Germanenherz

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Ein Volk, das sich einem fremden Geist fügt, verliert schließlich alle guten Eigenschaften und damit, seine Kultur und sich selbst. Wir sind und werden gezwungen, unseren eigenen speziellen Charakter und unseren Lebensstil zu verbergen und zu Verachten, um nicht als Nazi oder Antisemit verspottet und ausgegrenzt zu werden. Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheiten ihres Geistes und ihre Sprache nimmt. Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluss von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die jüdische Fremdherrschaft zu verewigen.

Wir Deutschen haben uns für unsere Vergangenheit und unsere Ahnen nicht zu schämen, ganz im Gegenteil, wir müssen sie unbedingt neu entdecken. Es ist unsere Pflicht uns mit der Germanistik auseinanderzusetzen. Wir Deutschen haben eine wahre Kultur. Wir Deutschen gehören zu dem Ursprung einer westlich zivilisierten und autarken Welt ohne das wir eine kulturelle Identität künstlich erzeugen müssen indem wir andere Kulturen vernichten! Wir sind mehr als das was uns seit Dekaden eingeredet wird, wir haben eine Geschichte die es wert ist sich zu entwickeln, denn unsere Vorfahren haben ihr Leben gegeben damit wir heute in Freiheit leben sollten.

In  Wahrheit baute  die germanische Weltanschauung auf die Gleichstellung von Menschen und dem Respekt gegenüber der Natur.  Gewalt, Naturzerstörung, egoistischer Intellekt waren verpönt, der Sinn für das Gemeinwohl (Natur inkl. Mensch) war vordergründig. Nichts wurde getan, ohne die Ahnen und die beseelte Natur zu fragen. Das alte Wissen war allen zugänglich und wurde nicht von elitären Herrenmenschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht und der Masse vorenthalten worden!

Das alles ist ein wesentlicher Teil der deutschen Historie, welche jedoch immer mehr in das Vergessen gedrängt wird. Wir sind inmitten eines kulturellen Bewusstseins der Selbstaufgabe und des ewigen Schuldkult, ohne sich auf das zu besinnen was wir sind und andere Völker als selbstverständlich erachten. Den Deutschen hat man die Geschichte abtrainiert. Bei den einen reicht das Gedächtnis nur bis zur letzten Fußball-WM, bei den anderen nur auf 1933.1945. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern will, wird dazu genötigt, sie im weniger Positiven bzw. die negativen Eigenschaften zu wiederholen.

Wer sich aber mit den alten germanischen Mythen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass uns die Judeachristen unsere fundamentalen Lebensgrundlagen und Lebensweisheiten gestohlen haben!. Die drei großen patriarchalen Religionen (Christentum, Islam, Judaismus) sind für rasendes Massenmorden, rücksichtslose Industrialisierung, Sklavenarbeit, Ungerechtigkeit, Plünderung der natürlichen Ressourcen verantwortlich! Sie haben uns den Zugang zu unseren Seelen geklaut, uns von ihren (Schulen, Banken, Medien) abhängig gemacht!
***Es ist an der Zeit, dass Odin zurückkommt***
.odin geist
Allvaters Anrufung
Der Du einst im Waldesrauschen
Deinem Volke Dich genaht,
Dass sein Herz in brunst’gem Lauschen
Sich entzündete zur Tat,

Der Du standest an Deutschlands Seite
Immerdar und allerorts,
Kraftverleiher warst im Streite,
Spender tiefen Weisheitsworts,

Wir, von Deinem Blut geboren,
Gott der Deutschen, nahen Dir,
Wir, in fremdem Volk verloren,
Dich, Allvater, rufen wir.

Hast es manches Mal gesehen,
Jenes Schauspiel voller Gram:
Sahst aus Deutschland Deutsche gehen,
Deren keiner wiederkam,

Die in Angst vor fremden Spöttern
Sich des Vaterlands geschämt,
Opfer brachten fremden Göttern,
Sich mit fremdem Putz verbrämt;

Hör’ uns rufen, hör’ uns schwören:
Wir sind treu, und wir sind Dein,
Unser Land soll uns gehören,
Uns’res Landes woll’n wir sein!

Sieh’, der Fremdling will’s verhindern,
Altes Recht, er schreibt es neu —
Vater, bleibe Deinen Kindern,
Gott der Deutschen, bleib’ uns treu!

Schüttle Deine heil’gen Locken,
Necke die allmächt’ge Hand,
Dass der Eindringling erschrocken
Weiche aus dem deutschen Land;

Dass er zagen lerne, zittern
Vor urew’ger Majestät,
Wenn in heil’gen Ungewittern
Deutsche Gottheit aufersteht;

Dass das Herz uns mutig werde,
Stark in neuer Zuversicht:
Vatergott und Vatererde
Raubt uns Macht der Menschen nicht!


Viking_Toto_Germanenherz
Vom Hohen Norden wird er kommen mit seinen Streitwagen, und seine Macht wird unbezwingbar sein. Eine Schar Aufrechter wird um Ihn sein, ihnen wird er das Licht geben, und sie werden der Welt leuchten, Und die Stunde des Lichtes wird heimkehren über die Erdenwelt.
Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Man sei sich der Gegenkräfte gewahr und schließe nicht die Augen vor ihnen. Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Zum Leben gehört auch der Mut zum Konflikt. Hindernisse sind dazu da, furchtlos, aber umsichtig überwunden zu werden. Man vertraue seinem Willen und seinem innerem Impuls. Man diene mit diesen Kräften der Schöpfung. Man tue, was zu tun ist. WENN DIE ZEIT REIF IST
toto_haas_lichtbringer*** Die Zeit ist nun reif ***
*** Mein Volk Erwache ***
Nur der Wache (Sehende) erkennt schnell die Lüge! Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken, Wo alle spotten, spottet nicht. Wo alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht. 

Die Indogermanen

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905)

Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905)
(PDF-Dateien: Band 1, Band 2)

Vorwort

In diesem Buche habe ich beabsichtigt, eine knappe Übersicht über die Urheimat und Kultur der Indogermanen zu geben. Um die Urheimat zu bestimmen, mussten die Sprachen Europas betrachtet und die Wanderungen der einzelnen Stämme kurz dargestellt werden. Die Kultur der Indogermanen aber ist die des prähistorischen Europas überhaupt, da sich auf diesem Gebiet Grenzen zwischen ihnen und den übrigen Völkern nicht ziehen lassen. Mein Plan war von allem Anfang an darauf gerichtet, ein allgemein verständliches Buch zu schreiben. Ich habe daher in der Darstellung alle Anmerkungen vermieden und diese an den Schluss des Werkes in einen dritten Teil verwiesen. In diesem wird der Leser die Literatur, die ihn weiter führen kann, das sprachliche Material, soweit es wirklich beweiskräftig ist, und zahlreiche Zeugnisse angeführt finden. Auch einige ausführliche Erörterungen sollen dort ihren Platz erhalten. Da die Fülle des Stoffes schliesslich nicht in einem Band vereinigt werden konnte, so ist eine voraussichtlich gleichmässige Teilung vorgenommen. Doch wird der zweite Band so eingerichtet werden, dass man die Anmerkungen besonders binden lassen und dann bequem neben dem Texte benutzen kann.

Den Plan zu diesem Buche habe ich im Jahre 1891 gefasst und seitdem nie aus dem Auge verloren. Eine ganze Reihe kleinerer Aufsätze, die ich seit dieser Zeit veröffentlicht habe, waren die Frucht der dauernden Beschäftigung mit den behandelten Problemen. Die erste, nicht vollendete Ausarbeitung stammt aus dem Jahre 1897. Ich musste diese aus äussern Gründen abbrechen und bin erst vor zwei Jahren wieder dazu gekommen, die endgültige Fassung zu beginnen. Die Grundgedanken, von denen dieses Buch beherrscht ist, dass die Heimat der Indogermanen in der grossen nord-ostdeutschen Tiefebene zu suchen ist, und dass ihre Kultur bei weitem höher war, als man jetzt anzunehmen pflegt, stehen mir seit langem lest, und icli habe sie schon wiederholt ausgesprochen. Kbenso habe ich betont, dass sich mit Hilfe der Sprachwissen-schalt allein über die Kultur wenig ermitteln lassen wird. Die Sprache stellt daher nur im ersten Teil im Vordergrund, bür die Bestimmung der Wanderungen und der Verteilung der Völker ist sie unsere beste Führerin, für die Krschliessung der Kultur kann sie nur als Hilfswissenschaft in Betracht kommen.

lös ist selten zum Vorteil einer Wissenschaft, wenn sich nur wenige Forscher mit ihr beschäftigen. Die sog. indogermanische Altertumskunde wurde seit Jahren fast allein von O. Schräder betrieben, und es ist daher die Gefahr vorhanden, dass dessen Ansichten von Fern erstehen den für die von der Sprachwissenschaft allgemein anerkannten angesehen werden. Da ich die Richtigkeit gerade der wichtigsten Aufstellungen Schräders bezweifeln musste, so war es schon deshalb angebracht, in einer Gesamtdarstellung eine andere Auffassung zur Geltung zu bringen. Im übrigen wird man sehen, dass mein Buch ganz andere Wege einschlägt und andere Ziele verfolgt als die Schräders.

Am Schluss einer langem Arbeit ziemt es sich für mich, dankbar auf die mannigfache Förderung zurückzublicken, die ich erfahren habe. Vor vielen Jahren hat es mir die Albrcchtstiftung unserer Universität ermöglicht, Bosnien und die Herzegowina in längerm Aufenthalt kennen zu lernen. Wenn ich auch auszog, um serbische Dialekte zu studieren, so ergab sich doch als wesentlichstes Ergebnis der Einblick in die höchst altertümlichen wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Länder. Und dieser Einblick ist, glaube ich, diesem Buche ausserordentlich zugute gekommen. Die lebendige Anschauung ist eben durch keine Bücher zu ersetzen.

Auch jetzt wieder hat mir die Albrcchtstiftung die Fertigstellung dieses Buches ermöglicht. Die bedeutendste Förderung auf ethnologischem Gebiete habe ich durch E. Grosses Bücher . Die Anfänge der Kunst«, und Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft« erfahren. Mannigfache Anregungen im persönlichen Verkehr kamen hinzu. Büchers Schriften haben mich in die volkswirtschaftlichen Fragen eingeführt, und ebenso habe ich aus dem Umgang mit ihm manchen wertvollen Fingerzeig erhalten. Der Frage nach der Urheimat der Indogermanen brachte Fr. Ratzel stets das grösste Interesse entgegen und im Hin und Wider der lebendigen Unterhaltung mit ihm hat sich manche Ansicht bei mir geklärt.

Prof. Hoops in Heidelberg und Prof. S. Müller in Kopenhagen haben mich durch die Überlassung der Aushängebogen ihrer Werke zu grossem Danke verpflichtet. Ich habe mich gefreut, ihren bedeutenden Ergebnissen meist rückhaltlos zustimmen zu können. W. Streitberg hat mir in mehr als einer Beziehung bei diesem Buche beigestanden. Bei der Korrektur hat er mir grosse Dienste geleistet. Ich kann ihm meinen Dank nicht besser abstatten, als dass ich ihm dieses Buch widme.

Dass eine Arbeit, die ein so weites Gebiet zusammenfasst, nicht ohne Mängel sein kann, dessen bin ich mir wohl bewusst. Ich glaube aber dafür gesorgt zu haben, dass der Leser das sichere vom unsichern unterscheiden kann, und dass er, wenn er will, zu den Problemen hinabsteigen kann.
Die Indogermanen – Die Nachbarn der Indogermanen: Iberer, Urbewohner der britischen Inseln, Ligurer, Etrusker, die Prähellenen, Kleinasiaten und Finnen

I. TEIL.

Einleitung. — Die Nachbarn der Indogermanen: Iberer, Urbewohner der britischen Inseln, Ligurer, Etrusker, die Prähellenen, Kleinasiaten und Finnen.

l. Einleitung und Vorbemerkungen.

Die Geschichte in dem Sinne, wie sie gewöhnlich verstanden wird, beginnt in Europa aussergewöhnlich spät. Wenn es neuerdings gelungen ist, tiefer in das Dunkel des griechischen Altertums einzudringen, so führt uns auch das kaum viel über das erste vorchristliche Jahrtausend zurück, und die Geschichte der nordeuropäischen Völker in der Zeit vor der christlichen Zeitrechnung ist ausserordendlich dürftig. Ein berechtigtes Streben treibt dazu, tiefer in die Schicksale der Völker einzudringen, die nunmehr fast seit drei Jahrtausenden die Weltgeschichte beherrschen und das höchste für die menschliche Kultur geleistet haben. Wir wollen wissen, woher sie stammen und wie sie gelebt haben, bevor sie vor unsern Augen schaffend und handelnd auftreten. Einiges davon lässt sich in der Tat erkennen und dies darzustellen ist die Aufgabe dieses Buches, das daher in zwei Teile zerfällt. Der erste behandelt die Herkunft und die Wanderungen der europäischen Völker, insbesondere derer, die wir indogermanische nennen, und der zweite will ein Bild ihrer vorgeschichtlichen Kultur geben, soweit wir dies mit den Mitteln, die uns zu Gebote stehen, zeichnen können.

Seit dem Ende der Eiszeit, das wir zeitlich nicht festsetzen, kaum schätzungsweise bestimmen können, ist Europa zweifellos besiedelt gewesen. Geschichtliche Nachrichten führen uns schwer-lieh über das erste Jahrtausend vor Christus zurück, und so sind wir, uni die 1 lerkunft der Hewohner unseres Erdteils zu ermitteln, auf andere Hilfsmittel angewiesen, als sie die eigentliche Geschichte bietet. Die Funde, die in immer steigender Menge aus dem Schoss der Hrde ans Licht gefördert werden, künden uns wohl, dass Menschen gelebt haben, aber woher sie stammen, welche Sprache sic gesprochen, lehren sie uns nicht. Die Überreste menschlicher Körper, die uns die Gräber bewahrt haben, stimmen zwar vielfach mit den heute noch in Kuropa vorhandenen Menschentypen überein, aber auch sie vermitteln keine sichere historische Erkenntnis, da die Gelehrten oft genug noch nicht einig sind, was sic aus den menschlichen Überresten folgern dürfen. So bleibt uns denn nur eine Wissenschaft, die sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt hat, als Führerin übrig, die uns zwar nicht in allzuweite Fernen, aber doch sicher in Zeiten zurückführt, von denen keine geschichtliche Kunde auf uns gekommen ist, das ist die vergleichende Sprachwissenschaft. Sie hat uns in Europa eine Reihe grösserer Sprachstämme kennen gelehrt, von denen der wichtigste durch das Alter seiner Denkmäler und durch die Bedeutung der Völker, welche ihm ange hören, der indogermanische genannt wird.

Während man noch im 18. Jahrh. mehr oder minder unsichere Vermutungen über den Zusammenhang der europäischen Sprachen hegte, wurde auf einmal der Nebel unsicherer Spekulationen zerstreut und die Vergangenheit der europäischen Völker mit einem Schlage bis zu einem gewissen Grade erhellt, als Franz Bo pp nachwies, dass eine Reihe von Sprachen unseres Erdteils, wie Griechisch, Lateinisch, Germanisch, Litauisch und Slavisch mit denen Indiens und Irans, dem Sanskrit und dem Avestischen, auf das engste zusammenhingen. Diese Verwandtschaft Hess sich, wie die weitere Forschung lehrte, nur so denken, dass alle diese Sprachen aus einer nicht mehr erhaltenen Ursprache geflossen, also Töchter einer ausgestorbenen und untergegangenen Muttersprache seien. Da sie sich nach der damaligen Erkenntnis vom Indischen im fernen Osten bis zum Germanischen im Westen erstreckten, so nannte man den Sprachstamm, dem sie angehörten, den Indogermanischen. Als man erkannte, dass er sich noch weiter nach Westen ausgedehnt habe, dass ihm auch das Keltische zuzurechnen sei, hat man den Namen indokeltisch als zutreffender vorgeschlagen, ohne dass dieser dem eingebürgerten gegenüber hätte Anerkennung gewinnen können. Während wir Deutsche bei der älteren Bezeichnung beharren, hat sich sonst der Name indoeuropäisch Geltung verschafft, der insofern nicht berechtigt ist, als die europäischen Sprachen nicht durchweg unserm Sprachstamm angehören. Und schliesslich finden wir nicht selten auch den Ausdrucke arisch gebraucht, den zweifellos die Inder und Iranier als Bezeichnung für sich selbst angewendet haben, und von dem man vermutet hat, dass er auch im Westen, in Irland, vorhanden war. Aber diese Annahme ist nichts weniger als sicher, wenngleich sich nicht verkennen lässt, dass der Name Arjo-in der Namengebung sehr beliebt war. Die Indogermanen haben aber wahrscheinlich kein einheitliches Volk mit dem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gebildet, sondern sie sind wie noch in spätem Zeiten die geschichtlichen Völker in zahlreiche Einzelstämme zerfallen, so dass sie sich schwerlich mit einem Gesamtnamen bezeichnet haben.

Andere Bezeichnungen wie japhetitisch, teutarisch haben sich niemals einer weitern Verbreitung zu erfreuen gehabt. So wird man am besten bei dem in Deutschland eingebürgerten Ausdruck Indogermanen bleiben, wenngleich der Name „Arier“ durch seine Kürze manche Vorzüge für den Gebrauch aufwiese. Die Zahl der Sprachen, die wir zu diesem Stamme rechnen, hat sich mit der Zeit und unserer wachsenden Kenntnis immer noch vermehrt und wird sich vielleicht in kommenden Jahren noch vergrössern, wenn uns günstige Funde mit neuen Sprach-quellen bekannt machen. Sind auch viele Gruppen der indogermanischen Sprachfamilie im Laufe der Zeiten ausgestorben, so leben doch heute noch acht Abkömmlinge des alten Sprach-zweiges fort, nämlich Griechisch, die romanischen Sprachen, die vom alten Latein stammen, die keltischen und germanischen Dialekte, das Litauische, das Slavische, das Albanesische, das Armenische und die arischen Sprachen in Asien. Ihr Schicksal hat sich sehr verschieden gestaltet. Denn während heute die romanischen, germanischen, slavischen und arischen Dialekte weite Länder auch ausserhalb Europas beherrschen, ist das Griechische auf einen verhältnismässig kleinen Kreis der Mittelmeerküste beschränkt. Keltisch, Litauisch, Albanesisch und Armenisch aber breiten sich kaum noch aus, sondern sie werden von den übermächtigen Nachbarsprachen mehr und mehr zurückgedrängt.

Die Geschichte aller dieser Sprachstämmc ist sehr merkwürdig und wird später kurz vorgeführt werden, dem ausserdem eine Betrachtung der ausgestorbenen Idiome anzureihen ist. Wir sehen, wie sich diese Sprachen im Laufe der Geschichte über ein ungeheures Gebiet ausgedehnt haben, und da wir eine derartige Ausdehnung auch für die vorgeschichtlichen Zeiten voraussetzen dürfen, so müssen wir annehmen, dass das Land, in dem die Ursprache gesprochen wurde, viel beschränkter gewesen ist als es zu der Zeit war, in der die Geschichte ein erstes Licht auf diese Stämme verbreitet. Diese grosse Ausbreitung, die sich naturgemäss durch Wanderungen vollzogen hat, zu verfolgen, wird eine der Aufgaben dieses Buches sein. Ehe wir aber an sie herantreten, ist es nötig einige allgemeine Begriffe festzustellen, die, wenn sie nicht genügend scharf gefasst werden, leicht zu Verwirrung Anlass geben,

Rasse, Volk und Sprache.

Auf Grund der Ergebnisse der Sprachwissenschaft vermuten wir, dass einst eine Sprache bestanden hat, aus der alle die genannten Sprachen geflossen sind. Diese Annahme ist so sicher, wie nur etwas sein kann, denn das Fortleben einer Sprache ist in der schriftlosen Zeit nur so denkbar, dass sie von Mensch zu Mensch, vom Mund des einen zum Ohr eines andern übertragen wird. Erschliessen wir aber eine indogermanische Sprache, so setzt das auch notwendig Menschen voraus, die sie gesprochen haben. Man nennt sie Indogermanen. Mit einer leicht erklärlichen Übertragung spricht man aber auch von einem indogermanischen Volke, ja man redet sogar von einer indogermanischen Rasse, ohne sich klar zu machen, dass wir mit diesen Ausdrücken schon über das Erkennbare hinausgehen. Jedenfalls darf man diese Worte nicht ohne weiteres eines für das andere gebrauchen, denn Rasse, Volk und Sprache sind drei Begriffe, die wir auf das schärfste auseinanderhalten müssen.

Der Begriff „Rasse“ bezieht sich auf die körperlichen Eigenschaften des Menschen, die Eigenschaften, mit denen er geboren wird, und denen er nicht entfliehen kann. Die Menschen zeigen in grossen geographischen Provinzen bei aller Verschiedenheit im einzelnen gewisse Ähnlichkeiten im allgemeinen, die sie von Bewohnern anderer Länder unterscheiden. Das augenfälligste Merkmal ist die Hautfarbe, von der denn auch eine der wichtigsten Einteilungen der Rassen stammt, da wir die weisse, die gelbe, die rote und die schwarze Rasse unterscheiden. Zur weitern Einteilung dienen andere Merkmale, die es uns ermöglichen, auch innerhalb der weissen Rasse noch Unterabteilungen anzunehmen. Welche das sind, wird weiterhin erörtert werden, jedenfalls aber darf man nicht glauben, dass die Sprache ein Kennzeichen der Rasse ist, denn die Sprache eignet man sich erst nach der Geburt an, und es ist unzweifelhaft, dass jedes Kind die Sprache der Menschen lernt, unter denen es aufwächst. Ein Kind deutscher Eltern wird in England, wenn es nur englisch hört, so gut die Landessprache lernen, wie nur ein Brite. Die Vermutung, dass in den Sprachorganen verschiedener Menschenrassen oder Völker Unterschiede bestehen, die notwendig zu verschiedener Aussprache führen müssten, hat sich noch nicht bewahrheitet und wird sich wahrscheinlich auch nie als richtig erweisen lassen. Was dem einzelnen Menschen geschehen kann, dass er im fremden Lande eine andere Sprache lernt, darf auch für ganze Volksstämme vorausgesetzt werden. Dafür kennen wir Beispiele genug. Das klassische ist das der romanischen Sprachen. Gewiss sind römische Beamte und römische Kolonisten nach Spanien und Gallien gekommen, aber sie waren sicher so gering an Zahl, dass die eingeborene Bevölkerung anthropologisch nicht wesentlich verändert wurde. Die Masse der Gallier blieb genau dieselbe, mochte sie nun keltisch oder romanisch sprechen. Und so sind die heutigen Franzosen im wesentlichen die Nachkommen der alten Kelten oder einer noch altern Bevölkerung, die auch die eingewanderten Kelten zu verdrängen nicht vermocht hatten. Die neue Sprache ist eingeführt durch die römische Verwaltung. An gewissen hervorragenden Punkten hatte sich das römische Element stärker als anderswo festgesetzt, und von hier aus erfolgte die Romanisierung des Landes. In entlegenen Gegenden hat die keltische Volkssprache noch Jahrhunderte lang bestanden, ist aber dann völlig ausgestorben. Das heutige Keltisch in der Bretagne wird von Menschen gesprochen, die erst im 5. — 7. Jahrh. nach Chr. aus Cornwales eingewandert sind. Nur wenig anders wie in Frankreich steht es in Spanien. Hier hat sich wenigstens im Baski-schen ein Dialekt der alten Landessprache der Pyrenäenhalbinsel bis zum heutigen Tage erhalten. Auf der Balkanhalbinsel haben ebenfalls zahlreiche Sprachübertragungen .stattgefunden, und nur ein indogermanischer Dialekt hat sich im Albanesischen, wenn auch in stark veränderter Gestalt, gerettet. W ie die Ausdehnung der neuen Sprache vor sich geht, das lehren uns moderne Verhältnisse mit hinreichender Deutlichkeit. Seit der Besetzung Bosniens und der Herzegowina durch die Österreicher gewinnt das Deutsche in diesen Ländern an Verbreitung. In der Hauptstadt Serajevo wird sehr viel deutsch gesprochen. In den kleinern Städten lernen es wenigstens die angesehenem Einwohner, und von ihnen nehmen es allmählich auch andere an. Nach ioo Jahren würde vielleicht fast das ganze Land deutsch sprechen, wenn die Österreicher so vorgehen könnten, wie die Römer es getan haben. Die römische Sprache ist zweifellos in allen romanischen Ländern zur herrschenden geworden, ohne dass eine nennenswerte Blutmischung stattgefunden hätte. Aber auch in Italien hat die Sprache der Stadt Rom erst zahlreiche Dialekte verdrängen müssen, ehe sie zur Alleinherrschaft gelangte. Zum Teil hat hier wirkliche Kolonisation stattgefunden, aber in der Hauptsache ist das eingeborene Element nicht durch die Römer ersetzt, nur ihre Sprache ist aufgegeben.

Ein anderer klassischer Ort für die Übertragung von Sprachen ist England. Hier haben zuerst nicht indogermanische Stämme gelebt. Nach dem Eindringen der Kelten aus Gallien wurde das Keltische zur herrschenden Sprache, neben der aber die einheimischen Dialekte gewiss noch lange Zeit bestanden haben. Den Römern scheint es nicht gelungen zu sein, das Land in weiterm Umfang zu romanisieren. Im 5. Jahrhundert eroberten die Angelsachsen England. Ihre Sprache verbreitete sich, und viele Kelten haben sie zweifellos gelernt, aber bis zum heutigen Tage sind die keltischen Dialekte noch nicht vernichtet. Noch einmal stand für England eine Sprachvcränderung bevor. Nach dem Eindringen der Normannen, selbst eines ursprünglich germanischen Volkes, wurde das Französische, das diese in der Normandie angenommen hatten, die Sprache des Hofes und der herrschenden Klasse. Erst nach mehreren Jahrhunderten hat das angelsächsische Element wieder soviel Kraft gewonnen, um mit seiner Sprache zu siegen, die allerdings vieles aus dem französischen Wortschatz aufnehmen musste. Wie steht es nun mit den Bevölkerungsverhältnissen? Unzweifelhaft hat England durch die Einwanderungen auch neues Blut erhalten, aber es ist doch nicht soviel gewesen, dass nicht der ältere Typus gegenüber dem eingewanderten seine Geltung hätte bewahren können.

Die Sprache ist also, das brauchen wir kaum noch weiter auszuführen, wir stehen damit aber im striktesten Gegensatz zu den Anschauungen vor dreissig, vierzig Jahren, nicht für eine Rasse charakteristisch und ebensowenig für ein Volk. Dass ein Volk nicht aus Blutsverwandten, ja nicht einmal aus Angehörigen derselben Rasse zu bestehen braucht, das lehren zahlreiche Beispiele. In der Gefolgschaft des hunnischen Königs Attila befanden sich auch germanische Stämme. Im Deutschen Reich treffen wir deutsche, dänische, französische, litauische und sla-vische Sprache, sicher auch anthropologisch verschiedene Menschen, und auch für die ältere Zeit dürfen wir annehmen, dass verschiedene Sprachen auf einem geographisch abgegrenzten Gebiete, innerhalb einer politischen Einheit bestanden haben können.

Wir würden auf diese Punkte nicht so energisch hinweisen, wenn sie nicht oft genug vernachlässigt würden, und wenn wir uns nicht vor Missverständnissen schützen müssten. Da es aber in unserer Darstellung nicht immer angeht, von iberischer, keltischer, germanischer Sprache zu reden, so betonen wir ausdrücklich, dass wir die Ausdrücke Iberer, Kelten, Germanen usw. nur im Sinne der Sprache verwenden. Tatsächlich ist ja nun auch die Sprache das Element, das dem Menschen das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit am ehesten nahelegt. Als Deutsche gelten uns die Menschen, die deutsch sprechen, mögen sie in Deutschland, Österreich, Russland oder Amerika wohnen, und ebenso nennen wir Slaven die slavisch sprechenden, auch wenn sie deutsche Staatsangehörige sind. Nur wenn starke anthropologische oder religiöse Verschiedenheiten innerhalb einer Sprachgemeinschaft hinzukommen, wie bei den Juden, genügt die Sprache nicht zur Charakteristik. Für die ältern Zeiten aber ist und bleibt die Sprache überhaupt das einzige Mittel, nach dem wir die Völker einteilen können. Auch da, wo nur eine Sprachübertragung, keine Völkerverschiebung stattgefunden hat, setzt diese Tatsache einen geschichtlichen Vorgang voraus, der für uns von der höchsten Bedeutung ist. Treffen wir die indogermanischen Sprachen in entfernten Ländern, so folgern wir daraus mit Notwendigkeit eine Wanderung indogermanischer Stämme in diese Gegenden. Mögen diese auch nicht sehr stark an Zahl gewesen sein, mag das einheimische Element anthropo-loL,i“ch wenig oder gar nicht verändert sein, die politische Herrschaft und Gewalt müssen die Einwanderer doch so lange besessen haben, bis die einheimische Bevölkerung die fremde Sprache gelernt hatte. Das ist, wie schon die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen lehrt, oft genug geschehen, aber vielleicht noch öfter haben die Eroberer ihre Sprache zu gunsten der einheimischen aufgegeben. Den germanischen Stämmen, wie den Goten, den Vandalen, den Franken ist es zwar zeitweilig gelungen, mächtige Reiche im Süden zu gründen, aber ihre Sprache konnten sie nicht bewahren. Die Kelten haben ebenfalls ein gewaltiges Gebiet politisch beherrscht, aber ihre Sprache konnte sich noch weniger als die germanische durchsetzen. Es müssen also besondere Bedingungen sein, die einer Sprache zum Siege verhelfen, Bedingungen, die sich wohl noch erkennen lassen, und von denen vornehmlich die eine zu beachten ist, dass das eroberte Gebiet in einem gewissen Verhältnis zur Zahl der Eroberer stehen muss. Hat sich erst mal ein zusammenhängendes neues Sprachgebiet gebildet, so kann von hier aus allmählich eine weitere Ausdehnung eintreten. Die Geschichte lehrt uns, dass alle Sprachübertragungen schrittweise vor sich gegangen sind. Am deutlichsten ist auch hier wieder die Ausbreitung der römischen Sprache, die sich von Rom über Eatium, dann über Samnium, Etrurien, schliesslich über Italien und von da aus Schritt für Schritt weiter im Laufe vieler Jahrhunderte ausgedehnt hat. Ähnlich wird sich die Entwicklung an anderen Orten vollzogen haben. Auch Indien, Iran, Griechenland und andere Ränder sind erst allmählich indogermanisch geworden, und erst im Raufe von Jahrhunderten haben die Sprachen die Verbreitung erlangt, in der wir sie finden.

Wir dürfen uns deshalb die Wanderung der indogermanischen Stämme nicht, wie man das wohl früher getan hat, so-denken, dass sie mit einem Male infolge eines übermächtigen Wandertriebes, der sie ergriffen, samt und sonders aus der Urheimat aufgebrochen wären und nun auf den verschiedensten Wegen ihre spätem Wohnsitze erreicht hätten. Eine solche Auffassung ist so unhistorisch wie nur möglich, sie ist, das kann man mit Sicherheit sagen, ganz undenkbar. Wir werden sehen, dass die Indogermanen schon einen ziemlichen Grad der Sesshaftigkeit erreicht hatten, und unter solchen Verhältnissen machen sich Völker nicht ohne weiteres auf, um in ferne Länder zu ziehen. Ein rascher Zug durch weite Länderstrecken kann zwar zu zeitweiliger Eroberung führen und manche Verhältnisse umgestalten, aber zu nachhaltiger Umwandlung der Sprache führt er nicht. Weder die Kimmerier, die Kleinasien überschwemmten, noch die Skythen, die ihnen folgten, noch auch die spätem asiatischen Völker wie die Hunnen, Bulgaren, Mongolen haben ihre Sprache den Besiegten aufzwingen können. Nur eine allmähliche Ausbreitung mit immer erneuten Nachschüben kann zu dauernder Sprachübertragung führen.

Auch der Begriff des Volkes muss noch durch einige Bemerkungen näher bestimmt werden. Er ist heute im wesentlichen staatsrechtlicher Bedeutung, und in der Tat verbinden wir mit diesem Wort die Anschauung einer festen Vereinigung unter einer einheitlichen Leitung. An der Hand der Geschichte erkennen wir, dass sich diese Vereinigung erst allmählich vollzogen hat, ja dass auch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gleich sprechender Menschen erst allmählich entstanden ist. Je weiter wir zurückkommen, um so seltener finden wir eigentliche Völker, vielmehr zerfallen die Angehörigen eines Spracli-stammes zunächst in kleine Gruppen, die sich oft genug feindlich gegenüberstehen.

Fast überall, wenn auch nicht immer, ist die Einigung ein später Vorgang, der gewöhnlich dadurch hervorgerufen wird, dass ein Stamm mit der Zeit andere unterwirft und sich dadurch vergrössert. So ist denn auch dieser Begriff mit Sicherheit für die Urzeit kaum anwendbar, er entwickelt sich vielmehr im Laufe der Geschichte. Es ist aber wohl zu beachten, dass schon in früher Zeit zuweilen auch grössere Reiche und Volksverbände unter einheitlicher Leitung entstanden sein können, ja entstanden sein müssen. Während die Ausdehnung an den Grenzen vielfach in Form der Kolonisation vor sich gehen kann, setzt die Tatsache, dass Indogermanen in sehr ferne Gebiete gelangt sind, mit Notwendigkeit grössere Geschlossenheit und kriegerische Organisation voraus. Es müssen Stämme unter einem Häuptling ausgezogen und sich im fremden Lande behauptet haben.

Die Lage Europas und seine verschiedenen Völker.

Die Geographen wollen unser altes Europa nicht als vollgültigen Krdteil anerkennen und das mit vollem Recht. Ks verdankt ja diese seine Würde nicht wissenschaftlicher Überlegung, sondern dem zufälligen Umstand, dass die Geographie ihren Ausgangspunkt im Mittelmeerbecken genommen hat. Hin Blick auf die Karte lehrt uns in Kuropa eine Halbinsel Asiens erkennen, die auch mit Afrika eng verbunden ist. Denn das Mittelmeer bildet keine Trennungslinie, sondern verbindet die anliegenden Küsten. Aber doch ist hier wenigstens in dem Meer eine Grenze gegeben, während nach Osten hin zum Teil jede natürliche Scheidewand fehlt. Zwar trennt die Gebirgskette des Ural für eine grosse Strecke die Völker, aber südlich davon ist das nicht mehr der Fall, und erst in neuerer Zeit ist die Grenze hier dauernd festgelegt. Mit dem Begriff Erdteil können wir aber kulturhistorisch überhaupt nicht viel anfangen, für uns ist es vielmehr geboten, wirtschaftsgeographische Provinzen anzunehmen. Und da vermögen wir im Osten allerdings eine Grenze zu ziehen, wenngleich sie nicht scharf bestimmt werden kann. Denn hier geht das Waldland Europas mehr und mehr in eine Steppe über, nicht durch Zufall, sondern bedingt durch klimatische Verhältnisse, besonders durch den immer geringer werdenden Einfluss des Golfstromes. Im südöstlichen Russland, im Gebiete der Steppe hört der Ackerbau allmählich auf, und seit ältester Zeit fast bis auf die Gegenwart weiden dort wenig sesshafte Hirtenvölker ihre Herden. Diese Gegenden hängen in ihrer Natur und der Wirtschaftsform, die sie immer nur ermöglicht haben, eng mit den angrenzenden Teilen Asiens zusammen, und und hier haben wir also die Grenze unseres Kulturgebietes zu ziehen. Im Süden sind Nord- und Südküste des Mittelmeers einander ähnlich. Das Meer trennt hier die Völker nicht, es verbindet sie nur. A.ber die mächtigen Gebirge Kleinasiens bilden wiederum einen Grenzwall, der ein Naturgebiet von dem anderen scheidet, und über den im allgemeinen die Indogermanen nicht hinausgelangt sind. Ganz im Norden treffen wir in Osteuropa die Tundren, die sich gleichfalls deutlich von dem Waldgebiet abheben.

Innerhalb dieser Grenzen liegt nun ein Gebiet, das von der Natur ausserordentlich günstig ausgestattet ist. In Breiten, in denen anderswo fast dauernder Winter herrscht, in Ländern, die sonst unter Eis und Schnee begraben sind, ist der Mensch hier noch gut zu leben befähigt, dank den milden Lüften, die der Golfstrom von dem Wendekreise herbeiführt. Das Meer schneidet überall tief in den Erdteil ein, macht seine ausgleichende Wirkung geltend und gliedert ihn in so mannigfaltiger Weise, dass die Europäer die kühnsten Seefahrer der Welt geworden sind. Durchweg liegt er in der gemässigten Zone, und in den südlicheren Teilen unseres Gebietes sorgen mächtige Erhebungen für einen Ausgleich im Klima und für reichliche Bewässerung. Europa ist ganz einzig gestellt. Immerhin sind die Winter in den nördlichen Teilen und in den Gebirgen des Südens doch so hart, dass der Mensch von Anfang an zu einer Fürsorge für die unwirtliche Zeit gezwungen gewesen ist, und es haben sich daher beim europäischen Menschen Eigenschaften entwickeln müssen, die ihn weit über andere Menschen erheben. Vieles gewährt die Natur in unsern Landen, aber nichts ohne andauernde und angestrengte Arbeit, und so ist die Kraft und die Arbeitsfreudigkeit des Nordeuropäers zweifellos eine Eigenschaft, die ihm in Jahrtausenden anerzogen zur zweiten Natur geworden ist.

Bei dem kleinen Gebiet, das Europa verhältnismässig umfasst, muss die Fülle seiner verschiedenen Völker berechtigtes Erstaunen hervorrufen. Nirgends auf der Welt finden sich auf so engem Raume so viel Völkerindividualitäten, wie man wohl cum grano salis sagen kann. R. von Jhering hat in seinem geistreichen Buche »Vorgeschichte der Indoeuropäer« den leider nicht ausgeführten letzten Teil überschrieben »Die Verschiedenheit der Europäischen Völker«, und es ist bedauerlich, dass wir* seine Antwort auf diese Frage nicht erhalten haben. Aber schon dass er sie aufgeworfen hat, zeugt von einem tiefen Eindringen. Tatsächlich sind ja Griechen und Römer, Germanen und Slaven, Spanier und Franzosen stark von einander verschieden. Sie lassen sich an gewissen Eigenarten ihres Charakters erkennen und durch die Erzeugnisse ihres geistigen Lebens bestimmen. Diese Verschiedenheit weist darauf hin, dass sich in Europa Ströme verschiedenster Völker aus ganz entgegengesetzten Richtungen gekreuzt haben. Und in der Tat steht ja Europa für Asien wie für Afrika in gleicher Weise offen. Die Landbrücke, die unsern Erdteil im Osten mit Asien verbindet, ist zweifellos auch schon in vorhistorischen Zeiten der Weg mancher Völker gewesen, wie sie ihn in historischen Zeiten noch oft genug gewandelt sind. Aber auch das Mittelmcer hat dem Vordringen südlicherer Stamme nie einen Riegel vorgeschoben. Wie die Araber nach Spanien, die Türken nach der Balkanhalbinsel im Lichte der Geschichte vorgedrungen sind, so kann es auch in vorhistorischen Zeiten öfter, als wir ahnen können, der Fall gewesen sein.

Wir haben dabei nur ein Europa im Sinne, wie es geographisch heute noch vorliegt. Gehen wir in Zeiten zurück, von denen uns nur die Geologie und Geographie Kunde gibt, so wird das Bild ein ganz anderes. Die zwei grössten Tatsachen«, sagt Ratzel, Her. d. kgl. sächs. Ges. der Wiss. zu Leipzig 1900 S. 32, die wir nachweisen können, wenn wir von der Gegenwart aus zurückgehen, sind die Trennung Europas von Asien durch Eis, Meer und Seen, wodurch Europa Insel wurde, und der Zusammenhang Asiens mit Amerika über das heutige Beringsmeer weg. Beide sind von unberechenbarem Einfluss auf die Geschichte der Menschheit geworden, denn nichts geringeres als die heutige Rassensonderung und Rassenverteilung führt auf sie zurück. Wenn wir die Rassengemeinschaft zwischen Xordasiaten und Nordamerikanern, die durch den stillen Ozean getrennt sind, vergleichen mit der Rassensonderung zwischen Europäern und Asiaten, deren Wohnsitze ein Ganzes bilden, so glauben wir vor einem Rätsel zu stehen. Sehen wir aber, dass in der Diluvialzeit Asien und Amerika zusammenhingen, während Asien und Europa getrennt waren, so verbreitet sich Licht: die Mongoloiden von Asien und Amerika sind die Vertreter des zusammenhängenden Asien-Amerika, die weisse Rasse ist die Vertreterin des losgelösten Europa, eines Inselerdteils.« So verstehen wir das Dasein der besonderen weissen Rasse, aber die Fülle ihrer verschiedenen Unterformen und die Menge der verschiedenen Sprachen erhärten nur das, was jede Karte lehrt, mannigfache Wanderungen nach Europa.

Denn seiner natürlichen Lage entsprechend finden wir in Europa noch beim Beginn der Geschichte sechs verschiedene, mehr oder minder umfangreiche Sprachzweige, nämlich den iberischen in Spanien, den ligurischen in Südfrankreich und Italien, den rhäto-etruskischen in Italien und den finnischen im Norden unseres Erdteils. Dazu kommt die Sprache der Ureinwohner Griechenlands und Kleinasiens, die wir die pra-hellenische nennen wollen, und alle andern an Bedeutung und schliesslicher Ausdehnuug überragend, das Indogermanische. Von diesen leben nur drei heute noch fort, das Iberische im Baskischen, das Finnische und das Indogermanische, und es mag daher einst noch mehr Sprachzweige in unserm Erdteil gegeben haben. Im Laufe der Geschichte hat sich eine Sprache auf Kosten aller andern ausgedehnt, und heute beherrscht das Indogermanische fast ganz Europa, ist aber seinerseits wieder in zahlreiche Dialekte gespalten, die zu vollständig selbständigen Sprachen geworden sind, und sich aus ihrer heutigen Gestalt kaum noch als urverwandt würden erkennen lassen.

Hilfsmittel für die Kenntnis der Sprachen.

Wenn wir uns auch in diesem Buche hauptsächlich mit den indogermanischen Sprachen ihrer Bedeutung entsprechend beschäftigen wollen, so dürfen wir die übrigen Sprachzweige nicht ganz übergehen, denn aus ihrer Verbreitung und ihrem Untergang wird sich manches für die Geschichte und die Urheimat des Indogermanischen gewinnen lassen. Ausserdem sind schon alle diese Gruppen von einzelnen Forschern als indogermanisch angesehen worden, so dass wir auch aus diesem Grunde, wollen wir festen Boden unter den Füssen gewinnen, auf sie eingehen müssen. Freilich sind unsere Hilfsmittel für ihre Erforschung nichts weniger als glänzend. Von manchem Sprachzweige, wie dem Ligurischen, besitzen wir keine zusammenhängende Urkunde, und wir sind daher darauf angewiesen, andere Sprachüberlieferungen heranzuziehen. Das sind vor allem die Namen, die uns teilweise verhältnismässig reichlich bekannt sind; Namen von Personen und Völkern, Benennungen von Orten, Flüssen und Gebirgen sind uns nicht wenige überliefert, und es ist eine Eigentümlichkeit dieses Materials, dass es auch dann noch bestehen bleibt, wenn die Sprache selbst, der sie ursprünglich angehörten, zugrunde gegangen ist. Noch heute zeugen zahlreiche Ortsnamen im östlichen und mittlern Deutschland mit einem Klange, der auch dem Laien auffällt, von der einstigen Besiedelung der deutschen Lande durch die Slaven. ? Aber während die Ortsnamen in gewissen Gegenden fast durchweg aus dem Slavischen stammen, haben die grossen Flüsse wie Elbe, Oder, Havel, Saale, Spree den Namen bewahrt, den ihnen vor dieser Zeit die Germanen gegeben haben. Anderseits übernahmen die Germanen, als sie nach dem Süden und Westen vorrückten, die keltischen Benennungen der grossen h’liisse Rhein, Main, Neckar u. s. w. sowie andrer Orte, und es lasst sich daher mit Hilfe der Flussnamen das Gebiet abgrenzen, das einst in Deutschland keltisch gewesen ist. Wenn wir auch meist die Bedeutung dieser Namen nicht verstehen, so weist doch die Wiederkehr der gleichen Benennungen an den verschiedensten Orten auf das gleiche Volk als Namenquelle hin. Den I’lussnamen Iser treffen wir an verschiedenen Stellen Europas. Wir kennen die Iser als Nebenfluss der Elbe, die Isar als Nebenfluss der Donau, die Isere in Frankreich, und wahrscheinlich wird auch die alte Bezeichnung der Donau damit Zusammenhängen. Durch die Vergleichung derartiger Namen lässt sich einerseits der Umfang eines alten Sprachgebietes feststellen, und anderseits haben diese Benennungen ihren Wert für die Erkenntnis der Sprache selbst. Es liegen auf diesem Gebiet schon manche wertvolle Untersuchungen vor, wenngleich es bei weitem noch nicht erschöpft ist. Es fehlen uns vor allem auf den verschiedensten Gebieten systematische Sammlungen des Namenmaterials. Erst wenn wir diese besitzen, werden wir hier weiter Vordringen können als bisher.

Von besondrer Wichtigkeit sind ferner die Personennamen. Denn wenn wir auch sonst keine Sprachquellen haben, so sind diese doch oft reichlich bei den antiken Schriftstellern oder auf Grabsteinen überliefert. Zum besondern Glück sind die indogermanischen Personennamen auf ganz eigentümliche Weise gebildet, so dass wir sie deutlich erkennen und bestimmen können,, ob eine Sprache indogermanisch ist oder nicht. In Kleinasien hat Kretschmer ein anderes System der Benennung entdeckt, so dass wir auch hier den Umfang eines Sprachgebietes annähernd abzugrenzen imstande sind, und bei den Semiten herrscht wieder eine andere Art der Namengebung. Die Mittel, um die alten Sitze der einzelnen Völker zu erkennen, sind nicht so reichhaltig, dass wir es nicht mit Freuden begrüssen sollten, wenn wir vielleicht noch auf andern Wegen als den bisher bekannten unserm Ziele näher kommen könnten. Das ist in der Tat möglich, denn die altern Bewohner eines Landes haben vielleicht eine Spur ihrer Anwesenheit nicht nur in den Ortsnamen, sondern auch in den heute noch vorhandenen Mundarten hinterlassen. Tatsächlich gibt es ja innerhalb der heutigen grossen Sprachgebiete noch stark abweichende Dialekte, und es ist ganz zweifellos, dass zwischen solchen Dialekten des öftern eine scharfe Grenze besteht. Allerdings will die Forschung diese nicht immer anerkennen, weil man nicht darüber einig ist, was man als Kennzeichen des Dialektes ansehen soll. Man legt da, da wir ja meist von der geschriebenen Sprache ausgehen, einzelne Lautübergänge oder andere Eigentümlichkeiten zugrunde. So scheidet man das Hochdeutsche vom Niederdeutschen auf grund der hochdeutschen Lautverschiebung und innerhalb der hochdeutschen Dialekte werden ähnliche Kennzeichen benutzt. Aber derartige Züge bilden zweifellos nur in den wenigsten Fällen die Grundeigenheit einer Sprache. Wenn man mit dem Ohr Dialekte beobachtet, so fällt einem etwas ganz anderes auf, und das ist der Akzent im weitesten Sinne genommen. Das weiss schon das Volk, das den Sprechern andrer Mundarten vorwirft, dass sie anders sängen, d. h. einen andern musikalischen Akzent hätten. Wo ein derartiger neuer Akzent einsetzt, da haben wir zweifellos eine scharf ausgeprägte Dialektgrenze vor uns. Man muss nun die Frage aufwerfen, wie denn die Dialekte überhaupt entstehen. Es ist auch hier klar, dass wir es nicht mit einem so einfachen Vorgang zu tun haben, wie man gewöhnlich annimmt, dass nämlich bei einem einzelnen Menschen eine gewisse Veränderung eintritt, die sich dann allmählich ausbreitet. Das klingt in der Theorie ganz schön, in der Praxis aber kommen wir damit nicht aus. Das wird uns sofort klar, sobald wir nur die tatsächlichen Vorgänge etwas genauer betrachten.

