Mythologie der Germanen – Die Elfen

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Das Seelen– und das Marenreich liegen hinter uns; wir betreten eine neue Welt, das Naturgeisterreich. Nicht nur am Sterbebett und am Grabe des Angehörigen und auf dem Lager des eigenen vom Alp gepeinigten Leibes erfuhr die Phantasie tiefe mythenbildende Eindrücke.

Die freie Natur mit ihren wechselnden Reizen und Schrecken, Segnungen und Gefahren wurde nun die ergiebigste Fundstätte der Einbildungskraft. Den weiten Luftraum gestaltete sie zu einem erdenhaften und doch überirdischen Wunderlande um, aus den Erscheinungen des Wetters, das auch heute noch die stärksten und weisesten Kulturmenschen in seiner Gewalt hat, aus all seinen zahllosen Formen, Tönen, Farben, Lichtem und seinen oft so auffälligen Wirkungen schuf sie zauberische Tiere und Hunderte von menschgestaltigen Geistern und Göttern, die jenes Wunderland bevölkerten. Aber auch die Erde war ihr Tummelplatz, denn die Licht- und Wettergewalten griffen ja fortwährend in die Berge, Gewässer, Wälder und Felder ein, und so entstand, um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen, ein reges

„Wechselleben der Weltgegenstände“.

Die Wolken wurden der Einbildungskraft zu Bergen, darum bedeutete z. B. altnord, klakkr Fels und Wolke, das angelsächsische clûd Berg, das englische cloud Wolke. Aber auch Wälder, Flüsse, Seen, später Burgen und Türme sah man in ihnen. Ein großes, verzweigtes Wolkengebilde erschien wie ein Riesenbaum mit einem Quell an seinem Fuße. Manche Wolke hielt man für eine Mulde, einen Kessel, ein Trink-hom. In bewegten Wolken erkannte man allerlei laufende, springende, fliegende Tiere und in der wetterleuchtenden ein Untier, einen flügelschlagenden, feuerhauchenden Drachen, die großartigste mythische Tiergestalt. Die Blitze waren feurige Schlangen oder springende Geißböcke und dann wieder glühende Geschosse, vom rohen Stein und der Keule der Urzeit durch Hammer, Beil, Speer bis zum heldenhaften Goldschwert. Auch als Peitschen, Ruten, Kugeln dienten sie. Das befruchtende Regennaß verwandelte sich in einen köstlichen Trank, die im Gewölk verborgenen Sonne, Mond und Blitz in einen leuchtenden, von der goldenen Wünschelrute oder dem Drachen behüteten Schatz. Dann wieder glich die auf- und abflammende Gewitterwolke einer lodernden Schmiedeesse oder einem Backofen. Der Osten oder der Westen des Himmels mit ihrem zauberischen Farbenspiel am Morgen und Abend wurden zu fernen geheimnisvollen Lichtländern höherer Wesen. — Von dieser Metamorphose der Oberwelt übertrug die Phantasie manche Züge auf die Erde. Gewisse irdische Berge könnten, wie man erzählte, gleich den himmlischen auseinander krachen und zusammenschlagen und schlössen auch goldene Waffen und Schätze in ihrem Schoße oder auch das Lebenswasser oder wasserreiche Seen ein. Und davor lauere ein Drache. In den Alpen aber stürzt er über die steilen Abhänge und reißt Blöcke und Bäume mit sich. Dann sagen die Leute:

„der Drach ist ausgefahren“.

Und auch draußen im weiten nordischen Meer wälzt er sich wogend und brandend im Riesenzorn. Mit solchen Deutungen begann der geistige Kampf des Menschen mit der Natur, der ihm Knechtschaft und zugleich Erhebung vielerlei Art brachte und ihm erst spät, als er das Spielzeug der Einbildung mit den Waffen der Wissenschaft vertauschte, von Sieg zu Sieg führte.

Die bald zarteren, bald gewaltsameren Mächte der Luft erreichten ihren höchsten Ausdruck in einer menschenartigen Form und zwar jene in oft mehr untermenschlicher und diese in übermenschlicher Größe, sie waren Elfen oder Riesen. Ihre beiden Gruppen treten nun neben die Seelen- und die Marenschar. Der alte Name ,dessen ’ Plural Elbe oder Elber lautete, wovon z. B. Elberfeld stammt, ist im Deutschen jetzt durch die englische Form Elfe, Elf, die Wieland in seiner Übersetzung von Shakespeares Sommernachtstraum 1762 einführte, ersetzt worden.

Im Nordischen heißt er Alfr, Elf. Man hält ihn für identisch mit dem Namen eines kunstfertigen altindischen Dämonengeschlechts, Ribhu, den man unsicher als Greifer, oder listig, geschickt, oder glänzend, licht deutet. So zweifelhaft demnach der ursprüngliche Sinn des Namens der Elfen ist, desto klarer ist ihr Wesen, wenn es auch in hundert Formen und Farben spielt. Die Elfen sind kleinere Dämonen von menschlicher oder untermenschlicher Größe, durch Rührigkeit, Anstelligkeit und vielfaches Eingreifen ins menschliche, wie auch ins heroische und göttliche Dasein ausgezeichnet. Ihr ursprüngliches Element ist die bewegte Luft in ihren verschiedenartigen Äußerungen, vom Blitz und heftigem Windstoß und vom schwarzen Gewölk bis zum stäubenden Sonnenstrahl, zum unhörbaren Zittern der heißen Luft und zum zartesten Nebel. Mit andern Worten, es gibt Gewitter- und Windelfen und eine überwiegend weibliche Gruppe von Wolkenelfinnen, die mit den Lichtelfen nahe verwandt sind. Doch bedürfen jene beiden ersten naturgemäß auch der Wolkenumhüllung, sowie anderseits diese einen ,entsehenden‘ bezaubernden Blitz im Auge haben und dem Wirbelwindtanze leidenschaftlich ergeben sind. Eigentliche Sonnen- und Mondelfen sind nicht nachweisbar, und die altnordische Einteilung in Licht-, Dunkel-und Schwarzelfen erklärt sich genugsam aus dem Wechsel jener Lufterscheinungen. Die Luftelfen aber verwandeln sich nach ihren verschiedenen lokalen Wirkungskreisen in Berg-, Erd-, Wald-, Feld- und Wasserelfen, ohne aber dabei ihre ursprüngliche meteorische Natur wesentlich einzubüßen. Ein angelsächsisches Wörterverzeichnis unterscheidet Munt (Berg)-, Vudu (Wald)-, Feld-, Vylde-, Sae- und Dün (Hügel) elfen, denen Shakespeare mit echtem Naturgefühl die Sturm- und Gewitterelfen hinzugesellt, und noch der heutige Isländer findet Alfar in Höhlen, Felsen, Wasser und Luft. Als nach der jütischen Sage Gott die gefallenen Engel aus dem Himmel stieß, fielen einige auf Berge herab, das Bjärgfolk, andere in Wälder und auf Wiesen, das Ellefolk, andere wiederum in die Häuser, die Nisser. Je nach ihrer Wetternatur müssen sie bald licht, schön, freundlich, nützlich, dienstfertig, bald dunkel, häßlich, grausig, schädlich und tückisch sein. So führen sie auch allerlei andre Namen. In Norwegen heißen sie Huldren Verhüllte, in Deutschland mit verwandtem Klange die , Hollen die Gütigen, auf Island die Liuflingar Lieblinge, anderswo weiße Weiber oder Frauen. Fremd ist der Name der englischen Fairies und der deutschen Feen, den Wieland ebenfalls wie den der Elfen im Sommernachtstraum herüberbrachte. Der im Berge, in der Erde hausende Elf heißt Zwerg, angelsächsich dveorg, englisch der berühmteste Alberich oder Elberich Elfenkönig. Ein wieder umfassenderer Name ist das oder der , im got. vaihts und altnord, vaettr weiblichen Geschlechts. Das Wort bedeutet eigentlich ein Ding, ein Etwas und fernerhin ein rätselhaftes übermenschliches Wesen, wie das lateinische res und das altfranzösische chose, im Norden oft ein ungeheures, in Deutschland häufig ein zwerghaftes. Es durchläuft aber fast alle Stufen der mythischen Lebewelt: Wichter heißen die Geister der Verstorbenen, die Wichtelmännchen, die Riesen, die Walkyrien, die Götter und im Heliand sogar die Teufel. Das Opfern an die heidnischen Wichter, unter die wohl alle diese Mächte zusammengefaßt werden, galt in den altnordischen Kirchenrechten für ein Hauptmerkmal des Unglaubens. Die Wichter waren bald böse, bald gut, dann heißen sie holde Wichter. Am innigsten gestaltete sich das Verhältnis der Menschen zu ihnen im Hause, sie helfen bei der Niederkunft und Hausarbeit, begleiten ihren Schützling zum Thing oder auf die Jagd, ja sie bewachen im Norden noch hie und da den Hausfrieden oder auch das ganze Land. Des Skalden Egil Neidstange forderte die Landwichter auf, den König aus dem Lande zu jagen; das älteste isländische Gesetz verbot, durch Fratzen, wie sie am Vordersteven der Schiffe ausgeschnitzt waren, die Landwichter zu schrecken. — Anderen Namen werden wir bei den besonderen Elfenarten begegnen.

Der Glaube an die Elfen ist uralt wie der an die Seelen und die Maren. Wurden unsre Vorfahren von diesen zu Hause oder an den Gräbern heimgesucht, so waren ihre frühsten Feinde und Freunde in der freien Natur die rie-sischen und fast noch mehr die elfischen Wesen und zwar schon während ihres Zusammenlebens mit den andern Indogermanen. Die indischen Elfinnen heißen Apsaras Wolken- oder Wasserwandlerinnen; die Nymphen und Neraiden Alt- und Neugriechenlands sind ebenfalls ihrem Namen nach Wasserwesen, wie die germanischen Elfinnen ursprünglich Wolkenfrauen waren und später gleich jenen Inderinnen und Griechinnen ihren Lieblingsaufenthalt an den Gewässern der Erde hatten. Gleich den Elfinnen aber verteilen sich die Apsaras auch auf die Berge, Wälder und hohen Bäume, und schon in der Ilias bewohnen die Nymphen nicht nur die Quellen, sondern auch die Berge, die schönen Haine, die kräuterreichen Auen, die Felder und Bäume, und sie verzweigen sich in Nereiden, Okeaniden, Oreaden, Dryaden, Hamadryaden und Feldnymphen, gerade wie die deutschen. Die neugriechischen Neraiden helfen sogar wie unsre Elfen als Hausgeister beim Spinnen und Kehren und putzen die Stuben. Allen diesen verschiedenen Nymphen- oder Elfenarten messen die genannten Völker zauberhaften Gestalt- und oft sehr gefährlichen Sinneswechsel, Freundlichkeit wie Bosheit, Häßlichkeit wie höchste Anmut zu. Mit schlanken glänzenden Gliedern und einem blendenden Blick wiegen sie sich in verlockenden Reigen und singen unwiderstehliche Lieder. Gleich‘ einer Kette von Wasservögeln flogen die Apsaras schon nach rigvedischen Liedern über den See und spielten darin wie Tauchenten, wenn sie sich über seinem Spiegel schmückten. Die schönste, zur Göttin erhobene Nymphe, Aphrodite, sah man wohl auf einem Schwan durch die Lüfte oder über das Meer reiten. Unsere Elfinnen streiften oft an Seen und Quellen ihre Schwanhemden zum Bade ab. Statt des schneeigen Gefieders hüllt sie bei allen drei Völkern auch ein weißer Schleier, ein zartes Gewand ein. Die Phantasie sehnt sich, die höchste Schönheit aus dem einsamen zauberischen Walten der Naturmächte herauszuerkennen. Ein Weib von strahlender Schönheit fragte der bewundernde Hindu: „Bist du eine Apsaras ?“ „Schön wie eine Neraide“ ist noch heute in Griechenland und das angelsächsische „elfsctn“, das altnordische „frid sem alfkona, elfenschön, schön wie ein Elfenweib“ war bei den Germanen der höchste Preis irdischer Weiblichkeit! Man begreift, wie man solchen Wesen zutraute, auch andere Männer als solche elfischer Art, auch Männer menschlicher Art bestricken zu können. Ihre verführerische Herrlichkeit hat bei allen drei Völkern ein reizendes Mythenpaar hervorgerufen: die Elfin bringt ein männliches Wesen dämonischer oder menschlicher Herkunft in ihre Gewalt, — oder jenes männliche Wesen bringt die Elfin in seine Gewalt, und aus beiden Verbindungen entspringt großes Glück oder großes Unglück. Noch ein dritter Mythus, der aber der Gesellschaft der männlichen Elfen angehört, trägt indogermanisches Gepräge, obgleich er sich um die doch erst später ausgebildete Schmiedekunst dreht. Die Inder wie die Germanen kannten einen Ribhu- oder Elfenkönig, einen Ribhukschan oder Alberich, aus dessen Volk hier wie dort drei unübertreffliche Schmiede hervorgingen, die in der Wettarbeit mit anderen ausgezeichneten dämonischen Schmieden die besten Waffen, Geräte und Schmucksachen der Welt in ihrer Himmelsesse für die Götter verfertigten. Und wie die Schönheit die Elfenweiber, verbindet die Kunstfertigkeit die Elfenmänner unmittelbar mit den Menschen, denn wenn diese ihnen Metall vor die irdische Höhle legen, so machen halbgöttliche Meisterschmiede treffliche Kessel und gefürchtete Waffen daraus. Überall unterhalten die Elfen, in Berg und Wald, in Feld und Haus, den lebendigsten Verkehr mit den Menschen.

Durch ihre noch ganz frische Verbindung mit der Natur, die die Seelen und die Maren entbehren, und zugleich durch ihren persönlichen Umgang mit der Menschen weit, der den Riesen und Göttern fehlt, zeichnet sich die Elfengruppe vor allen andern mythischen Gruppen aus.

Die Germanen drückten diese Innigkeit ihrer Beziehungen zu den Elfen noch auf ihre eigene Art aus. Nach Riesen wurden Menschenkinder kaum genannt, nach den Elfen aber so häufig wie nach den Göttern. Bei allen Stämmen schmückte man die Kinder mit schönen Elfennamen, die ihnen den Schutz und die eigentümliche Begabung der Elfen sichern sollten, auch Königskinder, wie den Langobarden Albuin d. i. Albwin Elfenfreund und den Angelsachsen Alfred den von Elfen Beratenen. Albruna, wohl von ähnlicher Bedeutung, hieß wahrscheinlich eine schon von Tacitus erwähnte Seherin. Verwandten Sinn mögen Albigardis, Albheida, Albhilt, Aelflint gehabt haben. Albofledis bezeichnet die Elfenreine und vielleicht auch Alblaug; auf die leuchtende Farbe weist Alfdag. Die Stärke und Kühnheit rühmen die Namen Albswinda, Alf-hard, Alfnand, ihr Geschoß der Name Alfger, und an die Elfenkönige erinnern Alfhere, Aelfwold, Alfward und vor allen Alberich. Klugheit, Schönheit, Entschlossenheit und königliche Herrschgewalt sind also den Elfen in hervorragendem Maße in unsrer ältesten Geschichte eigen.

Wie mangelhaft doch auch der von uns oben gerühmte Religionsbericht des Tacitus ist! Von diesem ins Leben so tief eingreifenden Elfentum meldet er nichts. Erst ein halbes Jahrtausend später erfahren wir indirekt von ihnen, durch den Griechen Agathias, wo er von den Opfern spricht, die die Alemannen den Bäumen, Flüssen, Hügeln und Höhlen darbrachten, und seitdem hören die Geschichtsschreiber bis zu Helmold gegen 1200, sowie die Konzilsbeschlüsse und Kapitularien nicht auf, über die Quellen-, Stein- und Baumverehrung zu zürnen. Das dabei übliche Lichteranzünden bestrafte Karl d. Gr. durch das ganze fränkische Reich, insbesondere aber auch im Sachsenland.

Die Könige Knut und Olaf der Heilige verpönten diese Kulte in England und Norwegen. Auf Island opferten die ersten Ansiedler hier einem Steine, dort einem Wald, dort wieder einem Wasserfall. Einem solchen gelobte Einer sogar seinen ganzen Nachlaß, und in seiner Sterbenacht stürzten sich wirklich alle seine Schafe in die Flut hinein. Daß nun die Germanen nicht diese Naturgegenstände als solche, sondern die darin wohnenden Geister verehrten, dafür spricht außer dem durchgehenden, dem rohen Fetischdienst abholden Charakter ihrer Religion das Vorhandensein der Berg-, Stein-, Wald-, Baum- und Quellelfen, die gerade in den genannten Naturgegenständen ihren Aufenthalt hatten. Das jüngere Christenrecht des norwegischen Gulathings verbot, an Landgeister zu glauben, die in Hainen, Hügeln und Wasserfällen wohnten. Riesen aber empfingen überhaupt kaum Verehrung, wenigstens nicht an solchen bestimmten Örtlichkeiten, und auch die Götteropfer knüpften sich damals in heidnischer Gegend wohl nur an Tempel und wagten sich in schon bekehrter Bevölkerung kaum ins Freie hinaus. Endlich decken sich die oft auffälligen Formen dieses scheinbaren Naturkultus genau mit denen des Elfenkultus. Wie man an Quellen Lichter anztindete und in Deutschland am Christabend mit Lichtern in den Brunnen sah, so empfing man noch nach späterem isländischen Julbrauch die Elfen mit vollem Lichterglanz im Hause. Wie jener Isländer seine Schafe dem Wasserfall gelobt hatte, so warf noch später der norwegische Geiger seinem Lehrmeister, dem Fossegrim oder Wasserfallselfen, am Donnerstagabend ein weißes Böcklein ins Wasser. Auch setzte man sich allen Konzilsbeschlüssen zum Trotz noch viel später auf die Kreuzwege hinaus, um gerade hier der Elfen Gunst zu erfahren. Wie schwer das germanische Volk sich vom Glauben an sie losriß, das lehren z. B. einige englische Daten. Chaucer meinte im 14. Jahrhundert, in König Arthurs Tagen sei das ganze Land von Fairies erfüllt gewesen und die Elfenkönigin habe mit ihrer fröhlichen Gesellschaft auf mancher grünen Wiese getanzt, bis die Bettelmönche sie verdrängt hätten. Aber drei Jahrhunderte später behauptete der Bischof Corbet ganz ernsthaft, erst seit Abschaffung des Mönchtums durch die Königin Elisabeth hätten die Feen das Land verlassen, und wiederum drei Jahrhunderte später hielt ein hochgebildeter Dichter, Coleridge, die Elfen für wirkliche Wesen. Noch heute glaubt mancher Bauer in manchem Bach, im Acker und im Bergesschoß das leise Walten der Elfen wahrzunehmen, und ihre Sage wenigstens schwebt noch über mancher Lieblingsstätte unsrer Heimat wie ein zerrinnender zarter Duft. Die neuere Dichtung und Musik aber verdankt dem Elfenmythus die wundersamsten Töne, ohne ihn noch erschöpft zu haben.

Eine Gesamtcharakteristik des Elfenvolks, das ja in den verschiedensten Naturreichen wohnte, dazu in sich zweideutig, ja zwiespältig war, in die verschiedensten menschlichen Verhältnisse eingriff und sich auch diesen wieder anzupassen verstand, wird nicht leicht gelingen. Je nach den freundlichen oder wilden Wettererscheinungen gab es, wie schon bemerkt, schöne, lichte, nützliche, dienstfertige und gütige und wiederum häßliche, dunkle, schädliche, gewalttätige und tückische Elfen. Im Durchschnitt sind sie von der Größe des Menschenleibes, doch bleiben namentlich die Bergelfen, die Zwerge, aber z. B. nicht in Island, dahinter zurück. Aber auch die großen isländischen Alfar haben weicheres Fleisch und mürbere Knochen als die Menschen, und auch des deutschen Zwergkönigs Goldemar Hände sind weich anzufühlen wie eine Maus oder ein Frosch. Goldemar erscheint sogar als bloßer Schatten, und alle Elfen lieben es, rasch zu verschwinden wie ein „Schwick“, oder wie ein Schatten, altnordisch skuggi. Sie können bei geschlossenen Türen ins Haus kommen. Die Elfinnen sind überwiegend anmutig, oft bezaubernd namentlich durch Glanz der Haut, Schlankheit des Wuchses und üppiges Haupthaar. Bei Saxo hatte der mythische König Alf silberglänzendes Haar, und seine Geliebte Alfhild blendete durch ihre strahlende Schönheit, wenn sie sich entschleierte. Schöner als die Sonne sind die Alfen nach der Prosaedda. Doch sind andere mit bleckendem Gebiß und langen Zotten ausgestattet, und die Wasserelfinnen, die Nixen, haben glotzenden Blick, grüne Zähne und grüne Locken und enden auch wohl in einen Fischleib. Von den männlichen Elfen sind die Zwerge oft allzu gedrungen, verhutzelt und dickköpfig und schreiten zuweilen auf Vogeloder Geißfüßen einher. Häufig tragen Elfen einen roten oder grünen Spitzhut, oder eine Tarnkappe, die sie unsichtbar macht, und die Elfinnen ein Schwanhemd oder Schleierkleid, das sie zum Bade abwerfen. Keine Klasse der mythischen Wesen führt ein menschlicheres Dasein und ist mit dem Menschengeschlecht inniger verbunden als die Elfen. Sie werden geboren, wachsen und sterben, wie die griechischen Nymphen, nach Art der Menschen, wenn sie auch gewöhnlich ein weit höheres Alter als diese erreichen. Doch gehen sie darin weit auseinander. Der Felddämon entstand auf jeder Flur jedes Jahr neu, wurde bei der Ernte gefangen und lebte in der letzten Garbe fort, bis er während des Drusches auf der Tenne hinstarb. Der Hausgeist dagegen blieb fest im Hause nisten, mehrere Geschlechter hindurch. Andere rühmen sich so alt zu sein wie uralte Wälder. Die Elfen backen, brauen, waschen, spinnen und halten gut Haus, sie haben ihr eigenes, imgewöhnlich milch-reiches Vieh. Sie übertreffen die Menschen in Tanz, Gesang, Musik und zumal in der Schmiedekunst. Die Zwerge bilden ein Volk, das seine bestimmten Feste, wie z. B. das Julfest, feiert und seine Dingstätten, ja sogar seine Kirchen hat. Es hat einen König Alberich, Laurin, Goldemar, Pippe über sich, auf Island sogar zwei neben einander. Die Elfen beschenken und ergötzen die Menschen, aber sie verwunden sie auch, machen sie krank und töten sie. Der Zauber, den sie auf die Menschen ausüben, ist kaum größer als der, mit dem die Menschen sie anziehen. In diesem Wechselverkehr liegt sogar der Schwerpunkt des Elfenmythus, der insofern mehr Ähnlichkeit mit dem Seelen- und dem Maren-, als mit dem Riesen- und Göttermythus hat.

Beide, Elf wie Elfin, schließen sich oft als Hausgeister den Menschen zu dauerndem Dienste an oder wie Liebende zu dauerndem Bunde. Die Elfinnen locken durch Schönheit, Sang, Spiel und Trank die Männer in ihren Berg, Wald, See und beglücken sie mit ihrer Liebe, oder sie leiten sie irre bis zur Erschöpfung, zur Schwermut und zum Wahnsinn. Namentlich die Nixen dringen Abends sogar in die Spinnstuben, um sich dort am Tanz zu erlustigen und dann einen Burschen mit sich ins Wasser zu ziehen oder ihn in seinem Bette zu töten. Die Elfen holen gern Weiber in ihre Wochenstuben, um sich ihrer Hebammenkunst zu bedienen, und vertauschen gern ihre Kinder, die Wechselbälge, mit den menschlichen. Oft sehen sie sich genötigt, den bald zum Heil, bald zum Unheil ausschlagenden Umgang mit den Menschen ganz aufzugeben und in ein andres Land weit ab von den Menschen tiberzusiedeln.

