Die arianisch-gotische Religiosität

von: Edmund Weber
Die christlichen Lehnwörter der deutschen Sprache bestehen aus zwei Schichten, einer älteren und einer jüngeren. Zur ersten gehören Wörter wie „Pfaffe“, „Teufel“ und „taufen“, zur zweiten Wörter wie „Kloster“, „predigen“ usw. Während die jüngere Schicht aus der lateinischen Kirchensprache des römisch-katholischen Bekenntnisses entlehnt ist, stammt die ältere entweder aus dem Griechischen durch Vermittlung des Gotischen oder aus dem Gotischen selbst. Diese Wörter sind Marksteine für die sprachlichen Einwirkungen, die das erste germanische Christentum auf die süddeutschen Stämme ausgeübt hat.

Die christlichen Lehnwörter der deutschen Sprache bestehen aus zwei Schichten, einer älteren und einer jüngeren. Zur ersten gehören Wörter wie „Pfaffe“, „Teufel“ und „taufen“, zur zweiten Wörter wie „Kloster“, „predigen“ usw. Während die jüngere Schicht aus der lateinischen Kirchensprache des römisch-katholischen Bekenntnisses entlehnt ist, stammt die ältere entweder aus dem Griechischen durch Vermittlung des Gotischen oder aus dem Gotischen selbst. Diese Wörter sind Marksteine für die sprachlichen Einwirkungen, die das erste germanische Christentum auf die süddeutschen Stämme ausgeübt hat. Dieser Einfluß ist schon im fünften Jahrhundert vom Unterlauf der Donau her stromaufwärts gezogen und hat sich bereits vor Theoderich dem Großen weithin in Deutschland geltend gemacht.
Das älteste germanische Christentum ist von seinen welschen Zeitgenossen kurzweg „Das gotische Gesetz“ genannt worden, weil die gotischen Wanderstämme, die auf altem römischen Reichsboden ihre Reiche errichteten, seine Hauptträger waren. Darüber hinaus hat es aber auch deutsche Stämme, z. B. die Bayern und die Alemannen beeinflußt. Es hat nahezu vierhundert Jahre bestanden und sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung vom Kaukasus bis zum Atlantischen Ozean sowie von der Sahara bis zum Thüringer Wald erstreckt. Trotzdem ist „Das gotische Gesetz“, wie Hans v. Schubert schrieb, bis vor kurzem eine „dunkle Größe“ gewesen. Für uns, die wir uns auf die Grundlagen unserer Art besinnen, ist es jedoch geboten, auch einmal zu betrachten, mit welchem Ergebnis Germanentum und Christentum sich zuerst berührt haben.
Der erste Germanenstamm, der geschlossen das Christentum angenommen hat, sind die Westgoten gewesen. Sie saßen damals an der unteren Donau in der heutigen Moldau und Walachei. Von 341 n. übl. Ztr. an wirkte unter ihnen als Bekehrer der Bischof Ulfila. Seinem heißen Bemühen und dem politischen Druck des Hunnensturms ist es zuzuschreiben, daß, wie ich vermute, das Heerthing der Westgoten 376 n. übl. Ztr. die Annahme des Christentums beschloß, um die Aufnahme des Stammes ins oströmische Reich als Bundesgenossen zu erlangen.
Damals herrschte am Hofe zu Konstantinopel die Lehre des Arius. Auch Ulfila war überzeugter Arianer. So ist es zeitgeschichtlich bedingt, daß die Goten das Christentum in der arianischen Form überkamen. Solange diese amtlich anerkannte Rechtgläubigkeit war, spielte dieser Umstand keine Rolle. Aber als der athanasianisch gesonnene Kaiser Theodosius der Große die Wesensgleichheit und Gleichstellung der drei Personen in der heiligen Dreieinigkeit auf dem Konzil zu Konstantinopel 381 n. übl. Ztr. durchgesetzt hatte, wurde der Arianismus als „Irrlehre“ im ganzen Römerreich unterdrückt. Bei den römischen Arianern gelang das ziemlich rasch. Aber gegen die christlichen Germanen mit Zwangsnahmen vorzugehen, war unmöglich. Da sie Arianer blieben, kam es bei ihnen zur Ausbildung eines eigenen Bekenntnisses in der Form der arianisch-gotischen Religiosität.
Lehrmäßig unterschied sich das gotische Bekenntnis von dem athanasianischen der Griechen und Römer durch die Auffassung des Verhältnisses des Gott-Vaters zu dem Gott-Sohne und beider zu dem Heiligen Geiste. Die germanischen Kirchenlehrer vertraten die Ansicht, „der Sohn sei geringer an Hoheit als der Vater und an Ewigkeit später, der Heilige Geist aber sei weder Gott noch bestehe er aus dem Wesen des Vaters, sondern sei vom Sohn geschaffen und dem Gehorsam gegen beide unterworfen“; sie behaupteten auch, daß weder der Sohn noch der Heilige Geist dem Vater wesensgleich seien. So betonten also die gotischen Geistlichen die Unterordnung des Sohnes unter den Vater. In Streitgesprächen mit römischen Priestern begründeten sie ihre Auffassung mit dem Hinweis auf das Schriftwort: „Der Vater ist größer als ich.“
Ulfila hat diese Lehre kurz vor seinem Tode so aufgezeichnet:
„Ich, Ulfila, Bischof und Bekenner, habe immer folgendes geglaubt und gehe in diesem alleinigen und wahren Glauben hinüber zu meinem Herrn. Ich glaube, daß Einer sei, Gott der Vater, allein, ungezeugt und unsichtbar; und an seinen einzig gezeugten Sohn, unsern Herrn und Gott, den Werkmeister und Schöpfer der gesamten Kreatur, der nicht seinesgleichen hat; darum ist er ein Gott aller; und daß ein heiliger Geist sei, die erleuchtende und heilige Kraft, wie Christus sagt (Luk. 24, 49), weder Gott noch Herr, sondern Diener Christi, untertan und gehorsam in allem dem Sohn, und der Sohn untertan und gehorsam in allem Gott dem Vater.“
Wenn dieses Bekenntnis Ulfilas nicht nur von den Westgoten, sondern auch von den vielen anderen germanischen Stämmen der katholischen Dreieinigkeitslehre vorgezogen wurde, so wird man das nicht nur auf den Einfluß seiner mächtigen Persönlichkeit zurückführen dürfen. Es muß, wie Rudolf Goette bemerkt, auch daran liegen, daß die Vorstellung eines menschenfernen höchsten Gottes, eines von ihm gezeugten Schöpfers und Weltherrschers und seines halbgöttlichen Dieners der Gedanken- und Gefühlswelt der zu bekehrenden Germanen leichter einging als die orthodoxe Dreieinigkeitslehre.
Wie bei der Lehre von der Dreieinigkeit, so beriefen sich die gotischen Geistlichen in ihren Auseinandersetzungen mit den welschen Priestern auch sonst auf die Bibel. Eine Berufung der letzteren auf eine mündliche Überlieferung lehnten sie ab mit der Begründung, in der Schrift nicht enthaltene Ausdrücke dürften auch nicht in die Glaubenslehre eingeführt werden. Das war ausgesprochenes Bibelchristentum, das nur den Schriftbeweis anerkennt. Dieser wesentliche Zug der arianisch-gotischen Frömmigkeit ging ebenfalls auf Ulfila zurück. Er war von Jugend auf in einem schlichten Bibelchristentum erzogen worden. Daher übersetzte er, sobald er dazu die nötige Ruhe und Zeit fand, die Bibel ins Gotische und stellte so alle gotischen Gläubigen von Anfang an auf die Grundlage des selbständigen Forschens in der Schrift. Diese Übertragung der „Heiligen Schrift“ war, wie Rudolf Goette treffend bemerkt hat, ebensowenig wie die Lutherbibel nur für Gelehrte und Wissende bestimmt, sondern als Volksbuch gedacht.
Durch die Gotenbibel wurde das gesamte Glaubensleben der arianischen Goten von seinem Ursprung an in der Muttersprache verankert. Daher darf angenommen werden, daß der Gottesdienst durchweg in der gotischen Sprache abgehalten worden ist. Dafür zeugt u. a. eine uns erhaltene wandalische Formel: „Herr, erbarme dich unser!“
Indem das gotische Christentum durch seine Bibel und seinen Gottesdienst in der Muttersprache zu einer völkischen Größe wurde, trat es zu der welschen Kirche, die völkerüberspannend sein wollte, in einen Gegensatz. Den römischen Anspruch auf alleinige Rechtgläubigkeit bestritten die gotischen Kirchenlehrer mit der Behauptung, sie seien ebenso gut katholisch; sie verlangten für sich das Recht, „unabhängig von den Riesenfangarmen der römischen Kirche“ – wie H. v. Schubert anschaulich gesagt hat – auf der allein wahrhaft katholischen Grundlage der ersten beiden christlichen Jahrhunderte weiterbauen zu dürfen. Sie stützten sich auf Konzilien, die für den Arianismus günstig gewesen waren, und fochten die Gültigkeit der Konzilien an, die die Lehre des Arius verworfen hatten.
Wie hoch die Kraft der Bibelworte eingeschätzt wurde, lehrt der Umstand, daß man zur Erforschung der Zukunft nicht mehr, wie einst die Väter, Losstäbe warf, sondern aufgeschlagene Bibelverse für bedeutungsvoll und schicksalkündend ansah.
Diese Verwendung der Bibel offenbart, daß die arianisch-gotische Religiosität ihre zweite Wurzel in der germanischen Vorstellungswelt hatte. Das lehrt auch die gotische Auffassung des Abendmahls als einer steten Erneuerung eines im Blute Christi geschlossenen Bundes; sie bedeutete die Übertragung der germanischen Sitte der Blutsbrüderschaft auf das Verhältnis der Gläubigen zu ihrem Gott.
Wie bereits erwähnt, stammt unser deutsches Zeitwort „taufen“ vom gotischen daupjan; dieses hängt wieder mit diups, d. h. tief, zusammen und bedeutet daher ursprünglich „eintauchen“. Nach spanischen Berichten bestand denn auch die arianisch-gotische Taufe in einem dreimaligen Untertauchen des Täuflings.
Kennzeichnend für germanisches Empfinden ist auch der vom Bischof Isidor von Sevilla überlieferte Brauch der arianischen Geistlichen, sich „zur Schonung des den Germanen so teuren Haupthaares“ nur „auf dem Wirbel eine kleine Platte“ scheren zu lassen.
Schon Gustav Freytag hat erkannt, daß die arianisch-gotischen Christen im Heiland ihren Gefolgsherren sahen. Damit war der altgermanische Gefolgschaftsgedanke ins Religiöse übertragen. Nun läßt sich aus den Evangelien ein zwiefaches Bild Jesu ableiten: das eines leidenden Dulders, der die Sanftmütigen und Friedfertigen selig preist und gebietet, das Schwert in die Scheide zu stecken, und das eines unerschrockenen und schlagfertigen geistigen Kämpfers. Den gotischen Wanderstämmen, die seit vielen Geschlechtern sich ihre Freiheit und ihr Leben täglich neu erobern mußten, konnte der gekreuzigte Dulder wenig zusagen. Sie hielten sich lieber an den heldischen Jesus als ihren himmlischen Herzog und malten sich ihn nach den Hochzielen ihrer Art als mutig, tapfer und treu aus.
Zur Zeit des germanischen Eigenglaubens hatte der öffentliche Gottesdienst in engster Verbindung mit dem Rechts- und Gemeindeleben in Krieg und Frieden gestanden. Die Grundzüge dieser Verfassung blieben auch bei dem Übertritt der Goten zum Christentum maßgebend. Der alte Glaubensverband wurde nunmehr zu einer Stammes- oder Volkskirche und von der Zeit an, wo die einzelnen Stämme ein eigenes Reich gewonnen hatten, zu einer Landeskirche. Daher war diesen gotischen Arianern das römische Streben nach bischöflicher Allgewalt und nach Unabhängigkeit der Kirche von Volk und Staat wesensfremd und unleidlich. Alle ihre geistlichen Würdenträger unterstanden dem König als dem Landesherrn; er ernannte die Bischöfe und zog sie gegebenenenfalls zur Verantwortung.
Nach altgermanischem Brauche war der Hausvater das geistliche Oberhaupt im häuslichen Kreise gewesen. Diese Auffassung blieb auch im gotischen Christentum herrschend. Den Priestern eine bevorrechtigte Stellung einzuräumen und sie als Mittler zwischen sich und Gott anzuerkennen, lag den gotischen Frommen fern.
Darum lehnte die arianisch-gotische Religiosität auch die Lehre von einer doppelten Sittlichkeit ab. In dem Einsiedlerwesen und in dem Mönchstum sahen die Germanen eine Flucht aus der Sippe und dem Stamm. Das bewußte Ausscheiden aus der Kette der Geschlechterfolgen erschien ihnen nicht verdienstlich, sondern widernatürlich. Die Ehe galt als gottgewollter Lebensstand, dem sich die Priester ebensowenig entziehen durften wie jeder andere Volksgenosse. Denn Ehelosigkeit gefährdete die Volkskraft. Aus diesem lebenskundlichen Blickfeld heraus hielten auch die arianischen Goten lange auf reinblütige Ehen.
Der germanische Geist war wenig geneigt, sich dem Zwange festgefügter Glaubenssätze zu unterwerfen. Darum brachte auch die arianisch-gotische Frömmigkeit dem Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Gewissens Ehrfurcht entgegen und war duldsam nicht nur gegen ihre Anhänger, sondern auch gegen Andersgläubige. Die angeborene Verträglichkeit in Glaubensfragen fand sich bestärkt in ihrer geistigen Begründung durch das Wort Jesu: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“ Aus diesem Grundgefühl heraus ließ Theoderich der Große 510 n. übl. Ztr. an die Judengemeinde in Genua schreiben: „… denn eine Religion können wir euch nicht anbefehlen, weil niemand wider seinen Willen zum Glauben gezwungen wird.“
Bei der mehrhundertjährigen Entwicklung der arianisch-gotischen Frömmigkeit ist es verständlich, daß sie ihre eigenen Blutzeugen und ihren eigenen Zeitkalender gehabt hat. Ob sie auch Heilige gekannt hat, ist unsicher, ebenso, ob man einen Wunderglauben annehmen muß; falls ein solcher bestanden hat, war er jedenfalls wesentlich schwächer als in der römischen Kirche.
Sobald die Wanderstämme zu fester Ansiedlung gelang waren, erbauten sie sich auch eigene Kirchen. Ob sie noch dazu gelangt sind, einen arianischen Kirchenbaustil zu entwickeln, muß dahingestellt bleiben. Nach Albrecht Haupt scheint es, als ob bei den gotischen Kirchen alle Sinnbilder der Dreieinigkeit vermieden und deshalb statt der Dreiecksgiebel Walmdächer angebracht worden sind.
Die arianisch-gotische Religiosität hat Glaubenssätze gekannt und ihre Überzeugungen auch in Lehren zu fassen und sie geschickt zu begründen und zu verteidigen verstanden. Aber wichtiger war ihr das Handeln nach den Worten des Heilands. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ – das war die Losung für die gotischen Christen. Prokop rühmt den arianischen Goten der Halbinsel Taman nach:
„Sie achten und ehren die christlichen Bräuche in nicht geringerem Maße als irgendeiner … ohne sich in Streit einzulassen, halten sie den Glauben hoch in schlichter Gestalt.“
Der römisch-katholische Bischof von Massilia (Marseille) Salvianus hat um 450 n. übl. Ztr. dem arianisch-gotischen Tatchristentum folgendes Zeugnis ausgestellt:
„Die Goten und Wandalen hängen zwar Irrlehren an, aber an Sittenstrenge sind sie besser als unsere römischen Landsleute … So viel gilt bei jenen die Sittenreinheit und Sittenstrenge, daß sie nicht nur selbst keusch sind, sondern auch – ich sage etwas Neues, Unglaubliches, Unerhörtes – die Römer dazu gemacht haben … Schämt euch, ihr Römer, schämt euch eures Lebenswandels, denn bei euch sind nur die Städte frei von Lastern, wo die Barbaren herrschen.
Eine ganze Reihe geschichtlicher Zeugnisse ließe sich denn auch anführen, aus denen hervorgeht, welch feine Blüten die Verschmelzung der germanischen Tugenden der Tapferkeit, Ritterlichkeit und Treue mit den sittlichen Forderungen der Frohbotschaft getrieben hat. Die arianisch-gotische Religiosität ergab eine Glaubensform, die nicht wenige auffällige Übereinstimmungen mit dem späteren Protestantismus Luthers aufweist. Die Bibelgläubigkeit, die Verwerfung der Überlieferung, die Forderung der Schriftgemäßheit der Lehre, der Gottesdienst in der Muttersprache, die Bedingtheit der Anerkennung der Konzilien, die Ablehnung einer Mittlerstellung der Priester und der Lehre von einer doppelten Sittlichkeit für den geistlichen und weltlichen Stand, die Lehre vom allgemeinen Priestertum des Hausvaters, die Bildung von Landeskirchen mit dem Landesherrn als oberster Spitze sind alles Züge, die bei der Reformation ebenfalls auftreten. Wie will man sie anders erklären als durch Zurückführung auf im germanisch-deutschen Blute liegende Erbanlagen?

Die Christianisierung Nordgermaniens

nordland Die römische Germanen Mission schließt mit der Christianisierung Norwegens und Alt Islands ab. Aber dieses Einzelereignis ist in seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung nur zu verstehen, wenn wir eine Ahnung haben von den großen Ideen, die hinter allem Geschehen am Werke sind; ohne sie hängt ein Teilereignis der Geschichte einfach in der Luft.

Was wir als Geschichte vorgesetzt bekommen, ist ja meist nur vordergründiges Geschehen. Die kleinen Regisseure der papierenen Weltgeschichte sind immer nur emsig bemüht, den Ablauf der geschichtlichen Ereignisse bis ins allzu Menschliche hinein so ausführlich wie möglich nachzumalen. Sie schildern die Geschehnisse um dieser selbst willen, reihen sie aneinander auf wie Perlen auf einer Schnur, wobei aber die Schnur nicht den bekannten roten Faden bildet, der alles Geschehen in eine innere Beziehung zueinander bringt. Diese Schnur hat hier nur chronologische Bedeutung, um wenigstens eine gewisse Ordnung in das scheinbare Chaos der Menschengeschichte zu bringen. Der echte Historiker dagegen sieht immer die wirkenden Kräfte, die gestaltenden Ideen hinter den unzähligen, sinnverwirrenden Ereignissen auf der Bühne des geschichtlichen Lebens. Dort erst entwirrt sich das Knäuel und offenbart uns in großen, abereinfachen Umrissen das ernste Krä ftespiel rasse- und raumgebundener Ideen. So kamen wir zu einer heroischen Geschichtsauffassung, neben der die ästhetischen, idealisierenden, patriotischen und sentimentalen Geschichtsauffassungen nicht bestehen können, die aus nur Vordergrü ndigen Geschichtserlebnissen gewonnen sind, Wie die Menschen Geschichte auffassen, so fassen sie das Leben auf.

Mit der heroischen Lebensauffassung und Geschichtsanschauung betreten wir heimischen, heidnischen Boden, denn das altgermanische Epos verrät uns eine gleiche seelische Haltung unserer vorchristlichen Ahnen. Wir lernen heute wieder die reinere, kühlere Luft des Nordens atmen. Wer aber die Behaglichkeit liebt und das kleine Glück sucht, bleibe im Süden.

Alles geschichtliche Geschehen lässt sich für den nordischen Betrachter und Erlebenden auf den uralten Gegensatz Norden Süden zurückführen. Norden und Süden sind nur zwei gleichnishafte und symbolische Begriffe für zwei gewaltige Geistesmächte, die in der menschlichen Geschichte wirksam geworden sind. Auf der Plattform des jüngeren Geschehens begegnen sie uns als Germanentum im Norden und als Christentum im Süden. (Hier wird Germanentum als eine geistige Idee aufgefasst, die allerdings an ein ihr entsprechendes Menschentum gebunden ist.) Wir haben bis in die späte Geschichte hinein die Tatsache einer ungeheuren Expansion des nordischen Geistes und Blutes anzuerkennen. Überall stoßen wir auf die Spuren derselben: bei allen vorderasiatischen Kulturen, in Indien, Persien und Ägypten, vielleicht sogar in Mittel und Südamerika und Ostasien; vor allem aber in den Kernländern der Antike, in Griechenland und Rom. Wo der Ausgangspunkt dieser Ausdehnung zu suchen ist, wissen wir noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. In historisch klar fassbarer Zeit ist jedenfalls die Nordmeerlandschaft das Kraftfeld der nordischen Rasse, also die Küstenlandschaften um die Nord und die Ostsee herum.

Dieses berauschende Bild von den nordischen Erdballstürmern darf uns aber nicht die dunkle Kehrseite dieser glänzenden Erscheinung übersehen lassen. Vergessen wir nie: überall in der artfremden Landschaft saß die nordische Rasse nicht als Volkstum, sondern nur als Herrenschicht und verfiel als solche unter fremden Zonen und unter fremden Volkstümern. Eine Rasse ist nicht nur an ihr Blut gebunden, sie ist genau so stark dem Raum verhaftet, in dem sie zur Rasse geworden ist. Eine Rasse hat einen natürlichen Standort, den sie nicht ungestraft verlässt. Der südliche Raum hat andere Gesetze als der des Nordens. Dort scheint dem nordischen Menschen eine feindliche Sonne, dort ist der Wind Giftträger für ihn, und der Boden beraubt ihn seiner Kraft oder zwingt ihm die eigenen Gesetze auf, d.h. er muss sein Blut mit den Kindern dieser fremden Erde mischen, wenn er nicht dem Siechtum und Verderben anheim fallen will:

Die fremden Eroberer kommen und gehen
Wir gehorchen, aber wir bleiben bestehen.

So lässt Schiller in seiner „Braut von Messina“den Chorsprechen, der das von einem nordischen Herrengeschlecht unterworfene Volk darstellt.

Aus Naturnotwendigkeit musste eines Tages das Verströmen der überschießenden Kräfte des Nordens nachlassen; der Süden aber, durch die Beimischung nordischen Geistes und Blutes aus seiner natürlichen Trägheit aufgerüttelt, zum Gegenschlag ausholen. Und dieser ist auch nicht ausgeblieben. Im Verein mit dem Klima und einer langsamen, aber desto sicherer sich durchsetzenden Rassenmischung haben Aufstände der unterworfenen Bevölkerung und häufige Kriege die IndogermanenvöIker nach und nach vernichtet und das nordische Erbe aufgezehrt. Der Durchbruch südlicher Sitten und Gottesvorstellungen verschüttete die Erbinstinkte. Auch in den antiken Ländern war bereits alles nordische Denken und Blut zersetzt, als das Christentum in Erscheinung trat und das Chaos vollendete, in das dann die letzten heidnischen Germanenstürme hineinbrandeten. Wir machen uns selten klar, welche Folgen dieser germanische Einbruch in das mittelalterliche Völkerchaos hatte. Die sogenannten germanischen Barbaren haben nämlich gerade das Umgekehrte dessen verbrochen,. was ihnen die Voreingenommenheit und Denkfaulheit zuspricht: sie retteten in diesem Untergang, was noch zu retten war; nicht zuletzt das Christentum. Hauston Chamberlain hat wohl recht, wenn er in seinen ,,Grundlagen des 19. Jahrhunderts“die Meinung äußert, daß es viel besser gewesen wäre, die Goten, Vandalen usw. hätten sich mal in diesem Falle ausnahmsweise barbarisch aufgeführt und alles kurz und klein geschlagen, um dem Gift des mittelmeerischen Völkerchaos die Möglichkeit, weiterhin gesundes Leben zu verderben, endgültig zu nehmen. Es wäre dann wohl nie ein Bonifazius über den Rhein gekommen und keine päpstlichen Machtansprüche hätten deutsche Kaiser zu einer unglückseligen Italienpolitik gezwungen. Aber in ihrer erhaltenden, aufbauenden Wirkung haben sie dem den Norden bedrohenden Geist des Südens die Basis für eine kräftige Erholung geschaffen. In ihrer ganzen Unbekümmertheit haben die Völkerwanderungsgermanen dem Papsttum indirekt in den Sattel geholfen. Mit diesem Papsttum wurde dann das Christentum zu der politischen und geistigen Waffe des Südens.

Sie ist mit viel Berechnung und Klugheit geführt worden und sollte dem Norden zu einem bitterbösen Verhängnis werden. Das Werk der Christianisierung der Germanen konnte jetzt beginnen. Es war ein blutiges Werk, es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte des historischen Christentums. Um jeden Menschen, um jeden Quadratmeter Boden wurde erbittert gerungen. Der Norden unterlag nicht der Tapferkeit des Südens, sondern dessen Schlauheit und Berechnung, den so ganz anderen, von ihm unverstandenen und als ehrlos empfundenen Waffen. Verrat und Verleumdung, entwurzelte Germanen traten als mä chtige Helfer der römischen Bekehrer auf. Nur diesem geschickten und rücksichtslosen Kesseltreiben verdankt Rom seinen ,,Sieg“, der mit der Zurückdrängung der letzten Heiden bis an den Rand des ewigen Eises, bis nach Island und Grönland, endete.

Über dem ganzen Missionsdrama liegt ein ungeheurer Weihrauchdunst, der das wahre Bild verdeckt, Die bisherige Geschichte der Missionierung Germaniens ist in den meisten Fällen eine bewusste Verschleierung der Tatsachen, um nicht gerade zu sagen, eine bewusste Lüge.

Wir machen heute die Beobachtung, daß die römische Germanenmission von protestantischen Theologen und Laien gedeckt wird. Man wird hier an ein böses Wort Paul de Lagardes erinnert, das dem Sinn nach ungefähr folgendermaßen lautet: Der Protestantismus ist Katholizismus minus den Papst. In der periodischen Zeitschrift ,,Berliner Stadtmission“, Heft 12, 1932, ist zu lesen: ,,Es entzieht sich unserer Berechnung, in welchem Maße die Erdbeben und Zeichen am Himmel durch die sittliche Verderbnis der Menschen bedingt sind. Wenn Gott mit Gericht über die Erde geht, trieft sie von Blut, es muss ein schauerliches Morgengrauensein, das den wiederkommenden Jesus begleitet“. Mit solcher Gesinnung muss man ja die ,, schauerlichen“ Begleiterscheinungen bei der Zwangsbekehrung der Heiden ganz in Ordnung finden. Es ist der Geist Jahves gewesen, der bei der blutigen Taufe der Germanen Pate gestanden hat, der gleiche Gott, der den Propheten Samuel zu dem König Saul sagen ließ. als dieser gegen die Amalekiter zu Felde zog: ,,So ziehe nun hin und schlage die Amalekiter und verbanne sie mit allem, was sie haben. Schone ihrer nicht; sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel“ (1. Sam. 15). Wie die Forschungen ergeben haben, haben wir es bei den kanaanitischen Völkern, also den Amalekitern, Amoritern usw. mit Völkern stark nordischen Einschlages zu tun!

Vor 1945 waren viele Heiden erstaunt, wie empfindlich die protestantische Priesterschaft auf den Angriff gegen das Alte Testament reagierte. Das hatte seine sehr verständlichen Gründe, denn ohne das Alte Testament ist die christliche Kirche und Priesterreligion nicht mehr lebensfähig. Der protestantische Theologe Vuikmar Hentrich hat vollkommen recht, wenn er in seinem Buch ,,Völkische Religiosität und Altes Testament“schreibt: ,,Der Kampf gegen das Alte Testament ist keine Bagatelle, sondern Entscheidungskampf“. Das Alte Testament ist vor allem die Grundlage für den christlichen Universalismus und mithin auch für die ,, Heiden“mission. Der Altmeister der evangelischen Missionswissenschaft, Prof. Gustav Warneck, bekennt: ,,Jehova ist von Anfang an der Gott des Himmels und der Erde und der abrahamitische Segen von Anfang an auch für die Volker bestimmt“, und, ,,ist Jehova als der Schöpfer der Herr und Richter der ganzen Welt, so musste auch der Gedanke einbürgern, daß die ganze Erde für ihn in Anspruch genommen werden müsse“. Im Alten Testament liegt der Weltherrschaftsgedanke offen zu Tage. Der Imperialismus und Internationalismus Jehovas ist die Voraussetzung aller späteren Imperialismen und Internationalismen.

Vor allem sind die gewaltsamen und sonstigen zweifelhaften Bekehrungsmethoden, die besonders Germanen zu erleiden hatten, ohne den Geist des Alten Testaments einfach undenkbar. Ohne Gewalt wäre Germanien nie christlich geworden; das Verständnis für diesen Glauben fehlt bis heute. Pastor Wehrmann klagt in seiner Schrift ,,Die Gemeinde das Herz der Völker“über die Unkirchlichkeit des deutschen Nordens, daß das Evangelium dort immer noch etwas Fremdes, Nicht begriffenes sei. Christus wird trotz katholischer Aktion, trotz protestantischer volksmissonarischer Tätigkeit ewig ein nie ganz begriffener Fremder im Norden bleiben. Das liegt nicht an der Verstocktheit und Sündenverstrickung des nordischen Menschen, sondern an seinem Wesen.

Die Christianisierung des Nordens beruht auf der Anwendung von Gewalt, die oft mit der Scheußlichkeit an sich identisch war. Auf Gewalt konnte also Rom beider Christianisierung des Nordens gar nicht verzichten, wollte es seine Ziele erreichen. Diese Gewaltanwendung bestätigen sogar katholische Priester. Wohl am offenherzigsten und dreistesten war der katholische Missionar Erlemann, der bei der Begrüßung des Prinzen Heinrich in Kiautschau sagte: ,,Die Erfahrung hat gelehrt, daß immer nur da, wo die weltlichen Gewalten den Glaubensboten ihren starken Arm liehen, ein durchgreifender Schritt zur Christianisierung eines Volkes hat gemacht werden können“. Das war unzweideutig und deutlich gesagt. Ein anderer katholischer Priester schreibt über die gewalttätige Germanenmission. sie bedauernd: ,,Und der Heiland führt uns in das alte Sachsen; führt uns in das Ur-Preußenland. Sachsen, das durch Kampf und Schwert und Mord und Brand und Gewalt christlich gemacht worden ist. Preußen, das mehr durch geistliche Ritter als ritterliche Geistliche christianisiert worden ist; beide Länder, die erst gründlich vom alten Glauben und dann noch gründlicher von allem Gauben abgefallen sind weil Senfkörnlein und Sauerteig das Christentum dort nicht eingeführt“. Aber ohne Gewaltanwendung wären diese Länder, wie alle nordischen Länder überhaupt, niemals in ihrer Gesamtheit christlich geworden. Das wusste man in Rom und weiß es noch heute!

Das nordischgermanische Beispiel der Christianisierung, ihre Methoden und Wirkungen haben uns die isländischen Sagas treulich überliefert. Sie bestätigen uns vollauf, was wir aus dem sü dlichen Germanien wissen: Gewalt und Sittenverderbnis. Rom und seine Bekehrer werden durch die Sagas schwer belastet. Sie bilden eine einzig große Anklage gegen die sittenzerstörende Wirkung der römischen Germanenmission, obwohl sie denkbar neutral und tendenzlos geschrieben sind; gerade deshalb sind sie das beste Beweismittel für die Tatsache eines germanischen Sittenwandels in abwärtsweisendem Sinne als Folge eines erzwungenen Glaubenswandels.

Der Christianisierung Norwegens voran ging die Zerschlagung des heidnischen Freistaates durch den ersten Norwegerkönig Harald Schönhaar. Bereits das war eine Fernwirkung des von der Kirche so hoch gefeierten Sachsenschlächters Karl von Franken. Sein Nachfolger Hakon der Gute versuchte es dann mit der Christianisierung der Norweger ,,im Guten“. König Hakon hatte schon von Kind an bei König Athelstan in England eine christliche Erziehung genossen. Er meinte es mit seinem Christentum ernst. Viele von der ihn umgebenen Gefolgschaft nahmen das Christentum aus Freundschaft zu dem Könige an, eine Erscheinung, die im ganzen Norden zu finden ist. Aber die Bauern trotzten seinen Bemühungen. Die edle Gesinnung des Königs verhinderte ein gewaltsames Vorgehen, und so ging noch einmal alles gut. Aber gerade dieser Misserfolg König Hakons zeigt mit aller Deutlichkeit, daß ohne Gewalt das Volk als Ganzes nicht für die Lehre aus dem Süden zu gewinnen war. Nach seinem Tode in der Schlacht bei Fitje trauerten Feind und Freund. Den Bauern hatte er ihren von Harald Schönhaar geraubten Besitz wieder zurück gegeben und die germanische Glaubensfreiheit unangetastet gelassen, Das war unter dem nächsten König gründlich vorbei. Olaf Tryggvason gehört in die vorderste Reihe der rücksichtslosesten Bekehrer. Wie sein Bekehrungszug vor sich ging, soll uns Snorris Königsbuchselbst erzählen:

Von den südlichen Gauen Norwegens ging dieser seltsamschaurige Zug nordwärts. ,,Der König“, so berichtet das Königsbuch, ,,zog in den Norden von Vik und forderte alle Mannen auf, Christen zu werden, über die aber, die Widersprachen, verhängte er harte Strafen. Einige ließ er töten, andere verstümmeln, noch andere jagte er fort außer Landes.“Aus Hardanger heißt es: ,,Der König zog nordwä rts nach Agde, und wo er ein Thing mit den Bauern abhielt, verlangte er von allen Mannen, daß sie sich taufen ließen. Überall wurde das Volk christlich, denn nirgends wagten die Bauern einen Aufstand gegen den König“. Auf einem Thing der vier Gaue Sogn, Fjordgau, Südmöre und Romsdalen zwingt auch nur das große Heer des Königs und die mangelhafte Bewaffnung der Bauern diese zum Nachgeben. „Am Ende der Rede stellte der König die Bauern vor die Wahl, entweder das Christentum annehmen und sich taufen zu lassen oder andernfalls sich zum Kampf gegen ihn bereit zu halten.“Bei den Drontheimer Bauern verliefen aber die Dinge nicht so glatt, da sie durch die bisherigen Vorfälle gewarnt waren und in voller Waffenrüstung auf dem Thing erschienen. Erst als der König durch eine List den Anführer der Bauern von den Seinigen abzutrennen wusste und ihn umbringen ließ, ergaben sich die führerlos gewordenen Bauern. So sieht in dem Nüchternen Bericht Snorris die ,,friedliche“ Bekehrung der Norweger aus. Mit der Bekehrung der Germanen feierte auch oft die Grausamkeit ihre besonderen Triumphe. Das war in Norwegen nicht anders als in Deutschland. Wie die Opfer der Inquisition ,,Hexen“ waren, so waren die hingerichteten Heiden im Norden natürlich immer,,Zauberer“, die Leben und Gesundheit der braven Christenmenschen bedrohten. So war auch Eyvind Quelle, der sich der Bekehrung widersetzte, ein solcher ,,Zauberer“. Er hatte das Pech, zum zweiten Male dem König in die Hände zu fallen, nachdem er bei einem Mordbrand gegen ihn noch mal entwischt war. letzt lieg ihn der König mit sämtlichen seiner Begleiter auf eine Schäre bringen, die bei Flut unter Wasser stand. Festgebunden, mussten sie so den langsamen Wassertod erleiden. Ü berhaupt, im Aussinnen von Strafen waren die Bekehrer, die Sendboten des Heilands, unübertrefflich. Wie angesichts solcher Tatsachen noch ein Mitarbeiter an der Herausgabe der Sammlung ,,Thule“ (Walter Baetke)behaupten kann: ,,Es ist ja Geschichtliche Tatsache und lässt sich durch keinen noch so gehässigen Ausfall gegen das , Verbrechen der Christianisierung‘ aus der Welt schaffen, dass sich die Bekehrung der Germanen im allgemeinen freiwilligvollzogen hat; das gilt nicht nur für die Südgermanen, sondern auch für den germanischen Norden“, ist einfach unverständlich. Kann Voreingenommenheit einen Menschen so blind machen? Frühkindliche Prä gung dürfte am ehesten Erklärung für diese Verdrängung unangenehmer Wahrheiten sein.

Wie Olaf Tryggvason die Christianisierung des Nordens begonnen hatte, so vollendete sie Olaf der Heilige. Wo die Kirche einen germanischen König in den Heiligenstand erhebt, da war dessen Leben alles andere als für den Norden heilbringend. Diese Vermutung wird auch bei dem heiligen Olaf vollauf durch das Königsbuch des Snorri bestätigt. Über seine verdienstvolle Tätigkeit für die Kirche lesen wir dort: ,,Der König forschte genau nach der Art, wie sie den Christenglauben hielten. Wo er aber die Ansicht gewann, daß sie ihn noch nicht richtig übten, da lehrte er sie den richtigen Glauben. Waren aber welche, die vom Heidentum nicht lassen wollten, dann belegte er sie mitschweren Strafen. Er trieb einige außer Landes, andere ließ er an Händen und Füßen verstümmeln oder ihnen die Augen ausstechen, wieder andere ließ er hängen oder niederhauen. Keinen aber ließ er ungestraft gehen, der nicht an Gott glauben wollte. “ . . . ,,So durchzog er alle Gaue. “ . . , ,,Er verfuhr dabei immer in gleicher Weise und brachte alles Volk zum richtigen Glauben und verhängte schwere Strafen über die, die auf seine Worte nicht hören wollten.“Wahrhaftig, ein rechterschaffener Diener Jehovas und seiner Kirche. Er hatte erreicht, was der Wunsch und das Gebet der Kirche war, wenn die Saga folgendes abschließendes Urteil über diesen allerchristlichen König des germanischen Nordens fällt: ,,So wenig blieb unter ihm den Mannen die Freiheit des eigenen Handelns, daß nicht einmal ein jeder an die Götter glauben durfte, die er wollte.“Was dem Norden etwas völlig Unverständliches war, galt im Süden als das Selbstverständlichste.

olaf_tryggvason Wie Norwegens Christianisierung ein klassisches Zeugnis für den gewalttätigen, oft grausamen Charakter derselben ist, so ist Altisland das treffliche Beispiel für den Sittenverfall nach der Bekehrung. Um die Jahrtausendwende wird Island unter dem Druck der Drohungen des norwegischen Königs durch All-Things- Beschluss ,,christlich“. Aus derselben Zeit erzählt Ranke in seiner Weltgeschichte die fürchterlichsten Dinge über die sittliche Verwahrlosung in der ewigen Stadt. Klerus und Laientum sind in der ganzen abendländischen Christenheit schon so verwildert, daß man zu jener Zeit allgemein den Glauben an einen bevorstehenden Weltuntergang findet. In diesen Strudel der sittlichen Verwilderung sollte nun auch Island geraten und das heidnische Heldenzeitalter rasch beenden. Langsam vollzog sich dieser Prozess denn der Thingbeschluss war ein Kompromiss, das den christlichen Anhängern ein öffentliches Betätigungsrecht gab, dem Heidentum ein heimliches zugestand, und einen selbstherrlichen König gab es in dem Freistaat nicht. Dadurch und durch die Eigengesetzlichkeit eines gut fundierten Staatswesens und einer uralten bewä hrten Sitte waren Island nach der ,,Bekehrung“ noch zwei Jahrhunderte verhältnismä ßig friedlicher und glücklicher Zeiten beschert. Dann aber ging es sturzartig bergab. In der heimlichen und unwahrhaftigen Atmosphäre, die nach der Annahme des Kompromisses mit dem Christentum herrschte, gedieh der Mensch aus einem Guss mit seiner Leib Seele Einheit, wovon Islands Heldenzeitalter uns so wundervolle Beispiele als letzten Gruß des gemordeten und geschändeten Heidentums bietet, immer schlechter. Diese Gattung starb aus.

Die Menschen auf Island waren jetzt vor eine neue Aufgabe gestellt. Sie sollten eine fremde Lehre, eine fremde Sitte mit ihrer eingeborenen Art vereinbaren. Das war ein Ding der Unmöglichkeit, und so verloren diese Menschen nicht nur den alten Glauben und das alte Sittengefühl, sondern jeglichen Glauben und jegliches Sittengefühl. Der Wurm nagte unaufhaltsam an dem Gebälk, die Schlusskatastrophe war nur eine Frage der Zeit. Sie kam mit dem kraftvollen , aber sittlich entwurzelten, der Glaubensheimat verlustig gegangenen Sturlungengeschlecht. Der Bürgerkrieg in seiner schlimmsten Form war da und stieß die einst blühende Insel für Jahrhunderte ins Elend und in die völlige Bedeutungslosigkeit. Die Ironie des Schicksals wollte, daß der schon erwähnte Walter Baetke die Herausgabe und Übersetzung desjenigen Thulebandes vornehmen sollte, der den Untergang Islands zum Gegenstand der Schilderung hat. Unter dem Eindruck des Studiums dieser erschü tternden Katastrophe eines hochstehenden Staatswesens und Volkstums findet Baetke in der Einleitung zur Sturlungengeschichte nachstehende Worte:

,,In der Geschichte der Sturlungenzeit treten Züge von berechnender und kaltblütiger Grausamkeit in abstoßender Weise hervor.“
,,Die alte Zeit kennt nur das Vig, den Totschlag des Gegners im Kampf oder Überfall, Jetzt verläuft kaum ein Fehdezug ohne das langsame Nachspiel der Hinschlachtung der gefangenen Feinde; die Rache, früher ein heroisches Mittel zur Wiederherstellung der Mannes- oder Sippenehre, wird jetzt langsam im Blut des Gegners gekühlt . Auch die Verstümmelung, besonders das Abhauen von Händen und Füßen, ist eine beliebte Form der Rache und beweist ebenso wie die häufigen Raubzüge und Brandschatzungen den Niedergang der alten Kriegerethik.“
,,In den Beziehungen der Geschlechter herrscht eine Zü gellosigkeit, die nach der vorbildlichen Zucht und Sittenreinheit, die uns die Sagas zeigen (aus der heidnischen Zeit), fast unbegreiflich erscheinen.“
,,Die Achtung vor der Ehe, die in der heidnischen Zeit kaum einmal verletzt wird, ist völlig geschwunden. Das Konkubinat herrscht unter Laien und Geistlichen. “
,,Auch die Geistlichkeit macht, wie eben angedeutet, von dieser Allgemeinen Verkommenheit keine Ausnahme; ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran und trägt an der allgemeinen Verwilderung ein gerütteltes Maß von Schuld.“Und nun noch ein weiteres sehr wertvolles Geständnis desselben Mannes, der das Märchen von der friedlichen Germanenmission verteidigt und an das Vorbestimmtsein der Germanen für das Christentum als einen weisen Ratschluss Gottes glaubt. Baetke bekennt: ,,Das Christentum hat eine innere Wandlung in der Denk und Gefü hlsweise der Menschen nicht hervorrufen können, aber es hat die alte Moral zerrüttet und so eine sittliche Depression geschaffen, die sich zerstö rend auswirken musste.“Mehr sagen auch wir nicht, aber wir ziehen die Folgerungen aus solcher Erkenntnis. Das aber ist in den Augen der Priester aller Konfessionen das ,,Verbrechen“ der nordischen Bewegung.

island_2_s Islands Freistaat ging am Geist des Südens zugrunde. ,,Das Christentum, dieser Balsam für Orient und Altertum, aus dem es entstanden, dieses Gift für den Norden, in den es jetzt aber wucherte, zerstörte uns den eigenen Glauben und damit die eigene religiöse Uranlage“,schieb einmal Moeller van den Bruck. Zwischen dem Geist des Nordens und dem des Christentums, ganz gleich, ob es sich um die Idee des letzteren handelt oder der politisch-konfessionellen Gestaltwerdung ist keine Synthese möglich. Das lehrt um das traurige Schicksal Islands, wo die Christianisierung noch am gewaltloseste vor sich ging, Hell, strahlend steht der junge Freistaat und sein Menschentum am Rande der Kultur da; Nacht und Verzweiflung umgibt das Ende dieser letzten heidnisch- germanischen Kulturschöpfung: Ja, dem Untergang fehlt selbst der versöhnende Abschluß; es ist kein letzter Triumph der Ehre wie beim Untergang der Goten oder Sachsen. Zwischen diesem Aufgang und Untergang Islands aber steht die Mission.

Die Sendboten aus dem Süden wirkten nur zerstörend und auflösend. Und waren die Bekehrer nordischen Blutes, war die Wirkung um so verderblicher, denn sie dienten einem Geist, den sie nie begreifen konnten. In ihrer inneren Verzweiflung, in dem dumpfen Gefühl eines Verrates an ihrer eigenen von Gott geschenkten Natur, haben sie oft am schlimmsten gewütet gegen alles, was nach Heidentum und Ketzerei aussah. Die nordischen ,,Christen“ mussten letzten Endes deshalb alles Heidnische auszurotten trachten, um einen stummen, aber eindringlichen Ankläger aus der Welt zu schaffen. Ihr Geschick und ihre unseligen Taten sollen uns eindringlich mahnen, endlich den Priesterirrsinn aus dem Norden zu verbannen und einsehen zu lernen, daß Sitte und Glauben niemals importiert werden können. Die nordische Rasse ist verloren, wenn sie nicht bald erkennt, dass auch die Quellen des Gotterlebens und des sittlichen Lebenswandels nur heilbringend im Norden fließen und dieselben sind, aus denen unsere heidnischen Vorfahren schöpften.

Wir wollen keine Heiden aus Vorzeitschwärmerei sein, sondern aus der klaren Erkenntnis, daß wir nur mit dem heidnischen Erbe die Kraft gewinnen, die kommenden ,,Jahre der Entscheidung“ (Oswald Spengler)zu bestehen, und aus Liebe und Dankbarkeit zu unserer nordischen Heimat, der wir allein alles verdanken, was groß und ewig ist in der Geschichte unseres Volkes.

,,Norden verpflichtet . . . Süden ist Rückfall.
Die Menschen im Aufstieg haben den Zug zum Süden gegen sich.
Aber sie überwinden diesen Zug.
Süden wird Sünde! „
(Moeller van den Bruck)

Atlantis in der Nordsee

Atlantis in der Nordsee Atlantis in der Nordsee zu suchen erscheint für den lediglich mit der Schulgeschichtsdarstellung vertrauten abwegig, ein Paradiesartig beschriebenes Reich mit einer befestigten Hafenstadt, Tempeln, Götterstatuen und niedergeschriebenen Gesetzen direkt vor der eigenen Haustür ? Wer jedoch aufmerksam die teilweise nur in Randmeldungen erwähnten Funde im nördlichen Europa allein der letzten Jahre zur Kenntnis genommen hat, den überrascht diese These auch bei Nicht – Kenntis der arbeiten Jürgen Spanuths, des wohl bekanntesten Verfechters dieser Hypothese, nicht wirklich verwundern. Neben den frühesten Einbäumen weltweit (Pesse / Niederlande , ca. 8000 v.u.Zt.),die für eine frühe Entwicklung der Hochseeschiffahrt sprechen, stammt auch die älteste bildliche Schiffs – Darstellung aus dem Norden, der Insel Soeroeja, westlich von Hammerfest. Diese wird auf eine Entstehungszeit von 5000 v.u.zt. geschätzt und zeigt einen Drachenboot – ähnlichen Typus mit 6 Ruderreihen. (Schmich: Hünen, S. 178). Daneben wurden nachweislich auch Tempel aus der Bronzezeit sowie eine weltweit ihresgleichen suchende Funddichte an bronzezeitlichen Waffen und Geräten in Nordeuropa festgestellt. Die Himmelsscheibe von Nebra, der erweis einer frühen Beschäftigung mit der Astronomie, stellt da lediglich Spitze des Eisberges dar. Zwar handelt es sich bei dem im heutigen Holland gefundenen Tempel lediglich um Reste eines 4 m² großen Holztempels aus der Zeit um 1500 v.u.Zt.( BdW 5 / 2002), doch beweist dieser Fund bereits die lange in Abrede gestellte Existenz von Tempeln. Auch die postulierte Schriftlosigkeit der frühen Germanen geriet im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr ins wanken – die Arbeiten des Amerikaners Barry Fell eröffneten mit der – vermeintlichen ?- Entzifferung von Inschriften neue Horizonte: Danach sollen sich nordische Besucher Amerikas aus der Bronzezeit in einer Tiffinagh Schrift verewigt haben. Dieselbe Tiffinagh Schrift läßt sich auch in schwedischen Felsbildern und einigen nordischen Dolmen in Form sogenannter Schalensteine nachweisen (Knauer). Auch die Arbeiten Herman Wirths, bei aller Umstrittenheit seiner Person – lieferten zahlreiche Hinweise auf den Schriftgebrauch im Nordeuropa der Frühzeit. (Die heilige Urschrift der Menschheit )
Zu berücksichtigen bei der Betrachtung der Funde Nordeuropa ist dabei stets die vorauszusetzende – und für die Lokalisierung der Atlantis an dieser Stelle unvermeidliche – Naturkatastrophe, die sich gegen 1250 v.u.Zt. ereignet haben muß – diese im Hinterkopf erscheint es geradezu als logische Folge, daß – wie auch Plato es beschreibt – die einstigen Stein – Tempel und – Häfen zerstört sind und von Wasser überspült wurden, ebenso wie eventuelle schriftliche Aufzeichnungen auf vergänglichem Material. So könnten die freigelegten Reste der stadt – ähnlichen Siedlung Büdelsdorf, der mit einem Alter von über 4000 Jahren frühesten Steinsiedlung Nordeuropas, lediglich ein kleiner Teil einer Reihe von Steinbauten sein. Ein Fund eines 1800 Jahre alten blauen Mantels aus dem Thorsberger Moor weist auch auf die überlieferte Königswürde hin. Tauchfahrten zum Steingrund vor Helgoland 1911, 1943 und zwischen 1950 und 53 (Spanuth) erbrachten dabei neben bearbeiteten Wegesteinen, und mehreren Kupfer – und Bronzeobjekten auch Reste von Steinbauten ,was allerdings bis heute unbestätigt ist (vergl. Bischoff) Weiterhin wurde auch Elfenbein geborgen, welches jedoch wahrscheinlich Importstücke aus späterer Zeit waren. Wenn dieser Fund auch nicht das für Atlantis von Plato bestätigte Vorkommen von Elefanten im bronzezeitlichen Nordeuropa beweist, hat dafür der Erklärungsansatz Steuerwalds einiges für sich, der – ausgehend von nordischen Felszeichnungen von Elfanten, die teilweise auf Schiffen stehend dargestellt werden, Transporte von Elefanten in den Norden annimmt, wo diese dann in den heutigen Tierparks ähnlichen Gehegen lebten – dadurch wird die Nordsee – Lage zum einen der Plato – Überlieferung gerecht und erklärt auch die Funde am Steingrund. (Die Erklärung Spanuths, nach der Plato auch Elephos, das europäische Wildrind, statt elephas gemeint haben könnte, wird dagegen fast einstimmig abgelehnt)

Die Naturkatastrophe
Am 16. Januar 1362, vor 659 Jahren02Wie bereits dargelegt, gelang es im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Nordseeküste den Untergang zahlreicher Marschen und die Zerstörung weiter Küstengebiete nachweisen. Am Ende der Bronzezeit, etwa um -1220, versanken in einer verheerenden Sturmflut ein großer Teil der Westküste von Schleswig-Holstein und Dänemark sowie viele vorgelagerte Inseln. Diese Sturmflut wurde offensichtlich durch den Einschlag eines Kometen, des Phaeton der griechischen Sage, verursacht. Apollonios von Rhodos berichtet, dass Phaeton in die Mündung des Eridanos stürzte. Dadurch wurde die vermutliche Königsinsel Basilea, nahe der Hauptbernsteininsel Althelgoland verwüstet und versank teilweise unter dem Meer. Vieles von Plato beschriebene deckt sich mit der tatsächlich anzunehmenden Lage Helgolands:
– Die im Atlantisbericht erwähnte große Ebene mit einer Ausdehnung von 2000 mal 3000 Stadien (etwa 370 mal 560 km) lässt sich in das – einstige Land – Gebiet zwischen Helgoland (Steingrund), Sylt und Britannien einfügen
– Sie lag an der Mündung großer Ströme
– Auf der Insel gab es rotes, weißes und schwarzes Gestein
– An der Spitze der Insel befand sich ein aufragender Felsen (Helgoländer Kliff / „Wittenklyppe“ – die Reste des weißen Felsens versanken 1771)
– Vor der Insel befand sich nach dem Untergang unpassierbarer Schlamm (Wattenmeer)
– Die Insel bot alles was zum Leben benötigt wurde, auch Kupfererze – Der Geologe W. Witter und andere (Die Untersuchung eines Schwertes der Nord- und Seevölker, das von den Ägyptern zur Zeit des Pharaos Sethos II. erbeutet worden war, lieferte den eindeutigen Beweis, daßdas enthaltene Kupfer nur von der Lagerstätte auf Helgoland stammen konnte (17). In den Folgejahren legten W. Lorenzen und der Geologe H. Schulz weitere Beweise für die Nutzung der Kupfervorkommen bereits in vorgeschichtlicher Zeit vor. ).stellten zweifelsfrei eine bereits zu Beginn der Jungsteinzeit anzusetzende Kupfergewinnung fest, auch wenn die h.L. sich bislang nicht zur Übernahme der Erkenntnisse durchringen konnte (Das Helgoländer Kupfererz hat auch ohne Beimischung von Zinn durch seinen hohen Arsengehalt eine große Härte und war somit für die Herstellung von Waffen besonders gut geeignet.
– Die Insel trug noch in frühmittelalterlicher Zeit verschiedene Tempel, unter anderem eines des Apollon und des Forseti, die ursprünglich ein – und dieselben Himmels – und Schutzgott von Helgoland / Atlantis verkörperten ( Phol / Fosite / Poside)
– Die Insel (Silende – Sylt) trug in frühester Zeit eine Himmelssäule, welche als Ur – Himmelssäule im äußersten Norden das Firmament trug ( Atlas als Himmelsträger) (Zschweigert)
– Auf Helgoland wurde Bernstein gewonnen – vieles spricht dafür, dass es sich hierbei um das Oreichalkos Platos handelte, welches als Lack aufgetragen die Mauern der Königsburg verzierte.
– Mit dem Bernsteinhandel gelangte die Kunde von Atlantis nach Ägypten, dort finden sich auch eindeutige nordische Schwerter, die vermutlich mit den Seevölkern dorthin gelangten
– Der Sonnenkult hat im Norden Europa eine lange Tradition und scheint aus der Zeit eines kalten Klimas zu stammen – in der Bronzezeit entwickelte sich in Nordeuropa ein nie wieder erreichtes Klimaoptimum, welches zur Entfaltung der Kulturblüte im Norden beitrug.(So soll in Südschweden Wein angbaut worden sein, vgl. Bischoff) Die Sonnenverehrung in der weiblichen Form der Lebensspenderin verschob sich zum Himmelsgott Fosite / Poside dem Lichtbringer zum Dank, der die Sonne scheinbar für immer aus dem Labyrinth befreit hat und damit die Kulturblüte ermöglichte.
– Pferdewagen und Rennbahnen haben ebenfalls im megalithischen Europa eine lange Tradition – bei Stonehenge bestand vermutlich eine Rennbahn ebenso wie bei den Externsteinen
– Der Name Basilea läßt sich als germanische Stammform nachweisen:
Ba = leuchten, erhaben – Sil = Säule – eyja = Insel; was Basilea als „strahlende / oberste Säuleninsel ausweist, woraus die Königsinsel wurde (Zschweigert, DGG)

Atlantis der Nordsee – Das sagenumwobene Rungholt  

Rungholt Was Mitte des 14. Jahrhunderts über die norddeutsche Küste hereinbricht, ist dort die verheerendste Sturmflut seit Menschengedenken – und eines der rätselhaften Ereignisse der deutschen Geschichte. Eine ganze Region versinkt in der Tiefe – samt der Stadt Rungholt, die sagenhaft reich gewesen sein soll: ein Atlantis der Nordsee. Nachforschungen bestätigen: Rungholt hat es tatsächlich gegeben.
Januar 1362.
Über der Nordsee braut sich ein schweres Orkantief zusammen. Die aus Westen kommenden Sturmböen peitschen das Meer auf und treiben gewaltige Wellenberge in Richtung Deutsche Bucht. Es kommt zu einer Katastrophensturmflut nie dagewesenen Ausmaßes.

30 Ortschaften werden zerstört. Eine von ihnen, Rungholt, soll spurlos in den Fluten versunken sein. Alten Legenden nach liegt es seitdem irgendwo unversehrt auf dem Meeresgrund, und zu manchen Zeiten sollen aus der Tiefe Glocken zu hören sein.

Der Mythos von Glanz und Verderben des reichen Rungholt stellte Forscher lange vor Rätsel. Hat es diese Stadt überhaupt jemals gegeben? Wenn es sie gegeben hat: Woher kam der Reichtum, und wo genau ist Rungholt untergegangen? Immer wieder gaben Funde Anlass zu Spekulationen. Anfang des 20. Jahrhunderts tauchten tatsächlich Reste einer untergegangenen Ortschaft im Watt nahe Pellworm auf.

König Friedrich der Große

Friedrich II.
* 24. Januar 1712 in Berlin;
† 17. August 1786 in Potsdam
leuthen5 Am 5. Dezember 1757 schlug der preußische König Friedrich der Große bei Leuthen in Schlesien die wohl berühmteste Schlacht des Siebenjährigen Krieges ( 1756 – 1763 ). Nach der schweren Niederlage der „Schlesischen unter Friedrichs Schwager dem Herzog von Braunschweig-Bevern bei Breslau am 22.November sah sich der König nur wenige Wochen nach der Vertreibung der französischen und Reichsarmee aus Thüringen ( Schlacht von Roßbach am 5. November 1757) gezwungen sich durch einen gezielten Vorstoß den Besitz der Provinz insbesondere der Hauptstadt Breslau zu verschaffen für die er diesen Krieg führte und die unter allen preußischen Regionen strategisch wie wirtschaftlich die wertvollste war. Von der überragenden Bedeutung dieses Rückeroberungsinteresses legt nicht zuletzt die bekannte Ansprache des Königs an seine Generäle kurz vor der Schlacht im Feldlager zu Parchwitz beredtes Zeugnis ab.

leuthen Zur taktischen Durchführung der Schlacht bediente sich der König dessen 25 000 Mann einer beinahe dreimal stärkeren Übermacht unter Prinz Karl von Lothringen einem Schwager Maria Theresias und Bruder des damaligen Römischen Kaisers Franz I. Stephan und Feldmarschall Leopold Graf von Daun gegenüberstanden der sog. „schiefen Schlachtordnung“ wie sie bereits 371 v. Chr. Epaminondas von Theben im Kampf gegen Sparta bei Leuktra angewendet hatte: Während der linke Flügel des preußischen Heeres nach zaghaften Vorstößen zurückzuweichen schien hielt sich der rechte Flügel zu Anfang völlig aus dem Kampfgeschehen heraus und wurde von der österreichischen Aufklärung überhaupt nicht wahrgenommen. Gegen Mittag schließlich erteilte der König den Angriffsbefehl gegen den bei dem Ort Sagschütz versammelten linken österreichischen Heeresflügel nachdem er bereits in den Morgenstunden dem Fahnenträger des Avantgarderegiments Nr. 26 von Meyerinck Fahnenjunker von Barsewisch in einer verbürgten und berühmt gewordenen Szene mit den Worten: „Junker von der Leibkompanie siehet Er wohl auf dem Verhack soll Er zumarschieren Er muss aber nicht zu starck avancieren damit die Armee Ihm folgen kann!“ die Anweisung zum Losmarschieren gegen die ungesicherte linke Flanke der auf ihrem rechten Flügel abgelenkten Österreicher gegeben hatte. Die österreichische Front war durch die Verzettelung im Norden dergestalt auseinandergerissen dass auch die Gegenwehr einiger Kavallerieeinheiten unter General Nadasdy dem überraschenden und massierten Vordringen des rechten preußischen Flügels keinen Einhalt gebieten konnte.

ziethen Eine tollkühne Kavallerieattacke unter General von Ziethen und Generalleutnant von Driesen gegen 17.00 sowie der Durchbruch des 3. Bataillons Garde gegen das sich verzweifelt wehrende bayrische Regiment Roth-Würzburg im Kirchhof von Leuthen (dabei tat sich der spätere Generalfeldmarschall und damalige Kompaniechef Hauptmann Wichard von Moellendorf durch beherztes Eingreifen besonders hervor) brachten schließlich die Entscheidung. Fürst Moritz von Anhalt-Dessau der gemeinsam mit Friedrich die Armee an diesem Tage geführt hatte wurde am selben Abend zum Generalfeldmarschall ernannt.

Berühmt geworden sind zahlreiche Anekdoten um das ebenso ruhmvolle wie blutige Geschehen bei Leuthen. Erwähnung verdient vor allem die Szene gegen Abend des 5. Dezember als der stets spöttische religionskritische Friedrich der Große wie zufällig und ohne ausreichende Bedeckung in das mit österreichischen Offizieren überfüllte Schloss Lissa geraten die ihm anstatt ihn als Feind zu betrachten und gefangen zu nehmen ehrfürchtig ihre Reverenz erwiesen Zeuge der folgenden Begebenheit wurde: Unter sternenklarem Nachthimmel lagerten sich die 25 000 erschöpften Kämpfer der siegreichen preußischen Armee und sangen in frommer Einmütigkeit den protestantischen Choral: Nun danket alle Gott! (Als „Choral von Leuthen“ in die Geschichte eingegangen).

Zensur oder Pressefreiheit – Fried­rich der Große

Friedrich der Große war der erste absolute Monarch Europas, der die Zensur weitgehend zähmte

friedrich_ii Friedrich der Große am Schreibtisch: Holzstich von Theodor Knesing. Bild: pa
Zensur oder Pressefreiheit – Fried­rich der Große, dessen 300. Geburtstag wir in wenigen Wochen feiern, beantwortete die Frage auf seine Weise: Er gestaltete die damals übliche Zensur so, dass sie ein für seine Zeit höchst unübliches Maß an Pressefreiheit ermöglichte.

„Dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber (soll) eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden zu schreiben, was er will, ohne dass solches zensiert werden soll.“ Mit dieser knappen Dienstanweisung überraschte der junge Preußenkönig am sechsten Tag seiner Regentschaft, also am 5. Juni 1740, seinen „Wirklichen Geheimen Staatsminister“ Heinrich von Podewils. Damit war die Zensur in Preußen zwar nicht gänzlich abgeschafft, der königliche Befehl bezog sich auf den nichtpolitischen Teil der Zeitungen. Aber es war ein erster wichtiger Schritt in Richtung Presse- und Meinungsfreiheit, ganz im Geiste der Aufklärung, die Friedrichs Denken und Handeln bestimmte.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, postulierte der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant und forderte, der Mensch solle „sich unabhängig von Vorurteil, Tradition und Offenbarung seines eigenen natürlichen Verstandes bedienen“. Dass der Mensch dies nur kann, wenn er freien Zugang zu Wissen und Informationen hat und sich frei von staatlichem oder sonstigem institutionellen Zwang seine Meinung bilden kann, ergibt sich geradezu zwangsläufig aus diesem Kantschen Postulat.
Preußen hatte in jener Zeit doppeltes Glück: In Kant hatte es einen Denker, der fähig war, eine den strengen Gesetzen der reinen Vernunft genügende Sittenlehre allgemeinverständlich zu formulieren. Und in Friedrich II. hatte es eine wahrhaft große Herrscherpersönlichkeit, unter der sich der Geist der Aufklärung relativ ungehindert entfalten konnte.
Geradezu verblüffend ist die Tatsache, dass dies möglich war, obwohl es eine gut organisierte staatliche Zensur gab. Unter Fried­rich dem Großen wurde sie zwar betont milde gehandhabt, was sich schon aus den hinlänglich bekannten Toleranzvorstellungen des Königs in Religionsfragen ergab. Aber es gab sie, diese Zensur! Wer etwas Gedrucktes publizieren wollte, wusste genau, welchen Kontrollen seine Texte unterlagen, wo Grenzen gezogen waren und mit welchen Konsequenzen er zu rechnen hatte, wenn er diese Grenzen überschritt.
Aus heutiger Sicht ist man geneigt, diesen Zustand als unvereinbar mit Meinungs- und Pressefreiheit zu bewerten. Offenbar ist man heute allzu sehr darauf fixiert, solche Freiheiten überhaupt nur da für möglich zu halten, wo Zensur „nicht stattfindet“ – oder zumindest laut Grundgesetz nicht stattfinden sollte.
Über lange Phasen der Geschichte Preußens diente die Zensur aber nicht der Verhinderung oder Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit, sondern der Kanalisierung. Sie schuf einen klar definierten und unmissverständlich formulierten Rechtsrahmen, schuf also Rechtssicherheit und muss unter diesem Aspekt als Instrument der Rechtsstaatlichkeit bezeichnet werden.
Deren Basis war das typisch preußische Freiheitsverständnis: Freiheit nicht als absoluter, von allem anderen isolierter Selbstzweck, sondern als eine Größe, die sich nur dann für das Gemeinwohl segensreich entfalten kann, wenn sie an Verantwortung gebunden ist. Freiheit musste stets ein Ziel haben, und das Ziel galt nur als akzeptabel, wenn es auf das Gemeinwohl ebenso
Rück­sicht nahm wie auf die Freiheit und Menschenwürde anderer.
Dieser Freiheitsbegriff prägte auch den Umgang Friedrichs mit den Medien. Exzessive öffentliche Ehrverletzungen gab es unter seiner Regentschaft nicht.
Heute sehen die Medien sich gern als selbsternannte „Vierte Gewalt“. Sie begnügen sich nicht damit, über Politik zu informieren – sie maßen sich an, selber Politik zu machen. Vor allem die mit Kamera und Mikrophon „bewaffneten“ Vertreter dieser „Vierten Gewalt“ sehen sich letzten Endes als „Erste Gewalt“, die über allen anderen steht; sie gerieren sich als Ermittler, Ankläger, Richter und Henker in einer Person.
Im Preußen Friedrichs des Großen hingegen waren die Medien ein wichtiges Instrument des politischen Meinungsstreits und der öffentlichen Willensbildung. Gesetze und Verordnungen sowie die auf ihrer Basis tätigen Zensurbehörden setzten den rechtsstaatlichen Rahmen, innerhalb dessen sich Meinungs- und Pressefreiheit entfalten konnte. Diese wohl ausgewogene Rechtssicherheit ist vor allem Friedrich II. zu verdanken.
So mündet der Vergleich zwischen dem damaligen Preußen und dem heutigen Deutschland in die Feststellung: Damals gab es eine Zensur, die aber die Entfaltung von Meinungs- und Pressefreiheit nicht nachhaltig verhindern konnte (und meist auch gar nicht sollte). Heute hingegen findet laut Grundgesetz keine Zensur statt; in Wirklichkeit aber wurde sie nicht abgeschafft, sondern umbenannt – sie heißt nun „political correctness“. Hans-Jürgen Mahlitz

Eine Regierung muss sparsam sein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß ihres Volkes stammt. Es ist gerecht, dass jeder einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen. Aber es ist nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommens mit dem Staate teilen muss.
friedrich_der_grosse „Die Juden sind von allen Sekten die gefährlichste und man muss verhindern, dass ihre Zahl wächst.“
(Friedrich II, nach Spiegel, 45/2011, S. 83)

Johann Gottlieb Fichte

 Fichte, Johann Gottlieb, geb. 19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda – 29. Januar 1814 in Berlin) war ein deutscher Erzieher und Philosoph. Er gilt neben Friedrich Schleiermacher, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg W. F. Hegel als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus.

Nach seiner Schulzeit zog Fichte nach Jena, wo er an der Universität studierte, was ihm seine finanzielle Lage aber erschwerte, weswegen er seine Studien abbrechen mußte. Er schlug sich fortan mühsam mit Privatunterricht durch.
Übergang zur Philosophie

Im Jahre 1790 lernte Fichte die Philosophie Kants kennen, die einen großen Einfluß auf ihn ausübte. Kant inspirierte ihn zu seiner am Begriff des Ich ausgerichteten Wissenschaftslehre. Fichte sah eine rigorose und systematische Einteilung zwischen den „Dingen, wie sie sind“ und „wie die Dinge erscheinen“ (Phänomene) als eine Einladung zum Skeptizismus.

1791 besuchte Fichte Königsberg, wo Immanuel Kant ihm einen Verleger für seine Schrift „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ (1792) verschaffte, die anonym veröffentlicht wurde. Das Buch galt zunächst als ein lange erwartetes religionsphilosophisches Werk von Kant selbst. Als Kant den Irrtum klarstellte, war Fichte berühmt und erhielt einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Jena, den er 1794 antrat.

Während seiner Jenaer Professur (1794–1799) wurde er zur Zielscheibe im sogenannten „Atheismusstreit”. 1799 hatte eine zunächst anonyme Streitschrift Fichtes den Streit ausgelöst: Fichte wurde wegen Verbreitung atheistischer Ideen und Gottlosigkeit verklagt und zum Rücktritt gezwungen. 1805 bekam Fichte den Lehrstuhl für Philosophie in Erlangen, 1807 wirkte er als Zensor der „Hartungschen Zeitung” in Königsberg, wurde aber auf Befehl des preußischen Generals Ernst von Rüchel entlassen. 1810 wurde Fichte Dekan der philosophischen Fakultät und für kurze Zeit der erste gewählte Rektor der Berliner Universität.

Fichte war spätestens seit 1794 Mitglied einer Freimaurerloge in Rudolstadt, trat allerdings nach einigen Jahren wieder aus. Auch bei der Entstehung der Gesellschaft der freien Männer hatte er einen bedeutenden Anteil. In Berlin wurde er Mitglied der Deutschen Tischgesellschaft, ab Sommer 1811 deren „Sprecher” (Vorsitzender). Der sich früher als Anhänger der Französischen Revolution bezeichnende Fichte profilierte sich nun insbesondere durch die flammend patriotischen „Reden an die deutsche Nation“ (als Text veröffentlicht bis 1808) als Gegner Napoleons.

Ein utopisches Gesellschaftsmodell – eine neue Art sozialistischer Gesellschaft auf nationaler Grundlage – findet sich in dem Werk „Der geschlossene Handelsstaat“ (1800).

Nach einem kurzen Aufenthalt in Erlangen hielt Fichte in einem Freisemester im Winter 1805/06 in Berlin Vorlesungen, die 1806 unter dem Titel „Anweisungen zum seligen Leben“ erschienen. Die Kriegswirren, ausgelöst durch Napoleons Überfall auf Preußen, vereitelten Fichtes Rückkehr nach Erlangen und führten zu Aufenthalten in Kopenhagen und Königsberg, wo Fichte Vorlesungen hielt und eine Professur angeboten bekam. Bereits 1806 kehrte er jedoch aufgrund der Bedrohung Königsbergs durch französische Truppen wieder in das französisch besetzte Berlin zurück und veröffentlichte seine „Grundzüge des Gegenwärtigen Zeitalters“. Trotz der bedrohlichen politischen Umstände hielt Fichte in Berlin in den Jahren 1807/08 seine „Reden an die deutsche Nation“.

1813 erkrankte Johanna, Fichtes Frau, am sog. Lazarettfieber, welches sie sich bei der Pflege von Kriegsverwundeten zugezogen hatte. Auch Fichte sollte daran erkranken und konnte sich im Gegensatz zu seiner Frau von diesem Fieber nicht erholen. Er starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt.
Fichtes „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“

Ein zentraler Kern in Fichtes Philosophie ist der Begriff des „absoluten Ich“. Dieses absolute Ich ist nicht mit dem individuellen Geist zu verwechseln. Später nutzte Fichte die Bezeichnung „Absolutes“, „Sein“ oder sogar „Gott“. Fichte beginnt in seiner „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ mit einer Aussage, die eine Handlungsweise des Ich zum Ausdruck bringen soll, deren Verständnis daher diese Handlung auszuführen erfordert:

„Das Ich sezt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es sezt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung, und That sind Eins und dasselbe; und daher ist das: Ich bin, Ausdruck einer Thathandlung.“ (GA I, 2, 259)

Fichte ging es um die praktische Umsetzung seiner Philosophie, weshalb er die Errichtung eines lückenlosen Systems als zweitrangig erachtete. Im Vordergrund stand für ihn die Verständlichkeit, d. h. die Art, seine Lehre so darzustellen, daß sie von jedermann verstanden werden konnte. Sein positives Menschenbild ging davon aus, daß in jedem Menschen – und nicht nur im Fachgelehrten – der Grund echter Selbsterkenntnis (und damit auch Gotteserkenntnis) gelegt ist und man lediglich auf diese verweisen müsse.
Fichtes Kantrezeption

Fichte reagierte auf die Frage, wie theoretische und praktische Vernunft zusammenhängen, indem er deutlich machte, daß die beiden Teile der Vernunft in ein hierarchisches Verhältnis zu setzen sind. Hierbei ist die praktische Vernunft der theoretischen übergeordnet. Letztere benötige die praktische Vernunft; diese aber sei autonom. Auch für Kant war die praktische Vernunft ein Vermögen des Willens – und damit autonom. Für Fichte mündet diese Tatsache in seiner Theorie zur Selbstsetzung. Der Wille bringt, indem er sich ein Gesetz gibt, zugleich sein Wesen als Vernunftwille hervor. Dieser Vernunftwille macht das aus, was wir sind – nämlich unser Ich. „Das absolute Ich ist, indem es sich setzt, und setzt sich, indem es ist.“ [1] Aus diesem Grund kommt der praktischen Vernunft absolute Freiheit zu. Fichtes Idealismus ist daher eine Konsequenz aus dem Primat der praktischen Vernunft.

Der Kritik am transzendentalen Argument bei Kant entzieht sich Fichte, indem er die praktische Vernunft als Bedingung für die theoretische Vernunft erklärt. Hierbei geht Fichte von der Handlung des Urteilens aus und schließt mit Hilfe eines transzendentalen Argumentes auf das sich setzende Ich als Bedingung hierfür. Alles Urteilen ist Handeln des menschlichen Geistes. Diesem liegt der Satz „Ich bin“ zugrunde. Das „schlechthin gesezte und auf sich selbst gegründete“ (GA I,2,258) ist der Grund des Handelns. Um dem Vorwurf zu entgehen, daß wir eventuell gar nicht urteilen, sondern nur zu urteilen glauben, führt Fichte die „intellektuelle Anschauung“ ein. Sie ist selbstverständlich auch praktisch zu verstehen als „Anschauen seiner selbst im Vollziehen eines Acts“ (GA I, 4,216). Wenn wir urteilen, beobachten wir uns nicht, sondern stellen handlungsorientierte Fragen. Diese Fragen gehen von der Annahme aus, daß man ein Vernunftwesen ist. Würde dem nicht so sein, könnten wir nicht urteilen – was konträr erscheint. Gleichwohl hat Fichte erkannt, daß daraus, daß man nicht an den Bedingungen vernünftigen Urteilens zweifeln kann, nicht(!) folgt, daß man diese Bedingungen tatsächlich erfüllt.

Den schärfsten Bruch mit Kant bewirkte Fichte mit der Ablehnung der Konzeption eines „Dinges an sich“. Nur so kann in seinen Augen die absolute Freiheit des Ich bewahrt werden (vgl. GA III, 2,298). Das „Ding an sich“ wird bei Fichte zu einem „Anstoß“ degradiert. Dieser ist ein irrationales Faktum innerhalb des Ich, das das Ich zu bewältigen versucht. Die Folge ist der Ausschluß aus dem Ich, gleichsam hinaus in die Welt als „Nicht-Ich“. Ist das absolute Ich demzufolge also ein „Ding an sich“ auf der Seite des Subjekts? Fichtes Antwort: Nur wenn es erscheint. Das absolute Ich existiert nur im Handeln selbst. In der philosophischen Reflexion wird das absolute Ich herausgegriffen und zu etwas Objektivem gemacht. Für Fichte ist es gleichsam Artefakt der Theorie, keine Entität der realen Welt.

Jenaer Philosophie

Es stellt sich nun die Frage, warum das absolute Ich, welches autonom ist, auf einen „Anstoß“ reagiert. Fichte macht deutlich, daß das absolute Ich nur ist, wenn es sich seiner selbst bewußt wird. Dies kann nur geschehen, wenn es mit Material konfrontiert wird, auf das es zu reagieren hat. Würde es zu keinem Kontakt kommen, würde das Ich „ganz in seiner Tätigkeit aufgehen“.[2] Um aber zu sein – und damit auch ein Selbstbewußtsein zu entwickeln –, muß es sich für den „Anstoß“ öffnen und dafür Sorge tragen, daß der „Stein des Anstoßes“ erhalten bleibt. Nach Fichte kann das Ich demnach als ein unendliches Streben nach Autonomie verstanden werden.

Der „Anstoß“ ist hierbei gleichsam nur notwendige Bedingung des Selbstbewußtseins, keine hinreichende. Die weiteren Bedingungen für das Selbstbewußtsein finden sich in den jeweiligen Teildisziplinen der Wissenschaftslehre, die Fichte unterscheidet: Naturlehre, Rechtslehre, Sittenlehre und Religionslehre. Erstere hat Fichte, aufgrund des von ihm entwickelten Primats der praktischen Vernunft, nie ausgearbeitet.
Fichtes Rechtslehre

In „Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre“ von 1796/97 wird die Beziehung zwischen dem Selbstbewußtsein und – sozusagen – der Welt präzisiert. Das Bewußtsein kann sich nur als frei handelndes Wesen begreifen, wenn es „den Begriff eines frei handelnden Wesens auf sich anwenden kann“. [3] Das kann es nur, wenn andere das Selbstbewußtsein auffordern etwas zu tun und gleichzeitig(!) die Freiheit eingestehen, dieser Aufforderung nicht nachzukommen. Da dieser Vorgang reziprok ist, folgt, daß das Sein des Selbstbewußtseins von der Anerkennung der Freiheit anderer abhängt. Es wird deutlich, daß sich Fichte nicht auf das Moralgesetz als die bindende Kraft des Rechts versteht, sondern das Eigeninteresse des selbstbewußten Ich. Ein Rechtsverhältnis entsteht demnach aufgrund der bloßen Existenz eines Nicht-Ich.

