in seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung nur zu verstehen, wenn wir eine Ahnung haben von den großen Ideen, die hinter allem Geschehen am Werke sind; ohne sie hängt ein Teilereignis der Geschichte einfach in der Luft.

Was wir als Geschichte vorgesetzt bekommen, ist ja meist nur vordergründiges Geschehen. Die kleinen Regisseure der papierenen Weltgeschichte sind immer nur emsig bemüht, den Ablauf der geschichtlichen Ereignisse bis ins allzu Menschliche hinein so ausführlich wie möglich nachzumalen. Sie schildern die Geschehnisse um dieser selbst willen, reihen sie aneinander auf wie Perlen auf einer Schnur, wobei aber die Schnur nicht den bekannten roten Faden bildet, der alles Geschehen in eine innere Beziehung zueinander bringt. Diese Schnur hat hier nur chronologische Bedeutung, um wenigstens eine gewisse Ordnung in das scheinbare Chaos der Menschengeschichte zu bringen. Der echte Historiker dagegen sieht immer die wirkenden Kräfte, die gestaltenden Ideen hinter den unzähligen, sinnverwirrenden Ereignissen auf der Bühne des geschichtlichen Lebens. Dort erst entwirrt sich das Knäuel und offenbart uns in großen, abereinfachen Umrissen das ernste Krä ftespiel rasse- und raumgebundener Ideen. So kamen wir zu einer heroischen Geschichtsauffassung, neben der die ästhetischen, idealisierenden, patriotischen und sentimentalen Geschichtsauffassungen nicht bestehen können, die aus nur Vordergrü ndigen Geschichtserlebnissen gewonnen sind, Wie die Menschen Geschichte auffassen, so fassen sie das Leben auf.

Mit der heroischen Lebensauffassung und Geschichtsanschauung betreten wir heimischen, heidnischen Boden, denn das altgermanische Epos verrät uns eine gleiche seelische Haltung unserer vorchristlichen Ahnen. Wir lernen heute wieder die reinere, kühlere Luft des Nordens atmen. Wer aber die Behaglichkeit liebt und das kleine Glück sucht, bleibe im Süden.

Alles geschichtliche Geschehen lässt sich für den nordischen Betrachter und Erlebenden auf den uralten Gegensatz Norden Süden zurückführen. Norden und Süden sind nur zwei gleichnishafte und symbolische Begriffe für zwei gewaltige Geistesmächte, die in der menschlichen Geschichte wirksam geworden sind. Auf der Plattform des jüngeren Geschehens begegnen sie uns als Germanentum im Norden und als Christentum im Süden. (Hier wird Germanentum als eine geistige Idee aufgefasst, die allerdings an ein ihr entsprechendes Menschentum gebunden ist.) Wir haben bis in die späte Geschichte hinein die Tatsache einer ungeheuren Expansion des nordischen Geistes und Blutes anzuerkennen. Überall stoßen wir auf die Spuren derselben: bei allen vorderasiatischen Kulturen, in Indien, Persien und Ägypten, vielleicht sogar in Mittel und Südamerika und Ostasien; vor allem aber in den Kernländern der Antike, in Griechenland und Rom. Wo der Ausgangspunkt dieser Ausdehnung zu suchen ist, wissen wir noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. In historisch klar fassbarer Zeit ist jedenfalls die Nordmeerlandschaft das Kraftfeld der nordischen Rasse, also die Küstenlandschaften um die Nord und die Ostsee herum.

Dieses berauschende Bild von den nordischen Erdballstürmern darf uns aber nicht die dunkle Kehrseite dieser glänzenden Erscheinung übersehen lassen. Vergessen wir nie: überall in der artfremden Landschaft saß die nordische Rasse nicht als Volkstum, sondern nur als Herrenschicht und verfiel als solche unter fremden Zonen und unter fremden Volkstümern. Eine Rasse ist nicht nur an ihr Blut gebunden, sie ist genau so stark dem Raum verhaftet, in dem sie zur Rasse geworden ist. Eine Rasse hat einen natürlichen Standort, den sie nicht ungestraft verlässt. Der südliche Raum hat andere Gesetze als der des Nordens. Dort scheint dem nordischen Menschen eine feindliche Sonne, dort ist der Wind Giftträger für ihn, und der Boden beraubt ihn seiner Kraft oder zwingt ihm die eigenen Gesetze auf, d.h. er muss sein Blut mit den Kindern dieser fremden Erde mischen, wenn er nicht dem Siechtum und Verderben anheim fallen will:

Die fremden Eroberer kommen und gehen
Wir gehorchen, aber wir bleiben bestehen.