In christlicher Zeit legte man oft dem Verlangen der Elfen nach Menschenverkehr die Sehnsucht nach dem Christentum und der Seligkeit unter. Sie haben daher auch ihre Kirchen. Dann wurden sie sogar in die christliche Mythenwelt versetzt: die Lichtelfen wohnen schon nach der Edda im dritten Himmel wie die Engel des Mittelalters; die Südtiroler Waldelfen oder Norgen sollen vom Himmel gestürzte Engel sein, die an den Bäumen hängen blieben, wie sie in Griechenland zu Sirenen wurden. Die isländischen Alfar galten für die bei Luzifers Aufstand gegen Gott neutral gebliebenen Engel oder für die bei des Herrgotts Besuch ungewaschenen Kinder der Eva.

Wie die Seelen und die Maren waren die Elfen eine bedeutende Macht im Dasein, die man durch Speis- und Trankopfer zu Hause und draußen unter Bäumen, an Steinen, an Quellen und auf Kreuzwegen zu begütigen und zu gewinnen, aber auch durch Feuer, Donnerkeil, Stahl und das Tageslicht und schließlich durch Glockengeläute zu verscheuchen suchte.

Die Urheimat der Elfen ist die bewegte Luft, darin sie als Gewitter-, Wind- und Wolkenwesen sich tummeln. Die Gewitterelfen sind ausgerüstet mit dem Blitzgeschoß, dem „Alpschoß“. Ursprünglich ein bloßer feuriger Stein, den man erkaltet im Belemnit, dem sog. Donnerstein, schwed. Aelfqvam, engl. Elfstone, schott. Elfflint, wiedererkannte, wurde es später als Pfeil gedacht, norw. Alfpil, schott. Elfarrow oder Elfbolt. Da die Maren, Druten, Schrättele und Hexen, wie bemerkt, sich vielfach unter die Elfen mischen, so heißt der Donnerstein auch Maren-, Drutten-, Schrattenstein, engl. Hagstone. Der durch diesen zwischen den Schulterblättern hervorgebrachte „Hexenschuß“ heißt holländisch „Spit“ d. i. Spieß, schwed., dän. und englisch Elfenschuß, norw. Elfenfeuer oder Zwergschuß. Schon vor 1000 Jahren erzählte ein Angelsachse, wie mächtige Frauen, Hexen, laut über das Land geritten seien und gellende Speere, Götter-, Elfen- und He, gesendet und dadurch einem Kranken schmerzhafte Stiche in Haut, Fleisch, Blut oder Glied verursacht hätten. Dann beschwor er den kleinen Speer heraus und bedrohte die Unholde mit einem Messerwurf. So sprach 1675 noch eine deutsche Hexe „wider das Geschoß“:

„Alle Wolken triefen und alle Wasser fließen. Alle Bolzen schießen, schießen dir aus alles dein Gebein“.

Aus den Wolken fliegen also diese Geschosse. Nach dem dänischen Volkslied schießt die Elfin vorzugsweise mit dem Elvekvist Elfenzweig zwischen die Schulterblätter oder schlägt der Bergkönig mit der Elverod Elfenrute. Vom elfischen Pilwiz weiß Wolfram v. Eschenboch, daß er durch die Kniee schießt und Fliehende lähmt. In deutschen Sagen werfen weiße Frauen und Hexen Lauschern oder andern unbequemen Leuten namentlich bei der wilden Jagd ein Handbeil in den Rücken, das dann wohl erst nach sieben Jahren an demselben Orte, wo es ihn getroffen, herausgezogen wird. Die Elfin oder Huldre schießt in Norwegen eine Alßzula Elfenkugel ins Vieh, d. i. der im Magen eines Rindes häufig gefundene Haarballen, der Tiroler Hagelstein, der von Hexen gefüllt sein soll. Im Blitz sah man auch eine goldene, feurige Peitsche, mit der der Zwergkönig Alberich im Nibelungenliede bitterlich auf Siegfried und der Aargauer Zwerg Stiefeli auf die Holzfrau loshaut: Alberich aber ist im Epos aus den Wolken in die Berge herab versetzt. Hurtig springt er aus der Felswand hervor mit seiner Geißel und zwar in der Tarnkappe, der imsichtbar machenden Wolkenhülle, und da sie in sich andre furchtbare Blitze birgt, verleiht sie ihm die Stärke von zwölf oder zwanzig Männern. Trotzdem besiegt, führt er nach dem Siegfriedslied den Sieger ins Innere des Berges zum Nibelungenhort, der unter Anderem ein Schwert, den Blitz, hat, das allein den Feuerdrachen töten kann. Und noch nicht des fantastischen Spiels mit den Blitzerscheinungen genug: auf dem Schatze ruht als Köstlichstes „von Gold ein Rütelein“, das den Schatz der Wolke aufdeckt und ihr das regensreiche Naß entlockt und den Besitzer zum Meister aller Menschen macht. Des Rüteleins Zauberkraft ist dann spät auf die sich gabelnde Haselrute, das Abbild des zackigen Blitzes, die „Wünschelrute“, übertragen, mit deren Hilfe der Mensch im Schoß der Erde Gold oder Wasser aufspürt und die ihn in Bayern vor Blitzgefahr schützt. — In diesen Vorstellungskreis gehört auch der Tiroler Alber oder Alp, der niederdeutsche Alf oder Dräk (Drache), eine feurige Lufterscheinung, die auch „Tragerl“ in Ostreich heißt, weil er den Leuten das Gut Anderer zuträgt; in Pommern, wenn er blau ist, Korn, wenn er aber rot ist, Gold. — Überhaupt wurden in verwandte Feuererscheinungen, wie Irrlichter und St. Elmsfeuer, allerhand elfenhafte Spukgestalten hineingesehen, die der Wanderer plötzlich vor sich hergehen sieht, die ihm grinsend immer winken und ihn in die Irre leiten. Auch setzen sie sich gern auf den Wagen. Die Dorftiere, die sich oft mit tellergroßen feurigen Augen stets in derselben Gasse oder draußen auf demselben Wege zeigen, sind zum Teil aus solchen örtlichen Lichterscheinungen hervorgegangen. Diese Gewitter- und Gebirgselfen waren aber nicht nur Handhaber und Besitzer jener eigenartigen Waffen, Geräte und Schätze, sondern, als die bewunderte Schmiedekunst sich entwickelte, als die Donnersteine, -keulen, -beile, -hämmer und Peitschen durch Bronzeäxte und -hämmer, Speere und Schwerter ersetzt wurden, da wurden diese gewandten Blitzelfen, unterstützt von den das Essenfeuer anblasenden Windelfen, die Meisterschmiede der Welt.

Einen voll und schon anekdotenhaft ausgebildeten Mythus weiß von ihnen die Prosaedda zu erzählen: Als Thor einst bemerkte, daß seiner Gemahlin Sif das Haar von Loki abgeschoren sei, da hätte er sicherlich dem gepackten Frevler alle Knochen zermalmt, wenn ihm dieser nicht geschworen, ihr aus Gold neues, wachstumfähiges Haar fertigen zu wollen. Da fuhr Loki zu den Schwär seifen, Iwaldis Söhnen, die das gewünschte Haar für Sif, ferner das Schiff Skidbladnir für Freyr und den Speer Gungnir für Odin schmiedeten. Trunken von seinem Erfolg, verpfändete Loki mm sein Haupt dem Zwerge Brokkr, falls dessen Bruder Sindri oder Eitridrei gleich wertvolle Kleinodien fertigte. Da legte Sindri eine Schweinshaut in die Esse und hieß Brokkr mit dem Blasen nicht eher aufhören, als bis er die Haut wieder herausgezogen hätte. Als Sindri die Schmiede verlassen hatte, blies Brokkr, obgleich ihn eine Fliege in die Hand stach, fleißig weiter, bis Sindri kam und die Arbeit aus dem Feuer holte, einen goldborstigen Eber. Darauf legte er Gold in die Esse, und Brokkr blies, obgleich ihn die Fliege in den Hals stach, noch einmal so stark, bis Sindri kam und einen Goldring Draupnir aus dem Feuer zog. Endlich legte Sindri Eisen in die Esse, da stach die Fliege dem blasenden Brokkr mitten zwischen die Augen, daß das Blut ihm hineinrann, so daß er nichts sah. Und möglichst geschwinde griff er mit der Hand nach ihr und streifte sie ab; jedoch der Blasbalg war inzwischen in sich zusammengesunken. Wie nun Sindri zurückkam, sagte er, fast wäre alles verdorben, und nahm einen Hammer aus dem Feuer. Mit diesem und den beiden andern Kleinodien schickte er seinen Bruder Brokkr zu den Göttern nach Asgard, um Lokis Pfand einzulösen. Als Brokkr und Loki ihre Schmiedearbeiten herantrugen, setzten sich die Götter auf ihre Richtsttihle und beschlossen, daß Odin, Thor und Freyr das Urteil sprechen sollten. Da gab Loki dem Odin den Speer Gungnir, dem Thor das Haar für Sif, dem Freyr Skidbladnir und setzte die Tugenden dieser Arbeiten auseinander: daß der Speer nie auf seinem Stich stecken bleiben, das Goldhaar fest an die Haut anwachsen und das Schiff Skidbladnir überallhin günstigen Wind haben würde, außerdem wie ein Tuch bequem zusammengelegt und in die Tasche gesteckt werden könnte. Nun aber zeigte Brokkr seine Arbeiten: er gab Odin den Ring, von dem in jeder neunten Nacht acht neue Ringe von gleichem Gewicht abtröpfeln würden, dem Freyr den Eber, Gullinbursti, der durch Luft und Meer Nacht und Tag mit solcher Schnelligkeit laufen könnte wie kein Roß und dessen Borsten auch die tiefsten Finsternisse der Nacht und der Welt erhellten, und endlich dem Thor den Hammer, mit dem er jedes Wesen, auch das größeste, angreifen könnte, der nie fehlen und nach dem Wurf stets in seine Hand zurückkehren würde. Dazu wäre er leicht in einer Brusttasche zu bergen. Nur wäre sein Handgriff zu kurz geraten. Da fällten die Götter das Urteil, daß dieser Hammer das beste aller der Kleinodien wäre, und der stärkste Schutz gegen die Erzfeinde der Götter, die bösen Reifriesen, weshalb sie dem Zwerge das von Loki gewettete Pfand zusprachen. Loki erbot sich zwar, sein Haupt zu lösen, doch der Zwerg lehnte ab. „Nun, so greif mich!“ sprach Loki, war aber, als Brokkr ihn greifen wollte, schon über alle Berge, denn auf seinen Schuhen konnte er Luft und Meer durchlaufen. Nun bat der Zwerg den Thor, Loki zu greifen, und Thor griff ihn auch. Als aber der Zwerg ihm das Haupt abschlagen wollte, sagte Loki:

„Zwar hast du Anspruch auf mein Haupt, aber nicht auf meinen Hals.“

Da nahm der Zwerg einen Riemen und ein Messer, um die Lippen Lokis zu durchbohren und ihm dann den Mund zuzunähen. Weil aber das Messer stumpf war, meinte Loki, der Pfriemen seines Bruders würde dafür besser sein. Und sowie er ihn genannt, war der Pfriemen da und durchbohrte Loki die Lippen, die Brokkr zusammen nähte. Loki aber riß den Faden heraus. Dieser heißt Vartari. — Sieht man von der Rahmenerzählung ab, so erkennt man als ältere Füllung die Geschichte von zwei Gruppen kunstfertiger Dämonen, die um die Wette für die Götter Kunstwerke von durchweg völlig meteorischer Natur hersteilen. Zwar wird das Goldhaar der Sif gewöhnlich auf den Kornsegen der Erdgöttin gedeutet, aber es kann auch auf das Wetterleuchten bezogen werden. Das Schiff Skidbladnir ist offenbar die Wolke, die die Himmlischen trägt, bei jedem Winde weiter fährt und nach dem Regen wieder verschwindet, der Speer Gungnir ist der ruhelos zitternde oder sausende Wind, den Shakespeare des Wetters Speer nennt. Der Ring Träufler scheint ein Sinnbild immer sich erneuernden Reichtums, der Eber Goldborst ist die Sonne oder die blitzende Wetterwolke, wie denn die Griechen dasselbe Wort Argetes für die Blitze und die Eberzähne gebrauchten. Als Meisterstück wird aber trotz seines Fehlers der Hammer Mjölnir, der Zermalmer, hervorgehoben, der unter Blitz und Donner durch die Luft fährt, von selbst in die Hand des Donnergottes zurückkehrt und einen zu kurzen Stiel hat. So fliegt der Donnerkeil im Lenz- und Sommergewitter stets von neuem aus Thors Eisenhandschuh, ist aber im Winter schwach, was die Kurzstieligkeit auszudrücken scheint.

In dieser Sage sind alte Züge verborgen, deren meteorischer Sinn in den entsprechenden griechischen und indischen noch deutlicher hervortritt. Nach Hesiod verfertigten und schenkten drei Kyklopen, Brontes Donnerer, Steropes Blitzer und Arges Donnerkeiler, dem Zeus den Donner, Blitz und Donnerkeil, mit denen er die Titanen bezwingt und über Menschen und Götter herrscht. Die Blitzwaffe ist also auch wie im germanischen Norden das eigentliche Herrscherzeichen, das Schmiedemeisterstück. Nach dem jüngeren Apollodor werden aber auch andre Götter von den Kyklopen, wie oben von den Elfen, nämlich Pluton mit einer Tarnkappe und Poseidon mit dem Dreizack versehen. Den Elfen durch Wettermacherei, bösen Blick und kleinere Gestalt sind noch näher verwandt die griechischen Teichinen, die nach andern die ersten Eisen- und Bronzeschmiede hießen und dem Poseidon den Dreizack machten, auf deren Schätzen und Geschenken aber auch ein Fluch ruhte, wie auf dem Nibelungenring des Zwerges Andvari.

Die Schmiedekunst ist aber auch den indischen Ribhus eigen, deren Name, wie wir wissen (S. 146), mit dem germanischen Elfennamen überein stimmt, und auch ihr Meisterwerk ist offenbar der Blitz, und zwar auch dieser ein Geschenk an die Götter. Denn von diesen Männern der Luft, wie sie im Rigveda heißen, erklärt der eine das Wasser, der andre das Feuer, der dritte aber das Geschoßschleudernde d. i. den Blitz für die Hauptsache. Dem damaligen Götterkönig Indra, dem Donnergotte, schufen sie die falben Pferde d. h. die Blitze; an einer anderen Stelle zimmerten sie ihm den „Blitz“. Aber sie schufen auch Panzer und einen gedankenschnell um den Himmel rollenden Wagen, der an das nordische Wolkenschiff erinnert, und erneuerten aus einer Haut stets wieder eine Kuh, die dem aus einer Haut geschaffenen nordischen Goldborst ähnlich ist. Ja, von den germanischen Elfen, den Zwergen und Kasermännlein in Tirol, den englischen Pixies und den nordischen Huldren erzählt man hie und da noch heute, daß sie eine im Herbst in der Sennhütte zurückgelassene Kuh verspeisen und aus Haut und Knochen wieder, wie die Ribhus, lebendig machen, offenbar, weil sie im Frühling die befruchtende Wolkenkuh wiederbringen, wie auch die Ribhus gleich den Tiroler Albern die Kräuter wieder wachsen lassen. Der erste Ribhu heißt Ribhukschan Ribhukönig gerade wie der erste Elfkönig, und wie Ribhuschan dem Indra den Blitz schmiedet, so schmiedet der nordische Alfrik mit drei andern Zwergen den Halsschmuck der Freyja, der deutsche Alberich den goldnen Ringpanzer König Ortnits, und der „Elfenfürst“ Wieland ist der Meisterschmied. Das Auffälligste aber ist, daß auch in Indien ein Wettstreit dämonischer Künstler von den Göttern entschieden wird, wozu auch, wie im Norden der Feuergott Loki, so hier der Feuergott Agni die Hauptanregung gibt. Tvashtri d. h. der Künstler schuf außer dem Blitze für Indra noch für die Götter eine Trinkschale, die jene drei Ribhus getadelt haben sollten. Da stellte ihnen Agni die Aufgabe, aus der einen Schale vier für die Götter zu machen. Sie lösten die Aufgabe, und Tvashtri floh besiegt zu seinen Frauen. Diesem indischgermanischen, zum Teil auch griechischen Schmiededämonenmythus liegen gemeinsame Vorstellungen von überirdischen Gewittermächten zu Grunde, die nach den Anfängen der Schmiedekunst im Beginn einer angestaunten Technik bereits eine gemeinsame feinere Gestaltung empfangen hatten. Die himmlischen Götterschmiede wurden dann samt ihren zauberischen Werkstätten in den Schoß der Berge versetzt, wie denn die Kyklopen, nunmehr Gesellen des Meisters Hephaestos, in den Vulkanen am Mittelmeer ihre glühenden Essen hatten und die germanischen Zwerge in Erdhöhlen für Helden und gewöhnliche Menschen tätig waren.

Während die Übereinstimmungen dieser indischen, griechischen und germanischen Künstlersagen auf gemeinsamem naturmythischen Untergrund ruhen, scheint die noch auffälligere Übereinstimmung der germanischen Wielandssage mit dem Daedalos- und Hephaestosmythus aus den Kulturmitteilungen erklärbar, die schon in der älteren Bronzezeit aus dem hellenischen Süden mit der Spiralornamentik der Mykenaekultur quer durch Europa nach dem Norden wandelten. Aus der Mischung von altgermanischen Elfenmären mit Daedalos- und Hephaestosgeschichten entstand im Norden der poesievolle Künstlerroman, den uns das eddische Völundslied meisterhaft erzählt.

Wieland, ein Elfenfürst mit weißem Halse, und seine Brüder Slagfidr und Egil bemächtigen sich dreier badender Königstöchter, die bald als Walküren das Kriegshandwerk treiben, bald ihr Schwanhemd ablegen und am Seestrand friedlich Flachs spinnen. Aber nachdem sie acht Winter mit den drei Brüdern zusammengelebt haben, fliegen sie sehnsüchtig zum Kampfleben zurück. Egil und Slagfidr machen sich auf, um sie ostwärts und südwärts zu suchen; Wieland aber bleibt einsam zurück und schlägt rotes Gold und Edelgestein zu kostbarem Geschmeide zusammen, tief im Wolfstal, seiner lichten Geliebten Alvit harrend. Als er einmal auf der Jagd ist, dringen die Leute König Niduds in sein Haus und sehen staunend all die Schmiedeherrlichkeit, doch nehmen sie nur einen von den 700 Ringen weg. Wie Wieland nach der Heimkehr diesen Verlust bemerkt, hofft er, Alvit sei wiedergekommen. Er sitzt lange, bis er einschläft, um aufzuwachen freudlos, mit gefesselten Händen und Füßen. Da gab Nidud seiner Tochter Bödvild den Goldring, den er von der Bastschnur in Wielands Hause genommen hatte, er selbst trug Wielands Schwert. Auf den Rat der Königin, die des Meisters Rache fürchtete, zerschnitten sie ihm die Sehnen seiner Kniekehlen und setzten ihn auf die Insel Seestatt. Nun schmiedete er für den König aller Arten Kleinode, und niemand durfte zu ihm gehen als der König allein. Doch beim Hammerschlag sann der Schmied auf Rache. Als einmal die zwei Knaben des Königs neugierig in die Werkstatt kamen und in die Goldkiste schauten, schlug Wieland mit dem fallenden Deckel ihre Häupter ab und legte ihre Füße in den Schmutz unter dem Blasebalg. Ihre Schädel faßte er in Silber und schickte sie ihrem Vater, aus ihren Augen machte er Edelsteine und schickte sie ihrer Mutter, und aus den Zähnen machte er Brustringe und schickte sie ihrer Schwester Bödvild. Da begann diese ihren Ring, den einst Alvit getragen, zu rühmen … bis er zerbrochen war. Aber Wieland tröstete sie und versprach, ihn schöner wieder herzustellen. Er schläferte sie mit Bier im Stuhle ein und überwältigte sie. Lachend erhob er sich dann in die Luft, weinend ging Bödvild vom Eiland, voll Sorge um die Fahrt ihres Liebsten und den Zorn ihres Vaters. Der König war schlaflos über den Tod seiner Söhne, ihn fror sein Haupt. Da sah er Wieland fliegen und rief zu ihm hinauf:

„Was ist aus meinen frischen Knaben geworden?“

Und Wieland enthüllte ihm alles, aber der König hatte keinen Mann so kräftig, daß er jenen herabschießen könnte, und seine Tochter gestand ihm ihre Schande.

Weland, Wieland, altnord. Völundr bedeutet den Künstler gerade wie Daedalos. Er war Fürst der Alfen, der, von Zwergen belehrt, Ringe, Becher und Schwerter schuf und im Wettkampf mit dem Schmiede Amilias mit dem Schwerte Mimung den Preis davontrug. Er fertigte auch ein getreues Abbild von Regin, wie Daedalos die ersten menschlich gestalteten Bilder schnitzte. Er schwang sich aus der Gefangenschaft eines harten Herrschers, der ihn nicht frei lassen wollte, auf künstlichen Flügeln in die Lüfte, wie Daedalos. Bei diesem Flugversuch kam hier der mitfliegende Sohn Iearus, dort der brüderliche Fluggenosse Egil um. Auch Hephaestos wurde Daedalos zubenannt und wie Wieland in seiner Werkstatt die Bödvild, bedrängte Hephaest in seiner Werkstatt Athene.

Die zweite Elfenklasse, die der Windelfen, wird durch die alten Zwergnamen Vindalfr und Gustr Bläser bezeugt. In der Edda werden auch die Zwerge Austri, Vestri, Nor-dri und Sudri an den vier Himmelsecken erwähnt. Die beiden Diener des Gottes Freyr, ein Ehepaar Beyggvir Bieger und Beyla Buckel, scheinen ein paar anmutige Windelfen, deren Namen die gleichmäßige Senkung und Erhebung der Wellen bei ruhigem Wetter abspiegeln. Der Name des Zwerges Andvari, der auf den Ring des nordischen Nibelungenhorts einen Flüch legt, bezeichnet neuisländisch sanften Gegenwind, wie er sich denn auch in der Liederedda selber als Gustr zu bezeichnen scheint. Wie das Blitzgeschoß der Gewitterelfen bringt der Anhauch der Windelfen bei Mensch und Vieh Krankheiten hervor: norweg. alfgust, schwed. elfrebläst Elfenhauch ist eine Gliedergeschwulst, die auch der Sturm z. B. der wilden Jagd verursacht. Gewisse Krankheiten heißen fliegende Elbe, angelsächsisch aelf- oder lyftädl Elfen- oder Luftkrankheit. Man bindet Kindern als Gegenmittel Donnerkeile oder in Schwellden am Donnerstagabend verfertigte ,Elfenkreuze um den Hals.

