Germanenherz

Germanenherz_Toto_Haas
Ein Volk, das sich einem fremden Geist fügt, verliert schließlich alle guten Eigenschaften und damit, seine Kultur und sich selbst. Wir sind und werden gezwungen, unseren eigenen speziellen Charakter und unseren Lebensstil zu verbergen und zu Verachten, um nicht als Nazi oder Antisemit verspottet und ausgegrenzt zu werden. Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheiten ihres Geistes und ihre Sprache nimmt. Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluss von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die jüdische Fremdherrschaft zu verewigen.

Wir Deutschen haben uns für unsere Vergangenheit und unsere Ahnen nicht zu schämen, ganz im Gegenteil, wir müssen sie unbedingt neu entdecken. Es ist unsere Pflicht uns mit der Germanistik auseinanderzusetzen. Wir Deutschen haben eine wahre Kultur. Wir Deutschen gehören zu dem Ursprung einer westlich zivilisierten und autarken Welt ohne das wir eine kulturelle Identität künstlich erzeugen müssen indem wir andere Kulturen vernichten! Wir sind mehr als das was uns seit Dekaden eingeredet wird, wir haben eine Geschichte die es wert ist sich zu entwickeln, denn unsere Vorfahren haben ihr Leben gegeben damit wir heute in Freiheit leben sollten.
In  Wahrheit baute  die germanische Weltanschauung auf die Gleichstellung von Menschen und dem Respekt gegenüber der Natur.  Gewalt, Naturzerstörung, egoistischer Intellekt waren verpönt, der Sinn für das Gemeinwohl (Natur inkl. Mensch) war vordergründig. Nichts wurde getan, ohne die Ahnen und die beseelte Natur zu fragen. Das alte Wissen war allen zugänglich und wurde nicht von elitären Herrenmenschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht und der Masse vorenthalten worden!

Das alles ist ein wesentlicher Teil der deutschen Historie, welche jedoch immer mehr in das Vergessen gedrängt wird. Wir sind inmitten eines kulturellen Bewusstseins der Selbstaufgabe und des ewigen Schuldkult, ohne sich auf das zu besinnen was wir sind und andere Völker als selbstverständlich erachten. Den Deutschen hat man die Geschichte abtrainiert. Bei den einen reicht das Gedächtnis nur bis zur letzten Fußball-WM, bei den anderen nur auf 1933.1945. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern will, wird dazu genötigt, sie im weniger Positiven bzw. die negativen Eigenschaften zu wiederholen.

Wer sich aber mit den alten germanischen Mythen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass uns die Judeachristen unsere fundamentalen Lebensgrundlagen und Lebensweisheiten gestohlen haben!. Die drei großen patriarchalen Religionen (Christentum, Islam, Judaismus) sind für rasendes Massenmorden, rücksichtslose Industrialisierung, Sklavenarbeit, Ungerechtigkeit, Plünderung der natürlichen Ressourcen verantwortlich! Sie haben uns den Zugang zu unseren Seelen geklaut, uns von ihren (Schulen, Banken, Medien) abhängig gemacht!
***Es ist an der Zeit, dass Odin zurückkommt***
.odin geist
Allvaters Anrufung
Der Du einst im Waldesrauschen
Deinem Volke Dich genaht,
Dass sein Herz in brunst’gem Lauschen
Sich entzündete zur Tat,

Der Du standest an Deutschlands Seite
Immerdar und allerorts,
Kraftverleiher warst im Streite,
Spender tiefen Weisheitsworts,

Wir, von Deinem Blut geboren,
Gott der Deutschen, nahen Dir,
Wir, in fremdem Volk verloren,
Dich, Allvater, rufen wir.

Hast es manches Mal gesehen,
Jenes Schauspiel voller Gram:
Sahst aus Deutschland Deutsche gehen,
Deren keiner wiederkam,

Die in Angst vor fremden Spöttern
Sich des Vaterlands geschämt,
Opfer brachten fremden Göttern,
Sich mit fremdem Putz verbrämt;

Hör’ uns rufen, hör’ uns schwören:
Wir sind treu, und wir sind Dein,
Unser Land soll uns gehören,
Uns’res Landes woll’n wir sein!

Sieh’, der Fremdling will’s verhindern,
Altes Recht, er schreibt es neu —
Vater, bleibe Deinen Kindern,
Gott der Deutschen, bleib’ uns treu!

Schüttle Deine heil’gen Locken,
Necke die allmächt’ge Hand,
Dass der Eindringling erschrocken
Weiche aus dem deutschen Land;

Dass er zagen lerne, zittern
Vor urew’ger Majestät,
Wenn in heil’gen Ungewittern
Deutsche Gottheit aufersteht;

Dass das Herz uns mutig werde,
Stark in neuer Zuversicht:
Vatergott und Vatererde
Raubt uns Macht der Menschen nicht!


Viking_Toto_Germanenherz
Vom Hohen Norden wird er kommen mit seinen Streitwagen, und seine Macht wird unbezwingbar sein. Eine Schar Aufrechter wird um Ihn sein, ihnen wird er das Licht geben, und sie werden der Welt leuchten, Und die Stunde des Lichtes wird heimkehren über die Erdenwelt.
Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Man sei sich der Gegenkräfte gewahr und schließe nicht die Augen vor ihnen. Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Zum Leben gehört auch der Mut zum Konflikt. Hindernisse sind dazu da, furchtlos, aber umsichtig überwunden zu werden. Man vertraue seinem Willen und seinem innerem Impuls. Man diene mit diesen Kräften der Schöpfung. Man tue, was zu tun ist. WENN DIE ZEIT REIF IST
toto_haas_lichtbringer*** Die Zeit ist nun reif ***
*** Mein Volk Erwache ***
Nur der Wache (Sehende) erkennt schnell die Lüge! Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken, Wo alle spotten, spottet nicht. Wo alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht. 

Wodan Ruprecht (Hruodpercht) Wodanstag

Ruprecht Wodanstag

Die deutsche Weihnacht ist eine Verschmelzung des christlichen Jesusglaubens mit der germanischen Tradition (Nordlands Art!), da durch die Zwangs-Christianisierung Germaniens das Julfest abgelöst werden sollte. Die Jul-Tradition war derart tief in der völkischen Kultur der Germanen verwurzelt, daß die römische Kirche, wie auch beim Ostara-Fest, eine zuerst beabsichtige Auslöschung verwarf und daraufhin die Julzeit umdeutete und anpaßte. So wurde aus dem germanischen Julfest das christliche Weihnachtsfest

(Dezember= Julmond – Sonarblot)
6ter.Jul Wodanstag
Mit dem 6ten Jul (Dezember) beginnt die eigentliche Vorbereitungszeit auf das Julfest.
Wodan zieht durch die Orte und bringt den Kindern Geschenke, um die Wartezeit auf das Wiederkommen des Lichtes zu vertreiben. Jedoch bekommen nur die Kinder Geschenke die alte Äpfel für sein Pferd vor die Tür stellen.
Sicher finden einige das Unvorstellbar, dass Wodan der in der wilden Jagt, die Armee aus Toten anführt, plötzlich Kinder beschenkt. Aber man sollte daran denken, dass Wotan zwei Seiten hat, die eine wütende brausende des Totengottes. Aber er ist auch Gott der Dichtkunst und der Herr über die Runen. Er schenkte denn Menschen ja auch die Runen und dass er nun einmal im Jahr die Kinder beschenkt, soll daran erinnern wie er einst denn Menschen die Rune schenkte.
Wenn ein Kind geboren wird, so soll es zu seiner Namensgebung einen Julteller erhalten. Das soll ein alter Zinnteller, ein Holzteller oder ein irgend ein Teller mit Lebensbaum und Umschrift sein. Jedes Mitglied der Familie stellt diesen Julteller als Gabenteller am Wodanstage, vor den Kamin. Außerdem sollte man, wie schon erwähnt, für Sleipnir alte Äpfel vor die Tür legen.

Die Kirche setzte, da sie die jährliche Einkehr des Göttervaters mit dem weißen Barte, mit dem Einauge und dem Pelzmantel nicht hindern konnte, bald einen ihrer Heiligen, nämlich den Nikolaus an seine Stelle.

Aber in vielen Gegenden Deutschlands ist er doch der Schimmelreiter oder der Ruprecht (Hruodpercht) = der von Ruhm Strahlende, Beiname Wodans) geblieben.

Hier noch einige Argumente dafür, dass das Nikolausfest schon vor dem Christlichen Fest, als Wodansfest gefeiert wurde
Viele Symbole von Nikolaus und Wodan gleichen sich:
– Das weiße Roß
– Der Mantel
– Der lange Bart
– der Stab (Odin hält einen Speer)
– das Reiten durch die Luft
– die Geschenke, die durch den Schornstein kommen (Wodan bringt Wärme und Licht ins Haus)
– Das Buch der Weisheit (Wodan gilt als allwissend)
– die Nüsse. Diese gelten als eine Frucht Wotans.

Wodan

Als unbestritten höchster Gott der Germanen galt lange Zeit Wodan, und noch heute ist die landläufige Meinung, daß er von Anfang an die führende Stelle unter den deutschen Göttern eingenommen habe. Wenn aber der sächsische Täufling um 790 dem Thunaer, Wöden und Saxnöte abschwören muß, wenn es mit derselben Reihenfolge in einem Gedichte des Paulus Diaconus heißt, „Thonar und Waten werden nicht helfen“, so stimmt die Stelle, die Wodan hier einnimmt, gewiß nicht zu der Bedeutung, die Tacitus ihm zuschreibt „von den Göttern verehren sie am meisten den Wodau“ (Germ. 9). Zwar hat sich Wodan in der Tat zum Hauptgott aufgeschwungen, aber erst nachdem er den alten Himmelsgott Tius von seinem Throne verdrängt hatte. Der düstere, finstere Gott, dem der Mensch scheu aus dem Wege geht, wenn er mit tief in die Stirn gedrücktem Hut im nächtlichen Sturme hoch zu Roß dahinjagt, der Grimme, in dessen Gefolge die Seelen der Toten fahren, der erbarmungslos holden Frauen nach jagt und sie quer über den Sattel seines Rosses bindet, ist so grundverschieden von dem erhabenen Götterkönige, der gleich Helios im leuchtenden Himmelssaale sitzt und mit Frea die Geschicke der Menschen lenkt, daß nur besondere Umstände diese Gegensätze erklären können. Es darf angenommen werden, daß im allgemeinen die Volksüberlieferung das ältere, -dunklere Bild bewahrt hat. Eine Entwickelung vom natürlichen zum geistigen Wesen Gottes liegt gewissermaßen bereits in seinem Namen. Wodan, hd. Wuotan, as. Wodan, bei den Langobarden durch Vortritt eines G Gwödan, ags. Vöden, an. Odinn, Ot>enn, ndrd. Waud, Wod, bayer. Wütan gehört zur idg. Wurzel vä „wehen“ und ist durch zwei Suffixe gebildet; germ. *votha, = rasend, besessen, wütend ist verwandt mit lat. vates, skr. vätas (geistig erregt) und bezeichnet nicht nur die stürmische Bewegung der Luft, sondern weist bereits auf das innerliche, geistige Wesen hin (ags. vöd = Ruf, Schall, Rede, Gedicht, an. ö^r = Geist, Sang, Gedicht). Wodan ist die Fortbildung vermittelst des SuffLxes-ano, urgerm. *Wdtanaz, altgerm. *Wödanaz, und auch diese StammerWeiterung ist bezeichnend für die veränderte Stellung, die der „Wüter“ oder „Stürmer“ im Laufe der Zeiten errang. Noch im 11. Jhd. wird der Name des Gottes als Wut übersetzt (Wodan id est Juror, Adam. Brem.).

Anders steht der Nomade, anders der Ackerbauer den Himmelserscheinungen gegenüber. Dem Hirten ist die glühende Sonnenhitze Feind und Widersacher, der nächtliche Himmel Freund und Beschützer. Der Hirte freut sich, wenn die sengende Sonne unterliegt, der Ackerbauer begrüßt jubelnd die erwärmenden Strahlen, die das Wachstum des Feldes fördern, und läßt sie gern über den finstern, nächtlichen Himmel triumphieren. Der Hirt berechnet die Zeit nach Nächten, der Ackerbauer macht die Sonne zum Maßstabe seiner Zeiteinteilung. Die Nachtseite Wodans hat der Volksglaube mit erstaunlicher Zähigkeit bis in die Gegenwart bewahrt.

Über ganz Deutschland ist die Vorstellung des Nachtjägers verbreitet, der mit dem wütenden Heer (Wodans oder Wuotaus Heer), der wilden Fahre (der wilden Schar), durch die nächtlichen Lüfte stürmt und eine Frau oder Tiere, wie Eber und Hirsch,, verfolgt oder tötet. Er ist auch der Führer der abgeschiedenen, in den Lüften umherziehenden Seelen, der Totengott, der bei Windstille in seinem unterirdischen Reiche, dem Innern der Berge, haust. Aber der grimme Gott der Nacht, des Todes und der Unterwelt beschützt das Gedeihen der Pflanzen, der Ernte und der Herden. Der Wind führt den ersehnten Regen herbei und reinigt die Luft, Krankheiten verscheuchend, darum ist Wodan heil- und zauberkundig. Er ist selbst ein unermüdlicher Wanderer, wie ihn zwei Inschriften bezeichnen (Mercurius viator), und der göttliche Geleiter der Wanderer und Reisenden, der Schirmherr des Verkehres, der Verleiher des Glückes und Reichtums, mächtig geheimer Weisheit und kundig der Dichtkunst. Diese Züge Wodans sind vielleicht altgermanisch. Seine Fortbildung zum Sieges-, Kultur- und Himmelsgotte geht von den Istwäonen aus, die unter dem Zeichen des nächtlichen Sturmgottes siegreich bis an den Rhein vorgedrungen waren und zuerst mit der keltischen Kultur in Berührung kamen.

Als das älteste Zeugnis für die nächtliche Seite Wodans darf vielleicht Tacitus gelten (Germ. 43): „Die Harii steigern die innewohnende Wildheit noch durch Kunst und klug berechnete Wahl der Angriffszeit; schwarz sind die Schilde und bemalt die Leiber, für die Schlachten wählen sic dunkle Nächte, und schon durch die schaudererregende und schattenhafte Erscheinung des Totenheeres flößen sie Schrecken ein, so daß kein Feind den schauerlichen und gleichsam höllischen Anblick aushält“ Diese Ilarier haben niemals als Volksstamm existiert, dessen Wohnsitze an der oberen Oder gelegen seien, es ist unmöglich, daß ihre Feinde sich mit ihnen nur auf nächtliche Kämpfe eingelassen haben sollen; mochten ihre geschwärzten Schilde und Leiber das erstemal Entsetzen einflössen, das nächste Mal werden sie ihre grausige Wirkung verfehlt haben. Der Kern der Schilderung bleibt unangefochten der, daß es im germanischen Glauben eine Vorstellung von gespenstischen Kriegern gab, die des Nachts aus der Unterwelt heraufstiegen und Grauen und Entsetzen verbreiteten. Der germanische Berichterstatter, von dem den Römern die Schilderung der Harier zukam* hatte treuherzig erzählt, daß hinter den hohen Gipfeln und tiefen Wäldern des suebischen Bergrückens sich die Wege zum Geisterreiche öffneten, wo die Ellusii ihr Unwesen trieben (S. 145), woher die Gespensterheere emporstiegen, die Harii. Und wenn der Gewährsmann diese Ellusii, Etiones (S. 157), Harii als gleich wirkliche Wesen ansah und ihren Wohnsitz als gleich wirkliche Gegenden schilderte, wie die Stämme und Landstriche vor der Bergscheide, so faßte der römische Forscher diese mythischen Völker als wirkliche Germanenstämme auf und machte ihren höllischen Anblick zu einer Art Tättowierung und ihr nächtliches Auftreten zu einer Kriegslist. Germ. *Harjaz, hari ist das Heer, die nächliche Gespensterschar, die des Nachts ihren Umzug durch die Lüfte hält, das Wutensheer, Heer des Gottes Wuotan, entstellt zu „wütendes Heer“, schwäbisch „s Muotes her“ (alem. m = w). Im# Münchener Nachtsegen stehen Wütan und Wütanes her nebeneinander, und die Begleiter, mit denen er erscheint, kennzeichnen ihn deutlich als nächtlichen Stürmer.

Die finstere Seite des Gottes bezeichnen in Norddeutschland die Namen Helljäger, Nachtjäger, der wilde Jäger, in Süddeutschland ist der wilde Jäger Führer der wilden Jagd. In Mecklenburg wie im Algäu braust der Schimmelreiter unter wildem Toben durch die Luft, daß die Bäume unruhig werden, wie wenn der stärkste Sturmwind ginge, und man glaubt ihn über das Dach der Hütte dahindonnern zu hören. In einem Felsen sieht man ihn mit seinem Pferde verschwinden, denn aus den Bergen bricht der Wind hervor, in die Berge kehrt er zurück. Der Jägerhansl im Algäu hat einen großen breit-krämpigen Hut auf, der ihm bis zu den Achseln herabhängt, und reitet gewöhnlich auf einem Schimmel. Wenn er der Jagd obliegt, so rauscht und tobt es, wie wenn der stärkste Sturm wüte, und man hört weithin mit gellender, wilder Stimme rufen: hio! hol hio! ho! In den Tannen beginnt ein fürchterliches Krachen und Prasseln, als wollte der Sturm alles niederreißen, wenn auch sonst kein Lüftchen weht. Wildes Hundegebell und die Lockrufe des wilden Jägers lassen sich näher und näher vernehmen, zuletzt beginnt es zu wetterleuchten, zu blitzen und zu donnern. — Die Jagd war von altersher die Lieblingbeschäftigung des kriegerischen Germanen, und das wilde, lärmende Treiben des irdischen Jagdzuges wurde auf den himmlischen übertragen. Darum begleiten den Gott die leichengierigen Totenvögel, die Raben, und kläffend stürzen große und kleine Hunde hinter dem Wode her. Im klaren Lichte des Mondscheines waren Holzdiebe in den Wald geschlichen. Da erhob sich plötzlich ein fürchterliches Getöse, der Mond verfinsterte sich, der Wind fing an zu rauschen und immer mächtiger zu schwellen, die Zäune sanken krachend zusammen, die Bäume brachen. Aus der Luft stürzte auf seinem weißen Rosse, von vielen Hunden umgeben, der Wode und rief: „Was sucht ihr hier? die Nacht ist mein und der Tag ist euer!“ Ein aargauisches Kätsel setzt den Gott getadezu mit dem nächtlichen Himmel gleich:

Der Muot mit dem Breithut

Hat mehr Gäste als der Wald Tannenäste (Auflösung: Sternenhimmel).

Noch heute singt man in Ottenhöfen (Achem, Baden) vom Winde:

Der Wind isch e altes Männle Und het e schlappigs Hüetle uf.

Ein im 16. Jhd. erwähntes giftiges Kraut heißt Woden dungel, Wuotanes zunkal, as. Wödanes, Wodansstem; Wodesteme als Pflanzenname findet sich auch sonst. In der Altmark wie in Hannover sprengt der Helljäger über das Hellhaus hinweg, oder jagt im Hellgrunde. Im Oberharz, im Göttingischen, Braunschweigischen und in Westfalen jagt Hackeiberend, Hackelberg mit seinen Hunden: es ist der Mantelträger, ein Beiname des nächtlichen Sturmgottes (got. hakuls, ahd. hachul = Mantel, die Hekla auf Island heißt jiach ihrer Schneedecke „Mantel“). In Norddeutschland und in Schwaben jagt der Weltjäger in der ganzen Welt herum. Scheint doch der Wind immer unterwegs zu sein, und wie der Mensch sich beim Unwetter in den Mantel hüllt und den Hut ins Gesicht drückt, so legte der Glaube dem rastlos zu Fuße wandernden oder auf dem Donner- und Wolkenrosse dahinjagenden Gotte Mantel und Hut bei. Germanische Söldner weihten in Gallia Narbonensis dem nächtlich wandernden Sturmgotte Wodan zwei Inschriften und nannten ihn Mercurins veator und viator. Selbst den Namen Wodan hat man zu ahd. wadalön = umherschweifen, wallen gestellt und als den „Wanderer“ gedeutet. Bei heftigem nächtlichen Sturme sagt man in Pommern, Mecklenburg und Holstein „der Wode jagt“, im Osnabrückischen „der Wodejäger“, im oldenburgischen Saterland ,’der Wöinjäger zieht um“. Der Zug bewegt sich zwischen Himmel und Erde, bald über die Erde allein. Nur wer mitten im Wege bleibt, dem tut er nichts; darum ruft Wod dem Begegnenden zu: „midden in den Weg!“ Wie der Weg fest bestimmt ist, den Wodans Jagd einschlägt, so fallen auch die Umzüge in bestimmte Zeiten, meist in den Anfang und Schluß des Winters, in Schwaben in den Herbst und Frühling oder zu Weihnachten, in Schwerin hält der wilde Jäger. Wod seinen Einzug im Herbste, seinen Umzug in den Zwölften, seinen Auszug zur Frühlingszeit, namentlich in der Mainacht.

Nicht nur auf schwarzem, öfters auch auf weißem Wolkenrosse stürmt Wodan an der Spitze der wilden Jagd durch die Luft, oft dröhnt durch das Geheul der Hunde das Rollen des nach fahrenden Wagens. Wie der Wind die nächtlichen Wolken jagt, so scheucht er die schwarzen Gewitterwolken vor sich her, und das dumpfe Grollen des Donners erklingt wie das Dröhnen eines dahinrollenden Wagens. Die Sagen von Wodan, Frau Holle und Berchta berühren sich hier aufs engste: im tobenden Gewittersturme wird der zerbrochene Wagen verkeilt, und die goldgelben Blitze sind die herabfallenden Späne. Der Wind- und Wolkengott tritt in Verbindung mit dem Gewitter.

In der Nacht umkreist das Gespann des Himmelsgottes, der Irminswagen, den Pol, nach seinem Stande bestimmte man die nächtliche Stunde, sein Weg, die Milchstraße, hieß gleichfalls nach dem obersten Gotte die Iringsstraße (S. 214). Aber in Oldenburg und in Westfalen fährt der Woinsjäger um das Siebengestirn; noch im 15. Jhd. heißt das Siebengestirn im Niederländischen Woenswaghen, und im Harz ist das Sternbild des Wagens Hackelbergs Gespann.

Zahlreiche Sagen berichten, daß der Gott bei seinem Umzuge den Leuten eine Pferde-, Reh- oder Rinderkeule herabgeworfen habe, die ihn anriefen. Wer spottend und höhnend in das Hallo der wilden Jagd einstimmt, dem schreit der Wode aus den Wolken zu:

Hast du helfen jagen,

Sollst du auch helfen tragen (knagen),

und aus der Höhe stürzt ein Roßschenkel herab, der dem Spottenden am Rücken . klebt, durch seinen Geruch eine ab-

scheuliche Last wird und zauberhaft an ihm bleibt, daß er sie nicht los werden kann. Geschieht aber der Huf aus einfältigem Herzen, oder hat sich der Mensch dem Gotte willfährig erwiesen, dann verwandelt sich die Keule, oder was er sonst wirft, in funkelndes Gold.

Großartig und altertümlich klingt folgende Sage aus Mecklenburg. So gewaltig und furchtbar die Erscheinung des Gottes ist, seinem Verkehrer erweist er sich hilfreich, und wenn er einen Ebenbürtigen findet, einen Menschen, der seinem Wesen verwandt ist, kraftvoll und klug, so» belohnt er ihn freigebig:

Ein Bauer kam in der Nacht von der Stadt; sein Weg führte ihn durch einen Wald, da hörte er die wilde Jagd und das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. „Midden in den Weg! Midden in den Weg!“ ruft eine Stimme, allein erachtet ihrer nicht. Plötzlich stürzt aus den Wolken, nahe vor ihm hin, ein langer Mann auf einem Schimmel. „Hast Kräfte?“ spricht er, „wir wollen uns beide versuchen, hier die Kette, fasse sie an, wer kann am stärksten ziehen?“ Der Bauer faßte beherzt die schwere Kette, und hoch auf schwang sich der wilde Jäger. Der Bauer hatte sie um eine nahe Eiche geschlungen, und vergeblich zerrte der Jäger. „Hast gewiß das Ende um die Eiche geschlungen?“ fragte der herabsteigende Wod. „Nein“ versetzte der Bauer, der sie eiligst losgewickelt, „sieh, so halt‘ ich’s in meinen Händen.“ „Nun so bist du mein in den Wolken“, rief der Jäger und schwang sich empor. Wieder schürzte schnell der Bauer die Kette um die Eiche, und es gelang dem Wod nicht. „Hast doch die Kette um die Eiche geschlungen!“ sprach der niederstürzende Wod. „Nein“, erwiderte der Bauer, der sie wieder schon in den Händen hielt, „sieh, so halt‘ ich sie in meinen Händen.“ „Und wärst du schwerer als Blei, so mußt du hinauf zu mir in die Wolken.“ Blitzschnell ritt er hinauf in die Wolken, aber der Bauer half sich auf die alte Weise. Die Hunde hollen, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben, die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich zu drehen. Dem Bauer bangte, aber die Eiche stand. „Hast brav gezogen“, sprach der Jäger, „mein wurden schon viele Männer, du bist der erste, der mir widerstand! Ich werde dir’s lohnen.“ Laut ging die Jagd an: Hallo! Hallo! Wod! Wod! Der Bauer schlich seines Weges, da stürzt aus ungesehenen Höhen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und Wod ist da, springt vom weißen Rosse und zerlegt das Wild. „Du sollst von dem Blute und ein Hinterviertel haben“, sagte er. „Ich habe keinen Eimer und keinen Topf“, sagte der Bauer. „So zieh deinen Stiefel aus“, sagte der Wod. Der Bauer tat, wie ihm geheißen, und trug Fleisch und Blut des Hiraches im Stiefel weiter. Die Last wurde ihm immer schwerer, und nur mit Mühe erreichte er sein Haus. Wie er nachsah, war der Stiefel roll Gold und das Hinterstück ein lederner Beutel voll Silber.

Es ist der hoch oben in den Wolken dahinfahrende Sturmgott, der aus der Höhe herniederstürzt und alles zu sich emporreißen will, daß die Erde bebt und die Eichen an den Wurzeln krachen. Die Kette, an der Wodan den Wanderer seine Kraft versuchen läßt, erinnert an die Stelle der Ilias (820 ff.), wo Zeus die Götter auffordert, eine Kette von Gold vom Himmel herunter zu lassen, sich unten insgesamt daran zuhängen und ihre Kraft zu erproben.

In der Erscheinung Wodans ist der natürliche Hintergrund noch zu erkennen. Bald ist er als der Windgott der unermüdliche himmlische Wanderer, bald ein im Sturm und im rollenden oder nachhallenden Donner zu Roß oder zu Wagen dahintosender Jäger, bald ist er der dunkle Nachtgott (S. 232). Durchweg überwiegt die finstere Seite. Ein weiter, wallender Mantel fliegt um seine Schultern, in dem man leicht das nächtliche wölken bezogene Himmelsgewölbe wieder erkennt, tief in die Stirn ist sein breitkrämpiger Schlapphut gedrückt, der Wolken- oder Nebelhut; Hunde, die Windstöße, umbellen ihn, und Raben umflattern ihn; das schwarze oder weiße Roß ist ein Bild der dunklen Wetterwolke oder des flüchtigen Nebels. Goldene Rüstung und kriegerischer Schmuck fehlen noch völlig. Nur den Speer, womit der Hirt den Wolf oder Bär verscheucht, führt die Hand des Gottes: aus dem Jahre 843 ist der Name Kcrans belegt, der wie Ansgar-Oskar den Speergott Wodan bedeutet (S. 192). Es ist der Blitz, den der Gott aus der dunklen Wolke hervorschleudert. Aber frühzeitig ward diese Waffe Symbol des Toten- und Schlachtengottes. Wie der Gott den vernichtenden Blitz entsendet und damit die gewaltige Gewitterscblacht eröffnet, so ward der Speerwurf das Symbol der Ankündigung des Krieges. Aus dem Fluge des Speeres ergab sich ein Anzeichen über den Ausgang des Kampfes. Durch seine Entsendung ward das gesamte feindliche Heer dem Walgotte Wodan geweiht (Ann. 1357). Hatte der Gott gnädig den Sieg verliehen, so ward das durch ihn eroberte Land unter seinem Schutze eingenommen: der Speer ward das Zeichen der Besitzergreifung.

Vor der großen Hunnenschlacht auf den katalaunischen Feldern feuert Attila, wie ein germanischer Heerkönig, das Heer durch eine Rede an und schließt mit den Worten: „Als Erster schleudere ich den Speer gegen die Feinde!“ (Jord. Get. 539). Der Langobardenkönig Authari reitet bei Regium in das Meer und berührt eine dortstehende Säule mit der Lanze: „Bis hierher soll das Gebiet der Langobarden reichen!“ Kaiser Otto wirft vor seinem Rückzuge aus Dänemark seinen Speer in die See, die davon den Namen Odensund trägt; dasselbe wird von Karl d. Gr. berichtet. Als die Bayern den Römern Tirol abgewannen, stieß ihr Führer Herzog Adalger am Haselbrunnen unweit Brixen seine Lanze ins Erdreich: „Das Land hab ich gewonnen den Bayern zu Ehren!“ (Kaiserchronik).

Wie die wilde Jagd den Menschen emporreißt, so hebt der Windgott seine Lieblinge zu sich auf sein Pferd, rettet sie vör Gefahren und führt sie im Zauberfluge an den gewünschten Ort. Einem Manne begegnet ein Reiter auf hohem Rosse, faßt ihn und hebt ihn zu sich. Das Pferd stiebt mit ihm durch die Luft, daß ihm Hören und Sehen vergeht; endlich wird er hart an einer Stadt bei der Brücke zur Erde geworfen. In einem Lübecker Schwerttanzspiele des 16. Jhd. ruft Starkader aus, auf den alle eindringen:

Heilige Wode, nü len mi dln perd.

Lät mi henriden! ik bün’t wol werd!

Als er plötzlich verschwunden ist, wie die scenische Anmerkung sagt, ruft einer der Mitspieler:

Het em de düvel halt? üt is dat spil.

Wodans Einäugigkeit ist zwar nicht direkt bezeugt, darf aber als altgermanische Vorstellung gelten. Nur darf man sie nicht aus dem Tageshimmel, sondern eher aus dem nächtlichen Himmel erklären; denn Wodau als Sonnengott ist jüngere Vorstellung. Der unter den Wolken hervorzuckende Blitzstrahl erinnerte an das Leuchten eines von einer Wolke als einem Hute beschatteten Auges. Andere Erklärer denken an das Ochsen- oder Sturmauge (engl, bullseye, frz. oeil-de-boeuf), die runde Öffnung einer sturmverkündenden Wolke. Bei schwerem Wetter zeigt sich oft eine lichte Öffnung in den Wolken; meistens kommt der Wind aus der Richtung, wo sich das Auge im Wolkenhimmel öffnet; diesen weißlichen, von Finsternis umgebenen Raum nennen die Seeleute noch heute Sturmauge.

Den auf weißem Rosse stürmenden Reiter Wodan, der, von den Winden umheult, den zündenden Wetterstrahl aus finsterm Gewölke schleudert, kennt noch der allgemein geltende Volksglaube vom wilden Jäger. Nacht und Nebel, Wolken und Wetter jagt der nächtliche Gott über den Himmel dahin, daß die Sonne verlischt, und Finsternis ihre Schwingen breitet, und von dieser allgemeinen Vorstellung hebt sich die Jagd auf ein einzelnes Tier, einen Eber, einen Hirsch (D. S. Nr. 308), auch wohl eine Kuh oder ein oder mehrere weibliche Wesen ab. In Norddeutschland ist die Sage von Wodan-Hackel bereud zu Hause, der stets einen Schimmel reitet (D. S. Nr. 310):

Er war Oberjägermeister und ein gewaltiger Weidmann. Eines Nachts hatte er auf der Harzburg einen schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber kämpfe, der ihn nach langem Streite zuletzt besiegte. Diesen Traum konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit danach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, den im Traume gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden; endlich gewann er und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als er ihn so zu seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: ,Du sollst es mir noch nicht tun!“ Aber er hatte mit solcher Gewalt gestossen, daß der scharfe Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete er die Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel vom Bein getrennt werden mußte, und bald starb er.

Man braucht die verfolgten und getöten Tiere nicht als Sonnentiere aufzufassen, sondern es sind die in Deutschland üblichen Jagdtiere. Die naturmythische Deutung erklärt diese Jagd so: wohl erlegt der nächtliche Sturmgott sie und zerreißt sie, aber sie werden immer wieder lebendig, und die Nachtjagd beginnt immer von neuem: denn die Sonne wird jeden Morgen neu geboren.

Wie die Nordwindsöhne Zetes (dia-d^njs der Sturmwind) und Kalais die „raffenden“ Sturmgöttinnen verfolgen, die Harpyien Sturmfuß (Okypete), Fußschneil (Podarge) und Schnellfliegerin (Aello), so jagt in Deutschland Wodan im Sturmgebraus der Windsbraut und den Holzfräulein nach. Seit alter Zeit heißt der einem Gewitter vorausgehende Wirbelwind Windsbraut, Windis prüt oder das ,.fahrende Weib“; als man die mythische Beziehung (Gemahlin des Windgottes) nicht mehr verstand, brachte man den zweiten Teil mit sprießen, Sproß, spritzen, zusammen, weiterhin auch mit Spreu, sprühen. Aber im Altertume bezeichnete Windsbraut nicht den Sprühwind, sondern den Wirbelwind, die Buhle, die der im Tosen und Heulen des Sturmes dahinjagende Gott verfolgt. Zahlreiche Sagen erzählen, wie der wilde Jäger einem gespenstischen Weibe (Wetterhexe mit roten fliegenden Haaren, weißes Weib), der Buhle, fahrenden Mutter oder einer ganzen Schar wilder Frauen nachsetzt. Jemand sieht ein Weib ängstlich vorüberlaufen, bald darauf stürzt ein Reiter, der wilde Jäger mit seinen Hunden, ihr nach, und es dauert nicht lauge, so kehrt er wieder und hat die nackte Frau quer vor sich auf dem Pferde liegen. Wie der Sturmriese Vasolt und der Wunderer mit laut schallendem Home und wütend bellenden Hunden eine Jungfrau verfolgen (S. 167), so jagt der wilde Jäger bei Saalfeld unsichtbar mit seinen Hunden die Moosleute (D. S. Nr. 48), der Nachtjäger in Schlesien die mit Moos bekleideten Rüttelweiber (D. S. 270), die Lohjungfern, die Holzweibchen oder Holzfräulein (S. 147). Bald fällt der halbe Leib eines dieser Wesen, bald ein Fuß mit grünem Schuh bekleidet dem nachrufenden Spötter gleichsam als sein Jagdanteil aus den Wolken herab.

Auch bei der Verfolgung eines einzelnen Weibes durch den wilden Jäger wird man eher an eine stürmische Werbung des Gottes um eine Frau zu denken haben, als an die Tötung. Das Wort „Brautlauf“ für Hochzeit zeigt, daß bei den Deutschen alter Zeit die Sitte bestand, die Braut zu entführen. Solches Erjagen der Braut steckt auch hinter dem Mythus von der Windsbraut, die allnächtlich von ihm erlegt werde, aber immer wieder auflebe.

In Nortbamptonshire jagt der wilde Jäger mit seinen wilden Hunden ewig eine Jungfrau, seine Geliebte, um deren willen er sich den Tod gab; täglich tötet er sie, und täglich lebt sie auf, um aufs neue vor ihm herzufliehen.

Dieser englischen Sage entspricht eine deutsche, die von Hans Sachs und Joh. Pauli (16. Jhd.; Schimpf und Ernst, Nr. 210) bearbeitet ist.

Ein Köhler wacht bei seinem Meiler, da erscheint ein nacktes Weib in vollem Laufe, will um die Kohlengrube wenden, wird aber von ihrem Verfolger, einem Reiter auf schwarzem Rosse, ergriffen, mit dem Schwerte durchbohrt und ins Feuer geworfen; nachdem sie ganz schwarz gebrannt ist, zieht er sie hervor, setzt sie vor sich aufs Pferd und sprengt davon. Mehrere Nächte hintereinander wiederholt sich die Erscheinung. — Zu einem Pferdehirten, der des Nachts draußen in der Koppel bei den Pferden war, die gerade an einem Kreuzwege lag, kam eilig eine Frau gelaufen und bat ihn, sie über den Weg zu bringen. Da sie ihn so flehentlich bat, fand er sich endlich bereit dazu und brachte sie hinüber. Sogleich lief sie, so schnell sie nur konnte, weiter, ward aber in wunderbarer Weise immer kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur noch auf den Knien zu laufen schien. Gleich darauf stürzte ein Reiter, der wilde Jäger, mit seinen Hunden, herbei und verlangte ebenfalls, über den Kreuzweg gebracht zu werden: seit sieben Jahren jage er schon nach jener Frau, und wenn er sie in dieser Nacht nicht bekäme, so sei sie erlöst. Da brachte ihn der Hirt samt seinen Hunden hinüber, und cs dauerte nicht lange, so kam der wilde Jäger zurück und hatte die nackte Frau quer vor sich liegen.

Aus dem 13. Jhd. wird eine solche Sage berichtet (Cäs. v. Heisterbach 1210):

Einem Ritter begegnet bei Nacht ein Weib, das vor einem blasenden Jäger und seinen bellenden Hunden herläuft und um Hilfe ruft. Er springt vom Pferde, zieht mit dem Schwerte einen Kreis um sich (S. 29), in den er die Verfolgte aufnimmt, und schlingt deren Haarflechten um seinen linken Arm, während er in der Rechten das bloße Schwert hält. Als aber der Jäger näher kommt, schreit das Weib: «Laß mich, laß mich los, da ist er!‘ Sie reißt so gewaltig, daß ihm die Haare in der Hand bleiben und läuft davon. Der Jäger hinterdrein, erreicht sie bald und legt sie quer vor sich aufs Roß, daß das Haupt hüben, die Beine drüben herunterhängen.

Nachdem Wodan die Gemahlin des alten Himmelsgottes Frija au sich gerissen hatte, stürmt er mit ihr zusammen durch die nächtlichen Lüfte. In Mecklenburg fährt ein Mann in grünem Jägerrock und einem dreitimpigen Hut bei der wilden Jagd mit Fru Gauden einher. Auch Hackeiberend und Frau Holle jagen gemeinsam an der Spitze des wütenden Heeres.

Bei dem Kultus des nächtlichen Sturmgottes ist von der niedrigsten Stufe der geistigen Entwickelung auszugehen. Der Kärnthner Bauer stellt eine hölzerne Schale mit verschiedenen Speisen auf einen Baum vor dem Hause oder wirft Heu in die Luft: dann tut der Wind keinen Schaden. Dieses Füttern der Windes, woraus sich das Opfer für den persönlich aufgefaßten Windgott entwickelte, erinnert an das Bemühen Etzels, den gefräßigen Wunderer durch Vorsetzen von Speise zu besänftigen (S. 166). Bei heftigem Sturme wirft man in Schwaben, Tirol und Opferpfalz einen Löffel oder eine Hand voll Mehl in die Luft für den „Wind und sein Kind“, in der Opferpfalz mit den Worten: „Da, Wind, hast du Mehl für dein Kind, aber aufhören mußt du“. Im nieder-österreichischen Gebirge wird am 29. Dezember Mehl uud Salz unter einander gemischt und auf einem Brett zum Dachfirste hinausgestellt. Verführt es der Wind, so sind im nächsten Jahre keine Stürme zu fürchten. — Auch Wodans Hunde erhalten Opfer. Sie dringen in die Backkammer, fallen über den Teig und schlürfen, wie wenn sie bei der Tranktonne seien. Läßt man die Tür auf, so zieht der Wode hindurch, und seine Hunde verzehren alles, was im Hause ist, sonderlich den Brotteig, wenn gerade gebacken wird. — Auch Wodans Pferd erhielt Opfer. Wenn die Bauern in Schleswig ein Stück Land mit Hafer besät hatten,, Hessen sie einen Sack voll Korn auf den nahen Berg bringen und dort stehen. Nachts kam dann „jemand“ und brauchte den Hafer für sein Pferd. In Mecklenburg ließ man, nach einem Rostocker Berichte des 16. Jhds., bei der Roggenernte am Ende eines jeden Feldes einen Streifen Getreide unge-mäht, flocht es mit den Ähren zusammen und besprengte es mit Bier. Die Arbeitsleute traten darauf um den Getreidebusch, nahmen ihre Hüte ab, richteten ihre Sensen in die Höhe und riefen Wodan dreimal mit folgenden Worten an:

Wode, hole deinem Roß nun Futter!

Nun Distel und Dorn,

Aufs andre Jahr besser Korn!

Noch im Anfänge des vorigen Jahrhunderts ließ mau in der •Gegend von Hagenow in einer Ecke des Feldes einige Halme stehen, damit ,,de Waur“ Futter für sein Pferd fände. Am Wodenstage soll man keinen Lein jäten, „damit Wodans Pferd den Samen nicht pertrete“. Aber auch der Windgott selbst, der der Spender des Erntereichtums ist, empfing Gaben, und zwar Mehl und Brot. Ein Bauer hatte spät abends die Tür offen gelassen. Da kam der wilde Jäger durch sie ge ritten und nahm ein Brot vom Brotschragen herab. Darauf sprengte er wieder fort und rief dem Bauern zu: „Weil ich dies Brot in deinem Hause bekommen habe, soll es in deinem Hause nimmer daran fehlen!“ Er hielt auch Wort, und nie hatte der Bauer Brotmangel. Eine Erinnerung an das Opfer für den Sturmgott und die Windsbraut ist ein Gebrauch der Oberpfalz. Dort wrarf man drei Hände voll Mehl in den Wind und rief: „Wind und Windin, hier geh ich dir das Deine! laß mir das Meine!“

Der Wind- und Totengott ruht, wenn die Stürme nicht verheerend durch das Land brausen, in seinem unterirdischen Reiche, das als Berghöhle gedacht ist. Über ganz Deutschland, England wie über den Norden sind Wodansberge verbreitet. Hackelbergsgräber finden sich in Norddeutschland zahlreich, er sitzt in einem Berge, und von Bergen nimmt der wilde Jäger wie das wütende Heer seinen Auszug. Vom Odenberg (Glücksberg? einsamer, öder Berg?) beim Gudensberg in Hessen, [noch 1154, 1170 Wuodenesberg,j stürmt Karl der Große mit seinem rasselnden Reiterheer hervor, tränkt die Rosse in dem Quell Glisborn, den der Huf seines Pferdes aus der Erde gestampft hat, und liefert eine blutige Schlacht. In einer Walkenrieder Urkunde von Jahre 1277 wird ein Berg erwähnt, „qui Wodansberg vocatur“, den man auf den „Hutberg“ Kyffhäuser bezieht (ahd. chuppha mhd. kupfe = Hut; oder ahd. chupisi Zelt = zeltförmiger Hügel). Die Vorstellungen vom Aufenthaltsorte der Seelen im Berge, von einer mythischen letzten Schlacht am Ende aller Dinge verschmolzen hier, etwa im 15. oder 16. Jhd., mit der deutschen Kaisersage, die nicht im germ. Heidentum, sondern in den altchristlichen Vorstellungen von der dem jüngsten Gerichte vorangehenden dämonischen Herrschaft des Antichristes ihre Wurzel haben; und da Tilleda unter dem Kyffhäuser Kaiserpfalz war, wurde aus dem im Berge ruhenden Gott ein bergentrückter Kaiser. Wie Karl der Große beim Gudinsberg, trat Kaiser Friedrich II. an Wodans Stelle, und die Gestalt des apokalyptischen Kaisers wurde mit volkstümlichen und mythologischen Elementen ausgeschmückt. Nicht zu beweisen ist, daß Wodans Himmelsschloß Walhall im Kvffhäuser lokalisiert sei, und daß die zechenden und Kampfspiele übenden Ritter den nordischen Einherjem entsprächen; bei den Raben aber, die um den Berg fliegen, kann man vielleicht an Wodans heilige Vögel denken. Andere Wodansberge sind: der Godesberg bei Bonn (947, 973 Wodenesberg), Godenesberg (1133), jetzt Utzberg in Weimar, Wunstorp bei Hannover (früher Wodens-torp). Schon 973 wird ein Wodenesweg im Magdeburgischen erwähnt, entweder als der Weg zu verstehen, den der nächtliche Stürmer einschlägt, oder wäg ist = Wand, Mauer (got. waddjus, ags. wäg, an. veggr) oder als Wodans Heiligtum (ahd. wih = Tempel). In Thüringen gibt es ein Wudanes-huseu (jetzt Gutmannshausen bei Weimar) in Oldenburg, ein Wodensholt, (jetzt Godensholt), in England Wodnesbeorg, Wodnesfeld.

In dem Heere oder Jagdumzuge des nächtlichen Sturmgottes befinden sich die Seelen der Verstorbenen. Das Wuotes Heer heißt auch Totenvolk, Totenschar. Wodan ist nicht nur der Nacht- und Sturmgott, sondern in gemeingerm. Zeit bereits der Totengott. In seinem unterirdischen Reiche, dem Innern der Berge, herrscht er über die Winde, hier sammelt er auch die Toten in sein nächtliches Heer. Als der Stürmer der Lüfte sich zum kampfwütigen Kriegsgotte erhoben hatte, bildeten vor allem die Männer und Krieger sein Gefolge; sie entbot er zu sich durch seine göttlichen Dienerinnen, die Walküren. Wer im Dienste des Gottes gefallen war, hatte die frohe Hoffnung, nach seinem Tode bei Wodan weiter zu leben. Schon die Germanen des Ariovist waren im Kampfe deswegen so mutig und verachteten den Tod, weil sie an ein Wiederaufleben glaubten (Appian. Celt. I3), und diese Zuversicht (einig dvaßiojaeüjg) hat nur dann einen Sinn, wenn sie sich auf ein Fortleben im Reiche des Kriegs- und Totengottes bezog. Auch die Kimbern jauchzten, wenn sie in den Schlachtentod gingen, und jammerten nur, wenn sie auf dem Krankenbette sterben sollten (Valerius Maximus II, 6,n). Mochten ursprünglich alle Toten dem Gotte angehören, später kamen nur die Kämpfer in Betracht; sie waren von ihm dem Tode im voraus bestimmt: „da sterbent wan die veigen“, da sterben nur, die sterben sollen, heißt es noch im 13. Jhd. sprichwörtlich. Freudig des Glaubens, daß der Gott ihn erkoren, wenn er die Todeswunde empfing, stürmte der Germane, leicht gekleidet, ohne Rüstung, mit leichten Waffen in das Wetter der Speere. Aus seinem Blute entsprang sein Recht, ein Gefolgsmann des großen Gottes fortab zu sein und teil zu haben an seiner Herrlichkeit. Darum konnte ahd. urheizzo = der Geweihte (Glosse für suspensus zum Opfer aufgehängt, der ..Verheißene*) im as. und ags. die Bedeutung Kämpfer annehmen.

Die Kimbern- und Teutonenkriege erklären das Aufsteigen Wodans, vielleicht aber thronte er damals schon in den hellen Lufträumen, bei ihm seine Gemahlin und die gefallenen Helden. Hier bewohnte er nach der langob. Stammsage mit Frea einen Saal, der natürlich in einer Burg gelegen haben muß, und von hier pflegte er des Morgens durch das Fenster gen Osten auszublicken. Im Norden heißt diese Halle Walhall (Totenhalle), aber für das deutsche Altertum läßt sich dieser Name nicht belegen.

Verräter und Überläufer hängten die Germanen an Bäumen auf (Germ. 12); mit einem weidenen Ringe wurde ihnen die Kehle zugeschnürt, so daß ihnen der Atem, die Seele, gleichsam der Wind, ausgepreßt wurde; sie verfiel dann dem Wind-und Totengotte. Wer einen Gehängten vom Galgen nahm, beging nach fränkischer Anschauung noch in christlicher Zeit eine Missetat gegeu den Kultus; denn man entzog dem finstern Gotte sein Opfer. Todesstrafe setzt die Lex Salica (ca. 500v aus demselben heidnisch-religiösen Grunde, wenn jemand den gebundenen Verbrecher dem Richter entreißt und dadurch der drohenden Bestrafung entzieht. Weil Wodan die Toten bei sich aufnimmt, wie dem Hermes xlwxoTiofmdg die Seelen der Verstorbenen übergeben werden, umschrieben ihn die Römer mit Mercurius. Ein Altar, der im Jahre 1874 im oberen Ahrtale gefunden wurde, trägt die Inschrift: Mercuri Chatmini.

Mercurius Channini soll aus *Chanjini entstanden sein, Nom. sing. *hanjC\ as. ags. *henno, ags. fries. *hetma; ahd. hqno, hano sei der Vernichter, der Tod, der Gott der Vernichtung, der Todesgott (idg. ken = stechen, schlagen, vernichten, xaivio). Der mhd. Ausruf iä henne soll soviel bedeuten wie „fürwahr, bei Wodan“; in Niederhessen findet sich entsprechend „Gott Henne“, und christlich entstellt „Henne der Teufel“. Auch „Freund Hein“, wie wir noch heute den Tod bezeichnen, wird nicht als eine Erfindung des Matthias Claudius oder als ein Witz auf einen Hamburger Arzt anzusehen sein, sondern als eine verderbte Form für den tötenden Wodan (S. 17). Der Hain, das Waldheiligtum, wo die alten Germanen ihre Toten begruben, hat sicher nichts mit Freund Hein zu tun.

Das symbolische Tier der unterirdischen Mächte ist die Schlange. Sie ist auch das Symbol des nächtlichen, unterirdischen Totengottes Wodan, und wie die Langobarden einst von ihm Namen und Sieg empfingen, so verehrten sie auch die goldene Schlange als sein heiliges Tier.

Zur Zeit, da Grimoald König der Langobarden war, lebte der treffliche Priester Barbatus zu Benevent (602—83). Obwohl sie bereits das Wasserbad der heiligen Taufe empfangen hatten, hielten sie doch noch an dem alten Brauche des Heidentums und beugten sich vor dem Bilde einer Schlange. Barbatus bekommt es in seine Hände, schmilzt es ein und läßt Schüsseln und Kelche daraus schmieden. Als das ruchbar wurde, sagte einer der Umstehenden: „Wenn mein Weib das getan hätte, würde ich ihr ohne Verzug den Kopf abschlagen“ (V. Barbati). An einer anderen Stelle heißt es: Sie verehrten eine goldene Schlange als das Symbol ihres höchsten Gottes, und ein ganzer Stadtteil von Benevent soll davon den Namen Vipera getragen haben.

Nicht nur die himmlischen oberen Gottheiten, auch die Götter der Unterwelt sind Urheber des Wachstums der Pflanzen und der Ernte. Den heißen Strahlen der Tagessonne‘ muß die Kühle der Nacht folgen, der Wind jagt die Wolken, bis sie ihr segnendes Naß spenden, der Wind führt den männlichen Blütenstaub befruchtend den weiblichen Blüten zu. Darum gilt der Landstrich im kommenden Sommer als ganz besonders fruchtbar, über den die wilde Jagd gezogenist. Wenn das Guetis Heer schön singt, gibt es im Aargau ein fruchtbares Jahr. Der schwäbische Bauer, der nur um Sonnenschein, nicht auch um Wind bittet, bekommt kein Korn. ..Ohne Wind verscheinet das Korn“, sagt ein Sprichwort, und eine alte Bauernregel lautet „Viel Wind, viel Obst“. Darum ist der nächtliche Sturmgott auch der Spender der Fruchtbarkeit und des Erntesegens, und darum wurde er vor allem mit Erntedankopfern verehrt. Fast in ganz Deutschland ließen die Schnitter bei der Ernte auf dem Acker einen Busch Ähren für Wodan stehen, damit er ihn als Futter für sein Fferd gebrauchte. Erntewöd hieß diese letzte Garbe, die Ernte in Bayern bis zum 18. Jahrhundert die Waudlsmähe (Waude — Woude — Wuote); das Opfer für seine Hunde hieß von Passau bis Preßburg Waudfutter. Dann traten die Schnitter mit entblößtem Haupte um die blumengeschmückte Wode in einen Kreis und riefen unter dem Schwingen der Hüte und dem weithin schallenden Streichen der Sicheln zu dreien Malen mit überlauter Stimme den Gott im Gebet an. Man bat Wodan, die geringe Gabe gnädig anzunehmen und sie als Futter für sein Roß zu holen; an ihrer Kleinheit und Wertlosigkeit sei nur die heurige schlechte Ernte schuld; würde sie im nächsten Jahre besser ausfallen, so solle er auch reichlicher von ihnen bedacht werden: Wode, hole deinem Roß nun Futter . . . (S. 240). Unterbleibt diese Feierlichkeit, so gerät im folgenden Jahre weder Korn noch Obst. Zuweilen wird auch ein Feuer angezündet, und die Burschen rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: Wauden! Wauden! Wauden! Der heilige Columban (f 615) traf auf seiner Reise heidnische Schwaben oder Alemannen gerade im Begriff ihrem Gotte Wodan, den andere Mercur nennen, ein Opfer darzubringen. In ihrer Mitte stand eine Kufe, die 26 Maß Bier, etwas mehr oder weniger, enthielt.

Bei der Frühlings- und Maifeier, sowie beim Erntedankfeste fielen Wodan Rosse und Rinder zum Opfer. Die Knochen der Opfertiere galten als heilkräftige Talismane; noch im 16. Jhd. wurden vier Roßköpfe auf den vier Ackerenden angebracht, um die Saat vor dem Winde zu sichern. Wodan behütete auch den herbstlichen Heimtrieb der Herde. In einem christlich überarbeiteten Segen, dem sog. Wiener Hundesegen, wird er zum Schutze der Rinder und Schafe, auch der Hunde an gerufen vor Wolf und Wölfin, sowie vor Dieben, wenn das Vieh zu Holz uud zu Felde, zu Wasser und Weide geht.

Alle deutschen Stämme scheinen Wodan bereits als Gott desZaubers verehrt zu haben. Ihm schrieb man vielleicht die Erfindung der „Vorrunen“ zu, d. h. der im Orakelwesen üblichen Zeichen, und des Runenzaubers. Auf istwäon. Boden wurde er dann zum Träger der geheimnisvollen Schriftrunen, die die heimischen heiligen Zeichen mit den aus der Fremde eingewanderten Buchstaben vereinten. „Sage mir, wer zuerst Buchstaben setzte?“, lautet ein ags. Gespräch. „Ich sage dir, Mercurius (Wodan), de)‘ Biese“ Eine wunderbare Macht schrieb der Germane diesem Runenzauber zu, besonders dem dazu gemurmelten Liede oder Spruche. Runenweisheit und Dichtkunst gehören zusammen. Darum gilt Wodan den Angelsachsen als Gott aller List, nach christlicher Auffassung des Truges und der Diebereien. Wodan allein vermag Balders Roß den verrenkten Fuß zu heilen, er spricht den Genesung bringenden Zauberspruch: weder Balder selbst noch die vier Göttinnen vermögen in seiner Gegenwart etwas auszurichten. Als wundertätiger Arzt und Heilgott erscheint Wodan auch in einem ags. Zaubersegen, in dem die neun heilkrätigsten Kräuter der Erde genannt werden, die alle Krankheiten und alles Gift bannen:

„Eine Schlange kam gekrochen, zerschlitzte den Menschen.

Da nahm Wodan die neun Kraftkräuter,

Schlug damit die Natter, daß in neun Stücke sic flog.“

Bei den spanischen Sueben nahm daher Wodan die oberste Stelle ein, die ungebildeten Landleute daselbst verehrten im 6. Jhd. den Juppiter als Zauberer (Magus) (Mart, v. Brac. K. 7); doch ist die Beziehung auf Wodan recht zweifelhaft.

Nächtliche und himmlische Züge vereinigt das Gesamtbild Wodans, wie es in geschichtlicher Zeit erscheint. Viel Wind bedeutet noch heute Krieg, und als Gott der geistigen Begabung muß Wodan schon in alter Zeit die Kriegskunst verstanden und geleitet haben. Das Wort Sturm ist schon im Altertum von dem Kampfe der Lüfte auf den Kampf der Männer übertragen; Wetter der Speere, Sturm der Lanzen, Regen der Schwerter sind alte Bezeichnungen des Schlachtengetümmels: sie erklären, wie der Herr der Stürme zum Gebieter des Kampfes werden konnte. Folchans (Gott des Kriegsvolkes) hieß daher der Gott des „furor germanicus*, der germanischen Kampfeswut, und als Siegesgott lehrte er die Germanen selbst die Schlachtordnung des Fußvolkes, den „Eberrüssel“. Die äußerste Spitze des Keiles bildeten nur wenige oder ein einzelner Mann, der König oder die Edlen mit ihrem Gefolge, sofern sie nicht zu Roß kämpften; fochten mehrere Völkerschaften zusammen, so bildete jede für sich einen Keil. Ein solcher Angriffsstoß war von furchtbarer Kraft, unwiderstehlich schob er sich in die feindlichen Reihen ein. Bei den Germanen des Ariovist tritt, soviel wir wissen, uns zum ersten Male die keilförmige Schlachtordnung entgegen (Caes. b. g. 152). Tacitus hebt ausdrücklich hervor, daß die Schlacht aus Keilen zusammengesetzt wurde (Germ. 6; Hist. 416, 420, o16). Die Alemannen schlossen sich bei Straßburg gegen .Julian in einen Keil zusammen. Bei den Franken war noch im 9. Jhd. die keilförmige Aufstellung in ihrer ganzen ursprünglichen Eigentümlichkeit erhalten, auch bei den Angelsachsen war in der verhängnisvollen Schlacht bei Hastings der dichtgeschlossene, tiefgegliederte Keil allgemein. Wodan galt als Erfinder dieser Angriffsform, die wir vom Jahre 58 vor Christus bis ins 11. Jhd. verfolgen können. So trat er dicht neben Tius, und bereits zur Zeit des Tacitus muß er bei dem Volke, von dem der Römer seine Nachrichten über das Opferwesen bezog, also bei den Istwäonen, über Tius und Donar gestanden haben.

Denn „sie verehren von den Göttern am meisten den Mercurius (Wodan), dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfei• zu bringen für Recht halten“ (Germ. 9). .Vis die Hermunduren im Jahre 58 mit den Chatten um den salzhaltigen Grenzfluß stritten, gelobten sie Tius und Wodan das feindliche Heer zum Opfer (Ann. 1357). (’hlodowechs Gemahlin sucht ihren Gatten von der Ohnmacht der heidnischen Götter zu überzeugen im Gegensätze zur Allmacht des Christengottes und fragt ihn, wie weit denn die Macht seines Tius (Mars) und Wodan reiche (S. 211). Noch im 6. Jhd. gelten also diese beiden als die angesehensten Götter der istw. Franken. Als Hengist und Horsa mit den Sachsen nach England kommen, werden sie gefragt, was für Götter sie anbeten. Die Antwort ist: „Unter Führung des Mercurius überschritten wir die Meere und suchten das fremde Reich auf. Den Mercurius verehren wir besonders, den wir in unserer Sprache Wodan nennen. Ihm weihten unsere Altvorderen den vierten Wochentag, der bis heute noch seinen Namen, den Wodenes dai, erhalten hat.“ Eine Chronik des 10. Jhd. sagt von Hengist und Hors^: sie waren die Enkel eines Barbarenkönigs Woddan, den die Heiden wie einen Gott verehrten, und dem sie Opfer darbrachten um Sieg oder Heldentum. Wie in der sächsischen Abschwörungsformel der Täufling Thunaer, Woden und Saxnot entsagt und an den Christengott zu glauben verspricht (S. 190), so wird in einem ags. Denk-sprucliG Wodan als Hauptgott der Heiden dem christlichen Gott gegenübergestellt:

„ Wodan wirkte Irrlehre, der allwallende Gott die weiten Himmel.“

Von Wodan, dem Kriegs- und Siegesgotte, leiteten also alle ags. Könige ihren Stammbaum ab, und noch König Heinrich II. von England, der Zeitgenosse Friedrich Barbarossas, fühlte sich als Nachkomme Wodans. In Altsachsen und in den sächsischen Besiedelungsländern Mecklenburg, Pommern, Altmark und Priegnitz haften bis heute Sagen und Gebräuche von Wodan. Und wie noch heute in den alten Wohnsitzen der Langobarden Frau Gode, Gode fortleben, so berichtet bereits Paulus Diaconus, daß die Langobarden den Wodan unter der Form Gwodan verehrt hätten. (I8. Prolog zum Edikt K. Rotharis; D. S. Nr. 389). Den lateinischen Quellen liegt ein altes stabreimendes Lied zugrunde, und die Alliteration läßt sich noch erkennen:

Es gibt im Norden eine Insel Scadanan, wo viele Völker wohnen, unter ihnen auch ein kleiner Stamm, die Winniler (die Kampfrüstigen). Und es war bei ihnen eine [weise] Frau, Namens Garabara (die Scharfblickende, Kluge), und sie hatte zwei Söhne, der Name des einen war Ybor (Eber) und der des andern Agio (=mhd. Ecke, der Schrecker). Diese hatten mit ihrer Mutter Gambara die Herrschaft über die Winniler. Es erhoben sich nun die Herzoge der Wandalen, Ambri (der Unermüdliche) und Assi mit ihrem Heere, und sie sagten zu den Winnilern: „ Entweder zahlt uns Zins oder rüstet euch zur Schlacht und kämpft mit uns.* Da antworteten Ybor und Agio mit ihrer Mutter Gambara: „Besser ist es für uns, uns zur Schlacht zu rüsten als den Wandalen Zins zu zahlen.“ Da beteten Ambri und Assi, die Herzöge der Wandalen, zu Wodan, daß er ihnen Uber die Winniler Sieg verliehe. Wodan antwortete und sprach: „Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe, denen will ich den Sieg geben.“ In gleicher Zeit traten Gambara und ihre Söhne zu Frea, Wodans Gemahlin, und flehten um Sieg für die Winniler. Da gab Frea den Kat: die Frauen der Winniler sollten ihre Haare auflösen und um das Gesicht nach Art eines Bartes binden, dann aber frühmorgens mit ihren Männern auf dem Platze sein und sich zusammen da aufstellen, wo Wodan sie sehen müßte, wenn er wie gewöhnlich aus dem Fenster gen Morgen blickte. Als es nun dämmerte und die Sonne aufgehen wollte, drehte Frea, die Gattin Wodans, das Bett, worin ihr Mann lag, richtete sein Antlitz gen Morgen und weckte ihn. Und als er hinaussah, erblickte er die Winniler und ihre Frauen, die das aufgelöste Haar um das Gesicht geschlungen hatten, und er sprach: „Wer sind jene Langbärte?“ Da sagte Frea zu Wodan: „Wie du ihnen den Namen gegeben hast, so gib ihnen auch den Sieg“ (denn es war altgerm. Sitte, daß der Namengebung ein Geschenk folgen mußte; daher stammen unsere Patengeschenke). Und Wodan gab den Winnilem den Sieg, so daß sie sich nach seinem Ratschlüsse wehrten und den Sieg errangen. Von jener Zeit an wurden die Winniler Langobarden, die Langbftrtigen genannt.

Als Kriegsgott erregt Wodan Kampf zwischen Winnilern und Wandalen; beide Völker, also auch die ostgerm. Wandalen, rufen ihn um Sieg an. Er thront im Himmel und hat hier einen Saal (S 243), wie Zeus auf dem Ida sitzt und den Sterblichen zuschaut, wie Helios alles überblickt und vernimmt (II. 3277); von hier aus lenkt er das Geschick der Völker. Er hat die Macht und das Reich des alten Him-melsgottes Tius, und auch Erija, die ursprüngliche Gemahlin des Tius, sitzt ihm zur Seite. Gemütvoller Humor selbst den Himmlischen gegenüber ist deutsche Charakteranlage, es sei an Wodans Begegnung mit dem Mecklenburger Bauern erinnert (S. 234) und an die Schwänke, in denen Gott, Christus und Petrus auftreten. Auf keinen Fall ist deswegen auf junges Alter der Sage zu schliessen. Auch Hera und Athene besteigen gegen den Willen des Zeus den flammenden Wagen, um die zu bekämpfen, denen der Olympier den Sieg verleihen will; aber ganz anders erhebt Zeus seine Stimme (11. 8382 ff).

So wenig wie der heitere Ton, in dem das durch dramatischen Dialog ausgezeichnete Lied verfaßt ist, und die frohe Stimmung, die in Wodans himmlischem Reiche herrscht, gegen hohes Alter der Sage sprechen, darf die etymologische Deutung des Namens der Langobarden dagegen angeführt werden. Die Langobarden sind nicht die „alten Krieger“, noch die mit langen Barten Bewaffneten; diese sind keineswegs eine charakteristische Waffe für sie, denn beim Thing erscheinen die Langobarden mit dem Gere, und als Symbol der Wehrhaftmachung diente ihnen der Pfeil. Der Name des Volkes steht vielmehr zum Wodanskult in engster Beziehung, sie nannten sich nach dem langbärtigen Gotte Wodan. Daß sie sich ihren höchsten Gott auch so vorstellten, beweist der schöne langob. Name „Ansegranus“, der mit dem Götterbarte.

Daß die Langobarden Wodan als chthonischen Gott verehrten, zeigt sein Symbol, die goldene Schlange (S. 244). Für seine Verehrung als Wetter- und Kriegsgott spricht auch folgender Kult; Im Jahre 579 waren die Langobarden teilweise noch Heiden. Bei einer Siegesfeier, bei der 400 Gefangene niedergemacht wurden (zu Ehren des Kriegsgottes Wodan), brachten sie dem Teufel ein Opfer dar. Dieses bestand in dem Haupte einer Ziege, das sie im Kreise umtanzten und mit einem ,,verabscheuungswürdigen“ Liede dem Gotte weihten. Nachdem sie es selbst mit gebeugtem Rücken angebetet hatten, wollten sie dazu auch die Gefangenen zwingen; da diese aber schon Christen waren, zogen sie den Märtyrertod vor (Gregor. Dial. 328). Daß dieses Bocksopfer und der Opferleich dem Wodan galten, lehrt ein anderes Zeugnis (Miracula Apollinaris):

Deutsche Heiden — Alemannen oder Wandalen — fielen in Burgund ein und wollten eine Kirche zerstören, die dem Märtyrer Apollinaris von Chlodwigs Gemahlin gebaut war. Als alle Bemühungen, sie in Brand zu stecken, sich als vergeblich erwiesen, riefen sie ihre Priester zusammen und trieben sie an, nach alter Sitte ihrem Gotte Wodan Ziegen zu opfern und ihn (als Sturmgott) zu bitten, dem Feuer Kräfte zu geben, um den Tempel des Gottes eines fremden Volkes zu verbrennen. Jene brachten auch sogleich ihre unheiligen, törichten Opfer dar und riefen alle einstimmig ihren Wodan an. Aber während sie damit beschäftigt waren, erlosch das Feuer abermals, das an das Gotteshaus gelegt war. Als das die Anführer sahen, stürzten sie über die Diener ihrer Heiligtümer her und wüteten gegen sie mit grausem Mord.

Mit seinem Reiche hatte der leuchtende Gott Tius auch seine Gemahlin an Wodan abtreten müssen (S. 239). Nach der langob. Sage thront Frea neben Wodan im Himmel. Die älteste Vorstellung aber war, daß der Windgott im Sturmge-brause seine Buhle, die vom Winde gepeitschte Wolke, verfolgte; wenn dann der Gott die Verfolgte eingeholt hat, feiert er mit ihr das Fest der Vermählung.

WodanDiese Jagd auf die verfolgte Frau, als eine rohe und altertümliche Form des Brautraubes aufgefaßt, erklärt den Anteil, den der kriegerische Windgott an der deutschen Hochzeitsfeier hat. Dem Brautlaufe liegt der Gedanke zugrunde, daß die Frau durch Kraft und Geschicklichkeit ersiegt werden muß. Durch ungestümes Vorwärtseilen errang sich der Bräutigam beim Wettlaufe die Braut; von dem Gotte, der als der Schnellste und Siegreichste galt, dem unwiderstehlich dahinstürmenden Windgotte Wodan, erhoffte und erflehte er dabei Beistand und Hilfe. Darum ward Wodan als siegreicher Schützer des Brautlaufes und der Hochzeit angerufen, während man die eigentliche Weihe dem hammerbewehrten Donar zuschrieb. Braut- und Liebes-leute wandten sich an Wodan in feierlichem Hochzeitswunsche, und auf Gescheuken, die sie einander verehrten, ritzten sie wohl einen Segenswunsch ein: wie der Gott seine himmlische Gemahlin mit Eile und Ungestüm ersiegt habe, so möge er seinem irdischen Vertreter den eilenden Fuß beflügeln. Ein solcher alter Hochzeitswunsch ist uns auf der •sogenannten Nordendorfer Spange erhalten (Abb. 10, 11). Im Jahre 1843 stießen die Arbeiter beim Bau der Eisenbahn von Augsburg nach Donauwörth in der Nähe von Nordendorf auf menschliche Gebeine und mannigfache Schmuckgegenstände aus dem 6. oder 7. Jhd. Man hatte einen alten Kirchhof aufgefuuden: die Köpfe waren nach Westen, die Fußenden nach Osten zu gekehrt. Die Reste der Vergangenheit werden uns zu Zeugen des Glaubens und Lebens unserer Vorfahren.

Auf dieser Nordendorfer Spange stehen die Runen: RunenEine Gewandspange mit einem feierlichen Hochzeitswunsche darf als ein passendes Hochzeitsgeschenk angesehen werden, das die Braut dem Geliebten überreichte. In dem Spruche: Loga l>ore Wodan, wigi Thonar = ,,die Heirat ersiege, Wodan; weihe, Donar!“ sind Wodan und wigi, £>ore und ponar durch gleichen Anlaut gebunden: es ist ein aus zwei Kurzzeilen bestehender Langvers. Auch die Namen des alemannischen Liebespaares sind erhalten; von einer anderen Hand ist der Inschrift ein zweiter Teil zugefügt: „Awa hat die Spange dem Leubwini geschenkt.“ Und wie in den Zwölfnächten Wodan als Sankt Nikolaus mit breitkrämpigem Hute, oder als Schimmel oder Schimmelreiter erschien, für dessen Pferd die Kinder Heu und Hafer in ihre Schuhe steckten, die Alten eine Sache ins Freie stellten, so erschien im vorigen Jahrhundert in der Nacht zur Hochzeit „eine wodanähnliche Figur, ein Schimmelreiter mit rotem Mantel und breitkrämpigem Hut“

Aber Wodan blieb nicht mehr bloßer Naturgott, sondern er entwickelte sich zu einem Kulturgott im höchsten Sinne des Wortes. Bereits in historischer Zeit ist er bei den Istwäonen unter dem Einflüsse der von Süden und Norden her eindringenden Kultur zum Spender alles Segens, Gott des Rechtes, der Gewandtheit und der Erfindung, der Wissenschaft und der Dichtkunst geworden. Alles Schöne und Edle wird auf ihn übertragen, alles Hohe und Herrliche stammt von ihm, jeder Wunsch wird von ihm gewährt. Wie auf germanischen Denksteinen Tius mit der Victoria erscheint, so werden dem Wodan (Mercurius) und der Felicitas oder Fortuna von den Gardereitern Inschriften geweiht. War Wodans Speer ursprünglich der aus der nächtlichen Wolke geschleuderte Blitz, dann das Symbol des Schlachtengottes, so erhielt der Speerwurf jetzt auch rechtliche Bedeutung (S. 235). Regelmäßige Stöcke oder Pfähle wurden zur Landmessung in die Erde gestoßen und das abgesteckte Gebiet dem Schutze Wodans empfohlen; darum war Yönstoc (Vödenstoc, Wodans Stock oder Pfahl) im ags. ein Grenzmal, und wenn in den Niederlanden ein gewisses Handmaß oder die Spanne Woenslett (Woedensglied) heißt, so erscheint auch in dieser Anwendung Wodan als Gott des Maßes.

Er wird selbst als König der Götter angerufen: ein Bataver Blesio weiht dem Mercurius rex (dem Könige Wodan) einen Stein, der am Ufer der Waal gefunden ist, und auf einer anderen, bei Aachen gefundenen Inschrift wird Wodan Mercurius \Leudisio genanut, Herrscher über alles und alle.

Vom Rhein aus erobert sieh Wodan seine Macht und Stellung, ursprünglich dem Himmelsgotte Tius untergeordnet, dann mit ihm sich in die Herrschaft teilend und endlich unbestritten der alleinige Gebieter der Götter und Menschen. Tacitus versichert, daß die Deutschen vorzüglich den Mercurius, Hercules (Donar) und Mars (Tius) verehrten. Aus den allgemeinen Andeutungen geht hervor, daß Wodan wie Tius dem Kriege Vorstand. Die vornehmsten Opfer waren Menschenopfer, und diese fielen dem Mercurius (Germ. 9, Ann. 1357). Die Anwendung klassischer Namen auf deutsche Götter, die interpretatio Roniana, verbreitete sich allgemein und wurde von den lateinischen Schriftstellern der folgenden Jahrhunderte mit genauer Übereinstimmung beibehalten. Paulus Diaconus sagt: Wodan, den sie mit vorgeschlagenem Buchstaben GWodan nennen, ist derselbe, der bei den Römern Mercurius heißt. Die Alemannen opferten ihrem Wodan, den andere Mercur nennen (Jon. v. Bobbio); Mars und Mercur sind die Götter, zu denen Chlodovech betet (S. 211). Hengist und Horsa verehren besonders den Mercur, der in der heimischen Sprache Wodan heiße. Die Deutschen nannten den vierten Wochentag, den Tag des Mercur (frz. Mercredi) nach ihrem Gotte Wodan: noch heute heißt der Mittwoch ndd. Gudenstag, engl. Wednesday, ags. Vödenes däg, holländ. Woensdag. Wenn die Römer Wodan mit Mercur Wiedergaben, so mag Tacitus immerhin die Stelle Casars vorgeschwebt haben, daß die Gallier eine an Mercur gemahnende Gottheit verehrt hätten (b. g. 617), und ihre Kenntnis des gallischen Mercur (keltisch Lug) mag bei ihrer Verdolmetschung mitgewirkt haben, aber als tatsächlicher Bestand bleibt doch, daß Wodan eine Gottheit war ähnlich dem aus Hermes entwickelten Mercur, geistig rührig, überall in das Leben eingreifend, ein Förderer des Verkehrs, gewandt in Rede und Wort. Hermes und Wodan sind Windgötter, Schnelligkeit und Kraft sind beiden gemeinsam. Wie Wodan seine Lieblinge auf sein Götterroß hebt, so trägt Hermes den Ganymed in den Himmel empor. Beide wehren Krankheiten ab, schützen die Flur und die Herde und sind Führer des Totenheeres. Dem wilden Jäger entspricht Hermes diäxioQos (dtdwco* wegtreiben, jagen). Beiden sind Berge heilig, und auch Hermes ist in einer Gebirgshöhle verborgen. Wie dem Hermes das erste und beste Los heilig ist, so gilt Wodan als Erfinder der Losrunen und Glücksspiele. Wie Hermes trägt Wodan den breitrandigen Hut und den wallenden Mantel.

Tacitus hat bei seiner Schilderung der Deutschen vorzüglich die rheinischen Völker im Auge. Am untern Rheine waren die Germanen zuerst mit der keltischen und dann mit der römischen Kultur in Berührung getreten. Noch als Nomaden waren die Istwäonen mit ihren Herden iu das zur Weidewirtschaft geeignete Keltenland hinabgestiegen und hatten sich in den Häusern und geschlossenen Einzelhöfen der Kelten festgesetzt. Während sonst das germanische Dorf mit seinen Häusern und Gäßchen, den ringsumgebenden Ackerfluren, dem umfangreichen Wiesen-, Weide-und Waldland den Siegeszug der Deutschen bis in das Herz Galliens begleitet, sind die Einzelhöfe keltischen Ursprunges. Als die Istwäonen in das keltische Gebiet eindrangen, wurden die bisherigen Besitzer, soweit sie nicht entflohen oder umkamen, ihre Sklaven oder Liten. Diese keltisch-germanische Mischkultur der Istwäonen trat in der Zeit zwischen Cäsar und Tacitus durch die Feldzüge des Drusus, Tiberius, Varus und Germa-nicus mit der noch höher entwickelten römischen Kultur in Beziehung. In Krieg und Frieden, Rechtspflege und Handelsverkehr waren Berührungen zwischen Germanen und Römern unvermeidlich; acht römische Legionen lagen zur Zeit des Tiberius am Rhein. So ward dem Lande und seiner Kultur vornehmlich ein militärischer Charakter gegeben, aber auch die Namen der Wochentage, der Monate, das Alphabet drangen von Rom aus an den Rhein. Als Tiwaz Istwaz bei den Rheinländern von Wodan verdrängt wurde, ward Wodan der Träger dieser höheren Kultur. Ausbildung der Kriegskunst und bessere Bewaffnung, Beredsamkeit und höheres Wissen, Gewandtheit und Erfindungsgabe verdankte man ihm. Der Gott selbst zeigt jetzt kriegerisches, ritterliches Gepräge: er führt den Speer oder das Schwert, sprengt auf mutigem Roh einher, die Brust bedeckt mit goldener Brünne. Waren die istw. Marsen noch zur Zeit des Germanicus (14 u. Chr.). Pfleger des Heiligtums des Tius und der Tanfana, so wurden die gleichfalls istw. Ansiwaren, nördlich der Sieg, die Wahrer und Hüter des istw. Ans- oder Wodandienstes und errangen unter den Istwäonen die führende Stellung. Schon Tacitus deutet an, daß sie ein gewisses Stammesansehen genossen, Adel und Königsgeschlecht der ripuarischen Franken sind ansiwarisch, anscheinend auch die Familie der Pippiniden. Julian muß gegen die Franken, die „auch Ansiwari heißen^, über den Rhein zu Felde ziehen, die Nachricht des Tacitus von ihrer Vernichtung ist also ein Irrtum (Ann. 1356; D. S. 366); von ihrem Lande nördlich der Sieg begründeten die Ansiwari die Macht des ripuarischen Frankenreiches.

Von den istw. Stämmen rückt der Haupt- und Kulturgott Wodan zu den andern deutschen Stämmen vor und nimmt auch bei ihnen die Stelle des Tius ein. Charakteristisch für Wodans Vordringen ist die Geschichte seines Stammes. Während die got. Amelungensage die Macht und Herrlichkeit der Treue preist, zeigt die rheinische Nibelungensage das zerstörende Wirken der Untreue. „Den Franken ist es erb und eigen, lachend das Treuwort zu brechen“ (Vopiscus): keine Hindernisse schrecken das merovingische Königsgeschlecht von seinem Ziele, der Alleinherrschaft, zurück, in blutigen, rücksichtslosen Kämpfen wird das Königs- und Adelsgeschlecht ausgerottet, auch nach Einführung des Christentums wuchern Verrat und Mord in unerhörten Greueltaten fort, aber ein deutsches Land nach dem andern unterwirft sich dem salischen Eroberungstriebe, dessen unersättlicher Vertreter Chlodovech ist, bis sich in ungeahntem Glanze das fränkische Reich erhebt. So erobert der Götterkönig Wodan einen Stamm nach dem andern in unvergleichlichem Siegeszuge, die Ingwäonen wie die Erminonen, und drückt seinen Namen und sein Gepräge so unauslöschlich fest auf die deutsche Geistesbildung, daß Wodan als die Verkörperung des deutschen Glaubens gelten darf. Der dichterische, fürstliche, siegreiche Wodan, der unbestrittene Göttervater und Götterherrscher dringt nach Norddeutschland zu den Sachsen und Langobarden und zu den Nordgermanen; hier ist er in seinem vollen Glanze erhalten. Noch bevor die Langobarden .ihre alten Wohnsitze an der untern Elbe verließen, muß Wodan ihr Hauptgott gewesen sein. Aber auch bei den ost-germ. Vandalen muß er damals schon seinen Siegeseinzug gehalten haben. Mindestens gleichzeitig, wenn nicht schon früher, haben ihn auch die Sachsen verehrt. Wie fest hier seine Verehrung wurzelt, bezeugen die ags. Königsgenealogien, die ins 5. Jhd. zurückreichen, die Abschwürungsformel noch aus dem 8. Jhd., und das Verzeichnis heidnischer und abergläubischer Gebräuche und Meinungen aus der Zeit Karls des Großen. Wodansopfer und Wodansheiligtümer werden in ihm verboten, sowie Wochentage (den Mittwoch) ihm zu Ehren vor den übrigen auszuzeichuen (Indiculus Nr. 8; 20). Eine Musterpredigt aus derselben Zeit verbietet Opfer, die dem Donar und Wodan über Felsen, an Quellen, an Bäumen dargebracht werden, und die heidnische Mittwochfeier. Den Nordfriesen heißt der Mittwoch noch heute Winjsday, Winsday = Wodanstag. In Mitteldeutschland verehren ihn die Thüringer als den höchsten zauber- und heilkundigen Gott, in Hessen und Thüringen findet sich ein Wodensberg. Selbst den suebischen Bauern in Spanien galt im 6. Jhd. der Mittwoch als Wodanstag für besonders heilig, an dem man nicht arbeiten dürfte (Mart. v. Bracara, S. 247). Es fällt daher nicht allzuschwer ins Gewicht, daß auf süddeutschem Boden ein Wuotanestac nicht belegt ist (S. 184). Denn die Nordendorfer Spange, der Eigenname Wuotan, der 17mal im 9. Jhd. vorkommt, die Glosse wötandyrannus, das Zeugnis des Jonas von Bobbio und der Miracula Apollinaris (S. 251) beweisen, daß Wodan in Oberdeutschland keineswegs bloßer Nacht- und Windgott wie im Münchener Nachtsegen öder gar nur ein Dämon war. Die Angabe des Langobarden Paulus Diaconus wäre unbegreiflich, wenn gerade die nächsten Grenznachbarn seines Stammes, Alemannen und Bayern, eine so auffällige Ausnahme gebildet hätten. Paulus Diaconus wird mit Recht für die Zeit vor der Bekehrung behaupten: Wodan wird von allen Stämmen Germaniens als Gott verehrt.

Germanenherz aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (Paul Herrmann 1906).

ergänzende Beiträge

Julfesten

Germanenherz Julfesten

Wenn durchs Land der Herbstwind pfeift, sind schon Berg und Tal bereift,
dann wendet sich mit frohem Sinn, unser Herz zur Julzeit hin:
Herbststürme brausen, grau das Himmelszelt,
wir harren und hausen in unsrer dunklen Welt.
Kein Wettersturm ist uns zu hart; wir sind von Nordlands Art!

Hat der Julmond Schnee gebracht, freuen wir uns dieser Pracht.
Hei, frisch die Schneeschuh angeschnallt, uns ist kein Schnee zu kalt;
Schneestürme brausen über Wald und Feld,
wir schlittern und sausen durch unsre weiße Welt.
Kein Aufwärts ist zu steil, zu hart, wir sind von Nordlands Art!

Hat die Zeit uns wohlgetan, sehnen wir das Fest heran,
die Sonnenwend mit neuem Licht, das hell ins Finstre bricht:
Lichter erhellen jedes deutsche Haus, wo wir uns gesellen,
bei Wetter, Sturm und Braus, ums heilge Feuer froh geschart,
wir sind von Nordlands Art!

Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende. Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen. Wintersonnenwende – Das große germanische Fest Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da,… Weiterlesen

Wintersonnenwende – Das große germanische Fest

Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da, Yulezeit ist da Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht die Sonne wendet und Balder erwacht Stellt das Sonnenrad auf, stellt das Sonnenrad auf … Weiterlesen

Der himmlische Lichtbaum der Indogermanen in Sage und Kultus.

IrminsulWenn die prähistorische Archäologie allmählich immer mehr einen gewissen homogenen Zustand der in Europa sich ausbreitenden und dasselbe eigentümlich kolonisierenden indogermanischen oder arischen Stämme in Bezug auf das häusliche Leben und die Anfänge gewerblicher Thätigkeit aufdeckt, so entsprechen dem auch die Besultate der Untersuchungen über den mythologisch-religiösen Entwickelungsstandpunkt derselben. Neben den überall bei den betreffenden Völkern auftauchenden analogen Naturanschauungen, als Grundlage ihrer Mythologie, erscheint aber schon eine gemeinsame Phase in der Entwickelung der auf jenen hin sich entfaltenden religiösen Vorstellungen und Gebräuche. Die gleichsam noch flüssigen Elemente fangen schon an eine gewisse Consolidierung zu zeigen. Unter anderem tritt uns eine solche höchst bezeichnend in dem sogenannten Baumkultus und den sich daran schließenden mythisch-religiösen Vorstellungen entgegen, welche nicht, wie man bisher gemeint und namentlich Boetticher und Mannhardt in neuerer Zeit mit großer Gelehrsamkeit auszu-fiihren sich bemüht, aus dem Waldleben der Urzeit unmittelbar hervorgegangen, sondern ursprünglich auf Vorstellungen von einem wunderbaren Welt- oder Himmelsbaum zurückzuführen sind, als dessen Abbilder nur gleichsam gewisse irdische Bäume dann eingetreten. Mit diesem Himmelsbaum stehen wir aber im Mittelpunkt einer eigentümlichen, höchst primitiven Welt- resp. Himmelsanschauung überhaupt, welche zu ihrer Zeit die betreffenden Kreise ebenso beherrschte und für andere Vorstellungen als Anlehnung diente, wie später in den historischen Zeiten innerhalb der klassischen und christlichen Welt selbst noch auf dem Gebiete wissenschaftlicher Forschung der Glaube an die angeblich um die Erde als ihren Mittelpunkt sich drehenden Himmelskörper maßgebend war, bis auch diese Vorstellung wieder einem neuen, nämlich dem kopernikanischen Systeme weichen mußte.

Unter den vielen prähistorischen Vorstellungen von der Sonne, oder sagen wir gleich besser, vom Sonnenlicht, wie es mit der Morgenröte sich in den Wolken zu verzweigen beginnt, tritt uns nämlich bei den Indogermanen und, wie ich gleich hinzufügen will, auch bei den Semiten und überhaupt im Orient die Ansicht entgegen, daß man meinte, es sei ein wunderbarer »lichter« Baum, der sich da über den Himmel ausbreite, wie auch Bück er t noch dies Bild eines solchen Sonnenbaumes reproduziert, wenn er singt:

Streife nicht am Boden, schwebe

Dort hinan im Siegeslauf,

Wo im Blauen unbegrenzet

Blüht der Sonne goldner Baum;

oder in volkstümlicher Form ein kleinrussisches Volksrätsel dieselbe Anschauung zeigt, wenn es heißt:

»Es steht ein Baum mitten im Dorfe,

in jeder Hütte ist er sichtbar«

, und die Auflösung dann ist: »die Sonne und ihr Licht.«

Ich habe die betreffende Vorstellung in dieser Weise in Mythe und Kultus zuerst in einem Aufsatz der Berliner Ethnologischen Zeitschrift (v. J. 1874) über den Sonnenphallus, dann in meiner Schrift vom Ursprung der Stamm- und Gründungssage Borns (v. J. 1878) auf das mannigfachste begründet und verfolgt, nachdem ich früher im »Ursprung der Mythologie« p. 130 ff. mit Kuhn nur eigentümliche Wolkenbildungen als Ausgangspunkt für die betreffende Vorstellung, z. B. für die Weltesche Yggdrasil, angenommen hatte, indem wir bei unseren Wanderungen (s. Kuhn und Schwärtz, Norddeutsche Sagen u. s. w. G. 412. 428) für gewisse derartige Wolkenformationen noch die volkstümlichen Bezeichnungen: Abrahams- oder Adams- oder kurzweg Wetterbaum vorgefunden hatten. Da aber die in den erwähnten Abhandlungen von mir gegebenen allgemeinen neuen Ausführungen z. T. anderen Zwecken dienten, so schien es mir bei der Bedeutsamkeit der Sache an sich, namentlich auch in Bezug auf den oben angedeuteten Standpunkt als einer eigentümlichen Religionsphase der in Europa sich ausbreitenden Indogermanen, wohl wert, die betreffende Kultusvorstellung von diesem Standpunkt aus einmal selbständig, wenigstens in den Hauptmomenten zu erörtern.

Mit einigen Bemerkungen greife ich jedoch, des allseitigen Verständnisses halber, auf meine Untersuchungen erst zurück. Das aufsteigende Licht erschien, wie ich speziell daselbst ausgeführt, (im Gegensatz zu einer Rauchsäule als Lichtsäule oder unter dem Reflex eines Baumes als Stamm; die in den Wolken sich verästelnden Sonnenstrahlen als Aeste und Zweige, die Wolken als Blätter u. s. w. Die Sonne selbst (in ihrer kugelartigen Gestalt galt zunächst dabei als eine Art Accidens, welches dann erst allmählich die verschiedensten Nebenvorstellungen weckte, z. B. vereint mit der Vorstellung vom Mond und namentlich den Sternen als zauberhaften Erüchten an jenem (goldenen) Himmelsbaum, u. a. die von einem himmlischen Apfel- oder Feigenbaum.

In dem angedeuteten Sinne spricht, wie ich nachträglich zur Bestätigung meiner Ansicht anführen konnte, der Talmud noch ganz gewöhnlich von der Säule der Morgenröte oder vergleicht das aufsteigende Sonnenlicht mit seinen seitlich hindurchbrechenden Lichtstreifen mit einer aufsteigenden und sich verästelnden Palme, und eine indische Sage führt das Bild noch weiter aus, wenn sie berichtet:

»In der Mitte der Welt ist der Baum Udetaba, der Baum der Sonne, welcher mit Sonnenaufgang aus der Erde hervorsproßt und in dem Maße, wie die Sonne steigt, in die Höhe wächst und sie mit seinem Gipfel berühret, wenn sie im Mittag steht; worauf er wieder mit dem Tage abnimmt und sich beim Sonnenuntergang in die Erde zurückzieht.«

Wenn es mir aber gelungen war, in den Mythen der alten Welt von zauberhaften Bäumen das betreffende Bild als die Urvorstellung zu eruieren, so war damit auch der Ursprung des weitverbreiteten Säulen- und Baumkultus nachgewiesen. Wie meistenteils wurde nämlich das himmlische Bild in einem irdischen Abbilde nachgeahmt. Eine Säule, ein aufgerichteter Stamm vertrat die himmlische Lichtsäule als ihr irdisches Substitut, und allmählich reihte sich daran eine Art Kultus, wie wir ihn noch jetzt z. B. bei rohen Stämmen Indiens in der primitivsten Weise als Mittelpunkt ihrer Religion wiederfinden, wenn sie einen solchen Stamm mit Ocker bemalt und meist noch mit einem ungeheuren Ungarn versehen, in ihren Niederlassungen aufrichten, — eine Symbolik, die dann in den verschiedensten Variationen, mehr oder minder reich entwickelt, bei den Völkern der alten Welt noch mannigfach hindurchbricht, bei den Deutschen speziell sich in der Irmensäule erhalten hat Ebenso fand der Naturmensch, als jener Wunderbaum, von jenem natürlichen Urbild am Himmel sich gleichsam allmählich loslösend, in der Tradition selbständige Gestalt und Wurzel faßte, in alten, viele Generationen von Menschen überdauernden Exemplaren von Bäumen, die in ihrer Gewaltigkeit ihm imponierten und selbst der Vorzeit anzugehören schienen, Anknüpfung zu irdischer Lokalisierung und einer Substituierung in ähnlicher Art im Kultus1). Nicht bloß im Himmel, auch auf Erden finden wir nun den alten Lichtbaum unter den verschiedensten Formen in der Sage wieder; was sie aber von ihm erzählt, bestätigt überall den behaupteten Ursprung der Vorstellung, denn es stammt meist alles von dem himmlischen Urbilde her. Die Tradition hat eben den wunderbaren Stoff in der Hauptsache mit der Phantasie festgehalten und ihn nur zum Teil im Fortschritt der Zeiten verschiedenartig gestaltet, so daß nur die Wissenschaft hinter den individuellen Bildern den Analogen Hintergrund herausfindet. Denn sonst gilt auch hier der Grundsatz, den ich zuerst in meiner Schrift vom »Heutigen Volksglauben« u. s. w., Berlin 1850 (2. Aufl. 1862) aussprach, daß die Tradition, namentlich in ihrer äußeren Gestaltung, dem Leben der Völker nachgeht und danach sich vielfach wandelt.

Tritt nun jene Vorstellung des betreffenden Himmelsbaumes, wie Kuhn in seinem Buche »Über die Herabkunft des Feuers und Göttertrankes« s. Z. nachgewiesen, bei Indem wie Persern charakteristisch hervor, obgleich, wie ich sofort hervorheben will, echt phantastisch-orientalisch ausgemalt, so sehen wir in den mythologischen Massen der europäischen Arier das betreffende mythische Element des himmlischen Sonnenbaumes mehr in einer gewissen plastischen Einfachheit gefaßt, daneben aber doch in voller Naturwüchsigkeit sich geltend machend und überall gleichsam mit stets neuen Schößlingen in Mythe, Sage, Märchen und Kultus immer wieder Wurzel treibend und zu neuen Gebilden sich gestaltend. Wenn die so historisch entstandene Mannigfaltigkeit in den einzelnen lokalen Gestaltungen bisher jenen einheitlichen Hintergrund hat verkennen lassen, so legt nach unserm Standpunkt dies nur dafür Zeugnis ab, daß die betreffende Anschauung noch lebendig inmitten einer um sie sich immer reicher entfaltenden und in den verschiedenen Stammes- und Lokalkreisen sich mannigfach gestaltenden Naturbetrachtung und mythischen Produktion stand. Die Phantasie brachte nämlich hier und dort in der verschiedensten Weise die anderen, gleichfalls im Himmel um den Weltenbaum auftretenden atmosphärischen Erscheinungen, wie Sturm, Blitz und Donner, kurz das ganze Treiben am Himmel mit ihm in fernere oder nähere Beziehung, so daß, je nachdem die Tradition dies religiös oder historisch, poetisch oder in einem die geglaubte Scenerie nachahmenden Gebrauch verwertete, die mannigfachsten Spielarten jeder Gattung und die oft anscheinend heterogensten Stoffe daraus wurden, während der eigentliche Mittelpunkt, um den sie sich wie Krystalle angesetzt, derselbe ist

Um diesen Entwickelungsprozeß zu verstehen, um den behaupteten einheitlichen Ausgangspunkt des betreffenden Baumkultus, wie er auch bei Griechen und Römern, Nord- und Südgermanen, ja auch Kelten in Sage und Kultus uns entgegentritt, zu erkennen, muß man vor allem die erwähnten Acci-dentien der übrigen Himmelserscheinungen in ihren mannigfachen Formen und daran sich knüpfenden verschiedenen Gestaltungen von dem gemeinsamen Hintergrund erst gleichsam loslösen und in ihrer Besonderheit fixieren, weil sie vor allem es sind, welche den Bildern das bunte Kolorit verleihen, welches den ursprünglich analogen Einschlag des Gewebes zunächst verdeckt und so verkennen lässt, daß es ursprünglich dasselbe Material ist, welches nur in verschiedenen Orten und anderen Zeiten anders verwendet worden ist.

Die hauptsächlichsten mythischen Elemente, welche sich nun im Anschluß an die verschiedenen atmosphärischen Erscheinungen um den Sonnenbaum in den Sagen gruppieren, sind zunächst folgende:

I. In theriomorphischer Auffassung der Wolken galt:

A) Die drohend hängende Gewitterwolke, (die pen-dentia vellera lanae des Lncrez) als ein Fell, eine Art Aegis und erschien am Sonnenbaum so u. a. aufgehängt. Poet. Kat II. p. 1 ff. u. 35 ff.

B) Dahinschwebende Wolken, (die volantes nubes des Lucrez) erschienen daneben als Vögel verschiedener Art, die helleren, lichteren besonders als Schwäne1), z. T. auch als Tauben.2) ürspr. d. Myth. 155. 161. 194. 199. 205. 215. 218. 270. 275. Poet. Kat. I. 21. 28. 115—119. 173. 188. 190. Die grosse dunkle Gewitterwolke galt von diesem Standpunkt aus speziell als ein schwarzer Aar ((ff. aquilo und aquila, sowie den Adler als Blitzträger des Zeus u. dergl.). Schwartz, »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum«, Berlin, II. Aufl. 1862 p. 67 ff. Urspr. d. Myth. p. 199 ff. Poet. Kat L 16 f. 108. H. 34.

II. Der sich schlängelnde Blitz erschien als Schlange oder Brache. Urspr. d. Myth. 1—159. Poet Nat. n. 83 ff.

III. Der Zickzackblitz leuchtete als Gehörn eines himmlischen Hirsches oder galt als „springende Geiß“, wie .der nordische Thor auch mit Böcken fährt Poet Nat I. 42 1 75. H. 93 ff. cf. Urspr. d. Myth. 219 ff.

Da haben wir beispielsweise schon den Keim verschiedener, um den himmlischen Lichtbaum sich gruppierender, bekannter mythischer Bilder.

No. LA. und No. II. Vließ und Drachen zeigen uns sofort in Verbindung mit dem Sonnenbaum im östlichen Sonnenlande der griechischen Mythe den heiligen Baum der Argonautensage, an dessen Zweigen das goldene Vließ hängt, bewacht von einem gewaltigen Drachen. Im Westen entspricht ihm, — denn Ost und West gelten in mythischer Hinsicht oft in gleicher Weise als Sonnenlokalitäten, — der hesperidische Wunder-Apfelbaum (s. oben), dem der hütende Drache nicht fehlt. Nach dem einen zieht Jason, nach dem andern Herakles.

Gehört beides mehr der in der Feme am Weltrande sich lokalisierenden Sage oder, fast möchte ich in diesem Falle sagen, dem »Märchen« an, so vergleicht Boetticher schon mit Recht hiermit und führt auf dasselbe mythische Element die Sage zurück, nach der es zu Athen hieß: Athene habe eigenhändig den schlangengestaltigen Heros Erichthonios zum Wächter ihres heiligen Baumes auf die athenäische Burg getragen (p. 19 cf. 206). Die Richtigkeit der behaupteten Beziehung tritt um so schlagender hervor, als Boetticher die weitere Verbreitung des betreffenden Bildes nachweist (wenngleich er nach dem bisherigen vulgären Standpunkt irrtümlich dabei an irdische Bäume und an die Schlange als Dämon der Erde (!) denkt). »Nicht nur heilige Bäume, die aus der Sage berühmt sind«, sagt er p. 205, »haben diesen ihren Schutzheros (den Schlangendämon), — eine Menge Bildwerke, auf denen sich die Baumschlange schützend um den heiligen Baum windet, zeigen die Verbreitung dieses Gedankens in der alten Welt«, d. h. wie ich meine, die ursprünglich am Himmel angeblich gefundene Be-ziehungvom Sonnenbaume und der Blitz esschlange(resp. des Gewitterdrachens) und ihre mannigfache irdische Lokalisierung.
veder_yggdrasil In ähnlicher Weise zeigt No. I. B. verbunden mit Nö. II. und HI. (d. h. das mythische Vogelelement mit Schlange, Hirsch, Geiß um den Sonnenbaum sich gruppierend) auf die nordische, durch alle Welt sich ausbreitende Esche Yggdrasil hin, den hohen immergrünen d. h. ewigen Baum, den »weißer Nebel« netzt, wo nach der Edda in Urds Brunnen zwei Schwäne sich nähren, »von denen das Vogelgeschlecht dieses Namens kommt«, während oben auf dem Baum ein kluger Adler sitzt, am Fuß aber nicht bloß die mythische Schlange (namentlich dieNidhöggr), sondern auch nochHirsch und Ziege bedeutsam auftreten. Wenn dieser Hirsch dann in weiterer Beziehung zur Sonne gebracht wird und als sogenannter Sonnenhirsch in den Sagen eine besondere Rolle spielt und bedeutsam wird, so charakterisiert ihn in dem angedeuteten Gewitterkreise zunächst noch höchst bezeichnend der Umstand, daß es von seinem Geweih bei der Esche Yggdrasil nach Hrwergelmir, dem Brunnen Niflheims, tropft, wovon alle Ströme kommen. Geht dies auf die Regenwasser die beim Erscheinen, d. h. dem Heraufkommen des dunklen Nebelreichs am Himmel,3) von dem kolossal zu denkenden Gewittertier zu triefen schienen, so bezieht es sich auf die weißlichen Wolken, die ursprünglich als eine Art himmlischer Milch gedacht wurden, wenn von den Eutern der Himmelsziege Heidrun, der nordischen Amaltheia, so viel Milch fließt, daß die Einherier in Odhins Halle vollauf davon zu trinken haben.

Zur Esche Yggdrasil stellt sich nun weiter als Dublette, auch auf dem Boden der nordischen Mythologie, der auch über alle Lande gehende Baum Mimameidr, wie ich Urspr. d. M. 206 ff. ausgeführt, besonders da auf seiner Höhe auch ein Yogel und zwar ein Hahn (Auer- oder Birkhahn?) sitzt, schwarz und goldig zugleich, was an Lenau’s Yerse von der Gewitternacht erinnert, wenn er sagt:

Als wie ein schwarzer Aar, des Flügel Feuer fingen,

So schlägt die schwarze Nacht die feuervollen Schwingen.

Wir werden nachher in der dodonäischen Eiche noch in anderen Beziehungen mannigfacher Art ein irdisch lokalisiertes Abbild unseres himmlischen Lichtbaumes auf griechischem Boden wiederfinden, hier mag genügen, darauf hinzuweisen, daß nicht bloß bei der Esche Yggdrasil und dem Baum Mimameidr, ebenso wie bei den indischen und persischen Sonnenbäumen göttliche oder zauberhafte Vögel eine Rolle spielen (Urspr. d. röm. Stammsage 15 f.), sondern auch auf der dodonäischen Eiche, bei der alle Mythen, wie wir sehen werden, mit der weissagenden Kraft des Himmelsbaumes in Verbindung gebracht werden, nach Herodot (2,55) ein schwarzer, zauberhafter Yogel, nämlich eine schwarze Taube (a&Uta (tikacva) sich gezeigt haben sollte, die mit menschlicher Stimme verkündete, daß dort ein Orakel des Zeus sein solle. Aber nicht dies allein, auch sonst verbindet die Sage die Peleiaden dort mit dem Dienst des Zeus mannigfach und höchst charakteristisch, indem es, wie Perthes ebenso fein als ausführlich dargelegt hat, oft kaum zu unterscheiden ist, ob damit weissagende Nymphen oder Tauben gemeint, weshalb er sie auch den Schwanjungfrauen der deutschen Sagen vergleichen möchte. Nichts aber beweist mehr die ursprüngliche Wolkennatur der dodo-näischen Peleiaden, als dieser Umstand, daß sie in der Ueber-lieferung bald als Frauen, bald als Vögel erscheinen, und daß zugleich, wie eben erwähnt, keine dieser beiden Gestalten bei einer genaueren Prüfung Stich hält. Diese Doppelnatur teilen sie mit den deutschen Schwanjungfrauen, die in kühler Flut badend am Ufer den Schwanring oder das Schwanhemd ab-legen und der Gewalt dessen verfallen, der ihnen dies raubt, sowie mit den drei Tauben, die in einer deutschen Dichtung zu einer Quelle fliegen und als sie die Erde berühren, zu Jungfrauen werden, denen dann Wieland die Kleider entwendet und nicht eher wiedererstattet bis sich eine derselben bereit erklärt, ihn zum Manne zu nehmen, und endlich mit den drei weissagenden Meerweibern, denen in dem Nibelungenlied Hagen das Gewand weggenommen hatte und die vor ihm »wie Vögel aus der Flut aufschwebten.« Wenn Perthes dabei Grimm D. M.’p. 399 citiert, so füge ich aus der letzten Stelle noch hinzu, daß Grimm die letzteren Wesen unbedenklich auch speziell als Schwanenjungfrauen faßt, und mache in betreff der alten weiten Verbreitung und mannigfachen Nüan-cierung des betreffenden Zuges noch darauf aufmerksam, daß auch Aeneas bei Virgil von einer der oft auch in der Dreizahl auftretenden Harpyien, nämlich der Keläno, nachdem er sie im Kampf gestellt, eine Weissagung empfängt, ebenso wie Hagen, und daß die Harpyien recht eigentlich in drastischer Weise, wie ich nachgewiesen, die Gewittervögel repräsentieren, s. Urspr. d. M. im Index unter Harpyien.

Kurz, wenn wir hinzunehmen, daß auch Tauben nach Homer täglich dem Zeus den Göttertrank bringen, — ein Moment, auf das wir übrigens nachher noch einmal bei den am Himmelsbaum auftretenden Quellen und Tränken zurückkommen müssen, — so stellen sich die Tauben mit samt den Peleiaden zu Dodona ganz zu den nordischen Schwanjungfrauen nicht bloß in analoger Gestaltung, sondern auch charakteristischer Thätigkeit, denn auch die Schwanjungfrauen reichen den Göttern und Einheriern den himmlischen Trank und berühren sich mit den weissagenden Nomen, wie schon Grimm M. p. 397 ausführt Ja unter dem Reflex der angeführten Momente werden wir auch jetzt in den oben bei der Esche Yggdrasil erwähnten, im Nornenbrunnen schwimmenden Schwänen eine Bestätigung und Beziehung dafür finden. Während sonst Peleiaden und Schwanjungfrauen in gleicher Weise zwischen Nymphen und Yögeln schwanken1), hätte dann hier an der Esche Yggdrasil nur eine direkte Sonderung in Nomen und Schwäne stattgefunden: beides, sowohl das Schwanken zwischen verschiedenen Gestalten, sowie die Aussonderung und Ausbildung dann zu verschiedenen Bildern sind Entwickelungsphasen, wie sie oft die alten Mythen nebeneinander zeigen.

Daß der Ficus Ruminalis der römischen Stamm- und Gründungssage mit dem ihn umfliegenden und die göttlichen Zwillinge (Romulus und Remus) ätzenden Specht auch hierher gehört, habe ich ausführlich in der Schrift: »Der Ursprung der römischen Stamm- und Gründungssage« u. s. w. Jena 1878 dargethan, cf. Praehist Studien p. 416 ff.

IV. Tritt zum Sonnenbaum der Regenquell (Urspr. d. M. 60. 166. 256) und erklärt, warum bei allen heiligen, überhaupt mythischen Bäumen der Indogermanen ein Quelle fast nie fehlt und an den sich bei jenen entwickelnden mythischen Bezügen in der Sage Anteil erhält, mit dem Baum z. B. die Quelle resp. die Quellennymphen weissageriseh werden.

V. Neben die oben erwähnten tiergestaltigen Wesen treten bei weiterer mythischer Entwickelung menschenähnliche, neben Wolken- und Sturmesgeister besonders Wolkenwasserfrauen und lichte, strahlende Sonnen-, überhaupt Eimmelswesen (männlich und weiblich); sie erscheinen dann anf, unter, überhaupt hei dem heiligen Baum.

VI. Schließen sich an dies letztere die Epiphanien, so knüpft sich an diese, wie an den Baum selbst, in den verschiedensten Formen, wie schon angedeutet, eine alte Art Weissagung. Der Stnrm näihlich und der murmelnde Donner, die zu allen Zeiten als himmlische Stimmen galten, schienen von dem Baum oder seiner Umgebung, z. B. aus dem himmlischen Quell (dem Regenquell) auszugehen und ließen alles daselbst (Baum wie Quell) als weissagerisch erscheinen.

Verfolgen wir zuerst die nach No. IV. durch den Regenquell erweiterte himmlische resp. irdische Scenerie, so treten uns alle drei Momente: Drache, Himmelsbaum und Quelle bedeutsam zunächst noch in den Schilderungen der Drachenkämpfe hervor. Die Quelle ist fast typisch überall, der Baum ist auch noch hinlänglich gekennzeichnet Von den Beziehungen des Gewitterdrachen zu den himmlischen Wassern habe ich zunächst Urspr. d. M. p. 58 ff. des ausführlichen gehandelt. Mit Recht sagt schon, wie ich daselbst anführte, Rochholz:

»Alle Drachensagen spielen an Gewässer und Sumpf, die Winkelrieds-Sage am Bache des Rozloches und am Oedwiler-sumpfe, die Sintram- und Betramsage an der Giesenau der Burgdorfer Emme, der Beatusdrache am Beatenfall des Thuner Sees, der Pilatusdrache am Pilatussee und im Kriensbache.«

»In der älteren Sage zeigt sich dasselbe Verhältnis. Der Beowulfedrache wohnt an der Meeresklippe, der Siegfriedsdrache an der hohlen Wand am Ehein, König Frotho erschlägt den Drachen, der von der Tränke auf der Insel zurückkommt, und sein Sohn Eridler tötet den andern, der eben aus dem Gewässer auftaucht«.