Fichte definiert den Staat als Ausdruck des absoluten Willens, dessen Absicht es ist, die Freiheit und Rechte seiner Bürger zu garantieren. Kollektives und individuelles Handeln werden mit dem Ausdruck „sittliches Handeln“ in Eins gesetzt. Freiheit in der Geschichte sei nach Fichte die mehr oder weniger sittliche Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse der verschiedenen Völker.
Fichtes Sittenlehre

Im „System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre“ von 1798 geht Fichte davon aus, daß das Selbstbewußtsein des absoluten Ich nur sein kann, unter der Bedingung des Bewußtseins des Sittengesetzes. Hierbei ist sich das Ich des Sittengesetzes niemals in abstracto bekannt, sondern „immer in Form konkreter Aufgaben und Pflichten der Welt“ [4]. Das Ich kann sich nur eine Tätigkeit zuschreiben, wenn diese mit der kausalen Wirklichkeit einer ihm unabhängigen Welt verbunden ist. Dies wiederum ist nur möglich, wenn es sich einen Körper zuschreibt. Da dieser Körper Teil der Welt ist, unterliegt er auch den Naturtrieben. Das Sittengesetz untersucht nun die Bedingungen der Manifestation eines zugleich verkörperten und von Naturtrieben beherrschten Ich.
Fichtes Religionslehre

Der Ausbruch des Atheismusstreits hinderte Fichte daran, seine Religionslehre systematisch auszuarbeiten. Während Kant von der Existenz Gottes ausging, da die Existenz Gottes notwendig im Hinblick auf die Bedingungen der Möglichkeit sittlichen Handelns erscheint, sah Fichte nur die Notwendigkeit zu einer „moralischen Weltordnung“. Diese ließe sich nicht zwingend auf eine höhere Instanz – also Gott – zurückführen. Die aktive Weltordnung selbst, der „ordo ordinans“, mag man als Gott bezeichnen. Wer aber dies tut, der „verkennt die unmittelbare Beziehung des Gottesbegriffs zum moralischen Bewußtsein und ist, so Fichte, der wahre Götzendiener und Atheist.“
Beitrag zur Französischen Revolution (1793)

Fichte begrüßte die Französische Revolution und verfaßte seine beiden Revolutionsschriften von 1793 („Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten“ und „Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution“). Er begründet die Rechtmäßigkeit der Revolution in Anlehnung an Rousseaus „Contract social“ mit dem Argument, daß es ein „unveräußerliches Recht des Menschen“ sei, einen Gesellschaftszustand „aufzuheben“, der zu einem System der Unterdrückung verkommen ist. Denn dieser behindere den geistigen Fortschritt des Menschengeschlechts. Nach dem französischen Überfall auf Deutschland unter Napoleon wurde Fichte jedoch zu einem glühenden deutschen Patrioten.
Fichtes Antijudaismus

Die Äußerungen bezüglich der Stellung des Judentums in dieser Schrift wurden von vielen als „antisemitische“ Äußerungen bezeichnet. Fichte greift im besagten Abschnitt nicht nur die Juden mit harschen Worten an, sondern auch das Militär und den Adel. Das Judentum als Staat im Staate sondere sich ab. Die Juden, körperlich schlaff, hätten einen egoistischen Handelsgeist. Sie übervorteilten die übrigen Bürger, seien nur auf sich und ihre Sippe bedacht. Fichte übernimmt größtenteils die damals vorherrschenden Vorurteile, prangert aber vor allem immer wieder die separatistische Einstellung dieser Religion an.

„Fern sei von diesen Blättern der Gifthauch der Intoleranz, wie er es von meinem Herzen ist! Derjenige Jude, der über die festen, man möchte sagen, unübersteiglichen Verschanzungen, die vor ihm liegen, zur allgemeinen Gerechtigkeits-, Menschen- und Wahrheitsliebe hindurchdringt, ist ein Held und ein Heiliger. Ich weiß nicht, ob es deren gab oder gibt. Ich will es glauben, sobald ich sie sehe. Nur verkaufe man mir nicht schönen Schein für Realität! – Möchten doch immer die Juden nicht an Jesum Christum, möchten sie doch sogar an keinen Gott glauben, wenn sie nur nicht an zwei verschiedne Sittengesetze, und an einen menschenfeindlichen Gott glaubten.

Menschenrechte müssen sie haben, ob sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden. Zwinge keinen Juden wider seinen Willen, und leide nicht, daß es geschehe, wo du der Nächste bist, der es hindern kann; das bist du ihm schlechterdings schuldig. Wenn du gestern gegessen hast, und hungerst wieder, und hast nur auf heute Brot, so gib’s dem Juden, der neben dir hungert, wenn er gestern nicht gegessen hat, und du tust sehr wohl daran. – Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.

Vorherrschende Toleranz der Juden in Staaten, wo für Selbstdenker keine Toleranz ist, zeigt sonnenklar, worauf eigentlich abgesehen wird. – Die Aufrechthaltung deines Glaubens liegt dir so sehr an deinem Vaterherzen. Siehe diese Juden; sie glauben überhaupt nicht an Jesum Christum; das mußt du nicht leiden; und ich sehe, daß du sie mit Wohltaten überhäufst. – ‚O, sie haben Aberglauben, und das ist mir genug. Glaube du doch an Zoroaster oder Konfuzius, an Moses oder Mahomed, an den Papst, Luther oder Calvin, das gilt mir gleich; wenn du nur an eine fremde Vernunft glaubst, Aber du willst selbst Vernunft haben, und das werde ich nie leiden. Sei unmündig, sonst wächsest du mir zu Kopfe.‘ – Ich will nicht etwa sagen, daß man die Juden um ihres Glaubens willen verfolgen solle, sondern daß man überhaupt niemand deswegen verfolgen solle.

Ich weiß, daß man vor verschiednen gelehrten Tribunalen eher die ganze Sittlichkeit, und ihr heiligstes Produkt, die Religion, angreifen darf, als die jüdische Nation. Denen sage ich, daß mich nie ein Jude betrog, weil ich mich nie mit einem einließ, daß ich mehrmals Juden, die man neckte, mit eigner Gefahr und zu eignem Nachteil in Schutz genommen habe, daß also nicht Privatanimosität aus mir redet. Was ich sage, halte ich für wahr; ich sagte es so, weil ich das für nötig hielt: ich setze hinzu, daß mir das Verfahren vieler neuerer Schriftsteller in Rücksicht der Juden sehr folgewidrig scheint, und daß ich ein Recht zu haben glaube, zu sagen, was und wie ich’s denke. Wem das Gesagte nicht gefällt, der schimpfe nicht, verleumde nicht, empfindle nicht, sondern widerlege obige Tatsachen.“

In seiner 1794 erschienen Streitschrift „Eisenmenger der Zweite“ polemisierte Saul Ascher gegen die antijüdischen Äußerungen Fichtes, dem er den Namen des seinerzeit bekannten Judenfeindes Johann Andreas Eisenmenger, dem Autor der Schrift „Entdecktes Judentum“, zulegte. Mit Fichte sei eine neue Dimension des säkularen Judenhasses zu verzeichnen.

Andererseits lernte Fichte mit David Veit einen Vertreter der jüdischen Haskala kennen und schätzen.

Zitat: „Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Krieg steht, und der manchmal fürchterlich schwer auf die Bürger drückt: es ist das Judentum!“
Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (1806)

In den „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ entwickelt Fichte Ansichten zu einer Geschichtsphilosophie. Im Vordergrund steht ein Entwicklungsmodell, das die Geschichte in fünf Epochen unterteilt, wobei Fichte seine eigene Epoche als das „Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit” verstand, während die Grundzüge die künftigen Epochen einleiten sollten. Diese Epochenentwicklung vollziehe sich in folgenden Stufen: 1. Instinktive Vernunft; 2. Äußerlich erzwungene, jedoch nicht überzeugende Autorität; 3. Emanzipation von jeder äußeren Autorität („vollendete Sündhaftigkeit”); 4. Rückkehr der freien, innerlichen Vernunft und 5. Verwirklichung der freien, innerlichen Vernunft in allen äußeren Lebensbereichen.
Reden an die deutsche Nation (1808)

Die „Reden an die deutsche Nation“ verstehen sich als Fortsetzung der „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“. In den Reden ruft Fichte im Bereich der Bildung zu einer Nationalerziehung nach Pestalozzischem Vorbild auf, die das menschliche Verhältnis zur Freiheit in der Vernunft- und Werterziehung verankern soll.
Fichte an jeden Deutschen

Recht bekannt ist Albert Matthais Gedicht „Fichte an jeden Deutschen“, das fälschlicherweise oft Fichte zugeschrieben wird, durch dessen „Reden an die deutsche Nation“ Matthai aber inspiriert wurde.[6]

Fichte an jeden Deutschen

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an Deines Volkes Aufersteh’n.
Laß diesen Glauben Dir nicht rauben,
trotz allem, allem was gescheh’n.
Und handeln sollst Du so, als hinge
von Dir und Deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär‘ Dein.

Zitate

„Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar über die Gebühr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte die Nachkommen, falls es nämlich in der Barbarei, die da beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen werden,wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal preisen werden, daß es gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle eure Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenkt, daß ihr die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht.“

„Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos, als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe sodann fruchten, nachdem sie des größten Teiles derselben beraubt ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine in ihrer Hand ruhen und diese ihre Hand selbst durch eine fremde Hand gelenkt und geleitet wird.“ zitiert in: „Die Herrschaft der Minderwertigen“

Werke (Auswahl)

ergänzend  Johann Gottlieb Fichtes 250. Geburtstag

Der Begriff der Opferbereitschaft

deutsches-ahnen-erbe Unser arteigenes Wesen fordert von uns Opferbereitschaft, dann, wenn der Ruf an uns ergeht, aber auch das Opfer selbst. Peter Rosegger sagte dazu: “Wohltätigkeit ist für edle Menschen ein Vergnügen, aber nicht eines, bei dem man tanzt. Wohltun heischt Opfer, persönliche Opfer.”

Was ist ein Opfer? Sicherlich nicht einige Cent oder Euro, die für eine gemeinnützige Sache gegeben werden; das ist zu unbedeutend.

Etwas, was wir nicht ersetzen können, ist die Zeit; auch insoweit opfert man Teile seines Lebens im Einsatz für ein großes Ziel, wenn man zur Förderung dieses Ziels eigene Zeit aufbringt. Oswald Spengler schrieb darüber:

“Der bedeutende Mensch lebt so, dass sein Dasein ein Opfer an eine Idee ist. Der Sinn, den man dem eigenen Leben gibt, ist Zeugnis der Selbstachtung.”

Nichts, was groß ist auf dieser Welt, ist dem Menschen geschenkt worden. Alles musste bitterschwer erkämpft werden, sei es die Befreiung eines Volkes, seien es Religionsfreiheit oder Abstellung von Umweltsünden. Luther war bereit, so wie vor ihm zahlreiche andere Ketzer, den Feuertod der Inquisition zu riskieren, und hat dadurch Deutschland vom römischen Joch und der Ausplünderung durch den Papst befreit.

Völker befreit man nicht durch Nichtstun, sondern durch Opfer, und wer sein Volk liebt, beweist es einzig durch das Opfer, das er für dieses zu bringen bereit ist. Dasselbe gilt für unsere Rasse, unsere Art.

“Vom Opfer lebt das Leben,
vom Opfer zeugt sich’s fort;
wer sich entzieht dem Ringe,
verrottet und verdorrt.”

Dies sagt zu Recht Eberhard König. Auch Friedrich Schleiermacher spricht dies an: “Das ist des Menschen Ruhm, zu wissen, dass unendlich sein Ziel ist, und doch nie still zu steh‘n im Lauf; zu wissen, dass eine Stelle kommt auf seinem Weg, die ihn verschlingt, und doch nicht zu zögern den Schritt.” Gerhard Krüger ergänzt: “Nur aus dem, was Opfer kostet, erwächst wirkliche menschliche Größe. Je schwerer und härter das Opfer, umso steiler ist der Weg zu ihr und umso einsamer und gewaltiger ist sie. Nicht das Erleiden, sondern das Dennoch, das Gestalten und die Tat entscheidet über die Größe unseres Menschentums.” Und ebenso Karl von Hippel: “Wert und Unwert eines Menschen tritt erst zutage, wenn ihm Opfer abverlangt werden.”

Welche Gemeinschaft Opfer und Mut, Tapferkeit, Treue, Glauben und Heroismus fordert, die wird solche Teile des Volkes anziehen, die diese Tugenden ihr Eigen nennen. Diese sind in allen Zeiten der Faktor gewesen, der Geschichte macht.

Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

anatololy-mikhailovich-ivanovAnatoli Iwanow

Biographie

Anatoli Iwanow ist am 2. April 1935 in Moskau geboren. Seine Eltern unterrichteten russische Sprache und Literatur in der Mittelschule. Die Bildung: Moskauer Universität, Fakultät ‚Geschichte’.

Drei Mal (in den Jahren 1959, 1961 und 1981) wurde A. Iwanow wegen der s. g. „antisowjetischen Tätigkeit“ verhaftet und verbrachte insgesamt ca. sieben Jahre in Gefängnissen und Verbannungen.

Das erste große historisch-philosophische Werk „Die Slawophilen am Scheideweg“ hat er auf der Basis seine Diplomarbeit an der Universität geschrieben. Dieses Werk war der Rolle von Nikolaj Danilewski in der Entwicklung der slawophilen Bewegung gewidmet.

Danach folgen: „General M. Skobelew als Feldherr und Staatsmann“ (1968), und „Völkische ohne Volk. Ideologie der Partei Volkswille“ (1969).

A. Iwanow nahm aktiv am russischen patriotischen ‚Samisdat’ teil. [Russisch: selbst und isdatel’stwo – Verlag, bezeichnete in der UdSSR die Verbreitung von alternativer, nicht systemkonformer Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen, zum Beispiel durch Handschrift, Abtippen oder Fotokopie sowie Weitergeben einzelner Exemplare.] Er verfaßte das Minifest „Rede der Nation“ (1970) und viele alternative Zeitschriften (1971) und viele Artikel für die Zeitschrift ‚Vetsche’ (1971-1974), in der „General Skobelew“ und der Artikel „Gegen Japans Ansprüche auf Kurilen“ (herausgegeben als Broschüre im Jahre 1992).

Im Jahre 1971 beginnt A. Iwanow beginnt die Untersuchungen auf dem Gebiet der Religionsgeschichte. Dann erschien das Werk „Geheimnis von zwei Prinzipien. Herkunft des Christentums“, und im Jahre 1973 folgt eine wichtige historische Forschung „Triumph der Selbstmörder. Der erste Weltkrieg und die Februar-Revolution in Rußland“. Einzelne Kapiteln wurden in verschiedenen russischen Zeitschriften 1989 und 1991 veröffentlicht.

Rußland zur Zeit von Nikolaj II – dieses Thema wird in noch zwei weiteren Werken untersucht: „Faule Grundlagen. Agrarreform von Petr Stolypin“ (1977) und „Rußlands verhängnisvoller Tag. Der blutige Sonntag 9. Januar 1905“ (1978). Das letztgenannte Werk erschien in der Zeitschrift ‚Kuban’ (1991).

Das in Deutschland bekannte Werk Logik des Albtraums (Stalin und der große Terror) wurde im Jahre 1978 geschrieben. Russische Ausgabe – ‚Russkij Westnik“ (1994), deutsche Ausgabe – ‚Verlag der Freunde Berlin’ (1996).

Im demselben 1978 wurde „Das Geheimnis der zwei Prinzipien“ zum Pamphlet „Die christliche Pest“ umgearbeitet und vom Verlag ‚Vitjas’ im Jahre 1994 als Broschüre unter gemildertem Titel „Christentum so wie es ist“ herausgegeben.

„Geschichte als Werkzeug des Völkermordes“ (1980) – Titel des Artikels gegen Versuche einiger russischen Historiker, sich die Geschichte von Venetern anzueignen (‚Nazionalnaja Demokratija, 1995., Nr. 1).

Verschiedene Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Mazdaismus werden in der großen Forschung „Zarathustra sprach anders. Grundlagen der arischen Weltanschauung“ (1981) verglichen.

Während seiner Verbannung in der Stadt Kirow, hat A. Iwanow zwei Werke geschrieben: „Die gestohlene Armierung. Tempelritter-Tradition in der Freimaurerei“ (1982) und „Holocaust der Steinzeit. Rätsel der Megalithen“ (1983) – das letzte Werk wurde in derselben Ausgabe der Zeitschrift ‚nazionalnaja Demokratija’ gedruckt.

Das Thema der Forschung „Herrscher dieser Welt“ (1987) erzählte angeblich über den Niedergang des Römischen Reiches, prophezeite aber in der Wirklichkeit den zukünftigen Zusammenbruch der UdSSR.

Im Jahre 1988 war die Forschung über die spanische Inquisition geschrieben.

Seit der Gründung der Wochenzeitung ‚Russkij Westnik’ (‚Der russische Bote’) im Januar 1991 wurde A. Iwanow zum Mitglied der Redaktionsrates. In dieser Zeitung wurde viele seiner Artikel veröffentlicht, sowie später in den Zeitschriften ‚Ataka’ (‚Der Angriff’) und ‚Nasledije Predkow’ (‚Das Ahnenerbe’).

Das Werk „Die Wärme des Lebens und die Kälte des Todes. Nietzsche und Evola“ (1996) wurde teilweise in der Zeitschrift ‚Athenaeum’ veröffentlicht. Seit 2001 ist A. Iwanow Mitglied der Redaktion und Stammverfasser zugleich.

Am 7. Juli 1997 trat die Moskauer Abteilung mit A. Iwanow an der Spitze der europäischen Assoziation ‚Synergon’ bei.

Das Werk „Monségur fällt noch einmal“ (1998) bestreitet den Standpunkt des Zentrums von Katharismus in Carcassonne.

Das letzte Werk „Zivilisation der Gottesmutter“ (2001) betrachtet die Zusammenhänge zwischen der Rassenpsychologie und Religion.

Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

„…für Heiden eine Torheit…“ (1. Kor. 1; 23)

Bisher kannten wir nur ein Volk, das sich selbst als „auserwählt“ bezeichnet: die Juden. Aber sogar sie, sollte man ihrem Witz glauben, wollten diese Bürde loswerden. So betet ein alter Jude: „Adonai, ato bhartonu“ („Mein Herr, Du hast uns erwählt“), und fährt fort: „Mein Herr, sage mir, bitte, kannst Du nicht endlich noch irgendwen sonst erwählen?“

Gewiß, dies ist ein koketter Witz. Die Juden beabsichtigen keineswegs, auf ihren Sonderstatus zu verzichten, und ihr nationaler Gott kann seinem Wesen nach auch keine andere Nation erwählen. Dies kann nur ein anderer Gott im Rahmen eines neuen historischen Zyklus. Das kann aber auch ohne göttliche Teilnahme geschehen.

Ich möchte an dieser Stelle zunächst kurz auf meine Theorie der Zyklen zurückkommen, die ich schon in meiner Skizze über Nietzsche und Evola dargelegt habe[1]. Die historischen Lebenszyklen der Völker Europas und der Levante – wir betrachten hier nur die Schicksale dieser Völker – dauern etwa 2000 Jahre. Jeder Zyklus teilt sich in vier Viertel von jeweils etwa 500 Jahren und ist mit bestimmten Etappen der Entwicklung, der Blütezeit und des Verfalls verbunden.

Das erste Viertel des antiken Zyklus (1500-1000 v.d.Ztw.), den man als ein Vorbild des unseren betrachten kann, ist die Zeit der ersten labilen Zusammenschlüsse (mykenische Zeit, Trojanischer Krieg), das zweite (1000-500 v.d.Ztw.) ist die Periode der Zersplitterung, das dritte (500 v.d.Ztw.) die Zeit der stürmischen politischen Ereignisse (Rivalität zwischen Athen und Sparta, später der Aufstieg Mazedoniens und Roms Sieg über Griechenland) und der Blüte der antiken Kultur, und das letzte Viertel (0-500 n.d.Ztw.) bringt den Antagonismus zweier Großmächte (Rom und das Partherreich – Persien) und schließlich den Zusammenbruch von beiden.

Im Rahmen des gegenwärtigen Zyklus umfaßt das erste Viertel (500-1000) wieder die Zeit der labilen Zusammenschlüsse (das karolingische Imperium, das Reich von Kiew), das zweite (1000-1500) die Periode der feudalen Zersplitterung, das dritte (1500-2000) den Höhepunkt der politischen und kulturellen Tätigkeit (den Kampf zwischen Frankreich und Deutschland um die europäische Hegemonie, die Gründung des britischen Weltreiches und – am Ende des 20. Jahrhunderts – den Antagonismus zweier Großmächte, der USA und der UdSSR).

Es scheint, daß es sich dabei um zwei verschiedene Verkörperungen derselben Archetypen handelt. Dasselbe geschieht mit einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten. Man kann vermuten, daß Alexander der Große und Napoleon zwei Verkörperungen derselben „Überpersönlichkeit“ sind, an deren Beispiel sich die zweite Gesetzmäßigkeit der Geschichte offenbart, das Gesetz des Ausgleichs: ein Mißerfolg in einem historischen Zyklus wird durch einen Erfolg in einem anderen ausgeglichen und umgekehrt. Die Großen der griechischen Philosophie und Dramaturgie wurden unter anderen Namen in Deutschland und Frankreich wiedergeboren. Es ist jedoch davon abzuraten, sich zu Suchaktionen nach derartigen „Doppelgängern“ verfuhren zu lassen. Dies um so mehr, als diese Beschäftigung leicht zu einer Manie werden kann und die echten Analogien durch die an den Haaren herbeigezogenen kompromittiert werden.

Der antike Zyklus hatte auch einen Vorgänger: den sumero-semitischen Zyklus (3500-1500 v.d.Ztw.), in dem Lagasch und Umma dieselben Rollen wie Athen und Sparta spielten, beziehungsweise Akkad Mazedonien, Babylon dem Römischen Reich und Elam Persien entsprachen.

Die Verhältnisse zwischen den Zyklen gestalten sich ebenfalls nach dem Gesetz des Ausgleichs. Der semitische Zyklus, der in den historischen Hintergrund verdrängt wurde, rächte sich am siegreichen antiken Zyklus – mit Hilfe des Christentums errang er der geistigen Sieg über seinen Feind. Heute erleben wir dieselbe Phase unseres Zyklus wie im vorangehenden Zyklus, als die neue Weltreligion, das Christentum, auftrat. Nach dem Gesetz des Ausgleichs wird die Religion, die zur Zeit an die Tür der Geschichte klopft, eine Revanche der antiken Welt sein.

Die frühere semitische Revanche hatte sich bekanntlich durch ein Volk und einen Menschen verwirklicht, wobei die Verhältnisse zwischen diesem Volk und diesem Menschen sehr kompliziert waren; dieses Thema ließe sich natürlich noch weiter ausführen. Das jüdische Volk, das an seine Auserwähltheit glaubte, verstand diese völlig falsch und hat bis heute noch nicht begriffen, daß es nur dank jenes Menschen, den es ablehnte und sogar zur Hinrichtung verdammte, zum auserwählten Volk wurde. Das bedeutete gleichzeitig die Wahl Gottes: Jahwe, welchen bis dahin, wie Anatol France in seinem Roman „Die Revolte der Engel“ schrieb, „… nur einige klägliche syrische Stämme kannten, die sich seit langem durch dieselbe Grausamkeit wie er selbst ausgezeichnet hatten und von einer Knechtschaft zur anderen übergingen…“, verwandelte sich für Millionen Menschen in ihren einzigen Gott.

Aber die Juden glaubten, daß eine allmächtige Kraft ihnen helfen würde, jeden Gegner zu überwältigen. Aus diesem Grunde forderten sie zweimal das Römische Reich frech heraus. Bar Kochba, der Führer des zweiten jüdischen Aufstandes, wurde von dem damals berühmten Rabbi Akiba als Messias verkündet, und die Juden waren davon überzeugt, wurden aber enttäuscht. Sie, wie die ganze übrige Welt, wußten noch nicht, daß der echte Messias schon vor 100 Jahren gekommen war. Nur wenige konnten hinter dieses Geheimnis kommen.

Heute lebt die christliche Welt in der Erwartung der kommenden Parusie ihres Erlösers, aber diese Erwartung ist vergeblich, denn es ist sinnlos, auf etwas zu warten, was schon geschehen ist. Gemäß den christlichen Deutungen hat Vergil in seiner „Bucolica“ die Geburt Christi vorausgesagt. Aber das war keine Prophezeiung, sondern eher eine unklare, in heidnische Formen gehüllte Vorahnung. Etwas Ähnliches widerfuhr dem Gründer der Sekte der Adventisten, William Miller. Er sagte die zweite Erscheinung Christi für das Jahr 1844 voraus, aber in diesem Jahr hatte sich etwas anderes ereignet: Friedrich Nietzsche wurde geboren.

Um richtig verstehen zu können, wer Nietzsche in Wirklichkeit war, ist es vor allen Dingen notwendig, seinen sogenannten Wahnsinn aufzuklären. Einen solchen Versuch hat Miguel Serrano unternommen. In seinem Werk „Nietzsche et l’eternel retour“[2] enthält die Überschrift eines Abschnittes die Frage: „Konnte Nietzsche dem Wahnsinn entgehen?“ Serrano zweifelt nicht daran, daß Nietzsche „den Verstand verlieren sollte“, aber das Wort „sollte“ klingt in diesem Fall zu unbestimmt: sollte er infolge der natürlichen Logik seiner Krankheit verrückt werden oder handelte es sich um eine andere, höhere Pflicht? Serrano geht den richtigen Weg, wenn er schreibt, daß „…«ich» über einige Individualitäten innerhalb des Kreises der Ewigen Wiederkehr verfüge…“, aber dann kommt er von diesem Weg ab und beginnt Unsinn zu schreiben, wenn er Nietzsches Persönlichkeit mit mehreren Personen, wie Caesar, Shakespeare, Bacon, Wagner und Bismarck identifiziert. In den beiden letzten Fällen ist eine Identifizierung unmöglich, weil diese Personen gleichzeitig miteinander und mit Nietzsche lebten, und die anderen sind auch unpassend (wenn sie denn wirklich drei sind: es gibt eine Hypothese, daß Bacon unter dem Decknamen „Shakespeare“ schrieb).

Ein Umstand ist viel wichtiger: Nietzsche unterzeichnete im Zustand des Wahnsinns als „Dionysos“ und als der „Gekreuzigte“. Die letzte Unterzeichnung bedeutet, daß sich Nietzsche selbst als zweite Verkörperung derselben Überpersönlichkeit begriff, deren erste Verkörperung Jesus war. Die Unterzeichnung „Dionysos“ hat eine andere Bedeutung: sie weist auf die Tradition hin, auf deren Basis die neue Religion zu begründen ist. Eine solche Basis war für Jesus die alttestamentarische Tradition, die er fortsetzte und erneuerte. Nietzsche wollte nicht den Dionysos-Kult wiederbeleben, hielt aber dessenungeachtet diese Tradition für die wichtigste. A. Bäumler, beeinflußt von J.J. Bachofen und von dessen verächtlicher Meinung über die „chthonischen Religionen“, versuchte vergeblich, die Bedeutung von Dionysos in Nietzsches Lehre abzuwerten; damit beraubte er diese Lehre nur der Kraft ihres Inhalts. Nietzsche nannte sich selbst „Dionysos Jünger“ – ein Jünger, und keine Verkörperung.

Es gilt hier zu bemerken, daß es sich in keinem Fall um eine fossile, sondern um eine lebendige Tradition handelt. Der französische Musiker und Schriftsteller Alain Danielou (1907-1994), der Verfasser eines Buches mit dem aufschlußreichen Titel „Shiva et Dionysos“, verbrachte viele Jahre in Indien, ging dabei zum Shivaismus über und entdeckte, daß „… die Riten und Glaubensvorstellungen der alten westlichen Welt denen des Shivaismus sehr ähnlich sind und sich mit Hilfe der in Indien erhaltenen Texte und Riten leicht erklären lassen…“[3] Jean-Louis Gabin, der Herausgeber der Gesammelten Werke von A. Danielou, schreibt: „ Wir meinen mit der ursprünglichen Tradition eine große vorgeschichtliche Religion, deren Spuren Archäologen überall finden, vom Indus-Tal bis nach England und Dakien, Kulte der Erdmutter, des Phallus und des Stieres, Kulte, deren Ähnlichkeit mit den Kulten der Sumerer, Kreter und Pelasger A. Danielou in seinem Buch „Shiva und Dionysos“ aufzeigt, und von denen sich einige Riten bis jetzt erhalten haben („Zikr“ in Ägypten, Berber-Riten in Nordafrika). Diese Tradition, die in Indien als Shivaismus bekannt ist, blieb dort ungeachtet des von arischen Eroberern aufgezwungenen Vedismus eine Volksreligion.“

Laut A. Danielou begann das Kali-Juga damit, daß „… die Barbaren-Eroberer ihre Mythen und Kulturen sowohl Indien als auch Griechenland und Rom aufzwangen und die Shiva- und Dionysos-Kulte verdrängten, die aber heimlich weiter existierten. Im Ergebnis entstanden so in Indien zwei parallele Traditionen, eine offizielle vedische, und eine andere heimliche, die des Shivaismus“[4]. A. Danielou betonte dabei immer den vorarischen Charakter des Shivaismus[5].

Dieser Standpunkt wird in der russischen Zeitschrift „Nasledije predkow“[6] von Swami Sadashivacharya bestritten, der in Rußland die geistliche Gesellschaft „Tantra-Sangha“ gegründet hat. Wie ein Tiger fällt er über jene her, die Shiva für einen unarischen Gott und die Indus-Zivilisation für eine drawidische halten. Er folgt damit, wie auch der Belgier Koenraad Eist, der „indozentrentrischen“ Theorie, die im modernen Indien Mode ist, und behauptet, daß es keinen arischen Einfall gegeben habe, sondern daß vielmehr die Arier von alters her in Indien gelebt und sich von dort aus in alle Richtungen verbreitet hätten. Natürlich hat diese Theorie mit der realen Geschichte nichts zu tun.

N.R. Gussewa, eine der führenden russischen Expertinnen auf dem Gebiet der indischen Kultur, ist mit A. Danielou darüber einverstanden, daß Shiva kein arischer Gott ist. „Alle Forscher“, schreibt sie, „kommen darin überein, daß Shiva in Indien schon vor dem Einfall der Arier verehrt wurde.[7]“ „Nach den Vorstellungen der vedischen Arier, als sie in Indien eingedrungen waren, war der Shiva-Kult für sie völlig fremd und unannehmbar.[8]“ Man kann diesen Kult mit der Indus-Zivilisation verbinden[9].

Der russische Swami will nichts von den Drawiden als Gründern dieser Zivilisation hören. Aber die protoindischen Inschriften wurden mit Hilfe der EDV analysiert und dabei fielen die indogermanischen Sprachen sofort heraus: die protoindische Sprache hatte keine Präfixe, was eine Verwandtschaft dieser Sprache mit der indogermanischen ausschließt. Als Ergebnis der Untersuchung ließen sich alle anderen Sprachen mit Ausnahme der drawidischen, deren grammatikalische Strukturen mit allen Merkmalen übereinstimmten, ausschließen[10]. Wir erwähnen hier den Shivaismus nicht, um zur Nachahmung von A. Danielou aufzurufen, sondern um auf eine lebendige Tradition hinzuweisen, die es erlaubt, Parallelen zu ziehen. Es geht hier nur um den Vergleich und nicht um die Entlehnung. Nietzsches Neues Testament setzte dieses Alte Testament außer Kraft. Übrigens gibt es noch eine Übereinstimmung mit dem vorangehenden Zyklus: 600 Jahre vor Christus wurde das Deuteronomium geschaffen, 600 Jahre vor Nietzsche gründete der tamilische Theologe Maycandar im Rahmen des Shivaismus die Schule des pluralistischen Theismus.

A. Danielou lebte während des Krieges in Benares, und er erinnert sich daran, daß örtliche vedische Orthodoxe mit der arischen Theorie des Nationalsozialismus sympathisierten, im Unterschied zu Vertretern des Shivaismus, die dieser Theorie feindlich gesinnt waren[11]. Diese Erinnerung weist uns aber darauf hin, daß es Zeit ist, vom Abstecher nach Indien nach Deutschland zurückzukehren, dem Land, das der Welt Nietzsche gab.

Im Rahmen unseres Zyklus widerfuhr den Deutschen dasselbe, was im vorangehenden den Juden geschehen war. An ihre „Auserwähltheit“ glaubend („Gott mit uns“), forderten sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zweimal die „neue Weltordnung“ heraus, die England und die USA, schon seit langem aufzurichten begannen, aber in beiden Fällen wurde Deutschland geschlagen. Die Deutschen glaubten an Hitler wie an einen Erlöser. Serrano denkt bis jetzt, daß er ein „Avatara“ des Gottes war, und führt eine neue Zeitrechnung von Hitlers Geburt an ein, aber er wiederholt dabei nur den Fehler, den Rabbi Akiba in bezug auf Bar Kochba gemacht hatte. Der echte Prophet der neuen Wahrheit wurde in Deutschland vor 100 Jahren (von 1945 aus gerechnet) geboren und seit 1844 wurden die Deutschen so zum auserwählten Volk, ohne etwas davon zu wissen. Dieses Geheimnis blieb bis jetzt ungelöst, aber es ist nun an der Zeit, die Lösung zu finden.

„Wir predigen Nietzsche, den Wahnsinnigen“. Ob er nur im Zustand des Wahnsinns begriff, wer er war, oder bereits früher? In jedem Fall durfte er nicht von sich selbst zeugen, so wie sich Jesus nicht Christus nannte und es anderen verbot, ihn so zu nennen[12]. Nietzsche sollte wirklich den Verstand verlieren, aber Serrano mißversteht die Ursache. Gerade dann, als Nietzsche begann seine Bestimmung zu vermuten, sank ein Vorhang des Wahnsinns vor ihm herab, damit seine Worte als Worte eines Wahnsinnigen wahrgenommen würden. Der Wahnsinn war für Nietzsche dieselbe verhängnisvolle Unvermeidlichkeit wie die Kreuzigung für Jesus. Es fällt ebenso schwer, an die göttliche Herkunft eines Gekreuzigten zu glauben wie an die göttliche Mission eines Wahnsinnigen. Darum siegte das Christentum erst im Verlauf von Jahrhunderten. Und Nietzsche starb erst vor hundert Jahren.

Die verhängnisvolle Unvermeidlichkeit machte Christus Angst und er flehte zu Gott, um diesem Kelch zu entgehen. Nietzsche leistete Widerstand gegen seine Mission, wie es der Prophet Jonas getan hatte. Er wollte nicht prophezeien, er wollte nicht für einen Propheten gelten. Aber Gott zwang Jonas, sich mit dem zu beschäftigen, wozu er bestimmt war, und Nietzsche begann gegen seinen Willen in prophetischer Sprache zu reden. Aber – und das war sein Verhängnis – er wurde nicht gehört, und die Leute, die ihn hörten, haben ihn mißverstanden.

Das deutsche Volk mußte viele Heimsuchungen erleben – das war sein Verhängnis. Aber zum Unterschied von den Juden des 2. Jahrhunderts waren die Deutschen nicht zerstreut, und sie verloren ihren Staat nur für einige Jahre. Inzwischen überwanden sie auch die Spaltung ihres Landes. Aber die Frage bleibt offen: Mit wem war das Schicksal grausamer umgegangen? Die Juden verloren ihre Heimat, aber sie erhielten ihre geistige Einheit; die Deutschen blieben in ihrem eigenen Staat, aber sie sagten sich als Folge der geistigen Kastration, der sogenannten „Umerziehung“, von ihren nationalen Traditionen zugunsten der amerikanischen Chewing-Gum-Zivilisation los. Im Zusammenhang mit diesem Verlust läßt sich Goethe zitieren: „Da war’ es besser nicht geboren. „

Was Goethe betrifft, so zitiert Gunnar Porikys in seinem Beitrag „Magische Weltsicht – der Goetheanist Karl Foerster“[13] Goethes Worte, die angeblich 1832 von F.W. Riemer aufgeschrieben wurden. Die Fachleute streiten über deren Authentizität, aber Karl Foerster hielt sie für das echte „Vermächtnis an das deutsche Volk“:

„Es ist die Antipathie der Völker gegen das jüdische Menschenbild, in der die Hochachtung den Widerwillen vermehrt, eigentlich nur mit einer anderen zu vergleichen: mit derjenigen gegen die Deutschen, deren Schicksalsrolle und innere wie äußere Stellung unter den Völkern die allerwunderlichste Verwandtschaft mit der jüdischen aufweist. Allein ich gestehe, daß mich zuweilen eine den Atem stocken lassende Angst überkommt, es möchte eines Tages der gebundene Welthaß gegen das andere Salz der Erde, das Deutschtum, in einem historischen Aufstand frei werden… Unseliges Volk, es wird nicht gut ausgehen mit ihm, denn es will sich selbst nicht verstehen, und jedes Mißverstehen seiner selbst erzeugt nicht nur die Schmähung allein, sondern erregt den Haß der Welt und bringt es in äußerste Gefahr. Was gilt es: Das Schicksal wird sie schlagen, weil sie sich selbst verrieten und nicht sein wollten, was sie sind.“

Nun gut, die Authentizität dieser Worte Goethes wird bestritten. Aber wir können uns auf ähnliche Äußerungen eines anderen Verfassers berufen, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland – ebenso wie Nietzsche – eine so hohe Autorität genossen hat wie die „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ in der UdSSR: auf Paul de Lagarde. Zur Zeit der äußeren Größe Deutschlands, im ersten Jahrzehnt der Existenz des 2. Reiches, schrieb er über die Deutschen als über „die am lebhaftesten gehaßte Nation Europas“, die „mit Juden und Jesuiten auf einer Stufe der Wertschätzung“ steht. Er wurde nicht vom äußeren Glanz des Reiches geblendet; er weigerte sich vielmehr, das neue Deutschland für deutsch zu halten, weil „das, was jetzt Deutsch heißt, ein Kunstprodukt ist“, und grämte sich, „das Deutschland, welches wir lieben und zu sehen begehren, hat nie existiert und wird vielleicht nie existieren „.

„Wenn Regierung und Volk nicht von jetzt ab ganz andere Wege einschlagen“, sagte er voraus, so vermöchte er „von der irdischen Zukunft Deutschlands nichts zu erwarten, als Welt im Gewand des Himmels, Despotismus, der als Freiheit auftritt, die Verwandlung der Erde in einen großen Speicher von Gütern, welche zu genießen und zur Schaffung neuer Werte zu verwenden niemand da sein wird, also keine neue, am allerwenigsten eine deutsche Religion: denn das, woraus alle Zukunft wächst, der einzelne Mensch, wird von der Regierung und den Parteien geflissentlich zurückgeschoben, ja verfolgt“.

Alle diese Zitate sind dem Artikel von Paul de Lagarde mit dem bedeutungsvollen Titel „Die Religion der Zukunft“ entnommen[14]. De Lagarde begriff: „Der Weg zur Religion ist selbst Religion: ihn gehen die einzelnen Menschen, Nationen nur durch die einzelnen Menschen.“ „Alles Geistige muß auf der Erde einen Leib haben, um in der Geschichte tätig sein zu können: Dieser Leib baut sich von selbst auf, wo man den Geist nicht hindert ihn zu bauen. Auf das Wegräumen der Hindernisse also kommt es vorläufig, auf die Bildung einer … Gemeinde hauptsächlich an. Finden sich die Menschen für diesen Versuch in Deutschland nicht, und nicht bald, so können wir nur auf die Zukunft unseres Vaterlandes verzichten: Deutschland wird dann noch eine Weile existieren, zu leben wird es bald genug aufhören.“

Paul de Lagarde glaubte daran, daß es nur ein allgemeines Gesetz gibt: „Es kann nichts auf der Welt etwas anderes werden, als was es werden soll, was in seiner Bestimmung begründet ist.“ Er glaubte an die „germanische Naturanlage, welche in der Kirche der Zukunft sich geltend machen muß.“ Die Begründung dieser Kirche hielt er für „eine Aufgabe von Jahrhunderten“, „aber nur auf dem Wege zum ewigen Leben liegt ein Vaterland, so wahr auch im ewigen Leben, wie jeder anderen Nation Genossen als solche, so auch der Deutsche als Deutscher noch wird zu erkennen sein, und so wahr ihn nicht bloß als Ich und als Menschen, sondern auch als Deutschen Gott und alle Seligen lieben.“

Also sah Paul de Lagarde die historische Mission der Deutschen in der Begründung einer neuen Religion, aber diese Religion sollte seiner Meinung nach eine originelle, deutsche und von allen fremden Schichten befreite Religion sein. Die deutsche klassische Literatur des 18. Jahrhunderts hielt er für deutsch „in den Personen einzelner ihrer Träger, aber nicht als Literatur“, weil sie einerseits kosmopolitisch war, und andererseits nach griechischen und römischen Idealen strebte.

In diesem Fall irrte sich de Lagarde, weil sein theoretisches Rüstzeug keine Kategorien der Zyklen und des Ausgleichs enthielt. Die Liebe der Größen der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts zum alten Hellas, die ihm nur eine intellektuelle Spielerei der Genies schien, war in Wirklichkeit eine Etappe der oben erwähnten Revanche. Und wenn Friedrich Schiller in seinem berühmten Gedicht „Die Götter Griechenlands“ von der Rückkehr „der hellen Welt“ des Altertums nur träumte, so war Friedrich Hölderlin davon überzeugt, daß, wenn das Göttliche einst existiert hat, es noch einmal zurückkommen würde, weil es ewig ist.

Friedrich Hölderlin ist als ein geistiges Urbild Nietzsches besonders bemerkenswert. Die beiden waren am Ende verrückt geworden, wobei Hölderlin in der geistigen Finsternis bedeutend längere Zeit verbracht hatte – ganze 37 Jahre[15]. Hölderlin hat auch Dionysos auf ein Niveau mit Christus gestellt und infolgedessen das seelische Gleichgewicht verloren. Pierre

Chassard macht dem deutschen Dichter Vorwürfe über den „rückhaltlosen Synkretismus“, über die Vermischung des jüdischen Gottes mit den Göttern der Griechen und Pelasger[16], aber diese Forderungen sind zu hoch gestellt. Hölderlin hatte seine Epoche sogar überholt.

N.J.Berkowskij schreibt in seinem Artikel über Hölderlin in der „Geschichte der deutschen Literatur“[17], „unter allen Dichtern der Welt war er vielleicht der überzeugteste und standhafteste Enthusiast [des Altertums] … Hellas gab ihm einen Tip, welche Ordnung und Kultur in Europa wieder festen Fuß fassen können und sollen.“ Er war „Hellas in seiner symbolischen Bedeutung“ ergeben. „Das unterirdische Hellas, das ist Europa mit allen geheimen Möglichkeiten seiner Zukunft.“ „Hölderlin hat auf seine Weise die antike Mythologie und antiken Götter wiederbelebt“, aber unter den olympischen Göttern eine gründliche Säuberung durchgeführt. Es ist bemerkenswert, daß der Protagonist seines Romans „Hyperion“ den Namen eines der Titanen trägt, d.h. der Göttergruppe, die den Olympischen Göttern feind war[18].

Bachofen, Bäumler und Evola verachteten die pelasgischen Götter dieser Gruppe als niedrige, „chthonische“ Wesen. Pierre Chassard setzt dieselbe Linie fort.

Wie Alain de Benoist in seinem Buch „Comment peut-on etre pai’en?“[19] bemerkt, betonten die deutschen Romantiker zu Beginn des 19. Jahrhunderts die tiefe Ähnlichkeit des hellenischen und des deutschen Geistes. O. Weininger stellte mit Mißvergnügen die Einheit der griechischen und deutschen Welten in ihrem Gegensatz zur christlichen Welt fest. Aber wenn Winckelmann und Schiller die griechische Welt als ein Ideal der Schönheit und Harmonie wahrnahmen, so begann man später zu verstehen, daß das eine „schöne und rasende Welt“ war (so der Titel einer der Erzählungen des russischen Schriftstellers Andrej Platonow). Diese Welt war in ethnischer Hinsicht mehrschichtig, was sich auf das Pantheon, die Philosophie und die Literatur auswirkte. So wurde der Appell „Zurück zu den Griechen!“ von der Fragestellung abgelöst: „Zu welchen Griechen konkret?“

Nietzsche erklärte mit Stolz, daß er „…der Erste war, der zum Verständnis des älteren … hellenischen Instinkts jenes wundervolle Phänomen ernst nahm, das den Namen Dionysos trägt.“ Allerdings ließ Nietzsche dabei seinem Lehrer Jacob Burckhardt Gerechtigkeit widerfahren, der in seiner „Geschichte der griechischen Kultur“ dieser Erscheinung einen Sonderabschnitt gewidmet hat. „Ganz anders berührt es uns, wenn wir den Begriff ‚griechisch’ prüfen, den Goethe und Winckelmann sich gebildet haben, und ihn unverträglich mit jenem Element finden, aus dem die dionysische Kunst mit ihrem Orgiasmus wächst.“, setzt Nietzsche in seiner „Götzendämmerung“ fort und folgert, daß Goethe die Griechen nicht verstand.

Nietzsche behauptet, daß der griechische Geist von Sokrates verdorben wurde. Aber vielleicht geschah etwas Ähnliches auch mit dem deutschen Geist?

F.W.J. Schelling sagte in seiner Eröffnungsrede an der Berliner Universität am 15. November 1841, daß zur Zeit der nationalen Erniedrigung die Philosophie die Deutschen unterstützte. Aber er erhob Einspruch gegen die Unterschiebung der logischen Begriffe anstatt der lebendigen Wirklichkeit[20]. Ernst Krieck erzählt in seiner Autobiographie über die Zeit der Stagnation des Kaiserreiches, als die deutsche idealistische Philosophie das einzige war, das den Gefühlen der denkenden Jugend Luft machte. Später, zur Zeit des politischen Aufstiegs in Deutschland, überwand er seine idealistische Begeisterung. Heute, wo Deutschland von neuem „böse Zeiten“ erlebt, sehen Horst Mahler und seine Freunde aus dem „Deutschen Kolleg“ den Weg zur geistigen Wiedergeburt Deutschlands in der Rückkehr zur deutschen idealistischen Philosophie. Aber vielleicht befindet auch dort, wo sie einen Zufluchtsort zu finden hoffen, ein deutscher Sokrates?

Ja, er ist da. Und sein Name ist schon lange bekannt: Emmanuel Kant.

Kant, wie Sokrates, wurde von Nietzsche negativ beurteilt. Nietzsche hat ihn sogar einmal „ein Chinese aus Königsberg“ genannt. Im Roman des Schriftstellers Andrej Belyj (i.e. Boris Bugajew, 1880-1934) „Petersburg“ sieht ein Protagonist das Trugbild eines Turaners (Mongolen) und es findet folgender Dialog statt:

-“Kant (und Kant war auch ein Turaner).“
-“Wert als metaphysisches Nichts“.
-“Soziale Verhältnisse, die auf dem Wert gebaut sind.“
-“Zerstörung der arischen Welt durch ein System der Werte.“
-“Schlußfolgerung: das ist eine mongolische Sache.“

Der Turaner antwortet: „Du hast die Aufgabe nicht verstanden. § 1 – die Straße“.

-“Statt des Wertes – die Numerierung nach Häusern, Geschossen und Zimmern für ewige Zeit.“
-“Statt der neuen Ordnung – die registrierte Zirkulation der Bürger auf der Straße.“
-“Statt Europas Zerstörung – seine Unveränderlichkeit.“
-“Das ist die mongolische Sache.“

Andrej Belyj veröffentlichte seinen Roman während des Ersten Weltkrieges, als in Rußland deutschfeindliche Stimmungen besonders stark waren. Gleichzeitig wies sein Freund, der Philosoph Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949) in seinem Artikel „Rußland, England und Asien“ auf eine angebliche „tiefe Ähnlichkeit“ des deutschen und chinesischen Geistes hin: „Nur in Deutschland und in China ist das Volksbewußtsein ein Bewußtsein des Ameisenhaufens.“[21

Die armen Deutschen! Sie waren überzeugt, die alten Hellenen zu sein, aber diese bösen Russen haben sie mit Chinesen gleichgestellt! Und wer war schuld daran? Kant!

Nietzsche hat Kant in seine Liste der „Unmöglichen“ eingetragen. Er schrieb, daß er „… es den Deutschen nachträgt, sich über Kant und seine Philosophie der Hinterthüren vergriffen zu haben.“ „Die Deutschen haben ihre Philosophie nur ausgehalten, vor allem jenen verwachsensten Begriffskrüppel, den es je gegeben hat: den großen Kant.“ Nieztsche sah in Kant, der im Rahmen der „abschreckendsten Scholastik“ das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl und Willen predigte, den Antipoden Goethes. Seiner Meinung nach war die Scheidung der Welt in der Art Kants in eine „wahre“ und eine „scheinbare“ eine Suggestion der Dekadenz, ein Symptom niedergehenden Lebens.

Man kann Kant nicht nur für Goethes, sondern auch für Nietzsches Antipoden halten. Wenn es unter den Deutschen einen Menschen gab, der von den Griechen am weitesten entfernt war, so war dies Kant. Eigentlich kann man diesen Kant nicht zu den Deutschen, Griechen, Chinesen oder zu den Menschen überhaupt zählen – er war vielmehr ein philosophierender Computer! Ist es möglich, daß seine Philosophie das deutsche Wesen zum Ausdruck bringt?

Pierre Chassard erinnert in seinem Buch „Nietzsche. Finalisme et Histoire“[22] daran, daß Kant danach strebte, alle Attacken gegen Religion und Moral zu beenden trachtete. Gerade deswegen teilte er die Wirklichkeit in zwei Welten verschiedener Natur und verschiedenen Wertes und entwickelte eine Konzeption der moralischen Essenz der Welt. Der Kantische kategorische Imperativ, der von der höchsten, „wahren“ Welt ausgeht, droht, gemäß Nietzsche, allen Lebenden; jeder muß seinen eigenen kategorischen Imperativ haben. „Nichts ruiniert tiefer, innerlicher, als jede ‚unpersönliche’ Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion.“ „Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? als Automat der ‚Pflicht’? Kant, „jener Nihilist mit christlich-dogmatischen Eingeweiden verstand die Lust als Einwand.“[23

Laut Kant bewegt sich die Geschichte hin zur Errichtung der Weltordnung nach göttlicher Vorsehung. Somit hat der heutige Globalismus seinen Theoretiker, welcher vor 200 Jahren gelebt hatte. Eine Ordnung und eine Moral für alle – kann man sich etwas Abscheulicheres vorstellen? Eine Ordnung, die von Techno- und Bürokraten verwaltet wird? Nietzsche sagte zum Scherz, aber nicht zufällig, daß gerade die kantische Philosophie die höchste Formel des Wesens eines Staatsbeamten darstellt: „Der Staatsbeamte als Ding an sich zum Richter gesetzt über den Staatsbeamten als Erscheinung.“ Der seelenlose Philosoph paßt am besten zur seelenlosen Bürokratie.

Eine unüberwindliche Kluft liegt zwischen Kant und de Lagarde, der alle seine Hoffnungen auf die Zukunft mit möglichen Personen und nicht mit dem Staat, diesem „Vize-Gott“, verband und es bedauerte, daß das Leben einzelner Menschen bis in die Kleinigkeiten von verschiedenen Behörden reglementiert wird, und daß diese Abhängigkeit nur ständig wachsen wird.

Nietzsche äußerte eindeutig seine Meinung über den Staat in seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“[24]: „Staat heißt das kälteste von allen kalten Ungeheuern. Kalt lügt es auch und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das Volk. „ „Lüge ist’s … Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn… Jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht… Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen: und was er auch redet, er lügt, und was er auch hat, gestohlen hat er’s.“

Nietzsche rief auf, dahin zu sehen, wo der Staat aufhört, denn „… da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist.“

Vergleichen Sie diese Texte mit Mussolinis „Doktrin des Faschismus“: „Für einen Faschisten besteht alles im Staat und nichts Menschliches oder Geistiges existiert und hat einen Wert außerhalb des Staates… Außerhalb des Staates gibt es kein Individuum.“ Wagt nach diesem Vergleich noch jemand, Nietzsche und de Lagarde als „Ideologen des Faschismus“ abzustempeln?

Ludwig Klages lebte und starb außerhalb des deutschen Staates. Vom Standpunkt des Duce aus existierte er nicht. Aber wer hat besser als Klages Nietzsches Lehre gerade in religiöser Hinsicht entwickelt? Vielleicht die offiziellen Ideologen und Philosophen des Nationalsozialismus? Daß ich nicht lache!

Und natürlich hat auch Heidegger dies nicht getan. Er versuchte eher zu beweisen, daß er klüger und konsequenter als Nietzsche war, als ihn zu verstehen. Laut Heidegger dachte Nietzsche, daß er „die Metaphysik überwunden hatte“, aber in Wirklichkeit geschah nichts dergleichen. „Nietzsches Gegenbewegung gegen die Metaphysik, das war einfach ein Versuch, sie umzustoßen, wobei er sich hoffnungslos in die Metaphysik verwickelte.“[25] „Trotz allen Umwälzungen und Umwertungen der Metaphysik bleibt Nietzsche unbeirrt im Rahmen ihrer Traditionen.“[26] Heidegger bezeichnete Nietzsches Metaphysik als „Metaphysik der Werte“[27] und behauptete, daß „die Metaphysik, die als eine Metaphysik des Willens mit den Kategorien der Werte denke, … einen Schlag gegen das Sein selbst“ versetze, und darum sei „… das Denken mit den Werten der Metaphysik des Willens zur Macht tödlich.“[28

Man bezeichnet Heidegger selbst als einen „Mörder der Metaphysik“. Aber Pierre Chassard stellt in seiner zitierten Broschüre über Heidegger die Frage, was ist das in Wirklichkeit, dieses Wertvolle „Sein“, das Heidegger so tapfer gegen Nietzsches Schläge verteidigt, und er entdeckt in ihm die wesentlichen Züge des Gottes der christlichen Theologie. Außerdem begreift Heidegger das Sein so, wie gewisse Mystiker Gott ersannen. Für Heidegger ist das Sein ein Nichts, wie Gott für Meister Eckhart; seine Ontologie ist eine Lehre vom Nichts (Neantologie): das Sein ist das Nichts und das Nichts ist das Sein. Heideggers Philosophie ist eine Philosophie der Emigration aus der Realität in die Welt Jenseits der Dinge“. Pierre Chassard folgert: Heideggers Denken ist eine Erneuerung der monotheistischen Theologie und der mono-ontologischen Metaphysik.

Jener also, der behauptet hatte, Nietzsche sei in die Metaphysik verwickelt, versank selbst in diesem Sumpf. „Das Nichts ist das Sein selbst“, – das ist Heideggers Formulierung[29]. Pierre Chassard hat sich das nicht ausgedacht. Heidegger machte sogar im Vergleich zu Schelling, für den es kein leeres, abstraktes Sein ohne Träger gab, einen Schritt zurück.

Über die gemeinsame Sünde aller deutschen Idealisten von Kant bis Heidegger sprach Nietzsches Zarathustra im Kapitel „Von den Hinterweltlern“: „Leiden war’s und Unvermögen, das schuf alle Hinterwelten… Müdigkeit, die mit einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge… die schuf alle Götter und Hinterwelten.“ „Aber jene Welt ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte, unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist.“

Nietzsche lehrte, den irdischen Kopf nicht im Sand der himmlischen Dinge zu verstecken. Ja, diese Welt ist schrecklich, und man möchte vor ihr fliehen, aber es gibt, leider, keine andere Welt.

Ich möchte auf Nietzsches Formulierung „alle Götter“ hinweisen, was heißt, es gibt keine Ausnahmen. Wjatscheslaw Iwanow meinte, es sei „Nietzsches tragische Schuld“, daß er selbst „… an den Gott nicht glaubte, den er der Welt entdeckt hatte.“[30] Aber Nietzsche sprach über sich selbst als über einen Jünger des Philosophen Dionysos und nicht als einen Priester oder Propheten des Gottes Dionysos.

Dionysos war für Nietzsche ein Sinnbild, und kein Objekt der Anbetung. Er schrieb selbst, daß er keine höhere Symbolik als die dionysische kenne: „In ihr ist der tiefste Instinkt des Lebens, der zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des Lebens religiös empfunden: der Weg selbst zum Leben, die Zeugung als der heilige Weg. „ „Erst in den dionysischen Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zustandes spricht sich die Grundtatsache des hellenischen Instinkts aus: sein ,Wille zum Leben’. Was verbürgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens… das triumphierende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus, das wahre Leben als das Gesamt-Fortleben durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. Den Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol an sich,[31] der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken Frömmigkeit. „ „Das Jasagen zum Leben, selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen, der Wille zum Leben, im Opfer seiner höchsten Typen der eigenen Unerschöpflichkeit froh werdend, nannte ich dionysisch.“[32

Wjatscheslaw Iwanow warf Nietzsche vor, daß er in Dionysos den „leidenden Gott“ nicht erkannt habe. Er kannte das Entzücken des Orgiasmus, aber er kannte nicht die Klagen und den Jammer des Gottesdienstes, womit die weinenden Frauen den leidenden und gestorbenen Gottessohn aus dem Schoß der Erde heraufbeschworen hatten.[33]

Dionysos war für Nietzsche ein Sinnbild des Überflusses und der Unmäßigkeit der Raserei dank des Zustromes der Lebensenergien. Iwanow hielt diese Konzeption hochmütig für „eng“. Laut seiner eigenen Konzeption war Dionysos für die Alten „kein Gott der wilden Hochzeiten und der Kopulation, sondern ein Gott der Toten und des Todesschattens“. Angeblich erkannte Nietzsche nur im wahnsinnigen Zustand Dionysos als einen leidenden Gott und begriff die Ähnlichkeit zwischen Dionysos und dem Christentum[34].

Wir haben schon darüber gesprochen, daß Nietzsche etwas ganz anderes erkannte und Wjatscheslaw Inwanow dies absichtlich unterschlug. Als glänzender Kenner des Altertums wußte er natürlich, daß sich der thrakische Dionysos-Kult mit dem kretischen Zagreus-Kult vermischt hatte, einer von vielen sterbenden und auferstehenden Göttern, zu denen Atheisten, die Jes us für keine historische Persönlichkeit hielten, auch diesen zählten. Der thrakische Dionysos, über den Nietzsche gerade schrieb, hatte ursprünglich nichts mit Zagreus zu tun. Ein Vergleich mit dem Shivaismus schließt zudem den leidenden Dionysos rundweg aus.

Es gibt genug Kritiker und Kommentatoren von Nietzsche. Karl Jaspers behauptete sogar, daß Nietzsches Philosophie „keine endgültige Wahrheit und keine Leitsätze enthält, die man einfach auf Treu und Glauben annehmen konnte… Nach Nietzsche zu philosophieren, das bedeutet, sich selbst ständig als sein Gegengewicht zu behaupten.“ Jaspers folgte förmlich dem Vermächtnis, mit dem der erste Teil des „Zarathustra“ endet: „Ihr hattet euch noch nicht gesucht, da fandet ihr mich… Nun heiße ich euch mich verlieren und euch finden.“ Jaspers hat das wiederholt, Heidegger hat das gemacht. Aber man darf Nietzsche nicht immer wörtlich verstehen. Christus sprach zu seinen Jüngern allegorisch, und Nietzsche redete „bucklig mit den Buckligen“.

Nach Christi Tod vergingen 150 Jahre, bevor der christliche Kanon verfaßt wurde. Jüngst wurde Nietzsches 100. Todestag gefeiert. Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte besteht darin, den Kanon von Nietzsches Lehre zu verfassen, aus der enormen Literatur über Nietzsche jene Deutungen auszulesen, die kanonisch werden sollen.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner schreibt ironisch über „eine Art ,Klages-Kirche’, eine sektiererische Gemeinde seiner Jünger, die das Werk des Meisters als Offenbarung und Allheilmittel ansieht.“[35] Eine Gründung der „Nietzsche-Kirche“ wird auch dadurch verhindert werden, daß Nietzsche selbst, obwohl er die Idee der ewigen Wiederkunft als eine Offenbarung und nicht als eine auf der rationalen Basis geschaffene Theorie verstand und, laut Lou von Salome, diese Idee auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen versuchte, hartnäckigen Widerstand gegen die Verwandlung seiner Offenbarung in eine Religion und von ihm selbst in ihren Propheten leistete,.

Die von Nietzsche dabei verwendeten Argumente sind denen erstaunlich ähnlich, die wir im Buch des berühmten französischen Revolutionärs L. A. Blanqui „L’Eternite par les astres“ finden. Der Unterschied besteht nur darin, daß Blanqui nicht in den Alpen herumspazierte, sondern im Gefängnis saß und trotzdem mit „amor fati“ bereit war, dasselbe Leben zu wiederholen.

Blanqui schrieb sein Buch im Jahre 1871 in der Festung Taureau in der Bretagne. Das Leben des Weltalls ist, seiner Meinung nach, eine ständige Zerstörung und Neuschaffung. Nur die Hauptelemente der Materie, aus denen sich das Weltall zusammensetzt, sind ewig, alle ihre Formen aber sind vorübergehend. Die Anzahl der Kombinationen dieser Elemente soll nach seiner Auffassung auch begrenzt sein, obwohl sie vielleicht unglaublich groß ist. Diese Hauptkombinationen oder besser Kombinationstypen sollen sich dabei wiederholen.

Das ganze Leben der Erdkugel soll sich in der endlosen Zeit und im endlosen Raum wiederholen. Unvermeidlich wiederholen sich damit auch alle Typen der Menschen, die auf der Erde leben. „Das, was ich jetzt in der Kasematte der Festung Taureau schreibe, habe ich schon einmal geschrieben und werde es ewig noch schreiben, auf demselben Tisch, mit derselben Feder, in derselben Kleidung und unter denselben Umständen.“[36] Bliebe Nietzsche auf demselben Niveau wie Blanqui, so ging es um eine unendliche Wiederholung derselben Ereignisse. Aber Nietzsche schrieb über „…die ewige Wiederkunft des Gleichen“, und um diesen Ausdruck richtig zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß seine Sprache, die Sprache des Philosphen-Dichters, bildhaft ist und vielleicht nur die Deutschen alle Nuancen erfassen können. Das deutsche Wort ,gleich’ hat zwei Bedeutungen: ,dasselbe’ und ,ähnlich’. Miguel Serrano erwähnt in seinem schon zitierten Buch Nietzsches fragmentarische Aufzeichnungen über die ewige Wiederkunft als einen Kreis, in dem ein konkretes Ich über eine konkrete, obwohl immer begrenzte Anzahl verschiedener Leben verfügt. Das erlaubt uns, das Wort ,gleich’ als ,ähnlich’ zu verstehen.

Serrano staunt, wenn Nietzsche, der nicht zum Gründer einer neuen Religion werden wollte, plötzlich in der Sprache eines Propheten über die Idee der ewigen Wiederkunft zu reden beginnt: „Seit der Erscheinung dieser Idee verändern sich alle Formen und die Geschichte auch… Die zukünftige Geschichte: diese Idee wird immer neue Siege erringen und jene, die an sie nicht glauben, werden völlig verschwinden.“ „Im Laufe eines Menschenlebens wird zunächst ein Mensch, dann viele andere, dann alle von der mächtigsten Idee, der Idee der ewigen Wiederkunft aller Dinge begeistert. Für die Menschheit schlägt dann die Stunde des Großen Mittags.“

Serrano sieht hier einen Widerspruch zur Lehre der ewigen Wiederkunft, einen Aspekt dieser Lehre, den Nietzsche nicht aufgeklärt und dieses Geheimnis mitgenommen hatte. Das ist wahr, aber Nietzsche gab einen Hinweis dazu[37]. Zarathustra steigt in diesem Kapitel auf einen Berg, dabei einen Zwerg, die Verkörperung des Geistes der Schwere, tragend, und spricht zu ihm: „Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du, im Torwege … von ewigen Dingen flüsternd, müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? Und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus vor uns, in dieser langen, schaurigen Gasse, – müssen wir nicht ewig wiederkommen?“ Und plötzlich verschwinden der Zwerg, das Tor und die Spinne und Zarathustra sieht einen jungen Hirten, dem eine Schlange in den Mund gekrochen ist. Auf Zarathustras Befehl beißt der Hirt den Kopf der Schlange ab und – „Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch – ein Verwandelter, ein Umleuchtender, welcher lachte. Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie er lachte.“

Zarathustra fordert seine Zuhörer (und Nietzsche seine Leser) auf, diese Rätsel zu erraten: wer ist dieser Hirt, dem eine Schlange in den Mund kroch? Es ist gewiß leichter zu erraten, wer die Schlange ist, weil sie von alters her als Symbol jenes Volkes dient, das sich bisher für das auserwählte Volk ausgab, aber wer ist der Hirt? Wir wissen, daß er kein Mensch ist und daß es einen solchen noch niemals gab. Offensichtlich handelt es sich um einen Übermenschen.

Um den Übermenschen herum häuft sich auch eine schöne Menge an Kommentaren. Serrano ist aus irgendeinem Grunde davon überzeugt, daß „…es nichts weiter vom Darwinismus Entferntes gibt als Nietzsches Übermenschen-Konzeption.“ Verzeihung, aber Zarathustra beginnt seine Predigt vom Übermenschen mit den Worten: „Was ist der Affe für den Menschen?… Und eben das soll der Mensch für den Übermenschen sein… Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe als irgend ein Affe.“ Zarathustra habe sicher Darwin gelesen und sei zum Darwinisten geworden. Nietzsche kritisiert Darwin aber aus einem anderen Grunde – wegen der „struggle-for-life“-Theorie. Eine entsprechende Verbesserung dieser Theorie in Nietzsches Geist ist dem russischen Biologen A.N. Sewertzow zu verdanken, der zeigte, daß in diesem Kampf nicht immer „der höchste Typ“ siegt: den am weitesten entwickelten Arten gehören Parasiten an.

Laut Miguel Serrano ist die erwähnte Konzeption von Nietzsche näher zu Lamarck und noch näher – zu Teilhard de Chardin. Diese letzte Behauptung ist besonders seltsam, weil hinter Teilhards Theorie der „gelenkten Evolution“ wir deutlich denselben Gott sehen, der für Nietzsche tot ist. Das Kennzeichen der Evolution wie auch der Geschichte ist wirklich eine gewisse Aufgegebenheit, trotz Pierre Chassards Krieg gegen den ,Finalismus’, jedoch geht diese nicht von außen, nicht von einem Gott und seiner Vorsehung aus, sondern sie ist dem Leben selbst immanent. Noch Aristoteles hat den Begriff ,Entelechia’ eingeführt, und dieses griechische Wort bedeutet „das, was sein Ziel in sich selbst hat.“ Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat Hans Driesch diesen Begriff wiederbelebt. Er stützte die These, daß sich das Wesen der organischen Substanz nicht mit der materiellen Struktur erschöpft, sondern in der immateriellen Potenz, der Entelechia, besteht[38]. Ernst Krieck hat diesen Begriff mit dem der Rasse verbunden: „Die Rasse ist kein Ding, keine materielle Art, aber ein Gesetz der Orientierung und Formung, Entelechia.“[39]

Das, was Nietzsche als Dichter mit dem schönen Ausdruck „Wille zur Macht“ bezeichnete, entspricht diesem philosophischen Begriff nur zum Teil. Das Wesen des Willens zur Macht besteht darin, daß er das Vorhandensein mancher Subjekte, seiner Träger, voraussetzt: ein Subjekt herrscht über ein anderes, das seinerseits auch herrschen möchte; also wäre es richtiger, über Willen zur Macht im Plural zu reden, obwohl dieses deutsche Wort keinen Plural hat. ,Entelechia’ ist ein umfassenderer Begriff, der auch die Gesetze des Zusammenwirkens zwischen diesen ,Willen’ einschließt, nach denen der Sieger bestimmt wird. Seit alten Zeiten ahnten die Völker die Existenz dieser Gesetze und nannten sie ,Schicksal’ oder ,Verhängnis’ (in Indien ,Karma’).

Dem Problem des Schicksals hat Ernst Krieck ein Kapitel seines Buches „Der Mensch in der Geschichte“[40] gewidmet. Er unterscheidet den orientalischen Fatalismus vom arischen Schicksalsglauben. Das Schicksal, predigte er, setzt sich aus den Ereignissen und dem Charakter zusammen, aber „hinter dem Charakter steht das Blut, die Rasse. Wenn die äußeren Ereignisse mit dem Rassencharakter zusammenstoßen, der gegen sie Widerstand leisten kann, so werden in diesem Kampf die Helden geboren, die den Sieg erringen trotz ihrem tragischen Untergang. Dieser Sieg zerreißt die Ketten des Unvermeidlichen, des Verhängnisvollen.“[41] Vom nationalen Aufschwung begeistert, glaubte Krieck daran, daß der Rassencharakter das Schicksal besiegen kann. Im amerikanischen KZ verstand er seinen Fehler.

Um diesen Fehler zu vermeide, ist es zu empfehlen, Vergils „Aeneis“ nochmals zu lesen – ein Poem, dessen Verfasser kein ‚orientalischer’ Dichter war –, und zwar die Stelle, wo es um den Tod des jungen Marcellus geht:

„Er zeigt nach Schicksalsschluß sich der Erde,
Er zeigt sich kurz, um wieder zu gehn…
Ach, des frommen, des biederen Sinnes,
des Armes, dem keiner Stand im Kampfe gehalten…
Mitleidswürdiger Knabe, ach brächst du das trübe Verhängnis,
Du, Marcellus, dereinst.“[42]

Der Charakter kann also keinen Widerstand gegen das Schicksal leisten.

Die Göttinnen des Schicksals standen im Glauben der alten Griechen, Römer und Germanen höher als Menschen und Götter. In zwei der sechs orthodoxen Schulen des Hinduismus, im Mimansa und im Sankhya, ist das Gesetz des Karma unverbrüchlich und die Vergeltung unabwendbar, obwohl es keinen höchsten Gott gibt[43]. Der Buddhismus lehrt auch, daß das Gesetz des Karma unabhängig von irgendeinem Gott wirkt, und das Rad der kosmischen Ordnung sich ohne den Schöpfer bewegt[44].

Hier sei eine andere hinduistische Schule erwähnt, der Vedanta, der die Welt für eine Illusion (,Maya’) erklärt und damit das indische Denken auf einen glatten und gefährlichen Weg führte. Jean-Louis Gabin bedauert, daß westliche Ideologen den Hinduismus hauptsächlich durch den auf westliche Weise gedeuteten Vedanta wahrnehmen, der von Shankara, und nicht durch die Tradition, deren Anhänger Danielou war, dogmatisch vereinfacht wurde[45]. Serrano erklärt ebenfalls die Übermensch-Konzeption für eine ,Erfindung’, eine ,Illusion’, so als ob er ein Vedantist sei. Aber Nietzsche beschreibt sogar die Entwicklungsstufen auf dem Wege, der zum Übermenschen führt: „Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein; aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes Volk erwachsen, und aus ihm – der Übermensch.“[46

Demnach werden die Deutschen, das auserwählte Volk, das Nietzsche geboren hat, von einem anderen, vermischten, erneuerten und verstärkten Volk abgelöst. Genau so hielten sich die Christen im alten Rom für ,Auserwählte’ und glaubten daran, daß sie die von den Juden verlorene Auserwähltheit geerbt hatten. Die Deutschen haben Nietzsche nicht abgelehnt, wie die Juden Christus, sie haben ihn nur nicht sofort erkannt. Darum, wenn gerade die Deutschen die Grundlage des neuen auserwählten Volkes bilden werden, so wird niemand etwas dagegen haben – es bedarf nur ihres Willens dazu. Aber nicht nur sie werden dieses Volk bilden.

Die deutschen Klassiker haben „die geistigen Deutschen“ anerkannt. Fichte schrieb: „Deutsch bist du, wenn du dich selbst hervorbringst, ganz egal, wo dein Körper geboren ist.“ Und Novalis stellt fest: „Deutsche gibt es überall.“ Leute mit germanischen Zügen findet man in verschiedenen Ländern, und diese Züge sind „nur hie und da vorzüglich allgemein geworden „. Das Bestreben, ein Deutscher zu sein, ist ein Streben zum Ideal.

Das auserwählte Volk der Gegenwart und Zukunft, die Deutschen und Nicht-Deutschen, das ist ,Nietzsches Kirche’, die noch auf ihren Paulus wartet. Wahrscheinlich wird er auch ein Deutscher sein.

Allerdings, behauptete obenerwähnter Andrej Belyj in einem von seinen Briefen, daß Nietzsche nur auf dem russischen Boden richtig verstanden sein kann.


[1] In Kurzfassung erschienen in der russischen Zeitschrift „Athenaeum“, Nr. 1, Moskau 2001, und bereits zuvor im Manifest der russischen Nationalisten „Das Wort der Nation“, Samizdat, 1970.
[2] Editions Jean Curutchet, Helette 1999
[3]  Aus den Erinnerungen von Louis Pasquier an A. Dani61ou, in: Antaios, vol. 2, Nr. 1, März 1994.
[4] Antaios, Nr. 6-7, Juni 1995
[5] Antaios, Nr. 12, Dezember 1997
[6] zu deutsch: „Das Ahnenerbe“, Nr. 5, 1998
[7] „Der Hinduismus“. Verlag „Nauka“, Moskau 1977, S. 90f.
[8] ebenda, S. 86
[9] ebenda, S. 94
[10] M.F. Albedil: Die vergessene Zivilisation im Indus-Tal. Verlag „Nauka“, Sankt Petersburg 1991, S.100
[11]„Antaios“, Nr. XVI, Frühlings-Tagundnachtgleiche 2001
[12] Lukas 9,21
[13] „Sleipnir“, Heft 34, 2001
[14] Deutsche Schriften, Verlag der Freunde, Berlin 1994, S. 209-258
[15] Die Ähnlichkeit ihrer Schicksale hat Arthur Drews in seinem Buch „Nietzsches Philosophie“ (Heidelberg 1904, S. 80) beleuchtet.
[16] „Heidegger. Jenseits der Dinge.“, Verlag A. Thomas, Wesseling 1993
[17] Bd.3, Verlag „Nauka“, Moskau 1966
[18] 18Walter W. Otto nahm an, daß das Wort „Titanen“ für die vorgriechische Bevölkerung Götter überhaupt bedeutete (Die Götter Griechenlands. Verlag Gerhard Schulte-Bulmke, Frankfurt/M. 1947, S. 36).
[19]Albin Michel, Paris 1981, S. 19f.
[20] Das war ein Ausfall gegen Hegel.
[21] „Das Heimische und das Ökumenische“, Moskau 1994, S. 379
[22] Brüssel: Mengal 1999
[23] „Der Antichrist“
[24] im Kapitel „Von den neuen Götzen“
[25] „Holzwege“. Frankfurt a.M. 1957, S. 200
[26] ebenda, S. 211
[27] ebenda, S. 210
[28] ebenda, S. 242f.
[29] ebenda, S. 104
[30] „Das Heimische und das Ökumenische“, S. 34
[31] wie den Anhängern des Shivaismus; der Verf.
[32] „Götzen-Dämmerung“
[33] Das ist nicht wahr: Nietzsche kannte den „in Stücke geschnittenen Dionysos“, aber sah in diesem Mythus „eine Verheißung des Lebens“ im Gegensatz zur christlichen Verneinung des Lebens (Nietzsches Werke. Taschen-Ausgabe. Alfred Kröner-Verlag, Leipzig 1922, Bd. X, S. 219f.).
[34] „Das Heimische und das Ökumenische“, S. 30
[35] „Der schwierige Konservatismus“. Herford und Berlin: Nicolai 1975, S. 247
[36] Vera Bontsch-Brujewitsch, „Louis-Auguste Blanqui, sein Leben und seine Tätigkeit“. Gosizdat, 1920, S. Ulf.
[37] „Also sprach Zarathustra“, Kapitel „Vom Gesicht und Rätsel“.
[38] Erich Voegelin: „Rasse und Staat.“ Tübingen 1933, S. 49
[39] „Weltanschauung und Wissenschaft.“ Leipzig: Armanen-Verlag 1936, Bd. 1, S. 74
[40] Leipzig: Armanen-Verlag 1940
[41] „Der Mensch in der Geschichte“, S. 71
[42] Aeneis, VI. Gesang, Verse 860ff.
[43] Helmuth v. Glasenapp: „Brahma und Buddha.“ Berlin 1926, S. 141 u. 143
[44] S. Radhakrishnan: „Die indische Philosophie.“ Bd. 1, Moskau 1956, S. 302 u. 317
[45] „Antaios“ Nr. 6-7, Juni 1995
[46]„Also sprach Zarathustra“, Rede „Von der schenkenden Tugend“.

Der frühe Norden

voelkerwanderung400Mit dem Einsetzen der geschichtlichen Nachrichten erscheint Skandinavien als die vagina gentium: ein Volk nach dem anderen drängt über die Ostsee oder aus Jütland südwärts, zuerst die Kimbern und Teutonen (aus Himmerland und Ty), dann Ariovists Sueben und Haruden (Schwabstedt an der Eider; Hardesyssel), die Wendeln („Vandalen“) und Burgunden; vielleicht schon früher sind die Goten aus Gotland nach der Weichselmündung übergesetzt.