Die windelfische Hauptform ist der Wirbelwind, männlich, aber auch, da seine Rundtanzbewegung gern dem tanzlustigen weiblichen Geschlecht zugeschrieben wurde, oft weiblich aufgefaßt. Schon Wolfram von Eschenbach und Berthold von Regensburg bekannt, geht der Pil- oder Bilwiz dessen Name westslavisch klingt, im östlichen Süd-und Mitteldeutschland mit Messern oder Sicheln an den Füßen Abends am Sonn wendtage oder am Veits- oder Peter und Paultage durch die Felder oder reitet auf einem schwarzen Bock, hinter dem Rauch aufsteigt, hindurch. So zieht er einen wellen- oder bockssprungförmigen Schnitt, einen fußbreiten Streifen der Verwüstung, durch das Getreide, den sog. Bilwiz-, Bilmes-, Bocks- oder Wolfsschnitt. Schon im 14. Jahrhundert galt er für ein männliches Gegenstück der Hexe und ist noch jetzt meist ein neidischer, mit Hexenkunst begabter Mann, der seines Nachbarn Getreide in seine Scheune hinüberzustehlen sucht. Früher war er wohl ein Wirbelwindgeist, der verheerend ins Korn brach, und vielleicht noch früher ein toll kreiselnder Bock, wie auch die Inder den Wirbelwind als einfüßigen Bock sich vorstellten. Seine wirbelnde Hast verwirrte und verfilzte im Mittelalter den Bart und die Haare, die dann „Pilbiszotten“ bekommen, und auch bei Hans Sachs bedeutet bilbitzen zausen und verwirren. Man hing diesem Wesen Knabenkleider am „Pilbisbaum“ auf.

Die Elfinnen, Maren, die vorarlbergischen Fenesleute und die vielleicht aus diesen entstellten Venediger, lauter Elfenvolk, fahren im Wirbel- oder im niederdeutschen Door-wind, die bairischen Truten, die oldenburgischen Walridersken erregen Windgäspeln d. i. Wirbelwind oder Trutenwind. Der Alpenelf „Almputz“ heult im Sommer vor gefährlichem Gewitter wie die Windsbraut und bezieht wie das „Kasermandle“ im Spätherbst die verlassene Sennhütte, ein einziges großes Auge auf der Stirne, — den Wirbelwind? Die Elfen verschenken einen Gürtel, der in einer Tiroler Sage noch ganz offen „Windsbraus“ Wirbelwind genannt wird und in vielen Sagen Mann, Baum oder Pfahl, um den er gelegt wird, im Nu zerreißt. Wo sich die Mare oder Trut ins Korn niederläßt, wird es schwarz wie da, wo der Wirbelwind es niedergelegt hat. So verdorrt der Brombeerstrauch, auf dem die Walriderske sitzt. Er kommt nicht zur Ruh, denn ein vom Mar bedrückter Baum zittert beständig, und der bewegte Tannenwipfel heißt englisch Mares’ tail, womit die Schiffersprache auch den sturmverkündenden Wetterbaum am Himmel bezeichnet. In den Zweigen, auf denen diese tollen Elfen rasten, entstehen struppige, nestartige Verknotungen oder auch die Misteln, daher Alpruten, Druden- oder , oder Marennester, Donnerbesen, Marenquasten genannt. Damit schlägt der Elf oder wird er geschlagen. Der daraus fallende Regentropfen bringt dem Betroffenen Alpdruck oder Kopfweh. Der Schwede hängt die Mareqvastar in den Stall, damit die Maren auf ihnen sitzen, anstatt den Pferden Ma-relockar in die Mähnen zu machen. Denn sie verwirren Pferd- und Menschenhaar zum Alp-, Druten-, Wichtel-, Hollenzopf oder -schwänz. Noch mehr: sie verwirren auch den Geist. Der Blödsinnige oder der Einfaltspinsel heißt daher auch Elbentrötsch, Elbst, Drut, Schrättel. Als Windgeister sind die Elfen diebisch: ein nordischer Zwerg hieß Erzdieb, der deutsche Elbegast oder Algast war „aller Diebe Meister“. Die elfischen Venediger der deutschen Sage, Wirbelwindsfahrer, entführen Leute weit weg, die Elfen stellen namentlich Erbsen und Frauen nach, so die lüsternen Zwergkönige Laurin und Goldemar. Jener Elberich bewältigt Ortnits, ein andrer Dietrichs und Hägens Mutter. Auch stehlen die Elfinnen Kinder der Menschen und lassen dafür die ihrigen zurück. Als Windgeister, die leise murmelnd oder laut drohend den Umschlag der Witterung ankünden, sind die Wildmännlein und -fräulein, die Fengen, die Schneefräulein in den Alpen, der nordische Marbendill auf der See des Wetters und dann überhaupt der Zukunft kundig und weissagen, namentlich wieder Elberich, und werden Warner der Menschen. Wie milde und kühlende Winde sind sie heilkräftig und schaffen dem Menschen schon im alten Norden Heilhände, „laeknishendr“: Musik und Tanz aber ist ihr Leben! Im sanft flüsternden, melodisch aufrauschenden Winde stimmen sie ihre verlockende Weise, den althochdeutschen Albleich das Elfenspiel an, der im Norden auch Elfvalek oder Ellaspel heißt, den Huldreslaat die Huldrenmelodie, das dänische Ellekongestykk das Elfenkönigsstück, das auch Erlkönigs Töchter zu ihren Nebelreigen um die grauen, dürr belaubten Weiden ertönen lassen. In Schweden tanzten noch vor etwa 100 Jahren die Bauern nach ihrer anmutigen Weise, die so lautete:

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Auch das vorarlbergische Nachtvolk macht liebliche Musik, wenn es durch die Luft fährt; aus den isländischen Alfarhöhlen hört man Sang und Tanz. Die Tiroler Saligfräulein, die bei drohendem Unwetter so traurig klagen, singen sonst so schön, daß der Zuhörer wie gefroren steht. Am Geigerstein im Unterelsaß hört man noch jetzt am späten Abend einen dämonischen Geiger spielen, der einst seine treulose Braut nebst ihrem Verführer und der ganzen Gesellschaft wie wahnsinnig um den Felsen tanzen ließ. Spielt er auf, gibt’s Sturm und Regen. Oberons d. i. Alberons des Elfenkönigs Horn regt unwiderstehlich zum Tanz auf, die Elfen selber führen bei Mondlicht im wrallenden Nebel Reigen auf, nordisch eile-, älf-, alfedans, engl, fairyring, die in den dunkleren, dichteren Ringen des Grases, den fairyrings oder Hexenringen, ihre Spuren zurücklassen. In ihren Tanz ziehen sie gern Menschen, um sie des Atems zu berauben und zu töten. Wer vermag ihrer leichten Schwebekraft und unersättlichem Wirbellust zu genügen? Maren, Walridersken und Schwanjungfrauen fahren aber auch gern in einem kreisenden Siebe, worunter die durchlässige Wolke verstanden wird, durch die Luft, und zuweilen klingt herrliche Musik herunter. Aber oft klagt auch die Elf in. Bei Windesgeheul sagt man in Westflandem: „Alwina (d. h. die Elfin) weint“. In stürmischen Nächten jammert das luxemburgische Buschgretchen. Wie diese Waldfrau ist auch die Haffru d. i. Meeroder Seefrau des Nordens ihrem innersten Wesen nach eine Windelfin. Denn auf den Färöern wird das Wetter gut, wenn der Marmennil, der Meermann, friedlich neben ihr auftaucht. Singt sie aber so schön, daß die Menschen darüber toll werden, dann kommt Unwetter. Die schwedische Haffru wäscht ihre Kleider am Ufer und breitet sie dort auf den Steinen aus, wenn der See schäumend heraufspült; bei Wind aber fährt sie über das Wasser und singt im Walde, und bei schwülem Wetter zankt sie mit dem Bergesherm, dem Bergwinde. So schwankt , die auch mit einem Manne, ihrem Gatten, zwistet, zwischen Wind und Wasser. In Böhmen fliegt sie mit ihren Kindern im Winde jammernd durch die Luft; geht jemand bei Sturm aus, so fährt Melusine in ihn, und er wird krank, also wie ein Elfenhauch. Wie dem Wind und der Frau Windin und ihren Kindern (s. u.), streut man ihr eine Handvoll Mehl in die Luft, und in den 12 Tagen vor Weihnachten, wo sie am stärksten tobt, wirft man ihr Nüsse in den Ofen und knallt in der Stube mit der Peitsche, um die Windsbraut zu vertreiben. Die ursprünglich wohl deutsche Sage von der Melusine oder Melusindis ist in Lusignan eine Wasserfrausage. Melusine gelobte sich einem Ritter zur Ehe, wenn er verspräche, sie niemals nackt zu sehen. Trotz seines Versprechens drang er nach vielen Jahren glücklicher Ehe, in der sie ihm sieben Kinder brachte, ins Badegemach seiner Frau und sah sie als völlige Schlange oder doch mit einem Schlangen- oder Fischschwanz. Voll Entsetzen stieß er einen lauten Schrei aus, und erzürnt entfloh sie ihrem Gatten auf alle Zeit. In Burgund hört man sie im Gewitter zürnen.

Auch die dritte Klasse, die der Wolkenelfinnen, verleugnet ihren Doppelcharakter nicht. Goethe empfand auf seiner Schweizerreise von 1780, wie die sich zur Erde senkenden Wolken dem Geiste schwer auflagen, und Annette von Droste-Hülshoff sah, daß die Wolkenschichte sich über die Heide legte „wie ein dunkler Mar“. Eine niederländische Mar verwandelt sich in eine schwarze Wolke mit gräulichem Sturm. Dem lang nachschleppenden Gewölk entsprechend steht der Walriderske Haar hinten aus wie ein Pechquast und tragen Huldren und Maren einen Schwanz. Sie haben, wie z. B. die westfälischen ken und das dänische Ellefolk, lange Brüste, dagegen einen Rücken hohl wie ein Backtrog, weil die sich ergießende Wolke schwer herabhängt, während sie oben sich leert. Wenn vor Gewitter diese Wolke leuchtet, gleicht sie einem Backofen, den jene Sgönaunken mit ihren langen Brüsten reinigen. Die wilden Frauen verfügen auch über einen Kessel gleicher Bedeutung, in dem sie Menschen sieden; oder sie verleihen einen Schatzkessel, wobei der Schatzheber von der Elfin schwarz angehaucht wird. Die Elfinnen und Maren fahren oft in Sieben, triefenden Wolken, unter Wirbelsturm oder lieblicher Musik. Und mehr und mehr kommt nun anderseits die Schwangestalt, der überirdisch lichte, schneeige Glanz der Wolke, zur Geltung. Die schwedischen Elfinnen stürzen sich als Schwäne aus der Luft ins Meer und in Teiche und sind alsbald die schönsten Mädchen. Hunderte von Sagen preisen die Holdseligkeit der Seligen, der Hollen, der weißen Weiber und Schwanjungfrauen, die Volkslieder namentlich die weiße Haut. Sie tragen oft einen weißen Schleier, ein schneeweißes, von einem Goldgürtel zusammengehaltenes Gewand oder Schwangefieder, unter ihrer goldenen Haube fließt langes blondes Haar hervor. In einem eddischen Liede bringen die Lichtelfen das Tageslicht, die Sonne, die Alfrödull d. h. Elfenstrahlenglanz heißt. Scheint die Sonne durch den Regen, so strählt sich nach deutschem Glauben die Elfin mit goldnem Kamme, offenbar mit den zinkenartig erglänzenden Regenstrahlen, das reiche Goldhaar. Schwebt dagegen aus dem feuchten Walde Nebel auf, so hängt sie auf den Büschen oder auch an den höchsten Wipfeln schneeweiße Wäsche zum Trocknen auf. Wenn der Nebel wie ein langer Faden oder ein Seil von einem Berg zum andern schwebt, so spinnen, weben die Elfinnen oder drehen gar Seile. Sie schöpfen Wasser, wenn der Dunst über den Bach oder den See zieht, und gießen es als Tau über die Wiesen und Felder. Der aus gepflügtem Acker aufsteigende frische Erdgeruch rührt von den Kuchen her, die sie oder ihre Männer backen und auch wohl der ackernde Knecht als Lohn am anderen Ende der Furche findet. Wenn aber das Gebirge im Morgengrauen lustig dampft, so backen die Elfen nicht nur, sondern brauen und schmieden auch. — Sie verschwinden wie ein Nebelhauch, ein Schatten und nahen wieder auf „Elfenzehen“. Nebelhülle bedeutet die Nebel-, Hel- und , der altnord. huldarhöttr, der norweg. uddehatt. der schwed. hvarfshatt d. i. Hulden- oder Zwerghut. Zuweilen verdichtet sich der Nebel und wird dann wieder lichter, so daß man einen Augenblick ein Stück imbekannter Landschaft im Sonnenglanze vor sich sieht; dann zaubern die Elfen mitten in der Wildnis die Fata Morgana hervor, die gartenartigen Hullahöfe.

Der Wohnort aller dieser Elfen ist naturgemäß die Luft. Darum dachte man sich im Norden Alfheinir das Elfenheim am Urdarbrunnen unter der Esche Yggdrasel, dem Wolkenbaum. Infolge einer schon in die Prosaedda eingedrungenen christlichen Vorstellung von der Wohnung der Engel im dritten Himmel wurden die Lichtelfen von ihrem alten Sitz in diesen dritten Himmel versetzt. Das Elfenreich heißt auch später , aus dem die Schwanjungfrauen, Walridersken und Maren in ihren Sieben fahren und zu dem sie von den „Glocken von Engelland“ zurückgerufen werden. Meistens ist aber das Elfenreich auf der Erde oder gar in die Erde herabgesunken.

In Deutschland erzählte man von anmutigen Elfenwiesen, auf denen sich das in einen Brunnen gefallene Kind plötzlich zu freudiger Überraschung wiederfindet. Die Schweden kennen einen Elfträdsg&rd, einen Garten, der Schneeballbüsche mit Gold- oder Edelsteinfrüchten trägt, oder auch einen Rosenwald, in den Elfenkönigs Tochter einen Bräutigam hineinlockt, so daß ihm darin 40 Jahre vergehen wie eine Stunde. Hier kommen alte Mythenzüge zum Vorschein. Denn nach Saxo stieg ein Weib mit Blumen im Schoß plötzlich aus der Erde neben dem Dänenkönig Hadding auf, als dieser bei seiner jungen Frau saß, und entführte ihn in ihrem Mantel unter die Erde, um ihm den stark ausgetretenen Pfad zur Unterwelt zu zeigen. Nachdem sie durch einen dicken Nebel gedrungen waren und mehrere in Scharlach gekleidete Edle unterwegs gesehen hatten, kamen sie auf ein sonniges Feld, von dem jener Blumenschmuck stammte. Dann überschritten sie einen Speere dahinwälzenden Fluß, jenseits dessen zwei Schlachtreihen miteinander stritten, die Waffentoten, die dort den Kampf des Lebens fortsetzten. Als weiterhin eine hohe Mauer den Weg versperrte, warf Haddings Führerin den abgerissenen Kopf eines Hahns hinüber und horch! der König und das Elfenweib vernahmen einen hellen Hahnschrei, wie einen Ruf aus dem Lande der Unsterblichkeit. Die berühmtesten solcher Elfenreiche sind die durch die deutsche Heldendichtung des 13. Jahrhunderts verklärten Rosengärten. In dem auf einer Rheinaue gelegenen Wormser Rosengarten herrschte König Gibich d. h. der Freigebige, Gütige, der im Harze bei Grund als Gübich oder Hübich Gold und Silber und bei Nienburg als Zwerg Gäweke freundlich Kuchen spendet. Den andern Rosengarten, der auf einer üppigen Halde bei Meran liegt, besaß der Zwergkönig Laurin. Solch ein Garten ist mühselig zu erreichen, er heißt ein Paradies oder ein Himmelreich auf Erden. Er schwillt über von Rosen, und ein Jahr darin vergeht wie ein Tag. Blütenpracht und Kriegsgetümmel sind auch hier vereinigt wie in jener dänischen Unterwelt, mitten unter den Rosen werden blutige Kampfspiele getrieben.

Auch sonst nannte man im Mittelalter Belustigungsplätze Rosengärten, ob sie mm dicht vor dem Stadttor, wie der 1288 erwähnte Rostocker, oder hoch oben auf dem Rücken des Thüringer Waldes, z. B. über Tambach, lagen. Wiederum haben andere Rosengärten eine scheinbar entgegengesetzte Bedeutung. In den Oldenburgischen Heiden wurden öde heidnische Grabstätten so genannt und weiterhin auch die christlichen Totenhöfe in Grabinschriften und in Volksliedern.

„Hier lieg ich im Rosengarten und muß auf Weib und Kinder warten.“

Es ist wiederum die Bedeutung des Paradieses, aber die ernstere des Jenseits, im Gegensatz zu jenem weltlichen Paradiese. An viele deutsche Rosenauen, -berge und -täler knüpfen sich Sagen und Beziehungen desselben Sinnes. Sie gelten alle für echt deutsche Paradiese, und man darf weder die fremde Herkunft des Blumennamens, der erst in der althochdeutschen Zeit eingeführt scheint, noch auch die spätere Einführung der gefüllten Centifolie dagegen einwenden. Denn auch die volldeutschen entsprechenden Örter, wie Buttelloh und Buttelberg (oft in Butterberg entstellt), teilen die Eigenschaften der Rosengärten und haben deren Sagen, und auch Deutschland hatte ein paar Dutzend heimischer Rosenarten, die lieblichen Hecken- oder Buttelrosen. Wie man jene Schneeballbüsche in den weißen Wolken, jene Gold- und Edelsteinfrüchte in den funkelnden Lichtem derselben zu sehen glaubte, so schien der Himmel bei Sonnen-auf- oder Untergang in überschwänglicher Rosenpracht zu erblühen. Hier dachten sich die Griechen die Gärten ihrer elfischen Hesperiden und die elysischen Gefilde, die Aufenthaltsörter der Seligen, die Iren die Inseln ihrer Feen und Seligen und so nun auch die Germanen die Gärten der Elfen und, wie es scheint, auch die Wohnorte der Verstorbenen. Diese waren häufig mit dem Gesicht gegen Osten, gegen den elfischen Rosengarten des Morgenrots gewandt, begraben. Ob man sich wirklich dem Gedanken an ein ewiges Leben im Jenseits näherte, davon wird später die Rede sein.

Die drei verschiedenen Klassen der Luftelfen, die schon unter sich vielfach in einander verschwimmen, gehen nun noch außerdem in die mehr irdischen Elfengeschlechter über, weil die Wettererscheinungen unmittelbar auf die Erde hinüber wirken, auf die Berge, Wasser, Wälder und Felder. Sie kommen nun den Menschen noch näher, sie belauschen sie noch häufiger und werden von ihnen belauscht, mit noch mehr Vertrauen und noch mehr Furcht treten sie einander gegenüber.

Die Berg- oder Erdelfen heißen im Norden gewöhnlich kurzweg Alfar auf Island und den Färöern aber auch folk d. i. verborgenes Volk, in Norwegen in Schweden Jordfolk, Erdvolk, in Dänemark , seltner Dverg. In Deutschland heißen sie Zwerge, Quer ge, Querxe, Unterirdische, Wichtel- oder Erdmännlein, Fenesleute u. s. w., in England dvarfs. Die reichsten Sagen haben die Alpenländer, die mitteldeutschen Bergbaubezirke, Norddeutschland, England, Dänemark und Island. Die ältesten knüpfen sich an Steine und Löcher von eigentümlicher Form oder Eigenschaft; die jüngeren an Bergbaustriche. Die durchweg neueren Kohlengruben haben kaum neue Zwergsagen hervorgebracht. Die Zwerge wohnen unter oder in Steinen, Höhlen und Erdlöchem, unter Baumwurzeln und in Gräbern. Der von Thor ausgefragte und überlistete Zwerg Alvis haust nach einem Eddalied in der Erdtiefe unter einem Stein, der Zwerg Andvari hat den Nibelungenhort in seinem Stein. Die Bergelfen sind meist klein, von gedrungenem Körper, oft mißgestalt, bucklig und dickköpfig, daher in Brandenburg „Dickköppe“ genannt, ältlich, nützlich, graubärtig, blaß, fahl um die Nase wie jener Alvis, und dazu oft noch enten- oder geißftißig. Doch ihre Weiber sind überwiegend lieblich. Namentlich auf Island haben auch die Bergalfar Menschengröße, und man findet Schöne und Häßliche, Junge und Alte darunter. Die Zwerge tragen vorzugsweise gern unsichtbar machende Tarn- oder Nebelkappen oder breitrandige Hüte. Gelingt’s, diese ihnen beim Hochzeitsmahl oder beim Erbsenstehlen mit einem Sack oder Seil abzustreifen, so sind sie plötzlich sichtbar und suchen das Weite. Sie sind mit grauem, oft langem Kittel angetan. Die Kraft Laurins wie die der färörschen Zwerge steckt in ihrem Gürtel. Einige schwingen Peitschen und reiten auf Böcken. Im Echo hört man der Zwerge Sprache, das dverga mäl. Sie verschwinden wie der „Schwick“. Sie gelten für geschickt, listig, diebisch, wie denn Alfrik in der Thidrekssage der große Stehler heißt, und für trügerisch, aber sie sind auch ebenso hilfreich den Menschen, wie ihrer Hilfe bedürftig, ebenso dankbar für Wohltaten, wie rachsüchtig nach einer Beleidigung. Durch die bekannten Elfenkünste des Backens, Brauens, Butterns und Spinnens tun sich auch die Bergelfen namentlich in der zwar jünger überlieferten, keineswegs aber deshalb späteren Volkssage hervor, jedoch auch durch die höhere Schmiedekunst, die neben ihrem Gold- und Silberreichtum sie besonders auszeichnet. Der Nibelungenhort gehört den Zwergkönigen Nibelung und Der schatzmehrende Gold ring Andvaranaut ist im deutschen Schatz durch die Wünschelrute vertreten. Die Zwerge der Volkssage belohnen Dienste der Hebammen und anderer Leute mit Gold und Kostbarkeiten. Auch Verirrter erbarmen sie sich hie und da und stecken ihnen zum Trost Gold und Silber ein, wie z. B. der Zwerg Hübich dem Försterssohn, der sich auf einen Stein bei Grund im Harze verstiegen hat. In Märchen, doch wohl fremder Herkunft, hüten Zwerge noch Kostbareres, das Wasser des Lebens, die nordischen Zwerge Fjalar und Galar in einer geschmacklos verkünstelten, nur halbechten Skaldengeschichte den Met der Dichtung. Sie erschlugen nämlich den allweisen Menschen Kvasir, der aus dem Speichel entstanden war, den die Götter und die Wanen zur Bekräftigung des zwischen ihnen geschlossenen Friedens in ein gemeinsames Gefäß gespieen hatten. Kvasirs Blut fingen seine Mörder im Kessel Odrörir d. i. Geisterreger oder Verjüngungstrank und in den Gefäßen Sön und Bodn, Brau- und Einladungsgefäß, auf und mischten ihm Honig bei. Wer von diesem Trank genießt, wird Dichter oder Gelehrter. Den Göttern logen die Zwerge vor, der arme Kvasir sei in seiner allzu großen Weisheit erstickt.