Ich vervollständige jetzt die Scenerie, indem ich auf die dabei typisch auftretenden Bäume hinweise, und lasse zunächst wieder Boetticher für mich sprechen, der gerade jene Scene vom Drachenkampf des Apollo ergänzt Er sagt p. 116:

»Ist aber die sakrale Verehrung von solchen Bäumen, welche in den Mythos einer Gottheit oder die Vorgeschichte eines Stammes und Ortes eng verwebt sind, nicht immer geradezu bemerkt, so schimmert sie gleichwohl sehr deutlich durch die Vorgänge hindurch, bei welchen sie erwähnt wird und als deren Zeuge sie dasteht Der heilige Lorbeer Apollos auf der Burg zu Megara zeigt dies recht deutlich.«–

»Weiter giebt die Platane zu Delphi hiervon einen Beweis. Diese Platane stand neben dem Strudel der Kastalia in der delphischen Thalschlucht, an sie knüpfte die berühmteste Sage des delphischen Heiligtums an. Unter ihren Zweigen lag nämlich der heilige Stein, auf welchen sich Leto mit ihren Kindem rettete – als sie vom Python angefallen wurde«.

Hier entwickelte sich also dann der Drachenkampf gerade wie auch in der entsprechenden Sage vom Kampf des Herakles mit der Hydra eine Platane neben den Quellen der Amymone ausdrücklich erwähnt wird1), im Kampf des Kadmos mit dem Drachen die Aresquelle in dem Hain, »den noch nie ein Beil verletzet«, bekannt ist, Siegfried den Drachen nach dem Nibelungenliede auch unter einer Linde tötet, auf deren Zweigen wohl auch die wahrsagenden Vögel sitzend zu denken sind und dergl. mehr1). Alles dies sind nach unserer Deutung nur Niederschläge resp. Localisierungen derselben himmlischen Scenerie. Im Lande des himmlischen Lichtbaums und des Regenquells wurde ursprünglich der Kampf ausgefochten, in welchem der Sturmes- und Jagdgott Apollo, mit Regenbogen und Blitzpfeil ausgestattet, den Gewitterdrachen besiegt oder seine heroischen Analoga, die Herakles, Kadmos, Siegfried u. s. w., den Streit ausgefochten haben sollten.

Entsprechend diesen Scenerieen der Drachenkämpfe kehren auch in den Kopien des betreffenden HimmelsterTains unter Bildern mehr friedlicherer Art dieselben Elemente wieder. Wie Boetticher an der oben angeführten Stelle schon von dem allgemein verbreiteten Auftreten der sogenannten Baumschlange bei den heiligen Bäumen als eines Schutzdämons gesprochen, sagt er auch von dem Vorkommen einer Quelle p. 47, »daß nur ausnahmsweise den heiligen Bäumen bei den Griechen der Weihequell fehle, ja auch in Bildwerken er sich angedeutet finde.«

Das Zusammentreffen dieser beiden Elemente geht, wie die ganze der Sache zu Grunde liegende Uranschauung, weit über die indogermanischen Kreise hinaus. So sagt z. B. auch Movers, Die Phönizier. Bonn 1841. p. 580, indem er natürlich von seinem Standpunkt aus nur an irdische Verhältnisse denkt, doch aber damit realiter meine Behauptung unterstützt:

»Man sieht aus diesen Stellen, daß ein Mschgrünender oder dicht belaubter Baum, darum die ewig grüne Terebinthe, die stark- und dicklaubige Eiche oder ein Baum, der, an einer Quelle, an einem Bache gepflanzt, wie die Pappel oder Bach weide, auch im heißesten Sommer nicht entblättert wird, zu dieser Baumverehrung wesentlich gehört.«

Ihrem Ursprung nach gehörten eben schon einfach Baum- und Quellenkultus zusammen. Wir werden für diese Verbindung und für den ursprünglichen Hintergrund der betreffenden Quellen bei der Scenerie von Dodona und bei der von der Esche Yggdrasil, sowie bei der Schilderung des Kultus, der sich an Bäume und Quellen knüpfte, noch besondere Momente charakteristisch zur Bestätigung unserer Ansicht eintreten sehen; zunächst möge das Folgende die lokale Verbreitung der Sache selbst etwas ausführen.

Die Kastalia-Quelle zu Delphi bei der dortigen Platane ist schon erwähnt worden, ebenso stand die heilige Palme zu Delos nach Hom.  Desgleichen wird bei der berühmten Platane zu Gortyna auf Kreta, die dem Zeus heilig und wunderbarer Weise »ewig grün« gewesen sein und auch im Winter nicht ihre Blätter verloren haben sollte, eine Quelle erwähnt; auf derselben Insel stand auch eine andere heilige Platane bei Knossos ebenfalls am WasseT, nämlich am Flusse Theren. Die heilige Weide der Hera zu Samos war am Flusse Imbrasos; bei der Platane in der Nähe von Kaphyä, welche Menelaos gepflanzt haben sollte und die man nach ihm nannte, befand sich nach Pausanias eine Quelle gleichen Namens. Am Kallichorosbrunnen bei Eleusis stand der heilige Oelbaum, an welchen sich die Begrüßung der Demeter durch die Töchter des Keleos knüpfte. Daß auf der Akropolis bei dem Oelbaum der Athene eine Quelle war, ist bekannt, und wenn Poseidon sie durch seinen Dreizack hervorgerufen haben sollte, so zeigt dies auch auf den Himmel, nämlich auf das trisulcum fulmen hin, welches den Regenquell weckt1). Das wären so die bekanntesten, in der Litteratur besonders erwähnten Stätten der Art in Griechenland außer der berühmten, sagenumrauschten Eiche von Dodona und ihrem Quell. Für den letzteren speziell und seine Charakteristik möge Perthes eintreten. Indem er a. a. 0. sich meiner Erklärung über den Ursprung der dortigen Weissagung anschließt, daß es nämlich das Sausen des Sturms und das Tönen des Donners war, was zu Dodona als himmlische Stimmen gefaßt den physischen Hintergrund der dort herrschenden religiösen Anschauung ursprünglich bildete, welche bei irdischer Lokalisierung der Scenerie dann die entsprechende weissagende Stimme (des Gottes) aus dem Bauschen des im Winde bewegten Bfcumes und dem Schall der ehernen Becken — auch einer Nachahmung des Donners z. B. in der Saimoneussage — wahrzunehmen wähnte1); sagt er p. 35 zum Schluß seiner Auseinandersetzung:

»Noch deutlicher als die betreffenden, eben erwähnten Schallapparate aber weisen die Eigenschaften, welche man der wunderbaren dodonäischen Quelle beilegte, auf die Erscheinungen des Gewitterhimmels hin. Servius berichtet, daß unter den Wurzeln der Eiche eine Quelle hervorsprudelte, die durch ihr Murmeln auf Antrieb der Götter Orakel gab; dieses Gemurmel habe eine Alte, mit Namen Pelias, den Menschen gedeutet. Schon der Name Pelias, griechisch nskuaq, führt uns auf das Naturgebiet, welchem, wie sich zeigte, die Peleiaden zugewiesen werden mußten.«

»Von der höchsten Bedeutung aber ist weiter eine Notiz des Plinius über eine andere angebliche Eigenschaft der dodonäischen Quelle, daß sie nämlich, obgleich sie kalt sei und eingetauchte Packeln erlöschen lasse, ausgelöschte, die hineingesenkt würden, entzünde.«

»Diese Angabe ist so auffallend, daß sie wohl von jedem Naturforscher in das Beich der Fabeln verwiesen werden wird. Es ist daher einleuchtend, daß mit den Fackeln, die sich in der Quelle von selbst entzündeten, nur die in der Gewitterwolke (immer wieder auf-) zuckenden Blitze gemeint sein können. Wer erinnert sich nicht des (schon oben erwähnten) Salmoneus, der mit Kesseln den Donner, durch Fackeln aber des Zeus Blitze nachahmen will? Wie naheliegend diese Vorstellung ist, zeigt die Stelle aus einer modernen Schilderung des Gewitters, welche Schwartz (im Ursp. d. M.) zum Beweise für seine Deutung der Fackel der Hekate anftihrt: »Die Fackel des Blitzes ist ausgelöscht, und die zornige Stimme des Donners verstummt.« — »Das griechische Wort dcdog, an welches ebenfalls Schwartz erinnert, bezeichnet sogar geradezu die Fackel sowie den Blitz«.

— So Perthes, dem ich nicht nötig habe, irgend weiteres für unseren Zweck hier hinzuzusetzen.

Während so der Dodona-Baum und seine Quelle deutlich ein irdisches Substitut des himmlischen Baumes und der Regenquelle mit allen ihren Wundem ist, spielt auch die Esche Yggdrasil, wenn sie sich gleich mit ihren drei Wurzeln durch alle Welten verzweigt haben sollte, worüber ich Poet. Nat. I, 51 gehandelt habe, doch recht eigentlich mitsamt ihren Quellen, zumal an ihr die Götter noch stetig verkehren, ursprünglich deutlich am Himmel.

Mannhardt hat die Beziehung der Quellen derselben zu den himmlischen Wassern in seinen Germ. Myth. v. J. 1859 p. 543 ff. schon des ausführlicheren dargelegt, auch einzelne andere Momente schon im ähnlichen Sinne, wie ich sie hier deute, zu fassen sich geneigt gezeigt, so daß es doppelt auffallend ist, daß er auch hier gerade bei der Esche Yggdrasil in seinen späteren Schriften, wie schon oben angedeutet, sich von Kuhns und meinen Forschungen »loszulösen«, wie er sich ausdrückt, veranlaßt gesehen hat, indem er sich hier mehr Sim-rock anschließt.2) Wenn Mannhardt z. B. in seinem »Baumkultus« v. J. 1875 p. 56 Nyerups Hypothese, »daß der vor dem Göttertempel in Upsala an einer Quelle stehende, Sommer und Winter grünende Baum ein irdisches Abbild von Yggdrasil mit dem Urdharbrunnen war, verwirft und sagt: »Nyerups Hypothese ist umzukehren. Solche Bäume waren nicht Nachbildungen, sondern Yorbilder des in norwegischen und isländischen Liedern des 10. und 11. Jahrhunderts uns entgegentretenden Weltbaumes «, so schließe ich mich, dem und den weiteren Konsequenzen, die er daraus über die Entwickelung des ganzen Baumkultus zieht, gegenüber, hierseinenfrüheren, Kuhns und meinen Forschungen homogeneren Auseinandersetzungen an und denke diese unsere Auffassung jetzt noch durch einzelne interessante neue Momente weiter auszuführen und dem ganzen von mir behaupteten Hintergrund des alten Baumkultus entsprechend zu entwickeln.

Mannhardt sagte also s. Z.in den Germ. Myth.p. 543: »Der Urdharbrunnen ist ein himmlischer. Gylfag. 15 sagt ausdrücklich: »Die dritte Wurzel der Esche erhebt sich im Himmel. Dahin reiten die übrigen Äsen zu ihrer neben dem Urdharbrunnen an der Esche Yggdrasil gelegenen Gerichtsstatt über die Brücke Bifröst, d. h. den Begenbogen hinauf, Thor aber  watet, um eben dahin zu gelangen, durch die Gewittergüsse .« —

»Wenn es heißt, daß das Wasser des Urdharbrunnens so heilig ist, daß es alles verjüngt und verklärt, so ist das deutlich dieselbe Eigenschaft, welche dem Jungbrunnen der Idhun zusteht.«

— p. 545 heißt es dann:

»Der Brunnen Mimirs, welcher unter der zweiten Wurzel der Esche Yggdrasil liegt, ist wiederum nichts anderes, als ein Bild dos himmlischen Wolkengewässers (wenn Thor zu den Biesen reisen sollte, so sind diese ursprünglich als böse Wolken dämonen auch nämlich am Himmel zu suchen (cf. p. 546).« — p. 548 »Auch der dritte Brunnen, Hvergelmir (in der Nebelwelt Niflheim) ist ursprünglich mit den beiden anderen identisch und nur eine weitere Differenzierung.«

»Ueber Niflheim erhebt sich nämlich die dritte Wurzel des Baumes Yggdrasil, und an ihr nagt beständig der Drache Nidhöggur. Diesen Drachen lernten wir aber bereits als den Gift wurm kennen, der in Niflheims Wasserhölle (Nättrönd) die Leichname der Meineidigen und hinterlistigen Mörder aussaugt.«

»Wir haben (aber) schon oben gezeigt, daß die Wasserhölle ursprünglich ein coe-lestischer Aufenthalt war.«

— So Mannhardt, was wir vollständig acceptieren und unserer Darstellung einfügen. Es stimmt auch ganz zu dem oben über Niflheim, sowie über den Drachen als dem ursprünglichen Gewitterdrachen Gesagten, wie ich ja auch schon im Ursp. d. Myth. s. Z. behauptet habe, daß die ganze Hölle der verschiedenen Yölker (auch die chthonischen Götter der Griechen) ursprünglich am Himmel zu suchen sei; wie es auch speziell zu der von mir Poet. Nat. I, 51 ff. entwickelten Ansicht über die Lage der drei Wurzeln stimmt u. s. w. Die drei Quellen, wie die drei Wurzeln, sind eben überhaupt nur, mit Mannhardt zu reden, Differenzierungen je nach den verschiedenen mythischen Beziehungen des Himmelsbaumes.

An der einen Quelle walten also die den prophetischen Peleiaden von Dodona entsprechenden Schicksal verkündenden Schwanjungfrauen, wie wir oben gesehen; nur daß eben der ethische Charakter der letzteren als Nomen sich mehr im Laufe der Zeiten herausgebildet und dem gegenüber den sonstigen natürlichen Hintergrund des Baumes überhaupt in der nordischen Scenerie immer mehr hat zurücktreten lassen.

Die zweite Quelle ist des weisen Mimir Brunnen, aus dem er jeden Morgen trinkt und so der weiseste und klügste Mann ist. Die prophetische Kraft tritt aber noch in besonders eigentümlicher Weise hier hervor, wenn, als die Yanen dem Mimir das Haupt abgeschlagen, dies an seine Stelle tritt und Odhin Gespräche mit ihm hielt, so oft er Rats bedurfte. Charakteristisch heißt es besonders in der Yöluspa:

Odhin murmelt

Mit Mimirs Haupt.

Ich muß hierauf etwas näher eingehen. Schon Simrock dachte (p. 533) bei dem weissagenden Haupte Mimirs an das redende Roßhaupt der Fallada im Kindermärchen, Kuhn verglich von anderer Seite damit das singende Haupt des Orpheus, sowie die blasenden Häupter der Winde und das wehende Johannishaupt. Eine indische Sage, welche er dann anfiihrt, vom Dadhyanc und von dessen zauberhaftem Haupte, — das im Gewitter eine Rolle spielt und bald menschlich, bald aber auch tierisch und zwar als ein Roßhaupt geschildert wird, dann in den verschiedensten Versionen bald die geheimnisvolle Kunde, welche Indra dem Dadhyanc erteilt, ausplaudernd und deshalb von jenem abgehauen gedacht wird, bald von Indra wieder im Kampf mit dem Asuren gesucht und dann auch wirklich ihm Hülfe leistend erscheint,— führte mich zu weiteren Resultaten, indem ich hier, wie auch sonst, bei den wunderbaren himmlischen Häuptern an die Anschauung meinte anknüpfen zu können, welche der norddeutsche Bauer noch aufweist, wenn er von gewissen dicken, der Gewitterbildung vorangehenden Wolkenbildungen den Ausdruck Grummel- oder Gewitterkopf gebraucht, s. Kuhn und Schwartz, Nordd. S. Geb. 429. »Dieser grummelnde oder murmelnde Gewitterkopf ist«, schloß ich die Untersuchung (Poet Nat. I, 127), »das plastische Substrat vom singenden oder redenden Haupte des Orpheus oder Mimir, des wilden Jägers, wie der blasenden Windgötter, ebenso wie vom Haupte des Zeus, aus dem, wenn es im Gewitter vom Hephäst mit dem Donnerhammer gespalten wird, Athene mit der Blitzlanze hervorspringt; das ist endlich auch das von den Blitzesschlangen umflatterte Haupt der Gorgo, welches ihr im Gewitter abgeschlagen wird. Wie aber aus dem abgeschlagenen Haupt der Gorgo das Donnerroß Pegasos entspringt, konnte jenes Wolkenhaupt auch selbst schon als das beim Beginn des Gewitters sichtbar werdende Haupt des im Gewitter dann deutlicher noch auftretenden Donnerrosses gelten. Das wäre dann auch das Pferdehaupt des Dadhyanc, welches im murmelnden Donner die Geheimnisse des Himmels ausschwatzt.«

Wenn nun dieses Haupt Indra dann, wie erwähnt, in dem Kampf mit den Asuren sucht, »da es fort war in den Bergen«, und es sich dann im See Kuruxetra fand, so erinnert dies auch wieder in anderer Weise an die obige Scenerie, wo Odhin, wie er sonst zu Mimirs Brunnen gegangen, bei dem letzten Weltkampf, der alle seine Bilder von dem Gewitterkampf entlehnt, seine Zuflucht zu Mimirs Haupt nimmt und es eben heißt: »Odhin murmelt mit Mimirs Haupt«. Führt uns doch auch schon das kurz Vorhergehende noch ausdrücklich in die Gewitterscenerie, wenn es heißt:

»Der Mittelstamm (Yggdrasils) entzündet sich

Beim gellenden Ruf Des Giallarhorns.

Ins erhabene Horn

Bläst Heimdall laut;«

und eben daran sich dann reiht: Odhin murmelt u. s. w.

Denn daß das Giallarhorn das Donnerhorn ist, haben Kuhn und Mannhardt schon (Germ. Myth. p. 550 f.) richtig erkannt. Vergl. auch Poet. Nat. II. p. 142 f.

Hatte Mimirs prophetisches Haupt aber auch selbst, wie wahrscheinlich, entsprechend dem Haupt des Dadhyanc seine Stätte in den himmlischen Wassern, eben sowie dem Mimirsbrunnen überhaupt ja das Weissagerische innewohnte, so erinnert uns das wieder noch speziell an die analoge Quelle bei der dodonäischen Eiche, von der oben geredet, die nach Servius durch ihr Murmeln auf Antrieb der Götter Orakel gab, welche dann eine Alte, mit Namen Pelias, den Menschen gedeutet habe. In beiden Fällen ist der murmelnde Donner die prophetische Stimme, dort tönte er aus dem Grummelkopf, dem Haupt des Dadhyanc u. s. w. an oder in den himmlischen Wassern, hier aus den Wassern selbst!

Wie dies aber auch sei, jedenfalls malt auch die Mimir-Quelle mit der sich an sie knüpfenden, eben geschilderten Umgebung ebenso wie die erste und die über Niflheim liegende Quelle mit dem Gewitterdrachen in verschiedener Weise nur wieder die Scenerife um den dort oben ewig blühenden Lichtbaum aus, dessen Wanken erst beim Weitende eintritt:

(Wenn) Glutwirbel umwühlen

Den allnährenden Weltbaum

(Und) Die heiße Lohe

Den Himmel bedeckt.

Aber neben diesen drei Quellen trieft es ja auch sonst bei der Esche Yggdrasil nicht bloß von Wasser, sondern auch von Milch und Honig, welche letzteren Momente wieder recht eigentlich auf den Himmel hinweisen. Yon dem Wasser, d. h. also auch hier dem Segen, von dem die Ströme Niflheims in weiterer Entwickelung der Sage dann kommen und der von dem himmlischen Hirsch trieft (wie der Tau von den Wolkenrossen der Valkyrien, sowie von der Wolkenmilch, die von der Ziege stammt, ist schon oben geredet; es genügt hier daran zu erinnern, und es bleibt nur noch übrig, als auf ein neues, aber höchst charakteristisches Moment darauf hinzuweisen, daß von unserm Baum auch bienenernährender Tau auf die Erde trieft, wie die Edda sagt, den man hünangsfall (Honigfall) nennt Gemahnt dies schon an die Yorstellung der klassischen Yölker, welche noch selbst ein Aristoteles und Plinius teilen, dass der Honig vom Himmel oder den Sternen triefe und nur von den Bienen eingesammelt werde, so daß es nicht weiter befremden kann, ihn hier von dem himmlischen Lichtbaum triefen zu sehen, so habe ich Poet. Nat I. p. 48—89 schon des ausführlicheren dies mythische Element behandelt und nachgewiesen, daß eine alte, mannigfach verzweigte indogermanische Naturanschauung hier eingreift, nach welcher einmal die Sterne als ein goldiger Bienenschwarm dort oben gefaßt wurden, woran noch jene erwähnte Ansicht des Aristoteles und Plinius über die Herkunft des Honigs von den Sternen erinnert, # dann aber auch Mond-und Sonnenlicht überhaupt als eine goldige Flüssigkeit und schließlich als der »Trank der Himmlischen«, der sie ewig verjünge, und ihr Born als eine Art Jugend-brunnen angesehen wurde. Ich kann unmöglich auch nur das Hauptsächlichste aus diesem Vorstellungskreise, den ich a. a. 0. aufs eingehendste behandelt habe, hier anführen; ich will nur darauf hinweisen, daß bei modernen Dichtem oft Anklänge an jene Anschauungen auftauchen (s. namentlich Poet. Nat. I. p. 29, 33 und XX), dann aber einzelne besonders bezeichnende Momente hervorheben, die speziell wieder eine Brücke schlagen zwischen der nordischen Yggdrasil und der Sagenreichen Eiche zu Dodona. Den triefenden Honigfall der Esche Yggdrasil vergleicht schon Kuhn, Herabk. des Feuers u. s. w. p. 131 (und nach ihm auch Mannhardt) mit dem indischen soma und dem iranischen hom, den Göttertränken, von denen der letztere, der hom, ebenfalls von einem sagenhaften Baum, dem Ilpa-Baum, trieft, und sagt dann: »Der Honig ist aber der hauptsächlichste Bestandteil des Mets, und wie unten dargethan werden soll, wird der Soma ebenfalls madhu genannt, was zugleich auch Honig bezeichnet. Beides, Honig und Met, sind also auch hier identisch u. s. w.« Dieselben flüssigen Elemente Wasser, Milch und Honig aber, welche bei der Esche Yggdrasil so charakteristisch auf-treten und auch in griechischen Mythen und Gebräuchen bekanntlich in entsprechender Verbindung mannigfach sich zeigen, kehren nun auch in den an Dodona und seine Eiche sich schließenden Sagen in ähnlicher Weise wieder und zwar hier ausgesprochenermaßen wieder als Nahrung der Himmlischen. Die Hyaden oder dodonäischen Nymphen, wie sie Hygin nennt, d. h. die himmlischen Wolkenwasserfrauen (die ob des Todes ihres durch eine Schlange (!) getöteten Bruders weinen), sollten dort den Bacchus, wie nach anderer Version das Zeus-Kind groß gezogen haben. Sie gelten aber nicht bloß u. a. als die Töchter des Melis-seus (des Bienenmanns), sondern Milch und Honig wird ausdrücklich als die erste Nahrung der betreffenden Götterkinder angeführt und zwar nach der kretischen Yersion der Sage beim Zeus die Milch der Ziege Amaltheia, welche wir oben mit der den himmlischen Einheriern Milch spendenden Ziege unter der Esche Yggdrasil verglichen haben (Poet Nat. H. 48). Und wenn nun weiter dann zu Dodona als Schwestern der Hyaden die Peleiaden auftreten, bald als Wolkenfrauen wie jene, bald in Taubengestalt (s. oben), so wird jener Gedanke nach all den Parallelen doch nur in anderer Form in betreff des Honigs weiter gesponnen, wenn, wie ich schon oben angedeutet, Tauben bei Homer überhaupt dem Zeus Ambrosia bringen, d. h. den himmlischen Honigtrank. Ueberall klingen dieselben Elemente an, nur immer anders gewandt. Und da mag noch ein anderer Gedanke sich Bahn brechen. Wenn Urdhs Brunnen verjüngt, sein Wasser also, wie Simrock, M. p. 40 sagt, dieselbe Kraft hat, die auch den Aepfeln Idhuns beiwohnt, ebensowie dem Begeisterungstrank der Äsen, der Odhrärir hieß, und nun weiter auch Odhrärir, ebenso wie die betreffenden Personen, mit jenem Brunnen verwechselt wird, dann auch Mimirs Quelle »Weisheit« verleiht und deshalb Mimir täglich mit dem Giallarhom (als Trinkhorn gewandt) aus ihm trinkt und Odhin auch deshalb dahin wallfahrtet, — so sehen wir nach alledem doch auch hier eigentlich immer nur analoge Elemente in verschiedenen Ansätzen und Entwickelungen, die auch den ursprünglichen himmlischen Licht- und Regenquellen allmählich andere Bedeutung verleihen. Heißt es doch in der Yöluspa dann auch wieder speziell in betreff Mimirs kurzweg:

Met trinkt Mimir allmorgentlich

Aus Walvaters Pfand!

Gerade derartige Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten sind der volkstümlichen Sage eigentümlich, nur der einzelne Erzähler oder Dichter strebt nach einheitlicher, möglichst konsequenter Gestaltung des Stoffes; das gilt hier wie überall.

Ehe ich die Esche Yggdrasil aber verlasse, will ich doch darauf hinweisen, daß die nordische Mythe, wenn auch die Yggdrasil am berühmtesten geworden, doch noch mehrere Spielarten derartiger mythischer Bäume mit den Ansätzen ähnlicher Umgebung aufweist und namentlich bei einem unter höchst charakteristischem Hineinspielen wieder des Wassers. Yom Mimameidr habe ich schon gesprochen. In denselben Kreis gehört aber auch der Ebereschen- oder Vogelbeerbaum, Thors heiliger Baum (björg Thörs), von dessen mythischer Bedeutung bei den Ariern Kuhn und nach ihm Mannhardt schon des ausführlicheren gehandelt haben. Auf der Fahrt nach Geirrödhsgard kommt Thor nämlich in Wassernot. Giaip, Geir-rödhs Tochter, stand quer über dem Strom und verursachte dessen Wachsen. Da warf er mit einem Steine nach ihr und sprach: >Bei der Quelle muß man den Strom stauen!« Als er dem Ufer nahe war, ergriff er einen Vogelbeerstrauch und stieg aus dem Flusse. Daher das Sprüchwort: Der Vogelbeerstrauch sei Thors Rettung (Simrock M. 1878. p. 258). Wir haben in dieser Sage offenbar einen Gewitterkampf, wie in den meisten Kämpfen Thors, und da brauche ich wohl nicht erst an den durch die Gewittergüsse zur Yggdrasil watenden Thor zu erinnern, um in der obigen Scenerie den angeschwollenen Gewitterstrom, vor dem er sich kaum retten kann, und den Himmelsbaum, an dem er sich herauszieht, wiederzufinden.

Ebenso wie bei griechischen und germanischen heiligen Bäumen fehlt übrigens auch in Rom beim Ficus Ruminalis das Wasser nicht, ja die Scenerie, wie bei einer angeblichen Ueberschwemmung des Tiber an diesen Baum die Wanne mit den Götterkindern herantrieb und diese so gerettet wurden (s. meine Schrift über den Ursprung der Stamm- und Gründungss. Roms), gemahnt noch speziell im Kern an die zuletzt geschilderte Scenerie von der Rettung des Thor aus Wassersnot durch den heiligen Vogelbeerbaum.

Nachdem wir diese Verbindung des Himmelsbaums mit den Regenquellen in einzelnen charakteristischen Bildern verfolgt haben, möge noch ein kurzer Nachweis einer ähnlichen Erscheinung im Kultus folgen, der sich eng an jene Vorstellungen anschließt und im einfachen Abbilde das wiederspiegelt, was dort die Mythe mit sagenhaftem Schmuck reich umrankt zeigte.

Auf griechischem Boden haben wir diese Verbindung schon ganz allgemein oben nachgewiesen, ebenso ist erwähnt worden, daß in Upsala neben dem heiligen Baum eine Quelle war. Desgl. fand Bischof Otto von Bamberg im Jahre 1124, als er auf seiner Missionsreise nach Stettin kam, neben einem der zu gottesdienstlichem Gebrauche dienenden Gebäude einen heiligen Baute mit einer Quelle (Mannh. Baumk. p. 57). Der Baumkultus tritt nämlich in seinen Urelementen auch bei den slavischen Völkern, ja auch innerhalb des preußischen, finnischen und keltischen Heidentums in gleicher Weise auf, wie Grimm M. 1844. I. 66 bemerkt. Die Verbindung von Baum und Wasser erhellt aber am charakteristischsten in ihrer allgemeinen Verbindung bei den Germanen aus all den Kapi-tularbeschlüssen, welche dem Heidentum entgegentraten und die besonders die auguria lucorum sive arborum vel fontium als unchristliches Heidenwerk verdammen. Alle, welche diese Zeiten behandeln, von Keysler bis Pfannenschmidt, heben diesen Umstand bedeutsam hervor. Die Haupt-kapitularbeschlüsse finden sich bei Keysler und Grimm zusammengestellt, desgl. in W. Müllers Altd. Religion p. 59, wo er sagt:

»Noch mehr aber (als Haine) werden als solche Stätten des heidnischen Gottesdienstes Bäume und Quellen genannt, entweder so, daß abgöttische Gebräuche bei denselben anzustellen verboten wird, oder daß sie geradezu als Gegenstände der Verehrung bezeichnet werden.«

— Weit in das Christentum hinein zieht sich die Sitte, teils unter christlichen Formen, teils als mehr unschuldige Volkssitte gewohnheitsgemäß festgehalten. Hier nur ein paar Beispiele aus Pfannenschmidt »Das Weihwasser« Hannover 1869. Nachdem er ein Zeugnis für die Verehrung von Quellen aus der ums J. 347 verfaßten Katechesis des Cyrillus, Bischofs von Jerusalem, angeführt, wo es heißt: Cultus est diaboli, illae quae in idolis fiunt supplicationes et quaecunque in honorem idolorum per-aguntur, ut incendere lucernas et ad fontes et fluvios adolere cet, fahrt er fort:

»Wie sehr nun auch die Kirche sich bemüht hatte, den alten Glauben an die heilige Kraft des Wassers, die Verehrung der Flüsse und Quellen auszurotten, so ist ihr dies kaum bis heute ganz gelungen. So wurden noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts bei der Kirmes und auch in der Maiennacht im Oberbergischen (Rheinprovinz) nach altheidnischem Gebrauche sowohl Buchen als Linden oft mitten im Walde, besonders an den Quellen mit Kränzen geschmückt, auf welchen Kerzlein befestigt waren, die man abends anzündete.«

Aehnliche Gebräuche bringt Mannhardt in seinem »Baumkultus« in Menge bei.

Auch lokalisiert in christlichen Kultusstätten erscheint noch Baum und Quelle zahlreich nebeneinander wie zur Heidenzeit, namentlich bei Marienkulten. So sagt Vernaleken in seinen »Mythen und Bräuchen^ des Volkes in Oesterreich«, Wien 1859: »In katholischen Ländern treffen wir eine Menge Volksüberlieferungen, die sich auf die Erscheinung eines Marienbildes an einem Baume beziehen, wie wir denn häufig solche Bilder an Bäumen befestigt finden (auch Stöber in seinen Elsässischen Sagen. St Gallen 1852. p. 32 f. hebt dies hervor): »Ein Brunnen steht immer damit in Verbindung; wir erinnern nur an die Legenden, die über das an Mariae Geburt von vielen Tausenden besuchte Maria-Brunn (bei Wien) im Umlauf sind, an die Entstehung vieler Wallfahrtsorte« u. s. w.« (vergl. was Panzer in seinen bairischen Sagen über ähnliche Kultusstätten »der Mutter Gottes an der schönen Tanne«, »der Maria auf dem Baumstock in der Prauenau« und ähnl. sagt.

Ich hebe über die »Art« des Kultus der Bäume resp. Quellen aus dem reichen Material, welches Grimm und Mannhardt beigebracht, besonders noch folgende Momente hervor, indem ich sie meinem Standpunkt anpasse. Als Einleitung zunächst von den Bäumen:

1) Wie es in dem zu Anfang citierten kleinrussischen Rätsel vom Sonnenbaum hieß, er stehe mitten im Dorfe, in jeder Hütte sei er sichtbar, so fand sich auch meist bei Griechen, Römern und Deutschen in den einzelnen Niederlassungen ein irdisches Substitut desselben, das, je älter der betreffende Baum wurde und je mehr Generationen er überdauerte, nur an Bedeutsamkeit und Verehrung für die folgenden Geschlechter gewann. Die mannigfachsten Beziehungen knüpften sich daran, namentlich wurde er leicht zu einer Art Lebensbaum des einzelnen, der Familie, sowie des ganzen Stammes, in dem die Existenz wechselseitig eng verknüpft schien. Dies ist die allgemeinste und primitivste Form neben solchen reicher entwickelten, wie wir sie oben verfolgt Hierher gehört, was Plinius über das klassische Altertum sagt, wenn es im XIII. Buche zu Anfang heißt: Haec (arbores) fuere numinum templa, priscoque ritu simplicia rura etiam nunc Deo prae-cellentem arborem dicant. Das ist der Yärdtr&d, der (dann nach späterer Auffassung) vom Schutzgeist bewohnte Schicksalsbaum hinter dem Hofe in Schweden, Dänemark sowie in den Alpen, der in allerhand sympathische Beziehungen zum Hause tritt, den u. a. Schwangere in ihrer Not umfassen, um leichtere Entbindung zu erhalten, wovon nachher noch im besonderen die Rede sein wird (Mannhardt Baumk. p. 51 ff). Daß auch neben der Gründung von Kultusstätten eine solche von Städten und Burgen sich an Bäumen vollzog, hat Boetticher für Griechenland gleichfalls nachgewiesen (p. 241) , aber auch sonst schließen sich die Anfänge der Kultur an solche Bäume, vergl. auch meine Schrift »Ueber die Stamm- und Gründungssage Roms.«

2) Eine weitere Entwickelung des Kultus ist, daß man  Beutestücke der Jagd, namentlich die Felle der erlegten Tiere, dann auch ihre Köpfe und Hörner an dem heiligen Baum auf-hängte, woran sich mit der Zeit weitere Ausschmückung des Baumes als der heiligen Kultusstätte — ehe man Tempel baute — reihte. Boetticher hat auch hiervon p. 69 des ausführlicheren gehandelt. Er ist geneigt, darin ein Weihopfer zu finden, wie man es auch gewöhnlich faßt. Allerdings hat die spätere, polytheistische Zeit es so gefaßt, ursprünglich dürfte aber auch hier, wie in den meisten ähnlichen Fällen, eine einfache mechanische Nachahmung eines angeblich analogen himmlischen Vorgangs die erste Triebfeder dieser dann religiös ausgebauten Gewohnheit gewesen sein. Im II. Teil der Poet. Nat. 1 ff. u. 38 habe ich die mannigfache und weite Verzweigung des mythischen Elements der Wolke als eines Felles oder Schlauches behandelt und auch schon oben Gelegenheit gehabt darauf hinzuweisen. Das Widderfell am heiligen Baum im Sonnenlande am Phasis, der geschundene, pfeifende Windgott Marsyas an der Fichte Ast aufgehängt, ebenso wie der an der Esche Yggdrasil hängende Wolken- und Sturmesgott Odhin, — alle derartigen Bilder führten, in Analogie zu der vom Zeus nach Homer aufgehängten Hera, auf die am Himmel, event. am Lichtbaum dort oben, aufgehängten Wolken, es waren die pendentia vellera lanae des Lucrez, nur eben mythisch im einzelnen nach der ganzen Scenerie gefaßt und gewandt1). Gerade das Schweben der Wolken, die Frage, welche Macht resp. Kraft sie dort oben aufhänge, beschäftigte ja noch selbst bis in die Neuzeit, wie ich am oben angeführten Orte nachgewiesen, selbst die Gelehrten, so daß es doppelt erklärlich ist, wenn es in der Urzeit in den Bereich mythischer Vorstellungen gezogen wurde. Dafür aber, daß meine Deutung richtig, kann ich zur Bestätigung noch anführen, daß, wie ich nachträglich sehe, Mannhardt beim hängenden Odhin an einer Stelle seiner Germ. Mythen, abweichend von der von jnir in den Poet. An. H, 38 von ihm citierten Stelle, auch schon an die Wolke denkt1), dann aber bei den Südseeinsulanem auch dieselbe Vorstellung wiederkehrt, indem die Sage den Donnergott, als er von den Früchten des Himmelsbaumes gestohlen, ins Dach gehängt werden läßt, um echt tahitisch langsam zu Tode geräuchert zu werden, aus welcher Lage er sich dann durch eine List befreit.

Hält man nun zu jener Vorstellung von am Himmel aufgehängten Wolken eine andere arische, nämlich die uralte einer am Himmel im Gewitter hintosenden Jagd, so liegt nach anderen Analogien die Vorstellung nicht allzufem, daß einzelne, nach dem Gewitter am Himmel übrig bleibende und dort schwebende Wolken für am himmlischen Lichtbaum aufgehängte Felle gehalten worden wären, die von den in der himmlischen Jagd gejagten Tieren als Trophäen herrührten, und daß man diesen Gebrauch dann hier auf Erden nachgeahmt hätte. Spielte doch die Sage weiter mit diesen Fellen. Ich erinnere an die Felle der im Gewitterfeuer geschlachteten Sonnenrinder in der homerischen Sage, welche noch dahinkriechen und brüllen sollten, ferner an das angebliche Wiederbeleben der Bocksfelle von seiten Thors in der nordischen und ähnliche Züge in deutscher Sage, mythische Bilder, zu denen doch selbst das oben erwähnte Aufhängen des Odhin (Yggs) und sein Wiederbeleben als eine Art Analogon zu fassen; ebenso wie schließlich das Wiederholen des Gewitterfells des goldenen Vließes (wie das des im Winter geraubten Donnerhammers Thors) ursprünglich nur als modifizierte Erweiterungen derselben Grundanschauung vom Erscheinen und Verschwinden und Wiederauftauchen des Donnergewölks zu den verschiedenen Jahreszeiten anzusehen sind, wie es in ähnlicher Weise im Element schon der oben erwähnten tahitischen Sage zu Grunde liegt.

Der Gebrauch der an heiligen Bäumen aufgehängten Felle entwickelt sich nämlich noch weiter in eigentümlicher, bisher unerklärter Weise, die aber in der oben angedeuteten Weise doch ihre Lösung finden dürfte. Zur Sache lasse ich zunächst Grimm M. p. 615 sprechen. »Bei den Longobarden«, sagt er, »kommt die Verehrung des sogen. Blutbaums oder heiligen Baumes vor. Genaueres davon meldet die vita Sancti Barbati in den Actis Sanctor, vom 19. Febr. p. 193. Der Heilige (geb. 602, gest um 683) lebte zu Benevent unter den Königen Grimoald und Bomuald, das longobardische Volk war getauft, hing aber noch an abergläubischen Gebräuchen: quin etiam non longe a Beneventi moenibus devotissime sacri-legam colebant arborem, in qua suspenso corio cuncti  qui aderant terga verteiltes arbori celerius equitabant, calcaribus cruentantes equos, ut unus alterum posset praeire, atque in eodem cursu retroversis manibus in corium jaculabantur sicque particulam modicam ex eo comedendam snperstitione accipiebant. — Ich habe p. 159 (Grimm M.) nachgewiesen, daß von Osseten und Circassiem Stangen mit Tierhäuten zu Ehren göttlicher Wesen aufgerichtet wurden, nach Jomandes bei den Goten dem Mars exuviae, truncis suspensae, daß überhaupt Tiere an Opferbäumen hingen; vermutlich war auch dieser Baum einem Gotte durch Opfer heilig, d. h. durch Votivopfer Einzelner; der ganze Ort hieß davon »ad votum«. Welche Bedeutung der Speerwurf durch die hängende Haut hatte, ist noch nicht klar; auch im Norden pflegte man durch aufgehängte rohe Ochsenhäute zu schießen (Forum. sog. 3, 18. 4, 61), es war ein Zeichen von Kunst und Stärke. Daß es rückwärts geschah, erhöhte die Schwierigkeit und ist ganz altertümlich*« So Grimm a. a. 0.

Hält man zu den oben entwickelten Vorstellungen von dem am Sonnenbaum aufgehängten Widderfell u. s. w. eine andere, nach welcher im Gewitter ein Wettschießen stattfand, ich erinnere nur an Odysseus’ Bbgenkampf, sowie das Schießen auf Baldur (s. TJrspr. d. Myth. und weiter unten die betr. Untersuchungen), so hätte man in dem obigen Speerwerfen durch eine am heiligen Baum aufgehängte Haut vielleicht eine Nachahmung eines entsprechenden Naturbildes, wie man es ähnlich dort oben am Himmel im Gewitter im Schleudern der Blitzspeere nach der Wolke vor sich gehend wähnte. Das Wettreiten dabei entspräche dem analog zu fassenden Wettfahren in einer Sage, wie die von der Werbung um die (Sonnen-)Jungfrau Hippodameia oder Ata-lante, welche in dieser Hinsicht der Brunhild entsprechen. Ist diese Deutung richtig, dann wäre auch erklärt, warum Odhin nach dem Hävamäl an der Esche Yggdrasil »vom Speer verwundet« hing; es wäre wie bei jenem Gebrauch an den Blitzspeer zu denken, den ja sonst auch Odhin führt.

Doch ich kehre nach dieser Hinweisung zum Kultus der B&ume und Quellen zurück, und da zeigt sich:

3) als gemeinsamer Gebrauch der europäischen Arier das Anzünden von Fackeln und Lichtern an denselben und, was ich gleich betonen will, zum Zweck von allerhand Augurien. Yon den Fackeln zu Dodona, welche von selbst sich wieder im heiligen Quell entzünden sollten, habe ich schon geredet und dieselben mit Perthes auf des Blitzes Fackel bezogen. Knüpfen sich hier dieselben an das Substitut des Regenquells, so schließen sie sich in einer andern Sage noch in ähnlich mythischer Form an den Baum selbst Wir werden nachher eingehender davon handeln, daß speziell zur Zeit der Bonnwendfeste man Repräsentanten des himmlischen Lichtbaums festlich ausschmückte und vor und in den Häusern aufstellte. Was da der Gebrauch festgehalten, knüpft in Island, der Schatzkammer nordischer Tradition, die Mythe in einem Bilde an den Ebereschen- oder Vogelbeerbaum, Thors heiligen Baum, den wir schon vorhin in einer Sage als Substitut unseres Lichtbaums kennen gelernt Maurer berichtet nämlich in seinen Isländischen Sagen, p. 178: »Man nennt ihn (den Vogelbeerbaum) wohl den heiligen Baum, und erzählt, daß man früher in der Weihnachtsnacht (d. h. also zur Wintersonnenwende) alle seine Zweige mit brennenden Lichtern besetzt gefunden habe, welche nicht erloschen seien, mochte der Wind auch noch so stark wehen; derselbe erscheint (setzt Maurer hinzu) also geradezu als ein Vorbild des Christbaums, den wir künstlich erst auszuputzen pflegen.« Nach der obigen Analogie dürften auch unter diesen Windlichtern — deren Substitute wir überall in den betr. Kulten wiederfinden, — ursprünglich die himmlischen Fackeln und Windlichter des Blitzes zu verstehen sein, so daß wir ebenso wie bei der obigen Ausstattung des dodonäischen Regen-Quells, welchen feurige Fackeln zu durchfurchen schienen, hier vor einer Anschauung ständen, derzufolge der himmlische Lichtbaum im Gewitter mit Lichtern besteckt oder umgeben war, was dann wieder in Gebräuchen entsprechend nachgeahmt wurde .

Nicht also bloß, »um den Schauer der Anbetung zu erhöhen«, wie Grimm M. p. 550 bei der Besprechung des Gebrauchs ad fontes sive arbores luminaria facere, candelam deferre meint, zündete man an Bäumen und Quellen Fackeln und Kerzen an, sondern zunächst in Nachahmung der himmlischen Scenerie, wie auch wieder, derselben entsprechend, allerhand Augurien sich auch an dieses Moment reihten, wie sie sich an das Wasser knüpften.

Auch über den Orient wie über das Abendland finden wir übrigens derartige Gebräuche verbreitet. Nachdem Boetticher p. 49 als nächstliegendes Beispiel, wie er sagt, die Verehrung der Terebinthe zu Mamre angeführt, bei der Hieronymus ausdrücklich die Entzündung von Lichtern erwähne, giebt er weiter Beispiele ähnlicher Art aus dem griechischen wie römischen Altertum. Grimm, Mannhardt und Pfannenschmidt verfolgen die entsprechenden Gebräuche, namentlich auch das Anzünden von Lichtern an Quellen und Flüssen, welches sich bis in die neuesten Zeiten erhalten hat, und worin slavischer Gebrauch mit deutschem übereinstimmt, nur daß jener das sog. Lichterschwimmenlassen zur Sommer-, dieser mehr zur Wintersonnenwende ausübt. Grimm führt schon a. a. 0. an, daß man zu Weihnachten noch jetzt mit Lichtern in den Brunnen schaue, ebenso erkundet man durch das erwähnte Lichterschwimmenlassen noch jetzt die Lebensdauer, sieht, wer zuerst stirbt, oder welche sich verheiraten u. dergl. mehr. Auch hier zeigt sich nämlich, worauf ich schon in meiner Schrift: »Der heutige Volksglauben und das alte Heidentum« u. s. w. H. Aufl. p. 6 f. aufinerksam gemacht habe, daß, wenn auch das Heidentum aus dem öffentlichen Leben mit Einführung des Christentums verschwunden, der mit jenem verknüpfte Aberglaube sich noch gerade in und an den einfachsten Lebensverhältnissen, wie Hochzeit und Tod u. dergl., vielfach erhalten hat. Daß aber die an Bäumen und Quellen sich schließenden Wahrsagungsarten auch bei den Deutschen, ebenso wie zu Dodona, weiteren Spielraum gehabt, mag für viele Stellen eine zeigen, wo der Papst durch Bonifacius die Deutschen ermahnt, solch heidnisches Wesen zu lassen. Divinos autem et sortilegos vel sacrificia mortuorum seu lucorumvel fontium auguria vel phylacteria et incantatores et veneficos et maleficos et observationes sacrilegas, quae in vestris finibus fieri solebant, omnino respuentes atque abjicientes, tota mentis intentione ad Deum convertimini etc. Es dürfte in betreff der Ausdehnung der betr. auguria zwischen heut und einst dasselbe Verhältnis stattfinden, wie man heutzutage das sogen. Siebdrehen auch nur noch höchstens zur Ermittelung eines Diebes anwendet, während es früher ein allgemeines, auch den Griechen bekanntes Weissagemittel war.

Diesem Wasser- und Feuerkultus schließen sich aber nun noch eine Fülle von Gebräuchen anderer Art im Ursprung an. Hierher gehören die Wasser- und Feuerlustrationen, die Wasserspenden sowie das Anzünden von feurigen Bädern und überhaupt von Feuern, namentlich zur Zeit der verschiedenen Sonnwendfeste, namentlich die Johannis-, Martins- und Weihnachtsfeuer, von deren Beziehung zu den metereo-logischen Himmelserscheinungen ich schon in den Poet. Natur-ansch. I. gehandelt habe und wofür ein reiches Material Pfannenschmidt sowohl in seinem »Weihwasser« (Hannover 1869), als auch in seinen »Germanischen Erntefesten« (Hannover 1878) beigebracht hat Letzterer nähert sich auch schon p. 491 ff. unserer Auffassung, nur daß er das Ganze noch mit Mannhardt (p. 494) zu spiritualistisch in eine wenig für die Urzeiten passende Form kleiden möchte. Höchst interessant ist bei ihm übrigens noch der Nachweis, daß gleichfalls viele Wallfahrten und Prozessionen mit brennenden Lichtern  u. s. w. zu heiligen Bäumen und Stätten, Flurprozessionen und Grenzbezüge u. dergL eben hierher ihrem Ursprung nach gehören und aus der Heidenzeit sich in christlichen Formen selbst bis auf unsere Tage erhalten haben. Und da will ich denn auch darauf hinweisen, daß auch die Hydrophorien und die Fackelläufe bei den Griechen desselben Ursprungs gewesen sein dürften. Diese Gebräuche sind offenbar zuerst sämtlich auch nur einfache Nachahmungen angebl. entsprechender Himmelserscheinungen gewesen, wie ich es schon im ersten Teile der Poet Nat. von den Johannisfeuern u. s. w. nachgewiesen, in betreff bestimmter Umzüge aber es außer im Urspr. d. Myth. auch im H. Teil der Poet Nat unter der Überschrift »Gewitter zieht herum« p. 159 cfr. No. 5 »Gewitter als himmlisches Gekessel« gefaßt habe. Indem sich diese Gebräuche dann besonders an die Sonnenwende sowie die Tag- und Nachtgleichen schlossen, bildete sich in der Urzeit gleichsam schon ein heiliger kalendarischer Jahrescyklus, dem sich später dann noch bestimmte Festspiele anschlossen, — z. B. im Demeterkult das Suchen der Kore, entsprechend dem des Adonis, — so daß auf heidnischem Boden sich hierin schon eine ähnliche Entwickelung zeigt, wie in dem christlichen Kirchenjahre mit seinen Festspielen, wie sie noch jetzt z. B. im Ober-Ammergau gefeiert werden. Tritt dies in Griechenland uns schon in voller Entwickelung entgegen, so erscheint es in den Anfängen bereits auch auf deutschem Boden. Immer sind es hier vor allem die erwähnten Sonnenwendzeiten, und so reihten sich auch den entsprechenden Wasser- und Feuerfesten entsprechende Baumfeste an, in denen man Bäume, namentlich Tannen, festlich einholte, schmückte, mit Lichtern besteckte u. s. w. ursprünglich als Repräsentanten »des himmlischen Lichtbaumes«, der »mitten in jedem Dorfe, in jeder Hütte sichtbar«1). Daß auch der Weihnachtsbaum speziell hierher gehört als Symbol des zur Wintersonnenwende wieder erstehenden Lichtbaums, daran malmte schon oben die isländische Mythe von dem heiligen Ebereschenbaum, der zur selbigen Zeit mit seinen Lichtern erglänzt haben soll, wie ich auch anderweitig schon in zwei Gelegenheitsartikeln diesen Gedanken besonders ausgeführt habe.

Bei der Eiche zu Dodona wie bei der Esche Yggdrasil haben wir schon gelegentlich die daselbst das Schicksal kündenden Wolkenwasserfrauen, Schwan- und Taubenjungfrauen kennen gelernt; die Hauptepiphanien am himmlischen Tagesbaum scheinen sich aber an die Sonne resp. an das im Blitz angeblich leuchtende und aus dem oberen Wolkenhimmel. zur Erde dann hinabsteigende Gewitterwesen angeschlossen zu haben, wobei man vielleicht, entsprechend den griechischen Philosophen, welche die Blitze von der Sonne ableiteten, auch das in den Blitzen scheinbar näher kommende, herabsteigende Wesen mit der Sonne identisch faßte, worauf mich im »Heutigen Volksglauben« p. 103—113 (vergl. »Urspr. d. Myth.« Alttestamentarische Parallelen p. 280) gewisse Parallelen zwischen der weißen, todverkündenden Frau und dem (todbringenden) Engel des Herrn in der Bibel geführt haben.

Doch dies zunächst dahingestellt, gehen wir den überhaupt hierher schlagenden Epiphanien auf und an dem himmlischen Baum etwas eingehender nach, wobei wir uns auch zunächst an Boetticher anschließen können.

Er sagt p. 33:

»Was endlich die Epiphanie der Götter unter Bäumen anbetrifft,—so findet sie sich nicht allein bei den Hellenen und Römern, sondern die ältesten heiligen Sagen des Orients kennen sie, weil sie gleicherweise mit dem Baumkultus beginnen und ihn als bestehend voraussetzen; dies gilt so für die Israeliten, wie für die übrigen Völker des Orients, die ja insgesamt Träger des Baumkultus sind.«

— Weiter heißt es dann p. 518: »Die heilige Sage in der Genesis knüpft, wie schon oben (p. 507) bemerkt ist, das Schicksal der Stammeitem des Menschengeschlechts gleichnisweise an zwei von Jehovah selbst im Paradiese als Schicksalsbäume gepflanzte Bäume, an den Baum der Erkenntnis der Dinge und an den Baum der Unsterblichkeit2). Aber diese Sage  des alten Testaments hätte unmöglich ein solches Gleichnis machen können, wenn es nicht in der lebendig geübten Verehrung des Baumes sein volles und bedeutsames Verständnis beim Volke fand; aber eben weil diese Baumverehrung ein ursprüngliches Kultuselement bei den gesamten Volksstämmen des Orients war, muß sie ohne weiteres auch bei Abraham und seinem Geschlechte vorausgesetzt werden.« — Boetticher geht dann die Epiphanien, welche in der Bibel auftreten, durch, unter welchen die dem Gideon erschienene die bedeutsamste für uns ist, da in ihr die Beziehung zu dem Baume am bestimmtesten hervortritt. »Da kam«, heißt es Richter VI., 11 »der Engel des Herrn und setzte sich unter die Terebinthe zu Ophra —, während Gideon Weizen an der Kelter ausklopfte, um es vor Midian in Sicherheit zu bringen.« »Es ist«, setzt Boetticher hinzu, »die Geschichte von der Erwählung Gideons zum streitbaren Helden und Richter in Israel ganz verwandt der Erscheinung des Herrn unter der Terebinthe bei Abraham«, und fahrt dann fort: »Gideon aber kennt ihn nicht, er mißtraut den Worten und will prüfen, ob die Erscheinung keine trügliche sei; deswegen verlangt er ein Wunder von ihr, und zwar jenes nur den Himmlischen mögliche Wunder, daß das Opfer, welches er bieten will, von selbst entzündet und verzehrt werde. Hinweggehend und ein Böcklein schlachtend legt er die Opferstücke des Fleisches mit ungesäuertem Brot auf einen Opferkorb, trägt es nach der erhaltenen Anweisung auf den Stein unter dem Baum und gießt darauf das Trankopfer aus. Da berührt der Bote des Herrn das Opfer mit seinem Stabe, Feuer fahrt aus dem Steine und verzehrt dasselbe, der Engel selbst aber wird darauf unsichtbar.« So Boetticher. — Nach dem weiteren Ausbau der Scenerie werden wir hier, wie schon oben angedeutet, in dem Boten des Herrn mit dem zündenden Blitzstab den Engel des Herrn wiedererkennen, dessen Anblick auch sonst sogar tötet, d. h. eben die leuchtende Blitzerscheinung, als Botschaft des höchsten Gottes1); die Bedeutung der Terebinthe tritt aber auch sonst charakteristisch noch genug hervor, wie Boetticher weiter ausführt, so zu Sichern, »als das väterliche Heiligtum der heidnischen Familie des Lot und ihres Götzen Tempel«:–bei welchem Baum auch später Josua die Kinder Israel berief und unter welchem er ihnen des Herrn Gesetz verkündete; — wovon der Baum genannt wurde »die Terebinthe zum Heiligtum des Herrn.« (S. Boetticher p. 522 i)

Wie durch die Geschichte Israels, ziehen sich Epiphanien unter den verschiedensten Formen auch durch das ganze griechische Altertum (Nägelsbach, »Nachhom. Theologie« u. s. w. Nürnberg 1857. p. 2.). Wenn es aber auch bei den Griechen als gefährlich galt, die Götter leibhaftig zu schauen , so dürfte auch hier ein ähnlicher, natürlicher Hintergrund anzunehmen sein, wie nach dem Glauben der Semiten. Dem sei aber wie ihm wolle, uns kommt es jetzt nur auf Erscheinungen der Götter bei Bäumen an. Auf eine ist schon oben gelegentlich hingedeutet worden, wo Demeter den Töchtern des Keleos beim Oelbaum am Kallichorosbrunnen bei Eleusis erscheint. Auf eine andere weist Nägelsbach, p. 3, hin, wenn er sagt:

»In der Schlacht bei Stenyklaros sitzen die Dioskuren auf einem Baume und werden vom Propheten Theokies gesehen, Paus. IV. 16, 2, wie Apollo und Athene bei der Buche vom Propheten Helenos. Hom. 11. VH. 20—45.«

Die Epiphanie auf dem Baume ist speziell charakteristisch, wie wir auch oben schon nach Boetticher sie besonders erwähnt, und dieser sie noch des weiteren p. 140 ff. behandelt, indem er als ihre Substitute Götterbilder »auf einem dazu abgeglichenen Aste des Baumes oder in den Zweigen seiner Krone« erwähnt Diese Form wird deshalb namentlich wichtig, weil sie höchst bedeutsam dann auf deutschem Boden wird und diese Seite der Epiphanie schließlich in besonderer Weise klar legt Wir haben schon oben erwähnt, daß Bilder der Jungfrau Maria sich namentlich so auf Bäumen finden und dieselbe gewöhnlich der Volksüberlieferung nach ebenso erschienen sein soll. Die Sagenforscher, die dies anführen, wie Panzer, Stöber u. s. w. finden mit Recht darin einen heidnischen Hintergrund, und J. Grimm macht, als er p. 66 von dem Hausen geisterhafter Wesen auf Bäumen spricht, eine Bemerkung, die uns weiter führen soll. Er sagt in der Anmerkung:

»Es verdient Aufmerksamkeit, daß auch in christliche Legenden die heidnische Idee von Götterbildern auf Bäumen eingegangen ist; so tief wurzelte .im Wolke der Baumkultus. Ich verweise auf die Erzählung von dem Tiroler Gnadenbild, das in einem Baum des Waldes aufwuchs. (Deutsche Sagen. No. 348.) In Kärnten sieht man Muttergottesbilder an Bäumen schauerlicher Haine befestigt (Sartoris Reise 2, 165). Nicht unverwandt scheint die Vorstellung von wunderbaren Jungfrauen, die in hohlen Bäumen oder auf Bäumen im Walde sitzen. (Marienkind. Hausmärchen No. 3. Romance de la infantina. p. 259.)«

So Grimm; ich habe nun inzwischen in diesen wunderbaren Jungfrauen, die nach Erlösung verlangen, auf einem Baume sitzen, in ihre goldnen Haare sich fast zu hüllen imstande sind, eine Anschauung der Sonnenjungfrau als einer einsamen, dort oben hin verwünschten Jungfrau in den »Poet. Naturansch.« L 202 f. *) nachgewiesen. Das paßt nun wieder ganz vorzüglich zu der jetzt durchgeführten Bedeutung des mythischen Baumes als des himmlischen Lichtbaumes; beide Vorstellungen tragen sich gegenseitig.

Daß aber diese Deutung richtig, wird jetzt nach unserer Entwickelung der Weltesche Yggdrasil als des himmlischen Lichtbaums noch in besonderer Weise durch die Edda selbst bestätigt. Denn es dürfte nach allem keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn nach der Völuspa Idhun oder Urdh oben auf der Esche thront und dann zur großen Sorge der Götter zu Nörwis Töchtern d. h. »zur Nacht« zeitweis hinabsinkt, wir es nicht, wie Uhland und Simrock wollen, in Idhun mit dem Blütenschmuck oder, wie Mannhardt will, mit der Wolke, sondern mit einem Sonnenwesen zu thun haben, welches, unter verschiedener und doch in der Sache analoger Vorstellung, als die Hüterin bald des ewige Jugend verleihenden Lichtbronnens, bald der Unsterblichkeit verleihenden Himmelsäpfel erscheint. Wie sie sich in einer gewissen Parallele zur Despoina-Persephone stellt, in der ich auch die Sonne nachgewiesen und mit der sie auch W. Müller und Mannhardt vergleichen, ist die andere Form, die Sage von ihrer Entführung durch den winterlichen Sturmesriesen, nur eine Version des erwähnten mythischen Zuges von ihrem zeitweisen Herabsinken von der Esche Yggdrasil »aus heiterer Wohnung«, wie die Edda sagt, »zur finsteren Nacht.«

Ein Moment, auf das ich neuerdings auftnerksam geworden bin, erhärtet aber noch in anderer Weise die Altertümlichkeit und einstige weite Verbreitung der Vorstellung von der dort oben ev. auf dem himmlischen Lichtbaum thronenden und zeitweise herabsinkenden resp. herabsteigenden Sonnengöttin. Verschiedentlich habe ich schon in der Thetis und dem Achill die Sonnenfrau und den Sonnensohn nachgewiesen, namentlich die Wandlungen der Thetis in eine Schlange, Peuer, Wasser u. s. w. auf die bekannten mythischen Elemente des Gewitters bei dem angeblichen Werben in demselben um die Sonnenfrau bezogen1). Nim erzählt Bemh. Schmidt in seinem »Neugriech. Volksl.«, Leipzig 1871, in einer Sage von einer kretischen Nereide (die als himmlische Wasserfrau sich zu einer andern Seite der mythischen Gestalt der Thetis stellt), ganz ähnliches. Gegenüber dem Burschen (dem bäurischen Substituten des Peleus also) wandelt sie sich bald in einen Hund, bald in eine Schlange, Feuer u. s. w. Aber er hält sie bis zum Hahnekrähen an den Haaren fest und vermählt sich mit ihr. Aber niemals, heißt es weiter, wechselte sie mit ihrem Manne auch nur ein einziges Wort Dieses seltsame und unerträgliche Schweigen von ihrer Seite nötigte ihn, sich abermals an jene Alte (die ihm schon den Rat gegeben, wie er die Nereide fangen könne,) zu wenden und ihr seine Betrübnis auszusprechen. Die Alte riet ihm, er möge den Backofen tüchtig heizen und, ihr Knäblein in die Hände nehmend, zur Nereide sagen:

»Du willst nicht mit mir reden? Nun, so verbrenne ich dein Kind!«

und bei diesen „Worten solle er sich stellen, als wolle er den Säugling in den Backofen werfen. Der Mann that, wie ihm die Alte voigeschrieben. Da schrie die Nereide:

»Laß ab von meinem Kinde, Hund!«

riß das Knäblein hastig an sich und verschwand vor seinen Augen. — Nicht bloß in der ersten Partie, sondern auch im Schluß finde ich ein Analogon zur Thetis-Sage. Das projektierte Schieben des Kindes in den brennenden Backofen d. h. in das Feuer, sowie der Aufschrei der Mutter haben ja auch ihre Parallele in jener, nur daß wir hier es eben mit einer bäurischen Scenerie zu thun haben, während der betr. Stoff dort der Gestalt der Sage und der göttlichen Umgebung entsprechend gewandt ist, so daß Thetis im Feuer das Kind unsterblich machen will und Peleus darüber aufschreit.

Nun macht in Bezug auf die schweigsame Nereide Schmidt folgende Anmerkung.

»Wie hat man es übrigens zu verstehen, wenn Sophokles im Troilos (bei Schol. Pind. Nem. 4, 62 £) die Ehe des Peleus mit der Thetis nennt? Ln Hinblick auf die sonstigen auffälligen Ueberein-stimmungen möchte man sich fast versucht fühlen anzunehmen, der Mythos, welchem der Dichter folgte, habe berichtet, daß Thetis in der Ehe mit ihrem Gatten, gleich der Nereide der kretischen Sage, beharrlich Schweigen beobachtet habe.«

So Schmidt Mannhardt schließt sich in seiner interessanten Behandlung der Peleus-Thetis-Sage als einer thessalischen Volkssage (in seinen »Antiken Wald- und Feldk.« p. 60) dem an und sagt bei Erwähnung der Schmidtschen Bemerkung, auch dieser Zug des Schweigens ist echt und alt »Nach einer englischen Sage, welche Walter Map, der Freund König Heinrich H., in seiner zwischen 1180—1193 verfaßten Schrift »nugae curialium« von dem berühmten angelsächsischen Ritter Ediic dem Wilden erzählt, hat derselbe im Walde tanzende Waldfrauen belauscht, eine derselben ergriffen und nach langem Kampfe siegreich mit sich fortgeschleppt. Drei Tage ist sie ihm völlig zu Willen, spricht aber kein Wort, am vierten öffnet sie den Mund, um ihn mit holdseliger Bede zu grüßen und ihm Glück zu verheißen, so lange er sie nicht schelte. Als er dies in Übereilung thut, ist sie verschwunden.« So Mannhardt.

Führten nun schon alle anderen charakteristischen Momente des betr. mythischen Wesens auf die Sonne, so wird diese Beziehung auch noch in der eigentümlichsten Weise bestätigt durch den durchgehenden Zug der zeitweisen Schweigsamkeit des betr. Wesens. In den »Poet. Naturansch.« 1.1864, p. 26 f. habe ich nämlich schon auf die Vorstellungen hingewiesen, die Tegnör von der Sonne entwickelt als einer himmlischen goldhaarigen Maid, die, dort oben hingebannt, still dahinwandle, bis sie erlöst werde, oder die als goldbefiederter Schwan im himmlischen Meer dahintreibe u. s. w. Unter den verschiedenen daran sich schließenden ähnlichen Ansichten von der Sonne, daß z. B. Helios schlafend auf einem Nachen einherfahre, fand sich ferner auch die durch altertümliche Volksrätsel belegte einer Jungfer Mundelos. Damals sprach ich es schon p. 70 und 202 aus, daß hieran anzuschließen sei das oben erwähnte goldhaarige Mädchen der Sage, welches stumm auf einem Baume im Wald spinnend sitze und des Erlösers harre wie Dornröschen, Brunhild oder die in einer Höhle, einem Berge (dem Wolkenberge), von ihrer Mutter verschlossene, spinnende Persephone (zu der Zeus dann als Blitzesschlange schlüpft, wie Odhin zur Gunlöd). Nun tritt bei der Idhun, die sonst auf der Esche Yggdrasil thront, in der ich aber nicht, wie schon oben angedeutet, mit Simrock den abstrakten »Frühling« oder »den grünen Blätterschmuck« hier finde, sondern mehr im Anschluß an Eoch-holz, wie ich weiter unten noch des ausführlicheren belegen werde, die Hüterin der himmlischen Sonnenäpfel, also auch‘ eine Sonnenmaid, höchst bedeutsam auch ein eigentümliches Verstummen mit ihrem Herabsinken von der Esche Yggdrasil verbunden hervor1). Die Edda sagt nämlich von ihr in Hrafhagaldr Odhins (als die Götter sie ratsuchend beschicken), wie sie zur Tochter Nörwis, d. h. der Nacht, herabgesunken:

Sie mochte nicht reden,

Könnt’ es nicht melden,

Wie begierig sie fragten,

Sie gab keinen Laut–

Wie schlafbetäubt

Erschien den Göttern

Die harmvolle,

Die des Worts sich enthielt

Je mehr sie sich weigerte,

Je mehr sie drängten;

Doch mit allem Forschen Erfragten sie nichts.

Allerdings knüpft die Mythe ihre Schweigsamkeit nur an eine Art ihres Zustandes, das ist aber in den obigen Sagen ebenso und die Mannigfaltigkeit der Anwendung dieses Zuges zeigt gerade, wie so oft, daß es nur verschiedene Formen für eine in der Natur der betr. Wesen angeblich überhaupt liegende Eigenschaft ist.

Ist aber Idhun auf der Esche Yggdrasil recht eigentlich nach allem die Sonnenfrau, so bestätigen dies auch noch endlich analoge deutsche Mythen, die von einem ähnlichen Yersinien der »weißen Frau« reden und selbständig schon s. Z. in, dem »Heutigen Volksglauben« u. s. w. H. AufL von mir auf das in der Gewitternacht vom Himmel herab sinkende Lichtwesen gedeutet sind. (cf. das. p. 111 ff.)

VII. Von dem Treiben der himmlischen Sonnen-, Wolken-, Sturmeswesen u. s. w. (cf. No. Y.) schienen sich unter dem himmlischen Lichtbaum, der Sage nach, besonders zweiMomenteabzuspielen, welche sich an verschiedene Auffassungen des Gewitters anschließen.

A) Wie ich aus vielfachen Mythen nämlich entwickelt habe, faßte man dasselbe u. a. als eine Vermählung des in der Gewitternaeht auftretenden, resp. am Horizont herauf kommenden Wesens mit der Sonne. Unter den verschiedenen Com-binationen, die dabei möglich schienen, hat sich bei den arischen Völkern Europas besonders reich die entwickelt, nach welcher der Sturm-resp. Gewittergott um die Sonnenjungfrau wirbt und mit ihr direkt buhlt. In einzelnen Sagen tritt nun die Beziehung zu dem uns bekannten himmlischen Terrain noch bestimmt hervor, wenngleich bei weiterer Entwicklung der Mythen in fortschreitender Kultur dies Bild weniger paßte, ebensowenig wie mit der Zeit eine auf dem Baum thronende Göttin. Es erschien dann die Form opportuner, nach welcher die Vermählung »in einer Grotte« (d. h. im Wolkenberg. S. »Poet Natur.« II. unter »Wolke«) vor sich gegangen sein sollte, cf. weiter unten p. 54 f.

»Unter der heiligen Platane bei Knossos auf Kreta am Flusse Theren sollten z. B. Zeus und Hera ihre Vermählung vollzogen haben; hier feierten die Kreter alljährlich diese heilige Hochzeit durch Nachahmung aller der Ceremonien, wie sie nach Ueberlieferung bei der Hochzeit beider Götter ehemals vollzogen waren. Ebenso sollte unter dem Laubdache einer anderen heiligen Platane auf derselben Insel zu Gortyna, wo auch ein Quell daneben aufsprudelte, Zeus sich der Europa in Liebe gesellt haben (auch nur eine Differenzierung desselben Mythos innerhalb der göttlichen und heroischen Sagenkreise). — Münzen von Gortyna zeigen diese Platane, in deren Zweigen das Bild der Europa sitzt1),« s. Boetticher p. 32.

Die Nachahmung  der betr. Götter kommt auch anderweitig vor und in Hermione erzählte man speziell noch charakteristische Accidentien. Zeus, der schon lange vergeblich um Hera gefreit, erregt einen heftigen Sturm mit Platzregen und nähert sich ihr in der Gestalt eines Kuckucks. Kann die Vogelgestalt nach dem ganzen Sagenkreis, mit dem wir es zu thun haben, an und für sich nicht auffallen, so bemerkt Welcker »Gr. M.« I. p. 365 in betreff gerade des Kuckucks noch dazu:

»Wenn dieser Vogel zuerst kuckuckt, dann regnet es, wie Hesiod in den Werken und Tagen lehrt, drei Tage in eins fort; tägliche Gewitter bezeichnen in bergumschlossenen Gründen, wie z. B. in Florenz, den Uebergang zum Frühling.«

— Gemahnt dies an die Frühlingszeit, wo in den Gewittern, wie u. a. in der Brunhild-Sage, die Vermählung der Himmlischen besonders vor sich zu gehen schien, so erinnert ebenso wieder an die im Wolkenbaum ursprünglich, wie wir oben gesehen haben, sitzende Göttin, wenn zu Samos man behauptete, das Bild der Göttin einst im Keuschlamm oder unter Weiden versteckt gefunden zu haben und dann alljährlich ein solches ebenso verbarg, suchte und wiederfand.

Wenn Tyrrhener und Karer dabei im Spiele gewesen sein sollten, die es geraubt und verbargen, so ist das nur der späteren Form der Sage angepaßt; ursprünglich geht das Verbergen u. s. w. auf die Göttin selbst, wie in andern ähnlichen Gebräuchen, war doch daneben auch die Sage, die Göttin solle daselbst unter dem Weidenbaum im Heraion geboren sein. Über die Sache cf. weiter Welcker, »Gr. M.« L 368 und Boetticher, p. 29 Anm.

Sind dies nur einfache Localisierungen, so haben wir in der nordischen Mythe noch eine direkte großartige Ausführung der Scenerie im Fiölsvinnsmäl, wo im Mittelpunkt derselben der uns bekannte Baum Mimameidr steht, »dem weder Schwert noch Feuer schadet«, auf dessen Gipfel ein gold-ner Hahn thront, im übrigen aber Menglada, ein Analogon der Brunhild, von dem in den Frühlingsstürmen unerkannt ihr (als Bettler) nahenden Swipdagr, der wiederum dem Siegfried entspricht, daselbst umworben wird, und beide sich dann für ewig einen.

Ich habe diesen Mythos »Urspr. d. M.« p. 266 ff. mit allen Einzelheiten ausführlich schon in diesem Sinne behandelt, so daß ich darauf verweisen kann. Ebendaselbst habe ich auch als an etwas Verwandtes erinnert, wenn bei Homer Zeus und Hera im Wolkenblumenbett hoch oben über der Erde ruhen, dann auch auf das bekannte Wahrzeichen des (gleichfalls als Bettler) unerkannt zur Penelope heimkehrenden Odysseus hingewiesen, von welchem Wahrzeichen Od. XXHI. berichtet wird und durch dessen Kenntnis sich Odysseus erst als den legitimen Gemahl erweist, daß nämlich nicht, wie Penelope ihn versuchend anordnen wollte, sein Bett sich versetzen lasse, »sondern er selber »um einen gewaltigen Oelbaum« das Gemach sich gebaut und in demselben sich einst das Brautbett bereitet.« Auch Simrock hat sich der letzten Parallele p. 568 angeschlossen und zieht dann noch als vorzügliches Gegenbild die schon oben nach der Völsunga-Sage angeführte ähnliche Scenerie in Sigmunds Halle heran. Überall brechen analoge Bilder in der überraschendsten Weise hindurch.

Nach diesen Parallelen will ich nicht unterlassen, auch noch zu bemerken, daß, an die Hochzeit des Zeus und der Hera sich auch die Sage von dem goldenen Apfelbaum der Hesperiden schließt, der als Hochzeitsgeschenk dabei erwähnt wird. Habe ich ihn oben zunächst als Correlat zu dem heiligen Baum im östlichen Sonnenlande am Phasis erwähnt, so kann ich jetzt, nachdem ich das Herab sinken der Idhun von der Esche Yggdrasil in Analogie zu ihrem Geraubtwerden durch Thiassi auf das Versinken der Sonne u. s. w. in der Gewitternacht bezogen habe, noch einen Schritt weiter gehen. Der Raub der Idhun mit ihren zauberhaften Äpfeln und ihr Wiedergewinnen durch Loki ist hiernach eine der bekannten Gewittermythen, denen zufolge ein Palladium der Lichtgötter, hier also die Früchte des himmlischen Iichtbaums, der Sonnenapfel u. s. w., im Unwetter entführt und dann dem Wesen, das sie in der Gewitternacht geraubt, wieder abgenommen werden. Wie nun in der nordischen Mythe ausgesponnen wird, daß Loki auszieht und unter allerhand Fährnissen (d. h. den Gewitterkämpfen) dies ermöglicht, so stellt sich hiernach des Herakles Zug nach den (3) goldenen Äpfeln der Hesperiden, die auch u. a. Töchter der Nacht genannt werden, als ein märchenhafter, nur verblaßter Nachklang einer ähnlichen Anschauung hin, der nur in dem Mythenkreise, dem er eingewachsen, eine etwas fremdartigere Gestalt erhalten hat

Auch in den Gebräuchen übrigens, die sich an gewöhnliche Hochzeiten knüpfen, brechen noch gelegentlich einzelne an unser bekanntes Terrain erinnernde Momente hindurch, und es ergänzt sich dabei gewissermaßen griechische und deutsche Sitte. Vom Apfel resp. der Granate als Hochzeitssymbol im Anschluß an den obigen Apfelbaum bei der Vermählung der Hera spricht schon des ausführlicheren Boetticher, »Ideen der Kunstmyth.« H 249. Er erinnert u. a. daran, daß Zeus der bräutlichen Hera einen Granatapfel zu kosten gegeben, wie es in der bekannten Sage Hades auch mit der Despoina gemacht und wie er diese dadurch zeitweise an sich gefesselt haben sollte; ebenso wie auch Zeus als Bräutigam und entsprechend auch Hera mit einem Granatapfel in der Hand dargestellt werde, was man dann mystisch gedeutet, wie auch Pausanias letzteres H. 17 erwähne.

Boetticher erinnert weiter dann an den »der Schönstem gewidmeten Apfel‘ der Eris, »an den Apfel der Atalanta«, »qnae zonam solvit diu ligatam« bei CatolL H 5; »an den Apfel des Acontius« in Ovids Heroiden XX., sowie an das  in den alten Bukolikern und Erotikern und daran, daß es auch später zu den Hochzeitsgebräuchen gehörte, der Braut einen Apfel darzureichen. »Deutlich ist der Apfel«, fährt er fort, (il pomo di zizzä nennen ihn die Sicüianer) »in dem von Bartoli in den Admirandis No. 55 abgebildeten Relief, die Hochzeit der Creusa mit dem Jason vorstellend, zu sehen. Da hielt ihn die sitzende Creusa, der die Brautgeschenke gebracht werden, in der Hand.« — Auf diese Ausführung nimmt Stark (K. P. Herrmann) »Griech. Privataltert.« Heidelberg 1870. § 31 No. 29 Bezug, wo er des Solon Gesetz anführt, nach welchem die Braut vor dem Empfange des Bräutigams im Brautgemach einen Quittenapfel pijXov xvScaviov zu verzehren habe Es ist eben jene Bestimmung entschieden nur eine Fixierung der alten Volkssitte.

Daß aber der Apfel im obigen Sinne als Liebesapfel im himmlischen Haushalt auch bei den nordischen Yölkem galt, wir es hier also mit einer gemeinsamen Urreminiscenz zu thun haben, das zeigt im Anschluß an die vorhin behandelten Mythen das eddische Lied Skimisför. Skimir zieht aus, um für Freyr um Gerda zu werben, und wendet sich u. a. mit folgender Ansprache an sie:

Der Äpfel eilf

Hab ich allgolden,

Die will ich, Gerda, dir geben,

Deine Liebe zu kaufen,

Daß du Freyrn bekennst,

Daß dir keiner lieber lebe.

Es liegt auf der Hand, daß hier nur die Äpfel gemeint sein können, die sonst Idhun hütet, und wenn sie als Morgengabe für die gesuchte Vermählung geboten werden, so haben wir eben hierin eine direkte Variante der Rolle, welche dem Hesperidenbaum bei der Vermählung des Zeus zufallt.

Aber nicht blos der Apfel spielte, wie wir oben gesehen, noch in historischer Zeit bei den Griechen in die Ehegebräuche hinein, sondern auch wieder die heilige Quelle und Fackel. Wie Juno sich vor und nach der Hochzeit nach Aelian hist an. Tritt von den erwähnten Elementen bei den Griechen mehr das Bad hervor, so spielt im Norden dagegen der Baum in vielen deutschen, slavischen und lettischen Landschaften nach Mannhardt »Baumkultus« p. 46 eine bezeichnende Rolle bei der Hochzeit (auch die Lichter fehlen nicht). Unter seinen Schutz wird gleichsam die Ehe nach der entsprechenden himmlischen Scenerie, von der wir oben gemeldet, gestellt. »Dem jungen Paare werden bei der Hochzeit«, sagt Mannhardt, der hier den Baum seinem Standpunkt gemäß als Lebensbaum fassen möchte, »grüne Bäume vorangetragen, ein grüner Baum prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in die neue Heimat führt, auf dem Dach oder vor der Thür des Hochzeitshauses. Im Drömling tragen die Braut- oder Bräutigamsjungfem auf dem Wege zur Kirche dem Brautpaar brennende Lichter auf jungen Tannen oder mit Buchsbaum umwundenen Gestellen voran. Im hannoverschen Wendlande tragen die Kranzjungfem während der Ehrentänze der Brautführer und des jungen Ehemanns mit der Neuvermählten mit brennenden Lichtern besteckte grüne Tannenbäumchen vorauf. In den wendischen Dörfern bei Katzeburg dagegen hatte ein grüner Baum auf dem Brautwagen Platz. In der Oberpfalz steckte ebenso vom auf der äußersten Spitze des Kammerwagens, der die Aussteuer der Braut trägt, ein verziertes Fichtenstämmchen u. s. w. In Schweden nimmt man wenigstens noch als Brautstuhl, auf dem das Hochzeitspaar während der Trauung sitzt, einen Chorstuhl, pflanzt zwei Tannen mit Blumen und Goldpapier vor dessen Thüren u. s. w.« Stellenweise ist der Brauch auch so gewandt, daß das Brautpaar zwei junge Bäume im Gemeindeeigentum pflanzen mußte; die Kommune bemächtigte sich gleichsam des alten Gebrauchs, der bei der Hochzeit einen Baum verlangte, und wandte die Sache in ihrem Interesse.

B) Nach einer anderen Anschauung meinte man, der Himmel kreise im Gewitter, und wähnte die gewitterschwangere Wolke unter den Wirbel-stöfien und dem Stöhnen des Sturmes und Donners in Geburtswehen begriffen und, nachdem die alten Lichtwesen im Unwetter untergegangen, neue Lichtwesen so wieder geboren zu sehen. (Asklepios vom Blitzglanz umflossen. Dionysos’ Feuergeburt Achill aus dem Feuer gerettet, cf. die Geburt des Caeculus und Servius Tullius). — Hierher reflektieren auch die Mythen von der Geburt eines oder zweier göttlicher Sinder beim himmlischen Lichtbauin, resp. des Sonnen-Sohnes oder der Sonnen-Tochter allein, oder der Sonne und Morgenröte oder der Sonne und des Mondes), die in den Gefahren des Gewitters verfolgt zu werden schienen u. dergL mehr.

Ich habe über die betr. Vorstellungen verschiedentlich im »Urspr. d. Myth.«, den »Poet Natur an.« L und namentlich in der Schrift »Der Ursprung der Stamm- und Gründungs-Sage Borns« gehandelt; über die zuletzt angedeuteten Combinationen der Lichtwesen vergL auch M. Müller, »D. Wissenschaft d. Sprache.« Leipzig 1866 IL p. 451 ff.

Die oben angedeutete Beziehung zweier himmlischer (goldiger) Lichtkinder zum Lichtbaum tritt äußerlich schon hervor in dem Märchen von den beiden Goldkindern, die von einem bösen Weibe (der Stiefmutter) verfolgt resp. ermordet werden, wenn aus ihrem Grabe dann zwei Bäume entstehen, die goldene Äpfel’ tragen u. s. w. Die weitere Bedeutung dieser Goldkinder ergab sich nun damals mir zunächst an einer Parallele mit dem Helios und Selene als »Kindern«, die auch durch die Mißgunst böser Anverwandten nach einer uns von Diodor erhaltenen Sage im Gewitter verfolgt werden.

Ein solches himmlisches Zwillingspaar haben wir nun auch in Hera und Zeus, welche auch vor den Nachstellungen des Kronos verborgen gehalten werden. Im Mythos finden in betreff beider freilich hierin Differenzierungen statt, insofern Zeus als zukünftiger Überwältiger des Kronos und Götterkönig besonders geheim gehalten wird und mit einem eigenen Sagenkreis umgeben erscheint, wenn er auf Kreta in einer Höhle groß gezogen sein soll, während die Geburt und das Großziehen der Hera sich auf der ihr besonders heiligen Insel Samos lokalisiert hat und dann dort unter der heiligen Weide vor sich gegangen sein sollte (Boetticher p. 29). Geht letzteres aber auf den Wolkenbaum, so ist in ersterer Sage, wie schon oben bei Erwähnung der betr. Vermählungen angedeutet worden, nur die Grotte d. L (in mythischer Bedeutung) die hüllende Wolke an ihre Stelle getreten. — Der Baum tritt aber wieder hervor, wenn von den dodonäischen Nymphen (s. über dieselben oben), das Bacchus – Kind hei der Eiche zu Dodona sollte groß gezogen sein.

Von dem ganzen Mythos-Terrain, der schwimmenden Wolkeninsel, denn so berichtet die Sage ursprünglich von Delos, der (im Kreise) umherirrenden Leto, d. h. der am Horizont in allen Himmelsgegenden herumziehenden gewitterschwangeren Wolke u. s. w. habe ich schon im »Urspr. d. M.« gehandelt. Was hier nämlich in der Mythe sich erhalten, tritt zur Ergänzung und Bestätigung des behaupteten Ursprungs der betr. Vorstellung höchst charakteristisch im abergläubischen Gebrauch in Schweden hervor. Vom Värdträd, den Mannhardt, »Baumkultus« u. s. w. p. 51, behandelt hat, ist in unserm Sinne schon als irdischem Substitut des Lichtbaums die Bede gewesen. Nun berichtet Mannhardt von ihm:

»Schwangere umfaßten in ihrer Noth den Värdträd beim Hause, um eine leichte Entbindung zu erzielen,«

also genau dieselbe Scene hier bei den Nordariem im Gebrauch, wie bei den Südariem in Griechenland im Mythos. Daß nämlich auch dort in Schweden eine mythische Beziehung auf das himmlische Terrain ursprünglich zu Grunde liegt, beweist das andere, gleichfalls von Mannhardt schon herangezogene Faktum, daß es von dem Baume Mimameidr ausdrücklich in der Edda heißt:

Mit seinen Früchten Soll man feuern,

Wenn Weiber nicht wollen gebären.

Aus ihnen geht dann,

Was innen bliebe:

So mag er Menschen frommen.

Dazu kommt noch als höchst bedeutsam nach unserer Auseinandersetzung, daß das oben erwähnte Substitut des Lichtbaumes, in dem auch, wie wir sahen, das Ehebett der Himmlischen stand, in der Yöluspa geradezu JOnderstamm hieß. Diese Bezüge mehren sich, wenn wir nicht bloß an den alten Glauben denken, daß die Menschen von den Bäumen stammen sollten, sondern auch dazu halten, daß die Kinder aus dem Brunnen der Holla kommen, den auch Simrock p. 35 mit dem himmlischen Brunnen der Urdh vergleicht Suchen wir aber nach einer Anschauung, welche die Kinder aus dem Lichtbaum und seiner Umgebung hervorkpmmen zu lassen schien, so dürfte vielleicht folgende Anknüpfung die richtige sein. Kuhn und ich haben öfter Sagen gehört, daß die Zwerge unter einem Baum hervorkommen. Der Eingang zu ihrer Wohnung ist bald unter einer Rüster, bald am Spring in der Ellernkühle, bald auf dem Hofe unter einem Apfelbaum (cf. Kuhn undSchwartz »Nordd. Sagen«). Wenn es noch zweifelhaft wäre, daß auch diese Bäume Substitute des himmlischen Lichtbaums sind, wie der oben erwähnte Värdträd, so wird man noch speziell an das himmlische Terrain erinnert, wenn das Mädchen, welches zu den Zwergen in einer jener Sagen hinabsteigt, aus dem schönen Garten daselbst zum Lohn sich Äpfel pflückt, die dann zu Gold werden. Wie ich früher  nun vielfach auch die Beziehung der Zwerge zu den Sternen mit ihren Wolkennebelkappen u. s. w. im »Urspr. d. M.« nachgewiesen, habe ich im I. Teil der »Poet. Nat.« verschiedentlich Anschauungskreise behandelt, denen zufolge nach deutschem Glauben die Sterne als die kleinen Himmelskinder gegenüber der Mutter (Sonne) oder dem Mond gefaßt wurden1). Es würden sich also hiernach die beiden Vorstellungen decken und in gleicher Weise auf das Hervorkommen der Sterne am Abendhimmel gehen, wenn einmal die Zwerge unter dem himmlischen Lichtbaum hervorkämen, dann dieser überhaupt der Kinder stamm wäre, aus welchem, wie aus dem Brunnen, resp. dem Spring dabei, die himmlischen — und dann auch die irdischen — Kinder hervoigingen; denn eine Übertragung der letzteren Art ist ja ganz gewöhnlich. Kommt doch auch hier ausdrücklich wieder noch eine andere Beziehung hinzu, von der wir in Brodewin (Nordd. Sagen Abergl. 422) eine prägnante Form hörten, wenn es daselbst hieß: »Jeder Mensch hat sein Licht am Himmel, und wenn er stirbt, so geht’s aus; es kommen statt der alten aber sogleich wieder neue zum Vorschein, da immer wieder Menschen geboren werden,« zu welcher Vorstellung römische und griechische Sage paßt.

Daß dieser Gedankengang richtig, dürfte der Umstand bestätigen, daß auch die Vorstellung des sog. Lebenslichtes sich dem anschlösse und auf dasselbe Naturterrain hinwiese. Beziehe ich gleich das dem Meleager von dem Moiren gegebene brennende Holzscheit, sowie die dem Nomagest von der Nome gebotene Leuchte zunächst auf die Blitzfackel, so stimme ich doch im übrigen Simrock bei, wenn er »M.« p. 597, sich auf die »Nordd. S. Gebr.« 431 berufend, damit das sog. Lebenslicht in eine Parallele bringt und sagt:

»Es ist noch jetzt Sitte, den Kindern bei jedem Geburtstag einen Kuchen zu schenken und darauf so viel Lichter zu stellen, als sie Jahre zählen. Diese Lichter darf man nicht auslöschen, sondern muß sie zu Ende brennen lassen«

; worauf dann Simrock an Nor nagest u. s. w. erinnert.

Doch nehmen wir den Faden unserer obigen Untersuchung nach dieser Abschweifung wieder auf. Daß sich die Scenerie der römischen Stammsage mit der Wanne, als Wiege der Mars-Kinder am ficus Buminalis bei einer Ueber-schwemmung des Tiber angetrieben, den oben besprochenen Bildern von der Geburt himmlischer Kinder unter dem Lichtbaum anreiht, habe ich in der sie behandelnden Schrift noch durch andere bedeutsame Acddentien, wie den Specht, der sie füttert, u. s. w. unterstützt Es sind ursprünglich die himmlischen Zwillinge, die dann in die Stammsage verknüpft, zu Heroen geworden sind, wo, was an ihnen noch Mythisches haften geblieben, anders gewandt ist.

Bei Besprechung derselben habe ich auch eine deutsche, überhaupt nordeuropäische Sage herangezogen, nach der ein Erlöser, Erretter, Stammvater eines neuen Geschlechts nach einer Überschwemmung von einer (goldenen) Wiege kommen sollte, die aus einem bestimmten Baum dereinst gezimmert. Die mythologischen Bezüge ließen sich auch hier nachweisen. Nun kehrt derselbe Zug mit der Wiege höchst bezeichnend wieder bei der Erlösung der versinkenden weißen Frau resp. der Hebung des mit ihr verbundenen Schatzes (des alten Horts u. 8. w. der Nibelungen- und Amelungensage).

Ich lasse zunächst Grimm reden;

»M.« p. 920 heißt es: »(Der betr. Erlöser) muß als Kind in der Wiege geschaukelt werden, die aus dem Holz des Baumes gezimmert war, der (jetzt) erst als schwaches Beis aus der Mauer eines Turmes sprießt: verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so verschiebt sich die Hoffnung des Erlösers, bis es von neuem ausschlägt und wieder wächst Das steigern noch hinzugefügte Bedingungen; den Kirschkern, aus welchem der Sproß schießen wird, hat ein Yöglein in die Mauerritze zu tragen u. s. w. In allen diesen Sagen knüpft sich der Eintritt des künftigen lichte nach den Jahren ist natürlich eine Erweiterung des ursprünglichen Gebrauchs, um, als man den alten Hintergrund des einen Lebenslichtes nicht mehr verstand, einen neuen Gedanken damit su verknüpfen. Ereignisses an einen keimenden Baum, gerade wie der Welt-kampf durch den Schößling der Esche oder den im Laub ausschlagenden dürren Baum bedingt war.«

Schon vorher hatte Grimm die Sagen von dem erwähnten Mythus des letzten Weltkampfs und dem Erwachen des bergentrückten Helden unter ähnlicher Perspektive besprochen, dieselbe aber nur mehr zur Diskussion gestellt als ausgebeutet. Er sagte, indem er sich mit denen auseinandersetzt, die christliche Vorstellung im Anschluß an die Apokalypse darin suchen wollen: »Alter (als die Zeit der Kreuzzüge) ist die Bestimmung, daß mit ihrem (der bergentrückten Helden) Aufwachen die große Weltschlacht und der jüngste Tag anbrechen soll; daran läßt die Erwähnung des Antichrists keinen Zweifel. Hier ist Zusammenhang mit dem Mythus vom Weltuntergänge p. 771—773. Der aufgehangene Schild kann den nahenden Richter bedeuten (R. A. 851); aber das Zeichen des neugrünenden Baumes scheint mir eher heidnisch als christlich. Zwar ließe es sich auf Matth. 24, 28, Luc. 21, 29, 30 (Hel. 132, 14) ziehen, wo die Kunst des Welttages dem ausschlagenden Feigbaum, als Zeichen des nahenden Sommers, verglichen wird, die Anwendung des Gleichnisses auf den jüngsten Tag wäre aber ein Mißgriff. Eher denke ich an die nach dem Muspilli neugrünende Erde (Saem. 9b) oder an einen verdorrten, minder sprießenden Weltbaum, die Esche (s. 756—60).–«

Nach unsem Untersuchungen dürfte es keinem Zweifel mehr unterliegen, dass auch die Vorstellung des geheimnisvoll keimenden, immer wieder ausschlagenden Baumes auf den Lichtbaum geht, wie ich auch im »Urspr. d. röm. Stamms.« schon den Schild auf die Sonne gedeutet; nicht der Richter, sondern der Sonnenheld ruft durch Wiederaufhängen seines Schildes am himmlischen Lichtbaum die Geister der Gewitternacht u. s. w. zum Kampf auf, ebenso wie die Erlösung der Sonnenjungfrau und des Sonnenschatzes sich an die Geburt des Gewitterhelden, des neuen Sonnensohnes (s. Poet Nat H.) knüpft, der in leuchtender Wolke vom Sturm »gewiegt« wird.

Auf dem Gipfel des Lichtbaumes thront, wie wir oben gesehen, die (goldhaarige) schweigsame Sonnenmaid, wenn sie nicht in der Gewittemacht versinkt, auf dem Gipfel des Lichtbaums wird auch der Sonnenheld immer wieder geboren werden, der, wenn alles in des Winters Nacht schließlich untergegangen scheint, alles wieder erlösen wird in den Frühlings wettern. Nicht Nachklänge des nordischen Mythus von der Götterdämmerung, sondern volkstümliche Ansätze ähnlicher Torstellungen, wie sie dann die Edda, in ideeller Weise ausgebildet, ans Ende der Tage gerückt hat, zeigen uns die deutschen Sagen vom Untergang und der Erlösung der himmlischen Lichtwesen, sowie die vom letzten Weltkampf, indem sie so an ihrem Teil auch wieder meine alte Behauptung bestätigen, daß die große nationale Mythologie überall auf einer niederen Mythologie, wie ich sie im »Heutigen Volksglauben« 1850, p. 4, bezeichnet, d. h. der in unendlich vielen Spielarten auseinandergehenden volkstümlichen, erwachsen ist.

Indem ich den Kreis dieser Untersuchungen schließe, will ich ein paar allgemeine Bemerkungen nicht zurückhalten.

Wir haben eine def historischen Zeit ganz fremde Uranschauung von den himmlischen Lichterscheinungen als eines täglich wachsenden und schwindenden Lichtbaums als Basis und Ausgangspunkt einer Fülle mythischer und religiöser Vorstellungen erkannt und verfolgt Um ihn gruppieren sich die andern Himmelserscheinungen wie Accidentien, der Regenquell als himmlischer Bronnen u. dergl. mehr. Neben tierähnlichen Wesen fangen in fortschreitender Entwickelung auch menschenähnliche an, unter dem Weltenbaum ihr Wesen zu treiben. Neben Wolken- und Sturmesgeistern sowie feurigen Elementen tritt ein strahlendes Sonnenwesen, die schöne Frühlingssonne als Sonnentochter oder Sonnensohn, die himmlischen Schätze hütend oder mit dem Sonnenschild zum Kampf ausziehend oder als Schwan auf den himmlischen Wassern treibend u. s. w. Doch nicht allein, daß manches Rätsel so der griechischen Mythologie wie der Edda, gelöst wurde, es trat uns dabei überhaupt eine gemeinsame Glaubensphase der Urzeit innerhalb des Kreises der europäischen Arier in vielfach gegliederter und doch wieder zu einander in gewissem Sinne harmonierender Ausbildung entgegen, die nicht bloß in ihrem primitiven, volkstümlichen Charakter für die Entwickelungsgeschichte des mythisch-religiösen Glaubens der Menschheit im allgemeinen lehrreich, sondern auch im einzelnen stellenweise neue Perspektiven eröffnen dürfte, so z. B. in betreff der jüngst von M. Müller neu angeregten Frage über den sogen. Fetischglauben.

Nicht als Sitz eines Geistes oder einer Seele übt der heilige Baum oder sein Substitut seine ursprünglichen Kräfte und wird demgemäß angegangen und schließlich verehrt, – — setzt doch schon der Begriff »Seele« eine gewisse bedeutsame abstrakte Kulturentwickelung voraus, — ebensowenig ist er aber auch als lebloses Ding oder toter Gegenstand von den Menschen aufgefaßt und ein Objekt religiöser Beziehungen geworden. Wie jedes Kind noch alles um sich als lebendige Wesen derselben Art behandelt, in welcher es selbst sich zu fühlen anfängt, den Stuhl z. B., über den es gefallen, als ein böses Ding schilt, etwas anderes, was ihm Vergnügen macht, z. B. ein Mädchen seine Puppe als ein liebes Wesen herzt und küßt, ja mit Schmeichelnamen beilegt, so war dem Naturmenschen auch alles, was er auf Erden wie am Himmel sah oder was er fühlte, z. B. in letzterer Hinsicht der Sturm, ebenso aber auch eine Krankheit lebendige Bealität, die ihm eben religiös berücksichtigungswert wurde, insofern sie seine Sinne oder sein Interesse besonders affizierte und namentlich einen geheimnisvollen oder wenigstens wunderbaren Einfluß, d. h. einen solchen, den er mit seinen Sinnen nicht faßte, unmittelbar oder mi‘ telbar auf ihn auszuüben schien. Namentlich galt dies, wie auch Forschung zeigt, je länger je mehr von den Himmelsphänoiuenen, je wunderbarer und wirkungsvoller sie allmählich dem Menschen gegenüber zu treten und auf sein und der Natur Leben dauernden Einfluß auszuüben schienen. Die zauberartige Macht haftete ursprünglich in seinen Augen ebenso an den betr. Dingen wie an den Wesen, welche allmählich eine weiter sich entwickelnde Vorstellung mit ihnen verband. Der Lichtbaum sowie sein Substitut, der himmlische wie irdische Quell, das Feuer u. s. w. hatten ursprünglich an sich ebenso weissagende Kraft, wie dann bei vollerer Entfaltung der mythischen Vorstellungen der angeblich von dem heiligen Baum herab redende Wolkenvogel, die Schwan- resp. Taubenjungfrau, die Norne oder Peleiade u. s. w., bis alles nur im Dienst der göttlichen Wesen, an die man zu glauben angefangen, sich zu vollziehen und zu dokumentieren schien. Nur das Ueberviegen sachlicher oder menschlicher gedachter Gestaltung giebt dem einen den Charakter des Fetischartigen und reiht das andere dem Polytheismus ein. Und wie vor Jahrtausenden, so begleiten noch heut ganze Massen des alten Fetischismus die Menschen unbewußt in ähnlicher Weise, nicht bloß in den niederen Volksschichten, sondern oft genug auch auf der Höhe idealen Lebens, sobald eben das persönliche Interesse oder die persönliche Teilnahme ins Spiel kommt und die Unerforschlichkeit des Schicksals dem Gemüt und dem Herzen des einzelnen in gleicherweise wie einst dem Naturmaischen entgegentritt. Diese Seite des menschlichen Empfindens bleibt sich nämlich stets gleich, und wie einst die Sage an Meleagers oder Nomagests Lebenslicht sein Leben gebannt wähnte, sieht noch heutzutage eine Mutter, welche ihrem Kinde zum Geburtstag ein Licht anzündet und dies der Tradition nach Lebenslicht nennt, es ebensowenig gleichgültig von selbst verlöschen, wie wenn es beim Lichterschwimmen zu Weihnachten in auffallender Weise geschieht und das Kind etwa besonders kränklich und sein Leben gefährdet erscheint.

Außer dem Obigen noch zum Schluß folgende Bemerkung. Habe ich gleich hier die Ursprünge des Baumkultus im Anschluß an den himmlischen Lichtbaum zunächst bei den West-ariem verfolgt, so treten uns doch in eigentümlicher Weise analoge Erscheinungen bei den Ostariem, Semiten, ja auch in ihren Anfängen in Amerika, wie Afrika und Australien entgegen. Ich habe bei allen sonstigen Analogien in den Anschauungen der Völker stets die Möglichkeit paralleler, selbständiger Entwicklung betont; in den Formen, die sich dem Baumkultus anschließen, aber scheinen fast die Spuren auch eines realen Zusammenhanges hindurchzuschimmern, so daß es sich schon lohnte, einmal von diesem Standpunkt aus das betr. Kulturgebiet zu durchmessen. Denn fast gewinnt es den Anschein, als ständen wir mit den primitiven, an den Baumkultus sich anschließenden Anschauungen, — die nur eben die kulturbefähigten Völker »phantasievoll« weiter beobachtend, reicher ansgestattet und ausgebildet haben, — vor einer gemeinsamen, alten Urvorstellung der Menschheit, wie auch dasselbe überall, bis auf Australien, von dem Glauben an den im Blitz und Unwetter angeblich sich bekundenden himmlischen Schlangen und Drachen, sowie von dem elementaren Zauberglauben, namentlich dem sogen. Anhexen von Krankheiten an Mensch und Vieh durch unsichtbare Wesen, besonders von den Windgeistem, dem Blitzdrachen und ähnlichen Ungetümen gelten möchte.

Germanenherz aus dem Buch: Indogermanischer Volksglaube: Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der Urzeit (Friedrich Leberecht Wilhelm Schwartz 1885)

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Germanische Mythologie

  EINLEITUNG Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen … Weiterlesen

Julfesten

Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende.
Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen.
Germanenherz Julfesten

Wintersonnenwende – Das große germanische Fest


Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft
ich atme ein den verlockenden Duft
Yulezeit ist da, Yulezeit ist da
Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht
die Sonne wendet und Balder erwacht
Stellt das Sonnenrad auf, stellt das Sonnenrad auf

Der Tannenbaum in seiner Pracht
Der Yuleast lodert hell durch die Nacht
Stimmungsvolle Ruh, stimmungsvolle Ruh

Das Licht am Himmel die Hoffnung bringt
und Thor wild seinen Hammer schwingt
Kraft fürs kommende Jahr, Kraft fürs kommende Jahr

Frey und Freyas Sinnlichkeit
Bringt Liebe, Lust und Fruchtbarkeit
Leben wird weitergehn, Leben wird weitergehn

Oh, Wintersonne das Fest für sie
Med, Korn und das Blut unsere Gaben an sie
Auf ewige Wiederkehr, auf ewige Wiederkehr

In den skandinavischen Sprachen heißt Weihnachten heute noch Jul, im Englischen besteht der Begriff Yule und im Nordfriesischen heißt es Jül.
Schon lange, bevor es das Christentum gab, spielte die Zeit rund um den 24. Dezember eine wichtige Rolle bei vielen keltischen und germanischen Völkern. Zur Zeit der Wintersonnenwende, also am 21. Dezember, feierte man dem germanischen Allvater Odin zu Ehren – das Julfest. Um den heidnischen Völkern den Übergang zum Christentum zu erleichtern, war es durchaus üblich, wichtige Feiertage in der Nähe der heidnischen Feiertage anzusiedeln. Ähnlich wie beim Osterfest wurde Weihnachten also gezielt auf das Julfest gelegt.

Vor allem in Skandinavien sind viele der mittelalterlichen Bräuche erhalten geblieben und werden heute beim allgemeinen christlichen Weihnachten, was dort auch immer noch „Jul“ heißt, gepflegt. Man wünscht sich „God Jul“. Auch ist dort der Julbock erhalten geblieben, der meist unter dem Weihnachtsbaum aufgestellt wird und die Geschenke trägt.

Der eigentliche Mittelpunkt am Weihnachtsabend ist das gemeinsame Essen. Nach dem Nachtisch werden die „Julklapp“-Päckchen aus den Verstecken geholt. Beim Brauch des Julklapp wird ein in vielen Hüllen gepacktes Geschenk in den Raum geworfen und dabei „Julklapp! Julklapp!“ gerufen. Bei diesen Geschenken ist weniger der materielle Wert von Bedeutung als die Kleinigkeit oder der Vers, der immer in positiver oder negativer Hinsicht auf die Person des Beschenkten ausgerichtet ist. Keiner darf auspacken, ohne das Verschen vorzulesen. Wenn sich das Gelächter über diese Reimchen gelegt hat, wenn die Geschenke begutachtet und bewundert worden sind, dann wird um den Weihnachtsbaum getanzt.

Hohe Nacht der klaren Sterne


Hohe Nacht der klaren Sterne,
Die wie weite Brücken stehn
Über einer tiefen Ferne,
D’rüber unsre Herzen geh’n

Hohe Nacht mit großen Feuern,
Die auf allen Bergen sind,
Heut‘ muß sich die Erd‘ erneuern,
Wie ein junggeboren Kind!

Mütter, euch sind alle Feuer,
Alle Sterne aufgestellt;
Mütter, tief in euren Herzen
Schlägt das Herz der weiten Welt!

Am ersten Weihnachtstag geht es zur Kirche, dabei säumen brennende Kerzen in den Fenstern der Landgemeinden den Weg. Dieser Tag ist im Gegensatz zu den vorherigen eher ruhig und beschaulich. Die Nachbarn und Bekannten besuchen einander, die Kinder beschäftigen sich mit den neuen Spielsachen oder ziehen von Haus zu Haus und wünschen „God Jul“

JUL ist ein Fest des Lichtes, der Freude und der Hoffnung – es bildet den Höhepunkt der dunklen Zeit, und in dieser längsten Nacht des Jahres erfüllt sich das Versprechen der Wiedergeburt.

Die Umwelt erscheint leblos, Wasser ist zu Eis gefroren, Schnee bedeckt die Landschaft, die Bäume sind kahl. Doch in dieser Nacht steigt das Licht wieder auf und alles wird wiedergeboren. Die Nächte werden kürzer und was tot und regungslos erscheint wird wieder erwachen.

Das Julfest vereinigt Sonnen- , Toten- und Fruchtbarkeitsriten und symbolische Handlungen zur Neuaktivierung menschlicher und natürlicher Kräfte.

Die ursprüngliche Bedeutung hat nichts mit dem Geburtstag Herrn Christus in Betlehem zutun, sondern geht zurück auf den archaischen Sonnenkult der Urvölker.

Bereits Jahrhunderte vor der Ausbreitung des Christentums war das Weihnachtsfest in allen indogermanischen Regionen und auch anderorts verbreitet. Die Griechen feierten die Geburt des Lichtgottes „Soter“, die Phrygier nannten ihren Sonnengott „Artis“, die Sryrer „Thamuz“, und die Iraner feierten wie die alten Römer die Ankunft ihres Licht– und Sonnengottes „Mithras“. Die Römer drückten mit ihrem „Sol invictus“, was „unbesiegter Sonnengott“ bedeutet, besonders eindruckvoll ihre Ehrerbietung für das Starke und Kräftige aus. Bei den Germanen und Kelten war dieses Fest unter den Namen „Jul“ bzw. „Yule“ bekannt, wobei konkret hier in Mitteleuropa der Begriff „Wintersonnenwende“ gebräuchlich war.

germanenwalkerFür die Nordgermanen hatte die Wiederkehr des Lichts jedoch eine ganz andere eindringlichere Bedeutung als für Mitteleuropäer. Bereits mit Samhain, der Nacht der Toten beginnt zu Ende Oktober die Dunkle Zeit des Jahres. Bedingt durch das raue, harte Klima und die strengen Winter bedeutete das Ende des Winters nichts anderes als das Überleben der Menschen im hohen Norden zu sichern. Denn die Vorräte gingen langsam zu Ende und ohne Sonnenlicht, lag der Ackerbau und Viehzucht, also die Lebensgrundlage der Nordmänner brach. Der bekannteste römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende, dass die Germanen die Weihnachtszeit für ein großes Festmahl mit allerlei Spielen nutzen. Der griechische Geschichtsschreiber Prokop berichtete dazu, dass im 6.Jahrhundert die Nordleute zu dieser Zeit Boten auf die höchsten Berge schickten, um nach der wiederkehrenden Sonne Ausschau zu halten. Am 21.Dezember hat die Nacht den Höhepunkt des Jahres erreicht, denn ab jetzt nimmt das Sonnenlicht wieder zu. Die Wiederkehr der Sonne wurde dann mit Julfeuern und brennenden Räder gefeiert, von denen letztere ins Tal gerollt wurden.