Man sagt z. B. die heutigen romanischen Sprachen sind aus dem lateinischen entstanden. Aber wie haben wir uns das zu denken? Zweifellos haben die Gallier, die Iberer, die Vorfahren der Rumänen von den römischen Soldaten, Kaufleuten, Kolonisten u. s. w. lateinisch gelernt, und diese neue Sprache hat sich von gewissen Mittelpunkten des Handels oder der Verwaltung allmählich ausgedehnt. Von Anfang an aber werden die Eingeborenen die fremde Sprache etwas anders wiedergegeben haben, als sie im Munde der Römer klang. Wenn man sich auch bemühte, ganz genau so zu sprechen, wie man hörte, und wenn man dies auch nahezu erreichte, so gewann man dieses Ergebnis doch vielleicht auf einer ganz andern Grundlage der Aussprache. Vor allem aber wird man wohl stets einen andern Akzent gehabt haben, und wenn dadurch die Sprache zunächst nicht allzusehr bceinllusst wurde, allmählich musste die ganze Sprachentwicklung doch eine andere Richtung annehmen, gerade wie eine Billardkugel, die von einer andern einen kleinen Seitenstoss erhält, zuerst vielleicht nur unmerklich abweicht, bis dann bei wachsender Länge der Bahn die Abweichung immer merkbarer wird. Wie stark der Kinfluss der Muttersprache bei der Aussprache der fremden ist, kann man in grober Form beobachten, wenn Engländer oder Franzosen deutsch sprechen. Jedem fällt das Fremdartige dieses Deutsch auf, und der geschulte Forscher merkt sehr bald, dass dies auf der Beibehaltung einer Reihe von Eigentümlichkeiten der Muttersprache beruht. W enn also eine Sprach-übertragung stattgefunden hat, so müssen sich fast mit Notwendigkeit soviel neue Dialekte entwickeln, als alte vorhanden waren. Man kann sich das an den verschiedensten Fällen klar machen. Ganz deutlich wird es an dem Beispiel der neuhochdeutschen Schriftsprache. Zweifellos ist diese für die grosse Masse der Deutschen eine fremde Sprache, die sie erlernen müssen. In der Schrift scheint sie im grossen und ganzen einheitlich zu sein, wenn auch einige Abweichungen Vorkommen. Sobald sie aber ausgesprochen wird, erkennen wir, woher der Sprecher stammt. Der Schwabe, der Baier, der Sachse, der Ostpreusse, sie alle sprechen die Schriftsprache etwas verschieden aus, weil sie die Artikulationsbasis und den Akzent des heimischen Dialektes bei-behaltcn. Mit absoluter Notwendigkeit würden diese Unterschiede in späterer Zeit immer grösser werden, wenn nicht die Schule für eine Einheit sorgte. Wären nun einmal die eigentlichen Dialekte ganz in Deutschland verschwunden, wäre überall die Schriftsprache dafür eingetreten und hätte diese sich selbständig entwickeln können, so würden wir nach hunderten von Jahren wieder grosse, stark abweichende Dialekte finden, die aber im wesentlichen dieselben Grenzen und denselben Umfang haben würden wie die alten, obgleich sie mit diesen unmittelbar gar nicht zusammenhingen.

Das ist nun vorläufig zwar eine reine Konstruktion. Wir können aber ein Beispiel anführen, das dieser Annahme völlig entspricht. Die alte griechische Sprache zerfiel in zahlreiche Dialekte, die allmählich zu gunsten der Gemeinsprache gewichen sind. Auch das Neugriechische zerfällt wieder in zahlreiche Mundarten, die mit einer einzigen Ausnahme nicht auf die altgriechischen Dialekte zurückgehen, sondern eben auf der Koine, der Gemeinsprache beruhen. Wenn trotzdem die heutigen Dialekte ihrem Umfange nach zum guten Teil mit den alten übereinstimmen, so ist das nach dem oben gesagten nur natürlich, es kann eigentlich gar nicht anders sein. Denn die Gemeinsprache musste eben in jedem Dialektgebiet eine besondere Färbung annehmen, die sich ursprünglich wohl wenig auffällig mit der Zeit zu grösserer Entschiedenheit entwickelt hat.

Nach all diesem müssen wir jedenfalls den Versuch machen, ob wir nicht mit Hilfe heute bestehender Dialektgrenzen die Grenzen der alten Sprachen ermitteln können. Tatsächlich ist dieser Grundsatz von den Romanisten auch völlig anerkannt, und es steht fest, dass die grossen Verschiedenheiten der romanischen Dialekte, durch die sie eigentlich als besondere Sprachen erscheinen, auf der Verschiedenheit der Volkssprachen beruhen, auf denen sie erwachsen sind. Es ist mit der Annahme von dem Fortbestehen der Dialektgrenzen nicht gesagt, dass dieser Fall immer eintreten muss. Wenn eine starke Einwanderung, eine bewusste Kolonisierung stattgefunden hat, so kann allmählich auch die Sprache der Eroberer siegen, namentlich wenn das neue Gebiet nicht allzu weit von dem alten entfernt ist. So ist es z. B. nicht auffällig, dass sich zwar in den Alpen ein besonderer romanischer Dialekt, das Rhätoromanische, entwickelt hat, während von den Eigentümlichkeiten dieses Dialektes in Etrurien, wo doch auch Etrusker sassen, nichts zu spüren ist. Entweder sind hier die Etrusker selbst nur Einwanderer gewesen, die die einheimische Sprache nicht so wesentlich verändern konnten, oder Rhätisch und Etruskisch sind überhaupt verschiedene Sprachen gewesen. Und es gibt noch andere Möglichkeiten, dies zu erklären.

Nach Oberitalien sind ferner Kelten eingewandert. Wenn die oberitalienischen Dialekte in manchen Punkten dem französischen näher verwandt sind als dem eigentlichen italienischen, so weist das darauf hin, dass hier eben eine starke Einwanderung keltischen Blutes stattgefunden hat, und dass die keltische Sprache hier mit allen ihren Eigentümlichkeiten gesiegt hatte, ehe das Römische eindrang. Freilich könnte die Übereinstimmung zwischen Oberitalien und Frankreich auch auf das ältere in beiden Ländern heimische Volkselement der Ligurer zurückgehen. Und noch eins muss man betonen. Bei dem Kindringen eines neuen Volkes und der Sprachübertragung entwickeln sich immer zwei Sprachen, die der Sieger und die der Besiegten, Bei jener braucht keine Veränderung einzutreten, und es ist daher nicht wunderbar, wenn uns das Altgallische in einer so altertümlichen Gestalt entgegentritt. Die Sprache der besiegten Urbevölkerung kann schon zu Casars Zeiten wesentlich von jener verschieden gewesen sein, und es kann uns nicht in Erstaunen netzen, wenn das spätere Keltische solch starke Veränderungen zeigt. Neuerdings hat R. Meister i Dorer und Achaeer, Abhandl. d. phil.-hist. Klasse der k. sächs. Ges. der Wiss. 24, 3) gezeigt, wie in Lakedaimon und den übrigen Gegenden mit dorischer Herrscher- und achäischer unterworfener Bevölkerung tatsächlich zwei Sprachen nebeneinander standen. Infolge der spätem geschichtlichen Entwicklung wird die eine oder die andere gesiegt haben.

Es braucht sich natürlich nicht mit Notwendigkeit in der neuen Sprache irgend eine besondere Eigentümlichkeit der alten zu zeigen, da ja auch aus der Verbindung zweier Stoffe ein neuer entstehen kann, der von den beiden alten vollständig verschieden ist, wie sich denn aus Chlor und Natrium Salz bildet, das weder die Eigenschaften des Chlores noch des Natriums zeigt. Es wird sich nur fragen, ob nicht die Veränderungen, denen die neue Sprache im Laufe der Zeiten notwendig unterliegen muss, aus denselben Ursachen hervorgehen wie die der alten, ob also nicht das merkwürdige Zusammenschrumpfen der französischen Sprache auf denselben Gründen beruht wie der gleiche Vorgang im Keltischen. Oft werden wir nicht einmal das feststellen können, und wir werden uns damit begnügen müssen, das Zusammenfallen der alten Volksgrenze mit der Grenze des neuen Dialektes festzustellen. Auf der Karte 1 sind die heutigen romanischen Sprachgrenzen eingetragen, und daneben durch Schraffierung die alten Volkselemente angedeutet. Gewiss decken sich die beiden nicht vollständig, aber eine gewisse Übereinstimmung lässt sich nicht leugnen.

In der Balkanhalbinsel finden wir heute zwei slavische Sprachen, das Serbische und das Bulgarische, die sich sehr abweichend entwickelt haben, obgleich sie demselben Teil der grossen slavischen Sprachfamilie, dem Südslavischen angehören. Da wir hier auch im Altertum zwei verschiedene Völker, die Illyrier und die Thraker finden, so hat schon Miklosisch daran gedacht, dass die Verschiedenheit der beiden slavischen Sprachen durch die Verschiedenheit der zugrunde liegenden Sprache bedingt sei, und man wird vermutlich die Grenze zwischen Illyrisch und Thrakisch dahin verlegen können, wo heute die Grenze zwischen Serbisch und Bulgarisch ist. Wenn wir nun ausserdem sehen, dass das Albanesische, die so stark veränderte indogermanische Sprache, zwar eine ganze Reihe Entwicklungseigentümlichkeiten mit dem Bulgarischen, noch mehr aber mit dem Rumänischen teilt, während es mit dem Serbischen gar keine Ähnlichkeit zeigt, so wird man kaum daran zweifeln dürfen, dass es auf derselben Grundlage wie Bulgarisch und Rumänisch, d. h. auf Grundlage des alten Thrakischen erwachsen ist.

Die neuhochdeutsche Schriftsprache zeigt in der Aussprache eine merkwürdige Eigentümlichkeit. Obgleich sie ihrem ganzen Baue und ihrem Lautstande nach hochdeutsch ist, so wird sie doch richtig, d. h. bühnengemäss ausgesprochen mit den niederdeutschen Lautwerten. Als sich also die Niederdeutschen diese Sprache, die von ihrer eigenen stark abwich, aneigneten, haben sie sie einfach mit denselben Lauten wiedergegeben, die sie bisher gebrauchten. Ähnlich hat der armenische Lautstand eine grosse Ähnlichkeit mit dem der kaukasischen Sprachen, woraus wir mit Sicherheit schliessen können, dass in Armenien einst Menschen indogermanisch gelernt haben, deren Sprache dieselben Laute hatte wie die kaukasischen Sprachen. Denselben Lautstand wie das Armenische hat ferner das Ossetische im Kaukasus, das man mit Sicherheit für eine iranische Sprache ansieht. Auch hier weist diese Gleichheit darauf hin, dass beide Sprachen aus demselben Volkselement erwachsen sind.

Es ist ganz zweifellos, dass uns diese Eigentümlichkeit in der Sprachentwicklung manches lehren kann, und dass es uns auf manches hinweist, was wir sonst nicht wissen können. Zu bedauern bleibt nur, dass wir dieses Argument mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, aber doch nicht mit völliger Sicherheit verwenden können. So ist es z. B. auffallend und für die künftige Erkenntnis vielleicht von Bedeutung, dass das Etruskische, wie wir sehen werden, eine Reihe von Eigentümlichkeiten mit dem Süddeutschen teilt. Wie weit dies auf einem historischen Zusammenhang beruht, lässt sich, da uns andere Momente vorläufig noch ganz fehlen, nicht bestimmen.

Am Schluss dieser einleitenden Bemerkungen möchten wir noch auf eine Frage die Aufmerksamkeit lenken, um auch in dieser Beziehung keine Missverständnisse zu veranlassen. Sie betrifft das Alter der Bevölkerungsschichten, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. Auch hier begegnen wir grossen Verwirrungen, indem man die Frage nach der Herkunft der Indogermanen mit der Frage nach der Besiedelung Kuropas überhaupt verbindet. Letztere lässt sich, wie wir sehen werden, überhaupt nicht annähernd bestimmen, jedenfalls treffen wir den Menschen in unserm Lrdteil schon, als die Fauna und Flora sowie das Klima ganz andere waren. Bei den Indogermanen kann uns nur die Sprache leiten, und diese fuhrt uns nicht in allzuweite Fernen zurück. Kein Literaturdenkmal geht viel über das erste vorchristliche Jahrtausend hinaus. Sollten die Anschauungen richtig sein, die man über Vorkommen indogermanischer Namen in Vorderasien geäussert hat, und auf welche wir unten Kapitel 12 zu sprechen kommen, so stammt das erste geschichtliche Zeugnis für unsern Sprachstamm aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert. Sehr viel weiter zurück, wird uns auch die Sprachwissenschaft nicht führen. Ich habe früher in runder Zahl etwa das Jahr 20C0 v. Chr. als die Zeit bezeichnet, in der die Ausbreitung der Indogermanen begonnen hätte, glaube aber jetzt, dass auch dieser Ansatz noch zu hoch ist, und würde jetzt lieber auf 1600—1800 v. Chr. heruntergehen. Aber wenn wir die Anfänge ihrer Wanderungen noch um ein Jahrtausend zurückschieben wollten, so würde das doch wenig bedeuten im Vergleich mit den Zeiten, die seit der ersten Besiedlung Europas vergangen sind. In diese Fernen führt uns die Sprachwissenschaft nicht zurück.

Alles das, was wir ermitteln können, bewegt sich in Zeiträumen, die in Vorderasien schon im Lichte der Geschichte liegen, und die daher verhältnismässig jung sind. Aber auch diese etwas erhellt zu haben, ist ein unvergleichliches Verdienst der Sprachwissenschaft.

2. Die Rassenfrage.

Gedeihen der Menschen an einem fremden Ort.

Rasse und Klima.

Es gibt fast keinen Teil Europas, den die Indogermanen auf ihren Wanderungen nicht erreicht hätten, und selbst die Grenzen unseres Erdteils haben dem Vordringen der Völker kein Ziel gesetzt. Indien, Iran und Armenien haben sie dauernd ihrem Sprachgebiet einverleibt, und Kleinasien hat wenigstens teilweise eine Zeit lang indogermanisch gesprochen. Bei dieser Ausdehnung unsres Sprachgebietes, müssen wir die Frage aufwerfen, ob und wie der Mensch in einem andern Klima, als seine Heimat bietet, fortbestehen kann. Europa liegt fast ganz in der gemässigten Zone, aber doch sind die Unterschiede im Klima zwischen den südlichen Halbinseln Spanien, Griechenland und Italien auf der einen und Deutschland, England und Skandinavien auf der andern Seite gross genug, um auf die Menschen einen Einfluss ausüben zu können. Mag man auch, wie wir es tun, einen einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechtes annehmen, wobei man voraussetzen muss, dass die Menschen die verschiedenen Teile der Erde nach einander besiedelt und sich ganz allmählich eingewöhnt haben, so steht es doch zweifellos fest, dass heute die Menschen in der Hauptsache an die Scholle gebunden sind. Sie können klimatische Verschiedenheiten nur bis zu einem gewissen Grade ertragen. Aber welcher Grad das ist, bleibt eben die Frage. Wir stehen noch durchaus im Anfänge der Forschung, und es ist selbstverständlich, dass ältere Nachrichten und Untersuchungen ganz fehlen.

Um den einzelnen Menschen handelt es sich hierbei nicht, — der kann auch grössere klimatische Unterschiede lange Zeit, vielleicht ein ganzes Leben hindurch ertragen —, sondern das ist die Frage, wie weit eine gesunde, kräftige, sich vermehrende Nachkommenschaft den in ein anderes Klima Versetzten be-schieden sein mag. Und selbst, wenn diese vorhanden ist, so bleibt immer noch zu erwägen, ob sich nicht die einheimische Bevölkerung rascher vermehrt als die eingewanderte.

Es darf als feststehend gelten, dass die Bevölkerung Europas im allgemeinen in der heissen Zone nicht zu leben vermag. Immerhin ist es für die Menschen Südeuropas eher möglich gegen

den Äquator vorzudringen als für die Nordeuropas. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika dominiert das germanische Element entschieden im Norden, während in den Südstaaten Italiener, Franzosen und Spanier ihre Rechnung finden. Der Neger kommt seinerseits nicht im Norden fort. Die Schwindsucht setzt hier seinem Vordringen entschieden ein Ziel. Bei der Kolonisation der nordafrikanischen Küste sollen die Südfranzosen bessere Fortschritte aufweisen als die Nordfranzosen, die sehr bald zugrunde gehen. Aus der Geschichte weiss man, wie rasch die deutschen Heere in Italien vernichtet wurden, wie schnell die Reiche der germanischen Heerkönige und ihre Mannen im Süden dahinschwanden. Im allgemeinen scheint schon Südeuropa für die Nordeuropäer nicht mehr den rechten Boden zu bieten. Da nun die ursprüngliche Heimat der Indogermanen sicher nicht in den südlichen Halbinseln Europas gelegen hat, so kann man vermuten, dass die nach Süden vordringenden Indogermanen sehr bald vernichtet wurden, falls sie nicht Gebiete fanden, in denen die Bodenerhebung die Einflüsse der südlichen Breiten mehr oder minder ausglich. Tatsächlich haben sich denn auch nur solche indogermanischen Sprachen im Süden erhalten, die wenigstens geraume Zeit in Gebirgsgegenden gesprochen wurden. Die Griechen sitzen zunächst in den rauhen Bergen Nordgriechenlands, die Italiker im Apennin, der rauhe Charakter des armenischen Hochlands ist durch Xenophons Schilderung zur Genüge bekannt, und auch die Inder haben wahrscheinlich erst in den Himalayatälern die Kraft gewonnen nach dem Süden vorzustossen, wo sie aber ihrem Volkscharakter nach z. T. bald zugrunde gingen, während die Hauptstämme der Iranier, die Perser und Meder, ebenfalls längere Zeit in Gebirgsgegenden gewohnt haben.
Zu der Akklimatisationsfrage kommt noch ein zweiter Punkt hinzu, die Rassenmischung. Waren Nordeuropäer nach dem Süden vorgedrungen, so blieb in den meisten Fällen eine Verbindung der eingewanderten Sieger mit den Eingeborenen nicht aus. Was wird aus diesen Mischlingen? Es kann sein, dass sich ein Mischtypus bildet, aber im allgemeinen zeigt sich in der Natur das Bestreben, das südliche Blut durchschlagen zu lassen, und nach einigen Generationen ist von dem nördlichen Einfluss nichts mehr zu spüren, falls nicht unaufhörlich Blutauffrischung erfolgt.

Sind nun die Einwandrer durch die Natur des Landes so gestellt, dass sie sich nicht so stark wie die einheimischen vermehren, so wird der Typus zur Norm zurückkehren, und nach einer Reihe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten ist nichts mehr von dem Blute der Eingewanderten zu spüren. Schliessen sich aber die Sieger, wie dies auch möglich ist, kastenartig ab, so kann sich ihr Typus allerdings Länger erhalten. Naturgemäss bleiben die Sieger auch weiterhin die Herrscher, sie bilden den Adel, der im Altertum unter mannigfach verschiedenem Namen auftritt. So in Sparta als Spartiaten gegenüber den Heloten, in Rom vielleicht als Patrizier den Plebejern gegenüber, in Indien in den beiden obersten Klassen der Brahmanen und Krieger. Wollen wir also erkennen, welchen Typus die eingewanderten Indogermanen gehabt haben, so wird man untersuchen müssen, ob sich nicht unter dem Adel der südlichen Länder körperliche Eigenschaften finden, die in andern Gegenden bei weitern Volkskreisen vorhanden sind. Jedenfalls aber wird das eigentlich indogermanische Blut unter den Menschen unsres Sprachstammes nicht immer zu finden sein.

Im allgemeinen wird man sich auf Grund derartiger Erwägungen sagen müssen, dass durch die Wanderungen der Indogermanen bei weitem keine so grosse Verschiebung des Blutes stattgefunden haben wird, wie die Ausdehnung der Sprachen erwarten lässt. Die Veränderungen, die sich in dieser Beziehung in Europa vollzogen haben, sind vielleicht geringer als man auf den ersten Blick anzunehmen geneigt ist. P’iir diesen Punkt beweist gerade das Beispiel, das uns, wie oben bemerkt, Nordamerika mit seiner Besiedelung bietet, ausserordentlich viel. Seit uralter Zeit finden wir in Europa im Norden einen blonden Typus, der je mehr wir uns dem Süden nähern, brünetter und dunkler wird. Und wie dies vor Jahrtausenden der Fall gewesen zu sein scheint, so ist das auch heute noch zu finden, im Norden die Blonden, im Süden die Brünetten, natürlich mit Ausnahmen. Und dieselben Verhältnisse entwickeln sich nun anscheinend auch in Nordamerika. Auch hier herrscht im Norden der blonde Typus im Süden der brünette, was teils aus der Herkunft der Bevölkerung zu erklären ist, teils aber auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass im Norden wie im Süden das entsprechende Pilement bessere Lebensbedingungen fand und sich dementsprechend besser erhielt und vermehrte.

Trotz aller Wanderungen, trotz aller Verschiebung der Sprachen können sich also die einzelnen Menschentypen an ihrem Orte erhalten, und das berechtigt zu der Hoffnung, die Anthropologie werde einst, wenn sie sichere Mittel gefunden hat, die Rassen einzuteilen, manche Auskunft über die europäischen Yolkerverhältnisse geben. Die Verhältnisse in altern Zeiten können ganz einfach, sie können aber auch recht verwickelt gewesen sein, und die Tatsachen der Geschichte lehren uns, welche Möglichkeiten wir voraussetzen dürfen.

Die eigentliche Rassenfrage.

Als die anthropologischen Studien aufblühten, da hat sich auch die Anthropologie mit der Frage nach der Herkunft der europäischen Völker beschäftigt, und sie hat im ersten Eifer gehofft, dieses Problem besser als die andern Wissenschaften lösen zu können. Freilich vermochte sie diese Erwartungen nicht zu erfüllen, und sie muss sich heute, so lange ihre Ergebnisse nicht besser gesichert sind, mit einer bescheidenen Stellung begnügen. Ein grosser Zwiespalt der Meinungen besteht darüber, welche Eigenschaft des menschlichen Körperbaues man der Einteilung in Rassen zugrunde legen solle. Nachdem man ursprünglich im wesentlichen die Haut-, Augen- und Haarfarbe beachtet hatte, glaubt man später in den Verhältnismassen des Schädels ein untrügliches Kennzeichen der Rasse gefunden zu haben. Das Verhältnis von Breite und Höhe des Schädels ist sehr verschieden. Schon eine unbefangene Beobachtung unterscheidet längliche und breite Gesichter oder Lang- und Breitschädel, und in der Tat erweist sich diese auch für die Wissenschaft als brauchbar. Man hat begonnen, genaue Messungen vorzunehmen, und zuerst hat A. Retzius das Verhältnis der Länge zur Breite des Hirnschädels in einen zahlenmässigen Ausdruck gebracht. Man nimmt jetzt allgemein die Länge als ioo an und berechnet danach die Breite in Prozenten. Die relativ schmalen Schädel nennt man Langschädel, Dolichokephalen, die relativ breiten Schädel Kurzköpfe, Brachokephalen, denen sich dann naturgemäss die mittleren Köpfe anreihen. Bei der Unterscheidung der Rassen der gesamten Erde kommt dann noch das Verhalten des Kiefers in Betracht, doch spielt dieses in Europa keine Rolle, und wir können es daher übergehen. Es hat sich aber herausgestellt, dass mit der Schädelmessung allein keine einwandfreie Klassifizierung des Menschen zu erreichen ist. Zwar herrscht auf gewissen Gebieten wie z. B. in Skandinavien der Langschädel vor, aber wir finden diesen auch in Süditalien, und keiner wird zweifeln, dass wir dort ganz andere Menschen vor uns haben als im Norden. Man muss unbedingt noch andere Merkmale hinzuziehen, und da kommt in erster Linie die Hautfarbe in betracht. Europa scheidet sich in dieser Beziehung in mehrere Zonen. Im Norden herrscht der blonde, blauäugige Typus mit heller Hautfarbe. Je mehr wir uns dem Süden nähern, treten dafür braunes oder schwarzes Haar, dunkle Augen und eine stärker pigmentierte Hautfarbe ein. Aber das ist noch nicht genug. Auch die Körpergrösse ist ein beachtenswertes Merkmal. Den grossen Skandinaviern stehen im übrigen Europa sehr viel kleinere Menschen gegenüber. Aber die grossen Menschen leben nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Schottland, in Bosnien und der Herzogovina und anderswo.

Die Anthropologie, das braucht man nicht zu bezweifeln, wird einst ebenfalls zur Förderung der Frage von der Herkunft der europäischen Menschheit beitragen. Auch bei dieser Wissenschaft darf man eins nicht vergessen. Schärfer als alle Messungen und physikalischen Versuche ist das menschliche Auge, und wer »vieler Menschen Städte gesehen hat«, der wird nicht verkennen, dass es Rassentypen gibt, genau wie uns das Ohr das Bestehen von dialektischen Eigentümlichkeiten lehrt, die aufzunehmen noch keinem Instrument gelungen ist. Zu diesen Rassentypen gehört die germanische Rasse, deren reinste Vertreter in einem Moltke und andern Angehörigen des hohen Adels deutlich vorliegen, wie dies Chamberlain in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts mit Recht scharf betont hat. Die Eigentümlichkeiten jüdischen Blutes treten jedem klar vor Augen, obgleich man sie nicht messen und beschreiben kann, und selbst wenn nur einmal eine Kreuzung stattgefunden hat, lässt sich das semitische Blut auch in spätem Generationen noch oft genug erkennen, wenn man nur gelernt hat, aufmerksam zu beobachten. Die Rassenfrage ist in der Tat kein leerer Wahn, und für die, die ihre Bedeutung leugnen, gilt das Wort;
Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet steht euch meilenfern,
Was ihr nicht fasst das fehlt euch ganz und gar,
Was ihr nicht rechnet glaubt ihr sei nicht wahr,
Was ihr nicht wägt hat für euch kein Gewicht,
Was ihr nicht münzt das meint ihr gelte nicht.

Die Rassenfrage ist nicht dadurch erledigt, dass bis jetzt noch keine einwandfreie Unterscheidungsmerkmale gefunden sind, und wenn sie nicht gefunden werden sollten, so bleibt sie doch bestehen. Kine kritische Darstellung der Ergebnisse der Anthropologie hat vor einer Reihe von Jahren Kretschmer in seiner Umleitung in die Geschichte der griechischen Sprache S. 29 ff. gegeben, und es war ihm sehr leicht, die Widersprüche der einzelnen anthropologischen Systeme untereinander und ihre Mängel herauszufinden; schwieriger ist es aus dem Wirrwarr der Meinungen den gesunden Kern herauszuschälen. Auch ich möchte mich nur mit grossem Vorbehalt äussern, glaube aber doch, dass Schädelform, Haar- und Hautfarbe sowie Grösse drei Merkmale sind, mit denen man wohl die Unterschiede der europäischen Menschheit festlegen kann. Das Hauptmerkmal wird zwar der ganze Typus des Gesichts bleiben, aber hier lässt sich mit Messungen wenig erreichen. Den ersten Versuch auf Grund dieser drei Merkmale eine Rasseneinteilung für unsern Erdteil vorzunehmen, hat Deniker in seinen Aufsätzen Bulletins de la societe d’anthropologie de Paris 8 Bd. IV Serie) S. 189 ff. 291 ff. unternommen. In einem ausführlichen Referat in dem Archiv für Anthropologie Bd. 25, S. 321 hat IT Schmidt die wesentlichen Grundzüge der Aufstellungen Denikers gegeben. Wenn wir uns auch nicht verhehlen können, dass auch dieses System, schon weil streckenweise das Material recht dürftig ist, nicht vollkommen sein kann, so bietet es doch manche Vorzüge und vor allem den Vorteil, dass wir auch die Nachrichten der Alten mit ihm vergleichen können. Denn sie haben uns mannigfache Angaben über die Körpergrösse und die Haarfarbe der Völker hinterlassen, womit wir also zwei Einteilungsprinzipien Denikers auch aus dem Altertum nach weisen können. Schädel haben die Alten zwar nicht gemessen, aber für diesen Punkt treten die Grabfunde in reichem Masse ein, und wenn auch die Verbindung der gefundenen Schädel mit den Nachrichten der Alten nicht immer sicher ist, so wird sie doch innerhalb einer gewissen Fehlergrenze einige Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen. Wer nur einige der anthropologischen Nachrichten aus dem Altertum kennt und sie mit den heutigen Zuständen vergleicht, wird sich sagen müssen, dass diese beiden Dinge oft genug nicht zu sammenfallen. Die Alten beschreiben die Gallier als grossgewachsen, blond und blauäugig, von den Germanen wenig zu unterscheiden. Aber dieser Typus ist im heutigen Frankreich kaum noch zu treffen. Sollen wir annehmen, dass sich die Menschen seit Cäsars Zeit derartig verändert haben? Wir kommen damit auf das schwierige Problem der Veränderlichkeit der Rassen. Zunächst ist das eine sicher, dass die Rassen keine feststehenden Typen sind. Die verschiedenen Menschenrassen müssen sich doch einmal auseinander entwickelt haben, und was früher geschehen ist, kann auch heute noch eintreten. Freilich besitzen wir wrenig einwandfreies Material.

Aber in Amerika, Australien und Südafrika leben doch Nordeuropäer unter neuen veränderten Bedingungen, und hier hat sich in verhältnismässig kurzer Zeit in der Tat eine Veränderung des Rassentypus vollzogen. Der Typus der Nordamerikaner scheint sich der hageren Schlankheit der Ureinwohner zu nähern und beginnt sich selbst in Haarfarbe und Haarwuchs von den europäischen Verwandten zu unterscheiden. »Die Engländer«, sagt Schurtz Urgeschichte der Kultur S. 31, »denen diese merkwürdige Veränderung ihrer Stammesgenossen nicht entgangen ist, haben auch in anderen Teilen der Erde Gelegenheit zu ähnlichen Beobachtungen gehabt; überall, wo sich die angelsächsische Rasse kolonisierend niedergelassen hat, unterliegt sie Wandlungen, die nicht immer einfach zu deuten sind, mag man auch im allgemeinen dem Einfluss des Klimas die Hauptursache zuschreiben. Mit besonderer Schärfe hat schon im Jahre 1876 A. K. New man auf die Entstehung eines neuseeländischen Typus hingewiesen, der namentlich (wie ebenfalls in Nordamerika) in einem Schmälerwerden des Unterkiefers hervortritt, was wieder, da die Zähne nun zu wenig Raum haben, zu Unregelmässigkeiten des Gebisses führt. An sonstigen Umbildungen fehlt es nicht. Die hellen Farben der Engländer machen bei Jung-Neuseeland welkeren und stumpferen Farbentönen Platz. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass sehr wenige Kinder mit dunkeln Augen und Haaren in Neuseeland geboren werden: die Eltern mögen so dunkel sein wie sie wollen, mit rabenschwarzen Locken und schwarzen Augen, ihre Nachkommenschaft wird immer blässere Farben zeigen. Auf dem austialischen Festlande .scheinen dagegen die Blonden immer mein* gegen die Brünetten zuriiek-zutreten. Auch die Wirkungen eines heisseren Klimas auf die Menschen sind in Neuseeland, besonders aber auf dem Festland Australiens, merklich. ln Australien , sagt Newman, unter dem Kintluss einer grimmigen Sonnenglut wachsen die Kinder schnell heran, aber sie welken auch schnell wie Treibhausblumen, und ihre geistigen und physischen Kräfte sind in einem Alter nahezu erschöpft, wo der Engländer noch in seiner Jugendkraft steht. . . . Die Jugend Neuseelands und der (australischen Kolonien ist körperlich und geistig schwacher als gleichaltrige Bewohner der ursprünglichen Heimat. Sie ist weniger leistungsfähig, harte Arbeit und Entbehrungen greifen sie rasch an. Der koloniale Nachwuchs ist aber auch von geringerer körperlicher Widerstandskraft; die Leute sind oft, wie sie sagen, abgenutzt (seedy), jeder Krankheitsanfall wirft sie rasch nieder und sie erholen sich langsam. Auch die Frauen verblühen rasch.«
»Wie die Yankees neigen auch die Australier zu hohem, schlottrigem Wuchs und magerer Muskulatur, was ihnen den Spottnamen »Getreidehalm« (cornstalks) eingetragen hat. Man darf wohl diese Eigentümlichkeit, die sie mit den Wüsten Völkern teilen, auf die Trockenheit des australischen Klimas zurückführen; seltsamerweise bietet dagegen das ebenso trockene Südafrika das Schauspiel, dass hier die eingewanderten Europäer zur Fettleibigkeit neigen, ähnlich wie sich schon bei den älteren Bewohnern des Gebietes, den Hottentotten, neben sonst grosser Magerkeit des Körpers die Steatopygie (Fett-steissbildung) allgemein verbreitet findet.«

Diese Beobachtungen lassen es unbedingt als möglich erscheinen, dass sich auch die europäische Bevölkerung allmählich verändert hat. Aber immerhin liegen hier die Verhältnisse doch anders. Denn erstens kamen die einwandernden Indogermanen nicht in völliges Neuland, sondern sie fanden eine Urbevölkerung vor, und zweitens sind die klimatischen Unterschiede innerhalb Europas nicht derartig wie zwischen den verschiedenen Kontinenten. Schliesslich aber sind die Unterschiede zwischen dem älteren und jüngeren Typus zu gross, als dass sie aus Anpassung erklärt werden können. Wir müssen auch bedenken, dass in Europa die Blutmischung eine ganz andere Rolle spielt als in Amerika und Australien. Ich glaube also kaum, dass man die Veränderung der Rasse in Anspruch zu nehmen braucht. Was uns die Römer von den besondern Eigenschaften der Kelten berichten, das gilt von der eingewanderten, herrschenden Klasse der Indogermanen. Wie das eigentliche Volk, das nach Cäsar in einer Art von Hörigkeit lebte, ausgesehen hat, das wissen wir nicht; wir dürfen aber wohl vermuten, dass es dem heutigen französischen Typus in stärkerem Masse glich als der eigentliche keltische.

Alles in allem können wir mit der Rassenveränderung noch nicht viel anfangen. Aber wir dürfen nicht ausser acht lassen, dass Veränderungen möglich sind. Die Arier in Indien unterscheiden sich anthropologisch von den Eingeborenen durch die hellere Hautfarbe, aber sie sind doch nicht blauäugig und blondhaarig, man kann sie nur mit den Südeuropäern vergleichen, und man darf wohl fragen, ob sich die dunkeln Farben des Auges und des Haares nicht erst entwickelt haben.

Denn die Inder sind in ein Gebiet eingerückt, das klimatisch von dem ihrer ursprünglichen Heimat stark abwich. Die europäischen Indogermanen aber sind zum Teil in ihren alten Sitzen geblieben. Und wenn man für gewisse Teile eine Veränderung des Typus annehmen wollte, so bleibt die Frage ungelöst, weshalb sich der Typus an andern Stellen nicht verändert hat. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass die körperlichen Eigenschaften, die heute Teile der Germanen auszeichnen, Körpergrösse, Blondheit, Blauäugigkeit und schmaler Schädel schon vor 2000 Jahren und vielleicht noch länger vorhanden waren. Hier haben wir also eine Andauer der Rasse, wie wir sie deutlicher nicht wünschen können. Am Schlusse dieses Kapitels dürfte es angebracht sein, ein Bild der heutigen Verteilung der europäischen Menschheit auf grund von Denikers Anschauungen zu geben. Man wird dann leichter in den Stand gesetzt sein, Vergleiche mit den früheren Zeiten zu ziehen, und wir können die Frage aufwerfen, inwieweit sich die Rassen mit den Sprachen in Verbindung bringen lassen. Wir finden

1. einen blonden, dolichokephalen, sehr hochgewachsenen Typus im Norden Europas, den man daher als nördlichen Typus bezeichnen kann. Seine Merkmale sind: Körpergrösse beträchtlich, im Durchschnitt 172 cm; Haar aschblond, gelblich oder rötlichblond, leicht wellig; Augen hellgefärbt, meist blau; Kopf lang, dolichokephal (Index am Lebenden zwischen 72 und 78. Haut rosig weiss, Gesicht ländlich, Nase schmal, kräftig hervortretend, gerade. Er ist verbreitet in Skandinavien mit Ausnahme der Westküste Norwegens , im nördlichen Schottland, Westengland, Irland (mit Ausnahme des westlichen Teiles., auf den Far-Ör-Inseln, in Friesland, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, in den Ostseeprovinzen und Teilen Finnlands. Dieser Typus wurde bisher kvmrische, germanische Rasse, Reihengräbertypus genannt.

2. Blonder, subbrachykephaler, kleingewachsener Typus, besonders im östlichen Kuropa (Russland) vorkommend,, daher auch östlicher Typus zu nennen. Seine Merkmale sind: Wuchs untermittelgross (163 bis 164 cm), Kopf massig kurz und breit (Index am Lebenden 82 —83), Haar aschfarbig oder flachsblond, gerade; Gesicht breit, viereckig, Nasenrücken gerade oder konkav, Augen hell, meist grau. Die Träger dieses Typus sind die Weissrussen, die Polieschtschuken der Sümpfe von Pinsk und manche Litauer. Durch Mischung abgeschwächt ist dieser Typus häufig bei den Grossrussen im nördlichen und mittlern Russland und in Finnland.

3. Sehr dunkler, sehr dolichokephaler und sehr kleiner Typus, auch iberisch-insulaner Typus, oder mittelländischer Typus mancher Autoren. Merkmale: Wuchs 161 — 162 cm, Kopf lang (Index am Lebenden 74—75), Haar schwarz, lockig oder kraus, Augen sehr dunkel, Haut gebräunt, Nase gerade oder aquilin, Gesicht länglich. Verbreitung: Iberische Halbinsel und die westlichen Inseln des Mittelmeers, Korsika, Sardinien, Sizilien (die Balearen gehören nicht dazu). Durch Mischung abgeschwächt, erscheint dieser Typus in Frankreich (Angoumois, Limousin, Perigord) und Italien (südlich von der Linie Rom-Ascoli).

4. Dunkler, sehr brachykephaler, kleingewachsener Typus, auch westlicher oder cevennischer Typus, oder keltische, keltisch-ligurische, keltoslavische oder alpine Rasse verschiedener Autoren. Merkmale: Sehr breiter Kopf (Index am Lebenden 85—87),. massig kleiner Wuchs (163—164 cm), braunes Haar, hellbraune oder dunkelbraune Augen; Gesicht breit, Nase ziemlich gross,. Körper breit. Verbreitung: In seiner reinsten Form in den Cevennen, im französischen Hochplateau und in den Westalpen; durch Mischung modifiziert an vielen Stellen zwischen mittlerer Loire und Dniepr, in Piemont, der Mittel- und Ostschweiz, Süddeutschland, Kärnthen, Mähren, Galizien und Wolhynien.

5. Brauner, subdolichokephaler, grossgewachsener Typus. Litoral er oder atlantisch-mediterraner Typus. Merkmale: Neigung zur Mesokephalie (Index am Lebenden 79—80), übermittelgrosser Wuchs (im Mittel 166 cm) und sehr tiefe Haar- und Augenpigmentierung. Verbreitung: Im Tiefland (nicht über 200 m) der untern Loire, in der Gascogne, zwischen Gibraltar und der Mündung des Guadalquivir und an der Mittelmeerküste bis zur Tibermündung.

6. Brauner, brachykephaler, hochgewachsener Typus, auch adriatischer oder dinarischer Typus. Merkmale: Körperhöhe 169—171 cm, starke Brachykephalie (Index am Lebenden 85—86 cm), Haar braun, wellig, Augen dunkel, Augenbrauen gerade, Gesicht länglich oval, Nase schmal, Nasenrücken gerade oder gebogen, Haut leicht gebräunt. Verbreitung: Bosnien, Dalmatien, Kroatien, dann in der Romagna, Venetien, bei den Slovenen, Ladinern, Romanen, zwischen Lyon und Lüttich auf dem Plateau von Langres, im Ursprungsgebiet der Saöne und Mosel, in den Ardennen. Modifiziert findet sich dieser Typus auch im untern Tal des Po, im nordwestlichen Böhmen, Graubünden, Eisass, im mittleren Gebiet der Loire, in den Karpathen (Polen und Ruthenen des Gebirges), bei den Kleinrussen und wahrscheinlich auch bei den Albanesen, Serben und Griechen und manchen kaukasischen Stämmen. Die Basken bilden eine Abart dieses Typus.

Als Untertypen stellt Deniker folgende vier auf:

a) Blonder, mesokephaler, grossgewachsener Untertypus (wahrscheinlich nur eine Varietät des nordischen Haupttypus). Gesicht eckig, Nase gerade oder konvex, Augen grau oder blau. Verbreitung: Land der Letto-Litauer, Ostpreussen, Hannover, Westküste von Norwegen, Westrussland.

b) Blonder, mesokephaler, sehr kleingewachsener Untertypus (wahrscheinlich eine Varietät des östlichen Haupttypus). Gesicht rund, Nase häufig aufgestülpt, Haar gerade oder wellig, Augen grau. Verbreitung: Unter den Polen und Ka-schuben, in Scliweclcn, vielleicht auch in Schlesien.

c) Subdolichokephaler, grosser Untertypus mit hellbraunem oder braunem Haar (hat eine mittlere Stellung zwischen nordischem und westlichem Typus«. Verbreitung: Im westlichen Irland, Wales, Westbelgien, Normandie, Picardie u. s. w.

d) Subbrachykephaler, mittelbrauner Untertypus mit hellbraunem Haar (wahrscheinlich aus Mischung zwischen adriatischem Typus und Untertypus a) hervorgegangen). Verbreitung: In Perche, Champagne, Lothringen, Franche-Comte, Luxemburg, Seeland (in Holland), Rheinprovinz, Bayern, Südböhmen, Deutsch-Österreich, Mitteltirol, einem Teil der Lombardei und Venetiens u. s. w.

Wir sehen also hier eine Fülle verschiedener Unterabteilungen, was uns nicht in Erstaunen setzen kann, wenn wir die Fülle der verschiedenen Sprachen in Betracht ziehen. Sicher hat es in dem vorgeschichtlichen Europa auch Menschentypen gegeben, die ganz zugrunde gegangen sind. Der sogenannte Neandertal-schädel zeigt uns Menschen, die heute nicht mehr zu finden sind, und seit in neuester Zeit selbst Zwergrassen in unserm Erdteil nachgewiesen sind, ist das Bild noch mannigfaltiger geworden.

3. Der iberische Sprachzweig.

Wenn wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu der Betrachtung der europäischen Sprachen übergehen, so beginnen wir am besten mit dem äussersten Westen, weil hier eine natürliche Grenze gegeben ist. Das unwegsame Gebirge der Pyrenäen, das Spanien gegen Frankreich abschliesst, hat sich auf die Dauer ebensowenig wie die Alpen als eine vollständige Völkerscheide erwiesen. Auf dem Wege, den die Franken einschlugen, um die Ungläubigen zu vernichten, sind Goten und Vandalen Jahrhunderte früher gezogen. Hannibal überschritt mit seinem Heere die Pyrenäen leichter als die Alpen. Von den beiden Pässen, die über das Gebirge führen, hat er den südlichen gewählt. Im ersten Dämmer der Geschichte erfahren wir von keltischen Eroberungszügen, die freilich auch auf dem Seewege vor sich gegangen sein können, wie später die Normannen gekommen sind. Jedenfalls kann und wird, wie alles dies beweist, Spanien einen Teil seiner Bevölkerung von Frankreich erhalten haben. Ebensogut aber vermochten auch afrikanische Stämme über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien überzusetzen und das Land zu besiedeln. Diese Meerenge hat die Vandalen und die Araber nicht aufgehalten und wird auch frühere Völker nicht in ihren Eroberungszügen gehemmt haben. Schliesslich sind die Karthager auch zur See nach Spanien gelangt, was ebenfalls schon für frühere Zeiten möglich war.

Die Alten nennen die Bewohner Spaniens Iberer. Was sie über die Herkunft dieses Volkes, namentlich über die sagenhafte Insel Atlantis berichten, hat D’Arbois de Jubainville Les Premiers habitants de l’Europe I S. 16 ff. zusammengestellt. Da auch im Kaukasus Iberer wohnten, so haben die Alten schon auf einen uralten Zusammenhang geschlossen, den auch moderne Gelehrte so kühn waren zu behaupten. An und für sich liegt dies nicht ausser dem Bereich der Möglichkeit. Denn wenn die Kelten in Spanien und die Inder im Osten einem und demselben Sprachzwreige angehören, weshalb sollten sich nicht im Kaukasus Verwandte der spanischen Bevölkerung gehalten haben? Aber ausser dieser Namengleichheit haben wir vorläufig nicht den geringsten Anhalt für einen Zusammenhang, und dass wir auf sie nichts bauen können, wird jeder einsehen.

Die Sprache der alten Iberer kennen wir durch zahlreiche, aber dürftige Inschriften, die meistens nur Namen enthalten und fast völlig ungedeutet sind. Ausserdem überliefern uns die antiken Schriftsteller einige iberische Worte, aus denen wir auch nicht viel lernen können. Ob man in ganz Spanien iberisch gesprochen hat, oder ob noch • andre Sprachen vorhanden waren, lässt sich aus Mangel an Zeugnissen nicht feststellen. Zwar sagt Strabo ausdrücklich, dass die Sprache nicht ein und dieselbe gewesen sei, doch kann er verschiedene Dialekte gemeint haben, wie sich in Gallien Gallisch und Belgisch unterschieden, und er spricht auch von einer Zeit, in der schon längst die Kelten eingewandert waren. Er kann also sehr wohl kelto-iberische Sprachen bei seiner Bemerkung im Auge gehabt haben. Frühzeitig, wahrscheinlich im 6. Jahrh. oder früher, sind keltische Heeresschwärme in Spanien eingedrungen, haben sich an verschiedenen Stellen niedergelassen und mit den Iberern das Mischvolk der Keltiberer gebildet. Wie lange sich ihre Sprache erhalten hat, können wir mangels jeglicher Zeugnisse nicht wissen. Getrennt von dem Stanimlande hat sie wohl unterteilen müssen. Mit der römischen Eroberung ist dann das Land allmählich romanisiert, ohne dass eine starke Blutmischung stattgefunden hatte. Die romanischen Sprachen in Spanien sind natürlich das Ergebnis der römischen Sprache in spanischem Munde, und es ist sehr wohl möglich, dass sich alte Dialektunterschiede bis heute erhalten haben, das heisst, dass die grossen Dialekte der Neuzeit auf iberische Dialekte zurückgehen. Nach Steinthal (vgl. dazu Karte 1 ist das Portugiesische ein keltisch romanischer, das Spanische ein keltiberisch-romanischer und das Provcnzalische ein iberisch-romanischer Dialekt.

Anderer Meinung ist Wechssler. Auch er erkennt an, dass wir drei Sprachgemeinschaften auf der Pyrenäenhalbinsel finden: die portugiesisch-galizische, die spanische kastilianische) und die katalanische. Für die beiden ersten Sprachgemeinschaften ist ein iberisches Substrat vorauszusetzen, das in Portugal weniger stark war als in Spanien, d. h , wir haben es in Portugal mit der keltiberischen Sprache zu tun.
»Nach Strabo und Avien«, sagt Wechssler weiter, haben die Kelten Portugal und Galizien dichter bevölkert, sie sind dahin auch zu Schiff gekommen. Galizien trägt einen keltischen Namen. In Portugal haben die kriegerischen Bewohner den Römern besonders lange Widerstand geleistet. Ks wäre vielleicht nicht unmöglich, die grosse phonetische Verschiedenheit des Portugiesischen vom Spanischen einer starken keltischen Besiedelung zuzuschreiben, und man könnte dabei an manche phonetische Parallelen mit dem Galloromanischen erinnern.«

Merkwürdig ist nun, dass die katalanische Sprachgemeinschaft der provenzalischen so nahe verwandt ist, dass man sie als eine blosse Spielart von ihr bezeichnet hat. Die bisherigen Erklärungsversuche dieser Tatsache weist Wechssler ab, und er meint, die Analogie der andern romanischen Sprachgemeinschaften zwinge uns, auch hier eine vorrömische, der provenzalischen nahverwandte Sprachgemeinschaft anzunehmen. Diese aber sei wahrscheinlich eine ligurische. Diese Annahme ist freilich sehr unsicher. Denn wir können bisher keine Ligurer in Spanien, wohl aber Iberer in Südfrankreich nachweisen. Aber in deren Gebiet haben, wie Sieglin meint, zunächst Ligurer gesessen, und undenkbar wäre die lvroberung eines Teiles von Spanien durch dieses Volk nicht. Jedenfalls sehen wir hier noch nicht klar, aber man wird diese Tatsachen immerhin im Auge behalten müssen.