Noch heute zeugen die Ortsnamen auf -leben und
-ing(en) von einer Bevölkerung, die sich von Norden nach Deutschland hinein ausgebreitet hat (dänisch -lev; schwedisch Göinge in Schonen-Göttingen). Im südlichen Skandinavien und in Dänemark, vielleicht auch an der Südküste der Nord- und Ostsee, müssen die ältesten historisch bekannten Sitze der Germanen gesucht werden. In diesen rauhen, abgelegenen Landstrichen hat sich die germanische Rasse und Kultur herausgebildet. Hier hat das Germanentum auch zäher als anderswo an seiner Stammesart festgehalten.

Land und Leute – Äußere Kultur

Die Völkerwanderung (das Wort in landläufigem Sinne verstanden) bringt den ersten weltgeschichtlichen Aufschwung germanischen Lebens. Gleichzeitig beginnen sich die Skandinavier entschiedener abzusondern von den südlichen Vettern, die größtenteils auf keltischem oder römischem, später auch slawischem Kolonialland sitzen. Die Sprachgrenze in Schleswig tritt deutlich in Erscheinung durch die Auswanderung der Angelsachsen nach Britannien, die ein Zusammenstoßen vorher weit getrennter Stämme und Mundarten zur Folge hat. Die Dänen dringen vom mittleren Schweden her vor, wo seit Jahrhunderten schon die Schweden auf dem verhältnismäßig fruchtbaren Nordufer des Mälaren (Mälarsees) – in Uppland – einen mächtigen Verband bildeten.

Aber trotz der Sprachgrenze pflegen diese Völker noch engen Zusammenhang mindestens mit Norddeutschland die ganze sogenannte „gemeinnordische“ Zeit hindurch (400 bis 800 n.d.Zr.). Das zeigen deutlich die archäologischen Funde. Das Nydamer Boot (im Museum zu Kiel) ist von gleicher Größe und Beschaffenheit wie die Boote der Seegermanen zur Römerzeit und wie die der Normannen zur beginnenden Wikingzeit: das Wikingtum ist die letzte, großartigste Entfaltung von Lebensgewohnheiten, die schon ein Jahrtausend früher allen Seegermanen gemeinsam waren. Widukinds Flucht vor Karl dem Großen nach Dänemark ist ein später Ausdruck für diese alte Lebenseinheit, die ihre Brennpunkte in den Häuptlingshallen hatte. Dort wurden beim Schein der Feuer und beim Bier die gotischen und fränkischen Lieder vorgetragen. Sie wanderten von einem Fürstenhof zum anderen, sächsische nach Norwegen, gautische nach England. Das in der Halle versammelte Kriegergefolge hat diesen Stoffen für alle Zeiten den Stempel seines Geistes aufgedrückt. Ruhmreiche Fürsten dieser Zeit, wie besonders Rolf Krake von Lejre auf Seeland, der den jungen Vögg großmütig belohnte und inmitten seines treuen Gefolges durch Verrat fiel, er und andere haben noch lange im Liede fortgelebt. Erst die Bekehrung der Sachsen und die Wikingzüge brachten eine entschiedene Sonderung. Skandinavien überschwemmt jetzt von neuem die Welt mit seinen Kriegern. Schwedische Scharen setzten sich in Rußland fest und gründen das Staatswesen, aus dem das spätere Zarenreich erwachsen ist; sie befahren den Dnjepr und geben seinen Stromschnellen Namen in ihrer Sprache (wie Baruphoros, „Wogenfors“, vgl. Miklegaard, an. Miklagard¯r, – Konstantinopel), sie belagern Byzanz. Noch lange nachher hielt sich der griechische Kaiser eine Leibwache von Nordleuten; Harald Hard¯rád¯i, der Gestrenge, der spätere Norwegerkönig, der 1066 bei dem Versuch, England zu erobern, an der Brücke von Stanford fiel, war eine Zeitlang ihr Anführer. Dänen setzen sich auf Wollin (in der Jomsburg) und in der Normandie fest, wo noch heute Ortsnamen wie Frévilla von diesen nordländischen Kolonisten zeugen. Das nordöstliche England war zeitweilig überwiegend skandinavisches Sprachgebiet (vgl. Ortsnamen wie York – aus Jórvík – und Grimsby). Auf den kleinen britischen Inseln und Inselgruppen gibt es zahlreiche Erinnerungen an die Wikinge (so den „Tynwall Court“ auf Man). Die Orkaden und die Shetlandinseln waren früher rein nordisch, wie es heute noch die Färöer und Island sind. In Grönland und an der Ostküste Nordamerikas gab es im 11. Jahrhundert (in Grönland bis ins 15.) germanische Siedlungen. Es war die Zeit der größten Ausdehnung des skandinavischen Sprachgebiets, zugleich die Zeit der Einigung Norwegens und der ersten Missionare im Norden.

Das Urteil der christlichen Geschichtsschreiber über die wilden Normannen ist mit Hilfe der heimischen Quellen auf sein richtiges Maß zurückzuführen und zu ergänzen. Lehrreich sind hier die Berichte über die Jomswikinge, die Dichtungen von Half und Ingeld. Was, aus der Mönchszelle betrachtet, wie Zügellosigkeit aussah, war für die germanische Ethik heroische Pflichterfüllung.
Schon in der Wikingzeit zeigen sich die Vorboten des Mittelalters. Im 12. Jahrhundert zieht es mit Macht ein: man baut Klöster und nennt zuweilen seine Kinder Magnus oder Maria, man gewöhnt sich an Marterungen und Hinrichtungen, und der in Kreuzesform Hingestreckte empfängt geduldig den Todesstreich, mehr besorgt um das Schicksal seiner Seele im Jenseits als um die Ehre. Aber noch opferte man in entlegenen Tälern dem Thor, und auf den Orkaden zog man jeden Frühling und Herbst auf Wikingfahrt aus und kehrte mit Schiffsladungen englischer Seide heim. Die heimische Wolle war selbst diesen rauhen Gesellen nicht mehr gut genug.

leif-ericsson-sword Staat und Gesellschaft

Vor hundertfünfzig Jahren, als die europäische Bildung das heidnische Germanentum und das alte „Kämpenleben“ wieder entdeckte, konnte man meist mit diesen fremdartigen Gestalten nicht anders in ein Verhältnis kommen, als indem man sie mehr oder minder gründlich mit den „milden Tugenden“ der Humanität übermalte. Man tat es – und tut es noch – unwillkürlich, ein Beweis, daß man kein Recht hat, die mittelalterlichen Künstler zu belächeln, weil sie die Mutter Gottes in die Kleider einer deutschen Bürgersfrau stecken. Ähnlich wie den Germanen ging es bekanntlich den alten Griechen. Und wie man den Abstand zwischen den Alten und uns Neueren übersah, so übersah man auch den zwischen Hellenen und Germanen. Bei Oehlenschläger und bei Tegnér sprechen die altnordischen Helden griechische Verse und führen die klassische Mythologie im Munde neben der nordischen.
Der Unterschied zwischen antiker und germanischer Kultur ist wohl an keinem Punkt deutlicher als da, wo es sich um den Staatsbegriff handelt. Wie das Wort Staat, so stammen auch unsere Begriffe vom Staat aus der griechisch-römischen Welt; an ihnen gemessen erscheint die heidnische Germanengesellschaft fast als staatslos (oder vorstaatlich). Der antike Staat ist die Stadtgemeinde; in ihrem engen Mauerring erwachsen und werden als Helden gefeiert Menschen wie Sokrates, der lieber sterben will als die Gesetze der Polis übertreten, und wie Brutus, der die eigenen Söhne hinrichten läßt, weil sie Rom verraten haben. Keins von beiden wäre in Germanien denkbar. Brutus hätten die alten Nordleute einen Neiding genannt, denn dem nordländischen Heiden war nichts heiliger als seine Sippe, seine freiwilligen Bündnisse und seine Kriegerehre.

Von hier aus bestimmt sich die Stellung der Könige. Heilig, d. h. unverletzlich, war der Fürst nur für sein Gefolge, das ihm Treue und Gehorsam gelobt hatte, unter seinem Dache lebte und seinen Stolz darein setzte, den gefallenen Herrn nicht zu überleben. Der Opfertod germanischer Gefolgschaften, vielfach bezeugt im Süden wie im Norden und verklärt von der Dichtung, ist der großartigste Akt der Selbstverleugnung, dessen die rigorose alte Ethik fähig war. Außerhalb des Gefolges war der König zunächst nur ein bestellter Beamter: die Bauern hatten ihm auf dem Thing den seiner Abkunft gebührenden „Königsnamen“ gegeben, und er war auf dem heiligen Stein – in Schweden dem Morastein in Uppland – dem Volke dargestellt worden, sie mußten ihn und seine Leute ernähren, wenn der König sie besuchte, und konnten ihm dabei ihre Ergebenheit zeigen; sie erwarteten aber von ihm kräftigen Schutz gegen feindliche Einfälle, wobei sie ihm bis an die Landesgrenze Heerfolge zu leisten hatten – und darüber hinaus ruhmvolle Kriegs- und Beutezüge, wie sie einem Könige ziemen, und die sie meist gern mitmachten. Das Übergewicht der Königsmacht über die der einzelnen großen Bauern war mehr oder weniger bedeutend. Aber ein Königshof sah nicht anders aus als ein großer Bauernhof. Auch mancher Nichtkönig war reich genug, sich eine Schar bewaffneter „Hauskerle“ zu halten und mehr Zeit dem Kriegshandwerk zu widmen als dem Vieh und dem Acker. Denn noch immer galt das alte, schon dem Tacitus berichtete Werturteil, daß es ehrenvoller sei, seinen Gewinn mit Blut als mit Schweiß zu bezahlen. Immerhin war ein Gegensatz zwischen reisigen und landbauenden Kreisen zuweilen vorhanden. Der „Seekönig“ des Eddaliedes, der dem schweinefütternden Bauern am Lande zuruft: „Oft habe ich mit Speeren die Aare gesättigt, während du an der Mühle die Mägde küßtest“, hatte Vorbilder in der Wirklichkeit. Jener rauhe Kriegerstolz der Sueben, 14 Jahre lang unter kein Dach getreten zu sein, war ein Jahrtausend später den Nordleuten noch nicht abhanden gekommen. In der Geringschätzung der friedlichen Gewerbe lebte ein Gefühl davon, daß das Zusammenstehen wackerer Burschen in der Gefahr und das Männergespräch in der Halle mehr wert sei als der Umgang mit Kühen und Schafen.
Island ist in heidnischer Zeit nicht bloß der bestbekannte Fleck nordländischen Bodens, es ist auch der Sitz sehr altertümlicher Zustände in Staat und Gesellschaft. Eine Neuerung ist das Fehlen des Volksheeres. Es war in dem nachbarlosen Lande nicht nötig. Aber von urtümlicher Frische und Kraft ist das Spiel der widerstreitenden Kräfte – doktrinloser Wünsche und Leidenschaften -, die in diesem lockeren Gemeinwesen gegeneinander branden.
Wir können die Entwicklung der öffentlichen Einrichtungen in Island ziemlich gut überblicken. – In der Besiedlungszeit entstehen eine Unzahl Thingverbände. Der Thingplatz liegt bei einem Tempel, und der Tempelinhaber, der „Gode“ (Priester), ist der Herr des Thinges. Seine Stellung ist zuweilen – wenn nicht meist – aus dem Mutterlande ererbt. Im Jahre 930 tut man den großen Schritt, daß man ein gemeinsames Landesthing (Allthing, altisländisch alloingi) gründet. Dort tagt alljährlich im Hochsommer die ganze Landsgemeinde mit ihren Goden, man hört den Vortrag des Gesetzessprechers, des einzigen wirklichen Beamten des Freistaates, denn die Goden nehmen eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen Regierungsorganen und Parteihäuptern. Neben dem Allthing bleiben die Einzelthinge bestehen. Ihre Zahl, und damit die Zahl der Godentümer, wird im Jahre 965 auf 39 festgelegt, und je drei werden jetzt zu einem Thingverband vereinigt mit zwei gemeinsamen Zusammenkünften im Frühjahr und im Herbst; man wollte die Übermacht des einzelnen Goden auf seinem Thing brechen: die drei, jeder mit seinen Thingmannen hinter sich, sollten sich die Waage halten. Wer auf einem isländischen Thing, vor Gericht, etwas erreichen wollte, mußte starke Mannschaft um sich sammeln, am besten die Hilfe eines oder einiger Goden haben; sonst vermochte er nichts. Die endlosen Prozesse der Bauern um Habe und Ehre verliefen hauptsächlich in einem Kampf der Parteien um das Gericht: wer kraft seiner Übermacht das Gericht eroberte – manchmal kam es dabei zu blutigen Zusammenstößen -, der konnte das Urteil verhängen, das ihm gefiel: Geldbuße, milde Acht, Waldgang (strenge Acht). Er mußte dann aber auch für die Vollstreckung sorgen; denn sonst blieb der Ächter ruhig auf seinem Hofe sitzen, und sein Ansehen stieg auf Kosten seines kraftlosen Gegners.
Ungleich häufiger, als daß ein Streit in ein Gerichtsurteil auslief, waren ganz private Austräge (in den Sögur 50:470), durch Vergleich (164) oder häufiger durch Rache (306). Das Urphänomen der Rache spielt eine so beherrschende Rolle, macht sich auch nach und neben der staatlichen Erledigung so oft geltend, daß der Weg über die öffentlichen Instanzen durchaus als ein Umweg erscheint. In keinem Fall verlangt das Gesetz von dem Geschädigten, daß er diesen Weg geht.
Aber er muß ihn immer dann gehen, wenn er die Friedlosigkeit des Gegners erreichen will, den „Waldgang“, wie dieser Zustand des Ausgestoßenseins mit seinem alten Namen hieß. Der isländische Waldmann haust in den kahlen Steinwüsten des inneren Hochlandes seiner Insel im steten Kampf mit Schnee und Hunger, vogelfrei, aber auch galgenfrei: er ist für in der Acht begangene Handlungen nicht verklagbar: ist gewerbsmäßiger Räuber.
Doch der Ächter ist kein Verbrecher im Sinne der neueren europäischen Gesellschaft. Sein Unglück ist nicht vom Abscheu der Menschen begleitet, weit eher von ihrem Mitleid; die Tat, die ihn in den „Wald“ gebracht hat, kann höchst ehrenvoll, er selbst ein bewunderter Held sein (so die Sagahelden Gísli und Grettir). Überhaupt ist eine Verurteilung durch das Gericht zwar eine Demütigung, aber nie eine Schande. Das moralische Urteil bewegt sich in einer anderen Sphäre als der juristischen. Ein Neiding ist z. B. der, der einen achjährigen Knaben oder eine Frau erschlägt oder den leiblichen Vetter und Schwurbruder angreift. Dagegen gibt es keine unehrliche Hantierung, keinen verachteten Stand.
Dies hängt damit zusammen, daß reich und arm, vornehm und gering eine enge geistige Gemeinschaft bilden. Es gibt keine Bildungsstände. Zwar unterscheidet man scharf nach dem Klange der Namen, und die guten alten Familien halten bei Eheschließung streng auf Ebenbürtigkeit. Aber der persönliche Ruf des Mannes hat damit nichts zu tun. Er bemißt sich nach der Kraft und Wachsamkeit im Dienst der Ehre. Du darfst dir nichts bieten lassen, du darfst die Rachepflicht nicht versitzen: das sind die beiden ersten Gebote, die für jeden gelten, und die schon zwölfjährige Knaben mit der Waffe in der Hand befolgen. Der schlimmste Makel, weit gefürchteter als der Tod, ist der, feige zu erscheinen. Die Furcht vor ihm erzwingt entbehrungsreiche Fehden auch ohne Haß. Aber ein mächtigerer Faktor ist doch der plötzlich ausbrechende Haß bei Frauen wie bei Männern. Sein Auflodern war für die alten Isländer schön anzusehen, und ein langes Gedächtnis im Hassen und in der Rache war eine geachtete Eigenschaft. Auch Gerechtigkeit war eine Tugend: sie kam aber erst an die Reihe, wenn kein Schatten eines Zweifels auf die Ehre fiel. Die Welt bestand aus Freund und Feind. Für den Freund, die Sippe, die Partei tat man bewundernswert viel mehr, als heutzutage den meisten von uns erschwinglich dünkt -; man setzte unzählige Male sein Leben ein und machte kein Aufhebens davon. Gegen den Feind mußte man „grimm“ sein. Auch im Verhältnis zu den Freunden ordnete sich der eigene Stolz und Machtwille niemals unter. Man wollte groß sein und dafür gelten, und man handelte danach, doch nicht nur mit Kraft, auch mit kluger Berechnung und nicht gern so, daß man die eigene Würde offensichtlich außer Acht ließ. Wir sehen an den altisländischen Häuptlingen, diesen Herrenmenschen reinsten Wassers, deutlich, wie sie sich Schranken auferlegen, die ein kleiner Mann sich nach ihrem Gefühl nicht aufzuerlegen brauchte.

Religion

Auf keinem Gebiet lassen uns die Quellen so schmerzlich im Stich wie auf dem der Religion. Sie bestehen ganz überwiegend aus Gedichten, die sich mit den Gebilden der religiösen Phantasie tummeln. Allerdings ist es ein Vorurteil, zu meinen, die Dichtungen der Skalden und der Edda hätten durchweg nicht dem Volke gehört, seien „gelehrte“ Poesie: Bildungsschranken hat es vor Einführung des Christentums so wenig gegeben wie Bildungsstände (siehe oben), und daß die altnordische Literatur anders anmutet als neuere Volksüberlieferung, das beleuchtet wieder nur die große Tatsache, daß das ungetaufte Germanenvolk eben sehr verschieden war von dem des Mittelalters und der Neuzeit. Auch die vorchristlichen Entlehnungen aus keltischer Sage und christlicher Legende haben nicht viel zu bedeuten: derartiges hat auch weit früher schon stattgefunden, und die germanische Religion hat das Fremde germanisiert. Aber wir sind im Ungewissen darüber, ob nicht ein Teil der poetischen Texte (und manches von dem, was Snorri in seinem System der nordischen Götterlehre – um 1225 – mitteilt) nicht erst aus christlicher Zeit stammt. Das schlimmste ist, daß auch das heidnische Material offenbar stark gesiebt ist; nur den Unterhaltungsstoff hat die Kirche durchgelassen, fast alles aber, was mit ihrem Glauben und Ritus unmittelbar in Wettbewerb trat, also die Urkunden der eigentlichen Religion (Gebete, Zaubersprüche u. dgl.), hat sie auch in Island ausgerottet – konnte sie ausrotten, weil es um diese Gebilde weniger schade schien als um die großen, prachtvollen Götterlieder. Man muß sich nicht vorstellen, es wäre dem Klerus in Skandinavien und auf Island nicht ernst gewesen mit dem neuen Glauben. Gewisse geistliche Bekehrungsanekdoten, welche die heidnischen Götter im unheimlichen und doch wesenlosen Scheine der Teufel und Dämonen vorführen, zeigen uns, mit welchen gut katholischen Maßstäben man auch dort oben gemessen hat. Die Folge dieses Eifers ist, daß das nordländische Heidentum als Gesamterscheinung uns verschleiert bleibt. Wir sehen nicht deutlich, welche Rolle die alte Religion im Leben gespielt hat. Nur der niedere Aberglaube läßt sich verhältnismäßig gut beobachten. Doch darf auch der Wert der Götterfabeln nicht unterschätzt werden. Unterstützt von alten südgermanischen Zeugnissen und neueren nordländischen Quellen, liefern sie uns eigenartige Gebilde der mythenbildenden Phantasie, die immerdar in erster Reihe zur Kennzeichnung germanischen Glaubens herangezogen werden müssen. Denn vom niederen Aberglauben ist manches international.

Der Wert der nordländischen Zeugnisse liegt auf diesem Gebiet oft darin, daß sie uralte Vorstellungsweisen, die anderswo nicht mehr oder nur in Resten zu beobachten sind, in größerer Breite und Tiefe veranschaulichen. So ist der Totenglaube in den Sögur altertümlicher als im Homer und in den Veden. Es ist derselbe urtümliche Monismus, der aus den Gräben der Steinzeit spricht: die Leiche gilt als noch lebendig. Denn die Steinbehausungen, in die man damals die Toten bettete, müssen entweder zu deren Schutz oder zur Sicherung der Lebenden vor Wiedergängern gedient haben. Beides setzt die lebende Weiterexistenz der Verstorbenen voraus: so läßt sich ein Isländer unter der Schwelle seiner Tür begraben, weil er von dort sein Hauswesen am besten glaubt übersehen zu können. Das ist urzeitliche Anschauung und vermutlich ein Rest uralter Gewohnheit. Verblaßte Erinnerungen daran lebten bis in unserere Zeit; z. B. vermieden Schwarzwälder Bauern das Türzuschlagen und das Holzspalten auf der Schwelle, um die arme Seele nicht zu stören, die darunter wohnt. Hier ist der Verstorbene zur „Seele“ verflüchtigt: eine eingewanderte südliche Anschauung, die dem Germanen von Hause aus fernlag. Nur die Unsichtbarkeit und Verwandlungsfähigkeit des Toten waren auch ihm geläufige Begriffe; diese Eigenschaften traute er auch Ungestorbenen manchmal zu.
Garnichts wußte er davon, daß die Seele „im Körper“ hause und beim Tod aus ihm entweiche, wie er überhaupt von dem Gegensatz der beiden nichts ahnte. Man hatte – wahrscheinlich vom Süden – die Sitte der Leichenverbrennung übernommen und sie jahrhundertelang geübt; aber folgerechte Gedanken in unserm Sinne hat man an diesen Brauch und an die Wirkung des Feuers nicht geknüpft.
Wie im weißen Licht die Farben des Spektrums gleichsam schlummern, so gab es in der Luft unsichtbare Wesen, die unerwartet in die Erscheinung treten konnten. Wenn der Krieger im Kampfe eine schreckhafte Lähmung verspürte, so erkannte er die „Heerfessel“, ein böses weibliches Wesen, das seinen Tod wollte. Das älteste isländische Landrecht gebot den Ansegelnden, die aufgesperrten, geschnitzten Tierrachen ihres Vorderstevens angesichts der Küste herunterzunehmen: die „Landwichte“ sollten nicht unnötig gereizt werden. Über die Walstatt nach der Schlacht ritt Wodan auf seinem Schimmel: man konnte ihn sehen, wenn man durch die Rundung des gebogenen Arms blickte. Rasselte der Hagel und fuhren Blitze hernieder, so lenkte Thor oben am Himmel sein Bocksgespann, und sein geschleuderter Hammer zerschmetterte in der Luft den großen Stein, den der Bergriese Hrungnir, hoch aufgerichtet, dem Freunde der Menschen entgegenschleuderte. In den Wolken stand die Burg der Götter, von wo sie über alle Welten herabschauten. Dorthin sah man fürchtend und vertrauend auf. „Heil euch, Asen, Heil euch Asinnen und Heil der nutzbaren Erde! Mit gütigen Augen blickt auf uns herab und schenkt uns Sitzenden Sieg!“, so läßt der Dichter Sigurd und die erlöste Schildjungfrau auf dem Berge beten.
Aber man fand die unsichtbaren Wesen auch in greifbaren Dingen. Es gibt Pfosten- und Waffenverehrung wie bei vielen anderen Völkern so auch bei den Germanen. Manches davon lebt in dem entwickelten Götterkult fort. Wenn die Opfergemeinde im Tempel versammelt und das Blut der Opfertiere in Schüsseln aufgefangen war, so sprengte der Tempelherr das Blut nicht nur über die Gäste hin und auf die Altäre der Götter; auch die Wände des Hauses wurden so geweiht. Die Pfeiler des Hochsitzes waren Beschützer des Heims. Norweger führten sie mit nach Island und warfen sie vor der Landung ins Meer, damit sie die richtige Stelle für die Ansiedlung zeigten.
Götterbilder und Tempel sind wohl Anleihen bei der südlichen Kultur. Eine in Dänemark gefundene rohe Holzfigur gehört schon der Römerzeit an. Im 11. Jahrhundert standen im Haupttempel des Nordens, zu Uppsala, die Bilder der drei alten Hauptgötter: in der Mitte Thor, zu beiden Seiten Odin und Freyr (Fricco). Die Tempel der Wikingzeit mit ihrer Zweiteilung in Gemeinderaum und eine Art Choranbau ähneln wohl nicht zufällig den christlichen Kirchen. Aber es ging ganz anders in ihnen her. Der Hauptteil des Gottesdienstes war die Opfermahlzeit, das Verzehren des gesottenen Opferfleisches (dessaud¯r, von siód¯a, „sieden“) und das Minnetrinken der Götter. Voran ging das blutige Opfer, das kein Rauch verhüllte. Daneben begegnen an die Bäume des Tempelhains gehängte Leiber; diese Form ist altertümlicher als der Tempeldienst, wie der heilige Hain älter ist als das Gotteshaus. Auf dem Altar lag ein Ring, den man mit Opferblut rötete, und auf den man Eide schwur: „Ich leiste einen Eid auf den Ring, einen Gesetzeseid: sei mir Freyr gnädig und Njörd und der allgewaltige Ase …“
Der Letztgenannte ist jedenfalls Thor, der volkstümliche Gott, der den Feldern Gedeihen gab und die Gräber schützte. Seine Riesenkämpfe enthalten jung eingewanderte Märchenmotive (so die Abenteuer des Gottes bei Utgardaloki, welche in der Edda des Snorri erzählt werden). Viel besungen war der Kampf des rotbärtigen Asen mit der Schlange. Haßerfüllt sprühen die Blicke der Gegner einander an, während der Hammer den unförmigen Kopf des Untiers bearbeitet: ein Bild des ewigen Kampfes der erhaltenden und zerstörenden Kräfte, der die Weltanschauung der alten Nordleute beherrscht.

thor180 Der Gott, der immer auf der Wacht ist gegen den Wolf und in ruheloser Sorge Krieger sammelt für den letzten Kampf, ist Odin (Wodan), der Göttervater. Doch die älteren Züge seines Bildes zeigen mehr den übermächtigen, hinterlistigen Zauberer. Diese Eigenschaften sind höchst altertümlich, wie auch die Mythen von Odins Metgewinnung und von seiner Galgenlösung, die zum ältesten Gut in den nordischen Göttersagen zu gehören scheinen. Thor und Odin sind die ausgeführtesten Götterporträts. Ihren Gegensatz schildert launig und geistreich das „Graubartslied“ der Edda (Harbardsljód): einen Gegensatz nicht nur des Herren- und des Bauerngottes, mehr noch ein Gegensatz menschlicher Charaktere. – Von den Nebengestalten des nordischen Götterhimmels sind mindestens zwei sehr alt: Tyr, der alte Kriegsgott, und Njörd, der in gerader Linie abstammt von der taciteischen Nerthus. Gemeingermanisch ist auch Odins Gemahlin Frigg, ferner ihr kühner Sohn Baldr, der bekanntlich auch in einem der Merseburger Zaubersprüche auftritt (seine Chistusähnlichkeit ist ihm zum größten Teil erst durch Snorri angeschminkt worden).
Die alten Götter waren keine sittlichen Vorbilder – wenn sie auch sittliche Forderungen an ihre Anhänger gestellt zu haben scheinen -, nur übermächtige Ebenbilder. Sie hatten in der Vorzeit die Welt aus den Leibesteilen des Urriesen Ymir oder Aurgelmir geschaffen und gestaltet und genossen ewige Jugend, aber das Eisen kann auch sie töten. Beim Ragnarök werden sie alle fallen vor den dann gegen die Asenschöpfung rachbegierig aufstehenden Riesen- wenn auch nicht ungerächt, denn Vidar wird Rache nehmen für Odin, und Thor wird die Mitgardschlange im Zweikampf töten. Was dann kommt, wissen wenige.

Vielleicht leben die gefallenen Götter, oder es lebt eine neue Göttergeneration in einer Art Walhall weiter, wie es die vorletzte Strophe der Völuspa schildert:

Einen Saal seh ich,
Sonnenglänzend,
mit Gold gedeckt,
zu Gimle stehn:
Wohnen werden
dort wackre Scharen
der Freuden walten
in fernste Zeit.
Von Seelenheil, Erlösungsbedürftigkeit und Erlösung weiß man nichts. Die Sinnesart des Volkes war diesseitig. Der Aberglaube wurde noch nicht zur ständigen Furcht wie später im Mittelalter zu Zeiten, wo die Gespenster überhandnahmen. Der heidnische Nordmann trat dem elbischen oder göttlichen Feind ebenso aufrecht gegenüber wie dem menschlichen und tierischen. Selbst eine Rache an Ägir oder selbst an Odin liegt nicht ganz außerhalb seines Gedankenkreises. Und wo der Gott ihm als Freund (als fulltrui) erscheint, da liegt in dem Verhältnis etwas Kameradschaftliches. Es gibt Leute, die auf ihre eigene Stärke (á mátt sinn ok megin) mehr bauen als auf die Hilfe der Götter und es auf die Folgen ankommen lassen, wenn sie ihnen nicht regelmäßig opfern. Überhaupt war die Religion anspruchsloser als später das Christentum mit seinen Festtagen und Fastenzeiten.

Das erste Stadium der neuen Religion trägt noch viel von der Farbe der alten. Von der Ethik zu schweigen – sie ist ja auch heute noch weit davon entfernt, wahrhaft christlich zu sein -, gilt dies sogar vom Dogma. Man faßt den neuen Gott, den „weißen Christ“, als Unholdbekämpfer und Höllensieger – ohne daß wir uns deshalb vorstellen dürfen, das Christentum habe den Germanen Befreiung von der Geisterfurcht gebracht, wie es vor einigen Jahrzehnten ein Theologe hingestellt hat -; vom Erlöser weiß man noch nichts.

Heidnische Symbolik im Grals

der heilige gralMythos und die historische Rolle Jesu – eine aktuelle Betrachtung der Hintergründe des Da – Vinci – Codes Der Mythos des Grals zieht die Menschheit nicht erst seit Erscheinen des Dan Brown Romans Sacrileg in ihren Bann. Chretien de Troyes verarbeitete Ende des 12. Jahrhunderts heidnische und christliche Elemente sowie die Artussage im Gralszyklus, in dem eine kostbare Schale durch ihren Inhalt zum geheiligten Gefäß wird, wenig später schuf Wolfram von Eschenbach mit seinem Parzifal – Epos die erste deutsch – sprachige Gralsdichtung.
In neuerer Zeit prägte Richard Wagner mit seiner Oper Lohengrin die Gralsthematik und stellte die Überlieferung in Dienst des Kampfes Gut gegen Böse – Lohengrin als lichter Ritter der gegen den abtrünnigen Klingsor antritt und siegt.
Für gewöhnlich verbindet man dabei die Grals – Symbolik in erster Linie mit dem Gefäß, in welchem das Blut Jesu während des Abendmahls aufgefangen wurde (nach anderer Überlieferung das Blut durch den Speer – Stich des Legionärs Longinus bei Jesu Kreuzigung, woraus die eigenständige Legende des Speers des Longinus entstand) – diese vom Nikodemus – Evangelium der Spätantike gestiftete Deutung verbindet damit erstmals den Gral mit dem Begriff des heiligen Blutes. Nach Robert de Borons Gralsgeschichte gelangt der Gral mit Joseph von Arimathea, den der Gral während seiner Gefangenschaft sättigt, nach Jesu Tod nach Glastonbury in Britannien – und damit zum Ausgangspunkt seiner symbolischen Herkunft: Hier, in der alten Welt der Kelten, stellt der Kessel seit alters her das heilige, rituelle Gefäß schlechthin dar, in ihm wurden nicht nur Fleisch gekocht und Bier gebraut, sondern er erwuchs zum ewig sättigendem Kultgefäß, welches fester Bestandteil der Grabausstattung keltischer Fürsten wurde. Der Kessel als Lebensspender ist dabei ein altes Erbe der atlantisch – nordischen Kultsymbolik.(Wirth: Aufgang der Menschheit) Von besonderer mythologischer Bedeutung war der Kessel des Dagda, der mit den Tuatha de Dana, den frühen Einwanderern, die eng verbunden mit der Megalithkultur sind, nach Britannien gelangte. Auch die große Muttergöttin Ceridwen braut in einem solchen Kessel den Trunk der Weisheit. Zu den bekanntesten zählt der Kessel von Gundestrup, der neben dem Hörner Gott Cernunnos auch weitere keltische Kultdarstellungen trägt . Mit der Reise Joseph von Arimatheas nach Glastonbury wird gewissermaßen eine Verschmelzung christlicher mit heidnischer –Symbolik vollzogen; denn hier am „Glasturm“ (Glastonbury), dem Standort einer alten Trojaburg, die als Avalon zugleich mythische Heimat des toten König Artus ist (als Toteninsel – im Sinne des megalithischen Wiedererstehungsglaubens zugleich Land der Ahnen – auch als das verlorene Paradies Atlantis zu deuten), ist ein elementarer Ort der Verehrung der alten Urmutter zu erblicken, aus deren Schoß, dem heiligen Gral, das Leben erwacht. Dan Brown gelang es nun bei aller vereinfachenden – weil lediglich auf zwei Widersacher im Gut – Böse Schema – Kirche / Opus Dei gegen Prieure de Sion / Freimaurerei beschränkenden – Verklärung der Rolle der Freimaurerei die heidnische Symbolik einem größeren Leserkreis näher zu bringen. Auch seine Darstellung der Umwandlung heidnischer Symbole in Teufelswerk durch die christliche Kirche ist eine Tatsache, deren Erwähnung nicht oft genug erfolgen kann: „Im Zuge der Bemühungen, die heidnischen Religionen auszurotten und die Massen zum Christentum zu bekehren, hat die Kirche in einer Verleumdungskampagne den Symbolgehalt der heidnischen Gottheiten ins Negative gewendet“ (Robert Langdon in Sacrileg). (Allerdings vereinfacht Brown die Sache über gebühr, wenn er die verwendung von Pentagrammen und äh nlcuihen heidnischen symbolen durch satanische Sekten allein der arbeit Hollywoods unterstellt, ohne auf die entfremdende Verwendung jener symbole durch gewisse freimaurereische Kreise einzugehen.)
Indes führt er dem Leser die doppelte Bedeutung des heiligen Grals in späterer Zeit vor Augen – danach ist die Legende vom heiligen Gefäß lediglich eine Allegorie auf den wahren Gralsgehalt, der ebenfalls mit heiligem Blut – sang real = Königsblut – in Verbindung steht: So wie die Schale der Legende nach das Blut Jesu aufgefangen habe, habe Maria (= der Gral) das Blut Jesu in sich in Form der Leibesfrucht beider Vereinigung aufgenommen. Dokumente, die den Beweis hierfür und damit gleichzeitig der Übergabe der Königswürde auf Maria, die Ehefrau Jesu enthalten, sollen von den Tempelrittern unter den Ruinen des Tempels Salomons in Jerusalem geborgen worden sein. Jesus sei demnach direkter Nachfahre der jüdischen Könige David und Salomon gewesen. (vgl. hierzu Baigent / Lincoln / Leigh: Der heilige Gral und seine Erben / Der Gral) Im Symbol des Grals verbirgt sich das göttlich weibliche, die Heiligkeit der göttlichen Urmutter (dargestellt unter anderem im Bild des letzten Abendmahls Leonardo da Vincis, des vermeintlichen Mitgliedes der Prieure de Sion), gleichsam ein Symbol für die Übergabe der Königswürde und damit des christlichen Pontifikats auf eine Frau bzw deren Sohn, wodurch es eine offizielle Erblinie für die Leitung der christlichen Kirche gegeben hätte – dies würde natürlich dem heutigen, patriarchal geprägten Papsttum jeglichen Boden und die ganze Legitimation entziehen.

Die von den mittelalterlichen Autoren beschriebne Suche nach dem Gral sei demzufolge die Suche nach der göttlichen Urmutter. In der tat spielte die göttliche Urmutter in allen europäischen Ur – Kulten eine große Rolle. Der Sage nach war Kleito die Urmutter von Atlantis ebenso wie von Troja und Athen, und die Frau spielte in den megalithzeitlichen Kulten eine große Rolle – auch bei den Indogermanen stand die Frau in gleichberechtigter Stellung zum Mann, obgleich sie im Verlauf der indogermanischen Wanderungen – vielleicht auch verstärkt durch die Dankbarkeit für die mythologisch dem Lichtbringer – Gott geschuldete Klimaerwärmung innerhalb der Nordheimat – in den Hintergrund gedrängt wurde. Herman Wirth verdanken wir die Herausarbeitung der weiblichen Rolle im frühen Europa und den Beweis megalithzeitlicher matriarchaler Kultzentren (wobei hier nicht von einer Frauenherrschaft an sich, sondern von einer göttlich matriarchal geprägten Gesellschaft, die in vielen Bereichen durch Männer geleitet wurde –Militär u.ä.) durch seine symbolkundlichen Forschungen. Auch die Frauendarstellungen aus dem Jungpaläolithikum – Venus von Villingen und andere – beweisen eine hohe Verehrung der Frau, die sich bis in die Zeit der Bandkeramiker mit ähnlichen Darstellungen nachweisen läßt – allerdings scheint hier der Aspekt auf das Wunder der Geburt eingeschränkt gewesen zu sein. Wenn nun jedoch im Sacrileg einerseits die Erblinie Jesu als von David und Salomon herrührend, also eine reinblütig jüdische Erblinie dargestellt wird, gleichzeitig aber die Übertragung der jüdischen Königsdynastie auf eine Frau (des Stammes Benjamin ?) angenommen wird, dann begibt sich Dan Brown damit auf dünnes Eis: Nicht nur im Islam sondern auch bei anderen orientalischen Religionen hatte die Frau stets eine untergeordnete Rolle – daher auch die angesprochene Empörung der Jünger Jesu über die Gleichberechtigung – die vermeintliche Bevorzugung – Maria Magdalenas. Nicht folgten hier die Menschen der Religion –wie oft angenommen -, die eine solche Rolle gebot, sondern die Religion folgte – wie so oft – bestehenden Traditionen. Sowohl Islam als auch Judentum sehen in der Frau eine Gehilfin des Mannes – so wie es auch die christliche Kirche des Petrus übernahm. Wenn nun Jesus diese Tradition verändern wollte, dann spricht dieses dafür, in Jesus dem Galiläer eben nicht einen reinblütigen Judäer zu sehen, sondern einen Abkömmling eines Heidenstammes aus Galiläa, der auch als Heidengau galt. Hier lagen die Siedlungsorte der Nachfahren der Philister, die als Seevölker nach Palästina gelangten (nach anderer Überlieferung wurden hier auch gefangene Gallier durch die Römer angesiedelt, Ritzer a.a.O.) –mit im Gepäck die imposanten Kessel (Symbol der Weiblichkeit ?), die auch in der Bibel beschrieben werden . Diese Philister waren als Teil der Seevölker europäische Einwanderer, deren Verständnis der Frau eine traditionell hochstehende Rolle einräumte –hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis der Handlungen des Königs Herodes, der in Jesus angesichts dessen kontinuierlicher Angriffe auf die herrschende Form des Judentums – insbesondere dessen Kritik an den jüdischen Händlern sowie den jüdischen Pharisäern und Schriftgelehrten – einen Gefahrenherd für seine Stellung sah, während der römische Statthalter Pontius Pilatus, die Verurteilung Jesu lediglich absegnete. Wenn es sich bei Jesus jedoch um einen Judäer gehandelt hätte, so wäre er niemals gekreuzigt worden –was die römische Art der Vollstreckung des Todesurteils darstellte-, denn die Verurteilung von Juden bzw. die Vollstreckung der Strafe oblag trotz römischer Besatzung weiterhin Herodes.Bestärkt wird diese Annahme durch die einzig mögliche Herleitung der Erblinie über Maria, die Mutter Jesu, da Josef offensichtlich nicht der leibliche Vater war. Hier wies jüngst Michael Ritzer auf das für eine gläubige Jüdin unvorstellbare Verhalten gegenüber den drei Weisen aus dem Morgenland hin (Alte Kulturen Spezial 23/210):

Diese waren der Überlieferung zufolge kundige Magier, bzw. Sterndeuter vermutlich aus Babylon, somit Heiden und dennoch ließ Maria sie am Geburtsbett Jesu ihre Verheißungen verkünden.Nichtsdestotrotz bietet der Roman eine Fülle von Belegen und Hinweisen auf die heidnischen Traditionen innerhalb des Christentums und die tatsächliche, der christlichen Kirche allzu menschliche Rolle Jesu als Dynastiegründer, jedoch nicht einer jüdischen die sich etwa in den Merowingern enthalten habe (Baigent/ Leigh: Der heilige Gral und seine Erben), sondern einer europäischen deren Traditionen in den megalithischen (und den sich aus gleicher Quelle speisenden ägyptischen Kulten des Horus und der Isis – siehe hierzu Ritzer) Kulten zu suchen sind – ohne hier mythologischen Spekulationen vorbehaltlos zu folgen, sei hier auch ein Verweis auf eine Bibelstelle erlaubt, die in neueren Ausgaben der entstellt wiedergegeben wird: „Das Reich Gottes wird von Euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, das seine Frucht bringen wird“ (Math. 21,43)
Dieses Gespräch Jesu mit jüdischen Schriftgelehrten, in welchem Jesu die Übertragung der Königswürde auf ein anderes Volk prophezeite, wird in anderer Überlieferung gegenüber einem römischen Legionär germanischer Herkunft geführt. Durch diese Prophezeiung wäre ein für die christliche Kirche noch verheerenderer Umstand eingetreten, den man kirchlicherseits eher fürchten zu hatte, als die Vorstellung einer legitimierten jüdischen Erblinie des Christentums: nämlich eine (Rück -) Übertragung des christlichen Erbes – symbolisiert im heiligen Gral als dem Schoß der Urmutter – in europäisch – germanische Hände.

Heidnisches Europa – Midgard – Unsere Zukunft

Heiden_gegen_Hass

Politiker aller Richtungen sprechen heute oft vom gemeinsamen Haus Europa. Unsere uralten heidnischen Überlieferungen, meinen etwas ähnliches, wenn sie von Midgard sprechen. Midgard ist aber nicht nur ein „gemeinsames Haus“, Midgard ist ein „Garten der Mitte“, den die Götter uns Menschen als unsere Heimat gaben, damit wir darin friedlich zusammenleben. Midgard ist der paradiesische Garten der Menschen mit seinen Wäldern und Feldern, seinen Bergen und Tälern, seinen Flüssen und Seen.

Unsere Vorfahren, Wenden (von den Christen Slaven genannt), Germanen und Kelten besiedelten alle Landschaften Midgards und lebten in der kulturellen Vielfalt der zahlreichen Stämme friedlich nebeneinander. Erst das Eindringen intoleranter missionseifriger Ideologien und die Eroberungslust raumfremderEindringlinge brachte die althergebrachten föderativen Strukturen zum Wanken. Europa wurde für Jahrhunderte Schauplatz blutigster Verfolgungen und Kriege.

Durch den fortschreitenden Verfall der mittelalterlichen und neuzeitlichen Ideologien sowie der alten Imperialstaaten können sich Vielfalt, Toleranz und Gastfreundschaft des heidnischen Midgard-Europa wieder entwickeln.

„Zurück zu den Wurzeln“ sollte es nun heißen. Dort an einer der drei Wurzeln des Lebensbaumes, der mit seinem Stamm die ganze Welt durchwächst und in seinen Zweigen die Sterne trägt, finden wir auch den Ursprung unserer gemeinsamen Herkunft und unserer Überlieferungen. Daraus erwächst die Klarsichtigkeit für die Probleme der Gegenwart und schließlich der Ausblick auf eine Zukunft im Frieden und Wohlstand Midgards, die wir uns gemeinsam, wie Mitglieder einer Familie, schaffen können.

Die kulturell verschiedenen Regionen als Nachfolger der alten Stammesstrukturen betonen die Vielfalt der europäischen Menschen. Wendische („slavische“), germanische und keltische Elemente sollen sich entfalten und damit auch gegenseitig ergänzen können. Im politischen Bereich zeichnet sich die alte Thingdemokratie, durch das Allthing in Island oder die altgriechische Demokratie Vorbild aller modernen Demokratien und noch in einigen Kantonen der Schweiz erhalten geblieben, wieder ab. Die Beratung auf örtlicher Ebene und die Entsendung von Vertretern in Thingversammlungen immer größerer Gebiete vertreten die Anliegen der Einzelnen direkt, binden sie aber durch die verschiedenen Aussprachemöglichkeiten auch in Gemeinschaftsinteressen ein. Die innere Entfremdung der Menschen in der Parteien- und Mediendemokratie kann dabei überwunden werden.

Als Heiden treten wir für ein durch Verständnis und gegenseitige Anerkennung geprägtes Miteinander in Europa ein. Die verschiedenartigen kulturellen Regionen sollen sich in Midgard-Europa wiederfinden können, die mündigen und für ihre Zukunft verantwortlichen Menschen sollen überall vertreten sein. Der Schutz der Natur muß Vorrang vor allen anderen Interessen haben, denn in ihr und mit ihr sind wir ein Bestandteil des sich immer erneuernden Götterreiches, das uns und unseren Nachfahren auf Erden erblühen kann.

Die Religion der Germanen

Nordischer Glaube
Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder „deutscher“ Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die Dauer nicht vermochte und auch der alte Kultus nur in bruchstückweiser Erinnerung; und die Göttersagen sind schön und unterhaltend.

Man fand sie früher auch tiefsinnig und gab ausgeführte Deutungen von ihnen, so Ludwig Uhland in seinem Buche über den „Mythus von Thor“, das immer lesenswert bleiben wird, weil es den Dichter Uhland am Werke zeigt. Wer wollte es den Dichtern verwehren, die alten Göttergeschichten mit ihrer Phantasie zu umspielen? Sie machen auf diese Weise nicht bloß manchen Leuten ein Vergnügen, sondern schaffen auch – ohne es zu wollen – Urkunden ihrer selbst und ihrer Zeit, was sich ebenfalls lohnen kann. Was Richard Wagner uns in seinem „Ring der Nibelungen“ von „Wotan“ und „Fricka“ erzählt, das ist unter anderem eine interessante Quelle für Wagners innere Biographie und für den Geist, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Deutschland beherrschte, besonders wenn man Wagners Dichtung mit ihren altnordischen Grundlagen vergleicht, von denen sie nicht weniger verschieden ist als die Palme von der Eiche: die Veränderungen, die der moderne Dichter vorgenommen, das, was er in die germanischen Mythen hineingesehen hat, kennzeichnet ihn und seine Zeitgenossen scharf und ergötzlich (dasselbe gilt von Wagners Behandlung der Heldensage von der wölsungischen Geschwisterehe).

Aber die ersten Deuter germanischer Göttergeschichten waren nicht Dichter, sondern Gelehrte. Olaf Rudbeck, ein schwedischer Polyhistor des 17. Jahrhunderts, hat den Anfang damit gemacht.1 Damals gab es trockene Pedanten, die nichts lesen mochten, was nur schön und unterhaltend war, sondern lauter wirkliche oder doch glaubhafte Geschichte oder tiefe Weisheit von den Büchern verlangten und daher für die Fabeln der Dichter eitel Spott und Verachtung hatten. Rudbeck wurmte es, daß auch die germanische Mythologie diese Geringschätzung erfuhr, und da er von ihrer Schönheit und Bedeutung durchdrungen war, unternahm er es, sie denen, die lediglich Wahrheit suchten, annehmbar zu machen, indem er einen eigentlichen, tieferen Sinn in ihr aufzeigte. Daß Baldr durch einen Mistelzweig getötet wird, den ein Blinder schleudert, und daß auch leblose Dinge, wie Steine und Metalle, um den Toten weinen, dies, sagte Rudbeck, kann nicht wörtlich zu verstehen sein, denn so etwas ist ja unmöglich; auf den wahren Sinn führt uns das Weinen der Metalle, das ja offenbar – die Quelle (Snorri2) sagt es ausdrücklich – ihr feuchtes Anlaufen in der Kälte bedeutet, feuchte Kälte ist eine herbstliche Erscheinung, also stirbt Baldr im Herbst, und als der lichte, strahlende Gott ist er natürlich der Sonnengott, die arktische Sonne, die im Herbst unter den Horizont herabsinkt – so wie Baldr in die Unterwelt geht -, und sein Töter, der „blinde“ Höd, ist die Nacht (caeca nox sagt man lateinisch), die im nordischen Herbst über den Tag siegt. Also ein ewig wiederkehrender Naturvorgang, ein Stück kosmischer Wahrheit ist es nach Rudbeck, was die Baldrsage in seltsame sinnliche Bilder kleidet.

Daß diese Deutung den imponierenden Eindruck des Scharfsinns machen und außerdem durch Stimmungsgehalt die Gemüter gewinnen konnte, verstehen wir heute noch ohne weiteres, und bei der Unentwickeltheit der altnordischen Studien noch lange nach Rudbecks Zeit wundert es uns daher nicht, daß sie lange in hohem Ansehen geblieben ist und allerlei Nachfolge gefunden hat – bis auf den heutigen Tag. Solche, die den Quellen des germanischen Altertums immer noch fernstehen, werden nicht müde, Rudbecks Geist zu beschwören, sei es physikalisch, sei es moralisch, sei es metaphysisch. Schon die große Zahl dieser Deutungen, deren jede die einzig richtige zu sein beansprucht, kann die Augen der Laien dafür öffnen, daß das ganze Verfahren ebenso falsch ist wie das der unterlegenden, nicht auslegenden Fausterklärer, die Fr. Vischer unter dem Pseudonym „Deutobold Mystifizinski“ an den Pranger gestellt hat.Der gesunde Überdruß an dem Hineingeheimnissen hat mit dazu geführt, daß das Interesse der Fachleute sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz von den Mythen abwandte und die „Mythologie“ überhaupt in Mißkredit verfiel. Dies hing allerdings gleichzeitig auch damit zusammen, daß das unphilosophisch gewordene Zeitalter sich für die Weisheit der Alten überhaupt nicht mehr interessierte; die philosophische Spekulation hatte ebenso Schiffbruch gelitten wie die Mythendeutung, und der Tatsachensinn war erstarkt. Man ging daher auch bei der Beschäftigung mit der germanischen Religion mehr auf das Faktische aus, auf den Kult und seine Denkmäler (wie Ortsnamen, die Runensteine mit Thors Namen und dem Hakenkreuz und die isländischen Tempelruinen)3, und man suchte örtliche und zeitliche Unterschiede und Entwicklungen festzustellen. Sogar die Mythen selbst wurden unter den Gesichtspunkt gestellt, ob sie nicht Zeugnisse für Kult enthielten, ob sie nämlich nicht verkleidete Kulthandlungen darstellten (Baldrs Tötung z. B. die Opferung eines Königs, ein Vorgang, der in anderen Religionen bezeugt ist), so daß das Deuten eine interessante Auferstehung erlebte, mit zeitgemäß verändertem Vorzeichen. Diese Bemühungen haben, wie alle Bemühungen des positivistischen Zeitalters, das Material und die Gesichtspunkte vermehrt, also Fortschritte gezeitigt, wenn auch manche Hypothesen verwirrend und dadurch hemmend gewirkt haben und das philologische Verständnis der Quellen vielleicht mehr zu wünschen ließ als früher.

Jede Religion ist eine Gestaltung des allverbreiteten Glaubens an die Mächte über uns. Die Religionen unterscheiden sich im einzelnen mannigfach, aber sie unterscheiden sich auch im ganzen, nämlich nach dem Grade, in dem sich die Gläubigen innerlich und äußerlich jenen Mächten unterordnen. Ein hoher Grad von Unterordnung, demütige, ja zitternde Unterwerfung, ist orientalischen Religionen eigen; das muß zusammenhängen mit der despotischen Verfassung der alten orientalischen Staaten, der Allmacht ihrer Herrscher, deren einer – Xerxes – sogar das Meer soll haben peitschen lassen; so wie man diese Herrscher fürchtete, so fürchtete man auch die Gottheit, und wie man sich vor jenen auf den Boden warf, so auch vor dieser. Den Griechen war dieses Wesen fremd und zuwider. Sie traten ihren Herrschern und ihren Göttern anders, freier gegenüber. So war es noch zur Blütezeit der altgriechischen Kultur, die nicht bloß durch den Hochstand von Kunst und Philosophie, sondern auch durch das schöne, aufrechte Menschentum gekennzeichnet ist, von dem die Bildwerke noch heute unmittelbaren Eindruck geben. Dieses griechische Menschentum ist durch die städtische Zivilisation wohl verfeinert, nicht aber geschaffen worden. Es ist viel älter als die Mauern von Athen, älter als die hellenische Geschichte überhaupt. Denn wir finden seine wesentlichen Züge wieder bei den Germanen in oder nahe der alten Heimat, aus der die Vorfahren der Griechen südwärts gezogen sind. Die Germanen hätte das asiatische „Anhündeln“ des Herrschers (griech. proskynein) noch heftiger angewidert als die freien Athener. Dafür bürgt uns schon der Bau der germanischen Gesellschaft, die stolze Unabhängigkeit der Adelbauern, ihre freimütige, ihre freimütige und furchtlose Selbständigkeit gegenüber dem König, aber auch die Stellung der Abhängigen, die Sklaven nicht ausgenommen, deren Menschenwürde, wie schon Tacitus hervorhebt, man zu achten pflegte, und die sicherlich ebensowenig von Unterwürfigkeit wußten wie irgend jemand sonst in Germanien. Wie ähnlich das Verhältnis des Germanen zu seinen Göttern dem des Griechen zu den seinigen war, zeigt sich an den lustigen Götterfabeln: Wodan und Frija, das uneinige himmlische Ehepaar, wurde ähnlich humoristisch betrachtet wie ihr südliches Spiegelbild Zeus und Hera, und dem derben homerischen Gelächter auf Ares‘ und Aphrodites Kosten entspricht die Heiterkeit über den in Weiberkleider gesteckten Thor und seinen Appetit, über Freyas jungfräuliche Entrüstung und Lokis Skandalchronik4. Der Germane konnte seine Götter hänseln; und gerade den Gott, der seinem Herzen am nächsten stand, den starken, gutmütigen Thor, hänselte er am liebsten. Dies ist nicht etwa, wie gelegentlich behauptet wurde, eine Verfallserscheinung, sondern es gehört zum Wesen germanischer Religiosität.Es gab öffentlichen, und es gab privaten Gottesdienst. Letzterer, über den im Norden interessante Berichte vorliegen, ist in diesem Zusammenhang besonders aufklärend. Unter den norwegischen und isländischen Bauern standen manche zu einem einzelnen Gott in besonderem Vertrauensverhältnis. Es ist meistens Frey. Auf Island gab es Freysgoden, d. h. Freyspriester, Besitzer eines Freytempels. Ein solcher war Hrafnkel, der Held der nach ihm benannten Saga.5

Er schenkte Frey, seinem Freunde, wie es ständig in solchem Zusammenhang heißt, die Hälfte von allem, was er besaß, machte also den Gott zu seinem Partner, so wie man sich mit einem Freund in den Besitz eines Waldes oder eines Schiffes teilte. Das ist ein Verhältnis der Gleichberechtigung, etwas, was man vom Standpunkt der vom Orient ausgegangenen großen Weltreligionen geneigt sein könnte, gar nicht als religiöses Verhältnis anzuerkennen, was aber doch ein solches ist, da es sich auch hier um festen Gottesglauben handelt, einen Glauben, der die Anerkennung der göttlichen Übermacht, die sich unerwartet wunderbar offenbaren kann, einbegreift, und der mit Hingebung verbunden ist, mag es auch eine männlich kühle, stolz zurückhaltende Hingebung sein. Die Übermacht des Gottes führt zu keiner ausgeprägten Unterordnung seines Verehrers, weil dieser selbst ein hochgespanntes Kraftgefühl hat und auf Grund dieses Kraftgefühls und der Siege verschiedener Art, die das Leben ihm bescherte, zugleich an sich glaubt. Er hat dabei – was kein Christ oder Jude verstanden hätte – ein vollkommen gutes Gewissen. Daß der Gott, den nordische Adelbauern in dieser Weise zu ihrem Vertrauten (fulltr¯ui) machen, gerade Frey zu sein pflegt, ist nicht Zufall, sondern beruht darauf, daß Frey, der gutes Wetter und Fruchtbarkeit für Vieh und Felder spendete, durch diese seine Sphäre die des Menschen ergänzte. Dieser konnte wohl die anderen Menschen lenken und in Schach halten, aber gegenüber den Vorgängen, von denen Leben und Gedeihen seiner Wirtschaft am unmittelbarsten abhingen, mußte er sich weithin machtlos fühlen (obgleich man besonders Königen auch auf diesem Gebiete wunderbare Macht zugetraut hat). Daher sein Bündnis mit dem göttlichen Helfer, der das konnte, was er selbst nicht vermochte. Auf dieser Grundlage eines naiven religiösen Utilitarismus konnten verhältnismäßig warme Freundschaftsgefühle gedeihen; der Wunsch, den göttlichen Vertrauten zu erfreuen und kein Zeichen seiner Gunst unbeachtet und unerwidert zu lassen, konnte breiten Raum im Leben einnehmen und diesem dadurch religiösen Charakter aufprägen. Als ein Freund des Frey im nordwestlichen Island erschlagen worden und begraben war, beobachtete man, daß an der einen Seite seines Grabhügels kein Schnee liegen blieb. Man erklärte es sich so, daß Frey nicht wolle, daß es zwischen ihm und seinem Freunde je fröre. Frey wohnte im klaren Himmel; man sah und fühlte ihn im Licht und in den Sonnenstrahlen.

Auf der Insel Mostr6 vor dem Hardangerfjord lebte der wohlhabende und mächtige Thorolf, ein „großer Freund“ des Thor und Inhaber eines Thortempels. Als ihm Verwicklungen mit König Harald drohten, brachte er seinem Freunde ein großes Opfer dar und erkundete dabei durch das landesübliche Orakelverfahren (ganga til fr¯ettar) dessen Rat; der Gott wies ihn nach Island. So brach er, von vielen Freunden – kleineren Leuten aus Mostr und Umgegend – begleitet, auf einem große Seeschiff auf und nahm auch den abgebrochenen Tempel nebst der Erde unter dem Altar, auf dem das Gottesbild gestanden hatte, an Bord. Da trieb ihn guter Fahrwind übers Meer und um Islands Südwestspitze herum bis angesichts der großen Busen der Westküste, dann trat Windstille ein, und Thorolf warf nun die heiligen Hochsitzpfeiler über Bord, auf deren einem ein Thorbild geschnitzt war, und versprach laut dem Gotte, dort sich ansiedeln zu wollen, wo er die Pfeiler landen lassen würde. Sogleich trieben diese der nördlicheren Bucht zu, schnell, wie man erwartet hatte. Alsbald erhob sich eine Seebrise, und das Schiff segelte in jenen Busen hinein, der sich gewaltig breit und rings von hohen Bergen umgeben auftat und von Thorolf den Namen „Breitfjord“ bekam. Er landete an der Südseite bei einer einladenden Bucht, wo sich bald denn auch die Hochsitzsäulen bei einem Vorgebirge („Thorskap“) angetrieben fanden, und wo man ein zweites Landnahmefeld abgrenzte durch Umfahren mit dem Feuerbrand zur Abwehr der schädlichen „Landwichte“; der Grenzfluß nach Osten wurde „Thorsach“ genannt. Bei dem Gehöft, das an jener Bucht entstand, wurde der mitgebrachte Tempel in stattlicher Größe neu errichtet, mit dem einem Kirchenchor ähnlichen Anbau, in dem der Altar stand mit dem pfundschweren Eidring darauf und dem Opferblutgefäß mit dem Zubehör zum Sprengen der Wände und der Versammelten mit dem heilbringenden Blut; Götterbilder standen um den Altar (wahrscheinlich Thor hinter diesem, Odin und Frey zu beiden Seiten). Auf dem Thorskap wurde die Stelle, wo der Gott gelandet war, zur Gerichtsstätte bestimmt und der weitere Umkreis als Dingplatz eingerichtet. Der gottgewählte Boden war heilig, so daß er nicht verunreinigt werden durfte, weder durch Blutvergießen noch durch Unrat, ja zu dem Berg, in den die Toten der Familie eingingen (Heiligenberg), durfte niemand ungewaschen die Augen erheben. Als dem Thorolf im Alter ein Sohn geboren wurde, „gab“ er ihn seinem Freunde Thor und nannte ihn demgemäß Thorstein (dessen Enkel war Thorgrimm, der bekannte Gode Snorri).7

Diese Auswanderung und Ansiedelung Thorolfs von Mostr ist ein Hauptbeispiel germanischer Frömmigkeit. Wir haben den Eindruck, daß dieser Großbauer und Häuptling sich kaum genugtun kann in dankbaren Ehrerweisungen an seinen Gott, dessen Freundschaft und große Macht ihn so sichtlich und so weise aus schwieriger Lage, die Tod oder Verlust der Väterfreiheit androhte, hinübergeleitet hatte zu neuem Reichtum und gleicher oder größerer Macht. Auch hier leistet der göttliche Helfer, was außerhalb des menschlichen Bereiches liegt. Während der milde Frey der Gott des klaren Himmels und guten Erntewetters war, beherrschte Thor die kräftigeren, ernsteren Wettererscheinungen, Gewitter, Regen und Wind. Deshalb riefen ihn auch sonst die Seefahrer an, aber als Wettergott überhaupt war er natürlich auch Bauerngott, und wahrscheinlich ist er seit alters der meist verehrte Gott gewesen. Wie wir aus Thorolfs Geschichte ersehen, beschützte er auch Ding und Gericht; Runeninschriften lehren, daß ihm der Friede des Grabes am Herzen lag.8 Thor war somit ausgeprägt ein Gott, der für die Verwirklichung dessen, was in Ordnung ist, und für die Verhinderung von dessen Gegenteil sorgte, ein Helfer nicht bloß des Landwirts oder Seefahrers als eines einzelnen, sondern auch dessen, der das Gemeinwohl im Auge zu haben hatte, des Häuptlings oder „Fürsten“, wie Thorolf einer war.

Außer Freys- und Thorsfreunden gab es im alten Norden auch Odinsverehrer; einer von diesen war der berühmte Skalde und Krieger Egil, Skallagrims Sohn.9 Egil hatte schon seinen Bruder im Kriege und einen seiner beiden hoffnungsvollen Söhne durch ein Fieber verloren, da wurde ihm auch der andere entrissen, indem er ertrank. Ein ergreifendes Kapitel der Egilssaga schildert, wie der Alte die angetriebene Leiche seines Lieblings sitzend vor sich auf den Sattel nimmt, mit ihr zum Grabhügel seines Vaters reitet und sie dort bestattet, dann sich in sein Lager einschließt, um Hungers zu sterben. Am dritten Tage läßt man seine Tochter Thorgerd, die an Olaf Pfau in Hjardarholt verheiratet ist, holen, damit sie helfe, und Thorgerd bringt nun durch kluge Behandlung den Vater so weit, daß seine Lebensgeister zurückkehren und der das Erblied auf den Toten dichtet, das sie in Runen auf Stäbe ritzt, damit es erhalten bleibt, wenn sie beide nun sterben. Aber bei der Ausübung seines edelsten Könnens erwacht Egil vollends zum Leben; er hat das bitterste seines Schmerzes überwunden, indem er ihn in Versen gestaltete.

Das Gedicht, „der Söhne Verlust“, ist erhalten und stellt das persönlichste Bekenntnis dar, welches das vorchristliche Germanentum hinterlassen hat. Der Dichter gedenkt darin auch der Götter, die seinen Verlust verschuldet oder geduldet haben, zuerst des Meergottes Ägir. An diesem würde er am liebsten mit dem Schwerte Rache nehmen, wenn nur seine helferlose Greisenkraft ausreichte. Dann sagt er von Odin, er sei sein Freund gewesen, aber der Gott habe die Freundschaft gebrochen, indem er Egils ersten Sohn in sein Luftreich emporhob, seitdem seien ihm die Opfer, die er dem Herrn von Walhall brachte, nicht mehr aus dem Herzen gekommen – und doch, fährt er fort, hat der Gott mir ja Sühne geleistet, denn er hat mir die makellose Gabe der Dichtkunst verliehen und dazu eine Sinnesart, durch die ich mir noch immer heimliche Widersacher zu offenen Feinden umgeschaffen habe. Diese Offenheiten des schmerzbewegten Egil zeigen vielleicht eindrucksvoller als alle anderen Zeugnisse die Gleichstellung mit den Göttern, die der stolze germanische Große als selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt.

Der Glaube starker Männer an sich selbst, von dem die Rede war, konnte über den an die Götter derart die Oberhand gewinnen, daß die Betreffenden nicht opferten und offen erklärten, nur auf die eigene Macht sich zu verlassen (trua a matt sinn ok megin). Dabei ist unter „Macht“ auch manches von dem zu verstehen, was wir „Glück“ nennen würden. Überraschende Erfolge und Erscheinungen wie das bei uns zur Zeit Wilhelms des Ersten sprichwörtlich gewordene „Kaiserwetter“ (der Sonnenschein, der jede Parade und jeden Städtebesuch des Monarchen zu begleiten schien) rechnete man unter Umständen der Persönlichkeit zu, auch wenn diese nicht als Zauberer bekannt war. Grim Lodenhaut, der mächtigste Mann in Helgeland um 800, hatte immer günstigen Fahrwind, mochte er von seiner Insel Hrafnista nach Norden segeln zum weißen Meer auf „Finnenhandel“ (finnkaup) oder südwärts die Schären entlang, um aus Jäderen oder der Vik Korn zu holen. Da er kein Opferer war, konnte dies nur darauf beruhen, daß ihm, der auch anderweit mehr konnte als andere, gottähnliche Kraft innewohnte. Grims angeblicher Sohn Odd (Örvar-Odd, d. i. „Pfeil-Odd“), ein berühmter Wiking und der Held einer der bekanntesten Sagas,10 soll schon in jungen Jahren allem Religionswesen – so dem Treiben der von Hof zu Hof ziehenden Wahrsagerinnen – abhold gewesen sein; jedenfalls war er einer jener „Götterlosen“, die nur der eigenen Macht vertrauten. Seine Züge führten ihn, wie viele andere Nordleute seiner Zeit, bis ins Mittelmeer, und dort, in Sizilien, ließ er sich bewegen, die Taufe anzunehmen. Die „Götterlosen“ liehen den Bekehrern durchschnittlich ein willigeres Ohr als die Freunde des Thor oder Frey; der „weiße Krist“ brauchte ja aus ihrem Herzen keinen Nebenbuhler zu verdrängen, und ihre Abneigung gegen Gottesdienst war zu überwinden, weil der christliche Kultus mit Glockenklang, Gesängen und Prachtentfaltung ganz neue Reize bot, die Versprechungen der neuen Religion sich auf eine den meisten ganz neue Sphäre bezogen, nämlich auf das Jenseits, und ihre wichtigsten Forderungen, Almosengeben und Schonung der Schwachen, der germanischen Gemütsart nicht fremd waren, sondern ihr oft geradezu entgegenkamen. In Willibalds Biographie des Bonifazius wird erzählt, wie der Apostel der Deutschen in Hessen neben vielen eifrigen Heiden auch solche vorfand, die „schon gesunderen Sinnes waren und allem heidnischen Götzendienst entsagt hatten“. Das waren gewiß zum Teil solche selbstbewußten „Götterlosen“, derengleichen es von jeher bei den Germanen gegeben zu haben scheint, zum größeren Teil allerdings waren es religiös Träge und Gleichgültige, die ebenfalls nie gefehlt haben. Schon Cäsar ist es aufgefallen, daß im Gegensatz zu den höchst religionseifrigen Galliern die Germanen sich mit Opfern verhältnismäßig wenig abgaben. Das bestätigen die nordischen Quellen vollauf. Ein Spruch der Edda lautet so:

Besser nichts erfleht,als zuviel geopfert:Auf Vergeltung die Gabe schaut;Besser nichts gegeben,Als zu Großes gespendet:Eitel manch Opfer bleibt 11.

„Auf Vergeltung die Gabe schaut“ war ein Sprichwort, das zunächst auf menschliche Verhältnisse gemünzt war. Wir können seinen nüchternen Sinn wiedergeben mit „Eine Hand wäscht die andere“.

Es scheint also nichts im Wege zu stehen, Willibald Glauben zu schenken, wenn er behauptet, bei der Fällung der Geismarer Donarseiche durch Bonifazius habe sich kein ernstlicher Widerstand der Heiden bemerkbar gemacht, und diese hätten sich unter dem Eindruck des Wunders alsbald bekehrt. Und doch ist der Wahrheitsgehalt dieser und ähnlicher Bekehrungsgeschichten sicher äußerst gering. Wie es in Wirklichkeit bei der Durchsetzung des Christentums zugegangen ist, das erfahren wir nur aus den nordischen Quellen, besonders aus Snorris Lebensbeschreibungen der beiden Olafe, der königlichen Apostel Norwegens; denn nur hier ist die Sachlichkeit und Unparteilichkeit – unbeschadet der christlichen Überzeugung auch Snorris. Der Lateiner erzählt uns einerseits Dinge, die er unmöglich wissen kann – die Seelenregungen der Heiden -, andererseits läßt er Wichtiges aus; so erfahren wir von ihm z. B. nichts darüber, wie es kommt, daß eine so große Menschenmenge der Fällung der heiligen Eiche beiwohnt. Entweder ist dies eine starke Übertreibung, oder es hat sich um ein Ding gehandelt, und im letzteren Falle könnten wir verlangen, zu erfahren, wer das Ding berufen hatte, welche Redner auftraten, und wie es den angelsächsischen Geistlichen möglich gewesen war, dort Zutritt zu erlangen – wenn wir es mit ernster Geschichtsschreibung zu tun hätten und nicht mit einer Erbauungsschrift. Es ist sehr schade, daß ernste, zeitgenössische Geschichtsschreibung über die Bekehrung Deutschlands vollständig fehlt. Aus dem unklaren, langatmigen Predigtstil Willibalds lassen sich für unsere Frage nur einzelne sicher geschichtliche Tatsachen entnehmen, kleine Oasen in einer dürren Wüste. Eine solche Tatsache von großem Interesse ist die Donarseiche und ihre Fällung. Heilige Bäume und Haine sind auch im Norden – letztere schon bei Tacitus – für die Germanen bezeugt, und die Zerstörung der Heiligtümer war im 10. und 11. Jahrhundert in Norwegen und Schweden ebenso ein Ziel der Bekehrer wie in Hessen im 8. Jahrhundert. Historisch ist es auch, daß Bonifazius, wie sein Biograph gleich anschließen erwähnt, sich in Thüringen an „die Ältesten der Gemeinden und die Fürsten des Volkes“ wandte. Das war das altbewährte und auch später im Norden mit Erfolg geübte Verfahren. Die Christianisierung der Germanen ist von oben nach unten gegangen. Auch wo es, wie in Norwegen, der Kirche gelang, Könige als Apostel in Bewegung zu setzen, gingen diese nach demselben Grundsatz vor.

Olaf Tryggvason erreichte die Taufe der hardangischen Bauernschaft, indem er die dort herrschende Familie des „Haruden-Kari“, Erling Skjalgsson von Sole und seine Oheime, durch Verschwägerung an sich fesselte, so daß sie die Masse ihm gefügig machten; er bediente sich also des Ehrgeizes der Großen, welche aber selbst dazu die Hand boten, weil sie einen gewaltsamen Austrag scheuten – der König war zu mächtig – und aus der unangenehmen Lage wenigstens einigen Gewinn für sich herausschlagen wollten. Von heidnischen Bekenner- und Märtyrergeist ist also jedenfalls in Hardanger nichts zu spüren, und weiter südlich im Lande erst recht nicht, wo man – in Rogaland mit einigen Umschweifen, in der Vik ohne solche – Olafs Befehl sich murrend beugte. Im Drontheimischen dagegen setzte es ernste Schwierigkeiten. Auch hier wandte der König sich an die führenden Familien, aber er mußte Gewalt und kalte Hinterlist anwenden, das Haupt des Widerstandes, der reiche Jarnskeggi von Nrjar, wurde durch die Königsmannen ohne Kampf erschlagen, ehe die äußere Unterwerfung der führerlos Gewordenen und Entmutigten erfolgte. Trotzdem gingen im Binnenlande, bei den „Innentröndern“, die Opferfeste weiter wie seit Urzeiten – drei im Jahr, eins zu Sommers-, eins zu Wintersanfang und eins zu Mittwinter -, und noch zwanzig Jahre später war dort fast alles heidnisch, so daß der zweite Olaf – der „Dicke“, später „der Heilige“ zubenannte – neues Blut fließen lassen, manchen von Haus und Hof verjagen, viele verstümmeln oder blenden lassen mußte (1022). Ähnlich ging es damals im inneren norwegischen Hochland, wo ebenfalls noch viel Heidentum war. Die Drontheimer Bauern haben übrigens schon im Jahre 952 Hakon dem Guten, der als Pflegesohn des Angelsachsenkönigs Ädelstan die ersten Bekehrungsversuche in Norwegen machte, trotzig die Stirne geboten, wovon die Heimskringlas anschaulich erzählt12. Später, unmittelbar vor Olaf Tryggvason, war Hladir am Drontheimfjord der Sitz des Jarls Hakon, der als Herrscher über den größten Teil Norwegens ein bewußter Vorkämpfer des Väterglaubens gewesen ist.

Ähnlich zäh wie im Drontheimischen haftete die germanische Religion in den angrenzenden schwedischen Landschaften und in Uppland und Smaaland. Der große Haupttempel von Uppsala, den Adam von Bremen mit dankenswerter Genauigkeit beschreibt, stand im 11. Jahrhundert noch in voller Blüte, obgleich mit Hilfe des Königs St¯enkel in dem benachbarten Sigtuna ein Bistum errichtet war. Der eifrige deutsche Bischof Adalward hatte einen Anschlag auf den Heidentempel vor, von dessen Niederbrennung er viel erhoffte, aber der Schwedenkönig riet davon ab, weil die Heiden jenen zum Tode verurteilten und ihn selbst aus dem Lande jagen würden. Ein um dieselbe Zeit in Schweden tätiger angelsächsischer Missionar unternahm es, ein Thorbild in einem Tempel mit einer Axt zu zertrümmern, fand aber dabei durch empörte Thorsfreunde den Tod. Was die schwedischen Könige betrifft, so hatte schon jener Olaf, dem die Bauern auf dem Ding seine Schwäche und seinen Hochmut vorhielten, sich taufen lassen, aber dem Christentum in Uppland und nördlich davon noch keine Stätte geschaffen. Dies tat erst der erwähnte St¯enkel, mit dem eine neue Herrschersippe den Thron bestieg, und besonders sein Sohn Ingimund. Von ihm rühmt eine deutsche Quelle, er habe den Heidentempel zu Uppsala gereinigt und zu christlichem Gebrauch eingeweiht. Gleichwohl erhob sich gegen ihn noch eine übermächtige Reaktion. Die Bauern verlangten auf dem Uppsalading von ihm Wiederherstellung der alten Gesetzte und Sitten oder seinen Abgang. Der König weigerte sich und mußte den Bauern weichen (ihren Steinwürfen, wie die isländische Quelle sagt). Er floh nach dem schon älteren Bischofssitz Skara in Westergötland, während sein Schwager Sv¯en, den die Bauern statt seiner ernannten, die alten Pferdeopfer an Odin auf der Stelle wieder einführte („Opfer-Sven“, Blot-Sveinn). Nach drei Jahren überfiel Ingimund mit Gefolge diesen letzten Heidenkönig im Morgengrauen in seinem Hause mit Feuer, und während die Menschen drinnen im Rauch erstickten, ging Sven hinaus und fiel fechtend. Ein letzter heidnischer Sproß des alten Yinglingergeschlechtes, Ingwar, fand landflüchtig ein ruhmvolles Ende im fernen Südosten. Von seinen und seiner Leute Taten erzählen Runensteine in Uppland und Södermanland.

Die germanische Religion ist also nicht stumm und widerstandslos vom Schauplatz abgetreten; auch in Süddeutschland und England ist dies gewiß nicht der Fall gewesen. Auch die Gleichgültigen leugneten Dasein und Macht der Götter ja nicht, und es ist eine bekannte Erfahrung, daß etwas, was man lange besessen hat, ohne es zu schätzen, in dem Augenblick, wo es einem entrissen werden soll, Wert gewinnt; ferner ist unerbetene fremde Einmischung niemandem erwünscht, am wenigsten dem stolzen und kühlen Germanen, der sich eins mit seinen Vätern weiß. Wenn wir in Alkuins Leben des heiligen Willibrord von den Besuchen lesen, die dieser Missionar dem Friesenkönig Radbod machte, um ihn zu gewinnen, so verstehen wir bei genügender Vertrautheit mit germanischem Wesen ohne weiteres die Verbindung von Gastlichkeit und Ablehnung im Benehmen des Fürsten. War dieser einigermaßen feinfühlig (worüber wir nichts wissen), so ist ihm der Fremde als ein Zudringlicher erschienen. In der Biographie eines anderen angelsächsischen Glaubensboten, des heiligen Lebuin, von Hugbald wird erzählt, wie Lebuin auf dem Alding der Sachsen die zu Beginn der Tagung der Sitte gemäß Opfer darbringende Menge von der Nichtigkeit ihrer Götzen und von der christlichen Wahrheit überzeugen wollte und durch seine Reden solche Entrüstung erregte, daß man ihm mit ausgerissenen Zaunpfählen zu Leibe wollte.