Das heidnische Jahr, dass sich an Mond und Sonne orientierte hat jeweils 4 Hoch– und 4 Jahresfeste, wobei zwei davon immer, im Abstand von ungefähr einem halben Jahr zusammengehören. So entspricht die Wintersonnenwende, die bedingt durch den Stand der Gestirne traditionell auf den 21.Dezember fällt, der Sommersonnenwende am 21.Juni. Auch ist hier schon in der heidnischem Monatsbezeichnung „Julmond“ für Dezember, die immense Bedeutung des Lichtfestes für den germanischen Menschen erkennbar.

Der Begriff „Weihnachten“ weist in dieser From bereits auf seine Mehrzahl hin und besitzt Assoziationen zum altdeutschen Begriff „wjh“, was „heilig“ bedeutet. Daher erfolgte auch die Ableitung zur „Heiligen Nacht“. Weihnachten umfasst einen Zeitraum von genau 11 Tagen und 12 Nächten. Diese „Stille Zeit“ liegt zwischen dem alten Mondjahr und dem neuen Sonnenjahr. Erklären läßt sich das astronomisch folgendermaßen: ca. 365 mal dreht sich die Erde um ihre eigene Achse, während sie die Sonne umkreist. Auch der Mond dreht sich um sich selbst, jedoch rascher als unser Heimatplanet. So braucht der Mond exakt 29,5 Tage für seine Umkreisung der Erde. Nun ergibt sich rein rechnerisch ein Unterschied zwischen Mond- und Sonnenjahr. Denn 12mal 29,5 Tage ergeben 354 Tage anstatt 365. Deshalb wird die Zeit zwischen 21.Dezember und 1.Januar weder zum alten noch zum neuen Jahr hinzugerechnet, sondern stellt eine Art Zwischenstadium da. In dieser „Toten Zeit“ soll die Arbeit ruhen, die Menschen sich besinnen und im Kreise der Familie und Sippe die Wiederkehr des Lichts feiern.


Diese „Zwölften“ wurden auch die Rauhnächte genannt, in denen sich z.B. die Mythen und Märchen der „Frau Holle“ und „die wilde Jagd Wotan – Odins“ abspielen. Aus dieser „Frau Holle“ wurde mit der Zeit die Totengöttin „Hel“, „Hella“ bzw. „Percht“, da Kälte und Winter mit dem Tod in Verbindung gebracht wurden. Wobei diese Verbindung nicht nur eine negative Seite hatte sondern auch eine äußerst positive, da so der Weg frei für neues Leben wurde. Hel ist somit nicht nur Toten– sondern auch Schutzgöttin, doch woran wir bei ihr sind, bleibt uns verborgen, verhehlt.

images (13)Das Märchen „Frau Holle“ von den Gebrüdern Grimm handelt von den Personen Goldmarie und Pechmarie. Die fleißige Spinnerin Goldmarie wird für ihre Taten belohnt, wobei im Gegenzug Pechmarie für ihre bequeme und oberflächliche Wesensart bestraft wird. Ab dem 10. Jahrhundert wurde dann das Wort „Hel“ zu einer synonymen Bezeichnung für die Unterwelt, wobei dieser Begriff nicht negativ missverstanden werden darf. Erst die Kirche deutete diese Welt zum Qualort um und formte daraus die grausame Hölle für die „Sünder“. Durch das massive Kirchengeläut zu dieser Jahreszeit sollten die „bösen heidnischen Geister“ vertrieben werden. Im Gegenzug kann jeder klar erkennen, dass die Opfergaben unserer Vorfahren in Form von Äpfel, Nüsse und Honig wohl kaum geeignet gewesen wären zur Dämonenaustreibung.

sleipnirBei der wilden Jagd reitet der einäugige Sturm– und Kriegsgott des Göttergeschlechts der Asen auf seinen weißen achtfüßigen Schlachtross Sleipnir durch die Lüfte auf der Jagd nach dem Wild, vorzugsweise einem Eber. Begleitet wird er hierbei von seinen Raben Mugin und Munin („der Gedanke und die Erinnerung“) und seinen beiden Wölfen Geri und Freki („der Gierige und der Gefräßige“). Auf dieser ewigen Jagd, die sich jedes Jahr wiederholt, benutzt er vorzugsweise seinen Speer Gungnir, der niemals sein Ziel verfehlt und wird sowohl von den gefallenen Krieger die in Walhalla residieren begleitet, genannt die Einherier, als auch von einigen wenigen auserwählten sterblichen Helden. Odins Wilde Jagd besitzt äußert vielseitige Züge auf die hier leider aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit und Lesbarkeit nicht ausführlicher eingegangen werden kann. Generell ist die Jagd jedoch als ein Sinnbild für die Toten– und Ahnenverehrung zu verstehen, die aber selbstverständlich auch den Fruchtbarkeitskult in Form von Streben nach Wachstum miteinschließt. Ebenfalls wurde zur Feier des Anlasses ein eignes Julbier für diese Jahrzeit hergestellt sowie mit reichlich Kerzen– und Lichterschmuck, Symbolgebäck, warmen Met und einem Festtagsschmaus (z.B. „Julgalt“ (Weihnachtseber) und „Jultupp“ (Weihnachtshahn) die Rückkehr der Sonne herbeigesehnt.

Ich habe mein am 07.12 schon aufgestellt,.
Ich habe mein schon aufgestellt,

Nicht zu vergessen ist natürlich auch der obligatorische Weihnachtsbaum. Unsere Vorfahren hatten sei jeher große Bewunderung für die einzigartige Baum– und Pflanzenwelt. So wurden in heiligen Hainen Feiern abgehalten, dem Donner– und Fruchtbarkeitsgott Thor die Eiche geweiht und die großen Versammlungen – Things genannt – unter einem großen Baum abgehalten. Auch in der nordischen Mythologie stellt der Baum als wunderbares Sinnbild für die Einzigartigkeit der Natur den Beginn des Menschengeschlechtes dar. Besondere Bedeutung fällt hier auch der Esche zu, denn der germanische Weltenbaum Yggdrasil stellt die Basis der nordischen Kosmologie da. Somit war es eigentlich nur logisch, auch zu solch einen bedeutenden Fest wie Jul, den Baumkult beizubehalten. Auch der Lichterkranz (bzw. Adventkranz) ist in seiner ursprünglichen Form ein heidnischer Kultgegenstand. Er ist in seiner Funktion vergleichbar mit einem Grabkranz und diente somit ebenfalls der Toten– und Ahnenverehrung. Auch die Vorgehensweise war eine andere: Heute wird am 1.Advent eine Kerze angezündet und dies gesteigert bis zum 4.Advent, wo dann alle vier Kerzen brennen. Früher war es jedoch genau anders herum: Es wurde mit 4 Kerzen begonnen und mit zunehmender Abnahme des Lichts erlosch jeweils eine weitere Kerze, um so die zunehmende Macht der Dunkelheit passend untermalen zu können, bevor dann an Jul, die Wiederkehr des Lichts in allen möglichen Formen gefeiert werden konnte.
Zurück zu der Beziehung zum Christentum: Wie kam es dann eigentlich dazu, dass heute Weihnachten für ein christliches Fest gehalten wird? Ganz einfach: Die hohen Würdenträger der Kirche machten sich Gedanken, wie man die ungläubigen Heiden doch am besten zum Christentum hin bekehren könne. Da kam ihnen die Wintersonnwendfeier, welche ja im ganzen Abendland verbreitet war, gerade recht. Entstehungsgeschichtlich wurde dann zum ersten mal im Jahre 325 Weihnachten im christlichen Festverzeichnis erwähnt. Papst Julius, welcher in den Jahren 337 bis 354 die Macht inne hat, legte den Geburtstag des Zimmermanns dann willkürlich auf den 25. Dezember. Willkürlich deshalb, da in den ältesten Urkunden der Christenheit, ganz andere Monate bzw. Tage in Erwähnung gezogen wurden. Also wieso nicht gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, dachte sich dann wohl auch die Kirche…

Viele der obigen Mythen, Bräuchen und Geschichten sind nicht immer leicht zu verstehen. Um hier mit einem Zitat von Björn Ulbrich aus „Die geweihten Nächte“ zu schließen: «Wie nähern uns ehrfürchtig in Bildern von magischer, übersinnlicher Faszination. Übersinnlich bedeutet: mit den Sinn nicht vollständig zu erfassen. Das heißt nicht „übernatürlich“, denn es gibt nichts außerhalb der Natur. Die Natur ist allumfassend, ewig, göttlich.» Quellen: – Björn Ulbrich, Holger Gerwin, aus „Die Geweihten Nächte“ und hier  http://totoweise.wordpress.com/2012/12/21/wintersonnenwende-das-grose-germanische-fest/ und hier http://totoweise.wordpress.com/2011/12/23/besinnliches-weihnachts-julfest-2011/

Ich wünsche allen “God Jul” euer Geist der Zeit, Toto / Germanenherz / Totoweise

ergänzend

Magische Nächte. Die 12 Rauhnächte

Die 12 Rauhnächte Die zwölf Nächte am Ende des Jahres und die mit ihnen verknüpften Mysterien gehen bis in die Antike zurück. Sie haben sowohl römische als auch germanische und sogar indische, japanische und chinesische Wurzeln, und auch heute noch … Weiterlesen

Kampf der Kulturen – Kampf der Religionen

Rieger-Juergen
Vorsitzender der völkisch-neuheidnischen Artgemeinschaft. Jürgen Hans Paul Rieger 11. Mai 1946 gestorben wurde er am† 29. Oktober 2009

von Rechtsanwalt Jürgen Hans Paul Rieger

TEIL I

In Heft 4/3801 der „Nordischen Zeitung“ habe ich in dem Beitrag „Amerikas Kreuzzug in den Dritten Weltkrieg“ vor einem Krieg in Afghanistan gewarnt, und davor, daß dies zu einem weltweiten Religionskrieg zwischen Moslems und Christen führen könne. Ich habe ferner dargelegt, daß Osama bin Laden nur ein Vorwand ist, daß es tatsächlich um den Bau einer Ölpipeline durch Afghanistan geht, um Öl und Erdgas der kaukasischen Republiken direkt für die Amerikaner verfügbar zu machen. Mein Aufsatz wurde zwar geschrieben, als die ersten Luftangriffe schon gewesen waren. Die Empörung über zivile Opfer, besonders bei den Moslems, nahm aber noch zu, als Freudentänze und Geknalle bei einer Hochzeit dazu führten, daß die Amerikaner ein gesamtes Dorf nebst Hochzeitsgesellschaft auslöschten mit weit über 100 Toten.

Afghanistan beinhaltet mehrere Völker in seinen Grenzen, und die Amerikaner verbündeten sich mit den Stämmen der „Nordallianz“, die mit dem Mehrheitsvolk der Paschtunen bereits seit Jahrhunderten auf Kriegsfuß stehen. So konnten sie zwar Kabul einnehmen, haben dort aber dieselbe Stellung gehabt wie die Sowjets, die zwar die Hauptstadt beherrschten, das gesamte Land trotz Einsatz von 250 000 Soldaten bis auf einige feste Plätze aber nicht kontrollieren konnten. Afghanistan ist viel zu zerklüftet und unwegsam, als daß es durch eine Besatzungstruppe kontrolliert werden könnte; das hätten die Amerikaner schon vorher wissen können, haben es dann aber selbst erfahren. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Pipeline fertig gebaut würde, würde sie jeden Tag an zehn Stellen durch Sprengstoffexplosionen unterbrochen werden, so daß kein Tropfen Erdöl zum Golf von Oman fließen würde. Nachdem die Amerikaner dies erkannt hatten, zogen sie sich aus Afghanistan zurück, ließen Verbündete die Kosten einer symbolischen Truppe von einigen tausend Mann (bei 20 Mio. Einwohnern) tragen, und erklärten – welch Wunder! –, daß sie die Suche nach Osama bin Laden offiziell einstellten; die Strafexpedition zum Fangen oder Ermorden (der amerikanische Präsident hatte ausdrücklich einen Auftrag gegeben, Osama bin Laden wenn nötig zu fangen oder zu töten – ohne Gerichtsverfahren), immerhin der Person, die die Amerikaner für den 11. September 2001 verantwortlich machen, wurde abgeblasen. Damit hätte eigentlich dem letzten nichtamerikanischen Politiker deutlich werden müssen, daß es beim Afghanistankrieg um andere Dinge als um die Bekämpfung des Terrors ging.

Gleichwohl fanden dann auch beim nächsten Krieg der USA diese willige Verbündete in Europa, nämlich in Blair (der offensichtlich britische Weltmachtsillusionen noch durch das „Mitsiegen“ mit den Amerikanern aufrechterhalten will), und im spanischen, italienischen und polnischen Regierungschef. Die von den Geheimdiensten – auch dem britischen – als absurd eingestufte Behauptung, Saddam Hussein habe das Al-Qaida Netzwerk von Osama bin Laden unterstützt, wurde von Bush und Blair wider besseren Wissens ihren Völkern vorerzählt, und es wurde so getan, als ob Saddam Hussein hinter den Anschlägen vom 11. September stünde (dies glauben 2/3 der amerikanischen Bevölkerung noch heute, entsprechend verdummt durch ihre zionistisch beeinflußten Massenmedien). Weiterhin wurde wider besseren Wissens behauptet, daß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen habe oder jedenfalls unmittelbar vor der Fertigstellung habe; zu diesem Zwecke wurden Beweismittel gefälscht, die dann vom UNO-Chefinspekteur Blix sehr schnell als Fälschungen widerlegt werden konnten. Trotz dieser Tatsache wurde der Irak-Krieg geführt, und zwar als völkerrechtswidriger Krieg ohne Zustimmung der UNO, und auch hier ging es um Öl wie beim Afghanistan-Krieg: die USA wollten die irakischen Ölquellen in die Hand bekommen.

Die Bodentruppen setzten sich nicht zunächst in Richtung Bagdad in Marsch, sondern besetzten die Ölquellen, um diese vor einer Zerstörung zu schützen, und in den Nachrichtensendern waren dann anschließend Amerikaner zu sehen, die neue Arbeitsverträge mit den Arbeitern der Ölquellen abschlossen; mit anderen Worten: Die Ölquellen waren von den Amerikanern übernommen worden, obwohl sie dem irakischen Staat ebenso wie die Förderanlagen und Pipelines gehört hatten. Zum Schutz der Museen allerdings fühlten sich die Amerikaner nicht verpflichtet; die konnten ruhig geplündert werden. Auch hier zeigte sich aber dasselbe wie in Afghanistan: Es reicht nicht, ein Land zu besiegen; befrieden kann man es nur, wenn man es insgesamt gesehen beherrscht, und dies können die Amerikaner nicht. Ihre Stützpunkte sind wie Festungen ausgebaut, und sie vermeiden Konvois zwischen diesen Festungen, weil diese immer wieder von Irakern angegriffen werden. Hinzu kommt, daß die Amerikaner sich vor dem Krieg nicht klargemacht haben, was nach dem Krieg werden soll. Saddam Hussein ist Sunnit, und diese haben den Irak seit vielen Jahrhunderten beherrscht, obwohl er eine schiitische Mehrheit (65 %) hat.

Bei beiden muslimischen Richtungen handelt es sich um Gegner, wenn sie keine äußeren Feinde haben; sie stehen aber zusammen im Kampf gegen die Fremdherrschaft durch Vertreter einer anderen Religion. Drittes bedeutendes Bevölkerungselement im Irak sind die Kurden. Falls es demokratische Wahlen im Irak gibt, werden die Schiiten die Mehrheit haben und werden dann einen „Gottesstaat“ wie im Iran errichten. Dies wird von den Sunniten nicht hingenommen werden, und auch nicht von den Kurden, so daß dies zu einem Bürgerkrieg führen wird. Falls man den Irak aufteilt in drei verschiedene Staaten, ginge dies am problemlosesten hinsichtlich des kurdischen Siedlungsgebietes, was relativ geschlossen ist; die Türkei hat aber schon angekündigt, daß sie einen selbständigen kurdischen Staat nicht dulden würde, sondern dann in den Irak einmarschieren würde. Es droht dann da dasselbe Völkermorden, wie es die Türkei gegenüber den Armeniern im ersten Weltkrieg durchgeführt hat. Die Kurden werden sich aber die Unterdrückung nicht gefallen lassen, so wie schon jetzt die Kurden in der Türkei einen Freiheitskampf führen. Dadurch wird dann ein Kriegsschauplatz mehr auf der Welt eröffnet. Schiiten und Sunniten sind ferner in einer Reihe von Städten (beispielsweise Bagdad) miteinander verzahnt, so daß eine konfliktlose Trennung in verschiedene Herrschaftsgebiete auch Schwierigkeiten bereitet. Mit dem Sturz von Saddam fangen die Probleme also erst an. Ob die Amerikaner tatsächlich – was sie wollen – die Ölquellen ausbeuten können, ist deshalb mehr als zweifelhaft; bislang jedenfalls ist die Produktion noch niedriger als vor dem Krieg. Damit sie die Ölquellen weitgehend alleine, lediglich unter geringer Beteiligung der Briten, ausbeuten können, und nicht durch Gläubiger, die aus der Ölförderung Rückzahlung von Schulden verlangen können, gehindert werden, haben sie die Gläubigerstaaten des Irak aufgefordert, auf ihre Forderungen zu verzichten; die bundesdeutsche Regierung hat dazu schon ihre Bereitschaft erklärt.

Unabhängig von diesen finanziellen Folgen des Irakkrieges sind aber auch hier die religiösen Folgen viel bedeutsamer. Der Angriff auf den Irak erfolgte nicht nur zwecks Raub der irakischen Ölreserven, sondern auch, um die bereits vom Vater von Bush im ersten Irakkrieg beabsichtigte Schwächung des stärksten arabischen Staates neben Israel fortzuführen mit seiner totalen Entmachtung. Zwischenzeitlich ist durch eine Reihe von Veröffentlichungen deutlich geworden, daß schon vor dem 11. September 2001 eine Reihe von „Neokonservativen“ nicht nur einen zweiten Krieg gegen den Irak gefordert hatten, sondern ebenso Kriege gegen Syrien und den Iran. Der Begriff „Neokonservative“ wird von diesen Personen selbst verwendet, offensichtlich deswegen, um von ihren eigenen Bestrebungen abzulenken. Tatsächlich handelt es sich um jüdisch-zionistische Vordenker in den USA, wie Perle und Wolfowitz, die als Redakteure in maßgeblichen Zeitschriften sitzen, ferner im Außenministerium und im Kriegsministerium.

Sie wollen Amerika auf Kriegskurs bringen, und da die Konservativen in den USA durchaus nicht immer Beherrschung der Welt durch die USA als erstrebenswert angesehen haben, bezeichnen sie sich als „neokonservativ“, da ihr Ziel die imperialistische Ausdehnung der Herrschaft der USA über die ganze Welt, das heißt die Weltherrschaft der USA und der sie bestimmenden Kräfte, ist. Unter Clinton konnten sie sich nicht durchsetzen, so daß die von ihnen geforderten Kriege damals noch nicht geführt wurden; Bush jedoch ist christlicher Fundamentalist, betet jeden Morgen eine halbe Stunde, und ist natürlich mit dem Alten Testament vertraut, wonach der Gott der Bibel, der ja sowohl der Gott der Juden wie der Christen ist, den Juden als heiligem Volk nicht nur ganz Palästina, sondern auch große Teile Jordaniens, des Iraks und Syriens als Siedlungsgebiet versprochen hat. Deswegen unterstützen die USA nach wie vor mit Milliarden Dollar jedes Jahr Israel, obwohl diese Dollars dazu verwendet werden, israelische Siedlungen im vor fast vierzig Jahren besetzten Palästinenserland zu errichten; diese „ethnischen Säuberungen“ sowie die von der israelischen Regierung angeordneten Morde an Palästinensern und ihren Führern werden von den USA nicht verurteilt, Resolutionen der UNO dagegen regelmäßig durch das Veto der USA im Sicherheitsrat blockiert.

Die bekennenden Christen der USA ziehen sich damit nicht nur den Haß aller Araber zu, die über ihre Fernsehsender das tagtägliche Morden von Israelis gegen Araber sehen, sondern den Haß der Moslems der ganzen Welt. Da die USA eine überwältigende Militärmacht haben, ebenso das von ihnen unterstützte Israel, können sie nicht durch einen „normalen Krieg“ bekämpft werden. Die Araber greifen zu dem Mittel, was unterdrückte Völker schon immer verwendet haben: den Feind dort anzugreifen, wo er nicht geschützt ist, und wo mit möglichst geringen eigenen Verlusten eine höchstmögliche Zahl von Toten beim anderen erzielt werden kann. Als die afrikanischen Völker ihre Selbständigkeit haben wollten, sind die dazu gebildeten Organisationen vom Westen nicht als Terrororganisationen bezeichnet worden, sondern als Freiheitsbewegungen, sei es in Kenia, Rhodesien, Südafrika, Algerien oder Südwestafrika. Sie haben genau das getan, was nunmehr vom Westen als „Terrorismus“ verurteilt wird, nämlich weiße Zivilisten umgebracht. Der Weltkirchenrat und auch die westdeutschen Kirchen haben beispielsweise die Swapo unterstützt, die deutsche Farmerfamilien in dem früheren Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) ermordeten, und zwar mit Millionenbeträgen. Dabei ist es den Einwohnern in den früheren Kolonialgebieten unter weißer Herrschaft sehr viel besser gegangen, als es ihnen heute „befreit“ geht, oder als es den Palästinensern unter jüdischer Herrschaft heute geht. Die afrikanischen Terrororganisationen haben keinerlei Selbstmordattentate gemacht, weil sie nicht so verzweifelt in die Enge getrieben waren, wie dies heute die Palästinenser sind. Gleichwohl werden die palästinensischen Attentäter als Terroristen bezeichnet, nicht als Freiheitskämpfer. Warum? Weil hier natürlich das auserwählte Volk der Bibel betroffen ist, und alle Kirchen der Welt hier eine besondere Beziehung sehen; das Volk Gottes kann und darf man nicht kritisieren. Alles, was dieses Volk tut, ist durch Gott gerechtfertigt; die Palästinenser haben ihre Vertreibung, Ausbeutung, Entrechtung und Ermordung mithin hinzunehmen, da schon im Alten Testament ihnen dieses prophezeit worden sei.

Diese einseitige Sicht der Christen im Westen führt dazu, daß der primär gegen Israel und die Juden gerichtete Haß sich auf die jüdisch-christlich geführten USA mit ihrer Kreuzzugsmentalität überträgt, ferner weiter auf alle, die dem jüdisch-christlichen Weltherrschaftsstreben Vorschub leisten und dieses unterstützen. Die lautstarke Unterstützung des spanischen Ministerpräsidenten Aznar für den Irakkrieg und die Entsendung spanischer Truppen als Besatzungstruppen führte deshalb zu den Bombenanschlägen auf Züge in Spanien, und wenn Deutschland in vergleichbarem Maße jüdisch-amerikanische Weltherrschaftsbestrebungen und Unterdrückungen von Arabern unterstützt, wird dies genauso zu Anschlägen in Deutschland führen.

Wir müssen uns nur immer darüber im Klaren sein, daß die Terroristen des einen die Freiheitskämpfer des anderen sind, daß es eine Verhinderung des Terrors nicht gibt, außer wenn die Wurzeln des Terrors beseitigt werden. Die Wurzeln des Terrors liegen nicht bei Al-Qaida, Hamas oder anderen Gruppierungen; selbst wenn sie vollständig ausgerottet würden, würden andere Organisationen nachwachsen. Der Terror entsteht wegen der zionistischen Unterdrückung, Vertreibung und Entrechtung der Palästinenser und anderer Araber, und wegen des amerikanischen Weltherrschaftsstrebens. Genauso, wie vom „deutschen Überfall auf Polen“ 1939 gesprochen wurde, obwohl vorher zahlreiche Volksdeutsche durch Polen ermordet, vertrieben und drangsaliert wurden, mithin die Vorgeschichte des deutsch-polnischen Krieges ausgeblendet wurde, wird heute die Vorgeschichte der Attentate, sei es in Israel, sei es in den USA oder Spanien, ausgeblendet.

Wenn die USA nicht jeden Mord und jede Gewalttat Israels gedeckt hätten, wozu Israel nur deswegen in der Lage war, weil es von den USA jährlich Milliarden-Subventionen und Militärhilfe im allergrößten Umfang erhält, wäre es nicht zum 11. September gekommen. Die Amerikaner blenden dies oftmals aus (die Medien berichten natürlich nicht darüber), genauso wie sie nicht wissen, daß es nicht zu Pearl Harbour gekommen wäre, wenn Roosevelt nicht die japanischen Guthaben in den USA beschlagnahmt hätte, Rohstofflieferungen an Japan unterbunden hätten, Sanktionen und Blockaden sowie „Entschuldigungen“ von der stolzen japanischen Nation verlangt hätte. Ereignisse dürfen nicht punktuell gesehen werden; sie müssen in ihrer Entwicklung und in ihrer Vorgeschichte gesehen werden. Dann allein kommt man zu einer objektiven Beurteilung. Wie verhaßt die US-Amerikaner inzwischen weltweit sind, ist daraus zu ersehen, daß auch die Schiiten im Irak, die ihren Einfluß letztlich der anglo-amerikanischen Invasion verdanken, den möglichst raschen Abzug der Amerikaner fordern. Hier wird schon ersichtlich, daß – unabhängig von primärpolitischen Fragen – der Einfluß von Nichtmuslimen nicht geduldet wird.

Wenn Bush – was er nach eigenem Bekunden so gut wie gar nicht tut – Bücher lesen würde, hätte er vor seinem Irakkrieg das Buch seines Landsmannes Samuel (trotz des Vornamens kein Jude) P. Huntington: „The Clash of Civilizations“, was 1996 herausgekommen ist, gelesen, der darlegt, daß die Kernmacht eines Kulturkreises tunlichst nicht im Zentrum anderer Kulturkreise eingreifen soll. Die deutsche Übersetzung ist unter dem Namen „Kampf der Kulturen“ erschienen. Aber wenn man das Buch liest, wird sehr deutlich, daß es letztlich nicht um Kampf der Kulturen geht, sondern um Kampf der Religionen; ausführlich wird beispielsweise der Jugoslawien-Konflikt behandelt: Serben und Kroaten haben dieselbe Kultur, auch eine sehr ähnliche Sprache; sie unterscheiden sich aber in ihrer Religion, die einen sind katholisch, die anderen orthodox, und deshalb hassen sie sich. Auch sonst laufen die Bruch- und Konfliktlinien oftmals an religiösen Grenzen: Huntington selbst erwähnt auf Seite 52 eine Mitteilung der Athener an die Spartaner, sie würden mit den Persern keine gemeinsame Sache machen, wobei sie als Grund „die Bluts- und Sprachgemeinschaft mit den anderen Hellenen, die Gemeinsamkeit der Heiligtümer, der Opferfeste und Lebensweise“ anführten. Huntington selbst fährt dann fort: „Blut, Sprache, Religion, Lebensweise waren das, was die Griechen gemeinsam hatten, und was sie von den Persern und anderen Nichtgriechen unterschied.

Von allen objektiven Elementen, die eine Kultur definieren, ist jedoch das wichtigste für gewöhnlich die Religion, wie die Athener betonten. In ganz hohem Maße identifiziert man die großen Kulturen der Menschheitsgeschichte mit den großen Religionen der Welt; und Menschen, die Ethnizität und Sprache miteinander teilen, sind fähig – so im Libanon, im früheren Jugoslawien und auch dem indischen Subkontinent –, einander abzuschlachten, weil sie an verschiedene Götter glauben“. Huntington scheute sich aber offensichtlich, noch Öl ins Feuer zu gießen, was durch einen Titel des Buches „Kampf der Religionen“ geschehen wäre; letztendlich läuft es aber darauf hinaus. Insgesamt muß sein Werk als für einen Amerikaner erstaunlich kenntnisreich und vorurteilsfrei bezeichnet werden.

Er zitiert zwar nicht den deutschen Professor Carl Schmitt, der als das Wesen des Politischen das Erkennen des Freund-Feind-Verhältnisses darstellt, aber zustimmend aus einem Roman über die Venezianer: „Ohne wahre Feinde keine wahren Freunde! Wenn wir nicht hassen, was wir nicht sind, können wir nicht lieben, was wir sind. Das sind die alten Wahrheiten, die wir heute, nach dem sentimentalen Gesülze von 100 Jahren, unter Schmerzen wieder entdecken. Wer diese Wahrheiten leugnet, der verleugnet seine Familie, sein Erbe, seine Kultur, sein Geburtsrecht, sein ganzes Ich!“ Seine zentralen Aussagen sind, daß die Modernisierung keine universale Kultur irgendeiner Art oder die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften erzeugen wird. Ferner wird das Machtgleichgewicht zwischen den Kulturkreisen sich verschieben; der Westen verliert an relativem Einfluß, asiatische Kulturen verstärken ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht, und der Islam erlebt eine Bevölkerungsexplosion, wobei die nichtwestlichen Kulturen selbstbewußt den Wert ihrer eigenen Grundsätze betonen. Gesellschaften, die durch „kulturelle Affinitäten“ verbunden seien, würden miteinander kooperieren; Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben, seien erfolglos.

Die universalistischen Ansprüche des Westens würden ihn zunehmend in Konflikt mit anderen Kulturkreisen bringen, am schwerwiegendsten mit dem Islam und mit China. Bruchlinienkriege, im wesentlichen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, würden die Gefahr einer breiteren Eskalation und damit Bemühungen von Kernstaaten um Eindämmung und Unterbindung dieser Kriege bringen. Das Überleben des Westens hänge davon ab, daß die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigten und die Westler sich damit abfänden, daß ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal sei, und sich einigten, diese Kultur vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen. Ein weltweiter Kampf der Kulturen könne nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine Politik akzeptierten und aufrecht erhielten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigten.
Was jedem, der das nationale Erwachen in Asien, Afrika, der Sowjetunion mit offenen Augen miterlebt hat, bewußt ist, was aber die EU-versessenen bundesrepublikanischen Politiker nicht wahrhaben wollen, ist seine Erkenntnis: „Nationalstaaten bleiben die Hauptakteure des Weltgeschehens.“ (S. 21).

Die Nachkriegszeit, die durch die Zweiteilung der Welt in Kommunismus und Antikommunismus bestimmt war, wobei die Staaten der dritten Welt von beiden Lagern umworben wurden, ist vorbei. Gesellschaften, die durch Ideologie oder historische Umstände geeint waren, aber kulturell vielfältig waren, fallen entweder auseinander, wie die Sowjetunion, Jugoslawien und Bosnien, oder sind starken Erschütterungen ausgesetzt, wie die Ukraine, Nigeria, der Sudan, Indien, Sri Lanka und viele andere. Soweit es zu Kriegen kommt, gibt es das Bemühen, diese zu begrenzen, so daß sich der Kampf der Stämme Ruandas nur auf Uganda, Zaire und Burundi auswirkte, aber nicht auf weitere afrikanische Staaten. Huntington setzt sich mit der These von Fukujama vom „Ende der Geschichte“ auseinander, wonach sich die westlich-liberale Demokratie als „definitive Regierungsform des Menschen“ überall durchsetzen werde. Diese Harmonieerwartung sei aber illusionär. Vom ersten Weltkrieg sei schon behauptet worden, daß dies „der Krieg zur Beendigung aller Kriege“ sei, und zum zweiten Weltkrieg sagte Franklin Roosevelt, daß hieraus eine „dauerhafte Struktur des Friedens“ hervorgehen würde. Unabhängig davon, ob die Behaupter dieser Phrasen daran selbst geglaubt haben, haben sich jedenfalls diese Voraussagen als völlig irrig erwiesen, wie die zahlreichen Kriege und Konflikte nach dem ersten und nach dem zweiten Weltkrieg gezeigt haben.

Die Kolonialkriege früherer Zeiten sind abgelöst worden von blutigen Kriegen der zwischenzeitlich in die Selbständigkeit entlassenen Völker. Huntington glaubt nicht an einen Krieg der armen Ländern gegen die reichen Länder, weil den armen Ländern der dritten Welt dazu die militärischen Voraussetzungen fehlten. Eine kulturelle Zweiteilung in „westlich – nichtwestlich“ sei abwegig, weil die japanische, chinesische, hinduistische, arabische und afrikanische Kultur wenig Verbindendes hätten, was Religion, Gesellschaftsstruktur, Institutionen, herrschende Werte betreffe. Huntington ist der Auffassung, daß Staaten mit ähnlicher Kultur und ähnlichen Institutionen ein gemeinsames Interesse sehen würden; allerdings berücksichtigt er dabei nicht (und kann es als Amerikaner vielleicht auch nicht), daß die USA in ihrem imperialistischen Weltherrschaftsstreben nicht darauf abstellen, wer ihre Verbündeten sind und wer nicht. Der pakistanische Diktator ist ein guter Freund, weil Pakistan die Al-Qaida bekämpft, der saudische König ebenfalls, obwohl es dort keine Demokratie gibt; andererseits ist die Bundesrepublik unter Schröder schon fast in die „Achse des Bösen“ eingereiht worden, da Bush erklärt hatte, wer nicht für ihn sei, sei gegen ihn. Daß nach dem Ende des „kalten Krieges“ die Zeit der Konflikte vorbei sei, widerlegt Huntington damit, daß 1993 auf der ganzen Welt schätzungsweise 48 „ethnische Kriege“ geführt wurden; auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion gab es 164 „territorial-ethnische Forderungen und Grenzkonflikte“, von denen 30 in irgendeiner Form bewaffnete Konflikte waren (S. 41).

Der Druck in Richtung Integration sei in der Welt vorhanden; genau dieser Druck sei es aber auch, der den Gegendruck der kulturellen Selbstbehauptung und des kulturellen Bewußtseins wecke. Hierzu mag eingeschoben werden eine Übersicht aus der „Wirtschaftswoche“ vom 16.01.2003, wo eine Umfrage aus verschiedenen Staaten abgedruckt ist, ob die Verbreitung amerikanischer Ideen und Gebräuche gut oder schlecht sei. Nachfolgend werden die Zahlen derjenigen, die das als „gut“ bzw. als „schlecht“ bezeichnen, wie folgt angegeben: Pakistan (2:81), Türkei (11:78), Mexiko (22:65), Indien (24:54), Frankreich (25:71), Deutschland (28:67), Südkorea (30:62), Großbritannien (39:50). Am meisten Zustimmung fanden erstaunlicherweise die amerikanischen Ideen und Gebräuche in Japan; nur dort gab es mit 49 % mehr Zustimmung als mit 45 % Ablehnung. Dadurch wird Huntingtons Ausführung dazu, daß durch Warenverkehr entgegen mancher Meinung kein Kultureinfluß ausgeübt werde, insbesondere nicht das Schätzen bestimmter kultureller Dinge, nachhaltig gestützt. Er legt dar, daß Hollywood auf dem Musikmarkt zwar dominiert, und 88 % der weltweit meistbesuchten Filme 1993 aus den USA kamen; zwei amerikanische und zwei europäische Nachrichtenagenturen beherrschten weltweit die Sammlung und Verbreitung von Nachrichten.

Gleichwohl habe dies nicht zu einem Abbau der Abneigung nichtwestlicher Gesellschaften gegen westliche Werte geführt. Der Westen habe auch in der Vergangenheit die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion erobert, sondern durch die Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. „Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ (S. 68). Auch internationaler Handel habe Konflikte nicht vermindert; um 1910 habe es mehr Handel zwischen den Ländern gegeben als jemals davor oder danach, wobei der Handel insgesamt 33 % des globalen Sozialproduktes ausgemacht habe. Gleichwohl habe dies nicht den ersten Weltkrieg verhindert. Seit der französischen Revolution seien die Konfliktlinien hauptsächlich zwischen Nationen, nicht zwischen Fürsten (wie vorher) verlaufen. Das zwanzigste Jahrhundert habe einen tiefgreifenden Wandel gebracht. Die Weltkarte von 1990 habe wenig Ähnlichkeit mit der Weltkarte von 1920. Das Gewicht der militärischen und ökonomischen Macht habe sich gravierend verschoben. Der Westen habe politische Ideologien erzeugt (Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus, Kooperatismus, Marxismus, Kommunismus, Sozialdemokratie, Konservatismus, Nationalismus, Faschismus, christliche Demokratie).

Keine andere Kultur habe eine bedeutsame politische Ideologie hervorgebracht, wohingegen der Westen andererseits „niemals eine große Religion hervorgebracht“ habe; die Religionen der westlichen Welt seien ausnahmslos in nichtwestlichen Kulturen entstanden und den meisten Fällen älter als die westliche Kultur (S. 71). Die Ideologien verfielen heute; sie hätten die Bedeutung der Religion im zwanzigsten Jahrhundert zunächst zurückgedrängt, seit den 60er Jahren sei die Bedeutung der Religion zu Lasten der Ideologien zunehmend gestiegen. Der Begriff „freie Welt“ sei schon in den 80er Jahren immer seltener verwendet worden. Spengler habe den Blick dafür geöffnet, daß die im Westen vorherrschende, kurzsichtige Auffassung der Geschichte mit ihrer säuberlichen Einteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit falsch sei, sondern jede Kultur ihre eigene Bedeutung, ihren Aufstieg und Abstieg habe, und keine Kultur eine bevorzugte Stellung in der Geschichte einnehmen könne. Auch Toynbee hat die „egozentrischen Illusionen“ des Westens gegeißelt, daß die Welt sich um ihn drehe, und daß der „Fortschritt“ unausweichlich sei. Jede Kultur sehe sich selbst als Mittelpunkt der Welt und schreibe ihre Geschichte als zentrales Drama der Menschheitsgeschichte. Realistisch sei aber, jede Kultur in ihrer Bedingtheit zu sehen.

Daß bestimmte Intellektuelle in anderen Kulturkreisen als den westlichen Ideen anhängen, sei nicht anders zu bewerten, als daß beispielsweise in früheren Jahrhunderten in der westlichen Welt in regelmäßigen Abständen Begeisterungen für verschiedene Aspekte der chinesischen oder hinduistischen Kultur aufgetreten seien (S. 79). Irgendwo im nahen Osten könne es sehr wohl ein paar junge Männer in Jeans geben, die Coca Cola trinken und Rap hören, aber zwischen Verbeugungen in Richtung Mekka eine Bombe basteln, um ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen.

Er verweist auf die großen Unterschiede in der Geburtenrate. Der Anteil der Weltbevölkerung, die die großen westlichen Sprachen sprechen, sei in der letzten Hälfte des Jahrhunderts laufend gesunken. Doppelt so viele Menschen sprechen Mandarin wie Englisch (1992), das nur von 7,6 % der Weltbevölkerung gesprochen werde. Eine Sprache, die 92 % der Menschen fremd sei, könne nicht eine Weltsprache sein. Allerdings sei sie die Sprache, die Menschen verschiedener Sprachgruppen und Kulturen benutzten, um miteinander zu verkehren. Dies habe es auch in der Vergangenheit gegeben: Latein in der klassischen und mittelalterlichen Welt, französisch jahrhundertelang danach, womit zwar sprachliche und kulturelle Unterschiede überwunden würden; dies sei aber „nicht eine Methode, um sie zu beseitigen“ (S. 84).

Eine „lingua franca“ werde generell nur dann akzeptiert, wenn sie nicht einer bestimmten ethnischen Gruppe, Religion oder Ideologie zugeordnet werden könne (S. 85). Dazu ist dann die Anmerkung zu machen, daß der imperialistische Kurs der US-Regierung dazu führen wird, daß das Englische zunehmend als Sprache der Unterdrücker gesehen wird, so daß es an Bedeutung verlieren wird. Die meistverbreiteten Sprachen seien die Sprachen imperialer Staaten gewesen, die aktiv den Gebrauch ihrer Sprache durch andere Völker förderten. Verschiebungen in der Machtverteilung bewirkten Verschiebungen im Gebrauch der Sprachen. Wirtschaftliche Macht Japans hat Nichtjapaner zum Erlernen des Japanischen veranlaßt, und die wirtschaftliche Macht Chinas wird einen ähnlichen Zug beim Chinesischen bewirken.

Chinesisch habe das Englische als vorherrschende Sprache in Hongkong bereits verdrängt und sei angesichts der Rolle der Auslandschinesen in Südostasien die Sprache geworden, in der ein guter Teil der internationalen Geschäfte in der Region abgewickelt werde. In dem Maße, wie die Macht des Westens im Verhältnis zu der Macht anderer Kulturkreise schwinde, werde auch der Gebrauch des Englischen und anderer westlicher Sprachen in anderen Gesellschaften langsam zurückgehen. Wenn China „in ferner Zukunft“ den Westen als herrschende Kultur der Welt abgelöst habe, werde Englisch dem Mandarin als „lingua franca“ der Welt weichen. Nun, daß Chinas Aufstieg zur Weltmacht erst „in fernster Zukunft“ liege, glaube ich angesichts der jährlichen Zuwachsraten beim Bruttosozialprodukt von 8 % nicht. Richtig ist jedenfalls Huntingtons Bemerkung, daß zur Kolonialzeit die Gebildeten in den Kolonien sich vom „einfachen Volk“ durch den Gebrauch der Kolonialsprache abheben wollten, durch die Einführung demokratischer Institutionen und die stärkere Beteiligung von Menschen am politischen System bei diesen Völkern aber der Gebrauch westlicher Sprachen zurückgehen, und die einheimischen Sprachen zunehmend an Bedeutung gewinnen mußten. Auch in den meisten der früheren Sowjetrepubliken sind große Anstrengungen unternommen worden, die traditionelle Sprache zu neuem Leben zu erwecken. Estnisch, lettisch, litauisch, ukrainisch, georgisch und armenisch sind heute Amtssprachen unabhängiger Staaten. Aserbaidschan, Kirgisistan, Turkmenistan und Usbekistan sind von der kyrillischen Schrift ihrer früheren russischen Herren zur westlichen Schrift ihrer türkischen Verwandten übergegangen, während das persischsprachige Tadschikistan die arabische Schrift eingeführt hat (S. 89). Die Serben sind von der westlichen Schrift ihrer katholischen Feinde zur kyrillischen Schrift ihrer russischen Verwandten übergegangen. Kroaten reinigen ihre Sprache von türkischen und anderen Fremdwörtern, wohingegen in Bosnien gerade diese türkischen und arabischen Lehnwörter wieder groß in Mode gekommen sind.

Ebensowenig also, wie die einzelnen Nationalsprachen an Bedeutung verloren haben, sondern hingegen gewonnen haben, sind wir auf dem Wege zu einer Einheitsreligion. In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts erzielten sowohl der Islam als auch das Christentum Zugewinne in Afrika. Muslime haben in hundert Jahren ihren Anteil von 1900 auf 2000 von 12,4 auf 19,2 % der Weltbevölkerung erhöht: „Auf lange Sicht gesehen wird jedoch Mohammed das Rennen machen. Das Christentum breitet sich in erster Linie durch Bekehrung aus, der Islam durch Bekehrung und Reproduktion. Der Anteil der Christen an der Weltbevölkerung erreichte in den 80er Jahren mit 30% seinen Höchststand, hielt dieses Niveau eine Zeit lang, geht heute zurück und wird wahrscheinlich um das Jahr 2025 bei 25 % der Weltbevölkerung liegen.“ (S. 92). Andererseits werden die Muslime wahrscheinlich spätestens im Jahr 2025 auf 30 % der Weltbevölkerung angestiegen sein. „In der modernen Welt ist Religion eine zentrale, vielleicht sogar die zentrale Kraft, welche die Menschen motiviert und mobilisiert. Es ist reine Überheblichkeit zu glauben, daß der Westen, nur weil der Sowjetkommunismus zusammengebrochen ist, die Welt für alle Zeiten erobert hat und daß Muslime, Chinesen, Inder und alle anderen nun nichts Eiligeres zu tun haben, als den westlichen Liberalismus als einzige Alternative zu übernehmen.“ (S. 93).

Der Westen würde von einem Konzept der universalen Kultur ausgehen, um seine Dominanz über andere Gesellschaften und die Notwendigkeit der Nachahmung westlicher Praktiken und Institutionen durch andere Gesellschaften zu rechtfertigen. „Die Nichtwestler betrachten als westlich, was der Westen als universal betrachtet. Was Westler als segensreiche globale Integration anpreisen, z. B. die Ausbreitung weltweiter Medien, brandmarken Nichtwestler als ruchlosen westlichen Imperialismus.“ (S. 93).

Kulturexport befriedet also nicht. Auch der Handel befriedet – entgegen gängiger Klischees – nicht. Handel kann sogar ein „stark polarisierender Faktor“ sein (S. 94). Hierzu ist anzumerken, daß England Deutschland zu Beginn des ersten im wesentlichen und zu Beginn des zweiten Weltkrieges nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen den Krieg erklärt hat, weil Deutschland als Handelsnation zu stark wurde und England von verschiedenen Märkten zu verdrängen drohte bzw. schon verdrängt hatte (1939 beispielsweise vom Balkan). Populär war die durch viele Zeitungen vor dem ersten Weltkrieg in England ausgedrückte Meinung, daß es jedem Engländer wirtschaftlich besser gehen würde, wenn Deutschland vernichtet werde. Das „Made in Germany“ hatte englische Waren in vielen Bereichen verdrängt, was England nicht hinzunehmen bereit war. In regelmäßigen Abständen wird auch immer wieder vom „Handelskrieg“ zwischen der Europäischen Union und den USA gesprochen, angefangen vom „Hähnchenkrieg“, weil die Amerikaner für freien Handel sind, wenn es ihnen nützt, und Schutzzölle einführen (beispielsweise bei Stahl), wenn dies in ihrem Interesse liegt. Zu wirklichen Kriegen weiten sich diese „Handelskriege“ deswegen nicht aus, weil die USA derzeit die einzige Weltmacht sind. Daß Handel aber zu einer friedlichen Welt führe, ist als Vorurteil dadurch erwiesen.
Auch daß sich Menschen zunehmend mehr auf Reisen, in ihren Berufen, durch Wanderbewegungen kennenlernen, fördert nicht ihr Einvernehmen – so Huntington. In einer zunehmend globalisierten Welt „verschärft sich das kulturelle, gesamtgesellschaftliche und ethnische Bewußtsein“. (S. 96). Durch die Einwanderung anderer Volksgruppen, insbesondere solcher religiös verschiedener Art, kommt es zu Feindseligkeit; die Franzosen beispielsweise haben auf die Einwanderung von muslimischen Nordafrikanern mit der Förderung der Einwanderung katholischer Polen reagiert.

Huntington versucht dann, den modernen Westen zu beschreiben, und kennzeichnet ihn erst einmal damit, daß er durch das „klassische Erbe“ (das antike Griechenland und Rom) beeinflußt sei. Das westliche Christentum sei das wichtigste Charakteristikum der westlichen Kultur: das „christliche Abendland“ sei durch „Katholizismus und Protestantismus“ geprägt. Dies ist eine gewisse Inkonsequenz, da er Rußland und die christlich-orthodox bestimmten Völker einem gesonderten Kulturkreis zuordnen will. Das derzeitige Bemühen um einen „interkonfessionellen Dialog“, die „Ökumene“ zwischen Katholiken und Protestanten, die besonders von Protestanten ausgeht, ist aber erst wenige Jahre alt; noch vor zwei Jahren wurde beispielsweise ein katholischer Priester gemaßregelt, weil er an einem ökumenischen Gottesdienst teilnahm, und bis zur Wahl John F. Kennedys war es in den USA undenkbar, daß ein Katholik Präsident wurde, da sie durch die „Wasp“ („White anglo saxon protestants“) beherrscht werden sollten. Der Konflikt in Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken wirft immer noch blutige Spuren, und der Katholik Adenauer wollte lieber mit dem katholischen Frankreich zusammengehen, als mit dem „heidnischen Osten“, den Protestanten der DDR. Dementsprechend hat Kohl beispielsweise Hilfspäckchen in das katholische Polen portofrei gestellt und der polnischen Post sogar viele Millionen DM zwecks Beförderung dieser Hilfspakete erstattet, Päckchen in die DDR aber nicht portofrei gestellt. Der Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus wird von Huntington also nicht hinreichend gewürdigt, und auch innerhalb des Protestantismus gibt es erhebliche Unterschiede, was ich noch zeigen werde. Es gibt kein einheitliches westliches Christentum.

Als weiterhin westlich bezeichnet er die „Trennung von geistlicher und weltlicher Macht“. Dies ist nur erklärlich aus seiner US-Geschichte. Im Mittelalter hat der Papst dahin gestrebt, die weltliche Macht zu beherrschen, und es hat viele Jahrhunderte gebraucht, um sich hiervon zu befreien. Richtig ist allerdings, daß es zwischen Kirche und Staat, geistlicher Autorität und weltlicher Autorität einen durchgängigen Dualismus in der westlichen Kultur gegeben hat. Er verweist darauf, daß nur in der hinduistischen Kultur Religion und Politik so klar getrennt gewesen seien; im Islam sei Gott der Kaiser, in China und Japan der Kaiser Gott gewesen. Beim orthodoxen Christentum sei Gott des Kaisers Juniorpartner gewesen. Die Trennung und die immer neuen Konflikte von Kirche und Staat, die für die westliche Kultur typisch gewesen seien, habe es in keiner anderen Kultur gegeben. Wenn Huntington aber schreibt: „Diese Teilung der Herrschaft hat unermeßlich viel zur Entwicklung der Freiheit im Westen beigetragen“, so muß dem widersprochen werden. Es hat „unermeßlich viel“ zur Ausrottung der besten Kräfte unserer Völker beigetragen; unsere Völker ständen ganz anders in der Welt da, wenn es nicht den ständigen Konflikt zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter gegeben hätte, den verheerenden Dreißigjährigen Krieg, die Verbrennung von Hexen und Ketzern usw. Denn wir haben diese Konflikte deswegen gehabt, weil uns eine orientalische Religion aufgezwungen wurde; im Germanentum spielte die Religion im wesentlichen nur im häuslichen Bereich eine Rolle, nicht auf Stammes- oder Staatsebene. Der König vermittelte das Heil von den Göttern auf sein Volk. Es gab keine Konflikte zwischen ihm und den Goden, die sich nicht religiöse Allmacht anmaßten. Wenn sich die germanische Religion aus eigenen Wurzeln hätte weiterentwickeln können, hätte es keinerlei Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht gegeben, und die Freiheit war im heidnischen Germanien auch nie angetastet.

Zutreffend hat Huntington dann wieder die Rechtstaatlichkeit als kennzeichnend für den Westen genommen. Soweit er allerdings meint, daß dies von den Römern übernommen worden sei, ist dies unzutreffend; vor der Übernahme des römischen Rechts mit seinen verschiedenen – zum Teil spitzfindigen – Bestimmungen hat es germanische Volksrechte gegeben, die die Rechte der Einzelnen sicherten. Dort gab es sehr viel mehr Rechtstaatlichkeit, als im Mittelalter im christlichen Abendland. Im übrigen ist anzumerken, daß es selbstverständlich auch in China, im Islam – allerdings nicht in Afrika – verbindliche Rechtsvorstellungen gegeben hat.

Huntington findet weiter für die westliche Gesellschaft den „gesellschaftlichen Pluralismus“ kennzeichnend. Er erwähnt dazu die Klöster, Orden und Zünfte, Adel, Bauernschaft, Handwerker sowie Kaufleute und Händler. Es habe insoweit sehr viel mehr Pluralismus als in Rußland, China und in osmanischen Ländern gegeben. Allerdings ist hierzu anzumerken, daß im Hinduismus mit seinen zahlreichen Kasten noch eine viel größere Vielfalt schon vor vielen Jahrhunderten bestanden hat. Soweit er Repräsentativorgane als bezeichnend ansieht, wird dies durch eine Reihe geschichtlicher Epochen im Westen widerlegt.
Mehr Gewicht hat seine Aussage, daß der Individualismus für den Westen bedeutsam sei. Insbesondere die Germanen sind immer sehr freiheitsliebend gewesen und von daher die geborenen Individualisten. Er erwähnt allerdings auch, daß diese Charakteristika nicht immer anzutreffen gewesen seien.

Huntington zeigt dann anhand der Türkei und anderer Staaten, daß die Modernisierung zu einer vermehrten ökonomischen, militärischen und politischen Macht einerseits führt, andererseits zu einer Entfremdung und zu einer Identitätskrise. Über die vermehrte Macht und ebenso über eine Sehnsucht nach der kulturellen Eigenart komme es dann aber nahezu unvermeidlich zu einem kulturellen und religiösen Wiedererwachen. Bemerkenswerterweise finden sich unter den religiösen Fundamentalisten im Islam häufig naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen, nicht etwa Personen, die sich in irgendeine Klause zum Koranstudium zurückgezogen hätten. Huntington betont: „Nichtwestliche Gesellschaften können sich modernisieren und haben sich modernisiert, ohne ihre eigene Kultur aufzugeben und pauschal westliche Werte, Institutionen und Praktiken zu übernehmen.“ (S. 113). Die Welt sei „insgesamt dabei, moderner und weniger westlich zu werden.“ (S. 114).

Er legt dann dar, daß zwar der Westen die Weltwirtschaft beherrsche und militärisch-technologisch weit überlegen sei, auch die Kapitalmärkte und Schiffahrtsstraßen beherrsche, aber daß die Macht des Westens sich – je länger, je mehr – verringern werde, und zwar aus verschiedenen Gründen. Einmal habe der Westen zunehmend mehr innere Probleme (geringes Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Staatsdefizite, niedrige Arbeitsmoral, Drogen, Kriminalität). Die Rassenspannungen durch Einwanderer erwähnt er nicht, müßten aber hinzugefügt werden. Er spricht lediglich von „sozialer Desintegration“ (S. 118).

Die Macht werde einerseits auf andere Mächte, z. B. Indien und China, übergehen, andererseits auf multinationale Unternehmen. Der Niedergang des Westens stecke noch in der ersten langsamen Phase, könne sich aber in irgendeinem Punkt dramatisch beschleunigen. Ab 1900 sei die europäische Komponente der westlichen Zivilisation niedergegangen, besonders auffällig mit der Auflösung der Kolonialreiche nach dem zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1920 habe der Westen etwa 66 Mio. km2 oder etwa die Hälfte der Landoberfläche der Erde kontrolliert, wobei dies bis 1993 auf die Hälfte heruntergegangen sei. Das Territorium unabhängiger islamischer Gesellschaften sei in dieser Zeit von 4,7 Mio. km2 auf 28,5 Mio. km2 gestiegen. 1920 beherrschten die westlichen Staaten 48 % der Weltbevölkerung, wohingegen sie selbst 1993 nur 13% ausmachten, bis zum Jahre 2025 auf 10 % zurückgehen werden. Wie dramatisch sich die Verhältnisse wandeln, ist daraus zu ersehen, daß 1960 China 4% zum Weltbruttosozialprodukt beigetragen hat, die USA 37 %, wohingegen 30 Jahre später beide 24 % beitrugen. Nach Huntingtons Meinung ist spätestens 2050 die westliche Vorherrschaft durch China abgelöst (nach meiner Meinung schon in zwei Jahrzehnten). Schon im Jahre 2020 werden vier der fünf größten Volkswirtschaften der Erde in Asien liegen. Dieser rasche Erfolg wird von den Asiaten auch ihrer eigenen Kultur und deren Werte zugeschrieben: Ordnung, harte Arbeit, Gruppeninteresse vor Einzelinteresse, Familienzusammenhalt, Disziplin; die Gemeinschaft wird wichtiger als das Individuum gesehen.

Außerhalb Afrikas sei um 1990 praktisch die gesamte Altersgruppe mit Grundschulunterricht in der ganzen Welt versorgt worden. Während das Durchschnittsalter von Westlern, Japanern und Russen stetig steige, so daß die nicht mehr im Erwerbsleben stehenden Menschen zunehmend zu einer wirtschaftlichen Belastung werden, werden die anderen Kulturen durch riesige Zahlen von Kindern wirtschaftlich belastet: „Kinder aber sind künftige  Arbeiter und Soldaten“ (S. 126). 1928 erzeugte der Westen 84 % der Weltindustrieproduktion. 1992 gehörten bereits vier der sieben größten Volkswirtschaften der Welt zu nichtwestlichen Nationen (Japan, China, Rußland und Indien). Zwar habe die USA eine überwältigende militärische Macht; Kernwaffen und die Systeme zu ihrem Einsatz sowie chemische und biologische Waffen sind aber nach Huntington das Mittel, „wodurch Staaten, die den USA und dem Westen an konventioneller militärischer Stärke weit unterlegen sind, mit relativ geringen Kosten gleichziehen können.“

Aus diesem Grunde versuchten die USA mit allen Mitteln die Ausbreitung von Kernwaffen zu verhindern. Militärische Macht führe zu Selbstzweifeln bei den anderen und dazu, daß die Kultur der starken Macht attraktiv sei; dies habe die Anziehung der Sowjetunion in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ausgemacht. In dem Maße, wie die Macht des Westens schwindet, schwinde auch das Vermögen des Westens, anderen Zivilisationen westliche Vorstellungen von Menschenrechten, Liberalismus und Demokratie aufzuzwingen, und schwinde auch die Attraktivität dieser Werte für andere Zivilisationen. Menschen Ostasiens schreiben heute ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht einem Import der westlichen Kultur zu, sondern vielmehr ihrem Festhalten an der eigenen. Der Islam erstarke; in Algerien hätte eine islamistische Partei 1992 die Macht übernommen, wenn es nicht einen Militärputsch (von den USA unterstützt) gegeben hätte. „Zunehmende Macht beschert zunehmendes kulturelles Selbstbewußtsein.“ Deswegen erstarkten auch wieder in vielen Bereichen die einheimischen Religionen. Im Westen erzogene Atheisten wurden, zurückgekehrt nach Pakistan, glühende Apostel des Islam. Der anglisierte Lee lernte Mandarin und wurde ein entschiedener Verfechter des Konfuzianismus. Der Christ Bandaranaike bekehrte sich zum Buddhismus und appellierte an den singhalesischen Nationalismus.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe die geistige Elite angenommen, daß wegen der Modernisierung die Religion verkümmern werde. Mitte der 70er Jahre kehrte sich aber die Tendenz zur Säkularisierung um. Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus und Orthodoxie erlebten alle einen neuen Aufschwung, fundamentalistische Bewegungen entstanden, und in manchen Ländern ist diese Entwicklung besonders auffällig. 1994 gaben 30% der Russen unter 25 Jahren an, sie seien vom Atheismus zum Glauben an Gott umgeschwenkt. Als erstes wurden in den verfallenen Städten die Kirchen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus restauriert und prächtig ausgestattet. Ebenso gab es ein religiöses Erwachen in Zentralasien, wo es 1989 160 Moscheen gab, Anfang 1993 etwa 10000. Huntington meint, daß der stärkste Grund für den weltweiten Aufschwung der Religionen derjenige sei, der eigentlich den Tod der Religionen habe bewirken sollen: nämlich die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Modernisierung.

Weil althergebrachte Identitätsquellen und Herrschaftssysteme zerborsten sind, die Menschen vom Land in die Stadt ziehen, ihren Kontakt zu den Wurzeln verlieren und neue Berufe ergreifen oder arbeitslos sind, mithin vielfach neuartigen Beziehungssystemen ausgesetzt sind, brauchen sie neue Formen einer stabilen Gemeinschaft und neue moralische Anhaltspunkte, die ihnen ein Gefühl von Sinn und Zweck vermitteln. Die Religion befriedigt diese Bedürfnisse. Die Religionen bieten auf die Frage: „Wer bin ich? Wohin gehöre ich?“ Antworten, und religiöse Gruppen bilden kleine soziale Gemeinschaften, die die früheren dörflichen Gemeinschaften – die bei der Verstädterung verloren gehen – ersetzen. Ob in Indien die Erstarkung des Hinduismus und des Islam (mit entsprechenden Konflikten zwischen beiden), ob das Erwachen des Islam – überall befriedigen religiöse Gruppen die sozialen Bedürfnisse, die die Staatsbürokratien vernachlässigt hatten. Durch die Umbrüche kommt es teilweise auch zu neuer religiösen Orientierung.

Als Korea ein reiner Agrarstaat war, waren die Menschen buddhistisch. Als es sich technisch stark entwickelte und verstädterte, die dörflichen Gemeinschaften zerschlagen wurden, bot das Christentum mit seiner Botschaft der persönlichen Erlösung einen Ausweg, so daß die Zahl der Christen von rund 2 % auf 30 % in der südkoreanischen Bevölkerung anstieg. Vergleichbar führte die Verstädterung und Technisierung in Südamerika zum Abwenden vom Katholizismus und Hinwenden zum Protestantismus. Beispielsweise gehen heute in Brasilien mehr Protestanten in die Kirchen als Katholiken, ganz anders als in der Bundesrepublik. (Allerdings wird bei diesen Dingen von Huntington nicht genügend beachtet, daß religiöse Neuorientierungen im Zusammenhang mit der Modernisierung genauso, wie er dies vorher bezüglich der kulturellen Werte geschrieben hat, zu einem Rückschlag führen kann, nachdem ein entsprechendes Selbstbewußtsein gewonnen worden ist, so daß dann die ursprünglichen Werte wiederentdeckt werden.) Was die religiöse Neuorientierung häufig fördert, sei es Fundamentalismus, sei es Übergang zu anderen Glaubensformen, ist oftmals die Tatsache, daß auch fundamentalistische Bewegungen geschickt moderne Massenkommunikationsmittel und Organisationstechniken zur Verbreitung ihrer Botschaft einsetzen.

In Mittelamerika hat beispielsweise die protestantische Fernseh-Missionierung großen Erfolg. Gerade die jüngsten Großstadtwanderer bedürfen in der Regel gefühlsmäßiger, sozialer und finanzieller Unterstützungen, die religiöse Gruppen mehr als alle anderen Gruppen bieten können. Hier sei Religion nicht Opium fürs Volk, sondern Vitamin für die Schwachen. Ferner findet sich bei Islamisten unter den Fundamentalisten die neue Mittelschicht, oft die erste Generation ihrer Familie, die eine Universität oder technische Hochschule besucht hat; bei den Muslimen sind die Jungen religiös, die Eltern säkular. Ähnlich ist es im Hinduismus. Gemeinsam ist ihnen die stolze Feststellung: „Wir werden modern sein, aber wir werden nicht wie Ihr sein.“
Hier ist einzuwerfen, daß auf die Probleme des Westens, die uns bedrohen (Überfremdung, Instabilisierung durch Arbeitslosigkeit, mehrere Berufswechsel im Laufe eines Lebens, Vergreisung der Gesellschaft) die hier traditionellen Religionen Protestantismus und Katholizismus auch keine Antwort haben, so daß nach etwas neuem gesucht wird. Das ist schließlich der Hintergrund des Erstarkens verschiedener Sekten und außereuropäischer Religionsformen hier bei uns. Letztlich ist dies aber auch die Chance, die wir als germanische Heiden haben, in dem im Untergang und Umbruch befindlichen Abendland erheblichen Zulauf für unsere germanisch-fundamentalistischen Vorstellungen zu gewinnen.

Während im asiatischen Bereich Selbstbewußtsein und Rückbesinnung auf die Religion besonders aus dem wirtschaftlichen und technologischen Wachstum gezogen werden, ergibt sich der Aufstieg des Islam besonders wegen des großen Geburtenüberschusses seit einigen Jahrzehnten. Junge Menschen sind weniger geneigt, sich bestehenden Verhältnissen anzupassen, als ältere; sie fordern und kämpfen. Besonders konfliktträchtig wird es nach Huntington dann, wenn die 15 bis 24-jährigen mehr als 20 % der Bevölkerung stellen. So ist es in vielen islamischen Staaten heute, und Huntington zufolge sollen 1995 Moslems an 26 von 50 Konflikten beteiligt gewesen sein. Die zunehmende Bedeutung des Islam wird auch daraus ersichtlich, daß beim ersten Krieg gegen den Irak die arabische Liga weit überwiegend zunächst auf amerikanischer Seite stand, dann die Regierungen auf Druck der Bevölkerungen aber umschwenkten, und der zweite Irakkrieg geschlossen sowohl von der Bevölkerung wie von den arabischen Regierungen verurteilt wurde. Alle islamischen Staaten (mit Ausnahme des Irans), auch die Türkei, sind in den letzten Jahren immer islamischer geworden. In China, und zwar sowohl in Taiwan wie in Festlandchina, auch in Singapur, findet eine Rückbesinnung auf die Werte des Konfuzianismus statt; ausländische Importe wie die westliche Demokratie oder der Marxismus – Leninismus werden zunehmend abgelehnt. Nur Japan hat den 1945 erlittenen Schock noch nicht überwunden.

Nachdem Huntington dargelegt hat, daß sich die Welt im Umbruch befindet, behandelt er die kommende Neugestaltung. „Was bei der Bewältigung einer Identitätskrise für die Menschen zählt, sind Blut und Überzeugung, Glaube und Familie. Menschen gesellen sich zu anderen, die dieselbe Herkunft, Religion und Sprache, dieselben Werte und Institutionen haben, und distanzieren sich von denen, die das nicht haben.“ (S. 194). Jemand kann sich mit seinem Clan, seiner ethnischen Gruppe, seiner Nationalität, seiner Religion, seiner Zivilisation identifizieren. Auf jeder dieser Ebenen kann man sich laut Huntington selbst nur in bezug auf ein „Anderes“, eine andere Person, Sippe, Rasse oder Zivilisation definieren. (S. 200). Immer in der Menschheitsgeschichte galt für das Verhalten gegenüber denen, die „wie wir“ sind, ein anderer Code als gegenüber den „Barbaren“, die es nicht sind. Gegenüber anderen gibt es Überlegenheitsgefühle, manchmal auch Minderwertigkeitsgefühle, Furcht und mangelndes Vertrauen, mangelnde Vertrautheit mit den Annahmen, Motivationen, sozialen Beziehungen und sozialen Praktiken anderer Menschen, und die Kommunikation mit ihnen ist erschwert. Konflikte sind allgegenwärtig. „Hassen ist menschlich. Die Menschen brauchen Feinde zu ihrer Selbstdefinition und Motivation: Konkurrenten in der Wirtschaft, Gegner in der Politik. Von Natur aus mißtrauen sie und fühlen sich bedroht von jenen, die anders sind und die Fähigkeit haben, ihnen zu schaden… In der zeitgenössischen Welt handelt es sich bei den „sie“ mit immer größerer Wahrscheinlichkeit um Menschen einer anderen Zivilisation. Das Ende des Kalten Krieges hat den Konflikt nicht beendet, sondern neue, kulturell verwurzelte Identitäten gestiftet und neue Muster des Konflikts zwischen Gruppen aus verschiedenen Kulturen entstehen lassen, die auf allgemeinster Ebene Zivilisationen sind.“ (S. 202).

Länder, die nicht zu ihrer eigenen kulturellen Vergangenheit stehen, bezeichnet Huntington als „zerrissene Länder“. Hierzu zählt er die Türkei, die durch Atatürk zwangsweise verwestlicht wurde, ebenso Rußland seit Peter dem Großen, wobei es seitdem die Auseinandersetzung zwischen den Westlern und den Slawophilen gibt, Mexiko und Australien. Seit den 90er Jahren versucht die Labour-Regierung Australien von einem westlichen Staat in einen asiatischen Staat umzuwandeln; asiatische Einwanderung wird gefördert, und die entsprechenden Beziehungen zu Asiaten sollen – allerdings mit vielem Mißtrauen von seiten der asiatischen Staaten – verstärkt werden. Die Australier sind hinsichtlich dieses Kurses gespalten, und Huntington erklärt, daß hier – ebenso wie bei den anderen zerrissenen Staaten – „das kurzsichtige Resultat einer Überbewertung wirtschaftlicher Faktoren“ vorliegt, „die die Kultur des Landes nicht erneuert, sondern ignoriert“ (S. 243). Er verweist darauf, daß Anfang des nächsten Jahrhunderts die Historiker diese Entscheidung als „einen bedeutsamen Schritt auf dem Weg in den „Untergang des Abendlandes“ erblicken“ werden. Durch diese Option werde aber nicht das westliche Erbe Australiens beseitigt, sondern es werde ein auf Dauer zerrissenes Land die Folge sein. Ergänzen können wir, daß dasselbe natürlich auch für die Schaffung „multikultureller Gesellschaften“ in Europa gilt.

Huntington betont: „Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden“. (S. 247). In diesen Kulturkreisen nehmen „Kernstaaten“, das heißt die herausragenden Staaten eines solchen Kulturkreises, Ordnungsfunktionen ein, und können auf Länder ihres Kulturkreises friedenstiftend einwirken, weil sie von diesen anerkannt werden (nach ihm Rußland im christlich-orthodoxen Kulturkreis, China im asiatischen, USA im westlichen). Das Problem bei den islamischen Ländern ist, daß – anders als im Westen, wo der Nationalstaat die höchste Loyalität genießt – im Islam der Staat oder das Volk nicht die entscheidende Rolle spielt, sondern die Bindung an Allah, so daß es dort keinen Kernstaat gibt.

Welche Kulturkreise gibt es nun laut Huntington? Einmal den afrikanischen und den südamerikanischen, die nach Huntington beide in der Zukunft aber keine machtpolitische Rolle spielen werden, wobei Huntington die Gründe nicht näher erwähnt; hinsichtlich Afrika dürfte dies darauf zurückzuführen sein, daß wegen der intellektuellen Kapazität der Bevölkerung Schwarze nie irgendeine machtpolitische Rolle in der Geschichte haben spielen können, bei Südamerika, daß wegen der vielfach gemischten Bevölkerung sich das Interesse nur auf die eigene Familie bezieht, nicht auf Volk oder Staat, und deswegen Korruption, Vetternwirtschaft usw. jegliche Machtentfaltung verhindern.

Stärkste Bedeutung für die Zukunft wird China und der von ihm beherrschte oder beeinflußte asiatische Bereich haben. Hierzu gehören einmal die Staaten mit großen chinesischen Bevölkerungsanteilen in Asien, dann aber auch die kleineren umliegenden Staaten. In Asien hat Tradition, sich einem Stärkeren anzupassen, nicht in Konfrontationskurs zu gehen (wie es Großbritannien gegen das Aufsteigen Deutschlands zur Großmacht gemacht hat, und ebenso die USA; den gängigen Klischees hier bei uns, daß die Weltkriege zur Beseitigung des Kaisers oder des Nationalsozialismus geführt worden seien, wird von Huntington als zu abwegig nicht einmal diskutiert). Er erklärt nur kühl: „Mehr als zwei Jahrhunderte lang haben die USA den Versuch unternommen, das Entstehen einer dominierenden Macht in Europa zu verhindern. 100 Jahre lang, seit der Politik der „offenen Tür“ gegenüber China, haben sie das gleiche in Asien versucht. Zur Erreichung dieser Ziele haben die USA zwei Weltkriege und einen kalten Krieg gegen das kaiserliche Deutschland, Nazi-Deutschland, das kaiserliche Japan, die Sowjetunion und das kommunistische China geführt. Dieses amerikanische Interesse besteht fort und wurde von den Präsidenten Reagan und Bush bekräftigt.

Die Entwicklung Chinas zur dominierenden Regionalmacht in Ostasien stellt, wenn sie andauert, dieses zentralamerikanische Interesse in Frage. Die eigentliche Ursache des Konflikts zwischen Amerika und China ist die grundlegende Meinungsverschiedenheit darüber, wie das künftige Machtgleichgewicht in Ostasien aussehen soll.“ (S. 369). Zu ergänzen wäre hier nur, an die Adresse der „Gutmenschen“ in Deutschland, die ihre eigene moralische Einstellung bei den Angelsachsen für deren politisches Handeln unterstellen, daß Churchill vom zweiten Weltkrieg als dem „Dreißigjährigen Krieg“ gegen Deutschland sprach, der 1914 begonnen habe, und erklärte, auch wenn ein Jesuitenpater an der Spitze Deutschlands stünde, sei es sein Ziel, Deutschland zu vernichten, weil dies im britischen Interesse liege. Huntington zeichnet aus, daß er völlig von den „Hand aufs Herz – himmelwärts“ gerichteten Blicken der amerikanischen Präsidenten und ihrem Geschwafel von weltweiter Demokratie, weltweitem Frieden, weltweiten Menschenrechten absieht, und die Politik als das darstellt, was sie überall auf der Welt (mit Ausnahme Deutschlands) ist: Machtpolitik zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Wenn jemand Huntington sagen würde, die USA seien 1941 in den Krieg eingetreten, um irgendein Land zu befreien oder die Demokratie irgendwo einzuführen, würde er vermutlich einen Lachkrampf bekommen. In unseren Schulen ist dies aber „Bildungsziel“.

Machtpolitischen Einfluß hat der hinduistische Kulturkreis Indien mit einer Milliarde Menschen. Mit China hat es insoweit Grenzkonflikte gegeben, und allein schon wegen der Größe der Menschen und der sich entwickelnden Wirtschaft gibt es hier eine Konkurrenzsituation. China hat deshalb das islamische Pakistan als Gegengewicht zu Indien immer unterstützt, und unterhält auch hervorragende Beziehungen zu den anderen islamischen Staaten der Region. Indien selbst hat aus seiner Gegnerschaft gegen Pakistan und China sich zu Zeiten, als die Sowjetunion und China sich im kalten Krieg befanden, immer Anlehnung an die Sowjetunion gesucht, ebenso an die USA, die China einzudämmen suchen. Im Völkerleben gilt: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

Mit zwischenzeitlich 1,3 Milliarden Menschen stellt der Islam ein erhebliches Machtpotential dar, besonders deswegen, weil ein Großteil der Erdölreserven und Erdgasreserven der Welt in islamischen Ländern liegen. Arabisch als die heilige Sprache des Korans stellt in diesem Bereich – so sehr über die Welt verbreitet die islamischen Länder auch sind – die sprachliche Verbindung her. Die islamischen Länder stehen gegen Israel wegen Unterdrückung, Entrechtung und Ermordung von Palästinensern und gegen Christen, weil christliche Länder – insbesondere die USA – die Verfolgung der Muslime durch Israel finanziell und mit Waffen unterstützen, ferner wegen der schlechten Erfahrungen mit den Kreuzfahrern und der Unterdrückung arabischer Staaten zu Zeiten des britischen und französischen Kolonialreiches. Derzeit konzentriert sich der Haß der Muslime aber besonders auf Israel und die USA, weil die USA mit ihrem Veto im Sicherheitsrat jegliche Verurteilung Israels – gleichgültig, welche Taten von der israelischen Führung begangen werden – durch die UNO blockieren.

Während ich Huntington bei Darstellung der anderen Kulturkreise folgen kann, überzeugen mich seine Ausführungen zum westlichen Kulturkreis nicht.
Konsequent ist insoweit seine Auffassung, daß wegen des Erstarkens der Religionen das christlich-orthodoxe Rußland sich als Schutzmacht aller orthodoxen Länder versteht. Demzufolge hat Rußland immer Serbien unterstützt. Beim Zerfall Jugoslawiens und den nachfolgenden Auseinandersetzungen wurde dies deutlich. Ebenso – und auch da folge ich Huntington noch – hat sich das katholische Kroatien immer des besonderen Wohlwollens des Westens erfreut, insbesondere der katholisch beeinflußten Länder, und nicht zufällig hat die Bundesrepublik Deutschland unter dem katholischen Kanzler Kohl als erstes Land der Welt Kroatien als selbständigen Staat anerkannt. Beim Konflikt in Bosnien, wo die muslimischen Bosniaken von Serben und Kroaten verfolgt wurden, haben andererseits nicht nur die islamische Türkei Hilfe angeboten, sondern insbesondere finanzielle Hilfe auch so weit entfernte muslimische Länder wie Saudi-Arabien und Malaysia geleistet. Beim Krieg der NATO gegen Serbien wegen der Unterdrückung der Kosovo-Albaner hat das christlich-orthodoxe Griechenland – trotz NATO-Zugehörigkeit – dem orthodoxen Serbien Hilfe geleistet.

Huntington bezeichnete die Kriege beim Zerfall von Jugoslawien als die typischen „Bruchlinienkriege“, und zwar nicht nur zwischen zwei Kulturkreisen, sondern zwischen drei, wo die jeweiligen Kulturkreise Völkern am Rande ihres Kulturkreises Hilfe brachten – mit einer Ausnahme: den USA im Falle der Bosniaken. Der Grund dafür war, daß die USA Bosnien nicht zwischen Kroaten, Serben und Muslimen aufgeteilt sehen wollten, sondern diesen Staat als Beispiel für das Funktionieren von Multikultur erhalten sehen wollten, gegen den Willen der drei Volksgruppen, so daß sie deshalb die Muslime dort unterstützten, ferner mit Rücksicht auf ihr gutes Verhältnis zur Türkei, das sie als Macht zur Eindämmung der Russen sehen.

Die Türkei hat eine Bildungsoffensive bei den asiatischen muslimischen Turkvölkern gemacht. Allerdings ist die türkische Haltung nicht eindeutig, und zwar wegen der jahrhundertealten Gegnerschaft zu Rußland, weshalb die Türkei enge Verbindung zu den USA gesucht hat, und wegen des Kurden-Problems und einer eigenen Einflußnahme in dem Irak, um dort einen eigenständigen Kurdenstaat zu verhindern. Dies und der israelische Einfluß in den USA hat die Türkei dazu gebracht, eine intensive Zusammenarbeit mit Israel einzugehen. Ob dies aber auf Dauer halten wird, bleibt zweifelhaft; die türkische Regierung wollte sich am zweiten Irakkrieg beteiligen, was aber vom türkischen Parlament untersagt wurde, so daß die USA ihren Aufmarsch nicht über die Türkei vornehmen konnten. Daraufhin strich Amerika sofort erhebliche Hilfsgelder für die Türkei.

Während Huntington die orthodoxe christliche Richtung als Abgrenzungsmerkmal sieht, macht er dies inkonsequenterweise nicht für Protestantismus und Katholizismus, wobei hinsichtlich des Protestantismus noch verschiedene Richtungen unterschieden werden müßten. Für ihn sind das nichtorthodoxe christliche Europa und das christliche Nordamerika der westliche Kulturkreis.

Dabei wird zu wenig die Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken (nicht nur im Dreißigjährigen Krieg und heute in Irland) gesehen. Das ganze deutsche Volk hatte sich zum Protestantismus bekannt und ist dann nur blutig in der Gegenreformation in der südlichen Hälfte zum Katholizismus zurückgezwungen worden. Daraus ergaben sich zahlreiche Konflikte, bis hin zu Bismarcks Bekämpfung durch das katholische Zentrum, Adenauers Verhinderung der Wiedervereinigung 1955. Von einer protestantisch-katholischen Ökumene sind wir nach wie vor weit entfernt.

Der Westen ist also keine Einheit; ein romanisch-katholischer Bereich ist nach meiner Meinung hier als eine Untergruppe zu sehen, wobei es Aufgabe einer deutschbewußten Politik sein muß, die Bedeutung des Katholizismus zurückzudrängen, damit die Katholiken hier nicht zu Agenten romanischer Länder werden. Auch der protestantische Bereich ist aber keine Einheit. Von den sonstigen Protestanten ist die puritanisch-kalvinistische Richtung zu unterscheiden. Sie ist der Auffassung, daß sich die Gnade Gottes für einen Menschen nicht erst im Jenseits zeige, sondern bereits im Diesseits, und zwar dadurch, daß er geschäftlichen Erfolg habe. Geschäftlicher Erfolg – mit welchen Mitteln auch immer errungen – zeigt also die Auserwähltheit durch Gott. Überhaupt spielt die Auserwähltheit eine große Rolle; viele Briten sind der Auffassung, sie seien der verlorene „13. Stamm Israels“, und auch viele Amerikaner sehen die USA als „Gods own country“. Diesem angelsächsischen egoistisch-persönlichen Geldverdienen-Protestantismus steht der deutsch-lutherische (und skandinavische) Protestantismus gegenüber, der maßgeblich durch den Begriff der Pflicht gegenüber der Gemeinschaft, dem Staat, geprägt ist und in Preußen zur höchsten Blüte gekommen ist. Auch aus rein sprachlichen Gründen, nicht nur wegen dieser religiösen Sonderprägung des Protestantismus, ist ein britisch-nordamerikanischer Kulturkreis (mit Ausnahme der kanadischen Provinz Quebec, wo die französisch sprechenden Kanadier nichts mit ihren angelsächsischen Landsleuten zu tun haben wollen) als eigenständiger Kulturkreis zu sehen.

Daß nicht der gesamte Westen als Einheit gesehen werden kann, ist schon daraus ersichtlich, daß die USA beispielsweise als „Kernstaat“ von Frankreich nie anerkannt worden sind, sich Frankreich hingegen als Kernstaat, d. h. vorherrschende Macht Westeuropas, gesehen hat, in neuerer Zeit (so bei der Neugestaltung und Erweiterung der EU, dem Widerstand gegen den zweiten Irakkrieg) im Schulterschluß mit Deutschland. Angesichts der zurecht von Bundeskanzler Schröder „abenteuerlich“ genannten Politik der USA, die ihren Willen letztlich allen Ländern aufzwingen wollen und dabei zuweilen massiv europäische Interessen verletzen, ist auch nicht anzunehmen, daß mit dem zunehmenden Erstarken Asiens und des Islam ein Zusammenrücken der westlichen Nationen erfolgen wird. Hinzu kommt, daß zumindest in Deutschland die aus machtpolitischen Gründen vollständige Prinzipienlosigkeit und Heuchelei der USA nicht nachvollziehbar sind. Huntington verweist auf den Schlagwortcharakter bei der Argumentation der Regierung: Demokratie weltweit halten die USA für gut, aber nicht, wenn es Fundamentalisten an die Macht bringt (z. B. in Algerien, Iran). Kernwaffenverbreitung muß verhindert werden, z. B. beim Irak und Iran (Libyen und Nordkorea) – das gilt aber nicht für Israel. Die Weltwirtschaft soll frei handeln können – aber nicht, wenn es die US-Landwirtschaft schädigt. Menschenrechte haben eine große Bedeutung – aber nicht, wenn es Verbündete der USA, z. B. Saudi-Arabien, die Türkei oder Pakistan, angeht.

Probleme ergeben sich auch daraus, daß (so Huntington S. 374) der Westen gegen aufstrebende Mächte immer gegengehalten hat; das gilt meines Erachtens aber nur für Großbritannien und die USA, nicht im selben Maße für andere westliche Mächte. Laut Huntington ergeben sich die größten Probleme der Zukunft aus der westlichen Arroganz, der islamischen Unduldsamkeit, dem chinesischen Auftrumpfen. Insbesondere durch den Zusammenbruch des Kommunismus sei die westliche Arroganz verstärkt worden. Dadurch habe man die eigenen Probleme weitgehend verdrängt, nämlich die Zunahme von Kriminalität, Drogen und Gewalt in den eigenen Ländern, den Zerfall der Familien, den Rückgang der Mitgliedschaft in Vereinen (was zunehmenden Zerfall deutlich mache), das Nachlassen der Arbeitsethik, das Abnehmen von Bildungsinteressen und das Absinken der akademischen Leistungen. Hinzu komme die Zuwanderung Fremder. In Westeuropa lebten ca. 15,5 Mio. Einwanderer, wobei die meisten aus anderen Kulturkreisen kamen. Huntington verweist darauf, daß 10 % der Geburten in Westeuropa von Muslimen gestellt werden, und Araber bereits 50 % der Geburten in Brüssel stellen (S. 319). In Kalifornien wird ein Viertel der Bevölkerung bereits von Mexikanern gestellt. Huntington übt scharfe Kritik an denjenigen, die ihr kulturelles Erbe verleugnen und die Identität ihres Landes von der einen Kultur zu einer anderen zu verschieben versuchen. „Bis heute haben sie damit in keinem einzigen Fall Erfolg gehabt, vielmehr haben sie schizophrene, zerrissene Länder geschaffen.

Die Multikulturalisten in Amerika verwerfen auf ähnliche Weise das kulturelle Erbe ihres Landes. Anstatt jedoch zu versuchen, die USA mit einer anderen Kultur zu identifizieren, möchten sie ein Land der vielen Kulturen schaffen, will sagen ein Land, daß zu keiner Kultur gehört und eines kulturellen Kerns ermangelt. Die Geschichte lehrt, daß ein so beschaffenes Land sich nicht lange als kohärente Gesellschaft halten kann.“ (S. 503). Dasselbe könnte natürlich auch unseren Politikern entgegengehalten werden. „Die Ablehnung des Credos und der westlichen Kultur bedeutet das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika, wie wir sie gekannt haben. Sie bedeutet praktisch auch das Ende der westlichen Kultur. Wenn die USA entwestlicht werden, reduziert sich der Westen auf Europa und ein paar gering bevölkerte europäische Siedlungsgebiete in Übersee. Ohne die USA wird der Westen zu einem winzigen, weiter schrumpfenden Teil der Weltbevölkerung auf einer kleinen, unwichtigen Halbinsel am Rande der eurasischen Landmasse.“ (S. 504). (Hierzu ist aber anzumerken, daß das gegenwärtige Rußland nebst Weißrußland und Ukraine eine sehr viel europäischere und auch nordischere Bevölkerung hat als die USA). Er zitiert zustimmend den japanischen Philosophen Umehara, der erklärt hat: „Weit davon entfernt, als die Alternative zum Marxismus und als die herrschende Ideologie dieses Jahrhunderts dazustehen, wird der Liberalismus der nächste Dominostein sein, der fällt.“

Die USA mit ihrer aggressiven imperialistischen Politik führen durch ihr unkluges Verhalten noch eine Beschleunigung ihres Niedergangs herbei. Sie bringen nämlich die anderen Kulturkreise zusammen. Der libysche Staatspräsident Gaddafi hat im März 1994 erklärt: „Die neue Weltordnung bedeutet, daß Juden und Christen die Muslime kontrollieren, und wenn sie können, werden sie anschließend den Konfuzianismus und andere Religionen in Indien, China und Japan kontrollieren… Was die Christen und Juden heute sagen, ist: Wir waren entschlossen, den Kommunismus zu zerschlagen, und jetzt muß der Westen den Islam und den Konfuzianismus zerschlagen. Heute erleben wir hoffentlich eine Konfrontation zwischen China, das das konfuzianische Lager anführt, und Amerika, das das Lager der christlichen Kreuzfahrer anführt. Wir haben keinerlei Grund, nicht gegen die Kreuzfahrer eingestellt zu sein. Wir stehen auf der Seite des Konfuzianismus, und indem wir uns mit ihm verbünden und in einer einzigen internationalen Front an seiner Seite kämpfen, werden wir unseren gemeinsamen Gegner vernichten. Darum unterstützen wir als Muslime China in seinem Kampf gegen unseren gemeinsamen Feind. Wir wünschen China den Sieg…“ (S. 388 f).

TEIL II

Huntington hält weder die westliche oder amerikanische Lage für gesichert, noch ist er der Auffassung, daß der Niedergang unvermeidlich sei. Seine Forderung kann in dem Satz zusammengefaßt werden: „Im Kampf der Kulturen werden Europa und Amerika vereint marschieren müssen oder sie werden getrennt geschlagen.“ (S. 531).

Ich bin da anderer Ansicht, will meine Meinung aber erst darstellen, wenn ich zwei weitere Bücher besprochen habe, die gegensätzlicher nicht sein können. Das eine ist das Buch von Zbigniew Brzezinski, des polnisch-amerikanischen Sicherheitsberaters unter Präsident Carter: „Die einzige Weltmacht“ (1997). Das andere ist das Buch des französischen Autors Emmanuel Todd: „Weltmacht USA – ein Nachruf“, 2002 in Frankreich erschienen, 2003 in deutscher Übersetzung. Huntington hat das Buch von Brzezinski mit den Worten gelobt: „Das ist geostrategisches Denken in der großen Tradition Bismarcks“. Der langjährige deutsche Außenminister Genscher hat ein Vorwort dazu geschrieben. Gleichwohl sieht Brzezinski nach meiner Auffassung die Umstände, die die USA sehr schnell vom Rang einer Supermacht verstoßen werden, nicht hinreichend. Zutreffend erkennt Brzezinski, daß das europäische Zeitalter der Weltgeschichte während des zweiten Weltkriegs zu Ende ging, etwas, was Adolf Hitler vorausgesagt hatte, was die britische Führungsschicht aber nicht erkennen wollte, die mit der Kriegserklärung am 3. September 1939 an Deutschland ihr Weltreich verspielt hatte. (Der britische Premierminister Chamberlain zögerte denn auch, den Krieg zu erklären, und bekundete: „Amerika und das Weltjudentum haben England in den Krieg getrieben“).

Anschließend war jahrzehntelang die Welt durch den sowjetisch-amerikanischen Gegensatz beherrscht. Soweit allerdings Brzezinski schreibt, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan habe „eine zweigleisige Reaktion“ der USA heraufbeschworen, nämlich direkte Unterstützung des afghanischen Widerstands vor Ort (Osama bin Laden wurde bekanntlich durch die USA dort mit Waffen versorgt), und eine Steigerung der amerikanischen Militärpräsenz im persischen Golf als Abschreckungsmaßnahme, ist dies nicht richtig; die Amerikaner hatten sich bereits vorher in Afghanistan festgesetzt und dort Einfluß genommen, weswegen die Russen – erst nach sehr großem Zögern – zur Stützung ihrer Position dort einmarschiert sind. Es ging dabei nämlich – ebenso wie bei dem Krieg der USA gegen Afghanistan – um die Kontrolle von Erdöl und Erdgas in der Region, wie auf S. 212 dadurch deutlich wird, daß „der Westen“ (sprich USA) in Aserbaidschan eine Summe von mehr als 13 Milliarden Dollar in die Erdöl- und Erdgasförderung investiert hatte, in Kasachstan weit über 20 Milliarden Dollar (Stand 1996). Ebenso unterstützen die USA die Tschetschenen, damit die Russen die Kontrolle über die Erdöl-Pipelines verlieren. Brzezinski erkennt, daß Weltreiche von Natur aus politisch instabil sind, weil die untergeordneten Einheiten fast immer nach größerer Autonomie streben (S. 25) und deshalb auseinanderfallen.

Weltreiche gründeten ihre Macht auf eine Hierarchie von Vasallenstaaten, tributpflichtigen Provinzen, Protektoraten und Kolonien. Erfrischend zu hören, (was die ständigen CDU-Freundschaftsbeteuerungen ad absurdum führt,) sein Satz auf Seite 92: „Tatsache ist schlicht und einfach, daß Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern.“ Bemerkenswert ist die Karte auf Seite 42, woraus sich nicht nur die Überlegenheit der USA auf den Weltmeeren ergibt, sondern als „Einflußsphäre der USA“ nicht nur die Ukraine, sondern auch Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisien gesehen werden, also Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die von der Geschichte her ganz klar in die russische Einflußsphäre gehören.

Er behauptet, es sei ein Segen für die Welt, daß die USA den Ton angebe, weil ohne die Vorherrschaft der USA es auf der Welt mehr Gewalt und Unordnung und weniger Demokratie und wirtschaftliches Wachstum geben würde. Zum Glück für Amerika sei Eurasien zu groß, um eine politische Einheit zu bilden.
Nachdem Brzezinski dargelegt hat, daß nahezu 75 % der Weltbevölkerung in Eurasien leben, und in seinem Boden der größte Teil des natürlichen Reichtums der Welt stecke, erklärt er: „Eurasien ist mithin das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird.“ (S.57).

Die USA versuchten, daß die rußlandbeherrschte mittlere Region immer stärker in den Einflußbereich des Westens gezogen werden könne, die südliche (islamische) Region nicht unter die Herrschaft eines einzigen Akteurs gerate. Wenn eine eventuelle Vereinigung der Länder in Fernost um China herum nicht die Vertreibung Amerikas von seinen Seebasen vor der ostasiatischen Küste nach sich ziehe, dürften die USA sich behaupten können. Wenn die Staaten im mittleren Raum dem Westen eine Abfuhr erteilen und sich zu einer politischen Einheit zusammenschließen, die Kontrolle über den Süden erlangten oder mit dem „östlichen Gegenspieler“ (d. h. China) ein Bündnis eingehen, schwinde Amerikas Vorrangstellung in Eurasien dramatisch. Die Größe und Vielfalt Eurasiens wie auch die Macht einiger seiner Staaten setzten dem amerikanischen Einfluß und dem Umfang der Kontrolle über den Gang der Dinge Grenzen. Deswegen verlange die Sachlage „geostrategisches Geschick“, will heißen: Ausspielen des Einen gegen den Anderen. Hier darf angemerkt werden, daß genau dies die USA tun. Sie fördern die islamischen Nachbarn der Sowjetunion massiv militärisch, um dadurch zwischen Rußland und den islamischen Staaten Feindschaft aufzubauen, ebenso wie in den in der russischen Einflußsphäre liegenden baltischen Länder sowie Rumänien und Bulgarien. Damit soll natürlich der gesamte Westen – die NATO-Staaten – in Front gegen Rußland gebracht werden, und Konflikte und Auseinandersetzungen dort sollen sofort auf das westeuropäisch-russische Verhältnis negativ durchschlagen.

Als problematisch bezeichnet Brzezinski, daß die Staatsform Demokratie einer „imperialen Mobilmachung abträglich“ sei, und zwar wegen der mangelnden Aufopferungsbereitschaft im Falle eines Krieges. Auch er ist wie Huntington der Auffassung: „Nationalstaaten werden auch weiterhin die Bausteine der Weltordnung sein.“ (S. 62). Da Amerika mit Rücksicht auf seine demokratische Struktur sich Zurückhaltung angedeihen lassen müsse, soll für sie eurasische Geostrategie den „taktisch klugen und entschlossenen Umgang mit geostrategisch dynamischen Staaten“ bedeuten. (S. 65). Die drei großen Imperative in imperialer Geostrategie lauteten: „Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, daß die „Barbaren“-Völker sich nicht zusammenschließen.“ (S. 65 f). Nach Brzezinskis Meinung sind in Eurasien Hauptakteure Frankreich, Deutschland, Rußland, China und Indien, wogegen Großbritannien, Japan und Indonesien – obwohl ebenfalls sehr wichtige Länder – die Bedingungen dafür nicht erfüllten. Dreh- und Angelpunkte auf der eurasischen Drehschreibe seien die Ukraine, Aserbaidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran. Frankreich wie Deutschland seien mächtig genug, um innerhalb eines größeren regionalen Wirkungsbereiches ihren Einfluß geltend zu machen. Beide fühlten sich auch dazu berufen, die europäischen Interessen in ihren Beziehungen mit Rußland zu vertreten. Großbritannien sei hingegen wegen seines „relativen Niedergangs“ nicht mehr in der Lage, wie früher die Rolle eines Schiedsrichters in Europa zu spielen. London habe sich weitgehend aus dem europäischen Spiel verabschiedet.

Es sei hingegen die wichtigste Stütze der USA, ein sehr loyaler Verbündeter, eine unerläßliche Militärbasis und ein enger Partner bei heiklen Geheimdienstaktivitäten. „Seine Freundschaft muß gepflegt werden, doch seine Politik fordert keine dauernde Aufmerksamkeit. Es ist ein aus dem aktiven Dienst ausgeschiedener geostrategischer Akteur, der sich auf seinem prächtigen Lorbeer ausruht und sich aus dem großen europäischen Abenteuer weitgehend heraushält, bei dem Frankreich und Deutschland die Fäden ziehen.“ Trotz seiner gegenwärtigen Schwäche bleibe Rußland ein geostrategischer Hauptakteur. Dies sei unstreitig auch China, das sich für den Mittelpunkt der Welt halte. Japan könnte enorme politische Macht ausüben, wolle dies aber trotz seiner wirtschaftlichen Stärke nicht. Dies liege sicherlich auch daran, daß viele asiatische Staaten nach dem zweiten Weltkrieg eine japanische Vorherrschaft fürchteten. Japan bedürfe besonderer Aufmerksamkeit durch die USA. Brzezinski erklärt, daß ohne die Ukraine Rußland kein eurasisches Reich mehr sei, und ebenso wie im Fall der Ukraine auch die Zukunft Aserbaidschans und Zentralasiens „für das Wohl und Wehe Rußlands bestimmend“ sei. (S. 74). Um so bemerkenswerter ist, daß er diese Länder in seiner Karte als amerikanische Einflußzone einzeichnet. Südkorea diene dazu, „ohne anmaßende Präsenz im Land selbst Japan abzuwehren und daran zu hindern, sich zu einer unabhängigen und größeren Militärmacht aufzuschwingen.“ (S. 76).

Von den USA sei zwar seit Kennedy „gebetsmühlenhaft gleichberechtigte Partnerschaft“ beschworen worden, die es aber tatsächlich kaum gegeben habe. Die Haltung gegenüber Iran und Irak „wurden von den USA nicht als eine strittige Angelegenheit zwischen gleichgestellten Partnern, sondern als ein Fall von Insubordination behandelt.“ (S. 79). Wegen Frankreichs Sonderwegen haben die USA eine deutsche Vorherrschaft in Europa (man muß ergänzen: bis Schröder) vorgezogen, weshalb die Franzosen als Gegengewicht eine Verbindung zu Engländern und Moskau aufzubauen suchten. Wenn ein wirkliches vereintes Europa entstanden sei, würde dies „unweigerlich die Vormachtstellung der USA innerhalb des Bündnisses schwächen“ (S. 80). Mit anderen Worten: Es kann nicht im amerikanischen Interesse sein, daß die Europäer enger zusammenarbeiten.

Brzezinski sieht, daß es sowohl im Gürtel der von der Sowjetunion unabhängig gewordenen Staaten Georgien bis Kirgistan zu Konflikten und Kriegen kommen kann, ebenso mit Rücksicht auf den arabisch-israelischen Konflikt im Nahen Osten. Diese Konflikte könnten durch Stärkung des islamischen Fundamentalismus einige prowestliche Regierungen im Nahen Osten unterminieren und schließlich amerikanische Interessen in der Region, besonders am Persischen Golf, gefährden. „Ohne politischen Zusammenhalt und ohne die Rückendeckung eines wirklich mächtigen islamischen Staates fehlt es dem islamischen Fundamentalismus an einem geopolitischen Kern, deshalb würde die von ihm ausgehende Kampfansage sich wahrscheinlich eher in diffuser Gewalt Bahn brechen.“ (S. 85).

Als geostrategisch „grundlegendes Problem“ wird Chinas Aufstieg zur Großmacht bezeichnet. Soll Amerika bereit sein, die Einbindung Chinas in die Weltpolitik zu akzeptieren? Welche Koalitionen könnten sich bilden, um die amerikanische Vormacht herauszufordern? „Das gefährlichste Szenario wäre möglicherweise eine große Koalition zwischen China, Rußland und vielleicht dem Iran, ein nicht durch Ideologie, sondern durch die tiefsitzende Unzufriedenheit aller Beteiligten geeintes antihegemoniales Bündnis. Ein solches Bündnis würde in Größenordnung und Reichweite an die Herausforderung erinnern, die einst von dem chinesisch-sowjetischen Block ausging, obgleich diesmal wahrscheinlich China die Führung übernehmen und Rußland sich dieser anschlösse.“ (S. 87). Eine noch folgenreichere Herausforderung könnte eine chinesisch-japanische Achse bedeuten; eine weitblickende amerikanische Politik in Fernost solle allerdings „sehr gut in der Lage sein, das Eintreten eines solchen Falles zu verhindern.“ (S. 87) Nicht völlig auszuschließen sei auch eine europäische Neuorientierung, die auch eine deutsch-russische Absprache oder eine französisch-russische Entente zur Folge hätte. Für beide gäbe es in der Geschichte eindeutige Präzedenzfälle, und zu einer von beiden könnte es kommen, wenn die europäische Einigung ins Stocken geriete und sich die Beziehungen zwischen Europa und Amerika ernsthaft verschlechtern sollten.

Europa wird von Brzezinski als Amerikas natürlicher Verbündeter bezeichnet, weil es dieselben Werte teile und im wesentlichen dasselbe religiöse Erbe habe; dazu habe ich oben schon Ausführungen gemacht. Es sei demokratischen Prinzipien verpflichtet und die ursprüngliche Heimat der großen Mehrzahl der Amerikaner. Eine erfolgreich verlaufene politische Vereinigung würde etwa 400 Mio. Menschen unter einem Dach zusammenschließen, weshalb ein solches Europa „zwangsläufig eine Weltmacht werden“ würde.
Dies ist sicherlich falsch; anders als die USA, die durch eine einheitliche Sprache geprägt werden, sind schon jetzt die Reibungsverluste so groß, und wird das EU-Europa durch zu viele wirtschaftlich arme Staaten belastet, so daß ein vereintes Europa zum Niedergang aller Staaten, Zugrunderichten der Wirtschaft der noch jetzt wirtschaftlich starken Staaten und nachfolgend deren politischen Machtlosigkeit führen wird.
Bezeichnend ist, daß Europa als „Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent“ bezeichnet wird (S. 91). Dadurch werde der politische Einfluß und die politische Macht Amerikas „unmittelbar auf dem eurasischen Festland“ verankert.

Hinsichtlich Europa sagt Brzezinski: „Frankreich erhofft sich durch Europa seine Wiedergeburt, Deutschland seine Erlösung.“ (S. 94). Frankreich glaube, in Europa die Führung übernehmen zu können; noch 1995 gab es spontanen Beifall für die Worte des französischen Premierministers in der Nationalversammlung, daß Frankreich „seinen Ruf als Weltmacht behaupten kann und muß“. Er fährt fort: „Wenn jedoch Frankreich Europas Zukunft gestalten soll, muß es Deutschland mit einbeziehen, zugleich aber an die Kette legen, während es Washington seine politische Führungsrolle in europäischen Angelegenheiten Schritt für Schritt abzunehmen sucht.“ (S. 98). Deutschland hingegen kenne die wahren Grenzen französischer Macht; Frankreich sei wirtschaftlich viel schwächer als Deutschland, und sein Militärapparat nicht sehr leistungsfähig. „Frankreich ist nicht mehr und nicht weniger als eine europäische Macht mittleren Kalibers.“ Durch die Wiedervereinigung sei Deutschland „automatisch die unbestreitbar erste Macht in Westeuropa“ geworden und eine Weltmacht (Anmerkung: eine merkwürdige Interpretation!) „vor allem wegen seiner beträchtlichen Beitragszahlungen zur Unterstützung der wichtigsten internationalen Institutionen“. Hierzu wird darauf verwiesen, daß Deutschland am Gesamtbudget von der EU 28,5 % trägt, von der NATO 22,8 %, von der UNO 8,93 %. Die Weltbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung werden hauptsächlich von Deutschland finanziert. Deswegen sei Frankreich auch wieder in die NATO zurückgekommen. (Anmerkung: wie der erste Oberkommandierende der NATO erklärt hatte, ist ja das Ziel der NATO, die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten.) Bemerkenswert ist die Ausführung im Buch, daß das wiedervereinigte Deutschland „gedrängt von den USA“ die Oder-Neiße-Linie als endgültige Grenze zu Polen anerkannt habe (S. 106). Bemerkenswert ist auch, daß Brzezinski den USA rät, die Bemühungen um die europäische Einigung zu unterstützen, weil sonst „Rußland oder Deutschland“ Anlässe fänden, ihrem geopolitischen Geltungsdrang freien Lauf zu lassen: „In solch einem Fall würde zumindest Deutschland vermutlich seine nationalen Interessen bestimmter und deutlicher geltend machen.“ (S. 112).

Wenn Deutschland – wie im gesamten Mittelalter –in Europa stärkste Ordnungsmacht sei, verlöre Europa seine Funktion als „eurasischer Brückenkopf für amerikanische Macht und als mögliches Sprungbrett für eine Ausdehnung des demokratischen Globalsystems in den eurasischen Kontinent hinein.“ (S. 113). Die Gefahr bestünde zwar, daß eine mächtige Europäische Union irgendwann einmal der politische Nebenbuhler der Vereinigten Staaten werden könne, und auf wirtschaftlich-technologischem Gebiet ein schwieriger Konkurrent. Aber: „Bei einer Stagnation der europäischen Einigung wird Deutschlands Selbstidentifikation mit Europa nahezu zwangsläufig schwinden und das deutsche Staatsinteresse folglich eine nationalere Handschrift tragen.“ (S. 114).

Mit anderen Worten: Deutschland soll in Europa eingebunden werden, damit es dort und anderswo sein Volksvermögen verschwendet und nicht auf die Idee kommt, seine nationalen Interessen zu vertreten. Auch Polen soll in die NATO aufgenommen werden, um zusammen mit Frankreich „die Führung Deutschlands in Europa etwas auszubalancieren“ (S. 118). Die USA müßten sich von Frankreich einiges gefallen lassen, weil Frankreich „ein maßgebender Partner bei der grundlegenden Aufgabe ist, ein demokratisches Deutschland auf Dauer fest in Europa einzubinden“ (S. 119).

Da Frankreich nicht stark genug sei, Amerika in den geostrategischen Grundlagen seiner Europapolitik zu behindern, könne man seine Eigenheiten und sogar Ausfälle tolerieren. Die beherrschende Position Deutschlands lasse sich zwar nicht bestreiten. Aber: „Ein von Berlin aus errichtetes und geführtes Europa ist schlechterdings undenkbar.“ (S. 120). Die Gestaltung Europas dürfe nicht den Einwänden Moskaus untergeordnet werden. Amerikas langjährige Rolle in Europa stünde auf dem Spiel. Deshalb sei die Erweiterung der NATO von entscheidender Bedeutung (Anmerkung: die zwischenzeitlich vollzogen ist). Die Ukraine solle in ein Sonderverhältnis zwischen Frankreich, Deutschland und Polen eingebunden werden. Es gehe darum, „zu einem Versailler Europa zu kommen“ (S. 129: Anmerkung: Das Versailler Diktat mit der Knechtung, Entrechtung und Ausplünderung Deutschlands, das zu 6 Mio. Arbeitslosen führte, ist uns noch in guter Erinnerung!)

Er legt dann dar, daß die Auflösung der Sowjetunion zu einer entscheidenden Schwächung Rußlands geführt hat, insbesondere hinsichtlich der Ukraine und der im Süden gelegenen Republiken, die nunmehr auch einen „Zustrom geschäftstüchtiger Ölinvestoren aus dem Westen“ (S. 138) erlebten. Für die Russen sei das Gespenst eines möglichen Konflikts mit den islamischen Staaten entlang der gesamten Südflanke Rußlands (die zusammen mit der Türkei, dem Iran und Pakistan mehr als 300 Mio. Menschen aufbieten) Anlaß zu ernster Besorgnis. In Asien drücke China auf Rußlands Grenzen. Vollständig verunsichert, setzte zunächst eine Führungsschicht um Jelzin auf ein amerikanisch-russisches Kondominat, weil die Amerikaner das Schlagwort von der vollentwickelten strategischen Partnerschaft zwischen Washington und Moskau in die Welt gesetzt hatten. Dazu sagt Brzezinski nur kühl: „Die Vorstellung von einer vollentwickelten strategischen Partnerschaft war ebenso schmeichelhaft wie irreführend. Amerika verspürte keinerlei Neigung, seine Weltmacht mit Rußland zu teilen, es wäre auch völlig unrealistisch gewesen…

Überdies gingen in einigen der für die Vereinigten Staaten aus nationalem Interesse zentralen geostrategischen Fragen – in Europa, dem Nahen Osten und in Fernost – die amerikanischen und russischen Bestrebungen keineswegs in die gleiche Richtung.“ (S. 148). In Rußland habe sich daraufhin immer mehr der Eindruck verstärkt, als sei diese Formel bewußt dazu bestimmt gewesen, Rußland hinters Licht zu führen, und hat – dies als meine Anmerkung – dazu geführt, daß die Vertreter dieser Richtung (gleichbedeutend mit Freihandel pp.) nicht einmal 5 % bei den letzten Duma-Wahlen erhalten haben. Verstärkt wurden diese Bedenken durch die NATO-Osterweiterung. Brzezinski verweist darauf, daß beim Militär und im Außenministerium manche an den Überzeugungen festgehalten hätten, „daß Amerika in Eurasien nichts zu suchen habe und die NATO-Erweiterung weitgehend auf den Wunsch der Amerikaner zurückgehe, ihre Einflußsphäre zu vergrößern.“ (Deswegen die Russen zu kritisieren – so meine Anmerkung – ist allerdings gerade von amerikanischer Seite aus absurd: Die Amerikaner haben die Monroe-Doktrin aufgestellt, wonach weder in Nord- noch in Südamerika irgendeine andere Macht außer den USA entscheidenden Einfluß haben dürfte. Für die russische Einflußzone und sogar für die Staaten, die auf früher sowjetischem Territorium gelegen haben, wird eine vergleichbare russische Einstellung von den USA aber angegriffen.) Spätestens 1994 zeigte sich eine zunehmende Tendenz der USA, den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen höchste Priorität beizumessen, und es fanden sogar gemeinsame Militärübungen von ukrainischen und amerikanischen Truppen statt. Hinzu kommt, was selbst Brzezinski zugibt, daß in der Sowjetunion schließlich ein gemeinsamer Wirtschaftsraum bestanden hatte, der nach der Auflösung der Sowjetunion in viele Einzelstaaten weiterbestand.