So lässt Schiller in seiner „Braut von Messina“den Chorsprechen, der das von einem nordischen Herrengeschlecht unterworfene Volk darstellt.

Aus Naturnotwendigkeit musste eines Tages das Verströmen der überschießenden Kräfte des Nordens nachlassen; der Süden aber, durch die Beimischung nordischen Geistes und Blutes aus seiner natürlichen Trägheit aufgerüttelt, zum Gegenschlag ausholen. Und dieser ist auch nicht ausgeblieben. Im Verein mit dem Klima und einer langsamen, aber desto sicherer sich durchsetzenden Rassenmischung haben Aufstände der unterworfenen Bevölkerung und häufige Kriege die IndogermanenvöIker nach und nach vernichtet und das nordische Erbe aufgezehrt. Der Durchbruch südlicher Sitten und Gottesvorstellungen verschüttete die Erbinstinkte. Auch in den antiken Ländern war bereits alles nordische Denken und Blut zersetzt, als das Christentum in Erscheinung trat und das Chaos vollendete, in das dann die letzten heidnischen Germanenstürme hineinbrandeten. Wir machen uns selten klar, welche Folgen dieser germanische Einbruch in das mittelalterliche Völkerchaos hatte. Die sogenannten germanischen Barbaren haben nämlich gerade das Umgekehrte dessen verbrochen,. was ihnen die Voreingenommenheit und Denkfaulheit zuspricht: sie retteten in diesem Untergang, was noch zu retten war; nicht zuletzt das Christentum. Hauston Chamberlain hat wohl recht, wenn er in seinen ,,Grundlagen des 19. Jahrhunderts“die Meinung äußert, daß es viel besser gewesen wäre, die Goten, Vandalen usw. hätten sich mal in diesem Falle ausnahmsweise barbarisch aufgeführt und alles kurz und klein geschlagen, um dem Gift des mittelmeerischen Völkerchaos die Möglichkeit, weiterhin gesundes Leben zu verderben, endgültig zu nehmen. Es wäre dann wohl nie ein Bonifazius über den Rhein gekommen und keine päpstlichen Machtansprüche hätten deutsche Kaiser zu einer unglückseligen Italienpolitik gezwungen. Aber in ihrer erhaltenden, aufbauenden Wirkung haben sie dem den Norden bedrohenden Geist des Südens die Basis für eine kräftige Erholung geschaffen. In ihrer ganzen Unbekümmertheit haben die Völkerwanderungsgermanen dem Papsttum indirekt in den Sattel geholfen. Mit diesem Papsttum wurde dann das Christentum zu der politischen und geistigen Waffe des Südens.

Sie ist mit viel Berechnung und Klugheit geführt worden und sollte dem Norden zu einem bitterbösen Verhängnis werden. Das Werk der Christianisierung der Germanen konnte jetzt beginnen. Es war ein blutiges Werk, es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte des historischen Christentums. Um jeden Menschen, um jeden Quadratmeter Boden wurde erbittert gerungen. Der Norden unterlag nicht der Tapferkeit des Südens, sondern dessen Schlauheit und Berechnung, den so ganz anderen, von ihm unverstandenen und als ehrlos empfundenen Waffen. Verrat und Verleumdung, entwurzelte Germanen traten als mä chtige Helfer der römischen Bekehrer auf. Nur diesem geschickten und rücksichtslosen Kesseltreiben verdankt Rom seinen ,,Sieg“, der mit der Zurückdrängung der letzten Heiden bis an den Rand des ewigen Eises, bis nach Island und Grönland, endete.

Über dem ganzen Missionsdrama liegt ein ungeheurer Weihrauchdunst, der das wahre Bild verdeckt, Die bisherige Geschichte der Missionierung Germaniens ist in den meisten Fällen eine bewusste Verschleierung der Tatsachen, um nicht gerade zu sagen, eine bewusste Lüge.