Sicher gibt es im heutigen Spanischen eine Anzahl von Worten, die man, da sie den übrigen romanischen Sprachen fehlen, aus der Sprache der Eingeborenen ableitet. Die bisher angeführten erschöpfen vielleicht die Sache noch nicht, doch sind sie, wie dies nach den Ausführungen Windischs Her. d. ph. hist. Kl. d. kgl. sächs. Ges. d. Wiss. 1897, 101 ff. nicht anders zu erwarten ist, ziemlich gering an Zahl, so dass wir sie als Quelle der alten iberischen Sprache nicht mit besonderm Nutzen verwerten können. Gesammelt sind sie von Hübner in seinen Monumenta linguae Ibericae S. LXXYIII.

Noch heute findet sich ausser dem Romanischen in Spanien eine Sprache, die man seit langem als die Fortsetzung des alten Iberischen angesehen hat, das Baskische. Sein Verbreitungsgebiet ist aus Karte I zu erkennen. Vorsichtiger hat man darin einen alten iberischen Dialekt zu sehen, der in Nordspanien gesprochen wurde. Die Zahl der Basken, die heute in den spanischen und französischen Pyrenäentälern wohnen, beläuft sich auf etwa 556000. Sie nennen sich selbst Eskalditnac, Euskal-dunac, d. h. angeblich Menschen, die das Euskara sprechen. Den Stamm dieses Wortes hat schon Humboldt mit dem Namen der alten Ausci oder Auscii in Aquitanien in Zusammenhang gebracht. Die Sprache der Basken ist höchst eigentümlich, und alle Versuche, sie mit einer andern Sprachgruppe in Zusammenhang zu bringen, sind gescheitert. Uhlenbeck hat sie ohne Ergebnisse mit dem Indogermanischen verglichen. Andere Forscher denken an Verwandtschaft mit afrikanischen Sprachen. Doch ist der Versuch, den G. von der Gabelentz gemacht hat, das Baskische mit dem Berberischen in Nordafrika zu verbinden, gescheitert. Damit ist aber nicht gesagt, dass diese Hypothese an und für sich unhaltbar wäre, möglicherweise erhärtet ein guter Kenner der afrikanischen Sprachen einmal die Verwandtschaft mit einem Idiom des dunkeln Erdteils. Vorläufig müssen wir uns in Geduld fassen.

Was den allgemeinen Bau des Baskischen betrifft, so sagt Whitney, Leben und Wachstum der Sprache S. 275, er sei ausgezeichnet durch eine, man möchte sagen, übertriebene Agglutination, da es in das Verbum eine Fülle von Beziehungen hinein nimmt, die fast überall sonst durch selbständige Worte ausgedrückt werden, und dass es in dieser Beziehung am meisten den Indianersprachen Amerikas gleiche. Aber wenn wir auch die Sage von der Insel Atlantis haben, so wird man doch darum keine Brücke zwischen den beiden Erdteilen schlagen können. Ob die Worte Whitneys ganz zutreffend sind, weiss ich nicht zu sagen, doch bestätigte mir Uhlenbeck die mannigfachen Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Sprachen. Im übrigen verweise ich den Leser auf die Darstellung des Baskischen in Friedrich Müllers Grundriss der Sprachwissenschaft 3. Band 2. Abteilung, 1. Hälfte S. 1 ff. und auf die in der Anmerkung angeführte Literatur.

Da uns die Sprache zu keinem Ergebnis geführt hat, so dürfen wir vielleicht hoffen, von der Anthropologie Auskunft zu erhalten. Aber leider sind wir über die Körperbeschaffenheit der Iberer nur durch dürftige Notizen unterrichtet. Tacitus hielt die Siluren in Britannien für verwandt mit den Iberern auf Grund der äussern Erscheinung. Bei Silius Italicus wird ein iberischer Jüngling geschildert als rothaarig und von weisser Hautfarbe und Calpurnius Flaccus spricht von der blonden Schlankheit Spaniens. Strabo aber unterscheidet die Iberer von den Galliern auch in der Körperbeschaffenheit. Diese dürftigen Nachrichten, die auch sonst nicht den Eindruck grosser Zuverlässigkeit machen, stammen ausserdem erst aus der Römerzeit, wo ja längst eine Mischung mit keltischem Blute stattgefunden hatte. Ziehen wir die heutigen Verhältnisse zu Rate, so zeigt sich allerdings in der iberischen Halbinsel ein besonderer Menschenschlag. Als dritte Rasse Europas unterscheidet Deniker (s. oben S. 32) einen sehr dunklen, sehr dolichokephalen und sehr kleinen Typus, den manche Autoren den iberisch-insulanen oder mittelländischen nennen. Er findet sich auf der iberischen Halbinsel, in Korsika, Sardinien, Sizilien, aber die Balearen gehören nicht dazu, während er durch Mischung abgeschwächt erscheint in Frankreich (Angoumois, Limousin, Perigord) und in Italien südlich von der Linie Rom-Ascoli. Wir werden im folgenden sehen, dass wir auf Grund historischer Nachrichten den grössten Teil dieses Gebietes für Iberer in Anspruch nehmen dürfen, so dass man zu der anthropologischen Aufstellung einiges Vertrauen haben darf.

Allerdings steht daneben auch der fünfte Typus Denikers, ein brauner, subdolichokephaler, grossgewachsener Menschenschlag, der sich im Tiefland der untern Loire, in der Gascogne, zwischen Gibraltar und der Mündung des Guadalquivir und an der Mittelmeerküste zwischen Gibraltar bis zur Tibermündung findet. Und die Basken rechnet Deniker schliesslich zu einem sechsten Typus, dem dinarischen, der vornehmlich auf der Balkanhalbinsel verbreitet ist. Dies zeigt uns, dass auch die anthropologischen Verhältnisse auf der Pyrenäenhalbinsel keineswegs einfach sind, wie bei dem reichen Zuströmen von Völkern nicht anders zu erwarten ist.

Verbreitung der Iberer.

Wenn auch zweifellos Spanien der Hauptsitz der alten Iberer war, so sind sie doch nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt geblieben. Zunächst sitzen sie auch in Gallien im Gebiete des alten Aquitaniens. Was Cäsar nur kurz andeutet, bestätigt Strabo ausdrücklich, und die alten Fluss- und Ortsnamen lassen keinen Zweifel darüber, dass die Sprache der Aquitaner der iberischen verwandt war. Wenn wir Sieglin folgen dürfen, so bildeten aber die Ligurer hier das ältere Element. Weiter finden wir Iberer auf den Inseln zwischen Spanien und Italien. Dass die Balearen und Pithyusen von ihnen besetzt waren, unterliegt keinem Zweifel, aber sie sind auch auf die übrigen Inseln gelangt. Schon Humboldt hat erkannt, dass zahlreiche alte Ortsnamen in Sizilien, Sardinien und Korsika denen Iberiens ähnlich seien, und Thukydides berichtet ausdrücklich, dass in Sizilien Iberer sässen. Obwohl seine Nachricht, die auf Philistos zurückgeht, manches unklare bietet, so haben wir doch keinen Grund, ihren wesentlichen Inhalt, der durch die Anthropologie bestätigt wird, zu bezweifeln.

Auf Sardinien finden wir den Volksstamm der Balaroi, dessen Name mit dem Inselnamen der Balearen übereinstimmt, und Celsitani nennt Ptolemaeos auf dieser Insel. Für Korsika besitzen wir das wertvolle Zeugnis des Spaniers Seneca, der acht Jahre als Verbannter auf dieser Insel zubrachte. Er schliesst aus der Übereinstimmung der Tracht und einzelner Worte, dass sich hier Iberer niedergelassen hätten. Anklänge an iberische Ortsnamenn sind vorhanden, aber nicht entscheidend. Sehr schwer fallt die Sitte der Kuvade ins (Jewicht, von der uns Diodor berichtet. Sie wird aus der Zeit des Altertums für das westliche Europa allein von Korsen und Iberern überliefert, und das ist beachtenswert, da wir es zweifellos mit einer uralten Gewohnheit zu tun haben.

Ob und wie weit die Iberer auch in Afrika gesessen haben, lasst sich schwer entscheiden. Immerhin kehren eine Reihe spanischer Ortsnamen in Afrika wieder, wie man aus der Liste ersehen kann, die Hübner zusammengestellt hat, und aus der in der Anmerkung eine Auswahl gegeben ist. So haben sich also die Iberer, wie fast alle Völker, einmal weit verbreitet, und vielleicht sind sic noch über das umgrenzte Gebiet hinausgekommen. Nur lasst sich mangels jeglicher Nachricht nichts darüber sagen.

Auch in kulturgeschichtlicher Beziehung bietet die Urbevölkerung Spaniens manche Züge, die sonst kaum in Luropa wiederkehren und höchst altertümlich zu sein scheinen. Die Sitte des männlichen Kindbetts ist schon erwähnt. K. v. d. Steinen Unter den Naturvölkern Centralbrasiliens 335 hat sie einleuchtend als Gewohnheit eines Jägervolkes erklärt, und wir würden es demnach, wenn seine Auffassung richtig ist, bei den Iberern mit alten Jägervölkern zu tun haben, die mit den Jägern der altem Steinzeit (s. II. Buch Kap 2) Zusammenhängen könnten. Die Iberer verwenden ferner hölzerne Kochgeschirre und dementsprechend wird das Steinkochen noch in der Neuzeit von den Basken geübt. Ebenso sind die Schwitzbäder mittels erhitzter Steine üblich und Strabo berichtet: Bei den Kantabrern geben die Männer den Frauen einen Brautschatz, und die Töchter werden zu Erbinnen eingesetzt, die Brüder aber werden von diesen ausgestattet. Wie Gcrland, Grundriss der rom. Phil. 1,315 ausführt, hat bei den Basken das Weib dieselben Rechte wie der Mann, auch im Mandel und Verkehr, in einigen Gegenden herrschte nach Cordier sogar die Sitte der Vererbung durch die älteste Tochter, die ihren Geschwistern Unterhaltsgelder geben musste. Dabei ist es sehr merkwürdig, dass Männer und Weiber trotz dieser Gleichstellung noch heute ein ziemlich gesondertes Leben führen, jedes Geschlecht hat seine Tänze, seine Spiele für sich.

Aus dem Altertum besitzen wir zwei ziemlich ausführliche Schilderungen der iberischen Lebensweise. Die eine steht bei Diodor 5, 33 und die andere bei Strabo p. 154 ft, wozu dann noch eine Reihe einzelner Notizen kommen. Wie weit der heutige spanische Nationalcharakter auf iberischen Eigenschaften beruht, lässt sich natürlich nicht feststellen. Aber wenn wir finden, dass eine von den Alten beschriebene Kopftracht der Frauen noch heute getragen wird, so werden wir auch an der Dauer geistiger Eigenschaften keinen allzugrossen Zweifel hegen dürfen. Aus dem allen ergibt sich also, dass wir über die Herkunft der Iberer keine sichere Auskunft gewinnen können. Immerhin weist die dunkle Hautfarbe eher nach Afrika als nach Mittelund Nordeuropa, und da wir es mit einem verhältnismässig kleinen Menschenschlag zu tun haben, der am äussersten Ende Europas sitzt, so haben wir es aller Wahrscheinlichkeit mit einer uralten, zurückgedrängten Bevölkerung zu tun, während die Verschiedenheit der anthropologischen Typen auf mannigfache Einwanderung hindeutet.

4. Die Urbevölkerung Britanniens.

Die älteste Besiedelung Britanniens geht zweifellos in eine weit entlegene Zeit zurück, in der von Indogermanen jedenfalls noch keine Rede war. In vorhistorischer Zeit haben dann die Kelten von dieser Insel Besitz genommen, und die Urbevölkerung ist in ihrer Sprache fast ganz vernichtet worden, und nur die Körper haben sich dauerhafter erwiesen als diese. Dass aber die Kelten in Britannien eine Urbevölkerung vorgefunden haben, das geht aus deii starken Veränderungen, die die keltische Sprache erfahren hat, mit Sicherheit hervor. Vielleicht gelingt es noch einmal, aus der Vergleichung der Entwicklung der keltischen mit der einer romanischen Sprache wenigstens mit Wahrscheinlichkeit das in England einheimische Volkselement nachzuweisen. Die Nachrichten der Alten über die Urbevölkerung Britanniens sind unbedeutend und wenig ergiebig. Cäsar sagt ausdrücklich, dass es unbekannt sei, woher die Bewohner des Innern stammten, sie hielten sich für Eingeborene, während die Küstenvölker aus Belgien übergesetzt seien. Bestimmter drückt sich Tacitus aus, der in Kaledonien, also in Schottland, germanische, im Westen iberische und in der Nachbarschaft Galliens gallische Ulemente unterscheidet. Kr tut dies auf Grund anthropologischer Momente, und da bei der Feststellung der Körperbeschaffenheit das Auge mehr leistet, als alle Messinstrumente, so sollte man seine Angaben nicht so leicht in Zweifel ziehen. Natürlich können wir nicht wissen, ob die Kaledonier germanisch gesprochen haben, aber dass hier schon zu Tacitus Zeiten eine blonde, hochgewachsene Rasse wohnte, die der germanischen sehr stark glich, lässt sich billigerweise nicht bezweifeln. Dieses Volkselement hat in diesen Gebieten vielleicht schon Jahrhunderte früher gewohnt. Denn die Lästrygonen, zu denen Odysseus verschlagen wird, sind von gewaltiger Körpergrösse, und ihre Wohnsitze müssen wir im hohen Norden suchen, da bei ihnen die Triften der Nacht und des Tages nicht weit von einander entfernt sind.

Noch heute sind die anthropologischen Verhältnisse wenig verändert. Im nördlichen Schottland, in Westengland, Irland (mit Ausnahme des westlichen Teiles) herrscht der nördliche, d. h. der blonde, dolichokephale, sehr hochgewachsene Typus Denikers. Daneben besteht in Wales und im westlichen Irland ein subdolichokephaler grosser Typus mit hellbraunem oder braunem Haar, der eine mittlere Stellung zwischen dem nordischen und westlichen Typus einzunehmen scheint. Dieser Typus kommt noch in Westbelgien, in der Normandie, Picardie u. s. w. vor, und es weist dies darauf hin, dass die Bevölkerung Englands mit der Frankreichs zusammenhängt. Eine genauere graphische Darstellung der anthropologischen Verhältnisse der britischen Inseln findet man bei Schurtz Urgeschichte der Kultur S. 90. Sie zeigt uns, dass sie das dunkle Element hauptsächlich im Westen und in den Gebirgen findet, was immerhin auf ein Zurückweichen schließen lässt.

Die Kelten haben England frühzeitig erobert, und ihre Sprache ist bis in die äussersten Winkel vorgedrungen. Heute spricht im allgemeinen nur noch die brünette Bevölkerung keltisch. Für die Reste der einst in Britannien heimischen Sprache hat man einige Inschriften in Anspruch genommen, die den alten Pikten zugeschrieben werden. Prof. Rhys suchte nachzuweisen, dass das Piktische weder keltisch noch indogermanisch war, sondern die Sprache der Urbewohner Britanniens vor Ankunft der Kelten darstelle und mit dem Baskischen verwandt sei. Dass wir soweit nicht in unsrer Erkenntnis kommen können, ist wohl klar, aber die Ansicht von dem nicht indogermanischen Ursprung des Piktischen steht oder fällt nicht mit der baskischen Hypothese.

Es sprechen dafür die starken Veränderungen, die die keltische Sprache in England und Irland erfahren hat, es lassen sich für ein präindogermanisches Element die mannigfach abweichenden Sitten anführen, die wir in älterer Zeit auf diesem Gebiete finden, und weiter die eigentümliche Form der Namengebung, auf die die Forscher die Aufmerksamkeit gelenkt haben. Weitere Auskunft dürfen wir vielleicht von den geographischen Namen erwarten. Vorläufig sind sie noch nicht genügend untersucht. Bei den Bewohnern der britischen Inseln haben sich eine Reihe sonderbarer Züge erhalten. Cäsars Nachricht von der Frauengemeinschaft innerhalb einer Familie könnte freilich auf einem Missverständnis eigentümlicher Bräuche beruhen. Doch zeigen auch spätere Nachrichten, dass sich hier zügellose Sitten entwickelt hatten. Wichtiger ist die mehrfach für Pmgland und Irland bezeugte Sitte des Menschenfressens, die zwar auch dem Kontinent nicht ganz fremd ist, die sich aber in Irland besonders lange erhalten hat. Am wichtigsten aber ist die Mutterfolge, die wir bei den Iberern angetrofifen haben. Zimmer hat sie Zeitschrift für Rechtsgeschichte 15, S. 209 ff. für die Pikten nachgewiesen: »Auf einen Piktenherrscher und seine Brüder folgt nicht etwa der Sohn des ältesten, sondern der Sohn der Schwester.« Es lassen sich ja aus der Übereinstimmung in Sitten keine ganz sichern Schlüsse ziehen, immerhin ist die Mutterfolge insofern Avichtig, als wir sie bei keinem einzigen indogermanischen Volke sicher antrefifen. Spätere Forschung wird zeigen, ob wir auf Grund dieser Übereinstimmungen eine Brücke von England über Spanien nach Nordafrika schlagen können.

5. Die Ligurer.

Ein weiterer Sprachstamm, der in den vorhistorischen Zeiten jedenfalls eine grössere Rolle gespielt hat, als in den historischen, ist das Ligurische. Auch hier sind wir mangels ausreichender Quellen in einer schlechten Lage, und wir können die alten Grenzen und die ehemalige Ausbreitung dieses Volkes nur unsicher bestimmen.

Die Ligurer treten uns in den historischen Zeiten in Norditalien und Sudfrankreich entgegen, ihre hauptsächlichen Wohnsitze aller bilden die Seealpen, und infolge der Ungunst der natürlichen Lage sind sie auch in der Kultur sehr weit zurückgeblieben. Ls ist eine oft wiederkehrende Erscheinung, dass wir die Reste eines einst weiter verbreiteten Stammes in den unwegsamen Gebirgsgegenden antreffen. So finden wir die Basken in Nordspanien und den Pyrenäen, die Bretonen in der Bretagne, sowie die Kelten in Irland und Wales. Auch die Albanesen haben es wohl nur ihren unwirtlichen Wohnsitzen zu verdanken, dass sie der Ro-manisierung wie der Slavisierung in gleicher Weise entgangen sind. Wie sich die Iberer einst in Spanien und in Frankreich niedergelassen hatten, und der letzte Rest ihrer Sprache sich in einem mittleren Gebiete erhalten hat, so können wir auch von vornherein annehmen, das die Ligurer grössere Gebiete in Frankreich wie in Italien inne gehabt haben. In Frankreich bildet in historischer Zeit die Rhone die Grenze der Ligurer, aber nach den Untersuchungen Sieglins haben sie einst auch in Aquitanien und, wie es scheint, vor den Iberern gesessen. Ob sie auch Teile Spaniens besiedelt haben, lässt sich zur Zeit nicht ermitteln.

Schwierig ist die Frage, wie weit sie einst im mittleren und nördlichen Frankreich gewohnt haben. Dort finden wir in historischer Zeit Kelten, die aber höchst wahrscheinlich erst später erobernd vorgedrungen sind. W ir kennen kein anderes Volk als die Ligurer, das wir für die ursprünglichen Bewohner Galliens ansehen könnten. Jedenfalls tragen die Cevennen, die Rhone, Genua ligurische Namen, und es hindert nichts, lässt sich aber freilich auch nicht beweisen, sie noch weiter in den Norden zu schieben. Das Vordringen der Kelten hat hier die alten Grenzen vollständig verwischt. Selbst in das später noch ligurische Gebiet dringen sie ein, und es entstanden Mischvölker, die die Alten Keltoligyes nennen. In andern Fällen können wir auf eine Mischung schliessen, wenn die Alten nicht wissen, ob sie ein Volk den Figuren oder den Kelten zurechnen sollen. Im Gebiet der alten Ligurer wird nun heute noch ein besonderer romanischer Dialekt gesprochen, das Provenzalische. »Wir erhalten«, sagt Windisch Gröbers Grundriss d. rom. Phil. I* 379 »für die Herrschaft des Provenzalischen lauter Gebiet, in welchem ursprünglich nicht keltische Stämme vorherrschten oder wenigstens einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausmachten, nämlich die Ligurer und Aquitaner.« So liegt denn die Vermutung sehr nahe, dass die Grenze des Provenzalischen ungefähr der Verbreitung des Ligurischen entspricht. Diese Grenze bildet eine Linie, die sich durch Dauphine, Lyonnais, Limousin, Perigord und Saintonge zieht (siehe Karte 1). Mit dem Provenzalischen verwandt, aber doch von ihm zu scheiden, ist das Gascognische im Westen, das mehr auf dem iberischen Substrat des alten Aquitaniens beruht. Wahrscheinlich sind die Ligurer auch noch über diese Grenzen hinausgegangen, dort aber ist die keltische Bevölkerung so stark gewesen, dass hier ein besondrer Dialekt, das eigentliche französische entstehen musste.

Auch in Italien finden wir die Ligurer auf weiten Gebieten, wie bereits W. Helbig, Die Italiker in der Poebene S. 30 dargelegt hat. »Nach Verrius Flaccus sassen dereinst Ligurer und Sikuler auf dem Boden, auf dem nachmals die Stadt Rom entstand. Niederlassungen des ersteren Volkes werden von Dionys von Halikarnass, vermutlich nach Angaben des Varro, in derselben Gegend angenommen. Zwar ist die bereits von dem Syrakusaner Philistos vertretene Ansicht, dass die Sikuler ein li-gurischer Stamm gewesen seien, entschieden falsch und bleibt es zweifelhaft, ob der flimmernde Volksbegrifif der Aborigines, wie von einigen römischen Gelehrten versucht wurde, mit den Ligurer in Beziehung gebracht werden darf. Immerhin aber lassen diese Auffassungen darauf schliessen, dass sich das Andenken an die dereinstige weite Verbreitung jenes Volkes bei der Nachwelt erhalten hatte. Überdies wird die Überlieferung durch sprachliche Erscheinungen bestätigt. Der Name der Insel Ilva (Elba) entspricht dem des ligurischen Gaues der Ilvates. Ligurisch scheint auch der Name des Mons Ciminus oder Ciminius in dem südlichen Etrurien, da er in auffälliger Weise an den der Ortschaft Cemenelum, jetzt Cimella oder Cimiez (bei Nizza) und an das Kemmenon oros, die Cevennen, in dem ursprünglich von Ligurern bewohnten südlichen Gallien anklingt. Eine ähnliche Erscheinung ist es, wenn eine Lagune, die sich an der ligurischen Küste unweit der südlichen Ausläufer der Seealpen hinzieht, Sabata und ein in dem südlichen Ktrurien gelegener See, der heutige Lago di Bracciano, Lacus Sabatinus hiess. Auch der Name Alba kommt häutig in ligurischer Gegend vor. Eine Ortschaft dieses Namens lag auf der W estseite des Rhodanus in dem Gebiete der Helvier. Nördlich von Massalia kennen wir das ligurische Gebirgsvolk der Albieis, Albienses oder Albici und in seinem Gebiete Alba Augusta. Hierauf folgen in östlicher Richtung an der italischen Küste Albium Intermelium, Albium Ingaunum, Alba Docilia. Unweit des nördlichen Abhanges des Appenin lag am Tanarus Alba Pompeia;. Wahrscheinlich mit Recht bringt Helbig mit diesem Alba auch den Namen Alba longa in Verbindung, und man wird weiter den Namen der Alpen und der rauhen Alb in Deutschland hinzufügen dürfen.

Weiter wohnten die Ligurer auch in Korsika. Die gleichen Namen des Flusses Rhotanus auf dieser Insel und des Rhodanus im Ligurergebiet weisen mit Notwendigkeit auf dasselbe Volkselement, genau wie Genua und Genf (alt Genava) zwei ligurische Ansiedelungen sind. Der französische Forscher D’Arbois de Jubainville hat, wenn man auch seine sonstigen Ausführungen ablehnt, das grosse Verdienst, die Ausbreitung der Ligurer auf Grund gewisser Ortsnamen genauer bestimmt zu haben. Es handelt sich dabei namentlich um Orts- und Flussnamen mit den Suffixen -asco, -osco, -iisco, von denen man wohl nicht zweifeln kann, dass sie ligurisch waren, denn in der Inschrift vom Jahre 117 v. Chr. lernen wir die ligurischen Namen Xcviasca, Tnlclasca, Vcraglasca, Vine-lasca kennen und aus späterer Zeit kommen noch einige andere hinzu, so dass dieses Suffix als ligurisch mit Sicherheit angesehen werden kann. Heute sind diese Namen auf -asco, -asca vornehmlich in dem heutigen Ligurien verbreitet. Es finden sich da 33. Dieses Suffix nebst den verwandten -osco, -usco treffen wir ausserdem noch in Oberitalien, der Schweiz, in Elsass-Lothringen, in Oberbayern, Tirol, Korsika und auch in Spanien, was demnach auf eine beträchtliche Ausdehnung des Sprachstammes schliessen Hesse.

Wenn wir sehen, in welch grossem Umfang die Ligurer verbreitet waren, so wird die Frage nach der Herkunft dieses Volkes um so dringender. Wir werden auch für dieses Problem zunächst die Sprache heranziehen wollen. Leider fehlen uns aber die nötigen Sprachdenkmäler. Wir kennen das Ligurische eigentlich nur aus den geographischen Namen und einigen Glossen, worauf sich ein sicheres Urteil nicht gründen lässt. Müllenhoff, der diese Reste in seiner Altertumskunde untersucht hat, stellte alles zusammen, was sich für den indogermanischen Ursprung der Ligurer anführen Hess. Man darf sich aber durch diese seine Ausführungen nicht beirren lassen. Er war zu der Überzeugung gekommen, dass wir es in den Ligurern mit einem Sprachstamm zu tun hätten, der nicht zu dem indogermanischen gehörte. Dagegen verficht D’Arbois de Jubainville mit grosser Ent-schiedenheit den entgegengesetzten Standpunkt, und er hat verschiedene Forscher zu überzeugen gewusst. Aber das meiste, was er mit vielem Geschick für seine Hypothese zu verwerten gesucht hat, ist doch nicht beweiskräftig und gerade die Suffixe -asco, -nsco sehen mir nicht indogermanisch aus.

Auf einen neuen Boden ist die Frage gestellt, seitdem, wie man glaubt, zusammenhängende ligurische Sprachdenkmäler aufgefunden sind. In dem Gebiete von Lugano und an andern Orten *) sind Inschriften in einem besondern Alphabet gefunden, das Pauli das Alphabet von Lugano nennt, und das er ausführlich behandelt hat. Diese Funde sind durch neue Inschriften erweitert, die in der Nähe von Ornavasso, am Südende der Valle d’Ossola und westlich vom Lago Maggiore im Jahre 1890 aufgedeckt sind. Da die Inschriften nicht ganz kurz sind, so ist es natürlich von höchster Bedeutung zu untersuchen, welcher Sprache wir sie zuzuschreiben haben. Im allgemeinen liegen die Fundorte, nördlich und südlich von Lugano, südlich vom Comersee und östlich von Como, nach Kretschmer in einem Gebiete, das die Alten den Lepontiern zuweisen, und so haben denn auch Pauli und Bran-chetti die Inschriften den Lepontiern zugeschrieben. Leider wissen wir aber über die Nationalität dieses Volksstammes nichts sicheres. Kretschmer möchte sie zu den Ligurern rechnen. Nissen aber sagt: »Die Salassi im Tal der Dora Baltea heissen den Alten Gallier: die Angabe wird durch die Aufschrift von Goldmünzen, die an der Rhone vor deren Mündung in den Leman gefunden sind, bestätigt; noch jetzt herrscht hier trotz der uralten Verbindung mit Italien tlie französische Sprache . . . An die Sa-lasser grenzen östlich die Lepontii ungefähr bis zum St. Gotthard, das ganze Vorland bis zum Corner-See bewohnend: die Yalle Leventina, das Tal des Tessin hat ihren Namen bis auf die Gegenwart fortgepflanzt. Strabo weist sie ausdrücklich dem raetischen Stamme zu: aber seine Beschreibung der Alpen steckt voller Fehlet*, und ihm widerspricht Cato, der sie den Salassern gleich stellt, also für Kelten erklärt, sowie Plinius, der in diesen Gegend zu Hause war < *\ So sind also die Ansichten über die Lepontier geteilt. Ausserdem ist es aber noch nicht einmal sicher, dass sie auch bei Lugano sassen. Hier sind vielmehr eigentlich Gallier zu Hause, und wir haben auch gar keinen Grund die Sprache dieser Inschriften den Galliern abzusprechen, da sie, wie in der Anmerkung gezeigt werden wird, deutlich keltisches Gepräge tragen.

Neben der Sprache können wir noch die Körperbesch affer.-heit heranziehen. Aus dem Altertum haben wir freilich nicht viel Nachrichten, doch werden die Ligurer gerade den hochgewachsenen Galliern gegenüber als klein und zäh geschildert. Heute aber finden wir auf einem weiten Gebiete, das gerade das ligurische Gebiet mit umfasst, einen besondern Menschentypus, der dunkel, sehr brachykephal und klein ist. Dieser Typus, der der westliche, cevennische, keltische, keltisch-ligurische oder keltisch-sla-vische genannt wird, hat sich in seiner reinsten Form in den Cevennen, im französischen Hochplateau und in den Westalpen erhalten, und kommt durch Mischung modifiziert vor an vielen Stellen zwischen mittlerer Loire und Dnjeper, in Piemont, der Mittel- und Ostschweiz, Süddeutschland, Kärnthen, Mähren, Galizien und Wolhynien.

Ist diese Annahme Denikers richtig, so würden wir eine Rasse vor uns haben, die sich einst weit durch Mitteleuropa verbreitet hätte, deren älteste und Hauptsitze aber im Gebiete der Ligurer zu suchen wären. Dass dieser Typus aber nichts mit dem indogermanischen zu tun hat, kann man wohl als sicher bezeichnen, wenngleich damit eine frühzeitige Indogermanisierung dieser Stämme nicht ausgeschlossen ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Ligurer weit verbreitet gewesen, und wenn dies der Fall war, so hätten wir in der Körperbeschaffenheit einen Hinweis darauf. Nach den Angaben der Alten waren die keltischen Gallier hochgewachsen, blond und blauäugig, von den Germanen wenig verschieden. Wenn wir diesen Typus heute in Frankreich nicht mehr treffen, so darf man schwerlich, wie wir oben gezeigt haben, mit einer Umwandlung der Rasse rechnen, man wird die Tatsachen viel leichter erklären, wenn man annimmt, dass die heutigen Franzosen die Nachkommen jenes Volkstypus sind, den uns die Alten in den Ligurern schildern. Die Kelten sind als Eroberer die herrschende Klasse gewesen, und es ist nicht wunderbar, wenn uns die Römer die Eigentümlichkeiten der Herrscher geben, mit denen sie in der Hauptsache zu tun hatten.

Auf ein ganz anderes Gebiet, um die Herkunft der Ligurer zu erforschen, hat uns Mehlis geführt. Zwischen Rhone- und Rheingebiet scheinen die archäologischen Funde eine frühzeitige Verbindung zu erweisen, und darauf, sowie auf andere bereits gewürdigte Punkte gründet der Verfasser die Annahme von der Ausbreitung der Ligurer bis an den Mittelrhein. Ich kann diese Ausführungen nicht nachprüfen, halte sie aber nach dem angeführten nicht für unmöglich. Es kann sich sehr wohl ein anthropologisch verhältnismässig gleiches Volkselement weit über Westeuropa ausgedehnt haben, wenn wir auch natürlich nicht nachweisen können, dass sie ligurisch gesprochen haben.

Das Ligurerproblem kann also in gewissem Grade als ge* löst betrachtet werden, während es in andrer Hinsicht vorläufig unlösbar ist. Gelöst ist es insofern, als im Süden Europas ein Menschenschlag vorhanden gewesen sein dürfte, in dem wir einen alten Volkstypus Europas zu sehen haben; ungelöst aber bleibt es nach der Richtung, dass wir die Herkunft und genaue Verbreitung dieses Elementes nicht feststellen können. Als die Kelten sie nachhaltig bedrängten, trafen sie mit Indogermanen zusammen, aber es können auch schon vorkeltische Indogermanen die Ligurer beeinflusst haben. Darüber fehlt uns vorläufig jegliche Kunde.

6. Die Etrusker.

Schreiten wir auf dem Roden des völkerreichen Italiens, auf dem wir soeben die Ligurer verlassen haben, weiter, so stossen wir auf die Etrusker, nach denen die Landschaft Toskana noch heute ihren Xanten trügt. Die Frage nach der Herkunft der Etrusker hat schon das Altertum viel beschäftigt, und auch heute ist das Rätsel, das sich an dieses Volk knüpft, nicht gelost, wenn auch die neuere Zeit einige glückliche Funde zu verzeichnen hat und eine eindringende Forschung mit der Zeit manches klarer stellen wird.

Die Etrusker erschienen den Römern ganz fremdartig, und Dionys von Halikarnass (I, 30) sagt, sie seien ein sehr alter Stamm und keinem andern weder in Sprache noch in Sitte gleich. Im grossen und ganzen stimmen die antiken Nachrichten darin überein, dass wir es mit einem Volk zu tun haben, das in Italien eingewandert ist. Nach Hellanikos ( Dion. Hai. 1,28, Diodor XIV 1,13) landen sie am Po bei Spina und gründen von hier aus ihr Reich, und Herodot erzählt (1,94j, dass das halbe lydische Volk unter dem Königssohn Tyrscnos aus Mangel an Unterhalt im Westen eine neue Heimat suchen musste.

Es hat in der Geschichtsforschung eine Zeit gegeben und gibt sie auch wohl noch, in der man die antiken Traditionen ohne grosses Federlesen verwarf. Mit der Zeit hat sich aber die Richtigkeit vieler Nachrichten der Alten bestätigt, und wir haben auch hier keinen Grund, die bestimmte Kunde von einer Einwanderung der Etrusker abzulehnen. Immerhin war es wohl angebracht, sich nach einer anderen, lautrern Quelle umzusehen, aus der man bessere Wahrheit zu schöpfen hoffen konnte, und die musste natürlich die Sprache sein. Aber es scheint, dass wir hier vom Regen in die Traufe gekommen sind.

Die etruskischen Sprachreste bestehen aus einigen Glossen und mehreren tausend Inschriften, von denen die meisten allerdings nur Namen und wenige Worte enthalten, während in der Agramer Mumienbinde ein umfangreiches Denkmal vorliegt. In der Hauptsache haben wir es mit Grabinschriften zu tun, wras deshalb nicht ganz unvorteilhaft ist, wreil der gleichartige Bau derartiger Funde die Deutung etw^as erleichtert. Denn wir müssen die Inschriften ganz aus sich selbst erklären, da bis jetzt eine umfangreichere Bilingue fehlt. Leichter als auf dem äusserst mühsamen Weg der philologischen Kombination würde man zum Ziele kommen, wenn wir eine dem Etruskischen verw andte Sprache ausfindig machen und vergleichen könnten. Da hat man denn sehr bald an indogermanische Herkunft gedacht. Die Etrusker sitzen doch inmitten indogermanischer Stämme und haben w7ohl auch manche Einflüsse von ihnen erfahren. Im Jahre 1874 veröffentlichte W. Corssen sein grosses Werk über die Sprache der Etrusker, in dem er mit Feuereifer die Verwandtschaft des Etruskischen mit dem Lateinischen nachzuweisen suchte. Aber er fand gar bald an Deecke und Pauli •energische Widersacher. Als aber später Deecke auf den ursprünglich so scharf bekämpften Standpunkt Corssens übertrat, da schien sich die allgemeine Lage sehr zu seinen Gunsten verschoben zu haben und Pauli musste nunmehr allein weiter kämpfen.

Nur im Scherz stimmte er seinen Gegnern zu, indem er, um sie ad absurdum zu führen, das Litauische als die nächste Verwandte des Etruskischen erklärte. Ohne weitere einschneidende Untersuchungen hat sich allmählich wieder das Blatt gewendet, und heute verficht kaum noch ein Forscher den indogermanischen Ursprung dieser Sprache. Aber eine andere Verwandte hat sich auch nicht entdecken lassen. V. Thomsen hat in äusserst vorsichtiger Form Anklänge an kaukasische Sprachen hervorgehoben, aber es scheint, als ob auch diese trügerisch sind, und als ob der alte Dionys recht behalten sollte. Auch wer den etruskischen Forschungen ferner steht, wird den Wunsch haben, sich ein Urteil über die Frage zu bilden. Nun besitzen wir etw^as, was einer Bilingue annähernd gleichkommt, wir kennen die etruskischen Zahlwörter von I—6. Im Jahre 1848 entdeckten die Brüder Campanari ein Paar etruskische Würfel, die an Stelle der gewöhnlichen Punkte auf jeder Seite ein unbekanntes Wort aufwiesen. Diese Worte sind: mayy ftu, zalhuft, ci, sa. So ordnete Campanari die Zahlen an, offenbar der Etymologie zu Liebe, indem er so Anklänge an gr. ffa, lat. duo, quattuor, quinque, sex hersteilen zu können glaubte. Doch ist diese Anordnung keineswegs sicher, und andere Forscher sind zu einer ganz andern Folge gekommen. Mit ziemlicher Sicherheit glaubte Skutsch die Reihenfolge may, ci, ftu, hilft; 4a, zal annehmen zu dürfen, musste sie aber sehr bald selbst wieder verwerfen. Mag man die Zahlen aber ordnen, wie man will, mag man Campanaris Vorschlag oder den eines andern Forschers für richtig halten, so wird man doch erkennen, dass von Verwandtschaft mit dem Indogermanischen keine Rede sein kann, und ebensowenig hat eine Vergleichung mit andern Sprachen nennenswerte Anklänge ergeben. Zahlwerte sind aber eines der besten Mittel, um Sprachverwandtschaft zu erweisen. Vergleicht man die französischen ini. dcux. irois. quatre, cinq, six. sept, Jiuit. neu/, di.r mit den deutschen, so wird die Ähnlichkeit trotz mannigfacher Veränderung im Laufe von 4000 Jahren nicht verborgen bleiben.

Dasselbe ergibt sich, wenn wir eine deutbare Inschrift heranziehen. Während bei indogermanischen Sprachen wie dem Phrygischen oder Venetischen das Verständnis durch die Sprachvergleichung sehr bald erschlossen wurde, versagt diese hier völlig. Auch die etruskische Namengebung weicht deutlich von der indogermanischen ab, wie ein Blick in jede Sammlung belehrt. So sind wir also auf diesem Wege nicht weiter gekommen, und wir müssen unsere Zuflucht wieder zu den Nachrichten der Alten nehmen. Wir haben jetzt schon des öftern erlebt, dass sich diese, obgleich sie ursprünglich verworfen wurden, bewahrheitet haben. Auch in diesem Fall haben sie eine überraschende Bestätigung erfahren durch zwei Inschriften, die im Jahre 1886 auf der Insel Lemnos gefunden sind. Obgleich wir auch die Sprache dieser Monumente nicht verstehen, so sind doch alle Forscher darin einig, dass sie bemerkenswerte Anklänge an das Etruskische zeigt. Und da nun die antiken Schriftsteller übereinstimmend berichten, dass auf Lemnos bis zur Eroberung durch die Athener im Jahre 510 v. Chr. Tyrrhener gelebt hätten, und Strabo hinzufügt, dass diese unter Führung des Tyrrhenos nach Italien gekommen seien, so stimmen die geschichtlichen Nachrichten sehr wohl zu dem, was wir sonst zu erkennen vermögen.

Zur geschichtlichen Erklärung dieser Tatsachen liegen mehrere Möglichkeiten vor. Es könnten die Tyrrhener entweder von einem nördlich gelegenen Zentrum nach Etrurien und nach der thrakischen Küste gelangt und von dort nach Lemnos übergesetzt sein, oder wir können es mit einem Volke zu tun haben, das sich zur See im Mittelmeerbecken verbreitet und in Lemnos wie in Italien Kolonien gegründet hat. Es bietet das ebensowenig auffallendes wie die Ausbreitung der Griechen. Und schliesslich könnten wir es mit einer von Etrurien ausgesandten Kolonie zu tun haben. Eine sichere Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten ist nicht zu treffen. Doch ist die letzte Annahme am unwahrscheinlichsten. Sie kann durch die Untersuchung entschieden werden, ob das Lemnische dieselbe Sprache ist, wie das Etruskische oder nur ein verwandter Dialekt. Der neueste Bearbeiter der lemnischen Inschrift A. Torp betont wohl mit Recht die Verschiedenheiten, die zwischen Lemnisch und Etruskisch bestehen, und meint, dass aus diesen Gründen nur die zweite Alternative in betracht kommen könne. Lemnisch und Etruskisch sind verwandte Dialekte einer Grundsprache, das Lemnische ist aber keine Mundart des Etruskischen. Auch die erste oben angeführte Möglichkeit einer von Norden kommenden Einwanderung ist nicht gerade verlockend, und man wird jedenfalls die zweite für die wahrscheinlichste erklären müssen. Dann aber gewinnen die Nachrichten der Alten an Glaubwürdigkeit, dass wir es in den Etruskern mit Seefahrern zu tun haben, die im Mittelmeer weit verbreitet waren und auch an Italiens Küste ein Reich gegründet haben. Dieser Vorgang wäre nicht auffallender als so viele andere Staatengründungen, die zur See erfolgt sind. Dann ist freilich das Rätsel der ertruskischen Sprache unlösbar, da wir von den kleinasiatischen Sprachen nur das Ly-kische einigermassen kennen. Soviel ich sehe, zeigt es keine bemerkenswerte Verwandtschaft mit dem Etruskischen. Denkbar ist es auch, dass wir einen unserm Sprachstamm verwandten Dialekt einmal im Innern Kleinasiens entdecken. Vor einer Reihe von Jahren hat Bugge die Verwandtschaft des Etruskischen mit dem Armenischen behauptet, freilich, ohne dass seine Ansicht -sonderlichen Beifall gefunden hätte. Aber vielleicht könnte seine Annahme doch ein Körnchen Wahrheit enthalten. Denn im Armenischen scheinen eine Reihe nicht indogermanischer Elemente vorhanden zu sein, die natürlich auf die ursprüngliche kleinasiatische Sprache zurückzuführen sein dürften.

Man kann ferner, wie wir dies noch öfter tun werden, die Sitten und Gebräuche untersuchen, um die Herkunft der Etrusker zu enthüllen. Würden wir bei den Etruskern dieselbe Lebensweise wie bei den Indogermanen finden, so würde das zwar keine Verwandtschaft erweisen, aber es würde doch darauf hindeuten, dass die beiden Stämme auf benachbartem Boden erwachsen wären, wie z.B. nach den Nachrichtcn der Alten die Sitten der Ligurer und der Kelten sehr übereinstimmten. Nun sind aber die ISin-richtungen und Zustände bei den beiden Sprachgemeinschaften so verschieden wie möglich.

Zunächst tritt uns Lei den Etruskern die grosse Bedeutung der Zwölfzahl entgegen in den 12 Städten, den 12 Liktoren, während bei den Indogermanen die 9 herrscht. Der Anfang des Tages wurde bei den Etruskern durch den höchsten Stand der Sonne bedingt. Bei den Indogermanen beginnt er mit ihrem Untergang. Den Römern fiel cs auf, dass die etruskischen Frauen am Mahle der Männer tcilnahmen, eine Sitte, die wir sonst in unserm Kulturkreis nicht kennen, und auf den Grabinschriften wird neben dem Namen des Vaters auch sehr häufig der der Mutter genannt, was man längst als einen Rest der Mutterfolge gedeutet hat, wie sie uns besonders deutlich in Lykien, Spanien und Britannien entgegentritt. Auch für die Toten sorgte man in ganz andrer Weise als die Römer taten, man erbaute ihnen prächtige Grabkammern.

Das Auguren und Vorzeichen wesen war bei den Etruskern besonders ausgebildet, und wenn man die Darstellung dieser Dinge bei 0. Müller liest, so wird man ausserordentlich stark an babylonische Vorstellungen erinnert, die man jetzt bequem in Jastrows Religion Babyloniens und Assyriens übersehen kann. Zimmern macht mich darauf aufmerksam, dass in Etrurien bronzene Lebern gefunden sind, die auch in Babylon ihre Rolle spielen. Ebenso auffällig aber, ein Hinweis auf Sternbeobachtung, ist die Orientierung des Templum und der Gräber nach Norden (Müller-Deecke II S. 131, 183). So könnte man noch mancherlei anführen, was alles so weit als möglich von dem entfernt ist, was wir bei indogermanischen Stämmen antreffen, wohl aber Analogien im Orient haben dürfte.

Auch die körperliche Beschaffenheit der Etrusker weicht von dem europäischen Typus ab. Die Figuren auf den Deckeln der Aschenkästen zeigen Menschen von kleiner Statur mit grossen Köpfen, kurzen, dicken Armen und von ungeschickter unbehülf-licher Leibesgestalt. Wir wissen freilich nicht, wie viel davon einer mangelhaften Technik zuzuschreiben ist, aber auch die Römer nannten die Etrusker pingues et obesos. Heute freilich ist von einer besondern Rasse in Etrurien nichts zu spüren, was man aber kaum gegen die Einwanderungstheorie wird verwenden können.

Demgegenüber betont allerdings Wilser, Die Germanen 136, dass das Volk zu einer langköpfigen Rasse (durchschnittlicher Schädelindex 76) mit nur geringer (kaum ein Drittel betragender) Beimengung von Rundköpfen gehört hat, und die bemalten Bildnisse Verstorbener auf zahlreichen Aschenkisten, die oft deutlich helles Haar, blaue Augen und rosige Hautfarbe erkennen Hessen, zeigten, dass diese Rasse die nordeuropäische sei. Sollten diese Angaben richtig sein, so wurde damit doch nichts über die Herkunft und den Ursprung der etruskischen Sprache entschieden, da zweifellos in den gesegneten Fluren Etruriens starke Völkermischungen stattgefunden, und wir auch wissen, dass Umbrer in grossen Teilen Etruriens gewohnt haben.

Auf noch einen Punkt mag in diesem Zusammenhang hingewiesen werden. Wir finden bei den Römern eine Reihe von Entlehnungen aus semitischen oder kleinasiatischen Sprachen, Entlehnungen, die wir auch bei den Griechen antreffen, die aber nicht von den Hellenen zu den Römern gekommen sein können, da ihre Form den Lautgesetzen widerstreitet. Man hat, um dies doch annehmen zu dürfen, von einer thrako-illyrischen Vermittlung über den Norden der Balkanhalbinsel hin gesprochen, aber hier ist kaum ein Kulturweg vorhanden, der von Osten nach Westen geführt hätte. Sollten die Etrusker wirklich aus Kleinasien eingewandert sein, so würde sich diese Erscheinung der Lehnwörter auf das beste bei der Annahme erklären, dass die Einwanderer diese Worte aus ihrer Heimat mitgebracht und den Römern überliefert hätten.

Wir können ferner mit völliger Sicherheit annehmen, dass in Etrurien einmal eine Eroberung stattgefunden hat. Darauf weist der starke Unterschied zwischen Herrschern und Beherrschten, den wir in Etrurien antrefifen. Darauf weist die gewaltige Ausdehnung, die das Reich in kurzer Zeit gewonnen hat, die aber bald wieder verloren ging.
»In den Bundesversammlungen«, heisst es bei Müller-Deecke 1, 337, »berieten und beschlossen bloss die Principes, dieselben herrschten in den Gemeindeversammlungen der einzelnen Staaten . . . Den Geist etruskischer Adelsherrschaft bezeichnet am besten der äussere Pomp der Erscheinung in Kleidung und Insignien, besonders wenn man damit das einfache und schlichte Äussere griechischer Obrigkeiten, auch spartanischer Könige, vergleicht.«

So spricht denn sehr viel dafür, dass die antike Überlieferungen, die von einer Einwanderung der Etrusker zur See weiss, durchaus richtig ist. Woher sie gekommen, lasst sich bei dem Schwanken und der Unklarheit der Überlieferung nicht sagen. Jedenfalls kann sie sehr wohl von Kleinasien ausgegangen sein, da sich hier die Seeschiffahrt frühzeitig entwickelt hatte. Und in der Tat finden wir einige sprachliche Anklange, die diese Vermutung bestätigen. Man weiss, welche Rolle der Name Tarku hat. Tarquinius im Etruskischen spielte. Der gleiche Name kehrt als Torkun, Trokun häufig im Lykischen und in ganz Vorderasien wieder, und man wird diesen Anklang nunmehr nicht so leicht bei Seite schieben können. Der Heroenname Nanos findet seine beste Vergleichung in kleinasiatischen Sprachen.