Echteren Gehalt haben die Schmiedesagen. Die Bergelfen sind nun nicht mehr die vornehmen himmlischen Schmiede im Dienst der Götter wie die Luftelfen (S. 157), sondern sie schmieden in der älteren Literatur für Helden Sclvwerter und für deren Frauen kostbaren Schmuck, in der jüngeren Volksüberlieferung für die gewöhnlichen Menschenkinder namentlich scharfe Messer, Kessel und allerlei Hausrat. Jene Heldenschwerter beißen Eisen und Stein, sind aber auch wohl, wie Tyrfings Schwert, mit dem Fluch belegt, drei Neidingswerke oder Verbrechen auszuüben. „Fein wie ein Wichtelgeschmeide“ sagte man in Schweden, und in Norwegen heißt der glänzende Berg-krystall „Dvergsmie“ Zwerggeschmeide. Die Schmiedesagen des Volks haben einen hochaltertümlichen Zug treu bewahrt, über den die ältere germanische Literatur schweigt. In Berkshire war es Brauch, dem Wayland smith, in dem wir den schmiedekundigen Elfenfürsten Wieland (S. 161) wiederfinden, vor seine schon im 10. Jahrhundert bezeugte „Welandes smidde“, ein altes Steindenkmal, ein etwa abgelöstes Hufeisen und ein Stück Geld zu legen und sich auf kurze Zeit zu entfernen. Kam man zurück, so war das Geld weg und das Pferd neu beschlagen. Ein schwedischer „Bergschmied“ erbot sich gleichfalls, alles zu schmieden, wenn man nur Eisen und Stahl auf seine Bergklippe legen wollte. In Westfalen, wo es so viele Höhlen und alte nach Eisen durchwühlte Bergwerke gibt z. B. um Iserlohn und Osnabrück, auch am Harz und in den Ardennen legte man den Zwergen, Sgönaunken und wilden Gesellen gleichfalls Eisen und Lohn oder einen zur Zahlung verpflichtenden Bestellzettel vor die Höhle, auf dem am andern Tag der Preis für das daneben gelegte Gerät stand. Wer aber nicht zahlte, oder gar den Platz vor der Höhle übermütig und undankbar beschmutzte, der wurde von einem glühenden Rade verfolgt. Am Harz und in Jülich borgten die Leute Geschirr für ihre Hausfeste oder Kirmessen von den Quergen und Heinzelmännchen und setzten ihnen dafür nachher Kuchen und andre Hochzeitsspeisen oder Kirmess-wecken hin. Bei Verviers legte man auch Hanf und Wolle den Zwergen in die Höhle und fand es am andern Morgen gesponnen. Einen ähnlichen geheimnisvollen Tauschhandel der Bevölkerung mit ihrem zauberkundigen Schmiede kannte schon Pytheas im 4. Jahrhundert v. Chr. auf der vulkanischen Insel Lipara: wenn man dort ein Stück rohes Eisen vor die Hephaistische Kyklopenwerkstatt lege, so könne man gegen Bezahlung am andern Morgen ein fertiges Schwert, oder was man sonst wünsche, abholen. Und noch heute erwerben sich die wilden Weddahs auf Ceylon ihre kleinen eisernen Äxte und Pfeilklingen vom benachbarten singhalesischen Dorfschmied dadurch, dass sie ihm nachts etwas Dörrfleisch und Honig nebst dem aus Ton oder einem Blatt gefertigten Modell jener Waffen vor die Türe legen. Ist die Arbeit fertig, so hängt der Schmied sie an die Türe, von wo sie der Weddah bei Nacht abholt Ist dieser damit zufrieden, so fügt er dem Lohne noch ein Geschenk hinzu.

Als man nun anfing, ins Innere der Erde einzudringen, um ihre Metalle auszubeuten, wurde aus dem Schmiedezwerg ein Bergmann, Bergmönch, Berggeist, der plötzlich aus gold- und silbergefülltem Gestein hervortrat, bei der Arbeit half, reiche Adern zeigte und sich auch außerhalb des Bergwerks der armen, schwachen, verirrten Arbeiter annahm. Vor dem Gehämmer und Gepoche ziehen sich diese Zwerge aber zurück und können im Schacht namentlich Pfeifen nicht leiden. Auf einer der Färöern flohen die Zwerge, weil zwei Burschen einmal fluchten und sich rauften, und spalteten den großen Zwergenstein auf Skuvoy. Glockengeläut hat sie aus manchen Bergen vertrieben, aus dem Halberstädtischen aber der alte Fritz bei seinem Regierungsantritt verwiesen und zwar ins Schwarze Meer.

Auch abgesehen von den Schmiede- und Bergmannsgeschichten sind die germanischen Berge und Höhlen reich an den mannigfaltigsten Bergelfensagen, von denen wir drei charakteristische Gruppen herausheben, eine vom Südfuße des Schwarzwalds, eine mehr mittel- und norddeutsche und eine isländische. Dort tut sich die Tropfsteinhöhle bei Hasel mit ihren unterirdischen Gewässern und blitzenden Krystallen auf, alte Schachte weisen auf früheren Bergbau, und aus den Löchern des nahen Dinkelbergs steigen oft auffällig starke Erddünste auf. Idyllische, humorvolle Gemütlichkeit atmet die dortige Sage, wie die später dort entstandene Hebelsche Poesie. Die mittel- und norddeutsche Zwergsage hat oft einen ernsteren und bedeutenderen Inhalt. In Island sehen namentlich die Bewohner der einsamen Bauerhöfe in der ewigen Nacht der Julzeit die Alfar aus den umnebelten Klippen und Blöcken leibhaftig herauskommen, die daher Alfaheime, Alfaburgen und Zwergberge heißen. Fels und Hof, Alf und Mensch treten in einen scheuinnigen Verkehr und beeinflussen gegenseitig ihr Schicksal. Das Dämonische und wieder das Realistische ist wie in Ibsens Dramen weit stärker herausgearbeitet als in Deutschland; und dieser Kontrast erzeugt dann gelegentlich eine tiefe Leidenschaftlichkeit. Die von den mittelalterlichen Sagaschreibern vererbte Vortragskunst hat einzelnen dieser Geschichten eine große Gewalt des Ausdrucks verliehen. Gewiß sind manche modernere Motive in diese neuere Alfarsaga eingedrungen, aber z. B. der darin beliebte Kirchenbesuch zur Julzeit, von dem wir noch hören werden, ist nur die neuere Form des altüblichen Verwandt-und Freundschaftsbesuchs zu dieser altheiligen Festzeit und steht mitten in der heidnischen Bergelfensage, wie der berühmte Kirchenbesuch der Kriemhild und der Brunhild mitten in der heidnischen Nibelungensage.

Unsre erste Schwarzwaldsage knüpft noch einmal an die Bergmannssagen an. Zwei Erdmännle führten einst einen Bauer in jene Haseler Höhle, worin er viele tausend kleine Leute mit der Gewinnung von Gold und Silber beschäftigt sah. Nicht nur bei seinem Abschied von der Höhle, sondern für jede Abendsuppe, die er ihnen seitdem daheim hinsetzte, schenkten sie ihm ein Goldstängelein, und so wurde er ein reicher Mann. Da trieb ihn die Neugier, zu erfahren, was-sie denn für Füße unter ihren langen Kleidern hätten. Er streute ihnen unbemerkt gesiebte Asche in den Hausgang und siehe da ihre Fußstapfen glichen denen von Gänsen. Als aber die Erdmännle das merkten, verließen sie die Gegend, und der Bauer erkrankte alsbald und starb. Nach mündlicher Mitteilung aus Öflingen streute ein vorwitziges Haseler Bübchen die Asche. Diese in Deutschland weit verbreitete Sage beansprucht ein höheres Alter: schon im Mittelalter hören wir von einem Zwergkönig Goldemer, später Volmar genannt, der wie ein Schatten, jedoch mit maus- oder froschweichen Händen versehen, auf dem Schlosse Hardenstein an der Ruhr in Freundschaft mit dessen Herrn Neveling lebte und in dessen schöne Schwester verliebt war. Er würfelte und zechte mit dem Ritter und schlief sogar mit ihm in einem Bette. Er entzückte durch sein liebliches Saitenspiel, beantwortete schwierige Fragen, warnte rechtzeitig seinen Freund vor feindlichen Anschlägen und hielt den Mönchen der Umgegend ihr sündhaftes Leben vor. Als ihm aber einmal ein vorwitziger Küchenjunge Asche streute, drehte er ihm das Genick um, briet ihn an einem Bratspieß und belegte das Geschlecht der Hardenberge mit einem Fluch. Er ist offenbar der noch früher bezeugte Zwergkönig Goldemar, der nach einem epischen Bruchstück in einem. Gebirge Trütmunt — es ist doch wohl das Ruhrgebirge bei Dortmund gemeint — eine Königstochter entführte und gefangen hielt, bis Dietrich von Bern sie befreite.

Wo aus dem Dinkelsberg bei Schopfheim oder der Fullhalde bei Waldshut Erddünste aufsteigen, da brachten die Erdweiblein oder die Herrmännlein den Ackersleuten von ihren frisch gebackenen Kuchen und legten ihren Kindern Spielzeug auf die Bettdecke, damit sie nicht in Abwesenheit der Mütter schrieen. Sie spannen in den Lichtstuben fleißig mit, verließen sie aber stets um 10 Uhr, damit ihr Herr sie nicht auszanke. Die Männlein halfen in der nahen Hammerschmiede bei Hausen, schlissen den Hanf, fütterten das Vieh, schnitten die Frucht und banden Garben mit den Menschen. Bei diesen gemeinsamen Arbeiten aber kam es doch auch zu Mißhelligkeit, So sprang einmal beim Garbenbinden einem Erdmännle ein Knebel so heftig an den Kopf, daß es kläglich aufschrie. Da liefen alle Erdleute herbei, doch als sie erfuhren, was geschehen, gingen sie mit den Worten: „Selber than, selber han!“ wieder beruhigt auseinander. Den vollen Sinn legt aber erst die Vorarlberger Sage bloß: einem geschwätzigen Wildweibe stellt sich ein listiger Bauer unter dem Namen „Selb“ vor und klemmt sie dann, ärgerlich über ihre Zudringlichkeit, in eine Holzspalte. Auf ihren Angstruf eilt das wilde Feng-männlein heran und fragt sie, wer ihr das getan habe. „O! Selb than!“ erwidert sie. Da lacht das Männlein auf: „Selb than, selb han!“ Dasselbe mythische Anekdötchen spielt sich an der Ostsee zwischen einer Nixe und einem durch sie gereizten Schiffer ab. Odysseus überlistet den Polyphem mit einem ähnlichen uralten Kniff, wenn er sich ihm als Niemand angibt.

Und so lassen sich auch noch die anderen harmlosen Sagen des alemannischen Schwarzwaldwinkels in höheres Altertum zurückverfolgen. Die dortigen Zwerge nehmen Kuchen und Obst für ihren Dienst gern an, aber in Brot gebackenen Kümmel fliehen sie gleich den andern deutschen Zwergen, und Unrat, Fluchen, Grobheit der Menschen ist ihnen verhaßt. Auch hier kehrt das Motiv wieder, daß ein neuer Anzug, den z. B. ein Müller einem schlecht gekleideten Erdmännchen zum Dank für seine Arbeit auf den Mühlstein legt, dieses für immer aus der Mühle vertreibt. Ein westfälisches Schanholleken, das einem Schuster fleißig geholfen hatte und von ihm mit einem neuen Anzug belohnt worden war, rief lustig: „Ich bin ein Bürschchen hübsch und fein, ich brauche nicht mehr Schuster zu sein!“ So rufen die beschenkten Pixies in Devonshire: „Now the Pixies’ work is done, we take our clothes and off we run?“ Ein Wichtelmännchen von der Werra bekannte schon im fahre 1336 einer Nonne, daß es gern Eier, Butter und Kuchen annähme, aber Störung und Neckerei nicht vertrüge. Doch kleine Bogen und Kinderschuhe waren den Zwergen zum Spielzeug recht, denn Burkhard von Worms tadelte ums Jahr 1000 den Brauch, den Satyri und Pilosi derlei in den Keller oder die Scheune zu legen, damit sie andrer Leute Sachen darin zusammentrügen.

Aber noch eine andre alte Erdmännchengeschichte lebt hier am Schwarzwald fort: ein Mann hielt einen offenen Sack vor eine Höhle bei Hasel, um einen Dachs zu fangen.

Wirklich sprang auch etwas hinein, und er zog mit seiner Beute ab. Plötzlich rief in seiner Nähe ein Erdmännlein: „Krachöhrle! wo bist du?“ „Auf dem Buckel, im Sack!“ antwortete es aus dem Sack. Nim wußte der Mann, daß er ein Erdmännlein gefangen hatte, das er dann auch ungesäumt in Freiheit setzte. Nach einer andern Überlieferung ist aber das Gefangene wirklich ein Tier. So fing bei Muri in der Schweiz ein Bursche ein Ferkelchen, das hinter dem wie eine laut wühlende Schweineherde den Berg heraufziehenden wilden Heer dreinlief, in einen Sack. Wie er es aber heimtragen wollte, vernahm er eine Stimme aus dem Windsgebrause herab: „Hagöhrle (Krummöhrlein), wo bischt au?“ und sogleich antwortete es im Sack: „Ins Heiniguggeli’s Sack inne!“ Vor Schreck ließ der Heiniguggeli den Sack fallen und sprang davon. Die Zugehörigkeit des gefangenen Tiers zum wilden Heer bestätigt weiter die havelländische Sage, nach der einmal die wilde Jagd über Ernst Koppe kam, der einen Dachs in einem Sack gefunden hatte. Einer von der wilden Jagd fragte: „Sind wir alle zusammen?“ „Ja“, sagte ein anderer, „bis auf die einäugige Sau, die Emst Koppe in seinem Sack gefangen hat“. Und als dieser zu Hause nachsah, fand er richtig eine alte einäugige Sau und keinen Dachs darin. Die Dachse galten in den Kamemschen Bergen des Havellandes für die unterirdischen Schweine der Frau Harke, einer Zwergkönigin, die mit ihren Tieren oft bei den Jägern vorbeihuschte „wie eine wilde Jagd“. — Und nun verstehen wir die dunkle Sage. Bei stillem Wetter leben diese Windtiere ruhig in gewissen Höhlen, die ja auch „Windlöcher“ heißen, wie bei Windstille die griechischen Winde in der Höhle des Aeolos, und Odysseus hielt diese in einen Lederschlauch gebannt, bis seine neugierigen Gefährten ihn zu ihrem Unglück öffneten. Der Nordmann Ogautan hat einen „Wetterbalg“, aus dem, wenn man ihn schüttelt, so starker Sturm und so heftige Kälte hervorbricht, daß in drei Nächten das Wasser vom dicksten Eis bedeckt ist. „Unsen Herrgott is de Windbüdel reten: nu makt he den Sack apen“ oder „de Jungens hebben den Sack apen makt“ sagt man noch bei Wind in Mecklenburg. Wie man den Wind aus dem Sack loslassen kann, kann man ihn auch im Sack fangen, das einäugige Tier der wilden Jagd d. h. den Wirbelwind. Und noch gibt man den Kindern bei Waldshut auf: „Wenn der Luft recht goht, dno (dann) nimmt man en Sack und hebt en uf gegen de Luft, no fahret Dilldappe drin“. Der Dilldapp heißt aber sonst in Süddeutschland Hilpetritsch, Elpentrötsch, Olpetriitsch, er ist ein elfischer Windgeist.

Dem Schwarzwälder Zwergsagenkreis werden auch folgende gemeingermanische Züge nicht gefehlt haben. Überall in Süddeutschland wie im höchsten Norden rauben die Zwerge Kinder und legen ihren Wechselbalg, Kielkropf, Umskiptungr in die Wiege. Da muß die beraubte Mutter angesichts des verhaßten Balges Bier in Eierschalen kochen oder in einen ganz kleinen Topf einen aus vielen Stöcken hergestellten ellenlangen Rührlöffel stecken. Denn bei diesem Anblick läßt sich der alte häßliche Balg zu einem plötzlichen Aufschrei des Erstaunens hinreißen, er ruft:

„Nim bin ich so alt wie der Bremer Wald“, oder „Nun bin ich so alt und hab’ einen langen Bart und bin Vater von 18 Kindern in Alfheim und doch habe ich nie einen so großen Flegel in einer so kleinen Grütze gesehen“.

Nun hat die Mutter guten Grund, ihn unbarmherzig mit der Rute so lange zu schlagen, bis auf sein Geschrei die Zwergin das gestohlene Kind wieder bringt und mit ihrem Balge abzieht.

Süd- wie nordgermanisch ist die Sage von der elfischen Kindbetterin, die der Menschenhilfe bedarf. Plötzlich steht ein Zwerg vor einer Frau und bittet sie flehentlich, seinem Weibe Hebamme zu sein. Er führt sie in ein hübsches Höhlengemach hinein, wo ein kleines Weiblein in schweren Wehen liegt. Die Frau braucht nur die Hand ihr auf den Leib zu legen, und das Kind wird glücklich geboren. Dann wird sie entlassen, reich beschenkt, oft mit einem in der Familie sorgsam gehüteten Schmuck. So schützt ein der Frau von Alvensleben von einer solchen Zwergin geschenkter Goldring das Gedeihen ihres Geschlechts. Geht er verloren, so muß es erlöschen. In der altnordischen Göngu-Hrolfsaga Kap. 15 trat eine Alfkona aus einem Hügel, um dem Hrolf die Jagd auf einen zum Hügel geflüchteten Hirsch zu verweisen. Sie bat ihn dann zu ihrer Tochter, die im Kindbett lag. Hrolf fuhr mit der Hand um diese, sie kam sofort nieder, und die Mutter schenkte ihm einen Ring, der ihn vor aller Irrfahrt Nacht und Tag, zu Wasser und zu Land bewahrte. — Die Hebamme von Harzgerode, die ein Nix zur Entbindung einer Nixe rief, bekam von dieser ein Handtuch. Wie sie sich einst damit das eine Auge getrocknet hatte, erkannte sie auf dem Markte die Nixe. Sobald aber diese das merkte, spie sie in ihre Schürze und strich sie über das Auge der Hebamme, die sie fortan nicht mehr sah. Die eigentümlichsten Züge der Alvenslebenschen und der Harzgeroder Sage vereinigt die isländische: Sowie die von einem Elf zu seiner Kindbetterin geführte Frau dieser mit ihrer Hand um den Leib fährt, ist die Qual gehoben und das Kind da. Sie bestreicht aber dann auf Anordnung des Mannes die Augen des Kindes mit einer Elfensalbe oder einem Elfenstein. Sowie sie damit ihr eigenes Auge berührt, sieht sie plötzlich eine Menge Volks in der Stube und kann auch später auf Erden mitten aus dem Marktgetümmel jeden Elf herauserkennen. Doch wenn einer das merkt, benimmt er ihren Augen sofort mit seinem Hauch oder seinem Speichel ihre eigentümliche Sehkraft. Endlich ist die Geschichte von einem kostbaren Elfenschmuck in Island nicht an eine erfahrene Frau, sondern an ein Kind geknüpft. Eine fromme Elfin hat ein einsam spielendes Kind mit sich in den Stein genommen, aber bei seinem 13. Lebensjahre wieder ihren Eltern zurückgeschickt. Beim Abschied gab sie dem Mädchen unter anderem mehrere Edelsteine mit dem Rat, diese immer im Haar zu tragen. Und das tat sie auch noch nach ihrer Heirat. Aber als sie einst, von der Kirche heimgekehrt, ihr Kopftuch ab legte, fielen die Edelsteine ihr aus dem Haar auf den Boden. Alsbald erkrankte sie und starb. So gab einmal ein Zwerg bei Rinteln einem Mädchen einen Wocken voll Flachs und meinte, daran würde sie ihr Leben genug haben, aber sie solle ihn nie ganz abspinnen. Das hat sie auch getan, hat gesponnen jahrein jahraus, und immer war der Wocken voll, und sie bekam so viel Garn, daß sie immer ein Stück vom schönsten Linnen zum andern legte. Endlich wollte sie doch einmal wissen, was wohl unter dem Flachse säße, und spann und spann und hatte zuletzt das Ende des Fadens zwischen den Fingern. Aber darunter saß nichts, und soviel sie den Wocken auch rund drehte, der ewige Flachs war und blieb fort.

So vertraut fühlten sich die Menschen und Zwerge miteinander, daß diese jene zu Gevatter luden und von ihnen zu ihren Hochzeiten gern Schüsseln und Bratspieß borgten, wie umgekehrt die Menschen zu ihren Festen von den Zwergen. Diese finden sich auch ungeladen ein, so daß das Hochzeitsessen, kaum aufgetragen, schon wieder fort ist. Braut und Bräutigam schauen sich darob verwundert an und stecken die Köpfe zusammen, aber setzen vor, was sie haben. Wie es aber nun zum Schenken, zur Gifte, geht, nehmen die Zwerge ihre Hüte ab und werden sofort sichtbar. Da zeigte sichs denn wohl, warum die Speisen immer gleich verschwunden waren, denn die ganze Stube war von kleinen Mitessern voll. Aber hatten sie helfen essen, so halfen sie nun auch giften; jeder legte ein Goldstück in den Korb. Zuweilen werden sie aber auch bei der Hochzeit überrascht, indem mitten im Schmause die Hüte mit einem Seil abgestreift wurden; dann fliehen sie ärgerlich davon. Oft dünkten ihnen aber ihre eigenen Räume für ihre Feste zu klein und dürftig; dann feierten sie diese mit Musik und Tanz im nächsten hübschen Grafenschloß, z. B. auf der Eilenburg in Sachsen. In Goethes feinem Hochzeitslied hört und schaut der Graf ihrem festlichen Treiben freundlich träumend zu.

Auf Island waren die Elfen zu solchen Festen in ihren eigenen wie in fremden Wohnungen besonders zur Julzeit aufgelegt, in der ja auch die Nordleute sich der ausgiebigsten Festfreude hingaben. In den heiligen zwölf Julnächten hatten die Alfar ihre Fahrtage und zogen von Stein zu Stein zu andern. Elfen oder auch in die Häuser der Menschen zum Gelage. So fuhren schon die indischen Ribhus, ihre Stammverwandten, zwölf Tage im Jahr umher, um Gastfreundschaft zu genießen, suchten ihre Verwandten auf, fluchten oder grüßten, je nach dem Empfang, der ihnen ward, und befruchteten die Erde. Offenbar wurden die Elfen auf Island auch deswegen, um ihre Gunst zu gewinnen, besonders feierlich und vorsichtig empfangen. Die Hausfrau ließ noch bis ins 19. Jahrhundert hinein in jeder Ecke des Hauses Licht brennen, so daß es weit hinausleuchtete in die öde Wintemacht und nirgendwo drinnen Schatten war. Alles war sorgsamst gefegt, alle Türen standen offen. Sie aber umschritt das ganze Haus und sprach:

„Komme, wer nur kommen mag, fahre, wer nur fahren mag, mir und den Meinen ohne Schaden!“

Auch aus Deutschland erfahren wir, daß man am Weihnachtsabend in den Brunnen hinein mit Lichtem leuchtete, also den Quellelfen, wie dort den umziehenden Bergelfen. Wir verstehen nun auch die an Steinen und Quellenrand aufgestellten Lichter in den alten Konzilsbeschlüssen, auch sie waren zu Ehren der Elfen entzündet. Noch im Jahr 1819 sah ein Hirte am Morgen nach dem 13. Jultag viele Männer, Weiber und Kinder mit bepackten Pferden und Wagen durch ein Tal in einen Stein fahren. Geläute und Gesang tönte heraus, aber kein Wort konnte er unterscheiden und, wie er sich näherte, war der Stein verschlossen. Als er nun ängstlich davon eilte, bezwang ihn der Schlaf, ein langer Schlaf, bis ihm der kalte Morgentau am Kinn herabrann. Da erwachte er und trieb sein Vieh heim und war lange Zeit verstört. Noch bedenklicher ist es, wenn jemand sich in der Julnacht auf einen Kreuzweg setzt. Denn da kommen die Elfen von allen Enden und bitten ihn, mitzukommen; er darf nichts darauf antworten. Nim tragen sie Schmucksachen und Kleider, Speis und Trank herbei; er darf nichts davon nehmen. Endlich schmeicheln ihm freundliche Elfinnen in Mutter- oder Schwestergestalt, doch mit ihnen zu gehen, auf jegliche Weise; er muß ihnen Stand halten. Sobald aber der Tag anbricht, muß er aufstehen und sagen:

„Gott sei Lob, nun ist der Tag in der ganzen Luft!“

Da verschwinden die Elfen plötzlich, und ihre Schätze, die sie in Stich lassen, erhält der standhafte Mensch. Antwortet er ihnen aber oder geht auf ihr Angebot ein, so wird er verzaubert und seines Verstandes beraubt und verkehrt nie wieder mit andern Menschen. Auch dies ist deutsch. Läßt man sich in Schwaben während der Christnacht auf einem Kreuzweg von den herzudrängenden Gespenstern nicht zum Reden oder Lachen verlocken, so wird man vom Teufel nicht zerrissen, sondern vielmehr mit Famsamen beschenkt, der 20 bis 30 Männerkraft verleiht.