Deswegen liegt natürlich in diesem Raum das russische Interesse. Da eine engere Zusammenarbeit in der GUS nicht vorankam, näherte sich Rußland China an, und unterstütze auch den Iran. Als Neuentwicklung ist hierzu nachzutragen, daß Putin dann unverhohlen im deutschen Bundestag die Deutschen aufgefordert hat, aus ihrer passiven und auf die Vergangenheit fixierte Büßerrolle herauszutreten, und eine eigenständige an nationalen Interessen orientierte Politik zu treiben. Leider ist diese Ermunterung ohne Antwort geblieben bis zum zweiten Irakkrieg, wo sich eine Achse – angestoßen von Deutschland, das sich als erstes Land gegen diesen Krieg aussprach – von Paris, Berlin, Moskau bis Peking bildete, mithin den gesamten eurasischen Kontinent umspannend. Als die Amerikaner nach dem erfolgreichen Test einer Raketenabwehr-Rakete einseitig den Vertrag, der ihnen und den Russen den Aufbau eines solchen Systems untersagte, für gekündigt erklärten (sie hatten heimlich immer weiter daran gearbeitet), wurde dieser Vertragsbruch nicht nur von Rußland, sondern auch von China schärfstes mißbilligt. Worum es bei der Schwächung Rußlands geht, kommt in Brzezinskis Buch in Sätzen zum Ausdruck wie: „Ein unabhängiges Aserbaidschan kann dem Westen den Zugang zu dem an Ölquellen reichen kaspischen Becken und Zentralasien eröffnen.“ (S. 177; statt „Westen“ ist hier „USA“ zu setzen). Zur starken nationalistischen Haltung der usbekischen Führung, die sogar russische Kindergärten schließt, wird erklärt: „Für die Vereinigten Staaten, die in Asien eine Politik der Schwächung Rußlands verfolgen, ist diese Position ungemein attraktiv.“ (S. 211).

Da die muslimischen Staaten in der früheren Sowjetunion eine reguläre Verfolgung der Slawen durchgesetzt haben, unterstütze Rußland die christlichen Armenier in ihrem Konflikt mit den muslimen Aserbaidschanern über die Enklave Berg-Karabach (mit überwiegend armenischer Bevölkerung), ein Krieg, der als Religionskrieg geführt wurde. Während in den muslimischen zentralasiatischen Staaten nach der Selbständigkeit ca. 9,5 Mio. Russen unter fremde Herrschaft gekommen sind, leben in Rußland selbst 20 Mio. Muslime, die mithin etwa 13 % der russischen Bevölkerung ausmachen, und zu Störfaktoren (siehe Tschetschenien) werden. Sie sind sehr geburtenreich, so daß sich ihr prozentualer Anteil laufend zulasten der Russen erhöht.

Die Türkei ist sich über ihre Rolle uneinig. Die Modernisten sähen ihr Land gerne als europäischen Staat und blicken nach Westen, die Islamisten tendieren in Richtung Naher Osten und muslimischer Gemeinschaften und schauen nach Süden, die historisch denkenden Nationalisten entdecken in den Turkvölkern des Kaspischen Beckens und Zentralasiens ein neues Missionsgebiet für eine in der Region dominierende Türkei und sehen deshalb nach Osten. (S. 195).

Ganz unverhohlen erklärt Brzezinski, daß im nachsowjetischen Eurasien sich die USA in „drohendem Hintergrund“ bereithielten, weil sie „nicht allein an der Förderung der Bodenschätze in der Region interessiert“ seien, sondern auch verhindern wollten, daß Rußland diesen geopolitischen Raum allein beherrsche. „Neben seinen weiterreichenden geostrategischen Zielen in Eurasien vertritt Amerika auch ein eigenes wachsendes ökonomisches Interesse… an einem unbehinderten Zugang zu dieser dem Westen bisher verschlossenen Region.“ (S. 203) Es gehe also darum, wer „den geopolitischen und ökonomischen Gewinn einheimst.“ (S. 203). Amerika sei zu mächtig, bei diesem Teil Eurasiens „unbeteiligt zuzusehen“ (S. 215). Sein Interesse müsse folglich sein, daß „keine einzelne Macht die Kontrolle über das Gebiet erlangt“ (S. 215). (Anmerkung: was würden wohl die USA sagen, wenn Rußland erklären würde, die USA sei nicht berechtigt, die Kontrolle über Südamerika alleine zu haben?) „Somit kann das Bemühen Rußlands, allein über den Zugang zu bestimmen, nicht hingenommen werden…“ (S. 216).

Zu China sagt Brzezinski zurecht, daß seit undenklichen Zeiten China mit seiner riesigen Bevölkerung eine eigenständige und stolze Zivilisation ganz besonderer Art gewesen sei, die auf vielen Gebieten hoch entwickelt sei. Die Demütigung der letzten 150 Jahre sei für jeden Chinesen eine persönliche Beleidigung, die getilgt werden müsse. An dieser Demütigung waren zunächst Großbritannien mit dem zur Einfuhr von Opium geführten Krieges und der daraus folgenden schmachvollen Erniedrigung Chinas beteiligt, Japan und Rußland wegen Raubkriegen und Übergriffen auf chinesisches Territorium, und schließlich Amerika, das Taiwan unterstütze und China überall in den Weg trat. Großbritannien und Rußland seien bestraft; ungeklärt sei das Verhältnis zu den anderen beiden. China könne innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einer Weltmacht aufsteigen, etwa gleichauf mit den Vereinigten Staaten. Dazu bedürfe es aber einer erfolgreichen Staatsführung, Ruhe im Land, sozialer Disziplin, hoher Sparzuwächse, eines weiteren starken Zustroms ausländischer Investitionen und regionaler Stabilität. Brzezinski erklärt, daß eine anhaltende Verbindung dieser positiven Faktoren mehr als fraglich sei; (in den sieben Jahren, die seit der Niederschrift des Buches vergangen sind, hat sich aber die chinesische Erfolgsgeschichte fortgesetzt.) China will einen beherrschenden Aufstieg von Japan verhindern, wozu Brzezinski schreibt: „Deutschland sind durch seine militärische Integration in die NATO die Hände gebunden, während Japan von seinen eigenen (obzwar die Handschrift Amerikas aufweisenden) Verfassungsvorbehalten und dem amerikanisch-japanischen Sicherheitsabkommen in Schranken gehalten wird. Beide sind Wirtschafts- und Finanzriesen, regional bestimmend und rangieren ganz oben auf der globalen Skala. Beide kann man als Quasi-Weltmächte bezeichnen, und beide verstimmt es, daß man ihnen die mit einem dauerhaften Sitz im UN-Sicherheitsrat verbundene Anerkennung verweigert.“ (S. 252). Japan sei aber in der Region politisch isoliert, anders als Deutschland. Chinas Aufstieg werde Japan einmal vor die Wahl stellen, entweder mit Amerika gemeinsame Sache gegen China zu machen oder ohne Amerika und mit China verbündet zu sein.

Faszinierend an diesem Buch ist, wie er darstellt, daß weltweit die eigenen Interessen vertreten werden (mit Ausnahme Deutschlands), und zwar von allen Staaten. Der Verfasser glaubt, daß Amerika „das Amt des Weltpolizisten“ (S. 279) wird weiter ausüben können, daß es für mehr als eine Generation als führende Weltmacht wohl von keinem Herausforderer angefochten werden könnte und Amerika deshalb die für die Welt „unentbehrliche Nation“ (Präsident Clinton) sei. Allerdings könne es unvorhersehbare Ereignisse geben, worunter er beispielsweise auch zählt, daß dann, wenn Massenarbeitslosigkeit in erfolgreichen europäischen Staaten andauere, dies „ausländerfeindliche Reaktionen, die in der deutschen oder französischen Politik einen plötzlichen Rechtsruck und chauvinistische Tendenzen herbeiführen könnten“, geben könne. Um das zu verhindern, müßten die Vereinigten Staaten Europas Einigungsbemühungen nachhaltig ermuntern (S. 280). Zum ersten Mal in der Geschichte sei ein einzelner Staat die wirkliche Weltmacht, und zum ersten Mal werde der zentrale Schauplatz der Welt, Eurasien, von einer außereurasischen Macht dominiert. Kurzfristig sei es in Amerikas Interesse, den „Pluralismus auf der Landkarte Eurasiens zu festigen“, „damit keine gegnerische Koalition zustande kommt, die schließlich Amerikas Vorrangstellung in Frage stellen könnte.“ (S. 283). Die Aufgabe bestehe darin sicherzustellen, daß kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlange, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen. (S. 283). Europa solle sich zwar mehr zusammenschließen, dürfe aber nicht so geschlossen sein, daß es den Vereinigten Staaten in für sie bedeutsamen geopolitischen Belangen anderswo, insbesondere im Nahen Osten, herausfordern könnte (S. 284).

Durch die Blume zielt die amerikanische Politik offensichtlich auf eine Aufteilung Rußlands, wie aus den Ausführungen auf S. 288 hervorgeht, daß ein „dezentralisiertes Rußland“ weniger anfällig für imperialistische Propaganda sei, und einem lockeren konföderierten Rußland – „bestehend aus einem europäischen Rußland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik“ es leichter fiele, engere Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem Osten zu pflegen. (Das Land, das einen ganzen Kontinent vom Osten zum Westen hin beharrlich sich unterwarf, das 1861 bis 1865 den bis heute für es verlustreichsten Krieg führte, um die Unabhängigkeit der konföderierten Staaten zu verhindern, empfiehlt Rußland nunmehr also die Aufteilung!). Ein gutes Verhältnis Amerikas zu Rußland sei gleichgültig; entscheidend sei die Unterstützung unabhängiger Schlüsselstaaten in amerikanischem Interesse, der Aufbau engerer Beziehungen, um sie „dem Weltmarkt zu öffnen“. (S. 290). Europa dürfe die Türkei nicht vor den Kopf stoßen, damit Amerika seinen Einfluß dort behalten könne. „Demgemäß sollte Amerika seinen Einfluß in Europa für einen Beitritt der Türkei geltend machen, und darauf achten, daß die Türkei als europäischer Staat behandelt wird – immer vorausgesetzt, die türkische Innenpolitik nimmt keine dramatische Wendung in die islamistische Richtung.“ (S. 291).

Hierzu angemerkt: Genauso hat es die amerikanische Politik auch gemacht. Und wie sehr es den USA nur um ihre eigene Macht geht, hat die Tatsache gezeigt, daß Frankreich und Deutschland, die den zweiten Irakkrieg ablehnten, abschätzig als zum „alten Europa“ von Rumsfeld abqualifiziert wurden, und er sogar die Stirn hatte, zu behaupten, die USA würden allgemein unterstützt mit Ausnahme von einigen Staaten wie Kuba, Libyen und Deutschland. Der Staat, der – auch laut Brzezinski – seit 1949 verlängerter Arm der USA in Europa war, der noch 1991 mit 17 Milliarden Dollar den 1. Irakkrieg finanzierte, wurde nur deswegen, weil er in einem Punkt eine andere politische Meinung als die US-Führung hatte, in einem Atemzug in die „Achse des Bösen“, zu der Kuba und Libyen gehören, eingereiht! Die bundesdeutschen demokratischen Institutionen, Christentum oder westliche Kultur zählen für die USA also offensichtlich weniger als die bedingungslose Unterordnung unter den imperialen Herrschaftswillen der USA. Die Politiker in der CDU, die die Erhaltung der „amerikanischen Freundschaft“ für unverzichtbar erachten, hätten dort eigentlich aufwachen müssen, aber sie bejammerten gleich die Abweichung und betonten, einen „deutschen Sonderweg“ dürfe es nie mehr geben! – China müsse bei „etwaigen Auswüchsen seines Machtgebahrens“ entgegengetreten werden (S. 296).

Abschließend sagt Brzezinski, daß Amerika zwar die erste und einzige echte Supermacht sei, aber sich ihr konstruktives Wirken möglicherweise aus innenpolitischen wie auch außenpolitischen Gründen als relativ kurz erweisen werde. „Da Amerikas Gesellschaft in steigendem Maße multikulturelle Züge annimmt, dürfte, außer in Fällen einer wirklich massiven und unmittelbaren Bedrohung von außen, ein Konsens über außenpolitische Fragen zunehmend schwerer herbeizuführen sein.“ (S. 300). Die Ausübung der Macht „erfordert ein hohes Maß an weltanschaulicher Motivation, intellektuellem Einsatz und patriotischer Begeisterung. Doch das kulturelle Leben steht mehr und mehr im Zeichen der Massenunterhaltung, in der persönlicher Hedonismus und gesellschaftlicher Eskapismus die Themen bestimmen. Aus all diesen Gründen wird es immer schwieriger, den notwendigen politischen Konsens über eine andauernde und gelegentlich auch kostspielige Führungsrolle der USA im Ausland herzustellen. Tonangebend in der Meinungsbildung sind die Massenmedien, die auf jeden noch so vorsichtigen Einsatz von Gewalt, selbst wenn er mit geringen Verlusten verbunden ist, mit Abscheu und Empörung reagieren.“ (S. 301 f). Hierzu ist anzumerken, daß dann, wenn israelische Interessen im Spiele sind, die Massenmedien durchaus zur Kriegsbegeisterung aufputschen, wie beim Irakkrieg, wo eine unmittelbare atomare Bedrohung der USA und Bestrafung der von Saddam Hussein ausgehenden Anschläge vom 11. September (was totaler Quatsch war) der dummen Masse vorgegaukelt wurden.

Ferner erklärt er, daß sowohl Amerika wie Westeuropa Mühe hätten, mit dem „dramatischen Werteverfall in der Gesellschaft fertigzuwerden“. „Die daraus resultierende kulturelle Krise ist durch die Verbreitung von Drogen und, vor allem in den USA, die Verknüpfung mit der Rassenproblematik noch verschärft worden.“ Ferner mache sich in einsichtigen Kreisen der westlichen Gesellschaft „eine gewisse Zukunftsangst, vielleicht auch Pessimismus“ breit. Bei wohlhabenden Nationen sei der Krieg zu einem „Luxus“ geworden. „Jene 2/3 der Menschheit, die in Armut leben, werden sich wohl auf absehbare Zeit nicht von der Zurückhaltung der Privilegierten leiten lassen.“ (S. 303). Ferner wachse die Wahrscheinlichkeit, daß von Terrorgruppen auch Waffen mit großer Vernichtungskraft eingesetzt werden könnten. Gleichwohl erklärt Brzezinski abschließend: „Kurz, die Politik der USA muß unverdrossen und ohne Wenn und Aber ein doppeltes Ziel verfolgen: Die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren und einen geopolitischen Rahmen zu schaffen, der die mit sozialen und politischen Veränderungen unvermeidlich einhergehenden Erschütterungen und Belastungen dämpfen und sich zum geopolitischen Zentrum gemeinsamer Verantwortung für eine friedliche Weltherrschaft entwickeln kann.“ (S. 306).

Anders als Brzezinski sieht Todd die USA bereits im Niedergang. Den Erfolg seines Buches macht es vermutlich aus, daß er eine etwas differenziertere Haltung einnimmt, als die von vielen Linksintellektuellen vertretene „Amerika-ist-böse“-Haltung. Er kritisiert beispielsweise Noam Chomsky, der auch ein starker Kritiker der amerikanischen Politik ist, der aber eine Kontinuität in der amerikanischen Politik sieht, die immer militaristisch gewesen sei und eine Liberalität vorgespielt habe, die es nie gegeben habe. Todd ist dagegen der Meinung, daß Amerika lediglich in den letzten Jahren imperialistisch gewesen sei; seine These ist, daß Demokratien grundsätzlich keine anderen Demokratien angreifen. Wir sollten uns zur Beruhigung ins Gedächtnis rufen, „daß Amerika doch immerhin eine Demokratie ist und daß Demokratien untereinander keine Kriege führen.“ (S. 31). (Anmerkung: dies ist natürlich kompletter Unsinn, gerade bei den USA, die zahlreiche Staaten, angefangen von Mexiko, angegriffen haben, wobei es ihnen völlig egal war, welche Regierungsform dort herrschte. Sie haben durch Putsche von ihnen finanzierter Söldner demokratisch gewählte Regierungen absetzen lassen, wenn ihnen deren Richtung nicht paßte.

Wie auch seriöse Zeitgeschichtler zugeben, hat eine überwältigende Mehrheit von Deutschen, mehr als 90 %, 1939 hinter Adolf Hitler gestanden; trotzdem haben die USA Druck auf Großbritannien ausgeübt, Deutschland den Krieg zu erklären, sofort unter Bruch der Neutralität und verschiedener amerikanischer Neutralitätsgesetze in großem Umfange Kriegsmaterial an England und später an Rußland geliefert, und pikanterweise fast auf den Tag genau 60 Jahre vor dem 11.09.2001, nämlich am 12.09.1941 hat Roosevelt ohne Kriegserklärung den Krieg mit Deutschland begonnen, indem er seiner Flotte den Befehl gab, jedes deutsche Kriegsschiff zu versenken, was den Chef der amerikanischen Flotte dazu bewegte, zu erklären, Amerika sei in den Krieg eingetreten, bloß die Nation wisse es noch nicht. Ihn interessierte überhaupt nicht, ob Hitler demokratisch legitimiert war oder nicht; es ging hier um die Zerschlagung Deutschlands, das die Golddeckung seiner Währung abgeschafft hatte und mit Rücksicht darauf innerhalb von vier Jahren 6 Mio. Arbeitslose von den Straßen bekommen hatte, wohingegen Roosevelts „New Deal“ keinerlei positive Auswirkungen hatte, und Roosevelt unbedingt einen Krieg zwecks Ausweitung der Rüstungsindustrie brauchte, um seine 13 Mio. Arbeitslosen von der Straße zu bringen. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der selbst mit heuchlerischen Phrasen dem Deutschen Reich 1917 den Krieg erklärt hat, sagte am 05.09.1919: „Gibt es einen Mann oder eine Frau – ja laßt mich sagen, gibt es ein Kind –, das nicht weiß, daß der Samen des Krieges in der modernen Welt der industrielle und wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den Nationen ist?…. Dieses war ein Industrie- und Handelskrieg.“).

Wenn Todd schreibt: „Im Laufe der Geschichte ist es Amerikas weltpolitische Rolle geworden, das demokratische Prinzip zu verteidigen, wenn es bedroht erschien: Durch den deutschen Nationalsozialismus, den japanischen Militarismus, den russischen und chinesischen Kommunismus“, dann ist dies ganz einfach Unsinn. (Die Amerikaner haben, genauso wie die Briten bei der Errichtung ihres Weltreiches vorher, ihre Absichten immer mit schönen Phrasen getarnt: In Afghanistan ging es nicht um eine Ölpipeline, sondern um die Bekämpfung des Terrors, im Irak ging es um die Verhinderung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen usw.) Todd hat die Auffassung von Doyle übernommen, daß Demokratien keinen Krieg anfingen, und hat dies mit Fukujamas These vom „Ende der Geschichte“ verknüpft, wonach der Zerfall der kommunistischen Systeme nur eine Etappe auf dem Weg zur Freiheit aller Menschen sei, mithin in einigen Jahren wir einen Planeten haben werden, auf dem der ewige Frieden gesichert sei (S. 26). Er korrigiert lediglich Doyles These, indem er sagt, daß Demokratien zwar durchaus Kriege führen, aber nicht mit anderen Demokratien, sondern gegen andere politische Systeme. Dazu klittert er die Geschichte, indem er erklärt, der erste Weltkrieg sei von Österreich-Ungarn und Deutschland vom Zaun gebrochen worden, in denen die Regierung dem Parlament nicht wirklich verantwortlich gewesen sei (S. 25).

In beiden Ländern herrschte aber eine konstitutionelle Monarchie, nicht anders als beispielsweise in Großbritannien, das bekanntlich Deutschland im ersten Weltkrieg den Krieg erklärt hat. Im übrigen ist die seriöse Geschichtsforschung auch in den USA der Auffassung, daß Deutschland allenfalls an fünfter Stelle der Kriegsschuldigen des ersten Weltkrieges genannt werden muß: Französische Revanchegelüste, um Elsaß-Lothringen sich einzuverleiben, britische Bestrebungen, den deutschen Wirtschaftskonkurrenten auf dem Weltmarkt auszuschalten, russische panslawistische Bestrebungen zur Zerschlagung Österreich-Ungarns und „Befreiung der slawischen Brüder“ und serbische Freimaurerhörigkeit hatten sehr viel größere Bedeutung für den Ausbruch dieses Krieges.

Um nun die gegenwärtige Kriegspolitik der USA zu erklären, behauptet er einen „Niedergang der amerikanischen Demokratie“, weswegen es heute auch bei den USA nicht mehr undenkbar sei, daß sie gegen Demokratien Kriege führen würden. Diesen Niedergang begründet er mit dem Entstehen einer neuen Klasse, einer Oligarchie, die sich aus 20 % der Bevölkerung zusammensetze, die 50 % der Wirtschaftskraft kontrollierten. Auch hier ist von ihm schlecht recherchiert worden; 50 % der Wirtschaftskraft werden von viel weniger Prozent der Bevölkerung kontrolliert, und schon nach dem ersten Weltkrieg galt das Wort von Rathenau, daß 300 Personen Europa beherrschen, von denen jeder jeden kennt.

Seine Behauptung, daß eine Demokratie an sich friedlich sein müsse, hat sich oft – und gerade auch bei den USA – als falsch erwiesen. Abgesehen davon, daß durch Neutralitätsbrüche ein anderes Land zum Zurückschlagen provoziert werden kann, wie es hinsichtlich Japans und Deutschlands im zweiten Weltkrieg durch Roosevelt provoziert wurde, können durch Massenmedien Leidenschaften aufgeputscht werden, wie beispielsweise zum ersten Irakkrieg durch die Lüge, daß irakische Soldaten angeblich Babys aus Brutkästen in Kuwaiter Krankenhäusern herausgerissen und auf die Straße geworfen hätten, die eine Kriegsbegeisterung in den USA anfachten. Genauso war es früher schon durch erfundene Übergriffe Mexikos gegenüber den USA oder angebliche Greuel deutscher Soldaten im 1. Weltkrieg, die angeblich belgischen Jungens die Hände abhackten, damit diese später nicht Soldaten würden. Die liberale Demokratie bedeutet Herrschaft der Massenmedien, weil diese Sachverhalte oft falsch oder einseitig darstellen und Meinungen erzeugen, ferner Kandidaten sympathisch oder unsympathisch zeigen, und die Massenmedien wiederum stehen unter Kontrolle der wirtschaftlich Mächtigen, so daß eine liberale Demokratie heutzutage eine Oligarchie ist, was Todd nicht erkannt hat.

Im übrigen sind verschiedene seiner Ausführungen auch widersprüchlich. Richtig sagt er beispielsweise (S. 37): „Das fundamentale strategische Ziel der Vereinigten Staaten ist die weltweite politische Kontrolle über die Ressourcen des Planeten.“ Es sei Amerika dazu zu schwach; seine Kraft reiche nur aus, um vergleichbar kleine Staaten wie den Irak anzugreifen. Damit werde der Anspruch als Supermacht unterstrichen, stärke die Macht Amerikas und verzögere bei den großen Mächten die Erkenntnis, daß sie aufgerufen seien, die Weltherrschaft mit den Vereinigten Staaten zu teilen. Richtig sagt er weiter, daß durch freien Handel alle Länder der Welt zueinander in Konkurrenz treten mit der Folge, daß die Löhne sinken. Dies führt zu einer Verarmung in den reichen Ländern, macht in den Entwicklungsländern aber auch nur eine Minderheit reich. Als Allheilmittel für die – auch von ihm gesehenen – zahlreichen Religions- und Stammeskriege in der Welt sieht er folgendes Modell: Überall verbreitet sich Lesen und Schreiben. Die Alphabetisierung der Frauen führe zur Geburtenkontrolle, damit einem Sinken der Geburtenzahl und auch deshalb mehr Aussicht für Frieden – so Todd. Er begründet dies damit, daß mit Vermehrung von Kenntnissen sich der Wunsch nach Demokratie und Freiheit einstelle. Dies allerdings stimmt, wie Huntington nachweist, nicht; allerdings sieht Huntington bei einer sehr hohen Geburtenrate bei Gesellschaften mit über 20 % 15 bis 24-jährigen die größten Umbrüche und Konflikte (ganz einfach deswegen, weil genug Männer in diesem Alter sich nicht anzupassen bereit sind). Dazu ist aber anzumerken, daß Großbritannien oder Frankreich Deutschland den Krieg erklärt haben, obwohl ihre Geburtenrate nicht sehr hoch war. Auch die USA haben in den letzten 50 Jahren zahlreiche Kriege geführt, obwohl ihre Geburtenrate nicht überdurchschnittlich hoch ist.

Andererseits können Todd zufolge durch die Alphabetisierung auch die Arbeiter in den Dritte Welt-Ländern ausgebeutet werden, weil dadurch erst die Globalisierung mit Verlagerung von Arbeitsstätten möglich werde. Um seine These, daß die Alphabetisierung zu Demokratisierung und zum Frieden führe, zu halten, muß er nicht in seine Theorie passende Dinge verbiegen. Beispielsweise behauptet er, daß sich der islamistische Eifer der Heilsfront erschöpft habe, und in der Türkei zwar religiöse Parteien an Stärke gewonnen hätten, aber keine Bedrohung für den laizistischen Staat darstellten (in der Türkei ist jetzt schließlich ein Ministerpräsident an die Macht gekommen, dessen früher favorisierte Partei gerade aus diesen Gründen verboten worden war!). Daß der Islamismus sich in einem „weltweiten Niedergang“ befände, wird zwar unter Verweis auf ein Buch von Kepel „Schwarzbuch des Dschihad“ behauptet, aber nicht begründet.

Auch sonst ist er von Wunschdenken geprägt, so, wenn er (S. 66) behauptet: „Die Kosten, die es verursacht, wenn Menschen mit einem bestimmten Grad von Bewußtheit autoritär regiert werden sollen, sind so hoch, daß die betreffende Gesellschaft ökonomisch nicht mehr konkurrenzfähig ist.“ Soweit er die deutsch-französische Freundschaft als Beispiel dafür anführt, „daß aus einem langjährigen Kriegszustand etwas werden kann, das sehr nah an den ewigen Frieden herankommt“, ist angesichts der schlagartig negativen Umfragewerte zu Deutschland im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung, den Bemühungen des französischen Staatspräsidenten, die DDR durch Milliardenzahlungen zu stützen und von einer Wiedervereinigung abzubringen, und die bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion geltende französische Militärdoktrin, daß im Falle eines sowjetischen Angriffs auf Westdeutschland die gesamte rheinische Tiefebene mit Atomwaffen atomar verseucht werden müsse, wohl nicht ernsthaft von einer schon erprobten Freundschaft auszugehen. Kein geringerer als de Gaulle hat gesagt, es sei gute französische Politik seit tausend Jahren gewesen, Deutschland geteilt zu halten. Frankreich erklärte seine Zustimmung zur Wiedervereinigung erst, als Deutschland sich bereiterklärte, auf die weltweit seit 1949 erfolgreichste Währung, die D-Mark, zugunsten des Euro zu verzichten, was eine französische Zeitung mit „Ein Versailler Vertrag ohne Krieg“ kommentierte. Bemerkenswert Todds Erklärung: „Hinter der Währungsunion… steckt in Wahrheit die Absicht, einem möglichen deutschen Vormachtsstreben die Zügel anzulegen.“ (S. 234).

Das alles passierte, als in Tischreden tagtäglich die deutsch-französische Freundschaft gepriesen wurde. Auch sonst gibt es bei Todd abenteuerliche Thesen. Daß in Großbritannien und Frankreich die Geburtenraten bei 1,7 und 1,9 Kindern pro Frau liegen, in Deutschland und Italien bei 1,3 Kindern und bei 1,2 Kindern in Spanien, wird darauf zurückgeführt, daß in den letzteren Ländern Diktaturen früher die Macht ergriffen hätten. „Den Gesellschaften mit individualistischer Tradition wie Amerika, Frankreich und England scheint die Entscheidung für Kinder leichter zu fallen. In den Ländern mit einer eher autoritären Vergangenheit hat sich in demografischer Hinsicht eine passivere Einstellung zum Leben gehalten. Die Entscheidung für die Fruchtbarkeit, die aktiv getroffen werden muß, scheint den Menschen in diesen Ländern schwerer zu fallen.“

Hier sind gleich mehrere Fehler. Deutschland hatte eine niedrige Geburtenrate in der Weimarer Republik, die aber immer noch höher war als im demokratischen Frankreich zu der Zeit. Im autoritären Dritten Reich ging die Geburtenrate um mehr als 1/3 in die Höhe. Als die Wertevorstellungen des Nationalsozialismus noch nachwirkten, war zunächst auch in den 50er und Anfang der 60er Jahre in Deutschland die Geburtenrate noch hoch. In Westdeutschland sank sie dann durch einen Wertewandel in Richtung Individualismus, keine Verantwortung für andere übernehmen zu wollen pp. In der autoritär regierten DDR war bis zu deren Ende die Geburtenrate um 1/3 höher als in Westdeutschland und ist anschließend rasch gesunken.
Die höheren Geburtenraten in England und Frankreich und auch in den USA mit 1,8 Kindern pro Frau sind – was Todd verschweigt – im wesentlichen in Frankreich auf die 5 Mio. Muslime zurückzuführen, in England auf die farbige Bevölkerung, in den USA auf Mexikaner, Puertoricaner und schwarze Amerikaner. Sie haben also nichts mit irgendeiner „individualistischen Tradition“ dieser Länder zu tun. Die 1 % der französischen Familien mit 10 und mehr Kindern stellen 25 % der nächsten Generation, und es handelt sich dabei meist um Moslems.

Der Realitätsverlust von Todd geht zuweilen soweit, daß er tatsächlich erklärt: „Das Amerika der Jahre 1950 bis 1965, das Land der Massendemokratie, der Meinungsfreiheit, der Ausweitung der sozialen Rechte, des Kampfes um die Bürgerrechte – dieses Amerika war das Reich des Guten.“ (S. 154).

Richtig hingegen ist seine Beschreibung der wirtschaftlichen Anfälligkeit der USA. Die Amerikaner haben Jahr für Jahr mehr als 300 Milliarden Defizit in ihrer Handelsbilanz, was zeigt, daß sie vom ständigen Zufluß ausländischen Kapitals abhängig sind. Wenn Amerika sein Handelsbilanzdefizit ausgleichen wollte, würde dies für die amerikanische Bevölkerung eine Senkung des Lebensstandards um 15 bis 20 % bedeuten (S. 249). Dies wäre weder für Demokraten noch Republikaner ohne Revolution machbar, so daß die Militärausgaben enorm gesenkt werden müßten, um den Rückgang des Lebensstandards nicht zu hoch ausfallen zu lassen. Auch bei ihrer früheren Domäne, den technischen Produkten, haben sie 2002 mehr eingeführt als ausgeführt. Die Stromversorgung bricht zeitweilig zusammen, wie wir das sonst nur vom Ostblock gekannt haben. Die Einkommen der Arbeitnehmer stagnierten, und die 5 % der reichsten Amerikaner erhalten einen immer größeren Prozentsatz des Volkseinkommens.

Die amerikanischen Truppen sind langsam, bürokratisch und ineffektiv; unbestreitbar sei nur die amerikanische Überlegenheit in der Luft und zur See. Traditionell habe aber Amerika eine Schwäche bei der Bodenkriegsführung, schon im zweiten Weltkrieg, und heute ebenso. Die Opferbereitschaft der Russen war und ist (siehe Afghanistan) viel höher als in den USA. Die USA haben ein enormes Haushaltsdefizit, das es auf Dauer verbietet, im bisherigen Umfang die Rüstung auszuweiten. 1990 lag die Börsenkapitalisierung in den Vereinigten Staaten bei 359 Milliarden Dollar, 1998 bei 13 451 Milliarden. Diese Steigerung stand in keinem Verhältnis zum realen Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft. Dies bedeutete nur, daß ein wichtiger Teil der weltweit anfallenden Profite an den amerikanischen Börsen investiert wurde. Jeder Firmenzusammenbruch in Amerika bedeutet deshalb für die europäischen und japanischen Banken (und Anleger) erhebliche Verluste. Irgendwann wird es wahrscheinlich zu einer Panik an den Börsen von unvorstellbarem Ausmaß kommen, gefolgt von einem tiefen Sturz des Dollars. (Ergänzend ist hierzu zu sagen, daß die nachgewiesenen Bilanzfälschungen bei großen amerikanischen Konzernen, um Gewinne und Umsätze vorzutäuschen, die es gar nicht gab, zu einer entsprechende Zurückhaltung zur Investierung in amerikanische Aktien auch beitragen werden).

Die Amerikaner seien dabei, den Reichtum der gesamten Welt an sich zu reißen, um ihn im eigenen Land zu verbrauchen. So sei es schon in Rom gewesen; Amerika habe aber nicht die militärische Macht des antiken Roms. (Ergänzend kann gesagt werden: Länder kann man durch Abdrosselung der Zufuhr mit Flotten und durch Bomben zerstören; ausbeuten kann man sie aber nur, wenn man eine schlagkräftige Armee hat, und die haben die Amerikaner nicht).

In anderen Fällen macht sich wieder die ideologische Voreingenommenheit des Verfassers bemerkbar. Den Universalismus, d. h. die Einbeziehung eroberter Völker und Menschen in den Kern des Machtbereichs der Eroberervölker, sieht er als positiv und als Begründung für die Herrschaft. Hierzu bezieht er sich auf das römische Reich, wo Kaiser Caracalla 212 n. d. ü. Ztr. allen frei geborenen Einwohnern des Imperium Romanum das römische Bürgerrecht gegeben hatte, wonach die Mehrzahl der römischen Kaiser aus den Provinzen stammten. Zu dem Zeitpunkt war Rom aber nicht mehr stark und hatte längst – was in den Germanenkriegen 200 Jahre vorher deutlich geworden war – seinen Höhepunkt überschritten. Die Briten waren weit davon entfernt, die eroberten Völker zur Herrschaft in ihrem Empire zuzulassen, und konnten jahrhundertelang ihr Weltreich behaupten, bis sie sich im zweiten Weltkrieg selbst zugrunde richteten. Die USA verschmolzen zwar aus Einwanderern verschiedener Völker Europas; Todd verschweigt aber, daß dies nur so lange klappte, solange zu 90 % Einwanderer aus den germanischen Völkern kamen. Indianer und Schwarze wurden nicht integriert, und sind es bis heute nicht. Der Großteil der Einwanderer heutzutage wird von Mexikanern, Asiaten und Puertoricanern gestellt; diese wollen sich nicht integrieren.

Das nichtuniversalistische Dritte Reich war so erfolgreich, daß es nur durch eine Koalition der stärksten Mächte der Welt in einem sechsjährigen Krieg niedergeworfen werden konnte. Universalismus kann – wenn die zu verschmelzenden Elemente sehr ähnlich sind oder nur in geringer Zahl vorhanden sind – machtstärkend wirken; ansonsten führt es (wie in Babylon schon in der Bibel als abschreckendes Beispiel geschildert, und in Ägypten, Griechenland, Rom u. a. zum Untergang von Völkern und Reichen geführt hat) zur Auflösung des Staatsvolkes in verschiedene Interessengruppen, damit Schwächung des Staates und Machtverlust. Dies hat Todd nicht erkannt. Auch der kommunistische Universalismus hat die aus vielen Völkern bestehende Sowjetunion nicht zusammenhalten können, ebensowenig wie es in Jugoslawien oder vorher in Österreich-Ungarn (wo ganz bewußt keine Germanisierung durchgeführt wurde) gelungen ist.

Auch die Araber – anders als die Juden, die sich inzwischen zur Hälfte mit Nichtjuden in den USA ehelich verbinden – sind in den USA von der Integration ausgenommen. Erstaunlicherweise schreibt Todd: „Die Treue Amerikas zu Israel ist für die Spezialisten der strategischen Analyse ein großes Rätsel.“ (S. 146). Er wundert sich, warum Brzezinski Israel überhaupt nicht erwähnt, obwohl diese Bindung an Israel doch dazu führe, daß die Vereinigten Staaten eine gegnerische Beziehung zur arabischen Welt und zur muslimischen Welt insgesamt aufgebaut haben (S. 146). Dies erscheine um so verwunderlicher, als das Unrecht, „das den Palästinensern tagtäglich angetan wird durch die israelische Besetzung ihrer Gebiete“, ein „täglicher Verstoß gegen das Prinzip der Gleichheit, das doch zur Basis der Demokratie gehört“, sei. (S. 146). Nun, ein Geheimnis ist dies nicht, wenn wir auf das unten erwähnte Scharon-Zitat abstellen. Die jüdische Eigentümerschaft bei maßgeblichen Zeitungen wie Washington Post und New York Times, den jüdischen Besitz von Nachrichtensendern usw. verharmlosend sagt Todd: „Alle Deutungen, die auf die Rolle der Juden in den Vereinigten Staaten abheben und betonen, daß sie großen Einfluß auf den Ausgang der Wahlen hätten, enthalten ein Körnchen Wahrheit. Das ist die Theorie von der „jüdischen Lobby“ (S. 147).

Sie enthalten nicht nur ein „Körnchen Wahrheit“, sondern die ganze Wahrheit, weil es für die USA – die ansonsten lediglich egoistisch handeln – ein geopolitischer Wahnsinn ist, sich 1,3 Milliarden Menschen dieser Erde zum Feind zu machen, obwohl Israel keinerlei geopolitische oder ökonomische (Bodenschätze) Bedeutung hat. Als weiteren Grund gibt Todd zurecht den christlichen Fundamentalismus, der hinter Bush steht, an, der geradezu ein „Herz für den Staat Israel entdeckt“ habe, als Gegenstück zu „ihrem Haß auf den Islam und die arabische Welt“. (S. 148). Dies sei desto verwunderlicher, weil 3/4 der amerikanischen Juden nach wie vor politisch links stünden, die Demokraten wählten und die christlichen Fundamentalisten fürchteten. Inzwischen merkten aber viele Juden: „Ein Protestant mit einem einigermaßen wortwörtlichen Verständnis der Bibel identifiziert sich mit dem Volk Israel.“ (S. 151). Obwohl selbst Jude, wundert er sich, daß die Juden sich in den USA nicht über ihre gelungene Integration freuen: „Diese privilegierte Bevölkerungsgruppe pflegt einen beunruhigenden, um nicht zu sagen neurotischen Kult um den Holocaust. Unermüdlich gedenken die Juden in Amerika des Mordens, dem sie entgangen sind. Unaufhörlich kritisieren sie den wachsenden Antisemitismus weltweit, und sie machen sich um alle Gemeinden in der Diaspora, vor allem in Frankreich, mehr Sorgen als die Gemeinden selbst… Die fortbestehende Angst der Juden in Amerika, dem Land mit der angeblich „allmächtigen jüdischen Lobby“, hat etwas Paradoxes.“ (S. 152).

Todd wirft der amerikanischen Diplomatie „katastrophale Fehler“ vor, indem es zwar konsequent Rußland zu destabilisieren suche, aber gleichzeitig die europäischen Bündnispartner demütige und vernachlässige, Japan mit Herablassung begegne, unermüdlich China provoziere und Iran zur angeblichen Achse des Bösen zähle. Dies ist aber nicht als „Tolpatschigkeit“ oder als „Logik“ (S. 167 f) zu sehen, weil – wie Todd meint – das wahre Amerika so schwach sei, daß es nur mit militärischen Zwergen eine Konfrontation suchen könne. Was die Amerikaner immer gehabt haben, ist ein ungebrochenes Selbstbewußtsein, das in vielen Fällen mit der Realität nicht übereinstimmte. Sie halten sich tatsächlich – ohne es zu sagen – für eine Macht, die den ganzen Erdball beherrschen könne, so wie es ein Präsident selbstbewußt sagte: „Was wir wollen, das passiert.“ Aus dieser Arroganz heraus sind sie nicht in der Lage – und insoweit ist Todds Vergleich der „Politik“ Wilhelm II. mit der amerikanischen Politik durchaus zuzustimmen –, die Kräfteverhältnisse richtig wahrzunehmen. Deswegen meinen die USA auch, überall Kriege führen zu können, und trotz der völligen Aussichtslosigkeit einer Besiegung Chinas wird allen Ernstes bei amerikanischen Politikern angedacht, ob man nicht einen Präventivkrieg gegen China führen solle, bevor es zu stark werde.

Falls Amerika durch ein funktionierendes Raketenabwehrsystem in der Lage sein sollte, andere Länder durch Raketen atomar zu verwüsten, ohne von deren Raketen einen Gegenschlag befürchten zu müssen, ist die Gefahr der Zerstörung Rußlands oder Chinas durch einen atomaren Erstschlag seitens der USA erheblich, wobei sich irgendein Grund für die Amerikaner noch immer hat finden lassen, wenn sie Krieg führen wollten. Dies auch deswegen, weil bei der gegenwärtigen Förderquote für Erdöl in den USA ihre Reserven bis zum Jahr 2010 erschöpft sein werden, und schon 1999 erheblich mehr Erdöl importiert wurde, als im eigenen Land gefördert wurde.

Todd begrüßt das Erstarken Rußlands unter Putin, der stabile Strukturen herstellt, da Rußland als Gegengewicht gegen die USA dringend gebraucht werde. Rußland könne wegen seiner Bodenschätze als von der Außenwelt von Natur aus unabhängig gesehen werden, so daß es eine viel unangreifbare Stellung als die USA habe, denn Rußland ist nicht auf Energiezufuhr aus der andere Welt angewiesen, anders als die USA, so daß die Russen prinzipiell friedlich sein könnten.

Soweit sich Todd hinsichtlich Deutschland über den „Gehorsam der Führung im wichtigsten Protektorat im Westen“ wundert, wobei er den Grund darin sieht, daß die Demonstration militärischer Übermacht durch das Zerstören der deutschen Städte zwischen 1943 und 1945 der Grund sei, ist dies nicht so; zunächst war es die am eigenen Leib erlebte sowjetische Bedrohung, später die Folge der Umerziehung nach 1945, die diese Vasallenhaltung hervorrief. Erst Schröder, der zur 68er Generation gehört und in seiner Jugend gegen den Vietnamkrieg demonstriert hatte, vertrat eine andere Politik, sofort konterkariert von der in den alten Gangschienen handelnden CDU unter Merkel.

Damit Europa sich gänzlich aus der Abhängigkeit der USA befreien kann, fordert Todd einen Aufbau der nuklearen Schlagkraft in Europa. Dann könnten die USA nicht mehr von Europa schmarotzen. Während in Europa Einverständnis für ausgewogene Wirtschaftsweisen vorhanden sei, sei dies bei den Amerikanern nicht gegeben, die ein jungfräuliches, an Bodenschätzen reiches und fruchtbares Land besiedelt hätten. „Von jeher verlief Amerikas Wirtschaftsentwicklung über die Auslaugung seiner Böden, die Verschwendung seines Öls und die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte im Ausland.“ (S. 221). Die amerikanische Mobilität (17,5 % der Einwohner wechseln beispielsweise gegen 9,5 % in Japan ihren Wohnsitz) wird als Beweis für wirtschaftliche Dynamik gepriesen; die Japaner produzieren pro Kopf aber doppelt so viel. Todd proklamiert mehr europäische Eigenständigkeit, und – für einen Juden bemerkenswert – erklärt er: „Allerdings kann Europa die Unruhe, welche die Vereinigten Staaten mit Israel in der arabischen Welt stiften, nicht auf Dauer hinnehmen. Die wirtschaftliche Realität legt nahe, daß der arabische Raum in eine Sphäre der Kooperation eintreten muß, die sich um Europa zentriert und die USA weitgehend ausschließt. Die Türkei und der Iran haben vollkommen begriffen, wo ihre wirtschaftliche Zukunft liegt… Mit Blick auf den Islam werden die USA zu einem immer konkreteren Störfaktor. Die islamische Welt versorgt Europa zu einem bedeutenden Anteil mit Zuwanderern: Pakistaner in Großbritannien, Nordafrikaner in Frankreich, Türken in Deutschland, um nur die wichtigsten Gruppen zu nennen. Die Kinder dieser Einwanderer sind Staatsbürger ihrer Gastländer, neuerdings auch in Deutschland, wo ein neues Zuwanderungsgesetz die Einbürgerung erleichtern soll. Friedliche und einvernehmliche Beziehungen sind für Europa so nicht nur wegen der geographischen Nähe zu islamischen Ländern, sondern auch zur Sicherung des inneren Friedens notwendig. Die Vereinigten Staaten treten hier als innere und internationale Unruhestifter auf.“ (S. 232 f).

Die Ausführungen von Huntington und Brzezinski wurden deshalb so breit dargestellt, um deutlich zu machen, wo wir als Deutsche künftig zu stehen haben. Huntington hat ja die westliche Wertegemeinschaft beschworen, Religionskriege vorausgesagt und behauptet, die Europäer seien auf Gedeih und Verderb mit den USA verbunden. Nun – die Nibelungentreue zum verwandten, aber als Vielvölkerstaat konfliktbehafteten Österreich-Ungarn hat den Sturz des zweiten Deutschen Reiches bewirkt und sollte uns Warnung sein. Rußland ist eine sehr viel „weißere“ Nation als die USA, so daß man uns auch nicht mit dem Argument, bei der Unterstützung der USA müßten die Weißen zusammenhalten, kommen möge; die USA betreiben konstant eine den Russen feindliche Politik seit etlichen Jahrzehnten. Der Wille Amerikas, seine Weltherrschaft aufrechtzuerhalten und wirtschaftlich die ganze Welt auszubeuten, muß zu einer Vielzahl von Konflikten und Kriegen führen.

Die amerikanische Unterstützung Israels und Bekämpfung der islamischen Staaten, deren Erdölreserven sich die USA unter den Nagel reißen wollen, hat zu einem tiefsitzenden Haß gegen die USA und alle ihre Verbündeten (siehe die Bombenanschläge in den Bahnen in Spanien) bei den Muslimen geführt. Die bisherigen Terrorakte sind sicherlich der Vorbote von weiteren. Terror kann man nicht dadurch bekämpfen, daß man Sicherungsmaßnahmen verstärkt; der Terrorist kann jederzeit und überall zuschlagen, so daß selbst in dem total militarisierten Israel so etwas nicht zu verhindern ist, obwohl Israel so viele Subventionen aus dem Ausland erhält, wie es kein europäischer Staat und auch nicht die USA bekommen würden, um ihre Sicherheitsstrukturen zu verbessern. Israelis versuchen überall in der Welt Deutschlands Ansehen zu untergraben; Israels Unterstützung liegt daher nicht in unserem nationalen Interesse, und der religiöse Auserwähltheitswahn kollidiert mit unserem heidnischen Selbstbewußtsein. Um die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion liegenden Rohstoffe auszubeuten, unterstützt Amerika nachhaltig eine Schädigung Rußlands, wohingegen es in deutschem Interesse ist, schon wegen der Besetzung ostdeutscher Gebiete durch Polen und Tschechien und Polens chauvinistischem Größenwahn auf weitere Gebiete von Mitteldeutschland bis nach Schleswig-Holstein hinein, ein gutes Verhältnis zu Rußland zu bekommen.

Die Deutschen sind – weil wir in unserer chinesischen kleinen Kolonialecke in der kurzen Zeit sehr viel mehr aufgebaut haben als wir an Erzeugnissen aus dem Lande entnommen haben, ferner 1937 viele Chinesen durch einen deutschen Konsul vor dem Abschlachten durch die Japaner gerettet wurden – in China außerordentlich beliebt, und man wird in der chinesischen Presse – anders als über England, Frankreich, die USA oder Rußland – kein schlechtes Wort über Deutschland finden, anders als in der israelischen oder angelsächsischen Presse. Es kann deshalb nicht in unserem Interesse liegen, diese freundschaftlichen Beziehungen durch eine Unterstützung der amerikanischen „Eindämmungspolitik“ gegen China zu gefährden. Hinzu kommt, daß in Israel ein unversöhnlicher Haß gegen Deutschland gepredigt wird, der sich in den US-Medien ebenso wie in Großbritannien ungehindert austobt, gemacht von den Glaubensgenossen der Israelis in den angelsächsischen Ländern. Kein Geringerer als Ariel Scharon hat am 3. Oktober 2001 im israelischen Rundfunk den Kritikern seiner auf die Entrechtung und Vertreibung der Palästinenser ausgerichteten Politik entgegen gerufen: „Ich möchte Ihnen etwas sehr klares sagen: Fürchten Sie keinen amerikanischen Druck auf Israel. Wir, das jüdische Volk, kontrollieren Amerika, und die Amerikaner wissen das.“ („We the Jewish people, control America, and the Americans know it.“).

Die christliche Kreuzfahrermentalität im Nahen Osten – so jedenfalls Brzezinski verschleiernd, indem er erklärte, Amerika müsse verhindern, daß  Europa dort eine andere Politik betreibe – wird also anhalten und zu weiterem Haß, weiteren Kriegen, weiteren Bombenangriffen gegen „Schurkenstaaten“ (und als Gegenschlag Attentaten) führen. Die sogenannten Neokonservativen haben nicht nur Syrien und den Iran im Visier, sondern weisen darauf hin, daß das Al-Kaida-Netzwerk in Saudi-Arabien gegründet sei, weswegen man vielleicht besser das saudische Königshaus absetzen und eine eigene Herrschaft dort übernehmen solle. Es geht letztlich darum, sämtliche arabischen Anrainerstaaten um Israel herum durch amerikanische Truppen besetzen zu lassen, damit diese dann den Schutz nach außen für Israel übernehmen können, wohingegen Israel sich darauf konzentrieren kann, die Palästinenser zu vertreiben, zu dezimieren und zu liquidieren, wie es tagtäglich geschieht. Der einzige Verdienst Schröders in seiner so erfolglosen Kanzlerschaft war die klare Absage an eine militärische und finanzielle Unterstützung des Irak-Krieges; das hat Deutschland viele Sympathien, die im arabischen und muslimischen Bereich insgesamt durch eine langjährige deutsche Unterstützung Israels verloren waren, wieder gewonnen. Da nicht nur die jüdischen „Neokonservativen“ in den USA eine antiarabische Politik betreiben, sondern die christlichen Fundamentalisten um Bush wegen der Ausführungen im Alten Testament, daß die Juden berechtigt seien, die Palästinenser auszurotten und zu vertreiben, keinen Widerstand gegen dergleichen Pläne leisten, da dies ja von Gott so gewollt sei, sondern dies sogar noch unterstützen, ist ein dauerhafter Konflikt vorprogrammiert, der – wie bei Schwachen ganz natürlich – sich im Gegenterror äußern wird.

Die Selbstmordattentäter aus Palästina opfern ihr eigenes Leben, und dies zeigt, wie verzweifelt sie die Situation ihres Landes, das seit fast vier Jahrzehnten von Israel nach einem kriegerischen Einmarsch besetzt worden ist, und trotz etlicher UNO-Resolutionen nicht geräumt wird, sehen. Bei solcher Verzweiflung, wo selbst Frauen sich opfern, können die Attentate nicht mit Sicherheitsmaßnahmen bekämpft werden, sondern nur dadurch, daß die verzweifelte politische Lage der Menschen verbessert wird, mithin, daß Palästina ein eigener selbständiger Staat ohne israelische Besatzung wird, und die 400 000 israelische Siedler, die von Israel mit amerikanischen Geldern in Palästina in den letzten 35 Jahren angesiedelt worden sind, nach Israel zurückzukehren haben. Anders kann es keinen Frieden im Nahen Osten geben, und wenn es diesen Frieden nicht gibt, wird es Bomben, vielleicht sogar noch viel schlimmere Anschläge mit viel größeren Auswirkungen in den Ländern geben, die die jüdisch-amerikanischen Pläne zur Ausmerzung der Palästinenser unterstützen. Wir dürfen uns keinesfalls hinter diese christlichen Kreuzfahrerbemühungen Amerikas stellen, und wir müssen jegliche Konfrontation mit den Muslimen in dieser Frage vermeiden! Wir als deutsche Heiden sollten deutlich machen, daß für uns die Bibel mit den Ausrottungsaufforderungen an die Juden zwecks Vertilgung aller Nachbarvölker keine heilige Schrift ist, daß wir das Alte Testament als ein zum Völkermord aufforderndes Buch ansehen, daß wir den christlichen Fundamentalismus als eine Gefahr für den Weltfrieden sehen, so wie schon heute mehr als 2/3 der Europäer in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sehen, und an zweiter Stelle die USA gesetzt haben. Wir haben nicht die Macht, die Amerikaner an der Führung ihrer Kriege, Bombardierungen, CIA-Aufstandsfinanzierungen und dergleichen zu hindern; es liegt aber weder im deutschen noch im heidnischen Interesse, dies in irgendeiner Art und Weise zu unterstützen.

Wir müssen deutlich machen, daß wir für die Wahrung unseres germanischen Kulturerbes hier in Deutschland eintreten, daß in islamischen Staaten aber selbstverständlich die Bevölkerung das Recht hat, sich so wie von ihnen gewünscht islamisch auszurichten und die Scharia zu praktizieren, christliche Mission zu erschweren, das Tragen von Kreuzen in der Öffentlichkeit zu verbieten und dergleichen. Dies erregt immer wieder christliche Fundamentalisten im Westen, kann und muß uns aber gleichgültig lassen, weil wir keine fremden Völker missionieren wollen. Genauso ist es, wenn in China halbchristliche Sekten, die mit dem Geist des Konfuzianismus nicht übereinstimmen, verfolgt werden; auch dies ist chinesische Angelegenheit und hat nicht zu Protesten unserer Regierung wegen angeblicher oder tatsächlicher Menschenrechtsverletzungen zu führen. Deutschland ist in zwei Weltkriegen nahezu ausgeblutet; wir können uns nicht leisten, in neue blutige Weltkriege verwickelt zu werden. England hat sein Weltreich verloren, „Great Britain“ ist zu „Little Britain“ geworden, weil es sich 1939 zur Kriegserklärung gegen Deutschland drängen ließ. Wir dürfen einem solchen Druck unserer „Freunde“ nicht nachgeben! Wir haben den Amerikanern auch nicht dankbar für irgend etwas zu sein.

Wir sind 1945 nicht befreit worden, sondern besiegt, Deutschland ist zerstückelt und aufgeteilt worden, rein deutsche Gebiete sind abgetrennt worden, die Amerikaner und die Briten haben zugestimmt, daß ein Viertel von Deutschland unter fremde Herrschaft gestellt und die Bevölkerung unter blutigsten Umständen vertrieben wird, große Teile der deutschen Industrie wurden von Amerika und England abmontiert, das deutsche Auslandsvermögen wurde einkassiert, die deutschen Patente im Wert von über 20 Milliarden Mark eigneten sich die Amerikaner an. Die etwas über eine Milliarde Dollar Marshallplan-Mittel, die Deutschland erhielt, waren Kredite, mit denen wir dann in den USA Waren kaufen „durften“, weil die amerikanische Kriegswirtschaft auf Frieden umschalten mußte, um die Arbeitslosigkeit dort nicht zu sehr hochschnellen zu lassen. Die Kredite haben wir zurückgezahlt, und das war im amerikanischen Interesse, genauso wie die Luftbrücke nach Berlin, die im übrigen gar nicht nötig gewesen wäre, wenn nicht die USA mit ihren massiven Hilfslieferungen sofort nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges den Zusammenbruch der Sowjetunion verhindert hätten. Die Care-Pakete, die von Amerika-Deutschen ins Mutterland geschickt wurden, verpflichten uns auch nicht zur Dankbarkeit gegenüber den USA, die zusammen mit den Briten mit ihren Flächenbombardements über eine halbe Million Frauen und Kinder in deutschen Wohngebieten umgebracht haben und eine Million deutscher Kriegsgefangener in Lagern nach Kriegsende haben verhungern lassen. Wir brauchen den Amerikanern also nicht dankbar zu sein, wir schulden ihnen keine Nibelungentreue, und es liegt in unserem Interesse, genauso wie beim letzten Irakkrieg uns aus jedem weiteren Krieg der Amerikaner herauszuhalten, notfalls unter Austritt aus der NATO, um unser Land nicht terroristischen Repressalien (gegen die uns die USA nicht schützen können) auszusetzen.

Huntingtons Sirenenklänge von der „westlichen Kultur- und Wertegemeinschaft“ hören wir wohl; wir müssen uns aber die Ohren verstopfen. Amerika wird an seinen inneren Rassenspannungen, seinem Multikulturalismus und seiner wirtschaftlichen Unfähigkeit (ohne den ständigen Zustrom von Milliarden und Abermilliarden an Kapital sowie Technikern, Wissenschaftlern und Forschern wären die USA längst zusammengebrochen) schneller seine Weltmachtrolle verlieren, als wir uns heute noch vorstellen können. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, uns an dem sinkenden Schiff festzubinden. Es liegt im Interesse der deutschen Heiden, daß hier eine eigenständige, an den Interessen unseres Landes ausgerichtete Politik getrieben wird, die für eine stabile Friedensordnung in diesem Raume sorgt. Amerika mit seinen „kulturellen Errungenschaften“ Fastfood, Popmusik, Fernseh-Seifenoperserien und Multikulturalismus hat nichts, was nachahmenswert wäre. Je schneller die Macht Amerikas sinkt, desto friedlicher kann die Welt leben. Ob durch Sendungen in tschetschenischer Sprache auf Radio Free Europe, durch Entsendung von Militärberatern nach Georgien oder durch die Einrichtungen von Militärbasen im ehemals sowjetischen Mittelasien: Immer versuchen die Vereinigten Staaten, Konflikte zu schüren. Die USA könnten ganz einfach durch Einstellung jeglicher Zahlung und Militärhilfe für Israel einen Friedensprozeß im Nahen Osten in Gang bringen, weil die „Groß-Israel-Politik“ für keine israelische Regierung mehr finanzierbar wäre. Die USA lassen es sich viel Geld kosten, um zunehmend mehr Kriege auf der Welt entstehen zu lassen. Es ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, daß gerade eine sozialdemokratische Regierung die Bundeswehr umbaut, so daß sie nicht mehr zur Verteidigung des eigenen Landes, sondern als Eingreiftruppe überall in der Welt dient, um künftig Hiwis für die Amerikaner zu spielen.

Je schneller die Nordamerikaner lernen, daß sie schon in einigen Jahren keine Weltmacht mehr sein werden, und daß sie deswegen mit ihren Kräften haushalten müssen, desto besser ist es für den Frieden der Welt.
Im übrigen ist nach meiner Auffassung „der Westen“ kein Abgrenzungskriterium. Was Huntington nicht erwähnt, was aber in den Debatten der letzten 20 Jahren immer wieder eine Rolle gespielt hat, sind Formulierungen wie „Aufstand der Dritten Welt“, oder aber „Entwicklungsländer gegen entwickelte Länder“ oder aber „Nord-Süd-Konflikt“. Der Begriff „Dritte Welt“ ist zwischenzeitlich auch überholt, weil mehrere früher dazu gerechnete Länder wie Indien oder China zwischenzeitlich Großmachtstatus sowohl wirtschaftlich wie militärisch erreicht haben. Bei dem Begriff „Entwicklungsländer“ ist nicht hinreichend unterschieden worden zwischen solchen Ländern, die die geistigen und willensmäßigen Voraussetzungen zu einer Entwicklung haben, und solchen Ländern, die dauerhaft keinen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen können. Aus dem Begriff „Nord-Süd-Konflikt“ wird schon deutlich, daß bei künftigen Auseinandersetzungen auch Rassenfragen eine Rolle spielen können. Allerdings wäre es falsch, nun zu glauben, mit Rücksicht auf den Zustrom von Farbigen nach Europa und in die USA würde aus gemeinsamer Solidarität heraus ein Einvernehmen zwischen allen weißen Völkern oder Staaten entstehen.

Wir haben schon gesehen, daß Huntington den von Rußland dominierten weiß-orthodoxen Bereich ausklammert bei seiner Forderung nach Solidarität. Nicht nur Adolf Hitler, sondern auch zahlreiche Bevölkerungswissenschaftler haben vor einem zweiten Weltkrieg, der Selbstzerfleischung Europas und den negativen Folgen gewarnt; das hat blindwütige Hasser wie Churchill, Vansittart, Hoare u. a. nicht daran gehindert, genau diesen Krieg für wünschenswert zu halten und darauf hinzuarbeiten. Die Engstirnigkeit, mit der Frau Thatcher u. a. Briten und Franzosen sowie italienische Staatsmänner die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern suchten, zeigt weiterhin, daß von irgendeinem Umdenken in den anderen Völkern keine Rede sein kann. Genausowenig ist zu erwarten, daß in den USA eine Sicht, die von der reinen Beschauung des Bauchnabels abgeht und über den Tellerrand guckt, entstehen wird. Wir Deutschen haben immer den Fehler gehabt, aus einem Verantwortungsbewußtsein heraus auch für andere Völker zu denken und deren Interessen wahrzunehmen (z. B. Herder, Kant usw., auch Hitler, der die britische Festlandsarmee entkommen ließ, um das britische Weltreich nicht zu gefährden). Wir haben daraus immer die größten Nachteile gehabt, so daß nunmehr die anderen Völker und Staaten vorzuleisten haben, statt von uns wieder „Zurückstecken der eigenen Interessen für das große Ganze“ zu verlangen. Hinzu kommt, daß eine Abgrenzung der Sympathien oder Antipathien nach solchen Begriffen wie „Weiße, Schwarze, Gelbe“ nicht möglich ist. Die Anthropologie unterscheidet drei Großrassenkreise, die Europiden, die Mongoliden und die Negriden. Typologisch gehören zu den Europiden auch der allergrößte Teil der indischen Bevölkerung, ferner fast alle Muslime.

Diese stellen aber eigene Kulturkreise dar, wie Huntington richtig erkannt hat. Recht hat Huntington damit, daß es sinnvoll ist, wenn es einen Kernstaat in einem Kulturkreis gibt, weil sich dann Konflikte entschärfen lassen. Seine Aufteilung der „Weißen Welt“ ist so aber nicht brauchbar. Die USA können realistisch in 20 oder 30 Jahren nur noch die Kernmacht eines angelsächsischen Kulturkreises sein, der aus England, Kanada und Australien sowie Neuseeland besteht. Rußland ist und wird bleiben die Kernmacht des slawisch-orthodoxen Teiles des Kontinents. Frankreich ist die Kernmacht des romanisch-katholischen Europas. Deutschland ist Kernmacht des germanischen Teils Europas (mit Ausnahme Englands). Natürliche Verbündete auf dem Kontinent, weil es dort nie Territorialstreitigkeiten gegeben hat, wären für uns Rußland, Weißrußland und die Ukraine. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß Großbritannien, Frankreich, Polen und Italien gegen die Wiedervereinigung waren, diese teilweise sogar aktiv zu verhindern suchten, wohingegen Rußland sie ermöglicht hat. Mitgespielt hat dabei sicherlich auch, daß es – anders als zwischen Deutschland und Großbritannien, Frankreich oder den USA – keinerlei handels- und industriepolitischen Gegensatz zwischen Deutschland und den großen slawischen Nationen in Vergangenheit oder Gegenwart gegeben hat.

Nordamerika, England und Australien werden in hundert Jahren – wenn dort nicht ein politischer Umsturz erfolgt – dasselbe Bevölkerungsbild bieten wie heute Südamerika und dann dieselbe finanzielle, wirtschaftliche und militärische „Leistungsfähigkeit“ wie die südamerikanischen Staaten besitzen. Teile der USA und Kanadas könnten nur überleben, wenn sie sich selbständig machen würden, was aber (vgl. den amerikanischen Bürgerkrieg) mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte. Jedenfalls kann es nicht in Frage kommen, daß wir Deutsche Fahnenträger der „westlichen Welt“ werden und mit ihr in den Untergang gerissen werden. Alle USA-Minister werden voraussichtlich in hundert Jahren nicht mehr wie Rumsfeld aussehen, sondern wie Powell oder die Sicherheitsberaterin Rice, und ihre Generäle wie der Chef der US-Truppen im Irak Sanchez. Im russischen Kabinett wird es aber auch in hundert Jahren – ohne daß es ein rassisches Erwachen und eine an Rassenfragen ausgerichtete Politik geben müßte – voraussichtlich nur Minister geben, die – wie Putin – uns auf Anhieb als Verwandte sympathisch vorkommen. Wir dürfen uns nicht als „Bannerträger der westlichen Wertegemeinschaft“ für die US-Interessen verheizen lassen. Nicht nur den anderen Kulturkreisen mit europäischer Herkunftsbevölkerung gegenüber, sondern auch bei unseren Beziehungen zu anderen Kulturkreisen (besonders dem chinesischen, dem hinduistischen und dem islamischen) haben wir uns einzig und allein von unseren eigenen Interessen leiten zu lassen.

Gerechtigkeitshalber muß gesagt werden, daß Huntington nicht der erste gewesen ist, der die selbstgefällige Attitüde der US-Amerikaner: „Wir sind die Größten, uns kann nichts passieren!“ in Frage gestellt hat. Ihre Gefährdung, insbesondere wegen Veränderung der inneren Struktur – haben vor ihm James Burnham („The Suicide Of The West“ – 1964) und – unter Darlegung der Gründe für den Verfall – insbesondere William Gayley Simpson („Which Way Western Man?“ – 1978), nach ihm Patrick J. Buchanan („Der Tod des Westens – Geburtenschwund und Masseneinwanderung bedrohen unsere Zivilisation“ – 2002) dargelegt. Solange sie Rufer in der Wüste bleiben, besteht keine Veranlassung, unsere Haltung zu überdenken. Es waren die USA, die durch ihren Eintritt uns zwei Weltkriege verlieren ließen. Die Teilnahme an einem Dritten Weltkrieg der USA würde unser Volk auslöschen.

Was ist für unsere Wirtschaft und Finanzen besser: Die Freundschaft der muslimischen Welt oder die alljährlichen immer wieder erneuerten Forderungen und Zahlungen von Milliarden Euro wegen „Wiedergutmachung“ an immer neuen Holocaust-Fonds? Was ist für unser Selbstbewußtsein schädlicher, die Pflichtlektüre des Tagebuchs der Anne Frank in den Schulen, oder eine muslimische Schülerin mit Kopftuch? Hat die Sterilisierung des gesamten deutschen Volkes ein muslimischer Geistlicher gefordert, oder war dies Nathan Kaufman von der amerikanischen „Friedens-Liga“? Wer stellt die deutschen Soldaten als dumme Schlächter dar, die islamische Filmproduktion oder Hollywood-Regisseure? Wer hat die Wiedervereinigung zu verhindern versucht, der Rat der islamischen Staaten oder der jüdische Weltkongreß? Wer war für die Ermordung von einer halben Million deutscher Zivilisten durch Bombenterror auf die deutschen Städte verantwortlich, ein Kalif oder der aus rassischen Gründen aus Deutschland emigrierte britische Unterstaatssekretär Lindemann? Wer wollte die Zerstückelung Deutschlands und den Hungertod von 20 Millionen, der Großmufti von Jerusalem oder Henry Morgenthau? Wer stand am 14.02.3804 in Dresden beim Trauerzug zum Gedenken an die Bombenopfer am Straßenrand mit jüdischen und amerikanischen Fahnen und den Transparenten: „Bomber Harris, do it again“ und „Oma und Opa waren Täter, keine Opfer“, islamische oder jüdische Einwanderer? Und wer würde sich am meisten freuen, wenn die im zweiten Weltkrieg noch zusammenwirkenden Araber und Deutschen sich in einem erneuten Kreuzzug gegenseitig umbringen würden? Lassen wir uns nicht als Kanonenfutter in einen christlichen Kreuzzug gegen die Muslime hetzen! Vor der muslimischen Zuwanderung nach Deutschland wird von manchen CDU-Politikern gewarnt und deren laufende Erhöhung angeprangert; aber dieselben Herrschaften erlaubten und ermöglichten, daß sich seit 1990 die Zahl der Juden durch Zuwanderung russischer Juden in Deutschland verachtfacht hat (von 33000 auf jetzt 270000 laut Mitteilung der evangelischen Nachrichtenagentur idea). Die Muslime haben sich in Deutschland jedenfalls in den letzten 14 Jahren nicht verachtfacht. Es muß unsere Aufgabe als deutsche Heiden sein, jeglichem Übergreifen des jüdisch-christlichen Fundamentalismus auf Deutschland entgegenzutreten, um unser Volk aus den Religionskriegen der Zukunft herauszuhalten!

Die Großsteingräber von Schleswig-Holstein

  Langbett Karlsminde / Waabs

 Das Langbett von Karlsminde ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der jungsteinzeitlichen Megalithkultur im Ostseeraum. Zu dem um 3500 v.Zw. errichteten Megalithbau/Hünengrab zählen 108 Findlinge und insgesamt drei Grabkammern, die unter einem gewaltigern Erdhügel verborgen lagen. In den Grabkammern wurden zahlreiche Artefakte der Trichterbecherkultur gefunden: Werkzeug, Schmuck und Keramik.  Zwischen 1976 und 1978 wurde das Langbett von Waabs/Karlsminde durch eine ehrenamtliche Arbeitsgruppe restauriert und fachmännisch teilrekonstruiert.

 Nach wie vor rätseln    jedoch Wissenschaftler und Laien gleichermaßen, was     genau das 56 m lange Langbett wohl den Menschen bedeutet haben mag, die in vorgeschichtlicher Zeit an der Ostseeküste lebten. Das Megalithgrab war jedoch unbestritten ein Symbol für die Welt der Toten, bestimmte religiöse Überzeugungen oder auch für soziales Prestige, sei es das der bestatteten Toten oder sei es das der bestattenden Lebenden. Genauere Aussagen über seine prähistorische Bedeutung läßt das Langbett aufgrund fehlender Schriftquellen kaum zu, allerdings gibt uns allein seine imposante Größe Aufschluß über die kulturelle Höhe unserer Vorfahren.

 Langbetten Ruserberg

Das Langbett Ruserberg gehört zu einer Ansammlung von neun gleichartigen Grabanlagen in der Nähe der Hohwachter Bucht, von denen heute noch drei Langbetten von bis zu 50 m Länge erhalten sind – zwei befinden sich direkt hintereinander, eines liegt parallel dazu. alle drei weisen teilweise verschobene

Begrenzugssteine und ein bis zwei Grabkammern innerhalb der Betten auf, bei denen die Decksteine fehlen. Wie bei Langbetten üblich, geht man auch hier von einstigen Erdbedeckungen aus. Zum Fundgut innerhalb der Anlagen zählten Keramikgefäße, Bernsteinperlen und Steingeräte wodurch die auf der Informationstafel als Erbauungszeit angegebenen 2700 – 2500 v.Zw.  einige hundert Jahre zu spät angesetzt sein dürften.

Steinkistengrab Grammdorf

Ein für diese Gegend eher ungewöhnliches Steingrab findet man bei Grammdorf. Es handelt sich trotz seiner Asuweisung als Grosteingrab eher um ein typisches Steinkistengrab, das wesentlich kleiner ist und dessen sechs seitlichen Tragsteine abgeflacht sind. Diese Form tritt in größerer Anzahl weiter südlich, u.a. im Hannoverschen Raum auf und könnte dem späteren Mangel an größeren Findlingen geschuldet sein. Seine Entstehungszeit dürfte um 2500 v.Zw. anzusetzen sein

 Thingplatz bei Gulde

Ein sehr lobenswertes Projekt läuft seit 2003 in Gülde / Stoltebüll, wo auf dem Arltberg (Adlerberg) die steinzeitliche Heimatgeschichte nachgebaut wird. So wurden hier bereits 1980bei Drainagearbeiten ein bronzezeitlicher Urnenfriedhof und Findlinge entdeckt, die zu einem Dolmen gehört haben könnten. 2005 wurde dann daraus ein Dolmen rekonstruiert und in das Geländes des bereits 2003 rekonstruierten Thingsteinkreises eingefügt. Daneben finden sich steinkreisförmige Fundamente sogenannter Jütenzelte sowie ein Runenstein (Bild oben) der zusammen mit einem kleineren Steinkreis dem ursprünglichen Fund eines solchen in 600 m Entfernung von diesem Platz entspricht. Vorbildlich sind vor allem die Informationstafeln die ausführlich über die hier gezeigten Kulturdenkmäler informieren. Am Eingang des ?Heiligen Haines?, der auch Rastmöglichkeiten bietet, steht ein Wächterstein, der nachträglich betonte Züge eines Adlers trägt.

Bevor die Friesen Christen wurden

Wer denkt schon bei Sylt an eine „Insel der Toten“, wer bei Helgoland an einen Göttersitz oder beim Anblick nordfriesischer Inselkirchen an „Heilige Linien“ Michael Engler spürt die oft rätselhaften Kulte vorchristlicher Zeit auf und lädt zu einer Entdeckungsreise durch die Inselwelt zwischen Helgoland und Sylt ein von den steinzeitlichen Monumenten eines längst verschollenen Glaubens bis zu mittelalterlichen Sakralbauten über uralten Tempelorten. Da wird von großräumig in Landschaften angelegten Kalendarien berichtet, von geheimnisvollen Ringwällen und von jahrtausendealten exakten Berechnungen für astronomische Beobachtungen oder von ganzen Dörfern für die Götter. Das heute noch praktizierte — und als touristische Attraktion genutzte — Biekebrennen macht deutlich, dass manch ein „heidnischer“ Brauch die Jahrhunderte überlebt hat, auch wenn der ursprüngliche Sinn längst verloren ging. Ein spezielles Licht- und Aufnahmeverfahren hebt die Kultstätten aus ihrem natürlichen Umfeld hervor und verwandelt auf den ersten Blick kaum wahrnehmbare Spuren in wieder vorstellbare Räume. Legenden und Chroniken — mit nordfriesischen Landschaftsbildern in Szenen gesetzt — versetzen den Zuschauer in jene Zeit, bevor die Friesen Christen wurden.


Das Lied der freien Friesen

Wy eddlen fryen  Fresen
wy syndt nhu also freigh,
denn unser Blut und Wesen
haßt jede Tyrannei.
Tributh woll’n wy nich geven,
ein freigh volck woll’n wy syn.
Wy laten unser leven
für Worstenlandts Gedeihn!
Wir edlen freien Friesen
wir sind nun also frei,
denn unser Blut und Wesen
hasst jede Tyrannei.
Tribut wollen wir nicht geben
ein freies Volk wollen wir sein.
Wir lassen unser Leben
für Wurstenlands Gedeihn!
Aus:  Kurt Heimart-Holscher – Feinde des  Volkes
Die Geschichte der  Wurstfriesen (Westfriesland), die von Römlingen 1557 ihrer Freiheit beraubt  wurden. Der Fremdglaube und der Verrat der Eignen hatte sie besiegt. ergänzend:

Der Friesenaufstand im Jahr 28

Der germanische Stamm der Friesen war von Drusus während seiner Germanienzüge unterworfen worden und mußten wegen ihrer Armut aber nur niedrigen Tribut in Form von Rinderfellen zahlen. Im Jahre 28 nach Christus erschien der römische Tribun Olennius im Gebiet der an der Nordseeküste zwischen Zuidersee und Weser siedelnden Friesen, um mit den Stammesfürsten zu verhandeln. Friesland stand zum römischen Impe­rium in einem beiderseitigen Vertragsverhältnis. Für militärischen Schutz römischer Legionen zahlten die Friesen mit Kriegsdiensten und einem jährlichen Tribut. Der Tribut bestand aus einer bestimmten Menge Ochsenhäuten. Olennius, ein alter Soldat, aber kein Verwaltungsfachmann, befahl, daß die zu liefernden Häute in Zukunft der Größe von Auerochsen entsprechen müßten. Das war eine mehr als harte Forderung. Die wilden Auerochsen waren wesentlich größer als die auf den Weiden gra­senden Ochsen, die einem kleinen, ziemlich unansehnlichen Schlag entstammten. Nach und nach mußten die Friesen ihren gesamten Viehbestand opfern, denn es war unmöglich, so viele Auerochsen zu erlegen.
Das Kastell Flevum lag an der Nordsee, dem damaligen Germanischen Meer ,weit jenseits der offiziellen römischen Reichsgrenze am Rhein. Es zeigt aber auch auf, wie groß der römische Machtbereich in das rechtsrheinische Germanien war

Da die Forderung auch damit nicht erfüllt war, gaben sie ihre Äcker und Wiesen in Zah­lung. Olennius aber sprach immer noch sein erbarmungsloses «Es genügt nicht!«.
Eine Delegation, die ihm vorhielt, daß die Friesen einmal die römische Flotte vor dem Untergang gerettet, sich auch nicht am Aufstand unter Arminius beteiligt und überhaupt ihre Freundschaft zu Rom oft bewiesen hätten, entließ er mit barschen Worten und Drohungen.
Seine Soldaten wies er an, den Zins unter Anwendung brutalster Mittel einzutreiben. Was die Friesen nun tun, scheint unfaßbar: Sie empören sich nicht, stehen nicht auf wie ein Mann, um die Römer zu ver­treiben – sie ziehen mit ihren Frauen und Kindern zur näch­sten Handelsniederlassung und verkaufen sie in die Sklave­rei. Der Erlös soll endlich die Norm erfüllen, die man ihnen gesetzt hat. Und erst jetzt, nachdem die Römer sich noch im­mer nicht zufrieden zeigen, kommt es zum Aufstand. Die Friesen ließen alle tributeintreibenden Soldaten aufhängten und ans Kreuz nageln. Tribun Olennius floh in das Kastell Flevum an der Nordseeküste.
Daraufhin zogen niedergermanische Legionen unter Legat Apronius mit obergermanischer Verstärkung gegen die Friesen, erlitt aber aufgrund schlechter Angriffstaktik große Verluste. Die südlich siedelnden unter römischer Oberheit stehenden Bataver beteiligten sich dabei nicht an dem Feldzug.
„clarum inde inter Germanos Frisium nomen, dissimulante Tiberio damna, ne cui bellum permitteret“ (Tacticus ann. 4,74,1). Als Tiberius von diesem schlecht verlaufenden Feldzug hörte ,verzichtete er auf einen weiteren Vergeltungsfeldzug, wodurch die Friesen für fast 20 Jahre von der römischen Besatzung befreit waren. Das Römische Reich gab dazu noch das rechtsrheinische Friesengebiet auf.
Ein Grund für die ungewöhnliche Nachsicht der Römer waren die in diesen Jahren weit stärkeren inneren Probleme des Reiches, auch weil Tiberius sich aus der Regierung fast völlig zurückgezogen hatte und der eigentliche Machthaber in Rom der Prätorianerpräfekt Seianus war.

Zeitgenössisches Heidentum – Tradition, Kontinuität und Rekonstruktion

wilnort-heidentumZu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen irgendwo in Deutschlands geographischem Herzen etwa 30 junge Menschen beisammen und schweigen. Hier auf einer Waldlichtung sind der Schein der Fackeln und das prasselnde Feuer in der Mitte des Gemeinschaftskreises das einzige Licht, das die ernsten Gesichter der Anwesenden zaghaft erhellt. Zum Fest der Tagundnachtgleiche im Frühling haben sie sich zusammengefunden und begehen es, wie schon die Jahre davor. Der Kultleiter führt die Versammelten durch diese Feier, Sinnsprüche ertönen, Gaben werden als Opfer an die Göttern dem Feuer übergeben, Gedichte werden vorgetragen und ein gemeinschaftliches Mahl abgehalten. Man könnte meinen, daß unsere Altvorderen ihre kultischen Feste in etwa genauso begingen. Schließlich werden dieselben Götter angerufen, dieselben Runen beschwört und selbst der vergossene Met ist augenscheinlich „nach alter germanischer Rezeptur“ hergestellt. Traditionspflege ist angesagt.

Tradition. Welch hehrer Begriff! Welch mißverstandener Begriff! Wie viele Menschen, die sich in irgendeiner Form mit dem mythologischen und realhistorischen Wert des Germanentums auseinandersetzen, haben den Begriff der Tradition in bezug auf das germanische Heidentum wirklich verstanden? Gibt es eine Tradition des germanischen Heidentums bis in die heutige Zeit? Gibt es die Tradition? Kann man diesen Begriff wissenschaftlich absichern und mit ihm sowohl für als aber auch gegen das „Neuheidentum“ Position beziehen? Im folgenden soll die Problematik, welche die Erklärungsgrundlagen des „Neuheidentums“ betrifft, aus undogmatischer, nicht-streng-wissenschaftlicher, aber keinesfalls allzu verklärender Sicht heraus umrissen werden.

Oben beschriebenes Szenario ist zeitgenössische Realität. Dutzende mehr oder weniger klar organisierter Gruppen, die sich der Wiederbelebung des germanischen Heidentums verschrieben haben, finden sich mehrmals im Jahr zusammen, um die Feste der Sonne und des Mondes zu feiern. Wodurch ist nun der Drang zu erklären, sich von der Institution der Kirche und ihrem dogmatischen Glauben zu lösen und sich einer „Glaubensrichtung“ zuzuwenden, die als vermeintlich „überwunden“ galt?

 

olshansky-night-of-a-warrior Die Antwort gibt uns im Prinzip die Jetztzeit. Diese zeichnet sich aus durch eine fortschreitende Auflösung und Nicht-Beachtung gemeinschaftlicher Werte und Institutionen im Kleinen, wie auch im Großen, was vorwiegend negativ zu bewerten ist. Grober Materialismus, Konsumgeilheit, Vortäuschung vermeintlicher Freiheit, die letztlich nur das totale Ausleben triebhafter Ich-Bezogenheit mit sich bringt, Auflösung der Familien- und Gemeinschaftsstruktur zugunsten des Single-Daseins, Abkapselung vom Gedanken an die Heiligkeit der Natur und so vieles mehr sind die Symptome einer Atomisierung der Gesellschaft. Der identitätslose Großstadtbürger in seinem grenzenlosen Fortschrittswahn, kosmopolitisch erzogen und ohne Bindung zu spirituellen Werten ist nicht etwa nur ein polemisches Postulat rechtsradikaler Vergangenheitsverklärer. Er ist soziale Realität.

Daß dieser Menschentypus in zunehmendem Maße abstoßend wirken kann, beweist die Suche vieler Menschen nach einem spirituellen Ersatz, nach einem Gegenpol zum Materialismus, nach religiöser Bindung. Diese Zeit erlebt sowohl den Niedergang der Kirchen als gemeinschaftsförderndes Element als auch das Emporsteigen vermeintlich spiritualitätsspendender Weltanschauungen und Gruppierungen. Nur allzu typisch für diese Zeit der Entwurzelung ist allerdings das Wesen dieser mehr oder weniger neuen Heilslehren: New-Age-Esoterik, fernöstliche Weisheiten und judäo-christliche Erlösungsgedanken bieten – oft genug in den verworrensten Verquickungen – dem sinnentleerten Mensch der Großstadt eine Möglichkeit, seine Sehnsucht nach Spiritualität zu stillen, obwohl sie nüchtern betrachtet kaum etwas mit dem Menschen des Abendlandes zu tun haben. Was verstehen gestreßte deutsche Manager aus Frankfurt a. M. von Jahrtausende alter japanischer Shinto-Tradition? Was haben fehlgeleitete britische Bürokauffrauen aus London mit indischen Yoga-Praktiken zu tun? Was finden verzogene Wohlstandsjugendliche in der oberflächlichen Beschäftigung mit einer Kombination aus den spirituellen Werten der Hopi-Indianer und der Kultur der australischen Aborigines? Vielleicht haben diese Menschen schon den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, vielleicht haben sie ansatzweise erkannt, daß das Anbeten des Götzen Mammon nicht das einzige sein kann, das dem Dasein seinen Inhalt zu geben vermag. Doch wohin schweifen diese Geister? Der – meist kommerziell orientierte – Markt der Esoterik bietet alles an, was exotisch und geheimnisvoll klingt und befriedigt damit das beim modernen Menschen latent vorhandene, durch eine möglichst kosmopolitische Erziehung geförderte Verlangen nach fremden Geistes-, ja Kulturwerten. Wir sehen: auch in den Bereich des Glaubens hielten Stofflichkeit (Konsumorientierung) und der den Menschen in seiner völkisch-artgemäßen Persönlichkeitsentfaltung gefährdende Geistes-Internationalismus Einzug. Der Mensch scheint den Kräften der Jetztzeit, des dunklen zersetzenden Zeitalters in allen Belangen ausgeliefert zu sein.

Was bleibt an Alternativen? Der christliche Glaube – oberflächlich betrachtet traditionell abendländisch – verliert in Mitteleuropa an Strahlungskraft, Frische und Anziehungsvermögen. Für die meisten Menschen ist er zu einem bloßen Relikt in Form der verstaubten, dogmenbeladenen Amtskirche verkommen und allenfalls ein politisch instrumentalisierter Werteträger, weil er „ja eigentlich schon immer da war“. Wirklich tief empfundene Religiosität und Gottschau läßt sich in Hinsicht auf die Masse mit dem Begriff des Christentums heutzutage, zumindest in Deutschland, kaum noch verbinden. Jenseits des Atlantiks findet sich ein alttestamentarischer Auserwähltheitswahn in Kombination mit puritanischer Diesseitsverachtung und panzerkapitalistischer bzw. –imperialistischer Weltverbesserungsethik in einer unsäglichen und gefährlichen Weltsicht wieder. Der Rest der christlichen Herde, vornehmlich in Süd- und Osteuropa, mag an dieser Stelle nicht von Belang für das vorliegende Thema sein und kann getrost mit einem Begriff charakterisiert werden: Sklavenmoral. Neben dem etablierten Christentum buhlen noch zahlreiche Freikirchen und christliche Sekten, sowie der nicht minder universalistische, d.h. kosmopolitische Islam um die nach Transzendenz bettelnden Seelen der weißen Menschen.[Christentum und Islam speisen sich aus ein und derselben vorderasiatischen Quelle. Das sollte klar sein. Doch ist es erstaunlich, wie viele religiöse Motive sich diese beiden Weltreligionen vom Beginn ihrer Entstehung an und im Laufe ihrer Genese von uralten indogermanischen Glaubensmodellen entliehen haben. Überall, wo besonders das Christentum auf ein Volk (einen Stamm etc.) stieß, formte die völkisch-gebundene „Volksseele“ sich den neuen Glauben, in diesem Fall das Christentum, zu einem arteigenen Religionsempfinden um, und zwangsläufig verbanden sich vorchristliche heidnische Einflüsse mit den neuen Ansätzen zu einer stets von Volk zu Volk unterschiedlichen Volksreligion und Volksfrömmigkeit. Das stil- und charakterprägende völkische Prinzip ist also selbst im Christentum von höchster, ja absoluter Wichtigkeit. Diese kurze Erörterung ist für den weiteren Verlauf nicht unwichtig.] Ob für diese Menschen jedoch die in ihrer Konsequenz aggressiven, ihre absolute Alleingültigkeit verteidigenden Fremdlehren vom Sinai der richtige, besser: vernünftige Weg sind, um ihrem Dasein religiöse Ordnung zu verleihen, soll hier nur als rhetorische Frage im Raum stehen bleiben. Die Antwort ist für den freiheitsliebenden, undogmatischen Menschen klar…

Wir haben bisher versucht aufzuzeigen, daß innerhalb des Spektrums der verschiedenen, von der heutigen Gesellschaft akzeptierten Religionen oder „spirituellen“ Lehren keine einzige religiöse Weltsicht vorhanden ist, die den Kern eines deutschen Menschen, sein Wesen und seine Art wirklich anspricht. Keine der genannten Religionsformen ist blutgebunden, keine ist auf den germanischen Menschen zugeschnitten. [Der Artikel bezieht sich auf die Situation in vorwiegend germanisch bestimmten Ländern. „Germanisch“ soll in diesem Zusammenhang in erster Linie als sprachwissenschaftlicher und religionsgeschichtlicher Begriff verstanden werden. Um dem Begriff „germanisch“ eine biologische Bedeutung zu verleihen – was an dieser Stelle bewußt der Fall sein soll-, muß man zuerst verstehen, daß es keine „germanische Rasse“ gibt. Jedoch gibt es den „Nordischen Rassetypus“, der als Träger germanischer Kulturwerte (im sprach- und religionsgeschichtlichen Sinne) gilt und durch sein wanderungsbedingtes Auftreten im Blut der europäischen Menschen (natürlich stärker ausgeprägt in Nord- und Mitteleuropas) diesen Kontinent unvergleichlich stark prägt. So ist der Anteil „nordischen Blutes“ in Ländern wie Deutschland, Holland, Dänemark oder Schweden besonders hoch und erklärt somit das Vorherrschen germanischer Kultur in diesen Ländern, im Gegensatz zu „romanisch“ bestimmten Ländern oder Völkern im Süden bzw. Osten Europas. Vgl. hierzu Hans F.K. Günther: Der nordische Gedanke unter den Deutschen, München 1927.] Warum sollten da junge Menschen, die sich den Auswüchsen dieser Verfallszeit nicht beugen wollen, nicht den direkten, ehrlichen Weg wählen und sich mit den eigenen Wurzeln auseinandersetzen?

Die Auseinandersetzung mit den schriftlichen Überlieferungen germanischen Heiden- und Heldentums, wie sie beispielsweise in den eddischen Schriften, in den nordskandinavischen Sagas oder im Nibelungenlied [Das in mittelalterlicher, christlicher Zeit niedergeschriebene Nibelungenlied weist natürlich etliche christliche Motive auf, zeugt jedoch – wie auch das Hildebrandslied – über  weite Strecken von germanischer Geisteshaltung. Einwände, die den christlichen Charakter solcher Schriften (dazu zählt auch die jüngere und ältere Edda) wegen ihrer mittelalterlichen Aufzeichnungszeit überbetonen, zählen wenig. Der Kern dieser Werke bleibt ethisch und philosophisch betrachtet stets germanisch. Von vorderasiatisch judäo-christlichem Ethos ist in ihnen nichts zu spüren.] zu finden sind, führen den Suchenden erst einmal heran an den Kosmos germanischer Ethik. Ein Siegfried von Xanten und ein Hagen von Tronje vermögen junge Menschen doch wohl eher zu einer wertvollen Charakterbildung hin zu inspirieren als ein Jesus von Nazareth. Der Mut Siegfrieds und die Treue Hagens wirken positiver auf gedeihende junge Seelen ein als das Bild eines am Kreuze leidenden, uns in seiner Stammeszugehörigkeit fremden und in seiner widernatürlichen Passivität feindlichen Vorderasiaten. Ist dann die Grundlage geschaffen, die man braucht, um germanisches Wesen in früherer Zeit zu begreifen, steht einer Vertiefung in den mythologischen Stoff der germanischen Religion nichts mehr im Wege. In dieser Mythologie, die schließlich von Menschen unserer Wesensart geschaffen wurde, spiegelt sich das Jahrtausende alte Wissen um die Geheimnisse des Lebens, ja der kosmischen Ordnung – in die herrlichsten Sinnbilder und Geschichten verpackt – wieder. So wie die charakterlichen Eigenschaften unserer Ahnen beschaffen waren, so wurden auch die Götter von denen, die sie verehrten, mit Eigenschaften bedacht, ohne daß die Archetypen, die von den Götter repräsentiert wurden, verfälscht wurden. Die Beziehung zwischen Menschen und Göttern war lebendig. Die Beziehung zwischen den Menschen und der Natur (deren Kräfte die Götter ebenfalls symbolisieren) war lebendig. Die Weltsicht des germanischen Menschen war – auf den Punkt gebracht – lebendig! Was aber Jahrtausende gewachsen ist, kann nicht mit einem Male verschwinden. Das Christentum lagerte sich nur oberflächlich auf den Geist des germanischen Menschen. In ihm schlummerte, was früher lebendig war und was nie gänzlich verleugnet werden konnte. Und so verwundert es niemanden, daß in den letzten 250 Jahren das Bewußtsein um das Versagen des unmenschlichen, weil lebensverneinenden Christentums zunahm und freie, große Geister wie Goethe, Nietzsche oder Hegel eben diesem Christentum – jenseitsverliebt, rechthaberisch und mit dem Makel der Inquisition und anderer Verbrechen versehen – im innersten abschworen.

Wenden wir uns dem Vorwurf der blutarmen und verwerflichen Rekonstruktion germanischen Heidentums zu, der vor allem von den Vertretern der Amtskirche, von Geisteswissenschaftlern und Medienleuten oft genug ins Feld geführt wird. Ihre Argumentation stützt sich auf der Annahme, daß ein vermeintlich „überwundenes, totes Heidentum ohne Kontinuität“ nicht wiederbelebt werden dürfe, da sich ja das Christentum als die stärkere Religionsform erwies und erst die kulturelle Entwicklung des Abendlandes, ja gar der ganzen Welt vorantrieb, so daß der christliche Glaube nun für immer als der einzige in (zumindest) Europa zu gelten hat. Ferner ließen sich urgermanische Rituale nicht rekonstruieren und damals benutzte Symbole nicht mehr mit Sinn füllen, da die entsprechenden schriftlichen Quellen aus damaliger Zeit fehlen. Des weiteren wird die Hinwendung eines jungen Menschen zum germanisch-heidnischen Glauben schon deshalb lächerlich gemacht, argwöhnisch beäugt und somit in Frage gestellt, weil diese Hinwendung, oder besser: dieses Wiedererkennen ja nur aus einer wie auch immer gearteten „Verirrung“ heraus geschieht, aus „jugendlicher Ziellosigkeit“ und aus Gründen „subkulturellen Modeerscheinungen“. Letzten Endes sind es eine Vielzahl von Argumenten, denen sich die (vor allem jungen) Menschen heidnischer Lebenssicht ausgesetzt sehen müssen. Sicherlich ist eine gewisse „Verirrung“ der Grund für das Wiederaufkeimen heidnisch-germanischer Weltanschauung. Doch diese Verirrung ist ganz allein das Resultat einer krassen Fehlentwicklung Europas, die in Form geistiger Versklavung und Verdörrung der Völker erst durch das Christentum, dann durch diverse politische und wirtschaftliche Philosophien wie den Liberalismus, den Kapitalismus, den Kommunismus, kurz: den groben Materialismus des Geistes eintrat. Ja, der heutige Mensch ist „verirrt“. Er ist entwurzelt, zerrissen und abgenabelt…von seinem Ich, von der Natur! Analog dazu sind die Kerneinheiten Familie und Volk innerlich im Begriff, sich aufzulösen. Und da wundern sich die Autoritäten, wenn der germanisch-heidnische Glaube eine Renaissance erlebt? Und diese Renaissance ist nicht blutarm! Sie wird gespeist durch die Zuversicht und die Energie junger Menschen. Wir Heiden von heute haben das Recht und die Pflicht etwas weiterzuführen, was einmal blutvoll glühte! Der germanische Glaube lebt mit den Menschen, die ihn in sich tragen und bei aller Zustimmung zum Postulat des „ständigen Wandels aller Dinge“ behaupten wir, daß eine religiöse Tradition niemals tot, sondern nur verdrängt sein kann, weswegen wir ja nichts anderes tun, als ein religiöses System in ein neues Jahrhundert zu führen und mit Leben zu füllen. Das bedeutet aber auch, daß wir als Menschen des 21. Jahrhunderts natürlich andere Vorraussetzungen und Möglichkeiten haben, unser Heidentum zu leben. Wir leben in einer technisch hoch stehenden Zivilisation und warum sollten wir uns nicht die technischen Errungenschaften zu nutze machen? Wir benutzen Autos, das Weltnetz und Mobiltelefone, doch haben diese Dinge nichts mit einer gewissen heidnischen Grundeinstellung zu tun, solange alles in Maßen benutzt wird und sowohl die Natur als auch unser Körper und Geist nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Achtung und Wahrung der zuletzt genannten wesentlichen Elemente unseres Lebens ist echtes Heidentum! Ihre Nicht-Achtung und Nicht-Wahrung ist Verfall, ist lebensfeindlich! Wir jedenfalls haben unser Heidentum in unseren Alltag integriert, so wie dieses religiöse Empfinden auch sozialer Alltag unser Ahnen war. Die verschiedensten Aspekte der religiösen Weltsicht unserer Altvorderen wurden von diesen auf ihre Art interpretiert, und so interpretieren wir dieselben Aspekte auf unsere Art und Weise, ohne daß beide Möglichkeiten der Interpretation zu stark voneinander abweichen. Was im Blut, im Wesen unserer Ahnen schon diese spezielle, nordische, germanische Art und Weise der Reflektion aller Dinge, ja des Lebens an sich bedingte, kann in unserem Blut und unserem Wesen nicht völlig erloschen sein!

 

yavolod-reichsburg-trifels Ein Beispiel: Für die vorchristlichen germanischen Stämme mit ihrer agrarisch bestimmten Lebensrealität war die Sonne von immenser Bedeutung für ihr Überleben, weil sie als Licht- und Wärmespenderin das Wachsen der Vegetation und somit die Sicherung der Nahrungsgrundlagen der Menschen garantierte. So genoß das höchste Gestirn eine entsprechende kultische Verehrung und verschiedene, auf die Sonne bezogene Symbole wurden ersonnen. Wir in der heutigen Zeit sind zwar auch noch von der Kraft der Sonne abhängig, doch ist die direkte Verbindung Sonne – Acker – Nahrung für die meisten von uns nicht mehr bestimmend. Jedoch erschließen sich uns in Hinsicht auf die Sonne durch die Beschäftigung mit der Weltsicht der (indo-)germanischen Tradition [Wir merken hier explizit an, daß das germanische Heidentum ein wesentlicher Bestandteil der indo-germanischen Tradition ist, um dem unbedarften zu verdeutlichen, daß es ein gewisses weltanschauliches Band gibt, das unsere germanische Weltsicht mit beispielsweise der alten hellenischen, persischen oder keltischen verbindet, was uns wiederum neue (eigentlich ja alte), wertvolle, religiös-philosophische Erkenntnisse für die Gegenwart und Zukunft verschafft.], also mit unserer traditionalen Geistesgeschichte, neue philosophische und esoterische  Bedeutungshorizonte. Das Symbol der Sonne und somit auch die Sonne an sich bedeuten uns „Dynamik“, „Leben“, „Männlichkeit“, „Zentrum“ etc. und stehen den alten, vermeintlich primitiveren Vorstellungen von der Sonne definitiv nicht konträr gegenüber. Weil wir uns weiterentwickeln, wird sich auch der heidnisch-germanische Glaube weiterentwickeln ohne den Grundton zu verlieren, der unsere Seelen erklingen läßt, denn unser Götterglaube ist ein lebendiger Glaube, ein lebendiges Wissen um das Leben an sich! Wir tragen das Erbe der Vorväter einer Fackel gleich und führen es weiter und weiter, weil wir begriffen haben, daß wir ein Glied in einer (biologischen) Kette sind und Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden. Das ist unsere Pflicht! Wir „Neu-Heiden“ rekonstruieren das germanische Heidentum nicht, wir konstruieren es nach unserer Art, nach unserem Wesen. Das ist unsere Antwort auf den Vorwurf der bloßen Rekonstruktion. Dieses Konstruieren oder Neu-Erkennen umschließt natürlich ebenso die Art und Weise, wie wir unsere Kultfeiern gestalten oder wie wir die Gestalten unserer Götter begreifen: Das rituelle Feuer und das Miteinbeziehen höherer Kräfte waren beispielsweise Elemente, die den Sonnenfesten der Altvorderen zu eigen waren, und auch wir beziehen sie mit in unsere frei gestalteten Feiern ein, doch wollen wir keine „Germanenfeierei“ „nachäffen“, sondern nehmen uns das Recht heraus, unsere in uns ruhende germanische Schöpferkraft zu verwenden und aus dieser heraus eigene Feierabläufe zu kreieren. Was die Betrachtung unserer Götter betrifft, so sind wir sicherlich den Schilderungen der Eigenschaften dieser Götter in den eddischen Schriften hauptsächlich unterworfen, weil sie unser Bild von Wotan, Donar, Frigga oder Loki stark prägen. Nichtsdestotrotz erhalten wir durch die Beschäftigung mit unserer (indo-)germanischen Tradition, mit der Lektüre religionsgeschichtlicher Fachliteratur und psychologischen Werken verschiedenste Anregungen, um die Göttergestalten mit unserem erworbenen, „modernen“ Wissen zu interpretieren. [Beispielsweise wird uns der Wandel der Gestalt Odin-Wotans vom Toten- und Sturmgott hin zum Wanderer und Dichtergott erst durch wichtigen Religionswissenschaftler und Germanisten wie De Vries, Golther, Dumeziel oder Neckel vor Augen geführt, was unsere Sicht auf die Götter genauso beeinflußt wie die Archetypenlehre von C.G. Jung.] Dabei ist es von absoluter Bedeutung, daß wir uns bei allen Betrachtungen und bei allen Versuchen der Weiterbildung (die ja nur das Fundament unserer Weltsicht sein kann) hinsichtlich der Geschichte unserer (indo-)germanischen Tradition auf verläßliche Quellen berufen können. Das soll heißen, daß eine archäologisch oder philologisch abgesicherte Quelle uns das nötige Wissen um unsere Vorzeit liefert, während eine eher spekulative Schrift uns nur zu inspirieren vermag. [Ohne die Leistung hinsichtlich der Verbreitung germanischer Ethik schmälern zu wollen, seien diesbezüglich vor allem jene Werke genannt, die den Bereich der reinen Esoterik und/oder persönlichen Deutung – mit dem Anspruch nach Unfehlbarkeit versehen – oftmals nicht verlassen. Beispiele sind zahlreiche Schriften von Marby, v. List, Tiede, Lanz v. Liebenfels, Aswynn oder Gorsleben.] Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen: Diejenigen Geisteswissenschaftler, die durchaus bemüht sind, die Quellen des vorchristlichen Germanentums freizulegen und uns damit, wie gesagt, helfen, sind zumeist auch die, – das erwähnte ich  ebenfalls – deren Anliegen es ist, uns den Rekonstruktions-Vorwurf entgegenzuhalten. Zumindest die Geisteswissenschaftler moderner Prägung (die 68er-Generation läßt grüßen) sind alles andere als germanophil wenn es darum geht, den Wert des vorchristlich-germanischen Kulturschaffens und dessen Quellen für unser heutiges Volkstum zu erkennen. [Doch sollte dies allerdings nicht die tatsächliche wissenschaftliche Leistung dieser Leute, von der wir profitieren, in Frage stellen.] Erkannt haben dies die längst verstorbenen Forscher der älteren Generation, und damit sind wir an einem Aspekt angelangt, der uns hinsichtlich germanischer Kulturwerte immer wieder abgesprochen wird: der Kontinuität. Grob gesprochen ist die moderne Auffassung von Kontinuität innerhalb der zeitgenössischen Geisteswissenschaft folgende: Liegen zeitlich zwischen dem quellenmäßig abgesicherten Erscheinen eines Kulturmusters (in heidnischer Zeit beispielsweise) und dem selben, durch den Wandel der Zeit nur gering veränderten Muster nicht mindestens ein Dutzend schriftlich fixierte Aufzeichnungen über dieses Muster vor, so kann unmöglich von einer Kontinuität gesprochen werden. Das ist eine moderne Kontinuitätsauffassung. Das ist eine Zeitgeist-unterworfene, also ideologische Auffassung und somit eine Anschauung, die darauf zielt – der Zeitgeist will es so – uns von unseren Wurzeln komplett zu scheiden! Natürlich verändern alle Kulturwerte und –muster ihre Gestalt, doch lassen sich in beinahe jedem Fest, in jedem Sinnzeichen, in jedem Brauch und jeder volksreligiösen Handlung noch Reste germanischer Frömmigkeit erblicken, auch wenn sich die christliche Ascheschicht und die Kraft der Zeit über diese Muster gelegt und dieses modifiziert haben. [Ein Paradebeispiel ist das Osterfest. Die christliche Liturgie sieht allein die vermeintliche Auferstehung Christi und das jüdische Passah-Fest als die Grundlagen dieses Festes an, ohne zuzugeben, daß vorchristliche Fruchtbarkeits- und Frühjahrskulte den Ursprung für das hiesige feiern von Ostern bieten. Sicherlich sind an schriftlichen Aussagen über Fruchtbarkeitsgöttinnen nur die von Tacitus und Beda Venerabilis überliefert. Dennoch verweist allein schon die Etymologie (Wortherkunft) der von Beda für den angelsächsischen Raum erwähnten Ostara/Eostre auf ein Fest zu Ehren einer Fruchtbarkeitsgöttin hin, da die indogermanische Tradition verschiedene, etymologisch mit Ostara/Eostre verwandte Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsgöttinnen kennt, wie z.B. Eos oder Astarte.] Wir sagen: Wie ein roter Faden ist germanisch-deutsches Wesen in das Groß unsere Feste, Sitten, Sagen und Bräuche eingewoben. Es gibt eine Kontinuität, auch wenn diese sich nicht an zig verschiedenen Schriftquellen festmacht, sondern sie sich erahnen, erfühlen, erschließen läßt. Diese Auffassung steht im übrigen nicht widersprüchlich zu der oben getroffenen Feststellung, daß wir auf wissenschaftlich fundierte Quellen zur Altgermanischen Religionsgeschichte zurückgreifen sollten, um selbige besser verstehen zu können und daß wir nicht allzu leichtgläubig irgendwelche Deutungen oder Vermutungen in uns aufnehmen sollten. Im Gegenteil: Je mehr Quellen zu unserer Kulturgeschichte, um so besser! Doch lassen wir uns nicht einreden, daß es keine Reste germanischer Kultur mehr gibt und jegliche Kultur sowieso aus dem mediterranen Raum oder dem Morgenland kommt. Wir sind nicht blind und erkennen den germanischen Fruchtbarkeitsbrauch im heutigen Questenfest, die Göttin Holda im Märchen von Frau Holle, die germanische, zur Wintersonnenwende gelebte Sonnenverehrung im sog. „Johannisfeuer“ oder die Gebo-Rune in der Sitte, das Besteck gekreuzt auf den Teller zu legen, wenn man Nachschlag erwartet. Wo germanisches Wesen in Kulturmustern vorhanden ist, erkennen wir es auch und verteidigen es gegen die Widrigkeiten dieser zersetzenden, weil „kosmopolitischen“, Zeit. Das ist unsere Kontinuität, das ist unser Traditionsbewußtsein!