Diese Anklange können die Frage natürlich noch nicht entscheiden; weiteres hat Pauli (Altitalische Forschungen II, 2, S. 126 ff.) beizubringen versucht, ohne den hypothetischen Charakter seiner Aufstellungen zu verkennen und es lässt sich wohl aus dem lateinischen Namenmaterial, das, wie W. Schulze Zur Geschichte lat. Eigennamen 1904 gezeigt hat, viel Etruskisches enthält, noch manches anfiihren. doch ist auch das unsicher und so müssen wir gestehen, beweisen lässt sich der kleinasiatische Charakter des Etruskischen nicht. Das kann und darf uns nicht wundernehmen, denn tatsächlich ist unsere Kenntnis der klcinasiatischen Sprachen noch sehr gering. Und wenn wir auch vom Lykischen etwas mehr wissen, so sind doch die Lykier aller Wahrscheinlichkeit nach von der See eingewandert, also vielleicht nicht in Kleinasien einheimisch. Auch das, was Torp als Ähnlichkeiten zwischen Karisch und Etruskisch anführt, ist zu vag, als dass es zum Beweise dienen könnte.

An geschichtlichen Parallelen zu der vermuteten Wanderung der Etrusker fehlt es nicht. Wir können mit grosser Sicherheit annehmen, dass im Mittelmeerbeckcn sehr frühzeitig eine ausgedehnte Seeschiffahrt bestanden hat. Die Natur musste hier von selbst auf das Meer hinauslocken. Und namentlich die kleinasiatische Küste war ja vor allem begünstigt. Wie die nordischen Wikinger auf ihren kleinen Schiffen überall hingekommen sind, so werden auch von Kleinasien aus Unternehmungen zur See stattgefunden haben, die nach Lemnos und nach Italien gelangt sein können. Man darf nur nicht an einfache Verhältnisse denken, es war hochentwickelte Kultur.

Wenn die Etrusker nach Italien gelangt sind und in schrittweisem Vorgehen Norditalien erobert haben, so haben sie dort natürlich auch eine einheimische Bevölkerung angetroffen und unterworfen, und es ist für die Sprachenfrage zu erwägen, ob wir nicht gerade den Dialekt dieser Unterworfenen in den etruskischen Inschriften zu suchen haben. Man kann dafür einen wichtigen Punkt anführen. Aus der Behandlung der griechischen Lehnwörter im Etruskischen müssen wir schliessen, dass die Etrusker die erste Silbe der Wörter betonten, und aus dem häufigen Ausfall von Vokalen in unbetonten Silben müssen wir folgern, dass die Sprache einen stark exspiratorischen Akzent hatte. Ausserdem fehlen dem Etruskischen die Medien, während zweifellos stark gehauchte Tenues vorhanden waren. Alle diese Eigentümlichkeiten kehren in dem, dem Etruskischen benachbarten Süddeutschen wieder, so dass man wohl annehmen darf, dass die Eigentümlichkeiten der Sprache durch das gleiche zu Grunde liegende Volkselement bedingt sind.

Nach den Nachrichten der Alten sind die Etrusker bei dem Einbrüche der Kelten unter ihrem Anführer Rätus in die Alpen geflüchtet, wo sie als Rätier fortlebten, und wo noch heute das räto-romanische insofern Kunde von ihnen gibt, als man die eigentümliche Gestaltung dieser romanischen Sprache auf das zu Grunde liegende Volkselement zurückführen darf. Diese Nachricht hat zwar, wie Ratzel Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wiss. 1898, 31 ausführt, manche Analogien für sich, aber sie unterliegt doch schweren Bedenken. Man ersieht die Verteilung des Rätoromanischen aus der Nebenkarte von Karte 1, und man erkennt, wie das Rätoromanische im Herz der Ostalpen gesprochen wird. Das deutet nicht auf ein versprengtes Volkselement hin, sondern auf ein uraltes auf weiteren Gebieten sesshaftes, das hierher zurückgedrängt ist, und es spricht für die Vermutung, dass wir im Rätischen ein vom Etruskischen verschiedenes alteinheimisches Element vor uns haben.

Die Etruskerfrage bildet zweifellos noch heute das schwierigste Rätsel der antiken Ethnographie. Aber wir brauchen nicht daran zu zweifeln, dass es eines Tages gelöst werden wird. Nur darf man bei den Erklärungsversuchen nicht vergessen, dass die Wanderungen der Völker mannigfaltiger sind, als man gewöhnlich annimmt.

7. Die Urbevölkerung Griechenlands und Kleinasiens.

Wir verlassen nunmehr vorläufig den Boden Italiens, da man für die übrigen Teile der Bevölkerung dieses Landes mit grösster Sicherheit indogermanische I lerkunft annehmen darf. Diese werden uns daher erst später beschäftigen. Wir werden sehen, dass wir auch unter den Indogermanen Italiens mindestens zwei besondere Spnichstämme vor uns haben, die zu verschiedenen Zeiten eingewandert sind. Wir finden demnach eine Mannigfaltigkeit der Völkerschichtung, die uns daran erinnert, auch auf anderen Gebieten nicht mit ganz einfachen Annahmen vorzugehen. Was für Italien gilt, dürfte auch für die Balkanhalbinsel zutreffen, wenngleich hier die Tatsachen bei weitem nicht so klar liegen.

A. Der vorhellenische Sprachstamm.

Sobald man die indogermanische Herkunft der griechischen Sprache erkannt hatte, zweifelte man nicht daran, dass die Hellenen die ersten Besiedler Griechenlands gewesen seien, oder dass eine Urbevölkerung, wenn sie vorhanden war, vollständig vernichtet wurde. Das widerspricht aber allen geschichtlichen Analogien. Auch im Mittelmeerbecken haben unendliche Zeiten vor dem Eindringen der Indogermanen Völker gelebt, die sich sicher unter diesen günstigen geographischen Verhältnissen eine bedeutende Kultur erworben haben. Wie schon die Ausgrabungen in Troja, Mykene und Tiryns unsere historische Erkenntnis auf das glänzendste erweitert haben, so zeigen nun auch die neuen kretischen Funde, dass die Nachrichten der Alten von einem alten, mächtigen Reich auf Kreta eine wirkliche Grundlage haben. Inschriften in einer besonderen Schrift (Fig. i), die mit den antiken Alphabeten nicht zusammenhängt, sondern ganz selbständig dasteht, zeigen, welchen Grad der Kultur man hier schon erreicht hatte. Sind auch die Inschriften bisher nicht lesbar, so beseitigen sie doch jetzt schon eine Anzahl älterer Annahmen und geben Raum für neue Forschung. Sie lehren, dass die vordringenden Indogermanen wohl kaum als Kulturträger, sondern zunächst als Zerstörer gekommen sind, bis die angeborene Anlage der Einwanderer in Verbindung mit den Fähigkeiten der eingesessenen Bevölkerung zu jenen weltgeschichtlichen Taten und zu jener Höhe der geistigen Entwicklung führte, die noch heute unsere Bewunderung erregen.

Vergleicht man die geistigen Anlagen und die geistige Regsamkeit der Athener mit dem Charakter der Römer, so muss man auf den Gedanken kommen, dass uns hier grundverschiedene Völker entgegentreten, während doch die Sprachwissenschaft lehrt, dass Griechisch und Lateinisch eng verwandte Sprachen sind. Das lässt sich kaum anders erklären als dadurch, dass an der Bildung des attischen Volkes neben dem indogermanischen auch andere, d. h. einheimische Elemente beteiligt sind. Dagegen zeigen die Dorer in Sparta, die sich zweifellos stets abgesondert erhalten haben, in ihrer Nüchternheit und Konsequenz entschiedene Verwandtschaft mit dem Volkscharakter der Römer.

Alles dies weist darauf hin, dass wir in Griechenland neben den eingewanderten Indogermanen auch eine einheimische Bevölkerung anzuerkennen haben, die ja ihrerseits schon wieder mannigfach gemischt gewesen sein kann. Das einzige Mittel, von der Herkunft dieses Volkes etwas zu erfahren, muss doch wieder die Sprache bilden. Die in einer Art Bilderschrift geschriebenen kretischen Inschriften, die jetzt auch im eigentlichen Griechenland ans Tageslicht getreten sind, haben bis jetzt noch dem Versuch der Lesung getrotzt. Aber schon vor einer Reihe von Jahren ist in Praisos auf Kreta im Gebiet der Plteokreter eine nicht griechische Inschrift in griechischen Buchstaben entdeckt, zu der 1901 eine zweite umfangreichere gekommen ist. Mit grossem Scharfsinn und genügender Vorsicht hat R. S. Conway diese Inschriften untersucht und sich für indogermanischen Ursprung ausgesprochen. Mir scheint dies Ergebnis freilich keineswegs sicher zu sein, vor allem da wir den Inschriften noch keinen Sinn abgewinnen können. Aber das eine lehren uns die Inschriften, dass auf Kreta einst eine Bevölkerung gesessen, die eine nicht griechische Sprache gesprochen hat. Jeder Tag kann uns neue Funde bringen, und diese werden hoffentlich über den Charakter der Sprache Auskunft geben.

Vorläufig müssen wir uns aber ohne dieses Hilfsmittel behelfen. Wenn auch ein eroberndes Volk nicht allzuviel Fremdwörter aus der Sprache der Unterworfenen aufnimmt, so wird es doch nicht ganz ohne diese bleiben, und so hat man die Aufmerksamkeit auf eine Reihe griechischer Wörter mit dem Suffix -nthos gelenkt, mit einem Suffix, das wir nur schwer aus dem Indogermanischen erklären können. Ausserdem sind es, wie Conway Iiervorgehoben hat, meist Ausdrücke, die aus der Sprache der Hauern stammen durften, da sie Gegenstände des Landlebens bezeichnen, und bei ihnen liegt allerdings der Verdacht der Entlehnung nahe.

Aber auch dieser Punkt kann uns wenig nutzen. Wohl aber bieten die Orts-, Fluss- und Bergnamen Griechenlands ein wichtiges Hilfsmittel, die Verbreitung der alteinheimischen Sprache festzustellen. Während auf keltischem, germanischem und sla-vischem Gebiet die Deutung der topographischen Namen aus dem Indogermanischen in vielen Fällen gar keine Schwierigkeiten bereitet, ist ein grosser Teil des griechischen Namenmaterials so gut wie undeutbar. Gewiss sind auch hier Versuche gemacht, alles aus dem Hellenischen oder Indogermanischen selbst herzuleiten, aber überzeugend sind diese Ausführungen nicht gewesen, und auch spätere Arbeiten dürften wenig besseren Erfolg haben. Gerade gegenüber den bedeutendsten Namen, wie Athen, Sparta, Theben versagt jeder Deutungsversuch.

Zum Teil kehren auch die gleichen Ortsnamen in Europa und Kleinasien wieder, so z. B. Larisa in Thessalien, in Lydien, und Mysien; einen Parnassos gibt es in Phokis, zwei andere in Kappadokien und Karien; Mykalessos erscheint in Böotien und Karien, Kephisos in Attika und Böotien, Kabcssos in Lykien Kabassos in Kappodokien. Neben dem Erymanthos in Elis steht ein 0romandos in Kappadokien.

Anderseits finden wir auch dieselben Stämme, und nur die Suffixe wechseln. Neben Larisa steht Laranda in Kappadokien und Lykaonien, neben Pyrasos in Thessalien Py rindos in Karien, neben Kot risset, in Galatien Kor int kos und Kerinthos in Griechenland. Man kann nicht daran zweifeln, dass wir es in allen diesen Fällen mit Namen zu tun haben, die ein und derselbe Sprachstamm geprägt hat. Da nun diese Namen in Griechenland und Kleinasien Vorkommen, so zog ihr erster Bearbeiter, Georg Meyer, den Schluss, wir hätten es, da ja die Griechen sicher Indogermanen waren, auch in Kleinasien mit indogermanischen Sprachen zu tun. Aber es sind weder die Wortstämme noch die Endungen mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Indogermanischen herzuleiten, und da wir weiter gelernt haben, wie oft ein Volk die Spuren seiner Anwesenheit in Ortsnamen hinterlässt, so schliessen wir jetzt gerade umgekehrt: weil diese namentlich in Karien und dem übrigen Kleinasien verbreiteten Namen sicher nicht indogermanisch sind, so hat auch in Griechenland einmal eine nicht indogermanische Bevölkerung gesessen. Diese Folgerung haben schon Pauli und nach ihm Kretschmer gezogen, und nur einige skandinavische Gelehrte haben den indogermanischen Charakter jener Worte und Bildungen verteidigt. Meines Erachtens kann man an dem nicht indogermanischen Charakter dieser Sprache nicht zweifeln, und so hätten wir hier also eine neue Sprachgruppe nicht indogermanischer Herkunft vor uns, die in Griechenland und Kleinasien einst weit verbreitet war.

Wenn nun auch die topographischen Namen genügen, um dieses Ergebnis festzustellen, so wissen wir doch über diese Sprache zunächst nichts, und wir können also ihre weitern Wege und ihre Herkunft nicht ermitteln. Wir wissen auch nicht einmal sicher, ob die Namen auf -00- und auf -vK (~vö~) derselben Sprachgruppe angehören, wenngleich dies, da dieselben Stämme mit beiden Suffixen versehen werden, einigermassen wahrscheinlich ist. Nun sind aber allmählich auf kleinasiatischem Boden in Inschriften Reste verschiedener Sprachen ans Tageslicht gekommen, die möglicherweise eine Förderung unserer Frage bieten können. Natürlich ist es von vornherein durchaus nicht sicher, dass diese Sprachreste demselben Volk angehören, von dem die Ortsnamen stammen. Ms können auch liier Indogermanisierungen stattgefunden haben, oder es können andere Sprachstämme eingewandert sein. Immerhin sind aber diese Sprachen auch an sicli wertvoll genug, um mancherlei geschichtliche Aufklärung bieten. Weiterhin ist es ja auch nicht sicher, dass die Menschen, die diese Ortsnamen geprägt haben, die ersten Be-siedler dieser Gegenden waren. Zeigt doch das Land zwischen höbe und Weichsel fast durchgehend eine slavische Namengebung, obgleich hier sicher vor ihnen Germanen gewohnt haben. Wenn sich Städtenamen erhalten sollen, so müssen erst einmal Städte vorhanden sein. Wohnte die älteste Bevölkerung Griechenlands in Dörfern, so können die Namen dieser Ansiedelungen völlig verloren gegangen sein, sobald eine neue Art der Siedelung aufkam.

Über die Verbreitung der auf diese Weise gebildeten Ortsnamen würde am besten eine Karte Auskunft geben, doch würde eine in dem kleinen iMassstab, wie sie diesem Buche hätte beigegeben werden können, keine genügende Übersicht gewährt haben. Ich führe daher nur Paulis Ergebnis an (Altitalische Forschungen : Die Namen auf -d- sind im ganzen seltener als die auf -v-, sie verhalten sich zu einander wie 64 zu 120, innerhalb der einzelnen Provinzen aber ist das Verhältnis beider so, dass im Süden die Formen mit -d- verhältnismässig stärker vertreten sind, als die mit -v , so in Karien, Lykien, Pisidien, Pamphylien, Kilikien und Lykaonien, während sie nach Norden stark zurücktreten, so in Pontus, Galatien, Kappadokien, Phrygien und Mysien. Als den Hauptsitz dieser beiden Formationen überhaupt ergeben sich Kappadokien, Karien, Lykien und Pisidien, in zweiter Reihe Lykaonien, Phrygien, Lydien und Mysien, nur dünn gesät sind sie im Norden.« Wir finden sie ferner jenseits der Propontis in Thrakien, in Makedonien, Thessalien, Böotien, Attika und vereinzelt in Mittelgriechenland und dem Peloponnes. Nach der Verbreitung zu schliessen, war der Ursitz dieser Sprache Südkleinasien, namentlich Karien, von wo sie sich in den Küstenländern des ägäischen Meeres ausgedehnt hat. Wir wenden uns nunmehr zu den Sprachen Kleinasiens. Freilich die Hoffnung, hier jene Sprache, die auch in Griechenland geherrscht hat, noch in Inschriften anzutreffen, müssen wir aufgeben. Wir finden auch hier Rätsel über Rätsel und nur selten sichere Lösungen.

Es ist das Verdienst von Kretschmer, uns ein weiteres Hilfsmittel, den kleinasiatischen Sprachstamm zu bestimmen, er schlossen zu haben. In Kleinasien ist das Prinzip sehr verbreitet, die Personennamen aus den Bestandteilen der Sprache zu bilden, die besonders als Lallwörter verwendet werden.

Wir finden da beinahe alle Möglichkeiten erschöpft, nämlich Ba, Baba, Aba, Da, Dada, Duda, Ada, Ma, Mama, Ama, Na, Nana, N011710s, Ninnis, Nenis, Anna, Papa, Appa, Ta, Tata, Tatta, Ata, Atta, Kaka, Akka, La, Lala, Sa, Sassa, Sustt. Vava. Es ist ganz richtig, dass derartige Wörter auch in andern Sprachen Vorkommen, aber in solcher Menge und als namenbildendes Prinzip treten sie eben nur in Kleinasien auf. Kommt hinzu, dass auch sonst die gleichen Namen über einen Teil Kleinasiens verbreitet sind, so wird man den Schluss auf einen besonderen Sprachstamm, den schon Kiepert gezogen hat, anerkennen müssen. Das schliesst aber nicht aus. dass auch in Kleinasien noch andere Volks- und Sprachelemente vorhanden gewesen sind. Wenn die babylonische und ägyptische Kultur schon im vierten Jahrtausend hoch entwickelt waren, wenn wir in beiden Ländern die mannigfachsten Eroberungen und Völkerverschiebungen finden, so wird man ähnliches auch für Kleinasien voraussetzen dürfen.

B. Das Lykische.

Von allen kleinasiatischen Sprachen kennen wir das Lykische am besten, da uns eine beträchtliche Anzahl von Inschriften, darunter auch einige Bilinguen, von dieser Sprache überliefert sind. Das lang erwartete Werk, das die Inschriften vollständig bietet, ist jetzt erschienen, und es wird die Forschung entschieden neu anregen. Es lässt sich nicht leugnen, dass wir die kleinern Grabinschriften mit ihrem typischen Inhalt ganz oder nahezu ganz verstehen, dass wir aber der grössten Inschrift, der Xanthosstele, noch keinen Sinn haben abgewinnen können. Immerhin genügt das bisher erkannte, um uns einen Einblick in den Bau der Sprache zu gewähren, die sich danach als eine flektierende enthüllt.

Das Alphabet, in dem die Inschriften geschrieben sind, ist aus dem Griechischen abgeleitet, zeigt aber eine Reihe neuer Zeichen, und andere in eigentümlicher Verwendung, und daraus geht schon deutlich hervor, dass das lykische Lautsystem ein anderes war als das griechische. Das kann natürlich vorläufig fiir die 1 Icrkimft der Sprache nichts beweisen, wenngleich es einmal von Bedeutung werden kann. Wichtiger ist schon, dass, wie Deecke 1887 zuerst erkannte und Arkwright 1891 genauer begründete, im Lykischen eine Art Vokalharmonie bestand. Eine derartige Eigentümlichkeit kennen wir bisher nur aus dem alten Sumerischen und den uralaltaischen Sprachen, aber darauf Lässt sich nicht die Annahme von Verwandtschaft gründen, da eine solche Erscheinung, die nur phonetischer Natur ist, auch selbständig auftreten kann. Andrer Art ist die Verdoppelung der Konsonanten nach Konsonanten, die H. Pedersen zuerst beobachtet hat. Zugleich zeigt die Sprache eine grosse Häufung von Konsonanten, was auf Vokalausfall und starken exspiratorischen Akzent schliessen lässt.

Sehr bald nach einer genaueren Bekanntschaft mit dem Lykischen hat man die Ansicht aufgestellt, wir hätten es mit einer indogermanischen Sprache zu tun, und unter dieser Voraussetzung hat die Erforschung des Lykischen Jahre lang gestanden. Dann aber vertreten andere Forscher wie Taylor, Pauli, Ark-wright, Kretschmer die gegenteilige Auffassung, während Bugge und ihm folgend Pedersen mit grossem Eifer die Anklänge an das Indogermanische hervorgehoben haben und den indogermanischen Charakter des Lykischen verteidigen. Bugges und Pedersens Argumente scheinen, wenn man sie im Zusammenhänge liest, in der Tat einiges Gewicht zu haben, versucht man aber die Inschriften selbst mit Hilfe des Indogermanischen zu deuten, so wird der Glaube wieder wankend. Ich habe mich früher für Kretschmer ausgesprochen, halte es aber heute für möglich, wenn auch nicht für erwiesen, dass im Lykischen, das jedenfalls eine Mischsprache ist, ein indogermanischer Einschlag vorhanden war.

Eine Einwanderung fremder Volkselemente folgert Kalinka mit Recht aus verschiedenen Gründen. Wenn man die dem Inschriftenwerke beigegebene Karte überblickt, in der die Orte, wo Inschriften gefunden wurden, eingetragen sind, so sieht man sofort, wie dicht die Lykier am Meere sassen, während die Inschriftenfunde in den von der See entfernteren Gegenden immer seltener werden und im Mittellande ganz fehlen. Ausserdem zerfällt dieses Siedelungsgebiet an der Küste in zwei getrennte Teile, einen westlichen und einen östlichen.

Ferner weichen die lykischen Personennamen durchaus von dem von Kretschmer aufgedeckten kleinasiatischen Namensystem ab und drittens findet man die eigentümlichen lykischen Grabdenkmäler sonst in Kleinasien nicht. Von dieser Einwanderung zur See berichtet ja auch Herodot, aber wir wissen freilich nicht, woher die Lykier gekommen sein mögen. Verwandtschaftliche Züge mit dem Etruskischen oder Lemnischen haben sich im Lykischen, wie wir oben gesehen haben, bisher noch nicht nachweisen lassen, und da wir von dem Sprachengemisch, das offenbar im Mittelmeerbecken herrschte, nur sehr unvollkommene Kenntnis haben, so müssen wir die Lösung des lykischen Rätsels auf Zeiten vertagen, da einst neue sprachliche Urkunden ans Tageslicht gekommen oder die alten noch sichrer gedeutet sein werden. Proben der lykischen Sprache und Erörterungen über ihren Bau bietet die Anmerkung.

Bemerkenswert ist ferner, dass den Alten an den Lykiern die Sitte der Mutterfolge auffiel. Sonderbarerweise wird sie durch die Inschriften nicht bestätigt, da der Sohn hier regelmässig als Sohn seines Vaters eingeführt wird. Wohl aber finden wir in Kos und anderswo Reste dieser Sitte, so dass wir auch durch diese Tatsachen auf den Gegensatz zweier Bevölkerungsschichten geführt werden. Auf der Xanthosstele tritt uns neben dem eigentlichen Lykischen noch eine etwas abweichende Sprache entgegen, die man pseudolykisch oder milyisch genannt hat. Wenn sie nun auch ein wirkliches Lykisch ist, so weist doch ihr Dasein wohl ebenfalls auf Mischungsverhältnisse hin.

Das System der Namengebung ist, wie wir schon öfter gesehen haben, manchmal ein wichtiges Hilfsmittel und unser letzter Rettungsanker. Die lykischen Namen zeigen nun durchaus nicht jene Lallnamen, die Kretschmer als den kleinasiatischen Sprachen eigentümlich erkannt hat, vielmehr haben sie des öfteren deutlich eine zweistämmige Form wie z. B. in Purihi-mete (25) und Purihi-mrbbese (62), Asa-wazala (3) und Wazala (16) Pddje/-kfita (13) und Knte-nube (39), Ddawa-parta (101) und Ddawa-hama (113), Pertina-muwa (66). Diese Art der Namenbildung würde für das Indogermanentum stark in die Wagschale fallen, wenn man die Wortstämme wiederfände. Wer nach Indogermanismen sucht, wird leicht Anklänge finden, die ich auch in den Bemerkungen zu diesem Kapitel andeuten werde.

Alles in allem ist das Problem des Lykischen noch nicht gelöst , aber es ist zu hoffen, dass weitere eindringende Forschung uns einst sichere Ergebnisse geben werde. Wenn sich die indogermanische Herkunft bestätigen sollte, so würden wir allerdings immer noch nicht wissen, woher denn die Lvkier eigent-lieh kommen. Zur See müssten sie eingewandert sein. Das nächstliegende wäre, Herkunft aus Griechenland anzunehmen, aber Italien, die chalkidische Halbinsel oder selbst Xordklein-asien wären ebenso als Ausgangspunkte denkbar. Selbst wenn ich den indogermanischen Charakter des Lykischen anerkennen wollte, vermöchte ich nicht zu entscheiden, ob wir es mit einer westlichen oder östlichen Sprache zu tun haben.

C. Die übrigen Stämme Kleinasiens.

I. Die Karer.

Sollte sich wirklich das Lykische als eine indogermanische Sprache erweisen lassen, so würde dadurch das Ergebnis früherer Forschung, dass in Kleinasien ein besonderer Sprachstamm vorhanden gewesen ist, nicht beeinträchtigt werden. Denn darauf weisen die Orts- und Personennamen mit hinreichender Deutlichkeit hin. An und für sich ist es nicht einmal wahrscheinlich, dass sich c i n einziger Sprachstamm über ganz Kleinasien erstreckt hat. Das Land dürfte ebenso wie andere Gebiete verschiedene Völkerstürme über sich haben ergehen lassen. Aber die Xachrichten, die uns zu Gebote stehen, sind zu dürftig, um etwas sicheres erkennen zu lassen.

Im Altertum treten uns drei verschiedene Stämme hier entgegen, die Karer, die Lyder und die Myser. Über die Herkunft der Karer besitzen wir bei Herodot 1,71 eine antike Überlieferung, nach der sie auf das Festland von den Inseln gekommen sein sollen; die Karer selbst dagegen hielten sich für Autochthonen, d. h. wussten nichts über ihre Herkunft. Die Xachricht Herodots wird insoweit zu Recht bestehen, als auch auf den Inseln, namentlich in Kreta einst eine karische Bevölkerung vorhanden war. Auf enge Beziehungen weist das Vorkommen der Doppelaxt, deren Name in labiys vorliegt und auch in dem kretischen Labyrinthos steckt.

Von der karischen Sprache sind uns aus dem Altertum eine Reihe von Glossen überliefert, die am vollständigsten von Sayce zusammengestellt sind. Ausserdem ist eine Anzahl von Inschriften auf uns gekommen. Leider sind sie, obgleich wir einige Bilinguen besitzen, die sich aber nicht genau entsprechen, noch nicht gedeutet, ja, obgleich die Schrift auf einem griechischen Alphabet beruht, enthält sie doch so viele neue Zeichen, dass wir sie nicht einmal sicher lesen können. Kretschmer glaubt ein Genetivsuffix nachgewiesen zu haben, das das Karische mit dem Lykischen teile, während Torp Die Inschrift von Lemnos S. 49 Anklänge an das Etruskische findet, die aber doch auch nur sehr dürftig sind. Jedenfalls wird man schwerlich daran denken können, dass wir es im Karischen mit einer indogermanischen Sprache zu tun haben.

Anderseits finden wir in Mylassa ein altes Heiligtum des karischen Zeus, in dem die Karer gemeinsam mit den Lydern und Mysern als ihren Brüdern opferten. Wir erfahren also hier von einer alten Kultgemeinschaft, und das weist darauf hin, dass eine Sprachverwandtschaft zwischen diesen Völkern bestand, denn ohne gleiche Sprache ist die gemeinsame Verehrung eines Heiligtums im Altertum kaum denkbar.

2. Die Lyder und Myser.

Während uns die karischen Inschriften wenigstens darüber Auskunft geben, dass wir es mit keinem indogermanischen Volk zu tun haben, versagen bei den Lydern auch die Inschriften. Bis jetzt ist nur eine Inschrift gefunden, die Sayce für lydisch hält. Seine Annahme ist jedoch sehr unsicher. Glossen sind nur wenige vorhanden, darunter jedoch einige, die in der Tat indogermanisch zu sein scheinen. Die ausführlichen Erörterungen, die das Lydische bei Kretschmer Einleitung 384 ff. gefunden hat, haben das eine klar gestellt, dass wir es bei diesem Volke wohl mit einem indogermanischen Einschlag zu tun haben, das heisst, indogermanische Stämme, die zweifellos in den Norden der kleinasiatischen Halbinsel gelangt sind, scheinen auch diese Teile des Landes erreicht und hier ein Reich von kurzer Dauer gegründet zu haben. Das homerische Epos kennt die Lyder noch nicht, sondern dafür die Mai071er, ein Volksname, der sehr wohl indogermanisch sein kann. Später wird der König Kandaules durch Gyges gestürzt, und es hat schon Kiepert (Lehrb. d. alt. Geogr. S. 112) vermutet, dass mit Gyges ein einheimisches Element wieder zur Herrschaft gekommen sei. Das ist insofern beachtenswert, als Kandaules in der Tat einen indogermanischen Namen zu tragen scheint, wie weiter unten zu besprechen sein wird.

Noch deutlicher tritt diese Mischung in der Landschaft Mysien auf. Xanthos (bei Strab. 12, 572) sagt ausdrücklich, der mysische Dialekt sei aus lydisch und phrygisch gemischt gewesen. Wir haben keinen Grund, diese Angabe zu bezweifeln. Sonst wissen wir über die Sprache wenig, da nur drei Glossen überliefert sind. Da die Myser am Kult von Mylassa teilnehmen, müssen wir sie als Verwandte der Lyder und Karer betrachten, während anderseits die Anwesenheit indogermanischer Stämme in Mysien sicher steht.

3. Die übrigen kleinasiatischen Stämme.

Von den Völkerverhältnissen des übrigen Kleinasiens wissen wir verhältnismässig wenig. Wie weit indogermanische Einwanderungen stattgefunden haben, werden wir im zweiten Teil sehen. Das Vorhandensein einer vorindog. Bevölkerung folgt aus den Personen- und Ortsnamen. Karolidis hat, wie Kretschmer S. 399 ausführt, in dem heute nördlich des Tauros gesprochenen griechischen Dialekt eine Reihe von Pdementen entdeckt, die sich aus dem Griechischen nicht deuten lassen, und die er deshalb auf die alte kappadokische Landessprache zurückführt. Wir finden in diesem Dialekt vor allem Zahlwörter wie lingiv 6, tatli oder tutli 7, matli oder mutli 8, danjar oder tsankar 9, die sicher nichts mit dem Indogermanischen zu tun haben.

Die Mittel, die ursprünglichen Völkerverhältnisse Kleinasiens zu entwirren, sind vorläufig noch zu gering, als dass wir sichere Ergebnisse erwarten dürften. Vor allem fehlen uns ausgiebige Sprachdenkmäler. Aber vielleicht treten solche mit der Zeit ans Tageslicht. Zu hoffen ist, dass die Erforschung des Lykischen zu voller Klarheit führen werde. Die Zukunft wird hier gewiss manches Rätsel lösen, aber auch neue knüpfen. Jedenfalls steht fest, Kleinasien ist einst von Nichtindogermanen bewohnt gewesen. Dass hier ein einziger einheitlicher Sprachstamm gesessen habe, widerspricht eigentlich aller Wahrscheinlichkeit, genaueres aber können wir nicht darüber wissen. Wie die Indogermanen in dieses Land eingedrungen sind, werden wir im zweiten Teile sehen.

8. Die Finnen.

Glücklicher als bei den bisherigen Sprachstämmen sind wir bei der Sprache daran, die im Norden und Osten seit mehreren tausend Jahren den germanischen benachbart ist, der finnischen. Diese Sprache lebt noch heute und gibt, da sie sich verhältnismässig wenig verändert hat, über vieles Auskunft. Lehnwörter, die in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt von den Germanen zu den Finnen gekommen sind, zeigen noch heute die Gestalt, die die Sprachforschung für das Urgermanische erschlossen hat, ja es gibt Wörter, die völlig den vorausgesetzten indogermanischen gleichen.

Mit dem Namen »finnischer oder finnisch-ugrischer Sprachstamm« bezeichnet man die Sprachen der Völker, die heute auf einem Gebiet wohnen, das sich vom Ob und Ural im Osten bis zur Ostsee dem Ozean und der Donau im Westen und Süden erstreckt. Ein Blick auf eine ethnographische Karte (s. Karte 2) lehrt uns ihr Gebiet kennen, das in zwei grosse getrennte Teile zerfällt, zwischen die sich jetzt die Russen geschoben haben. Aber innerhalb des russischen Gebietes treffen wir noch immer vereinzelte Reste, was auf eine einstige grössere Ausdehnung schliessen lässt. Getrennt von dem grossen Stamm finden wir die Magyaren in Ungarn, in ihrem Verhältnis zu den übrigen Finnen ursprünglich ein kleiner versprengter Rest.

Das Finnisch-Ugrische teilt man in folgende Sprachzweige:

1. Die baltischen Finnen im eigentlichen Finnland, im Petersburger Gouvernement, im nördlichen Schweden und Werm-land und im nördlichen Norwegen; sie zählen jetzt etwa 2600000 Angehörige.

Zu ihnen im weiteren Sinne gehören:

a) Die Karelier in Russland im westlichen Teil des Gouvernements Archangelsk und Olonez (etwa 90000) und in dem Gouvernement Twer und Nowgorod, wo sie aber erst nach dem Stolbower Frieden eingewandert sind (etwa 150000);

b) Die Wepsen in den Gouvernements Olonez und Nowgorod (etwa 20000),

c) Die Woten im Petersburger Gouvernement (etwa 2000),

d) Die Esthen im Esthland und Livland (etwa 870000),

e) Die Liven (kaum noch 3000) auf der nördlichsten Landspitze von Kurland.

2. Den zweiten Zweig bildet das Lappische im nördlichen Schweden und Norwegen. Die Zahl der Lappen beträgt gegen 250CO. Anthropologisch sind die Lappen von den Ugrofinnen deutlich zu scheiden. Es sind kleine Leute (1,3—-1,6 m) von schmutziggelber Hautfarbe, mit straffem schwarzem Haar, rundem Schädel, ein wenig schiefstehenden Augen, kleiner platter Nase und kleinem spitzen Kinn.

3. Die Mordwinensitzen hauptsächlich in den russischen Gouvernements Simbirsk, Pensa, Saratow, Samara, Nischnij Nowgorod und Tambow, an Zahl etwa 800000.

4. Die Tscheremissen betragen etwa 360000, und sie wohnen besonders im Gouvernement Wjatka.

5. Die Syrjanen, mit den engverwandten Wotjaken zusammen auch Permi er genannt, findet man besonders in den Gouvernements Wologoda und Archangelsk, an der Petschora, dem Meilen und den östlichen Zuflüssen der Dwina, etwa 112000 an Zahl. Die W otjaken wohnen im Gouvernement Wjatka und am Oberlauf der Kama, sowie in den Gouvernements Kasan und Ufa. Sie umfassen noch 300000—350000 Menschen.

6. Die Wogulen, meistenteils an der östlichen Seite des. nördlichen Urals sesshaft, bilden mit den ihnen benachbarten Ostjaken den ugrischen Zweig der finnischen Sprachfamilie, von dem wahrscheinlich

7. Die Magyaren, die herrschende Klasse in Ungarn, abstammen. Ihre Zahl betrug 1890 7426730, übertrifft also die aller übrigen finnischen Sprachen zusammengenommen. Sie erscheinen um 836 n. Chr. an der untern Donau und lassen sich am Ende des neunten Jahrhunderts in Ungarn nieder. Ihre Heimat sucht man auf Grund der Sprachverwandtschaft am Ural,, wo sie am südlichsten sassen, wahrscheinlich in der Nachbarschaft türkischer Stämme, wie die Lehnworte wahrscheinlich machen, die sie von diesen erhalten haben.

Die finnisch-ugrische Sprache ist weiter mit dem Samoje-dischen in Nordsibirien und Nordosteuropa und dem türkisch-tatarischen verwandt, und man vereinigt alle diese Idiome unter dem Namen uralaltaischer Sprachzweig, der seit alter Zeit das östliche Europa und Nordasien einnimmt, und den man zu den agglutierenden Sprachen rechnet. Doch ist das eigentliche Finnisch heute durchaus flektierend.

Wo die Urheimat der Finnen zu suchen sei, dürfte ebenso umstritten sein wie die Frage nach der Herkunft der Indogermanen. Während man ihnen früher wie diesen Sitze in Asien anwies, sprechen sich heute auch Stimmen dafür aus, dass sie schon seit Alters in Nordeuropa gewohnt haben. Und in der Tat lässt sich dagegen kaum ein stichhaltiger Grund geltend machen. Man wird in ihnen die uralten Bewohner der Tundren Nordeuropas zu sehen haben, eines Gebietes, das nur eine spärliche Bevölkerung ernähren konnte und fremde Eroberer auch nicht anlockte. Jedenfalls sitzen finnische Stämme seit Alters in Osteuropa und längs der Wolga ziemlich tief bis in den Süden herab. Nachbarn der Indogermanen, die ihnen in der Kultur überlegen waren, sind sie schon mindestens im ersten Jahrtausend vor Christus gewesen. Das zeigen die zahlreichen Lehnwörter, die sie aus dieser Sprache aufgenommen haben. Nach Setälä sind die Indo-Iranier die ersten Indogermanen gewesen, mit denen die finnisch-ugrischen Stämme in Berührung gekommen sind. Der Anfang dieser Berührungen ist auf die Zeit zurückzu führen, wo die finnisch-ugrischen Sprachen noch eine Einheit bildeten oder sich wenigstens in geographischer Hinsicht recht nahe standen. Und es haben nicht nur die iranischen Sprachen auf das Finnisch-ugrische gewirkt, sondern es muss auch der Einfluss einer Sprache vorausgesetzt werden, die dem Indischen näher stand als dem Iranischen. Nach dieser Zeit hat das Litauische eingewirkt. »Es unterliegt keinem Zweifel«, sagt Setälä S. 34, »dass die baltischen Entlehnungen in der mordwinischen Sprache der Zeit nach den iranischen am nächsten stehen. Das geht daraus hervor, dass die meisten baltischen Wörter der mordwinischen Sprache (wie Thomsen gezeigt hat) in den westfinnischen Sprachen nicht selten genau in übereinstimmender Form angetroflen werden, was beweist, dass der Verkehr zwischen den Finnen und ihren nächsten Stammgenossen in der Epoche, wo diese Entlehnungen stattgefunden, noch nicht ganz abgebrochen war.« Wiederum später sind die germanischen Lehnwörter.

Aus alle dem geht also hervor, dass die Finnen seit Jahrtausenden Nachbarn der Indogermanen gewesen sind, und man kommt daher naturgemäss auf den Gedanken, ob nicht die beiden Sprachstämme überhaupt verwandt seien. Und das hat man wirklich behauptet. Obwohl schon im Jahre 1879 N. Anderson diese Hypothese ausführlich zu begründen versucht hat, hat die Ansicht doch wenig Beifall gefunden, bis sich ihrer H. Sweet mit grosser Wärme angenommen hat. Und in der Tat werden keinem, der sich vorurteilsfrei mit dem Finnischen beschäftigt, die auffallenden Ähnlichkeiten entgehen können, die sich zwischen diesem Idiom und unsrer Sprache zeigen. Ich stehe nicht an zu behaupten: Wenn man bei einer neu entdeckten Sprache solche Übereinstimmungen mit dem Indogermanischen fände, wie beim Finnischen, so würde jeder Sprachforscher sie für indogermanisch erklären. Trotzdem kann man sich täuschen und einigen äussern, direkt in die Augen springenden Ähnlichkeiten zu grossen Wert beimessen. Erst wenn wir eine urfinnische Grammatik besitzen, wie wir eine indogermanische haben, und wenn wir weiter in der Analyse der indogermanischen Flexion gekommen sein werden, dann wird es möglich sein, sicher über die Verwandtschaft zu urteilen.

Freilich gehören die finnischen Völker der Rasse nach teilweise sicher nach Asien. Aber doch nur teilweise. Denn sie bestehen auch nicht aus einer einzigen Rasse, und die Bewohner des eigentlichen Finnlands zeigen auch Typen, die mit denen Europas durchaus verwandt sind. Wie das zu erklären sein mag, steht noch dahin. Jedenfalls kann indogermanisches Blut in ihnen stecken. Denn die Nordeuropäer werden sich ebenso nach Osten ausgedehnt haben, wie sie nach Süden und Westen gewandert sind, und wenn so die Asiaten und Europäer zu-sammenstiessen, so musste eine Sprachübertragung und Rassenmischung stattfinden. Dass bei dieser Gelegenheit Europäer finnisiert seien, ist ebensogut möglich, wie in Russland zahlreiche finnische Stämme russifiziert worden sind. Andere Forscher freilich, wie z. B. Ripley, halten die Finnen für ursprünglich blond und sehen in der blonden Bevölkerung Europas indoger-manisierte Finnen. Durch eine Vergleichung des allen finnischen Sprachen gemeinsamen Wortschatzes hat man die älteste Kultur der Finnen ebenso zu erschliessen versucht wie die der Indogermanen. Doch stellen sich hier der Erkenntnis dieselben Schwierigkeiten, ja vielleicht noch grössere entgegen, wie auf indogermanischem Gebiete. Das bedeutendste Werk, das diesen Gegenstand behandelt, ist 1874/75 erschienen, und seitdem hat die Erforschung der finnischen Sprachen natürlich ebensolche Fortschritte wie die der indogermanischen gemacht, so dass man das Buch nicht mehr als eine sichere Grundlage ansehen kann. Ähnliche Wege und Ziele verfolgen J. N. Smirnows Untersuchungen über die Ostfinnen. Doch sind die Ergebnisse dieser Arbeit, wie E. N. Setälä gezeigt hat, zum Teil verfehlt. Das Gutachten dieses Eorschers über die Arbeiten Smirnows ist wohl das bedeutendste, was wir über diesen Gegenstand augenblicklich besitzen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Finnen war jedenfalls höher als man gemeinhin annimmt, und es stimmt das zu dem, was wir jetzt von der höheren Kultur der Indogermanen zu wissen glauben. »Es scheint mir«, sagt Setälä S. 15, »aus dem oben genannten klar hervorzugehen, dass in der Zeit des Zusammenlebens der finnisch-mordwinischen Gruppe irgend eine Art primitiven, halb nomadenhaften Ackerbaus, aller Wahrscheinlichkeit nach das »Schwenden« betrieben wurde. Wenn die letztgenannten finnisch-permischen Zusammenstellungen richtig sind, müssen wir daraus schliessen, dass die Anfänge des Ackerbaus den finnisch-ugrischen Stämmen viel früher bekannt waren, als man bisher angenommen hat.« Wenn ich auch mangels eigener Kenntnisse nicht näher auf diese Fragen eingehen kann, so muss ich doch betonen, dass das Dasein von Lehnwörtern, die im Finnischen sehr zahlreich sind, noch nicht den ursprünglichen Mangel des damit bezeichneten Begriffes bedingt. Fremdwörter verdrängen sehr leicht auch alteinheimische Wörter, wofür Onkel, Tante, Cousin, Cousine, Pferd usw. nur ein paar Beispiele aus dem Deutschen sind.

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen : ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905), Author: Hirt, Herman.  (PDF-Dateien: Band 1, Band 2)

ergänzend

Germanische Mythologie

  EINLEITUNG Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Götterglaube und Ort der Götterverehrung

Der Götterglaube Wie bei den Dämonen ist bei den Naturgöttern der Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Naturerscheinungen gelockert, ja oft aufgelöst; der Glaube, daß es die großen Naturmächte sind, von denen Wohl und Wehe des menschlichen Daseins abhängt, ist mehr … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung

Während man früher einseitig glaubte, daß alle heidnische Religion sich aus der Naturbetrachtung entwickelt habe, nimmt man heute oft ebenso einseitig an, daß alles religiöse Denken aus dem Seelenglauben abzuleiten sei. Die Religion hat viele Quellen, und jeder Versuch, alle … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst

Das Christentum schlug den heidnischen Germanen gegenüber ein doppeltes Verfahren ein. Das unduldsame Wort des Bischofs Remigius von Rheims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodoveeh (496): „Beuge dein Haupt in Demut, stolzer Sigamber, und verehre von nun an, was du … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht … Weiterlesen

Der himmlische Lichtbaum der Indogermanen in Sage und Kultus.

Wenn die prähistorische Archäologie allmählich immer mehr einen gewissen homogenen Zustand der in Europa sich ausbreitenden und dasselbe eigentümlich kolonisierenden indogermanischen oder arischen Stämme in Bezug auf das häusliche Leben und die Anfänge gewerblicher Thätigkeit aufdeckt, so entsprechen dem auch … Weiterlesen

Die Religion der Germanen

Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder “deutscher” Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die … Weiterlesen

Tacitus üder die Germanen

 Publius Cornelius Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) war ein bedeutender römischer Historiker und Senator. De origine et situ Germanorum Die Germania Allgemeiner Teil 1-46 Lage des Landes, Herkunft der Bewohner, Religion, Sitten und Bräuche, die allen … Weiterlesen

Die Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt. (Die Schöpfungsgeschichte)

Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt Die mythenbildende Kraft der Völker umspannt die ganze Welt, von ihrer nächsten Umgebung an bis hinauf zum Sternenzelte. Besonders zwei Gruppen dieser mythologischen Naturauffassung lassen sich unterscheiden, kosmo-gonische Sagen, die … Weiterlesen

Atlantis, Edda und Bibel – 200 000 Jahre Germanischer Weltkultur

Hörbuch .Hier als pdf >   < Die Edda als pdf Wenn die “Edda” nicht in Ihrem Bücherschrank steht, dann können Sie sie hier herunterladen: “Edda” (PDF, 691 kB) Die Edda, das Buch der Götter und Heldensagen! Das Buch der … Weiterlesen

Wodan Ruprecht (Hruodpercht) Wodanstag

Ruprecht Wodanstag

Die deutsche Weihnacht ist eine Verschmelzung des christlichen Jesusglaubens mit der germanischen Tradition (Nordlands Art!), da durch die Zwangs-Christianisierung Germaniens das Julfest abgelöst werden sollte. Die Jul-Tradition war derart tief in der völkischen Kultur der Germanen verwurzelt, daß die römische Kirche, wie auch beim Ostara-Fest, eine zuerst beabsichtige Auslöschung verwarf und daraufhin die Julzeit umdeutete und anpaßte. So wurde aus dem germanischen Julfest das christliche Weihnachtsfest

(Dezember= Julmond – Sonarblot)
6ter.Jul Wodanstag
Mit dem 6ten Jul (Dezember) beginnt die eigentliche Vorbereitungszeit auf das Julfest.
Wodan zieht durch die Orte und bringt den Kindern Geschenke, um die Wartezeit auf das Wiederkommen des Lichtes zu vertreiben. Jedoch bekommen nur die Kinder Geschenke die alte Äpfel für sein Pferd vor die Tür stellen.
Sicher finden einige das Unvorstellbar, dass Wodan der in der wilden Jagt, die Armee aus Toten anführt, plötzlich Kinder beschenkt. Aber man sollte daran denken, dass Wotan zwei Seiten hat, die eine wütende brausende des Totengottes. Aber er ist auch Gott der Dichtkunst und der Herr über die Runen. Er schenkte denn Menschen ja auch die Runen und dass er nun einmal im Jahr die Kinder beschenkt, soll daran erinnern wie er einst denn Menschen die Rune schenkte.
Wenn ein Kind geboren wird, so soll es zu seiner Namensgebung einen Julteller erhalten. Das soll ein alter Zinnteller, ein Holzteller oder ein irgend ein Teller mit Lebensbaum und Umschrift sein. Jedes Mitglied der Familie stellt diesen Julteller als Gabenteller am Wodanstage, vor den Kamin. Außerdem sollte man, wie schon erwähnt, für Sleipnir alte Äpfel vor die Tür legen.

Die Kirche setzte, da sie die jährliche Einkehr des Göttervaters mit dem weißen Barte, mit dem Einauge und dem Pelzmantel nicht hindern konnte, bald einen ihrer Heiligen, nämlich den Nikolaus an seine Stelle.

Aber in vielen Gegenden Deutschlands ist er doch der Schimmelreiter oder der Ruprecht (Hruodpercht) = der von Ruhm Strahlende, Beiname Wodans) geblieben.

Hier noch einige Argumente dafür, dass das Nikolausfest schon vor dem Christlichen Fest, als Wodansfest gefeiert wurde
Viele Symbole von Nikolaus und Wodan gleichen sich:
– Das weiße Roß
– Der Mantel
– Der lange Bart
– der Stab (Odin hält einen Speer)
– das Reiten durch die Luft
– die Geschenke, die durch den Schornstein kommen (Wodan bringt Wärme und Licht ins Haus)
– Das Buch der Weisheit (Wodan gilt als allwissend)
– die Nüsse. Diese gelten als eine Frucht Wotans.