Da griffen andere zu seinen Gunsten ein, und ein vornehmer Mann stellte von „einem erhabenen Orte“ aus (d. h. wohl vom Rednerhügel aus, der dem altisländischem Gesetzesberg entsprach) den aufgeregten Leuten vor, es entspreche dem Herkommen der Sachsen nicht, Gesandte zu verunglimpfen („Heilig ist der Herold, der dahinzieht allein“, heißt es schon im alten Liede von der Hunnenschlacht, Thule I, S. 30); darauf beschloß man sofort, daß auch dieser Fremde unverletzlich sein und frei solle abziehen dürfen. Der Edeling soll auch auf die Macht des dreieinigen Gottes verwiesen haben. Aber das wäre wenig klug gewesen und ist schon aus diesem Grunde unwahrscheinlich. Auch ohne christliche Sympathien des Edelings ist sein Auftreten aus germanischer Anschauung heraus ebenso verständlich wie die Achtung König Radbods vor dem Gastrecht, und dieser war Vollblutheide. Von Erfolgen Lebuins auf dem Sachsending verlautet nichts; es heißt vielmehr, er habe dort nur den Märtyrertod gesucht, was zu seinem Leidwesen mißlungen sei. Diese Beispiele zeigen, daß auch in Deutschland die Reden der Bekehrer, obgleich das Gast- und das Botenrecht sie schützte, keinen andern Eindruck zu erzielen pflegten, als daß in ihnen enthaltene Ausfälle gegen die Landesreligion die Menge in Harnisch brachten; ebenso wie im Norden, wo ebenfalls, soweit wir sehen können, die Missionspredigt als solche wirkungslos verhallte. Abgesehen von privaten Umstimmungen einzelner ist es immer nur die Vereinigung von Willen und Macht – auch solcher einzelnen – gewesen, was die Unterwerfung der germanischen Völker unter das Kreuz herbeigeführt hat. Daß es dabei nur selten (wie in Schweden) zu Waffengängen gekommen und der Ausgang schließlich überall derselbe gewesen ist, beruht auf dem Gang der Weltgeschichte und der überlegenen Zielbewußtheit der Christen, während die Germanen plan- und ziellos und außerdem uneinig waren.

Ins Jahr 974 setzen die Sagas einen Vorgang, der als eindrucksvollste Episode aus dem Kampf der Religionen denkwürdig bleibt. Jarl Hakon hatte mit dem Norwegerheer am Danevirke dem Kaiser Otto widerstanden. Da umging dieser die Dänen und Norweger, indem er mit seinem riesigen Heere – in dem sich auch der junge Olaf Tryggvason befand – über die Schlei setzte. Er rückte bis an den Limfjord vor, und auf der Limfjordinsel Mors war es, daß unter dem Eindruck eines Mirakels – Bischof Poppo trug glühendes Eisen – König Harald Blauzahn mit seinem ganzen Heer die Taufe nahm und auch der norwegische Jarl sich taufen lassen und dazu verstehen mußte, Priester mit nach Norwegen zu nehmen, damit auch dieses Land dem Christentum gewonnen würde. Die deutschen Waffen, besonders das Reiterheer – die Nordleute kämpften noch nach alter germanischer Weise fast nur zu Fuß – müssen gewaltig gedroht haben! Als aber günstiger Wind aufkam, da setzte Jarl Hakon die geistlichen Herren aus seinem Schiff ans Land und stach mit der Flotte in See. Er umsegelte Skagen, heerte an beiden Küsten des Öresund und steuerte um Schonen herum bis zu den „Gautenschären“.

Dort landete er und vollzog ein großes Opfer; da kamen zwei Raben geflogen und krächzten laut; das war ein Zeichen, daß Odin das Opfer angenommen habe und der Tag günstig sei zum Kämpfen (Raben waren, ebenso wie Wölfe, siegverheißende Angangstiere, und es waren die Tiere Odins; erst das Christentum schuf den Begriff des „Unglücksraben“). Der Jarl ließ alle seine Schiffe verbrennen, rückte „unter dem Heerschild“ landeinwärts, schlug den Jarl Ottar von Gautland und gelangte mit reicher Beute auf dem Landwege heim nach Drontheim.

Der Jarl rächt sich also für die Demütigung dadurch, daß er christliche Länder – auch Gautland war bereits ein solches – mit Krieg überzieht. Er behandelte alle Christen als seine Feinde, ebenso wie die Kirche alle Heiden bekämpfte. Er führt einen Religionskrieg, und zwar einen reineren Religionskrieg als vor ihm die Araber und die deutschen Kaiser, da er nicht wie diese Land erobern, sondern – trotz der gemachten Beute, unter der sich Kirchenschätze aus Gautland befunden haben werden – im wesentlichen nur die feindliche Religion schädigen, seinen Haß gegen diese ausleben will. Es ist kein Angriffs-, sondern eine Verteidigungs- und Vergeltungsfehde – wie jede germanische Fehde. Wie sonst so oft, so greift auch hier die gekränkte Ehre zur Waffe. Aber sonst ging es gegen eine Sippe oder gegen einen Stamm, ein Reich. Daß die bekämpfte Partei sich nicht nach Sippe oder Staat bestimmt, sondern nach der Religion, das war etwas Neues, wozu erst die Kirche durch das unterschiedslose Ceterum censeo ihres Kreuzzugsgedankens die Germanen erzogen hatte. Jarl Hakon, der Christenfeind, war als solcher ein Schüler der Kirche. Er war es auch insofern, als er die Norweger antrieb, die zum Teil zerstörten Tempel wieder in Stand zu setzen und die alten Götter zu ehren. Jarl Hakon war einer jener ganz Starken, die sonst gern auf die eigene Kraft allein vertrauten. Von ihm und seinem Sohne Eirik, dem eigentlichen Helden der großartigen Erzählung von der Jomswikingerschlacht,13 haben wir den Eindruck, daß dieses Geschlecht eins der kraftvollsten und lebensprühendsten gewesen ist, von denen die Geschichte der Germanen weiß. Und dabei eine heidnische Frömmigkeit, die wenigstens in den Quellen nicht ihresgleichen hat. Die Götter belohnten das: in den ersten Regierungsjahren Hakons herrschte in Norwegen ein fast unerhörter Überfluß an Korn und Heringen, und das gefährliche Treffen gegen die ins Land eingefallenen Jomswikinger endete dank einem Hagelschauer von Norden mit blutiger Niederlage dieser Dänen. Kein Wunder, wenn schließlich den erklärten Göttergünstling Hakon Übermut befiel, so daß er die Drontheimer Bauern gegen sich aufbrachte und so seine Herrschaft der stärksten Stütze beraubte.

Der Dänenkönig aber ließ, nachdem die Deutschen abgezogen, bei Jellinge in Jütland (nördlich von Vejle) zwischen den hohen Grabhügeln seiner Eltern Gorm und Tyre einen großen Runenstein errichten, dessen Inschrift besagt, Harald, König von ganz Dänemark und Norwegen , habe die Dänen zu Christen gemacht. Auch dänische Chroniken nennen Harald Blauzahn als ersten christlichen König, wenn sie auch gleichzeitig noch von einer heidnischen Empörung gegen seine Herrschaft melden. Jedenfalls machte um diese Zeit das Kreuz den größten Fortschritt seit der Unterwerfung der Sachsen durch Karl „den Großen“. Die Asen flüchten über das norwegische Gebirge und die schwedischen Urwälder nordwärts.14

Die späteren Jahrhunderte des germanischen Heidentums stehen überhaupt unter dem Zeichen des Zurückweichen vor der Kirche und den christlichen Einflüssen. Im Süden und am Rhein hat beides schon früh begonnen. Die christlichen Einflüsse sind oft überschätzt worden – man hat sie da gesucht, wo jede Aussicht, sie zu finden, fehlte -, aber zu leugnen sind sie nicht. Das Christentum selbst enthält Bestandteile, die ihm von außen zugekommen sind. Diese stören die Einheitlichkeit des Phänomens „Christentum“ nicht, und so stellt sich auch die germanische Religion recht einheitlich dar, ohne daß dadurch christliche und sonstige fremde Elemente in ihr ausgeschlossen werden, deren Vorhandensein nach sonstiger Erfahrung und allgemeiner Wahrscheinlichkeit notwendig angenommen werden muß. Daß der Grundriß der altnordischen Tempel einem Kirchengrundriß gleicht, wird schwerlich anders als aus Nachahmung der kirchlichen Bauweise zu erklären sein. Die eigenen Götter sollten in einem ähnlich vornehmen Hause wohnen wie der Gott der Christen, der einen freilich sonst nichts anging. Es ist eine Erscheinung gleicher Art, wie wenn Jarl Hakon etwas wie heidnische Kirchenzucht einführt.

In einer geheimnisvollen Eddastrophe sagt Odin von sich: „Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, mit dem Ger verwundet und dem Odin gegeben, ich selbst mir selbst, an jenem Baume, von dem niemand weiß, aus was für Wurzeln er wächst.“ Es folgen dunkle Verse von einem Brotleib und einem Trinkhorn. Dann späht der gefesselte Gott in die Tiefe, nimmt, laut wehklagend, Runen auf und wird durch deren Zauberkraft frei. Der Baum, der aus unbekannten Wurzeln wächst, ist die Weltesche Yggdrasil. Das Hängen und Durchbohren mit dem Speer ist die Form, wie dem Wodan die Menschenopfer dargebracht wurden; die Speerwunde bedeutete den Kampftod, den Wodan von seinen Getreuen verlangte; die Hängung hoch im Winde sollte den Geopferten dem durch die Luft fahrenden Gott darbieten, so daß er ihn auf seiner wilden Jagd mitnahm. Die Neun ist uralte, indogermanische, heilige Zahl. Zählung nach Nächten ist, ebenso wie Zählung nach Wintern, ebenfalls alter, bodenständiger Germanenbrauch, den schon Tacitus kennt. Der Mythus von Odins Hängung und Selbstopferung sieht also gut germanisch aus. Und doch it er wohl nur die Germanisierung von Christi Kreuzestod.

Irgendwann innerhalb der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hat irgendwo an der Donau oder am Rhein ein germanischer Thul von dem Opfertode des fremden Gottes am Kreuz gehört, und daraus ist in seiner lebhaft ergriffenen Phantasie das geworden, was wir in der Edda lesen: ein Zeugnis weniger von christlichem Einfluß auf die ungetauften Germanen als von deren souveräner Verständnislosigkeit gegenüber der jüdisch-christlichen Gedankenwelt.

Schon in vorgeschichtlicher Zeit müssen südliche Religionen zu uns herübergewirkt haben. Balder, der Liebling der Götter und Menschen, welcher stirbt und von aller Natur und Kreatur beweint wird, in die Unterwelt wandert und von Hel zurückerbeten wird, ähnelt dem Adonis und besonders dessen Urbild, dem sumerisch-babylonischen Wachstumsgott Tamuz, so sehr, daß er ebenso wie Adonis letzten Endes aus Mesopotamien stammen muß. Im alten Vorderasien sind Kulte und Religionen aufgeschossen wie Pflanzen in einem Treibhause, und mehrere von diesen sind weit nach Europa hinein ausgestrahlt, am weitesten und am nachhaltigsten das Christentum, aber vor, neben und nach ihm auch andere Religionen, so die Verehrung des Adonis, Attis, Mitra und anderer Heilbringer. Der nordeuropäische Vertreter dieser Gruppe ist Balder.15 Auch er erscheint in interessanter Weise germanisiert, aber die fremden Bräuche und Vorstellungen haben sich in diesem Falle merkwürdig stark geltend gemacht und sich merkwürdig treu durch die Jahrhunderte behauptet, wenn auch anscheinend lange nicht überall in Germanien. So sicher es Balderheiligtümer gegeben hat, und so sicher der todgeweihte Gott nicht bloß in Skandinavien und Dänemark, sondern auch in Norddeutschland bekannt gewesen ist, so gewiß ist die Spärlichkeit seiner Bezeugung nicht zufällig. Als den nordischen Baldergläubigen die erste Kunde von Christus zukam, fiel ihnen die Ähnlichkeit der beiden Gestalten auf, und sie machten ihren Balder, um es den Fremden gleichzutun, vollends zu einer Art Christus, indem sie ihn „blutiges Opfer“ nannten.

Schon Tacitus weiß, daß hier und da in Germanien – ähnlich wie in Rom – auch fremde Gottheiten verehrt wurden. „Einen Teil der Sweben“ läßt er nämlich der ägyptischen Isis opfern, die auch in Rom Anhänger hatte, und für deren Kult ein herumgeführtes Schiff kennzeichnend war. Wenn es auch fraglich bleibt, ob die betreffende Göttin bei den Sweben wirklich „Isis“ hieß – denn dies könnte ja „römische Interpretation“ sein -, so liegt doch kein Grund vor, die Richtigkeit der Angabe an sich zu bezweifeln. Von einem der östlichen Stämmen, den „Nahanarvalern“ im heutigen Schlesien, berichtet Tacitus, daß dort ein göttliches Brüderpaar verehrt werde und der Priester wie eine Frau gekleidet sei, also lange Gewänder trage. Es ist diese eine der Stellen in der „Germania“, wo man den germanischen Berichterstatter zu hören glaubt. Als die ersten christlichen Glaubensboten, talartragende Geistliche, nach Island kamen, verspottete man sie dort als Weiber wegen ihrer Tracht. In ähnlichem Sinne werden sich die Nachbarn der Nahanarvaler über deren sonderbare Priestertracht unterhalten haben. Gewiß war diese Tracht die Nachahmung irgendeines südöstlichen Vorbildes. Durch Schlesien ging eine alte Handelsstraße die Oder hinab. Die lappische Nachahmung germanischen Opferbrauchs lehrt, daß germanische Opferpriester Kränze auf dem Haupt getragen haben, nach mittelmeerischer Sitte. Gerade auf dem Gebiete der Tracht und des Schmucks sind Entlehnungen von Volk zu Volk etwas sehr Häufiges. Die Germanen, die nicht auf südlichem Kulturboden den Zusammenhang mit den Stammesgenossen verloren hatten, haben in ihrer Masse keine Neigung gezeigt, fremde Moden anzunehmen, im Gegensatz zu den germanischen Völkern im Mittelalter und in der Neuzeit; Hosen, Haartracht u. a. unterschieden sie dauernd von Römern und Griechen. Aber die gehobene Sphäre des Gottesdienstes konnte leicht Ausnahmen schaffen. Die betreffenden Kulte konnten gleichwohl bodenständig sein, wie denn Tacitus dies von dem Kult der germanischen Dioskuren ausdrücklich hervorhebt. Diese sind wahrscheinlich ein Erbe aus indogermanischer Urzeit, da sie nahe Gegenstücke bei Indern (die Açvins) und Griechen haben.

Unter denselben Gesichtspunkt fällt der Hauptbestand der germanischen Religion. Nicht bloß der sogenannte niedere Aberglaube, einschließlich Beschwörungsformeln – wie die des Merseburger Balderspruches, die sehr ähnlich im Veda wiederkehrt -, ist indogermanisch – war bei den Vorfahren der Germanen in Gebrauch lange, ehe der letzteren Sprache entstand -, sondern auch der Glaube an die Himmelsgötter, die von oben alles sehen und lenken, und die man im Freien anruft, so wie in einem Eddaliede Sigurd und die von ihm erweckte Walküre auf Bergeshöhen beten:

Heil euch, Asen!Heil euch, Asinnen!Heil dir, fruchtschwere Flur!Rat und RedeGebt uns ruhmreichen beidenUnd heilkräftige Hände!

„Asen“ (älter „Ansen“, ansis16) war der verbreitetste germanische Name für die übermächtigen Wesen am Himmel und im Luftraum, die bei den Römern superi (die Oberen), bei den Griechen uranioi (die Himmlischen) hießen. Die Mannigfaltigkeit der Bezeichnungen zeugt von lebhafter Beschäftigung mit diesen Wesen. Besonders merkwürdig ist ein Name für sie, der nur im Altnordischen begegnet und dort t¯ivar lautet, aber uralt ist, denn er ist dasselbe Wort wie das gleichbedeutende lateinische dei (dii, divi) und das ebenfalls gleichbedeutende altindische d¯ev¯ah; es ist dies also ein nachweislich urindogermanischer Name für die Himmelsgötter. Schon in indogermanischer Urzeit dachte man sich diese nach irdischem Muster als eine Familie und verehrte demgemäß am höchsten das Haupt dieser Familie, das man den Himmelsgott im engeren Sinne und zugleich den „Vater“ nannte: altindisch Dyauspitar, griechisch Zeus pater, lateinisch Ju-piter. Auch bei den Germanen findet sich dieser oberste, väterliche Himmelsgott. Es ist Wodan, der mit seiner – nicht immer einverstandenen -2 göttlichen Gemahlin im Himmel haust als Vater der Götter und Menschen und seine besondere Freude an Krieg und Männerfall hat, alles ganz wie Zeus. Jedoch heißt Wodan nicht so, wie der himmlische Vater der südlichen Indogermanen und demnach schon der der Urindogermanen hieß; dessen Namen trägt vielmehr ein anderer germanischer Gott, der Tyr der Nordleute, Tiw der Angelsachsen, Ziu der Hochdeutschen, nach dem noch heute der dritte Wochentag heißt (dänisch Tisdag, englisch Tuesday, alemannisch Ziestig). Leider wissen wir von diesem Tyr nur wenig. Das beruht aber darauf, daß der seit Urzeiten als Tyr (germanisch Tiwas) verehrte Himmelsvater bei den Germanen schon früh den Namen Wodan (Wodanas) bekommen hat, weil es einen ihm ähnlichen Gott Wodan gab und man die beiden als einen und denselben auffaßte, welchen Wodanas, und nicht Tiwas, zu nennen sich empfahl, da letzterer Name, der ja auch allgemein Gott (Himmelsgott) bedeutete, weniger auszeichnend war (derselbe Grund hat dazu mitgewirkt, daß z. B. der Jupiter der Römer nicht „Deuspiter“ heißt, sondern Jupiter). Ehe Wodan Himmelsvater wurde, war er jedenfalls ein Luftwesen, das man im Zug und Geräusch des Windes zu spüren glaubte, und das man sich mit zahlreichem Gefolge, auch von hellkreischenden Mädchen, über uns einherbrausen dachte. Das ist die Erscheinungsform des indischen Gottes Vata, der auch im Namen unserem Wodan nah verwandt ist; Vata ist zugleich das indische Wort für „Wind“, und Wodan hat ebenfalls ursprünglich „Wind“ oder „Weher“ bedeutet. In dem deutschen und südskandinavischen Volksglauben vom wilden Jäger ist dieser uralte Sturmdämon bis heute am Leben, und zwar in der altertümlichen Gestalt, die er hatte, ehe er Himmelsvater wurde, und die durch diese Erhöhung des Gottes nicht aus dem Bewußtsein des Volkes verdrängt worden ist.17 Volksglaube und Religion waren, soweit unser Blick in der Zeit hinaufreicht, niemals ganz dasselbe.

Von Anfang an treffen wir bei den Germanen große, öffentliche Kulte mit Tempeln, Götterbildern und öffentlichem Priesteramt, neben viel zahlreicheren Naturkulten an Quellen, in Hainen und an sonstigen heilig gehaltenen Örtlichkeiten. Letztere rückt Tacitus, in dem Bestreben, das von den Römern grundverschiedene Naturvolk zu schildern, stark in den Vordergrund, und daher gelten sie heute noch vielen als die eigentlich germanische Form der Götterverehrung – offenbar mit Unrecht, wenn der Irrtum auch begreiflich ist, da die ahnungsvolle Ehrfurcht vor der im Hainesrauschen gestaltlos webenden Gottheit, das schweigende Schöpfen aus der heiligen Quelle auf Helgoland (von der Willibrords Leben erzählt) oder eines Thorolf fromme Scheu vor den Geistern von Berg und Wiese uns unmittelbar sympathisch ansprechen – wie denn Klopstock dadurch zu dichterischem Neuerleben gebracht worden ist -, die Opfermahlzeiten und der Wedel zum Blutspritzen dagegen, welche die altnordischen Quellen uns vorführen, auf zarte Gemüter abstoßend wirken müssen und man natürlich seinen Vorfahren lieber das Sympathische zutraut als das Fremdartige oder gar Abstoßende. Daß solche Gefühlsurteile Beweiskraft hätten, wird niemand behaupten wollen. In Wahrheit ist den Germanen beides zuzutrauen, auch das manchem Unsympathische. Im Jahr 14n.d.Ztr. machten die Römer im Gebiet der Marsen, zwischen Ruhr und Lippe, einen Tempel der „Tamfana“ dem Erdboden gleich, offenbar deshalb, weil diese Kultstätte mit dem dabeiliegenden Dingfeld der Mittelpunkt der Marsen war, die hier ihre Herzöge wählten und von hier unter dem Schutz der Götter zum Kriege auszogen. Eine Götterstatue z. B. wird erwähnt bei der Nerthus, die nach beendeter Umfahrt mit den heiligen Rindern im See rituell gereinigt wurde. Auch hat sich in Dänemark ein sehr altes Götterbild aus Holz gefunden, und die vielen Götterbilder der altnordischen Quellen wären ebenso wie die altnordischen Tempel und die gemeingermanischen Ausdrücke für „Tempel“ unerklärlich, wenn sich nicht alten Gebrauch fortsetzten. Die blutigen Tier- und Menschenopfer bezeugt ebenfalls bereits Tacitus, ja schon bei Plutarch lesen wir von den rituellen Schlachtungen der Kimbern und dem Wahrsagen ihrer Weiber aus den Eingeweiden. Die größten Opfer waren die öffentlichen, und nur bei diesen wurden auch Menschen der Gottheit dargebracht.Nach Tacitus verehrten die Germanen, abgesehen von örtlich begrenzten Kulten wie dem der Nerthus oder dem der Tamfana, drei große Götter: Merkurius, Herkules und Mars.

Unter den letztgenannten ist Tiwas, unter „Herkules“ Donar, unter „Merkurius“ aber sicher Wodan zu verstehen. Diesen, sagt Tacitus, verehren sie am höchsten, und ihm allein bringen sie Menschenopfer dar. Diese Angabe zeigt, daß Wodan zu Tacitus‘ Zeit schon ungefähr das war, was er in den nordischen Quellen ist, nämlich der oberste Gott, der eigentliche Empfänger von Menschenleichen und – was hiermit natürlich eng zusammenhängt – der Gott, der die Toten ins Jenseits abholt (dies gab den Anlaß zur Interpretation als Merkurius). Die Verschmelzung des Windgottes mit dem herrschenden Himmelsvater hatte sich also damals schon vollzogen; das Luftgefolge jenes war als Totenheer in das neue Glaubensgebilde eingegangen. Hierfür spricht auch, was Tacitus in seinem 39. Kapitel über das große Stammesheiligtum im Gebiete der Semnonen (in der späteren Mark Brandenburg) mitteilt. Der allwaltende Gott, der hier in banger Scheu mit Menschenopfern geehrt wird, ist Wodan. Der Schriftsteller meint es deutlich genug zu sagen und daher den Namen weglassen zu können, wodurch die fromme Scheu sozusagen auf Autor und Leser übertragen und also der Eindruck gesteigert wird. Der Hain, den die Gläubigen nur gefesselt betreten, und in dem niemand sich vom Boden erheben darf, ist auch der Edda als „Fesselhain“ (Fjöturlundr) bekannt; in seinem Frieden vollstreckt Dag die Rache an dem sonst unüberwindlichen Helgi, und er tut es mit Odins Beistand und Einverständnis, wünschte doch der Gott solche speergetroffenen Opfer in seinem Hain. Dieser Fesselwald der Semnonen und nordische Nachrichten über den „Schrecker“ Odin zeigen, daß die religiös kühlen, selbstbewußten Germanen doch auch Furcht und Gehorsam wenigstens gegenüber einem, ihrem furchtbarsten und mächtigsten Gotte gekannt haben.

Die tiefe Scheu vor Wodan galt seiner undurchdringlichen Weisheit, die sich oft als Tücke darstellte. Wenn einer der heidnischen Götter allmächtig war, so Wodan, und er war es kraft eines zauberhaften Könnens und Wissens, gegen das die Zauberkünste aller anderen Wesen ein Nichts waren. Wodan war der schlechthin Überlegene und Unerforschliche. Ihm zu vertrauen, war nicht jedermanns Sache. Er konnte zwar helfen wie kein anderer, besonders zu Sieg im Kriege, aber er konnte seinen Freund jeden Tag verraten, indem er sich plötzlich gegen ihn wandte. Das sagenhafte Hauptbeispiel hierfür ist das Schicksal des großen Dänenkönigs Harald Kampfzahn. Dieser versprach dem Gotte alle Krieger, die er erschlagen würde, und erhielt dafür Unverwundbarkeit durch Eisen und die Kunst der keilförmigen Schlachtordnung. Harald hatte aber einen vertrauten Diener, Bruni, der oft Botengänge für ihn machte. Auf einer dieser Wanderungen ertrank Bruni in einem Flusse, und Wodan nahm seine Gestalt an und diente unerkannt dem Könige, der von jenem Unglücksfall nicht erfahren hatte. Dabei säte er durch falsche Botschaften Zwietracht zwischen seinem Herrn und dem Schwedenkönig Sigurd Ring, so daß es zum Kriege kam.

Als der alternde Harald an der Spitze unübersehbarer Heerscharen auszog zum Treffen auf den Bravellir, da war Bruni sein Wagenlenker, und dieser meldete, auch die Schweden rückten in Keilstellung an. Dem Greise kamen böse Ahnungen, er begann seinem Wagenlenker zu mißtrauen, in ihm den verkleideten Wodan zu erkennen, und wirklich stieß dieser ihn, als das Schlachtengetümmel seinen Gipfel erreicht hatte, vom Wagen auf das blutige Feld und erschlug den Wehrlosen mit einer Keule. – Eine ähnlich trugvolle Rolle spielt Wodan in der Geschichte des fränkischen Heldengeschlechtes der Wölsungen, das lange seinen besonderen Schutz genießt. Sigmund verdankt ihm ein wunderstarkes Schwert, aber dieses Schwert zerbricht in einer Schlacht, so daß Sigmund den Tod findet, weil der Gott aus den Reihen der Feinde heraus seinen Speer der geschwungenen Klinge entgegengehalten hat. – Auch dem Jarl Hakon von Norwegen, der auf Odin so großes Vertrauen setzte, wurde dieser schließlich untreu, indem er ihm böse Ratschläge eingab und seinen Gegnern den Sieg schenkte.Die Furchtbarkeit Wodans erklärt sich daraus, daß er die Toten abholt. Als Herr über Leben und Tod ist er so unberechenbar wie das Todesschicksal selbst.

Es findet sich aber in altnordischen Quellen ein frommer Gedankengang, der Odins Unberechenbarkeit begründet, ja feiert. Der unbekannte Skalde, der nach dem Fall des Norwegerfürsten Eirik Blutaxt (um 950) diesen verherrlichte, indem er seinen Einzug an der Spitze der von ihm Erschlagenen in Walhall darstellte, läßt den Herrn von Walhall auf die Frage, warum er einen so tapferen Helden habe fallen lassen, zur Antwort geben: „Es schaut der graue Wolf zu den Göttersitzen herüber!“ Das ist der Fenriswolf, das gefährlichste der Ungeheuer, die immer auf der Lauer liegen gegen die Götter und gegen den Bestand der Welt und eines Tages wirklich losbrechen. Dann wird Odin seine Getreuen zum Kampfe führen gegen die niederreißenden Gewalten, und es wird der härteste aller Kämpfe sein, darum sorgt der weise Weltherrscher schon jetzt und immerfort für Stärkung seiner Mannschaft, und gerade die Stärksten und Mutigsten sind ihm am meisten willkommen: von Odin unterstützt sorgen sie im Leben für scharenweisen Männerfall, sobald aber ihre Kraft für das Diesseits erschöpft ist, müssen sie selber fallen, um im Jenseits mit ihren Feinden zusammen dem höchsten Zwecke dienen zu können. Wenn die Berge stürzen und die Erde ins Meer sinkt, dann entscheidet sich das Schicksal der Welt oben am Himmel, wo Götter und Tote hausen.Das ist die altnordische Theodicee, eine rechte Ausgeburt germanischen Kriegerlebens. Zu ihr gehört auch das Bild von Walhall: in der riesigen Halle, die mit Schilden gedeckt ist statt mit Schindeln, Speere als Dachsparren hat, vor deren Giebel Wolf und Adler tot hängen, deren Bänke mit Brünnen (d. h. mit ringbenähten Kampfwämsern) statt mit Kissen belegt sind, da schmaust und zecht Odins Gefolgschaft – die Einherier – Tag für Tag, jeden Morgen ziehen sie aus, um einander im Kampfe zu fällen, sitzen dann aber alle gesund und einträchtig beisammen (dies eine freie Variante der seit alters weit verbreiteten Ortssagen von Heeren Gefallener, die auf oder über Schlachtfeldern in der Luft allnächtlich weiterkämpfen, wie so viele Gespenster die entscheidende Tat ihres Erdenlebens ruhelos wiederholen müssen). Natürlich kommen die Einherier, welche fallen, ebenso nach Walhall wie Krieger, die auf Erden den Kampftod leiden.

Da letzteres dank Odins Walten von jeher geschehen ist und ständig weiter geschieht, ist die Zahl der Walhallgäste riesig groß und wächst fortwährend weiter. Aber es ist dafür gesorgt, daß Speise und Trank nicht ausgehen: ein unsterblicher Eber wird in einem wunderbaren Kessel – einer Art Gralschüssel – vom kunstfertigen Walhallkoch dauernd gesotten (wie ein Opfer im Tempel, während man im gewöhnlichen Leben das Fleisch am Spieß briet), indes die Ziege Heidrun, die wie die Hausziege manches norwegischen Bergbauern auf dem Dach weidet, aus ihren Eutern nimmerendenden Met spendet, den die Walküren – Odins Dienerinnen, die die gefallenen Krieger von der Walstatt holen – den Einheriern über die Feuer zureichen.

So geht es in dieser größten aller Fürstenhallen beim höchsten aller Herrscher tagaus, tagein, jahraus, jahrein zu, bis das Weltende, Ragnarök, hereinbricht. Inzwischen zieht Odin Kundschaft ein durch seine beiden Raben, die durch alle Welt fliegen, oder er sitzt mit Frigg (althochdeutsch Frija) draußen auf der Türbank (Hlidskjalf) und späht hinunter zu den Menschen oder hinüber zu den Riesen, oder er besteigt sein Wunderroß Sleipnir, das ihn durch die Lüfte trägt, und reitet selbst auf Kundschaft, meist ins Menschenland, wo besonders Schlachtfelder ihn anziehen (wenn man durch den gebogenen Arm sieht, kann man ihn über die Walstatt reiten sehen), zuweilen aber auch nach Riesenheim, den eigentlichen Jagdgründen seines starken Sohnes Thor, der in seinem von Böcken gezogenen Wagen über das Himmelsgewölbe donnert und die Riesenbrut, die Schädiger der Menschen, erschlägt, auch die Weiber nicht schonend. Asen und Riesen wohnen benachbart, wie zwei feindliche Stämme auf Erden. Es gibt einen Grenzfluß zwischen ihnen. Oft erscheint Odin auf Erden als Wanderer. Dann erkennt man ihn an seinem Mantel, dem breiten Hut,18 langen Bart und der Einäugigkeit.

Solche Gestalten treten in den nordischen Sagenerzählungen öfters auf, und meist bleibt es im Dunkel, ob es wirklich Odin ist. Hierin spiegelt sich der alte Volksglaube. Bei manchem Fremden fragte man sich, ob er ein Gott gewesen sei, nicht immer wegen seines Aussehens, manchmal auch wegen seines Benehmens (wie Harald Kampfzahn), oder wegen einer inneren Wirkung, die man von ihm verspürte, so wie Telemach, nachdem Athene in des alten Mentes Gestalt ihn verlassen, Kraft und Mut und heftige Gedanken an den fernen Vater in sich aufsteigen fühlt und daher gleich ahnt, der Besucher sei ein Gott gewesen. Gerade der allgewaltige Odin machte sich oft im Innern fühlbar. Wir sahen schon, wie der Skalde Egil ihm Dichtergeist und Charakter zu verdanken glaubte. Ein anderer Skalde sagt von dem Fürsten, dessen Tapferkeit im Kampfe er preist, Odin sei in ihm gewesen. Vielgestaltig und vielnamig ist Odin. Im Grimnirliede der Edda, wo er unerkannt Not leidet zwischen den Feuern in der Halle des ungastlichen Königs, hebt er den Blick zu den himmlischen Wohnungen und enthüllt sich schließlich in seiner ganzen Majestät; der König, dem die Augen aufgehen, stürzt in das eigene Schwert und fällt dem Gott als Opfer (eine ähnliche Sage wie die griechische von Zeus und dem ungastlichen Arkadierkönig Lykaon).

Walhall hat 640 Tore, und aus jedem dieser Tore ziehen acht Hundertschaften (960) Einherjer, wenn die Ragnarökschlacht geschlagen werden soll auf dem Felde Vigrid oder auf der Insel Oskopnir. Dann rücken Fenrir und die Scharen der anderen Riesen und Ungeheuer an gegen die Asen und ihr Heer. Die Asen werden tapfer kämpfend fallen, und Walhall wird in Flammen aufgehen. Frey erliegt dem Feuerriesen Surt; Thor tötet die Weltschlange, aber ihr Gifthauch wird ihm zum Verderben, so daß er neun Schritte von der Verendenden zurücktritt und dann tot umsinkt; Odin wird von dem Wolfe verschlungen, doch sein Sohn Vidar rächt seinen Tod, indem er den bis in den Zenith ragenden Oberkiefer des Ungeheuers mit starker Faust nach oben umbiegt, so daß Fenrir stirbt – ein echt volkssagenhaftes Bild von großartiger, schlichter Plastik.Die junge Göttergeneration überlebt die Katastrophe und wird in einer neuen Welt im Saale Giml¯e, der heller leuchtet als unsere Sonne, sich des Lebens freuen. Doch weiß niemand von dieser fernen Zukunft Gewisses zu sagen.

Die Ragnarökvorstellungen des alten Nordens sind vielgestaltig. So dachte man sich die Götterfeinde in verschiedener Gestalt und unter verschiedenen Namen – einer davon war „Muspells Söhne“, dämonische Reiter, die mit Feuer durch den dunklen Grenzwald geritten kommen -, aber auch der Kampf der Götter wurde verschieden vorgestellt, besonders aber waren die Naturkatastrophen mannigfach: bald handelte es sich um ein Versinken der Erde ins Meer – aus dem sie dann zu neuem Leben wieder auftaucht, so daß Wasserfälle von den Felskanten stürzen, über denen der Adler schwebt, nach Fischen spähend -, bald um eine gewaltige Feuersbrunst, die hoch zum Himmel emporschlägt, bald um den Fimbulwinter, in dem alles Lebendige erfriert bis auf ein junges Menschenpaar, das „in Hortmimes Holze“ Zuflucht findet und, wenn die Sonne wieder steigt, neue Geschlechter begründen wird.

Wie weit die nordischen Ragnarökgedanken auch südgermanisch, also in Deutschland verbreitet, gewesen sind, das läßt sich urkundlich nicht feststellen. Da aber Weltuntergangsvorstellungen bei vielen Völkern belegt sind und zum Teil in sehr ähnlicher Form wie bei den Nordgermanen (der Fimbulwinter z. B. ist auch persisch), so sind den südlichen Nachbarn der Nordleute, die fast die gleiche Sprache wie sie redeten, solche Vorstellungen erst recht zuzutrauen. Daß sie ihnen nicht gefehlt haben, ist beweisbar. Es gibt nämlich wörtliche Anklänge zwischen altnordischen Gedichten, die Weltschöpfung und Weltuntergang behandeln, und stabreimenden deutschen Versen, die unter anderem das Wort m¯udspell oder muspilli in der ungefähren Bedeutung von „Weltuntergang“ enthalten. Ferner kommt die Ursprungssage in Betracht. Wenn man dem Irmin eine Säule errichtet hat, mit der die Welt gestützt werden sollte, so hat man eben gefürchtet, daß die Welt oder der Himmel einmal einstürzen würde (ein Glaube, der für die alten Kelten ausdrücklich bezeugt ist), und der Gott, der die Welt stützt, tat dasselbe wie Odin, der Kämpfer sammelt, um die Welt zu verteidigen.

Auch das Christentum hat eine Lehre vom Weltuntergang, die sich mit dem heidnischen Ragnarökglauben nahe berührt: vor dem Jüngsten Gericht wird die Welt mit Feuer verheert. Schon die ersten Bekehrer brachten dieses christliche Ragnarök zu den Germanen, und wir finden es zum Beispiel dargestellt in der alten stabreimenden Predigt aus Bayern, die den Namen „Muspilli“ führt. Die einzelnen heidnischen Anklänge in diesem Text und die Wiederkehr des vernichtenden Feuers können aber nicht darüber täuschen, daß die letzten Dinge des Christentums etwas von Grund auf anderes sind als das germanische Ragnarök. Das eschatologische Feuer der Christen ist gesandt von der Gottheit, um die sündige Menschheit heimzusuchen. Das heidnische Weltfeuer und die anderen heidnischen Ragnarökkatastrophen sind rein naturhafte Vorgänge und richten sich gegen die Götter, welche ihnen, bzw. den feindlichen Dämonen, widerstehen und dabei den Heldentod sterben, unterstützt von Scharen wackerer Krieger, den Menschen, die mit ihnen eines Sinnes sind. In diesem einfachen und anschaulichen Gegensatz verkörpert sich der tiefe Unterschied christlicher und germanischer Lebensanschauung überhaupt.

Das germanische Ragnarök, die bei weitem reichste, die eigentlich klassische Ausprägung des Weltuntergangsgedankens als solchem,19 ist zugleich ein treuer Ausdruck des germanischen Lebensgefühls. Germanien war ein Land voll Gefahren und Unsicherheit; die Natur drohte an den wahrscheinlich noch ganz ungeschützten Küsten mit Überschwemmungen und mit Wanderdünen, der Urwald barg hungrige Raubtiere in Menge, Geächtete trieben ihr Wesen, nie konnte man sicher sein vor dem Überfall beutelüsterner Scharen oder landsuchender Bevölkerungen, und zahlreich waren diejenigen, die in offener oder schlummernder Fehde lagen mit nahen oder fernen Nachbarn. Solche Verhältnisse mußten wohl Ragnarökstimmung erzeugen und Ragnarökphantasien begünstigen. Wenn die einzelne Siedelung früher oder später den Elementen oder dem Feinde zum Opfer fiel, warum sollte das Ganze der Welt besser daran sein?

Der Germane duckte sich aber nicht mit Seufzen und Wehklagen unter das Schicksal, sondern er trat ihm aufrecht gegenüber, entschlossen, es abzuwenden oder, wenn der Feind die Oberhand behielt, ehrenvoll zu fallen, und dieses mannhafte Trotzen war für ihn die eigentliche Würze des Lebens. Seine Götter, die seine Freunde waren, dachten wie er. Auch für sie war Gegenwehr selbstverständlich, nicht bloß im aussichtsreichen, sondern erst recht im aussichtslosen Kampfe. So symbolisiert sich in dem Vorsorgen Odins und dem tragische Fall der Götter ein tiefer Lebensernst, das Beste des germanischen Charakters.Die germanische Religion ist, verglichen mit anderen, sehr wenig illusionistisch. Erwartete der Germane wirklich Außerordentliches, etwas wie ein absolutes Heil oder eine radikale Erlösung vom Lebensleid, von seinen Göttern, so würde er sich ihnen viel rückhaltloser und wärmer hingeben und unterwerfen, als er, wie wir gesehen haben, durchschnittlich tut. Er bleibt aber mit seinen Hoffnungen im Bereich der eigenen Lebenserfahrung, für die es Böses und Gutes, aber kein absolutes Heil gab.

DER JESUS VON NAZARETH

Germanenherz Die Christianisierung

Die Geschichtlichkeit eines „Jesus von Nazareth“ läßt sich nicht erweisen und selbst die theologische Forschung gesteht dies mehr oder weniger unumwunden zu. Sie zieht sich auf den schwankenden Standpunkt einer „Kulterzählung“ zurück, ohne indes irgendwie und irgend etwas an der Offenbarungseigenschaft der Evangelien aufgeben zu wollen. Die Geschichtlichkeit aber des palästinischen Christus verliert alle
Wahrscheinlichkeit schon durch den Umstand, daß das Volk der Juden, in das er hineingeboren worden sein soll, ebensowenig als Volk bestand, jedenfalls niemals in dem Sinne der fragwürdigen Überlieferung des alten Testamentes. Es ist schon von anderer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Juden, wie heute, auch schon damals kein Volk bildeten, das mit seinen Wurzeln in einem Heimatboden haftete, sondern von jeher nur aufgepfropft erschien auf anderen, sozusagen echten Völkerschaften. So rastete es auch eine Zeitlang in Palästina mit einer herrschend gewordenen Schicht von Priestern. Wir behaupten, daß der Name der Juden von dem Namen der Goten, der Guten, abgeleitet werden muß: Gute- Gote, in der Vernichtung des Begriffes: Jote-Jude!

Selbstverständlich muß in einem „ausgewählten“ Volke der „Guten“, der Goten, auch der Heiland, der Menschenführer erstehen, was die klare mythische Gestalt eines Christus von selbst fordert. Nur daß ein solches Geschehnis niemals zu irgendeiner behaupteten Zeit in Palästina bei den „Juden“ erfolgte, sondern, wenn überhaupt, vor undenklichen Zeiten bei jenem Volke Gottes, nämlich der Goten im Norden, von denen die geschichtlichen Goten die Nachkommen sind, die uns auch die älteste Übersetzung des Alten und des Neuen Testamentes, heute in Bruchstücken, hinterließen.

Wie diese Dinge eigentlich liegen, ist noch längst nicht geklärt, aber es müßte schon bedenklich stimmen, daß Herodot, der größte bekannte Geschichtschreiber des Altertums, um 460 vor unserer Zeitrechnung, von einem Volke der Juden oder ihrem Staate nichts zu berichten weiß. Hätte dieses Volk die Bedeutung gehabt, die uns seine vielfach übertriebene und gefälschte Geschichte vortäuscht, so wäre Herodot nicht mit Stillschweigen darüberhinweg gegangen. Die Juden spielten eine ähnliche Rolle in Handel und Verkehr des Altertums wie heute noch. Wir hören jetzt wieder von den Versuchen der Juden, sich in Palästina ein völkischjüdisches Staatsgebilde zu schaffen. Es würde nur aufzurichten sein mit fremder Hilfe und auf dem Rücken einer eingeborenen Bevölkerung, heute wie damals, als die eingeborenen nichtjüdischen, zum Teil arischen Stämme noch Galiläer, Samariter, Edomiter, Syrier, Phönizier und Philister hießen.

Es ist darum nicht verwunderlich, wenn Herodot alle alten bodenverwachsenen Völker aufzählt; Griechen, Perser, Phöniker, Meder, Phrygier, Ägypter, Germanen, Araber, Äthiopier, Inder, Babylonier, Assyrer, Skythen, Sarmaten, Massageten und von ihrer Kultur und ihrer Geschichte spricht, aber mit keinem Worte ein Volk oder einen Staat der Juden angibt. Kommt er auf Palästina zu sprechen, erwähnt er nur, daß es damals von Syriern bewohnt sei. Wenn von den Juden in alten Berichten gesprochen wird, außer in dem eigenen geschichtlich ganz anders zu wertenden Alten Testament, so nur in einer lebhaften Abwehr, die ihren Grund hat in der alle seßhaften Völker befremdenden Tatsache, daß die Juden als einziges unter den Völkern nicht für sich auf eigenem Boden wohnen noch je gewohnt haben. Der echte Nomade scheidet hier als Vergleich völlig aus, denn er lebt ebenso gesetzmäßig und „seßhaft“ auf einem bestimmt umgrenzten
Landstrich wie die anderen bodenständigen Völker, nur mit dem Unterschied, daß er nach altgewohnten wirtschaftlichen und klimatischen Notwendigkeiten auf ihm herumzieht, um seine Herden zu ernähren, niemals aber planlos und willkürlich, während die Juden damals und heute, in keinem Boden jemals verwurzelt, mit der Verlegung des wirtschaftlichen Schwergewichts von Land zu Land wandern. Die Geschichtlichkeit der Gestalt des Jesus läßt sich sicherlich am allerwenigsten aus der Geschichte der Juden belegen.

Arier und Jude sind Gegensätze. Wir treten, um diese Wahrheit auszusprechen, gar nicht erst auf den staubigen Kampfplatz politischer Leidenschaften oder wirtschaftlicher Gegensätze. Wir sprechen eine Tatsache aus, die allen Ehrlichen aus beiden Lagern ganz selbstverständlich erscheint. Das Christentum ist, so wie die Verhältnisse heute liegen, eine ganz ausschließliche Eigenschaft arischer oder mehr oder weniger arisch beeinflußter Völker geworden. Jedenfalls erhält sich das Christentum als Religion und Bekenntnis auf einer höheren Betrachtungsebene nur in den germanischen Ländern. Es muß etwas im Urgrunde des Christentums liegen, und sei dies selbst erst nach seiner Berührung mit den Germanen hineingedacht, was ihnen verwandt ist, während das Judentum sich über fast zwei Jahrtausende hinweg dem Christentum und seinem angeblichen Begründer feindlich erweist. Es ist darum schwer faßlich, wie sich eine Meinung bilden konnte, daß Christus ein Jude gewesen sei. Alles innere Wissen, alles Ge-Wissen spricht gegen eine solche Annahme, so daß es wenig auf sich hat, wenn man einige Stellen des Neuen Testamentes im bezweifelten Sinne erklären möchte, andere Stellen wiederum zeigen den Jesus von Nazareth als den ausgesprochenen Gegensatz des Juden und jüdischer Geistesverfassung. Diese Widersprüche liegen eben in der Schwäche aller schriftlichen Überlieferung und warnen vor einer allzu wörtlichen Anlehnung an jeden veränderlichen Text.

Es kann nur von völlig Christus-Gleichen, wenn wir das Gebild, das Inund Sinnbild dieses Christus-Inneren uns zu eigen machen, verstanden und begriffen werden, daß dieser Christus niemals Jude gewesen sein kann, sofern wir seine Gestalt für eine Wirklichkeit zu nehmen bereit sind. Wären die Juden von gestern und heute dieser Überzeugung selbst, daß dieser Christus einer ihresgleichen war, so hätten sie gewiß den Irrtum seiner Tötung mit Freuden schon längst wettgemacht durch den Übergang zu seiner Lehre. Wenn sie trotzdem den Jesus von Nazareth für sich in Anspruch nehmen, tun sie es aus rassepolitischer Klugheit, weil nichts so sehr ihre geistige und wirtschaftliche Herrschaft über ihre christlichen Wirtsvölker befestigt als die vermeintliche Zugehörigkeit dieses „Christus“ zum Volke der Juden. Darum wurde diesem Volke schon vieles verziehen, was Strafe, Zurückweisung oder Vergeltung gefordert hätte. Unter sich aber sprechen sie nach dem Beispiel ihrer zahllosen Schriften nur in den abfälligsten Worten über ihn und schimpfen ihn den „Gehenkten“ und den Sohn einer Hure.

Ich erwähne diese Umstände hier nicht in solcher Ausführlichkeit, um Haß und Mißverständnis auf beiden Seiten weiter zu schüren, sondern um Einsicht und Verständnis für eine ungeheuer wichtige Frage zu schaffen, die keinen Unfrieden mehr stiften wird, von dem Augenblicke an, in dem sie einigermaßen geklärt erscheint und mit Wahrhaftigkeitsmut behandelt wird.

Nur ein gänzlich verdunkeltes Christentum kann noch einen volksjüdischen Christus verteidigen. Wenn die Menschen ernsthaft nachdenken wollten, so müßten sie sich sagen, daß sie hier gar nicht mit irdischen Maßstäben messen dürfen. Nach den Glaubenslehrsätzen der Kirche ist der Christus vom heiligen Geist empfangen und von einer Jungfrau Maria geboren. Eine Abstammung aus dem Judentum wird also gar nicht vorausgesetzt, wenigstens nicht von Vaterseite her. Da Maria schließlich als „Gottesmutter“ auftritt, so ist ihre Herkunft aus dem volksjüdischen Stamme nicht einwandfrei. Hätte es überhaupt einen Sinn, wenn die Juden einen Juden gekreuzigt hätten? Das tun die Juden nie! Das liegt nicht in ihrem Wesen, das sicher eine beachtens- und nachahmungswerte Eigenschaft aufweist, den völkisch-rassischen Zusammenhang. Wenn sie den „Heiland der Welt“ töteten, dann töteten sie damit nichts in sich oder von sich selbst, sondern im Gegenteil den Geist, der sie stets verneinte. Christus war kein Jude, sondern als ein „Sohn Gottes“ sicher sein Ebenbild, das wir heute füglich im arischen Menschen sehen und das so von jeher bei andern Völkern auch gesehen wurde. Es ist undenkbar, sich einen griechischen Apollo als Juden, als Neger, als Angehörigen irgendeiner Mischrasse zu denken, einschließlich der Griechen von heute, die auch nicht einen Mann oder eine Frau mehr aufweisen von jener Rasse, die das Vorbild zu einem Zeus, einem Herakles, einer Venus von Milo oder einer Athene gab. Es ist ganz ersprießlich, solchen Gedankengängen nachzugehen, weil sie unsere geistige Vorstellungskraft beschwingen und mehr zur Beseitigung von falschen Annahmen beitragen als lange „gelehrte“ Abhandlungen.

Selbst der Heilige muß blond sein, griechisch xanthos, um ein Sanctus werden zu können und zu bleiben. Also blond und heilig (heil-ig ist, wer ein heiles Ich hat), entspringen derselben arischen Wortwurzel. Tausende von erleuchteten Künstlern des Mittelalters, dem man noch keine rassekundlichen Kenntnisse zutraut, haben den Christus als den Gottmenschen, den arischen Sonnenmenschen geschaut, geschildert, gezeichnet und gemalt und in Holz, Ton, Erz und Stein gebildet. Tausende begnadeter Künstler haben Maria als die stolze, schöne Mutter irgendeines arischen holden blonden Gotteskindes gemalt und nachgebildet. Nie wäre es einem solchen Meister beigekommen, den „Herrn“, den Sohn Gottes, den Welterlöser als einen Juden, die Himmelskönigin als eine Jüdin darzustellen.

In der Bibliothek des Vatikans befindet sich ein Brief eines gewissen Publius Lentulus, des angeblichen Vorgängers des Pontius Pilatus. Dieser römische Prokonsul in Palästina schreibt in dem Briefe, der zur Zeit des Tiberius an den Senat von Rom gerichtet sein soll: „Es erschien und lebt in diesen Tagen unter uns ein Mann von merkwürdiger Tugend, den einige, die ihn begleiten, einen Sohn Gottes nennen. Er heilt die Kranken und läßt die Toten wieder auferstehen. Er ist wohlgebildet von Gestalt und zieht die Blicke auf sich. Sein Antlitz flößt Liebe und zugleich Furcht ein. Seine Haare sind lang und blond, glatt bis an die Ohren und von den Ohren bis zu den Schultern leicht gelockt. Ein Scheitel teilt sie auf der Mitte des Hauptes und jede Hälfte fällt seitwärts nach dem Brauche von Nazareth. Die Wangen sind leicht gerötet, die Nase ist wohlgeformt. Er trägt einen Vollbart von derselben Farbe wie das Haar, aber etwas heller und in der Mitte geteilt. Sein Blick strahlt Weisheit und Reinheit aus. Die Augen sind blau, von Strahlen verschiedenen Lichtes durchleuchtet. Dieser Mann, der gewöhnlich in der Unterhaltung liebenswürdig ist, wird schrecklich, wenn er gezwungen wird, zu tadeln. Aber auch in diesem Falle geht von ihm ein Gefühl klarer Sicherheit aus.

Niemand hat ihn je lachen sehen, dagegen oft weinen. Sein Wuchs ist normal, die Haltung gerade, seine Hände und Arme sind von solcher Schönheit, daß ihr Anblick Freude bereitet. Der Ton seiner Stimme ist ernst. Er spricht wenig. Er ist bescheiden. Er ist schön, wenn ein Mann schön sein kann. Man nennt ihn Jesus, Sohn der Maria.“ Die Stellen, die von vornherein den Stempel der Fälschung tragen, sind durch Bogen-Schrift gekennzeichnet. Ob die Urkunde überhaupt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Gestalt und das Aussehen eines rein arischen Menschen ist mit großem Geschick geschildert. Daß der Gottmensch das göttliche Lachen nicht kennte, wäre, nach diesem Bilde, sein größter Fehler. Hier verließ den Schreiber das reine Gefühl. Im Vatikan befinden sich noch unersetzliche und unbekannte Urkunden, so daß das Vorhandensein einer ähnlichen, wie dieser Brief, an sich durchaus wahrscheinlich ist. Nehmen wir die Urkunde als echt an, so sehen wir klar, daß jener Eingeweihte, jener „Christos“ der alten Mysterien in Palästina ein Sproß der arischen Restbevölkerung war, der sich vergeblich bemühte, den arischen Geist im Mischvolke zu beleben und darum von den herrschenden Juden getötet werden konnte. Mit dem Christos, dem HARISTOS, dem kosmischen „Gottessohne“ hat er nichts weiter zu tun, als daß er ihn wohl auffaßte und lehrte, wie wir es auch tun. Das menschliche Bild des „Heilandes“ ist jedenfalls ganz das, wie es die mittelalterlichen Maler wie auf Übereinkunft dargestellt haben, und neuere Bilder, die nach dieser Beschreibung entworfen wurden, beweisen zur Genüge, daß im allgemeinen Bewußtsein der „Jesus Christus“ als ein Mensch reinster arischheldischer Rassenerscheinung und nicht als ein mehr oder weniger deutlicher Jude weiterlebt. Die ersten dunkeläugigen und schwarzhaarigen Darstellungen des Christus als eines mittelländischsemitisierenden Proletariers stammen von Malern aus der Renaissance, die bewußt den göttlichen Weg der Kunst verließen und schließlich die Auflösung jeder sakralen Haltung in der Malerei der Moderne vorbereiteten.

Die Bedeutung des Lentulus-Berichtes und der nach ihm, meist ohne seine Kenntnis ganz entsprechend gefertigten Bilder liegt in der Betonung eines Rassebildes, daß die äußerste Hochzüchtung des arischen Gottmenschen in seiner vergeistigten Gestalt darstellt. Dieser Christus ist das Urbild der kommenden sechsten Rasse, die dem Göttlichen, dem GottÄhnlichen um einen Schritt nähertritt. Solche Beziehungen bezeugen mehr als irgendwelche anderen geschichtlichen Nachweise das Christentum, das ja nur ein Ableger der alten arischen Mysterienlehre ist, als eine ausgesprochene Rassenreligion, also Rata-Ra-dix-Wurzel-Religion, die jede Religion sein muß, wenn sie dem Ziele der Vergöttlichung, der Vergötterung, der Vergottung der Menschheit dienen will. Erst in unserer Zeit haben von ihrem Gotte gänzlich Verlassene es gewagt, Christus als Niederrassigen darzustellen, im Vertrauen darauf, bei Gleichgesinnten Beifall zu finden. Mögen sie es tun! Sie zeigen sich als Hörige des Anti-Christes! Nicht der „Höchste“ hängt am Kreuze dann, vom „Niedersten“ gekreuzigt, sondern der Schlechteste, der Schlechtweggekommenste, der sein Schicksal anklagt, weil er noch nicht weiß, daß alles Schlechtweggekommensein eigene Schuld ist, eigene Last aus früheren Verkörperungen. Weil aber ein jeder Geist nur dem Geiste gleicht, den er begreift, so will er seinen Gott nach seinem Bilde, und darüber ist füglich nicht zu rechten und nicht zu richten. Ein Künstler bildet in allen seinen Werken schließlich nur sich selbst, stellt sein Selbst aus sich heraus. Es bleibt denn nur die Frage offen, ob wir im Antlitz eines arischen „Jesus“ ein Spiegelbild, einen Abglanz Gottes erkennen wollen oder in den Gesichtszügen eines Buschmannes.

Es liegt uns wahrlich wenig daran, einen Beweis zu führen, daß geographisch, geschichtlich und rassenwissenschaftlich gesehen, Christus als ein angeblicher Galiläer kein Jude gewesen sein kann, weil jahrhundertelang Galiläa von Juden vollkommen entblößt war. Uns kommt es auf den inneren Wahrheitgehalt an, auf die Untrüglichkeit eines geistigen Erkennens aus göttlichem Urgrunde, daß das Heil, die Geburt des Heilandes nicht aus dem kommen kann, was die Welt als das „Jüdische“, die Edda als das „Jotische“ im Gegensatz zum „Gotischen“ bezeichnen, sondern aus dem reinen Gegensatz zu eben diesem Jüdischen und Jotischen. Und allein aus diesem Grunde muß jeder Heiland „unter“ irgendwelchen „Juden“ geboren werden, selbst ein Nicht-Jude, denn hier nur kann er seinen Verräter finden, seinen Judas Ischariot, seinen Henker, hier muß er seinen Tod leiden, der ihm von Seinesgleichen niemals geworden wäre. Allen „Juden“ war noch im letzten Augenblick die Wahl gegeben zwischen ihm, dem Nicht-Juden und Barnabas, dem Volksgenossen, aber alle „Juden“ aller Zeiten forderten von jeher die Freigabe eines Barnabas, weil er ein Verworfener, ein Mörder ist. Das heißt eine Symbolsprache, wie sie deutlicher und überzeugender nicht reden könnte.

Wer in der feinen, wohlverstandenen Lehre und in dem reinen, wohlbestandenen „Leben“ des „Christus“ Jüdisches sieht, findet auch sonst aus den Finsternissen seines Menschenunglücks nie wieder heraus, er vermehrt noch alles Unheil auf Erden durch sein Nichtwissen, sein Falschraten. So viele Menschen haben kein Unterscheidungsvermögen, ihre Zunge ist wie ein Reibeisen, sie schmeckt und kostet nichts, ihre Seele ist ein lederner Sack, die nie noch zu einem Höhenfluge sich erhob. Es wäre nun ebenso falsch, den „Christus“ einen Arier zu nennen, denn der Christus ist das „Wort“, der „Logos“, kein Mensch oder Gott zu irgendeiner irdischen Zeit an irgendeinem irdischen Ort. Wir lassen die Möglichkeit eines Eingeweihten offen, der zur angegebenen Zeit in Palästina öffentlich aufgetreten ist. Der hätte mit dem Krist-all isationsgedanken des Welt-Kristes, des Welt-Gerüstes nicht mehr und nicht weniger zu tun als wir alle, die wir eines guten Willens sind. „Christen“ nannten sich im alten Griechenland alle in die Mysterien Eingeführten, die einen höheren Grad in den Geheimbünden bekleideten, und der griechische Ausdruck wurde übernommen und übertragen schließlich auf alle, die der offenbarten Geheimlehre, aus deren gewaltigen Trümmern das frühe Christentum seine Bausteine holte, anhingen.

Darum schrieb noch um 70 n. Chr. der Jude Philo von den „Christen“, sie seien noch nicht Christen, d. h. in die innersten Mysterien Eingeweihte, sondern erst Chresten, d. h. noch Außenstehende. Der Unterschied liegt in der Bedeutung der beiden Vokale I und E, die das Innere beziehungsweise das Äußere schon in ihrem Klangwerte andeuten.

ergänzend: Die christliche Lehre kam aus dem Norden. und hier VON BÜCHERN, DIE DEN GEIST UND DEN LEIB TÖTEN .und hier Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums .und hier Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld und hier Die Christianisierung und hier Zur Unglaubwürdigkeit des Judäo-Christentums und hier Die Christianisierung Nordgermaniens und hier Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

Tacitus üder die Germanen

Publius Cornelius Tacitus Publius Cornelius Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) war ein bedeutender römischer Historiker und Senator.
De origine et situ Germanorum
Die Germania
Allgemeiner Teil 1-46

Lage des Landes, Herkunft der Bewohner, Religion, Sitten und Bräuche, die allen Germanen gemeinsam sind. 

1. Germanien insgesamt ist von den Galliern, von den Rätern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch wechselseitiges Mißtrauen oder Gebirgszüge geschieden. Die weiteren Grenzen schließt das Weltmeer ein, breite Landvorsprünge und Inseln von unermeßlicher Ausdehnung umfassend: erst unlängst wurden einige Völkerschaften und Könige bekannt, zu denen der Krieg den Zugang eröffnet hat. Der Rhein, auf unzugänglicher und schroffer Berghöhe der Rätischen Alpen entspringend, wendet sich in mäßiger Biegung nach Westen und mündet sodann in das Nordmeer. Die Donau, einem sanften und gemächlich ansteigenden Rücken des Abnobagebirges entströmend, berührt eine Reihe von Völkern, ehe sie mit sechs Armen ins Schwarze Meer eindringt; eine siebte Mündung verliert sich in Sümpfen.

2. Die Germanen selbst sind, möchte ich meinen, Ureinwohner und von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Völker gänzlich unberührt. Denn ehemals kam nicht auf dem Landwege, sondern zu Schiff gefahren, wer neue Wohnsitze suchte, und das Weltmeer, das ins Unermeßliche hinausreicht und sozusagen auf der anderen Seite liegt, wird nur selten von Schiffen aus unserer Zone besucht. Wer hätte auch – abgesehen von den Gefahren des schrecklichen und unbekannten Meeres – Asien oder Afrika oder Italien verlassen und Germanien aufsuchen wollen, landschaftlich ohne Reiz, rauh im Klima, trostlos für den Bebauer wie für den Beschauer, es müßte denn seine Heimat sein. In alten Liedern, der einzigen Art ihrer geschichtlichen Überlieferung, feiern die Germanen Tuisto, einen erdentsprossenen Gott. Ihm schreiben sie einen Sohn Mannus als Urvater und Gründer ihres Volkes zu, dem Mannus wiederum drei Söhne; nach deren Namen, heißt es, nennen sich die Stämme an der Meeresküste Ingävonen, die in der Mitte Herminonen und die übrigen Istävonen. Einige versichern – die Urzeit gibt ja für Vermutungen weiten Spielraum – jener Gott habe mehr Söhne gehabt und es gebe demnach mehr Volksnamen: Marser, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das seien die echten, alten Namen. Die Bezeichnung Germanien sei übrigens neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen. Denn die ersten, die den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten, die jetzigen Tungrer, seien damals Germanen genannt worden. So habe der Name eines Stammes, nicht eines ganzen Volkes, allmählich weite Geltung erlangt: zuerst wurden alle nach dem Sieger, aus Furcht vor ihm, als Germanen bezeichnet, bald aber nannten auch sie selbst sich so, nachdem der Name einmal aufgekommen war.

3. Auch Herkules, berichtet man, sei bei ihnen gewesen, und sie singen von ihm als dem ersten aller Helden, wenn sie in den Kampf ziehen. Außerdem haben sie noch eine Art von Liedern, durch deren Vortrag, Barditus geheißen, sie sich Mut machen und aus deren bloßem Klang sie auf den Ausgang der bevorstehenden Schlacht schließen; sie verbreiten nämlich Schrecken oder sind selbst in Furcht, je nachdem es durch ihre Reihen tönt, und sie halten den Gesang weniger für Stimmenschall als für den Zusammenklang ihrer Kampfeskraft. Es kommt ihnen vor allem auf die Rauheit des Tones und ein dumpfes Dröhnen an: sie halten die Schilde vor den Mund; so prallt die Stimme zurück und schwillt zu größerer Wucht und Fülle an. Übrigens meinen einige, auch Odysseus sei auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in das nördliche Weltmeer verschlagen worden und habe die Länder Germaniens besucht. Asciburgium, ein heute noch bewohnter Ort am Ufer des Rheins, sei von ihm gegründet und benannt worden; eben dort will man sogar vor Zeiten einen dem Odysseus geweihten Altar gefunden haben, auf dem auch der Name seines Vaters Laertes stand, und noch heute gebe es im Grenzgebiet zwischen Germanien und Rätien Grabdenkmäler mit griechischen Schriftzeichen. Ich habe nicht die Absicht, diese Angaben durch Gründe zu bestätigen oder zu widerlegen; jeder mag ihnen nach seinem Gutdünken Glauben schenken oder nicht.

4. Ich selbst schließe mich der Ansicht an, daß sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist. Daher ist auch die äußere Erscheinung trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. Für Strapazen und Mühen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf, und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima oder Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet.

5. Das Land zeigt zwar im einzelnen einige Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck. Gegen Gallien hin ist es reicher an Regen, nach Noricum und Pannonien zu windiger. Getreide gedeiht, Obst hingegen nicht; Vieh gibt es reichlich, doch zumeist ist es unansehnlich. Selbst den Rindern fehlt die gewöhnliche Stattlichkeit und der Schmuck der Stirne; die Menge macht den Leuten Freude, und die Herden sind ihr einziger und liebster Besitz. Silber und Gold haben ihnen die Götter – ich weiß nicht, ob aus Huld oder Zorn – versagt. Doch will ich nicht behaupten, daß keine Ader Germaniens Silber oder Gold enthalte; denn wer hat nachgeforscht? Besitz und Verwendung dieser Metalle reizt sie nicht sonderlich. Man kann beobachten, daß bei ihnen Gefäße aus Silber, Geschenke, die ihre Gesandten und Fürsten erhalten haben, ebenso gering geachtet werden wie Tonkrüge. Allerdings wissen unsere nächsten Nachbarn wegen des Handelsverkehrs mit uns Gold und Silber zu schätzen, und sie kennen bestimmte Sorten unseres Geldes und nehmen sie gern; doch im Innern herrscht noch einfacher und altertümlicher der Tauschhandel. Von unseren Münzen gelten bei ihnen die alten und seit langem bekannten, die gezahnten und die mit dem Bilde eines Zweigespanns. Silber schätzen sie mehr als Gold, nicht aus besonderer Vorliebe, sondern weil sich der Wert des Silbergeldes besser zum Einkauf alltäglicher, billiger Dinge eignet.

6. Auch an Eisen ist kein Überfluß, wie die Art der Bewaffnung zeigt. Nur wenige haben ein Schwert oder eine größere Lanze. Sie tragen Speere oder, wie sie selbst sagen, Framen, mit schmaler und kurzer Eisenspitze, die jedoch so scharf und handlich ist, daß sie dieselbe Waffe je nach Bedarf für den Nah- oder Fernkampf verwenden können. Selbst der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Fußsoldaten werfen auch kleine Spieße, jeder mehrere, und sie schleudern sie ungeheuer weit: sie sind halb nackt oder tragen nur einen leichten Umhang. Prunken mit Waffenschmuck ist ihnen fremd; nur die Schilde bemalen sie mit auffallenden Farben. Wenige haben einen Panzer, kaum der eine oder andere einen Helm oder eine Lederkappe. Ihre Pferde zeichnet weder Schönheit noch Schnelligkeit aus. Sie werden auch nicht, wie bei uns, zu kunstvollen Wendungen abgerichtet; man reitet geradeaus oder mit einmaliger Schwenkung nach rechts, und zwar in so geschlossener Linie, daß niemand zurückbleibt. Aufs ganze gesehen liegt ihre Stärke mehr beim Fußvolk; daher kämpfen sie auch in gemischten Verbänden. Hierbei paßt sich die Behendigkeit der Fußsoldaten genau dem Reiterkampfe an: man stellt nur Leute vor die Schlachtreihe, die aus der gesamten Jungmannschaft ausgewählt sind. Auch ist ihre Zahl begrenzt: aus jedem Gau sind es hundert, und eben hiernach werden sie bei den Ihren genannt, und was ursprünglich nur eine Zahlbezeichnung war, gilt nunmehr auch als Ehrenname. Zum Kampfe stellt man sich in Keilen auf. Vom Platz zu weichen, wenn man nur wieder vordringt, hält man eher für wohlbedacht, nicht für feige. Ihre Toten bergen sie auch in unglücklicher Schlacht. Den Schild zu verlieren, ist eine Schmach ohnegleichen, und der so Entehrte darf weder an Opfern teilnehmen noch eine Versammlung besuchen, und schon mancher, der heil aus dem Kriege zurückkehrte, hat seiner Schande mit dem Strick ein Ende gemacht.

7. Könige wählen sie nach Maßgabe des Adels, Heerführer nach der Tapferkeit. Selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt, und die Heerführer erreichen mehr durch ihr Beispiel als durch Befehle: sie werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, wenn sie sich auszeichnen, wenn sie in vorderster Linie kämpfen. Übrigens ist es nur den Priestern erlaubt, jemanden hinzurichten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, und sie handeln nicht, um zu strafen oder auf Befehl des Heerführers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die, wie man glaubt, den Kämpfenden zur Seite steht. Deshalb nehmen die Germanen auch gewisse Bilder und Zeichen, die sie aus den heiligen Hainen holen, mit in die Schlacht. Besonders spornt sie zur Tapferkeit an, daß nicht Zufall und willkürliche Zusammenrottung, sondern Sippen und Geschlechter die Reiterhaufen oder die Schlachtkeile bilden. Und ganz in der Nähe haben sie ihre Lieben; von dorther können sie das Schreien der Frauen, von dorther das Wimmern der Kinder vernehmen. Ihr Zeugnis ist jedem das heiligste, ihr Lob das höchste: zur Mutter, zur Gattin kommen sie mit ihren Wunden, und jene zählen oder prüfen ohne Scheu die Stiche; auch bringen sie den Kämpfenden Speise und Zuspruch.

8. Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es heißt, von den Frauen wieder zum Stehen gebracht: durch beharrliches Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis auf die nahe Gefangenschaft, die den Germanen um ihrer Frauen willen weit unerträglicher und schrecklicher dünkt. Aus diesem Grunde kann man einen Stamm noch wirksamer binden, wenn man unter den Geiseln auch vornehme Mädchen von ihm fordert. Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zur Zeit des verewigten Vespasian erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen müßten.

9. Von den Göttern verehren sie am meisten den Merkur (Wodan); sie halten es für geboten, ihm an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen. Herkules (Donar) und Mars (Zio) stimmen sie durch bestimmte Tiere gnädig. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Worin der fremde Kult seinen Grund und Ursprung hat, ist mir nicht recht bekannt geworden; immerhin beweist das Zeichen der Göttin – es sieht wie eine Barke aus -, daß der Kult auf dem Seewege gekommen ist. Im übrigen glauben die Germanen, daß es der Hoheit der Himmlischen nicht gemäß sei, Götter in Wände einzuschließen oder irgendwie der menschlichen Gestalt nachzubilden. Sie weihen ihnen Lichtungen und Haine, und mit göttlichen Namen benennen sie jenes geheimnisvolle Wesen, das sie nur in frommer Verehrung erblicken.

10. Auf Vorzeichen und Losorakel achtet niemand so viel wie sie. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden von einem fruchttragenden Baum einen Zweig ab und zerteilen ihn in kleine Stücke; diese machen sie durch Zeichen kenntlich und streuen sie planlos und wie es der Zufall will auf ein weißes Laken. Dann betet bei einer öffentlichen Befragung der Stammespriester, bei einer privaten der Hausvater zu den Göttern, hebt, gen Himmel blickend, nacheinander drei Zweigstücke auf und deutet sie nach den vorher eingeritzten Zeichen. Lautet das Ergebnis ungünstig, so findet am gleichen Tage keine Befragung mehr über denselben Gegenstand statt; lautet es jedoch günstig, so muß es noch durch Vorzeichen bestätigt werden. Und der verbreitete Brauch, Stimme und Flug von Vögeln zu befragen, ist auch hier bekannt; hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man in den erwähnten Hainen und Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute. Sie beachten noch eine andere Art von Vorzeichen; hiermit suchen sie den Ausgang schwerer Kriege zu erkunden. Sie bringen auf irgendeine Weise einen Angehörigen des Stammes, mit dem sie Krieg führen, in ihre Gewalt und lassen ihn mit einem ausgewählten Manne des eigenen Volkes, jeden in den Waffen seiner Heimat, kämpfen. Der Sieg des einen oder anderen gilt als Vorentscheidung.

11. Über geringere Angelegenheiten entscheiden die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit; doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammeshäuptern beraten. Man versammelt sich, wenn nicht ein zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran. Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester; sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt. Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab; findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der Zustimmung.

12. Vor der Versammlung darf man auch Anklage erheben und die Entscheidung über Leben und Tod beantragen. Die Strafen richten sich nach der Art des Vergehens: Verräter und Überläufer hängt man an Bäumen auf; Feiglinge und Kriegsscheue und Unzüchtige versenkt man in Sumpf und Morast, wobei man noch Flechtwerk darüber wirft. Die Verschiedenheit der Vollstreckung beruht auf dem Grundsatz, man müsse Verbrechen zur Schau stellen, wenn man sie ahnde, Schandtaten hingegen dem Blicke entziehen. Doch auch in leichteren Fällen entspricht die Strafe dem Vergehen: wer überführt wird, muß mit einer Anzahl von Pferden und Rindern büßen. Ein Teil der Buße kommt dem König oder dem Stamme zu, ein Teil dem Geschädigten selbst oder seinen Verwandten. In diesen Versammlungen werden auch Adlige gewählt, die in den Gauen und Dörfern Recht sprechen; einem jeden steht ein Geleit von hundert Mann aus dem Volke als Rat zugleich und zu größerem Ansehen bei.

13. Niemals, weder bei Sachen der Gemeinde noch bei eigenen, erledigen sie etwas anders als in Waffen. Doch darf keiner Waffen tragen, ehe ihn der Stamm für wehrfähig erklärt. Das geschieht in öffentlicher Versammlung: eines der Stammeshäupter oder der Vater oder Verwandte wappnen den jungen Mann mit Schild und Frame. Dies ist das Männerkleid der Germanen, dies die erste Zier der Jugend; vorher zählen sie nur zum Hause, von jetzt an zum Gemeinwesen. Hohe Abkunft oder große Verdienste der Väter verschaffen auch ganz jungen Leuten die Gunst eines Gefolgsherrn; sie werden den anderen zugesellt, die schon stärker und längst erprobt sind. Es ist auch keine Schande, unter den Gefolgsleuten zu erscheinen. Ja, innerhalb der Gefolgschaft gibt es sogar Rangstufen, nach der Bestimmung dessen, dem man sich anschließt. Und es herrscht lebhafter Wetteifer: der Gefolgsleute, wer die erste Stelle beim Gefolgsherrn einnimmt, und der Gefolgsherrn, wer das größte und tüchtigste Gefolge hat. So kommt man zu Ansehen, so zu Macht; stets von einer großen Schar auserlesener junger Männer umgeben zu sein, ist im Frieden eine Zier, im Kriege ein Schutz. Und nicht nur im eigenen Stamme, auch bei den Nachbarn ist bekannt und berühmt, wer sich durch ein zahlreiches und tapferes Gefolge hervortut. Denn ihn umwirbt man durch Gesandte und ehrt man durch Geschenke, und schon sein Ruf verhindert oft einen drohenden Krieg.

14. Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt: ihn zu schirmen und zu schützen, auch die eigenen Heldentaten ihm zum Ruhme anzurechnen, ist des Dienstes heiligste Pflicht. Die Herren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Herrn. Wenn der Heimatstamm in langer Friedensruhe erstarrt, suchen viele der jungen Adligen auf eigene Faust Völkerschaften auf, die gerade irgendeinen Krieg führen; denn Ruhe behagt diesem Volke nicht, und inmitten von Gefahren wird man leichter berühmt. Auch läßt sich ein großes Gefolge nur durch Gewalttat und Krieg unterhalten. Die Gefolgsleute erwarten nämlich von der Huld ihres Herrn ihr Streitroß, ihre blutige und siegbringende Frame. Denn die Mahlzeiten und die wenn auch einfachen, so doch reichlichen Schmausereien gelten als Sold. Die Mittel zu diesem Aufwand bieten Kriege und Raub. Und nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu holen; es gilt sogar für träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann.

15. Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten rühren sich nicht. Die Sorge für Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen; sie selber faulenzen. Ein seltsamer Widerspruch ihres Wesens: dieselben Menschen lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe. Es ist bei den Stämmen Brauch, daß jedermann freiwillig den Oberhäuptern etwas von seinem Vieh oder Korn überläßt; das wird als Ehrengabe angenommen und dient zugleich der Bestreitung des Notwendigen. Besondere Freude bereiten die Geschenke der Nachbarstämme, die nicht nur von einzelnen, sondern auch im Namen der Gesamtheit geschickt werden: erlesene Pferde, prächtige Waffen, Brustschmuck und Halsketten; wir haben sie schon dazu gebracht, auch Geld anzunehmen.

16. Daß die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja daß sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, daß die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendendweißen Erde, daß es wie Bemalung und farbiges Linienwerk ausssieht. Sie schachten auch oft im Erdboden Gruben aus und bedecken sie mit reichlich Dung, als Zuflucht für den Winter und als Fruchtspeicher. Derartige Räume schwächen nämlich die Wirkung der strengen Kälte, und wenn einmal der Feind kommt, dann verwüstet er nur, was offen daliegt; doch das Verborgene und Vergrabene bemerkt er nicht, oder es entgeht ihm deshalb, weil er erst danach suchen müßte.

17. Allgemeine Tracht ist ein Umhang, mit einer Spange oder notfalls einem Dorn zusammengehalten. Im übrigen sind sie unbekleidet; ganze Tage verbringen sie so am Herdfeuer. Nur die Reichsten haben noch Untergewänder, nicht wallende, wie die Sarmaten und Parther, sondern eng anliegende, die jedes Glied erkennen lassen. Man trägt auch Tierfelle, an Rhein und Donau wahllos, im Landesinneren anspruchsvoller; dort fehlt es an sonstigem Putz, wie ihn der Handel vermittelt. Diese Stämme bevorzugen die Felle bestimmter Wildarten; sie ziehen sie ab und besetzen sie mit Pelzstücken von Tieren, die der äußere Ozean und ein noch unbekanntes Meer hervorbringen. Die Frauen sind nicht anders gekleidet als die Männer nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen, die sie mit Purpurstreifen verzieren. Auch lassen sie den oberen Teil ihres Gewandes nicht in Ärmel auslaufen; Unter- und Oberarm sind nackt, doch auch der anschließende Teil der Brust bleibt frei.