Eine isländische Elfin, die in einem Bauernhof als tüchtige Magd dient, legt in jeder Julnacht dem schlafenden Knecht, der während des Gottesdienstes allein mit ihr zu Hause geblieben war, ein Zauberrittgebiß an und reitet ihn auf dem Weg zu und von dem Elfenfeste zu Tode, bis es einem Knecht gelingt, lebend einen Ring aus dem Elfenreiche mit heimzubringen. Wie er nun daheim seine Erlebnisse im festlichen Elfenstein erzählt und alle schweigen, die Magd ihn aber laut der Unwahrheit zeiht, da zeigt er ihr den Ring mit den Werten „Königin Hilda, ist das dein Ring?“ Sie ruft: „Nun bin ich erlöst, weil endlich ein Mensch es wagte, mir nach in Alfheim einzudringen. Nun verlangt mich zu den Meinen!“ Nach schöner Danksage für alles Gute verschwand sie, der Knecht aber wurde der beste Bauer im ganzen Lande.

Einen anderen Verlauf nimmt der Elfenspuk auf einem andern Bauerhof, auf dem ebenfalls an jedem Weihnachtsmorgen ein Knecht tot im Bette gefunden wird, getötet von den Elfen, die ins Haus dringen, um hier während des Kirchgangs der Familie ihr Julfest zu feiern. Trotzdem entschließt sich ein neuer Knecht, allein am Julabend zurückzubleiben. Er zündet Licht an und versteckt sich dann hinter zwei losen Wanddielen der Wohnstube so, daß er durch die Ritze sehen kann. Da treten zwei unfreundliche Fremdlinge ein und spähen überall umher. Der eine sagt: „Menschenluft, Menschenluft“, der andre: „Nein, hier ist kein Mensch“. Mit dem Licht leuchten sie in alle Winkel, finden nur den Hund unter dem Bett, drehen ihm den Hals um und werfen ihn hinaus. Nun füllt sich die Stube mit Volk, der Tisch wird gedeckt mit Silbergerät, Speis und Trank; und auf das laute Mahl folgt ein fröhlicher Tanz, nachdem die Stube von Tisch und Gerät und Kleidern geräumt ist. Zwei halten draußen Wache, ob auch jemand käme oder der Tag anbräche. Nachdem sie dreimal drinneu günstige Meldung gemacht haben, ergreift gegen Morgen der Knecht die beiden losen Dielen, springt mitten in die Stube, schlägt die Dielen aneinander und schreit aus Leibeskräften: „Tag! Tag!“ Nun drängt die ganze Gesellschaft ins Freie, eins über das andre, stürzt sich draußen durch das Gerät, einer tritt den andern unter die Füße, manche bleiben schwerverwundet liegen. Und hinter ihnen drein der Knecht, der fortwährend die Bretter zusammenschlägt und „Tag! Tag!“ schreit, bis sich alles in ein benachbartes Wasser wirft. Heimgekehrt trägt der Knecht die Toten hinaus und erschlägt die Verwundeten und verbrennt dann ihre Leichen. In die Sachen, die die Alfen in Stich gelassen, teilen sich der Knecht und sein Herr, und der Knecht wird ein angesehener Mann. Aber eine Julnacht hat er nie wieder in dem Hofe zugebracht. In Norwegen und in Schleswig-Holstein geht eine ähnliche Sage von einem Knappen, der allein in einer gespenstischen Mühle nächtigt. Aber viel genauer stimmt die Harzer Sage von einem alten Soldaten, der einem nächtlichen Fest des Zwergkönigs Hübich und seiner Leutchen in der Mühle beiwohnt. Als sie plötzlich Tabak riechen, schlägt der Soldat sie mit einem Stock in die Flucht und streicht all ihr kostbares Geschirr ein.

Die schönsten Sagen sind auch hier aus der Liebe entsprungen, aus der der Elfin zum Manne, oder des Weibes zum Elfen. Die folgende englische Sage läßt dies Motiv noch gar nicht ahnen. Am S. Cuthberts-Brunnen bei Edenhall belustigen sich Elfen, denen ein Kellermeister vom Brunnenrande weg ein kostbares Glas raubt, „the luck of Edenhall“. Sie rufen ihm nach „if that glass either break or fall, farewell the luck of Edenhall.“

Angedeutet wird die Liebe der Elfin in folgender olden-burgischen Sage: Einmal hielt Graf Otto von Oldenburg jagdmüde auf seinem Schimmel am Osenberg und rief: „Ach Gott, wer nur einen kühlen Trunk hätte!“ Da tat sich der Berg auf, und heraus trat eine Jungfrau in schönen Kleidern, die Haare über die Achseln geteilt und oben mit einem Kranze bedeckt. Sie bot dem Grafen ein silbernes, reich verziertes Trinkhom. Er hob den Deckel auf, aber der Trank mißfiel ihm. Da sprach die Jungfrau: „Trinket Ihr aus diesem Horn, so wird es Euch und Eurem Geschlecht und Lande wohlgehn; wo nicht, so wird es in Zwietracht zerfallen.“ Er aber schwang das Horn hinter sich und goß es aus, wobei einige Tropfen auf des Schimmels Rücken fielen, dessen Haare sie sogleich verbrannten. Als nun die Jungfrau ihr Horn zurückbegehrte, sprengte der Graf mit diesem davon; sie aber eilte ihm nach, bis sie tot zusammenbrach, und in der folgenden Nacht hörte man ringsum den Ruf „ Fehmömeis dood“ Der Graf aber brachte das Horn nach Oldenburg, von wo es später nach Kopenhagen kam. — Deutlicher erzählt die schlichte Fär-öemsage: Geht ein Bursch in die Öde durstig und müde, so kommt ein Huldremädchen aus dem Elfenhügel und bietet ihm einen Trunk Bier oder Milch. Bläst er den Schaum nicht ab, so trinkt er sich Vergessenheit, und sie nimmt ihn mit sich in den Berg. Aber offenbar ist der Trank, nicht die Liebe das alte Leitmotiv der Sage. Die entsprechende Blekinger Sage, nach der ein Knecht in der Walpurgisnacht Hexen, die seinem Herrn die Felder verwüstet hätten, bei ihrem Gelage überrascht und ihnen ein goldenes Horn raubt, aus dem er zu trinken verschmäht, eröffnet einen großartigeren Naturhintergrund. Als sein Herr, dem er davonsprengend das Maitagshorn gebracht hat, die Rückgabe des Horns den Hexen verweigert, brennen sie ihm die drei nächsten Ernten ab und werfen ihn in völlige Armut. Diese Bergelfinnen, Huldremädchen, Hexen sind also wohl ursprünglich Wolkenelfinnen, wie die befruchtenden Regnerinnen, die Pleiaden, in Griechenland aus himmlischen Nymphen zu Gebirgsnymphen geworden. Und wie die nahverwandten Hyaden, die Regnerinnen, aus Krügen Wasser gießen und ein fruchtbares Jahr bringen, so tritt die germanische Wolkenelfin im ersten Frühlingsgewitter im Mai mit einem Trinkhorn hervor, aus dem sie Segen, aber auch Brand auf Tier und Flur schütten kann.

Freundlicher ist die andere deutsche Liebesgeschichte einer Elfin und eines Mannes. Dicht unter dem Gipfel des Paschenbergs über der Schaumburg an der Oberweser liegt das Mömkenloch, worin eine Zwergin mit langem schönen Haar wohnte, das bis an die Sohlen reichte. In sie verliebte sich ein Graf oder Bauer und besuchte sie immer heimlich. Aber sein Weib spähte ihm nach und ging tief in das Loch hinein, bis sie endlich in eine Kammer kam, wo sie ihren Mann mit der Zwergin fand. Deren lange Haare hingen aus dem Bette bis auf die Erde hinab. Da rief die gute Bäuerin — ein rührend bescheidener Zug —: „O behüte Gott deine schönen Haare!“ und hob diese behutsam aufs Bett. Damit wich sie von den beiden, der Bauer aber erschrak so sehr darüber, daß er nie wieder mit der Zwergin zusammenkam. Diese auch westfälische und bairische Sage hat an der Oberweser ein ernstes Nachspiel. Ebenso wie am Osenberg, nachdem die Feh-möme vom Oldenburger Grafen verlassen, der Wehruf erscholl: „Fehmöme is dood!“, so rief hier ein Zwerg zur Schaumburg hinab: „De Möme is dood“, und bald darauf ist in der Nacht einer zum Fährmann in Großwieden an der Weser gekommen und hat ihm geheißen, die Fähre bereit zu halten, denn er solle Leute übersetzen. Viermal hat er übersetzen müssen, hat aber niemand gesehen, und dennoch ist die Fähre so tief gegangen, als wenn sie ganz voll wäre. Als er endlich zum vierten Mal mit schwerer Ladung übergefahren ist, hat der, welcher ihn gedungen hat, gesagt, er solle einmal (über seine rechte Schulter, heißt’s in mehreren Sagen) auf die Wiese sehen. Da hat er auf der Wiese Kopf an Kopf erblickt. Beim Abschied rief ihm der Kleine zu, seine Bezahlung liege in der Fähre. Er fand aber nichts als Pferdemist und stieß diesen ärgerlich mit dem Fuß ins Wasser. Etwas blieb ihm aber in seinem Schuh sitzen, und das waren am andern Tage lauter Dukaten. — Das ist die Sage von des kleinen Volkes Überfahrt oder Abzug, die weit über Deutschland bis nach Schottland und Irland verbreitet ist.

Ergreifender sind die isländischen Liebessagen. Hat ein Mann mit einer Elfin Umgang gehabt, so steht eines Sonntags plötzlich vor der Kirchtür eine Wiege, darin ein Kind, mit einem kostbaren Tuche bedeckt. Dabei wartet die Elfenmutter auf die Kirchgänger, und ihrer einen fragt sie laut vor allen Leuten: „Bekennst du dich zur Vaterschaft dieses Kindes!“ Da er sie verleugnet, schleudert sie die Wiegendecke, den „Elfenmantel“, zum ewigen Zeugnis seiner Lüge in die Kirche und verflucht sein Geschlecht bis ins zehnte Glied und verschwindet samt Wiege und Kind. — Die Perle aber aller dieser Geschichten ist die isländische Sage von der Liebe einer Bauerntochter zu einem Elf oder Huldumann. Wie sie am Herd ihrer einsamen Sennhütte steht, kommt ein junger freundlicher Bursch zu ihr und bittet um einen Krug Milch für seine kranke Mutter. Sie heißt ihn täglich wiederkommen, bis zu deren Genesung, und sie gewinnen sich lieb. Als sie nun bei ihrer Niederkunft in Ohnmacht fällt, träufelt er ihr aus seinem Munde Kraft ein und trägt das Kindlein zu seiner Mutter, die darauf die junge Bäurin pflegt, bis sie wieder auf den Füßen ist. In den Hof zurückgekehrt, verrät sie dem alten Bauer nichts, und dieser drängt sie bald darauf wider ihren Willen zur Ehe mit einem reichen Freier. Endlich gibt sie ihm nach mit den Worten „Das wird nun so, wie’s werden soll!“, und nur das eine bedingt sie sich aus, daß ihr Ehemann nie einen Wintergast, wie sie sich wohl im Herbst der Unterkunft halber in den Höfen zur Winterarbeit meldeten, ohne ihre Einwilligung aufnehmen solle. Das verspricht er. Drei Jahre leben sie glücklich dahin. Da stellt sich zur Herbstzeit ein Mann mit einem kleinen hübschen Buben ein und bittet den Bauer, sie beide über Winter bei sich zu behalten. Er ist geneigt dazu, doch, eingedenk seines Versprechens, fragt er erst seine Frau um ihre Einwilligung. Sie verweigert sie, doch dringt er so lange in sie, bis sie nachgibt und abermals spricht: „Das wird nun so, wie’s werden soll!“ Die Frau redet den ganzen Winter lang kein Wort mit dem Fremden. Da will der Bauer mit ihr am Palmsonntag zum Abendmahl gehen, und vor der Tür fragt er sie, ob sie alle Hausgenossen, der Sitte gemäß, zuvor um Verzeihung gebeten habe. „Nein!“ antwortete sie, „den Wintergast nicht; mit dem habe ich ja auch nichts zu tun gehabt!“ Darauf er: „Nicht eher fahren wir zur Kirche, als du das getan hast.“ „Das wirst du bereuen“ erwidert sie und zum dritten Male „Das wird nun so, wie’s werden soll!“ Und traurig geht sie zu dem Fremden ins Haus und kommt nicht wieder. Da geht auch ihr Mann ungeduldig hinein und hört sie in der offenen Kammer sagen: „Nun habe ich den süßesten Labetrunk von deinen Lippen geschlürft.“ Er stürzt hinein, und in inniger Umarmung liegen sie vor ihm, beide von Harm zersprungen, und das Büblein steht weinend dabei. Der Bauer läßt das Paar begraben, der Knabe verschwindet, niemand weiß, wohin.

Mit wie erschreckender Gewalt hat sich da oft die innere Phantasiewelt in volle Wirklichkeit umgesetzt: die Schicksale der Menschen und der Elfen greifen von alten Zeiten her wie die zweier nah verwandter und doch ewig fremder Geschlechter tief in einander. Selbst das Christentum vermochte nicht die gern betretenen Brücken zwischen beiden vollständig zu sprengen: hie und da birgt wohl noch eine isländische Kirche ein sagenhaftes Elfentuch, und der schwedische Elf sucht die Verbindung mit einem Menschen, gerade um mit ihm die ewige Seligkeit zu erlangen. So hat namentlich das Bergelfenvolk, nicht ganz in sich befriedigt, schon immer Anschluß an die Menschen gesucht, und gar manche von diesen hat es immer gereizt, in die Elfenwelt einzudringen. Aber fast ausnahmslos endet dieser oft so freundliche, innige Verkehr in Trauer. Während die Riesen zu tappig dazu sind und die Götter sich vornehmer davon zurückhalten, müssen die Zwerge gerade in diesem Verkehr allerlei Prüfungen durchmachen, und über ihr strebsames, genußreiches, heiteres Leben legt sich eine Wolke der Enttäuschung und der Entsagung.

In den germanischen Wäldern sind überall die Wald-und Baumelfen zu Hause; seltener aber im deutschen Marschenland, in Dänemark und England, und ausgestorben sind sie im waldlosen Island. Früher hieß der deutsche Waldmann Scrato, gotisch wohl , angelsächsisch Wuduaelf oder Wudewase, altnordisch Holzmann, die deutsche Waldfrau Holsmuoja, was auch Eule bedeutet, Holzruna,Waldminna. Jetzt nennt man sie Wildleute in den Alpen oder genauer und Waldfänken in Graubünden und Vorarlberg, Moos-, Holz- und Wetterfräulein und Buschweibchen in Süd- und Mitteldeutschland, in Schweden ist Hülfe oder Skougsmann der Holz- oder Waldmann, Skogsfru die Waldfrau oder die Waldschnauberin. Allgemeiner werden sie auch „weiße Weiber“ in Norddeutschland und Ellepigern und Ellefruen Elfenmädchen und -frauen in Dänemark genannt.

Eines der ältesten indogermanischen Lieder, das rigvedische Lied an die Waldesfrau, schlägt den Grundton derjenigen Empfindungen an, der in der Waldeinsamkeit noch heute im germanischen Volksgemüte widerklingt. Es ist nicht so sehr die Freude über die Schönheit der grünen, stolzen Pracht und die Andacht zu der dämmerigen Stille, es ist vielmehr das verlockende und zuweilen beängstigende geheimnisvolle Weben der Waldeinsamkeit, das das Innere erregt und die germanische Waldelfensage beherrscht. Jenes aus tiefer Naturempfindung entsprungene Lied lautet :

1. O Waldesfrau, O Waldesfrau,

die du im Busch verschwindest dort,

was fragst du nach dem Dorfe nicht?

Beschleichet dich denn keine Furcht?

2. Wenn auf des Uhus lauten Ruf

der Papagei die Antwort gibt

und wie mit Glöcklein läutet froh,

dann ist die Frau des Waldes stolz.

3. ’s ist, als ob Kühe fräßen Gras,

und wie ein Wohnhaus sieht sich’s an,

und wie ein Wagen knarrt es jetzt,

auf dem sie Abends weiterfahrt.

4. Dort ruft wohl Einer seiner Kuh,

dort hat wohl Einer Holz gefallt;

wer nahe bei der Waldfrau weilt,

hört deutlich Abends Jemand schrein.

5. Sie tötet nicht, die Waldesfrau,

wenn nicht ein Andrer sie beschleicht;

genoß er von der süßen Frucht

nach seinem Wunsch, so fällt er hin.

6. Gerühmt hab ich die Liebliche,

nach Wohlgeruch schön Duftende,

die reich an Speisen ohne Pflug,

die Wildmutter, die Waldesfrau.

Einsam und furchtlos verliert sie sich, vom Dorf abgekehrt, im Dickicht, froh über den Wettgesang des Uhus und des Papageis. Im Dämmer des Waldes schwimmen allerlei Bilder vorüber, in der Stille tauchen unerklärbare Geräusche auf und vergehen. Ein unheimlicher Schrei! vielleicht geht er von ihr oder auch von einem zudringlichen Menschen aus, den sie getötet. Doch — wie wenn hier ein Jäger spräche: „ich preise die liebliche, duftige Mutter der wilden Tiere“.

Die schwedische Waldfrau ist der indischen am meisten ähnlich. Denn sie trällert, lacht und wispert im Dickicht. Am klatschenden Waldbach wäscht sie, und wo im Lenz schneeweiße Flecken tief hinten im dunklen Walde sichtbar werden, breitet sie ihre Kleider aus. Sie zaubert in den Wald einen Huldrehof oder Hullagaard mit fettem Vieh hinein, der aber immer verschwindet, sobald man sich ihm nähert. Oft hört man sich bei Namen rufen, dann antworte man bei Leibe nicht: „Ja!“, sondern: „He!“, denn sonst ist man in ihrer Gewalt. Laut lacht sie auf und schleppt Einen stundenlang durch Dom und Morast, und zuletzt ist man so sinnverwirrt, daß man sein eigen Haus nicht erkennt. Dann ist man „skogtagen“ vom Walde festgehalten, bezaubert. Oder sie schreit tückisch laut auf und ruft ihren Gatten herbei, der dann den Liebhaber niederschlägt. Der Jäger aber sucht sie zu gewinnen, denn sie ist die Herrin des Wildes, namentlich einzelner Hirsche, Hasen und Auerhühner, sogenannter Freitiere. Er legt eine Münze oder etwas Speise für sie auf einen Baumstumpf oder Stein nieder. Ihre ursprüngliche Wettematur bricht noch vielfach in wilder Frische durch; wie in Ober-franken Wetterfräulein, heißt sie dämm auch in Schweden die Waldschnauberin. Sie kündigt ihr Erscheinen, wie ausdrücklich bemerkt wird, mit einem scharfen eigentümlichen Wirbelwind an, der die Baumstämme bis zum Brechen zusammenschüttelt. Oder sie beugt den Wald und klopft im Gewitter ihre Kleider. In Westfalen sagt man bei Wirbelwind: „Da fliegen die Buschjtmfern“. Im Riesengebirge stürzen sich die „ Rüttelweiber“ im Wirbelwind auf die Wiesen und werfen das Heu auseinander. Bei zerrissenem Nebelgewölk kocht das Buschweibchen und steigt im Aprilhagel mit wildem schneeweißen Haar über den bayrischen Wald. Die Dante verte des Franche Comt£ lacht bei ihren Koboldstreichen hell auf, daß es in vielfachem Echo spöttisch widerhallt. Das badische Rockertweible} das sich in einer Regennacht mit drei Wilderem am Feuer die Kleider trocknet, schleift den einen, der ihr ein grobes „Packe dich!“ zugerufen, bis Tagesanbruch durch dick und dünn. Andre Beleidiger reißt sie hoch auf den Lautenfelsen oder taucht sie tief in den Gumpen des Bachs hinab. Doch in dem Jahre, wo sie sich den Menschen zeigt, gibt es Frucht und Heu die Hülle und Fülle. Die wilden Weiber in Wälsch-tirol spinnen plötzlich Leinewand (Nebel?) durch den Wald und versperren dadurch dem Verirrten den Weg, und in zahllosen deutschen Sagen kämmt die Waldfrau ihr Haar und lockt in den Wald, und dabei macht oft schon ihr Anblick wirr und schwermütig.

Auch die Waldelfinnen haben Liebschaften mit Menschen. Schon ums Jahr 1000 erzählt Burkhart von Worms von Waldfrauen, die sich plötzlich ihrem Liebhaber zeigen, um sich mit ihm zu ergötzen, und plötzlich wieder verschwinden. In einem Wolfdietrichsgedicht des 13. Jahrhunderts kriecht „ die rauhe “zum Feuer, an dem Wolfdietrich schläft, auf allen Vieren wie ein Bär, reizt ihn vergebens zur Minne, zaubert ihn in Schlaf, schneidet ihm seine Nägel und zwei Locken ab und macht ihn zu einem derartigen Toren, daß er ein halbes Jahr „wild“ laufen muß. Da stellt sie sich ihm plötzlich wieder dar, streift ihre rauhe Haut ab und wird nun die Königin minne} des Helden allerschönstes Weib. In der Volkssage ist sie oft behaart, mosig, mit runzligem Gesicht, doch öfter vorn lieblich und mit fliegendem Haar, dagegen, nach steirischer wie nach schwedischer Sage, hinten wie ein Backtrog oder ein hohler Baumstamm, wie jene Wolken-elfinnen bereits einen hohlen Rücken hatten. So haben sie weltflüchtige Mönche zur Frau Welt ausgestaltet, die der Dichter Wirnt von Grafenberg um 1200 darstellte, eine vorn schöne Frau mit schlangen- und krötengefülltem Rücken. Die schwedische Skogsfru liebelt um Mitternacht mit Jägern, Fischern und Köhlern am Lagerfeuer und schwälenden Meiler; noch 1691 wurde ein junger Bursche aus dem schwedischen Markehärad wegen unerlaubten Verkehrs mit einem solchen Waldweib zum Tode verurteilt. Die schwedische Waldfrau trägt auch Tierfelle und einen Kuhschwanz, wohl im Winter, ja die Waldfrauen nehmen oft Tiergestalt an. Die Wildfangen der Alpen springen als Wildkatzen herum, das Holzweib klagt als Eule auf dem Ast, und hoch in der Luft kreist das selige Fräulein als Geier, um ihre Gemsen zu schirmen. In rein menschlicher Gestalt ist sie gleich anderen Elfinnen wilder Tanzlust ergeben, so sehr, daß ein römisches Denkmal bei Schweinschied deswegen, weil eine Tänzerin darauf dargestellt ist, vom Volk Wildfrauenkirche genannt wird. Ja die hessische Waldfrau kitzelt kleine Buben und raspelt sie im Wirbelwinde an dürren Bäumen zu Tode.