Wodan

Als unbestritten höchster Gott der Germanen galt lange Zeit Wodan, und noch heute ist die landläufige Meinung, daß er von Anfang an die führende Stelle unter den deutschen Göttern eingenommen habe. Wenn aber der sächsische Täufling um 790 dem Thunaer, Wöden und Saxnöte abschwören muß, wenn es mit derselben Reihenfolge in einem Gedichte des Paulus Diaconus heißt, „Thonar und Waten werden nicht helfen“, so stimmt die Stelle, die Wodan hier einnimmt, gewiß nicht zu der Bedeutung, die Tacitus ihm zuschreibt „von den Göttern verehren sie am meisten den Wodau“ (Germ. 9). Zwar hat sich Wodan in der Tat zum Hauptgott aufgeschwungen, aber erst nachdem er den alten Himmelsgott Tius von seinem Throne verdrängt hatte. Der düstere, finstere Gott, dem der Mensch scheu aus dem Wege geht, wenn er mit tief in die Stirn gedrücktem Hut im nächtlichen Sturme hoch zu Roß dahinjagt, der Grimme, in dessen Gefolge die Seelen der Toten fahren, der erbarmungslos holden Frauen nach jagt und sie quer über den Sattel seines Rosses bindet, ist so grundverschieden von dem erhabenen Götterkönige, der gleich Helios im leuchtenden Himmelssaale sitzt und mit Frea die Geschicke der Menschen lenkt, daß nur besondere Umstände diese Gegensätze erklären können. Es darf angenommen werden, daß im allgemeinen die Volksüberlieferung das ältere, -dunklere Bild bewahrt hat. Eine Entwickelung vom natürlichen zum geistigen Wesen Gottes liegt gewissermaßen bereits in seinem Namen. Wodan, hd. Wuotan, as. Wodan, bei den Langobarden durch Vortritt eines G Gwödan, ags. Vöden, an. Odinn, Ot>enn, ndrd. Waud, Wod, bayer. Wütan gehört zur idg. Wurzel vä „wehen“ und ist durch zwei Suffixe gebildet; germ. *votha, = rasend, besessen, wütend ist verwandt mit lat. vates, skr. vätas (geistig erregt) und bezeichnet nicht nur die stürmische Bewegung der Luft, sondern weist bereits auf das innerliche, geistige Wesen hin (ags. vöd = Ruf, Schall, Rede, Gedicht, an. ö^r = Geist, Sang, Gedicht). Wodan ist die Fortbildung vermittelst des SuffLxes-ano, urgerm. *Wdtanaz, altgerm. *Wödanaz, und auch diese StammerWeiterung ist bezeichnend für die veränderte Stellung, die der „Wüter“ oder „Stürmer“ im Laufe der Zeiten errang. Noch im 11. Jhd. wird der Name des Gottes als Wut übersetzt (Wodan id est Juror, Adam. Brem.).

Anders steht der Nomade, anders der Ackerbauer den Himmelserscheinungen gegenüber. Dem Hirten ist die glühende Sonnenhitze Feind und Widersacher, der nächtliche Himmel Freund und Beschützer. Der Hirte freut sich, wenn die sengende Sonne unterliegt, der Ackerbauer begrüßt jubelnd die erwärmenden Strahlen, die das Wachstum des Feldes fördern, und läßt sie gern über den finstern, nächtlichen Himmel triumphieren. Der Hirt berechnet die Zeit nach Nächten, der Ackerbauer macht die Sonne zum Maßstabe seiner Zeiteinteilung. Die Nachtseite Wodans hat der Volksglaube mit erstaunlicher Zähigkeit bis in die Gegenwart bewahrt.

Über ganz Deutschland ist die Vorstellung des Nachtjägers verbreitet, der mit dem wütenden Heer (Wodans oder Wuotaus Heer), der wilden Fahre (der wilden Schar), durch die nächtlichen Lüfte stürmt und eine Frau oder Tiere, wie Eber und Hirsch,, verfolgt oder tötet. Er ist auch der Führer der abgeschiedenen, in den Lüften umherziehenden Seelen, der Totengott, der bei Windstille in seinem unterirdischen Reiche, dem Innern der Berge, haust. Aber der grimme Gott der Nacht, des Todes und der Unterwelt beschützt das Gedeihen der Pflanzen, der Ernte und der Herden. Der Wind führt den ersehnten Regen herbei und reinigt die Luft, Krankheiten verscheuchend, darum ist Wodan heil- und zauberkundig. Er ist selbst ein unermüdlicher Wanderer, wie ihn zwei Inschriften bezeichnen (Mercurius viator), und der göttliche Geleiter der Wanderer und Reisenden, der Schirmherr des Verkehres, der Verleiher des Glückes und Reichtums, mächtig geheimer Weisheit und kundig der Dichtkunst. Diese Züge Wodans sind vielleicht altgermanisch. Seine Fortbildung zum Sieges-, Kultur- und Himmelsgotte geht von den Istwäonen aus, die unter dem Zeichen des nächtlichen Sturmgottes siegreich bis an den Rhein vorgedrungen waren und zuerst mit der keltischen Kultur in Berührung kamen.

Als das älteste Zeugnis für die nächtliche Seite Wodans darf vielleicht Tacitus gelten (Germ. 43): „Die Harii steigern die innewohnende Wildheit noch durch Kunst und klug berechnete Wahl der Angriffszeit; schwarz sind die Schilde und bemalt die Leiber, für die Schlachten wählen sic dunkle Nächte, und schon durch die schaudererregende und schattenhafte Erscheinung des Totenheeres flößen sie Schrecken ein, so daß kein Feind den schauerlichen und gleichsam höllischen Anblick aushält“ Diese Ilarier haben niemals als Volksstamm existiert, dessen Wohnsitze an der oberen Oder gelegen seien, es ist unmöglich, daß ihre Feinde sich mit ihnen nur auf nächtliche Kämpfe eingelassen haben sollen; mochten ihre geschwärzten Schilde und Leiber das erstemal Entsetzen einflössen, das nächste Mal werden sie ihre grausige Wirkung verfehlt haben. Der Kern der Schilderung bleibt unangefochten der, daß es im germanischen Glauben eine Vorstellung von gespenstischen Kriegern gab, die des Nachts aus der Unterwelt heraufstiegen und Grauen und Entsetzen verbreiteten. Der germanische Berichterstatter, von dem den Römern die Schilderung der Harier zukam* hatte treuherzig erzählt, daß hinter den hohen Gipfeln und tiefen Wäldern des suebischen Bergrückens sich die Wege zum Geisterreiche öffneten, wo die Ellusii ihr Unwesen trieben (S. 145), woher die Gespensterheere emporstiegen, die Harii. Und wenn der Gewährsmann diese Ellusii, Etiones (S. 157), Harii als gleich wirkliche Wesen ansah und ihren Wohnsitz als gleich wirkliche Gegenden schilderte, wie die Stämme und Landstriche vor der Bergscheide, so faßte der römische Forscher diese mythischen Völker als wirkliche Germanenstämme auf und machte ihren höllischen Anblick zu einer Art Tättowierung und ihr nächtliches Auftreten zu einer Kriegslist. Germ. *Harjaz, hari ist das Heer, die nächliche Gespensterschar, die des Nachts ihren Umzug durch die Lüfte hält, das Wutensheer, Heer des Gottes Wuotan, entstellt zu „wütendes Heer“, schwäbisch „s Muotes her“ (alem. m = w). Im# Münchener Nachtsegen stehen Wütan und Wütanes her nebeneinander, und die Begleiter, mit denen er erscheint, kennzeichnen ihn deutlich als nächtlichen Stürmer.

Die finstere Seite des Gottes bezeichnen in Norddeutschland die Namen Helljäger, Nachtjäger, der wilde Jäger, in Süddeutschland ist der wilde Jäger Führer der wilden Jagd. In Mecklenburg wie im Algäu braust der Schimmelreiter unter wildem Toben durch die Luft, daß die Bäume unruhig werden, wie wenn der stärkste Sturmwind ginge, und man glaubt ihn über das Dach der Hütte dahindonnern zu hören. In einem Felsen sieht man ihn mit seinem Pferde verschwinden, denn aus den Bergen bricht der Wind hervor, in die Berge kehrt er zurück. Der Jägerhansl im Algäu hat einen großen breit-krämpigen Hut auf, der ihm bis zu den Achseln herabhängt, und reitet gewöhnlich auf einem Schimmel. Wenn er der Jagd obliegt, so rauscht und tobt es, wie wenn der stärkste Sturm wüte, und man hört weithin mit gellender, wilder Stimme rufen: hio! hol hio! ho! In den Tannen beginnt ein fürchterliches Krachen und Prasseln, als wollte der Sturm alles niederreißen, wenn auch sonst kein Lüftchen weht. Wildes Hundegebell und die Lockrufe des wilden Jägers lassen sich näher und näher vernehmen, zuletzt beginnt es zu wetterleuchten, zu blitzen und zu donnern. — Die Jagd war von altersher die Lieblingbeschäftigung des kriegerischen Germanen, und das wilde, lärmende Treiben des irdischen Jagdzuges wurde auf den himmlischen übertragen. Darum begleiten den Gott die leichengierigen Totenvögel, die Raben, und kläffend stürzen große und kleine Hunde hinter dem Wode her. Im klaren Lichte des Mondscheines waren Holzdiebe in den Wald geschlichen. Da erhob sich plötzlich ein fürchterliches Getöse, der Mond verfinsterte sich, der Wind fing an zu rauschen und immer mächtiger zu schwellen, die Zäune sanken krachend zusammen, die Bäume brachen. Aus der Luft stürzte auf seinem weißen Rosse, von vielen Hunden umgeben, der Wode und rief: „Was sucht ihr hier? die Nacht ist mein und der Tag ist euer!“ Ein aargauisches Kätsel setzt den Gott getadezu mit dem nächtlichen Himmel gleich:

Der Muot mit dem Breithut

Hat mehr Gäste als der Wald Tannenäste (Auflösung: Sternenhimmel).

Noch heute singt man in Ottenhöfen (Achem, Baden) vom Winde:

Der Wind isch e altes Männle Und het e schlappigs Hüetle uf.

Ein im 16. Jhd. erwähntes giftiges Kraut heißt Woden dungel, Wuotanes zunkal, as. Wödanes, Wodansstem; Wodesteme als Pflanzenname findet sich auch sonst. In der Altmark wie in Hannover sprengt der Helljäger über das Hellhaus hinweg, oder jagt im Hellgrunde. Im Oberharz, im Göttingischen, Braunschweigischen und in Westfalen jagt Hackeiberend, Hackelberg mit seinen Hunden: es ist der Mantelträger, ein Beiname des nächtlichen Sturmgottes (got. hakuls, ahd. hachul = Mantel, die Hekla auf Island heißt jiach ihrer Schneedecke „Mantel“). In Norddeutschland und in Schwaben jagt der Weltjäger in der ganzen Welt herum. Scheint doch der Wind immer unterwegs zu sein, und wie der Mensch sich beim Unwetter in den Mantel hüllt und den Hut ins Gesicht drückt, so legte der Glaube dem rastlos zu Fuße wandernden oder auf dem Donner- und Wolkenrosse dahinjagenden Gotte Mantel und Hut bei. Germanische Söldner weihten in Gallia Narbonensis dem nächtlich wandernden Sturmgotte Wodan zwei Inschriften und nannten ihn Mercurins veator und viator. Selbst den Namen Wodan hat man zu ahd. wadalön = umherschweifen, wallen gestellt und als den „Wanderer“ gedeutet. Bei heftigem nächtlichen Sturme sagt man in Pommern, Mecklenburg und Holstein „der Wode jagt“, im Osnabrückischen „der Wodejäger“, im oldenburgischen Saterland ,’der Wöinjäger zieht um“. Der Zug bewegt sich zwischen Himmel und Erde, bald über die Erde allein. Nur wer mitten im Wege bleibt, dem tut er nichts; darum ruft Wod dem Begegnenden zu: „midden in den Weg!“ Wie der Weg fest bestimmt ist, den Wodans Jagd einschlägt, so fallen auch die Umzüge in bestimmte Zeiten, meist in den Anfang und Schluß des Winters, in Schwaben in den Herbst und Frühling oder zu Weihnachten, in Schwerin hält der wilde Jäger. Wod seinen Einzug im Herbste, seinen Umzug in den Zwölften, seinen Auszug zur Frühlingszeit, namentlich in der Mainacht.

Nicht nur auf schwarzem, öfters auch auf weißem Wolkenrosse stürmt Wodan an der Spitze der wilden Jagd durch die Luft, oft dröhnt durch das Geheul der Hunde das Rollen des nach fahrenden Wagens. Wie der Wind die nächtlichen Wolken jagt, so scheucht er die schwarzen Gewitterwolken vor sich her, und das dumpfe Grollen des Donners erklingt wie das Dröhnen eines dahinrollenden Wagens. Die Sagen von Wodan, Frau Holle und Berchta berühren sich hier aufs engste: im tobenden Gewittersturme wird der zerbrochene Wagen verkeilt, und die goldgelben Blitze sind die herabfallenden Späne. Der Wind- und Wolkengott tritt in Verbindung mit dem Gewitter.

In der Nacht umkreist das Gespann des Himmelsgottes, der Irminswagen, den Pol, nach seinem Stande bestimmte man die nächtliche Stunde, sein Weg, die Milchstraße, hieß gleichfalls nach dem obersten Gotte die Iringsstraße (S. 214). Aber in Oldenburg und in Westfalen fährt der Woinsjäger um das Siebengestirn; noch im 15. Jhd. heißt das Siebengestirn im Niederländischen Woenswaghen, und im Harz ist das Sternbild des Wagens Hackelbergs Gespann.

Zahlreiche Sagen berichten, daß der Gott bei seinem Umzuge den Leuten eine Pferde-, Reh- oder Rinderkeule herabgeworfen habe, die ihn anriefen. Wer spottend und höhnend in das Hallo der wilden Jagd einstimmt, dem schreit der Wode aus den Wolken zu:

Hast du helfen jagen,

Sollst du auch helfen tragen (knagen),

und aus der Höhe stürzt ein Roßschenkel herab, der dem Spottenden am Rücken . klebt, durch seinen Geruch eine ab-

scheuliche Last wird und zauberhaft an ihm bleibt, daß er sie nicht los werden kann. Geschieht aber der Huf aus einfältigem Herzen, oder hat sich der Mensch dem Gotte willfährig erwiesen, dann verwandelt sich die Keule, oder was er sonst wirft, in funkelndes Gold.

Großartig und altertümlich klingt folgende Sage aus Mecklenburg. So gewaltig und furchtbar die Erscheinung des Gottes ist, seinem Verkehrer erweist er sich hilfreich, und wenn er einen Ebenbürtigen findet, einen Menschen, der seinem Wesen verwandt ist, kraftvoll und klug, so» belohnt er ihn freigebig:

Ein Bauer kam in der Nacht von der Stadt; sein Weg führte ihn durch einen Wald, da hörte er die wilde Jagd und das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. „Midden in den Weg! Midden in den Weg!“ ruft eine Stimme, allein erachtet ihrer nicht. Plötzlich stürzt aus den Wolken, nahe vor ihm hin, ein langer Mann auf einem Schimmel. „Hast Kräfte?“ spricht er, „wir wollen uns beide versuchen, hier die Kette, fasse sie an, wer kann am stärksten ziehen?“ Der Bauer faßte beherzt die schwere Kette, und hoch auf schwang sich der wilde Jäger. Der Bauer hatte sie um eine nahe Eiche geschlungen, und vergeblich zerrte der Jäger. „Hast gewiß das Ende um die Eiche geschlungen?“ fragte der herabsteigende Wod. „Nein“ versetzte der Bauer, der sie eiligst losgewickelt, „sieh, so halt‘ ich’s in meinen Händen.“ „Nun so bist du mein in den Wolken“, rief der Jäger und schwang sich empor. Wieder schürzte schnell der Bauer die Kette um die Eiche, und es gelang dem Wod nicht. „Hast doch die Kette um die Eiche geschlungen!“ sprach der niederstürzende Wod. „Nein“, erwiderte der Bauer, der sie wieder schon in den Händen hielt, „sieh, so halt‘ ich sie in meinen Händen.“ „Und wärst du schwerer als Blei, so mußt du hinauf zu mir in die Wolken.“ Blitzschnell ritt er hinauf in die Wolken, aber der Bauer half sich auf die alte Weise. Die Hunde hollen, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben, die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich zu drehen. Dem Bauer bangte, aber die Eiche stand. „Hast brav gezogen“, sprach der Jäger, „mein wurden schon viele Männer, du bist der erste, der mir widerstand! Ich werde dir’s lohnen.“ Laut ging die Jagd an: Hallo! Hallo! Wod! Wod! Der Bauer schlich seines Weges, da stürzt aus ungesehenen Höhen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und Wod ist da, springt vom weißen Rosse und zerlegt das Wild. „Du sollst von dem Blute und ein Hinterviertel haben“, sagte er. „Ich habe keinen Eimer und keinen Topf“, sagte der Bauer. „So zieh deinen Stiefel aus“, sagte der Wod. Der Bauer tat, wie ihm geheißen, und trug Fleisch und Blut des Hiraches im Stiefel weiter. Die Last wurde ihm immer schwerer, und nur mit Mühe erreichte er sein Haus. Wie er nachsah, war der Stiefel roll Gold und das Hinterstück ein lederner Beutel voll Silber.

Es ist der hoch oben in den Wolken dahinfahrende Sturmgott, der aus der Höhe herniederstürzt und alles zu sich emporreißen will, daß die Erde bebt und die Eichen an den Wurzeln krachen. Die Kette, an der Wodan den Wanderer seine Kraft versuchen läßt, erinnert an die Stelle der Ilias (820 ff.), wo Zeus die Götter auffordert, eine Kette von Gold vom Himmel herunter zu lassen, sich unten insgesamt daran zuhängen und ihre Kraft zu erproben.

In der Erscheinung Wodans ist der natürliche Hintergrund noch zu erkennen. Bald ist er als der Windgott der unermüdliche himmlische Wanderer, bald ein im Sturm und im rollenden oder nachhallenden Donner zu Roß oder zu Wagen dahintosender Jäger, bald ist er der dunkle Nachtgott (S. 232). Durchweg überwiegt die finstere Seite. Ein weiter, wallender Mantel fliegt um seine Schultern, in dem man leicht das nächtliche wölken bezogene Himmelsgewölbe wieder erkennt, tief in die Stirn ist sein breitkrämpiger Schlapphut gedrückt, der Wolken- oder Nebelhut; Hunde, die Windstöße, umbellen ihn, und Raben umflattern ihn; das schwarze oder weiße Roß ist ein Bild der dunklen Wetterwolke oder des flüchtigen Nebels. Goldene Rüstung und kriegerischer Schmuck fehlen noch völlig. Nur den Speer, womit der Hirt den Wolf oder Bär verscheucht, führt die Hand des Gottes: aus dem Jahre 843 ist der Name Kcrans belegt, der wie Ansgar-Oskar den Speergott Wodan bedeutet (S. 192). Es ist der Blitz, den der Gott aus der dunklen Wolke hervorschleudert. Aber frühzeitig ward diese Waffe Symbol des Toten- und Schlachtengottes. Wie der Gott den vernichtenden Blitz entsendet und damit die gewaltige Gewitterscblacht eröffnet, so ward der Speerwurf das Symbol der Ankündigung des Krieges. Aus dem Fluge des Speeres ergab sich ein Anzeichen über den Ausgang des Kampfes. Durch seine Entsendung ward das gesamte feindliche Heer dem Walgotte Wodan geweiht (Ann. 1357). Hatte der Gott gnädig den Sieg verliehen, so ward das durch ihn eroberte Land unter seinem Schutze eingenommen: der Speer ward das Zeichen der Besitzergreifung.

Vor der großen Hunnenschlacht auf den katalaunischen Feldern feuert Attila, wie ein germanischer Heerkönig, das Heer durch eine Rede an und schließt mit den Worten: „Als Erster schleudere ich den Speer gegen die Feinde!“ (Jord. Get. 539). Der Langobardenkönig Authari reitet bei Regium in das Meer und berührt eine dortstehende Säule mit der Lanze: „Bis hierher soll das Gebiet der Langobarden reichen!“ Kaiser Otto wirft vor seinem Rückzuge aus Dänemark seinen Speer in die See, die davon den Namen Odensund trägt; dasselbe wird von Karl d. Gr. berichtet. Als die Bayern den Römern Tirol abgewannen, stieß ihr Führer Herzog Adalger am Haselbrunnen unweit Brixen seine Lanze ins Erdreich: „Das Land hab ich gewonnen den Bayern zu Ehren!“ (Kaiserchronik).

Wie die wilde Jagd den Menschen emporreißt, so hebt der Windgott seine Lieblinge zu sich auf sein Pferd, rettet sie vör Gefahren und führt sie im Zauberfluge an den gewünschten Ort. Einem Manne begegnet ein Reiter auf hohem Rosse, faßt ihn und hebt ihn zu sich. Das Pferd stiebt mit ihm durch die Luft, daß ihm Hören und Sehen vergeht; endlich wird er hart an einer Stadt bei der Brücke zur Erde geworfen. In einem Lübecker Schwerttanzspiele des 16. Jhd. ruft Starkader aus, auf den alle eindringen:

Heilige Wode, nü len mi dln perd.

Lät mi henriden! ik bün’t wol werd!

Als er plötzlich verschwunden ist, wie die scenische Anmerkung sagt, ruft einer der Mitspieler:

Het em de düvel halt? üt is dat spil.

Wodans Einäugigkeit ist zwar nicht direkt bezeugt, darf aber als altgermanische Vorstellung gelten. Nur darf man sie nicht aus dem Tageshimmel, sondern eher aus dem nächtlichen Himmel erklären; denn Wodau als Sonnengott ist jüngere Vorstellung. Der unter den Wolken hervorzuckende Blitzstrahl erinnerte an das Leuchten eines von einer Wolke als einem Hute beschatteten Auges. Andere Erklärer denken an das Ochsen- oder Sturmauge (engl, bullseye, frz. oeil-de-boeuf), die runde Öffnung einer sturmverkündenden Wolke. Bei schwerem Wetter zeigt sich oft eine lichte Öffnung in den Wolken; meistens kommt der Wind aus der Richtung, wo sich das Auge im Wolkenhimmel öffnet; diesen weißlichen, von Finsternis umgebenen Raum nennen die Seeleute noch heute Sturmauge.

Den auf weißem Rosse stürmenden Reiter Wodan, der, von den Winden umheult, den zündenden Wetterstrahl aus finsterm Gewölke schleudert, kennt noch der allgemein geltende Volksglaube vom wilden Jäger. Nacht und Nebel, Wolken und Wetter jagt der nächtliche Gott über den Himmel dahin, daß die Sonne verlischt, und Finsternis ihre Schwingen breitet, und von dieser allgemeinen Vorstellung hebt sich die Jagd auf ein einzelnes Tier, einen Eber, einen Hirsch (D. S. Nr. 308), auch wohl eine Kuh oder ein oder mehrere weibliche Wesen ab. In Norddeutschland ist die Sage von Wodan-Hackel bereud zu Hause, der stets einen Schimmel reitet (D. S. Nr. 310):

Er war Oberjägermeister und ein gewaltiger Weidmann. Eines Nachts hatte er auf der Harzburg einen schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber kämpfe, der ihn nach langem Streite zuletzt besiegte. Diesen Traum konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit danach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, den im Traume gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden; endlich gewann er und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als er ihn so zu seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: ,Du sollst es mir noch nicht tun!“ Aber er hatte mit solcher Gewalt gestossen, daß der scharfe Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete er die Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel vom Bein getrennt werden mußte, und bald starb er.

Man braucht die verfolgten und getöten Tiere nicht als Sonnentiere aufzufassen, sondern es sind die in Deutschland üblichen Jagdtiere. Die naturmythische Deutung erklärt diese Jagd so: wohl erlegt der nächtliche Sturmgott sie und zerreißt sie, aber sie werden immer wieder lebendig, und die Nachtjagd beginnt immer von neuem: denn die Sonne wird jeden Morgen neu geboren.

Wie die Nordwindsöhne Zetes (dia-d^njs der Sturmwind) und Kalais die „raffenden“ Sturmgöttinnen verfolgen, die Harpyien Sturmfuß (Okypete), Fußschneil (Podarge) und Schnellfliegerin (Aello), so jagt in Deutschland Wodan im Sturmgebraus der Windsbraut und den Holzfräulein nach. Seit alter Zeit heißt der einem Gewitter vorausgehende Wirbelwind Windsbraut, Windis prüt oder das ,.fahrende Weib“; als man die mythische Beziehung (Gemahlin des Windgottes) nicht mehr verstand, brachte man den zweiten Teil mit sprießen, Sproß, spritzen, zusammen, weiterhin auch mit Spreu, sprühen. Aber im Altertume bezeichnete Windsbraut nicht den Sprühwind, sondern den Wirbelwind, die Buhle, die der im Tosen und Heulen des Sturmes dahinjagende Gott verfolgt. Zahlreiche Sagen erzählen, wie der wilde Jäger einem gespenstischen Weibe (Wetterhexe mit roten fliegenden Haaren, weißes Weib), der Buhle, fahrenden Mutter oder einer ganzen Schar wilder Frauen nachsetzt. Jemand sieht ein Weib ängstlich vorüberlaufen, bald darauf stürzt ein Reiter, der wilde Jäger mit seinen Hunden, ihr nach, und es dauert nicht lauge, so kehrt er wieder und hat die nackte Frau quer vor sich auf dem Pferde liegen. Wie der Sturmriese Vasolt und der Wunderer mit laut schallendem Home und wütend bellenden Hunden eine Jungfrau verfolgen (S. 167), so jagt der wilde Jäger bei Saalfeld unsichtbar mit seinen Hunden die Moosleute (D. S. Nr. 48), der Nachtjäger in Schlesien die mit Moos bekleideten Rüttelweiber (D. S. 270), die Lohjungfern, die Holzweibchen oder Holzfräulein (S. 147). Bald fällt der halbe Leib eines dieser Wesen, bald ein Fuß mit grünem Schuh bekleidet dem nachrufenden Spötter gleichsam als sein Jagdanteil aus den Wolken herab.

Auch bei der Verfolgung eines einzelnen Weibes durch den wilden Jäger wird man eher an eine stürmische Werbung des Gottes um eine Frau zu denken haben, als an die Tötung. Das Wort „Brautlauf“ für Hochzeit zeigt, daß bei den Deutschen alter Zeit die Sitte bestand, die Braut zu entführen. Solches Erjagen der Braut steckt auch hinter dem Mythus von der Windsbraut, die allnächtlich von ihm erlegt werde, aber immer wieder auflebe.

In Nortbamptonshire jagt der wilde Jäger mit seinen wilden Hunden ewig eine Jungfrau, seine Geliebte, um deren willen er sich den Tod gab; täglich tötet er sie, und täglich lebt sie auf, um aufs neue vor ihm herzufliehen.

Dieser englischen Sage entspricht eine deutsche, die von Hans Sachs und Joh. Pauli (16. Jhd.; Schimpf und Ernst, Nr. 210) bearbeitet ist.

Ein Köhler wacht bei seinem Meiler, da erscheint ein nacktes Weib in vollem Laufe, will um die Kohlengrube wenden, wird aber von ihrem Verfolger, einem Reiter auf schwarzem Rosse, ergriffen, mit dem Schwerte durchbohrt und ins Feuer geworfen; nachdem sie ganz schwarz gebrannt ist, zieht er sie hervor, setzt sie vor sich aufs Pferd und sprengt davon. Mehrere Nächte hintereinander wiederholt sich die Erscheinung. — Zu einem Pferdehirten, der des Nachts draußen in der Koppel bei den Pferden war, die gerade an einem Kreuzwege lag, kam eilig eine Frau gelaufen und bat ihn, sie über den Weg zu bringen. Da sie ihn so flehentlich bat, fand er sich endlich bereit dazu und brachte sie hinüber. Sogleich lief sie, so schnell sie nur konnte, weiter, ward aber in wunderbarer Weise immer kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur noch auf den Knien zu laufen schien. Gleich darauf stürzte ein Reiter, der wilde Jäger, mit seinen Hunden, herbei und verlangte ebenfalls, über den Kreuzweg gebracht zu werden: seit sieben Jahren jage er schon nach jener Frau, und wenn er sie in dieser Nacht nicht bekäme, so sei sie erlöst. Da brachte ihn der Hirt samt seinen Hunden hinüber, und cs dauerte nicht lange, so kam der wilde Jäger zurück und hatte die nackte Frau quer vor sich liegen.

Aus dem 13. Jhd. wird eine solche Sage berichtet (Cäs. v. Heisterbach 1210):

Einem Ritter begegnet bei Nacht ein Weib, das vor einem blasenden Jäger und seinen bellenden Hunden herläuft und um Hilfe ruft. Er springt vom Pferde, zieht mit dem Schwerte einen Kreis um sich (S. 29), in den er die Verfolgte aufnimmt, und schlingt deren Haarflechten um seinen linken Arm, während er in der Rechten das bloße Schwert hält. Als aber der Jäger näher kommt, schreit das Weib: «Laß mich, laß mich los, da ist er!‘ Sie reißt so gewaltig, daß ihm die Haare in der Hand bleiben und läuft davon. Der Jäger hinterdrein, erreicht sie bald und legt sie quer vor sich aufs Roß, daß das Haupt hüben, die Beine drüben herunterhängen.

Nachdem Wodan die Gemahlin des alten Himmelsgottes Frija au sich gerissen hatte, stürmt er mit ihr zusammen durch die nächtlichen Lüfte. In Mecklenburg fährt ein Mann in grünem Jägerrock und einem dreitimpigen Hut bei der wilden Jagd mit Fru Gauden einher. Auch Hackeiberend und Frau Holle jagen gemeinsam an der Spitze des wütenden Heeres.

Bei dem Kultus des nächtlichen Sturmgottes ist von der niedrigsten Stufe der geistigen Entwickelung auszugehen. Der Kärnthner Bauer stellt eine hölzerne Schale mit verschiedenen Speisen auf einen Baum vor dem Hause oder wirft Heu in die Luft: dann tut der Wind keinen Schaden. Dieses Füttern der Windes, woraus sich das Opfer für den persönlich aufgefaßten Windgott entwickelte, erinnert an das Bemühen Etzels, den gefräßigen Wunderer durch Vorsetzen von Speise zu besänftigen (S. 166). Bei heftigem Sturme wirft man in Schwaben, Tirol und Opferpfalz einen Löffel oder eine Hand voll Mehl in die Luft für den „Wind und sein Kind“, in der Opferpfalz mit den Worten: „Da, Wind, hast du Mehl für dein Kind, aber aufhören mußt du“. Im nieder-österreichischen Gebirge wird am 29. Dezember Mehl uud Salz unter einander gemischt und auf einem Brett zum Dachfirste hinausgestellt. Verführt es der Wind, so sind im nächsten Jahre keine Stürme zu fürchten. — Auch Wodans Hunde erhalten Opfer. Sie dringen in die Backkammer, fallen über den Teig und schlürfen, wie wenn sie bei der Tranktonne seien. Läßt man die Tür auf, so zieht der Wode hindurch, und seine Hunde verzehren alles, was im Hause ist, sonderlich den Brotteig, wenn gerade gebacken wird. — Auch Wodans Pferd erhielt Opfer. Wenn die Bauern in Schleswig ein Stück Land mit Hafer besät hatten,, Hessen sie einen Sack voll Korn auf den nahen Berg bringen und dort stehen. Nachts kam dann „jemand“ und brauchte den Hafer für sein Pferd. In Mecklenburg ließ man, nach einem Rostocker Berichte des 16. Jhds., bei der Roggenernte am Ende eines jeden Feldes einen Streifen Getreide unge-mäht, flocht es mit den Ähren zusammen und besprengte es mit Bier. Die Arbeitsleute traten darauf um den Getreidebusch, nahmen ihre Hüte ab, richteten ihre Sensen in die Höhe und riefen Wodan dreimal mit folgenden Worten an:

Wode, hole deinem Roß nun Futter!

Nun Distel und Dorn,

Aufs andre Jahr besser Korn!

Noch im Anfänge des vorigen Jahrhunderts ließ mau in der •Gegend von Hagenow in einer Ecke des Feldes einige Halme stehen, damit ,,de Waur“ Futter für sein Pferd fände. Am Wodenstage soll man keinen Lein jäten, „damit Wodans Pferd den Samen nicht pertrete“. Aber auch der Windgott selbst, der der Spender des Erntereichtums ist, empfing Gaben, und zwar Mehl und Brot. Ein Bauer hatte spät abends die Tür offen gelassen. Da kam der wilde Jäger durch sie ge ritten und nahm ein Brot vom Brotschragen herab. Darauf sprengte er wieder fort und rief dem Bauern zu: „Weil ich dies Brot in deinem Hause bekommen habe, soll es in deinem Hause nimmer daran fehlen!“ Er hielt auch Wort, und nie hatte der Bauer Brotmangel. Eine Erinnerung an das Opfer für den Sturmgott und die Windsbraut ist ein Gebrauch der Oberpfalz. Dort wrarf man drei Hände voll Mehl in den Wind und rief: „Wind und Windin, hier geh ich dir das Deine! laß mir das Meine!“

Der Wind- und Totengott ruht, wenn die Stürme nicht verheerend durch das Land brausen, in seinem unterirdischen Reiche, das als Berghöhle gedacht ist. Über ganz Deutschland, England wie über den Norden sind Wodansberge verbreitet. Hackelbergsgräber finden sich in Norddeutschland zahlreich, er sitzt in einem Berge, und von Bergen nimmt der wilde Jäger wie das wütende Heer seinen Auszug. Vom Odenberg (Glücksberg? einsamer, öder Berg?) beim Gudensberg in Hessen, [noch 1154, 1170 Wuodenesberg,j stürmt Karl der Große mit seinem rasselnden Reiterheer hervor, tränkt die Rosse in dem Quell Glisborn, den der Huf seines Pferdes aus der Erde gestampft hat, und liefert eine blutige Schlacht. In einer Walkenrieder Urkunde von Jahre 1277 wird ein Berg erwähnt, „qui Wodansberg vocatur“, den man auf den „Hutberg“ Kyffhäuser bezieht (ahd. chuppha mhd. kupfe = Hut; oder ahd. chupisi Zelt = zeltförmiger Hügel). Die Vorstellungen vom Aufenthaltsorte der Seelen im Berge, von einer mythischen letzten Schlacht am Ende aller Dinge verschmolzen hier, etwa im 15. oder 16. Jhd., mit der deutschen Kaisersage, die nicht im germ. Heidentum, sondern in den altchristlichen Vorstellungen von der dem jüngsten Gerichte vorangehenden dämonischen Herrschaft des Antichristes ihre Wurzel haben; und da Tilleda unter dem Kyffhäuser Kaiserpfalz war, wurde aus dem im Berge ruhenden Gott ein bergentrückter Kaiser. Wie Karl der Große beim Gudinsberg, trat Kaiser Friedrich II. an Wodans Stelle, und die Gestalt des apokalyptischen Kaisers wurde mit volkstümlichen und mythologischen Elementen ausgeschmückt. Nicht zu beweisen ist, daß Wodans Himmelsschloß Walhall im Kvffhäuser lokalisiert sei, und daß die zechenden und Kampfspiele übenden Ritter den nordischen Einherjem entsprächen; bei den Raben aber, die um den Berg fliegen, kann man vielleicht an Wodans heilige Vögel denken. Andere Wodansberge sind: der Godesberg bei Bonn (947, 973 Wodenesberg), Godenesberg (1133), jetzt Utzberg in Weimar, Wunstorp bei Hannover (früher Wodens-torp). Schon 973 wird ein Wodenesweg im Magdeburgischen erwähnt, entweder als der Weg zu verstehen, den der nächtliche Stürmer einschlägt, oder wäg ist = Wand, Mauer (got. waddjus, ags. wäg, an. veggr) oder als Wodans Heiligtum (ahd. wih = Tempel). In Thüringen gibt es ein Wudanes-huseu (jetzt Gutmannshausen bei Weimar) in Oldenburg, ein Wodensholt, (jetzt Godensholt), in England Wodnesbeorg, Wodnesfeld.

In dem Heere oder Jagdumzuge des nächtlichen Sturmgottes befinden sich die Seelen der Verstorbenen. Das Wuotes Heer heißt auch Totenvolk, Totenschar. Wodan ist nicht nur der Nacht- und Sturmgott, sondern in gemeingerm. Zeit bereits der Totengott. In seinem unterirdischen Reiche, dem Innern der Berge, herrscht er über die Winde, hier sammelt er auch die Toten in sein nächtliches Heer. Als der Stürmer der Lüfte sich zum kampfwütigen Kriegsgotte erhoben hatte, bildeten vor allem die Männer und Krieger sein Gefolge; sie entbot er zu sich durch seine göttlichen Dienerinnen, die Walküren. Wer im Dienste des Gottes gefallen war, hatte die frohe Hoffnung, nach seinem Tode bei Wodan weiter zu leben. Schon die Germanen des Ariovist waren im Kampfe deswegen so mutig und verachteten den Tod, weil sie an ein Wiederaufleben glaubten (Appian. Celt. I3), und diese Zuversicht (einig dvaßiojaeüjg) hat nur dann einen Sinn, wenn sie sich auf ein Fortleben im Reiche des Kriegs- und Totengottes bezog. Auch die Kimbern jauchzten, wenn sie in den Schlachtentod gingen, und jammerten nur, wenn sie auf dem Krankenbette sterben sollten (Valerius Maximus II, 6,n). Mochten ursprünglich alle Toten dem Gotte angehören, später kamen nur die Kämpfer in Betracht; sie waren von ihm dem Tode im voraus bestimmt: „da sterbent wan die veigen“, da sterben nur, die sterben sollen, heißt es noch im 13. Jhd. sprichwörtlich. Freudig des Glaubens, daß der Gott ihn erkoren, wenn er die Todeswunde empfing, stürmte der Germane, leicht gekleidet, ohne Rüstung, mit leichten Waffen in das Wetter der Speere. Aus seinem Blute entsprang sein Recht, ein Gefolgsmann des großen Gottes fortab zu sein und teil zu haben an seiner Herrlichkeit. Darum konnte ahd. urheizzo = der Geweihte (Glosse für suspensus zum Opfer aufgehängt, der ..Verheißene*) im as. und ags. die Bedeutung Kämpfer annehmen.

Die Kimbern- und Teutonenkriege erklären das Aufsteigen Wodans, vielleicht aber thronte er damals schon in den hellen Lufträumen, bei ihm seine Gemahlin und die gefallenen Helden. Hier bewohnte er nach der langob. Stammsage mit Frea einen Saal, der natürlich in einer Burg gelegen haben muß, und von hier pflegte er des Morgens durch das Fenster gen Osten auszublicken. Im Norden heißt diese Halle Walhall (Totenhalle), aber für das deutsche Altertum läßt sich dieser Name nicht belegen.

Verräter und Überläufer hängten die Germanen an Bäumen auf (Germ. 12); mit einem weidenen Ringe wurde ihnen die Kehle zugeschnürt, so daß ihnen der Atem, die Seele, gleichsam der Wind, ausgepreßt wurde; sie verfiel dann dem Wind-und Totengotte. Wer einen Gehängten vom Galgen nahm, beging nach fränkischer Anschauung noch in christlicher Zeit eine Missetat gegeu den Kultus; denn man entzog dem finstern Gotte sein Opfer. Todesstrafe setzt die Lex Salica (ca. 500v aus demselben heidnisch-religiösen Grunde, wenn jemand den gebundenen Verbrecher dem Richter entreißt und dadurch der drohenden Bestrafung entzieht. Weil Wodan die Toten bei sich aufnimmt, wie dem Hermes xlwxoTiofmdg die Seelen der Verstorbenen übergeben werden, umschrieben ihn die Römer mit Mercurius. Ein Altar, der im Jahre 1874 im oberen Ahrtale gefunden wurde, trägt die Inschrift: Mercuri Chatmini.

Mercurius Channini soll aus *Chanjini entstanden sein, Nom. sing. *hanjC\ as. ags. *henno, ags. fries. *hetma; ahd. hqno, hano sei der Vernichter, der Tod, der Gott der Vernichtung, der Todesgott (idg. ken = stechen, schlagen, vernichten, xaivio). Der mhd. Ausruf iä henne soll soviel bedeuten wie „fürwahr, bei Wodan“; in Niederhessen findet sich entsprechend „Gott Henne“, und christlich entstellt „Henne der Teufel“. Auch „Freund Hein“, wie wir noch heute den Tod bezeichnen, wird nicht als eine Erfindung des Matthias Claudius oder als ein Witz auf einen Hamburger Arzt anzusehen sein, sondern als eine verderbte Form für den tötenden Wodan (S. 17). Der Hain, das Waldheiligtum, wo die alten Germanen ihre Toten begruben, hat sicher nichts mit Freund Hein zu tun.

Das symbolische Tier der unterirdischen Mächte ist die Schlange. Sie ist auch das Symbol des nächtlichen, unterirdischen Totengottes Wodan, und wie die Langobarden einst von ihm Namen und Sieg empfingen, so verehrten sie auch die goldene Schlange als sein heiliges Tier.

Zur Zeit, da Grimoald König der Langobarden war, lebte der treffliche Priester Barbatus zu Benevent (602—83). Obwohl sie bereits das Wasserbad der heiligen Taufe empfangen hatten, hielten sie doch noch an dem alten Brauche des Heidentums und beugten sich vor dem Bilde einer Schlange. Barbatus bekommt es in seine Hände, schmilzt es ein und läßt Schüsseln und Kelche daraus schmieden. Als das ruchbar wurde, sagte einer der Umstehenden: „Wenn mein Weib das getan hätte, würde ich ihr ohne Verzug den Kopf abschlagen“ (V. Barbati). An einer anderen Stelle heißt es: Sie verehrten eine goldene Schlange als das Symbol ihres höchsten Gottes, und ein ganzer Stadtteil von Benevent soll davon den Namen Vipera getragen haben.

Nicht nur die himmlischen oberen Gottheiten, auch die Götter der Unterwelt sind Urheber des Wachstums der Pflanzen und der Ernte. Den heißen Strahlen der Tagessonne‘ muß die Kühle der Nacht folgen, der Wind jagt die Wolken, bis sie ihr segnendes Naß spenden, der Wind führt den männlichen Blütenstaub befruchtend den weiblichen Blüten zu. Darum gilt der Landstrich im kommenden Sommer als ganz besonders fruchtbar, über den die wilde Jagd gezogenist. Wenn das Guetis Heer schön singt, gibt es im Aargau ein fruchtbares Jahr. Der schwäbische Bauer, der nur um Sonnenschein, nicht auch um Wind bittet, bekommt kein Korn. ..Ohne Wind verscheinet das Korn“, sagt ein Sprichwort, und eine alte Bauernregel lautet „Viel Wind, viel Obst“. Darum ist der nächtliche Sturmgott auch der Spender der Fruchtbarkeit und des Erntesegens, und darum wurde er vor allem mit Erntedankopfern verehrt. Fast in ganz Deutschland ließen die Schnitter bei der Ernte auf dem Acker einen Busch Ähren für Wodan stehen, damit er ihn als Futter für sein Fferd gebrauchte. Erntewöd hieß diese letzte Garbe, die Ernte in Bayern bis zum 18. Jahrhundert die Waudlsmähe (Waude — Woude — Wuote); das Opfer für seine Hunde hieß von Passau bis Preßburg Waudfutter. Dann traten die Schnitter mit entblößtem Haupte um die blumengeschmückte Wode in einen Kreis und riefen unter dem Schwingen der Hüte und dem weithin schallenden Streichen der Sicheln zu dreien Malen mit überlauter Stimme den Gott im Gebet an. Man bat Wodan, die geringe Gabe gnädig anzunehmen und sie als Futter für sein Roß zu holen; an ihrer Kleinheit und Wertlosigkeit sei nur die heurige schlechte Ernte schuld; würde sie im nächsten Jahre besser ausfallen, so solle er auch reichlicher von ihnen bedacht werden: Wode, hole deinem Roß nun Futter . . . (S. 240). Unterbleibt diese Feierlichkeit, so gerät im folgenden Jahre weder Korn noch Obst. Zuweilen wird auch ein Feuer angezündet, und die Burschen rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: Wauden! Wauden! Wauden! Der heilige Columban (f 615) traf auf seiner Reise heidnische Schwaben oder Alemannen gerade im Begriff ihrem Gotte Wodan, den andere Mercur nennen, ein Opfer darzubringen. In ihrer Mitte stand eine Kufe, die 26 Maß Bier, etwas mehr oder weniger, enthielt.

Bei der Frühlings- und Maifeier, sowie beim Erntedankfeste fielen Wodan Rosse und Rinder zum Opfer. Die Knochen der Opfertiere galten als heilkräftige Talismane; noch im 16. Jhd. wurden vier Roßköpfe auf den vier Ackerenden angebracht, um die Saat vor dem Winde zu sichern. Wodan behütete auch den herbstlichen Heimtrieb der Herde. In einem christlich überarbeiteten Segen, dem sog. Wiener Hundesegen, wird er zum Schutze der Rinder und Schafe, auch der Hunde an gerufen vor Wolf und Wölfin, sowie vor Dieben, wenn das Vieh zu Holz uud zu Felde, zu Wasser und Weide geht.

Alle deutschen Stämme scheinen Wodan bereits als Gott desZaubers verehrt zu haben. Ihm schrieb man vielleicht die Erfindung der „Vorrunen“ zu, d. h. der im Orakelwesen üblichen Zeichen, und des Runenzaubers. Auf istwäon. Boden wurde er dann zum Träger der geheimnisvollen Schriftrunen, die die heimischen heiligen Zeichen mit den aus der Fremde eingewanderten Buchstaben vereinten. „Sage mir, wer zuerst Buchstaben setzte?“, lautet ein ags. Gespräch. „Ich sage dir, Mercurius (Wodan), de)‘ Biese“ Eine wunderbare Macht schrieb der Germane diesem Runenzauber zu, besonders dem dazu gemurmelten Liede oder Spruche. Runenweisheit und Dichtkunst gehören zusammen. Darum gilt Wodan den Angelsachsen als Gott aller List, nach christlicher Auffassung des Truges und der Diebereien. Wodan allein vermag Balders Roß den verrenkten Fuß zu heilen, er spricht den Genesung bringenden Zauberspruch: weder Balder selbst noch die vier Göttinnen vermögen in seiner Gegenwart etwas auszurichten. Als wundertätiger Arzt und Heilgott erscheint Wodan auch in einem ags. Zaubersegen, in dem die neun heilkrätigsten Kräuter der Erde genannt werden, die alle Krankheiten und alles Gift bannen:

„Eine Schlange kam gekrochen, zerschlitzte den Menschen.

Da nahm Wodan die neun Kraftkräuter,

Schlug damit die Natter, daß in neun Stücke sic flog.“

Bei den spanischen Sueben nahm daher Wodan die oberste Stelle ein, die ungebildeten Landleute daselbst verehrten im 6. Jhd. den Juppiter als Zauberer (Magus) (Mart, v. Brac. K. 7); doch ist die Beziehung auf Wodan recht zweifelhaft.

Nächtliche und himmlische Züge vereinigt das Gesamtbild Wodans, wie es in geschichtlicher Zeit erscheint. Viel Wind bedeutet noch heute Krieg, und als Gott der geistigen Begabung muß Wodan schon in alter Zeit die Kriegskunst verstanden und geleitet haben. Das Wort Sturm ist schon im Altertum von dem Kampfe der Lüfte auf den Kampf der Männer übertragen; Wetter der Speere, Sturm der Lanzen, Regen der Schwerter sind alte Bezeichnungen des Schlachtengetümmels: sie erklären, wie der Herr der Stürme zum Gebieter des Kampfes werden konnte. Folchans (Gott des Kriegsvolkes) hieß daher der Gott des „furor germanicus*, der germanischen Kampfeswut, und als Siegesgott lehrte er die Germanen selbst die Schlachtordnung des Fußvolkes, den „Eberrüssel“. Die äußerste Spitze des Keiles bildeten nur wenige oder ein einzelner Mann, der König oder die Edlen mit ihrem Gefolge, sofern sie nicht zu Roß kämpften; fochten mehrere Völkerschaften zusammen, so bildete jede für sich einen Keil. Ein solcher Angriffsstoß war von furchtbarer Kraft, unwiderstehlich schob er sich in die feindlichen Reihen ein. Bei den Germanen des Ariovist tritt, soviel wir wissen, uns zum ersten Male die keilförmige Schlachtordnung entgegen (Caes. b. g. 152). Tacitus hebt ausdrücklich hervor, daß die Schlacht aus Keilen zusammengesetzt wurde (Germ. 6; Hist. 416, 420, o16). Die Alemannen schlossen sich bei Straßburg gegen .Julian in einen Keil zusammen. Bei den Franken war noch im 9. Jhd. die keilförmige Aufstellung in ihrer ganzen ursprünglichen Eigentümlichkeit erhalten, auch bei den Angelsachsen war in der verhängnisvollen Schlacht bei Hastings der dichtgeschlossene, tiefgegliederte Keil allgemein. Wodan galt als Erfinder dieser Angriffsform, die wir vom Jahre 58 vor Christus bis ins 11. Jhd. verfolgen können. So trat er dicht neben Tius, und bereits zur Zeit des Tacitus muß er bei dem Volke, von dem der Römer seine Nachrichten über das Opferwesen bezog, also bei den Istwäonen, über Tius und Donar gestanden haben.