18. Gleichwohl halten die Germanen auf strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen werden. Die Mitgift bringt nicht die Gattin dem Manne, sondern der Mann der Gattin. Eltern und Verwandte sind zugegen und prüfen die Gaben, und zwar Gaben, die nicht für die weibliche Eitelkeit und nicht zum Schmuck der Neuvermählten bestimmt sind, sondern Rinder und ein gezäumtes Roß und einen Schild mit Frame und Schwert. Für diese Gaben erhält der Mann die Gattin, die nun auch ihrerseits dem Manne eine Waffe schenkt. Das gilt ihnen als die stärkste Bindung, als geheime Weihe, als göttlicher Schutz der Ehe. Die Frau soll nicht meinen, sie stehe außerhalb des Trachtens nach Heldentaten und außerhalb des wechselnden Schlachtenglücks: gerade die Wahrzeichen der beginnenden Ehe erinnern sie daran, daß sie als die Genossin in Mühen und Gefahren kommt, bereit, Gleiches im Frieden, Gleiches im Kampf zu ertragen und zu wagen. Dies bedeuten die Rinder unter gemeinsamem Joch, dies das gerüstete Pferd, dies das Schenken von Waffen. Demgemäß solle sie leben, demgemäß sterben; ihr werde etwas anvertraut, was sie unentweiht und in Ehren an ihre Kinder weiterzugeben habe, was die Schwiegertöchter zu empfangen und wiederum den Enkeln zu vermachen hätten.

19. So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen. Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht “modern”. Besser noch steht es mit den Stämmen, in denen nur Jungfrauen heiraten und das Hoffen und Wünschen der Frau ein für allemal ein Ende hat. Nur einen Gatten bekommen sie dort, ebenso wie nur einen Leib und ein Leben; kein Gedanke soll weiter reichen, kein Verlangen darüber hinaus anhalten; nicht den Ehemann, sondern gleichsam die Ehe selbst sollen sie in ihm lieben. Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein Nachgeborenes zu töten, gilt für schändlich, und mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.

20. In jedem Hause wachsen die Kinder nackt und schmutzig zu diesem Gliederbau, zu dieser von uns bestaunten Größe heran. Die Mutter nährt ein jedes an der eigenen Brust, und man überläßt sie nicht Mägden oder Ammen. Herr und Knecht werden unterschiedslos ohne Zärtelei aufgezogen; unter demselben Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Zeit, bis das wehrhafte Alter die Freien absondert, ihre Tüchtigkeit sich geltend macht. Spät beginnt beim jungen Manne der Liebesgenuß, und so ist die Zeugungskraft ungeschwächt. Auch mit den Mädchen eilt man nicht; ebenso groß ist die Jugendfrische, ähnlich der hohe Wuchs: den Männern gleich an Alter und Stärke, treten sie in die Ehe ein, und die Kraft der Eltern kehrt in den Kindern wieder. Die Söhne der Schwestern sind dem Oheim ebenso teuer wie ihrem Vater. Manche Stämme halten diese Blutsbande für heiliger noch und enger und geben ihnen den Vorzug, wenn sie Geiseln empfangen, da man sich so die Herzen fester und die Sippe in weiterem Umfang verpflichte. Doch zu Erben und Rechtsnachfolgern hat jeder die eigenen Kinder, und Testamente gibt es nicht. Sind keine Kinder vorhanden, haben die Brüder und die Oheime väterlicher- wie mütterlicherseits die nächsten Ansprüche auf den Besitz. Je mehr Verwandte jemand hat, je größer die Zahl der Verschwägerten ist, desto reichere Ehren genießt er im Alter, und Kinderlosigkeit bringt keinerlei Vorteil.

21. Die Feindschaften des Vaters oder Verwandten ebenso wie die Freundschaften zu übernehmen, ist zwingende Pflicht. Doch bestehen die Fehden nicht unversöhnlich fort; denn selbst ein Totschlag kann mit einer bestimmten Anzahl Groß- und Kleinvieh gesühnt werden, und die ganze Sippe empfängt die Genugtuung. Das ist nützlich für die Allgemeinheit, weil Fehden bei der Ungebundenheit der Verhältnisse um so verderblicher sind. Der Geselligkeit und Gastfreundschaft gibt kein anderes Volk sich verschwenderischer hin. Irgend jemanden, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; nach Vermögen bewirtet ein jeder den Gast an reichlicher Tafel. Ist das Mahl aufgezehrt, so dient der bisherige Wirt als Wegweiser zu neuer Bewirtung und als Begleiter; ungeladen betreten sie den nächsten Hof. Doch das verschlägt nichts; mit gleicher Herzlichkeit nimmt man sie auf. Beim Gastrecht unterscheidet niemand zwischen bekannt und unbekannt. Dem Davonziehenden pflegt man zu gewähren, was er sich ausbittet, und mit gleicher Unbefangenheit fordert man eine Gegengabe. Sie freuen sich über Geschenke, doch rechnen sie nicht an, was sie geben, und halten sie nicht für verpflichtend, was sie empfangen. Die tägliche Kost ist unter Gastfreunden Gemeingut.

22. Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist. Nach dem Waschen speisen sie; jeder hat einen Sitz für sich und einen eigenen Tisch. Dann gehen sie in Waffen an ihre Geschäfte und nicht minder oft zu Gelagen. Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande. Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen. Doch auch über die Aussöhnung mit Feinden, den Abschluß von Heiraten und die Wahl der Stammeshäupter, ja über Krieg und Frieden beraten sie sich vielfach bei Gelagen, als sei der Mensch zu keiner Zeit aufgeschlossener für unverstellte oder stärker entbrannt für erhabene Gedanken. Dieses Volk, ohne Falsch und Trug, offenbart noch stets bei zwanglosem Anlaß die Geheimnisse des Herzens; so liegt denn aller Gesinnung unverhüllt und offen da. Am folgenden Tage verhandeln sie nochmals, und beide Zeiten erfüllen ihren Zweck; sie beraten, wenn sie sich nicht zu verstellen wissen; sie beschließen, wenn sie sich nicht irren können.

23. Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der durch Gärung eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein erhält; die Anwohner von Rhein und Donau kaufen auch Wein. Die Kost ist einfach: wildes Obst, frisches Wildbret oder geronnene Milch: Ohne feine Zubereitung, ohne Gewürze vertreiben sie den Hunger. Dem Durst gegenüber herrscht nicht dieselbe Mäßigung. Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so konnte man sie leichter durch ihr Laster als mit Waffen besiegen.

24. Sie kennen nur eine Art von Darbietungen, und bei jeder Festlichkeit dieselbe: nackt stürzen sich junge Männer, denen das Vergnügen macht, im Sprunge zwischen Schwerter und feindlich drohende Framen. Die Übung hat Sicherheit, die Sicherheit Anmut bewirkt, doch nicht um Gewinn oder Entgelt: der einzige Lohn des noch so verwegenen Spiels ist das Vergnügen der Zuschauer. Das Würfelspiel betreiben sie seltsamerweise in voller Nüchternheit, ganz wie ein ernsthaftes Geschäft; ihre Leidenschaft im Gewinnen und Verlieren ist so hemmungslos, daß sie, wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen. Der Verlierer begibt sich willig in die Knechtschaft, mag er auch jünger, mag er kräftiger sein, er läßt sich binden und verkaufen. So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue. Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben, veräußern sie weiter, um auch sich selbst von der Peinlichkeit des Sieges zu befreien.

25. Sonst verwenden sie die Sklaven nicht wie wir, daß die Aufgaben unter das Gesinde verteilt wären: jeder schaltet auf eigenem Hofe, am eigenen Herd. Der Herr trägt ihm auf, eine bestimmte Menge Korn oder Vieh oder Tuch abzugeben, und nur so weit reicht die Gehorsamspflicht des Sklaven. Die übrigen Geschäfte des Hauses besorgen die Frau und die Kinder. Daß man einen Sklaven prügelt, fesselt und mit Zwangsarbeit bestraft, ist selten; oft schlägt man ihn tot, nicht um strenge Zucht zu wahren, sondern in der Hitze des Zorns, wie einen Widersacher – allerdings ist die Sklaventötung straffrei. Die Freigelassenen stehen nur wenig über den Sklaven; selten bedeuten sie etwas im Hause, nie im Gemeinwesen, mit Ausnahme der Stämme, denen Könige gebieten. Denn dort steigen sie über Freigeborene und selbst über Adlige hinaus; bei den übrigen Stämmen ist der niedere Rang der Freigelassenen ein Beweis für die allgemeine Freiheit.

26. Geldgeschäfte zu betreiben und auch mit den Zinsen zu wuchern, ist unbekan

nt, und deshalb ist man besser dagegen gefeit als wenn es verboten wäre. Ackerland nehmen sie in einem Ausmaß, das der Anzahl der Bebauer entspricht mit gesamter Hand füreinander in Besitz; dann teilen sie es nach ihrem Range unter sich auf. Die Weiträumigkeit der Feldmark erleichtert das Teilungsgeschäft. Sie bestellen Jahr für Jahr andere Felder und doch bleibt Ackerland übrig. Denn ihr Arbeitsaufwand wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und Ausdehnung des Bodens: sie legen keine Obstpflanzungen an noch umzäunen sie Wiesen oder bewässern sie Gärten; einzig Getreide soll der Boden hervorbringen. Deshalb teilen sie auch das Jahr nicht in ebenso viele Abschnitte ein. Für Winter, Frühling und Sommer haben sie Begriff und Bezeichnung; der Herbst ist ihnen unbekannt, der Name ebenso wie die Gaben.

27. Bei Totenfeiern meiden sie Prunk; nur darauf achten sie, daß die Leichen berühmter Männer mit bestimmten Holzarten verbrannt werden. Den Scheiterhaufen beladen sie nicht mit Teppichen oder Räucherwerk. Jeden begleiten die Waffen; einigen wird auch das Pferd ins Feuer mitgegeben. Über dem Grabe erhebt sich ein Rasenhügel; die Ehre hoher und kunstvoller Denkmäler lehnt man ab: sie sei eine Last für die Toten. Jammer und Tränen währen nur kurz, doch Schmerz und Trauer lange. Den Frauen ziemt Klage, den Männern stilles Gedenken.

Dies haben wir im allgemeinen über den Ursprung und die Sitten sämtlicher Germanen erfahren. Jetzt will ich die Einrichtungen und Bräuche einzelner Stämme, soweit sie anders sind, schildern und will berichten, welche Völkerschaften aus Germanien nach Gallien gewandert sind.

Stammeskundlicher Teil

28. Daß die Gallier einst überlegen waren, bezeugt ein Gewährsmann ersten Ranges, der göttliche Julius Cäsar. Man darf daher annehmen, daß auch Gallier nach Germanien hinübergezogen sind. Denn wie wenig hinderte der Strom, daß ein Stamm, der gerade erstarkt war neue Wohnsitze einnahm, wenn sie noch allgemein zugänglich und nicht unter königliche Gewalthaber aufgeteilt waren! So hausten zwischen dem herkynischen Walde, dem Rhein und dem Main die Helvetier und weiter ostwärts die Bojer, beides gallische Stämme. Der Name Boihämum ist bis heute geblieben und gibt Kunde von der Vorzeit des Landes, wenn auch die Bewohner gewechselt haben. Ob jedoch die Aravisker aus dem Gebiet der Oser, eines germanischen Stammes, nach Pannonien oder die Oser von den Araviskern aus nach Germanien gewandert sind – beide Völkerschaften haben noch heute dieselbe Sprache, dieselben Einrichtungen und Gebräuche – steht nicht fest; denn ehedem bot das Land nördlich wie südlich der Donau bei gleicher Armut und Unabhängigkeit dieselben Vorzüge und Nachteile. Die Treverer und Nervier rühmen sich allzusehr ihres Anspruchs auf germanische Herkunft, als schlösse schon ein solcher Adel des Blutes die Verwechslung mit gallischer Schlaffheit aus. Am Rheinufer selbst wohnen unzweifelhaft Germanenstämme: die Vangionen, Triboker und Nemeter. Auch die Ubier schämen sich ihres Ursprungs nicht, obwohl ihnen ihre Verdienste die Stellung einer römischen Kolonie eingebracht haben und sie sich lieber nach der Gründerin ihrer Stadt als Agrippinenser bezeichnen. Sie haben vor Zeiten den Rhein überschritten und wurden, da ihre Treue sich bewährte, unmittelbar am Ufer angesiedelt, als Wächter, nicht als Bewachte.

29. Von allen diesen Stämmen sind die Bataver am tapfersten. Sie bewohnen einen Streifen am linken Ufer und in der Hauptsache die Rheininsel. Ursprünglich ein Zweig der Chatten, zogen sie wegen inneren Zwistes in die jetzigen Wohnsitze, wo sie dem römischen Reiche einverleibt werden sollten. Die Ehre und Auszeichnung alter Bundesgenossenschaft hat bis heute Bestand; denn kein Zins demütigt sie, und kein Steuerpächter preßt sie aus. Frei von Lasten und Abgaben und einzig Kampfzwecken vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen für Kriege aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht der Stamm der Mattiaker. Denn die Hoheit des römischen Volkes hat sich auch jenseits des Rheines und jenseits der alten Reichsgrenzen Achtung verschafft. So haben sie Gebiet und Wohnsitz auf germanischer Seite, doch Herz und Gesinnung bei uns. im übrigen gleichen sie den Batavern, nur daß Bodenbeschaffenheit und Klima ihres Landes sie mit noch größerer Lebhaftigkeit begabt haben. Nicht zu den Völkerschaften Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die das Zehntland bebauen, wenn sie sich auch jenseits von Rhein und Donau angesiedelt haben; gallisches Gesindel und aus Not Verwegene eigneten sich den umstrittenen Boden an. Bald darauf wurden der Grenzwall angelegt und die Wachen vorgeschoben; seither gilt das Gebiet als Vorland des Reiches und Teil der Provinz.

30. Weiter nördlich beginnt mit dem herkynischen Walde das Land der Chatten; sie wohnen nicht in so flachen und sumpfigen Gebieten wie die übrigen Stämme, die das weite Germanien aufnimmt. Denn die Hügel dauern an und werden erst allmählich seltener, und so begleitet der herkynische Wald seine Chatten und endet mit ihnen. Bei diesem Volk sind kräftiger die Gestalten, sehnig die Glieder, durchdringend der Blick und größer die geistige Regsamkeit. Für Germanen zeigen sie viel Umsicht und Geschick: sie stellen Männer ihrer Wahl an die Spitze, gehorchen den Vorgesetzten, kennen Reih und Glied, nehmen günstige Umstände wahr, verschieben einmal einen Angriff, teilen sich ein für den Tag, verschanzen sich für die Nacht; das Glück halten sie für unbeständig und nur die eigene Tapferkeit für beständig. Und was überaus selten und sonst allein römischer Kriegszucht möglich ist: sie geben mehr auf die Führung als auf das Heer. Ihre Stärke liegt ganz beim Fußvolk, dem sie nicht nur Waffen, sondern auch Schanzzeug und Verpflegung aufbürden; andere sieht man in die Schlacht ziehen, die Chatten in den Krieg. Selten kommt es zu Streifzügen und nicht geplantem Kampf. Es ist ja auch die Art berittener Streitkräfte, rasch den Sieg zu erringen und rasch wieder zu entweichen; doch Schnelligkeit grenzt an Furcht, Zögern kommt standhaftem Mute näher.

31. Ein Brauch, der auch bei anderen germanischen Stämmen vorkommt, jedoch selten und als Beweis vereinzelten Wagemuts, ist bei den Chatten allgemein üblich geworden: mit dem Eintritt in das Mannesalter lassen sie Haupthaar und Bart wachsen, und erst, wenn sie einen Feind erschlagen haben, beseitigen sie diesen der Tapferkeit geweihten und verpfändeten Zustand ihres Gesichtes. Über dem Blut und der Waffenbeute enthüllen sie ihre Stirn und glauben, erst jetzt die Schuld ihres Daseins entrichtet zu haben und des Vaterlandes sowie ihrer Eltern würdig zu sein. Die Feigen und Kriegsscheuen behalten ihren Wust. Die Tapfersten tragen überdies einen eisernen Ring – sonst eine Schande bei diesem Stamme – wie eine Fessel, bis sie sich durch Tötung eines Feindes davon befreien. Vielen Chatten gefällt dieses Aussehen, und sie werden grau mit ihren Kennzeichen, von Freund und Feind gleichermaßen beachtet. Sie eröffnen jeden Kampf; sie sind stets das vorderste Glied, ein befremdender Anblick; denn auch im Frieden nimmt ihr Gesicht kein milderes Aussehen an. Keiner von ihnen hat Haus oder Hof oder sonstige Pflichten; wen immer sie aufsuchen, von dem lassen sie sich je nach den Verhältnissen bewirten; sie sind Verschwender fremden und Verächter eigenen Gutes, bis das kraftlose Alter sie zu so rauhem Kriegerdasein unfähig macht.

32. Den Chatten zunächst, wo der Rhein noch ein festes Bett hat und als Grenzscheide genügt, wohnen die Usiper und Tenkterer. Die Tenkterer überragen den üblichen Kriegsruhm durch ihre vorzüglich geschulte Reiterei, und ebenso großes Ansehen wie das Fußvolk der Chatten genießt die Reitertruppe der Tenkterer. So führten es die Vorfahren ein und halten es auch die Nachkommen; hierin besteht das Spiel der Kinder, hierin der Wetteifer der Jugend und die ständige Übung der Alten. Wie das Gesinde, der Wohnsitz und alle Rechte der Nachfolge vererben sich auch die Pferde; ein Sohn empfängt sie, doch nicht, wie alles andere, der Erstgeborene, sondern jeweils der Streitbarste und Tapferste.

33. In der Nähe der Tenkterer stieß man einst auf die Brukterer; jetzt sind wie es heißt, die Chamaver und Angrivarier dorthin gezogen. Denn die verbündeten Nachbarstämme hatten die Brukterer geschlagen und gänzlich ausgerottet, aus Erbitterung über ihren Hochmut oder aus Beutelust oder weil die Götter uns eine Gunst erzeigten; denn sie gewährten uns sogar das Schauspiel der Schlacht. Über Sechzigtausend sind dort gefallen, nicht durch römische Wehr und Waffen, sondern was noch erhebender ist, ganz zu unserer Augenweide. Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns so doch gegenseitiger Haß; denn bei dem lastenden Verhängnis des Reiches kann das Geschick nichts Besseres mehr darbieten als die Zwietracht der Feinde.

34. An die Angrivarier und Chamaver schließen sich südostwärts die Dulgubnier und Chasuarier an sowie andere, weniger bekannte Stämme; im Norden folgen die Friesen. Nach der Volkszahl unterscheidet man Groß- und Kleinfriesen. Beide Stämme werden bis zum Weltmeer hin vom Rhein eingesäumt und umgeben zudem unermeßliche Seen, auf denen schon römische Flotten gefahren sind. Ja, selbst auf das Weltmeer haben wir uns dort hinausgewagt, und wie die Kunde verbreitet, gibt es da noch Säulen des Herkules, mag der Held wirklich dorthin gelangt sein oder mögen wir uns angewöhnt haben, alles Großartige in der Welt mit seinem berühmten Namen zu verbinden. Auch hat es dem Drusus Germanicus an Wagemut nicht gefehlt, doch hat die See verhindert, daß man sich über sie und zugleich über Herkules Gewißheit verschaffte. Hernach hat sich niemand mehr getraut, und es galt für frömmer und ehrfürchtiger an die Taten der Götter zu glauben als von ihnen zu wissen.

35. Bis jetzt haben wir Germanien nach Westen hin kennengelernt; nach Norden springt es in riesiger Ausbuchtung zurück. Und sogleich an erster Stelle zieht sich der Stamm der Chauken, der bei den Friesen beginnt und einen Teil der Küste besitzt, an der Seite sämtlicher von mir erwähnter Stämme hin und reicht mit einem Zipfel bis ins Land der Chatten. Dieses unermeßliche Gebiet nennen die Chauken nicht nur ihr eigen, sie füllen es vielmehr auch aus, ein unter den Germanen sehr angesehener Stamm, der es vorzieht, seine Größe durch Rechtlichkeit zu behaupten. Frei von Habgier, frei von Herrschsucht, leben sie still und für sich; sie reizen nicht zum Kriege, sie gehen nicht auf Raub oder Plünderung aus. Das ist der vorzüglichste Beweis ihres Mutes und ihrer Macht, daß sie ihre Überlegenheit nicht auf Gewalttaten gründen. Doch haben alle die Waffen zur Hand, und sooft die Not es erfordert, steht ein Heer bereit, zahlreich an Männern und Pferden. Auch wenn sie Frieden haben, ist ihr Ruf der gleiche.

36. Als Nachbarn der Chauken und Chatten gaben sich die Cherusker unbehelligt einem allzu langen und erschlaffenden Frieden hin. Der brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit; denn es ist verfehlt, unter Herrschsüchtigen und Starken der Ruhe zu pflegen. Wo das Faustrecht gilt, sind Mäßigung und Rechtschaffenheit Namen, die nur dem Überlegenen zukommen. So werden die Cherusker, die einst die guten und gerechten hießen, jetzt Tölpel und Toren genannt; den siegreichen Chatten rechnet man das Glück als Klugheit an. Der Sturz der Cherusker riß auch die Foser mit sich, einen benachbarten Stamm; im Mißgeschick sind sie Bündner gleichen Rechts, während sie im Glück zurückstehen mußten.

37. In derselben Ausbuchtung, unmittelbar am Meere, wohnen die Kimbern, jetzt eine kleine Völkerschaft, doch gewaltig an Ruhm. Von der einstigen Geltung sind weithin Spuren erhalten, ausgedehnte Lagerplätze jenseits und diesseits des Rheines, an deren Umfang man jetzt noch die ungeheure Arbeitskraft dieses Stammes und die Glaubwürdigkeit des großen Wanderzuges ermessen kann. Sechshundertvierzig Jahre zählte unsere Stadt, als man unter dem Konsulat des Caecilius Metellus und Papinus Carbo zum ersten Male von den Waffentaten der Kimbern vernahm. Rechnen wir von da ab bis zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan, dann ergeben sich ungefähr zweihundertzehn Jahre: so lange schon wird Germanien besiegt! Im Verlauf dieser langen Zeit erlitten beide Seiten schwere Verluste. Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht die spanischen oder die gallischen Lande, ja nicht einmal die Parther machten öfter von sich reden: stärker noch als die Königsmacht des Arsakes ist das Freiheitsstreben der Germanen. Denn was kann uns der Osten weiter vorhalten als den Untergang des Crassus? Dafür büßte er seinerseits den Pacorus ein und mußte sich einem Ventidius beugen. Anders die Germanen; sie haben Carbo und Cassius und Scaurus Aurehus und Servihus Caepio und Maximus Malhus geschlagen oder gefangengenommen und so zugleich dem römischen Volke fünf konsularische Heere entrissen, ja sogar dem Kaiser Augustus den Varus und mit ihm drei Legionen, und nicht ohne eigene Verluste rang sie C. Manus in Italien, der göttliche Cäsar in Gallien, Drusus und Nero und Germanicus in ihrem eigenen Lande nieder; bald danach nahmen die ungeheuren Drohungen des Kaisers Gaius ein lächerliches Ende. Seitdem war Ruhe, bis die Germanen, unsere Zwietracht und den Bürgerkrieg ausnutzend, die Winterlager der Legionen erstürmten und selbst Gallien zu gewinnen suchten. Und nachdem sie von dort wieder vertrieben waren, hat man in jüngster Zeit Siege über sie mehr gefeiert als wirklich errungen.

38. Jetzt habe ich von den Sueben zu berichten. Sie sind nicht, wie die Chatten oder Tenkterer, ein einheitlicher Stamm; sie bewohnen nämlich den größeren Teil Germaniens und gliedern sich wieder in besondere Stämme mit eigenen Namen, wenn sie auch insgesamt als Sueben bezeichnet werden. Ein Kennzeichen des Stammes ist es, das Haar seitwärts zu streichen und in einem Knoten hochzubinden. So unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so bei ihnen selbst die Freien von den Sklaven. Auch andere Stämme kennen den Brauch, sei es durch Verwandtschaft mit den Sueben oder, wie es häufig geschieht, durch Nachahmung; doch befolgt man ihn selten und nur in der Jugendzeit. Bei den Sueben hingegen kämmen sie bis ins hohe Alter das widerstrebende Haar nach hinten und knüpfen es oft genau auf dem Scheitel zusammen; die Vornehmen tragen es noch kunstvoller. Das ist Schönheitspflege, aber von harmloser Art; denn nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, richten sie sich her, sondern um recht groß und furchtbar zu erscheinen, wenn sie in den Krieg ziehen: für das Auge des Feindes ist der Putz bestimmt.

39. Als die ältesten und vornehmsten Sueben betrachten sich die Semnonen. Den Glauben an ihr hohes Alter bestätigt ein religiöser Brauch. Zu bestimmter Zeit treffen sich sämtliche Stämme desselben Geblüts, durch Abgesandte vertreten, m einem Haine, der durch die von den Vätern geschauten Vorzeichen und durch uralte Scheu geheiligt ist. Dort leiten sie mit öffentlichem Menschenopfer die schauderhafte Feier ihres rohen Brauches ein. Dem Hain wird auch sonst Verehrung bezeigt: niemand betritt ihn, er sei denn gefesselt, um seine Unterwürfigkeit und die Macht der Gottheit zu bekunden. Fällt jemand hin, so darf er sich nicht aufheben lassen oder selbst aufstehen; auf dem Erdboden wälzt er sich hinaus. Insgesamt gründet sich der Kultbrauch auf den Glauben, daß von dort der Stamm sich herleite, dort die allbeherrschende Gottheit wohne, der alles andere unterworfen, gehorsam sei. Der Wohlstand der Semnonen erhöht ihr Ansehen: sie bewohnen hundert Gaue, und die Größe ihrer Gemeinschaft veranlaßt sie, sich für den Hauptstamm der Sueben zu halten.

40. Dagegen macht die Langobarden die geringe Zahl berühmt: inmitten zahlreicher, sehr starker Stämme sind sie nicht durch Gefügigkeit, sondern durch Kampf und Wagemut geschützt. Dann folgen die Reudigner, Avionen, Angher, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen; ihnen allen gewähren Flüsse oder Wälder Sicherheit. Im einzelnen haben sie nichts Bemerkenswertes, insgesamt aber verehren sie Nerthus, das heißt die Mutter Erde, und glauben, die Göttin nehme teil am Treiben der Menschen, sie fahre bei den Stämmen umher. Es gibt auf einer Insel des Weltmeeres einen heiligen Hain, und dort steht ein geweihter Wagen, mit Tüchern bedeckt; einzig der Priester darf ihn berühren. Er bemerkt das Eintreffen der Göttin im Allerheiligsten; er geleitet sie in tiefer Ehrfurcht, wenn sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen dahinfährt. Dann folgen frohe Tage; festlich geschmückt sind alle Orte, denen die Göttin die Huld ihrer Ankunft und Rast gewährt. Man zieht nicht in den Krieg, man greift nicht zu den Waffen; verschlossen ist alles Eisen. Dann kennt, dann liebt man nur Ruhe und Frieden, bis die Göttin, des Umgangs mit Menschen müde, vom gleichen Priester ihrem Heiligtum zurückgegeben wird. Dann werden Wagen und Tücher und, wenn man es glauben will, die Gottheit selbst in einem entlegenen See gewaschen. Sklaven sind hierbei behilflich, und alsbald verschlingt sie derselbe See. So herrscht denn ein geheimes Grauen und heiliges Dunkel, was das für ein Wesen sei, das nur Todgeweihte schauen dürfen.

41. Dieser Teil von Suebien reicht bis in die entlegeneren Gebiete Germaniens. Näher – um wie vorhin dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – wohnt der Stamm der Hermunduren, den Römern treu ergeben. Daher sind sie die einzigen Germanen, die nicht nur am Donauufer, sondern auch im Inneren des Landes und in der prächtigen Kolonie der Provinz Rätien Handel treiben dürfen. Sie kommen allerorten und ohne Beaufsichtigung über die Grenze. Und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben wir den Hermunduren unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet; sie sind ja frei von Begehrlichkeit. In ihrem Gebiet entspringt die Elbe, einst ein berühmter und wohlbekannter Fluß; jetzt weiß man von ihm nur durch Hörensagen.

42. Neben den Hermunduren wohnen die Narister und weiterhin die Markomannen und Quaden. Die Markomannen zeichnen sich durch Ruhm und Stärke aus, und sogar ihre jetzigen Wohnsitze, aus denen sie einst die Bojer vertrieben, sind ein Lohn der Tapferkeit. Auch die Narister und Quaden schlagen nicht aus der Art. Diese Gegend ist sozusagen die Stirnseite Germaniens, soweit sie von der Donau gebildet wird. Die Markomannen und Quaden hatten bis auf unsere Zeit Könige aus dem eigenen Stamme, aus dem edlen Geschlecht des Marbod und Tuder; jetzt lassen sie sich auch fremde gefallen. Doch ihre Stellung und Macht verdanken die Könige römischem Einfluß. Wir unterstützen sie selten mit Truppen, öfters mit Geld, und sie stehen sich dabei nicht schlechter.

43. An die Markomannen und Quaden schließen sich weiter rückwärts die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen geben sich die Marsigner und Burer durch Sprache und Lebensweise als Sueben zu erkennen. Bei den Kotinern beweist die gallische, bei den Osern die pannonische Mundart, daß sie keine Germanen sind, und überdies ertragen sie Ah-gaben: sie müssen sie als landfremde Stämme teils an die Sarmaten, teils an die Quaden entrichten. Die Kotiner fördern sogar Eisen, was sie noch verächtlicher macht. Alle diese Stämme haben nur wenig ebenes Gebiet; meist wohnen sie auf bewaldeten Höhen. Denn der Kamm einer fortlaufenden Gebirgskette teilt und durchschneidet das Suebenland. Jenseits des Kammes hausen noch zahlreiche Völkerschaften. Von ihnen haben sich die Lugier am weitesten ausgebreitet; sie gliedern sich in mehrere Einzelstämme. Es genügt, die bedeutendsten zu nennen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Naharnavaler. Bei den Naharnavalern zeigt man einen Hain, eine uralte Kultstätte. Vorsteher ist ein Priester in Frauentracht; die Gottheiten, so wird berichtet, könnte man nach römischer Auffassung Kastor und Pollux nennen. Ihnen entsprechen sie in ihrem Wesen; sie heißen Alken. Es gibt keine Bildnisse; keine Spur weist auf einen fremden Ursprung des Kultes; gleichwohl verehrt man sie als Brüder, als Jünglinge. Im übrigen sind die Harier den soeben genannten Stämmen an Kräften überlegen. Ohnehin von schrecklichem Aussehen, kommen sie der angeborenen Wildheit durch Kunst und Ausnutzung der Zeit zu Hilfe. Schwarz sind die Schilde, gefärbt die Leiber; dunkle Nächte wählen sie zum Kampf, und schon das Grauenvolle und Schattenhafte ihres Totenheeres jagt Schrecken ein: kein Feind hält dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand. Denn in jeder Schlacht erliegen ja zuerst die Augen.

44. Nördlich der Lugier leben die Gotonen. Sie werden von Königen beherrscht, schon etwas straffer als die übrigen Germanenstämme, doch nicht bis zum Verlust der Freiheit. Unmittelbar darauf folgen die Rugier und Lemovier; sie wohnen an der Meeresküste. Kennzeichnend für alle diese Stämme sind runde Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegenüber Königen. Dann kommen, schon im Meere, die Stämme der Suionen; sie haben außer Männern und Waffen auch starke Flotten. Die Gestalt ihrer Schiffe zeichnet sich dadurch aus, daß beide Enden einen Bug haben und stets eine Stirnseite zum Landen bereit ist. Auch benutzen sie keine Segel, noch machen sie die Ruder in Reihen an den Schiffswänden fest; lose, wie manchmal auf Flüssen, und je nach Bedarf hier oder dort verwendbar ist das Ruderwerk. Bei den Suionen steht auch Reichtum in Ehren, und deshalb herrscht einer, schon ohne jede Beschränkung, mit unwiderruflichem Anrecht auf Gehorsam. Auch sind dort die Waffen nicht, wie bei den übrigen Germanen, in freiem Gebrauch, sondern eingeschlossen, und zwar unter Aufsicht eines Sklaven. Denn plötzliche Überfälle von Feinden verhindert das Meer; außerdem neigen bewaffnete Scharen im Frieden leicht zu Ausschreitungen. Und wahrhaftig, daß kein Adliger oder Freigeborener, nicht einmal ein Freigelassener, die Waffen unter sich habe, ist ein Gebot der königlichen Sicherheit.

45. Nördlich der Suionen liegt abermals ein Meer, träge und nahezu unbewegt. Daß es den Erdkreis ringsum begrenze und einschließe, ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der schon sinkenden Sonne bis zum Wiederaufgang anhält, und zwar so hell, daß er die Sterne überstrahlt. Die Einbildung fügt noch hinzu, man vernehme das Tönen der emportauchenden Sonne und erblicke die Umrisse der Pferde und das strahlenumkränzte Haupt. Dort liegt – und die Kunde ist wahr – das Ende der Welt. Doch weiter: an seiner Ostküste bespült das suebische Meer die Stämme der Astier. In Brauchtum und äußerer Erscheinung stehen sie den Sueben nahe, in der Sprache eher den Britanniern. Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten läßt. Doch auch das Meer durchsuchen sie, und als einzige unter allen Germanen sammeln sie an seichten Stellen und schon am Strande den Bernstein, der bei ihnen “Glesum” heißt. Was er ist oder wie er entsteht, haben sie nach Barbarenart nicht untersucht oder in Erfahrung gebracht; ja er lag sogar lange Zeit unbeachtet unter den übrigen Auswürfen des Meeres, bis ihm unsere Putzsucht Wert verlieh. Sie selbst verwenden ihn gar nicht; roh wird er gesammelt, unbearbeitet überbracht, und staunend nehmen sie den Preis entgegen. Daß es sich jedoch um den Saft von Bäumen handelt, ist unverkennbar: oft schimmern allerlei kriechende und auch geflügelte Tierchen durch, die sich in der Flüssigkeit verfingen und dann von der erstarrenden Masse eingeschlossen wurden. Wie in entlegenen Gebieten des Ostens, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so gibt es, möchte ich annehmen, auch auf Inseln und in Ländern des Westens besonders ertragreiche Gehölze und Haine. Deren Säfte quillen unter den Strahlen der nahen Sonne hervor, rinnen flüssig in das angrenzende Meer und werden dann von der Gewalt der Stürme an die gegenüberliegenden Küsten geschwemmt. Bringt man Bernstein ans Feuer, um seine Eigenschaften zu prüfen, so brennt er wie ein Kienspan und gibt eine ölige und stark riechende Flamme; hernach wird er zäh wie Pech oder Harz. Den Sujonen schließen sich die Stämme der Sithonen an. Im allgemeinen den Sujonen ähnlich, unterscheiden sie sich dadurch, daß eine Frau die Herrschaft hat: so tief sind sie nicht nur unter die Freiheit, sondern selbst unter die Knechtschaft hinabgesunken.

46. Hier ist Suebien zu Ende. Ob ich die Stämme der Peukiner, Venether und Fennen den Germanen zurechnen soll oder den Sarmaten, weiß ich nicht recht, obwohl die Peukiner, die manche auch Bastarner nennen, in Sprache und Lebensweise, Siedlungsart und Hausbau den Germanen gleichen. Der ganze Stamm ist schmutzig, und die Vornehmen leben untätig dahin. Durch Mischehen mit den Sarmaten haben sie manches von deren Häßlichkeit angenommen. Die Venether machten sich auch in reichem Maße sarmatische Sitten zu eigen; denn was sich an Wäldern und Bergen zwischen den Peukinern und Fennen hinzieht, durchstreifen sie auf ihren Raubzügen. Gleichwohl wird man sie eher zu den Germanen rechnen, weil sie feste Häuser bauen, Schilde führen und gern und behende zu Fuß gehen, ganz im Gegensatz zu den Sarmaten, die auf Pferd und Wagen zu Hause sind. Die Fennen leben ungemein roh, in abstoßender Dürftigkeit. Sie kennen keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter dienen zur Nahrung, Felle zur Kleidung und der Erdboden als Lagerstätte. Ihre einzige Hoffnung sind Pfeile, die sie aus Mangel an Eisen mit Knochenspitzen versehen. Und von derselben Jagd nähren sich die Frauen ebenso wie die Männer; denn überall sind sie dabei und fordern ihren Anteil an der Beute. Auch gibt es für die Kinder keinen anderen Schutz vor wilden Tieren und Regengüssen, als daß man sie in einem Geflecht von Zweigen birgt; dort suchen auch die Männer ihr Heim, dort haben die Greise ein Obdach. Sie halten jedoch dieses Leben für glücklicher, als ächzend das Feld zu bestellen, sich mit Häuserbau zu plagen, in Furcht oder Hoffnung über eigenen und fremden Wohlstand nachzudenken. Sorglos vor den Menschen, sorglos vor den Göttern, haben sie das Schwerste erreicht: nicht einmal einen Wunsch zu kennen. Alles Weitere klingt märchenhaft: daß die Hellusier und Oxionen Antlitz und Mienen von Menschen, jedoch Rumpf und Glieder von Tieren haben. Ich lasse das als unverbürgt auf sich beruhen.

DIE VANDALENLÜGE

Vandalen Mit dem Namen des Vandalenvolkes verbindet man heute blinde Zerstörungswut. Täglich kann man in den Medien weltweit die Schlagzeile „Vandalen verwüsten, zerstören …“ lesen und hören. Auch die Versicherungen verwenden diesen Begriff.

Ist das gerechtfertigt? Wie kam ein ganzes Volk zu diesem Brandmal? Nachfolgend kann man den historischen Hintergrund für diesen Begriff lesen und sich sein Urteil bilden. Daher künftig nicht mehr von Vandalismus, sondern nur mehr von Randalismus sprechen.

Um den Ruf eines ganzen Volkes nachhaltig zu ruinieren, bedurfte es bloß dreier pathologischer Haßprediger, die zu unterschiedlichen Zeiten gelebt haben, jedoch eines gemeinsam hatten: Jeder von ihnen war ein fanatischer Verfechter der Romkirche. Alle, die dem Machtstreben nach römischer Weltherrschaft im Wege standen, wurden als „Ketzer“ gebrandmarkt, die es auszurotten galt. In schon damals bekannter Manier gingen daher auch jene drei Römlinge vor, die den Grundstein für den üblen Ruf der Vandalen legten:

Die Haßprediger

Der erste Tatsachenverdreher war der römische „Historiker“ Prokop von Caesarea (500 – 562), dessen bekanntestes Schurkenstück darin bestand, durch Verbreitung von Falschmeldungen denn Ruf der Kaiserin Theodora für immergeschädigt zu haben. Nicht anders verfuhr er als „Geschichtsschreiber“. Prokop von Caesarea, der es mit der Wahrheit nie so genau nahm, verunglimpfte unsere germanischen Stammesverwandten auf das Schlimmste, indem er die Vandalen-Lüge in die Welt setzte.

Als zweiter Lügner trat Isidor von Sevilla (560 – 636), der heutige „Nationalheilige“ von Spanien, in Erscheinung. „Die Vandalen sind ein Strafgericht Gottes. Sie stecken Städte in Brand und rauben alle Vorräte. Die Bevölkerung muß vor Hunger Menschenfleisch essen, die Mütter gar ihre Kinder.“ So agierte der später heilig gesprochene Haßprediger. Solche Gruselgeschichten waren und sind zu allen Zeiten gebräuchliche Schockbilder, wenn es darum geht, traumatische Angst und Haßpsychosen zu verbreiten.

Der dritte Verleumder, dessen Lügen am stärksten in unsere Zeit hereinwirken, war Henri-Baptiste Gregoire (1750 -1831), während der blutigen „Französischen Revolution“ amtierender Bischof von Blois. Der Römling Gregoire sorgte mit seinen drei Pamphleten über unsere germanischen Stammesverwandten, den „Raport sur le vandalisme“, für den Einzug des Hetzbegriffes „Vandalismus“ in die gesamteuropäische Sprachwelt.

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Wer waren die Wanda(l)len wirklich? Auch ihr Name sei richtig geschrieben!

Arbeitsame Bauern und tüchtige Handwerker

Die Wandalen waren ein germanischer Volksstamm auf deutschem Boden – also ein Stamm von uns! Ihre Heimat war das Gebiet zwischen Oder, Weichsel und Donau.

Von den Wandalen selbst existieren keine schriftlichen Aufzeichnungen mehr. Diese wurden allesamt von den christlichen Fanatikern vernichtet.

Reiche archäologische Funde bezeugen jedoch, daß die Wandalen hochstehende Kultur hatten. Ihre Landwirtschaft und ihre metallurgischen Fähigkeiten waren hoch entwickelt. Die von ihnen hergestellten Schwerter, Lanzen und Scheren, ihre Tonwaren und auch ihr Schmuck waren von erlesener Güte und begehrte Handelsware. Mit ihren Erzeugnissen pflegten sie entlang der Bersteinstraße regen Tauschhandel.

Schöpfer eines blühenden Reiches

Unter dem massiven Ansturm der nach Westen drängenden asiatischen Reitervölker (Hunnensturm) verließen die Wandalen um 400 n. d. Ztr. ihre ursprüngliche Heimat. Auf der Suche nach neuem Lebensraum durchquerten sie in einem entbehrungsreichen Wanderzug ganz Westeuropa.

Im Mai 429 setzten die Wandalen unter ihrem berühmten König Geiserich mit einer Volkszahl von 80.000 – 100.000 Menschen von Spanien nach Nordafrika über. Hier ließen sie sich in der römischen Provinz Africa nieder. Um unbehelligt von der römischen Militärgewalt in Frieden zu können, überwältigten sie in einem nächtlichen Handstreich die auf Lauer liegende große römische Flotte. Nach diesem Befreiungsschlag schufen sie im heutigen Tunesien ein blühendes Reich mit der Hauptstadt Karthago.

Als die neuaufgebaute Flotte der Wandalen an der Küste des Römerreiches landete und die Wandalen sich von Römern geraubtes Gut aus deren Hauptstadt zurückholten, tobten die Römlinge in schrecklichem Wahn. In ihrer ohnmächtigen Wut erfanden sie die Lügenmärchen der angeblichen Plünderung Roms durch die Wandalen. Doch das allein reichte den Römlingen lange nicht, um ihre Rachsucht zu befriedigen. In einem planmäßigen Propagandafeldzug wurden die Wandalen systematisch als Untermenschen dämonisiert und zum Symbol für Gewalt und Zerstörung gebrandmarkt.

Die Wissenschaftlerin Aicka Ben Abed und ihr Mitarbeiterstab haben auf ihrer Spurensuche in ganz Tunesien jedoch keine Spur von Zerstörung durch Wandalen feststellen können! („Sturm über Europa“, Peter Arens, Verlag Ullstein, 2002, ISBN 35 500 75 235). Die Wahrheit ist: Die Wandalen lebten in Nordafrika friedfertig und kulturschöpferisch. In typisch germanischer Wesensart respektierten sie sogar artfremdes römisches „Recht“. Damit aber verspielten sie, ohne es zu bemerken, schleichend die Früchte ihre über hundertjährige Aufbauarbeit.

Untergraben – Zersetzen

Unser bis heute so niederträchtig verleumdeter Volksstamm der Wandalen war viel zu friedfertig und tolerant, um mit seiner Art auf Dauer in der Realität der antiken Welt bestehen zu können. Während die Wandalen emsig wie ein Bienenvolk arbeiteten und Aufbauleistung vollbrachten, wühlten und unterminierten die intriganten Römlinge an allen Ecken und Enden ihr Reich. Als die verschlagenen Römlinge ihre Zeit für gekommen hielten, holten sie zum militärischen Schlag aus. Im Jahr 534/35 setzte der oströmische Kaiser Justinian I. byzantinische Truppen in Marsch. Unter ihrem Befehlshaber Belisar wurden das Wandalenreich und seine hohe Kultur ausgelöscht, während große Teile des Wandalenheeres von Aufständen im Süden und Sizilien gebunden waren. nur 2.000 Reiter warfen sich todesmutig den Römern entgegen. Kinder und Alte wurden niedergemetzelt, Frauen zu Mischehen mit andersrassigen gezwungen, die überlebenden kriegstauglichen Männer zum Militärdienst in römische Provinzen verschleppt. All das geschah auf Befehl von Kaiser Justinian I. und dem „weisen“ Rat der christlichen Kirchenherren von Byzanz und Rom. Ab diesem Zeitpunkt verschwinden die Wandalen aus der Geschichte. Aber trotzdem dienen sie medialen Haßpredigern und einer leichtgläubigen Klientel bis heute als Schreckgespenst.

Wer fördert heute Geschichtslügen?

Warum wird diese schamlose Geschichtsfälschung, die Wandalenlüge, bis heute am Leben erhalten? Warum wird gemein weitergelogen? Haben alle Völker ein Anrecht auf gerechte Behandlung, nur wir Germanen nicht? Im Interesse welcher Kartelle liegt es, daß verleumderische Hetzparole vom „Vandalismus“ ständig durch die globale Medienwelt geistert? Die machthungrigen Römlinge haben unsere Stammesverwandten, die Wandalen ausgerottet und zu barbarischen Untermenschen erklärt. Die Haß-Propaganda der anglo-amerikanischen Bobenterroristen hat uns im Zweiten Weltkrieg zu „hunnischen“ Barbaren erklärt, die ebenso ausgerottet werden müssen. Gegenwärtig werden wieder Menschen, die für die Freiheit und Gerechtigkeit für uns alle eintreten, als“ Ewig Gestrige“ verleumdet, die es ebenfalls „auszurotten“ gilt. So wird es von namhaften Politkommissaren eingefordert. Eine Verleumdungs- und Ausrottungsideologie gegen unsere europäische Völkerfamilie zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte. Die herrschsüchtigen Römlinge die skrupellosen anglo-amerikanischen Bombenterroristen und die korrupten Pseudodemokraten unserer Zeit haben eines gemeinsam: Sie alle eine ein unendlicher Haß alles ursprünglich Europäisches. Sie alle sind die Kreaturen einer fremdländischen Ideologie des Hasses, des Terrors und der Gewalt. Schmeichelei, Heuchelei und Lügenpropaganda sind ihre hinterlistigen „Geistes-Waffen zur Durchsetzung ihrer Ziele.

Die Wandalen sind ausgelöscht und können sich nicht mehr gegen gemeine Lüge und Verleumdung wehren. Somit haben die Haßprediger leichtes Spiel. Wir aber leben und können sehr wohl gegen Lügner und Haßprediger der Gegenwart auftreten. Zweitausend Jahre rassistisch motivierter Lüge und Verleumdung gegen unsere europäische Völkerfamilie sind genug.

Metherstellung

Achtung_Met_inne_AdernWas ist Met?

Die Geschichte des Mets

Warum Alkohol?

An Getränken gehörten Fruchtgetränke und Milch immer zur Ernährung des Mittelalters dazu. Aber bereits die Völker der Antike begannen Alkohol herzustellen. Der Hauptgrund dafür war jedoch weniger der, sich zu berauschen, sondern der, daß es nur sehr wenige Möglichkeiten gab, Nahrungsmittel haltbar zu machen. Gerade Fruchtsaft und Obst verderben sehr schnell, aber in vergorener Form, wie Wein, bleiben sie haltbar. Der bei der Gärung entstehende Alkohol verhindert das Wachstum der Fäulnisbakterien. Auch erkannte man, daß der Genuß vergorener Getränke weniger oft zu Krankheiten führte als der von unbehandeltem Wasser oder anderen Getränken. Das liegt nicht etwa daran, daß Alkoholika besonders gesund wären, sondern daran, daß viele Quellen und Brunnen unsauber waren und der Genuß ihres Wassers zu Erkrankungen oder gar zum Tode führte.

Ursprung in der Antike

Met ist das älteste alkoholische Getränk überhaupt. Er war den Griechen, Römern und Germanen bekannt, und schon die alten Sumerer tranken ihn im 3. Jahrtausend v.u.Z. Met war das Nationalgetränk der trinkfreudigen Germanen und Wikinger. In ihren Liedern und Sagen konnten sie den Met nicht genug verherrlichen, und auch ihre Götter genossen ihn sehr üppig.
Der Ursprung des Met wurde auf Kvasir (oder Kwaser), das weise und allwissende Friedensgeschöpf der Götter zurückgeführt, welches aus dem vermischten Speichel der Asen und Wanen entstand. Fjalar und sein Bruder Galar waren bösartige Zwerge, die Kvasir töteten, um seine Zauberkraft zu bekommen. In einem Kessel mischten sie sein Blut mit Honig und erhielten daraus Met, der Weisheit verlieh. Aber sie verloren den Met an den Reifriesen Suttung, dessen Eltern sie auch getötet hatten. Suttung prahlte mit seinem Neuerwerb, worauf Odin beschloß, ins Land der Reifriesen (Jötunheim) zu gehen, und den Zaubertrank in seinen Besitz zu bringen. Er überredete den Reifriesen Baugi, einen Tunnel durch den Berg zu bohren, in dem Suttung den Met unter Aufsicht seiner Tochter Gunnlod verwahrte. Als das Loch fertig war, wechselte Odin seine Gestalt zu der einer Schlange und kroch schnell zu dem versteckten Schatz. In der Höhle angekommen verwandelte er sich abermals, diesmal in die Gestalt eines gutaussehenden einäugigen Riesen und war drei Tage und Nächte lang Gunnlods Liebhaber. Die Riesin ließ ihn den Met trinken, worauf er sich in einen Adler verwandelte und nach Asgard flog. Suttung verfolgte ihn, ebenfalls in der Gestalt eines Adlers, aber Odin schaffte es mit knappem Vorsprung. Bei Riesen, Zwergen und Göttern stieg Met zum heißbegehrten Zaubertrank auf, der ihnen Kraft, Weisheit und Unsterblichkeit schenken sollte.

Met im Mittelalter

Nachdem die Römer vor 2.000 Jahren die Rebe in Deutschland eingeführt hatten, wurde der Met nach und nach von den Tischen der vornehmen Welt verdrängt und durch den viel köstlicheren Traubenwein ersetzt. Dieser Konkurrent hatte ein leichtes Spiel, weil die Metsieder im Altertum und auch lange später noch nicht die nötigen Kenntnisse besaßen, um ein dem Traubenwein gleichkommendes Getränk herzustellen.
Doch Met hatte einen Vorteil, der ihn für das einfache Volk attraktiv machte: er war wesentlich billiger als Traubenwein, weil man den Honig kostenlos von wilden Bienen aus dem Wald holen konnte. Im Mittelalter entwickelte sich Met deshalb zu einem Volksgetränk.
Unsere Vorfahren bereiteten den Met, indem sie den in den riesigen Wäldern Deutschlands massenhaft vorkommenden Bienenhonig einfach mit Wasser verdünnten. Der französische Name des Mets „Hydromel“ (Honigwasser) ist daher sehr richtig. Später wurden die Honigbienen auch durch Imker richtig gezüchtet. Durch Gärung gewann der Met wesentlich an Geschmack und Alkoholgehalt (bis maximal 14,5 %).

Nach dem Mittelalter

Durch den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) wurde die deutsche Bienenzucht vernichtet, und mit ihr verschwanden mangels Rohstoff auch die Metsiedereien. Das Wiederaufkommen des Mets als Volksgetränk wurde noch dadurch erschwert, daß das Brauen von Bier aus Gerste und Hopfen rasch einen großen Aufschwung nahm und das Bier bis zum heutigen Tag viele Liebhaber fand.

Met heute

Erst im neunzehnten Jahrhundert, als sich die Bienenzucht wieder erholte, wurden Versuche gemacht, den Met in Deutschland wieder zu Ehren zu bringen, leider aber ohne großen Erfolg. Dennoch konnte sich der Met einen kleinen Kreis von Liebhabern erhalten, und er findet zum Beispiel auf mittelalterlichen Veranstaltungen reißenden Absatz. Deshalb wird er auch weiterhin gewerblich hergestellt. Es gibt aber auch Scharlatane, die einfach Honig mit etwas Alkohol und Wasser mischen und Ahnungslosen dieses widerliche Gesöff als Met verkaufen. Es ist aber recht einfach, richtigen und auch köstlichen Met selbst zu machen.

Das Prinzip der Metbereitung

Das Prinzip der Metbereitung besteht einfach darin, daß die im Honig enthaltenen Zuckerarten Traubenzucker und Fruchtzucker durch Gärung mit Hefe in Alkohol (Äthylalkohol), Kohlendioxid und Wärme umgewandelt werden.

C6H12O6 + Hefe => 2 C2H5OH + 2 CO2

Es gibt viele Methoden, Met und metähnliche Getränke selbst herzustellen, und dafür sollen hier einige Möglichkeiten vorgestellt werden. Auf ähnliche Weise wie Met können auch Frucht- und Obstweine hergestellt werden, nur halt aus deren Saft anstatt aus Honig (der Saft sollte 100 % Fruchtgehalt haben und frei von Konservierungsstoffen sein, und gegebenenfalls muß zusätzlicher Zucker oder Honig zugesetzt werden).
Nach dem deutschen Lebensmittelrecht darf aber nur Met, der nach den speziellen gesetzlichen Regelungen für Met hergestellt wurde, auch offiziell als „Met“ bezeichnet und unter dieser Bezeichnung gewerblich vertrieben werden. Die Herstellung nach diesen Verfahren ist aber sehr langwierig und teuer. Für den Eigenbedarf empfehlen sich daher ein paar einfachere Rezepte (solch ein Gebräu darf jedoch nur unter der Bezeichnung „metähnliches Getränk“ und „Honigwein“ gewerblich verkauft oder ausgeschenkt werden). Es gibt verschiedene „Arten“ von Honigwein, die man selbst herstellen kann, wobei diese sich vor allem darin unterscheiden, wie lange sie vergoren wurden.

Was man alles braucht

Grundsätzlich benötigt man eine Grundausstattung an Gerätschaften, welche die nachfolgenden Dinge umfaßt und stets sauber gehalten werden sollte.

Der Gärbehälter

Dies ist das Gefäß, in dem die Gärung stattfinden soll, normalerweise eine Flasche, ein Kunststoffkanister oder ein Faß. Die Größe richtet sich nach der herzustellenden Menge. Natürlich genügt für anfängliche Neugier auch eine normale Glasflasche, aber diese sollte mindestens einen oder zwei Liter fassen. Besser sind natürlich die richtigen Glasballonflaschen mit gewölbtem Boden zur Weinherstellung mit 5, 10 oder 20 Litern Fassungsvermögen, und diese sollten für den Hausgebrauch auch ausreichen.

Zur Reinigung der großen Flaschen gibt es spezielle Ballonflaschenbürsten. Natürlich kann man auch noch größere Glasballons nehmen, doch sollte man berücksichtigen, daß diese mit zunehmender Füllmenge auch entsprechend schwer werden, denn man muß ab und zu umfüllen und den Inhalt schwenken. Dieser Punkt wird oft unterschätzt. Auf Gärbehälter über 50 Litern Volumen sollte man tunlichst verzichten, denn man muß sie ja noch bewegen können. Eigentlich sollten 20 Liter bereits das Maximum sein, was eine noch einigermaßen bequeme Handhabung betrifft. Gefüllte Glasballons dürfen beim Transport aus Sicherheitsgründen nicht am Hals angefaßt werden, sondern immer nur am Flaschenkörper.

Glas ist geschmacksneutral, außerdem kann der Verlauf der Gärung gut beobachtet werden, und insbesondere das Abziehen des Weins von einem Bodensatz wird so erleichtert. Zum Abziehen und Umfüllen empfiehlt sich auch die Anschaffung eines zweiten Glasballons. Das Umfüllen ist aber temporär und kann auch in kleinere Gefäße erfolgen, so daß man notfalls mit einem größeren Gärbehälter auskommt (sofern man nicht mehrere Metansätze gleichzeitig herstellen möchte). Professionelle Methersteller nehmen dafür sogar richtig große Fässer und saugen die Flüssigkeit zum Umfüllen mit einem Schlauch ab.
Die Glasbehälter sollten aus grünen (üblich) oder noch besser braunem Glas sein, der den Inhalt vor zu viel Licht schützt. Noch besser ist natürlich die Möglichkeit, den Met im Dunkeln gären zu lassen. Für die Glasballons gibt es praktische Tragekörbe aus Korb oder Kunststoff, welche die Handhabung der schweren (wenn gefüllt) Flaschen erleichtern. Unnötig zu erwähnen, daß der Gärbehälter vor dem Befüllen und bei jedem Umfüllen mit heißem Wasser gründlich ausgespült und hartnäckig anhaftender Schmutz mit der Bürste entfernt werden sollte.
Man sollte bei der Wahl der Flaschengröße berücksichtigen, daß man im Laufe der Herstellungszeit etwa 10 bis 20 % Flüssigkeitsverlust hinnehmen muß (durch Filterung, Umgießen, Verdunstung und der Umwandlung von Zucker in Kohlendioxid). Ferner sollte man die Flasche nie ganz füllen, sondern immer ca. 10 bis 20 % ihrer Höhe als Steigraum für den Schaum frei lassen, da Met bei der Gärung, vor allem anfangs, stark schäumen kann und sich so selbst aus der Flasche herausdrücken würde. So kann man davon ausgehen, daß man etwa 75 bis 80 % des Gärbehältervolumens an Met erzielen kann, oder andersherum, daß der Behälter etwa 25 bis 33 % größer sein sollte als die gewünschte Menge Met.

Daß der beste Wein in einem Holzfaß lagern muß, ist immer noch ein weit verbreiteter Irrglaube. Das Holzfaß vereinigt fast alle Nachteile, die ein Behälter zur Lagerung des Weins haben kann. Es ist luftdurchlässig, wegen der Poren im Holz schlecht zu reinigen und teuer in der Anschaffung und Pflege. Einzig wer den Holzgeschmack in seinem Wein mag und einen Küfer in seiner Nähe hat, der das Faß zerlegen und reinigen kann, sollte ein Holzfaß benutzen. Kunststoffässer sind preiswert und relativ gut zu reinigen. Allerdings sollte der Wein in einem Kunststoffaß nicht länger als ein Jahr gelagert werden. Ideal ist die teuerste Lösung, ein Edelstahlfaß. Für kleinere Mengen sind auch Glasballons gut geeignet.

Der Stopfen

Der Stopfen verschließt den Gärbehälter und verhindert das Eindringen von Luft, damit der darin enthaltene Sauerstoff keinen Verderb herbeiführen kann (der kurze Luftkontakt beim Umfüllen ist jedoch unkritisch). Der Stopfen muß allerdings durchbohrt sein, damit das bei der Gärung entstehende Kohlendioxid entweichen kann. Andernfalls würde sich ein hoher Druck aufbauen, der den Stopfen herausschießen oder gar den Gärbehälter zum Explodieren bringen würde. Der Stopfen kann aus Kork sein (feucht halten) oder aus Gummi bestehen (hygienischer). Gummistopfen gibt es als Kappe zum äußeren Überziehen auf den Flaschenhals sowie als „Korken“ zum Hineinstecken (letzteren nie zu tief hineinstecken, denn dann bekommt man ihn nur schwer wieder heraus). In die Bohrung des Stopfens wird ein Gärverschluß (s.d.) eingesetzt. Der Stopfen sollte vor der Benutzung und bei jedem Umfüllen sterilisiert oder zumindest mit heißem Wasser gründlich gereinigt werden.

Der Gärverschuß

Der Gärverschluß ist im Prinzip ein Rohrsystem, bei dem das ausströmende Kohlendioxid durch Wasser nach außen abgeleitet wird. Dies dient zum einen dazu, den Druck des durch die Gärung entstehenden Kohlendioxids abzuleiten, zum anderen dazu, das Gärgut vor eindringendem Luftsauerstoff, der zum Verderb führen kann, und unerwünschten Mikroorganismen zu schützen und außerdem dazu, die Gärungsaktivität (Menge und Frequenz der austretenden Gasbläschen) beobachten zu können. So läßt sich anhand der Blasenwanderung im Gärverschluß der Fortschritt und das Abebben des Gärungsprozesses gut verfolgen. Notfalls genügt aber auch ein Wattepfropfen.
Im Prinzip gibt es zwei Varianten von Gärverschlüssen. Die erste ist das Gärröhrchen (Neßler’sche Gärröhre), welches wie ein Siphon arbeitet. Es besitzt eine spiralförmige Schlaufe mit zwei kugelförmigen Erweiterungen. Diese Schlaufe wird zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Der Druck läßt das Kohlendioxid in Form von Bläschen durch das Wasser wandern und entweichen. Erhältlich ist das Gärröhrchen aus Glas oder aus transparentem Kunststoff. Ein Glasaufsatz ist schön anzusehen, aber auch sehr empfindlich, deshalb empfiehlt sich doch eher Kunststoff.
Die zweite Form ist der zweiteilige Gäraufsatz (Duplex, Gärtrichter), der aus einem Behälter besteht in dem ein zweiter, kleinerer umgekehrt über der Ausströmöffnung im Wasser steht. Der „Deckel“ wird durch den Gasdruck angehoben und läßt das Kohlendioxid damit wie ein Sicherheitsventil ebenfalls durch das Wasser entweichen, worauf der „Deckel“ wieder zurückfällt. Diese Variante läßt sich leichter reinigen.
Beide Formen verhindern durch die Wassersperre das Eindringen von Sauerstoff, Mikroorganismen und Insekten. Das entweichende Kohlendioxidgas (Kohlenstoffdioxid) kann im Gärverschluß mit Calciumhydroxid-Lösung (die nicht in das Gärgut geraten sollte) nachgewiesen werden, wobei weißliches Calciumcarbonat und Wasser entstehen.


Ca(OH)2 + CO2 => CaCO3 + H2

Essigsäurebakterien sind bei der Weinbereitung unerwünscht, denn Weine mit einem Essigstich schmecken sauer und rauh und sind verdorben. Essigsäurebakterien sind abhängig vom Luftsauerstoff, und Essigsäure ist ein Produkt ihrer Atmung (unvollständige Oxidation). Deshalb ist es auch verhältnismäßig einfach, sich vor diesen Bakterien und anderen schädlichen Mikroorganismen zu schützen, indem man jeden unnötigen Kontakt des Weins mit Luftsauerstoff mit Hilfe des Gäraufsatzes vermeidet.
Dies gilt insbesondere für Weinansätze, die noch einen geringen Alkoholgehalt aufweisen, weil Essigsäurebakterien weniger alkoholtolerant sind als viele Reinzuchthefen. Ab einem Alkoholgehalt von etwa 12 % können Essigsäurebakterien nicht mehr existieren.
Gäraufsätze verwehren außerdem Essig- oder Taufliegenarten der Gattung Drosophila den Zugang zum Wein. Diese lieben faulendes und in Gärung übergehendes Obst und werden vom Geruch des gärenden Weins angezogen. Wie der deutsche Name der Fliegen andeutet, übertragen diese Fliegen Essigsäurebakterien und dürfen deshalb nicht in den Wein gelangen. Im Hochsommer findet man diese Tiere zuweilen zu Dutzenden ertrunken im Wasser des Gärröhrchens. Es ist darauf zu achten, daß dieses „verseuchte“ Wasser nicht in den Wein gelangt (das Gärröhchen langsam herausziehen, damit der Unterdruck dessen Inhalt nicht in den Gärbehälter saugt).
Gärverschlüsse gibt es im Wein- und Keltereifachhandel, in gut sortierten Drogerien und Apotheken, im Chemiebedarf und manchmal auch im Zoofachhandel.
Wenn man keinen Gäraufsatz hat, kann man die Flasche notfalls auch mit einem Tuch, welches mit einem Gummiband befestigt wird, einem Wattebausch oder Frischhaltefolie, in die ein kleines Loch gestochen wird, verschließen. Auch dies sorgt dafür, daß das Kohlendioxid entweichen kann und hält die Fruchtfliegen fern. Allerdings kann im späteren Verlauf der Gärung, wenn kein Überdruck mehr entsteht, Luftsauerstoff eindringen. Deshalb sollte man den Wein in diesem Fall nicht ganz so lange ausgären lassen wie mit Gärverschluß, sondern ihn etwas eher abziehen.

Leere Flaschen

Man benötigt adäquat zur hergestellten Menge leere Flaschen zum temporären Umfüllen und zum letztendlichen Abziehen des fertigen Mets. Auch diese sollten stets mit heißem Wasser gründlich gereinigt werden. Solange der Gärungsprozeß nicht endgültig gestoppt ist, dürfen diese auf keinen Fall verschlossen werden, da sie sonst durch den entstehenden Gasdruck explodieren können! Bewährt haben sich leere Colaflaschen aus PET-Kunststoff, weil sie stabil, groß und leicht sind und sich dicht verschließen lassen.

Zum „Kredenzen“ des Mets bei Tisch oder auf Mittelalterfesten eignet sich natürlich eine schön geformte Glasflasche oder eine Karaffe wesentlich besser. Stilechter ist natürlich ein Tonkrug oder ein kleines Holzfäßchen.
Übrigens haben nur die Wikinger und Nordleute des Frühmittelalters Met aus Hörnern getrunken. Im Mittelalter trank man ihn ganz normal aus Holz- oder Tonbechern.

Honig

Honig entsteht durch Verdickung und Fermentation von Nektar, Honigtau (zuckerhaltige Ausscheidung von Blattläusen) oder Zuckerwasser im Honigmagen der Biene. Je nach Herkunft besteht Honig zu etwa 75 % aus reinen Zuckern (etwa 35 % Fruktose, 30 % Glukose, 10 % Polysaccharide) und u.a. aus Aromastoffen. Honig ist übrigens das einzige Lebensmittel, das niemals verdirbt.

Welchen Honig man bevorzugt, ist eine Frage des Geschmacks und des Geldbeutels. An sich ist es egal, es muß nicht unbedingt der Teuerste sein. Allerdings sollte man von billigen Kunsthonigprodukten aus Geschmacksgründen absehen. Für die Herstellung des Mets ist die Art des Honigs unerheblich (im Prinzip funktioniert es sogar mit Zuckerwasser), nicht aber für den Geschmack, und wenn man etwas Gutes möchte, sollte der Honig schon „echt“ und auch kaltgeschleudert sein, denn nur dann bleiben seine wertvollen Inhaltsstoffe erhalten.
Einen milderen Geschmack erreicht man durch Linden- oder Kleehonig, einen sehr würzigen durch Tannenhonig. Man kann hierbei aber natürlich auch andere Sorten verwenden oder verschiedene Sorten miteinander mischen.


Der Honig im Met hat zudem den Vorteil, daß er im Körper die Bildung von Enzymen anregt, die den Alkohol abbauen. Das könnte der Grund dafür sein, warum ich von meinem Met – im Gegensatz zu anderen Alkoholika – noch nie Kopfschmerzen bekommen habe. Ansonsten soll ein Teelöffel voll Honig vor dem Schlafengehen auch gut gegen den Kater am nächsten Morgen sein.

Hefe

Geschmacklich am besten eignet sich Weinhefe (Reinzuchthefe) aus der Apotheke, der Drogerie oder dem Weinfachhandel, und zwar eine Südweinrasse, wie Portwein, Samos, Malaga, Sherry oder ähnlich. Notfalls tut es aber auch Bierhefe oder Bäckerhefe (ca. 0,30 Euro im Kühlregal des Lebensmittelhandels), wenn man nicht unbedingt eine Spätlese herstellen oder den Wein verkaufen will.
Wichtig ist, daß die Hefekultur noch lebt. Mit toter Hefe verdirbt man alle Zutaten. Deshalb wird die Hefe zunächst in ein Glas voller Zucker- oder Honiglösung oder süßem Apfelsaft ohne Konservierungsstoffe eingerührt und bei Zimmertemperatur stehen gelassen. Steigen nach ein paar Stunden (bei Bäckerhefe schon nach ein paar Minuten) oder am nächsten Tag reichlich Gasbläschen auf, so lebt die Hefe, und der flüssige Anteil im Anzuchtglas kann dem Gärgut zugegeben werden.
Man kann natürlich auch, wie ganz früher üblich, auf natürliche Hefen zurückgreifen, also den Rohmet offen stehen lassen, bis eine Gärung durch die in der Luft vorkommenden Hefepilze einsetzt. Dies ist aber recht unsicher, und oftmals ist, gerade auch bei Obstweinen, der Schimmel schneller, und man kann alles wegschütten. Außerdem erzeugt eine wilde Gärung Fuselöle, die zu Kopfschmerzen führen.

Die Bäckerhefe (Saccharomyces cerevisiae), deren lateinischer Name wörtlich übersetzt „Zuckerpilz des Bieres“ lautet, gehört systematisch zu den Ascomyceten (Schlauchpilzen) und zählt mit den Basidiomyceten (Ständerpilze, wie zum Beispiel Champignons) zu den höheren Pilzen.

Pilze sind wieder Tier noch Pflanze. Wie die Pflanzen besitzen sie eine Zellwand, die sich in ihrem Aufbau aber von der pflanzlichen Zellwand deutlich unterscheidet. Außerdem können sie keine Photosynthese betreiben, sind also nicht in der Lage, Sonnenlicht als Energiequelle zu nutzen. Aber ihre Zellen besitzen alle wesentlichen Bestandteile der tierischen und der pflanzlichen Zelle, einen echten Zellkern und verschiedene Organzellen. Die zellulären Prozesse der Hefezellen ähneln denen der bakteriellen Zellen oft derart, daß sich die einfach zu handhabende Bäckerhefe als Modellorganismus etabliert hat.

Die „Hefepilze“ sind birnenförmige bis zylindrische Zellen, die einzeln oder in Sproßketten vereint auftreten können. Sie kommen unter anderem im Boden natürlich vor und gelangen von dort in Blüten und Früchte. Fruchtsäfte sind für sie ein ideales Nährmedium. Bekommt eine überreife Frucht den typisch „scharfen“ Beigeschmack von Alkohol, so waren Hefen am Werk.

Alle Kulturhefen wurden aus solchen Wildhefen gezüchtet. Die Bäckerhefe wird sowohl für die Herstellung von Hefeteig, Bier und Wein benutzt, auch wenn sich die verwendeten Stämme in ihrem Anwendungsprofil unterscheiden. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Stämme auf die verschiedenen Anforderungen hin selektiert. Soll der Teig gut aufgehen, so ist eine rasche Produktion von Kohlendioxid gewünscht. Soll dies rasch geschehen, so ist eine kleine Zuckerzugabe notwendig. Stämme für die Alkoholherstellung sollen eine hohe Toleranz gegen Alkohol und Schwefeldioxid aufweisen und den Geschmack des Getränks positiv beeinflussen.
Zwei wesentliche Eigenschaften des Hefestoffwechsels sind also die Bildung von Kohlendioxid und Alkohol (Äthanol), wobei Zucker verbraucht wird. Bei der alkoholischen Gärung kann schließlich so viel Alkohol angereichert werden, bis die Hefen daran zugrunde gehen. Hierbei muß man jedoch bedenken, daß die wenigsten anderen Mikroorganismen so alkoholtolerant sind wie die Hefen. Durch die systematische Vergiftung ihrer näheren Umgebung hemmt die Hefe das Wachstum von Nahrungskonkurrenten und kann sich so letztlich doch gegenüber Schimmelpilzen und Bakterien durchsetzen.
Trauben beziehungsweise Obst enthalten Zucker, und zwar Traubenzucker (Glukose) und Fruchtzucker (Fruktose). Sie werden von der Hefe in trinkbaren Alkohol (Äthylalkohol oder Äthanol) umgewandelt. Die Hefe produziert Gärhilfsstoffe (Fermente beziehungsweise Enzyme), die in der Lage sind, aus dem Trauben- und Fruchtzucker Alkohol herzustellen. Bei diesem Gärvorgang entsteht zusätzlich Kohlendioxid.
Heute handelsüblicher Raffinadezucker wird aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr gewonnen. Diese Zuckerarten bezeichnet man als Saccharose. Diese läßt sich nicht direkt vergären, denn das geht eben nur mit Glukose und Fruktose. Aber durch einen Umweg ist es trotzdem möglich, Saccharose zu trinkbarem Alkohol zu vergären. Mit Hilfe eines besonderen Enzyms (Saccharase) der Hefe wird zunächst die Saccharose in Fruktose und Glukose gespalten, und dann beginnt erst der eigentliche Gärvorgang. Im Obstsaft beziehungsweise Honigwasser findet die Hefe genügend Nahrung, um diese besonderen Enzyme zu produzieren und damit auch zugesetzte Saccharose zu vergären.
Für den Gärvorgang sollten nur Zutaten verwendet werden, die keine Konservierungsstoffe enthalten, denn diese würden die Hefe abtöten.
Äthanol ist sicherlich das wichtigste Gärungsprodukt der Hefen, aber nicht das einzige. So sorgt zum Beispiel die Bildung kleiner Mengen Schwefelwasserstoff (H2S) beim Vergären einiger Fruchtsorten für einen Geruch nach faulen Eiern (dieser Geruch ist selten intensiv und ist spätestens im fertigen Wein verschwunden).
Ein weiteres Nebenprodukt ist Methanol (Methylalkohol), ein Alkohol mit nur einem Kohlenstoffatom (H3COH). Methanol ist zwar giftig, in kleinen, unbedenklichen Mengen aber immer in Weinen enthalten. Der in geringsten Mengen bei jeder Gärung entstehende Methylalkohol ist für den menschlichen Körper ohne Bedeutung.
Ein eventuell gefährlicher Methanolgehalt hängt weniger von der Hefe, als vielmehr von der Art des verwendeten Gärgutes und der Dauer des Gärprozesses ab. Methanol entsteht bei der Gärung nicht aus dem Zucker, sondern als unerwünschtes Nebenprodukt durch enzymatischen Abbau von Pektin. Je pektinhaltiger der Saft ist, desto mehr Methanol entsteht. Das ist bei der relativ kurzen Gärdauer und insbesondere bei Honigweinansätzen aber ziemlich unkritisch und wird erst dann interessant, wenn man Branntwein daraus herstellen will. Das ist aber u.a. aus diesem Grund in Deutschland für Privatleute ohnehin verboten.
Längerkettige Alkohole entstehen ebenfalls und werden als Fuselöle zusammengefaßt. Diese sind auf der einen Seite für das Bukett des Weines mitverantwortlich, können aber auch zum Kopfschmerz am Tag danach führen.
Die Bildung von Glycerin (H2COH-HCOH-H2COH) wirkt sich positiv auf den Wein aus, denn es schmeckt süßlich und dickt die Flüssigkeit förmlich ein. Dadurch haftet der Wein länger an den Schleimhäuten und ist hauptverantwortlich für die Nachhaltigkeit des Weingeschmacks. Weiterhin entstehen bei Obstweinen noch organische Säuren wie zum Beispiel die Milchsäure.
Reinzuchthefen haben gegenüber der Bäckerhefe den Vorteil, daß sie daraufhin optimiert sind, möglichst wenig unerwünschte Nebenprodukte zu produzieren. Bäckerhefe hat dagegen den Vorzug, daß sie sehr schnell und stürmisch angärt und damit bereits nach einer knappen halben Stunde schon die dominierende und sich am schnellsten vermehrende Lebensform im Gärgut darstellt, gegen die andere Hefen oder Schimmel (allein schon der Ausgangsmenge wegen) keine Chance mehr zum Durchsetzen haben. Außerdem hat sich nach etwa einer Woche bereits so viel Alkohol (ca. 3 bis 5 %) gebildet, daß es die in der Luft befindlichen fremden Mikroorgansimen beim ersten Umfüllen bereits sehr schwer haben, überhaupt noch Fuß zu fassen.
Bei nur langsam in Gang kommender Reinzuchthefe sieht das schon anders aus. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, daß Reinzuchthefe oft gar nicht anfing zu gären (wer weiß, wie lange die beim Händler schon herumgelegen hatte?).
Allerdings sollte man – gerade auch bei der Verwendung von Bäckerhefe – den sich absetzenden Hefeschlamm (Geläger) regelmäßig durch Umgießen entfernen, und zwar während der Gärung wöchentlich und während des Lagerns monatlich, so wie es auch in Rezepten aus dem Mittelalter schon empfohlen wird. Dann sollte man eigentlich immer Erfolg mit dem Wein und keinerlei Hefegeschmack im Endprodukt haben, auch wenn man mit Bäckerhefe arbeitet. Wird die abgestorbene Hefe allerdings nicht ab und zu entfernt, zersetzt sie sich und bildet schwefelhaltige Eiweiße. Diese verderben den Geschmack, und der Wein schmeckt eklig hefig.
Vermeiden sollte man allerdings die „wilde Gärung“ von Obstweinen, bei der man auf die Tätigkeit der wenigen natürlichen Hefen hofft, die den Früchten anhaften, denn man gibt damit zunächst den Bakterien und dem Schimmel Zeit, ihr Unwesen zu treiben, und anschließend produziert man mit hoher Wahrscheinlichkeit einen fuselölreichen Kopfschmerzwein.
Natürliche Hefen können bei der Spontangärung Alkohol nur bis etwa acht Prozent bilden und benötigen für diesen Prozeß auch Sauerstoff. Sauerstoff jedoch stört die Weinzubereitung, indem er das Wachstum von schädlichen Bakterien und anderen Mikroorganismen fördert, die den Wein ungenießbar machen. Erfahrungsberichte aus der Landbevölkerung bestätigen die üblen Folgen (Kopfschmerzen) wilder Gärung, und weil damit keine guten Weine erzielt wurden, gab man diese Versuche bald wieder auf.
Um das zu verhindern, wird das Wirken der natürlichen Hefen unterdrückt; stattdessen verwendet man für die Gärung eben speziell hierfür entwickelte Reinzuchthefen (Weinhefen), die ohne Sauerstoff arbeiten. Sie sind reine Naturprodukte (keine Chemie), die jedoch eine wesentlich höhere Alkoholbildung erlauben.
Man wundert sich, wie unterschiedlich in der Herstellung ansonsten identische Weine schmecken können, wenn unterschiedliche Reinzuchthefen verwendet wurden. Soweit es mir bekannt ist, gibt es zwei Firmen in Deutschland, die Weinhefen über Apotheken und Drogerien verkaufen. Beide sind in Qualität und Darreichungsform (kleine Kunststofffläschchen mit flüssiger Hefe) gleichwertig. Bei Flüssighefen gibt es eine größere Artenvielfalt als bei Trockenhefen. Diese müssen jedoch vor der Verwendung zwei bis drei Tage lang angesetzt werden, damit sie sich ausreichend vermehren können. Diese Zeit muß man bei der Arbeitsplanung berücksichtigen.
Trockenhefen dagegen können sofort eingesetzt werden. Es sind nur geringe Mengen (im Grammbereich) erforderlich. Übriggebliebene Hefe kann problemlos aufgehoben werden, sofern sie trocken gelagert wird. Nach dem angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum sollte sie jedoch nicht mehr verwendet werden. Um den Gärbeginn zu beschleunigen, kann die Trockenhefe kurz vor ihrer Verwendung in etwas lauwarmem Wasser angesetzt werden. Sie nimmt dabei die bei der Trocknung entzogene Flüssigkeit wieder auf. Dazu reichen 15 bis 30 Minuten aus.
Bei Reinzuchthefen gilt es, ein wenig über die Sorte nachzudenken, die man verwenden möchte. Die Hefen können nämlich je nach Sorte bis zu bestimmten Alkoholgehalten arbeiten, dann sterben sie ab. Dazu brauchen sie auch unterschiedliche Mengen Zucker. Außerdem unterscheiden sie sich hinsichtlich Schaumbildung, Temperaturbeständigkeit, Temperaturbereich, Schwefeldioxidfestigkeit und noch weiteren Kriterien. Die Hefen haben wohlklingende Rassenamen, die aber nur zum Teil sinnvoll angeben, für welche Weine sie sich eignen. Dies ist aber vor allem für Traubenweine wichtig, für Obstweine und Met spielt dies jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Hier genügt sogar Bäckerhefe, mit der ich hervorragende Ergebnisse erziele.
Wichtig ist der für die Hefe richtige Zuckergehalt des Gärguts. Leichte Weine sind schneller fertig und trinkbar als die schwereren, sind aber auch weniger lange haltbar, schlechter zu konservieren und somit anfälliger gegen Essigsäurebakterien, Fäulnis und Schimmel. Die schweren Weine aus Tokayer- oder Portwein-Hefen konservieren sich durch ihren hohen Alkoholgehalt selbst. Auch für Met eignen sich besonders die Heferassen für schwere Weine.