Doch sind die deutschen Waldfrauen auch vertraut mit allerlei Heilwurzkräutern des Waldes, von denen eins, eine Art Baldrian, in Montavon auch Wildfräulekrut heißt. Im Gudrunliede verdankt Wate seine Wundheilkunst einem wilden Weibe, und im Eckenlied bestreicht das von Fasolt gejagte Fräulein mit einer Wurzel den wunden Dietrich von Bern und sein Roß. Harzer Moos weiblein gaben Wanderern Wurzeln und Kräuter zur Gesundheit; in der Pestzeit riefen die oberpfälzischen Holzfräulein aus dem Walde: „Eßt Binellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an!“ Als Hödr, der Feind Balders, zum erstenmal in einem Waldhause drei Waldmädchen findet, versprechen sie ihm Hilfe im Kampf. Im selben Augenblick verschwindet das Haus, und Hödr steht allein in der Wildnis. Hernach trifft er sie noch zweimal, und sie schenken ihm siegbringende Waffen und lassen ihn genießen von der Zauberspeise, die Balders Kraft so gefährlich steigert. Die Waldmädchen sind hier schon halbe Walküren. Sie nisten sich auch hilfsbereit dicht bei den Wohnungen ein. Im Mittelalter wohnten die westfälischen guden Holden oder witten Vrouwen unter der Erde oder schönen Bäumen und krausen Büschen, wo man ihnen opferte. Der südschwedischen Askafroa Eschenfrau oder Hyllefroa Hollunderfrau goß man Wasser oder Milch über die Wurzeln ihres Baumes, um ihres Schutzes willen, und den schon (S. 90) besprochenen Schutzbaum eines nordischen Bauernhofes, den Wichterbaum, umarmt die kreisende Bäuerin in ihrer Not.

Wenn aber der Herbststurm heulend das gelbe Laub und wüsten Nebel durch den Wald jagt, dann ergeht es der Waldfrau schlimm; dann verfolgt sie ein riesen- oder götterhafter Jäger. Mit lautem Jagdhorn hetzt zu Roß der Sturmriese Fasolt, von langem Weiberhaar umflattert, eine klagende Frau wie ein Wild. Der Verfolger ist oft der höllische oder der wilde Jäger, ein wilder Mann, in Südtirol Beatrik d. i. Berndietrich oder in Lauenburg geradezu Wode, in Dänemark Un d. i. Oden, in Sm&land König Oden. Die Verfolgte ist die wilde Frau oder , Ellefru oder auch die Beischläferin eines Priesters. Mit tief hangenden Brüsten und flatterndem gelben Haar rennt sie vor ihm her und flüchtet auf einen mit drei Kreuzen ausgehauenen Baumstumpf oder in einen für sie bestimmten Ährenbüschel. Wird sie aber eingeholt, so wirft der Jäger sie vor sich übers Roß und stürmt frohlockend durch die Wildnis weiter. So jagt der Sturmriese oder Sturmgott die Wirbel windselfin des Waldes: ein altes Herbststimmungsbild! Da nun aber in Schweden die Wirbelwinde vorzüglich im Sommer kurz vor einem Gewitter entstehen, so verfolgt hier Gofar d. i. der Donner die Trolle und Wald-weiber. In Gotland heißt ein solches Thorspjäska Donnersmädchen, vom schön, hinten hohl wie ein Backtrog, und flüchtet bei Gewitter ins Haus, in Norwegen unter eine Weiberschürze. Nimmt man sie auf, so schlägt der Blitz ein. Wenn aber im Winter das Stadelheu mit Schlitten von der Alp geholt wird, hockt wohl ein ganzes Dutzend wilder Frauen hintenauf und fährt mit; auch ruhen sie gern in den Heustadeln.

Die anmutigsten Wildfräulein sind die blonden, blauäugigen, silbergekleideten Seligen oder Saligen Fräulein Deutsch Tirols, die zuerst von Berthold von Regensburg als felices dominae ausdrücklich genannt werden und in Wälsch Tirol Enguane oder Belle Vivane heißen. Sie umleuchtet wie das Hochgebirge ein klarerer, reinerer Glanz. Sie bewohnen in den innersten Talwinkeln Eis- und Krystallgrotten, die oft talwärts von paradiesischen Blumenauen umgeben sind. Hier hegen sie namentlich Gemsen, strafen die Jäger für deren Verfolgung und bejammern deren Tod. Die weißen Wölkchen an den höchsten Gipfeln, ihre Hemden und Kindstüchel, künden schönes Wetter an; als Schneefräulein geben sie im Herbst den Hirten Winke zum rechtzeitigen Abfahren von der Alp vor Schneewetter. Zur Ernte kommen sie gern aus dem Walde aufs Feld herab, den Leuten zu helfen. Durch ihren schönen Gesang machte eine Salige einen Hirten seinem Weibe abspenstig, bis dieses ihn nachts in der Höhle der Saligen überrascht, wie jene Bäuerin ihren Mann im Mömekenloch an der Oberweser (S. 188). Es weint und verwünscht ihre Ehe und die Saligen, die seitdem spurlos verschwunden sind.

Die Waldelfinnen führen meistens ein freies, nicht an die Bäume gebundenes Leben. Doch sind manche Bäume von einem dryadenhaften Geiste erfüllt. Eine warnende Stimme ertönt aus dem schwedischen Wachholder, der von der Axt bedroht wird: „Haue den Wachholder nicht“. Und wird der Baum dennoch gefällt, so stößt er einen Schmerzensschrei aus, und aus seinen Wurzeln fließt Blut. In einem kärntischen Ahornbaum lebte eine verwunschene Jungfrau. Mit dem Bogen, der aus einem Zweige desselben geschnitten wurde, wurden die ergreifendsten Weisen gespielt. Die Jungfrau ist eine ursprüngliche Baumnymphe.

Die wilden Männer gehen häufiger als die wilden Frauen über das Elfenmaß in Riesengestalt über, namentlich in den Alpen, aber auch in Hessen. Hier schreitet der Wildmann entweder baumgroß über die Berge und rüttelt an den Waldwipfeln oder wandelt winzig zwischen den Schachtelhalmen einher. Groß oder klein, sind sie echte Wetterfiguren. Auch in Tirol fährt ein riesiger wilder Mann, einen entwurzelten Baum in der Hand, mit Sturm durch die Lüfte und verfolgt die Seligen, oder er nimmt als starker Geißler oder Küher beim „Geißlerstein“, bis zu dem man ihm die Geißen oder Kühe des Dorfs entgegentreibt, diese in seine Hut und treibt sie mit strotzendem Euter Abends wieder bis zu diesem Steine herab. Außer diesem Riesen zeigt sich in Tirol in Bergmoos und grüner Kleidung das „wilde Mannl“ oder , Orge, vom italienischen Orco d. i. Unterirdischer, jauchzt bei herannahendem Regenwetter auf einer Anhöhe und dient, namentlich zur Zeit der Aussaat, als Wetterprophet. Hält er seinen guten Rat zurück, so füllt ihm wohl ein mutwilliger Bauer sein Trinkgefäß, ein Loch im Felsstein, mit Wein. Neugierig kostet er vom ungewohnten Naß und, lustig geworden, wird er mit der Frage nach einem Heilmittel gegen die Pest überrascht. „Ich weiß es wohl“, antwortet er ähnlich wie oben die kräuterkundige Waldfrau, „Bibernell und Eberwurz; aber das sage ich dir noch lange nicht!“ Oder man bindet ihn im Rausch und befragt den darauf Losgebundenen nach seiner Kunst, Butter, Käse und Lab und aus Milchschotten Gold zu bereiten. Da speist er schelmisch die Neugierigen mit einer selbstverständlichen Wetterregel ab. Genau so preßte man aus dem im Rausch gefesselten lateinischen und griechischen Wildmann, dem Faunus und Silen, sein Geheimnis. Auch hier liegt eine altdeutsche Volkssage ungelehrten Ursprungs vor, die aber wahrscheinlich nicht heimisch war und daher auf den äußersten Süden beschränkt blieb. Sie mag ein früher Völkerverkehr aus Italien in die deutschen Alpen getragen haben.

Dagegen scheint trotz der Verwandtschaft mit der antiken Überlieferung ganz selbständig zu sein die von Tirol bis nach Nordschleswig und England verbreitete Sage vom Weheruf der Berg (S. 187 f.), wie der Waldelfen über den Tod ihres Herrn oder ihrer Herrin. Als ein Wildfangenmädchen, das bei einem Bauer dient, von diesem erzählen hört, „die Rauhe Rinte ist tot!“, springt sie mit dem Schrei: „Die Mutter ist tot!“ aus dem Hause in den Bannwald. Vielstimmig ertönt die Klage: „Die Mäume is „Pippe Kong is dood!“, „Urban ist tot“. So erscholl einst in Griechenland über das spiegelglatte, von keinem Lüftchen bewegte Meer der Ruf: „Der große Pan ist tot!“, dem die Klage vieler Stimmen folgte. Pan hieß der „Herr des Waldes“, der mit den Baumfrauen, den Dryaden, buhlte, durch plötzliche Töne und Widerhalle des Waldes Schrecken einjagte und im Zorn Irrsinn bewirkte. Der troezenischen Obrigkeit zeigte er Heilmittel gegen die Pest an. Abends überbot er allen Vogelsang, wenn er auf der Syrinx spielte, so daß die Nymphen beim Echo des Berges ihn umtanzten. In der stillen Gluthitze der Mittagssonne schläft er, bei langer Windstille ist er tot. Aus tiefster lautloser Waldesruhe stieg seine schwermütige Sage auf.

Die achtungsvolle Scheu, die die indogermanischen Völker vor ihren Waldgeistern hegten, zitterte noch bis vor kurzem in der beerensuchenden Jugend Thüringens und Braunschweigs nach; sie zerdrückten bei der Heimkehr auf einem Stein zum Dank einige Beeren, und in Franken legten sie gar Brot, Obst und Beeren dem Heidelbeermann beim Eintritt in den Wald hin. Der Schwarzwälder Bub aber sang:

„Holder, holder, reere,

„Mer chomme us de Beere,

„’s Beerimännli isch zue is cho (uns gekommen),

„’s hat is alli Beeri gno (genommen).“

„Wind ist der Welle lieblicher Buhler“. Schweben die Luftelfen zu den Gewässern hinab oder tauchen sie in diese nieder, so werden sie zu Wasserelfen, wie sie noch heute in Schweden heißen. Der Windelfe Andvari gestand, daß ihn in der Vorzeit eine jämmerliche Norne dazu bestimmte, sich im Wasser zu tummeln. Der älteste einfache Wasserelfenname scheint althochdeutsch , angels. Nicor und altnord. Nykr zu sein, mit dem freilich damals das Krokodil oder Flußpferd oder ein vielgestaltiges Wassertier übersetzt wurde. Das Wort soll mit dem griechischen niptein sich waschen Zusammenhängen, wie denn auch in Südwestdeutschland die Nixe Waschwibele heißt. Nach dem isländischen Landnahmebuch stürzte sich ein apfelgrauer Nykurhest bei Sonnenuntergang nach dem Heueinfahren ins Wasser. Der nordische Nikur, Neck oder , der schottische Waterkelpic stieg als Apfelschimmel oder als Seehund aus der Flut, der Ahnherr der Merowinger war ein mächtiger Wasserstier. Die Langobardenkönigin Theodolinde überwältigte ein Meerwunder, das plötzlich wie ein schwarzer, feueräugiger Bär aus dem Wasser stieg. Bald als Roß, bald als schwarzer brüllender Stier erscheint der ostpreußische Nix, als Pferd auch der schlesische Wassermann. In diesen Formen nähert sich der Nix mehr den Riesen, als den Elfen. Aber auf den Färöern taucht er als ein kleiner, zarter Hengst aus dem Meer, der badische Bachdatscher, dem sonst menschliche Figur eigen ist, kommt bei Welschensteinach als kleines „wuseliges“ Tier, die schwäbische Nixe sogar als Kröte zum Vorschein. Das althochdeutsche weibliche Niche(s)sa, das das lateinische lympha klares Wasser übersetzt, wird schon die persönliche Geltung unsrer Nixe, schlesisch Lix oder Lisse, gehabt haben; das Masculinum ist in unsrem und Nix, im englischen Nick, im schwedisch-dänischen Nöck, Nisse erhalten. Altnordisch ist auch Marmen, neuer Marbendil, älter auch die hochdeutsche Merimannin, Meriminni, dann Meerfei, bei Albrecht von Halberstadt Wasserholde. Jetzt gebrauchen wir Wasser-, Hakenmann, Wasserjungfer, Seeweibchen, Brunnenholde, die Engländer Watersprite und -fairy, die Skandinavier Haffru und -mand Meerfrau und -mann, Sjörät Seewesen, Vattenelf Wasserelf, Brunnen-gubbe Brunnenalter, Källrat Quellgeist. Von mehr landschaftlicher Geltung ist die hochdeutsche , die niederdeutsche Watermöme oder Mettje. Die Schweden kennen „tre Möjeru drei Wassermuhmen.

Im Wasser haben sich die Luftgeister fast noch mannigfaltiger geformt als in Berg und Wald, weil es selber diese an Beweglichkeit und Formen Wechsel übertrifft. Vom leise rieselnden Brünnlein rauschen die munteren Bäche und die starken Ströme, hier zu Wasserfällen hinabgedrängt, dort sich zu Seen ausbreitend, zum imübersehbaren wogenden Meer. Steile Felswände oder flache Sandufer, hoher Wald oder Sumpfgestäude und in späterer Zeit auch Werke der Menschenhand begleiten oder unterbrechen ihre Bahn.

Und Wind und Wolken fliegen über die Wasser hin, sie lachen im Sonnenschein und dräuen im nächtlichen Dunkel. Wie sie milde kosen und heimlich schluchzen und lieblich singen und heftig donnern! So bringen sie vielgestaltig den Menschen Labe, Gedeihen und Segen, aber auch Ungemach, Gefahr und Verderben.

Die Quelle wird ein Haupt genannt, von den Griechen ein Haupt des Flusses, von den Römern ein Haupt des Wassers, von den Germanen ein Brunnhaupt oder Bornhövede. Auch in der Verehrung der Quellen stimmen diese Völker, namentlich die Römer und die Deutschen, mit einander überein. Beide umkränzen sie mit Laub und Blumen, die Römer schlachten ihnen ein Böcklein wie die Norweger dem Wasserfall. Beide warfen in die Heilbrunnen Geldstücke hinein. Wenn man mm auch zahlreiche römische Kaisermünzen in deutschen Heilquellen, namentlich an beiden Ufern des Rheins, gefunden hat, so könnte man deutsche Nachahmung eines fremden Brauches vermuten. Aber wie die Brunnenbekränzung aufs innigste mit der germanischen Frühlingsfeier zusammenhängt, ist auch jener andre Brauch in Skandinavien und andern von Rom unbeeinflußten Ländern häufig. Aber was hat man von der Quellgöttin Coventina, deren Name nicht gerade germanisch klingt, zu halten, der germanische Soldaten in Northumberland kleine Altäre, sowie tönerne Becher und zahlreiche Münzen von Hadrian abwärts weihten? Auch anderen Elfen als Quellelfen opferte man Geld. Das schon erwähnte Umstellen der Quellen mit angezündeten Lichtem war ebenfalls weit verbreitet, es wird schon in der Katechese des Bischofs Cyrillus von Jerusalem im Jahre 347 getadelt. Die Römer spendeten den Quellen auch Wein, die Germanen Brot und Kuchen, und wenn die Griechen ihnen abgeschnittenes Haar, so brachten ihnen die Germanen abgeschnittene Nägel dar. Von entschiedenerer germanischer Eigenart waren die Opfer, die nach dem Indiculus die Sachsen den Quellen brachten, und die Oster-, Mai- und Johannifahrten, die man zu den Quellen unternahm, um gesund und fruchtbar zu werden und ihre Weissagung zu hören. Man durfte sie aber nicht verunreinigen und durch Steinwürfe trüben. Das alles geschah nicht den Quellen selber, sondern ihren Bewohnern. Denn die Bläschen, die in schwäbischen Quellen aufperlen, kommen von den atmenden Wassergeistern. Meist sind diese weiblichen Geschlechts, weiße Jungfern oder Frauen oder Waschwibele, die darin waschen oder sich baden. Doch kommen auch männliche Brunne vor.

Freier tummeln sich die Bach- und Flußelfen. Namentlich in Thüringen hat jedes Flüßchen seine Nixen, die Saale, die Ilm, die Unstrut. Sie bewohnen im Grunde des Wassers lichte Säle und tauchen mit halbem Körper hervor und lauem unter oder auf den Brücken, ja sie wagen sich darüber hinaus aufs Land. Da kämmt dann wohl eine Nixe ihr Goldhaar oder breitet ihre Wäsche aus, wie oben ihr Wald- oder Bergbäschen, blickt dich mit großen, starren Augen aus der stillen, glasigen Wasserfläche an und zeigt zwischen dem säuselnden Schilf ihre grünen Zähne und grünen Locken. Im Wasser fühlt sie sich am wohligsten mit einem Fischschwanz, aufs Ufer steigt sie mit langem, triefendem Kleid. Der Nix schaut auf dem Lande oft unauffällig wie ein ältlicher Mann aus, der einen grünen oder roten Hut auf dem Kopf trägt. Aber auch er hat grüne Zähne und einen tropfenden Rockschoß, und gefährlich zum Wasser lockend blickt sein Auge. Noch heute ist der thüringische Nixenglaube nicht ganz erloschen, und manches badische Mütterchen hört das Waschwibele oder den Bachdatscher Abends im Dorfbach plätschern, und die Kinder fürchten den Hakenmann oder das Hakenfräulein oder die Mettje, die sie mit einem Haken oder ihren grünen Haaren oder ihrem langen Arm in die Tiefe ziehn. Der schlesische Wassermann fängt sie in einem Netz. Doch die hessischen Kinder schelten derbe auf ihn los: „Nix in der Grube, bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen mit roten Ziegelsteinchen.“ Was hilft’s? In zahlreichen deutschen, auch dänischen Flüssen pochen die Wassergeister auf ein förmliches Wasserrecht: sie fordern alljährlich zu Laetare oder Himmelfahrt oder Johanni oder Peter und Paul einen bis zehn Menschen zum Opfer. Mit Blumen, den Wasserrosen, und bunten Bändern, dem Mond-und Sonnenglitzem der Wellen, lockt der österreichische Wassermann die neugierigen Kinder ins Wasser, lacht dabei laut auf, patscht in die Hände und verschwindet. Ist die Stunde gekommen, so ruft es in der Lausitz aus dem Wasser: „Zeit und Stunde ist da, aber der Mensch noch nicht,“ und ein Mensch eilt herzu und stürzt sich imaufhaltsam ins Wasser. Abends lockt der süddeutsche Nix durch seinen Hilferuf, und willenlos wirft sich ein Mensch in die Tiefe. Hoch im Norden lacht der isländische -bendill und der schwedische Sjörät gellend auf, bevor jemand ertrinkt, und an der andern Ecke des Germanengebiets, in Steiermark, die Bachbarbara. Auch den Wassergeist im Würmsee verlangt es nach einem Opfer, wenn der See blüht d. h. sich auf der Fläche viele von Grund aufsteigende Bläschen zeigen. An jenen verrufenen Tagen badet man daher nicht, der Fischer stellt keine Netze, der Schiffer unterbricht seine Fahrt, und man meidet sogar den Weg über die Brücke. Sieht man in Böhmen den Wassermann kommen, so wirft man bunte Bänder ins Wasser. Neugierig greift er darnach und verwickelt sich in sie. Der Schwede legte wohl vor dem Bade einen Stahl hinein, weil er dadurch den Neck gebunden glaubte. Als der Frankenkönig Theuderich 539 mit seinem Heere über die alte Po-brücke zog, brachte er furchtbare Menschenopfer. Geht in Katzhütte in Thüringen eine Mutter mit ihrem Kinde das erste Mal zur Kirche, so wirft sie dreierlei Münzen in den Fluß mit den Worten: „Da hast du das Deine, laß mir das Meine.“

Daraus, daß die Nixen am liebsten Kinder greifen, erklärt sich vielleicht der grausige Brauch, in den Grund namentlich von Brücken, Flußwehren, Deichen ein unschuldiges Kind lebendig einzumauern, zu beschwichtigender Sühne. Noch 1841, als die Elisabethbrücke in Halle gebaut wurde, glaubte das Volk, man bedürfe eines Kindes zum Einmauem. Die Wassergeister stellen dem Müller wie seiner Mühle nach. Die Müller an der Bode in Thale am Harz warfen immer, wenn das Wasserhuhn pfiff, dem Nickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, denn sonst mußte jemand ertrinken. Das fränkische Wasserweible stellte dem Müller unlieb die Räder; zur Julzeit dringt der schwedische Neck aus seinem stillen Wasser in die Flüsse und zerbricht die nicht gehemmten Mühlräder, oder er mahlt so arg, daß die Mühlsteine bersten. Der schlesische Wassermann überrascht einen spöttischen Müller mit seiner Flut, bis dieser ihm sieben Leben verspricht, und hinter einander fallen fünf Kinder, des Müllers Weib und der Müller selber ins Wasser. Die Heimlichkeit der Spinnstube oder die Kirchweihmusik der nahen Schenke lockt die deutsche Nixe ans Ufer. Sie trocknet ihr Haar, schmückt sich, stiehlt sich im Abendnebel über die Wiese ins Dorf hinein und huscht im Tanzsaal in die Mädchenschar. Und selig tanzt sie mit dem schönsten Burschen und vergißt die rechte Stunde des Scheidens. Wie sie nun den Morgen grauen sieht, erblaßt sie, reißt sich von ihrem Tänzer los und stürzt sich in den Bach. Aus der Tiefe schäumt das Wasser blutig auf; der Wassermann hat seine Tochter getötet. In Schweden kennt man auch eine Art Kehrseite dieser Geschichte: fünfzehn Jahre lang hatte ein Mädchen im Haus einer Meerfrau gewohnt und nie die Sonne gesehen. Endlich dringt ihr Bruder hinab und führt seine Schwester wieder zu den Ihrigen. Sieben Jahre wartete die Meerfrau auf ihre Rückkehr, dann schlug sie mit ihrem Stab ins Wasser, daß es hoch aufbrauste und rief:

„Hätt ich gewußt, daß du wärest so falsch,

So hätt ich gebrochen deinen Diebeshals.“

Das schwedische Meerweib und die deutsche Nixe wissen bezaubernd zu singen, wenn das Wasser rauscht, das Wasser schwillt. Der Fischer sinkt zu ihr hinab. Aber noch mächtiger reißt der schwedische Strömkarl der Flußmann oder der oberste Felekarl Fiedelmann, oder der norwegische Fossegrim oder Fossekall der Wasserfallmann, oder der Quernknurren der Mühlengeist hin, wenn er in grauem Kleid mit roter Mütze auf einem Stein mitten im Wassersturz sitzt und auf seiner Geige den unwiderstehlichen Elfvalek spielt. Erst streicht er ganz sacht wie leises Geplätscher, aber immer höher schwillt die Melodie, und immer stärker berauscht sie die Zuhörer. Der Elfvalek oder Strömkarlslag hat elf Variationen, von denen man aber nur zehn tanzen darf. Wird die elfte aufgespielt, so fangen Greise und Tische und Bänke und Kannen und Becher, selbst die Kinder in der Wiege an zu tanzen, bis die ganze Gastgesellschaft hinab ins Wasser tanzt, wenn nicht einer kommt und dem Musikanten die Saiten der Geige zerschneidet. Der Müller fürchtet des Feiekarls Spiel so, daß er, wenn es anhebt, sein Mühlenhaus schließt und den Schlüssel fortwirft, um nicht ins Wasser zu tanzen. Aber auch drinnen muß er mit einem Scheffel in seinen Armen die ganze Nacht herumspringen. Der Fossegrim lehrt seine Kunst gegen Lohn auch Menschen. Ist die Gabe mager, so lernt der Lehrling nur das Stimmen der Geige. Wirft dieser aber mit abgewandtem Haupt ein weißes Böcklein oder ein schwarzes Lamm in den Wasserfall, so führt ihm der Fossegrim die rechte Hand so lange über die Saiten hin und her, bis ihm das Blut aus allen Fingerspitzen springt. Dann kann auch der Mensch spielen, daß die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Falle Stillstehen. Solche volksberühmte Geiger waren in den Tagen Oie Bulls im schwedischen Wärend Nils und Peter. Nach Andern lernt einer sofort die Kunst der schwedischen Elfen, wenn er ihnen die Auferstehung verspricht, denn sie sehnen sich nach dem Christentum. Wer das aber nicht tut, der hört, wie sie in ihrem Berg die Geigen zerschlagen und bitterlich weinen. So schleuderte auch der deutsche Neck seine Harfe weg und weinte, als ihm zwei Knaben zugerufen hatten: „Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig!“ Aber als sie, von ihrem Vater getadelt, zum andern Male ihm die Erlösung verhießen, spielte er lieblich auf seiner Harfe bis lange nach Sonnenuntergang.