Heide zu sein, bedeutet, Altes zu wahren und Neues zu schaffen; sein Wesen und seine Wurzeln zu (er)kennen und getreu diesen Grundlagen zu denken, fühlen und handeln. Es bedeutet, dem Geist dieser Zeit abzuschwören und die technischen Errungenschaften der Moderne kritisch zu prüfen, ohne jedoch diesen von vornherein abzusagen. Wir sind keine „Neuheiden“, weil wir als Menschen nie „Christen“ waren und darum nicht „neu“ vom Christen zum Heiden mutierten. Der germanische Mensch ist von Natur aus ein Heide, ein freier Mensch. Er wird erst durch fremde Lehren zum „Christen“ umfunktioniert. Wir sind auch deshalb schon keine „Neuheiden“ im historischen Sinne, weil es immer Heiden gegeben hat! Wo immer germanische Menschen sich ihre Frömmigkeit dem heiligen, dem Leben gegenüber bewahrt haben, wo immer germanische Menschen die Erde und den Kosmos erforschen wollten, wo immer germanische Menschen sich’s trauten, die tiefsten Geheimnissen des Lebens auf den Grund zu gehen, wo immer germanische Menschen für die Freiheit ihrer Sippe, ihres Volkes kämpften und starben, wo immer germanische Menschen hart arbeiteten und das Diesseits bejahten… überall da waren Heiden zu finden. Sie waren Ketzer gegenüber der christlichen, todesverehrenden Lehre vom „irdischen Jammertal“, von dem es nur Erlösung für den Schwachen und Sündigen durch den am Kreuze verendeten Vorderasiaten Jesus von Nazareth gibt. Wir können uns nur selbst erlösen und das durch den Beweis unserer Tat- und Schöpferkraft in diesem Leben unter Wahrung der heiligen Natur. Vom kleinsten Bauern bis zum größten Geiste haben das die meisten germanisch bestimmten Menschen Europas erkannt oder erfühlt und somit – ob bewußt oder unbewußt – das christliche Büßergewand abgeworfen und sich als das herausgestellt, was sie von Geburt an eigentlich waren: Heiden im besten Sinne! An uns liegt es nun, mit dem klaren Bewußtsein, ein von indogermanischer Tradition geprägter freier Mensch zu sein, dies auch in die Welt zu tragen und eine Festung germanischer Ethik darzustellen, die dem Ungeist der jetzigen Zeit trotzt und Inspiration für die uns umgebenden Menschen spendet.

Die weisen Frauen Hagedisen – Hexen

Hagedisen Hexen Die erfolgreiche Vorgehensweise und die überzeugenden Ergebnisse der heilkundigen Frauen stellten eine große Bedrohung für das aufkommende Christentum, sprich die Kirche dar.

Denn diese Frauen verließen sich mit ihren außergewöhnlichen Begabungen eher auf ihre Sinne und Erfahrungen als auf die Gebote des Glaubens. Versuch und Jrrtum lehrte sie Ursache und Wirkung zu erkennen. Sie Forschten rege, vertrauen auf ihre Fähigkeit, die richtigen Mittel zur Behandlung von Krankheit, Schwangerschaft und Geburt zu finden und einzusetzen. Sie besaßen ein unerschöpfliches Wissen bezüglich der Heilpflanzen und ihrer mengenmäßigen Anwendung, entscheiden doch schon einige Milligramm eines Pflanzenstoffs über Leben und Tod.

Die Kundigen konnten mit Hilfe der Pflanzen Leben verkürzen oder verlängern, Schmerzen lindern, Menschen in die Ewigkeiten geleiten, Geburtensteuerung betreiben, Geburten erleichtern. Diese Frauen –die Hagedisen- waren den Kirchenfürsten ein Dorn im Auge. Deren auf das Jenseits gerichtete Lehre, mit ihrer Körper und somit medizinfeindlichen Gesinnung, verhinderte die Entfaltung der überlieferten Heilkunde. Verdeckt und heimlich arbeiteten unsere Frauen weiter. Ihre Erfolge wurden jedoch als Zauberei und Teufelswerk ausgelegt. Es war (angeblich) um 400 n. Ch. als der Teufel durch Papst Augustin aus der Taufe gehoben wurde.

Mit seiner Lehre vom Reich des Guten und Reich des Bösen wollte er den Heidengöttern den Garaus machen. Er verwies sie als Dämonen in das Reich des Bösen. Damit begann eine unheilvolle Entwicklung.

Durch christliche Zutaten grässlich entstellt wandelte sich das ehrwürdige Heidentum zum Aberglauben, die einst angesehenen Hagedisen aber machten sie zum Verbündeten des Teufels,…aus (guten) Hagedisen wurden (böse) Hexen. Die tatsächliche Hexenverfolgung begann allerdings viel, viel später. Ein Buch brachte die Lawine erst richtig ins Rollen: – Der Hexenhammer -! Zwei Dominikanerpater, Jakob Sprenger, päpstlicher Inquisitor für die Rheinlande und Heinrich Institoris, Inquisitor für Oberdeutschland, verfasste als geliebte Söhne von Papst Innozens 8. zur Anleitung auf die Hexenjagd 1487 den Malleus maleficarum, eben den Hexenhammer.

Dieses klassische Handbuch der Hexenlehre besteht aus drei Teilen. Im ersten wird auf die Zauberei, die Rolle des Teufels und der Hexen eingegangen. Im zweiten Teil werden die von Hexen verübten Fälle von Schadenszauber aufgeführt und im dritten Teil werden die Anleitungen für die Prozessverläufe und die Arten der Ausrottung vorgestellt.

Es ist ein unvergleichlicher Vernichtungsversuch von erstaunlicher Gründlichkeit. Die Jagd nach dem Hirngespinst- Hexe- ist einzigartig in der Weltgeschichte, ja man kann hier von einer Massenhysterie sprechen. Die Hingerichteten wurden Opfer einer Erfindung der Katholischen Kirche, doch schlossen sich die Protestanten in nicht minder grausamer Form an. Die Verfolgungen waren gut organisierte Feldzüge, angefacht, finanziert und durchgeführt von Kirche und Staat. Waren es anfangs die weisen Frauen und Hebammen aus der bäuerlichen Bevölkerung, so konnte es später ausnahmslos jede treffen – von Nichtsesshaften über achtsame Bürgersfrauen bis zur Fürstengattin und deren Hofdamen. Zu Beginn war es ausschließlich die Geistlichkeit, welche die Verfolgung betrieb. Später beteiligten sich weltliche Herrscher nebst Juristen und Medizinern mit gleichem Eifer.

Der Hexenwahn erreichte erschreckende Ausmaße. Im späten 15. und im frühen 16. Jahrhundert wurden Abertausende gefoltert und hingerichtet, gewöhnlich bei lebendigen Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein Zeitzeuge schätz die Hinrichtungen in bestimmten deutschen Städten auf 600 im Jahr; 2 je Tag – mit Ausnahme der Sonntage! In zwei Dörfern des Bistums Trier blieb im Jahr 1585 nur jeweils eine weibliche Person am leben.

Die Gesamtzahl der Hinrichtungen ging nach Angaben vieler Chronisten europaweit in die Millionen. alte Frauen, junge Frauen und Kinder. Hexenprozesse waren Angelegenheit der örtlich zuständigen Priester oder Richter. Jeder, der es unterließ, eine Hexe anzuzeigen, musste ebenfalls mit Strafen rechnen. Wurde ein Fall von Hexerei verhandelt konnte der Prozess dazu genutzt werden, weiter Hexen aufzuspüren.

Sprenger und Institoris gaben genaue Anleitung für die Folter zum Erzwingen von Geständnissen und weiteren Anschuldungen. Noch zum Ende des 16. Jahrhundert verurteilte ein einziger Hexenrichter, Remigius mit Namen, 800 Frauen in Lothringen zum Tod am Scheiterhaufen. Der Vollständigkeit halber sollte jedoch erwähnt werden, das es durchaus auch Widerspruch innerhalb der Kirche gab. Einwände waren jedoch erfolglos und gingen in der schon Graffierenden Unruhe unter; wie bei Thomas Müntzer, der seines Amtes enthoben wurde, aber weiterhin mit anderen Geistlichen in Sachsen-Anhalt und Thüringen versuchte, gegen die Hexenverfolgung anzugehen.

Die letzten Hexenmorde tauchte in Deutschland immerhin noch 1763 auf. Somit währte die Hexenverfolgung mehr als drei Jahrhunderte und erstreckte sich über Deutschland, Frankreich, England und andere Länder. Sie nahm ihren Anfang im Feudalismus und dauerte unter ständiger Verschärfung bis weit in die Zeit der so genannten Aufklärung hinein. Doch im Grunde hat der harte Kern der katholischen Kirche seine Vorstellungen längst nicht aufgegeben. Es gibt bis auf den heutigen Tag die Exorzisten; Geisterbeschwörer und Teufelsaustreiber……

ergänzend eine pdf von Gernot L. Geise; Die weisen Frauen hexen

 

Kampf um Europas religiöse Identität

krebs-identitaet-coverMut zur Identität Alternativen zum Prinzip des Gleichheit / hrsg. Von Pierre Krebs.ISBN 3-922314-79-1© Pierre Krebs, 1988

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.

Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.

Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!

Zerstörung und Erneuerung

„Jedes Seiende ist nicht nur in seinem eigenen Sein ganz es selbst —
Es begehrt nichts anderes zu sein, als was es ist,
und will kein anderes sein —
In jedem anderen aber kann es sich nur eigentlich repräsentieren.“1

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Es ist der deutsche Philosoph Nikolaus Cusanus, 1401 in dem Weinort Kues an der Mosel geboren und 1464 als Kardinal und Generalvikar von Rom und also als zweiter Mann nach dem Papst Pius II. einen Tag vor diesem seinem Freund in Rom gestorben, der seine tief religiös begründete Erkenntnis von der unendlichen Ungleichheit alles Seienden mit seiner Überzeugung vom Willen und Anspruch eines jeden auf Selbstsein und Selbstidentität verbindet. Ohne dieses Selbstsein kann der Mensch nicht im eigentlichen Sinne existieren. Denn als Folge ihrer Verschiedenheit gelangen die Menschen „nur durch unterschiedlichen Zugang“ zur göttlichen Wahrheit.

Dies war ein massiver Schlag gegen den mächtigen Bau der „allumfassenden“ katholischen Kirche, der auf den Auftrag zur Universalität und auf der allgemeinen und absoluten Geltung ihrer für alle verbindlichen Dogmen gegründet war. Skandalöser freilich war, daß der Schlag geführt wurde von einem der Ihren aus dem Kreis des Heiligen Kollegiums selbst in einer dem Kardinal Cesarini vom derzeit päpstlichen Legaten, seinem Studienfreund Nikolaus Cusanus, gewidmeten Schrift. Daß sie ohne Wirkung, aber auch ohne die üblichen Folgen an Leib und Leben für ihren ketzerischen Autor blieb, lag an dem humanistischen Luftzug, der den Vatikan durchwehte und derzeit theologische Besorgnisse durch das Schwelgen in einem hohen Ästhetizismus und in der Lektüre Vergils und Homers gründlich vertrieben hatte. Daß die häretische Abweichung sogar innerhalb der Hierarchie sich zu Wort wagte, war zwar neu, aber unter Gesinnungsfreunden ohne Belang.

I   Zerstörung der religiösen Identität

Bekehren heißt „Unmögliches fordern“

Und Proteste erhoben sich, seit die Kirche den Fuß über den Limes gesetzt hatte. Dabei war es um jenes heiligen Zieles willen, alle Menschen dem Heil zuzuführen, nicht zu umgehen gewesen, daß sie, um der harten Widerstände Herr zu werden, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln Identität zertreten hatte. Widerspruch, Weigerung sprechen unüberhörbar aus den jammervollen Briefen des Bonifatius2 an den Papst, in denen er seinem Ärger in erschütternden Klagen über die „halsstarrige“ Ablehnung freien Lauf läßt, mit der die „ungeschlachten Barbaren“ sich gegen seine „Bekehrung“ zur Wehr setzen: „Überall Mühe und Kummer! Außen Kämpfe, innen Furcht!“ klagt er und bekennt in der „Beklemmung seines Herzens“ dem Bischof von Winchester: „Für uns gibt es nicht nur nach dem Ausspruch des Apostels ,außen Kampf und innen Furcht’, sondern auch innen Kampf und Furcht!“ und empfängt von ihm aus England, wo man ähnlich herbe Erfahrungen mit dem „unbändigen barbarischen Sinn der Angeln“ gemacht hat, in seiner Verzweiflung Ratschläge, „wie es dir nach meinem Dafürhalten am besten und raschesten gelingen könnte, die Halsstarrigkeit des unbelehrten Volkes zu brechen, indem du ihnen den eigenen Glauben als ,Schmutz und Sünde’ vorhältst, gegen die allein die Taufe helfen kann“.

Als der norwegische König Hakon der Gute, der als Ziehsohn des englischen Königs „gechristet“ ist, auf dem Thing in Drontheim gebietet, das Christentum anzunehmen, erheben die Norweger erregten Widerspruch gegen das Ansinnen, „daß wir unseren Glauben ablegen sollen, den unsere Väter vor uns gehabt haben und alle Voreltern, zuerst im Bronzezeitalter und dann jetzt in der Zeit der Hügelgräber, und sie sind um vieles vornehmer gewesen als wir — und dieser Glaube hat uns doch getaugt!“ Sie schwören, dem König ihr Leben lang zu folgen und ihn in Ehren zu halten, wenn er nicht Unmögliches von ihnen fordere. „Wenn Ihr aber diese Sache mit so großer Strenge aufnehmen wollt, dann haben wir Bauern den Entschluß gefaßt, uns von dir zu trennen und einen anderen Führer zu wählen, der uns derart führt, daß wir in Freiheit unseren Glauben zu behalten vermögen, den wir wollen.“3

Europa empört sich gegen die „Beschmutzung“ der Seele

Aber schon im 4. Jahrhundert züngeln die ersten Flammen der Auflehnung in Trier empor und breiten sich in Windeseile über ganz Gallien aus, Flammen der Empörung über die Verachtung und „schmutzige Verdunkelung“ der Sippe und Ehre und der eigenen, plötzlich für sündig erklärten Seele. Dazu greift die Abneigung gegen die „lichtscheuen Männer“ um sich, die um der Sündigkeit der Welt willen freiwillig elend seien und „die Gottheit sich am Schmutz weiden lassen“, und macht sich in offener Feindschaft und Gewalt Luft. Währenddessen reckt sich in Rom der erste gewaltige, die Kirche erschütternde Protest eines Mannes aus dem hohen britischen Norden empor, der mächtige Widerspruch des germanischen Denkers Pelagius, der es wagt, den großen Augustin herauszufordern, sich dem geistigen Rom entgegenzusetzen, ja dem Apostel Paulus und seiner Lehre von der sündig geborenen Seele zu widersprechen. Und obwohl in dem gigantischen Kampf dieses einen gegen eine etablierte Weltmacht, in dem die Waage sich schon auf seine Seite zu neigen beginnt und nur reine Macht entscheidet, Pelagius unterliegt, breitet sein Protest sich aus, innerhalb der Kirche selbst, in Italien zunächst, steckt Gallien an, Irland, England, ganz Westeuropa und ging niemals ganz unter. Pelagius aber war nur der erste eines durch alle Jahrhunderte bis in die Gegenwart und durch alle Völker Europas gehenden, hier und da aufstehenden, nie verstummenden Widerspruchs gegen die Lehren der Kirche4.

Eine psychische Vergewaltigung größten Ausmaßes

Warum wehren sich Menschen gegen die Zumutungen einer Glaubenslehre, die nicht ihrer Welt entstammt? Warum nehmen sie Nachteile, Strafen, Verfolgung, sogar den Tod auf sich, um einer Glaubensthese zu widersprechen und aus innerster Überzeugung ihren eigenen Glauben zu leben? Und warum verlassen heute so viele Menschen die Kirchen, sofern sie religiöse Gründe geltend machen? Religion ist ein Wesenszug jedes Menschen. Doch alle Menschen erblicken das Göttliche von ihrem Standort aus auf je verschiedene Weise5. Gleichsam wie eine Stadt oder ein Berg jedem der sie umstehenden Beschauer aus seiner Perspektive einen anderen, nur ihm eigenen Anblick darbieten. Wenn auch jeder einzelne desselben Volkes, derselben Kulturgemeinschaft nie ganz dasselbe schaut wie der „Nebenstehende“, so verbindet sie doch die gleiche Weise des Schauens, des Erlebens, des Denkens, dieselbe Weise des Seins-und-Selbstverständnisses wie der religiösen Sinngebung, in der sie gründen, in der sie sich selbst wiederfinden und daraus sie ihre Kräfte und ihr Leben nähren. Und „unser Glaube, den unsere Väter vor uns gehabt haben und alle Voreltern in der Bronzezeit und jetzt in der Hügelgräberzeit — und dieser Glaube hat uns doch getaugt!“ ruft auf dem Thing in Drontheim der Bauer verzweifelt seinem König zu, der ein so schlimmes Ansinnen an sie stellt und „Unmögliches“ fordert.

Die Missionierung des germanischen Europa setzte dies „Unmögliche“ zielbewußt mit aller Härte und Schonungslosigkeit und mit wohlberechnetem psychologischem Gespür durch, einen geistig-seelischen Umsturz größten Ausmaßes, die psychische Vergewaltigung der Völker und jedes einzelnen, die tief in die menschliche Substanz eingriff, ihn seinem Urgrund entwurzelte, sein Wesen zerstörte und ihm den totalen Ausstieg aus sich selbst aufzwang. In dieser Missionierung — wie in jeder anderen — ging es ja nicht um einen bloßen Austausch von „Göttern“, bzw. was die Missionare sich unter germanischen „Göttern“ vorstellten, die sie kurzerhand, wie die vorgesprochene Taufformel besagt, zu Teufeln erklärten und an deren Stelle sie ihnen den dreieinigen Gott bringen wollten:

„Sagst du dem Teufel ab?
— Ich sage dem Teufel ab.
Sagst du allen Werken und Worten des Teufels ab,
dem Donar und dem Wodan und dem Saxnot
und allen Unholden, die ihre Genossen sind?“6

Wir sind es gewohnt, die „Bekehrung“ oder Christianisierung mit den Augen des Licht- und Heilsbringers zu sehen gegenüber Verlorenen, des Heils Bedürftigen, im Lichte des Erretters aus einer vom Bösen gestifteten Unsittlichkeit und Sittenlosigkeit durch Aufrichtung von Gesetz und Moral, eines Lichts, das die Finsternis der Irrenden erhellt und von der Knechtschaft der Triebe und Dämonen befreit. Allein, was die Kirche Verkündigung Gottes und der Frohen Botschaft nannte und was wir mit den Augen der Missionare zu sehen pflegen, war für die Betroffenen „Zerstörung“ — Zerstörung des ihnen Heiligsten, Zerstörung der Wurzeln, aus denen sie lebten und wurden, die sie sein konnten, und damit ihrer Kraftquellen, um ihr Schicksal zu bestehen und sich zu bewähren, die Zerstörung ihres innersten Kompasses, der ihnen Orientierung und Halt gebenden Sippen- und Ehebindungen, Zerstörung endlich ihrer religiösen, transzendenten Identität, ihres „Heils“7 und des sie tragenden Seinsgrundes. Es war der Totalverlust ihrer Identität.

Damit wurde, in Jahrhunderte währender Erziehung8 der ehrbewußten, im göttlichen Heil gründenden Männer und Frauen durch Brechung des Willens zu gehorsamer Unterordnung sowie in einem schmerzhaften Prozeß mühsamen Umdenkens und seelischer Umformung zu Sündigkeitsbewußtsein und Höllenangst, mit dem Selbstverständnis das Wertbewußtsein gänzlich aus den Angeln gehoben und ins krasse Gegenteil verkehrt und das Selbstwertgefühl von Männern und Frauen tödlich getroffen. Der Verlust jeder Orientierung kennzeichnet die auf die missionarische Umpolung der Maßstäbe folgenden Jahrhunderte durch den chaotischen Zerfall aller Sitten und aller Sittlichkeit, durch Unzucht und Frauenmißbrauch, Gewalttat, Grausamkeit, Mord. So daß sich der Bischof von Marsilia, Salvian, im 5. Jahrhundert zu dem für die Kirche beschämenden Fazit genötigt sieht: „Schlechter sind die Menschen geworden, als sie vorher waren!“9 Selbst Bonifatius kann nicht umhin, dem verkommenen Lüstling und Nonnenschänder, dem christlich getauften englischen König Ethilbald von Mercia, die Sittlichkeit der Ungetauften, der heidnischen Altsachsen, als Vorbild hinzustellen, „die — obwohl sie Gott nicht kennen und dessen Gesetze nicht haben — von Natur tun des Gesetzes Werk und damit sagen, es sei beschlossen in ihren Herzen“.

Vom freien Sachsen zum „weinenden Knecht“

Von welchen Widersprüchlichkeiten der so gegensätzlichen Wesensgesetze der Einzelne zerrissen und in ihnen zerrieben wurde, welche seelischen Qualen, welche Verwirrungen und Verirrungen der Verlust des ureigenen Selbst, die systematische Zerstörung der religiösen Identität durch christliche Entwurzelung, Fremdbestimmung und Fremderziehung diesen Menschen zugefügt wurden, zeigt wie in einem Brennglas das Schicksal eines Sohnes des eben gewaltsam getauften Sachsenvolkes, der in der leidvollen Zerreißprobe zwischen seinem Sachsentum und Christentum einer der reifsten, seiner Zeit vorauseilenden Dichter und nach dem Schotten Eriugena selbständigster Kopf seiner Zeit wurde — und zum Rebell10.

Im Jahre 804 wird der Sohn des sächsischen Grafen Bern geboren und zur Erziehung dem Kloster Fulda übergeben, wo er nach dem frühen Tod des Vaters, der ihn zum Erben beträchtlichen Landbesitzes und zur verlockenden Einnahmequelle gemacht hat, als noch Unmündiger vom Abt gezwungen wird, Mönch zu werden. Als er dreiundzwanzigjährig von weiterer Ausbildung aus dem Kloster Reichenau nach Fulda zurückkehrt, bricht der Konflikt offen aus. Gottschalk, der keine Berufung zum Mönch in sich spürt, fordert, vom unbändigen Freiheitsdrang der Sachsen erfüllt, seine Freilassung und die Herausgabe seines ererbten Besitzes. Doch der Abt — Hrabanus Maurus — hält den Widerstrebenden im Kloster fest. Der wagt für das „Gesetz der Freiheit“ das Unerhörte. Er klagt beim Erzbischof von Mainz Hrabanus Maurus der Freiheits- und Vermögensberaubung an. Auf Befehl Kaiser Ludwigs des Frommen treten fünf Erzbischöfe, vierundzwanzig Bischöfe, vier Chorbischöfe und sechs Äbte in Mainz zur Synode zusammen. Hier erhebt die ungeheuerliche Anklage gegen seinen Abt „Gottschalk des sächsischen Grafen Bern Sohn, behauptend, er habe ihm gegen seinen Willen die Tonsur geschnitten, habe ihn mit Gewalt ergreifen lassen und an das Kloster gefesselt“. „Der Sohn eines Freien“, erklärt der Jüngling unbeirrt der hohen Versammlung, „darf nicht zum Sklaven gemacht werden und nicht zum servitium Dei des Mönchslebens gezwungen werden. Wohl schuldet die ganze Menschheit Gott ihren Dienst, aber nicht nach Mönchsregel und Klosterdisziplin. Der Mensch kann auch ohne Mönchsgelübde sein Heil finden. Mönch werden, heißt, Sklave werden.“ Er kämpft mit aller Leidenschaft, und tatsächlich erkennt die Synode auf Freilassung, aber Einbehaltung des Besitzes. Doch Gotschalk erhebt furchtlos Einspruch gegen das ihm geschehene Unrecht, und da auch Hrabanus Maurus „wegen des geflohenen sächsischen Mönches“ das gesamte Mönchswesen „wanken“ sieht, kommt die Sache vor den Kaiser selbst.

Über den Ausgang jedoch schweigen die Quellen und gleichfalls über den offenbar „in die väterliche Freiheit“ Entlassenen. Bis zu dem Tag, an dem wir ihn — Jahre später — wieder in einer Klosterzelle, wieder als Mönch, diesmal im Kloster Hautvilliers bei Reims sehen: einen gänzlich Verwandelten, der nichts mehr von seiner Auflehnung, nichts mehr von unerträglicher Versklavung des servitium Dei weiß, nichts mehr von der stolzen Überzeugung, auch ohne Klostergelübde könne der Mensch sein Heil finden, — er, der freiwillig die Freiheit, um die er so erbittert gekämpft, allein vor Kirche und Reich, und die er so schwer errungen hat, wieder von sich geworfen hat.

Warum, wissen wir bis heute nicht. Dieser Sinneswandel ist unerklärlich — und er ist total. Aus seinen großen Hymnen an die Gottheit — schon als Knabe hat er zarte, innige Lieder gedichtet — blickt uns ein vollständig veränderter, von „Tränen und Furcht“ gezeichnetes Gesicht an; ein Mensch, „gebrochen von der Last unendlicher Sünden“, ein „weinender Knecht“, „der aus der tiefen Finsternis des höllischen Abgrunds“ um Erbarmen schreit:

„Umwunden mit der Fessel der Sünde
habe ich durch Sünde Deinen Zorn geweckt
Weh, was wird aus mir Elendem!“

In dieser innerlich zerbrochenen Persönlichkeit aber steckt noch immer die Unbeugsamkeit des Sachsen, eine mächtige Willenskraft, eine trotzige Unbedingtheit, die ihn jetzt erneut mit seinen Oberen und der Kirche in Konflikt geraten, ja — diesmal durch ein Übermaß des Sünder- und Sklaveseins zum Ketzer werden lassen. An diesem unglückseligen Sachsen in der Mönchskutte offenbart sich die furchtbare Tragik, die aus der Verquickung zweier grundverschiedener geistiger und seelischer Stile, aus der Mesalliance zweier unvereinbarer, feindlich einander widersprechender religiöser Denk- und Erlebensweisen gezeugt wird11. Hier treten die aus dem ursprungshaften Einssein stammende germanische Unmittelbarkeit zum Göttlichen — die das Mittlertum der Kirche ketzerisch ausschaltet — und die germanische Unbedingtheit der Bejahung jeglichen Schicksals, wie es auch sei, in den Dienst der augustinischen Lehre von der Verfallenheit eines jeden Menschen mit seiner Geburt an die Erbsünde und seiner vorgeburtlichen Prädestination zu Seligkeit und Verdammnis. Ja, sie übersteigern die christliche Auffassung zur Vorherbestimmung des gänzlich unfreien Menschen zu Erlösung oder Höllenstrafe durch einen ebenso unbeugsamen, unwandelbaren, zornigen Gott, dessen harten Willen Gottschalk vorbehaltlos bejaht und tapfer besteht, so wie seine Väter sich fraglos und furchtlos ihrem Schicksal gestellt hatten. Und genau diesen Glauben bewahrt Gottschalk bis zu seinem Lebensende. Denn, von seinem alten Gegner, Hrabanus Maurus, den man mit dem Ehrennamen des „Praeceptor Germaniae“ ausgezeichnet hat, als Ketzer angeklagt, wird Gottschalk auf dem einberufenen Konzil in Quiercy zu Geißelung, zu ewigem Schweigen und zu ewiger Kerkerhaft verurteilt. Das Urteil wird sofort minutiös vollstreckt. Alle anwesenden Bischöfe und Äbte nehmen eigenhändig die Geißelung in einer bis dahin beispiellosen Form vor, von der der Erzbischof Remigius von Lyon in heller Empörung berichtet: „Denn in einem so unerhörten Beispiel von Gottlosigkeit und Grausamkeit wurde jener Unglückliche mit Geißeln und Faustschlägen zu Boden gehauen, bis er, halb tot, gezwungen wurde, in ein von ihm entfachtes Feuer eigenhändig ein Buch zu werfen, in dem er Sätze aus der Hl. Schrift zusammengestellt hatte, die er auf dem Konzil vortragen wollte.“

Zwanzig Jahre schmachtete der Verurteilte in völligem Schweigen und Einsamkeit in seinem feuchten Verließ, wo er am 30. Oktober 869 starb, ohne den Angeboten der Hafterleichterung durch Widerruf seiner Glaubensüberzeugung jemals nachgegeben zu haben.

Wie lernt ein Volk sich selbst verachten?

Sünde — das Wort, das in die Herzen aller Getauften gesät wird — das ist nicht die Lüge, der Diebstahl, der Meineid, — nein das ist die Sündigkeit von Mutterleib an, durch Evas Ungehorsam in die Welt gebracht und allen Menschen ohne Unterschied vererbt, durch nichts, auch nicht durch den besten Willen, auch nicht durch die beste Tat zu tilgen. Sünde, deretwegen sie zeitlichen und ewigen Strafen verfallen sind, wenn nicht Gottes Gnade hilft. Sünde! Wie lernt ein Volk dies, was seinem innersten Wesen tief widerstreitet und dem, wie es seit Menschengedenken sich selbst verstand?

Sünde — das ist jetzt alles, was ehedem hier den Menschen zum Menschen machte und was ihm heilig war. Doch um sich nicht mehr im göttlichen Heil geborgen12, von ihm durchstrahlt und getragen zu empfinden, um sich nicht mehr selbst das Maß zu geben, an dem man sich selbst mißt13: an seiner Ehre, um vor dem eigenen Urteil, um vor sich selbst zu bestehen, um sich selbst achten zu können — um sich im Gegenteil als Sünder zu verstehen, der sich des Heils seiner Seele aus eigenem Verdienst unwürdig fühlt, dazu bedurfte es eines totalen Bewußtseinswandels, der „Verbrennung“ alles dessen, was ihm heilig gewesen war, einer Ausreißung aller Wurzeln, mit denen er im Sein verankert war, einer Umwertung aller Werte ins absolute Gegenteil — und nicht nur der religiösen. Denn wenn Religion ein ganzheitlicher Bezug des Menschen ist, bedeutet ihre Umfunktionierung hier in Europa Umwertung nahezu aller ethischen, sozialen und sonstigen menschlichen Grundwerte, die sein Menschentum und seine Menschlichkeit bestimmt haben. Es gab kein Feld, auf dem nicht das Ureigene aus dem Boden gerissen und fremder Samen angesät wurde.

Verteufelung alles ehedem „Heil“ tragenden

Die tiefstgreifende Selbstentfremdung, die bis heute ihre tief eingegrabenen Spuren hinterlassen hat, traf die Frauen. Die germanischen Frauen14, die als selbständige Persönlichkeiten neben dem Mann standen mit eigener Ehre und gleicher Entscheidungsfreiheit und gleichen Zielen lebten, werden durch das neue Vorbild, das die Kirche ihnen aufzwingt, bis ins Mark getroffen15. Sie werden zu Evastöchtern, die den eben bekehrten Sachsen in der „Altsächsischen Genesis“ durch den Geistlichen Caedmon als „Frau von schimpflicher Gesinnung“ nahegebracht wird, die von ihrem Adam verflucht wird:

„Fürwahr! Du Eva, hast unseren Weg mit Unglück bezeichnet!
Nun magst du die schwarze Hölle gähnen sehen,
Die gierige, gellen magst du sie von hinnen hören …
Jetzt mag es mich gereuen, daß ich den Gott des Himmels bat,
Daß er dich hier formte für mich aus meinen Gliedern.
Jetzt hast du mich verführt zu meines Herrn Hasse,
So daß es jetzt und immerdar mich reuen mag,
Daß ich dich mit meinen Augen sah!“

Gott aber spricht zornig zu Eva und zu den sächsischen Männern und Frauen seinen furchtbaren Fluch: ein Programm, das in Zukunft nicht nur die Frauen, das auch die Männer in Pflicht nimmt:

„Gehe fort von der Freude!
Du sollst in deines Ehemannes Gewalt sein!
Von der Furcht vor deinem Gatten hart geängstigt,
Sollst du in Niedrigkeit deiner Taten Verirrung büßen …“16

Die Brutalität, die, fortan in Predigt und Lehre, Erziehung und Spruchdichtung17 hochgetragen, sich in Worten und Taten, an Strafen und Prügeln, an Frauenschändung und -beschimpfung, Frauenverachtung und Frauenhaß austobte und sich in Hexenverleumdungen und massenhaften Hexenverbrennungen dem Wahnsinn verbündete, ist so unvorstellbar wie die Tränen, die durch ein Jahrtausend geweint, und das Leid, das diesen Stolzen, vor dem freien und ganzen Menschen in der neuen Erniedrigung zu Krüppeln ihres Menschentums und zu schwachen, unmündigen, zum Gehorsam verpflichteten, weil triebhaftlüsternen Sünderinnen, die den Mann „von Gott abziehen“, zugefügt worden ist: Frauen, denen nach den Worten des Tacitus bei den Germanen „etwas Heiliges innewohne“18, die dem Göttlichen besonders innig verbunden seien und größeres Heil in sich tragen. An Tausenden von ihnen wird jetzt der Taufbefehl des Bischofs Remigius von Reims wortwörtlich vollzogen: „Verbrenne, was du angebetet hast!“ Wie ein allesumpflügender Tornado schlug sich die ungebetene und unwillkommene ultramontane Invasion ihre zerstörerische Bahn, brach in die intimsten Bereiche der Liebe, der Ehe und aller natürlichen Bindungen der Familie, der Sippe, des Volkes ein, verfremdete und verkehrte den Sinn von Arbeit, von Kampf und Frieden, ja von Leben und von Tod bis in den Grund. Sie „wandelte“ — laut Anordnung Gregors III.19 — die ererbten religiösen Bräuche, die Verehrung der Toten der Sippe und die Gedächtnisfeier der Ahnen um „in das Gedächtnis der Heiligen und heiligen Märtyrer“, erhob Eva, die Mutter der Sünde, zur Mutter aller Menschen und gab den Völkern Noah zum Stammvater. Hatten die Könige der Goten und Langobarden ihre Herkunft von Odin abgeleitet, die norwegischen und schwedischen Könige sich auf Gott zurückgeführt, wie das Volk selbst sich hier als von göttlicher Abkunft verstand20, so werden jetzt König David und Melchisedek, Priesterkönig von Jerusalem zur Zeit Abrahams, zu den Häuptern germanisch-europäischer Königshäuser. Ein Wechsel, der nicht nur ein Wechsel der Namen ist, sondern tief in das Geschichtsbewußtsein und in den Gang der Geschichte eingegriffen hat. Denn der König21, wie die Frau in besonderer Weise von „Heil“ erfüllt, und das politische Gemeinwesen, der Staat, das Reich22, heilig auf Grund der göttlichen Abkunft des Volkes, büßen in der Rollenbesetzung, die der Afrikaner Augustin23 der Römischen Papstkirche zugedacht hat (als „civitas dei“, als Gottes-Reich, über die „civitas terrena“ oder „diaboli“, das Erden- oder Teufelsreich, die Gesamtheit der weltlichen Staaten der vom Teufel geleiteten Irdischgesinnten und Gottesfeinde, die von Gott verworfen und zum Untergang bestimmt sind, zu herrschen) ihren Heiligkeitscharakter, ihre Würde, ihre Unabhängigkeit, ihre Identität ein.

„Die Sonne hat den Schein verkehrt“

Vollends seit der Geist der Clunyazenser Kirchenreform in den Vatikan einzieht und mit ihm der feindliche Gegensatz zwischen römischem und germanischem Heiligkeitsanspruch24 als der zwischen Hierarchie und Reich, zwischen Papst und Kaiser entbrennt, der jetzt als „tempelschändender Händler“ vom Papst aus dem Tempel getrieben werden könne und jedem geringsten Geistlichen Untertan sei, wird der Abgrund aufgerissen, die uralte göttlich-weltliche Einheit durch den orientalischen Dualismus kontradiktorischer, unvereinbarer, rangverschiedener Gegensätze feindlich zerschlagen. Der Zwiespalt zerbricht alle Ordnung des Reichs, weitet sich als Unheil durch die ganze sittliche und kosmische Ordnungswelt aus, so daß — wie Walter von der Vogelweide klagt — „die Sonne den Schein verkehrt“, selbst „die Vöglein in den Lüften dauert unsre Not“. „Sieh, wie der römische Erdkreis in Düsternis gehüllt, der Treue bar, zu frevelhaftem Beginnen und ruchlosesten Taten sich antreiben läßt!“ ruft erschüttert der aus königlichem Geschlecht geborene Otto von Freising: Die Zerstörung der religiösen Grundfesten, die Entheiligung alles Irdischen und Menschlichen, auf denen die Heiligkeit des Reiches geruht hatte, „führte so viel Unglück, so viele Gefahren für Leib und Leben herbei, daß er allein genügte, um das unselige menschliche Elend zu erklären.“25

„O weh, ich bin wie ein fauler Fisch und ein stinkendes Aas“

Wahrhaft vernichtend griff die religiöse Umpolung und Entheiligung in das Bewußtsein der Menschen und in ihr sie formendes Selbstverständnis ein. Die Erziehung durch Drohungen mit dem Jüngsten Gericht und den Strafen der Hölle, durch Schüren von Angst und durch Versprechungen, „daß ihr euch in Ewigkeit dort freuen möget, wo kein Ende, keine Qual, keine Trübsal ist, sondern ewiger Ruhm“ durch die Verheißung, „den Söhnen der Auserwählten zuzugehören“, vorausgesetzt, daß sie sich solcher Gnade für würdig erweisen, indem sie sich vor Gott als Elende und Sünder bekennen, die sich des Heils aus eigenem Verdienst unfähig fühlen — verlangt Zerstörung der Selbstachtung und des Selbstwertgefühls, bedeutet Selbstverachtung und Zertreten des eigenen Selbst.

Bis zu welcher Selbsterniedrigung und um welchen Preis dies geschehen konnte, zeigen die wilden Selbstanklagen eines zu Gott und zum Gottes-Täufer Johannes schreienden Mannes Heinrich, der um 1150 in den österreichischen Alpen lebte und dem „in seiner zu großen Schwachheit“ und „Haltlosigkeit“ „der Sünden bleiernes Gewicht“ zu schwer geworden war:

„O weh, ich staubige Asche, ich flüchtige Spreu,
ich bin ein fauler Fisch von den Sünden bis auf die Gräten…
Ich brüchige Ofenscherbe — was, wenn ich morgen sterbe?
Wem ich heute genehm, dem ich morgen widerwärtig,
ich stinkendes Aas —
o weh, wie oft ich lüge, in dem, was ich Gott gelobe.
Der Sünden madige Geschwüre,
die haben meine Seele verdorben und mich wie Lazarus getötet;
mein Gewissen verfault mir,
wenn mich nicht aufrichtet der Gottestäufer,
dein wunderbares Erbarmen ohn all mein Streben…
Dann habe ich Unreiner, ich Gehässiger, ich Neidvoller,
ich Zorniger, ich Habgieriger, ich Anreizer zum Bösen,
ich des Teufels Wucherer, ich aller Laster Heerhorn,
dann habe ich dich, Gottes Fahnenträger, erkorn.“26

Vierhundert Jahre sind seit Bonifatius vergangen: Aus Germanen sind Christen geworden.

II   Erneuerung der religiösen Identität

Dennoch ist die totale Identifikation mit der Sünderreligion — auch wenn man sich daran gewöhnt hatte, Urkunden mit dem Namen und dem flotten Zusatz „peccator“, „Sünder“, zu zeichnen — niemals die Regel. Zumal nicht bei den aktiveren, selbständigeren Geistern. Aller seelsorgerischen Anstrengungen zur Umorientierung des Bewußtseins durch das „Aufpäppeln mit der Milch der christlichen Lehre“ zum Trotz erhält sich die Art und Weise des ureigenen Denkens. Ja, es formt seinerseits die fremden Denkinhalte durch die eigene Art des Ergreifens unwillkürlich um, so daß man von einer unbewußten Germanisierung des Christentums gesprochen hat. Daraus erklären sich wesentliche Unterschiede unter seinen nationalen Ausprägungen, wie die des koptischen Christentums, das unverwechselbar ägyptische Züge trägt, des syrischen, griechisch-orthodoxen, des afrikanischen, lateinamerikanischen, des italienischen, des französischen, des deutschen, niederländischen, englischen und so fort. Nie aber hat unter der sich langsam glättenden Oberfläche das vulkanische Gestein des inneren Widerstandes sich ganz beruhigt. Immer wieder schießen während anderthalb Jahrtausenden eruptiv durch die Decke der abendländischen Christenheit Auflehnung, Aufstand, Protest empor gegen den diktierten Glauben, der sich mit den eigenen Überzeugungen nicht vereinbaren will.

Der europäische Gegenwurf zum biblischen Sündenfallmythos

„Es stimmt nicht, daß die beklagenswerte Situation, die Adam
hervorgerufen hat, verhängnisvolle Folgen gehabt und sich auf alle
Menschen vererbt hat! Die Sünde ist eine Wahlmöglichkeit, vor
die der Mensch gestellt ist!“1

empört sich der aus dem Norden der britischen Inseln nach Rom gekommene Pelagius über die augustinische Erbsündenlehre. „Wir widersprechen Gott, er sei der Urheber menschlicher Schwäche von elenden Sündern — o blinder Unsinn!“ Wie soll eine Sünde eine unausweichliche Verderbnis von universaler Ausbreitung nach sich ziehen? Eine Verderbnis schon der Allerkleinsten, der eben Geborenen? Nein, sündlos wird der Mensch geboren, und Gottes Gnade offenbart sich in dem freien Willen, den er ihm gab, zu sündigen oder sich von einer Sünde abzuwenden, in der Freiheit, sich für das Gute oder für das Böse zu entscheiden, und in der Kraft, das Gute auch zu vollbringen. Denn Gottes Kraft ist es, die in uns handelt, ebenso wie es Gottes Wille selbst ist, der als Freiheit in und durch uns wirkt.

„Es gibt nämlich in unserer Seele eine Art natürliche — wenn ich
so sagen darf  Heiligkeit“2.

In jedem Menschen liegen die Kräfte, sich über die Gebundenheit der Instinkte und über die Zwänge der Natur zu erheben und der freiwillige Vollstrecker des göttlichen Willens zu sein. Dieses Vorrecht ist unsere göttlichste Mitgift: den eigenen Willen frei dem seinen zu verbinden.

„Ich gehorche nicht, sondern ich stimme ihm zu. Ich folge ihm aus
eigener Überzeugung, nicht weil ich muß.“

Das ist nicht die Stimme eines Sündenbewußten, sich nach Erlösung Sehnenden. Das ist die selbstbewußte Sprache eines Menschen, der aus freier Entscheidung Gefolgschaft leistet oder versagt, gegenüber dessen freier Hingabe erzwungener Gehorsam ein Nichts ist. Zwang vernichtet. Zwang zerstört die gott-menschliche Beziehung. Nur die Freiheit des autonomen Menschen verwirklicht sie, der sich selbst das Gesetz gibt und sich selbst verantwortlich ist. Und der allein sittlich handelt. Aber nicht ein Mensch, der an die eigene Ohnmacht glaubt- und an sein Erlöstsein durch Christus.

Pelagius hatte in den christlichen Kreisen Roms eine Sittenverwilderung und Lasterhaftigkeit angetroffen, für die er die Schuld nicht einer angeborenen Sündigkeit und menschlichen Schwachheit gab, sondern dem Glauben, schon für immer errettet zu sein. Für diesen tieferschreckenden Vorgang des allgemeinen Sittenverfalls und religiösen Glaubensverfalls klagte er die christliche Lehre von der sündigen Natur des Menschen an und den Glauben an die durch Christi Kreuzestod bereits geschehene Erlösung aller Getauften: Sie hätten die fehlende sittliche Verantwortung des einzelnen verschuldet. Die christliche Predigt der menschlichen Schwachheit sei für den Verlust der Sittlichkeit verantwortlich. Dagegen lehrt er die menschliche Stärke:

„Wir müssen an unsere Stärke glauben, sie zu erkennen lernen und unsere Kräfte benutzen, die gewaltig sind! Aus uns selbst und in uns besitzen wir alles, was notwendig ist, um das göttliche Gesetz zu erfüllen.“3

„Dein Adel, deine hohe Stellung, deine Reichtümer“, schreibt Pelagius in einem Brief an ein sechzehnjähriges junges Mädchen aus reicher römischer Adelsfamilie, „hängen nicht von dir ab. Doch niemand wird dir deine geistigen Reichtümer übertragen können außer du selbst!“ Wie gesagt: Augustinus wurde der Sieg zugeschanzt, Pelagius verurteilt, seine Lehre von Konzil zu Konzil verdammt, seine Schriften verboten und mit Silentium bedeckt, sie blieben verschollen, bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine Abschrift wieder aufgefunden wurde. Und doch erhebt sich hier eine Stimme und dort, die die Sprache des längst Vergessenen spricht. Ist es Zufall, wenn im 13. Jahrhundert ein deutscher Ritter in Wien den Verlaß auf Jesu Erlösertod als Ursache der Unsittlichkeit, Gottes Vorherbestimmung als Verführung zu Gewissenlosigkeit brandmarkt?4 Ist es blinde Duplizität der Gedanken, wenn während der Herrschaft der Scholastik der deutsche Dominikaner und Provinzialprior der Provinz Teutonia, Professor an der Pariser Sorbonne und Leiter des Studium generale in Köln Meister Eckhart die Einheit des menschlichen Willens mit dem Göttlichen als Akt freier Zustimmung verkündet?

„Gott zwingt den Willen nicht, er setzt ihn in Freiheit: so daß er nichts will, als was Gott und die Freiheit selber ist. Da vermag nun der Geist nichts anderes zu wollen, als was Gott will. Das ist keine Unfreiheit an ihm, das ist seine eigenste Freiheit.“5

Ist es nur reiner Zufall, daß im England des 18. Jahrhunderts der Earl of Shaftesbury6 den als Sünder verleumdeten Menschen rehabilitiert als den Selbstgesetzgeber, der als Bekundung des göttlichen Urgrunds in sich selbst den Quellgrund des Sittlichen besitzt? Ist es mehr als ein willkürliches Zusammentreffen, daß im gleichen Jahrhundert — 1400 Jahre nach Pelagius — an drei verschiedenen Stellen Europas gleichzeitig pelagianische Motive spontan und sinngetreu erneut angeschlagen und zur weithin tönenden Melodie aufgenommen werden? Wenn in der Schweiz Heinrich Pestalozzi7, in Königsberg Immanuel Kant, in Jena Friedrich Schiller, „den Abgrund füllen“ zwischen der „Furchterscheinung“ des außerweltlichen Gottes und „fremden Diktators“ und der sündigen Menschheit in „ihrer traurigen Blöße“ durch die Einheit des dem „Innersten unserer Natur“ innewohnenden „heiligen, göttlichen Wesens“, „des Göttlichen in der eigenen Brust“ und im eigenen Willen, eines „Unbedingten, das im Selbst als moralisches Gesetz spricht“?8 Wenn Schiller die Christenheit aufruft:

„Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron“?9

Und wenn Kant den Menschen aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu einem eigenständigen, autonomen Selbst und aus dem so verschuldeten „Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ herausführt, indem er ihm die Würde zuerkennt, frei und fähig zu sein, sich selbst das Gesetz seines Erkennens und seines Handelns zu geben und sich ihm freiwillig unterzuordnen aus keinem anderen Beweggrund als aus Achtung für das Gesetz und seinen göttlichen Grund10? Beweisen nicht diese und Hunderte von Stimmen, daß ein und derselbe verborgene religiöse Strom, ein- und dieselbe Denkungsart unterhalb einer mehr oder weniger gelungenen Christianisierung der europäischen Völker durch die Jahrtausende strömt, in spontanen ketzerischen Widersprüchen sich bekundet, die ohne Vorbild, ohne Berührung untereinander sowohl in den Ecken, an« denen der Anstoß sich ereignet, als in den Entgegnungen übereinstimmen? Eine berühmte Lebensgeschichte hat uns eine Begebenheit aufbewahrt, die solchen Übereinstimmungen den Zufallscharakter nimmt und mit unüberbietbarer Überzeugungskraft die religiöse Identität innerhalb gewaltiger Zeiträume beweist.

Auf einer Synode der „Brüdergemeinde“, einer pietistischen Erweckungsbewegung, deren Lehre der Versöhnung der tiefsündigen Menschheit mit Gott durch Christi Tod galt, unterhält sich Ende des 18. Jahrhunderts arglos ein junger, aufgeschlossener Teilnehmer, der äußerst erstaunt ist, daß man ihn nicht als einen Christen gelten lassen will, ja — höchst erschrocken, als er „eine große Strafpredigt erdulden muß“ und einer der Synodalen ihn beschimpft, „ein wahrer Pelagianer zu sein“. Der Bescholtene forscht daraufhin nach allem, was er über diesen ihm gänzlich unbekannten Pelagius erfahren kann — und eine Welt geht ihm auf, die der seinen tief verwandt ist. Von seinen Überzeugungen „war ich aufs innigste durchdrungen, ohne es selbst zu wissen“11.

Es ist der fünfundzwanzigjährige Goethe, der nach diesem ihn aufrüttelnden Erlebnis ein Prometheus-Drama12 beginnt, den ungeheuersten Protest gegen „die Götter droben“. Denn während dort Prometheus die als seine Feinde hohnlachend abweist, erkennt er staunend in sich, in seiner schöpferischen Kraft das Göttliche selber. Was er für sein Eigenes gehalten hatte, das ist das Göttliche in ihm und mit ihm ununterscheidbar eines:

„So war ich selber nicht selbst,
Und eine Gottheit sprach,
Wenn ich zu reden wähnte
Und wähnt‘ ich, eine Gottheit spreche,
Sprach ich selbst.“

So stark lebt Goethe aus diesem Urerlebnis der Einheit des Menschen mit dem Göttlichen, kraft der er die Freiheit besitzt, sich zu entscheiden, sich strebend zu bemühen, aber auch zu irren; und den inneren Kompaß, der ihn auf seinem langen Lebensweg begleitete, zeichnete er in der Gestalt Faust. Hier ist alles ein einziger Gegenbeweis gegen jene in Marienborn schon bekämpfte Lehre von der „Verdorbenheit der menschlichen Natur durch den Sündenfall“ — hier erfolgt derselbe Einspruch dagegen, „daß auch bis in ihren innersten Kern nicht das mindeste Gute an ihr zu finden“ — hier meldet sich sein scharfer Widerspruch gegen die Rede, der Mensch müsse „auf seine eigenen Kräfte durchaus Verzicht tun“ — derselbe Protest, „er habe alles von der Gnade zu erwarten“, wie Goethe in Dichtung und Wahrheit seine Auseinandersetzung mit den Pietisten festgehalten hat. Um den Menschen geht es: hier Mephisto, der das unbegreiflich hohe Gotteswerk Mensch in Zweifel setzt und seinen Triumph schon vorausschmeckt, wenn er es herabgezogen haben wird in die Verderbtheit der staubfressenden „berühmten Schlange“ — dort der Herr, der Faust dem Teufel übergibt, übergeben kann, weil der göttliche Quell in ihm springt:

„Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Weg mit herab —
Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt:
Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.“13

Gott kann — das ist der klare Gegenwurf des europäischen Menschen gegen den orientalischen Sündenfallmythos — bedenkenlos Faust dem Verführer ausliefern und ihn, ohne einzugreifen, sich selbst überlassen, weil der Mensch nie seinen „Urquell“, seinen göttlichen Urgrund, die innere Magnetnadel verlieren kann, die ihm trotz allen Irrens den rechten Weg weist.

Europa behauptet das „Heil“ gegen den orientalischen Dualismus

In der Reibung an der christlichen, dualistischen Spaltung des Seins in ein außerweltliches Jenseits, aus dem ein persönlicher Gott in das von allem Göttlichen entleerte, des Heils verlustig gegangene Diesseits durch Zorn und Gnade, als liebender Vater und strenger Richter lohnen und strafend eingreift, ist die uralte, spezifisch europäische Urerfahrung des Einen Seins und gottweltlichen Einsseins in immer neuen Aspekten wiedererweckt und bewußt geworden, durchdacht und vertieft in einer europäischen Religion entfaltet14. Männer und Frauen aus allen europäischen Nationen, aus allen Ständen und Berufen, die italienische Gräfin wie die niederländische Bäuerin und die französische Herzogin, der englische Bischof, der deutsche Schuster, der Schweizer Arzt und der französische Goldschmied, viele englische Physiker, deutsche Philosophen und Dichter, wie auch Jesuiten, Dominikaner, Franziskaner, Beginen, Brüder des freien Geistes, Priester, Mönche und verfolgte Gemeinschaften, die nach Amerika auswanderten und drei der großen Präsidenten der USA15 stellten, Menschen der unterschiedlichsten Charaktere und Temperamente — sie alle, die sich mit den fremden Glaubensvorstellungen nicht abfinden konnten und in ihrer Auseinandersetzung mit ihnen jeweils zu ihrer eigenen religiösen Identität fanden, sie alle auf oft einsamen Posten, von der Kirche bedroht, verfolgt, verbrannt, stimmen, meist ohne voneinander zu wissen, wie in geheimer Verständigung dieselben Themen, dieselben Klänge an und in demselben mächtigen Chor zusammen.

Ob Meister Eckhart den schon allenthalben keimenden Gedanken des dem menschlichen Seelengrund innewohnenden Göttlichen — in dem das germanische „Heil“ als Grund der Existenz nachschwingt — in tief hinableuchtender, schöpferischer Intuition von der ,Geburt Gottes in der Seele’ groß entfaltet zur Wiederheiligung des erniedrigten Menschen und zur Heilung der Gott-Mensch-Einheit von ihrer Zerreißung, von ihrem Herr-Knechtsverhältnis und dem ewige-Ruhe-Suchen in Gott dem Herrn zu einem krafterfüllten, „von Heil“ erfüllten Leben der Tat und des ewigen Werdens, das durch keine Furcht und Sorge, Schwachheit und Angst zerfressen wird16,— er erhält Nachfolge in Flandern und den Niederlanden, in Süddeutschland und der Schweiz, durch Seuse und Tauler, den Frankfurter Deutschherrn und viele andere, die, wenngleich sie dem Maß dieses außerordentlichen Mannes nicht entfernt nahekommen, in seine Fußspur treten. Und nicht diese einzelnen allein. Die Ergriffenheit durch die — gegenüber der christlichen grundverschiedenen, sogenannten „deutschen“ — Mystik weitete sich aus zu einer Volksbewegung von europäischem Ausmaß.

Wie genau und wie tief Eckhart das Empfinden und die Sehnsucht des von der endzeit- und jenseitsgestimmten Kirchenpredigt erschreckten Volkes getroffen hatte, bewies die Liebe und Zuneigung, die ihm von seinen Hörern entgegenschlug. Darin erkannte er sehr genau, wie er seinem Inquisitor ins Gesicht sagte, den Hauptanlaß für seine Beseitigung: ohne seine Beliebtheit beim Volke „wäre derartiges von meinen Neidern nicht gegen mich versucht worden“17.

In einer Predigt hatte er einmal, mitgerissen vom Höhenflug seiner Gedanken, plötzlich innegehalten und seinen Hörerinnen tröstend versichert: „Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn sofern der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, wird er diese Rede nicht verstehen. Denn es ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.“18 Gerade die vertrauende Anhänglichkeit des Volkes und seine Aufgeschlossenheit aber bewiesen ihm, daß seine Worte vom Einssein des Wesenskerns der menschlichen Seele mit dem Göttlichen unmittelbaren Widerhall in ihren Herzen hatten. Weshalb? Weil eben diese Menschen „dieser Wahrheit gleichen“, so daß sie unvermittelt zu ihnen spricht, weil sie ihrem eigenen Wesen entspricht und sie darin übereinstimmen. Religiöse Identität!

Und obwohl diese Volksbewegung, wo immer sie sich rührte, in Arras, in Orleans, in Turin und Paris, in Nördlingen, Goslar und Köln erstickt oder blutig ausgemerzt und noch durch lutherische Intoleranz erbarmungslos verfolgt, gehetzt und gejagt wird, strömt sie unausrottbar durch die Jahrhunderte. Und es wiederholt sich, was schon dem pelagianischen Geist widerfuhr: obwohl das Werk Meister Eckharts, vor allem seine deutschsprachigen Predigten und Traktate, jahrhundertelang vergessen, in wenigen Blättern anderen Verfassern untergeschoben, ja selbst der Name dieses größten religiösen Genius des Mittelalters ausgelöscht und erst durch Franz von Baader 1816 der Nachwelt wiedergegeben wird. Da, zu ihrer aller Erstaunen entdecken die führenden Geister in Deutschland fast ohne Ausnahme schier ungläubig und in hellem Enthusiasmus unmittelbare Übereinstimmungen mit Gedanken, Elementen und Teilen ihrer eigenen Werke, eine ursprüngliche Geistesverwandtschaft des Denkens, eine beglückende Gleichgesinntheit. „Hegel“, berichtet von Baader, „war so begeistert“ durch den inneren Einklang und schloß seinen Ausbruch: „Da haben wir es ja, was wir wollen!“ Der erbittertste Hegelgegner Arthur Schopenhauer konnte sein Lob über die „wundervollen Schriften des Meisters der Meister“, den „Gipfelpunkt der deutschen Mystik“, nicht hoch genug ansetzen.

Ganz ohne Kenntnis der Eckhartschen Schriften durchweht Eckhartscher Geist bereits die Werke des Dresdeners Valentin Weigel, Pfarrers in Zschopau, und des Görlitzer Schuhmachers Jakob Böhme, die Bewegung des schlesischen Adligen Caspar von Schwenckfeld, die heute in den USA fortbesteht, und die zu Edelsteinen geschliffenenen Zweizeiler des Arztes Johann Scheffler, der sich Angelus Silesius nannte, auf das erstaunlichste jedoch die tiefreligiös erfüllte Gedankenwelt Fichtes. Auslöser sind wie überall der Aufstand gegen die dualistischen Zerspaltungen des Seins von antiker und christlicher Herkunft, der entschiedene Protest gegen den Glauben an einen jenseitigen, persönlichen Schöpfergott und gegen seine Offenbarungen durch ein heiliges Buch und durch einen Gottessohn, dessen Tod der durch den Sündenfall verderbten Menschheit Erlösung bringen soll, unter der alleinigen Bedingung des Glaubens an ihn, wozu allerdings die Gnade Gottes erforderlich sei. Solches trug dem Professor der Philosophie in Jena die „Anklage des Atheismus“ und „Feindes aller Religionen“ durch den Kursächsischen Kirchenrat ein. Die Anklage beantwortet Fichte mit seiner Appellation an das Publikum gegen die Anklage des Atheismus von 1799 und seinen Anweisungen zum seligen Leben nach Vorlesungen von 1806 in Berlin, die zu den „reifsten und tiefsten Werken der gesamten Literatur der Menschheit“ gezählt worden sind.

Dem „heillosen Götzen“, den die Menschen sich zur alleinigen Austeilung von Glückseligkeit und Genuß geschaffen haben, steht hier gegenüber — wie für Eckhart — ein Göttliches, das in seiner Unbegreiflichkeit durch keinen Begriff erfaßt werden und nur durch Negationen — wie Eckharts „Nichtperson“, „Nichtgeist“, „Nichtgott“ — oder nur im Schweigen berührt werden kann. Wiedergekehrt ist das Gott-Mensch-Verhältnis des Einsseins im Wesen, im Wollen, im Leben und Wirken, wiedergekehrt der von Eckhart gewiesene Weg vom Gott-Haben zum Gott-Sein, das heißt zu einem „wahrhaften Leben“ durch Entäußerung von allem egoistischen Begehren und vom Haften an den Dingen, an Erfolg, an Genuß, selbst von allem egoistischen Heilsstreben, bis „überhaupt gar nicht mehr Zweie, sondern nur Eins, und nicht mehr zwei Willen, sondern überhaupt nur noch Einer und derselbe Wille alles in allem ist“. Wiedergekehrt ist die ebenfalls von Eckhart gewiesene Wendung des gotterfüllten Menschen aus der Tiefe seiner Seele in die Welt der Tat und, wie für Eckhart, eines selbstlosen und zweckfreien Wirkens „sunder warumbe“, indem der Mensch mit Gott wirkt „alliu siniu werc“ als „ein mitwürker“ Gottes. Auch für Fichte ist Gott Willens- und Pflichtgrund eines Handelns, das nicht auf Erfolg ausgeht, wo der Mensch nur im Tun, rein als Tun, lebt; denn „er will es darum, weil es der Wille Gottes in ihm und sein eigener, eigentlicher Anteil am Sein ist“.

„In diesem Handeln handelt nicht der Mensch; sondern Gott
selbst in seinem ursprünglichen inneren Sein und Wesen ist es, der
in ihm handelt und durch den der Mensch sein Werk wirket.“19

Die Übereinstimmung im Denken Eckharts und Fichtes ist so groß, daß sie über das Inhaltliche hinaus gelegentlich bis in die Sprache geht. Wenn Eckhart Anfang des 14. Jahrhunderts lehrte: „Gott und das Sein ist dasselbe“, und was außerhalb seiner ist, ist nichts — so spricht Fichte nahezu fünf Jahrhunderte später: „Gott allein ist, und außer ihm nichts.“

Und Duplizität der Fälle — im selben Jahr mit Fichtes Appellation erschien in Paris eine anonyme Schrift Über die Religion, die sich „An die Gebildeten unter ihren Verächtern“ wendet. Auch hier ein Protest gegen die Beklemmnis und Düsternis der als sündig verdammten Welt! Der Autor, der dreißigjährige Schleiermacher, Prediger an der Berliner Charite, ist von einem unerhörten Freiheits- und Glücksrausch erfaßt, als er „die große Tat vollbracht, hinzuwerfen die falsche Maske, das lange mühsame Werk der frevelnden Erziehung“ in einem krankhaften und krankmachenden christlich-pietistischen Glauben. Auch ihn plagt der armselige „Sklaven- und Götzendienst“ jeder Mittler- und Buchreligion, auch ihm, nachdem er „die ängstliche Scheidewand“ des Dualismus abgerissen hat, begegnet der „Widerschein“ des Göttlichen in allem, am reinsten aber „im innersten Selbst“:

„So oft ich ins innere Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich im Reich der Ewigkeit.“20

Und gleich Meister Eckhart, doch ohne ihn zu kennen, fordert er die „Gebildeten unter den Verächtern der — christlichen — Religion“ auf, sich von allem freizumachen, „und so mehr Ihr euch selbst verschwindet, desto klarer wird das Universum vor Euch dastehn, desto herrlicher werdet Ihr belohnt werden für den Schreck der Selbstvernichtung durch das Gefühl des Unendlichen in Euch“. In der „Selbstvernichtung“ öffnet sich die Seele für die Einwirkung des Göttlichen, so daß sie zum Leben erweckt wird und ein „neuer Mensch“ geboren wird, dessen ganzes Leben fortan „aus seiner eigenen Quelle hervorgehen muß“; im Bewußtsein, daß in allem jederzeit das Göttliche durch ihn spricht, wirkt und handelt. Indem Schleiermacher den Menschen den Imperativ setzt:

„Strebt danach, mehr zu sein als ihr selbst! — Strebt danach, mitten in der Unendlichkeit eins (zu) werden mit dem Unendlichen und ewig (zu) sein in jedem Augenblick!“

widerspricht er bewußt dem auf „Irreligiosität“ und „Selbsttäuschung“ beruhenden Glauben an zwei Welten, der „das Unendliche außerhalb des Endlichen“ sucht und „einen Unterschied macht zwischen dieser und jener Welt“, deren Glanz, wie er klar erkennt, „seine hohe und ausländische Farbe niemals verleugnen kann“21. Damit tritt er, ohne es zu ahnen, in die endlose Reihe aller großen Geister Europas, die einstimmig und aus innerer Wesensnotwendigkeit die „ausländische“ Zumutung, das Unendliche, Ewige, Heilige, Göttliche aus der Welt hinauszuverlagern und in einer zweiten, abgelegenen Welt unterzubringen, von sich gewiesen und es der Wirklichkeit zurückerstattet haben.

Europa wahrt die Einheit des Seins vor ihrer dualistischen Zerreißung

„Alle wenigstens, welche Religion haben“, rechtfertigt Schleiermacher die scharfe Ablehnung des allgemein als fremd empfundenen Dualismus, der das gesamte Sein zerreißt, „glauben nur an eine“. Diese Kette nämlich, beginnend mit Anaximander und Heraklit, den ionischen Denkern des vorsokratischen, vorplatonischen, vordualistischen Hellenentums, reicht bis in die Gegenwart über Eriugena und Eckhart, Nikolaus Cusanus und Giordano Bruno, Kant und Fichte, Schelling und Hegel, Goethe und Hölderlin, Teilhard de Chardin und Jaspers und unzählige andere, bei vollständiger Einhelligkeit ihres Glaubens. Für sie alle bilden das Unendliche und das Endliche eine unlösliche Einheit dergestalt, daß das Göttliche eine andere, tiefere Dimension bildet als das grenzenlose Universum und die Unermeßlichkeit der sinnlich-konkreten Natur, eine der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugängliche, gleichwohl die gesamte Wahrnehmungswelt umfassende und durchdringende Wirklichkeit, das zugleich unendlich über sie Hinausliegende und dennoch in allem Wesende, der ewige und doch in allem gegenwärtige Tiefen- und Seinsgrund, der alles Seiende sein macht, in allem lebt und wirkt.

Ein neuplatonisches Werk, das der Enkel Karls des Großen, Kaiser Karl der Kahle, brennend zu lesen wünschte, löste einen weiteren spezifisch europäischen Protest aus, der seit Mitte des 9. Jahrhunderts bis in die Gegenwart immer stärker und vielstimmiger werden sollte. Erhob der erste Protest sich gegen die Sündigkeitserklärung des Menschen entsprechend dem biblischen Sündenfallmythos und der Erbsündenlehre des Afrikaners Augustinus, so entzündete sich dieser Protest an der Sündigkeitserklärung der Welt durch den aus der Verfallszeit der Mittelmeerkultur stammenden, christlichen Neuplatonismus22 und seine Lehre vom stufenweisen Abfall vom weltenfern ruhenden Ureinen bis zur gottfernen, finsteren, bösen Materienwelt. Es war der ebenfalls von den Britischen Inseln gekommene, als Vertrauter des Kaisers, Leiter der Hofschule und Übersetzer jenes Buches am Kaiserhof bei Paris lebende Scotus Eriugena, der — wie Pelagius weder Mönch noch Priester — aufgrund seiner eigenen Schrift Über die Entstehung der Natur als die Nr. 1 auf den Index der von der Kirche verurteilten und verbotenen Bücher gesetzt wurde. Dieser genialste Denker seiner Zeit machte gleich zu Beginn seines Werkes unmißverständlich klar, daß er sich seine eigene Meinung unabhängig von jeder Autorität vorbehält, „die nicht von der wahren Vernunft gebilligt wird“, die ihrerseits, „weil sie sicher und wandellos sich auf ihre eigenen Kräfte stützt, keine Bekräftigung durch Zustimmung irgendeiner Autorität nötig hat“.

In ihm sträubte sich alles gegen die bewegungslos, in völliger Passivität ruhende ureine Gottheit und ihr willenloses Überquellen in eine stufenweise abgeschwächte Wirklichkeit, das in einer durch platonische und christliche Verdächtigung mit allen negativen Attributen diffamierten „Natur“ endete. Diesem extremen Dualismus widersprach er leidenschaftlich:

„Wir dürfen Gott und Kreatur nicht als zwei voneinander Getrennte betrachten, sondern als eines und dasselbe; die Kreatur gründet in Gott und Gott schafft sich in ihr auf wunderbare und unaussagbare Weise, indem er sich selbst in ihr offenbart, als der Unsichtbare sich sichtbar macht und als der Unbegreifliche begreiflich und als der Eine zu einem Vielfältigen … indem er als Unendlicher zum Endlichen wird … Macher von allem, in allem geworden, der ewig anfängt zu sein und als Unbeweglicher sich ins All bewegt und verkörpert, der alles in allem wird.“23

Indem Gott sich in unaufhörlicher Schöpfung in alles entfaltet, schafft er sich selbst in allem. So sind Gott und Welt zwar in ihrer Seinsweise verschieden, aber eins und identisch in ihrem Wesen.

„Es ist alles aus Gott und Gott in allem und alles nirgendanderswo her als aus ihm selbstgeworden, weil alles aus ihm selber und durch ihn selber und in ihm geworden ist.“24

Die Materie, für den orientalischen Dualismus jeder Prägung äußerster finsterer Gegensatz des allein lichten Geistes und Keim alles Bösen — für Eriugena ist sie Teil des Göttlichen selbst und von göttlicher Art:

„Von sich selbst nimmt Gott die Gelegenheiten zu seinen Theophanien und Erscheinungen, da von ihm, durch ihn, in ihm, zu ihm alle Dinge sind. Und so ist auch die Materie selbst, aus der die Welt gemacht ist, von ihm und in ihm und er selbst ist in ihr, soweit überhaupt ihr Sein erkennbar ist.“25

Im Menschen erst kommt Gott zum Bewußtsein seiner selbst. In des Menschen geistigen, schöpferischen Kräften wirkt er und erzeugt er sich in immer neuen Wirklichkeiten, so daß der mit göttlichen Kräften schaffende Mensch zum Mitschöpfer Gottes wird.

Die Gottdurchdrungenheit der Natur im Werden und Vergehen und aller ihrer Wesen von den kleinsten bis zu den Gestirnen, der blühenden Pflanzen, der Vögel und allen Getiers, ihrer lebenfördernden und zerstörenden Elemente — sie alle sind Selbstoffenbarungen Gottes, nicht ein täuschender, fahler Schein. Indem Gott sich in allem schafft, vermindert sich nicht — wie bei Platon — seine Realität, noch schwindet: — wie auch für den Neuplatonismus — ins Nichtseiende, im Gegenteil! Gott bringt sich in der Natur zu reicher, gesteigerter Wirklichkeit.

Diese dem europäischen Menschen so innig vertraute Naturheiligung und Naturfrömmigkeit, von Ketzergerichten und hohen Konzilien verdämmt und verboten, verfolgt, wo sie sich hervorwagte wie 1215 in zwei Magistern an der Sorbonne, Almarich von Bene und David von Dinant, in den Amalrikanern, von denen 1210 vierzehn an lebendigem Leib in Paris verbrannt wurden wie noch unzählige nach ihnen, — sie ergriffen dennoch das Volk, wenn auch nur für eine kurze Spanne, wie ein Rausch der Freude zugleich mit dem Erblühen des vom arabischen Spanien überkommenen Minnesangs. So wenn ein ritterlicher Sänger aus Tirol, Friedrich von Sonnenburg, in seinen Liedern von der Gottartigkeit der Welt die Natur vom Makel des Widergöttlichen und von ihrer Erniedrigung zum Jammertal befreite:

„O wohl dir, Gottes Wundertal! …
Du zarter Gottesgarten,
in der Gott wunderbar viel Wunder gewundert hat!
Schälte ich Gottes hohes Wunderwerk,
So schälte ich Gott an seiner Schöpfung!
Wer dich schilt, Welt, der schilt Gott!“26

Auch Eriugenas Name und Werk wurden nach seiner Verurteilung und der Vernichtung seiner Schriften vergessen. Und trotzdem erbt sich sein Geist der Heiligung der Natur in unendlichen Verzweigungen durch die gesamte europäische Geisteswelt, aus der kein Land zwischen Sizilien und Bergen in Skandinavien sich ausschließt. Namen drängen sich auf wie Walther von der Vogelweide und Francesco von Assisi, Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 in Rom lebendig verbrannt und Lucilio Vanini, der am 16. Februar 1619 in Toulouse auf dem Scheiterhaufen getötet wird, Namen wie Goethe und Hölderlin, Geibel und Rückert, Rilke und Teilhard de Chardin, um nur einige zu nennen.

An einer Gabelung dieser sich über ganz Europa weithin verzweigenden Religiosität der Gott-Natur steht Mitte des 15. Jahrhunderts einer der bedeutendsten und — ohne daß die von ihm ausgehenden Geistesströme bisher genügend aufgedeckt sind — die Zukunft wesentlich mitbestimmenden deutschen Denker. Obwohl er die höchsten Würden innerhalb der kirchlichen Hierarchie erklomm, ist er mit allem Fühlen und Denken in dem ureigenen religiösen Erbe Europas verwurzelt. Es ist der Moselländer Nikolaus von Kues (1401-1464), von seinem einstigen Schulfreund, der als Pius II. die Tiara trägt, „Cusanus“ genannt, der es als Doktor der Rechte bis zum Reformlegaten für Deutschland, zum Kurienkardinal, zum Generalvikar in Rom und Ratgeber des Papstes bringt…

In der Gottesschau dieses umfassenden Geistes treffen gleichsam drei Blickwinkel ureuropäischer Sichtweisen in einem zusammen: die Einheitsmetaphysik eines Eriugena von Gott und Welt und Gottes Werden in ihr, das Einssein von Gott und Mensch und das Werden Gottes in der Seele in der Mystik Eckharts und des Pelagius Lehre von der Freiheit des Menschen dank des Einsseins des göttlichen und des menschlichen Willens. Explicatio, Entfaltung alles Seienden aus dem Sein, aller Wesen und Dinge des gesamten Universums aus Gott — das ist Ursprung und Grund aller „Ungenauigkeit“ des konkret Wirklichen, aller unendlichen Ungleichkeit, Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit innerhalb der Schöpfung, die keine Wiederholungen, weder in Raum noch Zeit, kennt, Ursprung und Grund alles Lebens, Werdens, Bewegens aller Evolution. Alles ist Gottesentfaltung und gottentstammt, Entstehen und Vergehen, Zeugung und Zerstörung, keines kann ohne das andere sein, und auch das Negative empfängt seinen göttlichen Sinn aus dem Ganzen.

Damit heiligt der Cusaner die Welt so tief, daß sie keiner Heiligung durch Sakramente oder ein Opfer Christi bedarf. Hand in Hand mit der Wiederherstellung des uralten, im „Heil“ anwesenden göttlichweltlichen Zusammenhangs stellt der Cusaner die niedergetretene Würde und das Eigenrecht alles Irdischen, auch des Menschen wieder her, der selber explicatio Dei, Entfaltung Gottes und unmittelbar zu Gott ist — nicht nur der Papst, nicht nur der Geistliche! Auch der Laie, der einfache Mensch, ist selber Heilsträger, wie schon Eckhart wußte. Damit gibt der Deutsche jedem Laien eine Würde zurück, wie sie ihm seit Jahrhunderten von der Kirche nie zuteil geworden, die vor der Bekehrung jedem Menschen eigen gewesen war.

Es war dasselbe Prinzip, als der Cusaner — hundert Jahre vor dem bloßen Mittelpunktstausch des Kopernikus von Erde und Sonne unter Beibehaltung des festbegrenzten, starren antiken Kosmos — die orientalische, „hierarchische“ Struktur des von hoch oben die Welt regierenden Gottes über einem ummauernden Fixsternhimmel, oberhalb des tief unten ruhenden Mittelpunkts Erde, unter der die Hölle gähnte, preisgab zugunsten eines unendlichen, grenzenlosen Alls mit unendlich vielen Mittelpunkten, da ja alles Entfaltung und Enthalt Gottes ist27. So hebt er die dualistischen Wertgegensätze von Himmlisch und Irdisch, von Heilig und Profan, von Geistlichem und vom Laien auf und wandelt sie in die Gleichwertung der unendlich ungleichen, individuellen Menschen, deren ein jeder auf seine Weise das Unendliche, Ewige, Göttliche repräsentiert. Bei aller Verschiedenheit der je einzigartigen Individualitäten ist ein jeder dennoch sinnvoll auf jeden anderen und das Ganze gestimmt und strebt kraft seiner inneren Unendlichkeit, zu wachsen und sich zu vervollkommnen, um in freier Entfaltung der in ihm angelegten schöpferischen Fähigkeiten und göttlichen Seinsfülle /u einem Selbst und zum Mitschöpfer und Partner Gottes zu werden. Denn jeder kann nur wahrhaft „sein“, sofern Gott in ihm gegenwärtig ist, der sein Sein ausmacht. Darum kann nur er selbst sein in der Wechselseitigkeit der freien gott-menschlichen Zuwendung. Ein Selbst zu werden, hängt von ihm selber ab. In seiner schönsten und tiefgründigsten Schrift Von Gottes Sehen führt der Cusaner den Leser auf einen „Gleichnisweg“, auf dem er Gott so anredet:

„Du sprichst in der Tiefe meines Herzens:
,Sei du dein eigen, und ich werde dein eigen sein!’
Du hast es ganz zur Sache meiner Freiheit gemacht,
daß ich, wenn ich will, ich selber sein werde.
Bin ich nicht ich selbst, so bist Du auch nicht mein. —
Es hängt also von mir ab, nicht von Dir.“28

Indem der Mensch sich dem Göttlichen in der eigenen Tiefe öffnet, es in sich zuläßt, gibt das Göttliche ihm sich selbst:

„Wenn ich Dein Wort höre, das in mir unaufhörlich redet
und beständig in meiner Vernunft leuchtet,
so bin ich mein eigen und frei
— nicht ein Sklave der Sünde.“29

Das Selbstwerden durch Einswerdung mit Gott begründet des Menschen Freiheit. Seine Selbstentfaltung bedeutet die freie Verwirklichung des göttlichen Geistes, der durch ihn spricht, der göttlichen Schöpferkraft, durch die er, mit der Philosophie, mit der Kunst, mit der Technik Neues erschafft, was die Schöpfung noch nicht hervorgebracht hatte, sie bedeutet schließlich sein Selbstdenken, das sich nicht von Büchern und Autoritäten nährt, sondern durch Erfahrung aus den Büchern der Natur, die Gott geschrieben hat. Das Einssein von Gott und Mensch wird in der menschlichen Selbstentfaltung zur schöpferischen Partnerschaft.

In seinen Ketzern errang Europa seine zerstörte Identität zurück

„Jedes Seiende“ — so hatte Nikolaus Cusanus, wie wir eingangs hörten, das Wesen der Selbstidentität bezeichnet, „ist nur in seinem eigenen Sein ganz selbst.“ Als Folge von Zerstörung und Verlust der Selbstidentität hatte er klar die „Uneigentlichkeit“ der Existenz erkannt: „In jedem anderen kann es sich nur uneigentlich repräsentieren.“ Denn, so fügt er hinzu, „die nichtübertragbare Identität“ auf jemand anders übertragen, geschieht unweigerlich „um den Preis des Andersseins“. Damit ist das Los des europäischen Menschen während mehr als einem Jahrtausend in wenigen Worten umrissen.

Europa hatte das Schicksal, in einem Glauben leben zu müssen, der nicht der seine war und seinem Wesen, Erleben, Fühlen, Denken nicht entsprach, der „sein eigenes Sein“ vergewaltigte, sein Bewußtsein durch dualistische Zerreißung alles dessen, was hier und für viele blieb, umformte und durch Setzung fremder ihm widerstreitender Wertakzente umpolte und damit den inneren Kompaß, die nachtwandlerische Sicherheit im Beschreiten des „rechten Weges“ zerstörte. Denn Verlust der eigenen Religion als eines ganzheitlichen Seinsbezuges bedeutet Gesamtverlust der eigenen Identität.

Indem das Volk in einem schmerzhaften Umerziehungsprozeß, der Jahrhunderte in Anspruch nahm, unter den Opfern seiner Eigentlichkeit mehr oder weniger zu Christen gemäß dem ihm gepredigten Selbstverständnis des schwachen, der Gnade Gottes und der Erlösung durch den Tod seines Sohnes bedürftigen Sünders wurde, wehrten sich die mutigsten, eigenständigen und schöpferischen Geister gegen die Zumutungen des fremden Glaubens und entzündeten in der Reibung durch Widerspruch die Flamme ihrer eigenen, aus innerster Wesensnotwendigkeit aufsteigenden religiösen Überzeugung. Ungezählte Tausende nahmen ohne Rücksicht auf sich selbst die gigantische Herausforderung auf, welche die Entwürdigung und Verkrüppelung ihres Menschseins und des ihnen Heiligsten an ihren Mut und ihr schöpferisches Denken stellte. Waren es anfangs nur einzelne Große, von deren Geist sich eine nicht abreißende Spur bis in die Gegenwart zieht — von Pelagius bis Storm, Hebbel, Rilke und weiter, von Eriugena und Giordano Bruno über Goethe bis Teilhard de Chardin und Saint-Exupery, von Meister Eckhart und Nikolaus Cusanus über Jakob Böhme bis Heidegger und Jaspers —, so wächst ihre Zahl beständig und ist in der Gegenwart in ungebrochener Kontinuität zu einer sich weit ausbreitenden, alle europäischen Nationen, alle gesellschaftlichen Schichten und alle Generationen übergreifenden religiösen Gemeinsamkeit erstarkt. Was konnte schlagender die religiöse Identität Europas ausweisen als die spontanen Proteste und selbständigen Entgegensetzungen seiner Ketzer als Urheber eigener religiöser Schöpfungen mit eigener Perspektive und ihre immer wieder staunenerregenden Übereinstimmungen untereinander über Jahrhunderte und über alle nationalen Grenzen hinweg — Übereinstimmungen, die oft unabhängig voneinander und ohne voneinander zu wissen, allein der ihnen gemeinsamen, ureigenen Erlebensweise, der immer gleichen Gotteserfahrung, demselben Wesensgesetz in der eigenen Brust entstammten? In seinen Tausenden von Ketzern kam Europa immer erneut und aus seinem Urgrund erneut zu sich selbst, wurde es sich in seinen größten Geistern seiner selbst, seines Wesens und seiner eigenen göttlichen Tiefe bewußt in einer eigenen europäischen Religion, die über das sich seinem Untergang zuneigende Zeitalter der Selbstentfremdung hinweg tragende Kräfte entfalten wird.

„Jedes kann nur wahrhaft ‚sein’, sofern Gott in ihm sein Sein ausmacht“

Die Nur-Protestierenden freilich, die den Mut zum eigenen Selbst und die Kraft zum eigenständigen Weg abseits der ausgetretenen ideologischen Straßen nicht aufbrachten, sie warfen mit dem von Nietzsche diagnostizierten „unglaubwürdig gewordenen Glauben an den christlichen Gott“ jeden Glauben über Bord, fegten mit dem christlichen „Jenseits“ jegliche „Transzendenz“, das heißt jedes „Überschreiten“ der vordergründigen Dingwelt des den Sinnen und dem Verstand Gegebenen davon. Indem sie jede Bindung zerrissen, ihre eigenen Wurzeln abschnitten und sich somit aller Quellen ihrer Kraft begaben, haben sie sich als Entwurzelte, Unbehauste selbst den von Nietzsche vorhergesagten Schrecken des totalen Nihilismus ausgeliefert mit allen Ängsten und Verzweiflungen in letzter Sinnleere und Verlorenheit ihres verödeten Daseins, das nach Untergang, Ende, Totsein süchtig ist. Die christliche Entwürdigung und Entheiligung des Menschen, der Welt, der Natur hat in diesen Protestierern gegen den christlichen Gott, in diesen Aussteigern aus dem Sinn, in diesen Emigranten aus der Heillosigkeit des Diesseits — das nach dem Kappen des „Jenseits“ ein „Diesseits“ des Nicht-Seienden ist und „vom Nichts umdroht“ — ihre letzten Opfer zugerichtet. Ihre Preisgabe aller Transzendenz rächt sich an ihnen mit dem Verlust des Seins.

Denn sie haben in ihrer Radikalität das Wesentliche für eine heile Identität selbst zerstört, das ihnen Antoine de Saint-Exupery mit dem Gebet des Großen Kaid in der Stadt der Wüste in Erinnerung ruft, das hier aber auch für jene stehen mag, die auf dem Weg zu ihrer wahren religiösen Identität sind:

„Verbinde mich wieder dem Baum, von dem ich stamme!
Ich bin ohne Sinn, wenn ich allein bleibe …
Hier bin ich aufgelöst und vorläufig.
Ich trage Verlangen, zu sein.“30

Anmerkungen

I Zerstörung der religiösen Identität

1 Nikolas von Cues, Die Kunst der Vermutung, Auswahl aus seinen Schriften, Bremen 1957, Über die Vermutungen, 1,13.
2 Michael Rangl, Briefe des hl. Bonifatius, Leipzig 1912.
3 Snorri Sturlusson, Sage von Hakon dem Guten, 14, in: S. Hunke, Europas andere Religion, Düsseldorf 1969, S. 97.
4 Hierzu Kap. ,Gott liebt den freien Menschen’, in S. Hunke: Europas andere Religion, aaO., S. 57-93.
5 Sigrid Hunke, Europas andere Religion, aaO., S. 15f, Einleitung: ,Gott hat viele Gesichter’.
6 Ebd., S. 93.
7 Sigrid Hunke, Tod, was ist dein Sinn, Pfullingen 1986, Kapitel ,Weiterleben aus dem Heil’.
8 Sigrid Hunke, Europas andere Religion, aaO., S. 102ff.
9 Salvian, De gubernatione Dei, X, VI.
10 Die Hymnen des Mönches Gottschalk, hrsg. von Walter Kagerah, Berlin 1936.
11 Sigrid Hunke, Europas andere Religion, aaO., S. 111.
12 Wilhelm Grönbech, Religion und Kultur der Germanen, Hamburg 1935, S. 127ff.
13 Sigrid Hunke, Am Anfang waren Mann und Frau, Vorbilder und Wandlungen der Geschlechterbeziehungen, Hildesheim 1986, S. 86ff.
14 Ebd., S. 80ff.
15 Ebd., S. 174ff.                                                                                 :
16 Heiland und Genesis, hrsg. von Otto Behaghel, Halle 1922.
17 Franz Brietzmann, Die böse Frau in der deutschen Literatur des Mittelalters, Berlin 1912.
18 Tacitus, Germania, c. 8.
19 Michael Rangl, aaO., Brief von Gregor an Bonifatius v. 2.11.726.
20 Sigrid Hunke, Das Reich und das werdende Europa (,Das Reich ist tot — es lebe Europa’), Hannover 1965, S. 29f.
21 Ebd., S. 30ff.
22 Ebd., S. 13-74.
23 Ebd., S. 26f.
24 Ebd., S. 25.
25 Ebd., S. 45ff.
26 Das Buch der deutschen Dichtung, hrsg. von Friedrich von der Leyen, I. Band, ,Frühes und hohes Mittelalter’, Leipzig 1939, S. 113.

II Erneuerung der religiösen Identität

1 Sigrid Hunke, Europas andere Religion, aaO., S. 60.
2 „Est enim, inquam, in animis nostris naturalis quaedam (ut ita dixerim) sanctitas.“ Demetriasbrief, in: Migne, Patrologiae Ser. Latina, Paris 1846, XXX 17, 2.
3 Ebd., XXX 17, 6.
4 Reinmar von Zweter in: Die deutsche Literatur, übs. und hrsg. von Boor, München 1965.
5 Meister Eckart, Deutsche Predigten und Traktate, üb. und hrsg. von Josef Quint, München o. J, Predigt 29, S. 291.
6 Nach Sigrid Hunke, Europas andere Religion, aaO., S. 77.
7 Wolfgang von Wartburg, Geschichte der Schweiz, München 1951, Kap. Pestalozzis. 178ff.
8 Immanuel Kant, Werke, Berlin 1913, Bd. V, Kritik der praktischen Vernunft, 2. Teil.
9 Friedrich von Schiller, Das Ideal und das Leben.
10 Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?, Akademieausgabe Band 8, S. 35.; .Metaphysik der Sitten, Einleitung § 4’.
11 Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit. Aus meinem Leben, München o. J., 15. Buch, S. 506ff.
12 Johann Wolfgang von Goethe, Werke, Stuttgart 1950, Abt. 1, Bd. 4 .Frühe Dramen, Bruchstücke’.
13 Johann Wolfgang von Goethe, Faust, ,Prolog im Himmel’.
14 Sigrid Hunke, Europas andere Religion, aaO., III. Teil, ,Die europäische Religion1, S. 421-505.
15 Die ,unitarischen’ Präsidenten der USA: John Adams, Thomas Jefferson und Abraham Lincoln; ferner Benjamin Franklin u. a.
16 Sigrid Hunke, ebd., S. 265.
17 Ebd., S. 262.
18 Meister Eckhart, in Predigten und Traktate, aaO., Predigt 32, S. 309.
19 Johann Gottlieb Fichte, Sämtliche Werke, Leipzig 1924, .Anweisungen zum seligen Leben’, 6. Vorlesung, V, 475.
20 Friedrich Schleiermacher, Werke, Bd. 4, ,Über die Religion, Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern’, Leipzig 1911, S. 132.
21 Ebd., S. 34.
22 Sigrid Hunke, ebd., S. 41.
23 Johannes Scotus Eriugena, Über die Einteilung der Natur, übs. von K. Noack, Leipzig 1870-1874, III, 17.
24 Ebd., III, 22.
25 Ebd., III, 18.
26 Friedrich von Sonnenburg, in Die deutsche Literatur, aaO., I, 491f.
27 Nicolaus von Cues, Die Kunst der Vermutung, aaO., S. 225, ,Der Laie und die Weisheit’; S. 267 ,Der Laie über den Geist’; S. 299 ,Das Experiment mit der Waage’.
28 Nicolaus von Cues, ebd., ,Von der wissenden Unwissenheit’ (,De docta ignorantia’), Zweites Buch.
29 Nicolaus von Cues, ebd., ,Von Gottes Sehen’, S. 316.
30 Antoine de Saint-Exupery, Die Stadt in der Wüste, übs. von O. v. Nostitz, Düsseldorf 1956, c. 173.

Ökologische Religion?

Germanenherz Die Christianisierung

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Wozu dann um Baumsterben sich kümmern, wozu für reine Luft, entgiftete Böden, reines Wasser sich einsetzen ? Ums Jenseits geht es ihm doch !

Es ist noch gar nicht so lange her, dass in christlichen Zeitungen darauf hingewiesen wurde, dass der technische Fortschritt nur durch das Christentum ermöglicht worden sei: Es habe die Natur entzaubert, Pflanzen und Mineralien zu Sachen gemacht, und damit die Voraussetzung für die Technik geschaffen. Heute sind die Stimmen verstummt. Angesichts der Umweltkrisen möchte man hieran auch nicht mehr erinnert werden. Statt dessen wird versucht, Jesus als ökologiebewusst darzustellen: Das Ur- Christentum sei eine ökologische Religion.

Dies Bemühen ist beispielsweise festzustellen in dem Buch von Hubertus Mynarek: „Ökologische Religion – ein neues Verständnis der Natur“ (Goldmann-Verlag 1986). Der Verfasser war ursprünglich katholischer Priester und Religionsprofessor, bis er 1972 aus der katholischen Kirche austrat. Mit Christus hat er aber nicht gebrochen. Seine Feindesliebe, sein Gleichheitsprinzip, sein Kampf gegen den Reichtum sei eine gute Voraussetzung für eine ökologische Religion. Nun, dass Jesus keinerlei Interesse für Umweltschutz entwickelt hat, ist schon aus seinem Wort zu ersehen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“.Wozu dann um Baumsterben sich kümmern, wozu für reine Luft, entgiftete Böden, reines Wasser sich einsetzen ? Ums Jenseits geht es ihm doch !Dass Jesus im übrigen durchaus ungebrochen in der Tradition des alten Testamentes mit seinem Satz „Macht Euch die Erde untertan“ steht, ist aus einigen Stellen des neuen Testamentes zu entnehmen. So treibt er Dämonen beispielsweise aus und versetzt sie in eine Schweineherde, die er anschliessend ins Meer treibt, wo sie ertrinkt (Lukas 8, 26 – 39; Markus 5, 1 – 20; Matthäus 8, 28 – 34). Frage: Sollte es einem Gott nicht möglich sein, Dämonen auszutreiben, ohne dazu eine Schweineherde ertrinken zu lassen ? Typisch auch die Verfluchung des Feigenbaumes. Jesus hatte Hunger, ging zu einem Feigenbaum in der Hoffnung, dort Früchte zu finden, obwohl – wie es ausdrücklich heisst – es nicht die Zeit war, wo Feigenbäume Früchte zu tragen pflegten. Als er dann keine Früchte fand, verfluchte er den Feigenbaum, er solle künftighin nie mehr Frucht tragen; dieser verdorrte daraufhin auch (Markus 11, 12- 21; Matthäus 21, 18 – 22).

Franz von Assisi, der von den Christen als Schutzpatron der Tierschutzvereine und seit einigen Jahren auch des Umweltschutzes hochgelobt wird, verfluchte ausweislich seiner Lebensgeschichte eine Sau, die im Klostergarten untergebracht worden war und einem dort ebenfalls gehaltenen Lamme die Kehle durchgebissen hatte. Daraufhin sei das Tier verkümmert und gestorben. Augustus jammert darüber, dass die Menschen die Bergeshöhen betrachten und sich darüber selbst vergessen; sie sollen sich mithin nicht der Natur widmen, sondern ihrer Seele.

Hieraus ist schon ersichtlich, dass das Christentum als Grundlage für eine Natur-Religion nicht dienen kann. Eine vergleichbar negative Auffassung zur belebten und unbelebten Natur haben Islam und Judentum. Zu erinnern wäre an den „Sündenbock“, der von den Juden mit Sünden beladen wird, und sodann in die Wüste gejagt wird, damit er dort verdurste, oder an das tierquälerische Schächten von Tieren. Bäume und Tiere sind lediglich Sachen bei diesen beiden Religionen. Auch dem Buddhismus geht es im wesentlichen um die Erlösung von den Wiedergeburten und dem Eingehen ins Nichts, dem Nirwana. Eintreten für eine gesunde Umwelt hätte dort keine religiöse Grundbedeutung.

Im Hinduismus, den ebenfalls einige hier bei uns als vorbildlich sehen, werden manche Bäume und Tiere als heilig angesehen, andere nicht. Es gibt darin aber auch die Idee der Allgöttlichkeit. Daraus folgt, dass alles Gott ist, das Schlechte und Böse ebenso wie das Gute: nicht nur das saubere Wasser, die Luft und die Blumen sind Gott, sondern auch die Ölpest und das Waldsterben, mithin alles was geschieht – selbst die schlimmsten Verbrechen an Mensch und Natur sind „richtig“, weil göttlich.

Vergleichbare Schwierigkeiten ergeben sich beim Pantheismus mancher Romantiker hier bei uns, die alles als gottdurchseelt angesehen haben.

Soweit Hubertus Mynarek erklärt: „Ökologische Religion ist nur der Natur zugewandt und nichts anderem“, ist dies eine Einseitigkeit. Eine Religion muss sich ebenso mit den Menschen und ihren Beziehungen zueinander befassen, nicht nur mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Besser ist schon die Forderung von Baldur Springmann, „Religio“ als Rückbindung an den Kosmos zu sehen, in Beziehung zu allen anderen lebenden Wesen und Lebenserscheinungen. Wie Ökologie oder Naturbewusstsein mit bestehenden Religionen (Christentum, Antroposophie, Islam, Buddhismus, Hinduismus u.a.) in Verbindung gebracht werden, und auch kritische Anmerkungen zu diesen Versuchen, ist dem von Holger Schleip herausgegebenen Sammelband: „Zurück zur Natur – Religion?“ (Verlag Hermann Bauer, 1986) zu entnehmen. Bei kritischer Durcharbeit zeigt sich, dass alle Versuche, aus fremden Religionen Lösungen für die Frage einer Bindung an die Natur zu finden, fehl gehen müssen, weil dort ganz andere Voraussetzungen vorliegen. Was in diesem Band fehlt, ist eine Ausarbeitung zum germanischen Heidentum, das eine Natur-Religion (aber nicht nur das) war. Unsere Vorfahren gingen – so wie wir jetzt auch – von natürlichen Grundtatsachen aus. Sie waren überzeugt von der Bipolarität alles Lebens (Freude und Leid, Licht und Schatten, Tod und Leben, Tag und Nacht, Wärme und Kälte u.a.). Sie sahen den Menschen in Abhängigkeit von der Natur und ihrem Kreislauf. Dieses Denken in Kreisläufen war wesentlich anders als das christliche Denken, das von einem Jahr O (der angeblichen Geburt Christi) gradlinig bis zum jüngsten Gericht eine Entwicklungslinie ziehen will. Das heidnische Denken lebte demgegenüber in dem Wechsel der Jahreszeiten und sah sich in Abhängigkeit von diesen.

Der heidnische Mensch nahm ferner sein Wesen als gegeben an; es ging ihm nicht darum, sich zu überwinden, das „irdische Jammertal“ zu fliehen, den eigenen Leib zu geisseln oder was dergleichen seelische Verirrungen sonst noch sind. Aus letzterem folgte eine Pflege des Leibes (Reinlichkeit, Körperertüchtigung, Wettkämpfe), aus ersterem ein religiöser Kult, von dem wir Reste noch heute im Brauchtum des Jahreslaufes finden. Dass einstmals die Sommersonnwendfeiern kultische Bedeutung hatten, ist daraus zu ersehen, dass heute diese Feuer als „Johannisfeuer“ von der Kirche umbenannt worden sind. Ebenso gab es Feuer zur Wintersonnenwende sowie an den Vollmonden nach den Tag- und Nachtgleichen im Frühjahr und Herbst, also zu Ostern und dem Herbstopferfest. Die germanische Religion stellte eine Verschmelzung der rein auf den Sonnenlauf ausgerichteten Religion der eingewanderten indogermanischen Schnurkeramiker einerseits, und der mutmasslich mutterrechtlich und deswegen wohl stärker auf den Mond orientierten Religion der Grosssteingrableute andererseits dar. Deswegen hatten die Germanen zwei der insgesamt vier Hauptfeste direkt an Sommer- bzw. Wintersonnenwende, zwei andere an den Vollmonden nach Tag- und Nachtgleiche. Wenn das überlieferte Brauchtum von Verfälschungen der letzten Jahrhunderte gereinigt wird, ferner wieder zu den alten Tagen mit dem alten Sinngehalt durchgeführt wird, macht dies unsere Einbindung in die Natur deutlich.

„Warum in die Ferne schweifen …“. Wenn bei dem sich nunmehr abzeichnenden religiösen Neubesinnen versucht wird, statt des Christentums andere Religionen des Ostens oder indianische Religionen hier als vorbildlich einzuführen, so kann auch dies nur in die Irre weisen. Wenn es in anderen Religionen manche Züge gibt, die wir gutheissen und uneingeschränkt bejahen können, so wird es doch immer – ganz einfach weil sie von andersrassigen Menschen geschaffen wurden – Abweichungen zu unseren Auffassungen geben, die nur mit Gewalt oder Verbiegungen mit unseren Gedanken in Einklang gebracht werden könnten. Deswegen wäre denjenigen, die nach Natur- Religion oder ökologischer Religion suchen, gedient, wenn sie den Ratschlag eines Indianers beherzigen würden, der auf die Frage, was wir hier machen sollten, sagte: „Nach den eigenen Wurzeln suchen“. Dies machen wir, und dementsprechend ist unsere Küre 6 des Artbekenntnisses gestaltet. Unsere Einbindung in Natur und Kosmos ist damit deutlich gemacht. Wie die anderen Küren zeigen, ist diese Einbindung in die Natur aber nur ein Teil unseres religiösen Selbstverständnisses. Eine Religionsgemeinschaft muss umfassend Antwort auf wichtige Lebensfragen geben. Wir sind deshalb davon überzeugt, dass die Artgemeinschaft denjenigen nordischen Menschen, die sich religiös neu binden wollen, eine bessere Heimat sein kann als jede andere Religionsgemeinschaft.

Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

anatololy-mikhailovich-ivanovAnatoli Iwanow

Biographie

Anatoli Iwanow ist am 2. April 1935 in Moskau geboren. Seine Eltern unterrichteten russische Sprache und Literatur in der Mittelschule. Die Bildung: Moskauer Universität, Fakultät ‚Geschichte’.

Drei Mal (in den Jahren 1959, 1961 und 1981) wurde A. Iwanow wegen der s. g. „antisowjetischen Tätigkeit“ verhaftet und verbrachte insgesamt ca. sieben Jahre in Gefängnissen und Verbannungen.

Das erste große historisch-philosophische Werk „Die Slawophilen am Scheideweg“ hat er auf der Basis seine Diplomarbeit an der Universität geschrieben. Dieses Werk war der Rolle von Nikolaj Danilewski in der Entwicklung der slawophilen Bewegung gewidmet.

Danach folgen: „General M. Skobelew als Feldherr und Staatsmann“ (1968), und „Völkische ohne Volk. Ideologie der Partei Volkswille“ (1969).

A. Iwanow nahm aktiv am russischen patriotischen ‚Samisdat’ teil. [Russisch: selbst und isdatel’stwo – Verlag, bezeichnete in der UdSSR die Verbreitung von alternativer, nicht systemkonformer Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen, zum Beispiel durch Handschrift, Abtippen oder Fotokopie sowie Weitergeben einzelner Exemplare.] Er verfaßte das Minifest „Rede der Nation“ (1970) und viele alternative Zeitschriften (1971) und viele Artikel für die Zeitschrift ‚Vetsche’ (1971-1974), in der „General Skobelew“ und der Artikel „Gegen Japans Ansprüche auf Kurilen“ (herausgegeben als Broschüre im Jahre 1992).

Im Jahre 1971 beginnt A. Iwanow beginnt die Untersuchungen auf dem Gebiet der Religionsgeschichte. Dann erschien das Werk „Geheimnis von zwei Prinzipien. Herkunft des Christentums“, und im Jahre 1973 folgt eine wichtige historische Forschung „Triumph der Selbstmörder. Der erste Weltkrieg und die Februar-Revolution in Rußland“. Einzelne Kapiteln wurden in verschiedenen russischen Zeitschriften 1989 und 1991 veröffentlicht.

Rußland zur Zeit von Nikolaj II – dieses Thema wird in noch zwei weiteren Werken untersucht: „Faule Grundlagen. Agrarreform von Petr Stolypin“ (1977) und „Rußlands verhängnisvoller Tag. Der blutige Sonntag 9. Januar 1905“ (1978). Das letztgenannte Werk erschien in der Zeitschrift ‚Kuban’ (1991).

Das in Deutschland bekannte Werk Logik des Albtraums (Stalin und der große Terror) wurde im Jahre 1978 geschrieben. Russische Ausgabe – ‚Russkij Westnik“ (1994), deutsche Ausgabe – ‚Verlag der Freunde Berlin’ (1996).

Im demselben 1978 wurde „Das Geheimnis der zwei Prinzipien“ zum Pamphlet „Die christliche Pest“ umgearbeitet und vom Verlag ‚Vitjas’ im Jahre 1994 als Broschüre unter gemildertem Titel „Christentum so wie es ist“ herausgegeben.

„Geschichte als Werkzeug des Völkermordes“ (1980) – Titel des Artikels gegen Versuche einiger russischen Historiker, sich die Geschichte von Venetern anzueignen (‚Nazionalnaja Demokratija, 1995., Nr. 1).

Verschiedene Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Mazdaismus werden in der großen Forschung „Zarathustra sprach anders. Grundlagen der arischen Weltanschauung“ (1981) verglichen.

Während seiner Verbannung in der Stadt Kirow, hat A. Iwanow zwei Werke geschrieben: „Die gestohlene Armierung. Tempelritter-Tradition in der Freimaurerei“ (1982) und „Holocaust der Steinzeit. Rätsel der Megalithen“ (1983) – das letzte Werk wurde in derselben Ausgabe der Zeitschrift ‚nazionalnaja Demokratija’ gedruckt.

Das Thema der Forschung „Herrscher dieser Welt“ (1987) erzählte angeblich über den Niedergang des Römischen Reiches, prophezeite aber in der Wirklichkeit den zukünftigen Zusammenbruch der UdSSR.

Im Jahre 1988 war die Forschung über die spanische Inquisition geschrieben.

Seit der Gründung der Wochenzeitung ‚Russkij Westnik’ (‚Der russische Bote’) im Januar 1991 wurde A. Iwanow zum Mitglied der Redaktionsrates. In dieser Zeitung wurde viele seiner Artikel veröffentlicht, sowie später in den Zeitschriften ‚Ataka’ (‚Der Angriff’) und ‚Nasledije Predkow’ (‚Das Ahnenerbe’).

Das Werk „Die Wärme des Lebens und die Kälte des Todes. Nietzsche und Evola“ (1996) wurde teilweise in der Zeitschrift ‚Athenaeum’ veröffentlicht. Seit 2001 ist A. Iwanow Mitglied der Redaktion und Stammverfasser zugleich.

Am 7. Juli 1997 trat die Moskauer Abteilung mit A. Iwanow an der Spitze der europäischen Assoziation ‚Synergon’ bei.

Das Werk „Monségur fällt noch einmal“ (1998) bestreitet den Standpunkt des Zentrums von Katharismus in Carcassonne.

Das letzte Werk „Zivilisation der Gottesmutter“ (2001) betrachtet die Zusammenhänge zwischen der Rassenpsychologie und Religion.

Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

„…für Heiden eine Torheit…“ (1. Kor. 1; 23)

Bisher kannten wir nur ein Volk, das sich selbst als „auserwählt“ bezeichnet: die Juden. Aber sogar sie, sollte man ihrem Witz glauben, wollten diese Bürde loswerden. So betet ein alter Jude: „Adonai, ato bhartonu“ („Mein Herr, Du hast uns erwählt“), und fährt fort: „Mein Herr, sage mir, bitte, kannst Du nicht endlich noch irgendwen sonst erwählen?“

Gewiß, dies ist ein koketter Witz. Die Juden beabsichtigen keineswegs, auf ihren Sonderstatus zu verzichten, und ihr nationaler Gott kann seinem Wesen nach auch keine andere Nation erwählen. Dies kann nur ein anderer Gott im Rahmen eines neuen historischen Zyklus. Das kann aber auch ohne göttliche Teilnahme geschehen.

Ich möchte an dieser Stelle zunächst kurz auf meine Theorie der Zyklen zurückkommen, die ich schon in meiner Skizze über Nietzsche und Evola dargelegt habe[1]. Die historischen Lebenszyklen der Völker Europas und der Levante – wir betrachten hier nur die Schicksale dieser Völker – dauern etwa 2000 Jahre. Jeder Zyklus teilt sich in vier Viertel von jeweils etwa 500 Jahren und ist mit bestimmten Etappen der Entwicklung, der Blütezeit und des Verfalls verbunden.

Das erste Viertel des antiken Zyklus (1500-1000 v.d.Ztw.), den man als ein Vorbild des unseren betrachten kann, ist die Zeit der ersten labilen Zusammenschlüsse (mykenische Zeit, Trojanischer Krieg), das zweite (1000-500 v.d.Ztw.) ist die Periode der Zersplitterung, das dritte (500 v.d.Ztw.) die Zeit der stürmischen politischen Ereignisse (Rivalität zwischen Athen und Sparta, später der Aufstieg Mazedoniens und Roms Sieg über Griechenland) und der Blüte der antiken Kultur, und das letzte Viertel (0-500 n.d.Ztw.) bringt den Antagonismus zweier Großmächte (Rom und das Partherreich – Persien) und schließlich den Zusammenbruch von beiden.

Im Rahmen des gegenwärtigen Zyklus umfaßt das erste Viertel (500-1000) wieder die Zeit der labilen Zusammenschlüsse (das karolingische Imperium, das Reich von Kiew), das zweite (1000-1500) die Periode der feudalen Zersplitterung, das dritte (1500-2000) den Höhepunkt der politischen und kulturellen Tätigkeit (den Kampf zwischen Frankreich und Deutschland um die europäische Hegemonie, die Gründung des britischen Weltreiches und – am Ende des 20. Jahrhunderts – den Antagonismus zweier Großmächte, der USA und der UdSSR).

Es scheint, daß es sich dabei um zwei verschiedene Verkörperungen derselben Archetypen handelt. Dasselbe geschieht mit einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten. Man kann vermuten, daß Alexander der Große und Napoleon zwei Verkörperungen derselben „Überpersönlichkeit“ sind, an deren Beispiel sich die zweite Gesetzmäßigkeit der Geschichte offenbart, das Gesetz des Ausgleichs: ein Mißerfolg in einem historischen Zyklus wird durch einen Erfolg in einem anderen ausgeglichen und umgekehrt. Die Großen der griechischen Philosophie und Dramaturgie wurden unter anderen Namen in Deutschland und Frankreich wiedergeboren. Es ist jedoch davon abzuraten, sich zu Suchaktionen nach derartigen „Doppelgängern“ verfuhren zu lassen. Dies um so mehr, als diese Beschäftigung leicht zu einer Manie werden kann und die echten Analogien durch die an den Haaren herbeigezogenen kompromittiert werden.

Der antike Zyklus hatte auch einen Vorgänger: den sumero-semitischen Zyklus (3500-1500 v.d.Ztw.), in dem Lagasch und Umma dieselben Rollen wie Athen und Sparta spielten, beziehungsweise Akkad Mazedonien, Babylon dem Römischen Reich und Elam Persien entsprachen.