Wein:

Zuckergehalt:

Beispiele für geeignete Hefen:

leicht

wenig

Zeltinger, Piesporter, Bernkastler

mittel

mittel

Steinberg, Bordeaux, Burgund

schwer

viel

Sherry, Tokayer, Haut-Sauternes, Portwein

Gewürze

Gewürzt werden kann nach Geschmack. Doch hier gilt, daß zuwenig besser ist als zuviel. Nachwürzen kann man dann ja immer noch, auch nach der Gärung.
Typische Metgewürze (in beliebiger Menge und Zusammenstellung) sind zum Beispiel Zimt, Kardamom, Salbei, Hopfen, Nelken, Ingwer, Kalmus, Anis und Pfeffer.
Hopfen sollte man nicht mehr als 1 Gramm pro Liter zugeben, weil der Met sonst zu bitter wird. Der Hopfen wird vorher 10 bis 15 Minuten in etwas Wasser gekocht und abgekühlt in das Honigwasser gegossen.
Prinzipiell kann man zum Würzen auch frische Kräuter hinzugeben, die man kleinhackt und für ca. zwei Wochen im Gärgut schwimmen läßt. Der sich bildende Alkohol zieht das Aroma heraus. Nach zwei Wochen schöpft man sie mit dem Sieb heraus.

Trübstoffe

Hefe gärt nur, wenn sie auf einer Oberfläche sitzt. Das bedeutet, daß eine Hefepilzzelle sich erst irgendwo anlagert und dann frißt (also Zucker aufnimmt und diesen als Alkohol und Kohlendioxid ausscheidet). Das läßt sich gut daran beobachten, daß das gerührte, geschüttelte oder umgefüllte Gärgut erst wieder einen Moment lang zur Ruhe kommen muß, bevor die Gärung wieder einsetzt (viele Bläschen aufsteigen).
Trübstoffarme Weine gären deshalb langsam und bilden evtl. weniger Alkohol als vergleichbare trübe Weine. Dadurch kann die entstehende Kohlensäure auch nur schwer als Gas austreten, weshalb besonders auch Obstweine oft heftig aufschäumen, wenn man nachträglich Zucker hinzufügt.
Nun ist Honigwasser aber im Prinzip eine klare Zuckerlösung, die kaum Trübstoffe enthält, an welche die Hefe sich anlagern kann. So setzt sie sich meist auf der Innenseite des Gärbehälters ab, und hier gewöhnlich am Boden. Dadurch ist die von der Hefe besetzbare Oberfläche aber verhältnismäßig klein. Die Folge davon ist, daß der Gärprozeß entsprechend länger dauert, weil nicht so viel Zucker auf einmal vergoren werden kann.
Um die Gärung zu beschleunigen, kann man daher Trübstoffe zugeben, die der Hefe durch die enorme Oberflächenvergrößerung (auch in der Flüssigkeit schwebend) mehr Fläche zum Anlagern geben und die sich nach der Gärung zusammen mit den Hefezellen absetzen.
Dazu eigenen sich vor allem Mehl und die faserreichen Äpfel. Mehl sollte geschmacksneutral sein und beeinflußt dann das Aroma nicht. Man sollte etwa 1 Gramm Mehl pro Liter Met zugeben. Der Nachteil von Mehl ist, daß es sehr fein ist und der fertige Met daher wesentlich öfter gefiltert werden muß und mehr Zeit bei der Reifung braucht, bis sich die Trübung am Boden absetzt oder man den Met überhaupt nicht klar bekommt. Evtl. kann man die „mehlige“ Konsistenz des trüben Mets sogar auf der Zunge spüren.
Äpfel, zerrieben oder als naturtrüber Apfelsaft (ohne hefetötende Konservierungsstoffe), enthalten zwar recht grobe Fasern, die sich gut ausfiltern lassen, aber sie beeinflussen natürlich auch den Geschmack. Das muß nicht negativ sein, denn der Met erhält so eine fruchtige Note. Allerdings sollte Apfel nur in Maßen zugegeben werden, denn schließlich soll es Met werden und kein Apfelwein. Die natürliche Säure des Saftes kann die Zugabe von Milchsäure zumindest teilweise ersetzen.
Alternativ kann auch heller Traubensaft zugegeben werden. Dieser fördert erwiesenermaßen die Gärung. Roter Traubensaft führt zu unerwünschten Verfärbungen, geht notfalls aber auch („Roter Met“ oder „Blutmet“ sind nette Phantasiebezeichnungen dafür).
Die Verwendung von Trübstoffen ist bei gewerblich hergestelltem Wein nicht erlaubt, insbesondere der Zusatz von Traubensaft ist gesetzlich verboten.

Hefenährsalz

Nicht unbedingt erforderlich, aber von vielen Winzern empfohlen, ist auch Hefenährsalz in Tablettenform. Das Hefenährsalz besteht aus Stickstoff- und Phosphorverbindungen, hauptsächlich Ammoniumsulfat ((NH4)2SO4) und stellt quasi einen Dünger für die Hefepilze dar. Es führt der Hefe Mineralien zu und unterstützt den Gärungsprozeß, damit sich die Hefezellen vermehren können. Es erleichtert der Hefe den Start und verschafft ihr so einen Vorteil gegenüber Fremdhefen, Essigsäurebakterien oder Schimmelpilzen.
Während der Gärung bilden die Hefen Biomasse, die im Vergleich zu pflanzlicher Biomasse reich an Proteinen und Nukleinsäuren ist. Deshalb haben die Hefen einen besonders hohen Bedarf an den beiden Elementen Stickstoff (N) und Schwefel (S), der durch die Zersetzung des abgestorbenen Materials nur ungenügend gedeckt werden kann. Stickstoffmangel führt sogar direkt zu einer Hemmung der Zuckeraufnahme der Hefezellen und damit zu einer stockenden Gärung.
Zur Vermeidung dieser Effekte gibt man auf einen Liter Weinansatz 0,4 Gramm Ammoniumsulfat. Das Salz sollte vorsichtig dosiert werden, da es sich sonst geschmacklich auswirken kann und höhere Dosen außerdem bei gewerblich hergestelltem Wein gesetzwidrig sind. Eine Überdosierung ist also unbedingt zu vermeiden. Nährsalze sind im natürlichen Obstsaft meist in ausreichender Menge enthalten, nicht so in Honig. Im Handel erhält man es in Form von Tabletten, die das Dosieren erleichtern.
Das zugesetzte Nährsalz verbraucht sich nach ein paar Tagen, und dann kommt die Hefe auch ohne es aus. Insbesondere bei kleineren Ansätzen und wenn man einigermaßen hygienisch arbeitet, kann man also durchaus auf dieses Hilfsmittel verzichten und davon ausgehen, daß sich die Gärhefe auch von allein durchsetzt.

Säure

Milchsäure (aus der Apotheke) ist nicht unbedingt erforderlich, kann aber aus Geschmacksgründen zugesetzt werden, weil der Honig von Natur aus nur ganz wenig Säure enthält. Zur Säuerung bieten sich Milchsäure (E2270) und Zitronensäure an, wobei die Milchsäure auf jeden Fall vorzuziehen ist, denn sie ist gärungsstabil, kann also nicht weiter abgebaut werden, und die hinzugefügte Säuremenge ist somit endgültig. Außerdem ist sie eine milde Säure, die angenehm schmeckt, ohne auf der Zunge zu kratzen.
Milchsäure oder Lactat (CH3-HCOH-COOH) ist eine Monocarbonsäure, die in Früchten und Honig nicht vorkommt. Sie entsteht erst durch die Tätigkeit von zum Beispiel Milchsäurebakterien oder gelangt durch gezielte Beigabe in den Wein, um säurearme Weine (vor allem Met) zu verbessern. Dazu wird bevorzugt das Lactat verwendet, weil es die genannten Vorteile gegenüber anderen Säuren aufweist.
Milchsäure (E270) ist in Form einer 80 %igen Lösung erhältlich, selten als 50 %ige Lösung. Um die Säuremenge von einem Liter Wein um 1 Gramm pro Liter zu erhöhen, müssen 1,25 ml 80 %iges Lactat hinzugefügt werden. Mehr als 3,5 ml pro Liter Wein sollten nicht verwendet werden, da die Milchsäure in so großer Menge doch unangenehm hervorschmecken könnte. Dann muß Ascorbin-, Zitronen- oder Äpfelsäure für eine weitere Ansäuerung benutzt werden. Wenn der Met ohnehin mit Apfelsaft oder geriebenem Apfel angesetzt wird, so kann dessen natürlicher Säuregehalt die Milchsäure ersetzen.
Der ph-Wert sollte bei der Metgärung etwa zwischen 2,8 und 3,8 liegen. Dazu muß man nicht unbedingt messen, es reicht gewöhnlich aus, sich an die Rezepte zu halten. Notfalls geht es auch ohne Säurezusatz.

Schwefel

Durch Schwefeln kann man den Gärungsprozeß vorzeitig beenden, um dadurch zu verhindern, daß der Met evtl. zu bitter wird und um die Haltbarkeit zu erhöhen. Ich verzichte persönlich darauf – es ist halt eine Frage der Einstellung und des Geschmacks. Schwefel wird benötigt, um die störenden Mikroorganismen im Wein abzutöten, die Ausbreitung von Oxidationsenzymen und damit das Braunwerden des Weins zu verhindern, bei der Klärung des Weins mitzuhelfen und den Wein für eine lange Lagerung zu stabilisieren, damit er gut haltbar bleibt. Bei der dazu notwendigen Substanz handelt es sich nicht wirklich um Schwefel, sondern um Kaliumpyrosulfit (eigentlich Kaliumdisulfit, K2S2O5, E224), ein Kaliumsalz der schwefligen Säure, welches vom Winzer als „Schwefel“ bezeichnet wird, ebenso wie seine Zugabe „Schwefeln“ genannt wird.
Kaliumpyrosulfit setzt, im Met gelöst, Schwefeldioxid frei, das sich mit dem Wasser zu schwefliger Säure als Wirksubstanz verbindet. Außerdem entsteht harmloses Kaliumdioxid: K2S2O5 + 2 H2O => K2O + (2 SO2 + 2 H2O => 2 H2SO3)
Kaliumpyrosulfit erhält man im Weinbedarfsgeschäften oder Drogerien. Es ist als Tabletten oder Pulver erhältlich. Aus einer Tablette Kaliumdisulfit (1 Gramm) gewinnt man 0,5 Gramm Schwefeldioxid. In der Gebrauchsanweisung zum Kaliumpyrosulfit steht, in welchem Verhältnis geschwefelt werden muß. Im Normalfall reicht die gesetzlich zugelassene Höchstmenge von 0,1 Gramm Pyrosulfit pro Liter Met auch vollkommen aus.
Diese Substanz ist, sofern in den üblichen Mengen im Wein gelöst verwendet, gesundheitlich unbedenklich. Kaliumpyrosulfit ist in Reinform stark reizend, und der Kontakt des feinen Pulvers mit Augen und Schleimhäuten ist unbedingt zu vermeiden.
Kaliumpyrosulfit hemmt im Wein das Wachstum von unerwünschten Mikroorganismen wie Bakterien (zum Beispiel Essigsäurebakterien) und Schimmelpilzen. Dadurch kann es den fertigen Wein (nicht nur Met) vor Weinkrankheiten schützen. Auch bereits im jungen Metansatz oder in frischem Obstsaft beziehungsweise -maische kann die Vermehrung von nachteiligen Mikroorganismen gehemmt werden, bis die Reinzuchthefen, die unempfindlicher gegenüber Pyrsosulfit sind, genügend Alkohol gebildet haben, der dieselbe Wirkung hat. Dies ist aber weniger bei Met als vielmehr bei der Verwendung von Früchten, die rasch zum Verderben neigen (zum Beispiel Erdbeeren) von besonderer Bedeutung.
Weiterhin wirkt Pyrosulfit als Antioxidationsmittel, d.h. die negativen Auswirkungen des im Wein gelösten Luftsauerstoffs bei Fruchtweinen werden vermieden (das Braunwerden der Früchte bei der Verarbeitung wird verhindert, und der fertige Wein wird farb- und geschmacksstabil). Es wird aber auch bei der Gärung entstehendes Acetaldehyd gebunden und dadurch die Entwicklung und Erhaltung eines frischen, arttypischen Aromas und Geschmacks positiv beeinflußt.
Durch eine starke Überdosierung kann auch die Gärtätigkeit der Hefen gehemmt werden, außerdem kann der Wein nach Schwefel riechen und schmecken. Der Ansatz ist dann verdorben. Bei Obstweinen ist dies nicht zu verwechseln mit einem leichten Geruch nach faulen Eiern durch die Bildung von Schwefelwasserstoff (H2S) was bei der Vergärung vieler Früchte normal ist. Soll aus einem Fruchtwein gezielt Essig hergestellt werden, so muß auf den Einsatz von Pyrosulfit verzichtet werden.
Über das Für und Wider des Schwefelns streiten sich die Experten. Das Schwefeln dient zur Konservierung des Weins. Bis heute gibt es kein anderes Mittel, das so zuverlässig wirkt wie Schwefel. Gekaufter Wein ist immer geschwefelt, denn niemand kann voraussehen, wie lange der Wein lagert, bevor er getrunken wird. Alle Betriebe, die Wein für den Verkauf in Deutschland produzieren, müssen nach dem Weingesetz schwefeln, auch Bio-Betriebe.
Der Hobbywinzer kann den Schwefel weglassen beziehungsweise den Schwefeleinsatz so gering wie möglich halten. Derzeit gibt es zu Schwefeln noch keine vergleichbar gute Konservierungsalternative. Die Beigabe von Kochsalz kann Schwefeln notfalls bis zu einem gewissen Maße ersetzen, ist aber nicht verläßlich und wirkt sich auch geschmacklich aus. Schwefel beeinträchtigt nicht den Geschmack des Weins, sondern hebt ihn sogar.
Mit Schwefel werden Mängel im Herstellungsverfahren toleriert, denn er garantiert nahezu, daß auch der ungeübtere Hobbywinzer einen guten Wein keltern kann. Manche Hobbywinzer nehmen weniger Schwefel, halbieren sogar die Richtwerte, um die gesundheitliche Belastung so gering wie möglich zu halten. Inwieweit das sinnvoll ist, kann nicht bewertet werden. Es hängt ganz davon ab, wie sauber der Hobbywinzer arbeitet und wie gut beziehungsweise gesund die verwendeten Früchte sind. Je fauliger die Früchte sind, desto höher muß geschwefelt werden.
Jungwein (das ist der Wein, der nach der ersten Gärung von der Hefe abgezogen worden ist) wird ebenfalls mit einer Lösung aus 0,1 g Pyrosulfit pro Liter geschwefelt. Der Schwefel tötet alle Mikroorganismen ab, die sich beim Abfüllen eingeschlichen haben, und hilft beim Klären des Weins. Vor der Flaschenabfüllung sollte der Wein noch einmal mit der gleichen Menge Pyrosulfit geschwefelt werden. Das Gleiche gilt, wenn der Wein zusätzlich filtriert werden muß.
Nachgewiesenermaßen schadet Schwefel der Gesundheit. In größeren Mengen wirkt er sich nachteilig auf den Vitaminhaushalt im Körper aus. Einige Menschen reagieren sogar allergisch auf Schwefelzusätze. Doch es geht auch ohne Schwefeln. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß der Hobbywinzer klinisch sauber arbeitet, nur die besten Früchte nimmt, alle Arbeiten zügig durchführt und den Wein nicht länger als zwei Jahre lagert.
Kaliumpyrosulfit wird außerdem zum Sterilisieren aller erforderlichen Geräte verwendet. Dazu wird eine 2 %ige Schwefellösung hergestellt. Man nimmt auf einen Liter Wasser 40 Gramm Kaliumdisulfit (40 Tabletten) und fügt zwei Gramm Säure (Zitronensäure oder Milchsäure) hinzu. Die Säure ist notwendig, um das Schwefeldioxid zu aktivieren und die schädlichen Keime, Bakterien etc. abzutöten. Die Tabletten werden zu feinem Pulver zerdrückt, in Wasser aufgelöst und die Säure hinzugefügt. Alle Geräte sollten sorgfältig damit abgespült werden. Die Geräte müssen gut abtropfen und anschließend mit sauberem Wasser nachgespült werden. Einige Hobbywinzer verzichten auf das Nachspülen mit Wasser und nutzen die geringe Schwefelmenge, die an den Geräten haften bleibt, als zusätzliches Sterilisationsmittel bei der weiteren Verarbeitung. Die Geräte sollten immer kurz vor dem Gebrauch gereinigt werden, damit sich nach dem Klarspülen, sofern es getan wird, nicht erneut schädliche Bakterien ansiedeln. Solange die Lösung nach Schwefel riecht, kann sie verwendet werden.

Sonstiges

Ferner benötigt man noch einen oder mehrere große Töpfe zum Sieden der Grundzutaten, einen Schneebesen zum Umrühren, ein Thermometer zur Temperaturkontrolle und einen großen Schaumlöffel zum Abschöpfen des Schaums. Zum Abziehen von einem Bodensatz dient ein Weinheber, mit dem der Wein oben aus dem Behälter gesaugt werden kann, ohne den Bodensatz aufzuwirbeln. Notfalls geht auch ein sauberer, lebensmittelechter Kunststoffschlauch. Ein Vinometer erlaubt die ungefähre Bestimmung des Alkoholgehalts. Für Obstweine empfiehlt sich ein Handpreßbeutel, mit dem Fruchtreste aus dem Wein abgepreßt werden können.
Außerdem benötigt man einen großen Trichter (bei Obstweinen mit Siebeinsatz) zur problemlosen Befüllung der Ballons. Mit einem speziellen Füllstop-Trichter können Pfützen durch überlaufende Flaschen bei der Abfüllung vermieden werden. Ferner benötigt man Filterpapier (Küchenkrepp reicht zur Not auch). Eine 2-Liter-Kunststoffflasche, der man den Boden herausschneidet und deren Hals in die Öffnung der Gärflasche paßt, ist, mit Küchenkrepp im Hals, ein hervorragender Filtertrichter mit großem Fassungsvermögen. Evtl. benötigt man noch einen Rest Honig zum Nachsüßen, aber das ist Geschmackssache.

Ein Metrezept von 1350

Zunächst soll beschrieben werden, wie man im Mittelalter Met bereitete. Überliefert ist folgendes historisches Rezept aus dem Würzburger „Buch von guter Spise“ von 1350:

Der Originaltext

„Wilt du gu:oten met machen. Der gu:oten mete machen wil, der werme reinen brunnen, daz er die hant dor inne liden ku:enne, vnd neme zwei maz wazzers vnd eine honiges. daz ru:ere man mit eime stecken vnd laz ez ein wile hangen vnd sihe ez denne durch ein rein tu:och oder durch ein harsip in ein rein vaz. vnd siede denne die selben wirtz gein eime acker lanc hin vnd wider vnd schume die wirtz mit einer vensterehten schu:ezzeln, da der schume inne blibe vnd niht die wirtz. dor noch gu:ez den mete in ein rein vaz vnd bedecke in, daz der bradem iht vz mu:ege, als lange daz man die hant dor inne geliden mu:ege. So nim denne ein halp mezzigen hafen vnd tu:o in halp vol hopphen vnd ein hant vol salbey vnd siede daz mit der wirtz gein einer halben mile. vnd gu:ez ez denne in die wirtz vnd nim frischer heven ein halb no:ezzelin vnd gu:ez ez dor in. vnd gu:ez ez vnder ein ander, daz es gesschende werde. so decke zv:o, daz der bradem iht vz mu:ege, einen tac vnd eine naht. So seige denne den mete durch ein reyn tu:och oder durch ein harsip vnd vazze in in ein reyn vaz vnd lazze in iern drie tac vnd drie naht vnd fu:elle in alle abende. Dar nach lazze man in aber abe vnde hu:ete, daz iht hefen dor in kume, vnd laz in aht tage ligen, daz er valle, vnd fu:elle in alle abende. dar nach loz in abe in ein gehertztez vaz vnd laz in ligen aht tage vol. vnd trinke in denne erst sechs wu:ochen oder ehte, so ist er aller beste.“

Die „Übersetzung“

Für diejenigen, die im Mitteldeutschen nicht so bewandert sind, hier die Übersetzung ins Hochdeutsche:
„Willst Du guten Met machen. Wer guten Met machen will, erwärme sauberes Wasser so weit, so daß er noch die Hand hinein halten kann. Man nehme jeweils zwei Maß Wasser und ein Maß Honig. Mit einem Stab umrühren und (es) sich eine Weile setzen lassen. Dann seihe man es durch ein sauberes Tuch oder ein Haarsieb in ein sauberes Faß ab. Sodann siede man es gegen eine Ackerlänge hin und zurück (so lange man zu Fuß für die Strecke eines Morgens Ackers und wieder zurück benötigt; Uhren gab es schließlich nicht) und entferne den Schaum mit einer durchlöcherten Schale (Durchschlag, Sieb, Schöpfkelle etc.). Der Schaum bleibt in der Schale zurück, aber nicht die Flüssigkeit. Danach gibt man den Met in ein sauberes Faß und decke es ab, damit der Dampf nicht hinaus kann, solange, bis man seine Hand hinein halten kann. So nimm dann einen Meßbecher und fülle ihn halb voll Hopfen und mit einer Handvoll Salbei und siede das gleichzeitig mit dem Met gegen eine halbe Meile (so lange man benötigt, um diese Strecke zu gehen). Und gib es dann in den Met und nimm eine halbe Nuß (soviel, wie in eine halbe Nußschale paßt) frischer (lebender) Hefe und gib es ebenfalls hinein. Und misch es durch, daß es vergären werde. So decke es zu, so daß der Dampf hinaus kann, einen Tag und eine Nacht. So filtere dann den Met durch ein sauberes Tuch oder durch ein Haarsieb. Und fülle ihn in ein sauberes Faß und lasse es drei Tage und drei Nächte gären und fülle es jeden Abend um (wieder filtern), danach lasse man es abermals in Ruhe und schütze es vor dem Eindringen von Hefe (gut abdecken) und lasse es acht Tage liegen (ruhen) daß es sich setzt (die Hefe sinkt nach unten) und fülle es allabendlich um (vorsichtig abgießen, um den Bodensatz nicht mit umzufüllen). Danach füllt man es in ein geharztes (abgedichtetes, beziehungsweise für Aroma und Desinfektion mit Harz ausgeräuchertes) Faß und läßt es acht Tage voll liegen (ruhen, ohne es anzurühren oder etwas herauszunehmen) und trinke es innerhalb der nächsten sechs oder acht Wochen. Dann ist er am allerbesten.“

Meine Methode der Metherstellung

Vorbereitung

An dem Prinzip der Metbereitung von 1350 hat sich bis heute nicht viel verändert. Ich stelle Met für den Eigenbedarf nach der im Folgenden beschriebenen Methode her. Dazu wird auch auf die oben bei den Geräten und Zutaten aufgeführten Informationen verwiesen. Alle oben beschriebenen Gerätschaften werden bereitgestellt und mit heißem Wasser gründlich gereinigt.
Eine Hefekultur (meist verwende ich einfach Bäckerhefe) wird in handwarmer Zucker- oder Honiglösung (ein halbes Trinkglas) angesetzt, bis die Gärung einsetzt (Gasbläschen steigen auf). Je nach Konzentration der Lösung und Art und Zustand der Hefe kann dies nach wenigen Minuten oder erst am nächsten Tag der Fall sein. Man sollte diesen Ansatz mindestens eine Stunde vor der Metbereitung machen oder mit letzterer so lange warten, bis eine deutliche Gärtätigkeit eingesetzt hat. In dieser Zeit vermehren sich die Hefen bereits sprunghaft, so daß sie andere wilde Hefen (Gärungsschädlinge) unterdrücken. Der Ansatz kann dabei richtig zischen und ins Sprudeln geraten, dann ist er genau richtig.

Das Metsieden

Weil Honig in seiner reinen Form nicht gärt, muß er mit Wasser verdünnt werden. Dabei sollte sich der Honig völlig im Wasser auflösen. Der Honig wird in einen Topf gegeben. Wer keinen genügend großen Topf hat, muß die Zutaten eben aufteilen und den Met in mehreren Durchgängen sieden.
Wieviel Honig man nimmt, ist Geschmackssache. Je mehr Honig, desto stärker und geschmacklich intensiver und süßer wird der Met. Der Geschmack hängt auch von der verwendeten Honigsorte ab. Generell wird pro Liter herzustellendem Gärgut (nicht zugesetztem Wasser!) eine Honigmenge von 200 bis 500 Gramm empfohlen.
Bei gewerblich in den Verkehr gebrachtem Honigwein muß die gesetzlich vorgeschriebene Menge von mindestens 1 Gewichtsanteil Honig auf 2 Gewichtsanteile Wasser eingehalten werden. Ich bevorzuge ebenfalls relativ starke Mischungen mit etwa 400 bis 500 Gramm Honig pro Liter Gärgut.
Das Ganze wird jetzt bis zur gewünschten Menge Gärgut mit Wasser aufgefüllt. Es empfiehlt sich, das Wasser schon vorher zu erwärmen (warmes Leitungswasser oder mit dem Wasserkocher), denn so löst sich der Honig besser auf, und Honigreste können so gleich mit aus den Honiggläsern gespült und genutzt werden.
Danach wird so lange ständig umgerührt, bis sich der Honig einigermaßen aufgelöst hat. Er darf nicht als dicke Schicht auf dem Topfboden liegenbleiben, denn sonst kann er anbrennen und karamelisieren, was das gesamte Gärgut geschmacklich verderben würde. In manchem Metsorten findet sich aber auch ein Anteil gebrannter (karamelisierter) Honig, um den Geschmack zu verändern. Dies ist auch für gewerblich hergestellten Met gesetzlich zulässig, aber damit habe ich noch keine Erfahrung gemacht.
Das Gärgut wird nun unter beständigem Umrühren etwa fünf bis zehn Minuten lang erwärmt, bis der Honig sich vollständig aufgelöst hat. Dabei sollte die Temperatur nicht über 50 °C ansteigen, weil dies der Qualität des Honigs schaden würde (bei heißgeschleudertem Honig oder Kunsthonig wäre das egal). Hierbei ist ein entsprechendes Thermometer nützlich. Sich bildender Schaum wird sauber mit dem Schaumlöffel abgeschöpft. Deshalb ist es ungünstig, den Met schon vor dem Sieden zu würzen, da die Gewürze, an der Oberfläche schwimmend, zusammen mit dem Schaum abgeschöpft würden.
Nach dem Sieden läßt man das Gärgut auf etwa 25 °C abkühlen (handwarm). Die letzten Schaumreste können jetzt nochmals mit Küchenkrepp entfernt werden. Die richtige Temperatur stellt man mit einem Thermometer fest oder überprüft sie vorsichtig mit dem sauberen Finger (zunächst außen am Behälter, damit man sich nicht verbrüht, dann durch vorsichtiges Eintauchen). Wenn man keinen Temperaturunterschied zur eigenen Körperwärme spürt, kommt es ungefähr hin.
Während des Abkühlvorgangs kann man die Gewürze zusetzen. Man muß nicht unbedingt würzen, denn Met schmeckt auch naturrein sehr gut, aber man kann so ein wenig Abwechslung in den Geschmack bringen und das Aroma verfeinern. Bewährt haben sich unterschiedliche Mischungen aus Zimt (Rindenstücke und/oder Pulver), Nelken (ca. 1 bis 2 ganze Nelken pro Liter oder sehr wenig Nelkenpulver), Kardamom (kleine Menge, da geschmacklich sehr intensiv), Salbei (ruhig einen Teelöffel voll auf 5 Liter), Ingwer (sehr wenig), Hopfen (nur eine winzige Messerspitze, da sehr bitter), Kalmus (nach Geschmack), Anis (vorsichtig dosieren, recht dominantes Aroma) und Pfeffer (grob gemahlen läßt er sich später leichter ausfiltern). Normalerweise verwende ich lediglich Zimt, Nelken, Kardamom, Anis, Pfeffer und Salbei.
Nimmt man viel Nelken, Zimt und Kardamom, läßt sich eine Art Glühwein herstellen, der im Winter auch heiß gut schmeckt, dann allerdings ziemlich stark alkoholisierend wirkt.
Grundsätzlich gilt, daß man lieber zu wenig als zu viel würzen sollte. Die Gewürze bleiben bis zur ersten Filterung im Met und beeinflussen so lange seinen Geschmack. Nach der Filterung nachwürzen kann man immer noch, aber ein Zuviel an Würze bekommt man nicht mehr heraus (man kann lediglich mit ungewürztem Met verdünnen).
Wer Trübstoffe zusetzen möchte (geriebener Apfel, naturtrüber Apfel- oder Traubensaft oder Mehl) um die Gärung zu unterstützen und zu beschleunigen, kann das jetzt tun. Empfohlen wird etwa ein geriebener Apfel auf 10 Liter Gärgut beziehungsweise 5 bis 10 % Saft ohne Konservierungsstoffe (am besten selbst gepreßt). Bei Mehl genügt etwa ein Viertel Teelöffel pro Liter Gärgut vollauf. Es ist darauf hinzuweisen, daß der Zusatz von Trübstoffen bei gewerblich hergestelltem Met gesetzlich verboten ist, und ein mit Trübstoffen hergestellter Met darf nicht gewerblich in den Verkehr gebracht werden.
Wenn das Gärgut genügend abgekühlt ist (etwa 25 °C, denn mehr als 28 °C töten die Hefe ab), kann man es in den Gärbehälter umfüllen (die Gewürze setzen sich gern am Topfrand ab, mit dem letzten Rest Flüssigkeit noch einmal abspülen). Sodann setzt man den flüssigen Anteil der zuvor angesetzten Hefelösung hinzu. Die am Boden abgesetzte Hefe sollte nicht mit hinein, denn die Mehrzahl dieser Zellen dürfte abgestorben sein. Das Gärgefäß wird nur gärvoll (mindestens 10 bis 20 % Steigraum für den Schaum belassen) befüllt. Es sollte niemals heiße Flüssigkeit nachgeschüttet werden, weil diese die Hefezellen zerstören würde.
Heute gibt man meist noch ein paar Tropfen Milchsäure und etwas Hefenährsalz hinzu. Das ist nicht wirklich erforderlich, aber das Nährsalz unterstützt die Gärung, und die Milchsäure verbessert den Geschmack. Pro Liter Gärgut werden ca. 2 bis 3,5 Gramm 80 %ige Milchsäure empfohlen. Auf jeden Liter Gärgut kommen noch etwa 0,4 bis 0,6 Tabletten Hefenährsalz (Dosierungsanleitung auf der Packungsbeilage beachten), die man vorher in einer kleinen Menge Gärgut auflöst. Für gewerblich hergestellten Honigwein sind maximal 0,4 Gramm Hefenährsalz pro Liter Gärgut gesetzlich zulässig. Es geht aber auch ohne diese beiden Zutaten recht gut, und meist lasse ich sie einfach weg.

Die Gärung

Der Gärbehälter wird nun mit dem durchbohrten Stopfen verschlossen und mit dem wassergefüllten Gärverschluß versehen. Auf keinen Fall den Behälter einfach nur fest verschließen, da der entstehende Gasdruck entweichen muß und sonst zur Explosion (und einer riesigen, klebrigen Sauerei) führt.
Der Gärbehälter sollte warm (ca. 18 bis 25 °C) und dunkel stehen, denn Licht kann die Gärung negativ beeinflussen und unter Umständen den Verderb begünstigen. Starke Temperaturschwankungen wirken sich negativ auf die Gärung aus. Die Temperatur darf nicht über 28 °C ansteigen, weil die Hefe sonst abstirbt, aber auch nicht unter 8 bis 10 °C absinken, da der Gärvorgang sonst gehemmt wird oder gar nicht erst beginnt.
Die Gärung setzt je nach Menge, Zuckerkonzentration und Hefekonsistenz mehr oder weniger bald ein, was am Aufsteigen von Bläschen zu erkennen ist, die anschließend durch den Gärverschluß entweichen.

Für die Metgärung kann man jeden erdenklichen Ort auswählen. Kleine Mengen kann man in der Küche, im Gäste- oder Arbeitszimmer ansetzen, vorausgesetzt, der leichte Gärgeruch stört nicht. Auch ein kleiner Schrank kann ausreichen. Wichtig ist nur, daß man einen Platz findet, an dem die Hefe im Gärgefäß ungestört ihrer Arbeit nachgehen kann. Essig, Reinigungsmittel, schmutzige Wäsche oder Altöl sollten nicht in der Nähe lagern.
Der Platz sollte möglichst abgedunkelt sein. Das kann man auch dadurch erreichen, indem man ein Tuch über den Behälter legt oder einen großen Karton darüber stülpt. Dabei muß sichergestellt sein, daß die Gärgase ungehindert entweichen können. Weil Kohlendioxid entsteht und sich ein ziemlich penetranter Hefegeruch entwickelt, sollte man den Gärbehälter nicht in Schlafräumen aufbewahren und das Zimmer stets gut lüften.
Während der ersten Tage wird die Gärung besonders lebhaft, und dann kann es zu einer starken Schaumbildung kommen. Der Schaum kann dabei trotz Füllmengentoleranz auch aus dem Gäraufsatz herausgedrückt werden und außen am Gärbehälter herablaufen. Um eine Schweinerei auf dem Fußboden oder im Schrank zu vermeiden, empfiehlt es sich, den Gärbehälter zumindest während der ersten Woche in eine Kunststoffwanne zu stellen.
Austretende Flüssigkeit (auch der Inhalt eines übergequollenen Gäraufsatzes) darf auf keinen Fall zurück in den Gärbehälter gelangen, weil dabei die Gefahr der Infektion durch Essigsäurebakterien besteht. Der Gäraufsatz sollte in diesem Fall gereinigt und neu mit Wasser gefüllt werden. Ebenso sollte der Gärbehälter auch außen sauber gehalten werden, damit er nicht klebt und keine Insekten anlockt.
Der Gärbehälter sollte mindestens einmal täglich mit den Händen auf die Seite gekantet und geschwenkt werden, oder man wirbelt den Inhalt des Glasballons durch Kreisen des Ballonhalses herum, um etwas „Bewegung“ in die Hefe zu bringen und sie so zu äußerster Tätigkeit anzuregen.
Der Gäraufsatz sollte täglich kontrolliert und gegebenenfalls Wasser nachgefüllt werden. Wie lange die Gärung nun dauert, hängt von Menge, Konzentration und Zusammensetzung des Gärgutes ab. Es können drei Wochen sein, oder auch acht Wochen, je nachdem. Eine sehr starke Süße hemmt die Hefe, ebenso verlängert das Fehlen von Trübstoffen die Gärzeit.
Die abgestorbene Hefe, die sich am Boden des Gärbehälters sammelt, zersetzt sich allämhlich und kann dadurch den Geschmack des Mets verderben (der Met schmeckt dann sehr „hefig“ oder sogar faulig). Dieser Hefetrub enthält unter anderem auch die für Kopfschmerzen verantwortlichen Amine. Deshalb ist es ab und zu erforderlich, das Gärgut umzufüllen und gegebenenfalls dabei zu filtern. Dies kann bereits nach zwei bis drei Tagen nötig werden, oder auch erst nach einer Woche. Erkennbar ist es daran, daß sich eine deutliche Hefeschicht auf dem Behälterboden abgesetzt hat. Spätestens alle 8 Tage sollte man aber schon Umfüllen.
Dazu eignen sich große Kunststoffflaschen, zum Beispiel von Limonade, die mit heißem Wasser gründlich ausgespült werden, ganz hervorragend. Mit einem Trichter gießt man vorsichtig das Gärgut dort hinein oder zieht es mittels eines sauberen, lebensmittelechten Kunststoffschlauches von der Oberfläche ausgehend dahinein ab. Während des Gärprozesses sollte man den relativ klaren Oberflächenanteil (vor dem Umfüllen den Gärbehälter nicht schütteln oder großartig bewegen, damit sich die abgestorbene Hefe unten absetzen kann) in andere Flaschen füllen als den trüben bodennahen Anteil.

Der Gärbehälter wird mit heißem Wasser gründlich ausgespült, um die anhaftenden Hefereste zu entfernen. Die klareren Flascheninhalte werden zurückgegossen. Auf diese Weise erhält man den Großteil der Trübstoffe und Gewürze und spart sich das Filtern der gesamten Flüssigkeit. Der trübe Anteil muß freilich gefiltert werden, um die abgestorbene Hefe abzuscheiden. Ob dies nun mittels eines Kaffeefilters, mit Küchenkrepp im Trichter oder mit einer Laborausstattung geschieht, ist ziemlich egal. Es geht zunächst ja auch nur um eine grobe Filterung der trüben Anteile.
Bewährt hat sich eine große Kunststoffflasche ohne Boden, deren Hals in den Gärbehälter hineinpaßt und mit Küchenkrepp ausgelegt wurde, durch den das Filtrat sickert. So kann man viel Flüssigkeit auf einmal zum Filtern geben und muß nicht ständig nachgießen. Das Ganze ist vorsichtig zu handhaben, denn verschüttetes Honigwasser macht übel klebrige Flecken. Der tote Hefeschleim bleibt im Filter zurück.

Das Problem, das Gärgut dabei der Luft auszusetzen, ist nicht so gravierend. Das Umfüllen dauert nicht länger als ein paar Minuten. Außerdem gilt die dahingehende Vorsicht eigentlich eher am Anfang, wenn neben der erwünschten Hefe eben auch Sporen wilder Hefen oder von Schimmelpilzen in das Gärgut geraten und sich dort vermehren, was aber schon nach einer Woche durch ausreichende Hefepopulation und eine bereits vorhandene Alkoholkonzentration sehr erschwert wird.
Also sollte man die Gefahr durch den Luftkontakt nicht überbewerten. Aber selbstverständlich heißt das gleichwohl auch nicht, daß man das Gärgut bedenkenlos stundenlang offen herumstehen lassen sollte. Außerdem sollte man das Umfüllen nicht unbedingt während der Sommer- und Herbstmonate im Freien erledigen, denn die größte Gefahr bei offenem Gärgut geht eigentlich von Fruchtfliegen aus. Diese werden von gärendem Wein wie magisch angezogen, besonders von Obstwein. Sie dürfen auf keinen Fall in das Gärgut gelangen, sonst kontaminieren sie es mit Essigsäurebakterien, und der Wein kann umkippen.
Das Umfüllen ist außerdem eine gute Gelegenheit, etwas vom Gärgut (vom klaren Anteil) zu verkosten, um den Gärfortschritt und den Geschmack zu überprüfen. Dieses ist jetzt im Prinzip wie ein Federweißer, schmeckt wie ein süßer Sekt und könnte theoretisch auch schon getrunken werden, hält sich aber nicht lange. Gegebenenfalls kann nun auch noch einmal nachgewürzt werden. Nach dem Umfüllen wird der Gärbehälter wieder mit dem gesäuberten und neu mit Wasser gefüllten Gäraufsatz verschlossen und erneut ruhen gelassen.
Zum Ende der Gärung stirbt durch den steigenden Alkoholgehalt beziehungsweise durch mangelnden Zucker immer mehr Hefe ab, weshalb immer weniger lebende Hefezellen aktiv sind. Je weniger die Hefe arbeitet, desto niedriger wird auch die Abgabe an Kohlendioxid und Wärme. Der schützende Kohlendioxidschild über dem Wein nimmt ab. Gleichzeitig kann der beim Abkühlen entstehende Unterdruck im Ballon das Wasser aus dem Gäraufsatz in den Gärbehälter saugen, insbesondere, wenn man ein Gärröhrchen (Siphon) verwendet. Unerwünschter Sauerstoff kann also eindringen.
Dies muß auf jeden Fall verhindert werden, indem der Gärbehälter häufig überprüft und der Gäraufsatz bei Erfordernis sofort nachgefüllt wird. Man kann am Ende der Gärung den nicht mehr benötigten Steigraum auch mit einem Füllwein auffüllen, dies kann ein fertiger Met aus der letzten Gärung sein. Durch das Nachfüllen bis fast auf Spundhöhe verringert man die Angriffsfläche für den Sauerstoff und damit für schädliche Mikroorganismen. Etwas Steigraum sollte jedoch frei bleiben, da der Met noch immer ein wenig vergärt.
Die Gärung ist beendet, wenn keine Gasbläschen mehr aufsteigen und die vorher stürmische Kohlensäureentwicklung auch beim Umschwenken des Behälters nicht neu einsetzt. Dann ist entweder der Zucker komplett vergoren (bei schwachen Konzentrationen) und die Hefe verhungert langsam oder der Alkoholanteil hat etwa 14,5 % erreicht (bei starken Konzentrationen) und tötet die Hefe ab.
Will man sicher gehen, daß die Gärung beendet ist, führt man eine sogenannte Gärprobe durch. Dazu füllt man eine Flasche mit Jungmet, verkorkt diese und läßt sie einige Tage in einem warmen Raum stehen. Zeigt sich beim Öffnen der Flasche, daß der Met doch noch stark schäumt und perlt und in der Flasche ein Kohlensäuredruck entstanden ist, so ist dies ein Zeichen, daß auch der Inhalt des Gärbehälters noch nicht vollständig vergoren ist. Man gießt die Probe in den Ballon zurück und läßt sie weiter gären. Ist der Met jedoch klar und ruhig, so kann der Jungmet von der Hefe getrennt werden.
Man kann den Gärungsprozeß auch vorzeitig stoppen, allerdings gibt es für den Hobbywinzer kaum eine andere praktikable Lösung, die Gärung schonend zu unterbrechen, als den Met mittels Kaliumpyrosulfit zu schwefeln. Dabei gibt man ca. 0,1 Gramm Kaliumpyrosulfit pro Liter Met hinzu (unbedingt die Gebrauchsanleitung beachten!).
Ich selbst lehne es ab, meinen Met zu schwefeln. Methoden aus der gewerblichen Praxis sind hier nicht anwendbar, zu teuer oder schlecht zu handhaben. Kurzzeitiges Erhitzen auf über 70 °C, um die Hefe einfach abzutöten, ist nicht zu empfehlen, weil Alkohol (Äthanol) bereits bei 78 °C siedet und so ein guter Teil aus dem Met verdampfen würde.

Lagerung und Reifung

Der frische Met sollte nun noch ein paar Mal gründlich und komplett gefiltert werden, um die Hefe, Trübstoffe und Reste von Gewürzen zu entfernen.
Im Prinzip ist der Met jetzt schon trinkbar und schmeckt ähnlich wie Weinschorle, weil er noch viel Kohlensäure enthält, aber er wird besser, wenn man ihn noch reifen läßt. Dazu läßt man ihn noch ein paar Tage im gereinigten Gärbehälter mit Gäraufsatz ruhen, um sicher zu gehen, daß die Gärung auch wirklich beendet ist (keine Blasenbildung mehr).

Nach erneutem Abgießen und Filtern zieht man ihn auf Flaschen. Der Wein bleibt so länger stabil. Auch hier eignen sich wieder die großen Kunststoffflaschen. Diese läßt man aufrecht stehend an einem kühlen Ort ruhen, zum Beispiel im Keller oder im Kühlschrank. Stilechter sind natürlich verkorkte Glasflaschen. Diese müssen liegend gelagert werden, damit der Korken feucht gehalten wird. Man sollte sichergehen, daß die Gärung zum Zeitpunkt des Abfüllens auch wirklich beendet ist, sonst können die Flaschen durch den Gasdruck explodieren. Jetzt kann man den Gärbehälter bereits für die nächste Metgeneration verwenden.

Mit dem Aufhören der Kohlensäurebildung, die vorher alle Trübteilchen in ständiger Bewegung gehalten hatte, tritt jetzt Beruhigung ein, und der Jungmet kommt in das Stadium einer Selbstklärung. Der Schaum verschwindet, und die nach Ende der Gärung abgestorbenen Hefezellen mit allen Trübteilchen (Hefetrub) und Schleimstoffen setzen sich in einer deutlich abgegrenzten Schicht am Boden ab. Hierbei spricht man vom Geläger.

Die vollständige Klärung des Weines wird durch Abziehen (Abstich) von der Hefe, evtl. Schwefeln, Filtration und vor allem durch kühle Lagerung herbeigeführt. Bei einem Abstich wird der zum größten Teil klare Wein, mittels eines lebensmittelechten Schlauches vom Geläger abgezogen. Das erfordert etwas Geschick, damit der Hefetrub nicht aufgewirbelt wird. Praktisch ist es, den Schlauch an einem Stab zu befestigen, damit man ihn besser führen kann. Weiterhin sorgt eine Kerbe am Ende dafür, daß er sich im Inneren eines Gefäßes nicht festsaugt.
Bleibt der Wein auf dem Geläger liegen, verdirbt er. Die letzten Trübstoffe und Hefereste sollten sich während der Reifezeit allmählich absetzen und die Flüssigkeit klar und goldgelb werden. Ab und zu gießt man nochmals um beziehungsweise macht einen Abstich und spült den Bodensatz aus. Filtern kann man den bodennahen Anteil noch, muß dies aber nicht unbedingt.

Nach einiger Zeit, das können vier bis acht Wochen oder auch etliche Monate sein, ist der Met gereift und geschmacklich am besten, da während der Reifung noch postfermentative Aromen entstehen. Allerdings ist nur starker Met durch den konservierenden Alkoholgehalt längere Zeit haltbar. Ungeschwefelter Met sollte innerhalb von 2 Jahren getrunken werden.

Um den Met nach der Gärung zu lagern, ist ein kühler Keller von Vorteil. Die Lagertemperatur sollte dann zwischen 8 und 12 °C betragen. Man muß unbedingt darauf achten, daß der Keller gut durchlüftet ist und keine stark riechenden Gegenstände in der Nähe des Weins stehen. Der Met ist nämlich gerade in der Anfangslagerphase sehr empfindlich und könnte verderben.

Sollte nach 2 bis 4 Monaten keine Selbstklärung eintreten, kann mit dem technisch reinem Schönungsmittel Kieselsol (gesetzlich ist für Weine eine mindestens 10 %ige Lösung kolloider Kieselsäure vorgeschrieben) eine vollkommene Klärung erreicht werden. Dabei setzt man je nach Stärke der Trübung pro Liter Met 1 bis 4 ml Kieselsol zu und rührt es gleichmäßig ein. Die Schönungsmittel sind im Kelterei-Fachhandel zu beziehen. Unbedingt die Packungsbeilage beachten!
Ich selbst verwende dieses Mittel aufgrund meiner ablehnenden Haltung gegenüber Chemikalien in Nahrungsmitteln nicht, und es stört auch nicht weiter, wenn der Met noch leicht trüb erscheint, jedenfalls hat dies keine Auswirkungen auf den Geschmack, solange es sich bei der Trübung nicht um abgestorbene Hefe handelt.

Tips und Tricks

Je nach verbliebenem Zuckeranteil und Alkoholgehalt ist der Met unterschiedlich stark und schwankt im Geschmack zwischen trocken und sehr lieblich. Zu trockener Met kann mit Honig nachgesüßt werden (ca. 20 bis 30, keinesfalls mehr als 50 Gramm pro Liter). Hierbei ist aber Vorsicht geboten, weil die Gärung wieder einsetzen kann, falls noch Hefezellen am Leben sind. Deshalb sollte dies erst nach der Reifung geschehen, sonst können evtl. die Flaschen durch erneute Gasbildung explodieren. Den Honig zum Nachsüßen sollte man aber zuvor leicht erwärmen, weil er sich dann besser einmischen läßt.
Zu lieblicher (süßer) Met ist nicht vollständig vergoren. In diesem Fall kann man nochmals etwas Mehl und Hefe zugeben und hoffen, daß die Gärung wieder einsetzt. Das dauert aber einige Tage. Ist der Geschmack nicht ausgewogen (zuviel Süße, kaum Säure) kann dieser vorsichtig noch mit etwas Milchsäure (max. 2 ml pro Liter) neutralisiert werden.
Sehr weit vergorener Met kann auch scheinbar etwas bitter schmecken. Der bittere Geschmack ist eigentlich eine Täuschung, denn das Fehlen von Zucker und der Alkohol verursachen diese Fehleinschätzung. Hier schafft die Zugabe von ein wenig Honig ebenfalls Abhilfe, es sei denn, man bevorzugt einen sehr trockenen Met, der gut gekühlt zum Essen hervorragend schmeckt. Vermieden werden kann der bittere Geschmack auch durch vorzeitiges Beenden der Gärung mittels Abschwefeln.
Met sollte stets kühl serviert werden (im Winter aber auch heiß), stilecht natürlich in einer schönen Glasflasche, Karaffe oder einem Tonkrug. Getrunken werden sollte lieblicher Met als Aperitif und trockener zum Essen. Dazu atmosphärisch passend sind natürlich Becher und Pokale aus Holz oder Ton. Trinkhörner sind für das Hochmittelalter zwar nicht historisch korrekt, verbreiten aber eine zünftige Stimmung.
Weil Met einen Alkoholgehalt von bis zu 14,5 % aufweisen kann und man diesen wegen der Süße nicht unbedingt gleich sehr deutlich merkt, ist bezüglich der Menge zunächst Vorsicht geboten. Ein guter, nicht zu süßer Met erzeugt dafür aber keinen schlimmen Kater (von meinem Met habe ich noch nie Kopfschmerzen bekommen).
Durch den Alkoholgehalt ist Met recht lange haltbar, wenn er verschlossen und gekühlt aufbewahrt wird. Sollte er sich aber wieder trüben (eindringender Sauerstoff), schimmeln oder plötzlich negativ verändert („kratzig“) schmecken, sollte man vom weiteren Verzehr besser absehen.
Es kann passieren, daß der Met bei den ersten Versuchen oder auch immer wieder mal geschmacklich nicht so gut gelingt. Das ist aber kein Grund zur Aufgabe, denn jede Gärung verläuft anders, und selbst große Produktionsbetriebe schütten häufig sogar mehrere Hektoliter weg. Man sollte es dann unter angemessener Sorgfalt und Sauberkeit einfach noch einmal versuchen und wird sicher auch bald mit einem köstlichen Getränk belohnt.

Weitere Metrezepte

Frischer Met
Leicht und billig ist ein frischer Met herzustellen, der (wie Federweißer) noch gärt und schnell getrunken werden muß, da er sich nicht lange hält. Er ist in etwa 10 Tagen fertig. Man benötigt eine recht starke Honiglösung (ca. 450 Gramm Honig pro Liter Gärgut), zerstoßene Nelken, Ingwerpulver, Anispulver und Hefe (Reinzuchthefe). Hiermit verfährt man anlog zur oben beschriebenen Metbereitung. Der Gärvorgang ist je nach Menge nach 8 bis 12 Tagen soweit abgeschlossen. Man kann den frischen Met nun trinken, weiter vergären oder schwefeln und reifen lassen. Je älter er wird, desto besser ist er natürlich.

Met mit Bierhefe
Die Herstellung dauert etwa 10 Tage. Man benötigt ein Päckchen Bierhefe, eine Honiglösung von etwa 400 Gramm Honig pro Liter Gärgut, Anispulver, Nelkenpulver und Ingwerpulver. Man verfährt wie gehabt. Die Bierhefe wird jedoch nicht gleich zugegeben, sondern mit einer halben Tasse des fertigen Honigwassers verrührt und 10 Stunden abgedeckt stehengelassen. Die Temperatur darf dabei nicht über 30 °C sein. Danach kommt die angesetzte Bierhefe in das inzwischen abgekühlte Wasser-Honig-Gemisch und wird mit dem Gärrohr verschlossen. Nach ca. 2 Tagen beginnt die Gärung, die bis zu 10 Tagen dauern kann. Wenn sich im Gärrohr keine Blasen mehr bilden, ist der Met fertig vergoren und kann frisch getrunken oder reifen gelassen werden.

Met mit Apfelsaft
Die Herstellung dauert etwa 5 bis 6 Wochen. Man benötigt Reinzuchthefe, 10 % vom Gärgut an naturtrübem Apfelsaft ohne Konservierungsstoffe, eine Honiglösung von etwa 300 Gramm pro Liter Gärgut, einen geriebenen Apfel, 2 Gramm Mehl pro Liter Gärgut und Hefenährsalz und Milchsäure gemäß den Herstellerempfehlungen. Die Hefe wird in einem Viertelliter Apfelsaft gegeben und stehen gelassen. Damit wird die Hefe vermehrt und aktiviert. Wenn die Gärung einsetzt, kann man das Honigwasser bereiten. Wer eine Öchslewaage hat, sollte den Met auf 120nbsp;°Öchsle einstellen, das ergibt gut 12 bis 14 % Alkohol. Man bereitet das Honigwasser gemäß der oben beschriebenen Methode. Dahinein den geriebenen Apfel, die zerriebenen Hefenährsalztabletten, die Milchsäure und das Mehl geben. Sobald die Mischung auf etwa 20 °C abgekühlt ist, den Hefeansatz zugeben, gut mischen und in den Gärbehälter füllen. Dieser Met wird schon bald recht stark gären und ist nach ca. 5 bis 6 Wochen wie ein Federweißer nicht mehr ganz süß, mit etwas Alkohol und viel Kohlensäure. Leicht gekühlt ist er ein tolles Getränk. Nach spätestens 8 Wochen ist dieser Met komplett durchgegoren, und sehr sauer, manchmal auch etwas bitter.

Met mit Saft (in 2 bis 4 Monaten)
Man benötigt Honigwasser (ca. 250 bis 300 Gramm Honig pro Liter Gärgut), 1 Liter Apfel- oder Traubensaft ohne Konservierungsstoffe, einen niedrigen Anteil an Hefenährsalz und Milchsäure gemäß Empfehlung, 1 Gramm Mehl pro Liter Gärgut, Gewürze (Nelken, Ingwer, Muskatnuß, Kalmus, Zimt, Hopfen oder Kräuter und Kräuterauszüge) und Reinzuchthefe. Traubensaft fördert die Gärung, und es ist sinnvoll, wenn man in diesem Saft etwa 3 bis 4 Tage vor dem Ansetzen des Mets eine Kultur Reinzuchthefe vermehrt, wobei diese Flasche mit einem Wattebausch verschlossen wird. Nun verfährt man gemäß der oben beschriebenen Methode. Nach vollständigen Gärungsende stellt man den Met kühl, zieht ihn bald von der Hefe ab und schwefelt ihn mit dem Kaliumpyrosulfit.

Starker altdeutscher Met (aus einem altdeutschen Rezeptbüchlein)
Es wird doppelt soviel Honigwasser wie später Gärgut angerührt (etwa 160 Gramm Honig pro Liter Honigwasser), und zwar möglichst mit weichem Wasser. Dieses wird in einem Kessel bis ungefähr auf die Hälfte oder ein wenig darunter eingesotten. Die hierauf abgekühlte und nur noch lauwarme Flüssigkeit wird in ein Weinfaß gegossen, welches inwendig mit Sauerteig bestrichen ist, oder es wird auch etwas Hefe zugesetzt, damit die Gärung beschleunigt wird. Dann näht man in ein länglich geformtes, plattes Leinensäckchen die grob zerstoßenen Gewürze (Nelken, Zimt, Pfeffer, Ingwer und Paradieskörner) ein. Das Gewürzsäckchen wird in den Met hineingehängt und während der ganzen Gärungszeit darin gelassen. Nach der Gärung wird das Faß den Winter hindurch im Keller zugespundet gelassen, später wird der Met in ein anderes Faß abgezogen. Sobald er klar ist, kann er getrunken werden. Je älter der Met ist, desto besser schmeckt er.

Mäßig starker altdeutscher Met (aus einem altdeutschen Rezeptbüchlein)
Es wird reinster Honig genommen, etwa 150 bis 180 Gramm pro Liter Honigwasser. Dieses wird dann in einem Kessel unter beständigem Abschäumen gekocht, bis die Flüssigkeit so dick wie Honig ist. Dann kocht man sie wieder mit ebenso viel Wasser, unter beständigem Abschäumen, aber jetzt nicht so lange, sondern bis sie ein hineingelegtes Ei kaum noch trägt, und preßt dieses Honigwasser durch ein Tuch, um es zu filtern. Je weniger Wasser man beim zweiten Mal nimmt, und je länger man ihn einkocht, desto stärker wird der Met. Das Honigwasser füllt man noch warm (aber nicht mehr heiß) in ein Faß, und gibt etwas Bier- oder Weinhefe hinzu. Der Met schmeckt angenehmer, wenn man Kräuter und Gewürze, zum Beispiel Zimt, Nelken, Kardamom, Kalmus oder Ingwer zu Pulver reibt, in ein Säckchen wie vorhin beschrieben einlegt, in letzteres einen ganz sauberen Kieselstein von entsprechender Schwere hineinlegt, damit dieser das Säckchen zu Boden zieht, und dann das Säckchen ins Faß hineinsteckt. Wenn der Met drei bis vier Wochen gegoren hat, ist er reif zum Trinken.

Blutmet (mit roten Trauben)
Ein herrlich fruchtiger, roter Met läßt sich nach dem bewährten Metrezept herstellen, wenn man pro Liter Ansatz 300 Gramm rote Trauben gemaischt hinzugibt und entsprechend weniger Wasser verwendet, so daß der Gärbehälter nur zu drei Vierteln gefüllt wird. Während der Gärung zieht der Alkohol den roten Farbstoff aus den Traubenschalen. Nach zwei Wochen Gärung wird die Maische entfernt, und der Gärbehälter mit Wasser auf 90 % der Füllhöhe aufgefüllt. Danach läßt man den Ansatz fertig gären (noch etwa 4 Wochen). Nach dem Abziehen nicht erschrecken, denn der trübe, rosa „Schwuchtelmet“ dunkelt nach ein paar Wochen der Lagerung und Klärung noch erheblich nach und sieht später aus wie Rotwein. Natürlich hat er auch im Geschmack eine leicht herbe, fruchtige Rotweinnote.

Elfenmet (Maimet)

Elfenmet oder Maimet ist ein sehr aromatischer Met, der mit Waldmeister (Galium odoratum, früher Asperula odorata) angesetzt wird. Gemeint ist hier natürlich das frische Kraut, nicht irgendwelche Chemikalien, obwohl man notfalls auch Waldmeistersirup verwenden kann, wenn man kein frisches Kraut bekommt. Waldmeister hat einen sehr intensiven, süßlichen Heublumenduft. Verantwortlich für den Geruch ist der Inhaltsstoff Cumarin. Waldmeisterkraut kann man zur Maizeit auf Märkten und in manchen Gemüsegeschäften frisch kaufen (es ist nicht getrocknet im Handel) oder selbst im Wald sammeln, und es läßt sich auch gut einfrieren.

Wer selbst sammeln möchte findet den Waldmeister in größeren Beständen (oft Massenbeständen) in schattigen, feuchten und krautreichen Laub- und Nadelwäldern (besonders in Buchenwäldern), aber er fehlt stellenweise im Tiefland, da er kalkhaltigen Lehmboden benötigt. Waldmeister gehört nicht zu den besonders gefährdeten Arten und unterliegt deshalb auch nicht dem Artenschutz, so daß man ihn auch aus der freien Natur sammeln darf (dies habe ich beim Umweltamt verifiziert). Verwendet werden nur die jungen Triebe und Blätter vor der Blüte. Es heißt, Waldmeister sollte unbedingt vor der Blüte geerntet werden, da sonst der Cumaringehalt zu hoch sei, und verblühtes Kraut sei wertlos, aber diese Aussage ist noch umstritten. Wer sichergehen möchte, kann sich daran halten.
Das Cumarin liegt im Waldmeister eigentlich als nicht duftendes Cumaringlykosid vor. Beim Trocknen wird dann das duftende Cumarin abgespalten. Daher entfaltet sich der Duft auch besonders, wenn man den gesammelten oder aufgetauten Waldmeister über Nacht an einem sehr gut gelüfteten Ort welken beziehungsweise trocknen läßt. Man sollte ihn nicht in die Sonne legen, weil er sich sonst schwarz verfärbt. Dauert das Trocknen aber zu lange, wird der Waldmeister ebenfalls schwarz und verliert viel von seinem Geschmack und seiner Wirkung. Während des Trocknens sollte das Kraut mehrmals gewendet werden.
Eine klassische Anwendung des Waldmeisters ist die Maibowle, die erstmals 854 durch den Benediktinermönch Wandalbertus aus Prüm in der Eifel erwähnt wurde, der mit seinen Brüdern den Mai mit einer Waldmeister-Bowle begrüßte. Elfenmet wird ähnlich wie eine Maibowle zubereitet. Angesetzt wird der Elfenmet zunächst wie ein ganz normaler Met, bleibt aber ungewürzt. Waldmeister schmeckt wegen seines ebenso zarten wie intensiven Aromas nur allein und sollte deshalb möglichst nicht mit anderen Aromen oder Gewürzen kombiniert werden.
Wenn der Met fertig gegoren ist, werden kleingeschnittene und angewelkte oder getrocknete Triebspitzen oder Blätter eingelegt. Pro Liter Met sollten dabei nicht mehr als 3 Gramm frisches Waldmeisterkraut verwendet werden, um den auch für Maibowle gesetzlichen Höchstgehalt an Cumarin von 5 ppm nicht zu überschreiten. Dabei sollten keine Stengel oder Blüten verwendet werden, weil diese einen krautig-bitteren Geschmack erzeugen. Der Waldmeister sollte nur rund 20 Minuten in den Met eingelegt werden (wie bei Mabowle), da sonst durch das Cumarin Kopfschmerzen ausgelöst werden können. Aus diesem Grund sollte man das Kraut nicht über längere Zeit mitgären lassen. Der Alkohol zieht das Cumarin aus den Pflanzen. Danach wird das Kraut ausgesiebt.
Der Ansatz duftet nun schon sehr aromatisch und schmeckt auch bereits köstlich. Jetzt kann der Elfenmet frisch getrunken werden oder ablagern. Gekühlt im Likörglas serviert ist er eine Delikatesse. Er schimmert auch ganz schwach grünlich. Wem dieser Schimmer nicht ausreicht, kann mit ein wenig geschmacksneutraler Lebensmittelfarbe nachhelfen, sofern ihm Chemikalien im Wein egal sind (verkaufen darf man Elfenmet ohnehin nicht, da außer bei Maibowle mit Cumarin aromatisierte Lebensmittel in der Bundesrepublik Deutschland für das gewerbliche Inverkehrbringen verboten sind).
Neben dem Geruch ist das Cumarin auch für die physiologische Wirkung des Waldmeisters verantwortlich. In leichter Dosierung wirkt er leicht beschwingend und kann helfen, Kopfweh zu lindern. In höherer Dosierung verursacht Waldmeister allerdings Kopfschmerzen, Schwindel und Magenbeschwerden.
Cumarin stand früher im Verdacht, leberschädigend und kanzerogen (krebserregend) zu sein, wenn man es häufig oder in großen Mengen zu sich nimmt. Von dieser Meinung ist man heute weitgehend wieder abgekommen, und hält den Waldmeister in kleinen Mengen nicht für kanzerogen. Die stark lebertoxische Wirkung trat im Tierversuch nur bei übermäßiger Dosierung auf. 1974 führten diese Befunde in der Bundesrepublik Deutschland zu einem Verbot der Cumarinverwendung bei der Aromatisierung in der Lebensmittelindustrie. Eine Ausnahme bildet die gewerbsmäßige Herstellung von Maibowle. Da hepatotoxische (für die Leber giftige) Stoffwechselprodukte des Cumarins allerdings nur beim Tier entstehen, wird beim Menschen das Risiko toxischer Langzeitschäden als gering eingeschätzt. Wegen dieser Wirkung auf Tiere ist Cumarin auch der Hauptbestandteil von Rattengift. Trotz der inzwischen veränderten Erkenntnisse ist der kommerzielle Einsatz von Cumarin und Waldmeisterkraut zur Herstellung von Essenzen nach Aromenverordnung nach wie vor verboten.
Dennoch kann Waldmeister nur sehr eingeschränkt und außerdem in sehr geringen Mengen empfohlen werden, da er in höherer Dosierung Kopfweh, Schwindel und Magenbeschwerden auslösen kann. Die in einer normal zubereiteten Maibowle oder im Elfenmet enthaltene Menge an Cumarin gilt allgemein als zu gering, um wirklich schädlich zu sein. Aber sie ist stark genug, um am nächsten Tag einen schweren Kopf zu machen, wenn man zuviel trinkt – vor allem auch dann, wenn man Waldmeister zu lange im Wein oder Met ziehen läßt. Dann wird er außerdem bitter im Geschmack.
Tip: Nimmt man weniger Honig, nur ca. 100 bis 150 Gramm pro Liter, ist die Gärung nach etwa einer Woche beendet, und man hat einen sehr leichten Elfenmet, der noch kohlensäurehaltig ist und an eine spritzige Maibowle erinnert. Kaltstellen und eine halbe Stunde vor dem Servieren nach Geschmack mit Honig nachsüßen. Das ist genau das Richtige, wenn es im Mai endlich wärmer wird.

Herber Met mit Hopfen
Wer einen etwas herber schmeckenden Met ausprobieren möchte, der kann einen Met nach dem üblichen Verfahren bereiten und diesem vor Beginn der Gärung 2,5 Gramm Hopfen pro Liter Gärgut beimengen. Geeignet ist der normale Hopfen, wie man ihn zur Bierherstellung bekommt. Während der Gärung riecht es recht stark, aber im fertigen Met ist das Aroma gut dosiert.

Odins Runenlied

In der Edda ist der Verlauf der höchsten Einweihung im Hávamál zu finden.  Demzufolge hing Odin, vom Speer verwundet, neun Tage und Nächte am Weltenbaum  und erlitt die schlimmsten Qualen. Nach dieser Zeit des Leidens erhielt er  als Belohnung die Einweihung in die Runenmagie. Er empfing achtzehn mächtige  Zauberlieder, von denen jedes einer Rune entsprechen könnte. Die Namen oder  Formen der Runen werden in dem Lied nicht erwähnt, aber wenn man die  Bedeutung der Runen kennt, erkennt man sie im Runenlied (altnordisch:  Rúnatal) wieder.
Auf der linken Seite wird hier das altnordische Original wiedergegeben, auf  der rechten Seite die deutsche Übersetzung.


Veit eg, að eg hékk   vindga meiði á   nætur allar níu,   geiri undaður   og gefinn Óðni,   sjálfur sjálfum mér,   á Þeim meiði,   er manngi veit,   hvers hann af rótum renn.
Við hleifi mig seldu   né við hornigi,   nýsta eg niður,   nam eg upp rúnar,   æpandi nam,   féll eg aftur Þaðan.
Fimbulljóð níu   nam eg af inum frægja syni   BölÞórs Bestlu föður,   og eg drykk of gat   ins dýra mjaðar,   ausinn Óðreri.
Þá nam eg frævast   og fróður vera   og vaxa og vel hafast.   Orð mér af orði   orðs leitaði,   verk mér af verki   verks leitaði.
Rúnar munt Þú finna   og ráðna stafi,   mjög stóra stafi,   mjög stinna stafi,   er fáði fimbulÞulur   og gerðu ginnregin   og reist Hroftur rögna,
Óðinn með ásum,   en fyr álfum Dáinn,   Dvalinn dvergum fyrir,   Ásviður jötnum fyrir,   eg reist sjálfur sumar.
Veistu hve rísta skal?   Veistu hve ráða skal?   Veistu hve fáa skal?   Veistu hve freista skal?   Veistu hve biðja skal?   Veistu hve blóta skal?   Veistu hve senda skal?   Veistu hve sóa skal?
Betra er óbeðið   en sé ofblótið,   ey sér til gildis gjöf.   Betra er ósent   en sé ofsóið.   Svo Þundur um reist   fyr Þjóða rök,   Þar hann upp um reis   er hann aftur of kom.
Ljóð eg Þau kann   er kannat Þjóðans kona   og mannskis mögur.   Hjálp heitir eitt   en Það Þér hjálpa mun   við sökum og sorgum   og sútum gervöllum.
Það kann eg annað   er Þurfu ýta synir   Þeir er vilja læknar lifa.
Það kann eg Þriðja   ef mér verður Þörf mikil   hafts við mína heiftmögu.   Eggjar eg deyfi   minna andskota,   bítat Þeim vopn né velir.
Það kann eg ið fjórða   ef mér fyrðar bera   bönd að bóglimum.   Svo eg gel   að eg ganga má,   sprettur mér af fótum fjötur   en af höndum haft.
Það kann eg ið fimmta   ef eg sé af fári skotinn   flein í fólki vaða,   flýgura hann svo stinnt   að eg stöðvigak   ef eg hann sjónum of sék.
Það kann eg ið sjötta   ef mig særir Þegn   á rótum rásviðar,   og Þann hal   er mig heifta kveður,   Þann eta mein heldur en mig.
Það kann eg ið sjöunda   ef eg sé hávan loga   sal um sessmögum.   Brennurat svo breitt   að eg honum bjargigak,   Þann kann eg galdur að gala.
Það kann eg ið átta   er öllum er   nytsamligt að nema.   Hvar sem hatur vex   með hildings sonum,   Það má eg bæta brátt.
Það kann eg ið níunda   ef mig nauður um stendur   að bjarga fari mínu á floti.   Vind eg kyrri   vogi á   og svæfik allan sæ.
Það kann eg ið tíunda   ef eg sé túnriður   leika lofti á.   Eg svo vinnk   að Þeir villir fara   sinna heimhama,   sinna heimhuga.
Það kann eg ið ellefta   ef eg skal til orustu   leiða langvini.   Undir randir eg gel   en Þeir með ríki fara,   heilir hildar til,   heilir hildi frá,   koma Þeir heilir hvaðan.
Það kann eg ið tólfta   ef eg sé á tré uppi   váfa virgilná.   Svo eg ríst   og í rúnum fák   að sá gengur gumi   og mælir við mig.
Það kann eg ið Þrettánda   ef eg skal Þegn ungan   verpa vatni á.   Munat hann falla   Þótt hann í fólk komi,   hnígura sá halur fyr hjörum.
Það kann eg ið fjórtánda   ef eg skal fyrða liði   telja tíva fyrir.   Ása og álfa   eg kann allra skil,   fár kann ósnotur svo.
Það kann eg ið fimmtánda   er gól Þjóðrörir   dvergur fyr Dellings durum.   Afl gól hann ásum   en álfum frama,   hyggju Hroftatý.
Það kann eg ið sextánda   ef eg vil ins svinna mans   hafa geð allt og gaman.   Hugi eg hverfi   hvítarmri konu   og sný eg hennar öllum sefa.
Það kann eg ið sautjánda   að mig mun seint firrast   ið manunga man.   Ljóða Þessa   mun Þú Loddfáfnir   lengi vanur vera.   Þó sé Þér góð ef Þú getur,   nýt ef Þú nemur,   Þörf ef Þú Þiggur.
Það kann eg ið átjánda   er eg æva kennig   mey né manns konu,   allt er betra   er einn um kann,   Það fylgir ljóða lokum,   nema Þeirri einni   er mig armi ver   eða mín systir sé.
Nú eru Hávamál kveðin   Háva höllu í,   allÞörf ýta sonum,   óÞörf jötna sonum.   Heill sá er kvað,   heill sá er kann,   njóti sá er nam,   heilir Þeir er hlýddu.

Ich weiß, daß ich hing   am windigen Baum   neun lange Nächte,   vom Speer verwundet,   dem Odin geweiht,   mir selber ich selbst,   am Ast des Baumes,   von dem niemand weiß,   aus welcher Wurzel er wuchs.
Sie boten mir   nicht Brot noch Met,   da neigt‘ ich mich nieder,   auf Runen sinnend,   lernte sie seufzend,   endlich fiel ich zur Erde.
Hauptlieder neun   lernt‘ ich von dem weisen Sohn   Bölthorns, des Vaters Bestlas,   und ich trank einen Trunk   des teuern Mets   aus Odhrörir geschöpft.
Zu gedeihen begann ich   und begann zu denken,   wuchs und fühlte mich wohl.   Wort aus dem Wort   verlieh mir das Wort,   Werk aus dem Werk   verlieh mir das Werk.
Runen wirst du finden   und Ratestäbe,   sehr starke Stäbe,   sehr mächtige Stäbe,   Erzredner ersann sie   und Götter schufen sie   uns sie ritzte der hehrste der Herrscher.
Odin den Asen,   den Alfen Dain,   Dwalin den Zwergen,   Alswid den Riesen,   einige ritzte ich selbst.
Weißt du wie man ritzen soll?   Weißt du wie man raten soll?   Weißt du wie man finden soll?   Weißt du wie man erforschen soll?   Weißt du wie man bitten soll?   Weißt du wie man opfern soll?   Weißt du wie man senden soll?   Weißt du wie man tilgen soll?
Besser nicht gebeten   als zu viel geboten,   die Gabe will stets Vergeltung.   Besser nicht gesendet   als zu viel getilgt.   So ritzt es Thundr   zur Richtschnur den Völkern,   dann entwich er   dahin, wo er herkam.
Lieder kenn ich   die kann die Königin nicht   und keines Menschen Kind.   Hilfe verheißt mir das erste   denn helfen mag es   in Streiten und Zwisten   und in allen Sorgen.
Das kann ich als anderes   des alle bedürfen,   die heilkundig heißen.
Das kann ich als drittes   des ich bedarf   meine Feinde zu fesseln.   Die Spitze stumpf   ich dem Widersacher,   mich verwunden nicht Waffen noch Listen.
Das kann ich als viertes   wenn der Feind mir schlägt   in Bande die Bogen der Glieder.   Sobald ich es singe   so bin ich ledig,   von den Füßen fällt mir die Fessel   der Haft von den Händen.
Das kann ich als fünftes   wenn ich sehe einen Pfeil gefährdend fliegen   übers Heer daher,   wie hurtig er fliege   ich mag ihn hemmen   erschau ich ihn nur mit dem Sehen.
Das kann ich als sechstes   so wer mich versehrt   mit harter Wurzel des Holzes,   und den andern allein   der mir es antut,   verzehrt der Zauber, ich bleibe frei.
Das kann ich als siebentes   wenn hoch der Saal steht   über den Leuten in Lohe.   Wie breit sie schon brenne   daß ich sie noch berge,   den Zauber weiß ich zu zaubern.
Das kann ich als achtes   das allen wäre   nützlich und nötig.   Wo Hader zu entbrennen scheint   mitten unter Helden   da vermag ich ihn schnell zu schlichten.
Das kann ich als neuntes   wenn Not mir ist   vor der Flut das Fahrzeug zu bergen.   Ich wende den Wind   von den Wogen ab   und beschwichtige rings alle See.
Das kann ich als zehntes   wenn ich sehe Zaunreiterinnen   durch die Lüfte lenken.   Ich wirke so   daß sie wirre zerstäuben,   zu Gespenstern werden   als Gespenster schwinden.
Das kann ich als elftes   wenn ich zum Angriff soll   die treuen Freunde führen.   In den Schild fing ich’s,   so zieh’n sie siegreich,   heil in den Kampf,   heil aus dem Kampf,   bleiben heil wohin sie ziehn.
Das kann ich als zwölftes   als ich sah am Zweige hängend   vom Strang erstickt ein Toter.   Wie ich ritze   das Runenzeichen   so kommt der Mann   und spricht mit mir.
Das kann ich als dreizehntes   soll ich ein Degenkind   in die Taufe tauchen.   So mag er nicht fallen   im Volksgefecht,   kein Schwert mag ihn versehren.
Das kann ich als vierzehntes   soll ich dem Volke   der Götter Namen nennen.   Asen und Alfen   kenn ich allzumal,   wenige sind so weise.
Das kann ich als fünfzehntes   das sang Volkrörir   der Zwerg vor Dellings Schwelle.   Den den Asen sang er Stärke   den Alfen Gedeihn,   hohe Weisheit dem Hroptatyr.
Das kann ich als sechzehntes   will ich schöner Maid   in Lieb und Lust mich freuen.   Den Willen ich wandel   der Weißarmigen   und daß sich mir ganz ihr Sinn gesellt.
Das kann ich als siebzehntes   daß schwerlich wieder   die holde Maid mich meidet.   Dieser Lieder   magst Du, Loddfafnir,   lange ledig bleiben.   Doch wohl Dir, weißt Du sie,   Heil dir, behältst Du sie,   selig, singst du sie.
Das kann ich als achtzehntes   das ich aber nicht singe   vor Maid noch Mannes Weibe,   als allein vor ihr   die mich umarmt,   oder sei es meiner Schwester,   besser ist was einer   nur weiß   so frommt das Lied mir lange.
Des Hohen Lied ist gesungen   in des Hohen Halle,   den Erdensöhnen not,   unnütz den Riesensöhnen.   Wohl dem, der es kennt,   wohl dem, der es kann,   lange lebt, der es erlernt,   Heil allen, die es hören.