Denn „sie verehren von den Göttern am meisten den Mercurius (Wodan), dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfei• zu bringen für Recht halten“ (Germ. 9). .Vis die Hermunduren im Jahre 58 mit den Chatten um den salzhaltigen Grenzfluß stritten, gelobten sie Tius und Wodan das feindliche Heer zum Opfer (Ann. 1357). (’hlodowechs Gemahlin sucht ihren Gatten von der Ohnmacht der heidnischen Götter zu überzeugen im Gegensätze zur Allmacht des Christengottes und fragt ihn, wie weit denn die Macht seines Tius (Mars) und Wodan reiche (S. 211). Noch im 6. Jhd. gelten also diese beiden als die angesehensten Götter der istw. Franken. Als Hengist und Horsa mit den Sachsen nach England kommen, werden sie gefragt, was für Götter sie anbeten. Die Antwort ist: „Unter Führung des Mercurius überschritten wir die Meere und suchten das fremde Reich auf. Den Mercurius verehren wir besonders, den wir in unserer Sprache Wodan nennen. Ihm weihten unsere Altvorderen den vierten Wochentag, der bis heute noch seinen Namen, den Wodenes dai, erhalten hat.“ Eine Chronik des 10. Jhd. sagt von Hengist und Hors^: sie waren die Enkel eines Barbarenkönigs Woddan, den die Heiden wie einen Gott verehrten, und dem sie Opfer darbrachten um Sieg oder Heldentum. Wie in der sächsischen Abschwörungsformel der Täufling Thunaer, Woden und Saxnot entsagt und an den Christengott zu glauben verspricht (S. 190), so wird in einem ags. Denk-sprucliG Wodan als Hauptgott der Heiden dem christlichen Gott gegenübergestellt:

„ Wodan wirkte Irrlehre, der allwallende Gott die weiten Himmel.“

Von Wodan, dem Kriegs- und Siegesgotte, leiteten also alle ags. Könige ihren Stammbaum ab, und noch König Heinrich II. von England, der Zeitgenosse Friedrich Barbarossas, fühlte sich als Nachkomme Wodans. In Altsachsen und in den sächsischen Besiedelungsländern Mecklenburg, Pommern, Altmark und Priegnitz haften bis heute Sagen und Gebräuche von Wodan. Und wie noch heute in den alten Wohnsitzen der Langobarden Frau Gode, Gode fortleben, so berichtet bereits Paulus Diaconus, daß die Langobarden den Wodan unter der Form Gwodan verehrt hätten. (I8. Prolog zum Edikt K. Rotharis; D. S. Nr. 389). Den lateinischen Quellen liegt ein altes stabreimendes Lied zugrunde, und die Alliteration läßt sich noch erkennen:

Es gibt im Norden eine Insel Scadanan, wo viele Völker wohnen, unter ihnen auch ein kleiner Stamm, die Winniler (die Kampfrüstigen). Und es war bei ihnen eine [weise] Frau, Namens Garabara (die Scharfblickende, Kluge), und sie hatte zwei Söhne, der Name des einen war Ybor (Eber) und der des andern Agio (=mhd. Ecke, der Schrecker). Diese hatten mit ihrer Mutter Gambara die Herrschaft über die Winniler. Es erhoben sich nun die Herzoge der Wandalen, Ambri (der Unermüdliche) und Assi mit ihrem Heere, und sie sagten zu den Winnilern: „ Entweder zahlt uns Zins oder rüstet euch zur Schlacht und kämpft mit uns.* Da antworteten Ybor und Agio mit ihrer Mutter Gambara: „Besser ist es für uns, uns zur Schlacht zu rüsten als den Wandalen Zins zu zahlen.“ Da beteten Ambri und Assi, die Herzöge der Wandalen, zu Wodan, daß er ihnen Uber die Winniler Sieg verliehe. Wodan antwortete und sprach: „Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe, denen will ich den Sieg geben.“ In gleicher Zeit traten Gambara und ihre Söhne zu Frea, Wodans Gemahlin, und flehten um Sieg für die Winniler. Da gab Frea den Kat: die Frauen der Winniler sollten ihre Haare auflösen und um das Gesicht nach Art eines Bartes binden, dann aber frühmorgens mit ihren Männern auf dem Platze sein und sich zusammen da aufstellen, wo Wodan sie sehen müßte, wenn er wie gewöhnlich aus dem Fenster gen Morgen blickte. Als es nun dämmerte und die Sonne aufgehen wollte, drehte Frea, die Gattin Wodans, das Bett, worin ihr Mann lag, richtete sein Antlitz gen Morgen und weckte ihn. Und als er hinaussah, erblickte er die Winniler und ihre Frauen, die das aufgelöste Haar um das Gesicht geschlungen hatten, und er sprach: „Wer sind jene Langbärte?“ Da sagte Frea zu Wodan: „Wie du ihnen den Namen gegeben hast, so gib ihnen auch den Sieg“ (denn es war altgerm. Sitte, daß der Namengebung ein Geschenk folgen mußte; daher stammen unsere Patengeschenke). Und Wodan gab den Winnilem den Sieg, so daß sie sich nach seinem Ratschlüsse wehrten und den Sieg errangen. Von jener Zeit an wurden die Winniler Langobarden, die Langbftrtigen genannt.

Als Kriegsgott erregt Wodan Kampf zwischen Winnilern und Wandalen; beide Völker, also auch die ostgerm. Wandalen, rufen ihn um Sieg an. Er thront im Himmel und hat hier einen Saal (S 243), wie Zeus auf dem Ida sitzt und den Sterblichen zuschaut, wie Helios alles überblickt und vernimmt (II. 3277); von hier aus lenkt er das Geschick der Völker. Er hat die Macht und das Reich des alten Him-melsgottes Tius, und auch Erija, die ursprüngliche Gemahlin des Tius, sitzt ihm zur Seite. Gemütvoller Humor selbst den Himmlischen gegenüber ist deutsche Charakteranlage, es sei an Wodans Begegnung mit dem Mecklenburger Bauern erinnert (S. 234) und an die Schwänke, in denen Gott, Christus und Petrus auftreten. Auf keinen Fall ist deswegen auf junges Alter der Sage zu schliessen. Auch Hera und Athene besteigen gegen den Willen des Zeus den flammenden Wagen, um die zu bekämpfen, denen der Olympier den Sieg verleihen will; aber ganz anders erhebt Zeus seine Stimme (11. 8382 ff).

So wenig wie der heitere Ton, in dem das durch dramatischen Dialog ausgezeichnete Lied verfaßt ist, und die frohe Stimmung, die in Wodans himmlischem Reiche herrscht, gegen hohes Alter der Sage sprechen, darf die etymologische Deutung des Namens der Langobarden dagegen angeführt werden. Die Langobarden sind nicht die „alten Krieger“, noch die mit langen Barten Bewaffneten; diese sind keineswegs eine charakteristische Waffe für sie, denn beim Thing erscheinen die Langobarden mit dem Gere, und als Symbol der Wehrhaftmachung diente ihnen der Pfeil. Der Name des Volkes steht vielmehr zum Wodanskult in engster Beziehung, sie nannten sich nach dem langbärtigen Gotte Wodan. Daß sie sich ihren höchsten Gott auch so vorstellten, beweist der schöne langob. Name „Ansegranus“, der mit dem Götterbarte.

Daß die Langobarden Wodan als chthonischen Gott verehrten, zeigt sein Symbol, die goldene Schlange (S. 244). Für seine Verehrung als Wetter- und Kriegsgott spricht auch folgender Kult; Im Jahre 579 waren die Langobarden teilweise noch Heiden. Bei einer Siegesfeier, bei der 400 Gefangene niedergemacht wurden (zu Ehren des Kriegsgottes Wodan), brachten sie dem Teufel ein Opfer dar. Dieses bestand in dem Haupte einer Ziege, das sie im Kreise umtanzten und mit einem ,,verabscheuungswürdigen“ Liede dem Gotte weihten. Nachdem sie es selbst mit gebeugtem Rücken angebetet hatten, wollten sie dazu auch die Gefangenen zwingen; da diese aber schon Christen waren, zogen sie den Märtyrertod vor (Gregor. Dial. 328). Daß dieses Bocksopfer und der Opferleich dem Wodan galten, lehrt ein anderes Zeugnis (Miracula Apollinaris):

Deutsche Heiden — Alemannen oder Wandalen — fielen in Burgund ein und wollten eine Kirche zerstören, die dem Märtyrer Apollinaris von Chlodwigs Gemahlin gebaut war. Als alle Bemühungen, sie in Brand zu stecken, sich als vergeblich erwiesen, riefen sie ihre Priester zusammen und trieben sie an, nach alter Sitte ihrem Gotte Wodan Ziegen zu opfern und ihn (als Sturmgott) zu bitten, dem Feuer Kräfte zu geben, um den Tempel des Gottes eines fremden Volkes zu verbrennen. Jene brachten auch sogleich ihre unheiligen, törichten Opfer dar und riefen alle einstimmig ihren Wodan an. Aber während sie damit beschäftigt waren, erlosch das Feuer abermals, das an das Gotteshaus gelegt war. Als das die Anführer sahen, stürzten sie über die Diener ihrer Heiligtümer her und wüteten gegen sie mit grausem Mord.

Mit seinem Reiche hatte der leuchtende Gott Tius auch seine Gemahlin an Wodan abtreten müssen (S. 239). Nach der langob. Sage thront Frea neben Wodan im Himmel. Die älteste Vorstellung aber war, daß der Windgott im Sturmge-brause seine Buhle, die vom Winde gepeitschte Wolke, verfolgte; wenn dann der Gott die Verfolgte eingeholt hat, feiert er mit ihr das Fest der Vermählung.

WodanDiese Jagd auf die verfolgte Frau, als eine rohe und altertümliche Form des Brautraubes aufgefaßt, erklärt den Anteil, den der kriegerische Windgott an der deutschen Hochzeitsfeier hat. Dem Brautlaufe liegt der Gedanke zugrunde, daß die Frau durch Kraft und Geschicklichkeit ersiegt werden muß. Durch ungestümes Vorwärtseilen errang sich der Bräutigam beim Wettlaufe die Braut; von dem Gotte, der als der Schnellste und Siegreichste galt, dem unwiderstehlich dahinstürmenden Windgotte Wodan, erhoffte und erflehte er dabei Beistand und Hilfe. Darum ward Wodan als siegreicher Schützer des Brautlaufes und der Hochzeit angerufen, während man die eigentliche Weihe dem hammerbewehrten Donar zuschrieb. Braut- und Liebes-leute wandten sich an Wodan in feierlichem Hochzeitswunsche, und auf Gescheuken, die sie einander verehrten, ritzten sie wohl einen Segenswunsch ein: wie der Gott seine himmlische Gemahlin mit Eile und Ungestüm ersiegt habe, so möge er seinem irdischen Vertreter den eilenden Fuß beflügeln. Ein solcher alter Hochzeitswunsch ist uns auf der •sogenannten Nordendorfer Spange erhalten (Abb. 10, 11). Im Jahre 1843 stießen die Arbeiter beim Bau der Eisenbahn von Augsburg nach Donauwörth in der Nähe von Nordendorf auf menschliche Gebeine und mannigfache Schmuckgegenstände aus dem 6. oder 7. Jhd. Man hatte einen alten Kirchhof aufgefuuden: die Köpfe waren nach Westen, die Fußenden nach Osten zu gekehrt. Die Reste der Vergangenheit werden uns zu Zeugen des Glaubens und Lebens unserer Vorfahren.

Auf dieser Nordendorfer Spange stehen die Runen: RunenEine Gewandspange mit einem feierlichen Hochzeitswunsche darf als ein passendes Hochzeitsgeschenk angesehen werden, das die Braut dem Geliebten überreichte. In dem Spruche: Loga l>ore Wodan, wigi Thonar = ,,die Heirat ersiege, Wodan; weihe, Donar!“ sind Wodan und wigi, £>ore und ponar durch gleichen Anlaut gebunden: es ist ein aus zwei Kurzzeilen bestehender Langvers. Auch die Namen des alemannischen Liebespaares sind erhalten; von einer anderen Hand ist der Inschrift ein zweiter Teil zugefügt: „Awa hat die Spange dem Leubwini geschenkt.“ Und wie in den Zwölfnächten Wodan als Sankt Nikolaus mit breitkrämpigem Hute, oder als Schimmel oder Schimmelreiter erschien, für dessen Pferd die Kinder Heu und Hafer in ihre Schuhe steckten, die Alten eine Sache ins Freie stellten, so erschien im vorigen Jahrhundert in der Nacht zur Hochzeit „eine wodanähnliche Figur, ein Schimmelreiter mit rotem Mantel und breitkrämpigem Hut“

Aber Wodan blieb nicht mehr bloßer Naturgott, sondern er entwickelte sich zu einem Kulturgott im höchsten Sinne des Wortes. Bereits in historischer Zeit ist er bei den Istwäonen unter dem Einflüsse der von Süden und Norden her eindringenden Kultur zum Spender alles Segens, Gott des Rechtes, der Gewandtheit und der Erfindung, der Wissenschaft und der Dichtkunst geworden. Alles Schöne und Edle wird auf ihn übertragen, alles Hohe und Herrliche stammt von ihm, jeder Wunsch wird von ihm gewährt. Wie auf germanischen Denksteinen Tius mit der Victoria erscheint, so werden dem Wodan (Mercurius) und der Felicitas oder Fortuna von den Gardereitern Inschriften geweiht. War Wodans Speer ursprünglich der aus der nächtlichen Wolke geschleuderte Blitz, dann das Symbol des Schlachtengottes, so erhielt der Speerwurf jetzt auch rechtliche Bedeutung (S. 235). Regelmäßige Stöcke oder Pfähle wurden zur Landmessung in die Erde gestoßen und das abgesteckte Gebiet dem Schutze Wodans empfohlen; darum war Yönstoc (Vödenstoc, Wodans Stock oder Pfahl) im ags. ein Grenzmal, und wenn in den Niederlanden ein gewisses Handmaß oder die Spanne Woenslett (Woedensglied) heißt, so erscheint auch in dieser Anwendung Wodan als Gott des Maßes.

Er wird selbst als König der Götter angerufen: ein Bataver Blesio weiht dem Mercurius rex (dem Könige Wodan) einen Stein, der am Ufer der Waal gefunden ist, und auf einer anderen, bei Aachen gefundenen Inschrift wird Wodan Mercurius \Leudisio genanut, Herrscher über alles und alle.

Vom Rhein aus erobert sieh Wodan seine Macht und Stellung, ursprünglich dem Himmelsgotte Tius untergeordnet, dann mit ihm sich in die Herrschaft teilend und endlich unbestritten der alleinige Gebieter der Götter und Menschen. Tacitus versichert, daß die Deutschen vorzüglich den Mercurius, Hercules (Donar) und Mars (Tius) verehrten. Aus den allgemeinen Andeutungen geht hervor, daß Wodan wie Tius dem Kriege Vorstand. Die vornehmsten Opfer waren Menschenopfer, und diese fielen dem Mercurius (Germ. 9, Ann. 1357). Die Anwendung klassischer Namen auf deutsche Götter, die interpretatio Roniana, verbreitete sich allgemein und wurde von den lateinischen Schriftstellern der folgenden Jahrhunderte mit genauer Übereinstimmung beibehalten. Paulus Diaconus sagt: Wodan, den sie mit vorgeschlagenem Buchstaben GWodan nennen, ist derselbe, der bei den Römern Mercurius heißt. Die Alemannen opferten ihrem Wodan, den andere Mercur nennen (Jon. v. Bobbio); Mars und Mercur sind die Götter, zu denen Chlodovech betet (S. 211). Hengist und Horsa verehren besonders den Mercur, der in der heimischen Sprache Wodan heiße. Die Deutschen nannten den vierten Wochentag, den Tag des Mercur (frz. Mercredi) nach ihrem Gotte Wodan: noch heute heißt der Mittwoch ndd. Gudenstag, engl. Wednesday, ags. Vödenes däg, holländ. Woensdag. Wenn die Römer Wodan mit Mercur Wiedergaben, so mag Tacitus immerhin die Stelle Casars vorgeschwebt haben, daß die Gallier eine an Mercur gemahnende Gottheit verehrt hätten (b. g. 617), und ihre Kenntnis des gallischen Mercur (keltisch Lug) mag bei ihrer Verdolmetschung mitgewirkt haben, aber als tatsächlicher Bestand bleibt doch, daß Wodan eine Gottheit war ähnlich dem aus Hermes entwickelten Mercur, geistig rührig, überall in das Leben eingreifend, ein Förderer des Verkehrs, gewandt in Rede und Wort. Hermes und Wodan sind Windgötter, Schnelligkeit und Kraft sind beiden gemeinsam. Wie Wodan seine Lieblinge auf sein Götterroß hebt, so trägt Hermes den Ganymed in den Himmel empor. Beide wehren Krankheiten ab, schützen die Flur und die Herde und sind Führer des Totenheeres. Dem wilden Jäger entspricht Hermes diäxioQos (dtdwco* wegtreiben, jagen). Beiden sind Berge heilig, und auch Hermes ist in einer Gebirgshöhle verborgen. Wie dem Hermes das erste und beste Los heilig ist, so gilt Wodan als Erfinder der Losrunen und Glücksspiele. Wie Hermes trägt Wodan den breitrandigen Hut und den wallenden Mantel.

Tacitus hat bei seiner Schilderung der Deutschen vorzüglich die rheinischen Völker im Auge. Am untern Rheine waren die Germanen zuerst mit der keltischen und dann mit der römischen Kultur in Berührung getreten. Noch als Nomaden waren die Istwäonen mit ihren Herden iu das zur Weidewirtschaft geeignete Keltenland hinabgestiegen und hatten sich in den Häusern und geschlossenen Einzelhöfen der Kelten festgesetzt. Während sonst das germanische Dorf mit seinen Häusern und Gäßchen, den ringsumgebenden Ackerfluren, dem umfangreichen Wiesen-, Weide-und Waldland den Siegeszug der Deutschen bis in das Herz Galliens begleitet, sind die Einzelhöfe keltischen Ursprunges. Als die Istwäonen in das keltische Gebiet eindrangen, wurden die bisherigen Besitzer, soweit sie nicht entflohen oder umkamen, ihre Sklaven oder Liten. Diese keltisch-germanische Mischkultur der Istwäonen trat in der Zeit zwischen Cäsar und Tacitus durch die Feldzüge des Drusus, Tiberius, Varus und Germa-nicus mit der noch höher entwickelten römischen Kultur in Beziehung. In Krieg und Frieden, Rechtspflege und Handelsverkehr waren Berührungen zwischen Germanen und Römern unvermeidlich; acht römische Legionen lagen zur Zeit des Tiberius am Rhein. So ward dem Lande und seiner Kultur vornehmlich ein militärischer Charakter gegeben, aber auch die Namen der Wochentage, der Monate, das Alphabet drangen von Rom aus an den Rhein. Als Tiwaz Istwaz bei den Rheinländern von Wodan verdrängt wurde, ward Wodan der Träger dieser höheren Kultur. Ausbildung der Kriegskunst und bessere Bewaffnung, Beredsamkeit und höheres Wissen, Gewandtheit und Erfindungsgabe verdankte man ihm. Der Gott selbst zeigt jetzt kriegerisches, ritterliches Gepräge: er führt den Speer oder das Schwert, sprengt auf mutigem Roh einher, die Brust bedeckt mit goldener Brünne. Waren die istw. Marsen noch zur Zeit des Germanicus (14 u. Chr.). Pfleger des Heiligtums des Tius und der Tanfana, so wurden die gleichfalls istw. Ansiwaren, nördlich der Sieg, die Wahrer und Hüter des istw. Ans- oder Wodandienstes und errangen unter den Istwäonen die führende Stellung. Schon Tacitus deutet an, daß sie ein gewisses Stammesansehen genossen, Adel und Königsgeschlecht der ripuarischen Franken sind ansiwarisch, anscheinend auch die Familie der Pippiniden. Julian muß gegen die Franken, die „auch Ansiwari heißen^, über den Rhein zu Felde ziehen, die Nachricht des Tacitus von ihrer Vernichtung ist also ein Irrtum (Ann. 1356; D. S. 366); von ihrem Lande nördlich der Sieg begründeten die Ansiwari die Macht des ripuarischen Frankenreiches.

Von den istw. Stämmen rückt der Haupt- und Kulturgott Wodan zu den andern deutschen Stämmen vor und nimmt auch bei ihnen die Stelle des Tius ein. Charakteristisch für Wodans Vordringen ist die Geschichte seines Stammes. Während die got. Amelungensage die Macht und Herrlichkeit der Treue preist, zeigt die rheinische Nibelungensage das zerstörende Wirken der Untreue. „Den Franken ist es erb und eigen, lachend das Treuwort zu brechen“ (Vopiscus): keine Hindernisse schrecken das merovingische Königsgeschlecht von seinem Ziele, der Alleinherrschaft, zurück, in blutigen, rücksichtslosen Kämpfen wird das Königs- und Adelsgeschlecht ausgerottet, auch nach Einführung des Christentums wuchern Verrat und Mord in unerhörten Greueltaten fort, aber ein deutsches Land nach dem andern unterwirft sich dem salischen Eroberungstriebe, dessen unersättlicher Vertreter Chlodovech ist, bis sich in ungeahntem Glanze das fränkische Reich erhebt. So erobert der Götterkönig Wodan einen Stamm nach dem andern in unvergleichlichem Siegeszuge, die Ingwäonen wie die Erminonen, und drückt seinen Namen und sein Gepräge so unauslöschlich fest auf die deutsche Geistesbildung, daß Wodan als die Verkörperung des deutschen Glaubens gelten darf. Der dichterische, fürstliche, siegreiche Wodan, der unbestrittene Göttervater und Götterherrscher dringt nach Norddeutschland zu den Sachsen und Langobarden und zu den Nordgermanen; hier ist er in seinem vollen Glanze erhalten. Noch bevor die Langobarden .ihre alten Wohnsitze an der untern Elbe verließen, muß Wodan ihr Hauptgott gewesen sein. Aber auch bei den ost-germ. Vandalen muß er damals schon seinen Siegeseinzug gehalten haben. Mindestens gleichzeitig, wenn nicht schon früher, haben ihn auch die Sachsen verehrt. Wie fest hier seine Verehrung wurzelt, bezeugen die ags. Königsgenealogien, die ins 5. Jhd. zurückreichen, die Abschwürungsformel noch aus dem 8. Jhd., und das Verzeichnis heidnischer und abergläubischer Gebräuche und Meinungen aus der Zeit Karls des Großen. Wodansopfer und Wodansheiligtümer werden in ihm verboten, sowie Wochentage (den Mittwoch) ihm zu Ehren vor den übrigen auszuzeichuen (Indiculus Nr. 8; 20). Eine Musterpredigt aus derselben Zeit verbietet Opfer, die dem Donar und Wodan über Felsen, an Quellen, an Bäumen dargebracht werden, und die heidnische Mittwochfeier. Den Nordfriesen heißt der Mittwoch noch heute Winjsday, Winsday = Wodanstag. In Mitteldeutschland verehren ihn die Thüringer als den höchsten zauber- und heilkundigen Gott, in Hessen und Thüringen findet sich ein Wodensberg. Selbst den suebischen Bauern in Spanien galt im 6. Jhd. der Mittwoch als Wodanstag für besonders heilig, an dem man nicht arbeiten dürfte (Mart. v. Bracara, S. 247). Es fällt daher nicht allzuschwer ins Gewicht, daß auf süddeutschem Boden ein Wuotanestac nicht belegt ist (S. 184). Denn die Nordendorfer Spange, der Eigenname Wuotan, der 17mal im 9. Jhd. vorkommt, die Glosse wötandyrannus, das Zeugnis des Jonas von Bobbio und der Miracula Apollinaris (S. 251) beweisen, daß Wodan in Oberdeutschland keineswegs bloßer Nacht- und Windgott wie im Münchener Nachtsegen öder gar nur ein Dämon war. Die Angabe des Langobarden Paulus Diaconus wäre unbegreiflich, wenn gerade die nächsten Grenznachbarn seines Stammes, Alemannen und Bayern, eine so auffällige Ausnahme gebildet hätten. Paulus Diaconus wird mit Recht für die Zeit vor der Bekehrung behaupten: Wodan wird von allen Stämmen Germaniens als Gott verehrt.

Germanenherz aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (Paul Herrmann 1906).

ergänzende Beiträge

Julfesten

Germanenherz Julfesten

Wenn durchs Land der Herbstwind pfeift, sind schon Berg und Tal bereift,
dann wendet sich mit frohem Sinn, unser Herz zur Julzeit hin:
Herbststürme brausen, grau das Himmelszelt,
wir harren und hausen in unsrer dunklen Welt.
Kein Wettersturm ist uns zu hart; wir sind von Nordlands Art!

Hat der Julmond Schnee gebracht, freuen wir uns dieser Pracht.
Hei, frisch die Schneeschuh angeschnallt, uns ist kein Schnee zu kalt;
Schneestürme brausen über Wald und Feld,
wir schlittern und sausen durch unsre weiße Welt.
Kein Aufwärts ist zu steil, zu hart, wir sind von Nordlands Art!

Hat die Zeit uns wohlgetan, sehnen wir das Fest heran,
die Sonnenwend mit neuem Licht, das hell ins Finstre bricht:
Lichter erhellen jedes deutsche Haus, wo wir uns gesellen,
bei Wetter, Sturm und Braus, ums heilge Feuer froh geschart,
wir sind von Nordlands Art!

Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende. Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen. Wintersonnenwende – Das große germanische Fest Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da,… Weiterlesen

Wintersonnenwende – Das große germanische Fest

Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da, Yulezeit ist da Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht die Sonne wendet und Balder erwacht Stellt das Sonnenrad auf, stellt das Sonnenrad auf … Weiterlesen

Julfesten

Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende.
Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen.
Germanenherz Julfesten

Wintersonnenwende – Das große germanische Fest


Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft
ich atme ein den verlockenden Duft
Yulezeit ist da, Yulezeit ist da
Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht
die Sonne wendet und Balder erwacht
Stellt das Sonnenrad auf, stellt das Sonnenrad auf

Der Tannenbaum in seiner Pracht
Der Yuleast lodert hell durch die Nacht
Stimmungsvolle Ruh, stimmungsvolle Ruh

Das Licht am Himmel die Hoffnung bringt
und Thor wild seinen Hammer schwingt
Kraft fürs kommende Jahr, Kraft fürs kommende Jahr

Frey und Freyas Sinnlichkeit
Bringt Liebe, Lust und Fruchtbarkeit
Leben wird weitergehn, Leben wird weitergehn

Oh, Wintersonne das Fest für sie
Med, Korn und das Blut unsere Gaben an sie
Auf ewige Wiederkehr, auf ewige Wiederkehr

In den skandinavischen Sprachen heißt Weihnachten heute noch Jul, im Englischen besteht der Begriff Yule und im Nordfriesischen heißt es Jül.
Schon lange, bevor es das Christentum gab, spielte die Zeit rund um den 24. Dezember eine wichtige Rolle bei vielen keltischen und germanischen Völkern. Zur Zeit der Wintersonnenwende, also am 21. Dezember, feierte man dem germanischen Allvater Odin zu Ehren – das Julfest. Um den heidnischen Völkern den Übergang zum Christentum zu erleichtern, war es durchaus üblich, wichtige Feiertage in der Nähe der heidnischen Feiertage anzusiedeln. Ähnlich wie beim Osterfest wurde Weihnachten also gezielt auf das Julfest gelegt.

Vor allem in Skandinavien sind viele der mittelalterlichen Bräuche erhalten geblieben und werden heute beim allgemeinen christlichen Weihnachten, was dort auch immer noch „Jul“ heißt, gepflegt. Man wünscht sich „God Jul“. Auch ist dort der Julbock erhalten geblieben, der meist unter dem Weihnachtsbaum aufgestellt wird und die Geschenke trägt.

Der eigentliche Mittelpunkt am Weihnachtsabend ist das gemeinsame Essen. Nach dem Nachtisch werden die „Julklapp“-Päckchen aus den Verstecken geholt. Beim Brauch des Julklapp wird ein in vielen Hüllen gepacktes Geschenk in den Raum geworfen und dabei „Julklapp! Julklapp!“ gerufen. Bei diesen Geschenken ist weniger der materielle Wert von Bedeutung als die Kleinigkeit oder der Vers, der immer in positiver oder negativer Hinsicht auf die Person des Beschenkten ausgerichtet ist. Keiner darf auspacken, ohne das Verschen vorzulesen. Wenn sich das Gelächter über diese Reimchen gelegt hat, wenn die Geschenke begutachtet und bewundert worden sind, dann wird um den Weihnachtsbaum getanzt.

Hohe Nacht der klaren Sterne


Hohe Nacht der klaren Sterne,
Die wie weite Brücken stehn
Über einer tiefen Ferne,
D’rüber unsre Herzen geh’n

Hohe Nacht mit großen Feuern,
Die auf allen Bergen sind,
Heut‘ muß sich die Erd‘ erneuern,
Wie ein junggeboren Kind!

Mütter, euch sind alle Feuer,
Alle Sterne aufgestellt;
Mütter, tief in euren Herzen
Schlägt das Herz der weiten Welt!

Am ersten Weihnachtstag geht es zur Kirche, dabei säumen brennende Kerzen in den Fenstern der Landgemeinden den Weg. Dieser Tag ist im Gegensatz zu den vorherigen eher ruhig und beschaulich. Die Nachbarn und Bekannten besuchen einander, die Kinder beschäftigen sich mit den neuen Spielsachen oder ziehen von Haus zu Haus und wünschen „God Jul“

JUL ist ein Fest des Lichtes, der Freude und der Hoffnung – es bildet den Höhepunkt der dunklen Zeit, und in dieser längsten Nacht des Jahres erfüllt sich das Versprechen der Wiedergeburt.

Die Umwelt erscheint leblos, Wasser ist zu Eis gefroren, Schnee bedeckt die Landschaft, die Bäume sind kahl. Doch in dieser Nacht steigt das Licht wieder auf und alles wird wiedergeboren. Die Nächte werden kürzer und was tot und regungslos erscheint wird wieder erwachen.

Das Julfest vereinigt Sonnen- , Toten- und Fruchtbarkeitsriten und symbolische Handlungen zur Neuaktivierung menschlicher und natürlicher Kräfte.

Die ursprüngliche Bedeutung hat nichts mit dem Geburtstag Herrn Christus in Betlehem zutun, sondern geht zurück auf den archaischen Sonnenkult der Urvölker.

Bereits Jahrhunderte vor der Ausbreitung des Christentums war das Weihnachtsfest in allen indogermanischen Regionen und auch anderorts verbreitet. Die Griechen feierten die Geburt des Lichtgottes „Soter“, die Phrygier nannten ihren Sonnengott „Artis“, die Sryrer „Thamuz“, und die Iraner feierten wie die alten Römer die Ankunft ihres Licht– und Sonnengottes „Mithras“. Die Römer drückten mit ihrem „Sol invictus“, was „unbesiegter Sonnengott“ bedeutet, besonders eindruckvoll ihre Ehrerbietung für das Starke und Kräftige aus. Bei den Germanen und Kelten war dieses Fest unter den Namen „Jul“ bzw. „Yule“ bekannt, wobei konkret hier in Mitteleuropa der Begriff „Wintersonnenwende“ gebräuchlich war.

germanenwalkerFür die Nordgermanen hatte die Wiederkehr des Lichts jedoch eine ganz andere eindringlichere Bedeutung als für Mitteleuropäer. Bereits mit Samhain, der Nacht der Toten beginnt zu Ende Oktober die Dunkle Zeit des Jahres. Bedingt durch das raue, harte Klima und die strengen Winter bedeutete das Ende des Winters nichts anderes als das Überleben der Menschen im hohen Norden zu sichern. Denn die Vorräte gingen langsam zu Ende und ohne Sonnenlicht, lag der Ackerbau und Viehzucht, also die Lebensgrundlage der Nordmänner brach. Der bekannteste römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende, dass die Germanen die Weihnachtszeit für ein großes Festmahl mit allerlei Spielen nutzen. Der griechische Geschichtsschreiber Prokop berichtete dazu, dass im 6.Jahrhundert die Nordleute zu dieser Zeit Boten auf die höchsten Berge schickten, um nach der wiederkehrenden Sonne Ausschau zu halten. Am 21.Dezember hat die Nacht den Höhepunkt des Jahres erreicht, denn ab jetzt nimmt das Sonnenlicht wieder zu. Die Wiederkehr der Sonne wurde dann mit Julfeuern und brennenden Räder gefeiert, von denen letztere ins Tal gerollt wurden.

Das heidnische Jahr, dass sich an Mond und Sonne orientierte hat jeweils 4 Hoch– und 4 Jahresfeste, wobei zwei davon immer, im Abstand von ungefähr einem halben Jahr zusammengehören. So entspricht die Wintersonnenwende, die bedingt durch den Stand der Gestirne traditionell auf den 21.Dezember fällt, der Sommersonnenwende am 21.Juni. Auch ist hier schon in der heidnischem Monatsbezeichnung „Julmond“ für Dezember, die immense Bedeutung des Lichtfestes für den germanischen Menschen erkennbar.

Der Begriff „Weihnachten“ weist in dieser From bereits auf seine Mehrzahl hin und besitzt Assoziationen zum altdeutschen Begriff „wjh“, was „heilig“ bedeutet. Daher erfolgte auch die Ableitung zur „Heiligen Nacht“. Weihnachten umfasst einen Zeitraum von genau 11 Tagen und 12 Nächten. Diese „Stille Zeit“ liegt zwischen dem alten Mondjahr und dem neuen Sonnenjahr. Erklären läßt sich das astronomisch folgendermaßen: ca. 365 mal dreht sich die Erde um ihre eigene Achse, während sie die Sonne umkreist. Auch der Mond dreht sich um sich selbst, jedoch rascher als unser Heimatplanet. So braucht der Mond exakt 29,5 Tage für seine Umkreisung der Erde. Nun ergibt sich rein rechnerisch ein Unterschied zwischen Mond- und Sonnenjahr. Denn 12mal 29,5 Tage ergeben 354 Tage anstatt 365. Deshalb wird die Zeit zwischen 21.Dezember und 1.Januar weder zum alten noch zum neuen Jahr hinzugerechnet, sondern stellt eine Art Zwischenstadium da. In dieser „Toten Zeit“ soll die Arbeit ruhen, die Menschen sich besinnen und im Kreise der Familie und Sippe die Wiederkehr des Lichts feiern.


Diese „Zwölften“ wurden auch die Rauhnächte genannt, in denen sich z.B. die Mythen und Märchen der „Frau Holle“ und „die wilde Jagd Wotan – Odins“ abspielen. Aus dieser „Frau Holle“ wurde mit der Zeit die Totengöttin „Hel“, „Hella“ bzw. „Percht“, da Kälte und Winter mit dem Tod in Verbindung gebracht wurden. Wobei diese Verbindung nicht nur eine negative Seite hatte sondern auch eine äußerst positive, da so der Weg frei für neues Leben wurde. Hel ist somit nicht nur Toten– sondern auch Schutzgöttin, doch woran wir bei ihr sind, bleibt uns verborgen, verhehlt.

images (13)Das Märchen „Frau Holle“ von den Gebrüdern Grimm handelt von den Personen Goldmarie und Pechmarie. Die fleißige Spinnerin Goldmarie wird für ihre Taten belohnt, wobei im Gegenzug Pechmarie für ihre bequeme und oberflächliche Wesensart bestraft wird. Ab dem 10. Jahrhundert wurde dann das Wort „Hel“ zu einer synonymen Bezeichnung für die Unterwelt, wobei dieser Begriff nicht negativ missverstanden werden darf. Erst die Kirche deutete diese Welt zum Qualort um und formte daraus die grausame Hölle für die „Sünder“. Durch das massive Kirchengeläut zu dieser Jahreszeit sollten die „bösen heidnischen Geister“ vertrieben werden. Im Gegenzug kann jeder klar erkennen, dass die Opfergaben unserer Vorfahren in Form von Äpfel, Nüsse und Honig wohl kaum geeignet gewesen wären zur Dämonenaustreibung.

sleipnirBei der wilden Jagd reitet der einäugige Sturm– und Kriegsgott des Göttergeschlechts der Asen auf seinen weißen achtfüßigen Schlachtross Sleipnir durch die Lüfte auf der Jagd nach dem Wild, vorzugsweise einem Eber. Begleitet wird er hierbei von seinen Raben Mugin und Munin („der Gedanke und die Erinnerung“) und seinen beiden Wölfen Geri und Freki („der Gierige und der Gefräßige“). Auf dieser ewigen Jagd, die sich jedes Jahr wiederholt, benutzt er vorzugsweise seinen Speer Gungnir, der niemals sein Ziel verfehlt und wird sowohl von den gefallenen Krieger die in Walhalla residieren begleitet, genannt die Einherier, als auch von einigen wenigen auserwählten sterblichen Helden. Odins Wilde Jagd besitzt äußert vielseitige Züge auf die hier leider aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit und Lesbarkeit nicht ausführlicher eingegangen werden kann. Generell ist die Jagd jedoch als ein Sinnbild für die Toten– und Ahnenverehrung zu verstehen, die aber selbstverständlich auch den Fruchtbarkeitskult in Form von Streben nach Wachstum miteinschließt. Ebenfalls wurde zur Feier des Anlasses ein eignes Julbier für diese Jahrzeit hergestellt sowie mit reichlich Kerzen– und Lichterschmuck, Symbolgebäck, warmen Met und einem Festtagsschmaus (z.B. „Julgalt“ (Weihnachtseber) und „Jultupp“ (Weihnachtshahn) die Rückkehr der Sonne herbeigesehnt.

Ich habe mein am 07.12 schon aufgestellt,.
Ich habe mein schon aufgestellt,

Nicht zu vergessen ist natürlich auch der obligatorische Weihnachtsbaum. Unsere Vorfahren hatten sei jeher große Bewunderung für die einzigartige Baum– und Pflanzenwelt. So wurden in heiligen Hainen Feiern abgehalten, dem Donner– und Fruchtbarkeitsgott Thor die Eiche geweiht und die großen Versammlungen – Things genannt – unter einem großen Baum abgehalten. Auch in der nordischen Mythologie stellt der Baum als wunderbares Sinnbild für die Einzigartigkeit der Natur den Beginn des Menschengeschlechtes dar. Besondere Bedeutung fällt hier auch der Esche zu, denn der germanische Weltenbaum Yggdrasil stellt die Basis der nordischen Kosmologie da. Somit war es eigentlich nur logisch, auch zu solch einen bedeutenden Fest wie Jul, den Baumkult beizubehalten. Auch der Lichterkranz (bzw. Adventkranz) ist in seiner ursprünglichen Form ein heidnischer Kultgegenstand. Er ist in seiner Funktion vergleichbar mit einem Grabkranz und diente somit ebenfalls der Toten– und Ahnenverehrung. Auch die Vorgehensweise war eine andere: Heute wird am 1.Advent eine Kerze angezündet und dies gesteigert bis zum 4.Advent, wo dann alle vier Kerzen brennen. Früher war es jedoch genau anders herum: Es wurde mit 4 Kerzen begonnen und mit zunehmender Abnahme des Lichts erlosch jeweils eine weitere Kerze, um so die zunehmende Macht der Dunkelheit passend untermalen zu können, bevor dann an Jul, die Wiederkehr des Lichts in allen möglichen Formen gefeiert werden konnte.
Zurück zu der Beziehung zum Christentum: Wie kam es dann eigentlich dazu, dass heute Weihnachten für ein christliches Fest gehalten wird? Ganz einfach: Die hohen Würdenträger der Kirche machten sich Gedanken, wie man die ungläubigen Heiden doch am besten zum Christentum hin bekehren könne. Da kam ihnen die Wintersonnwendfeier, welche ja im ganzen Abendland verbreitet war, gerade recht. Entstehungsgeschichtlich wurde dann zum ersten mal im Jahre 325 Weihnachten im christlichen Festverzeichnis erwähnt. Papst Julius, welcher in den Jahren 337 bis 354 die Macht inne hat, legte den Geburtstag des Zimmermanns dann willkürlich auf den 25. Dezember. Willkürlich deshalb, da in den ältesten Urkunden der Christenheit, ganz andere Monate bzw. Tage in Erwähnung gezogen wurden. Also wieso nicht gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, dachte sich dann wohl auch die Kirche…

Viele der obigen Mythen, Bräuchen und Geschichten sind nicht immer leicht zu verstehen. Um hier mit einem Zitat von Björn Ulbrich aus „Die geweihten Nächte“ zu schließen: «Wie nähern uns ehrfürchtig in Bildern von magischer, übersinnlicher Faszination. Übersinnlich bedeutet: mit den Sinn nicht vollständig zu erfassen. Das heißt nicht „übernatürlich“, denn es gibt nichts außerhalb der Natur. Die Natur ist allumfassend, ewig, göttlich.» Quellen: – Björn Ulbrich, Holger Gerwin, aus „Die Geweihten Nächte“ und hier  http://totoweise.wordpress.com/2012/12/21/wintersonnenwende-das-grose-germanische-fest/ und hier http://totoweise.wordpress.com/2011/12/23/besinnliches-weihnachts-julfest-2011/

Ich wünsche allen “God Jul” euer Geist der Zeit, Toto / Germanenherz / Totoweise

ergänzend

Magische Nächte. Die 12 Rauhnächte

Die 12 Rauhnächte Die zwölf Nächte am Ende des Jahres und die mit ihnen verknüpften Mysterien gehen bis in die Antike zurück. Sie haben sowohl römische als auch germanische und sogar indische, japanische und chinesische Wurzeln, und auch heute noch … Weiterlesen

Sommersonnenwende

Ewig dreht das Rad des Lebens
Ewig kreisen Zeit und Erde
Ewig neut sich so des Jahres
und des Menschen „Stirb und Werde“.
Ursprung und Bedeutung
sommersonnenwende

Zu Zeiten der Sommersonnenwende am 21.Tage des Brachmondes hat die Sonne den Höhepunkt ihrer Kraft und Einwirkung auf die Natur und damit auch den Menschen erreicht. Während dieser Zeit ruht die Arbeit auf den Feldern und die Frucht reift still vor sich hin. Eine Gelegenheit für die ländliche Bevölkerung ein ausgelassenes Fest zu feiern und sich von den Mühen der vergangenen Monate zu erholen, um frisch gestärkt der Ernte entgegenzusehen.

Wie allen indogermanischen Völkern war auch den Germanen der Lauf des Jahres bestimmend für Arbeit und Feier. Während die keltischen Völker nach der Zweiteilung ihres Jahreslaufes nur Feiern zur Maien- und Herbstzeit kannten, lagen bei den Germanen, die drei Jahreszeiten unterschieden, die bedeutendsten Festzeiten in unmittelbarer Nähe der Tag- und Nachtgleichen, bzw. der beiden Sonnenwenden. Galt die Mittwinterzeit, die Wiederkehr des lebenspendenden Lichtes, als höchste Festzeit, an der überall Julfrieden herrschte, so waren das Frühlings- oder Osterfest, die Sommersonnenwende und die Totengedenktage die festliegenden Tage des ungebotenen Things, der grossen Rats- und Gerichtsversammlungen aller freien 20 Männer eines Volksstammes.
Alle Jahreslauffeste sind von den gleichen Sinnbildern begleitet: Feuer, Lebensbaum und Lebenswasser, obwohl doch die Natur zu den verschiedenen Jahreszeiten ein ganz unterschiedliches Bild bietet.
Jahrhundertelang hat der eindringende Christianismus versucht, diese alten Volksbräuche auszurotten, und erst, als dies trotz strenger Strafen gegen Zuwiderhandelnde nicht gelang, begann man die Bräuche zu verfälschen und ihnen einen christlichen „Sinngehalt“ unterzuschieben. So wurde das höchste Fest unserer nordischen Ahnen, die Feier der Wiederkehr des Lichtes, zum Geburtstag des Jesus von Nazareth erklärt, das kräfteweckende, lebenspendende Maiengrün der Weidenzweige fand als „Palmbuschen“ Eingang in das kirchliche Osterbrauchtum und die Dank- und Freudenfeuer der Mittsommerzeit wurden Johannes dem Täufer geweiht. Kranz und Rad, seit Urzeiten im Norden Sinnbild der Unendlichkeit des Lebens in seiner ewigen Wiederkehr, lebten weiter in den „Osterrädern“, dem „Kirmesbaum“ und dem „Adventkranz“.

Im heutigen Brauchtum der Julzeit tritt das im Freien abgebrannte Feuer gegenüber dem ewig grünenden Lebensbaum zurück und findet nun seine Darstellung im Licht der Kerzen und dem noch in einzelnen Landschaften gebräuchlichen kultischen Neuentfachen des Herdfeuers. Herd und Altar waren bei den indogermanischen Völkern ein- und dasselbe und galten als heilig. Demgegenüber haben sich zur Mittsommerzeit vor allem die Feuerbräuche erhalten, während das Lebensbaum-Brauchtum dieser Zeit oft mit den Frühlingsbräuchen verschmilzt oder sich nach „Hohe Maien“, der christlichen „Pfingstzeit“, verlagert. In vielen deutschen Gauen setzt man auch heute noch feierlich den „Maibaum“, einen mit bunten Bändern und meist 3 Kränzen geschmückten hohen Baum, oder man steckt Sträusse, die oft aus siebenerlei Kräutern gebunden sind, an die Ecken der Felder. In manchen Gegenden Thüringens gibt es buntgeschmückte „Eierbäume“, sowohl zu Ostern und Hohe Maien als auch zur Sommersonnenwende und sie werden genau so im Reigen umtanzt, wie es bei den eiergeschmückten Bäumen in den Vogesen zur Neujahrsnacht Brauch ist.
Hängt beim Maibaum der grüne Kranz immer waagerecht, so finden wir ihn zur Sonnwendzeit oft senkrecht auf hohen Stangen befestigt, sei es bei den schwedischen Mittsommerstangen, dem Mimosquost in Nordschleswig oder der Queste und dem Ouestenbaum im Harz und in Thüringen. Im Salzburgischen trägt man Prangstangen über die Felder, während in der Heidelberger Gegend und im Odenwald beim „Sommertagumzug“ Haselgerten mitgetragen werden, die mit immergrünen Pflanzen, Äpfeln und Brezeln geschmückt sind. Eier und Äpfel zählen seit altersher zu den Sinnbildern der Fruchtbarkeit und Brezel und Kranz verkörpern die Unendlichkeit.
Es gibt aber auch Umzüge, bei denen Gestalten mitgeführt werden, die in grünes Laub – seltener in Stroh – gewickelt sind. Die Gestalt trägt verschiedene Namen: in den Alpenländern nennt man sie meist „Pfingstlümmel“, in der Saarpfalz „Pfingstquak“ und vom Augsburger Umland bis tief hinein ins Schwäbische „Wasservogel“. Der letztgenannte Brauch stellt schon die Verbindung zu den verschiedenen Wasserbräuchen her, die vielfach zu Ostern, zu Pfingsten oder zur Sonnwendzeit überliefert sind. Quellen und Brunnen waren für unsere Vorfahren verehrungswürdige Stellen, wohl in Erinnerung an den Urdbrunnen, aus dem alles Leben stammte. Auch heute noch ist es in verschiedenen deutschen Landschaften üblich, Brunnen und Quellen zur Festzeit mit Blumen zu umkränzen oder in ernstem Schweigen ihr segenbringendes Wasser nach Hause zu tragen. In vielen süddeutschen Orten, von den Ardennen bis nach Oberkrain, lässt man zur Mittsommerzeit bei einbrechender Nacht brennende Lichter die Bäche und Flüsse hinabschwimmen, während man am Kurischen Haff brennende Teertonnen ins Meer treiben lässt.