Die Verhältnisse zwischen den Zyklen gestalten sich ebenfalls nach dem Gesetz des Ausgleichs. Der semitische Zyklus, der in den historischen Hintergrund verdrängt wurde, rächte sich am siegreichen antiken Zyklus – mit Hilfe des Christentums errang er der geistigen Sieg über seinen Feind. Heute erleben wir dieselbe Phase unseres Zyklus wie im vorangehenden Zyklus, als die neue Weltreligion, das Christentum, auftrat. Nach dem Gesetz des Ausgleichs wird die Religion, die zur Zeit an die Tür der Geschichte klopft, eine Revanche der antiken Welt sein.

Die frühere semitische Revanche hatte sich bekanntlich durch ein Volk und einen Menschen verwirklicht, wobei die Verhältnisse zwischen diesem Volk und diesem Menschen sehr kompliziert waren; dieses Thema ließe sich natürlich noch weiter ausführen. Das jüdische Volk, das an seine Auserwähltheit glaubte, verstand diese völlig falsch und hat bis heute noch nicht begriffen, daß es nur dank jenes Menschen, den es ablehnte und sogar zur Hinrichtung verdammte, zum auserwählten Volk wurde. Das bedeutete gleichzeitig die Wahl Gottes: Jahwe, welchen bis dahin, wie Anatol France in seinem Roman „Die Revolte der Engel“ schrieb, „… nur einige klägliche syrische Stämme kannten, die sich seit langem durch dieselbe Grausamkeit wie er selbst ausgezeichnet hatten und von einer Knechtschaft zur anderen übergingen…“, verwandelte sich für Millionen Menschen in ihren einzigen Gott.

Aber die Juden glaubten, daß eine allmächtige Kraft ihnen helfen würde, jeden Gegner zu überwältigen. Aus diesem Grunde forderten sie zweimal das Römische Reich frech heraus. Bar Kochba, der Führer des zweiten jüdischen Aufstandes, wurde von dem damals berühmten Rabbi Akiba als Messias verkündet, und die Juden waren davon überzeugt, wurden aber enttäuscht. Sie, wie die ganze übrige Welt, wußten noch nicht, daß der echte Messias schon vor 100 Jahren gekommen war. Nur wenige konnten hinter dieses Geheimnis kommen.

Heute lebt die christliche Welt in der Erwartung der kommenden Parusie ihres Erlösers, aber diese Erwartung ist vergeblich, denn es ist sinnlos, auf etwas zu warten, was schon geschehen ist. Gemäß den christlichen Deutungen hat Vergil in seiner „Bucolica“ die Geburt Christi vorausgesagt. Aber das war keine Prophezeiung, sondern eher eine unklare, in heidnische Formen gehüllte Vorahnung. Etwas Ähnliches widerfuhr dem Gründer der Sekte der Adventisten, William Miller. Er sagte die zweite Erscheinung Christi für das Jahr 1844 voraus, aber in diesem Jahr hatte sich etwas anderes ereignet: Friedrich Nietzsche wurde geboren.

Um richtig verstehen zu können, wer Nietzsche in Wirklichkeit war, ist es vor allen Dingen notwendig, seinen sogenannten Wahnsinn aufzuklären. Einen solchen Versuch hat Miguel Serrano unternommen. In seinem Werk „Nietzsche et l’eternel retour“[2] enthält die Überschrift eines Abschnittes die Frage: „Konnte Nietzsche dem Wahnsinn entgehen?“ Serrano zweifelt nicht daran, daß Nietzsche „den Verstand verlieren sollte“, aber das Wort „sollte“ klingt in diesem Fall zu unbestimmt: sollte er infolge der natürlichen Logik seiner Krankheit verrückt werden oder handelte es sich um eine andere, höhere Pflicht? Serrano geht den richtigen Weg, wenn er schreibt, daß „…«ich» über einige Individualitäten innerhalb des Kreises der Ewigen Wiederkehr verfüge…“, aber dann kommt er von diesem Weg ab und beginnt Unsinn zu schreiben, wenn er Nietzsches Persönlichkeit mit mehreren Personen, wie Caesar, Shakespeare, Bacon, Wagner und Bismarck identifiziert. In den beiden letzten Fällen ist eine Identifizierung unmöglich, weil diese Personen gleichzeitig miteinander und mit Nietzsche lebten, und die anderen sind auch unpassend (wenn sie denn wirklich drei sind: es gibt eine Hypothese, daß Bacon unter dem Decknamen „Shakespeare“ schrieb).

Ein Umstand ist viel wichtiger: Nietzsche unterzeichnete im Zustand des Wahnsinns als „Dionysos“ und als der „Gekreuzigte“. Die letzte Unterzeichnung bedeutet, daß sich Nietzsche selbst als zweite Verkörperung derselben Überpersönlichkeit begriff, deren erste Verkörperung Jesus war. Die Unterzeichnung „Dionysos“ hat eine andere Bedeutung: sie weist auf die Tradition hin, auf deren Basis die neue Religion zu begründen ist. Eine solche Basis war für Jesus die alttestamentarische Tradition, die er fortsetzte und erneuerte. Nietzsche wollte nicht den Dionysos-Kult wiederbeleben, hielt aber dessenungeachtet diese Tradition für die wichtigste. A. Bäumler, beeinflußt von J.J. Bachofen und von dessen verächtlicher Meinung über die „chthonischen Religionen“, versuchte vergeblich, die Bedeutung von Dionysos in Nietzsches Lehre abzuwerten; damit beraubte er diese Lehre nur der Kraft ihres Inhalts. Nietzsche nannte sich selbst „Dionysos Jünger“ – ein Jünger, und keine Verkörperung.

Es gilt hier zu bemerken, daß es sich in keinem Fall um eine fossile, sondern um eine lebendige Tradition handelt. Der französische Musiker und Schriftsteller Alain Danielou (1907-1994), der Verfasser eines Buches mit dem aufschlußreichen Titel „Shiva et Dionysos“, verbrachte viele Jahre in Indien, ging dabei zum Shivaismus über und entdeckte, daß „… die Riten und Glaubensvorstellungen der alten westlichen Welt denen des Shivaismus sehr ähnlich sind und sich mit Hilfe der in Indien erhaltenen Texte und Riten leicht erklären lassen…“[3] Jean-Louis Gabin, der Herausgeber der Gesammelten Werke von A. Danielou, schreibt: „ Wir meinen mit der ursprünglichen Tradition eine große vorgeschichtliche Religion, deren Spuren Archäologen überall finden, vom Indus-Tal bis nach England und Dakien, Kulte der Erdmutter, des Phallus und des Stieres, Kulte, deren Ähnlichkeit mit den Kulten der Sumerer, Kreter und Pelasger A. Danielou in seinem Buch „Shiva und Dionysos“ aufzeigt, und von denen sich einige Riten bis jetzt erhalten haben („Zikr“ in Ägypten, Berber-Riten in Nordafrika). Diese Tradition, die in Indien als Shivaismus bekannt ist, blieb dort ungeachtet des von arischen Eroberern aufgezwungenen Vedismus eine Volksreligion.“

Laut A. Danielou begann das Kali-Juga damit, daß „… die Barbaren-Eroberer ihre Mythen und Kulturen sowohl Indien als auch Griechenland und Rom aufzwangen und die Shiva- und Dionysos-Kulte verdrängten, die aber heimlich weiter existierten. Im Ergebnis entstanden so in Indien zwei parallele Traditionen, eine offizielle vedische, und eine andere heimliche, die des Shivaismus“[4]. A. Danielou betonte dabei immer den vorarischen Charakter des Shivaismus[5].

Dieser Standpunkt wird in der russischen Zeitschrift „Nasledije predkow“[6] von Swami Sadashivacharya bestritten, der in Rußland die geistliche Gesellschaft „Tantra-Sangha“ gegründet hat. Wie ein Tiger fällt er über jene her, die Shiva für einen unarischen Gott und die Indus-Zivilisation für eine drawidische halten. Er folgt damit, wie auch der Belgier Koenraad Eist, der „indozentrentrischen“ Theorie, die im modernen Indien Mode ist, und behauptet, daß es keinen arischen Einfall gegeben habe, sondern daß vielmehr die Arier von alters her in Indien gelebt und sich von dort aus in alle Richtungen verbreitet hätten. Natürlich hat diese Theorie mit der realen Geschichte nichts zu tun.

N.R. Gussewa, eine der führenden russischen Expertinnen auf dem Gebiet der indischen Kultur, ist mit A. Danielou darüber einverstanden, daß Shiva kein arischer Gott ist. „Alle Forscher“, schreibt sie, „kommen darin überein, daß Shiva in Indien schon vor dem Einfall der Arier verehrt wurde.[7]“ „Nach den Vorstellungen der vedischen Arier, als sie in Indien eingedrungen waren, war der Shiva-Kult für sie völlig fremd und unannehmbar.[8]“ Man kann diesen Kult mit der Indus-Zivilisation verbinden[9].

Der russische Swami will nichts von den Drawiden als Gründern dieser Zivilisation hören. Aber die protoindischen Inschriften wurden mit Hilfe der EDV analysiert und dabei fielen die indogermanischen Sprachen sofort heraus: die protoindische Sprache hatte keine Präfixe, was eine Verwandtschaft dieser Sprache mit der indogermanischen ausschließt. Als Ergebnis der Untersuchung ließen sich alle anderen Sprachen mit Ausnahme der drawidischen, deren grammatikalische Strukturen mit allen Merkmalen übereinstimmten, ausschließen[10]. Wir erwähnen hier den Shivaismus nicht, um zur Nachahmung von A. Danielou aufzurufen, sondern um auf eine lebendige Tradition hinzuweisen, die es erlaubt, Parallelen zu ziehen. Es geht hier nur um den Vergleich und nicht um die Entlehnung. Nietzsches Neues Testament setzte dieses Alte Testament außer Kraft. Übrigens gibt es noch eine Übereinstimmung mit dem vorangehenden Zyklus: 600 Jahre vor Christus wurde das Deuteronomium geschaffen, 600 Jahre vor Nietzsche gründete der tamilische Theologe Maycandar im Rahmen des Shivaismus die Schule des pluralistischen Theismus.

A. Danielou lebte während des Krieges in Benares, und er erinnert sich daran, daß örtliche vedische Orthodoxe mit der arischen Theorie des Nationalsozialismus sympathisierten, im Unterschied zu Vertretern des Shivaismus, die dieser Theorie feindlich gesinnt waren[11]. Diese Erinnerung weist uns aber darauf hin, daß es Zeit ist, vom Abstecher nach Indien nach Deutschland zurückzukehren, dem Land, das der Welt Nietzsche gab.

Im Rahmen unseres Zyklus widerfuhr den Deutschen dasselbe, was im vorangehenden den Juden geschehen war. An ihre „Auserwähltheit“ glaubend („Gott mit uns“), forderten sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zweimal die „neue Weltordnung“ heraus, die England und die USA, schon seit langem aufzurichten begannen, aber in beiden Fällen wurde Deutschland geschlagen. Die Deutschen glaubten an Hitler wie an einen Erlöser. Serrano denkt bis jetzt, daß er ein „Avatara“ des Gottes war, und führt eine neue Zeitrechnung von Hitlers Geburt an ein, aber er wiederholt dabei nur den Fehler, den Rabbi Akiba in bezug auf Bar Kochba gemacht hatte. Der echte Prophet der neuen Wahrheit wurde in Deutschland vor 100 Jahren (von 1945 aus gerechnet) geboren und seit 1844 wurden die Deutschen so zum auserwählten Volk, ohne etwas davon zu wissen. Dieses Geheimnis blieb bis jetzt ungelöst, aber es ist nun an der Zeit, die Lösung zu finden.

„Wir predigen Nietzsche, den Wahnsinnigen“. Ob er nur im Zustand des Wahnsinns begriff, wer er war, oder bereits früher? In jedem Fall durfte er nicht von sich selbst zeugen, so wie sich Jesus nicht Christus nannte und es anderen verbot, ihn so zu nennen[12]. Nietzsche sollte wirklich den Verstand verlieren, aber Serrano mißversteht die Ursache. Gerade dann, als Nietzsche begann seine Bestimmung zu vermuten, sank ein Vorhang des Wahnsinns vor ihm herab, damit seine Worte als Worte eines Wahnsinnigen wahrgenommen würden. Der Wahnsinn war für Nietzsche dieselbe verhängnisvolle Unvermeidlichkeit wie die Kreuzigung für Jesus. Es fällt ebenso schwer, an die göttliche Herkunft eines Gekreuzigten zu glauben wie an die göttliche Mission eines Wahnsinnigen. Darum siegte das Christentum erst im Verlauf von Jahrhunderten. Und Nietzsche starb erst vor hundert Jahren.

Die verhängnisvolle Unvermeidlichkeit machte Christus Angst und er flehte zu Gott, um diesem Kelch zu entgehen. Nietzsche leistete Widerstand gegen seine Mission, wie es der Prophet Jonas getan hatte. Er wollte nicht prophezeien, er wollte nicht für einen Propheten gelten. Aber Gott zwang Jonas, sich mit dem zu beschäftigen, wozu er bestimmt war, und Nietzsche begann gegen seinen Willen in prophetischer Sprache zu reden. Aber – und das war sein Verhängnis – er wurde nicht gehört, und die Leute, die ihn hörten, haben ihn mißverstanden.

Das deutsche Volk mußte viele Heimsuchungen erleben – das war sein Verhängnis. Aber zum Unterschied von den Juden des 2. Jahrhunderts waren die Deutschen nicht zerstreut, und sie verloren ihren Staat nur für einige Jahre. Inzwischen überwanden sie auch die Spaltung ihres Landes. Aber die Frage bleibt offen: Mit wem war das Schicksal grausamer umgegangen? Die Juden verloren ihre Heimat, aber sie erhielten ihre geistige Einheit; die Deutschen blieben in ihrem eigenen Staat, aber sie sagten sich als Folge der geistigen Kastration, der sogenannten „Umerziehung“, von ihren nationalen Traditionen zugunsten der amerikanischen Chewing-Gum-Zivilisation los. Im Zusammenhang mit diesem Verlust läßt sich Goethe zitieren: „Da war’ es besser nicht geboren. „

Was Goethe betrifft, so zitiert Gunnar Porikys in seinem Beitrag „Magische Weltsicht – der Goetheanist Karl Foerster“[13] Goethes Worte, die angeblich 1832 von F.W. Riemer aufgeschrieben wurden. Die Fachleute streiten über deren Authentizität, aber Karl Foerster hielt sie für das echte „Vermächtnis an das deutsche Volk“:

„Es ist die Antipathie der Völker gegen das jüdische Menschenbild, in der die Hochachtung den Widerwillen vermehrt, eigentlich nur mit einer anderen zu vergleichen: mit derjenigen gegen die Deutschen, deren Schicksalsrolle und innere wie äußere Stellung unter den Völkern die allerwunderlichste Verwandtschaft mit der jüdischen aufweist. Allein ich gestehe, daß mich zuweilen eine den Atem stocken lassende Angst überkommt, es möchte eines Tages der gebundene Welthaß gegen das andere Salz der Erde, das Deutschtum, in einem historischen Aufstand frei werden… Unseliges Volk, es wird nicht gut ausgehen mit ihm, denn es will sich selbst nicht verstehen, und jedes Mißverstehen seiner selbst erzeugt nicht nur die Schmähung allein, sondern erregt den Haß der Welt und bringt es in äußerste Gefahr. Was gilt es: Das Schicksal wird sie schlagen, weil sie sich selbst verrieten und nicht sein wollten, was sie sind.“

Nun gut, die Authentizität dieser Worte Goethes wird bestritten. Aber wir können uns auf ähnliche Äußerungen eines anderen Verfassers berufen, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland – ebenso wie Nietzsche – eine so hohe Autorität genossen hat wie die „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ in der UdSSR: auf Paul de Lagarde. Zur Zeit der äußeren Größe Deutschlands, im ersten Jahrzehnt der Existenz des 2. Reiches, schrieb er über die Deutschen als über „die am lebhaftesten gehaßte Nation Europas“, die „mit Juden und Jesuiten auf einer Stufe der Wertschätzung“ steht. Er wurde nicht vom äußeren Glanz des Reiches geblendet; er weigerte sich vielmehr, das neue Deutschland für deutsch zu halten, weil „das, was jetzt Deutsch heißt, ein Kunstprodukt ist“, und grämte sich, „das Deutschland, welches wir lieben und zu sehen begehren, hat nie existiert und wird vielleicht nie existieren „.

„Wenn Regierung und Volk nicht von jetzt ab ganz andere Wege einschlagen“, sagte er voraus, so vermöchte er „von der irdischen Zukunft Deutschlands nichts zu erwarten, als Welt im Gewand des Himmels, Despotismus, der als Freiheit auftritt, die Verwandlung der Erde in einen großen Speicher von Gütern, welche zu genießen und zur Schaffung neuer Werte zu verwenden niemand da sein wird, also keine neue, am allerwenigsten eine deutsche Religion: denn das, woraus alle Zukunft wächst, der einzelne Mensch, wird von der Regierung und den Parteien geflissentlich zurückgeschoben, ja verfolgt“.

Alle diese Zitate sind dem Artikel von Paul de Lagarde mit dem bedeutungsvollen Titel „Die Religion der Zukunft“ entnommen[14]. De Lagarde begriff: „Der Weg zur Religion ist selbst Religion: ihn gehen die einzelnen Menschen, Nationen nur durch die einzelnen Menschen.“ „Alles Geistige muß auf der Erde einen Leib haben, um in der Geschichte tätig sein zu können: Dieser Leib baut sich von selbst auf, wo man den Geist nicht hindert ihn zu bauen. Auf das Wegräumen der Hindernisse also kommt es vorläufig, auf die Bildung einer … Gemeinde hauptsächlich an. Finden sich die Menschen für diesen Versuch in Deutschland nicht, und nicht bald, so können wir nur auf die Zukunft unseres Vaterlandes verzichten: Deutschland wird dann noch eine Weile existieren, zu leben wird es bald genug aufhören.“

Paul de Lagarde glaubte daran, daß es nur ein allgemeines Gesetz gibt: „Es kann nichts auf der Welt etwas anderes werden, als was es werden soll, was in seiner Bestimmung begründet ist.“ Er glaubte an die „germanische Naturanlage, welche in der Kirche der Zukunft sich geltend machen muß.“ Die Begründung dieser Kirche hielt er für „eine Aufgabe von Jahrhunderten“, „aber nur auf dem Wege zum ewigen Leben liegt ein Vaterland, so wahr auch im ewigen Leben, wie jeder anderen Nation Genossen als solche, so auch der Deutsche als Deutscher noch wird zu erkennen sein, und so wahr ihn nicht bloß als Ich und als Menschen, sondern auch als Deutschen Gott und alle Seligen lieben.“

Also sah Paul de Lagarde die historische Mission der Deutschen in der Begründung einer neuen Religion, aber diese Religion sollte seiner Meinung nach eine originelle, deutsche und von allen fremden Schichten befreite Religion sein. Die deutsche klassische Literatur des 18. Jahrhunderts hielt er für deutsch „in den Personen einzelner ihrer Träger, aber nicht als Literatur“, weil sie einerseits kosmopolitisch war, und andererseits nach griechischen und römischen Idealen strebte.

In diesem Fall irrte sich de Lagarde, weil sein theoretisches Rüstzeug keine Kategorien der Zyklen und des Ausgleichs enthielt. Die Liebe der Größen der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts zum alten Hellas, die ihm nur eine intellektuelle Spielerei der Genies schien, war in Wirklichkeit eine Etappe der oben erwähnten Revanche. Und wenn Friedrich Schiller in seinem berühmten Gedicht „Die Götter Griechenlands“ von der Rückkehr „der hellen Welt“ des Altertums nur träumte, so war Friedrich Hölderlin davon überzeugt, daß, wenn das Göttliche einst existiert hat, es noch einmal zurückkommen würde, weil es ewig ist.

Friedrich Hölderlin ist als ein geistiges Urbild Nietzsches besonders bemerkenswert. Die beiden waren am Ende verrückt geworden, wobei Hölderlin in der geistigen Finsternis bedeutend längere Zeit verbracht hatte – ganze 37 Jahre[15]. Hölderlin hat auch Dionysos auf ein Niveau mit Christus gestellt und infolgedessen das seelische Gleichgewicht verloren. Pierre

Chassard macht dem deutschen Dichter Vorwürfe über den „rückhaltlosen Synkretismus“, über die Vermischung des jüdischen Gottes mit den Göttern der Griechen und Pelasger[16], aber diese Forderungen sind zu hoch gestellt. Hölderlin hatte seine Epoche sogar überholt.

N.J.Berkowskij schreibt in seinem Artikel über Hölderlin in der „Geschichte der deutschen Literatur“[17], „unter allen Dichtern der Welt war er vielleicht der überzeugteste und standhafteste Enthusiast [des Altertums] … Hellas gab ihm einen Tip, welche Ordnung und Kultur in Europa wieder festen Fuß fassen können und sollen.“ Er war „Hellas in seiner symbolischen Bedeutung“ ergeben. „Das unterirdische Hellas, das ist Europa mit allen geheimen Möglichkeiten seiner Zukunft.“ „Hölderlin hat auf seine Weise die antike Mythologie und antiken Götter wiederbelebt“, aber unter den olympischen Göttern eine gründliche Säuberung durchgeführt. Es ist bemerkenswert, daß der Protagonist seines Romans „Hyperion“ den Namen eines der Titanen trägt, d.h. der Göttergruppe, die den Olympischen Göttern feind war[18].

Bachofen, Bäumler und Evola verachteten die pelasgischen Götter dieser Gruppe als niedrige, „chthonische“ Wesen. Pierre Chassard setzt dieselbe Linie fort.

Wie Alain de Benoist in seinem Buch „Comment peut-on etre pai’en?“[19] bemerkt, betonten die deutschen Romantiker zu Beginn des 19. Jahrhunderts die tiefe Ähnlichkeit des hellenischen und des deutschen Geistes. O. Weininger stellte mit Mißvergnügen die Einheit der griechischen und deutschen Welten in ihrem Gegensatz zur christlichen Welt fest. Aber wenn Winckelmann und Schiller die griechische Welt als ein Ideal der Schönheit und Harmonie wahrnahmen, so begann man später zu verstehen, daß das eine „schöne und rasende Welt“ war (so der Titel einer der Erzählungen des russischen Schriftstellers Andrej Platonow). Diese Welt war in ethnischer Hinsicht mehrschichtig, was sich auf das Pantheon, die Philosophie und die Literatur auswirkte. So wurde der Appell „Zurück zu den Griechen!“ von der Fragestellung abgelöst: „Zu welchen Griechen konkret?“

Nietzsche erklärte mit Stolz, daß er „…der Erste war, der zum Verständnis des älteren … hellenischen Instinkts jenes wundervolle Phänomen ernst nahm, das den Namen Dionysos trägt.“ Allerdings ließ Nietzsche dabei seinem Lehrer Jacob Burckhardt Gerechtigkeit widerfahren, der in seiner „Geschichte der griechischen Kultur“ dieser Erscheinung einen Sonderabschnitt gewidmet hat. „Ganz anders berührt es uns, wenn wir den Begriff ‚griechisch’ prüfen, den Goethe und Winckelmann sich gebildet haben, und ihn unverträglich mit jenem Element finden, aus dem die dionysische Kunst mit ihrem Orgiasmus wächst.“, setzt Nietzsche in seiner „Götzendämmerung“ fort und folgert, daß Goethe die Griechen nicht verstand.

Nietzsche behauptet, daß der griechische Geist von Sokrates verdorben wurde. Aber vielleicht geschah etwas Ähnliches auch mit dem deutschen Geist?

F.W.J. Schelling sagte in seiner Eröffnungsrede an der Berliner Universität am 15. November 1841, daß zur Zeit der nationalen Erniedrigung die Philosophie die Deutschen unterstützte. Aber er erhob Einspruch gegen die Unterschiebung der logischen Begriffe anstatt der lebendigen Wirklichkeit[20]. Ernst Krieck erzählt in seiner Autobiographie über die Zeit der Stagnation des Kaiserreiches, als die deutsche idealistische Philosophie das einzige war, das den Gefühlen der denkenden Jugend Luft machte. Später, zur Zeit des politischen Aufstiegs in Deutschland, überwand er seine idealistische Begeisterung. Heute, wo Deutschland von neuem „böse Zeiten“ erlebt, sehen Horst Mahler und seine Freunde aus dem „Deutschen Kolleg“ den Weg zur geistigen Wiedergeburt Deutschlands in der Rückkehr zur deutschen idealistischen Philosophie. Aber vielleicht befindet auch dort, wo sie einen Zufluchtsort zu finden hoffen, ein deutscher Sokrates?

Ja, er ist da. Und sein Name ist schon lange bekannt: Emmanuel Kant.

Kant, wie Sokrates, wurde von Nietzsche negativ beurteilt. Nietzsche hat ihn sogar einmal „ein Chinese aus Königsberg“ genannt. Im Roman des Schriftstellers Andrej Belyj (i.e. Boris Bugajew, 1880-1934) „Petersburg“ sieht ein Protagonist das Trugbild eines Turaners (Mongolen) und es findet folgender Dialog statt:

-“Kant (und Kant war auch ein Turaner).“
-“Wert als metaphysisches Nichts“.
-“Soziale Verhältnisse, die auf dem Wert gebaut sind.“
-“Zerstörung der arischen Welt durch ein System der Werte.“
-“Schlußfolgerung: das ist eine mongolische Sache.“

Der Turaner antwortet: „Du hast die Aufgabe nicht verstanden. § 1 – die Straße“.

-“Statt des Wertes – die Numerierung nach Häusern, Geschossen und Zimmern für ewige Zeit.“
-“Statt der neuen Ordnung – die registrierte Zirkulation der Bürger auf der Straße.“
-“Statt Europas Zerstörung – seine Unveränderlichkeit.“
-“Das ist die mongolische Sache.“

Andrej Belyj veröffentlichte seinen Roman während des Ersten Weltkrieges, als in Rußland deutschfeindliche Stimmungen besonders stark waren. Gleichzeitig wies sein Freund, der Philosoph Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949) in seinem Artikel „Rußland, England und Asien“ auf eine angebliche „tiefe Ähnlichkeit“ des deutschen und chinesischen Geistes hin: „Nur in Deutschland und in China ist das Volksbewußtsein ein Bewußtsein des Ameisenhaufens.“[21

Die armen Deutschen! Sie waren überzeugt, die alten Hellenen zu sein, aber diese bösen Russen haben sie mit Chinesen gleichgestellt! Und wer war schuld daran? Kant!

Nietzsche hat Kant in seine Liste der „Unmöglichen“ eingetragen. Er schrieb, daß er „… es den Deutschen nachträgt, sich über Kant und seine Philosophie der Hinterthüren vergriffen zu haben.“ „Die Deutschen haben ihre Philosophie nur ausgehalten, vor allem jenen verwachsensten Begriffskrüppel, den es je gegeben hat: den großen Kant.“ Nieztsche sah in Kant, der im Rahmen der „abschreckendsten Scholastik“ das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl und Willen predigte, den Antipoden Goethes. Seiner Meinung nach war die Scheidung der Welt in der Art Kants in eine „wahre“ und eine „scheinbare“ eine Suggestion der Dekadenz, ein Symptom niedergehenden Lebens.

Man kann Kant nicht nur für Goethes, sondern auch für Nietzsches Antipoden halten. Wenn es unter den Deutschen einen Menschen gab, der von den Griechen am weitesten entfernt war, so war dies Kant. Eigentlich kann man diesen Kant nicht zu den Deutschen, Griechen, Chinesen oder zu den Menschen überhaupt zählen – er war vielmehr ein philosophierender Computer! Ist es möglich, daß seine Philosophie das deutsche Wesen zum Ausdruck bringt?

Pierre Chassard erinnert in seinem Buch „Nietzsche. Finalisme et Histoire“[22] daran, daß Kant danach strebte, alle Attacken gegen Religion und Moral zu beenden trachtete. Gerade deswegen teilte er die Wirklichkeit in zwei Welten verschiedener Natur und verschiedenen Wertes und entwickelte eine Konzeption der moralischen Essenz der Welt. Der Kantische kategorische Imperativ, der von der höchsten, „wahren“ Welt ausgeht, droht, gemäß Nietzsche, allen Lebenden; jeder muß seinen eigenen kategorischen Imperativ haben. „Nichts ruiniert tiefer, innerlicher, als jede ‚unpersönliche’ Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion.“ „Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? als Automat der ‚Pflicht’? Kant, „jener Nihilist mit christlich-dogmatischen Eingeweiden verstand die Lust als Einwand.“[23

Laut Kant bewegt sich die Geschichte hin zur Errichtung der Weltordnung nach göttlicher Vorsehung. Somit hat der heutige Globalismus seinen Theoretiker, welcher vor 200 Jahren gelebt hatte. Eine Ordnung und eine Moral für alle – kann man sich etwas Abscheulicheres vorstellen? Eine Ordnung, die von Techno- und Bürokraten verwaltet wird? Nietzsche sagte zum Scherz, aber nicht zufällig, daß gerade die kantische Philosophie die höchste Formel des Wesens eines Staatsbeamten darstellt: „Der Staatsbeamte als Ding an sich zum Richter gesetzt über den Staatsbeamten als Erscheinung.“ Der seelenlose Philosoph paßt am besten zur seelenlosen Bürokratie.

Eine unüberwindliche Kluft liegt zwischen Kant und de Lagarde, der alle seine Hoffnungen auf die Zukunft mit möglichen Personen und nicht mit dem Staat, diesem „Vize-Gott“, verband und es bedauerte, daß das Leben einzelner Menschen bis in die Kleinigkeiten von verschiedenen Behörden reglementiert wird, und daß diese Abhängigkeit nur ständig wachsen wird.

Nietzsche äußerte eindeutig seine Meinung über den Staat in seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“[24]: „Staat heißt das kälteste von allen kalten Ungeheuern. Kalt lügt es auch und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das Volk. „ „Lüge ist’s … Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn… Jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht… Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen: und was er auch redet, er lügt, und was er auch hat, gestohlen hat er’s.“

Nietzsche rief auf, dahin zu sehen, wo der Staat aufhört, denn „… da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist.“

Vergleichen Sie diese Texte mit Mussolinis „Doktrin des Faschismus“: „Für einen Faschisten besteht alles im Staat und nichts Menschliches oder Geistiges existiert und hat einen Wert außerhalb des Staates… Außerhalb des Staates gibt es kein Individuum.“ Wagt nach diesem Vergleich noch jemand, Nietzsche und de Lagarde als „Ideologen des Faschismus“ abzustempeln?

Ludwig Klages lebte und starb außerhalb des deutschen Staates. Vom Standpunkt des Duce aus existierte er nicht. Aber wer hat besser als Klages Nietzsches Lehre gerade in religiöser Hinsicht entwickelt? Vielleicht die offiziellen Ideologen und Philosophen des Nationalsozialismus? Daß ich nicht lache!

Und natürlich hat auch Heidegger dies nicht getan. Er versuchte eher zu beweisen, daß er klüger und konsequenter als Nietzsche war, als ihn zu verstehen. Laut Heidegger dachte Nietzsche, daß er „die Metaphysik überwunden hatte“, aber in Wirklichkeit geschah nichts dergleichen. „Nietzsches Gegenbewegung gegen die Metaphysik, das war einfach ein Versuch, sie umzustoßen, wobei er sich hoffnungslos in die Metaphysik verwickelte.“[25] „Trotz allen Umwälzungen und Umwertungen der Metaphysik bleibt Nietzsche unbeirrt im Rahmen ihrer Traditionen.“[26] Heidegger bezeichnete Nietzsches Metaphysik als „Metaphysik der Werte“[27] und behauptete, daß „die Metaphysik, die als eine Metaphysik des Willens mit den Kategorien der Werte denke, … einen Schlag gegen das Sein selbst“ versetze, und darum sei „… das Denken mit den Werten der Metaphysik des Willens zur Macht tödlich.“[28

Man bezeichnet Heidegger selbst als einen „Mörder der Metaphysik“. Aber Pierre Chassard stellt in seiner zitierten Broschüre über Heidegger die Frage, was ist das in Wirklichkeit, dieses Wertvolle „Sein“, das Heidegger so tapfer gegen Nietzsches Schläge verteidigt, und er entdeckt in ihm die wesentlichen Züge des Gottes der christlichen Theologie. Außerdem begreift Heidegger das Sein so, wie gewisse Mystiker Gott ersannen. Für Heidegger ist das Sein ein Nichts, wie Gott für Meister Eckhart; seine Ontologie ist eine Lehre vom Nichts (Neantologie): das Sein ist das Nichts und das Nichts ist das Sein. Heideggers Philosophie ist eine Philosophie der Emigration aus der Realität in die Welt Jenseits der Dinge“. Pierre Chassard folgert: Heideggers Denken ist eine Erneuerung der monotheistischen Theologie und der mono-ontologischen Metaphysik.

Jener also, der behauptet hatte, Nietzsche sei in die Metaphysik verwickelt, versank selbst in diesem Sumpf. „Das Nichts ist das Sein selbst“, – das ist Heideggers Formulierung[29]. Pierre Chassard hat sich das nicht ausgedacht. Heidegger machte sogar im Vergleich zu Schelling, für den es kein leeres, abstraktes Sein ohne Träger gab, einen Schritt zurück.

Über die gemeinsame Sünde aller deutschen Idealisten von Kant bis Heidegger sprach Nietzsches Zarathustra im Kapitel „Von den Hinterweltlern“: „Leiden war’s und Unvermögen, das schuf alle Hinterwelten… Müdigkeit, die mit einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge… die schuf alle Götter und Hinterwelten.“ „Aber jene Welt ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte, unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist.“

Nietzsche lehrte, den irdischen Kopf nicht im Sand der himmlischen Dinge zu verstecken. Ja, diese Welt ist schrecklich, und man möchte vor ihr fliehen, aber es gibt, leider, keine andere Welt.

Ich möchte auf Nietzsches Formulierung „alle Götter“ hinweisen, was heißt, es gibt keine Ausnahmen. Wjatscheslaw Iwanow meinte, es sei „Nietzsches tragische Schuld“, daß er selbst „… an den Gott nicht glaubte, den er der Welt entdeckt hatte.“[30] Aber Nietzsche sprach über sich selbst als über einen Jünger des Philosophen Dionysos und nicht als einen Priester oder Propheten des Gottes Dionysos.

Dionysos war für Nietzsche ein Sinnbild, und kein Objekt der Anbetung. Er schrieb selbst, daß er keine höhere Symbolik als die dionysische kenne: „In ihr ist der tiefste Instinkt des Lebens, der zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des Lebens religiös empfunden: der Weg selbst zum Leben, die Zeugung als der heilige Weg. „ „Erst in den dionysischen Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zustandes spricht sich die Grundtatsache des hellenischen Instinkts aus: sein ,Wille zum Leben’. Was verbürgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens… das triumphierende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus, das wahre Leben als das Gesamt-Fortleben durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. Den Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol an sich,[31] der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken Frömmigkeit. „ „Das Jasagen zum Leben, selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen, der Wille zum Leben, im Opfer seiner höchsten Typen der eigenen Unerschöpflichkeit froh werdend, nannte ich dionysisch.“[32

Wjatscheslaw Iwanow warf Nietzsche vor, daß er in Dionysos den „leidenden Gott“ nicht erkannt habe. Er kannte das Entzücken des Orgiasmus, aber er kannte nicht die Klagen und den Jammer des Gottesdienstes, womit die weinenden Frauen den leidenden und gestorbenen Gottessohn aus dem Schoß der Erde heraufbeschworen hatten.[33]

Dionysos war für Nietzsche ein Sinnbild des Überflusses und der Unmäßigkeit der Raserei dank des Zustromes der Lebensenergien. Iwanow hielt diese Konzeption hochmütig für „eng“. Laut seiner eigenen Konzeption war Dionysos für die Alten „kein Gott der wilden Hochzeiten und der Kopulation, sondern ein Gott der Toten und des Todesschattens“. Angeblich erkannte Nietzsche nur im wahnsinnigen Zustand Dionysos als einen leidenden Gott und begriff die Ähnlichkeit zwischen Dionysos und dem Christentum[34].

Wir haben schon darüber gesprochen, daß Nietzsche etwas ganz anderes erkannte und Wjatscheslaw Inwanow dies absichtlich unterschlug. Als glänzender Kenner des Altertums wußte er natürlich, daß sich der thrakische Dionysos-Kult mit dem kretischen Zagreus-Kult vermischt hatte, einer von vielen sterbenden und auferstehenden Göttern, zu denen Atheisten, die Jes us für keine historische Persönlichkeit hielten, auch diesen zählten. Der thrakische Dionysos, über den Nietzsche gerade schrieb, hatte ursprünglich nichts mit Zagreus zu tun. Ein Vergleich mit dem Shivaismus schließt zudem den leidenden Dionysos rundweg aus.

Es gibt genug Kritiker und Kommentatoren von Nietzsche. Karl Jaspers behauptete sogar, daß Nietzsches Philosophie „keine endgültige Wahrheit und keine Leitsätze enthält, die man einfach auf Treu und Glauben annehmen konnte… Nach Nietzsche zu philosophieren, das bedeutet, sich selbst ständig als sein Gegengewicht zu behaupten.“ Jaspers folgte förmlich dem Vermächtnis, mit dem der erste Teil des „Zarathustra“ endet: „Ihr hattet euch noch nicht gesucht, da fandet ihr mich… Nun heiße ich euch mich verlieren und euch finden.“ Jaspers hat das wiederholt, Heidegger hat das gemacht. Aber man darf Nietzsche nicht immer wörtlich verstehen. Christus sprach zu seinen Jüngern allegorisch, und Nietzsche redete „bucklig mit den Buckligen“.

Nach Christi Tod vergingen 150 Jahre, bevor der christliche Kanon verfaßt wurde. Jüngst wurde Nietzsches 100. Todestag gefeiert. Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte besteht darin, den Kanon von Nietzsches Lehre zu verfassen, aus der enormen Literatur über Nietzsche jene Deutungen auszulesen, die kanonisch werden sollen.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner schreibt ironisch über „eine Art ,Klages-Kirche’, eine sektiererische Gemeinde seiner Jünger, die das Werk des Meisters als Offenbarung und Allheilmittel ansieht.“[35] Eine Gründung der „Nietzsche-Kirche“ wird auch dadurch verhindert werden, daß Nietzsche selbst, obwohl er die Idee der ewigen Wiederkunft als eine Offenbarung und nicht als eine auf der rationalen Basis geschaffene Theorie verstand und, laut Lou von Salome, diese Idee auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen versuchte, hartnäckigen Widerstand gegen die Verwandlung seiner Offenbarung in eine Religion und von ihm selbst in ihren Propheten leistete,.

Die von Nietzsche dabei verwendeten Argumente sind denen erstaunlich ähnlich, die wir im Buch des berühmten französischen Revolutionärs L. A. Blanqui „L’Eternite par les astres“ finden. Der Unterschied besteht nur darin, daß Blanqui nicht in den Alpen herumspazierte, sondern im Gefängnis saß und trotzdem mit „amor fati“ bereit war, dasselbe Leben zu wiederholen.

Blanqui schrieb sein Buch im Jahre 1871 in der Festung Taureau in der Bretagne. Das Leben des Weltalls ist, seiner Meinung nach, eine ständige Zerstörung und Neuschaffung. Nur die Hauptelemente der Materie, aus denen sich das Weltall zusammensetzt, sind ewig, alle ihre Formen aber sind vorübergehend. Die Anzahl der Kombinationen dieser Elemente soll nach seiner Auffassung auch begrenzt sein, obwohl sie vielleicht unglaublich groß ist. Diese Hauptkombinationen oder besser Kombinationstypen sollen sich dabei wiederholen.

Das ganze Leben der Erdkugel soll sich in der endlosen Zeit und im endlosen Raum wiederholen. Unvermeidlich wiederholen sich damit auch alle Typen der Menschen, die auf der Erde leben. „Das, was ich jetzt in der Kasematte der Festung Taureau schreibe, habe ich schon einmal geschrieben und werde es ewig noch schreiben, auf demselben Tisch, mit derselben Feder, in derselben Kleidung und unter denselben Umständen.“[36] Bliebe Nietzsche auf demselben Niveau wie Blanqui, so ging es um eine unendliche Wiederholung derselben Ereignisse. Aber Nietzsche schrieb über „…die ewige Wiederkunft des Gleichen“, und um diesen Ausdruck richtig zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß seine Sprache, die Sprache des Philosphen-Dichters, bildhaft ist und vielleicht nur die Deutschen alle Nuancen erfassen können. Das deutsche Wort ,gleich’ hat zwei Bedeutungen: ,dasselbe’ und ,ähnlich’. Miguel Serrano erwähnt in seinem schon zitierten Buch Nietzsches fragmentarische Aufzeichnungen über die ewige Wiederkunft als einen Kreis, in dem ein konkretes Ich über eine konkrete, obwohl immer begrenzte Anzahl verschiedener Leben verfügt. Das erlaubt uns, das Wort ,gleich’ als ,ähnlich’ zu verstehen.

Serrano staunt, wenn Nietzsche, der nicht zum Gründer einer neuen Religion werden wollte, plötzlich in der Sprache eines Propheten über die Idee der ewigen Wiederkunft zu reden beginnt: „Seit der Erscheinung dieser Idee verändern sich alle Formen und die Geschichte auch… Die zukünftige Geschichte: diese Idee wird immer neue Siege erringen und jene, die an sie nicht glauben, werden völlig verschwinden.“ „Im Laufe eines Menschenlebens wird zunächst ein Mensch, dann viele andere, dann alle von der mächtigsten Idee, der Idee der ewigen Wiederkunft aller Dinge begeistert. Für die Menschheit schlägt dann die Stunde des Großen Mittags.“

Serrano sieht hier einen Widerspruch zur Lehre der ewigen Wiederkunft, einen Aspekt dieser Lehre, den Nietzsche nicht aufgeklärt und dieses Geheimnis mitgenommen hatte. Das ist wahr, aber Nietzsche gab einen Hinweis dazu[37]. Zarathustra steigt in diesem Kapitel auf einen Berg, dabei einen Zwerg, die Verkörperung des Geistes der Schwere, tragend, und spricht zu ihm: „Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du, im Torwege … von ewigen Dingen flüsternd, müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? Und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus vor uns, in dieser langen, schaurigen Gasse, – müssen wir nicht ewig wiederkommen?“ Und plötzlich verschwinden der Zwerg, das Tor und die Spinne und Zarathustra sieht einen jungen Hirten, dem eine Schlange in den Mund gekrochen ist. Auf Zarathustras Befehl beißt der Hirt den Kopf der Schlange ab und – „Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch – ein Verwandelter, ein Umleuchtender, welcher lachte. Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie er lachte.“

Zarathustra fordert seine Zuhörer (und Nietzsche seine Leser) auf, diese Rätsel zu erraten: wer ist dieser Hirt, dem eine Schlange in den Mund kroch? Es ist gewiß leichter zu erraten, wer die Schlange ist, weil sie von alters her als Symbol jenes Volkes dient, das sich bisher für das auserwählte Volk ausgab, aber wer ist der Hirt? Wir wissen, daß er kein Mensch ist und daß es einen solchen noch niemals gab. Offensichtlich handelt es sich um einen Übermenschen.

Um den Übermenschen herum häuft sich auch eine schöne Menge an Kommentaren. Serrano ist aus irgendeinem Grunde davon überzeugt, daß „…es nichts weiter vom Darwinismus Entferntes gibt als Nietzsches Übermenschen-Konzeption.“ Verzeihung, aber Zarathustra beginnt seine Predigt vom Übermenschen mit den Worten: „Was ist der Affe für den Menschen?… Und eben das soll der Mensch für den Übermenschen sein… Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe als irgend ein Affe.“ Zarathustra habe sicher Darwin gelesen und sei zum Darwinisten geworden. Nietzsche kritisiert Darwin aber aus einem anderen Grunde – wegen der „struggle-for-life“-Theorie. Eine entsprechende Verbesserung dieser Theorie in Nietzsches Geist ist dem russischen Biologen A.N. Sewertzow zu verdanken, der zeigte, daß in diesem Kampf nicht immer „der höchste Typ“ siegt: den am weitesten entwickelten Arten gehören Parasiten an.

Laut Miguel Serrano ist die erwähnte Konzeption von Nietzsche näher zu Lamarck und noch näher – zu Teilhard de Chardin. Diese letzte Behauptung ist besonders seltsam, weil hinter Teilhards Theorie der „gelenkten Evolution“ wir deutlich denselben Gott sehen, der für Nietzsche tot ist. Das Kennzeichen der Evolution wie auch der Geschichte ist wirklich eine gewisse Aufgegebenheit, trotz Pierre Chassards Krieg gegen den ,Finalismus’, jedoch geht diese nicht von außen, nicht von einem Gott und seiner Vorsehung aus, sondern sie ist dem Leben selbst immanent. Noch Aristoteles hat den Begriff ,Entelechia’ eingeführt, und dieses griechische Wort bedeutet „das, was sein Ziel in sich selbst hat.“ Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat Hans Driesch diesen Begriff wiederbelebt. Er stützte die These, daß sich das Wesen der organischen Substanz nicht mit der materiellen Struktur erschöpft, sondern in der immateriellen Potenz, der Entelechia, besteht[38]. Ernst Krieck hat diesen Begriff mit dem der Rasse verbunden: „Die Rasse ist kein Ding, keine materielle Art, aber ein Gesetz der Orientierung und Formung, Entelechia.“[39]

Das, was Nietzsche als Dichter mit dem schönen Ausdruck „Wille zur Macht“ bezeichnete, entspricht diesem philosophischen Begriff nur zum Teil. Das Wesen des Willens zur Macht besteht darin, daß er das Vorhandensein mancher Subjekte, seiner Träger, voraussetzt: ein Subjekt herrscht über ein anderes, das seinerseits auch herrschen möchte; also wäre es richtiger, über Willen zur Macht im Plural zu reden, obwohl dieses deutsche Wort keinen Plural hat. ,Entelechia’ ist ein umfassenderer Begriff, der auch die Gesetze des Zusammenwirkens zwischen diesen ,Willen’ einschließt, nach denen der Sieger bestimmt wird. Seit alten Zeiten ahnten die Völker die Existenz dieser Gesetze und nannten sie ,Schicksal’ oder ,Verhängnis’ (in Indien ,Karma’).

Dem Problem des Schicksals hat Ernst Krieck ein Kapitel seines Buches „Der Mensch in der Geschichte“[40] gewidmet. Er unterscheidet den orientalischen Fatalismus vom arischen Schicksalsglauben. Das Schicksal, predigte er, setzt sich aus den Ereignissen und dem Charakter zusammen, aber „hinter dem Charakter steht das Blut, die Rasse. Wenn die äußeren Ereignisse mit dem Rassencharakter zusammenstoßen, der gegen sie Widerstand leisten kann, so werden in diesem Kampf die Helden geboren, die den Sieg erringen trotz ihrem tragischen Untergang. Dieser Sieg zerreißt die Ketten des Unvermeidlichen, des Verhängnisvollen.“[41] Vom nationalen Aufschwung begeistert, glaubte Krieck daran, daß der Rassencharakter das Schicksal besiegen kann. Im amerikanischen KZ verstand er seinen Fehler.

Um diesen Fehler zu vermeide, ist es zu empfehlen, Vergils „Aeneis“ nochmals zu lesen – ein Poem, dessen Verfasser kein ‚orientalischer’ Dichter war –, und zwar die Stelle, wo es um den Tod des jungen Marcellus geht:

„Er zeigt nach Schicksalsschluß sich der Erde,
Er zeigt sich kurz, um wieder zu gehn…
Ach, des frommen, des biederen Sinnes,
des Armes, dem keiner Stand im Kampfe gehalten…
Mitleidswürdiger Knabe, ach brächst du das trübe Verhängnis,
Du, Marcellus, dereinst.“[42]

Der Charakter kann also keinen Widerstand gegen das Schicksal leisten.

Die Göttinnen des Schicksals standen im Glauben der alten Griechen, Römer und Germanen höher als Menschen und Götter. In zwei der sechs orthodoxen Schulen des Hinduismus, im Mimansa und im Sankhya, ist das Gesetz des Karma unverbrüchlich und die Vergeltung unabwendbar, obwohl es keinen höchsten Gott gibt[43]. Der Buddhismus lehrt auch, daß das Gesetz des Karma unabhängig von irgendeinem Gott wirkt, und das Rad der kosmischen Ordnung sich ohne den Schöpfer bewegt[44].

Hier sei eine andere hinduistische Schule erwähnt, der Vedanta, der die Welt für eine Illusion (,Maya’) erklärt und damit das indische Denken auf einen glatten und gefährlichen Weg führte. Jean-Louis Gabin bedauert, daß westliche Ideologen den Hinduismus hauptsächlich durch den auf westliche Weise gedeuteten Vedanta wahrnehmen, der von Shankara, und nicht durch die Tradition, deren Anhänger Danielou war, dogmatisch vereinfacht wurde[45]. Serrano erklärt ebenfalls die Übermensch-Konzeption für eine ,Erfindung’, eine ,Illusion’, so als ob er ein Vedantist sei. Aber Nietzsche beschreibt sogar die Entwicklungsstufen auf dem Wege, der zum Übermenschen führt: „Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein; aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes Volk erwachsen, und aus ihm – der Übermensch.“[46

Demnach werden die Deutschen, das auserwählte Volk, das Nietzsche geboren hat, von einem anderen, vermischten, erneuerten und verstärkten Volk abgelöst. Genau so hielten sich die Christen im alten Rom für ,Auserwählte’ und glaubten daran, daß sie die von den Juden verlorene Auserwähltheit geerbt hatten. Die Deutschen haben Nietzsche nicht abgelehnt, wie die Juden Christus, sie haben ihn nur nicht sofort erkannt. Darum, wenn gerade die Deutschen die Grundlage des neuen auserwählten Volkes bilden werden, so wird niemand etwas dagegen haben – es bedarf nur ihres Willens dazu. Aber nicht nur sie werden dieses Volk bilden.

Die deutschen Klassiker haben „die geistigen Deutschen“ anerkannt. Fichte schrieb: „Deutsch bist du, wenn du dich selbst hervorbringst, ganz egal, wo dein Körper geboren ist.“ Und Novalis stellt fest: „Deutsche gibt es überall.“ Leute mit germanischen Zügen findet man in verschiedenen Ländern, und diese Züge sind „nur hie und da vorzüglich allgemein geworden „. Das Bestreben, ein Deutscher zu sein, ist ein Streben zum Ideal.

Das auserwählte Volk der Gegenwart und Zukunft, die Deutschen und Nicht-Deutschen, das ist ,Nietzsches Kirche’, die noch auf ihren Paulus wartet. Wahrscheinlich wird er auch ein Deutscher sein.

Allerdings, behauptete obenerwähnter Andrej Belyj in einem von seinen Briefen, daß Nietzsche nur auf dem russischen Boden richtig verstanden sein kann.


[1] In Kurzfassung erschienen in der russischen Zeitschrift „Athenaeum“, Nr. 1, Moskau 2001, und bereits zuvor im Manifest der russischen Nationalisten „Das Wort der Nation“, Samizdat, 1970.
[2] Editions Jean Curutchet, Helette 1999
[3]  Aus den Erinnerungen von Louis Pasquier an A. Dani61ou, in: Antaios, vol. 2, Nr. 1, März 1994.
[4] Antaios, Nr. 6-7, Juni 1995
[5] Antaios, Nr. 12, Dezember 1997
[6] zu deutsch: „Das Ahnenerbe“, Nr. 5, 1998
[7] „Der Hinduismus“. Verlag „Nauka“, Moskau 1977, S. 90f.
[8] ebenda, S. 86
[9] ebenda, S. 94
[10] M.F. Albedil: Die vergessene Zivilisation im Indus-Tal. Verlag „Nauka“, Sankt Petersburg 1991, S.100
[11]„Antaios“, Nr. XVI, Frühlings-Tagundnachtgleiche 2001
[12] Lukas 9,21
[13] „Sleipnir“, Heft 34, 2001
[14] Deutsche Schriften, Verlag der Freunde, Berlin 1994, S. 209-258
[15] Die Ähnlichkeit ihrer Schicksale hat Arthur Drews in seinem Buch „Nietzsches Philosophie“ (Heidelberg 1904, S. 80) beleuchtet.
[16] „Heidegger. Jenseits der Dinge.“, Verlag A. Thomas, Wesseling 1993
[17] Bd.3, Verlag „Nauka“, Moskau 1966
[18] 18Walter W. Otto nahm an, daß das Wort „Titanen“ für die vorgriechische Bevölkerung Götter überhaupt bedeutete (Die Götter Griechenlands. Verlag Gerhard Schulte-Bulmke, Frankfurt/M. 1947, S. 36).
[19]Albin Michel, Paris 1981, S. 19f.
[20] Das war ein Ausfall gegen Hegel.
[21] „Das Heimische und das Ökumenische“, Moskau 1994, S. 379
[22] Brüssel: Mengal 1999
[23] „Der Antichrist“
[24] im Kapitel „Von den neuen Götzen“
[25] „Holzwege“. Frankfurt a.M. 1957, S. 200
[26] ebenda, S. 211
[27] ebenda, S. 210
[28] ebenda, S. 242f.
[29] ebenda, S. 104
[30] „Das Heimische und das Ökumenische“, S. 34
[31] wie den Anhängern des Shivaismus; der Verf.
[32] „Götzen-Dämmerung“
[33] Das ist nicht wahr: Nietzsche kannte den „in Stücke geschnittenen Dionysos“, aber sah in diesem Mythus „eine Verheißung des Lebens“ im Gegensatz zur christlichen Verneinung des Lebens (Nietzsches Werke. Taschen-Ausgabe. Alfred Kröner-Verlag, Leipzig 1922, Bd. X, S. 219f.).
[34] „Das Heimische und das Ökumenische“, S. 30
[35] „Der schwierige Konservatismus“. Herford und Berlin: Nicolai 1975, S. 247
[36] Vera Bontsch-Brujewitsch, „Louis-Auguste Blanqui, sein Leben und seine Tätigkeit“. Gosizdat, 1920, S. Ulf.
[37] „Also sprach Zarathustra“, Kapitel „Vom Gesicht und Rätsel“.
[38] Erich Voegelin: „Rasse und Staat.“ Tübingen 1933, S. 49
[39] „Weltanschauung und Wissenschaft.“ Leipzig: Armanen-Verlag 1936, Bd. 1, S. 74
[40] Leipzig: Armanen-Verlag 1940
[41] „Der Mensch in der Geschichte“, S. 71
[42] Aeneis, VI. Gesang, Verse 860ff.
[43] Helmuth v. Glasenapp: „Brahma und Buddha.“ Berlin 1926, S. 141 u. 143
[44] S. Radhakrishnan: „Die indische Philosophie.“ Bd. 1, Moskau 1956, S. 302 u. 317
[45] „Antaios“ Nr. 6-7, Juni 1995
[46]„Also sprach Zarathustra“, Rede „Von der schenkenden Tugend“.

Heidnische Symbolik im Grals

der heilige gralMythos und die historische Rolle Jesu – eine aktuelle Betrachtung der Hintergründe des Da – Vinci – Codes Der Mythos des Grals zieht die Menschheit nicht erst seit Erscheinen des Dan Brown Romans Sacrileg in ihren Bann. Chretien de Troyes verarbeitete Ende des 12. Jahrhunderts heidnische und christliche Elemente sowie die Artussage im Gralszyklus, in dem eine kostbare Schale durch ihren Inhalt zum geheiligten Gefäß wird, wenig später schuf Wolfram von Eschenbach mit seinem Parzifal – Epos die erste deutsch – sprachige Gralsdichtung.
In neuerer Zeit prägte Richard Wagner mit seiner Oper Lohengrin die Gralsthematik und stellte die Überlieferung in Dienst des Kampfes Gut gegen Böse – Lohengrin als lichter Ritter der gegen den abtrünnigen Klingsor antritt und siegt.
Für gewöhnlich verbindet man dabei die Grals – Symbolik in erster Linie mit dem Gefäß, in welchem das Blut Jesu während des Abendmahls aufgefangen wurde (nach anderer Überlieferung das Blut durch den Speer – Stich des Legionärs Longinus bei Jesu Kreuzigung, woraus die eigenständige Legende des Speers des Longinus entstand) – diese vom Nikodemus – Evangelium der Spätantike gestiftete Deutung verbindet damit erstmals den Gral mit dem Begriff des heiligen Blutes. Nach Robert de Borons Gralsgeschichte gelangt der Gral mit Joseph von Arimathea, den der Gral während seiner Gefangenschaft sättigt, nach Jesu Tod nach Glastonbury in Britannien – und damit zum Ausgangspunkt seiner symbolischen Herkunft: Hier, in der alten Welt der Kelten, stellt der Kessel seit alters her das heilige, rituelle Gefäß schlechthin dar, in ihm wurden nicht nur Fleisch gekocht und Bier gebraut, sondern er erwuchs zum ewig sättigendem Kultgefäß, welches fester Bestandteil der Grabausstattung keltischer Fürsten wurde. Der Kessel als Lebensspender ist dabei ein altes Erbe der atlantisch – nordischen Kultsymbolik.(Wirth: Aufgang der Menschheit) Von besonderer mythologischer Bedeutung war der Kessel des Dagda, der mit den Tuatha de Dana, den frühen Einwanderern, die eng verbunden mit der Megalithkultur sind, nach Britannien gelangte. Auch die große Muttergöttin Ceridwen braut in einem solchen Kessel den Trunk der Weisheit. Zu den bekanntesten zählt der Kessel von Gundestrup, der neben dem Hörner Gott Cernunnos auch weitere keltische Kultdarstellungen trägt . Mit der Reise Joseph von Arimatheas nach Glastonbury wird gewissermaßen eine Verschmelzung christlicher mit heidnischer –Symbolik vollzogen; denn hier am „Glasturm“ (Glastonbury), dem Standort einer alten Trojaburg, die als Avalon zugleich mythische Heimat des toten König Artus ist (als Toteninsel – im Sinne des megalithischen Wiedererstehungsglaubens zugleich Land der Ahnen – auch als das verlorene Paradies Atlantis zu deuten), ist ein elementarer Ort der Verehrung der alten Urmutter zu erblicken, aus deren Schoß, dem heiligen Gral, das Leben erwacht. Dan Brown gelang es nun bei aller vereinfachenden – weil lediglich auf zwei Widersacher im Gut – Böse Schema – Kirche / Opus Dei gegen Prieure de Sion / Freimaurerei beschränkenden – Verklärung der Rolle der Freimaurerei die heidnische Symbolik einem größeren Leserkreis näher zu bringen. Auch seine Darstellung der Umwandlung heidnischer Symbole in Teufelswerk durch die christliche Kirche ist eine Tatsache, deren Erwähnung nicht oft genug erfolgen kann: „Im Zuge der Bemühungen, die heidnischen Religionen auszurotten und die Massen zum Christentum zu bekehren, hat die Kirche in einer Verleumdungskampagne den Symbolgehalt der heidnischen Gottheiten ins Negative gewendet“ (Robert Langdon in Sacrileg). (Allerdings vereinfacht Brown die Sache über gebühr, wenn er die verwendung von Pentagrammen und äh nlcuihen heidnischen symbolen durch satanische Sekten allein der arbeit Hollywoods unterstellt, ohne auf die entfremdende Verwendung jener symbole durch gewisse freimaurereische Kreise einzugehen.)
Indes führt er dem Leser die doppelte Bedeutung des heiligen Grals in späterer Zeit vor Augen – danach ist die Legende vom heiligen Gefäß lediglich eine Allegorie auf den wahren Gralsgehalt, der ebenfalls mit heiligem Blut – sang real = Königsblut – in Verbindung steht: So wie die Schale der Legende nach das Blut Jesu aufgefangen habe, habe Maria (= der Gral) das Blut Jesu in sich in Form der Leibesfrucht beider Vereinigung aufgenommen. Dokumente, die den Beweis hierfür und damit gleichzeitig der Übergabe der Königswürde auf Maria, die Ehefrau Jesu enthalten, sollen von den Tempelrittern unter den Ruinen des Tempels Salomons in Jerusalem geborgen worden sein. Jesus sei demnach direkter Nachfahre der jüdischen Könige David und Salomon gewesen. (vgl. hierzu Baigent / Lincoln / Leigh: Der heilige Gral und seine Erben / Der Gral) Im Symbol des Grals verbirgt sich das göttlich weibliche, die Heiligkeit der göttlichen Urmutter (dargestellt unter anderem im Bild des letzten Abendmahls Leonardo da Vincis, des vermeintlichen Mitgliedes der Prieure de Sion), gleichsam ein Symbol für die Übergabe der Königswürde und damit des christlichen Pontifikats auf eine Frau bzw deren Sohn, wodurch es eine offizielle Erblinie für die Leitung der christlichen Kirche gegeben hätte – dies würde natürlich dem heutigen, patriarchal geprägten Papsttum jeglichen Boden und die ganze Legitimation entziehen.

Die von den mittelalterlichen Autoren beschriebne Suche nach dem Gral sei demzufolge die Suche nach der göttlichen Urmutter. In der tat spielte die göttliche Urmutter in allen europäischen Ur – Kulten eine große Rolle. Der Sage nach war Kleito die Urmutter von Atlantis ebenso wie von Troja und Athen, und die Frau spielte in den megalithzeitlichen Kulten eine große Rolle – auch bei den Indogermanen stand die Frau in gleichberechtigter Stellung zum Mann, obgleich sie im Verlauf der indogermanischen Wanderungen – vielleicht auch verstärkt durch die Dankbarkeit für die mythologisch dem Lichtbringer – Gott geschuldete Klimaerwärmung innerhalb der Nordheimat – in den Hintergrund gedrängt wurde. Herman Wirth verdanken wir die Herausarbeitung der weiblichen Rolle im frühen Europa und den Beweis megalithzeitlicher matriarchaler Kultzentren (wobei hier nicht von einer Frauenherrschaft an sich, sondern von einer göttlich matriarchal geprägten Gesellschaft, die in vielen Bereichen durch Männer geleitet wurde –Militär u.ä.) durch seine symbolkundlichen Forschungen. Auch die Frauendarstellungen aus dem Jungpaläolithikum – Venus von Villingen und andere – beweisen eine hohe Verehrung der Frau, die sich bis in die Zeit der Bandkeramiker mit ähnlichen Darstellungen nachweisen läßt – allerdings scheint hier der Aspekt auf das Wunder der Geburt eingeschränkt gewesen zu sein. Wenn nun jedoch im Sacrileg einerseits die Erblinie Jesu als von David und Salomon herrührend, also eine reinblütig jüdische Erblinie dargestellt wird, gleichzeitig aber die Übertragung der jüdischen Königsdynastie auf eine Frau (des Stammes Benjamin ?) angenommen wird, dann begibt sich Dan Brown damit auf dünnes Eis: Nicht nur im Islam sondern auch bei anderen orientalischen Religionen hatte die Frau stets eine untergeordnete Rolle – daher auch die angesprochene Empörung der Jünger Jesu über die Gleichberechtigung – die vermeintliche Bevorzugung – Maria Magdalenas. Nicht folgten hier die Menschen der Religion –wie oft angenommen -, die eine solche Rolle gebot, sondern die Religion folgte – wie so oft – bestehenden Traditionen. Sowohl Islam als auch Judentum sehen in der Frau eine Gehilfin des Mannes – so wie es auch die christliche Kirche des Petrus übernahm. Wenn nun Jesus diese Tradition verändern wollte, dann spricht dieses dafür, in Jesus dem Galiläer eben nicht einen reinblütigen Judäer zu sehen, sondern einen Abkömmling eines Heidenstammes aus Galiläa, der auch als Heidengau galt. Hier lagen die Siedlungsorte der Nachfahren der Philister, die als Seevölker nach Palästina gelangten (nach anderer Überlieferung wurden hier auch gefangene Gallier durch die Römer angesiedelt, Ritzer a.a.O.) –mit im Gepäck die imposanten Kessel (Symbol der Weiblichkeit ?), die auch in der Bibel beschrieben werden . Diese Philister waren als Teil der Seevölker europäische Einwanderer, deren Verständnis der Frau eine traditionell hochstehende Rolle einräumte –hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis der Handlungen des Königs Herodes, der in Jesus angesichts dessen kontinuierlicher Angriffe auf die herrschende Form des Judentums – insbesondere dessen Kritik an den jüdischen Händlern sowie den jüdischen Pharisäern und Schriftgelehrten – einen Gefahrenherd für seine Stellung sah, während der römische Statthalter Pontius Pilatus, die Verurteilung Jesu lediglich absegnete. Wenn es sich bei Jesus jedoch um einen Judäer gehandelt hätte, so wäre er niemals gekreuzigt worden –was die römische Art der Vollstreckung des Todesurteils darstellte-, denn die Verurteilung von Juden bzw. die Vollstreckung der Strafe oblag trotz römischer Besatzung weiterhin Herodes.Bestärkt wird diese Annahme durch die einzig mögliche Herleitung der Erblinie über Maria, die Mutter Jesu, da Josef offensichtlich nicht der leibliche Vater war. Hier wies jüngst Michael Ritzer auf das für eine gläubige Jüdin unvorstellbare Verhalten gegenüber den drei Weisen aus dem Morgenland hin (Alte Kulturen Spezial 23/210):

Diese waren der Überlieferung zufolge kundige Magier, bzw. Sterndeuter vermutlich aus Babylon, somit Heiden und dennoch ließ Maria sie am Geburtsbett Jesu ihre Verheißungen verkünden.Nichtsdestotrotz bietet der Roman eine Fülle von Belegen und Hinweisen auf die heidnischen Traditionen innerhalb des Christentums und die tatsächliche, der christlichen Kirche allzu menschliche Rolle Jesu als Dynastiegründer, jedoch nicht einer jüdischen die sich etwa in den Merowingern enthalten habe (Baigent/ Leigh: Der heilige Gral und seine Erben), sondern einer europäischen deren Traditionen in den megalithischen (und den sich aus gleicher Quelle speisenden ägyptischen Kulten des Horus und der Isis – siehe hierzu Ritzer) Kulten zu suchen sind – ohne hier mythologischen Spekulationen vorbehaltlos zu folgen, sei hier auch ein Verweis auf eine Bibelstelle erlaubt, die in neueren Ausgaben der entstellt wiedergegeben wird: „Das Reich Gottes wird von Euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, das seine Frucht bringen wird“ (Math. 21,43)
Dieses Gespräch Jesu mit jüdischen Schriftgelehrten, in welchem Jesu die Übertragung der Königswürde auf ein anderes Volk prophezeite, wird in anderer Überlieferung gegenüber einem römischen Legionär germanischer Herkunft geführt. Durch diese Prophezeiung wäre ein für die christliche Kirche noch verheerenderer Umstand eingetreten, den man kirchlicherseits eher fürchten zu hatte, als die Vorstellung einer legitimierten jüdischen Erblinie des Christentums: nämlich eine (Rück -) Übertragung des christlichen Erbes – symbolisiert im heiligen Gral als dem Schoß der Urmutter – in europäisch – germanische Hände.

Die Religion der Germanen

Nordischer Glaube
Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder „deutscher“ Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die Dauer nicht vermochte und auch der alte Kultus nur in bruchstückweiser Erinnerung; und die Göttersagen sind schön und unterhaltend.

Man fand sie früher auch tiefsinnig und gab ausgeführte Deutungen von ihnen, so Ludwig Uhland in seinem Buche über den „Mythus von Thor“, das immer lesenswert bleiben wird, weil es den Dichter Uhland am Werke zeigt. Wer wollte es den Dichtern verwehren, die alten Göttergeschichten mit ihrer Phantasie zu umspielen? Sie machen auf diese Weise nicht bloß manchen Leuten ein Vergnügen, sondern schaffen auch – ohne es zu wollen – Urkunden ihrer selbst und ihrer Zeit, was sich ebenfalls lohnen kann. Was Richard Wagner uns in seinem „Ring der Nibelungen“ von „Wotan“ und „Fricka“ erzählt, das ist unter anderem eine interessante Quelle für Wagners innere Biographie und für den Geist, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Deutschland beherrschte, besonders wenn man Wagners Dichtung mit ihren altnordischen Grundlagen vergleicht, von denen sie nicht weniger verschieden ist als die Palme von der Eiche: die Veränderungen, die der moderne Dichter vorgenommen, das, was er in die germanischen Mythen hineingesehen hat, kennzeichnet ihn und seine Zeitgenossen scharf und ergötzlich (dasselbe gilt von Wagners Behandlung der Heldensage von der wölsungischen Geschwisterehe).

Aber die ersten Deuter germanischer Göttergeschichten waren nicht Dichter, sondern Gelehrte. Olaf Rudbeck, ein schwedischer Polyhistor des 17. Jahrhunderts, hat den Anfang damit gemacht.1 Damals gab es trockene Pedanten, die nichts lesen mochten, was nur schön und unterhaltend war, sondern lauter wirkliche oder doch glaubhafte Geschichte oder tiefe Weisheit von den Büchern verlangten und daher für die Fabeln der Dichter eitel Spott und Verachtung hatten. Rudbeck wurmte es, daß auch die germanische Mythologie diese Geringschätzung erfuhr, und da er von ihrer Schönheit und Bedeutung durchdrungen war, unternahm er es, sie denen, die lediglich Wahrheit suchten, annehmbar zu machen, indem er einen eigentlichen, tieferen Sinn in ihr aufzeigte. Daß Baldr durch einen Mistelzweig getötet wird, den ein Blinder schleudert, und daß auch leblose Dinge, wie Steine und Metalle, um den Toten weinen, dies, sagte Rudbeck, kann nicht wörtlich zu verstehen sein, denn so etwas ist ja unmöglich; auf den wahren Sinn führt uns das Weinen der Metalle, das ja offenbar – die Quelle (Snorri2) sagt es ausdrücklich – ihr feuchtes Anlaufen in der Kälte bedeutet, feuchte Kälte ist eine herbstliche Erscheinung, also stirbt Baldr im Herbst, und als der lichte, strahlende Gott ist er natürlich der Sonnengott, die arktische Sonne, die im Herbst unter den Horizont herabsinkt – so wie Baldr in die Unterwelt geht -, und sein Töter, der „blinde“ Höd, ist die Nacht (caeca nox sagt man lateinisch), die im nordischen Herbst über den Tag siegt. Also ein ewig wiederkehrender Naturvorgang, ein Stück kosmischer Wahrheit ist es nach Rudbeck, was die Baldrsage in seltsame sinnliche Bilder kleidet.

Daß diese Deutung den imponierenden Eindruck des Scharfsinns machen und außerdem durch Stimmungsgehalt die Gemüter gewinnen konnte, verstehen wir heute noch ohne weiteres, und bei der Unentwickeltheit der altnordischen Studien noch lange nach Rudbecks Zeit wundert es uns daher nicht, daß sie lange in hohem Ansehen geblieben ist und allerlei Nachfolge gefunden hat – bis auf den heutigen Tag. Solche, die den Quellen des germanischen Altertums immer noch fernstehen, werden nicht müde, Rudbecks Geist zu beschwören, sei es physikalisch, sei es moralisch, sei es metaphysisch. Schon die große Zahl dieser Deutungen, deren jede die einzig richtige zu sein beansprucht, kann die Augen der Laien dafür öffnen, daß das ganze Verfahren ebenso falsch ist wie das der unterlegenden, nicht auslegenden Fausterklärer, die Fr. Vischer unter dem Pseudonym „Deutobold Mystifizinski“ an den Pranger gestellt hat.Der gesunde Überdruß an dem Hineingeheimnissen hat mit dazu geführt, daß das Interesse der Fachleute sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz von den Mythen abwandte und die „Mythologie“ überhaupt in Mißkredit verfiel. Dies hing allerdings gleichzeitig auch damit zusammen, daß das unphilosophisch gewordene Zeitalter sich für die Weisheit der Alten überhaupt nicht mehr interessierte; die philosophische Spekulation hatte ebenso Schiffbruch gelitten wie die Mythendeutung, und der Tatsachensinn war erstarkt. Man ging daher auch bei der Beschäftigung mit der germanischen Religion mehr auf das Faktische aus, auf den Kult und seine Denkmäler (wie Ortsnamen, die Runensteine mit Thors Namen und dem Hakenkreuz und die isländischen Tempelruinen)3, und man suchte örtliche und zeitliche Unterschiede und Entwicklungen festzustellen. Sogar die Mythen selbst wurden unter den Gesichtspunkt gestellt, ob sie nicht Zeugnisse für Kult enthielten, ob sie nämlich nicht verkleidete Kulthandlungen darstellten (Baldrs Tötung z. B. die Opferung eines Königs, ein Vorgang, der in anderen Religionen bezeugt ist), so daß das Deuten eine interessante Auferstehung erlebte, mit zeitgemäß verändertem Vorzeichen. Diese Bemühungen haben, wie alle Bemühungen des positivistischen Zeitalters, das Material und die Gesichtspunkte vermehrt, also Fortschritte gezeitigt, wenn auch manche Hypothesen verwirrend und dadurch hemmend gewirkt haben und das philologische Verständnis der Quellen vielleicht mehr zu wünschen ließ als früher.

Jede Religion ist eine Gestaltung des allverbreiteten Glaubens an die Mächte über uns. Die Religionen unterscheiden sich im einzelnen mannigfach, aber sie unterscheiden sich auch im ganzen, nämlich nach dem Grade, in dem sich die Gläubigen innerlich und äußerlich jenen Mächten unterordnen. Ein hoher Grad von Unterordnung, demütige, ja zitternde Unterwerfung, ist orientalischen Religionen eigen; das muß zusammenhängen mit der despotischen Verfassung der alten orientalischen Staaten, der Allmacht ihrer Herrscher, deren einer – Xerxes – sogar das Meer soll haben peitschen lassen; so wie man diese Herrscher fürchtete, so fürchtete man auch die Gottheit, und wie man sich vor jenen auf den Boden warf, so auch vor dieser. Den Griechen war dieses Wesen fremd und zuwider. Sie traten ihren Herrschern und ihren Göttern anders, freier gegenüber. So war es noch zur Blütezeit der altgriechischen Kultur, die nicht bloß durch den Hochstand von Kunst und Philosophie, sondern auch durch das schöne, aufrechte Menschentum gekennzeichnet ist, von dem die Bildwerke noch heute unmittelbaren Eindruck geben. Dieses griechische Menschentum ist durch die städtische Zivilisation wohl verfeinert, nicht aber geschaffen worden. Es ist viel älter als die Mauern von Athen, älter als die hellenische Geschichte überhaupt. Denn wir finden seine wesentlichen Züge wieder bei den Germanen in oder nahe der alten Heimat, aus der die Vorfahren der Griechen südwärts gezogen sind. Die Germanen hätte das asiatische „Anhündeln“ des Herrschers (griech. proskynein) noch heftiger angewidert als die freien Athener. Dafür bürgt uns schon der Bau der germanischen Gesellschaft, die stolze Unabhängigkeit der Adelbauern, ihre freimütige, ihre freimütige und furchtlose Selbständigkeit gegenüber dem König, aber auch die Stellung der Abhängigen, die Sklaven nicht ausgenommen, deren Menschenwürde, wie schon Tacitus hervorhebt, man zu achten pflegte, und die sicherlich ebensowenig von Unterwürfigkeit wußten wie irgend jemand sonst in Germanien. Wie ähnlich das Verhältnis des Germanen zu seinen Göttern dem des Griechen zu den seinigen war, zeigt sich an den lustigen Götterfabeln: Wodan und Frija, das uneinige himmlische Ehepaar, wurde ähnlich humoristisch betrachtet wie ihr südliches Spiegelbild Zeus und Hera, und dem derben homerischen Gelächter auf Ares‘ und Aphrodites Kosten entspricht die Heiterkeit über den in Weiberkleider gesteckten Thor und seinen Appetit, über Freyas jungfräuliche Entrüstung und Lokis Skandalchronik4. Der Germane konnte seine Götter hänseln; und gerade den Gott, der seinem Herzen am nächsten stand, den starken, gutmütigen Thor, hänselte er am liebsten. Dies ist nicht etwa, wie gelegentlich behauptet wurde, eine Verfallserscheinung, sondern es gehört zum Wesen germanischer Religiosität.Es gab öffentlichen, und es gab privaten Gottesdienst. Letzterer, über den im Norden interessante Berichte vorliegen, ist in diesem Zusammenhang besonders aufklärend. Unter den norwegischen und isländischen Bauern standen manche zu einem einzelnen Gott in besonderem Vertrauensverhältnis. Es ist meistens Frey. Auf Island gab es Freysgoden, d. h. Freyspriester, Besitzer eines Freytempels. Ein solcher war Hrafnkel, der Held der nach ihm benannten Saga.5

Er schenkte Frey, seinem Freunde, wie es ständig in solchem Zusammenhang heißt, die Hälfte von allem, was er besaß, machte also den Gott zu seinem Partner, so wie man sich mit einem Freund in den Besitz eines Waldes oder eines Schiffes teilte. Das ist ein Verhältnis der Gleichberechtigung, etwas, was man vom Standpunkt der vom Orient ausgegangenen großen Weltreligionen geneigt sein könnte, gar nicht als religiöses Verhältnis anzuerkennen, was aber doch ein solches ist, da es sich auch hier um festen Gottesglauben handelt, einen Glauben, der die Anerkennung der göttlichen Übermacht, die sich unerwartet wunderbar offenbaren kann, einbegreift, und der mit Hingebung verbunden ist, mag es auch eine männlich kühle, stolz zurückhaltende Hingebung sein. Die Übermacht des Gottes führt zu keiner ausgeprägten Unterordnung seines Verehrers, weil dieser selbst ein hochgespanntes Kraftgefühl hat und auf Grund dieses Kraftgefühls und der Siege verschiedener Art, die das Leben ihm bescherte, zugleich an sich glaubt. Er hat dabei – was kein Christ oder Jude verstanden hätte – ein vollkommen gutes Gewissen. Daß der Gott, den nordische Adelbauern in dieser Weise zu ihrem Vertrauten (fulltr¯ui) machen, gerade Frey zu sein pflegt, ist nicht Zufall, sondern beruht darauf, daß Frey, der gutes Wetter und Fruchtbarkeit für Vieh und Felder spendete, durch diese seine Sphäre die des Menschen ergänzte. Dieser konnte wohl die anderen Menschen lenken und in Schach halten, aber gegenüber den Vorgängen, von denen Leben und Gedeihen seiner Wirtschaft am unmittelbarsten abhingen, mußte er sich weithin machtlos fühlen (obgleich man besonders Königen auch auf diesem Gebiete wunderbare Macht zugetraut hat). Daher sein Bündnis mit dem göttlichen Helfer, der das konnte, was er selbst nicht vermochte. Auf dieser Grundlage eines naiven religiösen Utilitarismus konnten verhältnismäßig warme Freundschaftsgefühle gedeihen; der Wunsch, den göttlichen Vertrauten zu erfreuen und kein Zeichen seiner Gunst unbeachtet und unerwidert zu lassen, konnte breiten Raum im Leben einnehmen und diesem dadurch religiösen Charakter aufprägen. Als ein Freund des Frey im nordwestlichen Island erschlagen worden und begraben war, beobachtete man, daß an der einen Seite seines Grabhügels kein Schnee liegen blieb. Man erklärte es sich so, daß Frey nicht wolle, daß es zwischen ihm und seinem Freunde je fröre. Frey wohnte im klaren Himmel; man sah und fühlte ihn im Licht und in den Sonnenstrahlen.

Auf der Insel Mostr6 vor dem Hardangerfjord lebte der wohlhabende und mächtige Thorolf, ein „großer Freund“ des Thor und Inhaber eines Thortempels. Als ihm Verwicklungen mit König Harald drohten, brachte er seinem Freunde ein großes Opfer dar und erkundete dabei durch das landesübliche Orakelverfahren (ganga til fr¯ettar) dessen Rat; der Gott wies ihn nach Island. So brach er, von vielen Freunden – kleineren Leuten aus Mostr und Umgegend – begleitet, auf einem große Seeschiff auf und nahm auch den abgebrochenen Tempel nebst der Erde unter dem Altar, auf dem das Gottesbild gestanden hatte, an Bord. Da trieb ihn guter Fahrwind übers Meer und um Islands Südwestspitze herum bis angesichts der großen Busen der Westküste, dann trat Windstille ein, und Thorolf warf nun die heiligen Hochsitzpfeiler über Bord, auf deren einem ein Thorbild geschnitzt war, und versprach laut dem Gotte, dort sich ansiedeln zu wollen, wo er die Pfeiler landen lassen würde. Sogleich trieben diese der nördlicheren Bucht zu, schnell, wie man erwartet hatte. Alsbald erhob sich eine Seebrise, und das Schiff segelte in jenen Busen hinein, der sich gewaltig breit und rings von hohen Bergen umgeben auftat und von Thorolf den Namen „Breitfjord“ bekam. Er landete an der Südseite bei einer einladenden Bucht, wo sich bald denn auch die Hochsitzsäulen bei einem Vorgebirge („Thorskap“) angetrieben fanden, und wo man ein zweites Landnahmefeld abgrenzte durch Umfahren mit dem Feuerbrand zur Abwehr der schädlichen „Landwichte“; der Grenzfluß nach Osten wurde „Thorsach“ genannt. Bei dem Gehöft, das an jener Bucht entstand, wurde der mitgebrachte Tempel in stattlicher Größe neu errichtet, mit dem einem Kirchenchor ähnlichen Anbau, in dem der Altar stand mit dem pfundschweren Eidring darauf und dem Opferblutgefäß mit dem Zubehör zum Sprengen der Wände und der Versammelten mit dem heilbringenden Blut; Götterbilder standen um den Altar (wahrscheinlich Thor hinter diesem, Odin und Frey zu beiden Seiten). Auf dem Thorskap wurde die Stelle, wo der Gott gelandet war, zur Gerichtsstätte bestimmt und der weitere Umkreis als Dingplatz eingerichtet. Der gottgewählte Boden war heilig, so daß er nicht verunreinigt werden durfte, weder durch Blutvergießen noch durch Unrat, ja zu dem Berg, in den die Toten der Familie eingingen (Heiligenberg), durfte niemand ungewaschen die Augen erheben. Als dem Thorolf im Alter ein Sohn geboren wurde, „gab“ er ihn seinem Freunde Thor und nannte ihn demgemäß Thorstein (dessen Enkel war Thorgrimm, der bekannte Gode Snorri).7

Diese Auswanderung und Ansiedelung Thorolfs von Mostr ist ein Hauptbeispiel germanischer Frömmigkeit. Wir haben den Eindruck, daß dieser Großbauer und Häuptling sich kaum genugtun kann in dankbaren Ehrerweisungen an seinen Gott, dessen Freundschaft und große Macht ihn so sichtlich und so weise aus schwieriger Lage, die Tod oder Verlust der Väterfreiheit androhte, hinübergeleitet hatte zu neuem Reichtum und gleicher oder größerer Macht. Auch hier leistet der göttliche Helfer, was außerhalb des menschlichen Bereiches liegt. Während der milde Frey der Gott des klaren Himmels und guten Erntewetters war, beherrschte Thor die kräftigeren, ernsteren Wettererscheinungen, Gewitter, Regen und Wind. Deshalb riefen ihn auch sonst die Seefahrer an, aber als Wettergott überhaupt war er natürlich auch Bauerngott, und wahrscheinlich ist er seit alters der meist verehrte Gott gewesen. Wie wir aus Thorolfs Geschichte ersehen, beschützte er auch Ding und Gericht; Runeninschriften lehren, daß ihm der Friede des Grabes am Herzen lag.8 Thor war somit ausgeprägt ein Gott, der für die Verwirklichung dessen, was in Ordnung ist, und für die Verhinderung von dessen Gegenteil sorgte, ein Helfer nicht bloß des Landwirts oder Seefahrers als eines einzelnen, sondern auch dessen, der das Gemeinwohl im Auge zu haben hatte, des Häuptlings oder „Fürsten“, wie Thorolf einer war.

Außer Freys- und Thorsfreunden gab es im alten Norden auch Odinsverehrer; einer von diesen war der berühmte Skalde und Krieger Egil, Skallagrims Sohn.9 Egil hatte schon seinen Bruder im Kriege und einen seiner beiden hoffnungsvollen Söhne durch ein Fieber verloren, da wurde ihm auch der andere entrissen, indem er ertrank. Ein ergreifendes Kapitel der Egilssaga schildert, wie der Alte die angetriebene Leiche seines Lieblings sitzend vor sich auf den Sattel nimmt, mit ihr zum Grabhügel seines Vaters reitet und sie dort bestattet, dann sich in sein Lager einschließt, um Hungers zu sterben. Am dritten Tage läßt man seine Tochter Thorgerd, die an Olaf Pfau in Hjardarholt verheiratet ist, holen, damit sie helfe, und Thorgerd bringt nun durch kluge Behandlung den Vater so weit, daß seine Lebensgeister zurückkehren und der das Erblied auf den Toten dichtet, das sie in Runen auf Stäbe ritzt, damit es erhalten bleibt, wenn sie beide nun sterben. Aber bei der Ausübung seines edelsten Könnens erwacht Egil vollends zum Leben; er hat das bitterste seines Schmerzes überwunden, indem er ihn in Versen gestaltete.

Das Gedicht, „der Söhne Verlust“, ist erhalten und stellt das persönlichste Bekenntnis dar, welches das vorchristliche Germanentum hinterlassen hat. Der Dichter gedenkt darin auch der Götter, die seinen Verlust verschuldet oder geduldet haben, zuerst des Meergottes Ägir. An diesem würde er am liebsten mit dem Schwerte Rache nehmen, wenn nur seine helferlose Greisenkraft ausreichte. Dann sagt er von Odin, er sei sein Freund gewesen, aber der Gott habe die Freundschaft gebrochen, indem er Egils ersten Sohn in sein Luftreich emporhob, seitdem seien ihm die Opfer, die er dem Herrn von Walhall brachte, nicht mehr aus dem Herzen gekommen – und doch, fährt er fort, hat der Gott mir ja Sühne geleistet, denn er hat mir die makellose Gabe der Dichtkunst verliehen und dazu eine Sinnesart, durch die ich mir noch immer heimliche Widersacher zu offenen Feinden umgeschaffen habe. Diese Offenheiten des schmerzbewegten Egil zeigen vielleicht eindrucksvoller als alle anderen Zeugnisse die Gleichstellung mit den Göttern, die der stolze germanische Große als selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt.

Der Glaube starker Männer an sich selbst, von dem die Rede war, konnte über den an die Götter derart die Oberhand gewinnen, daß die Betreffenden nicht opferten und offen erklärten, nur auf die eigene Macht sich zu verlassen (trua a matt sinn ok megin). Dabei ist unter „Macht“ auch manches von dem zu verstehen, was wir „Glück“ nennen würden. Überraschende Erfolge und Erscheinungen wie das bei uns zur Zeit Wilhelms des Ersten sprichwörtlich gewordene „Kaiserwetter“ (der Sonnenschein, der jede Parade und jeden Städtebesuch des Monarchen zu begleiten schien) rechnete man unter Umständen der Persönlichkeit zu, auch wenn diese nicht als Zauberer bekannt war. Grim Lodenhaut, der mächtigste Mann in Helgeland um 800, hatte immer günstigen Fahrwind, mochte er von seiner Insel Hrafnista nach Norden segeln zum weißen Meer auf „Finnenhandel“ (finnkaup) oder südwärts die Schären entlang, um aus Jäderen oder der Vik Korn zu holen. Da er kein Opferer war, konnte dies nur darauf beruhen, daß ihm, der auch anderweit mehr konnte als andere, gottähnliche Kraft innewohnte. Grims angeblicher Sohn Odd (Örvar-Odd, d. i. „Pfeil-Odd“), ein berühmter Wiking und der Held einer der bekanntesten Sagas,10 soll schon in jungen Jahren allem Religionswesen – so dem Treiben der von Hof zu Hof ziehenden Wahrsagerinnen – abhold gewesen sein; jedenfalls war er einer jener „Götterlosen“, die nur der eigenen Macht vertrauten. Seine Züge führten ihn, wie viele andere Nordleute seiner Zeit, bis ins Mittelmeer, und dort, in Sizilien, ließ er sich bewegen, die Taufe anzunehmen. Die „Götterlosen“ liehen den Bekehrern durchschnittlich ein willigeres Ohr als die Freunde des Thor oder Frey; der „weiße Krist“ brauchte ja aus ihrem Herzen keinen Nebenbuhler zu verdrängen, und ihre Abneigung gegen Gottesdienst war zu überwinden, weil der christliche Kultus mit Glockenklang, Gesängen und Prachtentfaltung ganz neue Reize bot, die Versprechungen der neuen Religion sich auf eine den meisten ganz neue Sphäre bezogen, nämlich auf das Jenseits, und ihre wichtigsten Forderungen, Almosengeben und Schonung der Schwachen, der germanischen Gemütsart nicht fremd waren, sondern ihr oft geradezu entgegenkamen. In Willibalds Biographie des Bonifazius wird erzählt, wie der Apostel der Deutschen in Hessen neben vielen eifrigen Heiden auch solche vorfand, die „schon gesunderen Sinnes waren und allem heidnischen Götzendienst entsagt hatten“. Das waren gewiß zum Teil solche selbstbewußten „Götterlosen“, derengleichen es von jeher bei den Germanen gegeben zu haben scheint, zum größeren Teil allerdings waren es religiös Träge und Gleichgültige, die ebenfalls nie gefehlt haben. Schon Cäsar ist es aufgefallen, daß im Gegensatz zu den höchst religionseifrigen Galliern die Germanen sich mit Opfern verhältnismäßig wenig abgaben. Das bestätigen die nordischen Quellen vollauf. Ein Spruch der Edda lautet so:

Besser nichts erfleht,als zuviel geopfert:Auf Vergeltung die Gabe schaut;Besser nichts gegeben,Als zu Großes gespendet:Eitel manch Opfer bleibt 11.

„Auf Vergeltung die Gabe schaut“ war ein Sprichwort, das zunächst auf menschliche Verhältnisse gemünzt war. Wir können seinen nüchternen Sinn wiedergeben mit „Eine Hand wäscht die andere“.

Es scheint also nichts im Wege zu stehen, Willibald Glauben zu schenken, wenn er behauptet, bei der Fällung der Geismarer Donarseiche durch Bonifazius habe sich kein ernstlicher Widerstand der Heiden bemerkbar gemacht, und diese hätten sich unter dem Eindruck des Wunders alsbald bekehrt. Und doch ist der Wahrheitsgehalt dieser und ähnlicher Bekehrungsgeschichten sicher äußerst gering. Wie es in Wirklichkeit bei der Durchsetzung des Christentums zugegangen ist, das erfahren wir nur aus den nordischen Quellen, besonders aus Snorris Lebensbeschreibungen der beiden Olafe, der königlichen Apostel Norwegens; denn nur hier ist die Sachlichkeit und Unparteilichkeit – unbeschadet der christlichen Überzeugung auch Snorris. Der Lateiner erzählt uns einerseits Dinge, die er unmöglich wissen kann – die Seelenregungen der Heiden -, andererseits läßt er Wichtiges aus; so erfahren wir von ihm z. B. nichts darüber, wie es kommt, daß eine so große Menschenmenge der Fällung der heiligen Eiche beiwohnt. Entweder ist dies eine starke Übertreibung, oder es hat sich um ein Ding gehandelt, und im letzteren Falle könnten wir verlangen, zu erfahren, wer das Ding berufen hatte, welche Redner auftraten, und wie es den angelsächsischen Geistlichen möglich gewesen war, dort Zutritt zu erlangen – wenn wir es mit ernster Geschichtsschreibung zu tun hätten und nicht mit einer Erbauungsschrift. Es ist sehr schade, daß ernste, zeitgenössische Geschichtsschreibung über die Bekehrung Deutschlands vollständig fehlt. Aus dem unklaren, langatmigen Predigtstil Willibalds lassen sich für unsere Frage nur einzelne sicher geschichtliche Tatsachen entnehmen, kleine Oasen in einer dürren Wüste. Eine solche Tatsache von großem Interesse ist die Donarseiche und ihre Fällung. Heilige Bäume und Haine sind auch im Norden – letztere schon bei Tacitus – für die Germanen bezeugt, und die Zerstörung der Heiligtümer war im 10. und 11. Jahrhundert in Norwegen und Schweden ebenso ein Ziel der Bekehrer wie in Hessen im 8. Jahrhundert. Historisch ist es auch, daß Bonifazius, wie sein Biograph gleich anschließen erwähnt, sich in Thüringen an „die Ältesten der Gemeinden und die Fürsten des Volkes“ wandte. Das war das altbewährte und auch später im Norden mit Erfolg geübte Verfahren. Die Christianisierung der Germanen ist von oben nach unten gegangen. Auch wo es, wie in Norwegen, der Kirche gelang, Könige als Apostel in Bewegung zu setzen, gingen diese nach demselben Grundsatz vor.

Olaf Tryggvason erreichte die Taufe der hardangischen Bauernschaft, indem er die dort herrschende Familie des „Haruden-Kari“, Erling Skjalgsson von Sole und seine Oheime, durch Verschwägerung an sich fesselte, so daß sie die Masse ihm gefügig machten; er bediente sich also des Ehrgeizes der Großen, welche aber selbst dazu die Hand boten, weil sie einen gewaltsamen Austrag scheuten – der König war zu mächtig – und aus der unangenehmen Lage wenigstens einigen Gewinn für sich herausschlagen wollten. Von heidnischen Bekenner- und Märtyrergeist ist also jedenfalls in Hardanger nichts zu spüren, und weiter südlich im Lande erst recht nicht, wo man – in Rogaland mit einigen Umschweifen, in der Vik ohne solche – Olafs Befehl sich murrend beugte. Im Drontheimischen dagegen setzte es ernste Schwierigkeiten. Auch hier wandte der König sich an die führenden Familien, aber er mußte Gewalt und kalte Hinterlist anwenden, das Haupt des Widerstandes, der reiche Jarnskeggi von Nrjar, wurde durch die Königsmannen ohne Kampf erschlagen, ehe die äußere Unterwerfung der führerlos Gewordenen und Entmutigten erfolgte. Trotzdem gingen im Binnenlande, bei den „Innentröndern“, die Opferfeste weiter wie seit Urzeiten – drei im Jahr, eins zu Sommers-, eins zu Wintersanfang und eins zu Mittwinter -, und noch zwanzig Jahre später war dort fast alles heidnisch, so daß der zweite Olaf – der „Dicke“, später „der Heilige“ zubenannte – neues Blut fließen lassen, manchen von Haus und Hof verjagen, viele verstümmeln oder blenden lassen mußte (1022). Ähnlich ging es damals im inneren norwegischen Hochland, wo ebenfalls noch viel Heidentum war. Die Drontheimer Bauern haben übrigens schon im Jahre 952 Hakon dem Guten, der als Pflegesohn des Angelsachsenkönigs Ädelstan die ersten Bekehrungsversuche in Norwegen machte, trotzig die Stirne geboten, wovon die Heimskringlas anschaulich erzählt12. Später, unmittelbar vor Olaf Tryggvason, war Hladir am Drontheimfjord der Sitz des Jarls Hakon, der als Herrscher über den größten Teil Norwegens ein bewußter Vorkämpfer des Väterglaubens gewesen ist.

Ähnlich zäh wie im Drontheimischen haftete die germanische Religion in den angrenzenden schwedischen Landschaften und in Uppland und Smaaland. Der große Haupttempel von Uppsala, den Adam von Bremen mit dankenswerter Genauigkeit beschreibt, stand im 11. Jahrhundert noch in voller Blüte, obgleich mit Hilfe des Königs St¯enkel in dem benachbarten Sigtuna ein Bistum errichtet war. Der eifrige deutsche Bischof Adalward hatte einen Anschlag auf den Heidentempel vor, von dessen Niederbrennung er viel erhoffte, aber der Schwedenkönig riet davon ab, weil die Heiden jenen zum Tode verurteilten und ihn selbst aus dem Lande jagen würden. Ein um dieselbe Zeit in Schweden tätiger angelsächsischer Missionar unternahm es, ein Thorbild in einem Tempel mit einer Axt zu zertrümmern, fand aber dabei durch empörte Thorsfreunde den Tod. Was die schwedischen Könige betrifft, so hatte schon jener Olaf, dem die Bauern auf dem Ding seine Schwäche und seinen Hochmut vorhielten, sich taufen lassen, aber dem Christentum in Uppland und nördlich davon noch keine Stätte geschaffen. Dies tat erst der erwähnte St¯enkel, mit dem eine neue Herrschersippe den Thron bestieg, und besonders sein Sohn Ingimund. Von ihm rühmt eine deutsche Quelle, er habe den Heidentempel zu Uppsala gereinigt und zu christlichem Gebrauch eingeweiht. Gleichwohl erhob sich gegen ihn noch eine übermächtige Reaktion. Die Bauern verlangten auf dem Uppsalading von ihm Wiederherstellung der alten Gesetzte und Sitten oder seinen Abgang. Der König weigerte sich und mußte den Bauern weichen (ihren Steinwürfen, wie die isländische Quelle sagt). Er floh nach dem schon älteren Bischofssitz Skara in Westergötland, während sein Schwager Sv¯en, den die Bauern statt seiner ernannten, die alten Pferdeopfer an Odin auf der Stelle wieder einführte („Opfer-Sven“, Blot-Sveinn). Nach drei Jahren überfiel Ingimund mit Gefolge diesen letzten Heidenkönig im Morgengrauen in seinem Hause mit Feuer, und während die Menschen drinnen im Rauch erstickten, ging Sven hinaus und fiel fechtend. Ein letzter heidnischer Sproß des alten Yinglingergeschlechtes, Ingwar, fand landflüchtig ein ruhmvolles Ende im fernen Südosten. Von seinen und seiner Leute Taten erzählen Runensteine in Uppland und Södermanland.

Die germanische Religion ist also nicht stumm und widerstandslos vom Schauplatz abgetreten; auch in Süddeutschland und England ist dies gewiß nicht der Fall gewesen. Auch die Gleichgültigen leugneten Dasein und Macht der Götter ja nicht, und es ist eine bekannte Erfahrung, daß etwas, was man lange besessen hat, ohne es zu schätzen, in dem Augenblick, wo es einem entrissen werden soll, Wert gewinnt; ferner ist unerbetene fremde Einmischung niemandem erwünscht, am wenigsten dem stolzen und kühlen Germanen, der sich eins mit seinen Vätern weiß. Wenn wir in Alkuins Leben des heiligen Willibrord von den Besuchen lesen, die dieser Missionar dem Friesenkönig Radbod machte, um ihn zu gewinnen, so verstehen wir bei genügender Vertrautheit mit germanischem Wesen ohne weiteres die Verbindung von Gastlichkeit und Ablehnung im Benehmen des Fürsten. War dieser einigermaßen feinfühlig (worüber wir nichts wissen), so ist ihm der Fremde als ein Zudringlicher erschienen. In der Biographie eines anderen angelsächsischen Glaubensboten, des heiligen Lebuin, von Hugbald wird erzählt, wie Lebuin auf dem Alding der Sachsen die zu Beginn der Tagung der Sitte gemäß Opfer darbringende Menge von der Nichtigkeit ihrer Götzen und von der christlichen Wahrheit überzeugen wollte und durch seine Reden solche Entrüstung erregte, daß man ihm mit ausgerissenen Zaunpfählen zu Leibe wollte.

Da griffen andere zu seinen Gunsten ein, und ein vornehmer Mann stellte von „einem erhabenen Orte“ aus (d. h. wohl vom Rednerhügel aus, der dem altisländischem Gesetzesberg entsprach) den aufgeregten Leuten vor, es entspreche dem Herkommen der Sachsen nicht, Gesandte zu verunglimpfen („Heilig ist der Herold, der dahinzieht allein“, heißt es schon im alten Liede von der Hunnenschlacht, Thule I, S. 30); darauf beschloß man sofort, daß auch dieser Fremde unverletzlich sein und frei solle abziehen dürfen. Der Edeling soll auch auf die Macht des dreieinigen Gottes verwiesen haben. Aber das wäre wenig klug gewesen und ist schon aus diesem Grunde unwahrscheinlich. Auch ohne christliche Sympathien des Edelings ist sein Auftreten aus germanischer Anschauung heraus ebenso verständlich wie die Achtung König Radbods vor dem Gastrecht, und dieser war Vollblutheide. Von Erfolgen Lebuins auf dem Sachsending verlautet nichts; es heißt vielmehr, er habe dort nur den Märtyrertod gesucht, was zu seinem Leidwesen mißlungen sei. Diese Beispiele zeigen, daß auch in Deutschland die Reden der Bekehrer, obgleich das Gast- und das Botenrecht sie schützte, keinen andern Eindruck zu erzielen pflegten, als daß in ihnen enthaltene Ausfälle gegen die Landesreligion die Menge in Harnisch brachten; ebenso wie im Norden, wo ebenfalls, soweit wir sehen können, die Missionspredigt als solche wirkungslos verhallte. Abgesehen von privaten Umstimmungen einzelner ist es immer nur die Vereinigung von Willen und Macht – auch solcher einzelnen – gewesen, was die Unterwerfung der germanischen Völker unter das Kreuz herbeigeführt hat. Daß es dabei nur selten (wie in Schweden) zu Waffengängen gekommen und der Ausgang schließlich überall derselbe gewesen ist, beruht auf dem Gang der Weltgeschichte und der überlegenen Zielbewußtheit der Christen, während die Germanen plan- und ziellos und außerdem uneinig waren.

Ins Jahr 974 setzen die Sagas einen Vorgang, der als eindrucksvollste Episode aus dem Kampf der Religionen denkwürdig bleibt. Jarl Hakon hatte mit dem Norwegerheer am Danevirke dem Kaiser Otto widerstanden. Da umging dieser die Dänen und Norweger, indem er mit seinem riesigen Heere – in dem sich auch der junge Olaf Tryggvason befand – über die Schlei setzte. Er rückte bis an den Limfjord vor, und auf der Limfjordinsel Mors war es, daß unter dem Eindruck eines Mirakels – Bischof Poppo trug glühendes Eisen – König Harald Blauzahn mit seinem ganzen Heer die Taufe nahm und auch der norwegische Jarl sich taufen lassen und dazu verstehen mußte, Priester mit nach Norwegen zu nehmen, damit auch dieses Land dem Christentum gewonnen würde. Die deutschen Waffen, besonders das Reiterheer – die Nordleute kämpften noch nach alter germanischer Weise fast nur zu Fuß – müssen gewaltig gedroht haben! Als aber günstiger Wind aufkam, da setzte Jarl Hakon die geistlichen Herren aus seinem Schiff ans Land und stach mit der Flotte in See. Er umsegelte Skagen, heerte an beiden Küsten des Öresund und steuerte um Schonen herum bis zu den „Gautenschären“.

Dort landete er und vollzog ein großes Opfer; da kamen zwei Raben geflogen und krächzten laut; das war ein Zeichen, daß Odin das Opfer angenommen habe und der Tag günstig sei zum Kämpfen (Raben waren, ebenso wie Wölfe, siegverheißende Angangstiere, und es waren die Tiere Odins; erst das Christentum schuf den Begriff des „Unglücksraben“). Der Jarl ließ alle seine Schiffe verbrennen, rückte „unter dem Heerschild“ landeinwärts, schlug den Jarl Ottar von Gautland und gelangte mit reicher Beute auf dem Landwege heim nach Drontheim.

Der Jarl rächt sich also für die Demütigung dadurch, daß er christliche Länder – auch Gautland war bereits ein solches – mit Krieg überzieht. Er behandelte alle Christen als seine Feinde, ebenso wie die Kirche alle Heiden bekämpfte. Er führt einen Religionskrieg, und zwar einen reineren Religionskrieg als vor ihm die Araber und die deutschen Kaiser, da er nicht wie diese Land erobern, sondern – trotz der gemachten Beute, unter der sich Kirchenschätze aus Gautland befunden haben werden – im wesentlichen nur die feindliche Religion schädigen, seinen Haß gegen diese ausleben will. Es ist kein Angriffs-, sondern eine Verteidigungs- und Vergeltungsfehde – wie jede germanische Fehde. Wie sonst so oft, so greift auch hier die gekränkte Ehre zur Waffe. Aber sonst ging es gegen eine Sippe oder gegen einen Stamm, ein Reich. Daß die bekämpfte Partei sich nicht nach Sippe oder Staat bestimmt, sondern nach der Religion, das war etwas Neues, wozu erst die Kirche durch das unterschiedslose Ceterum censeo ihres Kreuzzugsgedankens die Germanen erzogen hatte. Jarl Hakon, der Christenfeind, war als solcher ein Schüler der Kirche. Er war es auch insofern, als er die Norweger antrieb, die zum Teil zerstörten Tempel wieder in Stand zu setzen und die alten Götter zu ehren. Jarl Hakon war einer jener ganz Starken, die sonst gern auf die eigene Kraft allein vertrauten. Von ihm und seinem Sohne Eirik, dem eigentlichen Helden der großartigen Erzählung von der Jomswikingerschlacht,13 haben wir den Eindruck, daß dieses Geschlecht eins der kraftvollsten und lebensprühendsten gewesen ist, von denen die Geschichte der Germanen weiß. Und dabei eine heidnische Frömmigkeit, die wenigstens in den Quellen nicht ihresgleichen hat. Die Götter belohnten das: in den ersten Regierungsjahren Hakons herrschte in Norwegen ein fast unerhörter Überfluß an Korn und Heringen, und das gefährliche Treffen gegen die ins Land eingefallenen Jomswikinger endete dank einem Hagelschauer von Norden mit blutiger Niederlage dieser Dänen. Kein Wunder, wenn schließlich den erklärten Göttergünstling Hakon Übermut befiel, so daß er die Drontheimer Bauern gegen sich aufbrachte und so seine Herrschaft der stärksten Stütze beraubte.

Der Dänenkönig aber ließ, nachdem die Deutschen abgezogen, bei Jellinge in Jütland (nördlich von Vejle) zwischen den hohen Grabhügeln seiner Eltern Gorm und Tyre einen großen Runenstein errichten, dessen Inschrift besagt, Harald, König von ganz Dänemark und Norwegen , habe die Dänen zu Christen gemacht. Auch dänische Chroniken nennen Harald Blauzahn als ersten christlichen König, wenn sie auch gleichzeitig noch von einer heidnischen Empörung gegen seine Herrschaft melden. Jedenfalls machte um diese Zeit das Kreuz den größten Fortschritt seit der Unterwerfung der Sachsen durch Karl „den Großen“. Die Asen flüchten über das norwegische Gebirge und die schwedischen Urwälder nordwärts.14

Die späteren Jahrhunderte des germanischen Heidentums stehen überhaupt unter dem Zeichen des Zurückweichen vor der Kirche und den christlichen Einflüssen. Im Süden und am Rhein hat beides schon früh begonnen. Die christlichen Einflüsse sind oft überschätzt worden – man hat sie da gesucht, wo jede Aussicht, sie zu finden, fehlte -, aber zu leugnen sind sie nicht. Das Christentum selbst enthält Bestandteile, die ihm von außen zugekommen sind. Diese stören die Einheitlichkeit des Phänomens „Christentum“ nicht, und so stellt sich auch die germanische Religion recht einheitlich dar, ohne daß dadurch christliche und sonstige fremde Elemente in ihr ausgeschlossen werden, deren Vorhandensein nach sonstiger Erfahrung und allgemeiner Wahrscheinlichkeit notwendig angenommen werden muß. Daß der Grundriß der altnordischen Tempel einem Kirchengrundriß gleicht, wird schwerlich anders als aus Nachahmung der kirchlichen Bauweise zu erklären sein. Die eigenen Götter sollten in einem ähnlich vornehmen Hause wohnen wie der Gott der Christen, der einen freilich sonst nichts anging. Es ist eine Erscheinung gleicher Art, wie wenn Jarl Hakon etwas wie heidnische Kirchenzucht einführt.