Wir machen heute die Beobachtung, daß die römische Germanenmission von protestantischen Theologen und Laien gedeckt wird. Man wird hier an ein böses Wort Paul de Lagardes erinnert, das dem Sinn nach ungefähr folgendermaßen lautet: Der Protestantismus ist Katholizismus minus den Papst. In der periodischen Zeitschrift ,,Berliner Stadtmission“, Heft 12, 1932, ist zu lesen: ,,Es entzieht sich unserer Berechnung, in welchem Maße die Erdbeben und Zeichen am Himmel durch die sittliche Verderbnis der Menschen bedingt sind. Wenn Gott mit Gericht über die Erde geht, trieft sie von Blut, es muss ein schauerliches Morgengrauensein, das den wiederkommenden Jesus begleitet“. Mit solcher Gesinnung muss man ja die ,, schauerlichen“ Begleiterscheinungen bei der Zwangsbekehrung der Heiden ganz in Ordnung finden. Es ist der Geist Jahves gewesen, der bei der blutigen Taufe der Germanen Pate gestanden hat, der gleiche Gott, der den Propheten Samuel zu dem König Saul sagen ließ. als dieser gegen die Amalekiter zu Felde zog: ,,So ziehe nun hin und schlage die Amalekiter und verbanne sie mit allem, was sie haben. Schone ihrer nicht; sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel“ (1. Sam. 15). Wie die Forschungen ergeben haben, haben wir es bei den kanaanitischen Völkern, also den Amalekitern, Amoritern usw. mit Völkern stark nordischen Einschlages zu tun!

Vor 1945 waren viele Heiden erstaunt, wie empfindlich die protestantische Priesterschaft auf den Angriff gegen das Alte Testament reagierte. Das hatte seine sehr verständlichen Gründe, denn ohne das Alte Testament ist die christliche Kirche und Priesterreligion nicht mehr lebensfähig. Der protestantische Theologe Vuikmar Hentrich hat vollkommen recht, wenn er in seinem Buch ,,Völkische Religiosität und Altes Testament“schreibt: ,,Der Kampf gegen das Alte Testament ist keine Bagatelle, sondern Entscheidungskampf“. Das Alte Testament ist vor allem die Grundlage für den christlichen Universalismus und mithin auch für die ,, Heiden“mission. Der Altmeister der evangelischen Missionswissenschaft, Prof. Gustav Warneck, bekennt: ,,Jehova ist von Anfang an der Gott des Himmels und der Erde und der abrahamitische Segen von Anfang an auch für die Volker bestimmt“, und, ,,ist Jehova als der Schöpfer der Herr und Richter der ganzen Welt, so musste auch der Gedanke einbürgern, daß die ganze Erde für ihn in Anspruch genommen werden müsse“. Im Alten Testament liegt der Weltherrschaftsgedanke offen zu Tage. Der Imperialismus und Internationalismus Jehovas ist die Voraussetzung aller späteren Imperialismen und Internationalismen.

Vor allem sind die gewaltsamen und sonstigen zweifelhaften Bekehrungsmethoden, die besonders Germanen zu erleiden hatten, ohne den Geist des Alten Testaments einfach undenkbar. Ohne Gewalt wäre Germanien nie christlich geworden; das Verständnis für diesen Glauben fehlt bis heute. Pastor Wehrmann klagt in seiner Schrift ,,Die Gemeinde das Herz der Völker“über die Unkirchlichkeit des deutschen Nordens, daß das Evangelium dort immer noch etwas Fremdes, Nicht begriffenes sei. Christus wird trotz katholischer Aktion, trotz protestantischer volksmissonarischer Tätigkeit ewig ein nie ganz begriffener Fremder im Norden bleiben. Das liegt nicht an der Verstocktheit und Sündenverstrickung des nordischen Menschen, sondern an seinem Wesen.