Das Hildebrandslied

lasst uns niemals unsere Wurzeln und die Ideale unserer Ahnen vergessen. Heil dir Wotan/Odin

Das Hildebrandslied ist das einzige überlieferte Beispiel für den altdeutschen Heldengesang. Dargestellt ist eine Episode aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern, eine Zweikampf-Situation zwischen Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand; da der Schluss verloren ist, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob das Ende tragisch gestaltet war.
Ik gihorta dat seggen,
ðat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Haðubrant untar heriun tuem.
garutun sê iro guðhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa do sie to dero hiltiu ritun.
Hiltibrant gimahalta, Heribrantes sunu, – her uuas heroro man,
ferahes frotoro – her fragen gistuont
fohem uuortum, hwer sin fater wari
fireo in folche, . . . . . . . . . . . .
«eddo hwelihhes cnuosles du sis.
ibu du mi ęnan sages, ik mi de odre uuet,
chind in chunincriche. chud ist mi al irmindeot.»
Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu:
«dat sagetun mi usere liuti,
alte anti frote, dea érhina warun,
dat Hiltibrant hætti min fater: ih heittu Hadubrant.
forn her ostar giweit, floh her Otachres nid,
hina miti Theotrihhe enti sinero degano filu.
her furlaet in lante luttila sitten
prut in bure barn unwahsan,
arbeo laosa. her raet ostar hina.
des sid Detrihhe darba gistuontun
fateres mines: dat uuas so friuntlaos man.
her was Otachre ummet tirri,
degano dechisto miti Deotrichhe.
her was eo folches at ente: imo was eo fehta ti leop.
chud was her chonnem mannum.
ni waniu ih iu lib habbe.» –
«wettu irmingot», quad Hiltibrant obana ab heuane,
dat du neo dana halt mit sus sippan man
dinc ni gileitos!»
want her do ar arme wuntane bauga,
cheisuringu gitan, so imo se der chuning gap,
Huneo truhtin: «dat ih dir it nu bi huldi gibu.»
Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu:
«mit geru scal man geba infahan,
ort widar orte.
du bist dir, alter Hun, ummet spaher;
spenis mih mit dinem wortun, wili mih dinu speru werpan.
pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos.
dat sagetun mi sęolidante
westar ubar wentilsęo, dat inan wic furnam:
tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.
Hiltibrant gimahalta, Heribrantes suno:
«wela gisihu ih in dinem hrustim,
dat du habes heme herron goten,
dat du noh bi desemo riche reccheo ni wurti. –
welaga nu, waltant got», quad Hiltibrant, «wewurt skihit!
ih wallota sumaro enti wintro sehstic ur lante,
dar man mih eo scerita in folc sceotantero.
so man mir at burc ęnigeru banun ni gifasta.
nu scal mih suasat chind suertu hauwan,
breton mit sinu billiu, – eddo ih imo ti banin werdan.
doh maht du nu aodlihho, ibu dir din ellen taoc,
in sus heremo man hrusti giwinnan,
rauba birahanen, ibu du dar enic reht habes.» –
«der si doh nu argosto», quad Hiltibrant, «ostarliuto,
der dir nu wiges warne, nu dih es so wel lustit,
gudea gimeinun: niuse de motti
hwerdar sih hiutu dero hregilo rumen muotti,
erdo desero brunnono bedero uualtan!»
do lęttun se ærist asckim scritan,
scarpen scurim, dat in dem sciltim stont.
do stoptun to samane staimbort chludun,
heuwun harmlicco huittę scilti,
unti im iro lintun luttila wurtun,
giwigan miti wabnum . . . . . . . . . . .
Neuhochdeutsche Übersetzung
Ich hörte das sagen,
dass sich als Herausforderer einzeln mühten:
Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren.
Sohn und Vater richteten ihre Scharen aus,
richteten ihre Kampfgewänder, gürteten sich ihre Schwerter um,
die Helden, über die Rüstung, als sie zu dem Kampf ritten.
Hildebrand sagte, Heribrands Sohn, er war der ältere Mann,
des Lebens erfahrener, er begann zu fragen,
mit wenigen Worten, wer sein Vater gewesen sei
unter den Menschen im Volke…
“…oder aus welchem Volke du bist
wenn Du mir einen nennst, kenne ich die anderen
Menschen im Reich, bekannt ist mir die ganze Menschheit”.
Hadubrand sagte, Hildebrands Sohn:
“Das sagten mir unsere Leute,
alte und weise, die früher schon da lebten,
dass Hildebrand mein Vater heiße, ich heiße Hadubrand.
Vormals ist er nach Osten geritten, er floh den Zorn Odoakers,
dorthin mit Dietrich und vielen seiner Kämpfer.
Er ließ im Lande arm zurück
die Frau in der Hütte und den unerwachsenen Sohn
erbelos: Er ritt nach Osten hin.
Deswegen erlitt seither Dietrich die Abwesenheit
meines Vaters: Der war ein so freundloser Mann.
Er zürnte Odoaker unmäßig,
der liebste der Kämpfer Dietrichs.
Er war immer an der Spitze des Heeres, ihm war immer der Kampf zu lieb,
Bekannt war er…den Tapfersten.
Ich glaube nicht, daß er noch lebt…”
“Weißt Du Gott”, sprach Hildebrand, “oben vom Himmel,
daß du niemals solchermaßen verwandte Männer
in eine Angelegenheit hast geraten lassen!”
Er wand sich dann von den Armen gewundene Ringe ab,
aus kaiserlichem Gold gemacht, wie sie ihm der König gab,
der Herrscher der Hunnen. “Das gebe ich dir nun aus Freundschaft!”
Hadubrant, Hildebrands Sohn, sagte:
“Mit dem Speer soll man Geschenke annehmen,
Spitze gegen Spitze!
Du dünkst dich, alter Hunne, unmäßig schlau.
Verlockst mich mit deinen Worten, willst deinen Speer nach mir werfen.
Du bist ein so alter Mann, wie du ewig Betrug im Sinn hast.
Das sagten mir Seeleute,
westlich über dem Ozean, dass ihn ein Kampf hinnahm:
Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn!”
Hildebrand, Heribrands Sohn, sagte:
“Wohl sehe ich an deiner Rüstung,
daß du daheim einen guten Herrn hast,
daß du in diesem Reich noch nie vertrieben wurdest.
Wohlan, nun walte Gott, sagte Hildebrand, Unheil geschieht:
Ich wanderte 60 Sommer und Winter außer Landes;
wo man mich immer in das Heer der Kämpfer einordnete.
Wenn man mir an jedweder Burg den Tod nicht beibringen konnte:
Nun soll mich das eigene Kind mit dem Schwerte schlagen,
niederschmettern mit der Klinge, oder aber ich werde ihm zum Töter.
Du kannst wohl leicht -wenn deine Kraft (dir) ausreicht-
von einem so alten Mann eine Rüstung gewinnen,
Beute rauben, wenn Du da irgendein Recht hast.
Der sei doch nun der feigste, sagte Hildebrand, von den Ostleuten,
der dir nun den Kampf verweigerte, wo es dich doch so sehr gelüstet,
nach gemeinsamem Kampf; (nun) versuche wer mag,
wer von beiden heute das Gewand lassen muß
und dieser Brünnen beider walten (wird).”
Dann ließen sie zuerst die Eschenlanzen bersten
in scharfem Kampf, daß sie in den Schilden steckten.
Da ritten sie gegeneinander, spalteten farbige Schilde,
schlugen gefährlich auf weiße Schilde,
bis ihnen ihre Lindenschilde zu Bruch gingen,
zerstört von den Waffen…
Das Hildebrandslied Teil II

Atlantis, Edda und Bibel – 200 000 Jahre Germanischer Weltkultur

Hörbuch

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Die Edda, das Buch der Götter und Heldensagen!

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Das Buch der Götter und Heldensagen, die Edda wird als Überlieferung des alten Nordischen Heidnischen Glaubens gehandelt. Sollte man sich für dieses Thema interessieren ist es unumgänglich die Edda wenigstens einmal gelesen zu haben. Wobei man jetzt schon aus persönlicher Sicht schreiben kann, das einmal lesen nicht ausreichen wird. Die Edda kann man als ein Buch bezeichnen was in Reimen geschrieben ist zumindestens im ersten Teil als „Die Göttersagen“. Im zweiten Teil geht es um „Die Heldensagen“. Für den ein oder anderen wird es nicht im Ansatz zu verstehen sein oder gar einen Sinn ergeben, oder er sieht schlicht und einfach eine Kopie der Christlichen Bibel stellenweise vor sich. Oder andere machen sich wahrlich Gedanken über das was dort überliefert worden ist. Man sollte seinen Instinkten dort vielleicht ein wenig folgen und sich eine Anzahl an Lesestoff zu Gemüte führen was viele vor einem darüber geschrieben haben. Denn man sollte auch wissen das aus den verschiedenen Verlagen die, die Edda herausgebracht haben auch im Vorwort eine eigene Interpretation der Edda zu lesen ist.

Daher dürfte eine Edda nicht ausreichen um sich dort ein weitreichendes Bild zu machen. Ich persönlich werde hier keine Edda jemanden empfehlen, ( außer die Edda die ich hier angebe als PDF Datei zum reinschauen ) da dieses Buch auch nach gut über 800 Jahren nach seiner ersten Abschrift um ca 1200  unserer Zeitrechnung von Snorri Sturluson immer wieder Unklarheiten aufzeigt wie man was sehen könnte. Da jeder Suchender im Leben ist und seine persönlichen Wahrheiten für sich vertritt wäre es auch eine Diskussion, die zu weit führen würde. Da die Edda in der Vergangenheit sowie Zukunft zu deuten sein könnte. Mit Sicherheit ist in den Worten und Reimen der Edda mehr zu erkennen. Wem die Edda seine Aufmerksamkeit erweckt hat wird da auch weiter in die Thematik vordringen und vielleicht auch mehr das nordische Heidentum von einer Seite sehen die bis dato vielleicht noch unbekannt war.

Es wäre vielleicht noch darauf zu achten ob es die Erst Übersetzung in die deutsche Sprache von Karl Simrock ist und diese bis heute in den Nachdrucken von Karl Simrock erhalten ist. Zum anderen gibt es noch die Übersetzung von  Felix Genzmer die sich darin unterscheiden soll das Karl Simrock versucht hat vom Skandinavischen ins Deutsche sich an den genauen Wortlaut zu halten. In der Übersetzung von Felix Genzmer soll die Edda in einem Wortlaut zu lesen sein den man heute mehr verstehen würde. Was aber nicht heißt das, das so richtig sein muss und ist. Man sollte auch dazu schreiben, das man vor über 1000 Jahren eine völlig andere Sprache hatte sowie eine völlig andere Ausdrucksweise und Bedeutung, daher dürfte das dem ein oder anderen schwer fallen das gleich sofort alles richtige zu deuten und zu verstehen.
Wie schon vorher angedeutet, darauf achten aus welchem Verlag die Edda ist, da auch dort im Vorwort der Eddas eine eigene Darstellung der Gesichtspunkte steht wie man dort dem Leser vermittelt wie die Edda zu sehen ist oder zu sehen sein könnte. Will man sich unabhängig davon machen sollte man erst die Edda lesen danach das Vorwort so kann man seine eigenen Gedanken darüber ordnen und sich Anregung darüber hinaus holen. Das als kleiner Tipp von mir dazu.

      

Die Snorra Edda von Ólafur Brynjulfsson (1760). Aus der Dänisch Königlichen Bibliothek in Kopenhagen.

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Vertonte Produkte der Edda

Poeta Magica Edda Vol.1

  1. Edda theme 2. Runes 3. Polska av gustafson 4. Råmund den unge 5. Oravais 6. Darradsljod 7. Polska efter j.a. andersson 8. Kempene på dovrefjell 9. Øgirs visedans 10. Katso katso 11. Asgards golden hall 12. Tuliloitsu 13. Fyr thióòa roc

Poeta Magica Edda Vol.2

Sequentia Edda (Myths From Medieval Iceland)

  1. Leikr elds og isa 2. Veit ek at ek hekk 3. Hliods bid ek allar 4. Vreidr var pa Ving-porr 5. Nu erum komnar 6. Baldurs minni 7. Senn voru aesir allir a pingi 8. Pat man hon folkvig 9. Ragnarok 10. A fellr austan um eitrdala
Sveinbjorn Beinteinsson – EDDA
1. The Prophecy of Seeress (Völuspá) 2. The Sayings of Hár (Hávamál) 3. The Lay Of Sigrdrifa (Sigurdríf) 4. Poems By Sveinbjorn Beinteinsson (Bragaþing)

Freya Aswynn – Fruits Of Yggdrasil

 1. Havamal 2. Voluspa     3. Wotan    4. Invokation Of The Gods 5. Nithing 6. Sigdrifumal 7. Northstar 8. Ragnarok    9. Panzer Rune 10. North 11. Futhark 12. Nietzsche 13. Seeker
Freya Aswynn – Shades Of Yggdrasil
 1. Håvamål        2. Nietzche        3. Ragnarok        4. Futhark        5. Volupsà        6. Wotan        7. Invocation        8. Seeker        9. Explanation        10. Leah Sublime

Odroerir – Götterlieder I

 1. Ginungagap (Intro) 2. Weltenanfang 3. Wanenkrieg 4. Odroerir 5. Ask und Embla 6. Zwergenschmiede 7. Skirnirs Fahrt

Odroerir – Götterlieder II

 1. Heimdall 2. Bifröst 3. Des Thors Hammer Heimholung 4. Idunas Äpfel 5. Skadis Rache 6. Der Riesenbaumeister 7. Allvater

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Die Edda – ihre Bedeutung für uns

Am 21. April 1971 lief ein dänisches Kriegsschiff mit einer Abordnung dänischer Regierungsmitglieder im Hafen von Reykjavik, Island, ein, wo es von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge und fast der ganzen isländischen Regierung erwartet wurde. Der Empfang galt aber nicht so sehr der dänischen Abordnung selbst, sondern zwei Pergamenthandschriften, die mit diesem Kriegsschiff unter besonderen Sicherheitsmassnahmen von Kopenhagen unter offiziellem Geleit dänischer Vertreter nach Island gebracht worden waren. Eine der beiden Handschriften war ein grosser, mit prachtvollen Bildern verzierter Codex mit Sagas aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, die andere aber war ein kleines, unscheinbares und fast schmuckloses Manuskript: Die Haupthandschrift der Lieder-Edda. Für ganz Island, keineswegs nur wissenschaftliche, literarische oder heidnische Kreise, war dieser Tag ein besonderer Festtag, und der Zug, der sich mit den beiden Handschriften vom Hafen zur Universität bewegte, wurde in den Strassen überall bejubelt. Jahrzehnte hindurch hatte sich Island bemüht, die frühen isländischen Handschriften, die zumeist seit dem 17. oder 18. Jahrhundert in Kopenhagener Bibliotheken lagen, als kostbarsten kulturellen Besitz zurück zu erhalten. Mit diesen beiden Handschriften war der Anfang gemacht, und in den Jahren danach kamen noch hunderte weiterer isländischer Manuskripte aus Dänemark in das vor allem der Forschung gewidmete isländische Handschrifteninstitut.
Es ist schwer vorstellbar, dass in einem anderen Land der Welt die Rückkehr von zwei alten Handschriften den Anlass zu einem nationalen Freudentag geben könnte. Die Isländer hatten aber immer eine besondere Beziehung zu Büchern, und dies gilt in besonderem Masse für die mittelalterlichen Schriften. Eine der bedeutendsten ist die soeben erwähnte Lieder-Edda, der Codex Regius. Diese Handschrift bezeichnet sich selbst nicht als Edda. Auf sie wurde der Name Edda übertragen, der sich in der von Snorri Sturluson zusammengestellten Handschriftensammlung findet, wo es in der Einleitung heisst: „Dieses Buch heisst Edda“. Letztere Sammlung wird gewöhnlich als Prosa-Edda bezeichnet. Zum Wort gibt es verschiedene Deutungen: Isländische Gelehrte des 16. und 17. Jahrhunderts – und so noch Ranisch heute – übersetzen das Wort mit „Poetik“. Aber das ist einfach eine Ableitung, weil die Prosa-Edda ein Skaldenlehrbuch ist. Andere – so Maurer – deuten „Edda“ als „Ahne“ – das sei die nämlich, die die Geschichten erzählt hat. Aber das Geschichtenerzählen war im alten Island nicht Privileg der Grossmütter, sondern der Männer. Die wahrscheinlichste Deutung, die heute überwiegend vertreten wird, übersetzt den Einleitungssatz mit: „Das Buch von Oddi“
Oddi war ein Hof auf Island. Saemund „der Gelehrte“ lebte 1056 bis 1133 als Herr dieses Hofes im südwestlichen Island. Snorri verbrachte auf diesem Hof als Pflegesohn von Saemunds Enkel Jon Loptsson den grössten Teil seiner Jugend bis zu seinem 19. Lebensjahr. Snorri baute in seinem späteren Königsbuch auf den von Saemund und Ari (1067 – 1148) entworfenen Skeletten der norwegischen Königsgeschichte seit Halfdan dem Schwarzen auf. Während Ari in der Landessprache schrieb, verfasste Saemund seine Arbeiten wahrscheinlich auf Lateinisch, da er in Paris studiert hatte – deswegen der Beiname „der Gelehrte“. Dort muss er auch mit der antiken Grammatik, Rhetorik und Poetik Bekanntschaft geschlossen haben, und diese philologischen Studien müssen diesen wissbegierigen Isländer mindestens ebenso stark angezogen haben wie die lateinische Geschichtsschreibung, weil Poesie und Skaldenunterweisung der bevorzugte Bestandteil der Überlieferungen seiner Heimat waren. Saemund hat so nicht nur nordische Geschichte geschrieben, sondern er war der erste Nordmann, der Sammlungen anlegte über germanische Poetik und Stilistik. Wie weit diese Sammlungen reichten, und was sie enthielten, wissen wir nicht; ihr Schatz ist aufgegangen in dem Lebenswerk des berühmten Snorri.
Wer war dieser Snorri Sturluson? Er wurde im Jahre 1178 zu Hjardaholt auf West-Island geboren und stammte väterlicherseits von dem durch eine eigene Saga bekannten Goden Snorri (gestorben 1031), mütterlicherseits durch Gudny, der „gepriesenen Sturlungenmutter“, von dem gleichfalls durch eine eigene Saga verherrlichten grössten Skalden Islands, Egil Skallagrimsson, ab. Erzogen wurde er von 1181 bis 1197 auf dem Hof Oddi, der als „Schule“ bezeichnet werden kann. Mit 23 Jahren heiratete er die wohlhabende Priesterstochter Herdis und übernahm deren Gut Borg am Borgfjord in West-lsland, den ehemaligen Skaldensitz seines Ahnen Egil Skallagrimsson, wodurch er zu einem der reichsten Männer Islands wurde. Er übersiedelte jedoch bald auf das neuerworbene Gut Reykjaholt am selben Fjord, das er stark befestigte, mit Bädern versah und in herrschaftlicher Pracht ausstattete. Er galt als kenntnisreicher Mann und guter Skalde. Nachdem er infolge seines Ansehens, das er durch erfolgreiche Fehden gemehrt hatte vier Jahre lang oberster Gesetzessprecher der Insel gewesen war, zog er mit dreissig Jahren an die Höfe König Hakons und Jarls Skule nach Norwegen, wo er sich zehn Jahre lang als deren Gefolgsmann aufhielt. Bei beiden Herren stand er in grösster Gunst, die sich durch reiche Geschenke und allerlei Ehrenzeichen äusserte. Das Preislied, welches er auf beide dichtete, zählt über hundert Weisen und ist ein Musterbeispiel der verschiedenen Formen der Skaldendichtung und als solches der Edda angehängt. Heimgekehrt, wurde Snorri abermals als Gesetzessprecher zehn Jahre lang der einflussreichste Mann Islands. Nun entstanden ausser der Egilssaga die beiden Hauptwerke Snorris, die Heimskringla und die Edda, die er seinen Schreibern in die Feder sagte.
Ersteres (nach seinem Anfangsworte, das „Erdkreis“ bedeutet, so benannt) behandelt in drei starken Bänden die gesamte norwegische Königsgeschichte, angefangen von den Ynglingen der Urzeit bis auf Magnus Erlingson im Jahre 1177; von der letzteren hören wir hier noch weiter. Beide Werke fanden ihre letzte Ausgestaltung durch die beiden Neffen Snorris, Olaf und Sturla, von denen der ältere Olaf die Edda überarbeitet, der jüngere Sturla die Königsbücher weiterführte. Die letzten Lebensjahre Snorris waren erfüllt von zahlreichen Fehden und Zerwürfnissen, teilweise mit politischem Hintergrund, da König Hakon von Norwegen nunmehr die Unabhängigkeit des isländischen Freistaates antastete. Ein letzter kurzer Besuch, der Snorri nach Norwegen führte, galt nur noch dem Jarl Skurle. Bald nach seiner Heimkehr überfiel auf Befehl König Hakons dessen isländischer Parteigänger Gissur Snorri in Reykjaholt und tötete ihn (1241). Snorri starb – wie sich das für einen Menschen des Sagazeitalters gehörte – also keinen Strohtod. Was Iässt sich nun über seine Edda sagen? Wissenschaftler bezeichnen sie als „Jüngere Edda“, weil in ihr Strophen enthalten sind, und man deshalb mutmasste, dass sie auf reine gestabte Lieder zurückgehe. Als der Codex Regius aufgefunden wurde, der nur aus Götter- und Heldenliedern (z.B. über die Nibelungen) besteht, meinte man, hier die Vorlage für Snorris Edda gefunden zu haben, und benannte den Codex Regius als „Saemunds Edda“ oder „Ältere Edda“. Aber der Codex Regius stammt von 1270 und geht auf eine verlorene Handschrift von 1240 zurück, ist also mit Sicherheit jünger als Snorris Edda. Heute nimmt man an, dass er das, was er sich selbst hatte erzählen lassen, und über Götter und Helden zu erzählen wusste, seinen Schreibern in die Feder diktiert hat. Snorri hatte wohl keine geschriebene Vorlage, schöpfte aber noch aus dem vollen Erzählschatz der heidnischen Zeit.
Aber wie schöpfte er? Hier setzten die Auseinandersetzungen unter den Wissenschaftlern ein. Island war im Jahr 1000 christlich geworden; was können uns da Jahrhunderte später aufgeschriebene Lieder und Erzählungen über das Heidentum berichten, wenden die Kritiker ein. Und ist nicht auch Skepsis angebracht, wenn wir hören, dass schon Saemunds Vater Sigfus, der verheiratet war mit einer Enkelin des Sidu-Heil, eines der ersten isländischen Grossen, die sich taufen liessen, die Priesterweihe empfangen hatte, und auch Saemund selbst Priester war, ebenso wie Ari ? Nun – zur Priestereigenschaft sagt Gustav Neckel zurecht, dass dies damals auf Island nicht viel mehr als eine Art Gelehrtengrad bedeutete, und wirkliche Priestertätigkeit des entsprechenden Hofbesitzers kaum im nennenswerten Grade damit verbunden war: „Wenn Sämund in dem von ihm vergrösserten und energisch bewirtschafteten Oddi als Krönung des Ganzen eine Kirche baut und damit Tempelherr wird, so erscheint er uns nicht viel anders als ein Gode der heidnischen Zeit, der ebenfalls in erster Linie wirtschaftliche und herrschaftliche Interessen verfolgte.“ Ebenso wie manche Goden, ähnlich wie die Fürsten auf dem germanischen Festlande, Förderer der Dichtkunst und Heger der alten Überlieferungen waren, zeigten einige der getauften Nachfolger der Goden diese Neigungen. Und ich habe deshalb so ausführlich Snorris Leben dargestellt, um zu zeigen, dass sein Leben wesentlich dem eines Goden des Heidentums entsprach. Er dichtete ein Preislied auf Jarl und König – wie die heidnischen Skalden vor ihm – nicht auf Christus, obwohl ein Preislied auf Christus schon Jahrhunderte vor ihm auf Island gemacht worden war. An vielen Stellen begegnet Snorri den Göttern mit Achtung. Hans Kuhn – und ihm nachfolgend Siegfried Gutenbrunner – glauben aus einem Satz Snorris herauszuhören, dass dieser zu Odin noch in einem Verhältnis religiöser Überzeugung stand. Der Satz steht in Kapitel 6 von „Gylfis Betörung“ und ist dem Hoch in den Mund gelegt:
„Borr ……… nahm Bestla ……… zur Frau und diese bekamen drei Söhne: Odin, Wili und We. Und das ist mein Glaube, dass dieser Odin und seine Brüder die Regierer von Himmel und Erde sind. Wir glauben, dass dies sein Name ist. Es ist der Name des Grössten und Vornehmsten, den wir kennen, und ihr könnt ihm wohl diesen Namen geben.“ Diese Worte klingen wie ein Glaubensbekenntnis. Zwar werden die Worte dem Hoch in den Mund gelegt, der auf diese Weise dem Gylfi-Gangleri die Auskunft gab. Aber der Klang der Stelle ist der eines Bekenntnisses, und im christlichen Zeitalter wäre es kaum möglich gewesen, als eigene Überzeugung dieses darzulegen. Snorri war seiner Anlage nach kein Dramatiker, so dass er hier eigene Überzeugungen hat einfliessen lassen. Hinzu kommt, dass der „Hoch“ gewöhnlich als Odin gedeutet wird, und anders als der Gott der Bibel pflegen germanische Götter sich nicht selbst zu preisen.
Als weitere Ergänzung möchte ich hinzufügen, dass mein persönlicher Eindruck ist, dass Snorri unter dem Vorwand, eine Skaldenlehre zu geben, das alte Heidentum lebendig erhalten wollte. Wenn er die germanische Religion als solche hätte darstellen wollen, wäre sein Buch genauso auf den Scheiterhaufen gewandert, wie dies Ludwig der Fromme sogar mit den germanischen Heldenliedern, die ihm sicherlich zu viel Heidnisches enthielten, getan hat. Die Sprache der Skalden = Sänger besteht fast ganz aus gekünstelten Umschreibungen, die der Isländer „Kenningar“ nennt. Neben weltlichen Umschreibungen (das Schwert wird z.B. „eines Mannes Messer“ genannt) und Umschreibungen aus der Heldendichtung (Gold wurde das „Lager Fafnirs“ genannt, weil das Gold das Sigurd dem Drachen nahm, in dessen Lager lag) finden sich auch Umschreibungen aus der Götterwelt: Statt Gold heisst es in manchen Strophen „Sifs Haar“, weil Loki der Göttin Sif einmal alle Haare abgeschnitten hatte, und Thor ihn zwang, durch Zwerge Haare aus Gold für Sif zu schalten. Zum Verständnis dieser Umschreibungen erzählte Snorri die Göttergeschichten.
Aus den Personen, die uns die Edda überliefert haben, lassen sich also keine Einwände gegen den heidnischen Charakter der in der Edda befindlichen Götterlieder finden. Und wie steht es mit einer Analyse des Inhaltes? Ende des 19. Jahrhunderts nahm man an, dass in den Liedern und Erzählungen reines Heidentum überliefert sei, und wollte mit der Nähe mancher Stelle zum Christentum das Heidentum „aufwerten“, so im Balder-Mythos den Auferstehungsgedanken nach dem Kreuzestod, oder das Selbstopfer Odins am Baum, um Weisheit zu erlangen. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts schlug das Pendel zur anderen Seite aus: Fast alles in der Edda wurde als christlich beeinflusst gesehen. Heute sehen die Forscher es differenzierter, wobei überwiegend der Grossteil des Inhalts als heidnisch angesehen wird. Schärfster Kritiker der Edda ist Bernhard Kummer , der sie als „Danaer-Geschenk“, das der Norden der Religionswissenschaft gemacht habe, bezeichnet hat. Er nennt den Edda-Glauben eine „Erfindung von Vorzeitschwärmern, Dichtern und Mythologen“ und meint, die Edda sei „in erster Linie und oft ausschliesslich literarisch“ zu deuten, zitiert ferner Olrik, der gesagt habe, den Glaubensinhalt der Völuspa habe vielleicht nur der Dichter selbst geglaubt, und Heusler, der die Edda „eher zu den Märchenbüchern“ rechnete und behauptete, „dass ein einzelner vedischer Hymnus, ein jüdischer Psalm, ein attisches Chorlied mehr Religion enthalten als die gesamten altnordischen Pergamente“. Nach Kummer habe kein Mensch an die Edda geglaubt, kein Priester sie gelehrt. Nur die Saga-Literatur vermittele den wahren Heiden-Glauben, und da spiele Thor eine grosse, Odin keine Rolle.
Kummer hat das Verdienst, das Verhängnis des Glaubensumbruchs für unser Wesen und unsere Weltanschauung überzeugend dargestellt zu haben. Aber bei ihm und bei manchen anderen ist der Wunsch Vater des Gedankens. Der beissende Kritiker des Christentums Kummer steht nämlich in Fragen der Moral noch oftmals fest in der christlichen Tradition. Ihn schmerzt es, wenn Hans von Schubert die Sprüche Hars-Odin mit den Worten Jesu aus der Bergpredigt vergleicht, Odins Selbstopfer für eigene Weisheit mit dem „Opfer Christi am Stamm des Kreuzes zum Besten der Brüder“, so dass er zustimmend v. Schubert zitiert, dass „tiefere Geister sich nicht der Erkenntnis hätten entziehen können, wo der höhere religiöse Gehalt, wo die sittliche Überlegenheit lag“. Dementsprechend bezeichnet Kummer Odin wie folgt: „treulos-verschlagen, greisenhaft-lüstern, blindwaltender Gott“.
Nun – vom Standpunkt der christlichen Moral lag die sittliche Überlegenheit natürlich in der Bibel. Es gibt aber keine allgemein-menschliche Moral. Eine geistesgeschichtliche Konsequenz des biblischen Gottesbegriffes hat Kummer nämlich verkannt. Mit einem allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott, den die Christenheit uns beschert hat, sind die Verbrechen in der Welt nicht zu vereinbaren. Wenn Gott allwissend und allmächtig wäre, könnte er die Verbrechen unterbinden; wenn er es nicht tut, obwohl er es könnte, ist er nicht allgütig, sondern sadistisch. Mein Sohn Harald sagte von sich heraus im Alter von 4 Jahren, nachdem er von meiner Schwiegermutter etwas von einem lieben Gott gehört hatte, und ich ihn vorsichtig über Mitschnacker und böse Menschen aufgeklärt hatte: „Warum hat der liebe Gott böse Menschen gemacht ? Das ist doch nicht lieb!“ Wo ist die Überlegenheit der biblischen Überlieferung, wenn ihre Widersprüche bereits einem knapp Vierjährigen auffallen?
Gustav Neckel nimmt beispielhaft die Geschichte von der Erlistung des Suttungen-Metes, wo Odin durch Verwandlungskünste und sogar einen Meineid zum Ziele kommt, und sagt dazu: „Diese Geschichte von der Erlistung des Suttungen-Metes ist die klassiche Stelle für Odins Erhabenheit über Gut und Böse, welche die Grundeigenschaft seines Charakters ausmacht und zusammen mit seinem unvergleichlichen Können ihn zum höchsten Wesen stempelt, zum absoluten Souverän – was nicht Allmacht bedeutet, denn die feindlichen Mächte, die die Welt bedrohen, bestehen weiter bis zum Ragnarök, wo auch die Götter fallen, trotz aller Erfolge, die Odin, Thor und Frey über sie davontragen, und nicht etwa Dank der Duldung des höchsten Herrschers (so wie Gott den Teufel duldet), sondern weil sie unüberwindlich sind, mit der Welt gegeben so gut wie die Asen. Dieser Dualismus der germanischen Religion ist es, der den Macchiavellismus ihres höchsten Gottes bedingt. Auch Macciavellis moralfreier Fürst ist moralfrei, weil er Nebenbuhler und Gegner hat und daher auf andere Weise seinen Staat nicht am Leben halten kann. Der Staat, den Odin am Leben zu erhalten hat, ist Midgard, das Reich der Götter und Menschen. Die Wesen, die er als Bollwerk überlistet, sind Riesen, die unversöhnbaren Feinde dieses Reiches. Zu allen Zeiten haben die wirklich Aufgeklärten – nicht bloss Fichte – Macchiavelli ernst genommen. So will auch der Odinsglaube ernst genommen sein. Er rührt an die tiefste Problematik.
Die so anspruchslos vorgetragene Geschichte von Odin und Suttung, die der Philister abgeschmackt findet, ist eins der wichtigsten Stücke der Edda und verdient auch aus diesem Grunde ihren Platz im Eingang der Skalda, wo sie das in „Gylfis Betörung“ über Odin Gelehrte wesentlich ergänzt. Während Odin auch für viele Germanen unbegreiflich war, und sie ihm scheu entgegenstanden, hatten sie – und das hat wiederum Kummer richtig erkannt – in Thor einen „fulltrui“, also einen fast väterlichen Freund, wobei Thor ganz bewusst (mit nur wenigen Ausnahmen) als ehrlich im Kampf und fair selbst gegenüber den Riesen, seinen Todfeinden. gezeigt wird.
Durch einen Verweis auf die Moral in der Edda kann also die Frage der Herkunft nicht geklärt werden. Dass die Gestalt von Odin-Wotan nicht in der christlichen Umbruchszeit des Wikingerzeitalters entstanden ist, ist schon daraus ersichtlich, dass er schon bei Tacitus erwähnt wird, und er im Stammbaum der englischen und norwegischen Königsgeschlechter erscheint; bei den Karolingern selbstverständlich nicht, weil sie nicht königlicher Abstammung sind, sondern als Hausmeier nicht die ursprünglich bei allen Germanen verbreitete Überlieferung der göttlichen Abstammung des Königshauses auf sich ziehen konnten.
Sicherlich ist nicht jede der Götterfabeln alt. Überwiegend nimmt die Forschung an (wobei allerdings auch auf Burlesken des Aristophanes zum Gegenbeweis verwiesen wird), dass das Scheltgedicht von Loki, wo er die Götter herunterputzt, von Christen erfunden wurde, da Heiden sich nicht so abfällig über ihre Götter äussern würden. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, im einzelnen darzulegen, welche Herkunft (ob aus Schweden, Dänemark bzw. Norwegen oder Deutschland, teils auch Entstehung in Island selbst) die Forschung annimmt. Einiges nur zum Alter, wobei natürlich mit Rücksicht auf den Gegenstand keine 100 %ige Sicherheit erwartet werden kann. Eine Möglichkeit bietet die Sprache. Besonders archaische oder offensichtlich junge Wörter geben Anhaltspunkte für die Datierung; manchmal ist der Stabreim gestört, würde aber den Reimgesetzen entsprechen, wenn man eine ältere Sprachform einsetzt, und dann ist es wahrscheinlich, dass diese Strophen oder der entsprechende Strophenteil in eine Zeit zurückreichen, in der die älteren Sprachformen noch gültig waren. Aber ganz sicher ist auch das nicht: gerade in Texten religiösen Inhalts oder in formelhaften Wendungen können altertümliche Ausdrücke bewahrt bleiben, auch wenn sie in der Alltagssprache längst geschwunden sind, und andererseits können in einer mündlich überlieferten Dichtung nicht mehr gebräuchliche oder unverständliche Wörter durch neuere ersetzt werden.
Zuweilen haben Eddalieder Wendungen oder Strophen aus anderen übernommen; so findet man den Anfang von „Balders Träume“: „Die Asen eilten alle zum Thing / und die Asinnen alle zum Rat: und das berieten die reichen Götter …“ wörtlich wieder im Thrymlied, Str. 14, und gerade in diesem Lied gibt es noch weitere Beispiele solcher Art. Allerdings lässt sich nicht immer sicher feststellen, in welcher Richtung die Entlehnung gegangen ist. Besser steht es, wenn sich sprachliche Zusammenhänge mit datierbaren Skaldendichtungen nachweisen lassen, oder wenn Eddalieder eine nur in einem begrenzten Zeitraum verwendete Sprachform widerspiegeln. So hat etwa Helmut de Boor gezeigt, dass die verschiedenen, in der Übersetzung nicht in allen Abstufungen genau wiederzugebenden Ausdrücke für „Gott“ oder „Götter“, die in den Liedern „Der Seherin Gesicht“, „Grimnirlied“ und „Wafthrudnirlied“ verwendet werden, auch in Skaldendichtungen des späten 10. Jahrhundert auftauchen. Dort zeigen sie an, dass im Umkreis der norwegischen Jarle von Lade (bei Trondheim) eine Wiederbelebung heidnischer Vorstellungen einsetzte; in diesen zeitlichen und geistigen Umkreis können wohl auch diese drei Eddalieder eingeordnet werden. Dabei ist sehr streitig, welche Einzelheiten etwa bei der Schilderung des Weltendes in der „Seherin Gesicht“ auf christliche Vorstellungen zurückzuführen sein könnten. Manche haben gemeint, das Blasen des Horns von Heimdall beim Ansturm der Riesen sei den Posaunen des Jüngsten Gerichts entlehnt, und das Bild des goldgedeckten Saales Gimle, in dem in einer neuen Welt Freuden herrschen, erinnere an das Neue Jerusalem des Neuen Testaments. Solche Ähnlichkeiten müssen aber nicht Übernahme christlichen Gedankengutes sein, sondern es ist durchaus denkbar, dass manche im Heidentum bereits vorhandene Ideen – wie diejenige vom Untergang der Welt – in der Übergangszeit durch Berührung mit dem Christentum etwas andere Züge angenommen haben. Älter als die Götterlieder sind die Heldenlieder , die die Forschung teilweise bis ins 1. vorchristliche Jahrhundert, überwiegend in die Völkerwanderungszeit legt. Hier finden wir in beiden Eddas manches wertvolle, angefangen von der Urform der Nibelungensage bis hin zu dem bei uns verlorenen Schluss des Hildebrandliedes.
Da es bei den Heldenliedern diese Entsprechungen gibt, sind sie auch bei den Götterliedern anzunehmen, nur hier kaum mehr nachzuweisen, da sie bei der Christianisierung hier restlos vernichtet wurden. Die uns vorliegende sprachliche Form der Götterlieder kann nicht vor 800 n.Zw.. geschaffen sein. Sie wurden mündlich weitergegeben und machten deshalb den Sprachwandel mit. Dass sie in vielem auf frühere gemeingermanische Vorstellungen zurückgehen, und nicht etwa nordische Erfindung des ausgehenden Wikingerzeitalters sind, ist aber aus vielen Punkten ersichtlich. Bis auf die für den Inhalt der Sagen belanglose landschaftliche Färbung, die im übrigen auch nicht allzu unterschiedlich ist, stimmen die Vorstellungen zunächst in den Hauptpunkten überein. Wir können Odin mit Wotan, Thor mit Donar, Baldur mit Balder, Tyr mit Ziu, Freya mit Frea, Freyr mit Fro gleichstellen. Aber auch in so unwesentlichen Punkten wie beispielsweise Ymir und Twisto, die doppelgeschlechtigen Weralti, Hlodyn und Hludana, Urd und Wurt, Nornen und Schephen, Mimir und Mime, Fulla und Volla, Syn und Sunna, Njord und Nerthus, Oerwandil und Orendel, Forseti und Fosittes, Hel und Hölle (got. halia, ahd. hella), Midgard und Mittgart (got. midjungards, ahd. mittilgart), Walküren und Idisen (ahd. valagirida), altn. fiadhrhamr und ahd. fedharhama, Thurs und ahd. durisi zeigt uns die Übereinstimmung des oft Nebensächlichen, dass diese in der Hauptsache gegeben sein muss. Mit beinahe völlig gleichen Worten schildern Völuspa und das bayerische Wessobrunner Gebet den Urzustand, mit beinahe gleichen Worten Völuspa und das bayerische „Muspilli“ den Weltuntergang. Das nordische „Muspel“ scheint sich ebenso von ahd. muspilli abzuleiten, wie die ganze Baldersage von Deutschland, was schon der Name mistiltein beweist, da der Norden dessen Bestimmungswort nur in der Bedeutung „Wolke“ und ähnlich kannte. So erscheint in vielen Fällen auch hier der Ausspruch Jakob Grimms, des Altmeisters der germanischen Mythologie, berechtigt, dass der Norden von uns empfing, was er uns rettete. Die 29 Lieder des Codex Regius (bei dessen Manuskript leider 8 Seiten verloren sind) enthalten neben Götter- und Heldengeschichten auch sittliche Regeln (Havamal) und die Völuspa (Der Seherin Gesicht), eine eindrucksvolle Schau auf Welt und Weltende. Snorris Prosa-Edda enthält nach dem ersten Teil, der Gylfaginning, wo ein mythischer König Gylfi zu den Göttern kommt, und ihm Geschichten erzählt werden, als zweiten Teil „Bragis Gespräche“, als dritten Teil die „Skalda“, wo wir Umschreibungen, Beinamen, Dichtungsarten, Redewendungen und Sprachlehren finden.
Das muss zur Inhaltsangabe genügen; einiges will ich aber noch über die Form sagen. Gedichtet sind die Lieder im Stabreim. Die älteste Form sind Gedichte, die in 4 Langzeilen, die aus je 2 Halbzeilen bestehen, abgefasst sind. Sie werden fornyrthislag oder auch „Altmärenton“ genannt. Jede dieser Halbzeilen hat zwei Takte, wobei die Takte meist zwei- oder mehrsilbig sind. Von mehreren Silben eines Taktes trägt stets die erste den Hauptton, die zweite oder eine spätere oft einen Nebenton, der Auftakt ist frei. Daneben finden wir die Ljothahattr oder auch Spruchweise. Hier folgt auf eine Langzeile stets eine „Vollzeile“, die als Zweitakter aufzufassen ist. Die Taktfüllung ist hier noch freier als im Altmärenton. Die Strophe setzt die Folge Langzeile – und Vollzeile zweimal. Die Spruchweise ist eine nordische Neuschöpfung, bei der die altertümliche Freiheit gemeingermanischer Merkdichtung in regelmässigere Ordnung gebracht erscheint. Als Beispiel für die Spruchweise bringe ich Strophe 77 des Havamal, an dieser Strophe will ich auch beispielhaft die Schwierigkeiten der Übersetzung des altnordischen Textes darstellen. Wohl allen von uns ist die Übersetzung von Genzmer geläufig:

Besitz stirbt, Sippen sterben,   du selbst stirbst wie sie;   eins weiss ich, das ewig lebt:   des Toten Tatenruhm.

Diese Strophe ist vom Dichterischen her dem ursprünglichen Versmass und seinem Stabreim hervorragend nachempfunden. Der Sinn allerdings ist nicht richtig getroffen. Als Sinn dieser Übersetzung erscheint, dass Geschlechter vergehen, einzig der Ruhm bleibt. Die letzte Zeile hat aber nichts mit Ruhm zu tun, der in der davorstehenden Strophe 76 besungen wird, und in der ersten Zeile ist dem Stabreim zuliebe (Besitz-Sippen) ein falsches Wort eingesetzt worden; im Urtext heisst es Fraendr, was wörtlich übersetzt „Freunde“ heisst, wobei man wissen muss, dass damals „Freund“ gleichbedeutend mit „Verwandter“ war. Unglücklich erscheint auch das Sterben des „Besitzes“, der ja nicht im eigentlichen Sinn sterben kann. Näher am Urtext ist die Übersetzung von Hans Naumann:

Es stirbt das Vieh, es stirbt die Freundschaft,   man selbst stirbt ebenso;   eins weiss ich, das ewig lebt,   der Ruhm, den der Tote errang.

Auch hier findet sich noch der „Ruhm“, und der Begriff „Freundschaft“ ist lediglich noch älteren Menschen als „Verwandtschaft“ geläufig; er bedeutet im heutigen Sprachgebrauch etwas anderes. Simrock hat zwei Übersetzungen vorgelegt. Zunächst übersetzte er mit:

Vieh stirbt, Freunde sterben,   ebenso stirbt man selbst;   doch eins weiss ich, das immer bleibt,   das Urteil über jeden Toten.

Seine dann vorgelegte zweite Übersetzung erscheint gegenüber der ersten schlechter:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,   endlich stirbt man selbst;   doch eins weiss ich, das immer bleibt,   das Urteil über jeden Toten.

Aus Gründen des Stabreims hat er wohl „das Vieh“ und „die Freunde“ gesetzt, wohingegen der Urtext dies nicht nahelegt. Auch das „endlich“ findet im Urtext keine Entsprechung. Demgegenüber übersetzt Ranke wie folgt:

Besitz stirbt, Verwandte sterben,   man selbst stirbt ebenso;   ich weiss etwas, das niemals stirbt,   das Urteil über jeden Toten.

Hier ist wieder der „Besitz“, der stört, ferner das Wort „man“, das es in dieser Form im alten Norden nicht gab. Eine weitere noch lieferbare Übersetzung ist diejenige von Arthur Häny: „Die Edda“, (Manesse-Verlag, Zürich 1987), wobei er ebenfalls die Lieder-Edda als Vorlage hat. Als Beispiel für seine Bearbeitung die Übersetzung der eben erwähnten Strophe:

„Es stirbt Besitz. Verwandte sterben.   Du selbst stirbst einst ebenso:   jedoch ich weiss, was niemals stirbt:   das Urteil über die Toten.

Dem Urtext am nächsten kommt nach meiner Meinung folgende Kombination, die ich aus den verschiedenen Übersetzungen gebildet habe:

Vieh stirbt, es sterben Verwandte,   du selbst stirbst wie sie;   eins weiss ich, das niemals stirbt,   das Urteil über jeden Toten.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, mehrere Übersetzungen heranzuziehen, wobei die sprachlich schönste sicherlich die von Genzmer ist, die im Diederichs-Verlag immer wieder neu aufgelegt ist, diejenige, die dem Urtext stärker verpflichtet ist, die Übersetzung von Simrock, von der ein Nachdruck in der VMA -Vertriebsgesellschaft, Wiesbaden, erschienen ist. Bei Reklam sind Auszüge der Simrock-Übersetzung („Die Götterlieder der älteren Edda-Auswahl“) und der Übersetzung von Genzmer („Heldenlieder der Edda- Auswahl“) erschienen und ebenfalls noch greifbar. Wenn wir bedenken, dass der Stabreim bei uns nur bruchstückhaft erhalten ist, kann die Bedeutung der Helden- und Götterlieder des Codex Regius ebenso wie der Snorri-Edda für die Erkenntnis des Heidentums kaum überschätzt werden. Zur Erhellung unseres Wesens – da gebe ich Kummer recht – ist eine Beschäftigung mit den isländischen Sagas erforderlich, die einmal vollständig in 24 Bänden im Diederichs- Verlag vorgelegt worden sind, wobei die 2. Auflage noch in den 60iger Jahren erschien, von denen heute allerdings nur noch einige besonders kennzeichnende Sagas in Auswahlbänden vom Verlag ausgeliefert werden. Daneben aber bewahren beide Eddas einen Schatz heidnischer Überlieferungen, so dass die Beschäftigung mit ihr für jeden germanischen Heiden unumgänglich ist. Dass diese Beschäftigung nicht unkritisch sein kann, wenn wir das Wesen des germanischen Heidentums wahrhaft erschliessen wollen, habe ich dargelegt. Bei aller Vorsicht bleibt aber genug, was uns heidnisches Denken unverfälscht vermittelt. Kritiklose „Offenbarung“ einerseits, Abwertung als „Skaldenerfindungen“ andererseits werden den Götterliedern wie den anderen heidnischen Bestandteilen beider Eddas also gleichermassen nicht gerecht. Zur vertieften Beschäftigung mit dem Stoff verweise ich zunächst einmal auf die in der wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienen Bände von Georges Dumezil: „Loki“ (1959), Sigurdur Nordal: „Voeluspa“ (1980) und Gottfried Lorenz: „Snorri Sturluson: Gylfaginning“ (1984), ferner auf Kummers „Midgards Untergang“ und bei den gegenwärtig nicht lieferbaren Büchern auf Otto Siegfried Reuter: „Das Rätsel der Edda“ 1. und 2. Band 1922 und 1923 (Nachdruck Soyka – Bremen 1987) sowie auf Bernhard Kummers: „Die Lieder des Codex Regius“ Band 1 erster Teil: „Die Schau der Seherin“ (1961) und Band 2: „Heldendichtung erster Teil: Die Dichtung von Helgi und der Walküre“ (1959). Glücklich können wir uns schätzen, dass uns Island diesen Schatz gerettet hat !


Schrifttumsverzeichnis: Neben den Edda-Bänden der Sammlung „Thule“ bei Diederichs wurden verwandt. Felix Nieder: „Islands Kultur zur Wikingerzeit“, Diederichs-Verlag, Jena 1913. F. Ranke: ,.Altnordisches Elementarbuch“, Sammlung Göschen, Band 1115, Berlin 1949. Wilhelm Ranisch: „Edda-Lieder“. Sammlung Göschen, Leipzig 1903 Karl Conrad: „Die Edda des Snorri Sturluson“, Mühlhausen 1926 Hugo Gering: „Edda: Götterlieder/Heldenlieder“. Askadischer Verlag Berlin 1943 Karl Simrock: „Die Edda“, VMA-Wiesbaden 1987 Bernhard Kummer: „Midgards Untergang“, 5. Auflage Zeven 1972

Die Irminsul

Germanenherz

Ehre die Ahnen!

Halgadom, aus den Stücken Runenkraft und Wotans Krieger
Kennst du die alte Kunde vom germanischen Heiligtum,
verborgen in Teutoburgs Wäldern,
den göttlichen Mächten zum Ruhm?
Dort an den Externsteinen die Irminsäule stand.
So lange man sie ehrte, war Einigkeit im Land.
Da kamen die fränkischen Heere, vergiftet vom Geist der Zeit,
die hieben die Säule nieder. Seitdem herrscht Hader und Streit.
Verwirrt in Glaubenskriegen irrt unser Volk umher,
es hat noch manche Blätter, doch keine Wurzeln mehr.
Wir brauchen wieder Hüter für unsres Volkes Gedeihn.
Willst du ein Hüter des Volkes – der Irminsäule sein?

Die Bedeutung des ältesten Sinnzeichens europäischer Religiosität

Wie wir den Überlieferungen entnehmen können, sind die beiden höchsten Sinnbilder der nordischen Atlanter die Sonne und die Weltensäule, die der Germanen die Sonne und die Irminsul (All-Säule) bzw. die Yggdrasil (Weltesche, Weltenbaum, Sonnenbahn-Dreh-Säule), wobei sich die Germanen ihre heilige Säule vorwiegend als Baum (Lebensbaum) vorstellten. Die Baumverehrung der Germanen gilt jedoch grundsätzlich demselben kosmischen Prinzip wie die Verehrung der Weltensäule bei den Atlantern, nämlich der Weltenachse bzw. Weltenseele. Auch die Obelisken in Ägypten, die Totempfähle der nordamerikanischen Indianer, der Weltenbaum der Maya, der Lebensbaum der Kabbala, der griechische Säulenkult, der im Deutschen Kulturraum weitverbreitete Maibaum und auch der in vielen Teilen der Welt verbreitete Weihnachtsbaum gehen alle auf den gleichen Kultus zurück und stehen symbolisch für das Prinzip der Weltensäule, die auch als Himmelssäule, Himmelsstütze, Weltenachse oder Weltenseele bezeichnet wird.
Doch welche grundsätzliche Idee steckt hinter der Verehrung der Weltenseele/Weltensäule?
Der Säulenkult resultiert aus der Verehrung der Weltenachse, die als verlängerte Erdachse in den verschiedenen Zeitaltern auf den jeweiligen Himmelspol bzw. Polarstern am Himmelszelt zeigt. Die Weltenachse bzw. Weltensäule wurde auch als Weltenseele verehrt, welche die irdische Welt mit dem weiten, heiligen Kosmos des Sternenhimmels und der Welt der Ahnen verbindet. Nicht ohne Grund besitzen die „Säule“ und die „Seele“, engl. „soul“, die gleichen Sprachwurzeln. Säulen- bzw. Menhirsetzungen galten somit auch als Orte der Ahnenverehrung. Wie die Sonne nach der Wintersonnenwende wieder nach oben steigt, so geschieht das auch mit der Seele des Verstorbenen – und von neuem geht sie im Körper des Nachkommens auf. Die Weltenachse war den sternenkundigen und seefahrenden Nordmeer- bzw. Seevölkern, wie die Atlanter in verschiedensten Überlieferungen der Antike bezeichnet werden, schon aus einem ganz praktischen Nutzen heilig, denn da durch sie der Himmelspol bestimmt wurde, ermöglichte sie ihnen die Orientierung auf den Weltmeeren. Der Himmelspol, um den sich die ganze Welt dreht, bringt als der ruhende Pol im Universum Ordnung und Berechenbarkeit in das Sternenmeer, was zur Orientierung auf die Verhältnisse der Erde übertragen werden kann.
Die Weltenachse war den Atlantern aber vor allem in religiöser Hinsicht heilig. Sie wurde im kulturellen Einflußbereich der Megalithkultur auch als „Himmels- bzw. Weltensäule“ oder als „Himmelsstütze“ bzw. „Säule des Himmels“ bezeichnet, da man von der Vorstellung ausging, daß auf ihr das Himmelszelt ruht und dieses durch sie gestützt werden müsse.
Sehr wahrscheinlich aufgrund von Erfahrungen aus verschiedenen Naturkatastrophen, die als göttliche Strafen betrachtet wurden, befürchteten die Menschen der Antike, daß ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, wenn dieser nicht gestützt wird. Von der Himmelssäule, um deren Spitze das Himmelsgewölbe mit den zirkumpolaren Sternbildern sichtbar kreist, hing der Bestand der Welt ab, ihr Sturz bedeutete das Weltende. In allen Kulturen auf der nördlichen Halbkugel war diese Vorstellung verbreitet, sie kann aber nur im hohen Norden entstanden und von dort in südlichere Bereiche gelangt sein.
Aus philosophisch-religiöser Sicht steht die Weltensäule (Weltenseele) für die Verbindungsachse zwischen den beiden gegensätzlichen Polen Himmel (Geist) und Erde (Materie), sie ist das Symbol der Einheit von spiritueller und materieller Welt – der Einheit von Mensch und Natur mit Gott. Die Weltenseele stellt das kosmische Spannungsfeld dar, das sich zwischen den beiden antagonistischen Polen der Wirklichkeit, Himmel-Erde- bzw. Geist und Materie (Geist-Materie-Polarität), und damit über das gesamte Wirklichkeitsspektrum der Schöpfung erstreckt. Die Weltenseele ist daher für jegliche tiefergehenden ganzheitlich-philosophischen Betrachtungen als ontologische Leitvorstellung grundlegend! (ganzheitlich = auch die spirituellen Welten und kosmischen bzw. geistigen Gesetzmäßigkeiten mit einbeziehend).Die gesamte Schöpfung in ihrer unendlichen Vielfalt ist aus dem absoluten Urprinzip der Beziehung von Geist und Materie hervorgegangen, sie ist ein Prozeß von Involution und Evolution, von Materialisierung und Vergeistigung, welcher innerhalb der Geist-Materie- olarität abläuft und nach den universalen Gesetzmäßigkeiten geschieht, die in diesem grundlegenden Polaritätsprinzip immanent enthalten sind und aus diesem abgeleitet werden können, wie z.B. das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Gesetz des Rhythmus, das Gesetz der Resonanz, des Karmas, der Reinkarnation usw. Dieses polare Prinzip spiegelt sich in allen Dingen der Schöpfung wider, denn, da alles, was existiert, aus diesem Urprinzip entstanden ist, ist es auch in allem enthalten.
Die nordische Weltensäule bzw. Weltenseele (Irminsul), seit vielen Jahrtausenden das höchste urnordische Heiligtum, stellt das die gesamte Schöpfung durchdringende, die geistige und materielle Welt zu einer Einheit verbindende, universelle Weltenseelenprinzip dar.
Die IRMINSUL symbolisiert auf einfache Weise die ganzheitlich-spirituelle Gottesvorstellung und Weltanschauung des dreigegliederten Kosmos unserer atlantisch-germanischen Vorfahren, sie ist das Sinnbild des absoluten Geistes (Gottes) und steht für das dreieinige Allvater/Allmutter/HeiligerGeist- Prinzip (heilig = ganzheitlich), die grundsätzliche Dreieinheit von Geist, Körper und Seele. Die Weltensäule ist somit auch das Symbol für die Göttlichkeit des Menschen und aller Schöpfung.
DIE DEUTUNG DES SYMBOLS IM EINZELNEN:
Irminsul Der obere Bereich der Weltensäulendarstellung (Irminsul) steht für das raum- und zeitlose kosmische Allbewußtsein des Allvaters (geistige Polarität der Schöpfung – transzendenter Gottesaspekt), der untere Bereich für die Körperlichkeit der Schöpfung, die Natur, die Physis, die Materie (Allmutter; materielle Polarität der Schöpfung – immanenter Gottesaspekt). Beide gegensätzlichen Pole der Schöpfung, Geist und Materie, werden durch ein drittes Element, die Seele, miteinander verbunden, mit der sie zusammen das universelle Weltenseelenprinzip ausmachen, in dem sich Geist, Materie und Seele gegenseitig bedingen und zusammen eine untrennbare Dreieinheit ausmachen.
Die Funktion der Seele (zwischen unten und oben der mittlere Teil der Weltensäulendarstellung) ist es, eine Wechselbeziehung zwischen den beiden gegensätzlichen Polen zu ermöglichen, wodurch die Prozesse von Involution und Evolution, welche zusammen den Schöpfungsprozeß ausmachen, erst ermöglicht werden. Das heißt: Die Seelenfunktion ermöglicht es einerseits, daß das jeweilige spirituelle Potential, das der Allvater in der materiellen Welt (Allmutter) durch die Erscheinungen der Schöpfung zur Verwirklichung bringen will, involieren kann (z.B. wie der geistige Plan für einen Eichenbaum in eine Eichel), und andererseits, daß sich diese Erscheinungen der Schöpfung nach ihrer kosmischen Bestimmung entwickeln, d.h. ihre innere göttliche Blaupause (Bestimmung) zur Entfaltung bringen können – also die Seele den Informationsfluß ermöglicht, der für die Ent-wickel-ung des geistigen Plans des Heranwachsens zu einem prächtigen Eichenbaum (Evolution) nötig ist. Die Darstellung des Weltensäulenprinzips (Irminsul) stellt in einfacher Form die dreieinigen kosmischen Archetypen (Urprinzipien) mit denen aus ihnen hervorgegangenen kosmischen Wahrnehmungsqualitäten bzw. Bewußtseinskräften dar, wodurch die essentiellen Urprinzipien der Schöpfung aufgezeigt und somit die nordische Gottesvorstellung bzw. die nordische Vorstellung vom Schöpfungsprozeß durch nur ein einziges Symbol dargestellt und auf den Punkt gebracht wird.
Die geistige Polarität der Schöpfung (das kosmische Allbewußtsein; Allvater; 9. Bewußtseinsdimension) enthält das gesamte Spektrum des Bewußtseins, das durch die drei archetypischen Bewußtseinskräfte des geistigen Kosmos gegliedert ist. Diese drei Ur-Kräfte sind als strukturelle Komponenten integrale Bestandteile des kosmischen Allbewußtseins sind und werden in der Weltensäulendarstellung durch die beiden oberen Volutenarme und das dazwischen angeordnete Symbol der „Schwarzen Sonne“ dargestellt. Die beiden oberen Volutenarme (links u. rechts) der Weltensäule bzw. Irminsul stellen die polaren archetypischen – männlichen und weiblichen – Bewußtseinskräfte des geistigen Kosmos dar (werden nachfolgend erklärt) und die zwischen den beiden Volutenarmen über der Weltensäule ruhende „Schwarze Sonne“ steht für den spirituellen Ur-Quell allen Seins, über die alle Seelen miteinander verbunden sind. Die „Schwarze Sonne“* ist die allbewußte Quelle der spirituell ganzheitlich ausgewogenen, vollkommenen kosmischen Bewußtseinskraft (in der Irminsul-Darstellung die rote, mittlere und nach unten flammende Kraft – die „Heilige Flamme“), welche in der gesamten Schöpfung als heiliges gestaltbildendes kosmisches Lichtprinzip wirkt, die Einheit der gegensätzlichen Pole ermöglicht und den Naturerscheinungen ihre Schönheit und Perfektion verleiht.
(*Anmerkung: Die „Schwarze Sonne“ ist das Symbol für die innere, transzendente Sonne, die das kosmische Allbewußtsein, der Allvater ist, woraus das innere geistige Licht, die Gestaltung aller Schöpfung und sämtliche individuellen Seelen hervorgehen. Tatsächlich ist die Farbe der Schwarzen Sonne – wie die alten Überlieferungen sagen – purpurrot.)
Dem Menschen stehen jederzeit bei allem, was er tut, die beiden polaren archetypischen Bewußtseinskräfte als die männlichen (solaren; Yang) und die weiblichen (lunaren; Yin) Bewußtseinskräfte bzw. Wahrnehmungsqualitäten zur Verfügung („zwei Seelen in meiner Brust“ – Goethe). Diese einseitigen und gegensätzlichen kosmischen Geisteskräfte hat der Tiefenpsychologe C.G.
Jung bei seinen Forschungen als die Archetypen „Animus“ und „Anima“ erkannt, welche in der Psyche des Menschen wirken.
Der linke Volutenarm (blau) steht für die patriarchale, auf die Materie ausgerichtete, vom Intellekt, von Opportunismus und Materialismus beherrschte, die gegenständliche (objektive) Außenwelt analysierende und fokussierende („Tunnelblick“) männliche Wahrnehmungskraft (Yang; Ahriman-Kraft).
Der rechte Volutenarm (gelb) steht für die matriarchale, die jeweilige subjektive geistige Innenwelt, das jeweils vorhandene Erfahrungs-, Weisheits- bzw. Vernunftpotential des Menschen instinktiv als Ganzes wahrnehmende („Blick fürs Ganze“), d.h. die jeweiligen subjektiven Idealvorstellungen anstrebende, zu Idealismus bis zur Schwärmerei neigende weibliche Wahrnehmungskraft (Yin; Luzifer-Kraft).
Die mittlere, aus der inneren, transzendenten („schwarzen“) Sonne – dem Kern des kosmischen Allbewußtseins (Allvater) – hervorschießende spirituell ganzheitlich ausgewogene, zwischen Innen- und Außenweltwahrnehmung die Einheit herstellende Wahrnehmungskraft ist die durch göttliche Eingebung (Intuition) höhere Erkenntnis und Heil bringende, d.h. Teilhabe an vollkommener göttlicher Wahrnehmung ermöglichende Bewußtseinskraft. Diese heilige Wahrnehmungskraft ist die innere göttliche Stimme, die den Menschen seine kosmische Bestimmung erkennen und danach handeln läßt, welche im menschlichen Bewußtsein als unmittelbare göttliche Intuition, in Form einer genialen, erlösenden bzw. heilbringenden Idee, oder als die Stimme des Gewissens in Erscheinung tritt. Diese lichte kosmische Bewußtseinskraft, die wir als Baldur- bzw. Christus-Kraft bezeichnen, ist die authentische, die Wahrheit zum Ausdruck bringende Kraft des wahren, tiefsten ICHs des Menschen (das Kosmische Selbst, Allvater, „Schwarze Sonne“).
Diese drei archetypischen Bewußtseinskräfte des geistigen Kosmos (Luzifer, Christus, Ahriman) strukturieren und durchdringen alles geistig-seelische und materielle Dasein, durch sie gestaltet sich die gesamte Wirklichkeit, sie lassen sich in allen Erscheinungen der Schöpfung entdecken. In den Naturprozessen der materiellen Welt spiegeln sich die beiden seitlichen Volutenarme bzw. geistigen Kräfte z.B. in der Doppelhelix der DNS wieder, welche in der Weltensäulendarstellung durch die unteren, kleineren Volutenarme symbolisiert wird, wobei der untere linke Spiralstrang den männlichen bzw. geistig/kosmischen Pol (Allvater) und der untere rechte Spiralstrang den weiblichen bzw. materiell/irdischen Pol (Allmutter) der DNS symbolisiert. Und die aus der inneren, transzendenten Sonne – dem Kern des kosmischen Allbewußtseins (Allvater) – unmittelbar hervorschießende, spirituell ganzheitlich ausgewogene (kohärente) kosmische Lichtkraft (Baldur- bzw. Christus-Kraft) ist in der biologischen Welt die Biophotonenstrahlung, die zwischen den Spiralsträngen der DNS erzeugt wird – nach der Biophotonenlehre von F.A. Popp ist die DNS die Quelle der Biophotonenstrahlung.
In verschiedenen von der nordischen Sonnen- und Säulenreligion abstammenden Religionen wurden bzw. werden diese drei archetypischen spirituellen Wahrnehmungsqualitäten (Archetypen) als dreieinige Götterwelten verehrt, dort wird den Vater-Gottheiten die kosmische „Zerstörer“-Kraft (ständige Veränderung, ewiger Wandel = Hagal), den Mutter-Gottheiten die irdische Schöpfer-Kraft (Fruchtbarkeit, Weisheit, Kreativität) und dem ausgleichenden dritten Prinzip die Erhalter-Kraft zugeordnet. Die 9. Dimension (All-Vater; kosmisches Allbewußtsein) galt in der atlantisch-germanischen Kultur als das himmlische Asgard.
Die IRMINSUL, das Symbol der Weltensäule, ist Ausdruck der Verbunden- und Durchdrungenheit des Menschen und aller Schöpfung mit den göttlichen Kräften des Kosmos und für die Orientierung an den ewig gültigen kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Es ist die Pflicht aller reichstreuen deutschen Patrioten, sich mit dem Weistumsfundus um dieses heiligste Sinnzeichen unserer atlantisch-germanischdeutschen Kultur auseinanderzusetzen und dieses heilige ganzheitlich-spirituelle Wissen in der Welt wieder zur Verbreitung zu bringen.
Die der atlantischen Weltensäule bzw. der germanischen Irminsul zugrundeliegende dreieinige Ordnung des universellen Weltenseelenprinzips, die 1996 vom deutschen Philosophen Chyren erstmals umfassend ontologisch entschlüsselt wurde und in Wissenschaft und Philosophie auch als Ontologische Achse bezeichnet wird, bildet das idealstmögliche geistig-kulturelle, weltanschauliche Fundament, auf dem die europäischen Völker im Rahmen der Reichsidee in Form von mehreren souveränen Teilreichen vereint werden können. Die Vision ist, das Heilige Atlantische Reich Europäischer Völker zu errichten, in dem das Deutsche Reich das geistig-sittlich impulsgebende Kernreich bildet.
Die Ontologische Achse (das aufgeschlüsselte universelle Weltenseelenprinzip) ist das alles Sein und alle Menschen mit der höchsten kosmischen Bewußtseinsebene, dem kosmischen Allvater, und somit auch miteinander spirituell vereinende heilige Band (Seelenband). Mit ihrer Entdeckung und der damit verbundenen Entschlüsselung der höchsten kosmischen Ordnung erhalten wir Deutsche und Europäer das höchste spirituelle Heiligtum unserer atlantisch-germanischen Vorfahren – die heilige Weltensäule bzw. Irminsul – in zeitgemäßer Form zurück. Diese entschlüsselte dreieinige kosmische Ordnung repräsentiert den Kernbereich der neuen europäischen Religion und ist als die Teutonische Lanze die stärkste geistige Waffe im Befreiungskampf der europäischen Völker und das wahre Zepter deutscher Reichsherrlichkeit.
Die Erkenntnisse um die Entschlüsselung des universellen Weltenseelenprinzips und die damit verbundenen revolutionierenden kulturhistorischen Entdeckungen (zum Thema Erdkrustenverrutschung, „Eiszeit“, Atlantis in Europa usw.) ermöglichen eine Renaissance der ursprünglichen nordischatlantischen Sonnenreligion in einer zeitgemäßen Form. Diese ganzheitlich-spirituelle Weltanschauung, in der Wissenschaft, Philosophie und Religion zur Synthese geführt werden und atlantisch-germanisches Heidentum, die Gesetzeslehre des Hermes Trismegistos (Hermetik), die Kerninhalte der wahren, ursprünglichen Lehre Jesu (kosmisches Christentum) und Deutsche Idealistische
Philosophie zu einer Einheit verschmelzen, nennen wir KOSMOTERIK bzw. SONNENCHRISTENTUM.
(Anmerkung: Der hier verwendete Begriff des Christentums hat nichts, aber auch gar nichts, mit dem zu tun, was uns in Form der großen, sog. christlichen Kirchen und der verschiedensten christlichen Sekten als das paulinistische Christentum gegenüber tritt [von Paulus kreiert]; lediglich die historische Person des Jesus als Wanderphilosoph und Heidenführer, der seinerzeit einen entscheidende Impuls nordischer Geistigkeit gebracht und versucht hat, den Judaismus zu überwinden [„Ihr habt den Satan zum Vater“], wird anerkannt. Dieser Impuls, hin zu einer ganzheitlich-spirituellen Weltanschauung, welche gerade für die nordische Kultur charakteristisch ist, rechtfertigt u.a. die weitere Verwendung des Christentumbegriffs.
Die KOSMOTERIK ist eine ganzheitlich-spirituelle, wissenschaftlich fundierte Naturphilosophie und Urprinzipienlehre, welche auf die Erforschung der kosmischen Urprinzipien und Gesetzmäßigkeiten des Lebens ausgerichtet und in die jegliche weiteren Wahrheitserkenntnisse integriert werden können. Sie ist eine dem Leben abgeschaute, leichtverständliche Erkenntnisphilosophie, die auf dem Grundgedanken des dreigegliederten Kosmos, der Dreieinigkeit bzw. des dialektischen Dreischritts basiert und in allen wesentlichen Erscheinungen der geistigen und materiellen Schöpfung die dreieinigen Urprinzipien bzw. Archetypen von Geist/Körper/Seele, Wille/Weisheit/Liebe, Allvater/Allmutter/Heiliger-Geist, Vater/Mutter/Kind, Ahriman/Luzifer/Christus, These/Antithese/Synthese usw. erkennt, welche sich durch analoges Denken überall entdecken lassen. Mit der KOSMOTERIK lassen sich jegliche Formen des die Welt in Gut und Böse spaltenden Dualismus überwinden. Jeder normal-intelligente Mensch, der bis drei (3) zählen kann, ist imstande, die kosmoterische Weltanschauung – die Urprinzipienlehre der dreieinigen kosmischen Archetypen – zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn er sich einmal ernsthaft damit auseinandergesetzt hat. Die KOSMOTERIK ist die Weltanschauung, die den Charakter und die Wahrnehmungsqualität der deutschen und europäischen Geistigkeit in reinster Form zum Ausdruck bringt, sie ist die dem deutschen und europäischen Wesen Identität gebende und Kultur tragende Weltanschauung. In der kosmoterischen Weltanschauung wird Religion denkend! – in der KOSMOTERIK offenbaren sich die „Hermetischen Gesetze“ und das nordische Urweistum von Atlantis in einer faszinierend klaren Form, hier offenbart sich kosmische Wahrheit, und diese Wahrheit ist einfach, klar und gerecht und von wissenschaftlich-philosophischer Logik durchdrungen. Die KOSMOTERIK bzw. das SONNENCHRISTENTUM ist die europäische Weltanschauung bzw. Religion des Wassermannzeitalters, auf die so viele nach sinnerfüllter Spiritualität suchende Menschen gewartet haben.
Diese kosmischen Gesetze – die in der KOSMOTERIK Gegenstand der Forschung sind – spiegeln sich ebenfalls in der HAGAL-Rune wieder, die auch das Symbol des Eis-Kristalls ist und quasi das kosmische Gerüst darstellt, auf dem alles Sein und Leben aufbaut. „Krist“ ist dabei der altgermanische Begriff für Gerüst, und das Krist-All (Hagalrune) ist das kosmische Gerüst, das in allen Dingen enthalten ist und alles mit allem verbindet, in dem sich das männliche Prinzip (Man-Rune) und das weibliche Prinzip (Yr-Rune) durchdringen. Letztlich ist jegliche Materie kristallisierter Geist. Der „Krist“ ist nichts anderes als das Krist-all-isationsgesetz der kosmischen Allnatur, das geistige Gerüst der Schöpfung und der ihr zugrundeliegende heilige Schöpfungsgedanke. Der „Christ“ ist die alles Sein durchdringende ganzheitlich-spirituelle Urkraft, der dritte, heilbringende kosmische Sexus, der im Bewußtsein des Menschen die Einheit der Gegensätze von männlicher und weiblicher Wahrnehmung und somit kosmisches Lichtbewußtsein ermöglicht. Aus der Verbindung des Inneren (Esoterik) mit dem Äußeren (Exoterik) entsteht so die neue Wissenschaft der KOSMOTERIK, welche kosmische Philosophie und kosmische Religion zugleich ist. Und aus der gleichen Erkenntnis über die Bedeutung des Krist-Alls lebt die Sonnenreligion unserer Altvorderen heute in der neuen Religion des SONNENCHRISTENTUMS in einer zeitgemäßen und für den nordisch-europäischen Menschen wesenskonformen Art wieder auf. Und kann es Zufall sein, daß eben das sogenannte Christus-Monogramm in der Christlichen Kirche (eine Kombination der griechischen Anfangsbuchstaben von Christus, XPIΣΤΟΣ – Christós => X und P übereinandergelegt) der HAGAL-Rune extrem ähnelt?!
Das Wissen um die wahre religiöse und philosophische Bedeutung des Weltensäulensymbols bzw. der Irminsul und damit des dreieinigen Weltenseelenprinzips ging einst verloren. Über viele Jahrhunderte blieb es so selbst in Heidenkreisen weitgehend unbekannt und dieses altehrwürdige Heiligtum wurde mehr oder weniger unbewußt nur folkloristisch verehrt. Kaum jemand weiß, daß die atlantische Weltensäule bzw. die Irminsul (und somit das universelle Weltenseelenprinzip) im germanisch beeinflußten Kulturraum als Maibaum, als heiliges Zepter, als Hermes-Stab, als Weihnachtsbaum und in vielen anderen Erscheinungsformen noch bis in unsere heutige Zeit symbolisch verehrt wird. Dies geschieht zwar (noch) unbewußt, aber nicht zu unrecht, denn hierin ist der Kern der ureigensten europäischen Kulturweltanschauung und der wahren Reichsidee zu finden!

Germanische Mythologie

 

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EINLEITUNG

Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf deuten schon die bei den alten Skandinaviern erhaltenen Namen der Götter TIWAS, d. h. die Himmlischen, und WANEIS, WANEN, d. h. die Strahlenden, hin. Demgemäß werden TYR oder ZlO, der Himmelsvater. und THUNAR, der Blitzgott, den Vorrang behauptet haben.

So sagt denn auch Caesar über die religiösen Vorstellungen der Krieger Ariovists aus eigener Erfahrung:

„Die Germanen rechnen zur Zahl der Götter nur die, welche sie sehen und durch deren Segnungen sie offenbar gefördert werden, die SONNE, den MOND) und den FEUERGOTT. Von den übrigen haben sie nicht einmal durch Hörensagen vernommen.“ Der Lichtkultus schloß also noch die Vermenschlichung der Götter aus.

Und so war es noch 150 Jahre später. Daß man sich auch da noch nicht die Götter plastisch gestaltete und verbildlichte, bezeugt Tacitus, wenn er schreibt:

„Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“

Dennoch scheinen schon damals durch die Berührung und Reibung mit dem Kulturvolk der Römer mehr diejenigen Gottheiten in den Vordergrund getreten zu sein, welche einen Bezug auf die jetzt vorherrschend kriegerische Richtung des Volksgeistes besaßen, an ihrer Spitze der Sturmgott WODAN (nord. ODIN), den namentlich die späteren Sachsen und Franken zu ihrem Obergott erhoben.

Die Bekleidung der Götter mit menschlichen Formen und Gestalten vollzog sich nun rasch, und man bezeichnete die neuen Herrscher der Welt als ANSEN (nord. ASEN), d. h. als die Träger des Weltgebäudes und der sittlichen Ordnung desselben. Doch war dieser Übergang keineswegs ein friedlicher, sondern, wie die olympischen Götter in der griechischen Mythologie, mußten auch die Asen erst einen gewaltigen Strauß mit den WANEN bestehen, der die ganze Welt mit Verwüstung bedrohte und endlich nur so beendigt konnte, daß die beiden Götterstämme sich gegenseitig Geiseln stellten, worauf die Wanen mit Ausnahme weniger allmählich in Vergessenheit sanken. Die Erinnerung an den Kindheitsglauben des Volkes und die fortschreitende Mythenbildung wurde bei den südgermanischen Stämmen durch den Eintritt des Christentums unterdrückt und gehemmt.