In einer geheimnisvollen Eddastrophe sagt Odin von sich: „Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, mit dem Ger verwundet und dem Odin gegeben, ich selbst mir selbst, an jenem Baume, von dem niemand weiß, aus was für Wurzeln er wächst.“ Es folgen dunkle Verse von einem Brotleib und einem Trinkhorn. Dann späht der gefesselte Gott in die Tiefe, nimmt, laut wehklagend, Runen auf und wird durch deren Zauberkraft frei. Der Baum, der aus unbekannten Wurzeln wächst, ist die Weltesche Yggdrasil. Das Hängen und Durchbohren mit dem Speer ist die Form, wie dem Wodan die Menschenopfer dargebracht wurden; die Speerwunde bedeutete den Kampftod, den Wodan von seinen Getreuen verlangte; die Hängung hoch im Winde sollte den Geopferten dem durch die Luft fahrenden Gott darbieten, so daß er ihn auf seiner wilden Jagd mitnahm. Die Neun ist uralte, indogermanische, heilige Zahl. Zählung nach Nächten ist, ebenso wie Zählung nach Wintern, ebenfalls alter, bodenständiger Germanenbrauch, den schon Tacitus kennt. Der Mythus von Odins Hängung und Selbstopferung sieht also gut germanisch aus. Und doch it er wohl nur die Germanisierung von Christi Kreuzestod.

Irgendwann innerhalb der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hat irgendwo an der Donau oder am Rhein ein germanischer Thul von dem Opfertode des fremden Gottes am Kreuz gehört, und daraus ist in seiner lebhaft ergriffenen Phantasie das geworden, was wir in der Edda lesen: ein Zeugnis weniger von christlichem Einfluß auf die ungetauften Germanen als von deren souveräner Verständnislosigkeit gegenüber der jüdisch-christlichen Gedankenwelt.

Schon in vorgeschichtlicher Zeit müssen südliche Religionen zu uns herübergewirkt haben. Balder, der Liebling der Götter und Menschen, welcher stirbt und von aller Natur und Kreatur beweint wird, in die Unterwelt wandert und von Hel zurückerbeten wird, ähnelt dem Adonis und besonders dessen Urbild, dem sumerisch-babylonischen Wachstumsgott Tamuz, so sehr, daß er ebenso wie Adonis letzten Endes aus Mesopotamien stammen muß. Im alten Vorderasien sind Kulte und Religionen aufgeschossen wie Pflanzen in einem Treibhause, und mehrere von diesen sind weit nach Europa hinein ausgestrahlt, am weitesten und am nachhaltigsten das Christentum, aber vor, neben und nach ihm auch andere Religionen, so die Verehrung des Adonis, Attis, Mitra und anderer Heilbringer. Der nordeuropäische Vertreter dieser Gruppe ist Balder.15 Auch er erscheint in interessanter Weise germanisiert, aber die fremden Bräuche und Vorstellungen haben sich in diesem Falle merkwürdig stark geltend gemacht und sich merkwürdig treu durch die Jahrhunderte behauptet, wenn auch anscheinend lange nicht überall in Germanien. So sicher es Balderheiligtümer gegeben hat, und so sicher der todgeweihte Gott nicht bloß in Skandinavien und Dänemark, sondern auch in Norddeutschland bekannt gewesen ist, so gewiß ist die Spärlichkeit seiner Bezeugung nicht zufällig. Als den nordischen Baldergläubigen die erste Kunde von Christus zukam, fiel ihnen die Ähnlichkeit der beiden Gestalten auf, und sie machten ihren Balder, um es den Fremden gleichzutun, vollends zu einer Art Christus, indem sie ihn „blutiges Opfer“ nannten.

Schon Tacitus weiß, daß hier und da in Germanien – ähnlich wie in Rom – auch fremde Gottheiten verehrt wurden. „Einen Teil der Sweben“ läßt er nämlich der ägyptischen Isis opfern, die auch in Rom Anhänger hatte, und für deren Kult ein herumgeführtes Schiff kennzeichnend war. Wenn es auch fraglich bleibt, ob die betreffende Göttin bei den Sweben wirklich „Isis“ hieß – denn dies könnte ja „römische Interpretation“ sein -, so liegt doch kein Grund vor, die Richtigkeit der Angabe an sich zu bezweifeln. Von einem der östlichen Stämmen, den „Nahanarvalern“ im heutigen Schlesien, berichtet Tacitus, daß dort ein göttliches Brüderpaar verehrt werde und der Priester wie eine Frau gekleidet sei, also lange Gewänder trage. Es ist diese eine der Stellen in der „Germania“, wo man den germanischen Berichterstatter zu hören glaubt. Als die ersten christlichen Glaubensboten, talartragende Geistliche, nach Island kamen, verspottete man sie dort als Weiber wegen ihrer Tracht. In ähnlichem Sinne werden sich die Nachbarn der Nahanarvaler über deren sonderbare Priestertracht unterhalten haben. Gewiß war diese Tracht die Nachahmung irgendeines südöstlichen Vorbildes. Durch Schlesien ging eine alte Handelsstraße die Oder hinab. Die lappische Nachahmung germanischen Opferbrauchs lehrt, daß germanische Opferpriester Kränze auf dem Haupt getragen haben, nach mittelmeerischer Sitte. Gerade auf dem Gebiete der Tracht und des Schmucks sind Entlehnungen von Volk zu Volk etwas sehr Häufiges. Die Germanen, die nicht auf südlichem Kulturboden den Zusammenhang mit den Stammesgenossen verloren hatten, haben in ihrer Masse keine Neigung gezeigt, fremde Moden anzunehmen, im Gegensatz zu den germanischen Völkern im Mittelalter und in der Neuzeit; Hosen, Haartracht u. a. unterschieden sie dauernd von Römern und Griechen. Aber die gehobene Sphäre des Gottesdienstes konnte leicht Ausnahmen schaffen. Die betreffenden Kulte konnten gleichwohl bodenständig sein, wie denn Tacitus dies von dem Kult der germanischen Dioskuren ausdrücklich hervorhebt. Diese sind wahrscheinlich ein Erbe aus indogermanischer Urzeit, da sie nahe Gegenstücke bei Indern (die Açvins) und Griechen haben.

Unter denselben Gesichtspunkt fällt der Hauptbestand der germanischen Religion. Nicht bloß der sogenannte niedere Aberglaube, einschließlich Beschwörungsformeln – wie die des Merseburger Balderspruches, die sehr ähnlich im Veda wiederkehrt -, ist indogermanisch – war bei den Vorfahren der Germanen in Gebrauch lange, ehe der letzteren Sprache entstand -, sondern auch der Glaube an die Himmelsgötter, die von oben alles sehen und lenken, und die man im Freien anruft, so wie in einem Eddaliede Sigurd und die von ihm erweckte Walküre auf Bergeshöhen beten:

Heil euch, Asen!Heil euch, Asinnen!Heil dir, fruchtschwere Flur!Rat und RedeGebt uns ruhmreichen beidenUnd heilkräftige Hände!

„Asen“ (älter „Ansen“, ansis16) war der verbreitetste germanische Name für die übermächtigen Wesen am Himmel und im Luftraum, die bei den Römern superi (die Oberen), bei den Griechen uranioi (die Himmlischen) hießen. Die Mannigfaltigkeit der Bezeichnungen zeugt von lebhafter Beschäftigung mit diesen Wesen. Besonders merkwürdig ist ein Name für sie, der nur im Altnordischen begegnet und dort t¯ivar lautet, aber uralt ist, denn er ist dasselbe Wort wie das gleichbedeutende lateinische dei (dii, divi) und das ebenfalls gleichbedeutende altindische d¯ev¯ah; es ist dies also ein nachweislich urindogermanischer Name für die Himmelsgötter. Schon in indogermanischer Urzeit dachte man sich diese nach irdischem Muster als eine Familie und verehrte demgemäß am höchsten das Haupt dieser Familie, das man den Himmelsgott im engeren Sinne und zugleich den „Vater“ nannte: altindisch Dyauspitar, griechisch Zeus pater, lateinisch Ju-piter. Auch bei den Germanen findet sich dieser oberste, väterliche Himmelsgott. Es ist Wodan, der mit seiner – nicht immer einverstandenen -2 göttlichen Gemahlin im Himmel haust als Vater der Götter und Menschen und seine besondere Freude an Krieg und Männerfall hat, alles ganz wie Zeus. Jedoch heißt Wodan nicht so, wie der himmlische Vater der südlichen Indogermanen und demnach schon der der Urindogermanen hieß; dessen Namen trägt vielmehr ein anderer germanischer Gott, der Tyr der Nordleute, Tiw der Angelsachsen, Ziu der Hochdeutschen, nach dem noch heute der dritte Wochentag heißt (dänisch Tisdag, englisch Tuesday, alemannisch Ziestig). Leider wissen wir von diesem Tyr nur wenig. Das beruht aber darauf, daß der seit Urzeiten als Tyr (germanisch Tiwas) verehrte Himmelsvater bei den Germanen schon früh den Namen Wodan (Wodanas) bekommen hat, weil es einen ihm ähnlichen Gott Wodan gab und man die beiden als einen und denselben auffaßte, welchen Wodanas, und nicht Tiwas, zu nennen sich empfahl, da letzterer Name, der ja auch allgemein Gott (Himmelsgott) bedeutete, weniger auszeichnend war (derselbe Grund hat dazu mitgewirkt, daß z. B. der Jupiter der Römer nicht „Deuspiter“ heißt, sondern Jupiter). Ehe Wodan Himmelsvater wurde, war er jedenfalls ein Luftwesen, das man im Zug und Geräusch des Windes zu spüren glaubte, und das man sich mit zahlreichem Gefolge, auch von hellkreischenden Mädchen, über uns einherbrausen dachte. Das ist die Erscheinungsform des indischen Gottes Vata, der auch im Namen unserem Wodan nah verwandt ist; Vata ist zugleich das indische Wort für „Wind“, und Wodan hat ebenfalls ursprünglich „Wind“ oder „Weher“ bedeutet. In dem deutschen und südskandinavischen Volksglauben vom wilden Jäger ist dieser uralte Sturmdämon bis heute am Leben, und zwar in der altertümlichen Gestalt, die er hatte, ehe er Himmelsvater wurde, und die durch diese Erhöhung des Gottes nicht aus dem Bewußtsein des Volkes verdrängt worden ist.17 Volksglaube und Religion waren, soweit unser Blick in der Zeit hinaufreicht, niemals ganz dasselbe.

Von Anfang an treffen wir bei den Germanen große, öffentliche Kulte mit Tempeln, Götterbildern und öffentlichem Priesteramt, neben viel zahlreicheren Naturkulten an Quellen, in Hainen und an sonstigen heilig gehaltenen Örtlichkeiten. Letztere rückt Tacitus, in dem Bestreben, das von den Römern grundverschiedene Naturvolk zu schildern, stark in den Vordergrund, und daher gelten sie heute noch vielen als die eigentlich germanische Form der Götterverehrung – offenbar mit Unrecht, wenn der Irrtum auch begreiflich ist, da die ahnungsvolle Ehrfurcht vor der im Hainesrauschen gestaltlos webenden Gottheit, das schweigende Schöpfen aus der heiligen Quelle auf Helgoland (von der Willibrords Leben erzählt) oder eines Thorolf fromme Scheu vor den Geistern von Berg und Wiese uns unmittelbar sympathisch ansprechen – wie denn Klopstock dadurch zu dichterischem Neuerleben gebracht worden ist -, die Opfermahlzeiten und der Wedel zum Blutspritzen dagegen, welche die altnordischen Quellen uns vorführen, auf zarte Gemüter abstoßend wirken müssen und man natürlich seinen Vorfahren lieber das Sympathische zutraut als das Fremdartige oder gar Abstoßende. Daß solche Gefühlsurteile Beweiskraft hätten, wird niemand behaupten wollen. In Wahrheit ist den Germanen beides zuzutrauen, auch das manchem Unsympathische. Im Jahr 14n.d.Ztr. machten die Römer im Gebiet der Marsen, zwischen Ruhr und Lippe, einen Tempel der „Tamfana“ dem Erdboden gleich, offenbar deshalb, weil diese Kultstätte mit dem dabeiliegenden Dingfeld der Mittelpunkt der Marsen war, die hier ihre Herzöge wählten und von hier unter dem Schutz der Götter zum Kriege auszogen. Eine Götterstatue z. B. wird erwähnt bei der Nerthus, die nach beendeter Umfahrt mit den heiligen Rindern im See rituell gereinigt wurde. Auch hat sich in Dänemark ein sehr altes Götterbild aus Holz gefunden, und die vielen Götterbilder der altnordischen Quellen wären ebenso wie die altnordischen Tempel und die gemeingermanischen Ausdrücke für „Tempel“ unerklärlich, wenn sich nicht alten Gebrauch fortsetzten. Die blutigen Tier- und Menschenopfer bezeugt ebenfalls bereits Tacitus, ja schon bei Plutarch lesen wir von den rituellen Schlachtungen der Kimbern und dem Wahrsagen ihrer Weiber aus den Eingeweiden. Die größten Opfer waren die öffentlichen, und nur bei diesen wurden auch Menschen der Gottheit dargebracht.Nach Tacitus verehrten die Germanen, abgesehen von örtlich begrenzten Kulten wie dem der Nerthus oder dem der Tamfana, drei große Götter: Merkurius, Herkules und Mars.

Unter den letztgenannten ist Tiwas, unter „Herkules“ Donar, unter „Merkurius“ aber sicher Wodan zu verstehen. Diesen, sagt Tacitus, verehren sie am höchsten, und ihm allein bringen sie Menschenopfer dar. Diese Angabe zeigt, daß Wodan zu Tacitus‘ Zeit schon ungefähr das war, was er in den nordischen Quellen ist, nämlich der oberste Gott, der eigentliche Empfänger von Menschenleichen und – was hiermit natürlich eng zusammenhängt – der Gott, der die Toten ins Jenseits abholt (dies gab den Anlaß zur Interpretation als Merkurius). Die Verschmelzung des Windgottes mit dem herrschenden Himmelsvater hatte sich also damals schon vollzogen; das Luftgefolge jenes war als Totenheer in das neue Glaubensgebilde eingegangen. Hierfür spricht auch, was Tacitus in seinem 39. Kapitel über das große Stammesheiligtum im Gebiete der Semnonen (in der späteren Mark Brandenburg) mitteilt. Der allwaltende Gott, der hier in banger Scheu mit Menschenopfern geehrt wird, ist Wodan. Der Schriftsteller meint es deutlich genug zu sagen und daher den Namen weglassen zu können, wodurch die fromme Scheu sozusagen auf Autor und Leser übertragen und also der Eindruck gesteigert wird. Der Hain, den die Gläubigen nur gefesselt betreten, und in dem niemand sich vom Boden erheben darf, ist auch der Edda als „Fesselhain“ (Fjöturlundr) bekannt; in seinem Frieden vollstreckt Dag die Rache an dem sonst unüberwindlichen Helgi, und er tut es mit Odins Beistand und Einverständnis, wünschte doch der Gott solche speergetroffenen Opfer in seinem Hain. Dieser Fesselwald der Semnonen und nordische Nachrichten über den „Schrecker“ Odin zeigen, daß die religiös kühlen, selbstbewußten Germanen doch auch Furcht und Gehorsam wenigstens gegenüber einem, ihrem furchtbarsten und mächtigsten Gotte gekannt haben.

Die tiefe Scheu vor Wodan galt seiner undurchdringlichen Weisheit, die sich oft als Tücke darstellte. Wenn einer der heidnischen Götter allmächtig war, so Wodan, und er war es kraft eines zauberhaften Könnens und Wissens, gegen das die Zauberkünste aller anderen Wesen ein Nichts waren. Wodan war der schlechthin Überlegene und Unerforschliche. Ihm zu vertrauen, war nicht jedermanns Sache. Er konnte zwar helfen wie kein anderer, besonders zu Sieg im Kriege, aber er konnte seinen Freund jeden Tag verraten, indem er sich plötzlich gegen ihn wandte. Das sagenhafte Hauptbeispiel hierfür ist das Schicksal des großen Dänenkönigs Harald Kampfzahn. Dieser versprach dem Gotte alle Krieger, die er erschlagen würde, und erhielt dafür Unverwundbarkeit durch Eisen und die Kunst der keilförmigen Schlachtordnung. Harald hatte aber einen vertrauten Diener, Bruni, der oft Botengänge für ihn machte. Auf einer dieser Wanderungen ertrank Bruni in einem Flusse, und Wodan nahm seine Gestalt an und diente unerkannt dem Könige, der von jenem Unglücksfall nicht erfahren hatte. Dabei säte er durch falsche Botschaften Zwietracht zwischen seinem Herrn und dem Schwedenkönig Sigurd Ring, so daß es zum Kriege kam.

Als der alternde Harald an der Spitze unübersehbarer Heerscharen auszog zum Treffen auf den Bravellir, da war Bruni sein Wagenlenker, und dieser meldete, auch die Schweden rückten in Keilstellung an. Dem Greise kamen böse Ahnungen, er begann seinem Wagenlenker zu mißtrauen, in ihm den verkleideten Wodan zu erkennen, und wirklich stieß dieser ihn, als das Schlachtengetümmel seinen Gipfel erreicht hatte, vom Wagen auf das blutige Feld und erschlug den Wehrlosen mit einer Keule. – Eine ähnlich trugvolle Rolle spielt Wodan in der Geschichte des fränkischen Heldengeschlechtes der Wölsungen, das lange seinen besonderen Schutz genießt. Sigmund verdankt ihm ein wunderstarkes Schwert, aber dieses Schwert zerbricht in einer Schlacht, so daß Sigmund den Tod findet, weil der Gott aus den Reihen der Feinde heraus seinen Speer der geschwungenen Klinge entgegengehalten hat. – Auch dem Jarl Hakon von Norwegen, der auf Odin so großes Vertrauen setzte, wurde dieser schließlich untreu, indem er ihm böse Ratschläge eingab und seinen Gegnern den Sieg schenkte.Die Furchtbarkeit Wodans erklärt sich daraus, daß er die Toten abholt. Als Herr über Leben und Tod ist er so unberechenbar wie das Todesschicksal selbst.

Es findet sich aber in altnordischen Quellen ein frommer Gedankengang, der Odins Unberechenbarkeit begründet, ja feiert. Der unbekannte Skalde, der nach dem Fall des Norwegerfürsten Eirik Blutaxt (um 950) diesen verherrlichte, indem er seinen Einzug an der Spitze der von ihm Erschlagenen in Walhall darstellte, läßt den Herrn von Walhall auf die Frage, warum er einen so tapferen Helden habe fallen lassen, zur Antwort geben: „Es schaut der graue Wolf zu den Göttersitzen herüber!“ Das ist der Fenriswolf, das gefährlichste der Ungeheuer, die immer auf der Lauer liegen gegen die Götter und gegen den Bestand der Welt und eines Tages wirklich losbrechen. Dann wird Odin seine Getreuen zum Kampfe führen gegen die niederreißenden Gewalten, und es wird der härteste aller Kämpfe sein, darum sorgt der weise Weltherrscher schon jetzt und immerfort für Stärkung seiner Mannschaft, und gerade die Stärksten und Mutigsten sind ihm am meisten willkommen: von Odin unterstützt sorgen sie im Leben für scharenweisen Männerfall, sobald aber ihre Kraft für das Diesseits erschöpft ist, müssen sie selber fallen, um im Jenseits mit ihren Feinden zusammen dem höchsten Zwecke dienen zu können. Wenn die Berge stürzen und die Erde ins Meer sinkt, dann entscheidet sich das Schicksal der Welt oben am Himmel, wo Götter und Tote hausen.Das ist die altnordische Theodicee, eine rechte Ausgeburt germanischen Kriegerlebens. Zu ihr gehört auch das Bild von Walhall: in der riesigen Halle, die mit Schilden gedeckt ist statt mit Schindeln, Speere als Dachsparren hat, vor deren Giebel Wolf und Adler tot hängen, deren Bänke mit Brünnen (d. h. mit ringbenähten Kampfwämsern) statt mit Kissen belegt sind, da schmaust und zecht Odins Gefolgschaft – die Einherier – Tag für Tag, jeden Morgen ziehen sie aus, um einander im Kampfe zu fällen, sitzen dann aber alle gesund und einträchtig beisammen (dies eine freie Variante der seit alters weit verbreiteten Ortssagen von Heeren Gefallener, die auf oder über Schlachtfeldern in der Luft allnächtlich weiterkämpfen, wie so viele Gespenster die entscheidende Tat ihres Erdenlebens ruhelos wiederholen müssen). Natürlich kommen die Einherier, welche fallen, ebenso nach Walhall wie Krieger, die auf Erden den Kampftod leiden.

Da letzteres dank Odins Walten von jeher geschehen ist und ständig weiter geschieht, ist die Zahl der Walhallgäste riesig groß und wächst fortwährend weiter. Aber es ist dafür gesorgt, daß Speise und Trank nicht ausgehen: ein unsterblicher Eber wird in einem wunderbaren Kessel – einer Art Gralschüssel – vom kunstfertigen Walhallkoch dauernd gesotten (wie ein Opfer im Tempel, während man im gewöhnlichen Leben das Fleisch am Spieß briet), indes die Ziege Heidrun, die wie die Hausziege manches norwegischen Bergbauern auf dem Dach weidet, aus ihren Eutern nimmerendenden Met spendet, den die Walküren – Odins Dienerinnen, die die gefallenen Krieger von der Walstatt holen – den Einheriern über die Feuer zureichen.

So geht es in dieser größten aller Fürstenhallen beim höchsten aller Herrscher tagaus, tagein, jahraus, jahrein zu, bis das Weltende, Ragnarök, hereinbricht. Inzwischen zieht Odin Kundschaft ein durch seine beiden Raben, die durch alle Welt fliegen, oder er sitzt mit Frigg (althochdeutsch Frija) draußen auf der Türbank (Hlidskjalf) und späht hinunter zu den Menschen oder hinüber zu den Riesen, oder er besteigt sein Wunderroß Sleipnir, das ihn durch die Lüfte trägt, und reitet selbst auf Kundschaft, meist ins Menschenland, wo besonders Schlachtfelder ihn anziehen (wenn man durch den gebogenen Arm sieht, kann man ihn über die Walstatt reiten sehen), zuweilen aber auch nach Riesenheim, den eigentlichen Jagdgründen seines starken Sohnes Thor, der in seinem von Böcken gezogenen Wagen über das Himmelsgewölbe donnert und die Riesenbrut, die Schädiger der Menschen, erschlägt, auch die Weiber nicht schonend. Asen und Riesen wohnen benachbart, wie zwei feindliche Stämme auf Erden. Es gibt einen Grenzfluß zwischen ihnen. Oft erscheint Odin auf Erden als Wanderer. Dann erkennt man ihn an seinem Mantel, dem breiten Hut,18 langen Bart und der Einäugigkeit.

Solche Gestalten treten in den nordischen Sagenerzählungen öfters auf, und meist bleibt es im Dunkel, ob es wirklich Odin ist. Hierin spiegelt sich der alte Volksglaube. Bei manchem Fremden fragte man sich, ob er ein Gott gewesen sei, nicht immer wegen seines Aussehens, manchmal auch wegen seines Benehmens (wie Harald Kampfzahn), oder wegen einer inneren Wirkung, die man von ihm verspürte, so wie Telemach, nachdem Athene in des alten Mentes Gestalt ihn verlassen, Kraft und Mut und heftige Gedanken an den fernen Vater in sich aufsteigen fühlt und daher gleich ahnt, der Besucher sei ein Gott gewesen. Gerade der allgewaltige Odin machte sich oft im Innern fühlbar. Wir sahen schon, wie der Skalde Egil ihm Dichtergeist und Charakter zu verdanken glaubte. Ein anderer Skalde sagt von dem Fürsten, dessen Tapferkeit im Kampfe er preist, Odin sei in ihm gewesen. Vielgestaltig und vielnamig ist Odin. Im Grimnirliede der Edda, wo er unerkannt Not leidet zwischen den Feuern in der Halle des ungastlichen Königs, hebt er den Blick zu den himmlischen Wohnungen und enthüllt sich schließlich in seiner ganzen Majestät; der König, dem die Augen aufgehen, stürzt in das eigene Schwert und fällt dem Gott als Opfer (eine ähnliche Sage wie die griechische von Zeus und dem ungastlichen Arkadierkönig Lykaon).

Walhall hat 640 Tore, und aus jedem dieser Tore ziehen acht Hundertschaften (960) Einherjer, wenn die Ragnarökschlacht geschlagen werden soll auf dem Felde Vigrid oder auf der Insel Oskopnir. Dann rücken Fenrir und die Scharen der anderen Riesen und Ungeheuer an gegen die Asen und ihr Heer. Die Asen werden tapfer kämpfend fallen, und Walhall wird in Flammen aufgehen. Frey erliegt dem Feuerriesen Surt; Thor tötet die Weltschlange, aber ihr Gifthauch wird ihm zum Verderben, so daß er neun Schritte von der Verendenden zurücktritt und dann tot umsinkt; Odin wird von dem Wolfe verschlungen, doch sein Sohn Vidar rächt seinen Tod, indem er den bis in den Zenith ragenden Oberkiefer des Ungeheuers mit starker Faust nach oben umbiegt, so daß Fenrir stirbt – ein echt volkssagenhaftes Bild von großartiger, schlichter Plastik.Die junge Göttergeneration überlebt die Katastrophe und wird in einer neuen Welt im Saale Giml¯e, der heller leuchtet als unsere Sonne, sich des Lebens freuen. Doch weiß niemand von dieser fernen Zukunft Gewisses zu sagen.

Die Ragnarökvorstellungen des alten Nordens sind vielgestaltig. So dachte man sich die Götterfeinde in verschiedener Gestalt und unter verschiedenen Namen – einer davon war „Muspells Söhne“, dämonische Reiter, die mit Feuer durch den dunklen Grenzwald geritten kommen -, aber auch der Kampf der Götter wurde verschieden vorgestellt, besonders aber waren die Naturkatastrophen mannigfach: bald handelte es sich um ein Versinken der Erde ins Meer – aus dem sie dann zu neuem Leben wieder auftaucht, so daß Wasserfälle von den Felskanten stürzen, über denen der Adler schwebt, nach Fischen spähend -, bald um eine gewaltige Feuersbrunst, die hoch zum Himmel emporschlägt, bald um den Fimbulwinter, in dem alles Lebendige erfriert bis auf ein junges Menschenpaar, das „in Hortmimes Holze“ Zuflucht findet und, wenn die Sonne wieder steigt, neue Geschlechter begründen wird.

Wie weit die nordischen Ragnarökgedanken auch südgermanisch, also in Deutschland verbreitet, gewesen sind, das läßt sich urkundlich nicht feststellen. Da aber Weltuntergangsvorstellungen bei vielen Völkern belegt sind und zum Teil in sehr ähnlicher Form wie bei den Nordgermanen (der Fimbulwinter z. B. ist auch persisch), so sind den südlichen Nachbarn der Nordleute, die fast die gleiche Sprache wie sie redeten, solche Vorstellungen erst recht zuzutrauen. Daß sie ihnen nicht gefehlt haben, ist beweisbar. Es gibt nämlich wörtliche Anklänge zwischen altnordischen Gedichten, die Weltschöpfung und Weltuntergang behandeln, und stabreimenden deutschen Versen, die unter anderem das Wort m¯udspell oder muspilli in der ungefähren Bedeutung von „Weltuntergang“ enthalten. Ferner kommt die Ursprungssage in Betracht. Wenn man dem Irmin eine Säule errichtet hat, mit der die Welt gestützt werden sollte, so hat man eben gefürchtet, daß die Welt oder der Himmel einmal einstürzen würde (ein Glaube, der für die alten Kelten ausdrücklich bezeugt ist), und der Gott, der die Welt stützt, tat dasselbe wie Odin, der Kämpfer sammelt, um die Welt zu verteidigen.

Auch das Christentum hat eine Lehre vom Weltuntergang, die sich mit dem heidnischen Ragnarökglauben nahe berührt: vor dem Jüngsten Gericht wird die Welt mit Feuer verheert. Schon die ersten Bekehrer brachten dieses christliche Ragnarök zu den Germanen, und wir finden es zum Beispiel dargestellt in der alten stabreimenden Predigt aus Bayern, die den Namen „Muspilli“ führt. Die einzelnen heidnischen Anklänge in diesem Text und die Wiederkehr des vernichtenden Feuers können aber nicht darüber täuschen, daß die letzten Dinge des Christentums etwas von Grund auf anderes sind als das germanische Ragnarök. Das eschatologische Feuer der Christen ist gesandt von der Gottheit, um die sündige Menschheit heimzusuchen. Das heidnische Weltfeuer und die anderen heidnischen Ragnarökkatastrophen sind rein naturhafte Vorgänge und richten sich gegen die Götter, welche ihnen, bzw. den feindlichen Dämonen, widerstehen und dabei den Heldentod sterben, unterstützt von Scharen wackerer Krieger, den Menschen, die mit ihnen eines Sinnes sind. In diesem einfachen und anschaulichen Gegensatz verkörpert sich der tiefe Unterschied christlicher und germanischer Lebensanschauung überhaupt.

Das germanische Ragnarök, die bei weitem reichste, die eigentlich klassische Ausprägung des Weltuntergangsgedankens als solchem,19 ist zugleich ein treuer Ausdruck des germanischen Lebensgefühls. Germanien war ein Land voll Gefahren und Unsicherheit; die Natur drohte an den wahrscheinlich noch ganz ungeschützten Küsten mit Überschwemmungen und mit Wanderdünen, der Urwald barg hungrige Raubtiere in Menge, Geächtete trieben ihr Wesen, nie konnte man sicher sein vor dem Überfall beutelüsterner Scharen oder landsuchender Bevölkerungen, und zahlreich waren diejenigen, die in offener oder schlummernder Fehde lagen mit nahen oder fernen Nachbarn. Solche Verhältnisse mußten wohl Ragnarökstimmung erzeugen und Ragnarökphantasien begünstigen. Wenn die einzelne Siedelung früher oder später den Elementen oder dem Feinde zum Opfer fiel, warum sollte das Ganze der Welt besser daran sein?

Der Germane duckte sich aber nicht mit Seufzen und Wehklagen unter das Schicksal, sondern er trat ihm aufrecht gegenüber, entschlossen, es abzuwenden oder, wenn der Feind die Oberhand behielt, ehrenvoll zu fallen, und dieses mannhafte Trotzen war für ihn die eigentliche Würze des Lebens. Seine Götter, die seine Freunde waren, dachten wie er. Auch für sie war Gegenwehr selbstverständlich, nicht bloß im aussichtsreichen, sondern erst recht im aussichtslosen Kampfe. So symbolisiert sich in dem Vorsorgen Odins und dem tragische Fall der Götter ein tiefer Lebensernst, das Beste des germanischen Charakters.Die germanische Religion ist, verglichen mit anderen, sehr wenig illusionistisch. Erwartete der Germane wirklich Außerordentliches, etwas wie ein absolutes Heil oder eine radikale Erlösung vom Lebensleid, von seinen Göttern, so würde er sich ihnen viel rückhaltloser und wärmer hingeben und unterwerfen, als er, wie wir gesehen haben, durchschnittlich tut. Er bleibt aber mit seinen Hoffnungen im Bereich der eigenen Lebenserfahrung, für die es Böses und Gutes, aber kein absolutes Heil gab.

Die christliche Lehre kam aus dem Norden

Was wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So daß, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.“

Goethe.

Ja, wir behaupten und können es erweisen: Die christliche Kirche oder besser die christliche Lehre, nahm nicht ihren Ausgangspunkt von Palästina, sondern ist eine Urschöpfung der untergegangenen atlantischen Kultur. Sie gelangte über die Reste jenes Weltteils Atlantis zuerst nach Irland und Schottland, dann nach Osten weiter, und gleichzeitig nach Westen zum amerikanischen Festlande. Die alte ägyptische Kultur einerseits und die alten amerikanischen Kulturen der Inkas, der Mayas und der Azteken andererseits sind die Eckpfeiler, die noch heute vom einstigen atlantischen Weltkulturbaue übrigblieben.

Die Alten wußten darum noch, wie wäre es sonst verständlich, daß wir in Mexiko bei seiner Entdeckung das ganze christliche Brauchtum vorfinden, wie es in der katholischen Kirche sich erhalten hat und in Tibet heute noch, Dinge, von denen man nicht gerne spricht, weil sie die Grundlagen des Lügengebäudes einer nahe-östlichen Herkunft des Christentums von noch nicht 2000 Jahren zu untergraben drohen.

Christentum und sein Mythos sind so alt als Menschen göttlichen Odems leben und denken können, viele hunderttausend Jahre reichen nicht, denn so alt ist die Gottes-Sohnschaft der Menschheit. Ur-arisch-atlantische Gotteserkenntnis und ihr heutiges Wurzelwerk haben sich am längsten lebendig erhalten im Norden Europas, wo die Pflanzstätten der Atlantis bis in unsere Zeitrechnung blühten auf Iona und der Insel Man. Von dort aus sind dann auch merkwürdigerweise die angeblich ersten „christlichen“ Missionare gekommen und wurde die erste christliche Kirche gegründet, die Culdeerkirche. Erst später im 7. und 8. Jahrhundert hat die römische Kirche das Segenswerk jener wahren Christen dem Geiste, der Haltung und der Lehre nach vernichten können. Die untergegangene Kirche des Nordens nahm das Geheimnis ihres Ursprungs mit in das Grab, das ihr die römische Machtkirche frühe bereitete, aber auch die abendländische Verzerrung der Christuslehre erlebt heute an sich die Wahrheit, daß sie wohl den Leib töten kann, aber nicht den Geist. Dieser heilige Wahrheitsgeist steht heute als ihr Herr und Meister auf und wird sie mit ihrem Wortdenken überwinden.

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, Und nicht in dir, ging deine Seele dennoch hier verloren. Zum Kreuz auf Golgatha schaust du vergeblich hin, Hast du es nicht errichtet in deinem eignen Sinn.“
Angelus Silesius.

Aus dem „Welsch-„, dem Wälser-Lande führen drei Wege nach Norden, Osten und Süden, die durch die großartigen Steinsetzungen der Megalithgräber gekennzeichnet ist. Der erste zieht sich nach der Nord- und Ostseeküste entlang, springt nach Schweden und Norwegen über, geht dann an der Wolga entlang, um den Südostweg nach Indien zu suchen. Der zweite Weg zieht sich an der Küste Frankreichs südlich, von einem Hauptknotenpunkt in der Bretagne ab über Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und Kleinasien, immer nahe der Küste. Der dritte Weg geht bis nach Spanien mit dem ersten gemeinsam, um dann nach Afrika überzusetzen und an seiner Nordküste entlangzuführen mit offenbar demselben Ziele zum fernen Osten.

Das war der Weg der Kultur von Westen nach Osten, der der arischen Wanderung folgte. Das Wort ex oriente lux hat insofern eine Berechtigung, als es sich um ein teilweises Zurückströmen einer Kulturwelle handelte in den folgenden Jahrtausenden, jedoch nicht anders als heute Vieles aus Amerika zu uns zurückfindet, was von uns dorthin getragen wurde. Olaf Kritzinger hat in einer geistreichen Arbeit über die Runen in Heft 17/18 der „Sonne“ eine Fülle von Anregungen gegeben. Er erwähnt darin auch die Insel Jona und ihre Bedeutung als Ausgangspunkt der atlantisch-arischen Erkenntnisse nach dem Untergang der letzten Reste der Atlantis, der Insel Poseidonis, wie sie Plato nennt. Jona ist das Mutterland der Jaones, des Joanes, der Jonier, die auch als Jawones auftauchen. Junier, Juno, Dione, Dion, Zion, Jon sind Ableitungen aus diesem Worte, das die Gehenden, mundartlich die,,Jehenden“ bedeutet. Die „Gehenden“ (gehen, jehen, to go) sind aber die irdischen Söhne der himmlischen Schrittmacher. Von diesen Göttersöhnen, die selbst zuweilen die Bezeichnung Sterne tragen, ruhen in Jonas Erde zweiundzwanzig Könige begraben.

Diese Sage aus der alten keltischen Dichtung ist so zu verstehen, daß das Wissen von 22 Königen, nämlich den 22 Ar-kana, was Sonnen-Kahne, Sonnen-Könige heißt, begraben liegt. Die 22 großen Arkanas sind die 22 Blätter aber des ägyptischen Tarots, jenes Kartenspiels, das in seinen insgesamt 72 Karten die Grundgedanken der Welt verhaftet birgt. Durch die Zigeuner ist es uns, in der Hand von Unwürdigen, überliefert, die immerhin damit außerordentliche Kenntnisse in Wahrsagen und anderer Zauberei verbinden konnten. Unsere 18teilige Runenreihe ist eigentlich als das Ur-Tarot anzusehen und es bleibt die Frage offen, ob die 18 oder die 22 die ursprüngliche Zahl ist. Auch das altgriechische Alphabet hat 22 Buchstaben und schließt mit dem Tau T, wie das Tarot mit dem Galgen T schließt, dem Ende, dem Tau, dem Tet, dem Tod, dem Tot, dem Ganzen!

So schließt auch Tyr-Christus , die zwölfte Rune den Tyr-Tier-Kreis des Lebens. Dieses Alphabet übernahmen auch die Semiten und in der Folge alle Völker der Erde. In der nordischen Heimat selbst versank das Wissen von den 22 Königen, den „Ar-kana“ von Jona, nur die Sage von 22 begrabenen Königen deutet noch auf den Ursprung dieser zweiundzwanziger Reihe aus diesem Fleckchen heiliger Erde. Aber die Kunde von der Druida, der Troja, der Torta, der Tortla, wie die Priesterschule hieß, blieb lebendig weit draußen in der Welt, so vor allem besonders rein in den Eleusischen Mysterien. Dortla, dorda, turtur ist die Turtel-Taube als das Sinnbild des Heiligen Geistes, der hier allgegenwärtig war.

Das sich im Worte Turtel die drehende balzende Bewegung des Täuberich ausdrückt, ist anzunehmen. So erklärt es sich, wenn der „Heilige Geist“ als der Dritte, das Schicksal-Wendende, der Drehende, der Drittelnde, der „Trittelnde“, der „Reinen Jungfrau“ Maria die Empfängnis des Gottessohnes ver-kündet, ver-kindet, was die Rune Kun, Keim, Kind ganz klar andeutet. Unter dem Sinnbild der Taube wurde der Schüler in das Tabernakel seines eigenen Astralkörpers, seiner Aura gestellt, um sich an ihr und den kosmischen Heilsströmen erfühlen zu lernen, die in ihn herniedergehen, wie der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf den von einem Jona-Hanes-Priester eingeweihten jungen Jesus herniederfährt. Columba = Taube zielt auf den selben Ursinn. Columban heißt nicht nur zufällig einer der ersten Missionare in Deutschland aus dem Heiligtum der Insel Jona. Col, cul deutet auf die zeugerische Weisheit der Rune Kun und das Öl, das Öl der Weisheit, der Einweihung, des Gesalbten, wovon auch die alten Cult-Orte ihre Namen haben wie Cöln, Kulm. Ulm (ohne K, aber dafür vermutlich ursprünglich mit dem H), Kölle-da, Culle dei, das von dem Iren Kilian „gegründete“. Nun wissen wir auch, warum im dritten „Buch der Könige“ erzählt wird, daß der mythische König Salomo, der Salman, der mit dem geschichtlichen Vater des David gerne verwechselt wird, „weiser gewesen sei als die Söhne des Machol und der Dordla.“ Diese Weisheit aber errang sich „Salomon“, wie es heißt, durch die Betrachtung des Sechssternes, des sogenannten Magen Davids, der aber, wie wir wissen, die umschriebene Hagall-Rune darstellt. Durch sie wurde er zum „Weisesten der Menschen“, erlangte Kenntnis höherer Welten und die magische Macht, die Magier-, Meisterschaft über ihre Bewohner.

Wie aber kam „Salomon“, das heißt der arische Salmann, in den Besitz des Sechssternes ? „Er hatte ihn aus einem Adlerhorste bekommen.“ Der Adlerhorst deutet auf den Aarhorst, auf den Arierhorst, den Sonnenhorst im Norden, der sicher auch eine Pflanzstätte in Palästina hatte, im Hermon-, Harmann-, Armann-Gebirge, wo noch im Mittelalter blonde Leute wohnten, mit denen die Kreuzfahrer sich auf „deutsch“ verständigen konnten. Mythos und Geschichte liegen hier in Schichten übereinander, die schwerlich mehr getrennt werden können, aber es bedarf nur dieser Hinweise, um zu erkennen, wie doch alles Geschehen der Erde auf den Arierhorst im Geiste zurückgeht.

Eine große nordische christliche Kirche verband schon im 4. Jahrhundert — bestand und „herrschte“ nicht wie die römische Kirche — weite Gebiete von dem Nordrand der Alpen bis nach Irland, Island und Grönland, von den Pyrenäen bis ins Thüringerland und darüber hinaus. Die Tatsache klärt manche Geheimnisse auf. Das Wotansopfer am Kreuze der Weltesche durch seinen Sohn Zui, Tiu, Tys, den „Ichthys“, den Ich-tys, den Ich-Zeus des Nordens, das Asenopfer des Äsus der Gallier, der Kelten, die wir als einen Zweig der Germanen einfach mit dem „Worte Helden ansprechen. Dieser Asus aus Gallien, also aus „Galiläa“, starb am Kreuze lange bevor man diesen Mythos zu fälschenden Zwecken nach Palästina verlegte, zu einem Volke der Juden, das mit seinem „geborgten“ Namen ganz zu Unrecht auf den Guten-, den Goten-Ursprung Anpruch erhebt. In jedem Falle, im Falle der Juden oder der Guten, handelt es sich um ein geistiges Volk, um ein heiliges Volk, um die Gemeinschaft jener Heiligen, die keiner Satzung, keiner Kirche bedürfen, um das „auserwählte“ Volk der reinsten und höchsten und heiligsten Seelenkräfte, dessen König selbstverständlich der „Jesus Christus“, der Arier, die Aar-heit, die Wahr-heit ist.

Die Priesterschaft der germanischen, das heißt auch der keltischen Bewohner Mitteleuropas und des Nordwestens, denn hier lebte an seiner Wiege das arische Urvolk nach dem Untergang der Atlantis, waren die Druiden, die Trojaiden, die Treuen, die die Treue, die Dreie, die große Drei, das Trauen, das Vertrauen in das Göttliche lehrten, das Geschehen vom Entstehen über das Sein zum Vergehen, das wir in allen Dreiheiligkeiten kennen lernten. Troja nennt auch Tacitus die Seelen-Grundverfassung des Germanen. In den englischen Worten Trust, Truth mit der Bedeutung von Wahrheit, Glauben und Vertrauen, lebt noch der Name der arisch-keltischen Priesterschaft fort, der Truiden, der Treuen, der Troien, die das Droit, das Recht der Trois, der „Hochheiligen Drei“ lehrten, die Drei-, Dreh-, Droh- und Trug-Gewalt, aber auch der Trug-Gehalt des himmlischen Tyr-Tri-Tro- und Thor-Kreises.
Otfried von Weißenburg gebraucht in seinem Evangelienbuch aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts noch das Wort TRUHTIN für den Namen des Herrn, den. „treuen“, was heißen soll, den „Dreien“-„Drei-Einigen“ Gott. Es versteht sich von selbst, daß dann der germanische Priester auch der Thrutin hieß nach seinem Herrn, wie im Norden der Gode, der Priester, nach dem Gotte.

„Treue“ ist der Urname aller arischen, germanischen und damit deutschen Religion, für welches Fremdwort wir ja im Deutschen keine eigentliche Übersetzung hatten, nicht haben und auch nicht haben werden, weil wir keine brauchen. Rückverbundenheit — religio — bedeutet das Wort. Wer wäre rückverbundener als der wahre, klare Sonnenmensch? Wir werden die Treue, die Troja, die Dreie wieder in uns erwecken, die Erkenntnis des ewigen Wirkens des Gottgesetzes, das das Krist-All beherrscht in Vater, Sohn und Heiliger Geist, das heißt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und wie jene Drei nur Eins in einer Einheit sind, so sind diese Zeitvorstellungen auch nur eine Einheit, eine Ewigkeit, eine Gesetzlichkeit: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in sich schließend. „Es gibt keine vergangene Vergangenheit und keine zukünftige Zukunft, sondern nur eine gegenwärtige Vergangenheit und eine gegenwärtige Zukunft“, lehrt der Kirchenvater Augustin in seinen Bekenntnissen.

Wir wissen von den Druiden, den Tyr- oder Dry-Söhnen, daß sie eine Sonnenreligion lehrten, und keine irdische Religion kann etwas anderes sein oder lehren als eine Sonnenweisheit. Darauf laufen alle religiösen Symbole, Mythen, Glaubensartikel, Bekenntnisformeln hinaus. Wir werden noch zeigen, wie die Sonne der Ur-Inhalt auch der Christus-Religion ist. Wir sehen alle die Sonne und fühlen Licht und Wärme, die von ihr ausstrahlen. Aber das ist nicht alles. Die Sonne sendet auch Kräfte, die jenseits von dem sind, was die Physik erforschen kann, die von ultravioletten Strahlen spricht. Von der inneren Sonne, dem inneren Gestirn, deren Abbild und Sinnbild die äußere Sonne und das äußere Gestirn ist, wie auch der Leib nicht der Mensch allein ist, strömt uns hernieder Liebe und Weisheit. Wem es gelänge, die übersinnlichen Kräfte, Ströme der Sonne mit seinem Bewußtsein zu erfassen, der würde ein Weiser und Führer dieser Erde werden.
Die Druiden waren es, sie erkannten das Übersinnliche der Sonne, das wirkt, wenn das Sinnliche der Sonne abgezogen wird. Sie erkannten in der Sonne, in der inneren Sonne, den Sohn Gottes im Geiste. In ihrem Weistum hatte sich der uralte Sonnen-Sohnes-mythos des Krist-All-Sohnes erhalten aus atlantischer Zeit und hatte sich vererbt auf die Eingeweihten der ganzen Welt, die im Zeitalter der arischen Völkerwelle die Erde befruchteten.

Es genügt darauf hinzuweisen, daß wenn die Druiden nach Überlieferung der römischen Kirche, wie sie sagt, auf Grund ihrer großen inneren Schaukraft, die angeblichen Ereignisse in Palästina zur Zeit von Christi Geburt, unabhängig von jeder äußeren Benachrichtigung, in Schauungen miterlebt hätten, um die Tatsache zu erklären, daß sie dieses Mysterium schon vor seiner angeblichen Ereignung in Palästina kannten und lehrten. Die ersten römischen Missionare sollen denn auch in der Bretagne, einem der Hauptsitze des Druidentums, was durch die riesigen Steinsetzungen der Cromlechs und der „Aligements“ bezeugt wird, schon Christen vorgefunden haben. Ja, sie haben mit Sicherheit überall im Norden Christen vorgefunden, weil der Krist-All-Gedanke des Gottes am Weltkreuze eben älter ist als der gänzlich mißverstandene, weil zeitlich und örtlich festgelegte, neutestamentljche Galgentod. Im Odhin-Äsus- und Chrischna-Opfer hatte dies Mysterium schon eine viele tausend Jahre ältere Prägung gefunden.

DER JESUS VON NAZARETH

Germanenherz Die Christianisierung

Die Geschichtlichkeit eines „Jesus von Nazareth“ läßt sich nicht erweisen und selbst die theologische Forschung gesteht dies mehr oder weniger unumwunden zu. Sie zieht sich auf den schwankenden Standpunkt einer „Kulterzählung“ zurück, ohne indes irgendwie und irgend etwas an der Offenbarungseigenschaft der Evangelien aufgeben zu wollen. Die Geschichtlichkeit aber des palästinischen Christus verliert alle
Wahrscheinlichkeit schon durch den Umstand, daß das Volk der Juden, in das er hineingeboren worden sein soll, ebensowenig als Volk bestand, jedenfalls niemals in dem Sinne der fragwürdigen Überlieferung des alten Testamentes. Es ist schon von anderer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Juden, wie heute, auch schon damals kein Volk bildeten, das mit seinen Wurzeln in einem Heimatboden haftete, sondern von jeher nur aufgepfropft erschien auf anderen, sozusagen echten Völkerschaften. So rastete es auch eine Zeitlang in Palästina mit einer herrschend gewordenen Schicht von Priestern. Wir behaupten, daß der Name der Juden von dem Namen der Goten, der Guten, abgeleitet werden muß: Gute- Gote, in der Vernichtung des Begriffes: Jote-Jude!

Selbstverständlich muß in einem „ausgewählten“ Volke der „Guten“, der Goten, auch der Heiland, der Menschenführer erstehen, was die klare mythische Gestalt eines Christus von selbst fordert. Nur daß ein solches Geschehnis niemals zu irgendeiner behaupteten Zeit in Palästina bei den „Juden“ erfolgte, sondern, wenn überhaupt, vor undenklichen Zeiten bei jenem Volke Gottes, nämlich der Goten im Norden, von denen die geschichtlichen Goten die Nachkommen sind, die uns auch die älteste Übersetzung des Alten und des Neuen Testamentes, heute in Bruchstücken, hinterließen.

Wie diese Dinge eigentlich liegen, ist noch längst nicht geklärt, aber es müßte schon bedenklich stimmen, daß Herodot, der größte bekannte Geschichtschreiber des Altertums, um 460 vor unserer Zeitrechnung, von einem Volke der Juden oder ihrem Staate nichts zu berichten weiß. Hätte dieses Volk die Bedeutung gehabt, die uns seine vielfach übertriebene und gefälschte Geschichte vortäuscht, so wäre Herodot nicht mit Stillschweigen darüberhinweg gegangen. Die Juden spielten eine ähnliche Rolle in Handel und Verkehr des Altertums wie heute noch. Wir hören jetzt wieder von den Versuchen der Juden, sich in Palästina ein völkischjüdisches Staatsgebilde zu schaffen. Es würde nur aufzurichten sein mit fremder Hilfe und auf dem Rücken einer eingeborenen Bevölkerung, heute wie damals, als die eingeborenen nichtjüdischen, zum Teil arischen Stämme noch Galiläer, Samariter, Edomiter, Syrier, Phönizier und Philister hießen.

Es ist darum nicht verwunderlich, wenn Herodot alle alten bodenverwachsenen Völker aufzählt; Griechen, Perser, Phöniker, Meder, Phrygier, Ägypter, Germanen, Araber, Äthiopier, Inder, Babylonier, Assyrer, Skythen, Sarmaten, Massageten und von ihrer Kultur und ihrer Geschichte spricht, aber mit keinem Worte ein Volk oder einen Staat der Juden angibt. Kommt er auf Palästina zu sprechen, erwähnt er nur, daß es damals von Syriern bewohnt sei. Wenn von den Juden in alten Berichten gesprochen wird, außer in dem eigenen geschichtlich ganz anders zu wertenden Alten Testament, so nur in einer lebhaften Abwehr, die ihren Grund hat in der alle seßhaften Völker befremdenden Tatsache, daß die Juden als einziges unter den Völkern nicht für sich auf eigenem Boden wohnen noch je gewohnt haben. Der echte Nomade scheidet hier als Vergleich völlig aus, denn er lebt ebenso gesetzmäßig und „seßhaft“ auf einem bestimmt umgrenzten
Landstrich wie die anderen bodenständigen Völker, nur mit dem Unterschied, daß er nach altgewohnten wirtschaftlichen und klimatischen Notwendigkeiten auf ihm herumzieht, um seine Herden zu ernähren, niemals aber planlos und willkürlich, während die Juden damals und heute, in keinem Boden jemals verwurzelt, mit der Verlegung des wirtschaftlichen Schwergewichts von Land zu Land wandern. Die Geschichtlichkeit der Gestalt des Jesus läßt sich sicherlich am allerwenigsten aus der Geschichte der Juden belegen.

Arier und Jude sind Gegensätze. Wir treten, um diese Wahrheit auszusprechen, gar nicht erst auf den staubigen Kampfplatz politischer Leidenschaften oder wirtschaftlicher Gegensätze. Wir sprechen eine Tatsache aus, die allen Ehrlichen aus beiden Lagern ganz selbstverständlich erscheint. Das Christentum ist, so wie die Verhältnisse heute liegen, eine ganz ausschließliche Eigenschaft arischer oder mehr oder weniger arisch beeinflußter Völker geworden. Jedenfalls erhält sich das Christentum als Religion und Bekenntnis auf einer höheren Betrachtungsebene nur in den germanischen Ländern. Es muß etwas im Urgrunde des Christentums liegen, und sei dies selbst erst nach seiner Berührung mit den Germanen hineingedacht, was ihnen verwandt ist, während das Judentum sich über fast zwei Jahrtausende hinweg dem Christentum und seinem angeblichen Begründer feindlich erweist. Es ist darum schwer faßlich, wie sich eine Meinung bilden konnte, daß Christus ein Jude gewesen sei. Alles innere Wissen, alles Ge-Wissen spricht gegen eine solche Annahme, so daß es wenig auf sich hat, wenn man einige Stellen des Neuen Testamentes im bezweifelten Sinne erklären möchte, andere Stellen wiederum zeigen den Jesus von Nazareth als den ausgesprochenen Gegensatz des Juden und jüdischer Geistesverfassung. Diese Widersprüche liegen eben in der Schwäche aller schriftlichen Überlieferung und warnen vor einer allzu wörtlichen Anlehnung an jeden veränderlichen Text.

Es kann nur von völlig Christus-Gleichen, wenn wir das Gebild, das Inund Sinnbild dieses Christus-Inneren uns zu eigen machen, verstanden und begriffen werden, daß dieser Christus niemals Jude gewesen sein kann, sofern wir seine Gestalt für eine Wirklichkeit zu nehmen bereit sind. Wären die Juden von gestern und heute dieser Überzeugung selbst, daß dieser Christus einer ihresgleichen war, so hätten sie gewiß den Irrtum seiner Tötung mit Freuden schon längst wettgemacht durch den Übergang zu seiner Lehre. Wenn sie trotzdem den Jesus von Nazareth für sich in Anspruch nehmen, tun sie es aus rassepolitischer Klugheit, weil nichts so sehr ihre geistige und wirtschaftliche Herrschaft über ihre christlichen Wirtsvölker befestigt als die vermeintliche Zugehörigkeit dieses „Christus“ zum Volke der Juden. Darum wurde diesem Volke schon vieles verziehen, was Strafe, Zurückweisung oder Vergeltung gefordert hätte. Unter sich aber sprechen sie nach dem Beispiel ihrer zahllosen Schriften nur in den abfälligsten Worten über ihn und schimpfen ihn den „Gehenkten“ und den Sohn einer Hure.

Ich erwähne diese Umstände hier nicht in solcher Ausführlichkeit, um Haß und Mißverständnis auf beiden Seiten weiter zu schüren, sondern um Einsicht und Verständnis für eine ungeheuer wichtige Frage zu schaffen, die keinen Unfrieden mehr stiften wird, von dem Augenblicke an, in dem sie einigermaßen geklärt erscheint und mit Wahrhaftigkeitsmut behandelt wird.

Nur ein gänzlich verdunkeltes Christentum kann noch einen volksjüdischen Christus verteidigen. Wenn die Menschen ernsthaft nachdenken wollten, so müßten sie sich sagen, daß sie hier gar nicht mit irdischen Maßstäben messen dürfen. Nach den Glaubenslehrsätzen der Kirche ist der Christus vom heiligen Geist empfangen und von einer Jungfrau Maria geboren. Eine Abstammung aus dem Judentum wird also gar nicht vorausgesetzt, wenigstens nicht von Vaterseite her. Da Maria schließlich als „Gottesmutter“ auftritt, so ist ihre Herkunft aus dem volksjüdischen Stamme nicht einwandfrei. Hätte es überhaupt einen Sinn, wenn die Juden einen Juden gekreuzigt hätten? Das tun die Juden nie! Das liegt nicht in ihrem Wesen, das sicher eine beachtens- und nachahmungswerte Eigenschaft aufweist, den völkisch-rassischen Zusammenhang. Wenn sie den „Heiland der Welt“ töteten, dann töteten sie damit nichts in sich oder von sich selbst, sondern im Gegenteil den Geist, der sie stets verneinte. Christus war kein Jude, sondern als ein „Sohn Gottes“ sicher sein Ebenbild, das wir heute füglich im arischen Menschen sehen und das so von jeher bei andern Völkern auch gesehen wurde. Es ist undenkbar, sich einen griechischen Apollo als Juden, als Neger, als Angehörigen irgendeiner Mischrasse zu denken, einschließlich der Griechen von heute, die auch nicht einen Mann oder eine Frau mehr aufweisen von jener Rasse, die das Vorbild zu einem Zeus, einem Herakles, einer Venus von Milo oder einer Athene gab. Es ist ganz ersprießlich, solchen Gedankengängen nachzugehen, weil sie unsere geistige Vorstellungskraft beschwingen und mehr zur Beseitigung von falschen Annahmen beitragen als lange „gelehrte“ Abhandlungen.

Selbst der Heilige muß blond sein, griechisch xanthos, um ein Sanctus werden zu können und zu bleiben. Also blond und heilig (heil-ig ist, wer ein heiles Ich hat), entspringen derselben arischen Wortwurzel. Tausende von erleuchteten Künstlern des Mittelalters, dem man noch keine rassekundlichen Kenntnisse zutraut, haben den Christus als den Gottmenschen, den arischen Sonnenmenschen geschaut, geschildert, gezeichnet und gemalt und in Holz, Ton, Erz und Stein gebildet. Tausende begnadeter Künstler haben Maria als die stolze, schöne Mutter irgendeines arischen holden blonden Gotteskindes gemalt und nachgebildet. Nie wäre es einem solchen Meister beigekommen, den „Herrn“, den Sohn Gottes, den Welterlöser als einen Juden, die Himmelskönigin als eine Jüdin darzustellen.

In der Bibliothek des Vatikans befindet sich ein Brief eines gewissen Publius Lentulus, des angeblichen Vorgängers des Pontius Pilatus. Dieser römische Prokonsul in Palästina schreibt in dem Briefe, der zur Zeit des Tiberius an den Senat von Rom gerichtet sein soll: „Es erschien und lebt in diesen Tagen unter uns ein Mann von merkwürdiger Tugend, den einige, die ihn begleiten, einen Sohn Gottes nennen. Er heilt die Kranken und läßt die Toten wieder auferstehen. Er ist wohlgebildet von Gestalt und zieht die Blicke auf sich. Sein Antlitz flößt Liebe und zugleich Furcht ein. Seine Haare sind lang und blond, glatt bis an die Ohren und von den Ohren bis zu den Schultern leicht gelockt. Ein Scheitel teilt sie auf der Mitte des Hauptes und jede Hälfte fällt seitwärts nach dem Brauche von Nazareth. Die Wangen sind leicht gerötet, die Nase ist wohlgeformt. Er trägt einen Vollbart von derselben Farbe wie das Haar, aber etwas heller und in der Mitte geteilt. Sein Blick strahlt Weisheit und Reinheit aus. Die Augen sind blau, von Strahlen verschiedenen Lichtes durchleuchtet. Dieser Mann, der gewöhnlich in der Unterhaltung liebenswürdig ist, wird schrecklich, wenn er gezwungen wird, zu tadeln. Aber auch in diesem Falle geht von ihm ein Gefühl klarer Sicherheit aus.

Niemand hat ihn je lachen sehen, dagegen oft weinen. Sein Wuchs ist normal, die Haltung gerade, seine Hände und Arme sind von solcher Schönheit, daß ihr Anblick Freude bereitet. Der Ton seiner Stimme ist ernst. Er spricht wenig. Er ist bescheiden. Er ist schön, wenn ein Mann schön sein kann. Man nennt ihn Jesus, Sohn der Maria.“ Die Stellen, die von vornherein den Stempel der Fälschung tragen, sind durch Bogen-Schrift gekennzeichnet. Ob die Urkunde überhaupt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Gestalt und das Aussehen eines rein arischen Menschen ist mit großem Geschick geschildert. Daß der Gottmensch das göttliche Lachen nicht kennte, wäre, nach diesem Bilde, sein größter Fehler. Hier verließ den Schreiber das reine Gefühl. Im Vatikan befinden sich noch unersetzliche und unbekannte Urkunden, so daß das Vorhandensein einer ähnlichen, wie dieser Brief, an sich durchaus wahrscheinlich ist. Nehmen wir die Urkunde als echt an, so sehen wir klar, daß jener Eingeweihte, jener „Christos“ der alten Mysterien in Palästina ein Sproß der arischen Restbevölkerung war, der sich vergeblich bemühte, den arischen Geist im Mischvolke zu beleben und darum von den herrschenden Juden getötet werden konnte. Mit dem Christos, dem HARISTOS, dem kosmischen „Gottessohne“ hat er nichts weiter zu tun, als daß er ihn wohl auffaßte und lehrte, wie wir es auch tun. Das menschliche Bild des „Heilandes“ ist jedenfalls ganz das, wie es die mittelalterlichen Maler wie auf Übereinkunft dargestellt haben, und neuere Bilder, die nach dieser Beschreibung entworfen wurden, beweisen zur Genüge, daß im allgemeinen Bewußtsein der „Jesus Christus“ als ein Mensch reinster arischheldischer Rassenerscheinung und nicht als ein mehr oder weniger deutlicher Jude weiterlebt. Die ersten dunkeläugigen und schwarzhaarigen Darstellungen des Christus als eines mittelländischsemitisierenden Proletariers stammen von Malern aus der Renaissance, die bewußt den göttlichen Weg der Kunst verließen und schließlich die Auflösung jeder sakralen Haltung in der Malerei der Moderne vorbereiteten.

Die Bedeutung des Lentulus-Berichtes und der nach ihm, meist ohne seine Kenntnis ganz entsprechend gefertigten Bilder liegt in der Betonung eines Rassebildes, daß die äußerste Hochzüchtung des arischen Gottmenschen in seiner vergeistigten Gestalt darstellt. Dieser Christus ist das Urbild der kommenden sechsten Rasse, die dem Göttlichen, dem GottÄhnlichen um einen Schritt nähertritt. Solche Beziehungen bezeugen mehr als irgendwelche anderen geschichtlichen Nachweise das Christentum, das ja nur ein Ableger der alten arischen Mysterienlehre ist, als eine ausgesprochene Rassenreligion, also Rata-Ra-dix-Wurzel-Religion, die jede Religion sein muß, wenn sie dem Ziele der Vergöttlichung, der Vergötterung, der Vergottung der Menschheit dienen will. Erst in unserer Zeit haben von ihrem Gotte gänzlich Verlassene es gewagt, Christus als Niederrassigen darzustellen, im Vertrauen darauf, bei Gleichgesinnten Beifall zu finden. Mögen sie es tun! Sie zeigen sich als Hörige des Anti-Christes! Nicht der „Höchste“ hängt am Kreuze dann, vom „Niedersten“ gekreuzigt, sondern der Schlechteste, der Schlechtweggekommenste, der sein Schicksal anklagt, weil er noch nicht weiß, daß alles Schlechtweggekommensein eigene Schuld ist, eigene Last aus früheren Verkörperungen. Weil aber ein jeder Geist nur dem Geiste gleicht, den er begreift, so will er seinen Gott nach seinem Bilde, und darüber ist füglich nicht zu rechten und nicht zu richten. Ein Künstler bildet in allen seinen Werken schließlich nur sich selbst, stellt sein Selbst aus sich heraus. Es bleibt denn nur die Frage offen, ob wir im Antlitz eines arischen „Jesus“ ein Spiegelbild, einen Abglanz Gottes erkennen wollen oder in den Gesichtszügen eines Buschmannes.

Es liegt uns wahrlich wenig daran, einen Beweis zu führen, daß geographisch, geschichtlich und rassenwissenschaftlich gesehen, Christus als ein angeblicher Galiläer kein Jude gewesen sein kann, weil jahrhundertelang Galiläa von Juden vollkommen entblößt war. Uns kommt es auf den inneren Wahrheitgehalt an, auf die Untrüglichkeit eines geistigen Erkennens aus göttlichem Urgrunde, daß das Heil, die Geburt des Heilandes nicht aus dem kommen kann, was die Welt als das „Jüdische“, die Edda als das „Jotische“ im Gegensatz zum „Gotischen“ bezeichnen, sondern aus dem reinen Gegensatz zu eben diesem Jüdischen und Jotischen. Und allein aus diesem Grunde muß jeder Heiland „unter“ irgendwelchen „Juden“ geboren werden, selbst ein Nicht-Jude, denn hier nur kann er seinen Verräter finden, seinen Judas Ischariot, seinen Henker, hier muß er seinen Tod leiden, der ihm von Seinesgleichen niemals geworden wäre. Allen „Juden“ war noch im letzten Augenblick die Wahl gegeben zwischen ihm, dem Nicht-Juden und Barnabas, dem Volksgenossen, aber alle „Juden“ aller Zeiten forderten von jeher die Freigabe eines Barnabas, weil er ein Verworfener, ein Mörder ist. Das heißt eine Symbolsprache, wie sie deutlicher und überzeugender nicht reden könnte.

Wer in der feinen, wohlverstandenen Lehre und in dem reinen, wohlbestandenen „Leben“ des „Christus“ Jüdisches sieht, findet auch sonst aus den Finsternissen seines Menschenunglücks nie wieder heraus, er vermehrt noch alles Unheil auf Erden durch sein Nichtwissen, sein Falschraten. So viele Menschen haben kein Unterscheidungsvermögen, ihre Zunge ist wie ein Reibeisen, sie schmeckt und kostet nichts, ihre Seele ist ein lederner Sack, die nie noch zu einem Höhenfluge sich erhob. Es wäre nun ebenso falsch, den „Christus“ einen Arier zu nennen, denn der Christus ist das „Wort“, der „Logos“, kein Mensch oder Gott zu irgendeiner irdischen Zeit an irgendeinem irdischen Ort. Wir lassen die Möglichkeit eines Eingeweihten offen, der zur angegebenen Zeit in Palästina öffentlich aufgetreten ist. Der hätte mit dem Krist-all isationsgedanken des Welt-Kristes, des Welt-Gerüstes nicht mehr und nicht weniger zu tun als wir alle, die wir eines guten Willens sind. „Christen“ nannten sich im alten Griechenland alle in die Mysterien Eingeführten, die einen höheren Grad in den Geheimbünden bekleideten, und der griechische Ausdruck wurde übernommen und übertragen schließlich auf alle, die der offenbarten Geheimlehre, aus deren gewaltigen Trümmern das frühe Christentum seine Bausteine holte, anhingen.

Darum schrieb noch um 70 n. Chr. der Jude Philo von den „Christen“, sie seien noch nicht Christen, d. h. in die innersten Mysterien Eingeweihte, sondern erst Chresten, d. h. noch Außenstehende. Der Unterschied liegt in der Bedeutung der beiden Vokale I und E, die das Innere beziehungsweise das Äußere schon in ihrem Klangwerte andeuten.

ergänzend: Die christliche Lehre kam aus dem Norden. und hier VON BÜCHERN, DIE DEN GEIST UND DEN LEIB TÖTEN .und hier Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums .und hier Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld und hier Die Christianisierung und hier Zur Unglaubwürdigkeit des Judäo-Christentums und hier Die Christianisierung Nordgermaniens und hier Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

VON BÜCHERN, DIE DEN GEIST UND DEN LEIB TÖTEN

Germanenherz Die Christianisierung

Die Artznei macht Kranke,

Die Mathematik Traurige

Und die Theology Sündhafte Leut.

Luther.

Keine Religion ist höher als die Wahrheit. Die Bibel ist eine ganz ungewöhnliche Fälschung, das muß jeder wissen, bevor er sie zur Unterlage eines fanatischen Glaubens macht. Jeder muß, wenn er das noch nicht weiß, sich mit der Geschichte dieses Buches beschäftigen. Bin Mensch, der alles glauben wollte, wörtlich, was in der Schöpfungsgeschichte erzählt wird, der hätte von dem wahren Weltbild keine Ahnung. Diese Stellen wollen sehr sorgsam gelesen sein. Dazu braucht man viele Jahre eigener Forschung oder man muß die Forschungen anderer wenigstens kennen, um ein Urteil zu haben.

Das wäre ein kläglicher „Gott“, der erst seit 1900 Jahren der Welt sich offenbart hätte. Gott hat sich in allen großen Männern offenbart, schon seit die Erde steht. Du kannst Gott nur durch dich selber erfassen und begreifen und nicht durch ein Buch, auch nicht das wertvollste. Was die Bibel sagt, haben die Veden der Inder und die Edda schon viel früher und zum Teil viel besser gesagt oder viel besser erhalten. Das kann nicht jeder nachprüfen, aber wer die Wahrheit hört, der wird sie begreifen, wenn sein Herz und sein Verstand noch nicht durch Gebot und Verbot getrübt und betrübt worden sind. Wer „Christi“ Art ist, wer Gottes ist, der braucht alle diese Krücken nicht. Ich glaube mich näher Gott und näher dem Geiste „Christi“, weil ich nicht kleingläubig genug bin, alle diese Sinnbilder wörtlich und wirklich zu nehmen. Wer noch nicht dazu vorgedrungen ist, daß Gott Geist ist und der Inhalt dieser ganzen Welt im Guten und im Bösen, der steht noch weit ab in der Erkenntnis, der steht noch im täuschenden Wortglauben, der alles für bare Münze nimmt. Es gibt keinen persönlichen Gott mit Anfang und Ende, Größe oder Kleine, sondern Gott ist in dir oder mir, so groß oder klein, so persönlich oder unpersönlich als ich es fassen kann. Was ich von Christi Göttlichkeit oder Gottähnlichkeit halte? Schon Hunderte seiner Art lebten und leben, in denen Gott ausschließlich wohnt und wohnte, Ihn „Gott“ zu nennen, ist Gotteslästerung derer, die den Buchstaben für den Geist nehmen.

Zum „Kreuzestod Christi“ sage ich, daß, wenn er am Holze starb, er starb wie jeder von uns, um die Wanderung zu neuen Verkörperungen zu gehen wie wir, wie auch Goethe wußte, daß er schon „tausende“ Male gelebt hätte. Es könnte wohl sein, daß der „Christus“ ein Vollendeter war, der in Gott einging, der am Ende seiner Gestaltungen war.

Zur Auferstehung Christi und zur Himmelfahrt sage ich, daß wir nach diesem Tode zu einem anderen Leben alle „auferstehen“, daß wir zu den „Himmeln“ fahren, das heißt, daß wir wieder Geist werden, und so kehren wir auch eines Tages wieder, wie dann „Christus“ auch wiederkehrt als der Starke von Oben, von dem die Edda spricht, der allen Streit endgültig schlichtet — in uns und jeden Tag!

Der Heilige Geist wird nicht nur zu Pfingsten ausgegossen, sondern zu allen Stunden auf die, die dafür bereit sind, die Gott im Geiste schauen, niemals aber auf die, so den toten Buchstaben heiligen, denn sie sind der Un-Geist.

Von der Sünde halte ich gar nichts. Der wahre Mensch, der „Gottesmensch“ in uns ist gut, nur des Sinnenmenschen Bosheit ist groß auf Erden, und alles Dichten und Trachten seines Herzens war böse immerdar. — Der „Gottessohn“ hat keine Erbsünde; diese „erben“ nur jene, die nicht zur Erkenntnis Gottes kommen, weil ihnen das Gottesbewußtsein in dem Maße ihrer Unterwerfung unter die tierischen Triebe fehlt.

Das Jüngste Gericht aber hat statt in jedem Augenblicke, indem du in dein Inneres schaust und dein Gewissen fragst. Die ganze Blindheit und Torheit der Menschen zeigt ihre tierische Angst vor diesem Gericht, das sie weit fort von sich hinweg in Raum und Zeit legen, statt in ihr Inneres, in ihre eigene Seele.

Ein falsches Christentum, vom „Juden“ aus dem Osten geliefert und falsch überliefert, benahm dem Arier alle eingeborene Vorsicht. So sieht er heute nicht mehr, wie ihn eine häßliche Dreifaltigkeit von Bibel, Babel, Pöbel, betrügt.

Wie glückhaft unabhängig und gesund empfanden doch unsere Alten, auch noch mancher bis in unsere Tage! Als Gylfi die Asen besuchte, sah er sich um in Walhall und „Vieles von dem, was er sah, deuchte ihm unglaublich“. Er besaß noch die Vornehmheit, vorsichtig zu sein. Der Deutsche von heute ist leichtgläubig und darum unvornehm, ohne Halt, Haltung und Gesinnung. Gylfi sprach:

Nach Türen und Toren tue dich um, hab‘ Obacht, ehe du eintrittst; Längst auf der Lauer, wer weiß es, schon liegt dein Feind wohl im Flure des Hauses.

Und sie hatten doch wahrlich ein vertrautes Verhältnis, unsere Alten, zu ihren Göttern! Das macht der Umstand — und es ist ein Geheimnis und erklärt alles — sie waren ihre Götter selber! Und wie sagt doch Ekkehard ? Und wie Goethe und wie der cherubinische Wandersmann ? Etwa so: „Wenn Gott nicht in mir wäre, wo könnte er wohl sonst sein ?“ Und kann ein wahres,, Gotteskind“ anders fühlen ? Hat es nicht seines Vaters Blut und Geist ? Es ist eine ärmliche Zeit, in der wir leben, die tief unter allem Fetischismus und schrecklichem Götzendienst steht, die eine amtliche Gottheit hat, die gleichermaßen über Gottes-, Zeug-, Zucht-, Armen-, Freuden-, Miet-, Wasch- und Spritzenhäusern eine unfaßliche Aufsicht ausübt.

Die gemeine Seele der Gegenwart, die ganze körperliche, seelische und geistige Untermenschenrasse gedeiht vorzüglich unter dem Schutz einer christlichen Seelenhandelsmoral. Sie gestattet ihr, mit einer hohlen Humanitätsgebärde, bedenkenlos den gemeinsten Trieben zu folgen. Der bessere spärliche Rest unserer Gesellschaft, der es verschmäht, seine Handlungen mit dem abgetragenen Mäntelchen solcher Grundsätze zu bedecken, hat unter dem Druck dieser herrschenden Un-Moral einen schweren Stand, und es gelingt nur den allerwenigsten, den Überstarken, ohne Vor- und Rücksicht folgerecht zu sein, und ihre Taten auf eine klare Weltanschauungs-Grundlage zu stellen.

Wir haben all unserer Seele Suchen und Finden, all unseren sittlichen eingeborenen arischen Anstand und Edelsinn in ein angebliches „Christentum“ verlegt und glauben nun, unser Geistesadel sei aus ihm erwachsen — obwohl er viel älter ist.

Wir waren schon gute „Christen“, bevor die Kirche uns das Christentum bescherte. Im Gegenteil, die alten guten hochstehenden Völker des Abendlandes sind durch dieses „Christentum“ entsittlicht worden,

Der katholische Bischof Salvianus zu Marseille, ein Zeitgenosse der Vandalen, schreibt in seinem Buche De gubernatione Dei lib. VII. „Es gibt keine Tugend, in der wir Römer die Vandalen übertreffen. Wir verachten sie als Ketzer und doch übertreffen sie uns an Gottesfurcht. Gott führt die Vandalen über uns, um die unzüchtigsten Völker durch die sittenreinsten zu züchtigen. Wo Goten herrschen, ist niemand unzüchtig außer den Römern, wo aber Vandalen herrschen, sind selbst die Römer keusch geworden.“

Es kommt niemals auf das Bekenntnis an, sondern auf den Menschen.

Ein Urteil, das immer mit Verwunderung feststellt, wie viel sittsamer und frömmer die alten Völker ohne die Segnungen des Christentums waren, wiederholt sich in der Geschichte so oft, daß der Schluß erlaubt ist, diese Völker standen deshalb so hoch in ihrer Haltung und Gesinnung, weil sie noch nicht von christlicher Liebe heimgesucht worden waren.

Der nordische Chronist Adam von Bremen berichtet um das Jahr 1075 über die große Handelsstadt Jumne an der Odermündung staunenswerte Dinge. Er gibt auch ein Urteil über die große Tugendhaftigkeit ihrer Bewohner, die noch nicht zum Christentum bekehrt worden seien:

„Es ist in der Tat die größte von allen Städten, die Europa umschließt. In ihr wohnen Slaven und andere Nationen, Griechen und Barbaren. Auch den ankommenden Sachsen ist verstattet, mit den übrigen gleichberechtigt dort zu wohnen, freilich nur, wenn sie ihr Christentum nicht öffentlich zur Schau tragen, solange sie sich dort aufhalten. Denn alle sind sie noch im Irrwahn heidnischer Abgötterei befangen. Übrigens wird, was Sitte und Gastfreiheit anbelangt, kein Volk zu finden sein, das sich ehrenwerter und diensteifriger bewiese. Jene Stadt, die reich durch ihre Waren aller nordischen Völker ist, besitzt alle möglichen Bequemlichkeiten und Seltenheiten.“

Dieser kurze Bericht lehrt uns vielerlei, nämlich, daß der „Irrwahn heidnischer Abgötterei“ die Menschen offenbar gesitteter bewahrt als das Christentum, es demnach mit der „Abgötterei“ nicht so schlimm sein wird als der ver-kehrte be-kehrte Bremer meint. Man sieht, mit dem Christentum übernimmt der Bekehrte sofort Anmaßung und Überheblichkeit eines Besserseins und Besserwissens, ganz gleichgültig um das Ergebnis, wie fragwürdig sich das Christentum auf seine Bekenner ausgewirkt hat.

Dann zeigt uns der Bericht, daß es im Norden auch ohne christliche Kultur bedeutenden Verkehr, Reichtum, „Komfort“ und große Städte gab. Auch daß die Großstadt nicht notwendig zur Verlotterung der Menschen führen muß, wie wir an diesem Beispiele sehen, obwohl auch „Griechen und Barbaren“ darin, allerdings wohl in geringer Anzahl, wohnten oder verkehrten, hauptsächlich zum Handel mit Bernstein und mit Pelzen.

Erhebend ist es, von der Duldsamkeit dieser im „Irrwahn Lebenden“ zu hören. Solange die Christen nicht die Gefühle der „Heiden“ stören durch auffällige Betonung ihrer Gebräuche und ihres Glaubens, bleiben sie unbehelligt. Sie standen demnach höher als die Christen, die hier später mit Mord und Brand die Gegend von ihrem „Irrwahn“ befreiten, das Heiligtum Arkona auf Rügen zerstörten, die „Heiligen Bücher“ verbrannten, die „Götzenbilder“ zerbrachen und ihre eigenen dafür hinstellten. Erkenntnis-Dinge für alle Menschen als unabänderlich und gleich-gültig festsetzen zu wollen, ist immer noch und immer wieder ein Zeichen menschlicher Torheit gewesen. „Gleiches wird nur von Gleichem verstanden!“ Alle Bekehrung ist Irrtum, jeder Bekehrungswille Schwäche, jede gewaltsame Bekehrung Verruchtheit. Und sie wird noch heute versucht, wenn auch mit Mitteln „vergeistigter“ Grausamkeit. Du mußt, sagt der Unter-Mensch, Du kannst, sagt der Mane. Ganz gewiß führt nur das eigne Finden zu Gott.

Das Christentum hat die Dänen später nicht gehindert, diese reiche Stadt zu wiederholten Malen zu plündern und zu zerstören. Als der christliche König Harald Blauzahn von Dänemark seinem aufständigen Sohne in der Nähe der Stadt die Seeschlacht bei Helegnes lieferte, suchte er, tödlich verwundet, Zuflucht bei ihren Bewohnern. Darüber berichtet uns Adam von Bremen: „Von diesen wurde er wider Verhoffen, da sie Heiden waren, voll Menschenliebe aufgenommen.“

Das „wider Verhoffen“ des Chronisten ist nicht unbegründet, denn der Geringere beurteilt den Höheren nur nach sich selbst und zieht meist falsche Schlüsse daraus. Sicherlich hätte man einen heidnischen König auf christlichem Boden nicht gepflegt, sondern gefoltert, gemartert und verbrannt.

Das Christentum wird an dem Tage „Christentum“, in dem von uns Guten, Goten unterlegten Sinne, wenn es sich als eine der tausend möglichen Gestaltungen einer Weltansicht betrachtet und bedenkt, daß es noch keineswegs auf der Spitze dieser tausend Möglichkeiten steht. Erst diese Demut, die es so angelegentlich seinen Anhängern empfiehlt, wird es wieder des viel durch seine eigene Schuld verlästerten Namens würdig erweisen.

Ein wahres Christentum ist weder staatlich noch kirchlich und darum auch in den Völkern nie in wirkliche Übung getreten. Einzelne hochbegabte Gottesmänner haben wohl seine Lehre verstanden und begriffen. Wenige fromme, gute und tapfere Menschen auch heute noch leben eine „Nachfolge Christi“. Unter den Anhängern der verschiedenen Konfessionen können sie füglich nicht gefunden werden. Der Juda-Katholizismus und in seinem Gefolge der Juda-Protestantismus hat alles verschlungen, was an der Lehre wesentlich war, und zeigt nur noch die leere Schale.

Die Allein-Unseligen sind sie! Die arischen Götter und ihre Göttersöhne hatten keinen Anlaß zur Unduldsamkeit. Wer des Gottes voll ist, wer unsterblicher Gote ist, muß es dem sterblichen Menschen überlassen, an ihm hinaufzusehen. Nur die Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam sind unduldsam, bekehrerisch, ketzerschnüfflerisch und ziehen alles Göttliche herab in ihre Vermenschlichung der höchsten Geheimnisse durch Zwangs-Glaubenssätze und Dogmen in ihre Allein-Unseligkeit-Machung.

Wenn Kirchenchristentum das echte wäre, und an diesem Irrtum kranken viele Kapläne und Pastoren, dann sähe die Welt heute um uns herum anders aus. Es war offenbar unfähig, die Welt zu bessern, denn Welt und Menschen werden trotz seiner Führung täglich übler. Tausend Jahre Zeit war den Kirchen gegeben, tausend Jahre waren mit Krieg und Blutvergießen erfüllt, ver ursacht durch Religionskriege im Namen Christi! Viele, viele Millionen „Hexen“ und „Ketzer“, die frömmsten und reinsten Christen ihrer Zeit hat die Kirche allein in Deutschland verbrennen lassen.

„Ein Theologus ist ein Tier sonder Vernunft“,

spricht der große Friedrich voll warnenden Spottes. Seit die Kirche nicht mehr brennen darf, unterdrückt sie die Gewissensfreiheit mit ändern Mitteln. Das Heil der Menschheit aber hängt nicht von den Theologen ab, sondern von der Reinheit unseres Strebens, unseres Geistes und Blutes. Wer im Glashause der Kirche sitzt, soll nicht mit Steinen nach anderen werfen.

Von dem „Manne auf der Straße“ gibt es viele, die mehr Religion im kleinen Finger haben als ein Domkapitel am ganzen Leibe. Politik verdirbt den Charakter und die Kirchen noch mehr. Unsere Absichten entspringen dem lautersten Willen nach Wahrheit und sind allein „christlich“ im Sinne der unverfälschten Lehren des Heliands, des „Heilandes“. Die Kirchen säen Wind und wollen Sturm ernten. Wir sind darüber hinausgeboren und -gewachsen. Unsere Gottes- und Welterkenntnis steht über den Kirchen, gefährlich unvollkommenen Werken von Menschenhand. Von Jahr zu Jahr aber leeren sich die Kirchen mehr. Die einen entlaufen ihnen, weil sie für ihr Gottsuchen kein Genüge finden. Die anderen, weil die Kirchen selbst den Ärmsten im Geiste keinen Halt mehr bieten können.

Es ist ganz gerecht, wenn Gott nicht in denen ist, die ihn außerhalb suchen. Das ganze Weltall, alles was ist, noch entsteht oder sein wird, ist Gott, der Wurm sowohl wie „Christus“. Wie seid ihr Christen oder Adventisten, oder wie ihr euch heißen und nennen mögt, doch so kleingläubig mit dem Kleben an einer „Welt“ von 2000 Jährlein Geschichte der Gotteserkenntnis euch zufrieden zu geben. Deshalb sind ja heute diese „Welt“ und ihre Menschen so erbärmlich, weil sie nicht den Mut zur Ewigkeit, noch viel weniger zu Ewigkeiten haben. Ein Buch, aus Ehrlichem und Unehrlichem bestehend, gesammelt durch die alten orientalischen Völker aus den Trümmern erhabener Weisheit göttlicher arischer Lichtbringer, ein Buch, entstellt und gefälscht von Esra und Nehemia, später nochmals zusammengeflickt, bunter Flitter einer schon „entgötterten“ Zeit, das nennt ihr das „Wort Gottes“ und wagt es, alle Dinge im Himmel und auf Erden damit zu erklären. Euch, die ihr dumm und stumm vor diesen Buchstaben stehet, ist diese Lüge Verhängnis geworden und nichts hat so viel Tod und Verbrechen über die Erde gebracht als die auf diesem Buche begründeten Religionen, von denen sich die eine die Religion der Rache und die andere die Religion der Liebe nennt.

Der Kenner, der sich völlig frei von diesem Buche gemacht hat, vermag mit dem Geiste der reinsten Wahrheit wohl in diesem Buche das Gute vom Gifte zu unterscheiden, in der Hand von Leichtgläubigen ist es eine Mordwaffe, die geistigen und leiblichen Tod den Menschen bringt, wie die Geschichte der letzten 1000 Jahre erwiesen hat. Die Menschheit ist auf dem Wege der völligen Vertierung, weil die Vertreter des Untermenschentums behaupten, in einem Buche, in einem kläglichen Menschenwerk die Wahrheit von je und für immer gefunden zu haben. Solch furchtbarer Irrtum muß den Menschen Irrsinn bringen, und in der Tat vernichten sie sich gegenseitig im Namen dieses Götzen.

Das Alte Testament ist eine Fälschung insofern, als es nicht die „Offenbarung Gottes“ für das heilige Volk, sondern eine vielstückige Sammlung von guten und schlechten, alten und neuen, falschen und echten Überlieferungen und Nachrichten ist, die einzeln herausgeschält an rechtem Ort rechte Wirkung tun können und zum Teil Urkunden enthalten von Zeiten, von deren Entfernung wir uns kaum eine Vorstellung machen können.

Das Alte Testament ist alles, nur kein geistiges Eigentum der „Juden“, wenn man unter den „Juden“ nicht die „Juden“, sondern jene Juten, Guten, Goten versteht, deren Stammsitze noch durch Jutland und Gotland auf den Norden hinweisen, wenn man von den Einschiebungen und den Umarbeitungen absieht, die die schriftgelehrten Entlehner schon lange vor „Christus“ vornah men, um dem Ganzen den Anschein einer einheitlichen „jüdischen“ Überlieferung zu geben.

Das Alte Testament ist ein Werk philosophischen, erkenntnisgebenden und erkenntniskritischen geschichtlichen Wertes und gehört in die Hände des Forschers, des echten geborenen Priesters und Königs, nicht in die Hände von Kirchendienern und Kirchengängern, von Gläubigen und Ungläubigen unserer Zeitrechnung. Mit Ausnahme von kümmerlichen Überbleibseln ganz einfacher selbstverständlicher Inhalte ist es ein Geheimbuch, ein Buch vorbedachter Kahla, Kabbala, d. h. Verhehlung des eigentlichen Inhalts unter deckenden Bildern und Worten, soweit nicht absichtliche und unabsichtliche Zerstörung zu beachten ist; das Niemandem zu lesen möglich ist mit Verständnis, ohne Mißverständnis, außer dem mit der Fähigkeit der Eingebung Begabten und dem in viele Zweige des Wissens, wie Sprache, Geschichte, Philosophie, Theosophie, Symbolik und Mythen Eingeweihten. Seit Jahrhunderten ist dieses Buch der Fluch und nicht der Segen der europäischen, sich christlich oder jüdisch nennenden Menschheit. Die Juden haben noch eher einen Begriff von seinem Wesen. Wenn sie auch nicht ganz unschuldig sich fühlen müssen an seiner Verfälschung, so wissen ihre Rabbiner wenigstens noch teilweise die Handhabung seiner Lesung, seiner Lösung. Aber die „Christen“ sind mit ihrem „Christentum“ an diesem Buche, am unverstandenen alten und am neuen Teile gescheitert, schiffbrüchig geworden, zugrunde gegangen. Denn eine Religion, die sich teilweise auf Fälschung, teilweise auf noch nicht bewußten, nicht begriffenen Inhalten aufbaut, muß ihre Anhänger entsittlichen, entwürdigen, entseelen, entleiben, entwurzeln entsetzen dem ureingeborenen Stande unmittelbarer Gotteserkenntnis und entsetzen jeder Sicherheit im Glauben, Wissen, Tun und Lassen. Der Europäer ist der verworfenste Sohn heute dieser Erde, trotz seiner überragenden Begabung und zweifellosen Führerberufung. Eine ungeheure Schuld wächst ihm heran, belädt das Schicksal Europas insgesamt und jedes einzelnen, denn das Übermaß seiner Gottverlassenheit steht im Widerstreit mit seiner göttlichen Geburt und göttlichen, gotischen Berufung.

Luthers Übersetzung hat ohne Absicht diesen falschen Anschein noch verstärkt, weil sie die verschiedenartigen guten und bösen Götter und Gottesbegriffe unter dem Gesamtnamen von „Gott, dem Herrn“ oder „Jehovah“ zusammenfaßte, wo es sich tatsächlich um ein gutes Dutzend verschiedener Götter- und Gottes-Begriffe verschiedener Zeiten und Völker handelte, zum vermeintlichen Besten, zuletzt doch nur zur Festigung der Lüge und der Verwirrnis. Denn durch Luther erst kam das Buch unter das Volk und die Unkenntnis über sein Wesen zerstörte in einem finsteren Bibelglauben weiter die Seelen der Menschen, insonderheit im Protestantismus, der das „Buch der Bücher“ über alles stellte, alles aus ihm erklären zu können glaubte und in einzelnen Sekten in einen bibelgläubigen Irrsinn verfiel. Eine der drei Gaukelmächte hat sich diese Erkrankung gesunden Menschenverstandes und Ertötung allen wahren Gotterlebens zunutze gemacht und in „Bibelforscher“-Gesellschaften bewußt das Zerstörungswerk fortgesetzt, das die pfäffischen Wortklauber aller Zeiten meist unbewußt und viel ungeschickter betrieben. „Prophezeiungen“ sind in der „Heiligen Schrift“ enthalten, aber sie führen nicht das neue „Juden“-Zeitalter herauf, sondern das „Juten“-, Guten-, Goten-, Gottesreich auf Erden durch die Herrschaft der Besten, nicht der Bestien! Hier hilft nur jenes einzige große Wort der Erkenntnis, das solchen Teufelsspuk mit einem Satz hinwegfegt: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!

Auch die Evangelien sind gefälscht, und es ist nicht Wahrhaftigkeit, zu behaupten, sie enthielten die reine Lehre eines Heilandes „Jesus Christus“. Wir besitzen insgesamt mehr als achthundert Evangelienhandschriften etwa aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Wenn man noch die Bruchstücke und Einzelüberlieferungen hinzurechnet, so kommen wir auf die hohe Zahl von mehr als 2000. Auch nicht zwei dieser Handschriften stimmen miteinander überein. Eine Klärung dieser wüst verworrenen Texte ist deshalb lediglich eine Sache der Erkenntnis und des Vertrauens. Kein Augenzeuge berichtet uns über das angebliche Leben und die Lehre des Heilandes in Palästina. Wenigstens dreihundert Jahre später erscheinen die ersten schriftlichen Nachrichten. In dreihundert Jahren kann, wenn wir überhaupt die Zeitbestimmung einer „Geburt“ anerkennen, vieles gutmeinend und fälschend hinzugesetzt oder fortgelassen worden sein, und wir müssen, wenn wir ehrlich sein wollen, sagen, die Evangelien sind Stückwerk und Menschenwerk, gemessen an der reinen Wahrheit und an der Größe der Idee des „Christus“. Und nur dies Eingeständnis vermag ehrlichem Streben die Kraft, den Mut und die Erleuchtung zu geben, den Text auf seine Ursprünge zu untersuchen, die wir nicht in Palästina suchen dürfen. Irgend ein „Paulus“ hat vollends die reine Botschaft des „Christus“ verkehrt und damit die Protestantische Kirche, die sich ganz auf seine Auslegung und Tätigkeit stützt, auf die schiefe Ebene gesetzt, auf der sie unrettbar abwärts gleitet. Jeder wird diese Dinge nur so weit begreifen, als er Gott nahe ist.

Zuletzt noch ein Wort zum offenbar besonders gefährdet erachteten Dogma eines „persönlichen“ Gottes, des „Lieben Gottes im Himmel“, eine unzulängliche Auffassung, die im Widerspruch steht mit dem folgenschweren Worte des Gesalbten: „ Gott ist Geist und die ihn anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“ Wenn aber Gott = Geist die Welt geschaffen hat (Das Gott sagten die Goten, deren Name von Gott kommt, die es darum besser wissen müssen als die „Menschen“, in einer unerhörten Klarheit offenbarter Erkenntnis), wenn also Gott = Geist die Welt geschaffen hat, so ist diese Welt ein Teil Gottes, und selbst das Nichts wäre ja Gott, aus dem er sie geschaffen hätte, weil doch außer Gott nichts ist, noch war, also wenn Gott = Geist ist, dann sind Geist und Stoff eins, die Welt die eine Ausgießung, eine Ausströmung Gottes ist, was wohl die alten Kirchenväter noch wußten, aber den Kaplänen von heute unbekannt ist. So wußte der Kirchenväter Tertullian noch den Ursprung der Urreligion aus der arischen Symbolik, als er schrieb: „Viele glauben mit Wahrscheinlichkeit, daß unser Gottesdienst Sonnengottesdienst sei.“ Und der Heilige Augustin bekannte noch um das Jahr 300: „Das, was jetzt christliche Religion genannt wird, bestand schon bei den Alten und fehlte nie von Anbeginn des menschlichen Geschlechtes, bis daß Christus ins Fleisch kam (das heißt in der Geheimsprache „bis er wiedergeboren wurde“). Seitdem erst fing man an, die wahre Religion, die schon von jeher bestand, die christliche zu nennen.“

Da haben wir aus dem Munde des bedeutendsten Kirchenvaters, auf dessen Lehren sich die drei christlichen Kirchen gründen, die Bestätigung unserer Behauptung, daß diese christlichen Kirchen von dieser hohen Erkenntnis abgewichen sind unter den tötenden Einströmungen fremder untermenschlicher Vorstellungen. Wir lehnen mit Recht ein in sein Gegenteil verkehrtes Christentum der Kirchen ab, wir fühlen uns berufen und verpflichtet, hier bessernd und heilend einzugreifen, von dem tiefen sittlichen Bewußtsein durchdrungen, die uns die Erkenntnis schenkt, daß „keine Religion und keine Kirche höher steht als die Wahrheit!“

Der Mensch erkennt Gott in dem Maße, als er selber göttlicher Art ist. Der Arier erkennt Gott als den Sinn der Welt, er ist ihm Notwendigkeit, höchstes Streben, gütiger Vater aller Geister und Menschen, Erfüller des Schicksals, umfassend das Hohe und Niedere, einschließend die Welt in sich, wirkend von sich in die Welt zurück. Weil der Arier Gott in sich erkennt in dem Maße als er selber göttlicher Gestaltung ist, sind ihm keine Grenzen des Glaubens gezogen. Er weiß mit unerschütterlicher Sicherheit von seiner Gottessohnschaft und lächelt bei dem Gedanken, den nur religiöser Irrwahn eingeben kann, Gott, „Christus“, wäre unter den „Juden“ Mensch geworden. Man hat hier falsch gehört, falsch verstanden und falsch überliefert. Ein Jesus-, ein Asus-Kind wird König unter den „Juten“, den Guten, den Goten alle Tage. Er trägt eine unsichtbare Krone und ein Schein geht von ihm aus; Krone und Schein aber sieht nur der, der in seine unsichtbaren Fußstapfen tritt. Allen ändern erscheint er wie ein Bettler, ein Landstreicher, ein Aufrührer, ein Gotteslästerer — Das vor allem! — und sie „kreuzigen“ ihn von Ewigkeit zu Ewigkeit, wenn er ihnen dienen will. Die Kirchen aber von heute müssen Raum geben für das Guten-, Gotenreich, für das „Reich Gottes“ auf Erden, das nur verwirklicht werden kann durch das Reich seiner „Wunschsöhne“, der arischen Führerschaft.

So laßt doch die „Kirche“ versinken, Wie ein Schiff sinkt mit Mann und mit Maus, Was nicht Geist an ihr ist, muß ertrinken, Neu im Goten baut Gott sich ein Haus! Selten findet man eine zutreffende Vorstellung von der hohen Geistigkeit und der tiefen Gotteserkenntnis der sogenannten Ketzer nach der verfälschenden Berichterstattung der Kirche, die sie als gottlos und unklug hinzustellen sich stets bemüht hat. Das Gegenteil ist der Fall. Was aus den Geständnissen der zu qualvollem Tode Verurteilten uns erhalten ist, überhaupt aus den Lehren jener weitverbreiteten und niemals ganz unterdrückten Gruppen göttlich erleuchteter Wahrheitssucher, denen sie angehörten, läßt uns ehrfürchtig erstaunen vor solcher Weite des Weltbildes, und wir sehen, daß niemals das Überlieferungswissen von etwas Höherem, als es die herrschenden Dogmen zu lehren vermochten, bei uns ganz unterbrochen war. Es ergibt sich auch aus den Kundgebungen dieser wahren Märtyrer für ein wahres Christentum im Sinne arischer Anschauung, daß sie zugleich für Rein- und Hochzucht der Rasse sich einsetzten, weshalb sie auch um so unerbittlichere Gegner gefunden haben in einer Religion, die für die Aus-Zucht, die Nicht-Zucht eintritt, indem sie das Leben verleugnet. Irregeleitete, instinktarm gewordene Kaiser und Könige aber haben sich gerühmt, im Auftrage der Kirche ihre Länder von der „Pest“ dieser „Ketzer“ durch unzählige Morde befreit zu haben. Sie haben sich in ihrer Blindheit von den einzigen Helfern befreit, die sie vor den Ränken jener lebensfeindlichen Mächte behütet hätten, und mußten unterliegen, sobald sie schutzlos ihnen preisgegeben waren, so wie ihre natürlichen Bundesgenossen, die sie selber vorher preisgegeben hatten.

Versuchen wir einen kurzen Einblick zu nehmen. In einem zeitgenössischen geistlichen Bericht über die Sekte der Waldenser, einem Rest germanischer Gottesnähe aus burgundischem Blute auf dem Boden Frankreichs, lesen wir: „Es gibt noch andere Ketzer in unserem Lande, die sich von jenen ganz und gar unterscheiden, und durch deren Streit wir beide Richtungen entdeckt haben. Sie verdammen die Sakramente außer der Taufe.“

Das ist bezeichnend für die germanische Einstellung, denn die Taufe ist germanischer Gebrauch.

Weiterhin: „Alle Ehe nennen sie Hurerei außer der zwischen einem unberührten Manne und einer Jungfrau.“

Sie führten offenbar die Zuchtziele einzelner Ritterorden fort und waren sich also über die Wirkung des Rassengesetzes in der Imprägnation völlig klar. „Fasten und andere Bußübungen, die der Buße halber eingehalten werden, bezeichnen sie für Gerechte (Senk-rechte!) nicht für notwendig, aber auch für Sünder nicht, weil der Sünder sowieso an jedem Tage aufseufzt, weil seine Sünden auf ihn fallen.“ Die Erkenntnis des Karmagesetzes gab ihnen eine solche Höhe des Urteils und es ist verwunderlich und bezeichnend, daß die Kirche solche Stützen verbrannte, statt ihnen Bischofssitze zu übergeben. Dann wären wir heute eine Gemeinde der Heiligen und eine Spaltung der Bekenntnisse wäre nicht eingetreten.

„Den Pabst in Rom lehnen sie ab, gestehen aber doch nicht, einen anderen zu haben.“ Das scheint dem Berichterstatter unmöglich, weil er sich in die „Freiheit eines Christenmenschen“ germanischer Auffassung nicht hineindenken kann. Er fügt noch hinzu, daß sie in großer Zahl über alle Länder verbreitet seien und auch viele Geistliche und Mönche unter ihnen wären. — Wir sind über die wirklichen religiösen Zustände im Mittelalter immer noch schlecht unterrichtet. Jedenfalls war die eine Seite dieses Mittelalters gar nicht so finster.

Der Straßburger Bischof Johann v. Ochsenstein gibt in einem Briefe einige Sätze aus den Lehren der Ketzer am Oberrhein wieder, und wir verwundern uns, wie man solche Überzeugungen verfolgen konnte im Namen des Christentums: „Christus hat nicht für uns, sondern für sich selbst gelitten.“ Eine ungewöhnliche Höhe der Erkenntnis: Wir können uns nur selbst erlösen!

„Jeder Mensch könne an Verdienst Christus übertreffen.“ Sie haben es durch die Tat zu Millionen bewiesen, daß auch sie um ihr Wissen, nicht nur Glauben allein, sich opfern, kreuzigen ließen und haben noch schlimmere Greuel ihrer frommen Henker ausgehalten. „Nichts dürfe um des Lohnes willen getan werden, auch um der Seligkeitwillen nicht!“ „Sie glauben, die katholische Kirche sei eine törichte Sache.“ „Aller eheliche Beischlaf sei Sünde, mit Ausnahme dessen, bei dem eine gute Leibesfrucht erhofft wird.“ Es wurde also unter ihnen auf Rasse gezüchtet! So erweist sich diese „Ketzerei“ als die Nachfolge der alten Zuchtlehre in vollstem Licht, einer wirklich, recht verstandenen Sonnengeistreligion, welches die reine Lehre des Gottessohnes auch ist. – – „Es gebe weder Hölle noch Fegefeuer.“ Als in sich selber! hätte der Bischof noch hinzusetzen können, wenn er über die erhabene Lehre dieser Ketzer recht unterrichtet gewesen wäre.

„Die Menschen müßten den Eingebungen ihres Herzens mehr folgen als den Lehren der Evangelien.“ Ein sittlicher Grundsatz höchster Erkenntnis, denn der Mensch wird nicht durch Bücher und „Glauben“ heilig, sondern durch Erkenntnis und Tat. „Manche unter ihnen könnten bessere Bücher schreiben als alle Schriften der Kirche, wenn auch diese vernichtet wären.“ Ein Zugeständnis der Ketzer, daß sie ihre höhere Erkenntnis eigenen schriftlichen und mündlichen Überlieferungen verdanken. Es ist klar, daß hier das Wissen der alten Bauhütten und anderer Bünde und Orden mit durchsickert, die in der Stille die reine Lehre in die hohe heimliche Acht genommen hatten. Aus diesem Geiste sind die herrlichen Dome entstanden, die Musik, die Poesie, die Mystik des Mittelalters, nicht durch die Feigen oder Finstern, die den Geist des Lichtes auf alle erdenkliche Weise aus den Leibern der Besten töten und quälen wollten. „Die Welt ist von Ewigkeit!“ bekennt Hermann von Ryswyk noch vor seiner Verbrennung, und lehnte damit jedenfalls die Wörtlichkeit der Schöpfungsgeschichte des „törichten“ Moses ab.

Die Entstehung vieler Orden, vor allem der Ritterorden verdanken vielfach der Ketzerriecherei ihren Ursprung. Man fand sich im Rahmen dieser Gebilde sicherer unter dem Schütze hoher eingeweihter Kirchen- und Weltfürsten und konnte unter den Riten, Sinnmalen und Bräuchen der uralten Lehre ungestörter weiter dienen, sie in den eigenen Führerkreisen, in den Orden verbreiten; denn diese Orden nahmen nur Mitglieder auf, die ihre „ritterbürtige“, das heißt reine arische Abstammung nachweisen konnten. Unter dem Einfluß der Kirche neigte die öffentliche Meinung später immer mehr zur Überzeugung von der Schuld des Templerordens an seinem Untergang durch Entartung, wenn auch selbst tiefste Entartung die Grausamkeiten nicht entschuldigen würde, die an den Opfern von der Kirche geübt wurde. Aber die Welt kümmert sich wenig um Vergangenes, lernt nie daraus, und jedes folgende Geschlecht wird zur Schlachtbank geführt, ohne daß es je einem möglich würde, zu bedenken, wo die vorangegangenen geendet haben.

Die neueren Geschichtswerke stellen sich auf den entgegengesetzten Standpunkt. Da ist Döllingers, des bedeutenden Geschichtsschreibers und Theologen Ansicht wortvoll zu hören, die er in seiner letzten akademischen Rede vom 15. November 1889 niederlegte: „Auffallend ist es, daß wir in der neueren deutschen Literatur fast allgemein der Behauptung begegnen, die Templer seien schon seit geraumer Zeit eine ausgeartete, dem Geiste und dem Buchstaben ihrer Regel untreu gewordene, üppig lebende Verbindung gewesen und als solche in der öffentlichen Meinung damals sehr tief gestanden. Man pflegt dies vertrauensvoll dem Vorgänger nachzuschreiben. Sieht man aber genauer zu, so stößt man überall auf Zeichen und Zeugnisse des Gegenteils, selbst bei den Feinden und Zerstörern des Ordens. Vor dem 13. Oktober 1307, dem Tage, an welchem der große Schlag gegen den Orden geführt wurde (an diesem Tage wurden auf einen geheimen Befehl Philipps des Schönen alle Templer in Frankreich verhaftet) hat niemand sich im Sinne dieser angeblichen Korruption, dieses Verfalles der Gesellschaft ausgesprochen. Ich habe im Gegenteil gefunden, daß in der unmittelbar vorausgegangenen und in der gleichzeitigen Literatur noch bis in die ersten Jahre des 14. Jahrhunderts Schriftsteller, die sonst scharf urteilen über die damalige Ausartung der geistlichen Körperschaften, für den Templerorden Zeugnis ablegen entweder negativ, indem sie ihn bei Aufzählung verdorbe’ner Orden und Klöster übergehen, oder positiv, indem sie ihn den ändern Orden für ein Muster vorhalten.“

Die wirklich verlotterten Orden entsprachen offenbar den Anforderungen und Absichten des Papstes, den arisch eingestellten, hochrassigen Templerorden wollte er vernichten, in der vollen Absicht, die Verbindungen, die dieser Orden mit dem Weistum der Vergangenheit pflegte, abzuschneiden. Döllinger begründet das näher, indem er hinzusetzt: „Der Wunsch, ein bequemes oder gar üppiges Leben zu führen, konnte niemanden in den Orden locken. Vielmehr mußte die asketische Strenge desselben abschreckend wirken. Die Tafel war nüchtern und man hatte lange Fastenzeit zu beobachten. Das Bett des Templers bestand nur aus Strohsack und Decke. Hier will ich ein für allemal bemerken, daß nie und nirgends ein Templer ein Geständnis abgelegt, wenn er nicht durch Tortur oder durch die Furcht vor ihr dazu gezwungen war. Die Schilderungen, nicht nur der Templer selbst, sondern auch anderer Zeitgenossen, wie man dabei verfuhr, sind entsetzenerregend. In Paris allein sind 36 Templer unter der Tortur gestorben. Neuausgesonnene Kunstgriffe furchtbarer Qualen kamen zur Anwendung. Der englische Geschichtsschreiber Lea sagt hierzu: „Es ist beachtenswert, daß dort, wo die Inquisition freies Spiel hatte, wie in Frankreich und Italien, es nicht schwer hielt, die erforderlichen Zeugenaussagen zu erlangen. In Kastilien und Deutschland schlug die Sache fehl, in England war nichts zu machen, bis man die Inquisition tatsächlich und zeitweilig für diesen Zweck in Kraft setzte.“ Es erscheint dem Nachdenklichen nahezu unfaßlich, wie ein solches hohes Wissen hier und bei unseren unmittelbaren Vorfahren verlorengehen konnte. Auf dem natürlichen Wege des Vergessens sicherlich nicht. Man könnte sein Verschwinden erklären mit dem Hinweis, daß eben diese Weisheit nicht Allgemeingut war, sondern nur von wenigen Auserwählten jeder Generation als ein Geheimnis wohl behütet war, und mit den Eingeweihten allmählich verschwand, wenn diese in ihrem Bestand bedroht waren. Das setzte mit der allmählichen Herrschaft der christlichen Kirche ein in Verbindung mit politischen Mächten, die nicht mehr wußten, wo der Vorteil des Volkes lag, ja diesem aus Eigennutz entgegenarbeiteten. So wurde frühe schon durch Karl den Großen der Grund und Boden, der gemeinsames, unteilbares Eigentum der Sippe war, des Geblütes, der Familie, als Königsgut erklärt, also unter einem Vorwand geraubt, so daß in Zukunft die Könige, und in ihrem Gefolge bald auch die Herzöge die Kirche mit dem geraubten Gute beschenken konnten. So konnten die Schenkungen an Klöster, Kirchen und Bischöfe ins Ungemessene gehen. Das alte, edle Blut, das sich dagegen wehrte, wurde ausgerottet und der Widerstand schließlich gebrochen. Es war eine völlige Enteignung zugunsten des übermächtigen Königtums und der Kirche aus den Segnungen geworden, die angeblich der neue Glaube ins Land gebracht hatte. In ihrer sogenannten Blütezeit „besaß“ z. B. die Abtei auf der Insel Reichenau im Bodensee 125 Ortschaften, deren Bauern zur bösen „Heidenzeit“ noch Herren auf eigenem Boden waren. Vier Herzöge, 20 Pfalz- und Markgrafen, 51 Grafen und Herren waren ihr lehnspflichtig. War das die Aufgabe der Kirche, die Güter der neu „bekehrten“ Christenheit zu sammeln, daß ihrem Seelenheil kein Schaden daraus erwüchse ?