So, wie beim Tode berühmter germanischer Helden ihre Grabhügel umritten wurden, fanden auch in den Nächten der grossen Stammesfeier Ritte um Hügel und Brunnen statt. Aus der Freude aller indogermanischer Völker am Wettkampf entwickelten sich hieraus später Kampf- und Reiterspiele. Die Rennbahnen in der Nähe der berühmten Sonnenheiligtümer von Stonehenge und den Externsteinen geben hiervon noch genau so Zeugnis wie jene über Jahrhunderte überlieferten Reiterspiele wie das Ringelstechen oder das Vogelschiessen, die heute noch mancherorts am Nachmittag des Sonnwendtages gebräuchlich sind.

Die eigentlichen Feuerbräuche sind aber am weitesten verbreitet und gleichen sich in ihrem Ablauf von Lichtmess, Fasnacht, Ostern und Walpurgisnacht bis zur Sommersonnenwende. Die Biikenfeuer in Nordfriesland werden am 22. Hornungs in der Nähe alter Grabhügel abgebrannt und zeigen damit noch sehr gut die altnordische Sitte, die verstorbenen Vorfahren am Leben und Feiern der Sippengefährten teilnehmen zu lassen. Im schwäbisch-alemannischen Siedlungsraum sind die Höhenfeuer vor allem zur Fasnachtszeit gebräuchlich, was in den Ausdrücken Fasnetfunken und Funkensonntag seinen Niederschlag findet. Sie gehen vielleicht ebenso wie die irischen Feuer am Fasnachtsdienstag auf die alte keltische Jahresteilung zurück. Jakob Grimm ist in seiner „Deutschen Mythologie“ noch der Ansicht, die Osterfeuer wären mehr im Norden, die „Johannisfeuer“ mehr im Süden Deutschlands gebräuchlich, doch hat die neuere Volkskundeforschung diese Annahme nicht bestätigen können.

Osterfeuer sind auch im Sauerland, im Harz und in Tirol nachgewiesen. Im Klagenfurter Becken ist zu Ostern ein Fackeltanz üblich und des Osteräderrollen in Lügde in Westfalen gleicht genau jenem, das schon 1576 von dem Donauwörther Humanisten Sebastian Frank erwähnt wird. Diese Feuerräder kennt man aber auch zur Sonnwendzeit in vielen Orten in Luxemburg, im Moselland und in der Eifel, im Elsass und in der Rhön, im Odenwald, in Nassau, in Bayern und Schwaben, in der Schweiz und in Schlesien. Es sind grosse, hölzerne Räder, die mit viel Stroh oder Werg umwickelt sind und brennend von den Höhen ins Tal gerollt werden. In anderen Gegenden werden kleinere hölzerne Scheiben auf eine Stange gesteckt und brennend ins Tal geschleudert. Von den Burschen werden dazu gereimte Liebeswünsche gerufen oder altüberlieferte Sprüche für Flursegen und Erntedank.

Die Feuerstösse selbst sind meist kunstvoll aufgebaut, oft ragt in ihrer Mitte ein hoher, mit Blumen oder Kränzen geschmückter Stamm empor. In manchen Gegenden ist es der Maibaum, der vorher wochenlang mitten im Dorf stand. Aus Frankreich ist der Brauch bekannt, am 1. Mai einen Baum zu fällen und so kunstvoll zu keilen, dass er rautenförmig auftreibt. Er wird dann zur Sonnenwende auf einem Hügel abgebrannt. So, wie oft der Maibaum im Reigen umtanzt wird, geschieht es auch mit dem Feuer, nicht nur bei uns, sondern auch in England, Dänemark und Norwegen.

Überall ist der Glaube verbreitet, dass das heilige Sonnwendfeuer Segen bringe, sei es für die Fluren, über die die Räder rollen oder die Scheiben fliegen, sei es für das Vieh, das durch das fast herabgebrannte Feuer getrieben wird, wie vor Jahrhunderten bei Seuchengefahr durch das kultisch entfachte „Notfyr“. Auch die Menschen sollen dieser läuternden Kraft der Flammen teilhaftig werden. Deshalb springen sie übers Feuer, Bursch und Mädel gemeinsam, wenn sie in Zukunft auch gemeinsam den Lebensweg mit einer Fackel oder einem Span heimgetragen, um das vorher sorgfältig gelöschte Feuer neu zu entfachen und bis zum nächsten Sonnwendfeuer zu bewahren.

Vielfach gerieten jedoch die alten Bräuche gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Vergessenheit als Industrialisierung und Verstädterung die alten bäuerlichen Lebensformen zu verflachen begannen. Im Brennpunkt des Volkstumskampfes jedoch, im Grenzgebiet z.B. Deutsch-Österreichs, lebten die alten Formen weiter und in den Jahren der deutschen Not wurden die ursprünglichen Freudenfeuer mehr und mehr zu vaterIändischen Mahnfeuern. Vom Wandervogel und der Bündischen Jugend wurde diese Form aufgegriffen und in ganz Deutschland verbreitet, sodass für uns heute die Feier der Sonnenwende auch das Bekenntnis zu Volk und Vaterland einschliesst, auch wenn wir uns in den Formen möglichst an altüberliefertes Brauchtum halten wollen.

Mythologie

Das Fest der Sommersonnenwende ist mir dem Tode Baldurs durch die Hand seines Bruders Hödur verknüpft. Es steht im Jahreslauf gegenüber der Wintersonnenwende. So wie wir zur Wintersonnenwende uns mit Baldur und seinem Vater Odin verbinden, sind wir nun eins mit ihm und seiner Mutter Frigga. Dieses Fest soll uns an den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen erinnern. Ähnlich wie die Sonne ab diesem Tage langsam stirbt, verkörpert diese Zeit unser Leben im Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein. Ein Zeitpunkt an dem auch unser eigener Körper die höchste Kraft erreicht hat und von nun an langsam durch das Alter geschwächt wird.

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft´gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.”
Ludwig Uhland (1787-1862), „Sonnenwende”

Die Nacht zum 21. Juni ist die kürzeste Nacht des Jahres und markiert den Beginn des Sommers, vielerorts finden Feiern statt, die den Sommer und die Sonne, die nun ihren höchsten Stand erreicht hat, mit Feuern begrüßen. Solche Feste waren in Europa bei Kelten, Germanen und Slawen bekannt.

Die Sonnenwendfeiern finden nicht unbedingt zum astronomischen Zeitpunkt statt, vielfach sind sie mit den Feierlichkeiten der Johannisnacht zum 24. Juni, dem Festtag Johannes des Täufers, verbunden. Symbol des Johannistages ist eine teilweise geschälte, mit Blumen bekränzte Fichte. Um diesen Johannisbaum werden Reigen getanzt, immer linksherum, dem Lauf der Sonne entsprechend.
Andere Bräuche sind aus Eichenlaub geflochtene Johanniskronen an Türen und Dächer gebunden, ein Anklang an den Gott Donar (Thor), dem die Eiche heilig ist und der als Gewittergott das so geschmückte Bauwerk verschonen sollte. Weiteres Brauchtum siehe weiter unten und unter Johannes.

Die Sonnenwende markiert im Mythos einen Höhe- und Wendepunkt. Die germanische Sage weiß von Siegfried zu berichten, der von Hagen zur Sonnenwende getötet wird. Siegfried ist der strahlende Sonnenheld, der tagsüber unüberwindlich ist. Mit der Sonnenwende verliert er Macht und Leben.

Damit ist aber kein Tod im eigentlichen Sinne gemeint, vielmehr darf auf eine Wiederkehr gehofft werden und tatsächlich zeigt der Jahreslauf, daß dem Absterben im Herbst und der toten Zeit des Winters im Frühjahr neue Fruchtbarkeit folgt, die sich im Sommer zur ganzen Pracht entfaltet und der Zyklus weitergeht.

Es ist dies die Vermählung der Erdgöttin in Heiliger Hochzeit mit dem Sonnenheros, wie es in Mythen vielfach überliefert ist, z. B. die Isis und der sterbende Osiris.

GRIMM führt die Mutmaßung an, an Stelle des nordischen Gottes Baldur, dem die Mittsommerzeit heilig war, könne in christlicher Zeit der Johannes getreten sein, die Johannesfeuer könnten an Baldurs Leichenbrand erinnern (Deut. Myth., III, S. 78).
Brauchtum und Aberglaube zur Sommernachtgleiche

„wer eines montags drei stunden nach sonnenaufgang zur zeit der sommernachtgleiche geboren ist, kann mit geistern umgehen.” (GRIMM, Dt. Myth., III., A. 810, S. 463)

Brauchtum und Aberglaube zur Johannisnacht

Am Johannistag pflücken Jungfern stillschweigend in der Stunde nach Mittag neunerlei Blumen, darunter Storchschnabel, Weide und Feldraute. Mit einem zu gleicher Stunde gesponnenen Faden wird daraus ein Kranz gebunden und rückwärts in einen Baum geworfen. Soviele Würfe es bedarf, ehe der Kranz im Baum hängenbleibt, soviele Jahre wird es dauern, bis die Jungfer heiraten wird.

Mancherorts werden in der Johannisnacht brennende Räder einen Hang herabgerollt, verbreitet sind auch Fackelumzüge und der Tanz um das Johannisfeuer.

Ein Sprung über das Johannisfeuer soll das Jahr über vor Fieber bewahren (GRIMM, 1992, Bd. III, S. 468, Nr. 918), von Sünden reinigen und Schwangeren die Niederkunft erleichtern (WEHR, 1991, 135).

Die Asche des Johannisfeuers wird aufgehoben und unter der Türschwelle vergraben, da ihr noch lange Zeit magische Kraft innewohne (WEHR, 1991, 135).

Aus Eiern sollen Hexen in der Johannisnacht die Zukunft vorausgesagt haben. Der Zeitpunkt wird auch gern für einen Hexensabbat genutzt.

Wird beim Kräutersammeln in der Johannisnacht versehentlich ein Johanniskraut zertreten, so ist zu befürchten, daß plötzlich ein Pferd aus dem Boden steigt und den Unachtsamen in rasendem Ritt davonträgt.

Allgemein soll dieser Zeitpunkt für das Sammeln von Kräutern besonders günstig sein (Holunder, Johanniskraut).

Mädchen sollen in der Johannisnacht ihren Zukünftigen sehen, wenn sie zwischen 11 und 12 Uhr einen Kranz aus neunerlei Blumen winden — so jedenfalls der im „Sechsten und siebenten Buch Mosis” enthaltene „Magisch-sympathetische Hausschatz” (n. BAUER, 1996, S. 135). An gleicher Stelle heißt es, wenn das Mädchen einen Kranz aus Klebkraut windet und dabei dreimal ums Haus geht, wobei es spricht: „Klebekranz ich winde dich, Schätzchen, empfinde mich”, dann erscheine ihr der Zukünftige im Traum. Wird der Kranz während der Umgänge allerdings nicht fertig, so droht dem Mädchen Krankheit.

Wird eine Frau in der Johannisnacht schwanger, so soll das Kind später die Gabe des Bösen Blicks haben — vielleicht kirchliche Propaganda gegen allzu ausgelassene heidnische Festgebräuche.

Menhir – Sonnenwende

Johann Gottlieb Fichtes 250. Geburtstag

Johann Gottlieb Fichte
Johann Gottlieb Fichte

Fichte – einer unsrer größten Philosophen – wurde am 19. Mai 1762 in Rammenau in der Oberlausitz als Sohn eines Bandwirkers geboren. Durch die Förderung des Gutsbesitzers Haubold von Miltitz konnte er das Elitegymnasium Schulpforta besuchen und in Jena und Leipzig Theologie studieren.  Nach langen Jahren als Hauslehrer lernte er Kant und dessen Philosophie in Königsberg kennen, worauf er den “Versuch einer Kritik aller Offenbarung” schrieb. Dies brachte ihm 1794 die erste Berufung als Professor nach Jena ein. Durch sein freies Nachwort zu einer Veröffentlichung Frobergs und des sich daraus ergebenden ‘Atheismusstreits’ wurde er 1799 wieder abgesetzt. Fichte schuf die grundlegende Dialektik des “Ich” und “Nicht-Ichs”, worauf später Hegel mit “Negation der Negation” und Marx aufbauten. Er folgerte dann aus dem freien Willen (als ‘Fünklein’ des Willen Gottes) des “Ichs” den Denker als Täter, der die Welt nach seinem Willen formt.
Sein Werk “Der geschlossene Handelsstaat” ist ein Gesellschaftsentwurf
auf nationalstaatlicher Grundlage und erschien als Buch 1801. Er wurde zum Propheten der Tat und zwar als reichsweit berühmter Publizist von Berlin aus, wohin er nach seinem Rauswurf aus Jena gegangen war. Als einstiger Anhänger der französischen Revolution und bürgerlichen Befreiung wurde er nunmehr ein erbitterter Widerständler gegen die napoleonische Großmacht und dessen eurpaweite kriegerische Verwüstung. Fichte trug mit seinen
“Reden an die deutsche Nation”
entscheidend dazu bei, in den deutschen Landen den Prozeß der Befreiung und Nationwerdung zu initiieren und ins öffentliche Beußtsein zu bringen. Parallel dazu entwickelte er auch seine “Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters” und trug sie vor akademischem Publikum vor. Diese seine Geschichtsphilosophie unterschied drei gesellschaftliche Phasen: Das “arkadische Zeitalter” der primitiven Zustände eines herrschenden Vernunftinstinkts; Das Zeitalter der “vollendeten Sündhaftigkeit”, in welchem sich das Gemeinwesen von sich selbst entfremdet hat und in viele divergierende Individuen zerfallen ist; Das dritte Zeitalter wird das “elysische” sein, in welchem die Individuen nur noch konturlos wie Atome durcheinander schweben.Wie trifft doch die Beschreibung seiner zweiten Phase wieder auf das Deutschland von heute zu.
Auf die Juden war er nicht gut zu sprechen:
‘Das Judentum als Staat im Staate würde sich absondern. Sie würden die übrigen Bürger übervorteilen, seien nur auf sich und ihre Sippe bedacht.’
1810 wurde er der erste Rektor der neugegründeten Berliner Universität. Während der Befreiungskriege erkrankte seine Frau Johanna, eine Nichte Klopstocks, bei der Pflege von Verwundeten am Lazarettfieber und überlebte es. Allerdings steckte Fichte sich an und starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. Ihr Sohn Immanuel wurde ebenfalls Philosophieprofessor (in Bonn) und erster Herausgeber der Werke seines Vaters.
Johann Gotlieb Fichte – ein aufrechter Kämpfer für das freie Wort und das freie und geeinte Deutschland, gegen beifallheischende Schreiberlinge und “Literatengeschmeiß”, gegen Untertanen- und Karrierebuckelei. Als einer der bebedeutendsten Vertreter des deutschen Idealismus, neben dem nur noch der griechische der Antike genannt wird, beweist uns Fichte, daß die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte ohne Deutschland nicht denkbar ist!
“Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an deines Volkes Aufersteh’n;
Laß diesen Glauben dir nicht rauben,
trotz allem, was gescheh’n.
Und handeln sollst du so als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär dein.”

Wikinger Die Volkskraft des Nordens

Germanenherz-Toto-Haas-Banner-kleinDie Geschichte der Wikingerzeit

Das 7. und 8. Jh. bedeutet eine Festigung der germanischen Macht in den Teilen Europas, in denen die Oberschicht stark genug war. Alle die Gebiete, in denen wir nur eine dünne germanische Herrenschicht kennen, gehen damals verloren. Kurz vor 800 aber bricht eine neue, große Völkerbewegung los, an der nur die nordgermanischen Stämme beteiligt sind. Als im Jahre 887 Dorchester an der englischen Küste überfallen und geplündert wird, und wenige Jahre später das Kloster Lindesfarne an der schottischen Küste das Ziel eines ähnlichen Zuges ist, da handelt es sich nicht um einfache kriegerische Ereignisse, sondern es sind die Boten einer neuen Zeit, die gekennzeichnet ist durch eine gewaltige Ausdehnung des germanischen Elements, die letzte, große Völkerwanderung, die wir aus der Vorzeit kennen. Wir sind gewohnt, diese Zeit als Wikingerzeit zu bezeichnen. Der Name >Wiking< wird für die Nordgermanen angewendet, soweit sie auf einer Auslandsfahrt waren, und wir sind nicht in der Lage, die Entstehung und ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes mit Sicherheit anzugeben.

Zunächst hat man versucht, die nordische Bezeichnung vik für Bucht zur Erklärung heranzuziehen und in den Wikingern Leute zu sehen, die aus dem an Buchten reichen Norwegen nach Westen fuhren. Daß ein Teil der Wikingzüge aus der Gegend des Oslofjordes kam und dieses Gebiet den Namen Viken führte, schien die Annahme zu bestätigen. Auch an eine andere Verbindung mit dem Worte vik-Bucht hat man gedacht. Indem man an die Kampfesweise der Wikinger anknüpfte, glaubte man, daß das Auflauern von Kauffahrteischiffen in Buchten, aus denen man leicht vorstoßen konnte, ihnen diesen Namen eingetragen hätte. Ein zweiter Erklärungsversuch knüpft an das nordische Wort vig für Kampf an und sah in diesen Seefahrern die kampferprobten/kampffreudigen Männer. Die Deutung des Wortes als Robbenjäger, die man, gestützt auf eine schwedische Dialektbezeichnung für Robbe, vorgeschlagen hat, ist allgemein abgelehnt worden, da die Robbenjagd ja keineswegs die typische Beschäftigung der Wikinger war. W. Vogel hat darauf hingewiesen, daß die Jahrhunderte vor der Wikingerzeit, in denen der Name zum ersten Male auftritt, gekennzeichnet werden, durch das allmähliche Aufkommen des Fernhandels, und daß durch diese wirtschaftliche Umwälzung die Entstehung von Stapelplänen bedingt war, in denen der Kaufmann jederzeit seinen Bedarf an Ware decken konnte und die Möglichkeit fand, auch sein Handelsgut abzusetzen. Diese wenigstens teilweise mit größeren Siedlungen verknüpften Stapelplätze hatten oft Namen, die mit -wie zusammengesetzt waren, wie Quentowic, Bardowic und andere mehr. Die Bewohner solcher Orte und die Kaufleute, die diese Plätze besuchten, hätte man schon lange vor 800 Wikinger genannt. Mit dem Anwachsen der in kriegerischer Absicht unternommenen Seezüge in der Zeit um 800, hätte das Wort dann einen Bedeutungswandel durchgemacht. Hatte man früher damit den friedlichen Kaufmann bezeichnet, so wurde es jetzt zum Begriff des die Meere beherrschenden Seekriegers. Vielleicht hat sich dann im Norden diese Bedeutung mit dem Worte vik = Bucht verbunden.

Dieser erneute germanische Vorstoß aus den alten germanischen Kernlanden bricht aber nicht unvermittelt los. Schon in den Stürmen der Völkerwanderung hören wir von Seezügen der Sachsen, die bis an die fränkische Küste vordrangen und dort einen großen Schrecken auslösten. Vom sagenumwobenen Zuge des nordischen Königs Hygelac, den die fränkischen Quellen als Chochilaicus kennen, wissen wir, daß er vom Norden ausging. Aber es waren nicht nur einzelne Kriegszüge, sondern auch – wie in späterer Zeit – wirkliche, auf Landnahme gerichtete Volkszüge. Die Besetzung der Hebriden, der Orkney- und Shetland-Inseln von Norwegen aus, fällt vor die eigentliche Wikingerzeit. Auch von Schweden ging schon in der späten Völkerwanderungszeit ein Vorstoß nach Südosten aus, in das Gebiet, das also auch später, in der Wikingerzeit, das Kolonisationsgebiet für Schweden war. Und im Süden schiebt sich seit 500 etwa das Dänentum von Skandinavien nach Südwesten vor. Alle diese Bewegungen (Abb. unten) sind fast nur aus den Funden zu erschließen; schriftliche Quellen gibt es dafür nur wenige, denn die von der Landnahme betroffenen Gebiete kannten eine eigene Geschichtsschreibung nicht. In diesen einzelnen Vorstößen deutet sich die neue, kommende Bewegung an, aber erst als die Züge Gebiete trafen, die eine eigene Geschichtsschreibung hatten, da trat auch für den Westen erkennbar der Norden aus seiner Isolierung heraus. Rein zufällig ist also die aufgeschriebene Überlieferung zurückgehende Kenntnis der Wikingerzüge. Die Bewegung setzt viel früher ein, sie schwillt im Laufe der Jahrhunderte an und erreicht ihren Höhepunkt im 9. und 10. Jh. Die Scheide zwischen Völkerwanderungszeit und Wikingerzeit um 800 scheint also sehr willkürlich, und doch behalten wir sie bei, weil in dieser Zeit ein stilistischer Wandel im Norden Platz greift, der eine neue Epoche einleitet.

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Das Ausgreifen der Nordgermanen vor der Wikingerzeit

Die innere Entwicklung des Nordens war in ähnlichen Bahnen verlaufen, wie die des kontinentaleuropäischen Germanengebietes. Hier kann man zum ersten Mal unter dem außenpolitischen Druck des römischen Angriffskrieges den Ansatz zur Bildung größerer Stammesverbände erkennen. Arminius und sein germanischer Gegenspieler Marbod versuchten die Schaffung größerer über den Einzelstamm hinausgreifender Verbände. Wenn auch diesen Versuchen kein nachhaltiger Erfolg beschieden war, so deuten doch diese ersten, aus germanischem Denken erwachsenen Staatenbildungen, die kommenden Entwicklungen, die über die Bildung von Großstämmen zur Schaffung von Stammesstaaten und schließlich zur Begründung des Universalreiches unter den Karolingern führt. Hier wurde unter Karl dem Großen und seinen Vorgängern der aus der germanischen Ideenwelt stammende Gedanke des Stammesstaates verknüpft mit der dem germanischen Denken ursprünglich fremden Idee des römischen Imperiums. Einen ähnlichen Vorgang kann man auch im Norden beobachten.

Skandinavien hatte in dem großen Ringen an Rhein und Donau zur Zeit der Römerkriege abseits gestanden. Die Übersiedlung ostgermanischer Stämme nach dem Festland in den letzten Jahrhunderten vor Beginn unserer Zeitrechnung hatte die Volkskraft des Nordens für ein halbes Jahrtausend gelähmt, und erst um 500 n.d.Z. beginnen sich wieder neue Kräfte zu regen. Um 500 erscheinen im westlichen Ostseebecken als ein fremdes Volkstum die Dänen, die aus ihrem Heimatgebiet in Schweden nach Westen zu vorstoßen und wahrscheinlich auf der Insel Seeland das erste dänische Reich gründen, mit dem der Königssitz von Leire und die sagenumwobenen Gestalten des Hrodgar und Hrowulf aus dem Beowulfliede verknüpft sind. Es ist die erste dänische Reichsgründung, die sich hier auf den dänischen Inseln vollzieht, und an die sich nur in der dänischen Heldensage Erinnerungen erhalten haben. Trotzdem aber müssen wir es hier mit einer historischen Realität zu tun haben. Nach dem Verfall dieses Reiches von Leire wissen wir nichts von den Vorgängen im westlichen Ostseegebiet, bis dann schon vor 800 die dänische Erobererwelle Jütland erreicht und etwa bei Schleswig im Süden zum Stehen kommt. Dieser Vorstoß von Norden nach Süden fällt in eine Zeit, in der eine entgegengesetzte Bewegung von Süden nach Norden erkennbar wird. Im Jahre 799 marschiert zum ersten Male das Frankenheer drohend an der Elbe auf, 802 und 804 greift Karl der Große das letzte sächsische Bollwerk, das nordelbische Sachsengebiet an. Als er im Jahre 809 durch die Gründung der Burg Esesfelth an der Stör mit der Eroberung des nordelbischen Gebietes ernst zu machen scheint und damit in eine bedrohliche Nähe des dänischen Gebietes vorstößt, sehen wir, daß unter diesem von Süden kommenden Druck sich eine Festigung der dänischen Macht an der Schlei vollzieht. Das zweite Dänenreich, dessen Entstehung an den Namen Göttriks verknüpft wird, verdankt seine Ausbildung dem von Süden herkommenden Druck und ist aus einer Abwehrstellung gegen diesen Angriff entstanden. Nach einer kurzen Zeit der Offensive gegen das Frankenreich wird Göttrik ermordet, und unter seinen Nachfolgern löst sich sein großes Reich, das nicht nur Dänemark, sondern auch Norwegen umfaßte, in einzelne kleine Machtbereiche auf. Die endgültige Auflösung erfolgte aber nicht von Süden aus, wo unter den Nachfolgern Karls des Großen ein ähnlicher Vorgang wie in Dänemark zu beobachten ist. Als in der großen Niederlage bei Löven an der Dyle im Jahre 891 das große Normannenheer vernichtend geschlagen war, scheint das gewisse Rückwirkungen auch auf das Heimatland gehabt zu haben, denn wir sehen, wie in jenen Jahren dem Dänenreich ein neuer Gegner entsteht, ein schwedisches Königsgeschlecht, das aus Mittelschweden kommend, das alte Machtzentrum Haithabu besetzt und von hier aus ein kleines schwedisches Kolonialreich auf den dänischen Inseln und in Mittel-Schleswig aufbaut. Mit der zunehmenden Erstarkung des deutschen Gebietes in der Zeit Heinrich I. wird auch das Interesse am Norden lebhafter. Als der deutsche König im Jahre 933 die Ungarngefahr gebannt hat, greift er nach Norden über. Der alte Mittelpunkt des dänischen Festlandreiches Haithabu wird der Sitz eines sächsischen Markgrafen, und wieder lastet auf der dänischen Südgrenze ein starker deutscher Druck. Da entsteht aus der Not dieser Jahre ein neues dänisches Reich, geschaffen von einer im mittleren Jütland beheimateten Königsfamilie, die in Jellinge ihren Ursprung hatte. Noch heute stellen die Grabhügel von Jellinge mit den dazwischen stehenden Runensteinen eines der großartigsten Denkmäler nordischer Vorzeit dar. Von hier ausgehend haben Gorm und Thyra und nach ihrem Tode ihr Sohn Harald die in der Zwischenzeit überall entstandenen kleinen Fürsten der Zentralreichsgewalt unterworfen und nicht nur Dänemark geeinigt, sondern auch, wie Harald in der großen steinernen Urkunde, die der Jellinge Runenstein darstellt, stolz sagt „Norwegen unterworfen und ganz Dänemark geeinigt“. Die Ansprüche auf die südlichen Teile Norwegens, die schon zu dem Reich Göttriks gehört hatten, hat Harald mit Erfolg durchgesetzt. Der Einigung des ganzen, ursprünglich zum Herrschaftsgebiet Göttriks gehörenden Dänenreichs stand noch die deutsche Herrschaft an der Schlei entgegen. Beim Tode Otto I. schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, auch dieses Stück an sich zu reißen. Aber durch das tatkräftige Eingreifen Ottos II., der 973/74 nach Norden vorstieß, wurde dieser Versuch vereitelt. Als aber neun Jahre später durch die Niederlage in Süditalien die deutsche Kaisermacht zusammenzubrechen drohte, und alle Gebietserwerbungen östlich der Elbe im großen Slawenaufstand verlorengingen, da wurde auch das Haithabureich aus dem deutschen Reichsverband herausgelöst, wenn auch erst anderthalb Menschenalter später ein offizieller Verzicht auf dieses Gebiet durch Konrad II. ausgesprochen wurde. Damit war, ähnlich wie beim Reiche Göttriks, unter dem politischen und militärischen Druck von Süden her eine Reichsbildung vor sich gegangen, deren Zentrum jetzt, dem Zugriff von Süden stärker entrückt, in Jellinge lag. Die großartigen Grabdenkmäler sprechen noch heute von dem Herrscherwillen dieses Geschlechtes, das die Geschichte Dänemarks jetzt bestimmte. Unter Haralds Nachfolger Sven Gabelbart vollzog sich nun endgültig die große Umstellung in der dänischen Außenpolitik, die sich schon lange davor angebahnt hatte. War der große Gegensatz, der die Politik Göttriks bestimmte, die Spannung zwischen Dänen und dem Frankenreich, und war das Ziel der dänischen Wikingfahrten damals zu einem Teil wenigstens die fränkische Nordküste, so läßt sich, namentlich nach der Niederlage von Löwen, eine Umbiegung dieser Angriffsrichtung auf England erkennen.

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Nordgermanische Runen aus der Burg Alt-Lübeck
Nach: J. Herrmann, Die Slawen in Deutschland, Berlin (Ost) 1985

Jetzt sind die britischen Inseln das Ziel der Wikingfahrten, und in der Gegend um York entsteht das neue Dänenreich auf englischem Boden. Diese Bewegung wächst unter Sven stärker an. Er war derjenige, der die Wikingfahrten nach England zu einem ganz bestimmten System ausbaute, und als er 1014 starb, gehörte fast ganz England ihm. Die Vereinigung der britischen Inseln mit dem Norden aber erfolgte endgültig erst unter seinem Sohn Knut, dem ersten König, der Dänemark, Schweden, Norwegen und England regierte. Bei seinem Tode im Jahre 1035 begann sich dieses Reich aufzulösen und fiel unter seinen Nachfolgern in seine ursprünglichen Bestandteile auseinander. Als in der Mitte des 11. Jh. die Wikingzüge nach Westen abklingen, da war das Ergebnis des gewaltigen Kraftaufwandes, den die Englandfahrten für ein kleines Reich wie Dänemark bedeuteten, im Westen eine völlige Ausschaltung Dänemarks. Es blieb als Betätigungsfeld der dänischen Ausdehnungspolitik das westliche Ostseebecken, in dem die dänische Vormachtstellung erst durch die deutsche Hanse beseitigt wurde.

Eng verknüpft mit der Geschichte des dänischen Reiches ist die Geschichte Norwegens, dessen südlicher Teil wenigstens mehrfach zum dänischen Machtbereich gehört hat. Sie läßt im Großen den gleichen Verlauf erkennen, wie die Entwicklung im dänischen Gebiet. Als zur Zeit der Römerkriege durch den alexandrinischen Geographen Ptolemäus der erste Lichtstrahl historischer Überlieferung auf das norwegische Gebiet fällt, erfahren wir von einem Stamm, den Khaideinoi, die wir in der späteren Zeit als heidnir, die Bewohner der Landschaft Hedemarken in Norwegen, wiederfinden. Vom archäologischen Material her läßt sich kein Anhaltspunkt für eine Stammesbildung in dieser Zeit erkennen. Anders ist es mit den nächsten Nachrichten über Norwegen, die wir Jordanes verdanken, der für die Zeit um 500 unter anderem zwei Namen erwähnt, die einen gewissen Rückschluß auf politische Vorgänge in Norwegen erlauben. Er nennt die raumariciae und ragnaricii. Bezeichnungen, in denen man unschwer die späteren Stammesgebiete Romerike und Ranrike (vielleicht auch Ringerike) wiedererkennt. Während wir für das Gebiet von Romerike in der beginnenden Völkerwanderungszeit auf Grund archäologischer Funde keine Stammesbildung erkennen, sprechen die archäologischen Hinterlassenschaften im Gebiet der ragnaricii für die Herausbildung einer reichen Bauernaristokratie. Die Zusammensetzung der Stammesnamen mit -rike (= Reich) lehren, daß wir hier, zwischen dem Beginn unserer Zeitrechnung und dem Höhepunkt der Völkerwanderung den ersten Ansatz zu einer über kleinste territoriale Einheiten hinübergreifenden Stammesbildung zu sehen haben. Wenn auch diese geschriebenen Andeutungen die Darstellung der Entwicklung Norwegens keineswegs erschöpfen, so sind sie uns doch willkommene Anhaltspunkte. Hier gestatten aber, wie kaum an einer anderen Stelle, die Bodenfunde eine Vervollkommnung des historischen Bildes. Namentlich Shetelig und Brögger haben darauf hingewiesen, daß nicht nur im Gebiet des Oslo-Fjordes, sondern auch im norwegischen Westland die Völkerwanderungszeit die Periode des Zusammenschlusses zu größeren Stammesgebieten bedeutet, die man am besten als Bauernaristokratien kennzeichnet. Sie bilden anscheinend die Vereinigung gleichberechtigter Großbauernfamilien ohne besonderen politischen Ehrgeiz einzelner und stellen so eine innerlich ausgeglichene Stammesbildung dar. Erst als in den Jahrhunderten vor der Wikingerzeit das stärkere Ausgreifen des Nordens beginnt, da vollziehen sich auch im norwegischen Gebiet grundlegende Veränderungen. Das Gleichgewicht großbäuerlicher Zusammenschlüsse wird gestört durch das Eindringen eines Eroberergeschlechts, der Ynglinge, die aus ihrem Heimatlande, dem Svearike in Uppland vertrieben, sich im Oslofjord ein neues Reich schaffen. In der Landschaft Vestfold läßt sich der erste norwegische König dieses Geschlechtes Halfdan Hvitbein nieder (in der Nähe des Handelsplatzes Skiringssal). Etwas weiter nördlich nach Borre verlegt stehen bis heute noch die prachtvollen Königsgräber als Zeugen des Machtwillens, den dieses Geschlecht entwickelt hat. Aus diesem Geschlecht stammt der Einiger Norwegens, Harald Schönhaar, der in der Schlacht vom Hafsfjord die Selbständigkeit des norwegischen Westlandes brach und sich zum Einkönig von Norwegen machte. Das geschah im Jahre 872.

Hier sehen wir, (wie im Zentrum des dänischen Reiches von Jellinge), ein großes Denkmal des Geschlechts in Form der Grabhügel, die etwas ganz Neuartiges im Rahmen der bis dahin recht gleichmäßig ausgebildeten Gräber der Völkerwanderungszeit darstellen. Am treffendsten hat diesen Vorgang A. W. Brögger geschildert: „Dagegen hat das neue Königsgeschlecht in Vestfold, die Ynglingenkönige, das im 7. Jh. in die alte aristokratische Bauerngemeinschaft des südlichen Vestfold einbricht, ein ganz anderes Gesicht. In allen Ausdrucksformen (…) ist hier die Rede von Erobererkönigen aus kräftigerem Guß, die langsam ihre Ziele steigern und die großen Gedanken von Zusammenschluß und Eroberung in sich tragen. Die Grabstätten auf Borre, die Schiffsgräber von Oseberg und Gokstad sind ein umfassenderes Stück norwegische Geschichte des 9. Jh. als irgendwelche schriftliche Quellen geben können. Hier haben wir das mächtigste Königsgeschlecht des Landes, ihre ganze psychologische Einstellung liegt offen vor uns in solchen verschwenderischen Leichenbestattungen wie die der Königin von Oseberg und des Königs von Gokstad. Darin offenbart sich ein Überschuß an Kraft und Fähigkeit, der es verständlich macht, daß in solch einem Geschlecht der Reichsgedanke entstehen konnte. Hier ist etwas anderes und mehr als nur die Freude der Großbauern und der Gutsbesitzer an einer guten Bauernwirtschaft. Hier handelt es sich um Häuptlinge, in denen politische Ziele durch Generationen kultiviert sind“. Zwar bestand das Werk Harald Schönhaars nur in einer losen Zusammenfassung der einzelnen bis dahin selbständigen Gebiete, und die Geschichte seiner Nachfolger ist gekennzeichnet durch den Kampf um die festere oder losere Gestaltung dieser Einheit, bis schließlich in der Zeit um 1000 ein immer festerer Zusammenhang entstand. Störend hat sich bei diesem Vorgang der Machtanspruch Dänemarks auf die südlichen norwegischen Gebiete ausgewirkt, dessen Entstehung wohl schon in die Völkerwanderungszeit zurückreicht. Auch hier wechseln Perioden der Schwäche mit solchen stärkeren Anspruchs ab. Göttrik war anscheinend unbestrittener Herrscher am Oslofjord, während unter seinen Nachfolgern dieser Anspruch nicht mehr durchgesetzt werden konnte. Und erst unter Harald Blaatand, dessen Schwester Gunhild mit Erik Blutaxt, dem Sohn des norwegischen Reichsgründers verheiratet war, wurde auf Veranlassung der ebenen Söhne Eriks der erfolgreiche Versuch gemacht, den dänischen Anspruch auf Südnorwegen durch Waffengewalt wiederherzustellen.

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Das Osebergschiff, 9. Jh., im Grabhügel

Darauf bezieht sich wohl die stolze Inschrift auf dem Runenstein Haralds in Jellinge, wenn er davon spricht, daß er Norwegen gewann. Die endgültige Einigung Norwegens geht Hand in Hand mit der Einführung des Christentums, das das norwegische Königsgeschlecht zur Grundlage seiner Reichsidee gemacht hat, ein Vorgang, wie wir ihn auch bei dem Schicksal der westgermanischen Stämme erkennen können. An die Namen zweier Männer knüpft sich die endgültige Gewinnung der norwegischen Einheit: Olaf Tryggvason, der in seiner nur fünfjährigen Wirksamkeit (995 bis 1000) die auseinander strebenden Kräfte fest zusammenfaßte, so daß auch die folgende, fünfzehn Jahre dauernde Reichsteilung diesen Keim nicht mehr ersticken konnte. Die endgültige Zusammenschließung wurde durch Olaf Haraldssohn, (später heilig gesprochen), wesentlich gefördert. Zwar dauerte es noch ein Jahrhundert bis es zur Entstehung eines norwegischen Nationalgefühls und einer Reichsidee kam, aber den Grund zur Einigung hatten die großen Wikinggestalten wie Harald Schönhaar und Olaf Tryggvason gelegt; in ihrer Zeit bedeutete rike die Macht des Einzelnen, seinen Einfluß und seine Gewalt, und erst in dem Maße, indem sich aus dem Einigungswillen eines einzelnen Geschlechtes eine das ganze Land zusammenschließende Idee entwickelte, verschiebt sich auch die Bedeutung des Wortes rike, das erst im späteren Mittelalter den Sinn Reich erhält.

Für die Geschichte Schwedens besitzen wir nicht im gleichen Maße wie für Norwegen und Dänemark Quellen aus dem Gebiet westeuropäischer Geschichtsschreibung. Denn das Interesse des europäischen Westens für Schweden war nur ein mittelbares. Beteiligte sich doch dieses Land nicht in so starkem Maße an den Westfahrten wie die anderen beiden nordischen Staaten. Von der Natur aus war der osteuropäische Raum als Interessengebiet für Schweden bestimmt und die wichtigsten und nachhaltigsten Unternehmungen richteten sich nach Südosten, gegen ein Gebiet also, das wie der Norden keine selbständige Geschichtsschreibung besaß. Nur dort, wo das Interesse des schwedischen Kolonialreiches in Rußland weiter nach Süden zu vorstieß, etwa nach Konstantinopel, finden wir historische Nachrichten über den Norden. Auch die nordischen Quellen selbst behandeln die schwedische Geschichte nur am Rande, da uns ja nur für die Geschichte Norwegens und Islands Berichte in größerem Umfange erhalten sind. Sie beziehen Schweden nur in den Fällen ein, wo die Geschichte dieses Landes mit den westnordischen Gebieten engere Berührung hatte.

In der beginnenden Völkerwanderungszeit dagegen haben wir auch für Schweden einige Nachrichten und erkennen als die beiden Hauptstämme des Landes die Svear und Götar, die einen in Uppland, die anderen in Westergötland siedelnd. Von den Dänen und Herulern, die auch unter den Besiedlern Schwedens genannt werden, haben sich keine Reste in der späteren Zeit erhalten, da die Geschichte des Landes bestimmt war durch den großen Machtkampf zwischen Schweden und Gauten. Durch den Sieg der Schweden entstand das Svcarike, das heutige Sverige. Der Mittelpunkt dieser Reichsbildung liegt in Alt-Uppsala, wo ähnlich wie in späterer Zeit in Jellinge und Borre ein großartiger Denkmalkomplex entstand. Die mächtigen Königshügel von Alt-Uppsala sprechen noch heute von dem Herrscherwillen des Königsgeschlechtes der Ynglinge, die von hier aus die Zusammenfassung des schwedischen Gebietes begannen und nach ihrem angeblichen Sturz durch Ivar Vidfadme nach Norwegen zogen, um von Borre aus auch diesem Lande die Einheit zu bringen. Der Kultmittelpunkt aber blieb auch nach ihrem Fortgang in Alt-Uppsala, dessen großes Kultfest durch die Schilderung bei Adam von Bremen allgemein bekannt geworden ist. Und als nach einer Zeit der Fremdherrschaft dieses Geschlecht, wie Nerman vermutet, nach Schweden zurückkehrte, da hatte sich die Struktur des Landes gewandelt. Aus dem binnenländischen Reiche war ein Staat geworden, dessen Interessen über das Meer reichten und diesem Wandel trug auch die Wahl des neuen Königssitzes Rechnung. Er lag im Mälarseegebiet und zeigt damit die allmähliche Umstellung der schwedischen Politik. Um 800 herum wurde dann, wahrscheinlich durch König Erik, ein Königssitz auf der Insel Adelsö gegenüber der neu entstehenden Handelsstadt Birka begründet. Bei Hovgärd liegt eine Gruppe von Königsgräbern, die in ihrer Anordnung ganz denen von Alt-Uppsala entsprechen. Drei Königshügel, Kirche und Dingplatz sollen sich hier in ähnlicher Anordnung wiederfinden. Es hat viel für sich, wenn man annimmt, daß der zurückkehrende Stamm des alten Königsgeschlechtes sich hier ein ähnliches Heiligtum und den Mittelpunkt seines neuen Reiches geschaffen hat, wie die Vorfahren in Alt-Uppsala.

Schon im 9. Jh. sehen wir die starken Interessen Schwedens im Osten, und wenn wir auch von den einzelnen Königen nur wenig wissen und kaum die Namen kennen, so müssen wir doch in gewissen Abschnitten eine straffe Zusammenfassung der schwedischen Macht annehmen. Als mit der Zeit Harald Gormssons die Großmachtspolitik Dänemarks begann, da sehen wir auch den Versuch, sich in Schweden festzusetzen, veranlaßt vielleicht oder gestützt durch den Anspruch eines vertriebenen Thronprätendenten Styrbjörn. In der Schlacht von Fyrisvall in der Nähe von Alt-Uppsala brach dieser Versuch zusammen. Nach dem Tode Haralds ging der siegreiche Schwedenkönig Erik mit dem Beinamen Sägersäll zum Angriff gegen Dänemark über. Und in der Zeit der Abwesenheit Sven Gabelbarts gelang es ihm, sich im Gebiet der Schlei festzusetzen. Gegen ihn mußte Sven bei seiner Rückkehr aus England im Jahre 995 kämpfen, und vielleicht sprechen die beiden Runensteine des Königs Sven bei Haithabu von den Auseinandersetzungen dieses Jahres. Aber auch er hat sich nicht in diesem Unternehmen gegen den Westen erschöpft. Wir sehen ihn mehrfach in die russischen Verhältnisse eingreifen, und seine Ehe mit der Tochter Boleslavs von Polen enthüllt uns vielleicht weitere Pläne im Osten. Sein Sohn Olaf Skotkonung versöhnte sich mit dem Gegner seines Vaters Sven Gabelbart, und mit ihm vereint zog er gegen Norwegen, das diesem doppelten Angriff nicht gewachsen war. Die Freundschaft mit Dänemark blieb auch unter dem Nachfolger Svens, dem großen Knud bestehen, zu dessen Englandzuge vom Jahre 1015 auch Schweden Truppen stellte. In der Mitte des 11 Jh. stirbt das Geschlecht aus. Und in jener Zeit erfahren wir auch von den letzten Wikingzügen nach Rußland, die sich an den Namen eines Ingvar knüpfen, der in unzähligen Runensteinen weiterlebt.

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Die Handelsschiffe waren betont auf Ladekapazität und Seetüchtigkeit ausgerichtet, besaßen mehr Tiefgang, ein breiteres Deck und mittschiffs einen offenen Laderaum; Decksplanken und Riemenpforten gab es nur an den beiden Enden. Es gab aber wenig Schutz für Mannschaft und Ladung. Zeichnung von Ânke Gustavsson

Thronstreitigkeiten haben das nächste Jahrhundert schwedischer Geschichte angefüllt, und in dieser Zeit politischer Schwäche gehen die großen Ziele, die in der Wikingzeit lebendig waren, verloren. Der Ostraum verliert sein Interesse, und wie Dänemark wird auch Schweden im weiteren Verlauf der Geschichte eine auf sein Landgebiet beschränkte Macht. Wenn auch von Zeit zu Zeit das Ziel, die Schaffung eines großschwedischen Reiches, wieder auftaucht, und wir in Männern wie Gustav Adolf oder Karl XII. späte Erscheinungen jenes Wikinggeistes sehen können. Diese 2½ Jahrhunderte, von 800 bis 1050 ungefähr, sind nicht eine einheitliche Epoche germanischer Ausbreitung, sondern sie lassen sich ihrer Art nach in zwei wesentlich verschiedene Abschnitte zerlegen. Im 9. Jh. haben wir es in der Hauptsache mit kriegerischen Fahrten zu tun, die nicht nur die Küstengebiete Westeuropas, sondern auch die inneren Landesteile trafen, während das 10. Jh. im wesentlichen eine Festigung und einen Ausbau der neueroberten Gebiete mit sich bringt. Im Westen waren es besonders die Küsten des fränkischen Reiches, Englands und Irlands, die das Ziel der Wikingfahrten bildeten, und die dortigen Herrscher waren nicht in der Lage, diese Einfälle zu verhindern, in der Hauptsache deshalb, weil sie über keine Seemacht verfügten, auf deren Bestehen ja zu einem großen Teil der Erfolg der Wikinger beruhte. Nur eine Möglichkeit hatten sie, die Küsten zu sichern, nämlich durch die Belehnung wikingischer Fürsten, die aus verschiedenen Gründen außer Landes gehen mußten, mit ihren Küstengebieten. So ist in der ersten Hälfte des 9. Jh. Rüstringen dem dänischen Königssohn Harald zum Lehen gegeben, und auch Westfriesland sehen wir als Lehnsgebiet eines Wikingers mit dem Hauptsitz in Dorestad, jenem karolingischen Ausfuhrhafen nach dem Norden und Nordwesten. In der zweiten Hälfte des 9. Jh. bedrängen Wikinger in ständig anwachsender Zahl das fränkische Reich, z.T. angelockt durch die innere Schwäche des Reiches, bis im Jahre 891 der Sieg Arnulfs von Kärnten über das Wikingerheer bei Löwen an der Dyleden Einfällen wenigstens für eine Zeit ein Ende setzt. Damals wird in verstärktem Maße England das Ziel der Wikingfahrten, und es entsteht das wikingsche Reich um York herum, Danelag genannt, nach dem Herrschen des dänischen Rechts. Als zu Beginn der 70er Jahre Norwegen durch einen Sproß des Vestfold Geschlechtes, zu einem einheitlichen Staat zusammengeschlossen wird, da wandert ein Teil der freien Großbauern, und zwar aus rein ideellen Gründen, weil er eine Unterwerfung unter den König nicht auf sich nehmen wollte, nach Island aus und begründet dort den isländischen Freistaat als eine vollkommen germanische Bildung. An den Zügen nach dem Westen waren im wesentlichen Dänen und Norweger beteiligt, während das Einflußgebiet der Schweden das Baltische Meer mit seiner Südküste und dem kontinentalen Hinterland bildete. Zwar kennen wir auch in jener Gegend dänische Kolonien, wie ja Dänemark geographisch sowohl nach der Nordsee wie ja auch nach der Ostsee blickt, die großen Neugründungen aber, die sich in jener Zeit in Osteuropa vollziehen, sind von Schweden geschaffen. Sehr frühzeitig schon sehen wir schwedische Wikinger in Rußland, wo sie im Jahre 839 als Gesandte in Byzanz erscheinen und in den 60er Jahren dringen sie dann in das osteuropäische Tiefland von Norden her ein. An den großen Strömen entlang führt sie ihr Weg, und so entstehen zunächst wikingische Fürstentümer im Norden Rußlands um Nowgorod, während ein anderes Geschlecht bis nach Südrußland vordringt und sich ein Reich mit der Hauptstadt Kiew schafft. Askold und Dir sind die überlieferten Namen der Führer. Hier waren es, wie es scheint, in der Hauptsache handelspolitische Gesichtspunkte, die für diese Landnahme ausschlaggebend wurden, denn es kam den Wikingern auf den Besitz der großen Handelsstraßen an die durch die Ströme gebildet wurden, und damit bekamen sie den Weg vom Orient nach Nordeuropa in Besitz. Daß der Islam durch sein Übergreifen von Afrika nach Spanien das Mittelmeer zu einem arabischen Meer gemacht hatte und die Möglichkeit einer Sperrung der Straße von Gibraltar geschaffen hatte, hat diesen nordischen Vorstoß wohl kaum ausgelöst. Mindestens im Norden Rußlands, im Reiche von Nowgorod, sehen wir aber auch eine starke, bäuerliche Kolonisation von Schweden aus, für uns heute erkennbar an den Grabfunden und an den nordischen Ortsnamen. In der 2. Hälfte des 9. Jh. vollzieht sich nun hier im Südosten eine stärkere Festigung der wikingischen Macht durch den Zusammenschluß der ursprünglich getrennten Herrschaftsgebiete um Kiew und Nowgorod zu einem einheitlichen Reich, dessen Lebensadern die großen Flußsysteme wurden.