Desto fester blieb der Besitz derselben den Skandinaviern, von denen erst im zehnten Jahrhundert die Dänen, zu Anfang des elften die Norweger und Isländer, in der zweiten Hälfte des elften die Schweden gänzlich bekehrt wurden. Namentlich waren in diesem Zeitalter von bedeutendem Einfluß auf das Wachstum der an die Mythologie sich anschließenden Heroensage einerseits die NORMANNEN- oder WIKINGERFAHRTEN, welche eine Masse neuer Anschauungen im Volke weckten und der Phantasie reiche Nahrung zuführten, anderseits die Sänger der Königshöfe oder die SKALDEN, welche die Großtaten der Asen priesen, dieselben noch mehr vermenschlichten und die Götterwelt endlich in ein geschlossenes System brachten.

Da die isländischen Normannen am zähesten an den Überlieferungen der alten Heimat festhielten, so zog sich auch die Kenntnis der Skaldenlieder im neunten und zehnten Jahrhundert fast ganz auf jene Insel zurück. Diese Poesien waren bereits zu Ende des elften Jahrhunderts gesammelt und hundert Jahre später durch eine neue Sammlung vermehrt, sind aber erst im siebzehnten Jahrhundert aufgefunden worden und bilden den Inhalt der sogenannten EDDA, d. h. Urgroßmutter.

Der Charakter der Mythen und Sagen entspricht der sonnenarmen, wild erhabenen Natur des Nordens, wie dem stürmisch bewegten Leben der trotzigen Helden. Sie sind düster und von phantastischer Rauheit, aber voll tiefer Empfindung und sittlichen Emstes.

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Die Nornen unter der Weltesche

DIE WELTSCHÖPFUNG

Die Entstehung der Welt dachten sich unsere Ahnen in folgender Weise. Aus dem CHAOS oder >>der gähnenden Kluft<<, nahmen sie an, daß zunächst zwei Welten hervorgegangen seien, nach Norden ZU NIFFILHEIM (Nehelheim), nach Süden zu sein Gegensatz, MUSPELHEIM (Feuerheim). Mitten in Nifelheim öffnete sich aber der Brunnen HWERGELMIR, aus dessen gärenden Kessel zwölf Ströme mit eisigem Wasser stürzten. Ihr Wasser gefror zu Schollen, und diese bewegten sich der Kluft zu und füllten dieselbe allmählich aus.

Allein von Muspelheim her wehte ein Glutwind und schmolz das Eis. Dadurch entstand Leben im Starren, und es wuchs aus demselben empor der entsetzliche Riese YMIR oder OERGELMIR, von dem die Frostriesen oder HRIMTHURSEN abstammen. Im auftauenden Gewässer entstand auch die Kuh AUDUMBLA (die Vollsaftige).

Von der Milch ihres Euters nährte sich Ymir und sein Geschlecht. Sie selbst beleckte aus Mangel an Weide die salzigen Eisblöcke, und siehe, unter ihrer Zunge kam nach und nach ein schöner Mann namens BURI zum Vorschein. Ein Sohn von ihm hieß BÖR, und dieser nahm die Riesentochter BESTLA zur Gefährtin, welche ihm drei Söhne schenkte, ODIN (Geist), WILI (Wille) und WE (Heiligtum). Dies waren die ersten ASEN, welche sich sofort gegen den Urriesen wandten und ihn erschlugen, worauf in der Sintflut seine alle Frostriesen ertranken bis auf BERGELMIR, der Stammvater eines zweiten Riesengeschlechts wurde.

Des Riesen Ymir Leib wurde hierauf von den Asen zu weiteren Schöpfungen benutzt. Aus seinem Fleisch schufen sie die Erde, aus seinen Knochen die Felsen, aus seinen Haaren die Bäume, aus seinem Blut das Meer, aus seiner Hirnschale den Himmel. Aus den Augenbrauen bildeten sie mitten auf der Erdscheibe die Wohnung der Menschenkinder, MIDGARD).

Noch gab es aber weder Sonne noch Mond, noch Gestirne am Himmelsgewölbe; nur irrende Feuerfunken aus Muspelheim sprühten darüber hin. Da wandelten die Asen jene Funken in Sterne um und gaben diesen ihre feste Stätte. Sonne und Mond aber kamen auf folgende Art in die Welt. Die Mutter NACHT, eine Riesentochter, hatte von ihrem dritten Gatten DELLINGER (Dämmerung) einen Sohn, den TAG, und beide wurden vom Allvater zum Himmel emporgehoben, wo die Nacht zu ihrer Fahrt über den Himmel das schwarze Roß HRIMFAXI ( Reifmäher), der Tag den weißen Renner SKINFAXI (Lichtmäher) empfing. Die Asen raubten dann dem seiner Kinder sich übermütig rühmenden Erdensohn MUNDILFÖRI (Achsenschwinger) die liebliche SOL und den schönen MANI. Jener erbauten sie aus den Funkenregen Muspelheims den Sonnenwagen und bespannten ihn mit den Hengsten ARWAKER (Frühaufl und ALSWIDER (Allgeschwind). Mit diesen umkreist Sol den Himmel, bewehrt mit dem Schild SWALIN, der Himmel und Erde vor dem Sonnenbrand schützt. Mani aber lenkt den Mondwagen hinter der Nacht und hat die beiden Kinder BIL (die Schwindende) und HJUKI (den Belebten), d. h. den abnehmenden und wachsenden Mond, bei sich, die er einst zu sich emporhob, weil er sah, wie sie ihre schweren Wassereimer nicht weiter zu tragen imstande waren. Die Flecken im Mond erklärt sich das Altertum bald als einen Mann, der am Sonntag Holz stahl und mit einem Reisigbündel oder einer Axt im Mond steht, bald als ein Mädchen, das im Mondschein gesponnen hat und mit ihrer Spindel oben sitzt. Zwei grimmige Wölfe jagen hinter Sol und Mani her, SKÖLL und HATI, und wenn sie den Himmlischen nahe kommen, erbleichen dieselben, und die Sterblichen nennen dies Sonnen- und Mondfinsternis.

Nach Schöpfung der Gestirne waren auch die Vorbedingungen gegeben zur Entstehung des Menschengeschlechts. Als die Asen ODIN, HÖNIR und LOTHUR einst am Seegestade wandelten, sahen sie zwei Bäume daliegen, eine Esche und eine Erle. Aus jener schufen sie den Mann ASK, aus dieser das Weib EMBLA; Odin gab ihnen Seele und Leben, Hönir Verstand, Lothur Blut und blühende Farbe. Von Ask und Embla, Esche und Erle, stammen alle Menschengeschlechter ab.

Aus den kleinen Würmern, die in des Urriesen Ymir Fleisch sich tummelten, schufen die Asen das Völkchen der ZWERGE oder ALFEN. Diese zerfielen wieder in zwei Klassen, die SCHWARZALFEN, die im Dunkel der Erde nach Erzen wühlten, Metalle hämmerten und den Menschen durch Spuk und Tücke schreckten und neckten, und die LICHTALFEN, gute und schöne Wesen, die sich den Sterblichen hold gesinnt zeigten, verwandt den Elfen der Märchenwelt.

Am nördlichen Ende des Himmels sitzt der ungeheure Riese HRASWELGER (Leichenschwelger) in Gestalt eines Adlers und rührt seine gewaltigen Fittiche, um als verheerender Sturmwind über die Erde dahinzufahren. Nicht weniger grimmig ist der Riese WINDSWALER (Windkühler), der Frost und Schnee in seinem Gebiet hat und Vater des Winters ist. Doch wechselt seine Herrschaft jährlich mit der des milden SWASUDER (Sanftsüd), dessen Sproß der blütenreiche Sommer ist. Über die ganze Welt breitet sich die Esche YGGDRASIL (Schreckensträgerin) aus und hält sie zusammen. Ihre eine mächtige Wurzel reicht bis NIFELHEIM, und unter ihr breitet sich das finstere Reich der Schattenkönigin HEL aus, die zweite bis JÖTUNHEIM, dem Sitz der Riesen (SÖTUNE oder IÖTEN, d. h. Fresser), die dritte bis MIDGARD, wo die Menschenkinder wohnen. Unter jeder Wurzel der mit ihrem Wipfel in den Himmel hineinragenden Weltesche sprudelt ein bedeutsamer Brunnen hervor. Unter Nifelheim ist es der zu Anfang erwähnte HWERGELMIR. Unter Jötunheim befindet sich der vom Riesen MIMIR bewachte Brunnen, dessen Wasser Aufklärung über das Werden der Dinge verleiht. In MIDGARD endlich quillt das heilige Wasser des Brunnens URD, in welchem alle Weisheit verschlossen ruht, auf dessen stillem Spiegel zwei schneeweiße Schwäne ihre Kreise ziehen. Am Brunnen aber sitzen in ernstem Schweigen die drei NORNEN:

URD (Gewordene), WERDANDA (Werdende) und SKULD (Sollende = Zukünftige), die Schicksalsschwestern, welche die unzerreißbaren Fäden des Lebens den Neugeborenen spinnen, die Todeslose werfen und mit ihren Augen alle Ausdehnungen der Zeit durchdringen. Wegen der Reinheit und Heiligkeit der Stätte versammeln sich die Asen daselbst und halten unter dem Schatten der Weltesche Gericht. Allein der heilige Baum leidet vielen Schaden durch allerlei Getier, das ihn bevölkert. In ASGARD, der himmlischen Wohnung der Asen, weidet an seinem Gipfel die Ziege HEIDRUN, die aus ihren Eutern den Göttern und ihren Gästen Met spendet. An den Blättern und Sprossen des Baumes zehren die fünf Hirsche EIKTHYRNER, DAIN, DWALIN, DUNNEIER und DURATHROR.

In seinem Wipfel haust ein Adler, an seiner Wurzel aber nagt der Drache NIDHÖGGER mit unzähligem anderen Gewürm. Auf und ah endlich an der riesigen Esche klettert das Eichhorn RATATÖSKER, als Bote der Zankworte, welche der Aar und der Lindwurm miteinander tauschen. Trotz der Unbill, die Yggdrasil zu leiden hat, dörrt und fault sie nicht, denn die Nornen schöpfen täglich Wasser aus dem Brunnen Urd und begießen ihre Wurzeln damit.

Nehmen wir noch einmal die einzelnen Teile des Alls zusammen, so beschattet die Weltesche eigentlich neun besondere Welten. In der Mitte dachte man sich die Menschenwelt, MIDGARD oder MANNHEIM. Unter diesem liegt SCHWARZALFENHEIM und noch tiefer das Totenreich HELHEIM. Dann befinden sich zur Seite NIFELHEIM, MUSPELHEIM, JOTUNHEIM und WANAHEIM, der Wohnsitz der oben erwähnten WANEN. Hoch über den anderen Welten gründeten sich die Asen eine herrliche, von Gold und Edelstein strahlende Heimat, ASGARD oder ASENHEIM, in welchem, wie auf dem hellenischen Olymp, die einzelnen Götter wieder besondere Paläste bewohnen, wie THOR das 540 Stockwerke hohe Haus BILSKIRNIR. Asgard und Midgard standen in Verbindung durch die aus drei Farben gezimmerte starke Brücke BIFROST, den Regenbogen. In Asgard stand auch WALHALLA, der Saal der seligen Helden mit seinen 500 Toren. Der Wohnsitz der Göttinnen hieß WINGOLF (Freudenwohnung). Wie in der griechischen Mythologie die Titanen und Giganten der neuen Weltordnung, die durch die Olympier geschaffen worden war, widerstrebten und gegen deren Herrschaft sich auflehnten, so dachten sich die Germanen auch Feindschaft zwischen den hehren Asen und dem Geschlecht der Riesen. Diese brüteten immer Rache wegen des an ihrem Stammvater Ymir begangenen Mordes. Zu ihnen hatte sich LOKI gesellt, früher selbst eine Ase und Dämon des wohltätigen Feuers, jetzt aber vermählt mit dem abscheulichen Jötenweib ANGURBODA (Angstbringerin), die ihn zum Vater von drei grausigen Sprößlingen gemacht hatte, dem Wolf FENRIR, der Schlange JORMUNGANDAR und der entsetzlichen HEL.

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Frigg, als Frau Gode dem Weidwerk obliegend

WODAN, NORDISCH ODIN

WODAN oder WUOTAN (der stürmisch Schreitende) war der vornehmste aller Asen und heißt als Beherrscher der Unsterblichen und Sterblichen >>der Allvater<<. Auf seinem hohen Sitz HLIDSKIALF in WALHALLA (der Halle der Auserwählten), die in dem Gehöft (GLALDSHEIM (Glanzheim) lag, thronte er an der Spitze der zwölf über alles richtenden Asen und übersah von dort aus die neun Welten und was in denselben vorging. Das ganze Gebäude schillert von Gold; sein Dach besteht aus blinkenden Schilden und Speerschäften, und Waffenglanz erhellt rings den weiten Saal. In demselben schmausen, zechen und würfeln in Gemeinschaft der Asen die EINHERIER (einzige Herren), die im Einzelkampf gefallenen Helden. Odin selbst genießt nichts von dem sich täglich erneuernden Fleisch des Ebers, sondern nährt sich einzig von rotem Wein. Die Speisen gibt er stets seinen beiden Wölfen GERI (Gierige) und FREKl (Gefräßige), die ihn wie Hunde umschmeicheln. Neben seinem Haupt aber sitzen die beiden Raben HUGIN (Gedanke) und MUNIN (Erinnerung), welche ihm die auf ihrem Flug erlauschten Geheimnisse zuraunen. Odin trägt einen goldenen Helm auf dem Haupt und hält in seiner Rechten den nie irrenden Speer GUNGNIR.

Erscheint Wodan in dieser Gestalt als Regent der Welt, so ist sein Auftreten ein ganz anderes, wenn er seiner ursprünglichen Naturbedeutung gemäß als Gott des WINDES und STURMES einherfährt. Dann sprengt er auf dem achtfüßigen Schimmel SLEIPNIR (Gleitende) in weiten Mantel gehüllt, mit breitem Schlapphut, umgeben von den Geistern der Verstorbenen, hoch in der Luft über die Wälder und Fluren hinweg. Darum heißt er noch heute in der norddeutschen Volkssage >>der wilde Jäger<<, während im Süden der Glaube an >>das wütende Heer<< dasselbe besagt. Unter Blitz, Sturm und Regen glaubt man noch das Hundegebell, den Hörnerklang, das Hallorufen der willen Gesellen zu hören, wie sie hinter Ebern oder Rossen herstürmen.

Doch war ja bald die rohere Naturbedeutung Wodans als Sturmgottes übergegangen in die des Himmelsgottes im allgemeinen, und als solcher waltete er mild segnend und fruchtspendend und bekämpfte nun seinerseits den im Bilde des Ebers gedachten Wirbelwind. Im Winter macht er einem falschen Odin Platz, der Schneestürme über die Erde sendet, oder er liegt in einem Zauberschlaf und träumt dem Tag entgegen. Dieser Mythos ist vom Volk auf die Gestalten seiner Lieblingshelden übertragen worden. Am bekanntesten in dieser Beziehung ist der im Kyfferhäuserberg bei Tilleda schlafende FRIEDRICH BARBAROSSA. Dort sitzt der Hohenstaufe mit seinen Rittern und Knappen um einen großen Tisch, durch den sein Bart gewachsen ist. Kostbarer Wein ist an den Wänden der Höhle aufgestapelt, alles strahlt von Gold und Edelsteinen, wie am lichten Tag. Einst gelangte ein Hirt in den Berg. Den fragte der auf einen Augenblick erwachende Kaiser: „Fliegen die RABEN noch um den Berg?“ Als der Hirt dies bejahte, erwiderte Barbarossa: „So muß ich noch hundert Jahre länger schlafen!“ Wenn aber sein Bart nicht nur durch den Tisch, sondern auch zum dritten Mal um denselben herumgewachsen ist, dann wird er mit allen seinen Mannen aus dem Berg hervorbrechen und Deutschland aus Not und Bedrängnis erlösen.

In weiterer Auffassung erscheint Wodan als wilder Gott der Schlachten, als HEER- und SIEGVATER. Dann begleiten ihn seine Raben und die WALKÜREN, die Todeswählerinnen, welche sonst als Schenkmädchen die Helden in Walhalla bedienen, aber auf den Kampfgefilden, mit Helm und Schild auf weißen Wolkenrossen einherjagend, die sterbenden Einherier mit dem Todeskuß weihen und sie emporgeleiten zum Freudenmahl in Gladsheim. Dieser religiöse Glaube entzündete hei den Normannen, jenen fanatischen Kampfesmut, der bis zu einer Art Wahnsinn steigerte und sie mit lächelnden Lippen dem Tode entgegengehen ließ. Daher der Zusammenhang der BERSERKIR (Panzerlose) mit der >>Berserkerwut<<. Der Dienst Wodans war blutig, und nicht bloß Rosse, sondern auch Menschen wurden an seinen Altären geschlachtet.

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Odin empfängt in Walhalla die durch Bragi eingeführten Einherier

Daher fand Germanicus auf dem Schlachtfeld des Varus im Teutoburger Wald an die Baumstämme genagelt die Schädel der geopferten Tribunen und Centurionen. Neben solcher Härte trifft man auch auf Züge von großer Güte und Menschenfreundlichkeit. So ruderten einst der achtjährige GEIRRÖD und der zehnjährige AGNAR, Söhne des Königs HRAUDUNG auf einem Boot ins Meer hinaus und wurden vom Wind immer weiter in die Wogen fortgetrieben, bis sie in dunkler Nacht an einem fremden Strand scheiterten. Hüttenbewohner die sie dort fanden, empfingen sie freundlich und behielten sie den Winter über bei sich; die Frau nahm sich des älteren, der Mann des jüngeren Knaben an. Es waren aber Odin und seine Frau Frigg, die den beiden Knaben Schule und Erziehung angedeihen ließen.

Von Wodans großem Drang nach Weisheit zeugte schon, daß er sein eines Auge dem Riesen MIMIR für einen Trunk aus dem Brunnen der Erkenntnis dahingab. Namentlich übte er große Macht durch den Besitz der geheimnisvollen Runenstäbe, deren Zeichen den Anlaut des bedeutungsvollsten Wortes im Zauberliede bildete; ja, er hatte die Runen selbst erfunden. Sie gewährten ihm Macht über alle seine Widersacher, die Kenntnis aller Schätze der Erde und Hilfe im Streit und in allen Sorgen; so versinnlichen und priesen die alten Skalden die Kraft des Gesanges und der Dichtkunst!

Einst hörte Wodan von dem Riesen WAFTHRUDNIR (dem Zungenfertigen), es sei bei ihm die größte Kenntnis der vorweltlichen Dinge vorhanden. Da gelüstete es ihn, sich mit demselben zu messen, und er wanderte als armer Pilger zu dessen Halle, um gastliche Aufnahme bittend. Der Riese antwortete ihm, wenn er etwa gekommen wäre, um seine Weisheit zu erproben, so möchte er sich hüten, denn nimmer würde er heimkehren, wenn es ihm nicht gelänge, in kluger Rede zu obsiegen. Darauf fragte er den Gast nach den Rossen des, Tages und der Nacht, nach dem Fluß, der Asgard von Jötunheim trennt, und nach dem Feld, wo einst die letzte Schlacht geschlagen werden soll. Als Wodan ihm keine Antwort schuldig blieb, bot ihm Wafthrudnir einen Sitz neben sich an, ihn auffordernd, seine Fragen an ihn zu richten.

Über die Entstehung der Welt, der Riesen und Götter, auch über den Untergang alles Geschaffenen wußte der kluge Jöte Bescheid. Als aber der mächtige Gott ihn fragte: „Was sagte Odin seinem Sohn Balder ins Ohr, da ihn der Scheiterhaufen empfing?“ da erblaßte er und rief: „Mit Odin stritt ich vermessen in Weisheit; doch er wird ewig der Weiseste bleiben!“ Ob hierauf Odin des Riesen Haupt nahm, läßt die Sage ungelöst; hinter dem Geheimnis Odins aber vermutet man die Verheißung einer seligen Auferstehung.

Odins erste Gemahlin, JORD (Erde), eine Tochter der Nacht, gebar ihm den starken THOR (Donnerer), die zweite Frau, FRIGG (Frau, Herrin), den BALDER (Fürst). Außerdem gelten als seine Söhne: HODER (Kämpfer), TYR (Helfer), HEIMDAL (Weltglänzer) oder RIGER, WALI (Auserwählter), BRAGI (Sänger), HERMODER (Heermutiger).

FRIGG, die Tochter Fiorgyns, waltet neben Odin über die Schicksale der Menschen und steht ihm mit ihrem klugen Rat zur Seite. Auch galt sie als segnende Göttin des Eheglücks. Sie bewohnt in Asgard den Palast FENSAL (Meersaal). Dort spinnt sie an goldenem Rocken, den die Alten im Gürtel Orions erkennen wollten und denselben deshalb Friggsrocken nannten. Ihre Dienerinnen waren FULLA (Fülle), ihre vertraute Geschmeidebewahrerin, GNA (Hochfahrende), ihre Botin, die auf windschnellem Roß Kundschaft brach Befehle ausrichtete, und HLIN, die Empfängerin der Bitten von Seiten der Schützlinge Friggs.

Übrigens scheint die Asenkönigin Frigg EINES Wesens mit der Wanengöttin FREYA oder FREA gewesen zu sein und sich erst später im skandinavischen Norden von dieser losgespalten zu haben. Auch die rätselhafte Göttin der Erde, NERTHUS, die von Tacitus genannt wird, muß verwandter Natur mit Freya sein und deutet dem Namen nach auf NJÖRDER (Wasserhälter), den Vater der Freya, hin. Frigg erscheint auch noch unter anderen Namen in der Volkssage, und zwar in Mecklenburg als GODE (weibl. Form aus Godan = Wodan), Thüringen und Hessen als Frau HOLDA oder HULDA, im übrigen Oberdeutschland als BERTA oder BERCHTA. Eine verwandte Göttin war endlich die Göttin des Frühlings OSTARA, an die noch heute nicht nur das ihren Namen führende christliche Fest erinnert, sondern auch das Osterei, als Symbol des keimenden Lebens, und der Hase, der es im Glauben des Kindes legt!

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Ostara

THUNAR, NORDISCH THOR

THOR, der älteste Sohn Wodans, wurde nicht von seiner Mutter Jörd erzogen, sondern wuchs bei den Pflegeeltern WINGNIR (Beschwingter) und HLORA (Glut) auf. Sein Gehöft in Asgard hieß THRUDHEIM (Kraftheimat); von seinem Palast BILSKIRNIR ist bereits die Rede gewesen. Zur Frau nahm er SIF (Sippe). Die goldhaarige Göttin bringt einen Sohn in die Ehe mit, den Bogenschützen ULLER; aber auch Thunar hat schon vorher zwei Söhne von der Riesin JARNSARA (Eisenstein): MAGNI (Stärke) und MODI (Mut). Sif beschenkte ihn dann noch mit der THRUD (Kraft).

Thunars Gestalt ist groß und von gewaltiger Kraft. Rotes Haar umwallt sein Haupt; ein enges, kurzes Gewand umschließt seinen Körper und in der mit Eisen behandschuhten Rechten schwingt er den glühenden Blitzhammer MJOLNIR (Malmer), der nach den weitesten Würfen stets wieder in die Hand des Gottes zurückkehrt. So fährt er auf einem von zwei Böcken gezogenen Wagen durch die Wolken, und die Rader rasseln mit Donnerhall.

Das Ansehen Thunars bei den Germanen war sehr groß. Noch im 8. Jahrhundert mußten die Sachsen bei der Taufe schwören, entsagen zu wollen dem Wodan, Thunar und Saxnot. Lange vorher schon war wegen der Verwechslung Thunars mit dem römischen Jupiter der fünfte Wochentag mit dem Namen des Donnerers belegt worden. Geheiligt waren ihm der Vogelbeerbaum, die Haselstaude und die Eiche. Es war im Jahre 725 n. Chr., als der Heidenapostel Bonifatius Thunars Rieseneiche zu Geismar bei Fritzlar in Hessen mit eigener Hand fällte. Wehklagen füllten die Luft und Verwünschungen drohten dem Frevler mit des Gottes Rache. Aber der gewaltige Stamm senkte sich nach wenigen Schlägen und an seiner Stelle erhob sich bald eine Kirche des Petrus. Viele Gebräuche und Sagen erinnern noch heute an den Blitzgott. Die aus der Haselstaude geschnittene Wünschelrute hebt die Erdschätze, wie der Gewittergott die Wolkenschätze und das Sonnengold flüssig macht. Das auf den Tag Johannis, des Täufers, verlegte Sonnwendfest mit seinen Freudenfeuern gilt seiner Person, und noch im fünfzehnten Jahrhundert beteiligten sich deutsche Fürsten an den Rundtänzen um die brennenden Holzstöße. Übrigens glich Thunars Wesen dem seines Vaters wenig. Er war ein wirklicher Kulturgott, der der Erde Gedeihen gab und Menschen und Vieh vor Unglück behütete, der überhaupt seine gewaltige Kraft nicht braucht, um die Erde zu verwüsten, sondern um die verderblichen Naturmächte, die Geschlechter der dem Chaos entsprossenen Riesen in ewigem Kampf zu verfolgen. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Skalden den Thor als „Bauerngott“ dem kriegerischen Odin nachstellten.

Einst machte sich Thor auf, um in Jötunheim die Hrimthursen zu züchtigen. Der tückische Loki hatte sich ihm beigesellt. Gegen Abend gelangten sie an eine Bauernhütte, wo sie wohl Unterkommen, aber nichts zu essen fanden. Thor schlachtete deshalb seine Böcke, bereitete sie zur Speise, befahl aber den Wirtsleuten, nach dem Mahl sorgfältig die Knochen in die Felle der Tiere zu sammeln. Dies geschah auch; nur zerbrach auf Lokis Rat des Bauern Sohn das Schenkelbein eines Bockes, um zum Mark zu gelangen. Am Morgen weihte Thor die Felle mit seinem Hammer, und lustig sprangen die Böcke empor. Doch einer lahmte am Hinterfuß.

Thor merkte wohl, was geschehen war. Als er aber die Furcht der Leute über seinen Grimm sah, verzieh er ihnen unter der Bedingung, daß ihre beiden Kinder in seinen Dienst träten. Von da setzten sie die Reise zu Fuß fort und gelangten über das Meer in das Riesenland. Dort fanden sie am Abend eine Hütte, woran die Tür so hoch war wie das ganze Gebäude. Sie übernachteten in dem leeren Haus. Aber um Mitternacht entstand ein Dröhnen und Brausen, daß die ganze Hütte zitterte und sich die Gefährten Thors in eine Nebenkammer flüchteten, während er selbst vor der Türe Wache hielt. Als der Tag anbrach, erblickte Thor die lebendige Ursache des nächtlichen Erdbebens, einen ungeheuren Riesen namens SKRYMIR (Prahler). Dieser erkannte ihn sofort und ließ ihn an seinem Frühstück teilnehmen. Als er aber nach seinem Handschuh fragte, stellte es sich heraus, daß die Reisenden denselben für ein Haus angesehen und schließlich im Däumling geschlafen hatten. Skrymir warf nun den Eßkorb über die Schulter und wanderte mit ihnen den ganzen Tag über umher. Am Abend legte er sich sofort zum Schlafe nieder und überließ die Speise den Gefährten. Diese konnten jedoch den festgeschnürten Riemen des Bündels nicht lösen, und Thor ergrimmte endlich und versetzte dem Riesen einen gewaltigen Schlag mit dem Hammer auf den Schädel. Skrymir erwachte und fragte, ob nicht ein Blatt vom Baum ihm auf den Kopf gefallen wäre. Thor schlug den schnell wieder Einschlafenden noch mehrmals auf das Haupt, daß endlich das Eisen tief eindrang. Aber stets klagte der Riese nur darüber, daß die herabfallenden Eicheln ihn im Schlafe störten! Am Morgen schied er von ihnen und warnte sie vor UTGARD (Außengehege), da dort noch größere Riesen existierten, als er selber.

Allein sie ließen sich nicht beirren und gelangten mittags zur Königsburg, die so hoch war, daß ihre Augen die Dachspitze nicht erreichten. Sie betraten die Halle, wo der König UTGARDLOKI mit seinen Kriegern und Hofleuten saß und die Gäste sofort nach ihren Geschicklichkeiten fragte, ohne die niemand auf seinem Hof einen Sitz bekommen könnte. Da rühmte sich Loki seines hurtigen Essens, der Bauernsohn Thialfi seines schnellen Laufens und Thor seines mächtigen Durstes. Zuerst wurde Loki dem Thursensohn LOGI gegenübergestellt. Ein langer Trog voll Fleisch wurde herbeigebracht, und die Wettenden sollten jeder von einer Seite zu schlingen beginnen. In der Mitte begegneten sie sich, aber dennoch hatte Loki verloren, weil sein Gegner auch die Knochen samt dem Gefäß verzehrt hatte! Auch THIALFI unterlag trotz seiner außerordentlichen Schnellfüßigkeit seinem Gegner HUGIN. Endlich wurde für Thor selbst das Horn herbeigebracht, welches, mit Met gefüllt, an Utgardlokis Tafel zu kreisen pflegte, und dieser belehrte ihn, daß niemand unter den Hofleuten mehr als drei Züge brauche, um es zu leeren. Trotz seines geringen Durstes tat Thor drei lange Züge; aber erst beim dritten war eine kleine Abnahme des Getränkes bemerkbar. Unmutig gab er das Horn ab und verlangte, seine Stärke auf die Probe zu stellen. Da forderte ihn der Riese auf, nur seine graue Katze vom Boden aufzuheben, was seine jungen Burschen oft im Spaß täten. Thor versuchte es, aber das Tier streckte sich immer länger, und wenn er sich auch noch so sehr anstrengte, so blieben doch immer die Pfoten auf dem Boden stehen. „Ich dachte es schon“, höhnte nun Utgardloki, „daß die Katze für einen so kleinen Mann zu groß sein würde.“ Da entbrannte der Zorn Thors und er forderte alle Riesen zum Ringkampf heraus. Aber wieder wollte der Riese niemand zu solchem Kinderspiel hergeben, als seine uralte Amme ELLI. Das Riesenweib trat herein und der Kampf begann. Allein so sehr auch Thor alle seine Kraft aufbot, er strauchelte endlich und sank auf die Knie. Da sprang der Riesenfürst dazwischen und führte seine Gäste zur Tafel, wo sie sich bis Mittemacht labten. Am anderen Morgen geleitete er sie bis an die Grenze und sagte dann: „Weil Du nun meine Burg verlassen hast, die Du nie wieder betreten darfst, will ich Dir bekennen, daß ich Dich durch Zauberkünste täuschte. Ich selbst war der Riese Skrymir. Der Eßkorb war mit eisernen Bändern zugeschnürt; mit dem Hammer hättest Du mich sicher erschlagen, wenn ich Dir nicht schnell einen Felsen in den Weg geschoben hätte. Der große Fresser Loki war das Wildfeuer, der Läufer Hugin aber mein Gedanke. Das Ende des Hornes, aus dem Du trankst, lag in der See, und Du hast so viel daraus getrunken, daß die Ebbe auf der Erde davon entstanden ist. Die Katze ferner war die Midgardsschlange, und Du hast sie zu unserem Entsetzen so hoch gehoben, daß sie beinahe den Himmel berührte. Die Alte endlich, mit der Du gerungen hast, war das Greisenalter, dem jeder unterliegen muß.“ Wütend schwang Thor den Hammer, um sich am Jöten zu rächen. Dieser war aber verschwunden, und Thor mußte mit seinen Genossen den Rückweg antreten.

Liegt diesem Mythos der Gedanke zugrunde, daß der große Ase in der Außenwelt, d. h. in dem Schnee des Urgebirges, keinen Erfolg erringen und der Kultur keine Bahn eröffnen kann, so zeigt uns die Sage vom Riesen HRUNGNIR (Rauschender) Thors milde Gewittermacht im Kampf gegen das verwüstende Unwetter im Gebirge. Als einmal Thor ausgezogen war, um seine Pflüger gegen Unholde zu schützen, machte sich auch Odin auf und kehrte beim Bergriesen Hrungnir ein. Dort kamen sie im Laufe der Unterhaltung auf die Vorzüge des Rosses Sleipnir, und der Jöte behauptete, sein Pferd GULLFAXI (Goldmähne) mache doch noch weitere Sprünge. Da schwang sich Odin auf und forderte Hrungnir auf, mit ihm um die Wette zu reiten. Zornig jagte der Riese ihm nach, und beide kamen fast gleichzeitig in Asgard an. Die Asen laden den Gast freundlich ein, sich an Thors Platz zu setzen, und die schöne Freya schenkt ihm die gewaltigen Schalen des Donnerers voll starken Biers. Unmutsvoll leerte er sie, forderte immer mehr von dem Getränk und begann endlich im Rausch trotzig zu prahlen, er werden Walhalla auf dem Rücken nach Jötunheim tragen, ganz Asgard in den Abgrund versenken, alle Asen erschlagen, Freya und Sif aber mit sich in das Riesenland entfuhren. Ängstlich riefen die Asen nach Thor, und kaum war sein Name genannt, als derselbe mit zornblitzenden Augen in der Halle stand und Mjölnir schwingend ausrief: „Wer erlaubt dem Thursen, in Asgard zu sitzen und sich von der Schenkin der Asen den Pokal kredenzen zu lassen?

Das soll den Unverschämten gereuen!“ Hrungnir beruft sich ernüchtert auf Odins Einladung und gelobt, sich ihm an der Grenzscheide der Länder im ehrlichen Zweikampf stellen zu wollen. Am bestimmten Tage fand sich der Jöte zuerst auf dem Platz ein, bewaffnet mit einem riesigen Schleifstein und einem ungeheuren steinernen Schild, während die Riesen einen neun Meilen hohen Schildknappen aus Lehm neben ihm aufgepflanzt hatten.

Vor Thor erschien dessen Diener Thialfi und rief dem Riesen zu, sein Herr wolle ihn von unten angreifen und der Schild werde ihm dann nichts helfen. Da warf Hrungnir die Steinscheibe auf den Boden und stellte sich darauf, und als gleich hinterdrein der Donnerer angebraust kam und beide Gegner in demselben Augenblick ihre Waffen schleuderten, zerschellte die Keule des Jöten, vom Hammer getroffen in der Luft, dieser aber fuhr tief in Hrungnirs Schädel.

Grimmiger Zorn erfaßte aber den Blitzgott, als er einst in der Nacht erwachte und merkte, daß sein göttlicher Hammer entwendet sei. Er zog Loki in das Geheimnis, und dieser lieh von Freya das Falkengewand, um der Riesenwelt einen Besuch abzustatten. Dort traf er den Thursenfürst THRYM, der sich in ein Gespräch mit ihm einließ und gar kein Hehl daraus machte, daß er selbst den Hammer gestohlen habe und acht Meilen tief unter der Erde verborgen halte. Nur wer ihm Freya als Braut zuführe, solle denselben erhalten. Thor wagte es zwar, nach Lokis Zurückkunft der schönen Wanin den Antrag des Riesen vorzutragen, wurde aber schnöde abgewiesen. Nun war guter Rat teuer, denn Mjölnir war ja die Stütze Asgards gegen die Riesen. In der Versammlung der Götter und Göttinnen macht endlich HEIMDAL, der Wächter Asenheims, der so weise war, daß er das Gras und die Wolle der Schafe wachsen hörte, den Vorschlag, Thor selbst solle, in Freyas bräutliches Linnen gehüllt und mit blitzendem Goldschmuck geziert, den Riesen zugeführt werden. Nach einigem Sträuben verstand sich Thor dazu und nahm Loki als Magd mit.

Thrym sah das Gespann der Mädchen von seiner Warte aus sich nähern und traf in größter Eile Zurüstungen zum Hochzeitsfest. Züchtig in ihren Schleier gehüllt, sitzt die hohe Braut beim Mahle und ißt einen ganzen Ochsen, acht Lachse und alles Naschwerk, ja, sie trinkt drei Kufen Met dazu aus! Verwundert schaut der Bräutigam diesen gesunden Appetit; aber die Zofe flüstert ihm zu, aus Sehnsucht nach Jötunheim habe die Braut acht Tage gefastet. Endlich hebt der ungeduldige Liebhaber ein Ende des Schleiers, fährt aber erschrocken zurück vor den feuersprühenden Augen der Jungfrau. Doch wiederum beschwichtigt ihn der schlaue Loki: „Acht Nächte hat die Braut vor Sehnsucht nicht geschlafen; wie sollten ihre Augen nicht glühen!“ Erfreut läßt nun Thrym den Hammer des Donnerers herbeibringen und ihn der Braut in den Schoß legen, um den Ehebund nach der Sitte zu weihen; in Thors Brust lachte das Herz, als er seinen Hammer vor sich sah. Rasch faßte er zu, warf die Hülle ab und wetterte den Riesen samt allen Hochzeitsgästen nieder. Über diese Mythe schreibt MANNHARDT: „Sie besagt, wie Thrym, der Riese des winterlichen Sturmes, dem Himmel den befruchtenden sommerlichen Wetterstrahl raubt und während der acht Wintermonate des Nordens in der Tiefe begräbt. Er sucht die Göttin der Sonne und lichten Wolke, Freya, gänzlich in seine Gewalt zu bringen. Thor verhüllt sich selber in das Kleid der Wolkenfrau und gewinnt so im Frühling den Hammer wieder, den er aus dem Schoß der Wolken hervorwetternd schwingt.“

Endlich war auch Loki beteiligt an der Fahrt Thors zur Behausung des Thursen GEIRRÖD (Speerröter). Den weithin qualmenden Schlot desselben entdeckte er nämlich in der Ferne, als er sich im erwähnten Falkengewand in den Lüften schaukelte, und ließ sich aus Neugierde auf den Fenstersims nieder. Da bannte ihn der Riese fest und weil der Vogel auf alle Fragen stumm blieb, sperrte er ihn ein und ließ ihn drei Monate ohne Nahrung. Dieses Mittel wirkte. Loki gestand, wer er wäre, und der erfreute Geirröd schenkte ihm bloß unter der Bedingung die Freiheit, daß er mit heiligem Eidschwur versprach, Thor, den Hauptfeind des Riesengeschlechts, ihm zum Faustkampf stellen zu wollen, aber ohne den gefürchteten Hammer. Der schlaueste aller Asen suchte hierauf Thor zu einem friedlichen Besuch bei Geirröd zu bereden, indem er ihm vorlog, wie freundlich er selbst von demselben aufgenommen worden sei und wie der Riese lediglich aus Bewunderung sich nach der Bekanntschaft mit dem ältesten Sohn Wodans sehne.

Thor folgte dem Versucher, erfuhr aber schon nach der ersten Tagereise bei der Riesin GRID), der Mutter seines Stiefbruders WIDAR, die Wahrheit und wurde von ihm mit ihren Eisenhandschuhen, ihrem Stab und Stärkegürtel versehen. Eine Tochter Geirröds staute mit ihrem Leib einen den Wanderern im Wege liegenden großen Strom an, mußte aber den Steinwürfen Thors weichen. Als sie endlich das Gehöft des Thursen erreicht hatten und Thor sich müde auf einen Stuhl niederließ, merkte er plötzlich, wie sich derselbe nach und nach immer höher der Decke zu emporhob. Schnell stemmte er seinen Stab gegen die Wölbung und drückte sich dann mit aller Kraft nieder. Entsetzliches Jammergeschrei, unter dem Stuhl hervortönend, belehrte ihn, daß die beiden Töchter des Wirtes, GIALP und GREIP, ihre List mit dem Tode zu bezahlen hatten. Von Geirröd dann zum Kampf aufgefordert, bemerkte Thor kaum die rings an den Wänden der Halle emporlodernden Feuerflammen, als ihm auch schon der Riese einen glühenden Eisenkeil entgegenschleuderte. Jetzt taten die eisernen Handschuhe treffliche Dienste; der Ase fing das Geschoß auf und warf es mit solcher Gewalt gegen die Säule, hinter welcher sich der Feind versteckt hielt, daß es das Bollwerk samt der Brust Geirröds durchbohrte. Dieser wurde in einen Stein verwandelt. – Der Kampf erinnert an den Streit des wohltätigen Sommergottes mit dem Dämon des verderblichen Unwetters, oder, wie andere wollen, mit den Gewalten des vulkanischen Feuers.

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Thunar oder Thor

TYR, ALTHOCHDEUTSCH ZIO

Daß ZlO der älteste aller germanischen Götter ist und zwar in seiner Bedeutung dem griechischen Zeus vollkommen gleich, ist schon in der Einleitung erwähnt worden. Der lichte Himmelsgott war aber bereits zu Tacitus‘ Zeit zu einem Schwert- und Kriegsgott geworden. Es ist ihm also ähnlich gegangen wie dem römischen Mars, und der diesem gewidmete dritte Wochentag erhielt auch in Deutschland den Namen von Tyr. Darum war auch der Pfeil und später wohl das Schwert sein Symbol. Die Brut Lokis war von Wodan weit aus seinen Augen verbannt worden. Hel war nach Nifelheim hinabgeschleudert, die Schlange Jörmungandar in das tiefe Weltmeer versenkt, welches Midgard umschließt. Nur FENRIR, der Wolf, war vor der Hand unter Tyrs Hut geblieben, der ihn täglich mit Futter versorgte. Aber bald wuchs er so riesenhaft heran und gewann solche Stärke, daß man sich in Asgard selbst vor ihm zu fürchten begann und auf Mittel dachte, ihn unschädlich zu machen. Die Asen schmiedeten also zwei Eisenfesseln, Leuthing und Droma, und brachten den Wolf durch Zureden so weit, daß er sich geduldig die Bänder anlegen ließ. Aber als er seine gewaltigen Glieder reckte, flogen die Ringe klirrend auseinander. Die Sorge der Himmlischen mehrte sich, denn täglich wuchs die Stärke Fenrirs. Da sandte Odin seinen treuen Diener SKIRNIR (Glänzer) nach Schwarzalfenheim und ließ die Zwerge um eine dauerhafte Fessel bitten.

Diese verfertigten aus dem Bart der Weiber, den Sehnen der Bären, dem Schall der Katzentritte, dem Speichel der Vögel, der Stimme der Fische und den Wurzeln der Berge eine Fessel namens GLEIPNIR, so dünn wie ein Seidenband. Die Götter ließen hierauf den Wolf kommen und forderten ihn auf, seine Kraft an dem neu en Kunstwerk zu probieren. Aber Fenrir witterte unter dem schwachen Gewebe Zaubertrug und weigerte sich, eher die Fesseln sich anlegen zu lassen, als einer der Asen zum Unterpfand die Rechte in seinen Rachen legen würde. Tyr tat dies unverzagt. Das Band aber, von dem die Alfen gesagt hatten, es werde den Gebundenen immer fester zusammenschnüren, je mehr er sich bemühe, es zu zerreißen, bewährte sich besser als die stärkste Eisenkette. Die Götter zogen es durch tief eingerammte Felsen hindurch und streckten dem wütenden Untier ein Schwert zwischen die Kiefer. Tyr hatte freilich den meisten Schaden; denn ihm hatte der Wolf, als er die List merkte, die Hand abgebissen.

Es ist unschwer, in dem Wolf Fenrir ebenso einen Dämon der Finsternis zu erkennen, wie in den Wölfen Skoll und Hati. Tyr ist also ihm gegenüber noch der alte Gott des Himmels, der das Licht dem finsteren Rachen entreißt. Daß er dabei die Hand einbüßt, stimmt merkwürdigerweise ganz mit der indischen Legende vom Sonnengott SAWITAR; nur daß dieser sich die Hand beim Opfer abgeschlagen hat. Möglich, daß man dabei an die Einbuße der Hälfte gedacht hat, die der Tag durch die Nacht erleidet; möglich auch, daß das Attribut der goldenen Hand allmählich zur Annahme einer künstlichen Goldhand geführt hat.

Von seinem späteren Wirken als Kriegsgott scheint Tyr bei den Germanen südlich von der Ostsee als SAXNOT, d. h. „der des Schwertes (Sax) waltende Gott“, verehrt worden zu sein. Namentlich wissen wir dies von den Sachsen.

Bei anderen Stämmen kommt auch der Name CHERU oder HERU vor, und da dies auch das Schwert bedeutet, so mag wohl auch hier kein Unterschied obwalten, und die Cherusker waren sonach die Mannen oder Abkömmlinge des Heru oder Tyr.

Mehr nach Thor als nach Tyr sieht endlich der von den Sachsen verehrte Gott IRMIN aus, dessen hölzerne Säule (Irmensäule) im Osning bei Detmold Karl der Große 772 zerstört hat.

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Tyr

BRAGI UND IDUN

BRAGI, der sangreiche und redebegabte Sohn Wodans, hatte zur Gattin IDUN (Erneuende), die Tochter des Zwergenvaters Iwaldi. Sie, „die schmerzheilende Maid, die des Gotteralters Heilung kennt“, bewahrte dem Odin die Kufe ODRORIR (Geistererzeuger), die den Dichtermet barg. Mit diesem aber hatte es folgende Bewandtnis. Nach einem Krieg zwischen den Asen und Wanen war der Friede dadurch besiegelt worden, daß beide Parteien ihren Speichel in ein Gefäß laufen ließen und daraus den weisen Mann KWASIR (Redner) schufen. Auf seinen Reisen war dieser in Schwarzalfenheim von zwei Zwergen FIALAR und GALAR ermordet worden, und die Kobolde hatten dann sein Blut mit Honig gemischt und einen zum Dichten begeisternden Met daraus gebraut. Den Wundertrank mußten aber die Erfinder später dem Riesen SUTTUNG als Sühne für den an seinem Oheim verübten Totschlag überlassen, der ihn von seiner Tochter GUNLÖD bewachen ließ. Odin war in die Felsenhöhle gelangt, indem er durch den überlisteten Riesen BAUGI den Berg durchbohren ließ, hatte den Kessel mit dem Met geleert und auf diese Weise den letzteren nach Asgard gebracht.

Außer dem Dichtertrank bewachte aber Idun noch elf goldene Äpfel, deren Genuß den Asen ewige Jugendschöne gewährte. Nun geschah es, daß Odin, Hönir und Loki durch eine gebirgige und öde Gegend wanderten, wo weder Obdach noch Speise zu finden war. Endlich trafen sie in einem Tal eine Rinderherde, schlachteten ein Stück davon und brieten es. Aber das Fleisch wollte immer nicht gar werden, und sie fragten verwundert einander, WER wohl daran Schuld sein möchte. Da antwortete ihnen plötzlich eine Stimme aus dem Baum über ihnen, und ein großer Adler versprach ihnen, den Braten genießbar zu machen, wenn sie ihn am Mahl teilnehmen ließen. Die Asen willigten ein; da aber der Vogel gleich die beiden Lenden und das Vorderteil des Ochsen für sich nahm, ergrimmte Loki und stieß jenem eine große Stange in den Leib. Der Adler schwang sich hierauf mit derselben, an der plötzlich durch Zauber Lokis Hände festklebten, empor, flog aber so niedrig, daß Lokis Füße Steine und Gehölz streiften. Er konnte die Qual nicht ertragen und bat flehentlich den Adler um Frieden. „Wohlan“, sprach derselbe, „versprich mit heiligem Eid, daß du mir Idun mit den goldenen Äpfeln verschaffen willst, so will ich dich frei geben!“ Loki gab die Zusage, und als er nach Asgard zurückgekommen war, lockte er Idun in einen Wald unter dem Vorwand, daß er dort einen Baum mit herrlichen Äpfeln entdeckt hätte; sofort stellte sich der Adler ein und entführte die erschrockene Göttin nach Jötunheim. Der gewaltige Vogel war der Thurse THIASSI (Stürmende). Die Asen befanden sich nach Iduns Verschwinden in übler Verfassung; denn sie alterten schnell und wurden grauhaarig. Endlich lenkte sich ihr Verdacht auf den Verräter Loki, der zuletzt mit der Verlorenen gesehen worden war. Mit dem Tode bedroht versprach er, Idun aufzusuchen, wenn ihm Freya ihr Falkengewand leihen wollte. So gelangte er glücklich zu der Behausung des Riesen, fand die Göttin allein, verwandelte sie in eine Nuß und flog mit der leichten Beute davon. Thiassi, der auf dem Meer gerudert hatte, kam aber bald nach Hause, bemerkte gleich den Raub und setzte im Adlerkleid den Fliehenden nach.

In Asgard sah man den Falken und hinter ihm den Adler herfliegen. Die Asen häuften daher um die Mauer herum Holzspäne auf und zündeten sie an, sobald der Falke die Burg erreicht hatte. Der Adler aber achtete in seiner Hast der aufschlagenden Lohe nicht, verbrannte sich das Gefieder und stürzte in Asgard zu Boden, wo die herbeieilenden Götter ihn erschlugen.

So erscheint hier Idun als Göttin des vegetativen Lebens, die im Winter in der Gewalt des nordischen Sturmriesen ist, im Lenz aber von Loki wiedergeholt wird. Thiassi aber hinterließ eine Tochter, die schöne und mutige SKADI (Strafe). Diese wappnete sich auf die Nachricht vom Tode ihres Vaters und sprengte nach Asgard, um blutige Rache zu nehmen an dem Schuldigen. Die Asen erfreute die Keckheit und Holdseligkeit der Jungfrau. Thor warf die Augen ihres Vaters gen Himmel, wo sie als leuchtende Sterne glänzen, und Allvater erlaubte ihr, sich unter den Asen einen Gemahl auszusuchen. Allein Skadi in ihrem Schmerz wollte nichts von gütlichem Ausgleich wissen. Da schaffte wieder der listige Loki Rat. Er band sich einen Ziegenbock an den Fuß und begann nun meckernd mit dem Tier die possierlichsten Sprünge und Grimassen zu machen. Als er endlich vor Skadi einen Fußfall tat, konnte sich diese nicht länger halten und brach in volles Lachen aus.

Nun zeigte sie sich auch willig, sich durch Heirat mit dem Asengeschlecht zu verbinden; doch durfte sie bei der Wahl nicht mehr als die Füße der Götter sehen. So kam es, daß sie sich irrte; denn indem sie glaubte, den herrlichen Balder vor sich zu haben, wählte sie NJÖRDER. Dies war ein Wane und nach dem Krieg zwischen seinem Geschlecht und den Asen als Geisel in Asgard zurückgeblieben. Sein Name (Wasserhälter) sowie sein Schloß NOATUN (Schiffsstätte) kennzeichnen ihn als Beherrscher der Meerflut. Seine Ehe mit Skadi wurde dadurch getrübt, daß dieser das Brausen des Meeres und das Kreischen der Möwen nicht gefiel, während ihm wieder die öden Bergklüfte und das Wolfsgeheul in den Wäldern Jötunheims unausstehlich vorkamen. Sie wechselten einander zuliebe den Aufenthaltsort alle neun Tage. Endlich aber trennten sie sich ganz, und die Jägerin Skadi reichte später dem mehr zu ihr passenden, im Asengehöft YDALIR (Eibental) wohnenden Bogenschützen und Wintergott ULLER ihre Hand.

FREYA (Frau, Freundliche) und ihr Bruder FREYER (Herr, Frohe) sind Kinder NJÖRDERS aus seiner ersten Ehe mit NJÖD. Freyer war besonders in Skandinavien verehrt als ein über Regen und Sonnenschein gebietender Gott, der seinen Sitz in Lichtalfenheim hatte. Ihm diente als treuer Begleiter SKIRNIR (Glänzer). Zu seinen Ausflügen aber benutzte er den Eber GULLINBURSTI (Goldborstiger) und das Schiff SKIDBLADNIR (geflügeltes Holz), das stets günstigen Fahrwind hatte und sich nach dem Gebrauch zusammenlegen und in die Tasche stecken ließ (wohl die Sonne und die Wolke). Auch ein sich von selbst schwingendes Schwert besaß er; dies opferte er jedoch auf bei der Werbung um die Riesentochter GERD. Seine Schwester FREYA ist die Göttin der Natur, die blütenreiche Mutter der Erde. Im Kultus dagegen ist sie die Beschützerin der Liebenden, die auch nach dem Tode hoffen, in ihrem Palast FOLKWANG (Volkanger) in ihrem lichten Saal SESSRUMNIR (Sitzraum) Aufnahme und Wiedervereinigung zu finden.

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Bragi und Heimdal empfangen die Krieger in Walhalla

FREYA UND FREYER

Freya ist nicht bloß Mundschenkin in Walhalla, sondern auch Führerin der Walküren auf dem Schlachtfeld. An dem ihr geheiligten Freitag wurden die meisten Ehen geschlossen, und erst die christlichen Priester erklärten diesen Tag als den Kreuzigungstag Christ für eine unglückliche Zeit. Zuletzt beim Mahl trank man Freya MINNE, d. h. man weihte ihr den Becher der Liebe und Erinnerung zu Abschied, was später auf Maria überging. Freya trug den von den Zwergen geschmiedeten köstlichen Halsschmuck BRINSINGAMEN (Feuerkette) und fuhr auf einem mit Katzen bespannten Wagen. Einst bekam Wodan selbst Lust nach dem Kleinod Brinsingamen und befahl Loki, der ihm davon erzählt hatte, ihm dasselbe entweder zu verschaffen oder nie wieder vor seine Augen zu kommen. Sehr ungern übernahm Loki den heiklen Auftrag und schlich sich nach Folkwang. Die Wanin ruhte in ihrer verschlossenen Kammer, und Loki verwandelte sich in eine Fliege, um hineinzukommen, dann aber in einen Floh, um Freya, die mit der Brust auf der Kette lag, zum Umdrehen zu bestimmen. Alles gelang nach Wunsch, und der Dieb huschte mit seinem Raub ins Freie, als ein Stärkerer über ihn kam. Der wackere Heimdal, der treue Wacht an der Brücke BIFROST hielt, hatte den Raub beobachtet und eilte Loki nach. Dieser stürzte sich als Robbe ins Meer, aber Heimdal tat dasselbe, und in dem nun entbrannten Kampf siegte er und nahm dem Räuber das Kleinod ab. Idun heilte dann des Siegers Wunden und brachte den Halsschmuck der weinenden Freya zurück.

Gewöhnlich wird Freya als Jungfrau gedacht. Nach einem Mythos war sie jedoch mit ODUR (Geist) vermählt. Als sie ihm jedoch eine Tochter, HNOSS (Kleinod), geschenkt hatte, verließ er sie treulos und zog auf ferne Wege. Freyas Tränen flossen darob unablässig und wurden zu rotem Gold. Nach einer Sage kam Odur dann als fremder Wanderer nach Folkwang zurück und erzählte nach der Wiedererkennung, daß er auf windkalten Wegen hergekommen wäre, und daß ihn der Nornen unabänderlicher Spruch in die Ferne und wieder zurückgeführt hätte. Nach einer anderen Legende sucht ihn Freya in allen Ländern und findet ihn zu ihrer Freude endlich auf grüner Matte. Aber Odur bleibt dennoch nicht bei ihr und verläßt sie in jedem Jahr nach der Herbsttagundnachtgleiche.

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Freya

Freyer

BALDER

Der lichte, strahlende Sohn Friggs, BALDER, ein Symbol der kurzlebigen Sommerherrlichkeit, war der beste aller Asen und von allen wegen seiner Unschuld und Milde geliebt. In seinem Gehöft BREIDABLICK (breiter Gang) wurde nichts Unreines geduldet. Dort wohnte Balder, auch VOL genannt, mit seiner geliebten Gattin NANNA und seinem Sohn FORSETI (Vorsitzender), der seines Vaters gute Eigenschaften erbte und später in der mit Silber gedeckten, auf Goldsäulen ruhenden Halle GLITNIR (Gleißende) immerwährend zu Gericht saß.

Der frühe Tod Balders sollte über die Asen bitteres Leid bringen. Ein böses Vorzeichen hatte nach dem Entschwinden des Goldalters den Asgard in große Unruhe versetzt. Die liebliche Idun war in einer Nacht von den Zweigen der Weltesche Yggdrasil, in denen sie sich gewiegt hatte, hinabgesunken in das Nachtreich Hels, und am nächsten Tag drohte Mimirs Brunnen zu vertrocknen. Da schickte Odin seinen Raben Hugin aus, und dieser flog eilig zu den Zwergen DAIN und THRAIN, die der Zukunft kundig waren. Allein dort war wenig zu erfahren, denn die Zwerge lagen in wirren Träumen. Odin sandte also Heimdal, Loki und Bragi hin unter zu Hel selbst, um Idun auszuforschen. Auf düsteren Pfaden stiegen sie hinab nach Nifelheim, gelangten zu der mit festem Eisengitter und loderndem Feuer umgebenen Burg Hels und gingen hinein, ohne sich um das Heulen des blutbesudelten Höllenhundes MANAGARM (Mondhund) zu kümmern. Bald erspähten sie die Göttin der Jugend und fanden sie blaß, abgehärmt und stumm. Nur Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen, und keine Antwort über das Schicksal der Asen und der Welt kam über ihre Lippen. So zogen die Boten wieder ab. Aber Bragi, der liebende Gatte, blieb bei Idun zurück. Ratlos hörten die Götter den Bericht Heimdals und Lokis und mußten ihre Entschlüsse vertagen.

Am nächsten Morgen schwang sich Odin auf Sleipnirs Rücken, um selbst die Reise nach Nifelheim anzutreten; denn in der Nacht hatte Balder geträumt, Hel sei ihm erschienen und habe ihm gewinkt. Er reitet bei Hels Behausung vorüber nach Osten, wo der Seherin WALA (oder Wöla) Grabhügel stand. Dort sprach er die Beschwörungsformel und weckte die Tote mit mächtigem Bann.

Und als sie ihn nach seinem Begehr fragte, gab er sich für WEGTAM (Weggewöhnte) aus und erkundigte sich, für wen bei Hel die Betten mit Gold geschmückt und die Sitze mit Reifen belegt wären. Da antwortete Wala: „Für Balder, den Guten, wird der Empfang bereitet und köstlicher Met gebraut den Asen zum Gram.“ Und als er weiter wissen wollte, wer Balder zu Hel senden und wer den Mord rächen würde, so sagte sie ihm, wie es kommen sollte. Als er aber noch fragte, wie hieße, daß Balders Tod nicht beweinen werde, da erkannte ihn Wala voll Entsetzen und bat ihn, heimzureiten; Niemand werde sie weiter Rede stehen, bis Lokis Bande rissen und der Götter Verderben hereinbräche. Unterdessen hatten auch die übrigen Asen nicht gerastet. Sie beschlossen allen lebenden Kreaturen und selbst den leblosen Dingen einen heiligen Eid abzufordern, daß sie Balders Leib und Leben Balder und Nanna nicht schädigen wollten. Die besorgte Frigg selbst war ausgefahren in alle Lande, und es hatten ihr geschworen die Thursen, die Menschen, die Alfen, die Bäume und Sträucher, die Steine und Erze, selbst die Gifte und Krankheiten. Nun herrschte große Heiterkeit in Walhalla. Die Asen scherzten und lachten und zielten mit allerlei Wurfzeug und Geschoß nach Balder, um zu sehen, wie jede Waffe den gefeiten Leib vermied. Nur Loki fand kein Gefallen an dem Wunder, verwandelte sich in ein altes Weib und humpelte nach Fensal zu Frigg, um sich Aufklärung zu verschaffen. Gutmütig erzählte ihm Balders Mutter, was sie alles getan habe, um das Unglück vom lieben Sohn fern zu halten; ja, sie vertraute ihm endlich, daß alle Gewächse auf Erden ihr den verlangten Eid geleistet hätten, mit Ausnahme eines kleinen Mistelstrauches, den sie für zu unbedeutend gehalten hätte. Der Verräter eilte zur Mistel, riß sie herunter und formte einen Ger daraus. Dann ging er in den Kreis der heiter scherzenden Asen zurück. Dort fand er den starken, aber des Augenlichts beraubten HÖDER in einer Ecke stehen, teilnahmslos bei der Kurzweil der übrigen. Er fragte ihn, warum er nicht auch zu Balders Ehre seine Kraft im Werfen versuchte, und als der Blinde erwiderte, er habe ja weder Waffen noch Augen, drückte er ihm den Mistelgeer in die Hand und richtete denselben auf Balder. Höder schleuderte mit voller Kraft den Speer, und der Bruder sank mit durchbohrter Brust entseelt zu Boden!

Da verfinsterte sich die Erde; sprachlos und entsetzt standen die Götter um die Leiche des Vielgeliebten. Dann aber wandten sich alle gegen den Mörder, und am liebsten hätten sie sogleich Rache an ihm genommen – Loki hatte sich natürlich weggeschlichen – wenn nicht Asgards Heiligkeit ihn geschützt hätte. Frigg, durch das laute Jammern erschreckt, eilte auch herbei und klammerte sich an die Hoffnung, die schreckliche Hel möchte sich vielleicht erbitten lassen, den geliebten Sohn wieder frei zu geben. Sofort war Balders zweiter Bruder, HERMODER, bereit, das Schattenreich aufzusuchen, und bestieg den eben erst von dort zurückgekehrten Sleipnir.

Die Asen aber machten sich daran, die teure Hülle mit den letzten Ehren zu beschenken. Sie geleiteten dieselbe an den Strand des Meeres, wo Balders Schiff HRINGHORN (Ringhörnige) lag. Auf diesem wurde der Scheiterhaufen errichtet. Aber als die Leiche hinaufgelegt werden sollte, brach der holden Nanna das Herz vor Jammer, und die Götter gesellten sie dem Geliebten bei. Auch dessen edles Roß mußte ihm im Tod folgen, und Wodan steckte dem Sohn noch den Wunderring DRAUPNIR (Traufende) an die Hand, der in jeder neunten Nacht sich verachtfachte. Sodann weihte Thor mit seinem Hammer die Scheiter, und die Flamme prasselte in die Höhe. Aber niemand vermochte nun das Fahrzeug mit seiner Last von der Stelle zu rücken und ins Meer hinabzuschieben. Die anwesenden Riesen erboten sich, ein starkes Weib aus Jötunheim namens HYRROKIN (Feuerräucherige) herbeizuholen, die Berge zu verrücken imstand wäre. Es geschah, und die Alte kam sturmschnell auf einem riesigen Wolf angeritten, der mit einer Natter gezäumt war. Mit einem einzigen Stoß schob sie das Schiff in die Wellen. Thor aber ergrimmte über der Riesin rohe Weise und hätte ihr gern mit Mjölnir das Lebenslicht ausgeblasen, wenn nicht die übrigen Asen, auf das freie Geleit Hyrrokins hinweisend, ihn abgehalten hätten. So ließ er seine Wut am Zwerg LIT (Farbe) aus, der ihm unter die Füße kam, und warf ihn ins Feuer.

Während dies geschah, war Hermoder nach neuntägigem Ritt an den Fluß GJOLL (Gellende) gelangt, der Hels Reich von den anderen Welten scheidet, und von der Brückenwächterin MÖDGUD (Seelenkampf) nach Hels Wohnsitz gewiesen, erreichte er denselben bald und setzte mit Sleipnir über das verschlossene Gitter in das Totengebiet. Bald gelang es ihm, Balder und Nanna zu finden. Sie saßen auf einem Ehrenplatz, aber traurig und ohne die goldenen Pokale zu berühren. Hermoder wandte sich aber sogleich an die grauenhafte Hel und richtete seinen Auftrag aus; er hob her vor, daß alle Wesen der Welt über Balders Tod trauerten. Da erwiderte ihm Hel: „Weint alles Lebendige und Tote um Balder, wohl, so mag er zurückkehren ans Licht; bleibt aber ein einziges Auge trocken und tränenlos, so muß er ewig in meinem Saal weilen.“ Den Göttern in Asgard dünkte dieser Bescheid nicht ungünstig, und sogleich wurden Boten nach allen Seiten ausgesendet, welche alle Wesen und Dinge auffordern sollten, dem entschwundenen Balder Tränen zu weihen. Da rieselten allen lebenden Geschöpfen die Zähren über die Wangen; die Blätter und Blumenkelche füllten sich mit Tauperlen, und selbst von den Steinen troff das geweinte Naß herab. Als aber die Boten zurückkehrten, fanden sie auf dem Weg vor ihrer Höhle die Riesin THOKK (Dunkel), welche trotz aller Bitten den Tränenzoll verweigerte. „Was soll ich weinen um Balder?“ sprach sie. „Er hat mir weder im Leben noch im Tod Nutzen geschafft. Mag Hel behalten, was sie hat! „ So blieb Balder der Oberwelt verloren. Das „tückische Weih“ aber war niemand anders als der Schurke Loki.

Nun hatte die Seherin Wala zuletzt auch Odin geweissagt, der Rächer Balders, der die von Pflicht und Gesetz gebotene Blutrache am Mörder vollziehen werde, müßte seinem eigenen Blut entstammen und der Königstochter RINDA (Rinde, Erdkruste) Sohn sein. Nachdem also alle Hoffnung auf Balders Wiederkehr geschwunden war, begab sich Odin in das Land der Ruthenen, zu BILLING, Rindas Vater. Er trat dort als Kriegsmann auf, bot dem König seine Dienste an und verrichtete solche Heldentaten, daß ihn Billing zum Feldherrn machte und ihm die Hand seiner schönen Tochter versprach. Allein diese wies die Werbung schroff ab und schlug sogar dem zudringlichen Freier ins Gesicht.

Hierauf spielte Odin die Rolle eines reichen Goldschmieds, wurde aber schließlich gerade so abgefertigt. Er erschien dann noch als stolzer Ritter bei dem königlichen Hoffest, erhielt aber, als er um einen Kuß bat, von der spröden Rinda einen solchen Stoß, daß er in die Knie sank. Endlich nahm er Mädchengestalt an, diente der Prinzessin treulich und versetzte sie mit seinem Zauberstab in schwere Krankheit, übernahm dann als Arzt die Heilung und errang so die Hand der dankbaren Rinda. Ihr Sohn WALI wuchs in wenigen Stunden zum kräftigen Jüngling heran und verstand sich auf die Führung des Bogens wie Uller. Ungekämmt und ungewaschen erscheint er am nächsten Tag in Walhalla und erlegt mit seinen Pfeilen den das Licht des Tages meidenden Höder, worauf ihm die Asen zum Dank die Halle WALASKJALF erbauten, deren Dach aus glänzendem Silber bestand.

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Uller

Rindas, der Erdkruste, Sohn WALI, auch Bul oder Bous (Bauer) genannt, ist der Lenz, welcher den Gott der düsteren Jahreshälfte, Höder, tötet und so des sommerlichen Balders Tod rächt. Der ganze Mythos ist in der Edda mit dem Weltuntergang verflochten und gewinnt durch Lokis Dazwischentreten und die Unschuld Höders einen hochtragischen Anstrich. Die dänische Sage hat die ursprüngliche Naturanschauung besser bewahrt. Bei ihr befinden sich nämlich Balder und Höder in einem sich wiederholenden Kampf um die von beiden geliebte Nanna, und Höder trägt den Sieg davon. Übrigens klingt die Baldermythe in der Nibelungensage nach, in welcher der lichte Sonnenheld Siegfrid (Sigurd) von dem falschen Hagen erschlagen wird.

GERD, Freyers Gemahlin, war die Tochter des Riesen OEGIR (Schrecken), der zugleich Heimdals Großvater und Beherrscher der stürmischen Meeresflut war. Nach der Verheiratung Gerds machte er in Asgard den Asen einen Besuch und freute sich der ihm zuteilgewordenen Aufnahme so, daß er die Götter alle zu sich auf die Zeit der Leinernte einlud. Die Gäste stellten sich alle zur genannten Zeit auf seinem Eiland ein. Aber obgleich Oegir alles aufgeboten hatte, um die Asen zu befriedigen, kam er doch bald in große Verlegenheit. Es fehlte ihm der Met, weil er keinen Braukessel besaß, und der durstige Thor zog ein schiefes Gesicht. Da erinnerte sich Thor, daß sein Stiefvater, der im fernsten Osten wohnende Riese HYMIR (Schläfrige), einen Kessel, eine Meile tief, besaß. Diesen erbot er sich herbeizuschaffen, wenn Thor in begleiten wolle. Des Blitzgottes Böcke trugen sie schnell zur Stelle, wo sie von Tyrs goldgelockter Ahne willkommen geheißen wurden, aber vor der neunhundertköpfigen Alten zurückbebten. Bald kehrte der auf der Jagd beschäftigte Hymir zurück, und die Gaste versteckten sich hinter einer Säule, da ihnen erzählt worden war, daß der Riese im ganzen den Fremden abhold wäre. Hymir sprengte mit seinem Zornesblick die Säule; doch scheute er sich vor Thors Hammer und befahl drei Stiere zuzurichten. Thor verzehrte allein zwei davon, und der Riese meinte, er werde am anderen Morgen auf den Fischfang ausfahren, damit die Fremden nicht seiner Herde ein Ende machten. Thor bot sich ihm als Begleiter an und fand sich in der Frühe beim Boot ein. Hymir spottete aber des kleinen Mannes und meinte, derselbe würde wohl bald frieren und der Heimkehr begehren. Als hierauf Thor einen Köder für seine Angelrute verlangte, fuhr er ihn an: „Suche Dir selbst einen!“ Aber wie erschrak er, als der Fremde einem seiner dunklen Stiere ohne weiteres den Kopf abriß und ins Boot sprang! Nun begann die Fahrt weit und immer weiter hinaus in die hohe See. Dort warf Hymir seine Angelrute aus und fing zwei Wale. Aber auch Thor senkte den Stierkopf in die Tiefe. Bald zuckte die Schnur und mit solcher Heftigkeit, daß Thor beim Anziehen auf die Schiffswand fiel. Schon lachte der Riese. Aber der Ase geriet in Wut, trat den Boden durch und zog, auf dem Meeresboden stehend, bis endlich die See hoch aufschäumte und die scheußliche Midgardschlange emporstieg und dem Gott ihren Rachen zeigte. Dieser schwang den Hammer und wollte dem Wurm den Schädel einschlagen, als Hymir herzuspringend die Angelschnur durchschnitt. Jörrmungandar entging so ihrem Schicksal, aber den Riesen belohnte ein Faustschlag, der ihn über Bord stürzte. Am Ufer angelangt, bat Hymir kleinlaut, Thor möchte entweder das Schiff an den Strand ziehen oder die Fische nach Hause tragen. Thor tat beides, forderte aber dann zur Belohnung den größten Braukessel. „Der Kessel“, sagte Hymir, „kann nur dem Mann zuteil werden, welcher meinen Trinkbecher zu zerbrechen vermag.“ Der Ase schleuderte hierauf das Gefäß mit solcher Macht an die Säule, daß das Gemäuer zerbrach, aber der Becher blieb unverletzt. „Hymirs Schädel ist härter als Stein“, raunte die Ahne ihm zu. Thor verstand den Wink und warf den Kelch dem Riesen an die Stirn, daß er in tausend Scherben zerschellte. Hierauf nahm Thor den Kessel, stülpte ihn über den Kopf und schritt aus der Halle. Hinterdrein aber stürmte Hymir mit einer Anzahl vielköpfiger Thursen, um ihm den Rückzug abzuschneiden. Dies gelang ihnen jedoch nicht.

Mjölnir tat seine Schuldigkeit, und die Unholde wurden teils vernichtet, teils nach Nifelheim verscheucht. Nun herrschte laute Fröhlichkeit in Oegirs Halle. Der schäumende Met kreiste, und die Asen suchten ihren Harm über Balders Tod zu vergessen. FUNAFENG (Feuerfänger) und ELDIR (Zünder), die flinken Diener des Wirts, warteten emsig ihres Amtes. Loki kam zuletzt auch noch zum Gelage, und da ihn Funafeng schnöde an der Tür zurückwies, so erschlug er ihn und entwich in den Wald. Doch bald schlich er sich wieder herbei, und als er von Eldir hörte, daß die Asen von ihren Taten sprächen und nur von ihm selbst kein gutes Wort wüßten, trat er frech in den Saal und begann die sämtlichen Asen mit unerhörten Lästerungen und Schmähungen zu überschütten. Ja, endlich rühmte er sich Frigg gegenüber ganz offen, daß er es gewesen, der Balder zu Hel gesendet hätte. Da erschien Thor, und vor seinem Hammer wich der Frevler, nachdem er dem ganzen Göttergeschlecht den Untergang prophezeit hatte. Tief im Gebirge baute er sich neben einem Wasserfall eine Wohnung mit vier Türen und war täglich vor seinen Verfolgern auf der Hut. Auch erfand er in seiner langen Mußezeit das Fischernetz. Odin ersah aber doch endlich von seinem hohen Sitz aus des Bösewichts Versteck und zog mit der ganzen Asenschar gegen ihn zu Felde. Sie kamen zur windigen Hütte, fanden aber Loki nirgends. Doch entdeckten sie in der glimmenden Asche des Herdes das halbverbrannte Netz, welches der Verfolgte beim Nahen der Fein de dem Feuer überliefert hatte, und nun war es ihnen klar, wo der selbe sich verborgen hatte. Rasch verfertigten sie nach dem Rest des Geflechtes ein neues großes Netz und beginnen damit den Wasserfall zu durchsuchen. Schon beim ersten Zug merken sie, daß etwas Lebendiges unter dem Netz weggeschlüpft sei. Sie beschweren daher dasselbe mit Steinen und beginnen den Fischfang von neuem. Da sprang plötzlich ein großer Lachs über das Netz hinweg und schwamm den Strom hinauf; als er aber rückwärts denselben Versuch wagte, fing ihn Thor, der mitten im Wasser watete, am Schwanz, und es entpuppte sich zum Jubel der Götter Loki in Person! SYGIN, Lokis Weib, eilte nun mit ihren Söhnen WALI und NARWI herbei, um Loki Beistand zu leisten.

Allein die grausamen Asen verzauberten Wali in einen Wolf, der sofort den Bruder zerriß. Dann schnürten sie den Vater auf drei scharfkantige Felsen fest, und SKADI nahm noch besonders Rache für den Tod ihres Vaters Thiassi, den Loki hauptsächlich auf dem Gewissen hatte, indem sie eine giftige Natter über des Gerichteten Haupt aufhängte, deren beißender Geifer demselben das Antlitz beträufeln sollte. Die treue Sygin wich jedoch nicht von Lokis Seite und fing das Gift in einer Schale auf. Nur wenn sie gezwungen war, das volle Gefäß auszugießen, näßte das Gift die Wangen des Unglücklichen, und er heulte dann laut auf vor Wut und Schmerz. Immer näher unterdessen rückte die Zeit heran, wo die alte Weltordnung zerfallen und das Unheil des Weltuntergangs, RAGNAROK (Götterdämmerung), hereinbrechen sollte über Götter und Menschen.

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Balder und Nanna

RAGNAROK

Kurz vorher bildeten Eigennutz und Habgier die einzigen Triebfedern der Handlungen, und Mord und blutige Kriege nahmen in schrecklicher Weise überhand. Die Erde verödete und verlor ihre schöpferische Kraft, die Sonne trübte sich und endlich folgten sich drei schreckliche FIMBULWINTER (ungeheure Winter) ohne dazwischenliegende Sommer. Alle Gewächse auf Erden erstarrten unter dem unaufhörlichen Schneegestöber, und die Menschen starben vor Kälte und Hunger. Dann ereilten die Riesenwölfe Sköll und Hati den Mond und die Sonne und verschlangen sie.

Die Sterne fallen vom Himmelsgewölbe, die Grundfesten aller Welten wanken und die Banden und Ketten aller Ungeheuer der Tiefe brechen. Die Midgardschlange erhebt sich aus dem Abgrund der Meerflut, der Wolf Fenrir reißt sich los, der Höllenhund Managarm steigt an die Oberwelt, der Feuerriese Surtur mit den Muspelsöhnen sowie die Hrimthursen sammeln sich zum Kampf. Auch Loki sprengt seine Fesseln und besteigt mit seinen Sippen das Schiff NAGELFARI, gezimmert aus den Nägeln der Toten. Auf dem Kriegsfeld WIGRID ordnet Loki seine Scharen, während die Asen samt den Einheriem heranreiten. Ein entsetzlicher Vernichtungskampf hebt an. Allvater wird vom Fenrirwolf verschlungen, Heimdal und Loki durchbohren sich gleichzeitig; Thor erschlägt die Midgardschlange Jörmungandar, wird aber selbst durch ihren giftigen Hauch getötet. Freyer, dem seine Wunderwaffe fehlt, unterliegt dem Flammenschwert Surturs; Tyr erwürgt den Höllenhund, fällt aber dann selbst, zu Tode verwundet. Odins Tod rächt sein Sohn, „der schweigsame Ase“ WIDAR. Er stößt dem Fenrirwolf die dicke Sohle seines Fußes in den Rachen und reißt ihm die Kiefern auseinander. Nach diesen Kämpfen der Mächte, die über Licht und Finsternis gebieten und die lebhaft an die Genossen der iranischen Todfeinde Ahriman und Ormuzd erinnern, gewinnt Surtur mit seiner Lohe freies Walten. Er verbrennt die Weltesche Yggdrasil und schleudert seinen Brand über Himmel und Erde. Dennoch führte im Glauben unserer Väter der Weltbrand nicht zum Urzustand des chaotischen Nichts zurück, sondern es folgte ihm im Laufe der Zeit eine Erneuerung alles Geschaffenen. Eine frische Sonne stieg am Himmel empor, und aus der Tiefe er hob sich eine neue Erde, die sich bald mit Gras und Kräutern schmückte. Und siehe, aus dem Wald HODDMIMIR tauchten auch zwei Menschenkinder auf, die dort schlummernd den Untergang der Welt überlebt hatten, eine Frau LIF (Leben) und ein Mann LIFTHRASIR (Lebenslieber)! Sie wurden die Stammeltern von einem um vieles besseren Menschengeschlecht. Von den Asen leben noch Widar und Wali; zu diesen gesellen sich Magni und Höder, jetzt in Liebe vereint, stellen sich ein und durchwandeln Arm in Arm das IDAFELD (erneute Feld), die Stätte des einstigen Asgard: das GOLDALTER der Welt ist zurückgekehrt.

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Schwerter schmiedende Zwerge