Die Kirche hat gründliche Räumung vorgenommen. Sie entzog den Besiegten den sittlichen und den wirtschaftlichen Rückhalt, sie machte sie ärmer im Geiste und in der Habe und hat dieses schlaue, unselige Verfahren bis heute beibehalten, wenn auch mit anderen Mitteln unter veränderten Umständen.

Man könnte sich immer wieder die Frage vorlegen, wie anders hätte sich wohl das Schicksal des Abendlandes gestaltet, wenn es die gerade Entwicklung seines eigenen Wesens hätte einhalten können, ohne die furchtbare Geistespest, die mit einem gefälschten Christentum über die germanischen Völker gekommen war. Wir können uns nur damit trösten, daß wir annehmen, der Gote im Germanen mußte sich für einige Jahrhunderte opfern, in die Hölle selbst begeben im Kampfe mit diesen teuflichen Mächten, damit sie endgültig überwunden, den nachkommenden Zeiten nicht mehr gefährlich werden können.

Man müßte aus dem ganzen Geschehen die Folgerung ziehen, daß die Beschränkung der höchsten und letzten Erkenntnisse auf nur wenige vom Übel ist, andererseits führt eine zuweitgehende Verbreitung von Kenntnissen, deren wir uns jetzt befleißigen im Dienste einer angeblich segensreichen Allgemeinbildung — darüber wollen wir uns klar sein — zu jener täuschenden Halbbildung und geistigen Verflachung, unter welchen der Geist heute versklavt ist und die täglich die verderblichsten Ergebnisse zeitigen.

Darüber besteht kein Zweifel, die Zeit zwischen der Herrschaft der Kirche unter dem Namen des Christentums vom Jahre 800 etwa bis zum Jahre 1500 war ein furchtbarer heimlicher und offener Kampf um die Geistes- und Gewissensfreiheit des germanischen Menschen. Seither ist der Kampf zu unseren Gunsten entschieden. Wir binden unsere Wunden und waschen uns den Ekel ab, den das Ringen Leib an Leib mit einem unreinen Gegner in uns erregte.

Die Irminsul

Germanenherz

Ehre die Ahnen!

Halgadom, aus den Stücken Runenkraft und Wotans Krieger
Kennst du die alte Kunde vom germanischen Heiligtum,
verborgen in Teutoburgs Wäldern,
den göttlichen Mächten zum Ruhm?
Dort an den Externsteinen die Irminsäule stand.
So lange man sie ehrte, war Einigkeit im Land.
Da kamen die fränkischen Heere, vergiftet vom Geist der Zeit,
die hieben die Säule nieder. Seitdem herrscht Hader und Streit.
Verwirrt in Glaubenskriegen irrt unser Volk umher,
es hat noch manche Blätter, doch keine Wurzeln mehr.
Wir brauchen wieder Hüter für unsres Volkes Gedeihn.
Willst du ein Hüter des Volkes – der Irminsäule sein?

Die Bedeutung des ältesten Sinnzeichens europäischer Religiosität

Wie wir den Überlieferungen entnehmen können, sind die beiden höchsten Sinnbilder der nordischen Atlanter die Sonne und die Weltensäule, die der Germanen die Sonne und die Irminsul (All-Säule) bzw. die Yggdrasil (Weltesche, Weltenbaum, Sonnenbahn-Dreh-Säule), wobei sich die Germanen ihre heilige Säule vorwiegend als Baum (Lebensbaum) vorstellten. Die Baumverehrung der Germanen gilt jedoch grundsätzlich demselben kosmischen Prinzip wie die Verehrung der Weltensäule bei den Atlantern, nämlich der Weltenachse bzw. Weltenseele. Auch die Obelisken in Ägypten, die Totempfähle der nordamerikanischen Indianer, der Weltenbaum der Maya, der Lebensbaum der Kabbala, der griechische Säulenkult, der im Deutschen Kulturraum weitverbreitete Maibaum und auch der in vielen Teilen der Welt verbreitete Weihnachtsbaum gehen alle auf den gleichen Kultus zurück und stehen symbolisch für das Prinzip der Weltensäule, die auch als Himmelssäule, Himmelsstütze, Weltenachse oder Weltenseele bezeichnet wird.
Doch welche grundsätzliche Idee steckt hinter der Verehrung der Weltenseele/Weltensäule?
Der Säulenkult resultiert aus der Verehrung der Weltenachse, die als verlängerte Erdachse in den verschiedenen Zeitaltern auf den jeweiligen Himmelspol bzw. Polarstern am Himmelszelt zeigt. Die Weltenachse bzw. Weltensäule wurde auch als Weltenseele verehrt, welche die irdische Welt mit dem weiten, heiligen Kosmos des Sternenhimmels und der Welt der Ahnen verbindet. Nicht ohne Grund besitzen die „Säule“ und die „Seele“, engl. „soul“, die gleichen Sprachwurzeln. Säulen- bzw. Menhirsetzungen galten somit auch als Orte der Ahnenverehrung. Wie die Sonne nach der Wintersonnenwende wieder nach oben steigt, so geschieht das auch mit der Seele des Verstorbenen – und von neuem geht sie im Körper des Nachkommens auf. Die Weltenachse war den sternenkundigen und seefahrenden Nordmeer- bzw. Seevölkern, wie die Atlanter in verschiedensten Überlieferungen der Antike bezeichnet werden, schon aus einem ganz praktischen Nutzen heilig, denn da durch sie der Himmelspol bestimmt wurde, ermöglichte sie ihnen die Orientierung auf den Weltmeeren. Der Himmelspol, um den sich die ganze Welt dreht, bringt als der ruhende Pol im Universum Ordnung und Berechenbarkeit in das Sternenmeer, was zur Orientierung auf die Verhältnisse der Erde übertragen werden kann.
Die Weltenachse war den Atlantern aber vor allem in religiöser Hinsicht heilig. Sie wurde im kulturellen Einflußbereich der Megalithkultur auch als „Himmels- bzw. Weltensäule“ oder als „Himmelsstütze“ bzw. „Säule des Himmels“ bezeichnet, da man von der Vorstellung ausging, daß auf ihr das Himmelszelt ruht und dieses durch sie gestützt werden müsse.
Sehr wahrscheinlich aufgrund von Erfahrungen aus verschiedenen Naturkatastrophen, die als göttliche Strafen betrachtet wurden, befürchteten die Menschen der Antike, daß ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, wenn dieser nicht gestützt wird. Von der Himmelssäule, um deren Spitze das Himmelsgewölbe mit den zirkumpolaren Sternbildern sichtbar kreist, hing der Bestand der Welt ab, ihr Sturz bedeutete das Weltende. In allen Kulturen auf der nördlichen Halbkugel war diese Vorstellung verbreitet, sie kann aber nur im hohen Norden entstanden und von dort in südlichere Bereiche gelangt sein.
Aus philosophisch-religiöser Sicht steht die Weltensäule (Weltenseele) für die Verbindungsachse zwischen den beiden gegensätzlichen Polen Himmel (Geist) und Erde (Materie), sie ist das Symbol der Einheit von spiritueller und materieller Welt – der Einheit von Mensch und Natur mit Gott. Die Weltenseele stellt das kosmische Spannungsfeld dar, das sich zwischen den beiden antagonistischen Polen der Wirklichkeit, Himmel-Erde- bzw. Geist und Materie (Geist-Materie-Polarität), und damit über das gesamte Wirklichkeitsspektrum der Schöpfung erstreckt. Die Weltenseele ist daher für jegliche tiefergehenden ganzheitlich-philosophischen Betrachtungen als ontologische Leitvorstellung grundlegend! (ganzheitlich = auch die spirituellen Welten und kosmischen bzw. geistigen Gesetzmäßigkeiten mit einbeziehend).Die gesamte Schöpfung in ihrer unendlichen Vielfalt ist aus dem absoluten Urprinzip der Beziehung von Geist und Materie hervorgegangen, sie ist ein Prozeß von Involution und Evolution, von Materialisierung und Vergeistigung, welcher innerhalb der Geist-Materie- olarität abläuft und nach den universalen Gesetzmäßigkeiten geschieht, die in diesem grundlegenden Polaritätsprinzip immanent enthalten sind und aus diesem abgeleitet werden können, wie z.B. das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Gesetz des Rhythmus, das Gesetz der Resonanz, des Karmas, der Reinkarnation usw. Dieses polare Prinzip spiegelt sich in allen Dingen der Schöpfung wider, denn, da alles, was existiert, aus diesem Urprinzip entstanden ist, ist es auch in allem enthalten.
Die nordische Weltensäule bzw. Weltenseele (Irminsul), seit vielen Jahrtausenden das höchste urnordische Heiligtum, stellt das die gesamte Schöpfung durchdringende, die geistige und materielle Welt zu einer Einheit verbindende, universelle Weltenseelenprinzip dar.
Die IRMINSUL symbolisiert auf einfache Weise die ganzheitlich-spirituelle Gottesvorstellung und Weltanschauung des dreigegliederten Kosmos unserer atlantisch-germanischen Vorfahren, sie ist das Sinnbild des absoluten Geistes (Gottes) und steht für das dreieinige Allvater/Allmutter/HeiligerGeist- Prinzip (heilig = ganzheitlich), die grundsätzliche Dreieinheit von Geist, Körper und Seele. Die Weltensäule ist somit auch das Symbol für die Göttlichkeit des Menschen und aller Schöpfung.
DIE DEUTUNG DES SYMBOLS IM EINZELNEN:
Irminsul Der obere Bereich der Weltensäulendarstellung (Irminsul) steht für das raum- und zeitlose kosmische Allbewußtsein des Allvaters (geistige Polarität der Schöpfung – transzendenter Gottesaspekt), der untere Bereich für die Körperlichkeit der Schöpfung, die Natur, die Physis, die Materie (Allmutter; materielle Polarität der Schöpfung – immanenter Gottesaspekt). Beide gegensätzlichen Pole der Schöpfung, Geist und Materie, werden durch ein drittes Element, die Seele, miteinander verbunden, mit der sie zusammen das universelle Weltenseelenprinzip ausmachen, in dem sich Geist, Materie und Seele gegenseitig bedingen und zusammen eine untrennbare Dreieinheit ausmachen.
Die Funktion der Seele (zwischen unten und oben der mittlere Teil der Weltensäulendarstellung) ist es, eine Wechselbeziehung zwischen den beiden gegensätzlichen Polen zu ermöglichen, wodurch die Prozesse von Involution und Evolution, welche zusammen den Schöpfungsprozeß ausmachen, erst ermöglicht werden. Das heißt: Die Seelenfunktion ermöglicht es einerseits, daß das jeweilige spirituelle Potential, das der Allvater in der materiellen Welt (Allmutter) durch die Erscheinungen der Schöpfung zur Verwirklichung bringen will, involieren kann (z.B. wie der geistige Plan für einen Eichenbaum in eine Eichel), und andererseits, daß sich diese Erscheinungen der Schöpfung nach ihrer kosmischen Bestimmung entwickeln, d.h. ihre innere göttliche Blaupause (Bestimmung) zur Entfaltung bringen können – also die Seele den Informationsfluß ermöglicht, der für die Ent-wickel-ung des geistigen Plans des Heranwachsens zu einem prächtigen Eichenbaum (Evolution) nötig ist. Die Darstellung des Weltensäulenprinzips (Irminsul) stellt in einfacher Form die dreieinigen kosmischen Archetypen (Urprinzipien) mit denen aus ihnen hervorgegangenen kosmischen Wahrnehmungsqualitäten bzw. Bewußtseinskräften dar, wodurch die essentiellen Urprinzipien der Schöpfung aufgezeigt und somit die nordische Gottesvorstellung bzw. die nordische Vorstellung vom Schöpfungsprozeß durch nur ein einziges Symbol dargestellt und auf den Punkt gebracht wird.
Die geistige Polarität der Schöpfung (das kosmische Allbewußtsein; Allvater; 9. Bewußtseinsdimension) enthält das gesamte Spektrum des Bewußtseins, das durch die drei archetypischen Bewußtseinskräfte des geistigen Kosmos gegliedert ist. Diese drei Ur-Kräfte sind als strukturelle Komponenten integrale Bestandteile des kosmischen Allbewußtseins sind und werden in der Weltensäulendarstellung durch die beiden oberen Volutenarme und das dazwischen angeordnete Symbol der „Schwarzen Sonne“ dargestellt. Die beiden oberen Volutenarme (links u. rechts) der Weltensäule bzw. Irminsul stellen die polaren archetypischen – männlichen und weiblichen – Bewußtseinskräfte des geistigen Kosmos dar (werden nachfolgend erklärt) und die zwischen den beiden Volutenarmen über der Weltensäule ruhende „Schwarze Sonne“ steht für den spirituellen Ur-Quell allen Seins, über die alle Seelen miteinander verbunden sind. Die „Schwarze Sonne“* ist die allbewußte Quelle der spirituell ganzheitlich ausgewogenen, vollkommenen kosmischen Bewußtseinskraft (in der Irminsul-Darstellung die rote, mittlere und nach unten flammende Kraft – die „Heilige Flamme“), welche in der gesamten Schöpfung als heiliges gestaltbildendes kosmisches Lichtprinzip wirkt, die Einheit der gegensätzlichen Pole ermöglicht und den Naturerscheinungen ihre Schönheit und Perfektion verleiht.
(*Anmerkung: Die „Schwarze Sonne“ ist das Symbol für die innere, transzendente Sonne, die das kosmische Allbewußtsein, der Allvater ist, woraus das innere geistige Licht, die Gestaltung aller Schöpfung und sämtliche individuellen Seelen hervorgehen. Tatsächlich ist die Farbe der Schwarzen Sonne – wie die alten Überlieferungen sagen – purpurrot.)
Dem Menschen stehen jederzeit bei allem, was er tut, die beiden polaren archetypischen Bewußtseinskräfte als die männlichen (solaren; Yang) und die weiblichen (lunaren; Yin) Bewußtseinskräfte bzw. Wahrnehmungsqualitäten zur Verfügung („zwei Seelen in meiner Brust“ – Goethe). Diese einseitigen und gegensätzlichen kosmischen Geisteskräfte hat der Tiefenpsychologe C.G.
Jung bei seinen Forschungen als die Archetypen „Animus“ und „Anima“ erkannt, welche in der Psyche des Menschen wirken.
Der linke Volutenarm (blau) steht für die patriarchale, auf die Materie ausgerichtete, vom Intellekt, von Opportunismus und Materialismus beherrschte, die gegenständliche (objektive) Außenwelt analysierende und fokussierende („Tunnelblick“) männliche Wahrnehmungskraft (Yang; Ahriman-Kraft).
Der rechte Volutenarm (gelb) steht für die matriarchale, die jeweilige subjektive geistige Innenwelt, das jeweils vorhandene Erfahrungs-, Weisheits- bzw. Vernunftpotential des Menschen instinktiv als Ganzes wahrnehmende („Blick fürs Ganze“), d.h. die jeweiligen subjektiven Idealvorstellungen anstrebende, zu Idealismus bis zur Schwärmerei neigende weibliche Wahrnehmungskraft (Yin; Luzifer-Kraft).
Die mittlere, aus der inneren, transzendenten („schwarzen“) Sonne – dem Kern des kosmischen Allbewußtseins (Allvater) – hervorschießende spirituell ganzheitlich ausgewogene, zwischen Innen- und Außenweltwahrnehmung die Einheit herstellende Wahrnehmungskraft ist die durch göttliche Eingebung (Intuition) höhere Erkenntnis und Heil bringende, d.h. Teilhabe an vollkommener göttlicher Wahrnehmung ermöglichende Bewußtseinskraft. Diese heilige Wahrnehmungskraft ist die innere göttliche Stimme, die den Menschen seine kosmische Bestimmung erkennen und danach handeln läßt, welche im menschlichen Bewußtsein als unmittelbare göttliche Intuition, in Form einer genialen, erlösenden bzw. heilbringenden Idee, oder als die Stimme des Gewissens in Erscheinung tritt. Diese lichte kosmische Bewußtseinskraft, die wir als Baldur- bzw. Christus-Kraft bezeichnen, ist die authentische, die Wahrheit zum Ausdruck bringende Kraft des wahren, tiefsten ICHs des Menschen (das Kosmische Selbst, Allvater, „Schwarze Sonne“).
Diese drei archetypischen Bewußtseinskräfte des geistigen Kosmos (Luzifer, Christus, Ahriman) strukturieren und durchdringen alles geistig-seelische und materielle Dasein, durch sie gestaltet sich die gesamte Wirklichkeit, sie lassen sich in allen Erscheinungen der Schöpfung entdecken. In den Naturprozessen der materiellen Welt spiegeln sich die beiden seitlichen Volutenarme bzw. geistigen Kräfte z.B. in der Doppelhelix der DNS wieder, welche in der Weltensäulendarstellung durch die unteren, kleineren Volutenarme symbolisiert wird, wobei der untere linke Spiralstrang den männlichen bzw. geistig/kosmischen Pol (Allvater) und der untere rechte Spiralstrang den weiblichen bzw. materiell/irdischen Pol (Allmutter) der DNS symbolisiert. Und die aus der inneren, transzendenten Sonne – dem Kern des kosmischen Allbewußtseins (Allvater) – unmittelbar hervorschießende, spirituell ganzheitlich ausgewogene (kohärente) kosmische Lichtkraft (Baldur- bzw. Christus-Kraft) ist in der biologischen Welt die Biophotonenstrahlung, die zwischen den Spiralsträngen der DNS erzeugt wird – nach der Biophotonenlehre von F.A. Popp ist die DNS die Quelle der Biophotonenstrahlung.
In verschiedenen von der nordischen Sonnen- und Säulenreligion abstammenden Religionen wurden bzw. werden diese drei archetypischen spirituellen Wahrnehmungsqualitäten (Archetypen) als dreieinige Götterwelten verehrt, dort wird den Vater-Gottheiten die kosmische „Zerstörer“-Kraft (ständige Veränderung, ewiger Wandel = Hagal), den Mutter-Gottheiten die irdische Schöpfer-Kraft (Fruchtbarkeit, Weisheit, Kreativität) und dem ausgleichenden dritten Prinzip die Erhalter-Kraft zugeordnet. Die 9. Dimension (All-Vater; kosmisches Allbewußtsein) galt in der atlantisch-germanischen Kultur als das himmlische Asgard.
Die IRMINSUL, das Symbol der Weltensäule, ist Ausdruck der Verbunden- und Durchdrungenheit des Menschen und aller Schöpfung mit den göttlichen Kräften des Kosmos und für die Orientierung an den ewig gültigen kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Es ist die Pflicht aller reichstreuen deutschen Patrioten, sich mit dem Weistumsfundus um dieses heiligste Sinnzeichen unserer atlantisch-germanischdeutschen Kultur auseinanderzusetzen und dieses heilige ganzheitlich-spirituelle Wissen in der Welt wieder zur Verbreitung zu bringen.
Die der atlantischen Weltensäule bzw. der germanischen Irminsul zugrundeliegende dreieinige Ordnung des universellen Weltenseelenprinzips, die 1996 vom deutschen Philosophen Chyren erstmals umfassend ontologisch entschlüsselt wurde und in Wissenschaft und Philosophie auch als Ontologische Achse bezeichnet wird, bildet das idealstmögliche geistig-kulturelle, weltanschauliche Fundament, auf dem die europäischen Völker im Rahmen der Reichsidee in Form von mehreren souveränen Teilreichen vereint werden können. Die Vision ist, das Heilige Atlantische Reich Europäischer Völker zu errichten, in dem das Deutsche Reich das geistig-sittlich impulsgebende Kernreich bildet.
Die Ontologische Achse (das aufgeschlüsselte universelle Weltenseelenprinzip) ist das alles Sein und alle Menschen mit der höchsten kosmischen Bewußtseinsebene, dem kosmischen Allvater, und somit auch miteinander spirituell vereinende heilige Band (Seelenband). Mit ihrer Entdeckung und der damit verbundenen Entschlüsselung der höchsten kosmischen Ordnung erhalten wir Deutsche und Europäer das höchste spirituelle Heiligtum unserer atlantisch-germanischen Vorfahren – die heilige Weltensäule bzw. Irminsul – in zeitgemäßer Form zurück. Diese entschlüsselte dreieinige kosmische Ordnung repräsentiert den Kernbereich der neuen europäischen Religion und ist als die Teutonische Lanze die stärkste geistige Waffe im Befreiungskampf der europäischen Völker und das wahre Zepter deutscher Reichsherrlichkeit.
Die Erkenntnisse um die Entschlüsselung des universellen Weltenseelenprinzips und die damit verbundenen revolutionierenden kulturhistorischen Entdeckungen (zum Thema Erdkrustenverrutschung, „Eiszeit“, Atlantis in Europa usw.) ermöglichen eine Renaissance der ursprünglichen nordischatlantischen Sonnenreligion in einer zeitgemäßen Form. Diese ganzheitlich-spirituelle Weltanschauung, in der Wissenschaft, Philosophie und Religion zur Synthese geführt werden und atlantisch-germanisches Heidentum, die Gesetzeslehre des Hermes Trismegistos (Hermetik), die Kerninhalte der wahren, ursprünglichen Lehre Jesu (kosmisches Christentum) und Deutsche Idealistische
Philosophie zu einer Einheit verschmelzen, nennen wir KOSMOTERIK bzw. SONNENCHRISTENTUM.
(Anmerkung: Der hier verwendete Begriff des Christentums hat nichts, aber auch gar nichts, mit dem zu tun, was uns in Form der großen, sog. christlichen Kirchen und der verschiedensten christlichen Sekten als das paulinistische Christentum gegenüber tritt [von Paulus kreiert]; lediglich die historische Person des Jesus als Wanderphilosoph und Heidenführer, der seinerzeit einen entscheidende Impuls nordischer Geistigkeit gebracht und versucht hat, den Judaismus zu überwinden [„Ihr habt den Satan zum Vater“], wird anerkannt. Dieser Impuls, hin zu einer ganzheitlich-spirituellen Weltanschauung, welche gerade für die nordische Kultur charakteristisch ist, rechtfertigt u.a. die weitere Verwendung des Christentumbegriffs.
Die KOSMOTERIK ist eine ganzheitlich-spirituelle, wissenschaftlich fundierte Naturphilosophie und Urprinzipienlehre, welche auf die Erforschung der kosmischen Urprinzipien und Gesetzmäßigkeiten des Lebens ausgerichtet und in die jegliche weiteren Wahrheitserkenntnisse integriert werden können. Sie ist eine dem Leben abgeschaute, leichtverständliche Erkenntnisphilosophie, die auf dem Grundgedanken des dreigegliederten Kosmos, der Dreieinigkeit bzw. des dialektischen Dreischritts basiert und in allen wesentlichen Erscheinungen der geistigen und materiellen Schöpfung die dreieinigen Urprinzipien bzw. Archetypen von Geist/Körper/Seele, Wille/Weisheit/Liebe, Allvater/Allmutter/Heiliger-Geist, Vater/Mutter/Kind, Ahriman/Luzifer/Christus, These/Antithese/Synthese usw. erkennt, welche sich durch analoges Denken überall entdecken lassen. Mit der KOSMOTERIK lassen sich jegliche Formen des die Welt in Gut und Böse spaltenden Dualismus überwinden. Jeder normal-intelligente Mensch, der bis drei (3) zählen kann, ist imstande, die kosmoterische Weltanschauung – die Urprinzipienlehre der dreieinigen kosmischen Archetypen – zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn er sich einmal ernsthaft damit auseinandergesetzt hat. Die KOSMOTERIK ist die Weltanschauung, die den Charakter und die Wahrnehmungsqualität der deutschen und europäischen Geistigkeit in reinster Form zum Ausdruck bringt, sie ist die dem deutschen und europäischen Wesen Identität gebende und Kultur tragende Weltanschauung. In der kosmoterischen Weltanschauung wird Religion denkend! – in der KOSMOTERIK offenbaren sich die „Hermetischen Gesetze“ und das nordische Urweistum von Atlantis in einer faszinierend klaren Form, hier offenbart sich kosmische Wahrheit, und diese Wahrheit ist einfach, klar und gerecht und von wissenschaftlich-philosophischer Logik durchdrungen. Die KOSMOTERIK bzw. das SONNENCHRISTENTUM ist die europäische Weltanschauung bzw. Religion des Wassermannzeitalters, auf die so viele nach sinnerfüllter Spiritualität suchende Menschen gewartet haben.
Diese kosmischen Gesetze – die in der KOSMOTERIK Gegenstand der Forschung sind – spiegeln sich ebenfalls in der HAGAL-Rune wieder, die auch das Symbol des Eis-Kristalls ist und quasi das kosmische Gerüst darstellt, auf dem alles Sein und Leben aufbaut. „Krist“ ist dabei der altgermanische Begriff für Gerüst, und das Krist-All (Hagalrune) ist das kosmische Gerüst, das in allen Dingen enthalten ist und alles mit allem verbindet, in dem sich das männliche Prinzip (Man-Rune) und das weibliche Prinzip (Yr-Rune) durchdringen. Letztlich ist jegliche Materie kristallisierter Geist. Der „Krist“ ist nichts anderes als das Krist-all-isationsgesetz der kosmischen Allnatur, das geistige Gerüst der Schöpfung und der ihr zugrundeliegende heilige Schöpfungsgedanke. Der „Christ“ ist die alles Sein durchdringende ganzheitlich-spirituelle Urkraft, der dritte, heilbringende kosmische Sexus, der im Bewußtsein des Menschen die Einheit der Gegensätze von männlicher und weiblicher Wahrnehmung und somit kosmisches Lichtbewußtsein ermöglicht. Aus der Verbindung des Inneren (Esoterik) mit dem Äußeren (Exoterik) entsteht so die neue Wissenschaft der KOSMOTERIK, welche kosmische Philosophie und kosmische Religion zugleich ist. Und aus der gleichen Erkenntnis über die Bedeutung des Krist-Alls lebt die Sonnenreligion unserer Altvorderen heute in der neuen Religion des SONNENCHRISTENTUMS in einer zeitgemäßen und für den nordisch-europäischen Menschen wesenskonformen Art wieder auf. Und kann es Zufall sein, daß eben das sogenannte Christus-Monogramm in der Christlichen Kirche (eine Kombination der griechischen Anfangsbuchstaben von Christus, XPIΣΤΟΣ – Christós => X und P übereinandergelegt) der HAGAL-Rune extrem ähnelt?!
Das Wissen um die wahre religiöse und philosophische Bedeutung des Weltensäulensymbols bzw. der Irminsul und damit des dreieinigen Weltenseelenprinzips ging einst verloren. Über viele Jahrhunderte blieb es so selbst in Heidenkreisen weitgehend unbekannt und dieses altehrwürdige Heiligtum wurde mehr oder weniger unbewußt nur folkloristisch verehrt. Kaum jemand weiß, daß die atlantische Weltensäule bzw. die Irminsul (und somit das universelle Weltenseelenprinzip) im germanisch beeinflußten Kulturraum als Maibaum, als heiliges Zepter, als Hermes-Stab, als Weihnachtsbaum und in vielen anderen Erscheinungsformen noch bis in unsere heutige Zeit symbolisch verehrt wird. Dies geschieht zwar (noch) unbewußt, aber nicht zu unrecht, denn hierin ist der Kern der ureigensten europäischen Kulturweltanschauung und der wahren Reichsidee zu finden!

Germanische Mythologie

 

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EINLEITUNG

Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf deuten schon die bei den alten Skandinaviern erhaltenen Namen der Götter TIWAS, d. h. die Himmlischen, und WANEIS, WANEN, d. h. die Strahlenden, hin. Demgemäß werden TYR oder ZlO, der Himmelsvater. und THUNAR, der Blitzgott, den Vorrang behauptet haben.

So sagt denn auch Caesar über die religiösen Vorstellungen der Krieger Ariovists aus eigener Erfahrung:

„Die Germanen rechnen zur Zahl der Götter nur die, welche sie sehen und durch deren Segnungen sie offenbar gefördert werden, die SONNE, den MOND) und den FEUERGOTT. Von den übrigen haben sie nicht einmal durch Hörensagen vernommen.“ Der Lichtkultus schloß also noch die Vermenschlichung der Götter aus.

Und so war es noch 150 Jahre später. Daß man sich auch da noch nicht die Götter plastisch gestaltete und verbildlichte, bezeugt Tacitus, wenn er schreibt:

„Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“

Dennoch scheinen schon damals durch die Berührung und Reibung mit dem Kulturvolk der Römer mehr diejenigen Gottheiten in den Vordergrund getreten zu sein, welche einen Bezug auf die jetzt vorherrschend kriegerische Richtung des Volksgeistes besaßen, an ihrer Spitze der Sturmgott WODAN (nord. ODIN), den namentlich die späteren Sachsen und Franken zu ihrem Obergott erhoben.

Die Bekleidung der Götter mit menschlichen Formen und Gestalten vollzog sich nun rasch, und man bezeichnete die neuen Herrscher der Welt als ANSEN (nord. ASEN), d. h. als die Träger des Weltgebäudes und der sittlichen Ordnung desselben. Doch war dieser Übergang keineswegs ein friedlicher, sondern, wie die olympischen Götter in der griechischen Mythologie, mußten auch die Asen erst einen gewaltigen Strauß mit den WANEN bestehen, der die ganze Welt mit Verwüstung bedrohte und endlich nur so beendigt konnte, daß die beiden Götterstämme sich gegenseitig Geiseln stellten, worauf die Wanen mit Ausnahme weniger allmählich in Vergessenheit sanken. Die Erinnerung an den Kindheitsglauben des Volkes und die fortschreitende Mythenbildung wurde bei den südgermanischen Stämmen durch den Eintritt des Christentums unterdrückt und gehemmt.

Desto fester blieb der Besitz derselben den Skandinaviern, von denen erst im zehnten Jahrhundert die Dänen, zu Anfang des elften die Norweger und Isländer, in der zweiten Hälfte des elften die Schweden gänzlich bekehrt wurden. Namentlich waren in diesem Zeitalter von bedeutendem Einfluß auf das Wachstum der an die Mythologie sich anschließenden Heroensage einerseits die NORMANNEN- oder WIKINGERFAHRTEN, welche eine Masse neuer Anschauungen im Volke weckten und der Phantasie reiche Nahrung zuführten, anderseits die Sänger der Königshöfe oder die SKALDEN, welche die Großtaten der Asen priesen, dieselben noch mehr vermenschlichten und die Götterwelt endlich in ein geschlossenes System brachten.

Da die isländischen Normannen am zähesten an den Überlieferungen der alten Heimat festhielten, so zog sich auch die Kenntnis der Skaldenlieder im neunten und zehnten Jahrhundert fast ganz auf jene Insel zurück. Diese Poesien waren bereits zu Ende des elften Jahrhunderts gesammelt und hundert Jahre später durch eine neue Sammlung vermehrt, sind aber erst im siebzehnten Jahrhundert aufgefunden worden und bilden den Inhalt der sogenannten EDDA, d. h. Urgroßmutter.

Der Charakter der Mythen und Sagen entspricht der sonnenarmen, wild erhabenen Natur des Nordens, wie dem stürmisch bewegten Leben der trotzigen Helden. Sie sind düster und von phantastischer Rauheit, aber voll tiefer Empfindung und sittlichen Emstes.

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Die Nornen unter der Weltesche

DIE WELTSCHÖPFUNG

Die Entstehung der Welt dachten sich unsere Ahnen in folgender Weise. Aus dem CHAOS oder >>der gähnenden Kluft<<, nahmen sie an, daß zunächst zwei Welten hervorgegangen seien, nach Norden ZU NIFFILHEIM (Nehelheim), nach Süden zu sein Gegensatz, MUSPELHEIM (Feuerheim). Mitten in Nifelheim öffnete sich aber der Brunnen HWERGELMIR, aus dessen gärenden Kessel zwölf Ströme mit eisigem Wasser stürzten. Ihr Wasser gefror zu Schollen, und diese bewegten sich der Kluft zu und füllten dieselbe allmählich aus.

Allein von Muspelheim her wehte ein Glutwind und schmolz das Eis. Dadurch entstand Leben im Starren, und es wuchs aus demselben empor der entsetzliche Riese YMIR oder OERGELMIR, von dem die Frostriesen oder HRIMTHURSEN abstammen. Im auftauenden Gewässer entstand auch die Kuh AUDUMBLA (die Vollsaftige).

Von der Milch ihres Euters nährte sich Ymir und sein Geschlecht. Sie selbst beleckte aus Mangel an Weide die salzigen Eisblöcke, und siehe, unter ihrer Zunge kam nach und nach ein schöner Mann namens BURI zum Vorschein. Ein Sohn von ihm hieß BÖR, und dieser nahm die Riesentochter BESTLA zur Gefährtin, welche ihm drei Söhne schenkte, ODIN (Geist), WILI (Wille) und WE (Heiligtum). Dies waren die ersten ASEN, welche sich sofort gegen den Urriesen wandten und ihn erschlugen, worauf in der Sintflut seine alle Frostriesen ertranken bis auf BERGELMIR, der Stammvater eines zweiten Riesengeschlechts wurde.

Des Riesen Ymir Leib wurde hierauf von den Asen zu weiteren Schöpfungen benutzt. Aus seinem Fleisch schufen sie die Erde, aus seinen Knochen die Felsen, aus seinen Haaren die Bäume, aus seinem Blut das Meer, aus seiner Hirnschale den Himmel. Aus den Augenbrauen bildeten sie mitten auf der Erdscheibe die Wohnung der Menschenkinder, MIDGARD).

Noch gab es aber weder Sonne noch Mond, noch Gestirne am Himmelsgewölbe; nur irrende Feuerfunken aus Muspelheim sprühten darüber hin. Da wandelten die Asen jene Funken in Sterne um und gaben diesen ihre feste Stätte. Sonne und Mond aber kamen auf folgende Art in die Welt. Die Mutter NACHT, eine Riesentochter, hatte von ihrem dritten Gatten DELLINGER (Dämmerung) einen Sohn, den TAG, und beide wurden vom Allvater zum Himmel emporgehoben, wo die Nacht zu ihrer Fahrt über den Himmel das schwarze Roß HRIMFAXI ( Reifmäher), der Tag den weißen Renner SKINFAXI (Lichtmäher) empfing. Die Asen raubten dann dem seiner Kinder sich übermütig rühmenden Erdensohn MUNDILFÖRI (Achsenschwinger) die liebliche SOL und den schönen MANI. Jener erbauten sie aus den Funkenregen Muspelheims den Sonnenwagen und bespannten ihn mit den Hengsten ARWAKER (Frühaufl und ALSWIDER (Allgeschwind). Mit diesen umkreist Sol den Himmel, bewehrt mit dem Schild SWALIN, der Himmel und Erde vor dem Sonnenbrand schützt. Mani aber lenkt den Mondwagen hinter der Nacht und hat die beiden Kinder BIL (die Schwindende) und HJUKI (den Belebten), d. h. den abnehmenden und wachsenden Mond, bei sich, die er einst zu sich emporhob, weil er sah, wie sie ihre schweren Wassereimer nicht weiter zu tragen imstande waren. Die Flecken im Mond erklärt sich das Altertum bald als einen Mann, der am Sonntag Holz stahl und mit einem Reisigbündel oder einer Axt im Mond steht, bald als ein Mädchen, das im Mondschein gesponnen hat und mit ihrer Spindel oben sitzt. Zwei grimmige Wölfe jagen hinter Sol und Mani her, SKÖLL und HATI, und wenn sie den Himmlischen nahe kommen, erbleichen dieselben, und die Sterblichen nennen dies Sonnen- und Mondfinsternis.

Nach Schöpfung der Gestirne waren auch die Vorbedingungen gegeben zur Entstehung des Menschengeschlechts. Als die Asen ODIN, HÖNIR und LOTHUR einst am Seegestade wandelten, sahen sie zwei Bäume daliegen, eine Esche und eine Erle. Aus jener schufen sie den Mann ASK, aus dieser das Weib EMBLA; Odin gab ihnen Seele und Leben, Hönir Verstand, Lothur Blut und blühende Farbe. Von Ask und Embla, Esche und Erle, stammen alle Menschengeschlechter ab.

Aus den kleinen Würmern, die in des Urriesen Ymir Fleisch sich tummelten, schufen die Asen das Völkchen der ZWERGE oder ALFEN. Diese zerfielen wieder in zwei Klassen, die SCHWARZALFEN, die im Dunkel der Erde nach Erzen wühlten, Metalle hämmerten und den Menschen durch Spuk und Tücke schreckten und neckten, und die LICHTALFEN, gute und schöne Wesen, die sich den Sterblichen hold gesinnt zeigten, verwandt den Elfen der Märchenwelt.

Am nördlichen Ende des Himmels sitzt der ungeheure Riese HRASWELGER (Leichenschwelger) in Gestalt eines Adlers und rührt seine gewaltigen Fittiche, um als verheerender Sturmwind über die Erde dahinzufahren. Nicht weniger grimmig ist der Riese WINDSWALER (Windkühler), der Frost und Schnee in seinem Gebiet hat und Vater des Winters ist. Doch wechselt seine Herrschaft jährlich mit der des milden SWASUDER (Sanftsüd), dessen Sproß der blütenreiche Sommer ist. Über die ganze Welt breitet sich die Esche YGGDRASIL (Schreckensträgerin) aus und hält sie zusammen. Ihre eine mächtige Wurzel reicht bis NIFELHEIM, und unter ihr breitet sich das finstere Reich der Schattenkönigin HEL aus, die zweite bis JÖTUNHEIM, dem Sitz der Riesen (SÖTUNE oder IÖTEN, d. h. Fresser), die dritte bis MIDGARD, wo die Menschenkinder wohnen. Unter jeder Wurzel der mit ihrem Wipfel in den Himmel hineinragenden Weltesche sprudelt ein bedeutsamer Brunnen hervor. Unter Nifelheim ist es der zu Anfang erwähnte HWERGELMIR. Unter Jötunheim befindet sich der vom Riesen MIMIR bewachte Brunnen, dessen Wasser Aufklärung über das Werden der Dinge verleiht. In MIDGARD endlich quillt das heilige Wasser des Brunnens URD, in welchem alle Weisheit verschlossen ruht, auf dessen stillem Spiegel zwei schneeweiße Schwäne ihre Kreise ziehen. Am Brunnen aber sitzen in ernstem Schweigen die drei NORNEN:

URD (Gewordene), WERDANDA (Werdende) und SKULD (Sollende = Zukünftige), die Schicksalsschwestern, welche die unzerreißbaren Fäden des Lebens den Neugeborenen spinnen, die Todeslose werfen und mit ihren Augen alle Ausdehnungen der Zeit durchdringen. Wegen der Reinheit und Heiligkeit der Stätte versammeln sich die Asen daselbst und halten unter dem Schatten der Weltesche Gericht. Allein der heilige Baum leidet vielen Schaden durch allerlei Getier, das ihn bevölkert. In ASGARD, der himmlischen Wohnung der Asen, weidet an seinem Gipfel die Ziege HEIDRUN, die aus ihren Eutern den Göttern und ihren Gästen Met spendet. An den Blättern und Sprossen des Baumes zehren die fünf Hirsche EIKTHYRNER, DAIN, DWALIN, DUNNEIER und DURATHROR.

In seinem Wipfel haust ein Adler, an seiner Wurzel aber nagt der Drache NIDHÖGGER mit unzähligem anderen Gewürm. Auf und ah endlich an der riesigen Esche klettert das Eichhorn RATATÖSKER, als Bote der Zankworte, welche der Aar und der Lindwurm miteinander tauschen. Trotz der Unbill, die Yggdrasil zu leiden hat, dörrt und fault sie nicht, denn die Nornen schöpfen täglich Wasser aus dem Brunnen Urd und begießen ihre Wurzeln damit.

Nehmen wir noch einmal die einzelnen Teile des Alls zusammen, so beschattet die Weltesche eigentlich neun besondere Welten. In der Mitte dachte man sich die Menschenwelt, MIDGARD oder MANNHEIM. Unter diesem liegt SCHWARZALFENHEIM und noch tiefer das Totenreich HELHEIM. Dann befinden sich zur Seite NIFELHEIM, MUSPELHEIM, JOTUNHEIM und WANAHEIM, der Wohnsitz der oben erwähnten WANEN. Hoch über den anderen Welten gründeten sich die Asen eine herrliche, von Gold und Edelstein strahlende Heimat, ASGARD oder ASENHEIM, in welchem, wie auf dem hellenischen Olymp, die einzelnen Götter wieder besondere Paläste bewohnen, wie THOR das 540 Stockwerke hohe Haus BILSKIRNIR. Asgard und Midgard standen in Verbindung durch die aus drei Farben gezimmerte starke Brücke BIFROST, den Regenbogen. In Asgard stand auch WALHALLA, der Saal der seligen Helden mit seinen 500 Toren. Der Wohnsitz der Göttinnen hieß WINGOLF (Freudenwohnung). Wie in der griechischen Mythologie die Titanen und Giganten der neuen Weltordnung, die durch die Olympier geschaffen worden war, widerstrebten und gegen deren Herrschaft sich auflehnten, so dachten sich die Germanen auch Feindschaft zwischen den hehren Asen und dem Geschlecht der Riesen. Diese brüteten immer Rache wegen des an ihrem Stammvater Ymir begangenen Mordes. Zu ihnen hatte sich LOKI gesellt, früher selbst eine Ase und Dämon des wohltätigen Feuers, jetzt aber vermählt mit dem abscheulichen Jötenweib ANGURBODA (Angstbringerin), die ihn zum Vater von drei grausigen Sprößlingen gemacht hatte, dem Wolf FENRIR, der Schlange JORMUNGANDAR und der entsetzlichen HEL.

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Frigg, als Frau Gode dem Weidwerk obliegend

WODAN, NORDISCH ODIN

WODAN oder WUOTAN (der stürmisch Schreitende) war der vornehmste aller Asen und heißt als Beherrscher der Unsterblichen und Sterblichen >>der Allvater<<. Auf seinem hohen Sitz HLIDSKIALF in WALHALLA (der Halle der Auserwählten), die in dem Gehöft (GLALDSHEIM (Glanzheim) lag, thronte er an der Spitze der zwölf über alles richtenden Asen und übersah von dort aus die neun Welten und was in denselben vorging. Das ganze Gebäude schillert von Gold; sein Dach besteht aus blinkenden Schilden und Speerschäften, und Waffenglanz erhellt rings den weiten Saal. In demselben schmausen, zechen und würfeln in Gemeinschaft der Asen die EINHERIER (einzige Herren), die im Einzelkampf gefallenen Helden. Odin selbst genießt nichts von dem sich täglich erneuernden Fleisch des Ebers, sondern nährt sich einzig von rotem Wein. Die Speisen gibt er stets seinen beiden Wölfen GERI (Gierige) und FREKl (Gefräßige), die ihn wie Hunde umschmeicheln. Neben seinem Haupt aber sitzen die beiden Raben HUGIN (Gedanke) und MUNIN (Erinnerung), welche ihm die auf ihrem Flug erlauschten Geheimnisse zuraunen. Odin trägt einen goldenen Helm auf dem Haupt und hält in seiner Rechten den nie irrenden Speer GUNGNIR.

Erscheint Wodan in dieser Gestalt als Regent der Welt, so ist sein Auftreten ein ganz anderes, wenn er seiner ursprünglichen Naturbedeutung gemäß als Gott des WINDES und STURMES einherfährt. Dann sprengt er auf dem achtfüßigen Schimmel SLEIPNIR (Gleitende) in weiten Mantel gehüllt, mit breitem Schlapphut, umgeben von den Geistern der Verstorbenen, hoch in der Luft über die Wälder und Fluren hinweg. Darum heißt er noch heute in der norddeutschen Volkssage >>der wilde Jäger<<, während im Süden der Glaube an >>das wütende Heer<< dasselbe besagt. Unter Blitz, Sturm und Regen glaubt man noch das Hundegebell, den Hörnerklang, das Hallorufen der willen Gesellen zu hören, wie sie hinter Ebern oder Rossen herstürmen.

Doch war ja bald die rohere Naturbedeutung Wodans als Sturmgottes übergegangen in die des Himmelsgottes im allgemeinen, und als solcher waltete er mild segnend und fruchtspendend und bekämpfte nun seinerseits den im Bilde des Ebers gedachten Wirbelwind. Im Winter macht er einem falschen Odin Platz, der Schneestürme über die Erde sendet, oder er liegt in einem Zauberschlaf und träumt dem Tag entgegen. Dieser Mythos ist vom Volk auf die Gestalten seiner Lieblingshelden übertragen worden. Am bekanntesten in dieser Beziehung ist der im Kyfferhäuserberg bei Tilleda schlafende FRIEDRICH BARBAROSSA. Dort sitzt der Hohenstaufe mit seinen Rittern und Knappen um einen großen Tisch, durch den sein Bart gewachsen ist. Kostbarer Wein ist an den Wänden der Höhle aufgestapelt, alles strahlt von Gold und Edelsteinen, wie am lichten Tag. Einst gelangte ein Hirt in den Berg. Den fragte der auf einen Augenblick erwachende Kaiser: „Fliegen die RABEN noch um den Berg?“ Als der Hirt dies bejahte, erwiderte Barbarossa: „So muß ich noch hundert Jahre länger schlafen!“ Wenn aber sein Bart nicht nur durch den Tisch, sondern auch zum dritten Mal um denselben herumgewachsen ist, dann wird er mit allen seinen Mannen aus dem Berg hervorbrechen und Deutschland aus Not und Bedrängnis erlösen.

In weiterer Auffassung erscheint Wodan als wilder Gott der Schlachten, als HEER- und SIEGVATER. Dann begleiten ihn seine Raben und die WALKÜREN, die Todeswählerinnen, welche sonst als Schenkmädchen die Helden in Walhalla bedienen, aber auf den Kampfgefilden, mit Helm und Schild auf weißen Wolkenrossen einherjagend, die sterbenden Einherier mit dem Todeskuß weihen und sie emporgeleiten zum Freudenmahl in Gladsheim. Dieser religiöse Glaube entzündete hei den Normannen, jenen fanatischen Kampfesmut, der bis zu einer Art Wahnsinn steigerte und sie mit lächelnden Lippen dem Tode entgegengehen ließ. Daher der Zusammenhang der BERSERKIR (Panzerlose) mit der >>Berserkerwut<<. Der Dienst Wodans war blutig, und nicht bloß Rosse, sondern auch Menschen wurden an seinen Altären geschlachtet.

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Odin empfängt in Walhalla die durch Bragi eingeführten Einherier

Daher fand Germanicus auf dem Schlachtfeld des Varus im Teutoburger Wald an die Baumstämme genagelt die Schädel der geopferten Tribunen und Centurionen. Neben solcher Härte trifft man auch auf Züge von großer Güte und Menschenfreundlichkeit. So ruderten einst der achtjährige GEIRRÖD und der zehnjährige AGNAR, Söhne des Königs HRAUDUNG auf einem Boot ins Meer hinaus und wurden vom Wind immer weiter in die Wogen fortgetrieben, bis sie in dunkler Nacht an einem fremden Strand scheiterten. Hüttenbewohner die sie dort fanden, empfingen sie freundlich und behielten sie den Winter über bei sich; die Frau nahm sich des älteren, der Mann des jüngeren Knaben an. Es waren aber Odin und seine Frau Frigg, die den beiden Knaben Schule und Erziehung angedeihen ließen.

Von Wodans großem Drang nach Weisheit zeugte schon, daß er sein eines Auge dem Riesen MIMIR für einen Trunk aus dem Brunnen der Erkenntnis dahingab. Namentlich übte er große Macht durch den Besitz der geheimnisvollen Runenstäbe, deren Zeichen den Anlaut des bedeutungsvollsten Wortes im Zauberliede bildete; ja, er hatte die Runen selbst erfunden. Sie gewährten ihm Macht über alle seine Widersacher, die Kenntnis aller Schätze der Erde und Hilfe im Streit und in allen Sorgen; so versinnlichen und priesen die alten Skalden die Kraft des Gesanges und der Dichtkunst!

Einst hörte Wodan von dem Riesen WAFTHRUDNIR (dem Zungenfertigen), es sei bei ihm die größte Kenntnis der vorweltlichen Dinge vorhanden. Da gelüstete es ihn, sich mit demselben zu messen, und er wanderte als armer Pilger zu dessen Halle, um gastliche Aufnahme bittend. Der Riese antwortete ihm, wenn er etwa gekommen wäre, um seine Weisheit zu erproben, so möchte er sich hüten, denn nimmer würde er heimkehren, wenn es ihm nicht gelänge, in kluger Rede zu obsiegen. Darauf fragte er den Gast nach den Rossen des, Tages und der Nacht, nach dem Fluß, der Asgard von Jötunheim trennt, und nach dem Feld, wo einst die letzte Schlacht geschlagen werden soll. Als Wodan ihm keine Antwort schuldig blieb, bot ihm Wafthrudnir einen Sitz neben sich an, ihn auffordernd, seine Fragen an ihn zu richten.

Über die Entstehung der Welt, der Riesen und Götter, auch über den Untergang alles Geschaffenen wußte der kluge Jöte Bescheid. Als aber der mächtige Gott ihn fragte: „Was sagte Odin seinem Sohn Balder ins Ohr, da ihn der Scheiterhaufen empfing?“ da erblaßte er und rief: „Mit Odin stritt ich vermessen in Weisheit; doch er wird ewig der Weiseste bleiben!“ Ob hierauf Odin des Riesen Haupt nahm, läßt die Sage ungelöst; hinter dem Geheimnis Odins aber vermutet man die Verheißung einer seligen Auferstehung.

Odins erste Gemahlin, JORD (Erde), eine Tochter der Nacht, gebar ihm den starken THOR (Donnerer), die zweite Frau, FRIGG (Frau, Herrin), den BALDER (Fürst). Außerdem gelten als seine Söhne: HODER (Kämpfer), TYR (Helfer), HEIMDAL (Weltglänzer) oder RIGER, WALI (Auserwählter), BRAGI (Sänger), HERMODER (Heermutiger).

FRIGG, die Tochter Fiorgyns, waltet neben Odin über die Schicksale der Menschen und steht ihm mit ihrem klugen Rat zur Seite. Auch galt sie als segnende Göttin des Eheglücks. Sie bewohnt in Asgard den Palast FENSAL (Meersaal). Dort spinnt sie an goldenem Rocken, den die Alten im Gürtel Orions erkennen wollten und denselben deshalb Friggsrocken nannten. Ihre Dienerinnen waren FULLA (Fülle), ihre vertraute Geschmeidebewahrerin, GNA (Hochfahrende), ihre Botin, die auf windschnellem Roß Kundschaft brach Befehle ausrichtete, und HLIN, die Empfängerin der Bitten von Seiten der Schützlinge Friggs.

Übrigens scheint die Asenkönigin Frigg EINES Wesens mit der Wanengöttin FREYA oder FREA gewesen zu sein und sich erst später im skandinavischen Norden von dieser losgespalten zu haben. Auch die rätselhafte Göttin der Erde, NERTHUS, die von Tacitus genannt wird, muß verwandter Natur mit Freya sein und deutet dem Namen nach auf NJÖRDER (Wasserhälter), den Vater der Freya, hin. Frigg erscheint auch noch unter anderen Namen in der Volkssage, und zwar in Mecklenburg als GODE (weibl. Form aus Godan = Wodan), Thüringen und Hessen als Frau HOLDA oder HULDA, im übrigen Oberdeutschland als BERTA oder BERCHTA. Eine verwandte Göttin war endlich die Göttin des Frühlings OSTARA, an die noch heute nicht nur das ihren Namen führende christliche Fest erinnert, sondern auch das Osterei, als Symbol des keimenden Lebens, und der Hase, der es im Glauben des Kindes legt!

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Ostara

THUNAR, NORDISCH THOR

THOR, der älteste Sohn Wodans, wurde nicht von seiner Mutter Jörd erzogen, sondern wuchs bei den Pflegeeltern WINGNIR (Beschwingter) und HLORA (Glut) auf. Sein Gehöft in Asgard hieß THRUDHEIM (Kraftheimat); von seinem Palast BILSKIRNIR ist bereits die Rede gewesen. Zur Frau nahm er SIF (Sippe). Die goldhaarige Göttin bringt einen Sohn in die Ehe mit, den Bogenschützen ULLER; aber auch Thunar hat schon vorher zwei Söhne von der Riesin JARNSARA (Eisenstein): MAGNI (Stärke) und MODI (Mut). Sif beschenkte ihn dann noch mit der THRUD (Kraft).

Thunars Gestalt ist groß und von gewaltiger Kraft. Rotes Haar umwallt sein Haupt; ein enges, kurzes Gewand umschließt seinen Körper und in der mit Eisen behandschuhten Rechten schwingt er den glühenden Blitzhammer MJOLNIR (Malmer), der nach den weitesten Würfen stets wieder in die Hand des Gottes zurückkehrt. So fährt er auf einem von zwei Böcken gezogenen Wagen durch die Wolken, und die Rader rasseln mit Donnerhall.

Das Ansehen Thunars bei den Germanen war sehr groß. Noch im 8. Jahrhundert mußten die Sachsen bei der Taufe schwören, entsagen zu wollen dem Wodan, Thunar und Saxnot. Lange vorher schon war wegen der Verwechslung Thunars mit dem römischen Jupiter der fünfte Wochentag mit dem Namen des Donnerers belegt worden. Geheiligt waren ihm der Vogelbeerbaum, die Haselstaude und die Eiche. Es war im Jahre 725 n. Chr., als der Heidenapostel Bonifatius Thunars Rieseneiche zu Geismar bei Fritzlar in Hessen mit eigener Hand fällte. Wehklagen füllten die Luft und Verwünschungen drohten dem Frevler mit des Gottes Rache. Aber der gewaltige Stamm senkte sich nach wenigen Schlägen und an seiner Stelle erhob sich bald eine Kirche des Petrus. Viele Gebräuche und Sagen erinnern noch heute an den Blitzgott. Die aus der Haselstaude geschnittene Wünschelrute hebt die Erdschätze, wie der Gewittergott die Wolkenschätze und das Sonnengold flüssig macht. Das auf den Tag Johannis, des Täufers, verlegte Sonnwendfest mit seinen Freudenfeuern gilt seiner Person, und noch im fünfzehnten Jahrhundert beteiligten sich deutsche Fürsten an den Rundtänzen um die brennenden Holzstöße. Übrigens glich Thunars Wesen dem seines Vaters wenig. Er war ein wirklicher Kulturgott, der der Erde Gedeihen gab und Menschen und Vieh vor Unglück behütete, der überhaupt seine gewaltige Kraft nicht braucht, um die Erde zu verwüsten, sondern um die verderblichen Naturmächte, die Geschlechter der dem Chaos entsprossenen Riesen in ewigem Kampf zu verfolgen. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Skalden den Thor als „Bauerngott“ dem kriegerischen Odin nachstellten.

Einst machte sich Thor auf, um in Jötunheim die Hrimthursen zu züchtigen. Der tückische Loki hatte sich ihm beigesellt. Gegen Abend gelangten sie an eine Bauernhütte, wo sie wohl Unterkommen, aber nichts zu essen fanden. Thor schlachtete deshalb seine Böcke, bereitete sie zur Speise, befahl aber den Wirtsleuten, nach dem Mahl sorgfältig die Knochen in die Felle der Tiere zu sammeln. Dies geschah auch; nur zerbrach auf Lokis Rat des Bauern Sohn das Schenkelbein eines Bockes, um zum Mark zu gelangen. Am Morgen weihte Thor die Felle mit seinem Hammer, und lustig sprangen die Böcke empor. Doch einer lahmte am Hinterfuß.

Thor merkte wohl, was geschehen war. Als er aber die Furcht der Leute über seinen Grimm sah, verzieh er ihnen unter der Bedingung, daß ihre beiden Kinder in seinen Dienst träten. Von da setzten sie die Reise zu Fuß fort und gelangten über das Meer in das Riesenland. Dort fanden sie am Abend eine Hütte, woran die Tür so hoch war wie das ganze Gebäude. Sie übernachteten in dem leeren Haus. Aber um Mitternacht entstand ein Dröhnen und Brausen, daß die ganze Hütte zitterte und sich die Gefährten Thors in eine Nebenkammer flüchteten, während er selbst vor der Türe Wache hielt. Als der Tag anbrach, erblickte Thor die lebendige Ursache des nächtlichen Erdbebens, einen ungeheuren Riesen namens SKRYMIR (Prahler). Dieser erkannte ihn sofort und ließ ihn an seinem Frühstück teilnehmen. Als er aber nach seinem Handschuh fragte, stellte es sich heraus, daß die Reisenden denselben für ein Haus angesehen und schließlich im Däumling geschlafen hatten. Skrymir warf nun den Eßkorb über die Schulter und wanderte mit ihnen den ganzen Tag über umher. Am Abend legte er sich sofort zum Schlafe nieder und überließ die Speise den Gefährten. Diese konnten jedoch den festgeschnürten Riemen des Bündels nicht lösen, und Thor ergrimmte endlich und versetzte dem Riesen einen gewaltigen Schlag mit dem Hammer auf den Schädel. Skrymir erwachte und fragte, ob nicht ein Blatt vom Baum ihm auf den Kopf gefallen wäre. Thor schlug den schnell wieder Einschlafenden noch mehrmals auf das Haupt, daß endlich das Eisen tief eindrang. Aber stets klagte der Riese nur darüber, daß die herabfallenden Eicheln ihn im Schlafe störten! Am Morgen schied er von ihnen und warnte sie vor UTGARD (Außengehege), da dort noch größere Riesen existierten, als er selber.

Allein sie ließen sich nicht beirren und gelangten mittags zur Königsburg, die so hoch war, daß ihre Augen die Dachspitze nicht erreichten. Sie betraten die Halle, wo der König UTGARDLOKI mit seinen Kriegern und Hofleuten saß und die Gäste sofort nach ihren Geschicklichkeiten fragte, ohne die niemand auf seinem Hof einen Sitz bekommen könnte. Da rühmte sich Loki seines hurtigen Essens, der Bauernsohn Thialfi seines schnellen Laufens und Thor seines mächtigen Durstes. Zuerst wurde Loki dem Thursensohn LOGI gegenübergestellt. Ein langer Trog voll Fleisch wurde herbeigebracht, und die Wettenden sollten jeder von einer Seite zu schlingen beginnen. In der Mitte begegneten sie sich, aber dennoch hatte Loki verloren, weil sein Gegner auch die Knochen samt dem Gefäß verzehrt hatte! Auch THIALFI unterlag trotz seiner außerordentlichen Schnellfüßigkeit seinem Gegner HUGIN. Endlich wurde für Thor selbst das Horn herbeigebracht, welches, mit Met gefüllt, an Utgardlokis Tafel zu kreisen pflegte, und dieser belehrte ihn, daß niemand unter den Hofleuten mehr als drei Züge brauche, um es zu leeren. Trotz seines geringen Durstes tat Thor drei lange Züge; aber erst beim dritten war eine kleine Abnahme des Getränkes bemerkbar. Unmutig gab er das Horn ab und verlangte, seine Stärke auf die Probe zu stellen. Da forderte ihn der Riese auf, nur seine graue Katze vom Boden aufzuheben, was seine jungen Burschen oft im Spaß täten. Thor versuchte es, aber das Tier streckte sich immer länger, und wenn er sich auch noch so sehr anstrengte, so blieben doch immer die Pfoten auf dem Boden stehen. „Ich dachte es schon“, höhnte nun Utgardloki, „daß die Katze für einen so kleinen Mann zu groß sein würde.“ Da entbrannte der Zorn Thors und er forderte alle Riesen zum Ringkampf heraus. Aber wieder wollte der Riese niemand zu solchem Kinderspiel hergeben, als seine uralte Amme ELLI. Das Riesenweib trat herein und der Kampf begann. Allein so sehr auch Thor alle seine Kraft aufbot, er strauchelte endlich und sank auf die Knie. Da sprang der Riesenfürst dazwischen und führte seine Gäste zur Tafel, wo sie sich bis Mittemacht labten. Am anderen Morgen geleitete er sie bis an die Grenze und sagte dann: „Weil Du nun meine Burg verlassen hast, die Du nie wieder betreten darfst, will ich Dir bekennen, daß ich Dich durch Zauberkünste täuschte. Ich selbst war der Riese Skrymir. Der Eßkorb war mit eisernen Bändern zugeschnürt; mit dem Hammer hättest Du mich sicher erschlagen, wenn ich Dir nicht schnell einen Felsen in den Weg geschoben hätte. Der große Fresser Loki war das Wildfeuer, der Läufer Hugin aber mein Gedanke. Das Ende des Hornes, aus dem Du trankst, lag in der See, und Du hast so viel daraus getrunken, daß die Ebbe auf der Erde davon entstanden ist. Die Katze ferner war die Midgardsschlange, und Du hast sie zu unserem Entsetzen so hoch gehoben, daß sie beinahe den Himmel berührte. Die Alte endlich, mit der Du gerungen hast, war das Greisenalter, dem jeder unterliegen muß.“ Wütend schwang Thor den Hammer, um sich am Jöten zu rächen. Dieser war aber verschwunden, und Thor mußte mit seinen Genossen den Rückweg antreten.

Liegt diesem Mythos der Gedanke zugrunde, daß der große Ase in der Außenwelt, d. h. in dem Schnee des Urgebirges, keinen Erfolg erringen und der Kultur keine Bahn eröffnen kann, so zeigt uns die Sage vom Riesen HRUNGNIR (Rauschender) Thors milde Gewittermacht im Kampf gegen das verwüstende Unwetter im Gebirge. Als einmal Thor ausgezogen war, um seine Pflüger gegen Unholde zu schützen, machte sich auch Odin auf und kehrte beim Bergriesen Hrungnir ein. Dort kamen sie im Laufe der Unterhaltung auf die Vorzüge des Rosses Sleipnir, und der Jöte behauptete, sein Pferd GULLFAXI (Goldmähne) mache doch noch weitere Sprünge. Da schwang sich Odin auf und forderte Hrungnir auf, mit ihm um die Wette zu reiten. Zornig jagte der Riese ihm nach, und beide kamen fast gleichzeitig in Asgard an. Die Asen laden den Gast freundlich ein, sich an Thors Platz zu setzen, und die schöne Freya schenkt ihm die gewaltigen Schalen des Donnerers voll starken Biers. Unmutsvoll leerte er sie, forderte immer mehr von dem Getränk und begann endlich im Rausch trotzig zu prahlen, er werden Walhalla auf dem Rücken nach Jötunheim tragen, ganz Asgard in den Abgrund versenken, alle Asen erschlagen, Freya und Sif aber mit sich in das Riesenland entfuhren. Ängstlich riefen die Asen nach Thor, und kaum war sein Name genannt, als derselbe mit zornblitzenden Augen in der Halle stand und Mjölnir schwingend ausrief: „Wer erlaubt dem Thursen, in Asgard zu sitzen und sich von der Schenkin der Asen den Pokal kredenzen zu lassen?

Das soll den Unverschämten gereuen!“ Hrungnir beruft sich ernüchtert auf Odins Einladung und gelobt, sich ihm an der Grenzscheide der Länder im ehrlichen Zweikampf stellen zu wollen. Am bestimmten Tage fand sich der Jöte zuerst auf dem Platz ein, bewaffnet mit einem riesigen Schleifstein und einem ungeheuren steinernen Schild, während die Riesen einen neun Meilen hohen Schildknappen aus Lehm neben ihm aufgepflanzt hatten.

Vor Thor erschien dessen Diener Thialfi und rief dem Riesen zu, sein Herr wolle ihn von unten angreifen und der Schild werde ihm dann nichts helfen. Da warf Hrungnir die Steinscheibe auf den Boden und stellte sich darauf, und als gleich hinterdrein der Donnerer angebraust kam und beide Gegner in demselben Augenblick ihre Waffen schleuderten, zerschellte die Keule des Jöten, vom Hammer getroffen in der Luft, dieser aber fuhr tief in Hrungnirs Schädel.

Grimmiger Zorn erfaßte aber den Blitzgott, als er einst in der Nacht erwachte und merkte, daß sein göttlicher Hammer entwendet sei. Er zog Loki in das Geheimnis, und dieser lieh von Freya das Falkengewand, um der Riesenwelt einen Besuch abzustatten. Dort traf er den Thursenfürst THRYM, der sich in ein Gespräch mit ihm einließ und gar kein Hehl daraus machte, daß er selbst den Hammer gestohlen habe und acht Meilen tief unter der Erde verborgen halte. Nur wer ihm Freya als Braut zuführe, solle denselben erhalten. Thor wagte es zwar, nach Lokis Zurückkunft der schönen Wanin den Antrag des Riesen vorzutragen, wurde aber schnöde abgewiesen. Nun war guter Rat teuer, denn Mjölnir war ja die Stütze Asgards gegen die Riesen. In der Versammlung der Götter und Göttinnen macht endlich HEIMDAL, der Wächter Asenheims, der so weise war, daß er das Gras und die Wolle der Schafe wachsen hörte, den Vorschlag, Thor selbst solle, in Freyas bräutliches Linnen gehüllt und mit blitzendem Goldschmuck geziert, den Riesen zugeführt werden. Nach einigem Sträuben verstand sich Thor dazu und nahm Loki als Magd mit.

Thrym sah das Gespann der Mädchen von seiner Warte aus sich nähern und traf in größter Eile Zurüstungen zum Hochzeitsfest. Züchtig in ihren Schleier gehüllt, sitzt die hohe Braut beim Mahle und ißt einen ganzen Ochsen, acht Lachse und alles Naschwerk, ja, sie trinkt drei Kufen Met dazu aus! Verwundert schaut der Bräutigam diesen gesunden Appetit; aber die Zofe flüstert ihm zu, aus Sehnsucht nach Jötunheim habe die Braut acht Tage gefastet. Endlich hebt der ungeduldige Liebhaber ein Ende des Schleiers, fährt aber erschrocken zurück vor den feuersprühenden Augen der Jungfrau. Doch wiederum beschwichtigt ihn der schlaue Loki: „Acht Nächte hat die Braut vor Sehnsucht nicht geschlafen; wie sollten ihre Augen nicht glühen!“ Erfreut läßt nun Thrym den Hammer des Donnerers herbeibringen und ihn der Braut in den Schoß legen, um den Ehebund nach der Sitte zu weihen; in Thors Brust lachte das Herz, als er seinen Hammer vor sich sah. Rasch faßte er zu, warf die Hülle ab und wetterte den Riesen samt allen Hochzeitsgästen nieder. Über diese Mythe schreibt MANNHARDT: „Sie besagt, wie Thrym, der Riese des winterlichen Sturmes, dem Himmel den befruchtenden sommerlichen Wetterstrahl raubt und während der acht Wintermonate des Nordens in der Tiefe begräbt. Er sucht die Göttin der Sonne und lichten Wolke, Freya, gänzlich in seine Gewalt zu bringen. Thor verhüllt sich selber in das Kleid der Wolkenfrau und gewinnt so im Frühling den Hammer wieder, den er aus dem Schoß der Wolken hervorwetternd schwingt.“

Endlich war auch Loki beteiligt an der Fahrt Thors zur Behausung des Thursen GEIRRÖD (Speerröter). Den weithin qualmenden Schlot desselben entdeckte er nämlich in der Ferne, als er sich im erwähnten Falkengewand in den Lüften schaukelte, und ließ sich aus Neugierde auf den Fenstersims nieder. Da bannte ihn der Riese fest und weil der Vogel auf alle Fragen stumm blieb, sperrte er ihn ein und ließ ihn drei Monate ohne Nahrung. Dieses Mittel wirkte. Loki gestand, wer er wäre, und der erfreute Geirröd schenkte ihm bloß unter der Bedingung die Freiheit, daß er mit heiligem Eidschwur versprach, Thor, den Hauptfeind des Riesengeschlechts, ihm zum Faustkampf stellen zu wollen, aber ohne den gefürchteten Hammer. Der schlaueste aller Asen suchte hierauf Thor zu einem friedlichen Besuch bei Geirröd zu bereden, indem er ihm vorlog, wie freundlich er selbst von demselben aufgenommen worden sei und wie der Riese lediglich aus Bewunderung sich nach der Bekanntschaft mit dem ältesten Sohn Wodans sehne.

Thor folgte dem Versucher, erfuhr aber schon nach der ersten Tagereise bei der Riesin GRID), der Mutter seines Stiefbruders WIDAR, die Wahrheit und wurde von ihm mit ihren Eisenhandschuhen, ihrem Stab und Stärkegürtel versehen. Eine Tochter Geirröds staute mit ihrem Leib einen den Wanderern im Wege liegenden großen Strom an, mußte aber den Steinwürfen Thors weichen. Als sie endlich das Gehöft des Thursen erreicht hatten und Thor sich müde auf einen Stuhl niederließ, merkte er plötzlich, wie sich derselbe nach und nach immer höher der Decke zu emporhob. Schnell stemmte er seinen Stab gegen die Wölbung und drückte sich dann mit aller Kraft nieder. Entsetzliches Jammergeschrei, unter dem Stuhl hervortönend, belehrte ihn, daß die beiden Töchter des Wirtes, GIALP und GREIP, ihre List mit dem Tode zu bezahlen hatten. Von Geirröd dann zum Kampf aufgefordert, bemerkte Thor kaum die rings an den Wänden der Halle emporlodernden Feuerflammen, als ihm auch schon der Riese einen glühenden Eisenkeil entgegenschleuderte. Jetzt taten die eisernen Handschuhe treffliche Dienste; der Ase fing das Geschoß auf und warf es mit solcher Gewalt gegen die Säule, hinter welcher sich der Feind versteckt hielt, daß es das Bollwerk samt der Brust Geirröds durchbohrte. Dieser wurde in einen Stein verwandelt. – Der Kampf erinnert an den Streit des wohltätigen Sommergottes mit dem Dämon des verderblichen Unwetters, oder, wie andere wollen, mit den Gewalten des vulkanischen Feuers.

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Thunar oder Thor

TYR, ALTHOCHDEUTSCH ZIO

Daß ZlO der älteste aller germanischen Götter ist und zwar in seiner Bedeutung dem griechischen Zeus vollkommen gleich, ist schon in der Einleitung erwähnt worden. Der lichte Himmelsgott war aber bereits zu Tacitus‘ Zeit zu einem Schwert- und Kriegsgott geworden. Es ist ihm also ähnlich gegangen wie dem römischen Mars, und der diesem gewidmete dritte Wochentag erhielt auch in Deutschland den Namen von Tyr. Darum war auch der Pfeil und später wohl das Schwert sein Symbol. Die Brut Lokis war von Wodan weit aus seinen Augen verbannt worden. Hel war nach Nifelheim hinabgeschleudert, die Schlange Jörmungandar in das tiefe Weltmeer versenkt, welches Midgard umschließt. Nur FENRIR, der Wolf, war vor der Hand unter Tyrs Hut geblieben, der ihn täglich mit Futter versorgte. Aber bald wuchs er so riesenhaft heran und gewann solche Stärke, daß man sich in Asgard selbst vor ihm zu fürchten begann und auf Mittel dachte, ihn unschädlich zu machen. Die Asen schmiedeten also zwei Eisenfesseln, Leuthing und Droma, und brachten den Wolf durch Zureden so weit, daß er sich geduldig die Bänder anlegen ließ. Aber als er seine gewaltigen Glieder reckte, flogen die Ringe klirrend auseinander. Die Sorge der Himmlischen mehrte sich, denn täglich wuchs die Stärke Fenrirs. Da sandte Odin seinen treuen Diener SKIRNIR (Glänzer) nach Schwarzalfenheim und ließ die Zwerge um eine dauerhafte Fessel bitten.

Diese verfertigten aus dem Bart der Weiber, den Sehnen der Bären, dem Schall der Katzentritte, dem Speichel der Vögel, der Stimme der Fische und den Wurzeln der Berge eine Fessel namens GLEIPNIR, so dünn wie ein Seidenband. Die Götter ließen hierauf den Wolf kommen und forderten ihn auf, seine Kraft an dem neu en Kunstwerk zu probieren. Aber Fenrir witterte unter dem schwachen Gewebe Zaubertrug und weigerte sich, eher die Fesseln sich anlegen zu lassen, als einer der Asen zum Unterpfand die Rechte in seinen Rachen legen würde. Tyr tat dies unverzagt. Das Band aber, von dem die Alfen gesagt hatten, es werde den Gebundenen immer fester zusammenschnüren, je mehr er sich bemühe, es zu zerreißen, bewährte sich besser als die stärkste Eisenkette. Die Götter zogen es durch tief eingerammte Felsen hindurch und streckten dem wütenden Untier ein Schwert zwischen die Kiefer. Tyr hatte freilich den meisten Schaden; denn ihm hatte der Wolf, als er die List merkte, die Hand abgebissen.

Es ist unschwer, in dem Wolf Fenrir ebenso einen Dämon der Finsternis zu erkennen, wie in den Wölfen Skoll und Hati. Tyr ist also ihm gegenüber noch der alte Gott des Himmels, der das Licht dem finsteren Rachen entreißt. Daß er dabei die Hand einbüßt, stimmt merkwürdigerweise ganz mit der indischen Legende vom Sonnengott SAWITAR; nur daß dieser sich die Hand beim Opfer abgeschlagen hat. Möglich, daß man dabei an die Einbuße der Hälfte gedacht hat, die der Tag durch die Nacht erleidet; möglich auch, daß das Attribut der goldenen Hand allmählich zur Annahme einer künstlichen Goldhand geführt hat.

Von seinem späteren Wirken als Kriegsgott scheint Tyr bei den Germanen südlich von der Ostsee als SAXNOT, d. h. „der des Schwertes (Sax) waltende Gott“, verehrt worden zu sein. Namentlich wissen wir dies von den Sachsen.

Bei anderen Stämmen kommt auch der Name CHERU oder HERU vor, und da dies auch das Schwert bedeutet, so mag wohl auch hier kein Unterschied obwalten, und die Cherusker waren sonach die Mannen oder Abkömmlinge des Heru oder Tyr.

Mehr nach Thor als nach Tyr sieht endlich der von den Sachsen verehrte Gott IRMIN aus, dessen hölzerne Säule (Irmensäule) im Osning bei Detmold Karl der Große 772 zerstört hat.

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Tyr

BRAGI UND IDUN

BRAGI, der sangreiche und redebegabte Sohn Wodans, hatte zur Gattin IDUN (Erneuende), die Tochter des Zwergenvaters Iwaldi. Sie, „die schmerzheilende Maid, die des Gotteralters Heilung kennt“, bewahrte dem Odin die Kufe ODRORIR (Geistererzeuger), die den Dichtermet barg. Mit diesem aber hatte es folgende Bewandtnis. Nach einem Krieg zwischen den Asen und Wanen war der Friede dadurch besiegelt worden, daß beide Parteien ihren Speichel in ein Gefäß laufen ließen und daraus den weisen Mann KWASIR (Redner) schufen. Auf seinen Reisen war dieser in Schwarzalfenheim von zwei Zwergen FIALAR und GALAR ermordet worden, und die Kobolde hatten dann sein Blut mit Honig gemischt und einen zum Dichten begeisternden Met daraus gebraut. Den Wundertrank mußten aber die Erfinder später dem Riesen SUTTUNG als Sühne für den an seinem Oheim verübten Totschlag überlassen, der ihn von seiner Tochter GUNLÖD bewachen ließ. Odin war in die Felsenhöhle gelangt, indem er durch den überlisteten Riesen BAUGI den Berg durchbohren ließ, hatte den Kessel mit dem Met geleert und auf diese Weise den letzteren nach Asgard gebracht.

Außer dem Dichtertrank bewachte aber Idun noch elf goldene Äpfel, deren Genuß den Asen ewige Jugendschöne gewährte. Nun geschah es, daß Odin, Hönir und Loki durch eine gebirgige und öde Gegend wanderten, wo weder Obdach noch Speise zu finden war. Endlich trafen sie in einem Tal eine Rinderherde, schlachteten ein Stück davon und brieten es. Aber das Fleisch wollte immer nicht gar werden, und sie fragten verwundert einander, WER wohl daran Schuld sein möchte. Da antwortete ihnen plötzlich eine Stimme aus dem Baum über ihnen, und ein großer Adler versprach ihnen, den Braten genießbar zu machen, wenn sie ihn am Mahl teilnehmen ließen. Die Asen willigten ein; da aber der Vogel gleich die beiden Lenden und das Vorderteil des Ochsen für sich nahm, ergrimmte Loki und stieß jenem eine große Stange in den Leib. Der Adler schwang sich hierauf mit derselben, an der plötzlich durch Zauber Lokis Hände festklebten, empor, flog aber so niedrig, daß Lokis Füße Steine und Gehölz streiften. Er konnte die Qual nicht ertragen und bat flehentlich den Adler um Frieden. „Wohlan“, sprach derselbe, „versprich mit heiligem Eid, daß du mir Idun mit den goldenen Äpfeln verschaffen willst, so will ich dich frei geben!“ Loki gab die Zusage, und als er nach Asgard zurückgekommen war, lockte er Idun in einen Wald unter dem Vorwand, daß er dort einen Baum mit herrlichen Äpfeln entdeckt hätte; sofort stellte sich der Adler ein und entführte die erschrockene Göttin nach Jötunheim. Der gewaltige Vogel war der Thurse THIASSI (Stürmende). Die Asen befanden sich nach Iduns Verschwinden in übler Verfassung; denn sie alterten schnell und wurden grauhaarig. Endlich lenkte sich ihr Verdacht auf den Verräter Loki, der zuletzt mit der Verlorenen gesehen worden war. Mit dem Tode bedroht versprach er, Idun aufzusuchen, wenn ihm Freya ihr Falkengewand leihen wollte. So gelangte er glücklich zu der Behausung des Riesen, fand die Göttin allein, verwandelte sie in eine Nuß und flog mit der leichten Beute davon. Thiassi, der auf dem Meer gerudert hatte, kam aber bald nach Hause, bemerkte gleich den Raub und setzte im Adlerkleid den Fliehenden nach.

In Asgard sah man den Falken und hinter ihm den Adler herfliegen. Die Asen häuften daher um die Mauer herum Holzspäne auf und zündeten sie an, sobald der Falke die Burg erreicht hatte. Der Adler aber achtete in seiner Hast der aufschlagenden Lohe nicht, verbrannte sich das Gefieder und stürzte in Asgard zu Boden, wo die herbeieilenden Götter ihn erschlugen.

So erscheint hier Idun als Göttin des vegetativen Lebens, die im Winter in der Gewalt des nordischen Sturmriesen ist, im Lenz aber von Loki wiedergeholt wird. Thiassi aber hinterließ eine Tochter, die schöne und mutige SKADI (Strafe). Diese wappnete sich auf die Nachricht vom Tode ihres Vaters und sprengte nach Asgard, um blutige Rache zu nehmen an dem Schuldigen. Die Asen erfreute die Keckheit und Holdseligkeit der Jungfrau. Thor warf die Augen ihres Vaters gen Himmel, wo sie als leuchtende Sterne glänzen, und Allvater erlaubte ihr, sich unter den Asen einen Gemahl auszusuchen. Allein Skadi in ihrem Schmerz wollte nichts von gütlichem Ausgleich wissen. Da schaffte wieder der listige Loki Rat. Er band sich einen Ziegenbock an den Fuß und begann nun meckernd mit dem Tier die possierlichsten Sprünge und Grimassen zu machen. Als er endlich vor Skadi einen Fußfall tat, konnte sich diese nicht länger halten und brach in volles Lachen aus.

Nun zeigte sie sich auch willig, sich durch Heirat mit dem Asengeschlecht zu verbinden; doch durfte sie bei der Wahl nicht mehr als die Füße der Götter sehen. So kam es, daß sie sich irrte; denn indem sie glaubte, den herrlichen Balder vor sich zu haben, wählte sie NJÖRDER. Dies war ein Wane und nach dem Krieg zwischen seinem Geschlecht und den Asen als Geisel in Asgard zurückgeblieben. Sein Name (Wasserhälter) sowie sein Schloß NOATUN (Schiffsstätte) kennzeichnen ihn als Beherrscher der Meerflut. Seine Ehe mit Skadi wurde dadurch getrübt, daß dieser das Brausen des Meeres und das Kreischen der Möwen nicht gefiel, während ihm wieder die öden Bergklüfte und das Wolfsgeheul in den Wäldern Jötunheims unausstehlich vorkamen. Sie wechselten einander zuliebe den Aufenthaltsort alle neun Tage. Endlich aber trennten sie sich ganz, und die Jägerin Skadi reichte später dem mehr zu ihr passenden, im Asengehöft YDALIR (Eibental) wohnenden Bogenschützen und Wintergott ULLER ihre Hand.

FREYA (Frau, Freundliche) und ihr Bruder FREYER (Herr, Frohe) sind Kinder NJÖRDERS aus seiner ersten Ehe mit NJÖD. Freyer war besonders in Skandinavien verehrt als ein über Regen und Sonnenschein gebietender Gott, der seinen Sitz in Lichtalfenheim hatte. Ihm diente als treuer Begleiter SKIRNIR (Glänzer). Zu seinen Ausflügen aber benutzte er den Eber GULLINBURSTI (Goldborstiger) und das Schiff SKIDBLADNIR (geflügeltes Holz), das stets günstigen Fahrwind hatte und sich nach dem Gebrauch zusammenlegen und in die Tasche stecken ließ (wohl die Sonne und die Wolke). Auch ein sich von selbst schwingendes Schwert besaß er; dies opferte er jedoch auf bei der Werbung um die Riesentochter GERD. Seine Schwester FREYA ist die Göttin der Natur, die blütenreiche Mutter der Erde. Im Kultus dagegen ist sie die Beschützerin der Liebenden, die auch nach dem Tode hoffen, in ihrem Palast FOLKWANG (Volkanger) in ihrem lichten Saal SESSRUMNIR (Sitzraum) Aufnahme und Wiedervereinigung zu finden.

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Bragi und Heimdal empfangen die Krieger in Walhalla

FREYA UND FREYER

Freya ist nicht bloß Mundschenkin in Walhalla, sondern auch Führerin der Walküren auf dem Schlachtfeld. An dem ihr geheiligten Freitag wurden die meisten Ehen geschlossen, und erst die christlichen Priester erklärten diesen Tag als den Kreuzigungstag Christ für eine unglückliche Zeit. Zuletzt beim Mahl trank man Freya MINNE, d. h. man weihte ihr den Becher der Liebe und Erinnerung zu Abschied, was später auf Maria überging. Freya trug den von den Zwergen geschmiedeten köstlichen Halsschmuck BRINSINGAMEN (Feuerkette) und fuhr auf einem mit Katzen bespannten Wagen. Einst bekam Wodan selbst Lust nach dem Kleinod Brinsingamen und befahl Loki, der ihm davon erzählt hatte, ihm dasselbe entweder zu verschaffen oder nie wieder vor seine Augen zu kommen. Sehr ungern übernahm Loki den heiklen Auftrag und schlich sich nach Folkwang. Die Wanin ruhte in ihrer verschlossenen Kammer, und Loki verwandelte sich in eine Fliege, um hineinzukommen, dann aber in einen Floh, um Freya, die mit der Brust auf der Kette lag, zum Umdrehen zu bestimmen. Alles gelang nach Wunsch, und der Dieb huschte mit seinem Raub ins Freie, als ein Stärkerer über ihn kam. Der wackere Heimdal, der treue Wacht an der Brücke BIFROST hielt, hatte den Raub beobachtet und eilte Loki nach. Dieser stürzte sich als Robbe ins Meer, aber Heimdal tat dasselbe, und in dem nun entbrannten Kampf siegte er und nahm dem Räuber das Kleinod ab. Idun heilte dann des Siegers Wunden und brachte den Halsschmuck der weinenden Freya zurück.

Gewöhnlich wird Freya als Jungfrau gedacht. Nach einem Mythos war sie jedoch mit ODUR (Geist) vermählt. Als sie ihm jedoch eine Tochter, HNOSS (Kleinod), geschenkt hatte, verließ er sie treulos und zog auf ferne Wege. Freyas Tränen flossen darob unablässig und wurden zu rotem Gold. Nach einer Sage kam Odur dann als fremder Wanderer nach Folkwang zurück und erzählte nach der Wiedererkennung, daß er auf windkalten Wegen hergekommen wäre, und daß ihn der Nornen unabänderlicher Spruch in die Ferne und wieder zurückgeführt hätte. Nach einer anderen Legende sucht ihn Freya in allen Ländern und findet ihn zu ihrer Freude endlich auf grüner Matte. Aber Odur bleibt dennoch nicht bei ihr und verläßt sie in jedem Jahr nach der Herbsttagundnachtgleiche.

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Freya

Freyer

BALDER

Der lichte, strahlende Sohn Friggs, BALDER, ein Symbol der kurzlebigen Sommerherrlichkeit, war der beste aller Asen und von allen wegen seiner Unschuld und Milde geliebt. In seinem Gehöft BREIDABLICK (breiter Gang) wurde nichts Unreines geduldet. Dort wohnte Balder, auch VOL genannt, mit seiner geliebten Gattin NANNA und seinem Sohn FORSETI (Vorsitzender), der seines Vaters gute Eigenschaften erbte und später in der mit Silber gedeckten, auf Goldsäulen ruhenden Halle GLITNIR (Gleißende) immerwährend zu Gericht saß.

Der frühe Tod Balders sollte über die Asen bitteres Leid bringen. Ein böses Vorzeichen hatte nach dem Entschwinden des Goldalters den Asgard in große Unruhe versetzt. Die liebliche Idun war in einer Nacht von den Zweigen der Weltesche Yggdrasil, in denen sie sich gewiegt hatte, hinabgesunken in das Nachtreich Hels, und am nächsten Tag drohte Mimirs Brunnen zu vertrocknen. Da schickte Odin seinen Raben Hugin aus, und dieser flog eilig zu den Zwergen DAIN und THRAIN, die der Zukunft kundig waren. Allein dort war wenig zu erfahren, denn die Zwerge lagen in wirren Träumen. Odin sandte also Heimdal, Loki und Bragi hin unter zu Hel selbst, um Idun auszuforschen. Auf düsteren Pfaden stiegen sie hinab nach Nifelheim, gelangten zu der mit festem Eisengitter und loderndem Feuer umgebenen Burg Hels und gingen hinein, ohne sich um das Heulen des blutbesudelten Höllenhundes MANAGARM (Mondhund) zu kümmern. Bald erspähten sie die Göttin der Jugend und fanden sie blaß, abgehärmt und stumm. Nur Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen, und keine Antwort über das Schicksal der Asen und der Welt kam über ihre Lippen. So zogen die Boten wieder ab. Aber Bragi, der liebende Gatte, blieb bei Idun zurück. Ratlos hörten die Götter den Bericht Heimdals und Lokis und mußten ihre Entschlüsse vertagen.

Am nächsten Morgen schwang sich Odin auf Sleipnirs Rücken, um selbst die Reise nach Nifelheim anzutreten; denn in der Nacht hatte Balder geträumt, Hel sei ihm erschienen und habe ihm gewinkt. Er reitet bei Hels Behausung vorüber nach Osten, wo der Seherin WALA (oder Wöla) Grabhügel stand. Dort sprach er die Beschwörungsformel und weckte die Tote mit mächtigem Bann.

Und als sie ihn nach seinem Begehr fragte, gab er sich für WEGTAM (Weggewöhnte) aus und erkundigte sich, für wen bei Hel die Betten mit Gold geschmückt und die Sitze mit Reifen belegt wären. Da antwortete Wala: „Für Balder, den Guten, wird der Empfang bereitet und köstlicher Met gebraut den Asen zum Gram.“ Und als er weiter wissen wollte, wer Balder zu Hel senden und wer den Mord rächen würde, so sagte sie ihm, wie es kommen sollte. Als er aber noch fragte, wie hieße, daß Balders Tod nicht beweinen werde, da erkannte ihn Wala voll Entsetzen und bat ihn, heimzureiten; Niemand werde sie weiter Rede stehen, bis Lokis Bande rissen und der Götter Verderben hereinbräche. Unterdessen hatten auch die übrigen Asen nicht gerastet. Sie beschlossen allen lebenden Kreaturen und selbst den leblosen Dingen einen heiligen Eid abzufordern, daß sie Balders Leib und Leben Balder und Nanna nicht schädigen wollten. Die besorgte Frigg selbst war ausgefahren in alle Lande, und es hatten ihr geschworen die Thursen, die Menschen, die Alfen, die Bäume und Sträucher, die Steine und Erze, selbst die Gifte und Krankheiten. Nun herrschte große Heiterkeit in Walhalla. Die Asen scherzten und lachten und zielten mit allerlei Wurfzeug und Geschoß nach Balder, um zu sehen, wie jede Waffe den gefeiten Leib vermied. Nur Loki fand kein Gefallen an dem Wunder, verwandelte sich in ein altes Weib und humpelte nach Fensal zu Frigg, um sich Aufklärung zu verschaffen. Gutmütig erzählte ihm Balders Mutter, was sie alles getan habe, um das Unglück vom lieben Sohn fern zu halten; ja, sie vertraute ihm endlich, daß alle Gewächse auf Erden ihr den verlangten Eid geleistet hätten, mit Ausnahme eines kleinen Mistelstrauches, den sie für zu unbedeutend gehalten hätte. Der Verräter eilte zur Mistel, riß sie herunter und formte einen Ger daraus. Dann ging er in den Kreis der heiter scherzenden Asen zurück. Dort fand er den starken, aber des Augenlichts beraubten HÖDER in einer Ecke stehen, teilnahmslos bei der Kurzweil der übrigen. Er fragte ihn, warum er nicht auch zu Balders Ehre seine Kraft im Werfen versuchte, und als der Blinde erwiderte, er habe ja weder Waffen noch Augen, drückte er ihm den Mistelgeer in die Hand und richtete denselben auf Balder. Höder schleuderte mit voller Kraft den Speer, und der Bruder sank mit durchbohrter Brust entseelt zu Boden!

Da verfinsterte sich die Erde; sprachlos und entsetzt standen die Götter um die Leiche des Vielgeliebten. Dann aber wandten sich alle gegen den Mörder, und am liebsten hätten sie sogleich Rache an ihm genommen – Loki hatte sich natürlich weggeschlichen – wenn nicht Asgards Heiligkeit ihn geschützt hätte. Frigg, durch das laute Jammern erschreckt, eilte auch herbei und klammerte sich an die Hoffnung, die schreckliche Hel möchte sich vielleicht erbitten lassen, den geliebten Sohn wieder frei zu geben. Sofort war Balders zweiter Bruder, HERMODER, bereit, das Schattenreich aufzusuchen, und bestieg den eben erst von dort zurückgekehrten Sleipnir.

Die Asen aber machten sich daran, die teure Hülle mit den letzten Ehren zu beschenken. Sie geleiteten dieselbe an den Strand des Meeres, wo Balders Schiff HRINGHORN (Ringhörnige) lag. Auf diesem wurde der Scheiterhaufen errichtet. Aber als die Leiche hinaufgelegt werden sollte, brach der holden Nanna das Herz vor Jammer, und die Götter gesellten sie dem Geliebten bei. Auch dessen edles Roß mußte ihm im Tod folgen, und Wodan steckte dem Sohn noch den Wunderring DRAUPNIR (Traufende) an die Hand, der in jeder neunten Nacht sich verachtfachte. Sodann weihte Thor mit seinem Hammer die Scheiter, und die Flamme prasselte in die Höhe. Aber niemand vermochte nun das Fahrzeug mit seiner Last von der Stelle zu rücken und ins Meer hinabzuschieben. Die anwesenden Riesen erboten sich, ein starkes Weib aus Jötunheim namens HYRROKIN (Feuerräucherige) herbeizuholen, die Berge zu verrücken imstand wäre. Es geschah, und die Alte kam sturmschnell auf einem riesigen Wolf angeritten, der mit einer Natter gezäumt war. Mit einem einzigen Stoß schob sie das Schiff in die Wellen. Thor aber ergrimmte über der Riesin rohe Weise und hätte ihr gern mit Mjölnir das Lebenslicht ausgeblasen, wenn nicht die übrigen Asen, auf das freie Geleit Hyrrokins hinweisend, ihn abgehalten hätten. So ließ er seine Wut am Zwerg LIT (Farbe) aus, der ihm unter die Füße kam, und warf ihn ins Feuer.

Während dies geschah, war Hermoder nach neuntägigem Ritt an den Fluß GJOLL (Gellende) gelangt, der Hels Reich von den anderen Welten scheidet, und von der Brückenwächterin MÖDGUD (Seelenkampf) nach Hels Wohnsitz gewiesen, erreichte er denselben bald und setzte mit Sleipnir über das verschlossene Gitter in das Totengebiet. Bald gelang es ihm, Balder und Nanna zu finden. Sie saßen auf einem Ehrenplatz, aber traurig und ohne die goldenen Pokale zu berühren. Hermoder wandte sich aber sogleich an die grauenhafte Hel und richtete seinen Auftrag aus; er hob her vor, daß alle Wesen der Welt über Balders Tod trauerten. Da erwiderte ihm Hel: „Weint alles Lebendige und Tote um Balder, wohl, so mag er zurückkehren ans Licht; bleibt aber ein einziges Auge trocken und tränenlos, so muß er ewig in meinem Saal weilen.“ Den Göttern in Asgard dünkte dieser Bescheid nicht ungünstig, und sogleich wurden Boten nach allen Seiten ausgesendet, welche alle Wesen und Dinge auffordern sollten, dem entschwundenen Balder Tränen zu weihen. Da rieselten allen lebenden Geschöpfen die Zähren über die Wangen; die Blätter und Blumenkelche füllten sich mit Tauperlen, und selbst von den Steinen troff das geweinte Naß herab. Als aber die Boten zurückkehrten, fanden sie auf dem Weg vor ihrer Höhle die Riesin THOKK (Dunkel), welche trotz aller Bitten den Tränenzoll verweigerte. „Was soll ich weinen um Balder?“ sprach sie. „Er hat mir weder im Leben noch im Tod Nutzen geschafft. Mag Hel behalten, was sie hat! „ So blieb Balder der Oberwelt verloren. Das „tückische Weih“ aber war niemand anders als der Schurke Loki.

Nun hatte die Seherin Wala zuletzt auch Odin geweissagt, der Rächer Balders, der die von Pflicht und Gesetz gebotene Blutrache am Mörder vollziehen werde, müßte seinem eigenen Blut entstammen und der Königstochter RINDA (Rinde, Erdkruste) Sohn sein. Nachdem also alle Hoffnung auf Balders Wiederkehr geschwunden war, begab sich Odin in das Land der Ruthenen, zu BILLING, Rindas Vater. Er trat dort als Kriegsmann auf, bot dem König seine Dienste an und verrichtete solche Heldentaten, daß ihn Billing zum Feldherrn machte und ihm die Hand seiner schönen Tochter versprach. Allein diese wies die Werbung schroff ab und schlug sogar dem zudringlichen Freier ins Gesicht.

Hierauf spielte Odin die Rolle eines reichen Goldschmieds, wurde aber schließlich gerade so abgefertigt. Er erschien dann noch als stolzer Ritter bei dem königlichen Hoffest, erhielt aber, als er um einen Kuß bat, von der spröden Rinda einen solchen Stoß, daß er in die Knie sank. Endlich nahm er Mädchengestalt an, diente der Prinzessin treulich und versetzte sie mit seinem Zauberstab in schwere Krankheit, übernahm dann als Arzt die Heilung und errang so die Hand der dankbaren Rinda. Ihr Sohn WALI wuchs in wenigen Stunden zum kräftigen Jüngling heran und verstand sich auf die Führung des Bogens wie Uller. Ungekämmt und ungewaschen erscheint er am nächsten Tag in Walhalla und erlegt mit seinen Pfeilen den das Licht des Tages meidenden Höder, worauf ihm die Asen zum Dank die Halle WALASKJALF erbauten, deren Dach aus glänzendem Silber bestand.

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Uller

Rindas, der Erdkruste, Sohn WALI, auch Bul oder Bous (Bauer) genannt, ist der Lenz, welcher den Gott der düsteren Jahreshälfte, Höder, tötet und so des sommerlichen Balders Tod rächt. Der ganze Mythos ist in der Edda mit dem Weltuntergang verflochten und gewinnt durch Lokis Dazwischentreten und die Unschuld Höders einen hochtragischen Anstrich. Die dänische Sage hat die ursprüngliche Naturanschauung besser bewahrt. Bei ihr befinden sich nämlich Balder und Höder in einem sich wiederholenden Kampf um die von beiden geliebte Nanna, und Höder trägt den Sieg davon. Übrigens klingt die Baldermythe in der Nibelungensage nach, in welcher der lichte Sonnenheld Siegfrid (Sigurd) von dem falschen Hagen erschlagen wird.

GERD, Freyers Gemahlin, war die Tochter des Riesen OEGIR (Schrecken), der zugleich Heimdals Großvater und Beherrscher der stürmischen Meeresflut war. Nach der Verheiratung Gerds machte er in Asgard den Asen einen Besuch und freute sich der ihm zuteilgewordenen Aufnahme so, daß er die Götter alle zu sich auf die Zeit der Leinernte einlud. Die Gäste stellten sich alle zur genannten Zeit auf seinem Eiland ein. Aber obgleich Oegir alles aufgeboten hatte, um die Asen zu befriedigen, kam er doch bald in große Verlegenheit. Es fehlte ihm der Met, weil er keinen Braukessel besaß, und der durstige Thor zog ein schiefes Gesicht. Da erinnerte sich Thor, daß sein Stiefvater, der im fernsten Osten wohnende Riese HYMIR (Schläfrige), einen Kessel, eine Meile tief, besaß. Diesen erbot er sich herbeizuschaffen, wenn Thor in begleiten wolle. Des Blitzgottes Böcke trugen sie schnell zur Stelle, wo sie von Tyrs goldgelockter Ahne willkommen geheißen wurden, aber vor der neunhundertköpfigen Alten zurückbebten. Bald kehrte der auf der Jagd beschäftigte Hymir zurück, und die Gaste versteckten sich hinter einer Säule, da ihnen erzählt worden war, daß der Riese im ganzen den Fremden abhold wäre. Hymir sprengte mit seinem Zornesblick die Säule; doch scheute er sich vor Thors Hammer und befahl drei Stiere zuzurichten. Thor verzehrte allein zwei davon, und der Riese meinte, er werde am anderen Morgen auf den Fischfang ausfahren, damit die Fremden nicht seiner Herde ein Ende machten. Thor bot sich ihm als Begleiter an und fand sich in der Frühe beim Boot ein. Hymir spottete aber des kleinen Mannes und meinte, derselbe würde wohl bald frieren und der Heimkehr begehren. Als hierauf Thor einen Köder für seine Angelrute verlangte, fuhr er ihn an: „Suche Dir selbst einen!“ Aber wie erschrak er, als der Fremde einem seiner dunklen Stiere ohne weiteres den Kopf abriß und ins Boot sprang! Nun begann die Fahrt weit und immer weiter hinaus in die hohe See. Dort warf Hymir seine Angelrute aus und fing zwei Wale. Aber auch Thor senkte den Stierkopf in die Tiefe. Bald zuckte die Schnur und mit solcher Heftigkeit, daß Thor beim Anziehen auf die Schiffswand fiel. Schon lachte der Riese. Aber der Ase geriet in Wut, trat den Boden durch und zog, auf dem Meeresboden stehend, bis endlich die See hoch aufschäumte und die scheußliche Midgardschlange emporstieg und dem Gott ihren Rachen zeigte. Dieser schwang den Hammer und wollte dem Wurm den Schädel einschlagen, als Hymir herzuspringend die Angelschnur durchschnitt. Jörrmungandar entging so ihrem Schicksal, aber den Riesen belohnte ein Faustschlag, der ihn über Bord stürzte. Am Ufer angelangt, bat Hymir kleinlaut, Thor möchte entweder das Schiff an den Strand ziehen oder die Fische nach Hause tragen. Thor tat beides, forderte aber dann zur Belohnung den größten Braukessel. „Der Kessel“, sagte Hymir, „kann nur dem Mann zuteil werden, welcher meinen Trinkbecher zu zerbrechen vermag.“ Der Ase schleuderte hierauf das Gefäß mit solcher Macht an die Säule, daß das Gemäuer zerbrach, aber der Becher blieb unverletzt. „Hymirs Schädel ist härter als Stein“, raunte die Ahne ihm zu. Thor verstand den Wink und warf den Kelch dem Riesen an die Stirn, daß er in tausend Scherben zerschellte. Hierauf nahm Thor den Kessel, stülpte ihn über den Kopf und schritt aus der Halle. Hinterdrein aber stürmte Hymir mit einer Anzahl vielköpfiger Thursen, um ihm den Rückzug abzuschneiden. Dies gelang ihnen jedoch nicht.

Mjölnir tat seine Schuldigkeit, und die Unholde wurden teils vernichtet, teils nach Nifelheim verscheucht. Nun herrschte laute Fröhlichkeit in Oegirs Halle. Der schäumende Met kreiste, und die Asen suchten ihren Harm über Balders Tod zu vergessen. FUNAFENG (Feuerfänger) und ELDIR (Zünder), die flinken Diener des Wirts, warteten emsig ihres Amtes. Loki kam zuletzt auch noch zum Gelage, und da ihn Funafeng schnöde an der Tür zurückwies, so erschlug er ihn und entwich in den Wald. Doch bald schlich er sich wieder herbei, und als er von Eldir hörte, daß die Asen von ihren Taten sprächen und nur von ihm selbst kein gutes Wort wüßten, trat er frech in den Saal und begann die sämtlichen Asen mit unerhörten Lästerungen und Schmähungen zu überschütten. Ja, endlich rühmte er sich Frigg gegenüber ganz offen, daß er es gewesen, der Balder zu Hel gesendet hätte. Da erschien Thor, und vor seinem Hammer wich der Frevler, nachdem er dem ganzen Göttergeschlecht den Untergang prophezeit hatte. Tief im Gebirge baute er sich neben einem Wasserfall eine Wohnung mit vier Türen und war täglich vor seinen Verfolgern auf der Hut. Auch erfand er in seiner langen Mußezeit das Fischernetz. Odin ersah aber doch endlich von seinem hohen Sitz aus des Bösewichts Versteck und zog mit der ganzen Asenschar gegen ihn zu Felde. Sie kamen zur windigen Hütte, fanden aber Loki nirgends. Doch entdeckten sie in der glimmenden Asche des Herdes das halbverbrannte Netz, welches der Verfolgte beim Nahen der Fein de dem Feuer überliefert hatte, und nun war es ihnen klar, wo der selbe sich verborgen hatte. Rasch verfertigten sie nach dem Rest des Geflechtes ein neues großes Netz und beginnen damit den Wasserfall zu durchsuchen. Schon beim ersten Zug merken sie, daß etwas Lebendiges unter dem Netz weggeschlüpft sei. Sie beschweren daher dasselbe mit Steinen und beginnen den Fischfang von neuem. Da sprang plötzlich ein großer Lachs über das Netz hinweg und schwamm den Strom hinauf; als er aber rückwärts denselben Versuch wagte, fing ihn Thor, der mitten im Wasser watete, am Schwanz, und es entpuppte sich zum Jubel der Götter Loki in Person! SYGIN, Lokis Weib, eilte nun mit ihren Söhnen WALI und NARWI herbei, um Loki Beistand zu leisten.

Allein die grausamen Asen verzauberten Wali in einen Wolf, der sofort den Bruder zerriß. Dann schnürten sie den Vater auf drei scharfkantige Felsen fest, und SKADI nahm noch besonders Rache für den Tod ihres Vaters Thiassi, den Loki hauptsächlich auf dem Gewissen hatte, indem sie eine giftige Natter über des Gerichteten Haupt aufhängte, deren beißender Geifer demselben das Antlitz beträufeln sollte. Die treue Sygin wich jedoch nicht von Lokis Seite und fing das Gift in einer Schale auf. Nur wenn sie gezwungen war, das volle Gefäß auszugießen, näßte das Gift die Wangen des Unglücklichen, und er heulte dann laut auf vor Wut und Schmerz. Immer näher unterdessen rückte die Zeit heran, wo die alte Weltordnung zerfallen und das Unheil des Weltuntergangs, RAGNAROK (Götterdämmerung), hereinbrechen sollte über Götter und Menschen.

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Balder und Nanna

RAGNAROK

Kurz vorher bildeten Eigennutz und Habgier die einzigen Triebfedern der Handlungen, und Mord und blutige Kriege nahmen in schrecklicher Weise überhand. Die Erde verödete und verlor ihre schöpferische Kraft, die Sonne trübte sich und endlich folgten sich drei schreckliche FIMBULWINTER (ungeheure Winter) ohne dazwischenliegende Sommer. Alle Gewächse auf Erden erstarrten unter dem unaufhörlichen Schneegestöber, und die Menschen starben vor Kälte und Hunger. Dann ereilten die Riesenwölfe Sköll und Hati den Mond und die Sonne und verschlangen sie.

Die Sterne fallen vom Himmelsgewölbe, die Grundfesten aller Welten wanken und die Banden und Ketten aller Ungeheuer der Tiefe brechen. Die Midgardschlange erhebt sich aus dem Abgrund der Meerflut, der Wolf Fenrir reißt sich los, der Höllenhund Managarm steigt an die Oberwelt, der Feuerriese Surtur mit den Muspelsöhnen sowie die Hrimthursen sammeln sich zum Kampf. Auch Loki sprengt seine Fesseln und besteigt mit seinen Sippen das Schiff NAGELFARI, gezimmert aus den Nägeln der Toten. Auf dem Kriegsfeld WIGRID ordnet Loki seine Scharen, während die Asen samt den Einheriem heranreiten. Ein entsetzlicher Vernichtungskampf hebt an. Allvater wird vom Fenrirwolf verschlungen, Heimdal und Loki durchbohren sich gleichzeitig; Thor erschlägt die Midgardschlange Jörmungandar, wird aber selbst durch ihren giftigen Hauch getötet. Freyer, dem seine Wunderwaffe fehlt, unterliegt dem Flammenschwert Surturs; Tyr erwürgt den Höllenhund, fällt aber dann selbst, zu Tode verwundet. Odins Tod rächt sein Sohn, „der schweigsame Ase“ WIDAR. Er stößt dem Fenrirwolf die dicke Sohle seines Fußes in den Rachen und reißt ihm die Kiefern auseinander. Nach diesen Kämpfen der Mächte, die über Licht und Finsternis gebieten und die lebhaft an die Genossen der iranischen Todfeinde Ahriman und Ormuzd erinnern, gewinnt Surtur mit seiner Lohe freies Walten. Er verbrennt die Weltesche Yggdrasil und schleudert seinen Brand über Himmel und Erde. Dennoch führte im Glauben unserer Väter der Weltbrand nicht zum Urzustand des chaotischen Nichts zurück, sondern es folgte ihm im Laufe der Zeit eine Erneuerung alles Geschaffenen. Eine frische Sonne stieg am Himmel empor, und aus der Tiefe er hob sich eine neue Erde, die sich bald mit Gras und Kräutern schmückte. Und siehe, aus dem Wald HODDMIMIR tauchten auch zwei Menschenkinder auf, die dort schlummernd den Untergang der Welt überlebt hatten, eine Frau LIF (Leben) und ein Mann LIFTHRASIR (Lebenslieber)! Sie wurden die Stammeltern von einem um vieles besseren Menschengeschlecht. Von den Asen leben noch Widar und Wali; zu diesen gesellen sich Magni und Höder, jetzt in Liebe vereint, stellen sich ein und durchwandeln Arm in Arm das IDAFELD (erneute Feld), die Stätte des einstigen Asgard: das GOLDALTER der Welt ist zurückgekehrt.

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Schwerter schmiedende Zwerge