Die Christianisierung des Nordens beruht auf der Anwendung von Gewalt, die oft mit der Scheußlichkeit an sich identisch war. Auf Gewalt konnte also Rom beider Christianisierung des Nordens gar nicht verzichten, wollte es seine Ziele erreichen. Diese Gewaltanwendung bestätigen sogar katholische Priester. Wohl am offenherzigsten und dreistesten war der katholische Missionar Erlemann, der bei der Begrüßung des Prinzen Heinrich in Kiautschau sagte: ,,Die Erfahrung hat gelehrt, daß immer nur da, wo die weltlichen Gewalten den Glaubensboten ihren starken Arm liehen, ein durchgreifender Schritt zur Christianisierung eines Volkes hat gemacht werden können“. Das war unzweideutig und deutlich gesagt. Ein anderer katholischer Priester schreibt über die gewalttätige Germanenmission. sie bedauernd: ,,Und der Heiland führt uns in das alte Sachsen; führt uns in das Ur-Preußenland. Sachsen, das durch Kampf und Schwert und Mord und Brand und Gewalt christlich gemacht worden ist. Preußen, das mehr durch geistliche Ritter als ritterliche Geistliche christianisiert worden ist; beide Länder, die erst gründlich vom alten Glauben und dann noch gründlicher von allem Gauben abgefallen sind weil Senfkörnlein und Sauerteig das Christentum dort nicht eingeführt“. Aber ohne Gewaltanwendung wären diese Länder, wie alle nordischen Länder überhaupt, niemals in ihrer Gesamtheit christlich geworden. Das wusste man in Rom und weiß es noch heute!

Das nordischgermanische Beispiel der Christianisierung, ihre Methoden und Wirkungen haben uns die isländischen Sagas treulich überliefert. Sie bestätigen uns vollauf, was wir aus dem sü dlichen Germanien wissen: Gewalt und Sittenverderbnis. Rom und seine Bekehrer werden durch die Sagas schwer belastet. Sie bilden eine einzig große Anklage gegen die sittenzerstörende Wirkung der römischen Germanenmission, obwohl sie denkbar neutral und tendenzlos geschrieben sind; gerade deshalb sind sie das beste Beweismittel für die Tatsache eines germanischen Sittenwandels in abwärtsweisendem Sinne als Folge eines erzwungenen Glaubenswandels.

Der Christianisierung Norwegens voran ging die Zerschlagung des heidnischen Freistaates durch den ersten Norwegerkönig Harald Schönhaar. Bereits das war eine Fernwirkung des von der Kirche so hoch gefeierten Sachsenschlächters Karl von Franken. Sein Nachfolger Hakon der Gute versuchte es dann mit der Christianisierung der Norweger ,,im Guten“. König Hakon hatte schon von Kind an bei König Athelstan in England eine christliche Erziehung genossen. Er meinte es mit seinem Christentum ernst. Viele von der ihn umgebenen Gefolgschaft nahmen das Christentum aus Freundschaft zu dem Könige an, eine Erscheinung, die im ganzen Norden zu finden ist. Aber die Bauern trotzten seinen Bemühungen. Die edle Gesinnung des Königs verhinderte ein gewaltsames Vorgehen, und so ging noch einmal alles gut. Aber gerade dieser Misserfolg König Hakons zeigt mit aller Deutlichkeit, daß ohne Gewalt das Volk als Ganzes nicht für die Lehre aus dem Süden zu gewinnen war. Nach seinem Tode in der Schlacht bei Fitje trauerten Feind und Freund. Den Bauern hatte er ihren von Harald Schönhaar geraubten Besitz wieder zurück gegeben und die germanische Glaubensfreiheit unangetastet gelassen, Das war unter dem nächsten König gründlich vorbei. Olaf Tryggvason gehört in die vorderste Reihe der rücksichtslosesten Bekehrer. Wie sein Bekehrungszug vor sich ging, soll uns Snorris Königsbuchselbst erzählen:

Von den südlichen Gauen Norwegens ging dieser seltsamschaurige Zug nordwärts. ,,Der König“, so berichtet das Königsbuch, ,,zog in den Norden von Vik und forderte alle Mannen auf, Christen zu werden, über die aber, die Widersprachen, verhängte er harte Strafen. Einige ließ er töten, andere verstümmeln, noch andere jagte er fort außer Landes.“Aus Hardanger heißt es: ,,Der König zog nordwä rts nach Agde, und wo er ein Thing mit den Bauern abhielt, verlangte er von allen Mannen, daß sie sich taufen ließen. Überall wurde das Volk christlich, denn nirgends wagten die Bauern einen Aufstand gegen den König“. Auf einem Thing der vier Gaue Sogn, Fjordgau, Südmöre und Romsdalen zwingt auch nur das große Heer des Königs und die mangelhafte Bewaffnung der Bauern diese zum Nachgeben. „Am Ende der Rede stellte der König die Bauern vor die Wahl, entweder das Christentum annehmen und sich taufen zu lassen oder andernfalls sich zum Kampf gegen ihn bereit zu halten.“Bei den Drontheimer Bauern verliefen aber die Dinge nicht so glatt, da sie durch die bisherigen Vorfälle gewarnt waren und in voller Waffenrüstung auf dem Thing erschienen. Erst als der König durch eine List den Anführer der Bauern von den Seinigen abzutrennen wusste und ihn umbringen ließ, ergaben sich die führerlos gewordenen Bauern. So sieht in dem Nüchternen Bericht Snorris die ,,friedliche“ Bekehrung der Norweger aus. Mit der Bekehrung der Germanen feierte auch oft die Grausamkeit ihre besonderen Triumphe. Das war in Norwegen nicht anders als in Deutschland. Wie die Opfer der Inquisition ,,Hexen“ waren, so waren die hingerichteten Heiden im Norden natürlich immer,,Zauberer“, die Leben und Gesundheit der braven Christenmenschen bedrohten. So war auch Eyvind Quelle, der sich der Bekehrung widersetzte, ein solcher ,,Zauberer“. Er hatte das Pech, zum zweiten Male dem König in die Hände zu fallen, nachdem er bei einem Mordbrand gegen ihn noch mal entwischt war. letzt lieg ihn der König mit sämtlichen seiner Begleiter auf eine Schäre bringen, die bei Flut unter Wasser stand. Festgebunden, mussten sie so den langsamen Wassertod erleiden. Ü berhaupt, im Aussinnen von Strafen waren die Bekehrer, die Sendboten des Heilands, unübertrefflich. Wie angesichts solcher Tatsachen noch ein Mitarbeiter an der Herausgabe der Sammlung ,,Thule“ (Walter Baetke)behaupten kann: ,,Es ist ja Geschichtliche Tatsache und lässt sich durch keinen noch so gehässigen Ausfall gegen das , Verbrechen der Christianisierung‘ aus der Welt schaffen, dass sich die Bekehrung der Germanen im allgemeinen freiwilligvollzogen hat; das gilt nicht nur für die Südgermanen, sondern auch für den germanischen Norden“, ist einfach unverständlich. Kann Voreingenommenheit einen Menschen so blind machen? Frühkindliche Prä gung dürfte am ehesten Erklärung für diese Verdrängung unangenehmer Wahrheiten sein.

Wie Olaf Tryggvason die Christianisierung des Nordens begonnen hatte, so vollendete sie Olaf der Heilige. Wo die Kirche einen germanischen König in den Heiligenstand erhebt, da war dessen Leben alles andere als für den Norden heilbringend. Diese Vermutung wird auch bei dem heiligen Olaf vollauf durch das Königsbuch des Snorri bestätigt. Über seine verdienstvolle Tätigkeit für die Kirche lesen wir dort: ,,Der König forschte genau nach der Art, wie sie den Christenglauben hielten. Wo er aber die Ansicht gewann, daß sie ihn noch nicht richtig übten, da lehrte er sie den richtigen Glauben. Waren aber welche, die vom Heidentum nicht lassen wollten, dann belegte er sie mitschweren Strafen. Er trieb einige außer Landes, andere ließ er an Händen und Füßen verstümmeln oder ihnen die Augen ausstechen, wieder andere ließ er hängen oder niederhauen. Keinen aber ließ er ungestraft gehen, der nicht an Gott glauben wollte. “ . . . ,,So durchzog er alle Gaue. “ . . , ,,Er verfuhr dabei immer in gleicher Weise und brachte alles Volk zum richtigen Glauben und verhängte schwere Strafen über die, die auf seine Worte nicht hören wollten.“Wahrhaftig, ein rechterschaffener Diener Jehovas und seiner Kirche. Er hatte erreicht, was der Wunsch und das Gebet der Kirche war, wenn die Saga folgendes abschließendes Urteil über diesen allerchristlichen König des germanischen Nordens fällt: ,,So wenig blieb unter ihm den Mannen die Freiheit des eigenen Handelns, daß nicht einmal ein jeder an die Götter glauben durfte, die er wollte.“Was dem Norden etwas völlig Unverständliches war, galt im Süden als das Selbstverständlichste.