Die stilleren Seen, die zu Zeiten so unruhig und wild werden können, haben ihre eigenen Elfenmythen. Läßt man ein flaches Sternchen über ihre Fläche hintanzen, so löst man ,Bräutle‘ oder ,Wassermännchen’ , als ob dadurch die darüber schwebenden Wassergeister von ihrem Element gelöst würden. Viele Schweizer und deutsche Seen dürfen aber nicht durch Steinwürfe beunruhigt werden. Sie erregen im Schwarzwälder Mummelsee den Zorn der Seemuhme, sodaß Unwetter losbricht, und zornig erweist der Mummelsee sich auch in der etwas unklaren Erzählung des Simplicissimus 5, 16, nach der ein Wassermännlein darin seine geraubte Gemahlin sucht. Es kommt aber nicht wieder zum Vorschein. Nur sein Stecken mit einer Hand voll Blut springt nach einiger Zeit ein paar Fuß hoch in die Luft. Aber der berüchtigtste See ist doch der am Pilatusberg bei Luzern gelegene , dessen Sage erst im 13. Jahrhundert mit der Pilatuslegende verknüpft ist. Bald watete, übrigens mehr nach Riesenart, der Unhold in diesem See, daß er tiberströmte und seine Wasser ins Tal ergoß, bald stürmte er durch das Gebirge, jagte Hirten und Herden auseinander und stürzte sie in die Abgründe. Namentlich wenn man in der Nähe des Sees lärmte, Steine hineinwarf oder gar seine Tiefe ausmessen wollte. Der Zutritt zu dem See und selbst der Besuch des Berges waren verboten; vregen versuchter Besteigung wurden 1387 sechs Geistliche zu Luzern ins Gefängnis geworfen, und selbst der Herzog Ulrich von Württemberg und 1555 der berühmte Konrad Gesner wurden nur unter Aufsicht und dem Versprechen, nichts in den See hineinwerfen zu wollen, hinaufgelassen. Noch im vorigen Jahrhundert sprachen die Sennen bei Sonnenuntergang durch die „Volle“, den Milchtrichter, einen feierlichen Segen gegen den Unhold und wurden dafür mit dem sogenannten Rufkäse belohnt.

Am Strande größerer Landseen oder gar des Meers haben die Wassergeister wiederum andern Umgang. Der heilige Gallus hörte ums Jahr 600, wie ein Berggeist bei Bregenz seinem Kameraden im See zurief: „Komm, hilf mir die Fremdlinge vertreiben, die mich aus meinem Heiligtum vertrieben!“ Darauf antwortete der Wassergeist:

„Einer von ihnen ist auf dem See, aber vergebens suche ich seine Fischnetze zu zerreißen. Er ist durch das Zeichen Christi geschützt.“

Darauf erhoben sie ein „fantastisches“ d. i. dämonisches Geschrei. Wo sich das Rauschen des Bergwaldes mit dem der Wellen mischte, belauschte der Bekehrer ein Zwiegespräch der Geister. Der nordische Skalde aber nannte die Wogen im Nebel Bräute, die auf Brandungsklippen gehen und die Bucht entlang fahren; ein hartes Bett haben die weißgeschleierten Weiber und spielen in Seestille wenig. Wir kennen schon die schwedische Meerfrau, die am Strand ihre Kleider ausbreitet und mit dem Herrn des Berges zankt. Wirft der Nord aus Gischt und Wasser gemischte Wogen auf, so sieht man sie ihr weißes, schwarzköpfiges Vieh ans Land treiben. Am Mälarsee trieb sie es bis zur Klinta-tanne, unter der sie wohnte. Niemand wagte deren Äste anzurühren. Graue Kühe nennt man noch wohl auf Island den Seekuhschlag, weil sie von Kühen abstammen, die einst ein gefangener Marbendill aus Dankbarkeit in den Hof seines Befreiers aus der See herausschickte. Der Fischer der schwedischen Seen opfert der Seejungfrau Früchte und Geld, um Wind und Glück von ihr zu kaufen.

Dem rauschenden Wasser ist weissagende Kraft eigen. Nach Plutarchs Caesar gingen germanische Frauen an die Strudel der Flüsse zu weissagen, und mehr als ein halbes Jahrtausend später warfen noch christliche Franken gefangene Gotenweiber und -kinder als Opfer in den Po, um die Zukunft zu erfahren. Im Nibelungenlied künden die Quelljungfern, die aber „Meerweiber“ heißen, dem Hagen samt dem ganzen Burgunderheer Verderben in König Etzels Land. Die dänische Königin Dagmar läßt sich von einer Meerfrau weissagen, wie auch die mecklenburgische Sage eine zukunftskundige Watermöme kennt. Gefangen weissagt die Meerfrau Untergang des Landes, soweit man sie landeinwärts schleppe. Die Meermaid von Padstow in Cornwall, die man durch einen Schuß erbittert hat, verflucht den Hafen, der auch wirklich versandet. Der merkwürdigste Meergeist ist aber der , der etwa mit den weissagenden Meergreisen des griechischen Mittelmeers verglichen werden kann. Vom Nabel an gleicht er einem Seehunde, wie Proteus am Strande unter Robben ruht, er hat auch wie diese einen dicken Kopf und breite Hände. Wenn die Wellen klatschen, so lacht er laut auf; man gedenkt des unzählbaren Gelächters der Wogen, das bei Aeschylos der gefesselte Prometheus anfleht, sein Leiden anzuschauen. Noch heute ist es ein bekanntes Wort in Island: „Da lachte Marbendill“, und schon einem der ersten Ansiedler der Insel weissagte er scherzend seinen Wohnort. Was die Halfssaga um 1300 vom lachenden Meermännlein erzählt, weiß auch noch die neuisländische Volkssage und zwar viel hübscher vorzutragen. Bei einem schweren Fischzuge holte ein Bauer einen Marbendill ins Boot und nahm ihn mit sich ans Land. Noch hatte er nicht sein Schiff in Ordnung gebracht, als sein Hund fröhlich an ihm aufsprang, und ärgerlich schlug er ihn. Da lachte der Marbenbill zum erstenmal. Wie nun der Bauer auf seinen Hof zuging und an einen Stein stieß und diesen verwünschte, da lachte der Marbendill zum zweitenmal. Und als der Bauer den freundlichen Gruß seines ihm entgegenkommenden ^Weibes freundlich erwiderte, da lachte der Marbendill zum drittenmal. Nun fragte ihn der Bauer, warum er dreimal gelacht hätte. Er erklärte sich zur Auskunft unter der Bedingung bereit, daß er an der Stelle der See, wo er gefangen worden wäre, wieder hinabgelassen würde. Nachdem der Bauer ihm das versprochen, äußerte sich dieser: „Zuerst lachte ich, weil du deinen Hund schlugst, der dich mit aufrichtiger Freude begrüßte; zum zweiten, weil du einen Stein verwünschtest, unter dem ein Goldschatz liegt; zum dritten, weil du so freundlich die schönen Worte deines Weibes aufnahmst, das dir doch untreu ist“. Darauf sprach der Bauer: „Zwei von den Dingen, die du mir sagtest, kann ich jetzt nicht prüfen, die Treue meines Hundes und die Treue meines Weibes. Aber auch wenn nur das dritte wahr ist, werde ich dir mein Versprechen halten“ — und damit grub er den Stein heraus und fand da wirklich einen großen Schatz. Nun fuhr er mit dem Marbendill aufs Meer und ließ ihn an der verabredeten Stelle über Bord, worauf der Marbendill, noch auf dem Ruderblatt sitzend, sagte: „Du hast wohlgetan, Bauer, daß du mich mm meiner Mutter wieder heimschicktest; das werde ich dir vergelten. Sei gesund und glücklich!“ Und sieben seegraue Kühe fand der Bauer kurz darauf in seinem Hof, die größten Kostbarkeiten auf Island, und hatte zeitlebens allen Überfluß. — Grausiger als der Marmennil, dem Grendel ähnlich, ist der norwegisch-fä-röersche Sjödreygur, das Seegespenst, das mit gewaltiger Hand plötzlich aus der Brandung über den Strand, ja bis ins Haus hinein in Grendels Weise nach einem Menschen ausgreift, um ihn in die Tiefe zu reißen. Nachts rudert es heulend wie ein Mann oder Hund durch die Wogen, ja reizt als Schiffer mit seinem Schiff die Schiffer zu verderblicher Wettfahrt im Sturm. Oder es hüpft auf seinem einen Fuß auf die Insel und trachtet die Menschen vom Deich ins Meer zu stoßen, wie der übrigens mehr riesische dit-marsische „ Dränger“, der auch die Deiche stürzt, so daß die See wieder ins Land hereinbricht.

Aus den wilden Bergen und Wäldern, die die Siedelungen der Menschen umgeben, dringen die Elfen in die Gemarkung, die Ackerflur, ja in die Gärten der Dörfer herein, die Bergmännchen, die und die Saligen werden Weide- oder Feldelfen. Die Flur ist voll davon. Im bayrischen Hochlande bindet man den Kühen Körbchen voll Erdbeeren und Alpenrosen zwischen die Hörner für die „Fräulein“. Auf dem Brenner wirft man nach der Furl, die das Heu zerführt, ein Messer, wie nach dem Wirbelwind. Wenn der Mähder das Rodnerinnenlocken übte, d. h. dreimal mit dem Wetzstein schrill über die Sense strich, so kam jedesmal ein Saigfräulein in die Wiese herunter und zerstreute die Mahden. Das Innerfeldmandl aber sieht der Tiroler Hirte sich im Wirbelwind um die Füße der Rinder drehen und ihnen in die Ohren blasen. Aber die Saligen oder wilden Frauen helfen auch beim Heuen, wie beim Flachsjäten oder Kornschneiden; man gibt in Martell den Arbeitern auf den Bergwiesen die sogenannten „Mahdküchel“ mit, angeblich für einen zufälligen Besuch der weißen Fräulein. Aber vom wilden Mann gejagt, eilen diese ruhelos vorüber. — In Oberfranken läßt man beim Einfahren ein Häufchen Grummet auf der Wiese und bei der Kornernte auf dem Acker einige Ähren für das Holzfräulein liegen, und auf den Obstbäumen bleibt hie und da für sie etwas von der Frucht hangen. In der benachbarten Oberpfalz warf man beim Leinsäen einige Körner in die Büsche des nahen Waldes, stellte beim Jäten aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttchen auf und rief:

„Hulzfral, dau is dafi Dal (Holzfräulein, da ist dein Teil),

„Gib an (dem) Flachs an kräftinga Flaug (Flug, Schuß),

„Nau (dann) hob i un du gnaug (genug)!“

Beim Ausraufen des Flachses aber band man sechs stehen gelassene Halme oben in einen Knoten zusammen, damit sie darunter Schutz fände.

Ist nun die Saat emporgeschossen und schlägt im Winde Wellen, so laufen allerlei Tiere hindurch: Roggenwölfe und -hundey Haferböcke, Roggensäue und Menschlicher gedacht haust darin eine Roggenntuhmey die im östlichen Holland ihre Ferkel draußen im Korn hat, oder nach deutschem und dänischem Glauben eine langbrüstige Roggen-, Weisen- oder Gerstenalte, ein Schrecken der Kinder, denn sie preßt sie, wenn sie ins Korn laufen, an ihre eisernen Zitzen. Statt ihrer läuft auch der harmlosere Hafermann oder der „Alte“ durch das Korn. Wenn dieses reif war für die Ernte, so band die Frau von Donnersberg drei stehende Halme unter den Ähren mit weißer Seide zusammen und betete und sagte: „Das gehört den drei Jungfrauen“ und schickte ein Kind unter sieben Jahren auf das Feld, das die drei Ähren hinlegte. So wurde in Litauen der Krumine, der Buschfrau der ersten Garbe, geopfert und dann die erste Garbe ins Haus des Besitzers gebracht. Erst am folgenden Tag begann die eigentliche Ernte. So besteht im deutschen Stidwesten das Glückshämpfli aus einer Handvoll von den ersten oder letzten drei, sieben, neun, elf Ähren der Ernte, die, von einem unschuldigen Mädchen, auch wohl unter Gebet und Niederknieen des Schnittervolks, geschnitten, mit einem Seidenbande umwunden und dann im Hause an einem besonders ehrenvollen Platze aufgehängt werden. Derber knüpft man in Schweden bei der Ernte drei Halme oben in einen Knoten zusammen und legt einen Stein darauf für die Gloso, die Komsau.

Während der heißen Erntezeit ist die Kommutter am gefährlichsten um die Mittagsstunde. Aus Frankreich meldet Gregor v. Tours schon im 6. Jahrhundert, daß eine von der Feldarbeit zurückkehrende Frau, von dem meridianus daemon dem Mittagsgeist angegriffen, sprachlos zusammengebrochen sei, und Caesarius v. Heisterbach kennt auch auf deutschem Boden ein daemonium meridianum. Die Slaven nennen ihn die Mittagsfrau. Dasselbe bedeutet am Niederrhein noch heute die Ennungermohr, die Mittagsmutter, von „in unner, unger“ d. h. in der Mittagszeit (undem), oder die Futtika, die während der Mittagsruhe übers Feld geht und alle, die sich unzeitig im Felde aufhalten, verscheucht oder gar verwirrt. Im nassauischen Amte Limburg droht man: „die Unnermoire kriegt dich“. Eine weiße Frau hieß sie im Kreise Friedberg und im fernen Gottschee. Bei völliger Windstille, wenn die sommerliche Mittagshitze über der niederrheinischen Komflur zittert, erhebt sich oft ein plötzlicher Wirbelwind; das ist die Ennungermohr. Im badischen Klettgau nimmt eine übers Feld wandelnde Frau ein Kind, das sie allein in der Mittagsstunde im Feld trifft, weg und legt statt dessen ihr eignes Kind hin, wie die thüringische Kornfrau. So liegt denn im Aargau mittags das Komkind oder der Komengel, das in Ratzeburg das Amkind Erntekind heißt, weinend im hohen Korn. Wer es aufhebt, muß noch selbigen Jahres sterben. Man sagte bei Chur im Jahr 1686, es sei schwer aufzuheben und kündige ein besonders fruchtbares Jahr an. Mit dem oder der Alten ist das reife, alte, zum Tode bestimmte Korn gemeint, mit dem Kinde der Überschuß, die zur Aussaat bestimmte Garbe, die nur klein, aber schwer ist, die, besonders wenn sie klein ausfällt, um so reicheren Ertrag im nächsten Jahre tröstend verspricht und darum Glücksgarbe heißt. Sie wird auch Wiege genannt und in Mecklenburg ganz deutlich das Ornkind oder Emtekind. Aus solcher altertümlichen Vorstellung erwuchs der angelsächsische Skedf d. i. Garbe, den schon das Beowulfsepos kennt. Als neugebomer Knabe, in einem steuerlosen Schiff auf einer Garbe schlafend, von Waffen umgeben, wurde er hilflos ans Land getrieben, von den Bewohnern wie ein Wunder aufgenommen, benannt und auferzogen und endlich zum König gemacht. Er ist der heroisierte Gründer des Ackerbaues, wie sein Sohn Skild der des Kriegswesens.

Je tiefer die Mäher ins Ährenfeld hineinschreiten, desto weiter, mit jedem sinkenden Schwaden, flüchtet der Alte oder die Alte zurück, bis in die letzte Garbe, als einzigen Zufluchtsort auf der leeren Stoppel. In Oberfranken und der Oberpfalz läßt man den Holzfräulein die letzten Ähren auf dem Felde stehen, in Niederbayern den sieben Schauerjungfrauen eine Garbe auf dem Acker liegen. In Thüringen werden die letzten Ähren mit bunten Bändern zusammengebunden, so daß der Büschel die Gestalt einer Puppe bekam, und lustig sprang das Schnittervolk der Reihe nach über das „Schainichen“, das Scheun-chen, hinüber. So hatte die Kornalte gleich ihr Haus, wie die Flachsfrau. So „bildeten“ die alten Preußen beim Emteschluß schon im Jahr 1249 das göttlich verehrte Idol Kurche. — Aber der oder die Alte wird auch gefangen, gebunden, auf dem letzten Fuder als Emtemai heimgeführt und möglichst bis zur Ernte des nächsten Jahres an der Haus- oder Scheunentür hängen gelassen.

Die gütigen segnenden Ackerwesen waren überwiegend weiblich, und sie besonders mögen die alten Germanen die Geberinnen, Allgeberinnen, auf den römischen Inschriftsteinen Gabiae, Alagabiae, genannt haben, gerade wie die Kelten ihre Ollogabiae und die Litauer ihre Gabiae hatten. Die Litauer beteten zu ihnen, wenn sie die auf dem Halm nicht völlig ausgereiften Fruchtkörner am Feuer dörrten. Zu den Gabiae scheint Garmangabis, die „bereitwillig Begabende“ (?) zu gehören, der in der Grafschaft Durham Sueben, d. h. Sueben vom Neckar, um 250 n. Chr. einen Stein setzten. Die spätere Ortssage hat eine gütige vornehme Frau daraus gemacht, die dem Orte Acker- oder Weideland spendet (s. u.).

Noch innigeren Verkehr haben die Hauselfen mit den Menschen, die angelsächsischen Cofgodas, Stuben-, Haus- oder Stallgötter, die deutschen Kobolde Haus- oder Stallhüter, mundartlich Poppele, Butse, -, Wichtelmännchen nordisch, friesisch und englisch Puki, , Puckt englisch auch Brownie, nordisch Gardsvor Hofhüter, Tomte Hofgeist, Vaette Wicht. So nahe stehen sie den Menschen, daß diese sie gemütlich mit menschlichen Eigennamen benennen: Niels Nikolaus, Hannpeiter, Chim Joachim, Heins, Robin Goodfellow. Sie waren aber vor den Menschen und ihren Häusern da, als Berg-, Waldoder Feldelfen. Manche Leute scheuen sich einen Bauplatz für ein Haus zu suchen, wo sich Unterirdische aufhalten, oder der Bauherr muß sie vorher laut um Erlaubnis bitten. So ritt schon der Altisländer Oddr um ein verlassenes Haus gegen die Sonne von rechts nach links mit einem lodernden Holzbrande und sprach: „Hier nehme ich mir Land, denn ich sehe hier keine bewohnte Baustätte. Hört das, ihr Wichter, die ihr in der Nähe seid!“ Dann spornte er sein Pferd und sprengte davon. Sie nisten sich wohl unter der Ttirschwelle ein und bringen Glück. Aber wie alle Elfen, verleugnen auch sie ihre ursprüngliche Wetternatur nicht. Das Westerwälder Wort Pöpel, dem jenes schwäbische Poppele gleich sein wird, bedeutet eine dunkle Wolke. Heult der hildesheimische Hauskobold Hödeke, so stürmt es. Wenn die Hilfe des Nisse beim Einschobem abgewiesen wird, so zerstreut er im Wirbelwind das Heu, und als ihm auf den Färöern ein Stall abgebrochen wurde, warf er die Besitzer im Wirbel in die See. Die Hausgeister berühren sich auch mit den Seelen. Diese bleiben als gutmütig helfende Geister, wie Kobolde, im hessischen Hause wohnen. Der vogtländische Kobold wird als Geist eines imgetauften Kindes gedacht; der rügensche Schiffsgeist oder Klabautermann entsteht aus der Seele, die in einem zum Schiffsbau benutzten Baume weilte. Auch wohnen den Menschen hilfreiche „Unterirdische“ häufig in den altheidnischen Hügelgräbern, vielleicht also auch Seelen. Und der Gardsvor oder Hofgeist gilt sogar für einen Wiedergänger, eine Seele des Mannes, der den Platz, wo das Haus erbaut ist, zuerst urbar machte.