olaf_tryggvason Wie Norwegens Christianisierung ein klassisches Zeugnis für den gewalttätigen, oft grausamen Charakter derselben ist, so ist Altisland das treffliche Beispiel für den Sittenverfall nach der Bekehrung. Um die Jahrtausendwende wird Island unter dem Druck der Drohungen des norwegischen Königs durch All-Things- Beschluss ,,christlich“. Aus derselben Zeit erzählt Ranke in seiner Weltgeschichte die fürchterlichsten Dinge über die sittliche Verwahrlosung in der ewigen Stadt. Klerus und Laientum sind in der ganzen abendländischen Christenheit schon so verwildert, daß man zu jener Zeit allgemein den Glauben an einen bevorstehenden Weltuntergang findet. In diesen Strudel der sittlichen Verwilderung sollte nun auch Island geraten und das heidnische Heldenzeitalter rasch beenden. Langsam vollzog sich dieser Prozess denn der Thingbeschluss war ein Kompromiss, das den christlichen Anhängern ein öffentliches Betätigungsrecht gab, dem Heidentum ein heimliches zugestand, und einen selbstherrlichen König gab es in dem Freistaat nicht. Dadurch und durch die Eigengesetzlichkeit eines gut fundierten Staatswesens und einer uralten bewä hrten Sitte waren Island nach der ,,Bekehrung“ noch zwei Jahrhunderte verhältnismä ßig friedlicher und glücklicher Zeiten beschert. Dann aber ging es sturzartig bergab. In der heimlichen und unwahrhaftigen Atmosphäre, die nach der Annahme des Kompromisses mit dem Christentum herrschte, gedieh der Mensch aus einem Guss mit seiner Leib Seele Einheit, wovon Islands Heldenzeitalter uns so wundervolle Beispiele als letzten Gruß des gemordeten und geschändeten Heidentums bietet, immer schlechter. Diese Gattung starb aus.

Die Menschen auf Island waren jetzt vor eine neue Aufgabe gestellt. Sie sollten eine fremde Lehre, eine fremde Sitte mit ihrer eingeborenen Art vereinbaren. Das war ein Ding der Unmöglichkeit, und so verloren diese Menschen nicht nur den alten Glauben und das alte Sittengefühl, sondern jeglichen Glauben und jegliches Sittengefühl. Der Wurm nagte unaufhaltsam an dem Gebälk, die Schlusskatastrophe war nur eine Frage der Zeit. Sie kam mit dem kraftvollen , aber sittlich entwurzelten, der Glaubensheimat verlustig gegangenen Sturlungengeschlecht. Der Bürgerkrieg in seiner schlimmsten Form war da und stieß die einst blühende Insel für Jahrhunderte ins Elend und in die völlige Bedeutungslosigkeit. Die Ironie des Schicksals wollte, daß der schon erwähnte Walter Baetke die Herausgabe und Übersetzung desjenigen Thulebandes vornehmen sollte, der den Untergang Islands zum Gegenstand der Schilderung hat. Unter dem Eindruck des Studiums dieser erschü tternden Katastrophe eines hochstehenden Staatswesens und Volkstums findet Baetke in der Einleitung zur Sturlungengeschichte nachstehende Worte:

,,In der Geschichte der Sturlungenzeit treten Züge von berechnender und kaltblütiger Grausamkeit in abstoßender Weise hervor.“
,,Die alte Zeit kennt nur das Vig, den Totschlag des Gegners im Kampf oder Überfall, Jetzt verläuft kaum ein Fehdezug ohne das langsame Nachspiel der Hinschlachtung der gefangenen Feinde; die Rache, früher ein heroisches Mittel zur Wiederherstellung der Mannes- oder Sippenehre, wird jetzt langsam im Blut des Gegners gekühlt . Auch die Verstümmelung, besonders das Abhauen von Händen und Füßen, ist eine beliebte Form der Rache und beweist ebenso wie die häufigen Raubzüge und Brandschatzungen den Niedergang der alten Kriegerethik.“
,,In den Beziehungen der Geschlechter herrscht eine Zü gellosigkeit, die nach der vorbildlichen Zucht und Sittenreinheit, die uns die Sagas zeigen (aus der heidnischen Zeit), fast unbegreiflich erscheinen.“
,,Die Achtung vor der Ehe, die in der heidnischen Zeit kaum einmal verletzt wird, ist völlig geschwunden. Das Konkubinat herrscht unter Laien und Geistlichen. “
,,Auch die Geistlichkeit macht, wie eben angedeutet, von dieser Allgemeinen Verkommenheit keine Ausnahme; ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran und trägt an der allgemeinen Verwilderung ein gerütteltes Maß von Schuld.“Und nun noch ein weiteres sehr wertvolles Geständnis desselben Mannes, der das Märchen von der friedlichen Germanenmission verteidigt und an das Vorbestimmtsein der Germanen für das Christentum als einen weisen Ratschluss Gottes glaubt. Baetke bekennt: ,,Das Christentum hat eine innere Wandlung in der Denk und Gefü hlsweise der Menschen nicht hervorrufen können, aber es hat die alte Moral zerrüttet und so eine sittliche Depression geschaffen, die sich zerstö rend auswirken musste.“Mehr sagen auch wir nicht, aber wir ziehen die Folgerungen aus solcher Erkenntnis. Das aber ist in den Augen der Priester aller Konfessionen das ,,Verbrechen“ der nordischen Bewegung.

island_2_s Islands Freistaat ging am Geist des Südens zugrunde. ,,Das Christentum, dieser Balsam für Orient und Altertum, aus dem es entstanden, dieses Gift für den Norden, in den es jetzt aber wucherte, zerstörte uns den eigenen Glauben und damit die eigene religiöse Uranlage“,schieb einmal Moeller van den Bruck. Zwischen dem Geist des Nordens und dem des Christentums, ganz gleich, ob es sich um die Idee des letzteren handelt oder der politisch-konfessionellen Gestaltwerdung ist keine Synthese möglich. Das lehrt um das traurige Schicksal Islands, wo die Christianisierung noch am gewaltloseste vor sich ging, Hell, strahlend steht der junge Freistaat und sein Menschentum am Rande der Kultur da; Nacht und Verzweiflung umgibt das Ende dieser letzten heidnisch- germanischen Kulturschöpfung: Ja, dem Untergang fehlt selbst der versöhnende Abschluß; es ist kein letzter Triumph der Ehre wie beim Untergang der Goten oder Sachsen. Zwischen diesem Aufgang und Untergang Islands aber steht die Mission.

Die Sendboten aus dem Süden wirkten nur zerstörend und auflösend. Und waren die Bekehrer nordischen Blutes, war die Wirkung um so verderblicher, denn sie dienten einem Geist, den sie nie begreifen konnten. In ihrer inneren Verzweiflung, in dem dumpfen Gefühl eines Verrates an ihrer eigenen von Gott geschenkten Natur, haben sie oft am schlimmsten gewütet gegen alles, was nach Heidentum und Ketzerei aussah. Die nordischen ,,Christen“ mussten letzten Endes deshalb alles Heidnische auszurotten trachten, um einen stummen, aber eindringlichen Ankläger aus der Welt zu schaffen. Ihr Geschick und ihre unseligen Taten sollen uns eindringlich mahnen, endlich den Priesterirrsinn aus dem Norden zu verbannen und einsehen zu lernen, daß Sitte und Glauben niemals importiert werden können. Die nordische Rasse ist verloren, wenn sie nicht bald erkennt, dass auch die Quellen des Gotterlebens und des sittlichen Lebenswandels nur heilbringend im Norden fließen und dieselben sind, aus denen unsere heidnischen Vorfahren schöpften.

Wir wollen keine Heiden aus Vorzeitschwärmerei sein, sondern aus der klaren Erkenntnis, daß wir nur mit dem heidnischen Erbe die Kraft gewinnen, die kommenden ,,Jahre der Entscheidung“ (Oswald Spengler)zu bestehen, und aus Liebe und Dankbarkeit zu unserer nordischen Heimat, der wir allein alles verdanken, was groß und ewig ist in der Geschichte unseres Volkes.

,,Norden verpflichtet . . . Süden ist Rückfall.
Die Menschen im Aufstieg haben den Zug zum Süden gegen sich.
Aber sie überwinden diesen Zug.
Süden wird Sünde! „
(Moeller van den Bruck)