Der Glaube an die Hausgeister ist noch im Norden lebendig, und die Nisse werden sogar, wie aus alter Gewohnheit, zum heiligsten Fest des dänischen Hauses, dem Christfest, hinzugezogen, indem sie in Biscuit und Ton oder auf Bilderbogen unter dem erleuchteten Christbaum dargestellt werden. Das knüpft an den früheren Brauch an, ihnen am Weihnachtsabend einen Topf mit süßer Grütze hinzustellen oder auch das Herdfeuer, wenn man es für die Nacht zudeckt, unbekreuzt zu lassen, damit der Niss frei sein Nachtmahl am Herde kochen könne. Aber noch heidnischer setzt man ihm an jedem Donnerstag, dem alten Sonntag der Heiden, jene Lieblingsspeise, aber auch Kuchen und Bier hin. Am Donnerstagabend durften die Männer nicht arbeiten, die Frauen nicht spinnen, weil der „Gardsvor“ seine Ruhe haben wollte. In Norwegen stand für diesen auf dem Boden ein sauber gemachtes Bett, in welchem Niemand liegen durfte. Als grauröckiges Männchen mit rotem Hut wohnt der Nisse am Herde, wo man dem „Herdvätte“ Bierwürze opfert, wenn gebraut wird, oder im Stall und in der Scheune. Auch nistet er unter einem nahen alten Laubbaume, dem Bosträd oder V&rdträd, dem Haus- oder Schutzbaum, unter dem dann gern die Bauersfrau ihre Kuh melkt, um reichlich Milch und Butter von ihm zu bekommen. Über die Wurzeln des Baumes aber wurde unter Gebeten Milch und Bier gegossen, um Unglück von Mensch und Vieh abzuwenden. Mit den Worten „O du Gottes Vätte!“ setzte man einen Krug Bier neben den Stamm des Wichterbaums des Hofes. Auch nach Wichterhügeln und Opfersteinen brachte man seine Gaben mit dem Gruße: „Gottes Frieden im Hügel!“ Der Tomtegubbe, der Hofalte, haust auch unter einem großen Stein, unter dem er Kleider, Speisen und alle Gaben des Hofbauem, dem er immer viel Gutes getan hat, in sauberster Ordnung bewahrt, bis ein Pastor ihn schroff wegweist, und alle seine schönen Sachen unter dem Steine in Asche zerfallen. Das ist der altisländische Kodranstein, in dem ein dienstbarer Geist, ein ärmadr des Bauern Kodran, wohnt. Ein Bischof besprengt den Stein mit Weihwasser und singt über ihn Beschwörungen. So wird des Geistes Herberge verdorben und er selber wie mit siedendem Wasser begossen. Er trennt sich von Kodran in Zorn. — In die Löcher des butterbeschmierten Elfensteins setzten schwedische Weiber Puppen, wenn ihre Kinder krank waren. Die Gabe neuer Kleider ist dem Nisse meist verhaßt; er fühlt sich dadurch ausgelohnt und aufgekündet, und darum verschwindet er. Am liebsten ist ihm der Stalldienst, Rinder und noch lieber Pferde wartet er sorgsam, daß sie rund und glatt werden. Auch schleppt er sich bei der Ernte stöhnend mit Heubündeln und Ähren. Zu dreien mähen sie wohl ein ganzes Feld. Getreu, zuverlässig, rastlos pflegt er zu arbeiten, aber er foppt auch gern die Dienstboten und Hunde und verwandelt sich neckisch in allerhand Haustiere. Er ist selber reizbar, eifersüchtig und rachsüchtig, wenn er verspottet oder vernachlässigt wird. Er bindet dann alle Kühe im Stall los und hält das Heu zurück; er tanzt und drückt die Mägde halb oder ganz tot und klemmt den Knecht zwischen zwei Latten der Heuscheune, sodaß er umkommt. Ja, er setzt den ganzen Hof in Flammen. Auch mit Seinesgleichen verkehrt er bald freundlich, bald feindlich. Sie spielen um ein umgekehrtes Scheffelmaß als Tisch Karten miteinander, bis sie in lärmenden Zank geraten. Die Tomten zweier einander benachbarter Höfe, die sich gegenseitig bestahlen, schlugen aufeinander los, daß das Mehl aus dem Sack des einen wie eine Wolke rund um sie her stob. Wenn die Luft nebelig, sagen noch alte Leute: „Der Mehlsack des Tomtes stäubt.“ Einst hatte ein norwegischer Bauernsohn einem Huldremädchen vor ihrem Berge ihr Trinkhorn geraubt, wie jener Graf von Oldenburg der Fehmöhme, da stürzte das Huldrefolk ihm bis auf seinen Hof nach und hätte ihn erschlagen, wenn nicht der Godbonde, der Hausgeist, sie mit seiner eisernen Stange vertrieben hätte. Ein Schleswig-Holsteiner fand beim Abreißen seines alten Hauses einen guten Eichenständer und legte in einem Loche desselben für den Niskepuks eine kleine Wohnung an. Er stellte eine Schale mit Grütze auf ein darunter genageltes Brett und rief freundlich: „Nun komm her, fröhlicher Niskepuks“. Der kam auch, und der Bauer wurde ein reicher Mann. Nicht nur einzelne Höfe haben ihren Niss, sondern auch die Dörfer, in denen sie dann wohl Dorfhirten sind. Auch Kirchennisse gab es hie und da. Sie hatten ein „Nest“ im Turme und konnten in den Schallöchem an ihren roten Mützen leicht erkannt werden. Wenn aber die Glocken geläutet wurden, verließen sie den Turm. Und sie begleiten die Schiffer in die salze See und waschen das Schiff und helfen in den Segeln. Begegnen sich Schiffe, so rufen sich die Nisse an wie die Kapitäne. Vor Sturm lärmt er im Lastraum; strandet das Schiff, so verteidigt er es gegen Stranddiebe. Aber vor dem Untergang verläßt er es mit den Ratten.

Dieses nordische Haus- und Hofgeisterwesen fühlte sich in Deutschland am heimischsten im niedersächsischen Bauernhause, auf dessen großer Diele das Herdfeuer auf vorspringendes Gebälk spielende, zuckende Lichter wirft, während im Dunkel der Winkel und Ecken heimliche Schatten huschen und leise weiche Schritte wie von einer Katze auf Treppe und Boden hörbar werden. Drum hält sich der Kobold auch am liebsten in der Nähe des Herdes auf und trägt eine rote Mütze oder Jacke in der Mark, doch verrichtet er seine Dienste meist unsichtbar und sorgt für Recht und straft die Lüge. Aber auch anderswo in Deutschland, sowie in England finden wir ihn wieder, mit denselben Haupt- und Nebenzügen. Einzelne sind hier jedoch eigenartig ausgeprägt, z. B. das nordthüringische Steppchen (Stephanchen). Wenn jemand viel Geld verdient, dem hat’s Steppchen gebracht; er gibt auch wohl bei der Hochzeit einen Hecketaler in die Ehe. Er bringt den Feldarbeitern, wie ein drachenförmiger Vogel aus der Luft herabrauschend, Essen auf den Acker. Hat sich Jemand erhängt, den hat Steppchen auf den Kopf geschlagen. Er wird bald wie der altmärkische Drak, bald als Kobold, bald als Teufel gedacht. Es gibt nicht nur Hausgeister, sondern auch Burg- und Schloßgeister. Ähnlich ist jener niederdeutsche Klabautermann, der auch seine Milch bekommt.

Es sind echte Heidengeister, darum scheuen sie das Kreuz und den Namen Jesu; aber auch das den Tag ankündende Krähen des Hahns, den man zu Olaus Magnus’ Zeiten, im 16. Jahrhundert, in Schweden zuerst in ein neues Haus brachte wegen der bösen Geister. Die meisten Hausgeister zogen wegen des Glockenklangs aus, nur einer blieb, immer weinend, auf einem Hahnenbalken zurück, bis er sich im Moor ertränkte. Auch sie hat man später wie andre Elfen (S. 147. 154) als gefallene Engel aufgefaßt.

Dieses überwiegend nordische Bild der Haus- und Hofgeister trägt trotz der jungen Überlieferung und einzelner moderner Züge einen hoch altertümlichen Charakter.

Deswegen finden wir es überall in England und in Deutschland wieder. Doch sind hier einzelne Hausgeister feiner ausgeprägt zu Burg- und Schloßgeistem. Der alemannische Poppele wohnt zwar auch in Bauernhäusern, hat aber sein Hauptquartier auf dem Hohenkrähen, nicht weit vom berühmten Hohentwiel. Unter der Burg läßt er sich von einem Müller auf dem Wagen mitnehmen, stiehlt aus dessen Geldgurt einen Taler nach dem andern und wirft ihn auf die Landstraße, wo sie im Mondlicht blinken. Als der Müller das merkt, steigt Poppele unter lautem Lachen rasch ab. In die Scheuern kommt er nachts, um Heu für das Vieh herauszuholen. Dann muß man ihn mahnen: „Poppele, nit z’viel und nit z’weng!“ sonst wirft er den ganzen Heustock herab. Sonntags Mitternacht kegelt er mit goldenen Kegeln und Kugeln. Man stellt ihm täglich einen besonderen Teller hin und sagt: „Poppele, iß auch mit!“ — Vornehmeren Schnittes sind Goldetncr auf dem Hardenstein an der Ruhr, den wir S. 178 zu den Berggeistern gerechnet haben, und Hinselmann auf dem lüneburgischen Schlosse Hudemühlen, die im 15. und 16. Jahrhundert sich bekannt machten. Beide sind unsichtbar, aber an ihren weichen Händen kenntlich, beide sind musikalisch, beide beanspruchen ein wohlbereitetes Bett, beide sind in die Schloßfräulein verliebt, beide dienen ihrem Herrn mit guten Ratschlägen, und beiden sind Laster und Untugenden zuwider. Doch haben beide auch in der Küche zu schaffen; Hinzelmann striegelt auch fleißig die Pferde im Stall und schlürft täglich eine Schüssel voll süßer Milch mit Brocken von Weißbrot Er verwandelt sich auch in einen Marder oder in eine Schlange, und neben dem Wagen des Schloßherrn, der Hudemühlen auf eine Zeit verläßt, um ihn los zu werden, fliegt er her als eine weiße Feder. Nach vierjährigem Aufenthalt schied er vom Schloß im Jahr 1588. In der Regel aber läßt der Kobold seinen Hausherrn nicht los. Ein Bauer, der seiner überdrüssig war, steckte seine Scheune an, um ihn darin zu verbrennen, nachdem er das Stroh auf einem Karren herausgeführt hatte. Wie sie nun in vollen Flammen stand, sah er um sich; da saß der Kobold hinten auf dem Karren und rief ihm ganz munter zu: „Wenn wir nicht wären entronnen, so wären wir alle verbronnen!“

Aus dem Leben der germanischen Haus- wie Feldgeister ist zwar ersichtlich, daß diese manche, auch über ihr eigenstes Gebiet hinausreichende Tätigkeit ausübten, aber sie verteilten doch nie die vielen einzelnen Handlungen des Bauern mit der peinlichen Sorgfalt unter sich, wie die entsprechenden römischen und litauischen Hausgeister. Es fehlte den Germanen z. B. ein besonderer Geist für das erste Pflügen, ein anderer für das zweite, ein dritter für das dritte, wiederum ein andrer für das Eggen, das Jäten u. s. w. Die germanischen Geister halten sich die Hände freier und greifen bald hier, bald dort ein.

Neben dem Seelen- und Marenglauben entwickelte sich in uralter Zeit der Elfenglaube und zwar aus einer umfassenden Beseelung des freien Naturlebens. Wenn er sich auch hie und da mit jenen beiden anderen Richtungen berührte und vermischte, so nahm er doch innerlichst gegenüber ihnen, wie gegenüber dem Glauben an die Riesen, die höheren Dämonen und die Götter eine selbstständige Stellung ein. Seine Bedeutung kann nicht leicht überschätzt werden. Kein Glaube hat das Alltagsleben so dicht umsponnen, keiner ist so tief ins Familienbewußtsein hineingewachsen wie dieser. Der Elfenkultus und der Elfenmythus tragen die Merkmale höchster Altertümlichkeit an sich und ragen doch auch noch in unsere Zeit. Und wie konnte es anders sein? Führten diese Wesen doch dem Menschen die maßgebenden Licht- und Wettererscheinungen, die Gewitter- und Regenwolken samt den Winden herauf. Freundlich oder feindlich kamen sie aus Berg, Busch und Bach zu ihm, sie halfen oder schadeten ihm bei Saat und Ernte, auf der Jagd und bei jedem Weide- und Pfluggang; sie mühten sich mit ihm und scherzten mit ihm in Haus und Scheune und Stall. Und auch bei schwierigeren Handlungen, wie beim Bierbrauen und Schmieden, waren sie zur Hand. Ohne ihre Güte war das alte gewöhnliche Tagesleben des Volks undenkbar, war aber auch ihrer leicht erweckten Rachsucht ausgesetzt. Daher ist denn auch ihre Behandlung zum Unterschiede vom Götterkultus zwiefacher, ja entgegengesetzter Art. Noch ganz ein Naturvolk, wehrten die Germanen die elfischen Mächte durch allerlei naive Verachtungsgeberden, z. B. das Zeigen des bloßen Hintern, und durch andere Schreckmittel ab, oder gewannen sie durch allerlei Gaben ihres bescheidenen Haushalts und andere Aufmerksamkeiten.

Im alten Island war der Unrat ein Alfrek, ein Alfenvertreiber, und in Westfalen baten die „Guden Holden“ die Leute, ihre Stätte reinzuhalten, sollte es ihnen anders gut gehen. Man fuhr in Schweden nicht über einen Fluß, ohne vor sich zu spucken, wie die Zigeuner noch heute von einer Brücke herab tun, und warf in Tirol den Wildfräulein bespieene Steine hin. Stark riechende, würzige Kräuter wie Thymian, Dill, Kümmel und Lauch verscheuchten die Elfen. Man jagte sie bei der Ernte in die letzte Garbe und tötete auch wohl die Kornmutter darin, man warf die Wassergeister mit Steinen, die Windelfen mit dem Messer und schützte sich überhaupt gegen alle diese Geister durch schneidende Geräte und Donnersteine. Laute Flüche und Trommelwirbel wurden gegen sie angewendet, später kirchlich geweihte Dinge, wie Wasser, Salz und Osterbrände. Das Feuer nennt Saxo ein treffliches Schutzmittel gegen die Dämonen. Auch Nacktheit gilt dafür. Die meisten dieser Riten stehen noch unter dem Zeichen der Zauberei.

Ebenso kindlich war die Pflege der Elfen, die jedoch nicht zarterer Züge ermangelt. Mehl streut man den Winden als stillende Speise in die Luft, auch wohl Salz und Brot. Blumen trägt man den Quell- und Waldelfinnen zu und legt diesen auch Beeren auf einen Stein. Unschuldige Kindeshand muß bei der Ernte die ersten oder die letzten Ähren schneiden, mit Seidenfaden zum Büschel binden und den Kornfrauen hinlegen oder aufhängen. Nach Berthold von Regensburg wurde den saligen Fräulein, den felices dominae, zur Nacht sogar ein Tisch mit Speisen ausgerüstet, wie wir um dieselbe Zeit vom Pariser Bischof Wilhelm d’Auvergne hören, daß die Dominae noctumae, nächtliche Fräulein, vielleicht keltischer Art, nachts in den Häusern aus offenen Speis- und Trankschüsseln sich gütlich tun und dafür Fülle und Überfluß spenden. Den nordischen Hausgeistern spendet man gern Grütze mit Butter und leckerem Honig, den deutschen ein Süppchen. Oft fehlt auch Milch, Bier oder gar Branntwein nicht. Es galt wohl schon für feiner, ihnen Wolle oder gar Geld hinzulegen, draußen auf Steinen, an Höhleneingängen, Baumstümpfen und Wurzeln, drinnen auf Türschwellen und auf dem Herde oder im Ofenwinkel. Anspruchsvoller sind die deutschen Wassergeister, die ein Huhn verlangen, noch mehr der nordische Wasserfallelf, der Fossegrim, dem Schafe oder doch ein Böcklein dargebracht wird, und auch der Neckar verlangte am Himmelfahrtstage einen Bienenkorb, einen Laib Brot, ein Schaf und einen Menschen. Ein altnordisches Alfablöt Elfenopfer, durch das man gutes Wetter und Wundenheilung erlangen wollte, brachte man im Hause mit Ausschluß Fremder oder auf einem dem Hause nahen Hügel dar, den man mit blutigem Stierfleisch belegte. Ist ein Kind unruhig oder krank, so legt man in Schweden am Donnerstagabend bei Sonnenuntergang in eine einst vom Gletscherstrudel ausgehöhlte Elfenmühle oder Älfqvarn, die man mit Butter oder Pflaumenmus bestreicht, eine Puppe, auch wohl mit Nadeln, Getreide und andern Sachen. In Tirol warf man, um das Kind zu beruhigen, eine solche Puppe in die Ziller mit den Worten: „Nachtwuone, da hast du dein Kind!“ Mit einem Betrug also macht man sich von ihr los. Solche Puppen meint wahrscheinlich der Indiculus mit den aus Tuchstücken gemachten Götzenbildern. Vielleicht hat denselben Sinn die aus dem 15. Jahrhundert bezeugte Sitte, Knabenkleider an dem Pilbisbaum aufzuhängen, also für den Bilwiz. Auch in neuerer Zeit lohnte man die Elfen, wenn sie gar zu unbequem werden, mit neuen Kleidern ab oder brannte sie aus dem Hause aus.

Die Opfer wurden den meisten Elfen bei einzelnen Anlässen, wo man ihrer Gunst bedurfte, dargebracht, aber manche, namentlich die Hauselfen, hatten, wie die Seelen, auch ihre bestimmten Opferzeiten. Den Hausgeistern spendete man täglich oder doch wöchentlich am Donnerstag, statt dessen in späterer christlicher Zeit auch der Sonnabend oder Sonntag gewählt wurde. Die schonische Hausmutter opferte am Herdfeuer den guten Wichtern am Abend der drei hohen Feste. Das Haupt jahresfest der Elfen waren aber die Zwölften zwischen Weihnacht und dem Dreikönigstag, die Rauhnächte oder Loostage, im Norden die Julzeit, die Fahrtage der Landwichter und der Elfen oder moderner die Fahrengeltage. An diesen Tagen, übrigens in Deutschland auch schon an den „scheulichen“ und „verworfenen“ Tagen der Adventszeit, ziehen die Un-hulden und Schrezlein um. Da werfen die vizentinischen und veronesischen Deutschen der Waldfrau Flachs ins Feuer; in Deutschland bekommen die Schrezlein in der hl. Dreikönigsnacht Speise. Auch die Ausstattung der Tische zu Neujahr mit Broten und anderen Speisen, eine auch römische Sitte, die schon vom hl. Eligius (gestorben 659) und später um 1000 von Burkhard von Worms erwähnt wird, könnte ebenfalls altgermanischer Brauch sein, zumal da auch die Germanen an beliebigen Tagen die Elfen gastlich an Tischen bewirteten (S. 221) und die Engländer noch 1493 in der Neujahrsnacht den „Alholde“ und „Gobelyns“ Speis und Trank auf die Bank setzten. Um Husum tanzten um 1700 in den Zwölften die „Hahnjörs“ durch die Straßen, welche Menschen krank machen und in die Irre führen, und holen sich Essen und Trinken aus den Kellern. In Norwegen besuchen die Unterirdischen einander, ganz nach der Jul-sitte der Menschen, und das Ellefolk trinkt und tanzt dann auf den Kreuzwegen und in den Höhlen. Wie die wilde Jagd oder das wütende Heer in Deutschland zieht in Norwegen die Aasgardsreia, gleichfalls ein Gemisch von Seelen und Elfen, um und hält ihr Trinkgelage oder drängt sich in die Julfeste der Menschen. Diese setzen deshalb auch etwas vom Weihnachtsessen und einen Krug Bier auf den Hof hinaus. Von der isländischen Hausfrau wurden die Alfar in der Julnacht feierlich empfangen.

Diese kindlichen, armseligen Bräuche bezeugen den niedrigen Stand einer Religion, die sich zusammensetzt aus dem Grauen oder wenigstens der Furcht vor den Naturgeistern und aus der Zuneigung zu ihnen, einer gewissen Sympathie. Noch sind diese beiden Gefühle nicht veredelt und zu dem höheren Gefühle der Andacht verwoben. Die überlegene Zauberkraft wird anerkannt, aber im Übrigen betrachtet der Mensch die Elfen mehr wie Seinesgleichen. Daher behandelt er sie oft rücksichtslos und geht mit ihnen die allerpersönlichsten Verbindungen ein, wie sie manche schöne Sage uns bewahrt. So dreht sich der Elfenglaube noch ganz wie der Seelen- und der Marenglaube, im Gegensatz zu den jüngeren Glaubensrichtungen, um den unmittelbaren privaten Verkehr mit den religiösen Mächten, die noch kaum höhere zu nennen sind. In dieser nahen Fühlung mit den Menschen, wie in manchen andern Zügen stimmen diese drei älteren Gruppen so sehr miteinander überein, daß sie, obgleich verschiedenen Ursprungs und Gehalts, oft in einander übergreifen, und manche ihrer Mitglieder fließende Übergangsfiguren geworden sind. Seelen Verstorbener werden Winde, und Seelen noch ungeborener Kinder perlen im stillen Quell empor; aber Winde sind auch Elfen, und der Atem des Wassergeistes steigt in Bläschen aus dem See auf. Jene Zwölften-umzüge umfassen meistens Toten- wie Windgeister. Auch heißen Maren nicht nur die Alpdrucks-, sondern auch die drückenden Wolkenelfinnen.

Die nahe Fühlung dieser drei übermenschlichen Wesensarten mit den Menschen hat noch eine andere Wirkung; sie hat einige bevorzugte Menschen zu jenen gleichsam hintiberzogen und mit ihrer Zauberkraft ausgestattet, namentlich mit der Fähigkeit des Alpdrückens und mit der Kunst, das Wetter zu machen, Helle und Dunkel zu verbreiten durch Schwenken eines Tuchs oder Felles. Der Zauberer Eyvind machte sich und seinen Leuten einen Hulidshjälm Hüllhelm und ein solches Nebeldunkel, daß man sie nicht mehr sehen konnte. Ähnliche Künste schrieb man auch Weibern, Hexen, zu, deren geröteten oder triefenden oder stechenden Augen der elfische böse Zauberblick, eignete. Schon ums Jahr 1000 und gewiß viele Jahrhunderte früher hieß das Elfengeschoß ein Hexengeschoß, das den Hexenschuß verursacht. Die Hexen machen das Wetter wie die Elfen, in Stubai am Sailjoch gerade an dem Elfentage, dem Donnerstag. Auch sie flechten in den Bäumen Alpruten, daher heißen diese Hexenbüsche, und man fürchtete an den Adventsdonnerstagen und in den Zwölften den Umzug nicht nur der Unhulden und Truten d. h. der Elfen und Maren, sondern auch der Hexen. Diese haben später aber auch in den Frühlingsstürmen ihren eigenen Fahrtag oder vielmehr ihre Fahmacht. In der ersten Mai- oder der Walpurgisnacht reiten sie auf Wetterbesen, dunklen Hagelwolken, zu wildem Tanz und Schmaus auf die umwölkten Berge ihrer Gegend, von denen der Blocksberg im Harz und der Bläkulle auf dem schauerlichen Felseneiland Jungfrun an der Küste von Oeland die berühmtesten sind. So ist mitten zwischen der Seelen-, der Maren- und der Elfengruppe eine vierte mythische Gruppe aus leibhaftigen Menschen gebildet worden, der aber erst der kirchliche Wahn von ihrer Buhlschaft mit dem Teufel die ganze unheilvolle Gehässigkeit gegeben hat.

Der innige Verkehr der Menschen und Elfen hatte noch eine ganz andere Folge: das Elfenreich wurde den Seelen der Verstorbenen eröffnet, es wurde eine Art Totenreich geschaffen. Die Seelen führten in ältester Zeit ein unstetes oder unsicheres Dasein bald im Hause oder in einem nahen Baum oder Stein, bald in oder bei ihrem Grabe, bald in den Lüften ringsum. Hier schon berührten sie sich mit den Haus-, Baum-, Stein- und Windelfen, und die Elfen ihrerseits suchten auch die Grabhügel zur Wohnung aus. Als Winde waren die Seelen kaum von den Elfen unterscheidbar. Dazu kam der tägliche Umgang der lebenden Menschen mit den Elfen draußen und drinnen, man glaubte sogar, daß beide sich mit einander zur Ehe zusammenschlössen, und gar manches Menschenkind war ins Elfenland entführt oder eingedrungen. Nim gingen auch die Toten ein in die Herrlichkeit des Elfenreiches, das wir oben bald auf Erden, bald droben im Himmel oder in der Luft gefunden haben (S. 170). Der Niss antwortet dem nach seinem verstorbenen Vater fragenden Sohne: „Dein Vater ist bei uns!“ In einer schottischen Sage sagt der Tote:

„Ich bin nicht tot, sondern im Elfenland gefangen“.

Die Isländer „starben“ in den Berg, d. h. ihre Seelen fuhren in den Berg, so in den Helgafell, den Heiligenberg, in dem auch Alfar wohnten und die Toten um große Feuer jubelnde Gelage hielten. So sind die schonischen Trollenberge am Julabend auf Goldpfeiler gestellt, unter denen die Trolle tanzen. Die deutschen Toten aber kamen in den Rosengarten der Zwerge, die durch ihre paradiesischen Eigenschaften, durch einen dahin übersetzenden Fährmann oder einen Wächter, der eine Hand und einen Fuß als Zoll fordert, als Totenreiche charakterisiert werden.

Der Elfenglaube war ein Angelpunkt des germanischen Gesamtglaubens. Den Seelen- und den Marenglauben entwurzelte oder lockerte er zwar nicht, im Gegenteil diese blieben unvergleichlich fest in der Volksseele haften; aber die Naturverehrung gab ihm das Übergewicht über die beiden andern. Er gehörte nicht nur wie sie zu den ältesten und bis heute dauernden Grundlagen des menschlichen Glaubens überhaupt, sondern er bildete, zum Unterschied von ihnen, mit dem Riesenglauben vereint, die Grundlage des ganzen höheren Dämonen- und Götterglaubens.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen Meyer, Elard Hugo.