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Westfahrten der Wikinger

Damit war die Voraussetzung für das russische Reich geschaffen, eine Tat schwedischer Wikinger, entstanden vielleicht als Fahrmännerstaat, aber im 10. Jh. und in der folgenden Zeit überführt in ein festes Staatsgebilde. 10. Jh.: Schaffung des polnischen Reiches durch Mieszko (mit seinem germanischen Namen: Dago). Schon dieser Name allein zeigt, daß die Gründung ein germanisches Unternehmen war, gestützt durch zahlreiche Funde wikingischer Herkunft in Polen, nicht wahllos durch das ganze Land verstreut, sondern hauptsächlich an den großen Zentren politischen und militärischen Lebens gefunden und damit den Beweis dafür geben, daß das nordgermanische Element dort von großer Bedeutung war. Kleinere Staatengründungen am Südufer der Ostsee: die ältere Seeburg (Libau), verbunden mit einer gotländischen und einer schwedischen Niederlassung; wikingische Kolonie im Samland, (Funde aus Wiskiauten bei Cranz), in Elbing und die Jomsburg, (durch neuere Ausgrabungen wieder entdeckt). In Wagrien, im nordwestlichsten Teil des slawischen Gebiets, fließt in dem Fürstengeschlecht wikingisches Blut, und wir erkennen das Vorhandensein eines nordgermanischen Elements an Funden (Puttgarden/Fehmarn). Die Ostsee ist ein nordgermanisches Becken, am Südufer umsäumt von einer Kette nordgermanischer Kolonien. Das nordgermanische Element dringt weiter ein in das Hinterland, (militärische Besatzungen, vielleicht bäuerliche Siedlungen). Im Westen Europas Schaffung eines normannischen Herzogtums in der Normandie. Von Island aus tritt im 10. Jh. Grönland in den Gesichtskreis der nordischen Seefahrer. Darüber hinaus kühne Fahrten der Nordgermanen bis an die Ostküste Nordamerikas, also 500 Jahre vor Kolumbus, von den Wikingern entdeckt. 11 Jh.: der Grund für das normannische Reich in Sizilien und Süditalien ist gelegt. Über diese Staatengründungen hinaus drangen die Wikinger als Kaufleute noch weiter vor. Regelmäßige Fahrten nach Konstantinopel (zwei Handelsverträge zwischen dem wikingischen Großfürsten von Kiew und dem oströmischen Kaiser), aber auch über das Kaspische Meer in das Zweistromland, wo wir sie als Kaufleute in Bagdad und Basra finden. Vier- oder fünfmal sah Konstantinopel wikingische Heere aus dem russischen Reich vor seinen Mauern, die der großen Stadt – Miklagard d. h. Großstadt nannten sie die Wikinger – einen Schutz gegen die Angreifer gaben.

Es ist also ein großes Gebiet, das den Nordgermanen jener Zeit erschlossen war, das im Südosten bis nach Mesopotamien und Konstantinopel reichte und im Westen nach Nordamerika ging, das sich von Nordafrika im Süden bis nach Grönland im Norden spannte. Über die Erschließung der neu eroberten Gebiete hinaus liegt die historische Bedeutung jener Zeit im wesentlichen in den Staatengründungen, die sich hier vollzogen, unter ausschließlichem oder doch maßgeblichem Anteil von Germanen. So gewinnt im Osten zum ersten Male die große Welt des Slawentums eine Staatsorganisation, die von Germanen getragen wird. Dieser Einfluß läßt sich von der ersten Staatengründung auf slawischem Gebiet aus der Völkerwanderungszeit, dem Fürstentum des Franken Samo, über die Gründung des russischen und polnischen Reiches hinaus bis zur Berufung des Deutschen Ritterordens durch Konrad von Masowien verfolgen. So bildet die Wikingerzeit die Fortführung einer Jahrtausende alten Entwicklung. Das machtvolle Ausgreifen über den europäischen Norden hinaus, das vielfach als eine ganz plötzliche Kraftentfaltung erscheint, stellt nur das Weiterlaufen einer schon uralten Bewegung im nordischen Raum dar. Erstmalig in der Steinzeit, dann sehr gut erfaßbar seit der jüngeren Bronzezeit, sehen wir den Norden immer wieder als das große Menschenreservoir, aus dem immer neue Züge nach Süden ausgehen, gefolgt von der ostdeutschen Kolonisation und später von England ausgehenden Eroberungen in anderen Teilen der Welt.

Die Kultur der Wikingerzeit

Für die Kenntnis der Kultur der Wikingerzeit haben wir verschiedene Quellen, und der Reiz einer Beschäftigung mit jenen Jahrhunderten germanischer Frühzeit liegt gerade darin, daß wir nicht nur auf die Funde angewiesen sind, wenn wir uns ein Bild von der kulturellen Stellung der Germanen machen wollen, sondern daß es uns auch möglich ist, die geistigen Kräfte zu sehen, die hinter den geschichtlichen Ereignissen stehen; und das verdanken wir der Erhaltung germanischen Schrifttums. Wir haben hier eine einzigartige Möglichkeit, das Schrifttum und damit die geistige Haltung eines Volkes aus einer Zeit kennenzulernen, die noch nicht vollständig bestimmt ist von dem Vorherrschen mittelländischer, christlicher Vorstellungen. In diesem Schrifttum spiegelt sich die geistige Einstellung der Germanen wider, die hinter jenen großen Eroberungszügen des 9. und 10. Jh. standen. Wenn diese Quellen auch erst im 12. und 13. Jh. von christlichen Geistlichen auf Island aufgezeichnet wurden, so vermitteln sie uns doch ein wahrheitsgetreues Bild von den kulturellen Verhältnissen der Wikingerzeit. Wir haben nicht nur in den Sagas eine unerschöpfliche Quelle für die Kenntnis germanischer Wesensart, in einem Gebiet, in dem es kaum eine überlagerte Unterschicht gab, sondern wir besitzen in den Heldengedichten jener Zeit die Möglichkeit, uns über die kriegerische Einstellung ein Bild zu machen. In diesem Schrifttum sehen wir die Germanen mit ihren Lebensidealen, wie sie verkörpert sind in der Schilderung der großen Helden und auch mit ihren Schwächen; und zwar stammt das Bild nicht von volksfremden Geschichtsschreibern, die dem Wesen dieses Volkes verständnislos gegenüberstehen mußten und auch nicht von Geistlichen, die in der größten Zahl der Fälle die Welt des freien Germanentums durch das Klosterfenster betrachteten, sondern wir haben das Bild vor uns, das die Germanen von sich selbst gezeichnet haben.

Es wäre durchaus falsch, die Wikinger als ausschließliche Krieger und Seefahrer zu betrachten. Gerade die nordischen Quellen lassen uns einen tiefen Blick in das alltägliche Leben jener Jahrhunderte tun, und wir sehen die Wikinger dort als große oder kleine Bauern auf ihren Höfen sitzen und ihrem bäuerlichen Beruf nachgehen. Wir erleben mit ihnen alle Sorge und alle Mühe, die das Bauernlehen mit sich bringt. Wir sehen sie auch ihre Feste feiern und wir sehen die großen Fehden, die dieses kriegerische Bauerntum auszeichnen, jene Fehden, die zurückgehen auf den ausgesprochenen Ehrbegriff der Germanen und auf die ethischen Grundanschauungen ihrer Lebenshaltung. Aber in jungen Jahren sind sie alle einmal in der weiten Welt gewesen auf Wikingfahrt und haben ihren Gesichtkreis erweitert.

* * *

Der nur weiß, der weithin zieht
und viele Fahrten tat, was im Innern jeder andere hegt,
wenn sich sein Witz bewährt.“

Damit kennzeichnet der Dichter im alten Sittengedicht der Edda den Wert der Fahrten für den Mann. Es ist jene Zeit des kühnen Kriegertums, das in demselben Spruchgedicht der Edda gekennzeichnet wird, wenn der Dichter dort sagt:

„Mit Maß bedacht sei der Männer jeder, aber nicht überbedacht, denn heiter wird selten
das Herz des Grüblers, der überängstlich ist.“

In allen Unternehmungen, sei es zu Hause, sei es auf Wikingfahrt, leuchtet uns die große, männliche Grundhaltung jener Zeit entgegen, die durch nichts besser gekennzeichnet ist, als durch die Schlußstrophe in demselben Gedicht:

„Besitz stirbt, Sippen sterben, Du selbst stirbst wie sie,
eins ist, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm.“

Aus dieser Haltung erklärt sich vieles jener Zeit, was dem modernen Menschen zunächst unverständlich erscheinen möchte. Es ist die Triebfeder des Handelns, die die Männer befähigte zu ihren großen militärischen und politischen Leistungen und dem ganzen Zeitalter den Stempel aufprägte. So sind sowohl die Sagas, wie auch die Gedichte der Edda, eine unendlich reiche Fundgrube für alle diese Fragen, sei es, daß sie mit dem täglichen Leben, sei es, daß sie mit der Weltanschauung, die in diesem Leben sichtbar wird, zusammenhängen. Diese Quellen werden immer eine Grundlage bleiben müssen für das Bild, das wir uns von den Germanen der Frühzeit machen. Daneben aber haben wir noch andere Nachrichten, die von Schriftstellern aus anderen Gebieten stammen. In einer Zeit, in der das Nordgermanentum durch seine Wikingfahrten mit so vielen fernen Gegenden in Berührung kam, ist es leicht erklärlich, daß auch andere Quellen sich mit den Lebensgewohnheiten und Vorstellungen der Wikinger beschäftigt haben. So finden wir wichtige Aufklärungen auch in anderer Literatur. Wenn auch sehr oft den Schreibern das innere Verständnis für das Wesen des Nordgermanen fehlt, so haben wir doch, soweit sich diese Mitteilungen auf äußere Ereignisse beziehen, darin einen ausgezeichneten Hinweis auf vieles, was uns sonst verloren gegangen ist. So stammt die einzige, wirklich erschöpfende Darstellung eines Leichenbegängnisses aus dem östlichen Kolonisationsgebiet der Wikinger. In Bolgar, also in der Nähe des heutigen Kasan an der Wolga, hatten die Wikinger eine Handelskolonie und trieben dort mit den Eingeborenen und mit zugereisten Kaufleuten, die von Süden kamen, meistens mit Arabern, Handel. Dort starb einer der wikingischen Führer, und seinem Begräbnis wohnte ein Araber, Ibn-Foszlan, bei, der uns eine ausführliche Darstellung überliefert hat.

„Ich wünschte diese Zeremonie näher kennen zu lernen, als man mir endlich den Tod eines ihrer Großen berichtete. Ihn legten sie in sein Grab und versahen es über ihm mit einem Dache für 10 Tage, bis sie mit dem Zuschneiden und Nähen seiner Kleider fertig waren.
Zwar, ist es ein armer Mann, so bauen sie für ihn ein kleines Schiff, legen ihn hinein und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber sammeln sie seine Habe und teilen sie in drei Teile. Das eine Drittel ist für seine Familie, für das zweite schneiden sie ihm Kleider zu und für das dritte kaufen sie berauschende Getränke… Als nun der Tag gekommen war, an dem der Verstorbene und das Mädchen verbrannt werden sollten, ging ich (d. h. Ibn-Foszlan) an den Fluß, in dem sein Schiff lag. Aber dies war schon ans Land gezogen; vier Eckblöcke von Chalendsch- und anderem Holz wurden für dasselbe zurechtgestellt und um dasselbe herum wieder große menschenähnliche Figuren aus Holz. Darauf zog man das Schiff herbei, setzte es auf das gedachte Holz. Die Leute fingen indessen an, ab und zu zu gehen und sprachen Worte, die ich nicht verstand. Der Tote aber lag noch entfernt in seinem Grab, aus dem sie ihn noch nicht herausgenommen hatten. Darauf brachten sie eine Ruhebank, stellten sie auf das Schiff und bedeckten sie mit wattierten gesteppten Tüchern mit griechischem Goldstoff und mit Kopfkissen von demselben Stoff … Als sie zu seinem Grab kamen, räumten sie die Erde von dem Holz (dem hölzernen Dache), schafften dieses selbst weg und zogen den Toten in dem Leichentuch, in welchem er gestorben war, hinaus. Da sah ich, wie er von der Kälte des Landes ganz schwarz geworden war. Bei ihm aber hatten sie in sein Grab berauschende Getränke, Früchte und eine Laute getan, welches alles sie nun auch hinauszogen. Der Verstorbene aber hatte sich, die Farbe ausgenommen, nicht verändert. Ihn bekleideten sie dann mit Unterbeinkleidern, Oberhosen, Stiefeln, einem Kurtak und Chaftan von Goldstoff mit goldenen Knöpfen und setzten ihm eine goldstoffene Mütze mit Zobel besetzt auf. Darauf trugen sie ihn in das auf dem Schiff befindliche Gezelt, setzten ihn auf die mit Watte gesteppte Decke, unterstützten ihn mit Kopfkissen, brachten berauschende Getränke, Früchte und Basilienkraut und legten das alles neben ihn. Auch Brot, Fleisch und Zwiebeln legten sie vor ihn hin. Hierauf brachten sie einen Hund, schnitten ihn in zwei Teile und warfen die ins Schiff, legten dann alle seine Waffen ihm zur Seite: führten zwei Pferde herbei, die sie so lange jagten, bis sie von Schweiß troffen, worauf sie sie mit ihren Schwertern zerhieben und das Fleisch derselben ins Schiff warfen. Alsdann wurden zwei Ochsen herbeigeführt und ebenfalls zerhauen und ins Schiff geworfen. Endlich brachten sie einen Hahn und ein Huhn, schlachteten auch die und warfen sie ebenda hinein… Nun trat nackend der nächste Anverwandte des Verstorbenen hinzu, nahm ein Stück Holz, zündete das an, ging rückwärts zum Schiff, das Holz in der einen Hand, die andere Hand auf seinem Hinterteil haltend, bis das unter das Schiff angelegte Holz angezündet ward. Darauf kamen auch die übrigen mit Zündhölzern und anderen Hölzern herbei. Jeder trug ein Stück, das oben schon brannte und warf es auf den Holzhaufen. Bald griff das Feuer in denselben, bald hernach das Schiff, dann das Gezelt und den Mann und das Mädchen und alles, was im Schiff war. Dann blies ein fürchterlicher Sturm, wodurch die Flamme verstärkt und die Lohe noch mehr angefacht wurde. Mir zur Seite stand einer von den Russen (schwedischer Wikinger), den hörte ich mit dem Dolmetscher, der neben ihm stand, sprechen. Ich fragte den Dolmetscher, was ihm der Russe gesagt hatte, und erhielt die Antwort: „Ihr Araber, sagte er, seid doch ein dummes Volk, Ihr nehmt den, der Euch der geliebteste und geehrteste unter den Menschen und werft ihn in die Erde, wo ihn die kriechenden Tiere und Würmer fressen. Wir dagegen verbrennen ihn in einem Nu, so daß er unverzüglich und sonder Aufenthalt ins Paradies eingeht…“ Darauf führten sie über dem Ort, wo das aus dem Fluß gezogene Schiff stand, etwas einem Rundhügel ähnliches auf, errichteten in dessen Mitte ein großes Buchenholz und schrieben darauf den Namen des Verstorbenen…“

* * *

Dieser Bericht ist hier nur in einem Auszuge wiedergegeben. Er schildert uns sehr anschaulich den Bestattungsritus von Wikingern, die damals in Bolgar lebten. Neben diesen schriftlichen Quellen besitzen wir noch ein unschätzbares Denkmal für die Kulturgeschichte dieser 2½ Jahrhunderte. Es ist der sog. Teppich von Bayeux, ein langer Bildstreifen von 80 bis 100 cm Breite, gedacht wahrscheinlich als Bildfries, den man um eine große Halle spannen konnte. Auf diesem Bildfries sind alle Ereignisse, die der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer vorausgingen, bildlich dargestellt. In dieser Zusammenstellung besitzen wir eines der wichtigsten Denkmäler für die Kulturgeschichte jener Zeit. Alles, was das Leben dieser Wikinger ausfüllte, hat hier seine bildliche Darstellung gefunden. Wir sehen den Bauern mit Pflug und Egge auf seinem Feld arbeiten. Wir sehen die Männer bei einer ihrer Hauptbetätigungen, zur Jagd mit dem Falken und mit der Meute ausreitend. Andere Szenen des täglichen Lebens sind dort wiedergegeben, so eine Küche, in der ein Frühstück bereitet wird und die Männer selbst, die dieses Frühstück essen. Den größten Raum nimmt aber auf diesem Teppich entsprechend dem Geist der Zeit die Schilderung des Kampfes ein und aller der Vorbereitungen, die zum Kampfe notwendig waren. Der Bau einer Flotte wird hier geschildert, und man erkennt deutlich die einzelnen Stadien des Baues. Mit großer Liebe sind auch die weiteren Vorbereitungen für die Fahrt dargestellt, so das Verladen des Kriegsmaterials, vor allen Dingen von Lanzen, Kettenhemden, Schwertbündeln und von großen Weinfässern. Das Bild einer segelnden Wikingerflotte vermittelt uns eine Vorstellung von den Erscheinungen jener Zeit. Es zeigt uns, wie Männer und Pferde übergesetzt werden und veranschaulicht uns wieder die Einzelheiten des Schiffbaues, der Besegelung und der Ausschmückung, Beobachtungen, die gut kontrollierbar sind durch die großen Grabfunde aus Norwegen. Der Kampf selbst nimmt einen breiten Raum ein. Bei der Darstellung einer Burgbelagerung lernen wir eine der typischen Burgen jener Zeit, den Turmhügel oder Donjon der späteren Ritterzeit kennen; und in der offenen Feldschlacht sehen wir Mann und Pferd wild durcheinander gewirbelt und auf dem begleitenden Bildstreifen die Walstatt mit den gefallenen Helden; ein Werk, das in seinem Quellenwert noch lange nicht ausgeschöpft ist. Dazu kommen die Buchmalereien, die uns auf der einen Seite für die Ornamentik einen ausgezeichneten Anhalt geben, die aber auch für die Trachten des 9. und 10. Jh. und für das ganze kulturelle Leben manchen wertvollen Hinweis enthalten, denn es spiegelt sich z. T. in der Illustration der Bibel das geschichtliche Leben jener Zeit wider mit seinem Städtebau, seinen Kämpfen, bei denen man sehr oft den Eindruck hat, als hätten gleichzeitige, historische Ereignisse, wie der Einfall der Normannen, das Motiv abgegeben für die Illustration geeigneter Bibelstellen.

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Tierkopf-Pfosten vom Oseberg-Grabschiff

Den größten Quellenstoff bilden aber die Bodenfunde. Die Runensteine überliefern uns nicht nur das Andenken an die Helden jener Zeit und eine reiche Ornamentik, namentlich in den jüngeren Steinen, sondern sie zeigen uns auch das Leben mythischer Vorstellungen, wie bei dem Bildstein aus Gotland, der uns ein besegeltes Schiff darstellt und den Empfang der Krieger in Walhall durch eine Walküre zeigt, ein Motiv, das seine künstlerische Gestaltung auch sonst im nordischen Kreis gefunden hat. Auch das Leben germanischer Sagen können wir hier feststellen, wenn z.B. die Siegfriedsage bildlich auf einer Felswand dargestellt ist, so müssen wir daraus entnehmen, daß der Kreis dieser Sage damals lebendig war, und die schaffenden Künstler zur Gestaltung ihrer Motive angeregt hat, ähnlich wie wir es bei den Resten der Holzschnitzkunst im Osebergschiff haben, wo ja der Wagen der Königin Ose die Szene mit Gunnar in der Schlangengrube enthält, also eine nordische Fassung des Nibelungenliedes wiedergibt.

Im ganzen bilden die Runensteine den monumentalen Ausdruck dieser Zeit. Sie sind die Denkmale, die des Toten Tatenruhm verkünden sollen. Nicht in unserem Sinne sind es Grabsteine, Gedenksteine, die auch fern von den Gräbern Aufstellung finden konnten. Dort, wo das Leben vorbeiflutete, an den großen Heerwegen oder auf Dingplätzen, wohin die Männer kamen, war der Platz dieser Steine, damit sie ihre Aufgabe erfüllen konnten, zu künden vom Ruhme gefallener Männer. Sie waren gleichzeitig das Wahrzeichen der großen, freien Geschlechter und bezeichneten gelegentlich ihre Dingplätze. In Jellinge bei Viborg in Jütland liegen zwischen den beiden mächtigen Grabhügeln die bekannten Jellingesteine, und herum standen einst 50 Steine im Kreis, sog. Dingsteine, die den Dingplatz umhegten. Hier war der große Jellingestein nicht nur Denkstein und Rechenschaftsbericht, sondern auch Dingsäule, das Handgemal Haralds. Dingsäule, Denkstein und Ahnengrab bilden den politischen und religiösen Mittelpunkt des von dem Jellinge-Geschlecht neu begründeten dänischen Reiches.

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Der Wagenkasten aus dem Schiffsgrab von Oseberg
mit einem wiegenartigen Gestell, das an den Enden mit
menschlichen Köpfen verziert ist.
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Thor mit zwei Schlangen,
die auf Sonne und Mond deuten.
Bibliothèque Nationale, Paris

Bei den Kleinfunden erkennen wir, wie sich das Kunstgewerbe auf der völkerwanderungszeitlichen Grundlage entwickelt, wie sich auch in der Wikingerzeit der Tierstil weiter bildet in seiner stilisierten Auffassung der Tiere und seiner großen, reichen Bewegung, die dem Geiste jener Zeit vielleicht am besten entspricht. Hier erfährt dieser Tierstil seine letzte Ausbildung, die im westgermanischen Gebiet nicht mehr oder nur dürftig vor sich ging, weil sich hier durch das Einströmen antiken Gutes auch eine stilistische Abwandlung vollzog, die in einer Pflanzenornamentik gipfelte, wie sie dem Norden bis dahin fremdgewesen war. Trotzdem lebt aber auch hier altes Gedankengut weiter, verstohlen manchmal, aber doch erkennbar. Über das Vorherrschen des Tierornaments, dieser germanischen Kunstschöpfung des 4. und 5. Jh., hinaus, zeigen die Schmuckstücke ein vollkommenes Beherrschen der Metalltechnik. Auch eine Vorliebe für die schön verzierten Waffen, die wir schon in der älteren Bronzezeit und darüber hinaus in der Streitaxtkultur der jüngeren Steinzeit gesehen haben, finden wir in der Wikingerzeit wieder. Diese Periode hat uns eine große Anzahl von Schwertern, Lanzenspitzen und Äxten hinterlassen, die teils mit Tierornamenten, teils mit rein geometrischen Mustern verziert sind. Wir finden die Tierornamentik auf allen Schmuckgegenständen der Tracht und vor allen Dingen auf den reichen Schalenspangen, die zum Frauenschmuck gehören, aber auch auf anderen Spangen, wie sie in jener Zeit üblich waren, bis in den stilistischen Ablauf dieser 2½  Jahrhunderte neues Gedankengut vom Westen her eindringt. Wir sehen dann wieder die alte germanische Auffassung durchschlagen, dieses Ringen zweier Auffassungen miteinander und ihr endgültiges Ergebnis.

* * *

In diesen beiden Jahrhunderten spielt sich im Norden der Kampf ab, den die Westgermanen schon Jahrhunderte vorher durchgemacht hatten: Der Kampf zweier Weltanschauungen miteinander; auf der einen Seite die germanische Gottesvorstellung mit ihrer in der Sippe und im Ehrbegriff wurzelnden Form, und auf der anderen Seite das neu eindringende Christentum.

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Stein von Hablingo mit Odinsknoten (Gotland)

Mannigfach ist der Niederschlag, den beide Anschauungen in unserem Material gefunden haben. Neben dem Thorshammer, dem Symbol des nordischen Bauerngottes, steht das Kreuz. Mit seiner Aufhängevorrichtung oft noch nahe verwandt dem Symbol des alten Glaubens, anknüpfend an alte Vorstellungen, aber bewußt das Neue betonend. Neben dem Kruzifix, wie es in den Gräbern auf Birka gefunden wurde, steht die Walküre, die dem in Walhall einziehenden Odinskrieger den Willkommenstrunk kredenzt. Die beginnende Angleichung des fremden, im Christentum enthaltenen Gedankengutes, zeigt der große Runenstein von Jellinge, der den Rechenschaftsbericht König Haralds enthält und der für die Eingliederung des Haithabureiches in das Dänenreich den inschriftlichen Beleg bildet. Daß diese Durchdringung vorerst nur sehr oberflächlich blieb, lehren zahlreiche Sagastellen. So wird von Helgi dem Mageren etwa berichtet, daß er zum Christengott betete. Wenn er aber auf Seefahrt war oder in Gefahr kam, rief er Thor an. Oft waren es rein oberflächliche Gründe, die zur Annahme des neuen Glaubens führten, wie die Rede eines der Dingmannen auf dem Birkading lehrt, wo er seinen Landsleuten die äußeren Vorteile aufzeigt, die die Annahme des Christentums mit sich bringen würde. Stärker durchgesetzt hat sich das Christentum erst in dem Augenblick, wo die Könige des Nordens darin eine Stute für ihre Reichsidee sahen und Christentum und Reichsbildung miteinander verquickt werden und die militärische Macht des Königtums hinter den neuen Glauben tritt. Abgeschlossen wurde dieses geistige Ringen keineswegs, aber sein Verlauf läßt sich gut auch an Funden verfolgen.

Auch für das tägliche Leben haben wir in den Funden reiche Beobachtungsmöglichkeiten. Es ist eine Zeit, in der Kaufmannstum und Seeraub dicht beieinander liegen; noch im Grab liegt an der einen Seite des Mannes das Schwert, an der anderen die Waage. Von einer Ausfüllung der freien Zeit sprechen Spielbretter, wie sie uns aus Irland bekannt geworden sind, Spielsteine z.T. in Form von Menschenfiguren und Würfel, wie wir sie seit Jahrhunderten aus dem nordischen Kreis kennen.

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Schwert aus Snartemo, Norwegen, VI. Jh.
Die Oberschicht des Handgriffes ist aus reinem Gold

In das Reich der Frau gehören die Spinnwirtel und Webesteine, die wir gelegentlich in Gräbern, mehr aber noch in Häusern finden. Die Stellung der Frau wird vielleicht am besten gekennzeichnet durch die Achtung, mit der sie im Grabe behandelt wird, erkennbar in den Grabfunden, an deren Spitze das berühmte Oseberg-Grab vom Oslo-Fjord steht. Dort wurden im Jahre 1903 beim Abgraben des Hügels Holzreste gefunden. Auf die Meldung dieser Beobachtungen begann Professor Gustafson, der Direktor des Universitätsmuseums in Oslo, mit einer Grabung. Diese Untersuchung förderte einen der bedeutendsten Funde aus dem germanischen Altertum zu Tage, das Grabschiff mit den Beigaben einer fürstlichen Frau, in der wir mit Wahrscheinlichkeit die Königin Aase sehen, die Großmutter Harald Schönhaars, der im Jahre 872 Norwegen geeint hat. Man hatte der Königin in ihrer Yacht, die wohl mehr für Fjordfahrten als für Fahrten über die offene See bestimmt war, eine Grabkammer errichtet, in der sie und mit ihr wohl eine Dienerin bestattet waren. In dieser Grabkammer und außerhalb im Schiff fand sich eine große Menge von Ausrüstungsgegenständen, die uns den Hausrat eines solchen kleinen norwegischen Königshofes vor Augen führen. Neben einem Bett befand sich auch ein Stuhl, wie wir ihn in ähnlicher, allerdings reicherer Ausstattung aus den Buchmalereien und vom Teppich von Bayeux her kennen. Daneben waren mehrere Zelte in das Grab gelegt. In der Grabkammer standen vier große, mit Tierköpfen geschmückte Holzpfosten in den Ecken. In den aufgerissenen Mäulern hingen z.T. eiserne Ketten. Das Ganze war wohl gedacht als eine Abwehr böser Geister, denn diese abwehrende Wirkung kennen wir bei den großen Tierköpfen, die an den Steven der Drachenschiffe befestigt waren, sehr gut. Von anderen Gebrauchsgegenständen fanden sich dort Kochkessel, Eimer, z. T. mit sehr schöner Ausschmückung, ein Mahlstein, Schuhe und einige Schmucksachen, wenn auch die meisten einer Beraubung des Grabes zum Opfer gefallen waren. Weiter lagen im Grab einige Truhen, von denen eine Obst enthielt. Einen Wagen mit prachtvoll geschnitztem Wagenkasten hatte man der Königin mitgegeben. Vielleicht war es weniger ein Stück des täglichen Gebrauchs als ein Kultwagen, denn man scheint sich bei der Verzierung des Wagenkastens an alte Vorbilder gehalten zu haben. Aus der großen Anzahl der Schlitten, die die Königin mitbekommen hatte, sind die verzierten besonders erwähnenswert. Das bedeutendste Stück des ganzen Grabfundes aber ist wohl das Boot. Es hat eine Länge von 21,44m und eine Breite mittschiffs von 5,10 m, die Höhe beträgt von der Unterseite des Kiels bis zur Reling 1,60 m. Das Schiff ist sowohl zum Rudern wie zum Segeln eingerichtet. Es hat Platz für 15 Ruderpaare und trägt, wie alle Schiffe jener Zeit, eine Rahbeseglung. Zur Verwendung gekommen ist ausschließlich Eichenholz. Im Verhältnis zu den anderen Booten, besonders dem Boot von Gokstad, muß man bei der geringen Bordhöhe des Osebergschiffes annehmen, daß es sich dabei um ein Boot für die Küstenfahrt handelte. Vorder- und Achtersteven waren aufgerollt und trugen einen Drachenkopf, wie er auch auf bildlichen Darstellungen und von vielen Sagastellen bekannt ist. Das Boot ist im Klinkerbau hergestellt: die oberen Planken greifen schuppenförmig über die unteren hinweg, und die Befestigung der einzelnen Plankengänge miteinander geschieht durch Eisennieten mit rhombischen Gegenplatten. Die Verbindung zwischen der Plankenwand des Bootes und dem Spantengerüst ist durch Bindung hergestellt. Hier haben wir also denselben Bootstyp vor uns, wie wir ihn aus der beginnenden Völkerwanderungszeit im großen Nydamschiff erkennen können. Für die Befestigung des Mastes ist ein großer Mastfisch, ein ausgekehlter Holzblock, auf dem Boden des Schiffes befestigt. Für die Riemen haben wir nicht wie bei dem Nydamboot Keipen oder Dollen, sondern runde Löcher im obersten Plankengang. Die Rudereinrichtung des Schiffes ist an der rechten Seite befestigt, die wir auch als die Steuerbordseite bezeichnen. Diese Benennung, die bei den mittelalterlichen Schiffen keine Voraussetzung mehr hatte, geht bis in die frühe Zeit zurück, in der alle Boote, die wir kennen, die Steuervorrichtung auf der Steuerbordseite haben. So ist es beim Osebergboot und schon 500 Jahre früher beim Schiff von Nydam.

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Schiff von Gokstad. 9 Jh.
Bygdoy Museum, Oslo

Wir haben im Osebergfund eine der seltenen Gelegenheiten, auch die häuslichen Geräte kennen zu lernen und einen Blick in das alltägliche Leben jener Zeit zu tun. Es ist aber nicht nur diese Fülle an großen Funden, die uns diesen Bootsfund so anziehend macht, sondern die Verbindung des Schiffes mit einer der großen nordischen Frauengestalten, mit der Königin Aase, die ähnlich wie die Frauengestalten der deutschen Heldendichtung etwa Krimhild in den tragischen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung verwickelt war und sich entsprechend der Erziehung und dem Geiste ihrer Zeit für die ihr auferlegte Verpflichtung der Rache ihrer Familie an ihrem Mann entschied. Die weitreichenden Beziehungen jener Zeit zeigt uns auch ein anderer großer Denkmälerkomplex, die schwedische Wikingerstadt Birka auf einer kleinen Insel im Mälarsee.

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Die Christianisierung erwies sich als schwierig und langatmig. „Insgesamt beleuchteten weder die schriftlichen Quellen noch die Bodenfunde einen durchgreifenden Erfolg der Mission“. (Torsten Capelle) Zeichnung von Ânke Gustavsson.

 Der Stadtplatz ist ähnlich wie in Haithabu umgeben von einem Wall, wenn auch die Ausmaße des Birka-Walles sich durchaus nicht mit denen des Halbkreiswalles in Haithabu messen können. Auf einer Höhe, die in das Stadtgebiet hineinreicht, liegt eine Burg, die wohl mit Recht als die Zitadelle der Stadt angenommen werden kann, wenn sie vielleicht auch in eine frühere Zeit zurückreicht. Um die Stadt herum liegt ein riesiges Gräberfeld, das zu einem Teil ausgegraben ist, und aus diesen Gräbern stammen jene reichen Funde, die uns ein ausgezeichnetes Bild von der Kultur der Wikingerzeit vermitteln. Es handelt sich um Hügelgräber, die z.T. über Grabkammern errichtet sind. Gekennzeichnet sind die Gräber durch ihren Reichtum an Beigaben, wodurch sie sich von den Haithabu-Gräbern deutlich unterscheiden. In den Männergräbern finden sich reiche Waffen und Zaumzeug, daneben Trinkgefäße aus Glas, die ihre Gegenstücke in Haithabu, auf den Friesischen Inseln und im Rhein-Gebiet haben. Ihr Ursprung liegt wohl im fränkischen Gebiet westlich des Rheins. Auch unter der Tonware findet sich manches Stück, das aus dem fränkischen Reich, wahrscheinlich über Dorestad, den Weg nach dem Norden gefunden hat. Diese Funde, die die Stadt mit dem Westen verknüpfen, sind sehr reich und zeigen die Lebhaftigkeit der Handelsbeziehungen im 9. und 10. Jh., die vom Norden über Haithabu nach dem Westen liefen. Auf der anderen Seite finden sich viele Funde, die auf den Osten deuten; einmal arabische Münzen, dann aber auch Schmucksachen. Birka ist vielleicht das große Zentrum, von dem aus die Kolonisation in Osteuropa ausging; denn, daß manche Schmuckstücke, die wir in Osteuropa finden, aus Birka stammen, zeigt sehr klar die Gußform für einen Schwertscheiden-Endbeschlag aus Bronze, dessen Typ nur im Osten vorkommt und dessen Herstellung in Birka durch diese Gußform gesichert ist. Birka war das Zentrum für die beginnende Christianisierung Schwedens. Dorthin kam im 9. Jh. Ansgar, und schon vor ihm scheint eine Christengemeinde in Birka bestanden zu haben, denn der Biograph Ansgars, sein Schüler und Nachfolger Rimbert, erzählt, daß eine wohlhabende Frau in Birka ihr ganzes Vermögen der Kirche und den Bedürftigen in Dorestad vermachte: „Weil es hier (in Birka,) wenig Arme gibt“. Diese Notiz ist deswegen so wichtig, weil sie uns zeigt, welche starken Beziehungen persönlicher Art zu dem Westen bestanden haben. Vor dem Ding in Birka wurde auch jene berühmte Rede gehalten, die uns ebenfalls in der Lebensbeschreibung Ansgars erhalten ist. Dort stand einer der Ältesten auf dem Birka Ding bei der Verhandlung darüber, ob man christlich werden sollte, auf und wies die Anwesenden darauf hin, daß die Annahme des Christentums viel praktischen Nutzen mit sich brächte, und daß er deshalb eine Ablehnung der Christianisierungsbestrebungen nicht befürworten möchte. Die Stadt wurde in ihrer Bedeutung zurückgedrängt durch Sigtuna, das im 11. und 12. Jh. den Mittelpunkt des schwedischen Handels bildete, und an dessen Stelle trat wieder mit dem Aufkommen der deutschen Herrschaft am Ostseebecken Stockholm. Wir erleben hier denselben Vorgang, den wir bei Haithabu in der Ablösung der alten Stadt im Halbkreiswall durch das spätere Schleswig und die Übernahme der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung durch Lübeck kennen.

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Ansicht von Haithabu. Nach den Grabungsergebnissen maßstäblich rekonstruiert.
(Nach K. Schietzel 1992)

Den nordgermanischen Kreis der Wikingerzeit umgrenzen sehr viele Funde, von denen hier noch die in den weiteren Kolonisationsgebieten im Osten gefundenen kurz besprochen werden sollen. Um die Mitte des 9. Jh. dringt ein starkes, schwedisches Element in die russische Tiefebene vor und schafft hier dem Slawentum die erste staatliche Organisation. Es ist die Gründung des russischen Reiches durch schwedische Wikinger, und diese politische Tat läßt sich aus den Bodenfunden ausgezeichnet ablesen. Überall an den großen Handelswegen, die durch die großen russischen Ströme angegeben sind, finden sich zahlreiche Gräberfelder, die einen sehr starken skandinavischen Einfluß zeigen. Es sind die Gräberfelder der Russen, wie in den alten Quellen die skandinavischen Wikinger nach einem Landschaftsnamen in Schweden genannt werden. Um das Ladogasee-Gebiet herum entsteht in jener Zeit eine große Anzahl von Siedlungen, die eine starke bäuerliche Kolonisation und nicht nur eine kaufmännische und wirtschaftspolitische Besetzung des Landes andeuten. Dem entsprechen die vielen wikingischen Ortsnamen, die gerade an den großen russischen Stromsystemen und dem Gebiet um den Ladogasee herum auftreten und die uns zeigen, daß wir es hier mit einer ganz bewußten nordgermanischen Kolonisation zu tun haben. Es ist die große Zeit schwedischer Expansionspolitik in den Ostraum hinein. In Staraja Ladoga sind schon vor dem Kriege die Reste der Wikinger-Ansiedlung ausgegraben worden, und überall aus den Gebieten, in denen Wikinger saßen, und namentlich von den Stellen, die große Mittelpunkte bildeten, wie Nowgorod oder Kiew, besitzen wir eine Reihe von prachtvollen Wikingerfunden. Selbst die Runensteine, die sonst ausschließlich an den nordischen Kreis gebunden sind, treten dort weiter nach Süden hin auf, wie es der Runenstein von Berezanj am Schwarzen Meer zeigt. Hier im Osten bildet sich in Kiew ein wichtiger Stützpunkt wikingischer Herrschaft. Das wirtschaftliche und politische Zentrum des russischen Reiches lag hier und der Ausgangspunkt für die meisten Unternehmungen nach dem Süden. Wir befinden uns in der Zeit, in der die Wikinger vier- oder fünfmal nach Konstantinopel zogen, um die Stadt zu erobern. Es ist eine Epoche, in der starke Handelsbeziehungen zwischen Kiew und Byzanz bestanden, die uns z.T. überliefert sind in Handelsverträgen zwischen dem oströmischen Kaiser und dem wikingischen Großfürsten von Kiew und uns einen sehr interessanten Einblick in das wirtschaftliche Leben jener Zeit gewähren.

* * *

Wir erkennen aus diesen Verträgen, daß im Sommer jeden Jahres die Wikinger vor Byzanz erschienen und dort mehrere Monate lagen und vom oströmischen Staat verpflegt wurden. Sie hatten ihr Lager vor der großen Landmauer von Konstantinopel und trieben dort Handel. Diese Berichte zeigen, wie außerordentlich lebhaft die Beziehungen dorthin waren. Darüber hinaus gehen die Bestrebungen der wikingischen Herrscher nach Bulgarien, wie uns der kühne Zug des Swjatoslaw, eines Wikingers, der in Kiew allerdings einen slawischen Namen erhalten hatte, bezeugt. Und wenn die Unternehmen, das nichts weniger beabsichtigte, als dem Byzantinischen Reich dieses Gebiet abzunehmen, auch keinen dauernden Erfolg hatte, so zeigt es uns doch das südrussische Reich der Wikinger nicht als ein kraftloses Staatengebilde mit ausschließlich wirtschaftlichen Funktionen, sondern als ein machtvolles politisches Zentrum mit einer starken Aktionsfähigkeit, denn von hier aus gingen namentlich im ausgehenden 9. Jh. die Züge in das Reich der Chasaren zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspi-See und darüber hinaus die Fahrten nach Bagdad und Basra, über die uns arabische Quellen berichten. Für die Beziehungen nach dem Osten ist auch der an anderer Stelle wiedergegebene Bericht über die Bestattung eines Wikinger-Häuptlings in Bolgar an der Wolga ein wichtiger Beleg. Nach Nordosten zu gingen die Fahrten ins weiße Meer und zum Land Biarmia, in dem die norwegischen Wikinger Tribut in Gestalt von Tierfellen erhoben, das sie also zu ihrer Machtsphäre rechneten. Auch im westlichen Europa hat die wikingische Herrschaft ihre Spuren hinterlassen. Es ist nicht nur der Teppich von Bayeux, der an ihre Anwesenheit erinnert, sondern wir haben mannigfache andere Funde, wenn auch große Fundkomplexe, wie sie etwa das Oseberg-Grab oder die Funde aus Birka darstellen, dorther nicht vorliegen. Aus einem wikingischen Zentrum auf der Insel Man stammen viele Runensteine mit einer reichen Ornamentik, die uns dieses Kapitel wikingischer Kunstgeschichte sehr gut beleuchtet. Die Grabfunde aus dem Danelag, dem Gebiet um York, das in der zweiten Hälfte des 9. Jh. in die Hände der Wikinger kam, zeigen uns die Anwesenheit der Nordleute in diesem Raum. In Island haben wir die fast einmalige Möglichkeit, mit den Gestalten, die wir aus der Sagawelt kennen, die Befunde im Boden zu verbinden, denn die Stellen, an denen ein Egil lebte oder der Hof, auf dem Njal und seine Frau Bergthora heldenmütig ihren Tod fanden, sind dort im Bewußtsein des Volkes überliefert und z.T. untersucht. Es ist eine ganz einmalige Möglichkeit, die Befunde des Spatens im Boden zu beleben mit Gestalten, die uns im Schrifttum jener Gegend lebensnah vor Augen treten. Auch auf Grönland, das wir ja aus den Sagas ebenfalls kennen, und das nicht nur eine ganz abgeschiedene Rolle gespielt hat, sondern in dem eine der nordischen Fassungen des Nibelungenliedes entstanden ist, sind die Spuren der Wikinger durch die neuen dänischen Ausgrabungen ans Tageslicht gekommen und gestatten uns, ähnlich wie auf Island, die Verbindung zwischen den Menschen der Grönländischen Sagas und den Funden im Boden herzustellen. Selbst aus Amerika gibt es manche Funde, die man mit den Wikingern zusammenbringen möchte, und die vielleicht die Zeugen jener Fahrten nach dem Westen sind, die um das Jahr 1000 zur Entdeckung Amerikas führten. Auch auf Sizilien hat die wikingische Staatsgründung des beginnenden 11. Jh. ihren Niederschlag in einem bestimmten Baustil gefunden, der seinerseits manche anderen Gebiete beeinflußte. So hat diese große nordische Expansion, die um 800 einsetzte und den beiden darauffolgenden Jahrhunderten ihren Stempel aufdrückte, einen reichen Widerhall in der materiellen Kultur Europas gefunden. Aber weiter darüber hinaus geht die Beeinflussung auf geistigem Gebiet und die politische Bedeutung jener beiden Jahrhunderte, die ja bis in die Gegenwart hinein nachwirkt. Es ist die letzte, große, germanische Völkerwanderung aus der Vorzeit, eine Bewegung, deren Wesen wir aus mancher literarischen Nachricht kennen und die uns den Schlüssel für ein Verständnis der vorgeschichtlichen Wanderzüge gibt, denn diese werden wir uns nicht sehr viel anders zu denken haben. Über die Gründe, die zu diesem plötzlichen Aufleben des Wikinger-Geistes im Norden führen, sind viele Vermutungen aufgestellt worden. Man hat es einerseits zusammengebracht mit der beginnenden Übervölkerung im Norden, und sicherlich ist das in manchen Gebieten eines der leitenden Motive für die große Ausbreitung der Nordgermanen in jener Zeit geworden, denn die Knappheit des Siedlungsbodens kennen wir nicht nur aus einer allmählichen Ausbreitung der Siedlung in die bisher unbebauten Gebiete, wie sie sich aus großen Fundkarten in Norwegen deutlich ablesen läßt, sondern wir haben in der Gutasaga auch einen schriftlichen Beleg für eine solche durch die Landnot diktierte Auswanderung aus Gotland zu Beginn der Wikingerzeit oder etwas davor. Aber sicher waren es nicht nur diese Gründe, die zu dem starken Einsetzen einer Ausdehnung geführt haben, sondern auch ideelle Gründe sind dafür maßgebend gewesen. Eine der größten Leistungen jener Zeit war die vollständige Besiedlung Islands, die zwischen 874 und 930, also in einem halben Jahrhundert, durchgeführt wurde, und für diese Leistungen kennen wir die Triebfeder recht gut. Es ist der unbeugsame Freiheitsdrang der norwegischen Großbauern. Norwegen war damals durch Harald Schönhaar, den Enkel der in Oseberg bestatteten Königin, geeint worden. Diese Einigung war nur möglich durch die Beugung der großen, bis dahin vollkommen selbständigen Bauerngeschlechter. Während ein Teil sich dem neuen Herrscher unterwarf, zogen andere es vor, ihre alten, durch Generationen ererbten, Besitzungen aufzugeben, und nach Island auszuwandern, in ein Gebiet, dessen landschaftliche und klimatische Bedingungen nicht so günstig waren, wie die des Mutterlandes. Diese Maßnahme also, die keinen ausgesprochen praktischen Sinn hatte, kann nur zurückgeführt werden auf den großen Freiheitsdrang, der die Germanen jener Zeit auszeichnete.

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Ein Blick in die Hagia-Sophia in Istambul. Auf der Galerie kratzte
ein Wikinger seinen Namen ein. Die Runen sind auf der Balustrade
im Vordergrund zu sehen.

Aus: Herbert Jankuhn, Haithabu. Eine germanische Stadt der Frühzeit, Neumünster 1938

egänzend:  Der frühe Norden

Zeitgenössisches Heidentum – Tradition, Kontinuität und Rekonstruktion

wilnort-heidentumZu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen irgendwo in Deutschlands geographischem Herzen etwa 30 junge Menschen beisammen und schweigen. Hier auf einer Waldlichtung sind der Schein der Fackeln und das prasselnde Feuer in der Mitte des Gemeinschaftskreises das einzige Licht, das die ernsten Gesichter der Anwesenden zaghaft erhellt. Zum Fest der Tagundnachtgleiche im Frühling haben sie sich zusammengefunden und begehen es, wie schon die Jahre davor. Der Kultleiter führt die Versammelten durch diese Feier, Sinnsprüche ertönen, Gaben werden als Opfer an die Göttern dem Feuer übergeben, Gedichte werden vorgetragen und ein gemeinschaftliches Mahl abgehalten. Man könnte meinen, daß unsere Altvorderen ihre kultischen Feste in etwa genauso begingen. Schließlich werden dieselben Götter angerufen, dieselben Runen beschwört und selbst der vergossene Met ist augenscheinlich „nach alter germanischer Rezeptur“ hergestellt. Traditionspflege ist angesagt.

Tradition. Welch hehrer Begriff! Welch mißverstandener Begriff! Wie viele Menschen, die sich in irgendeiner Form mit dem mythologischen und realhistorischen Wert des Germanentums auseinandersetzen, haben den Begriff der Tradition in bezug auf das germanische Heidentum wirklich verstanden? Gibt es eine Tradition des germanischen Heidentums bis in die heutige Zeit? Gibt es die Tradition? Kann man diesen Begriff wissenschaftlich absichern und mit ihm sowohl für als aber auch gegen das „Neuheidentum“ Position beziehen? Im folgenden soll die Problematik, welche die Erklärungsgrundlagen des „Neuheidentums“ betrifft, aus undogmatischer, nicht-streng-wissenschaftlicher, aber keinesfalls allzu verklärender Sicht heraus umrissen werden.

Oben beschriebenes Szenario ist zeitgenössische Realität. Dutzende mehr oder weniger klar organisierter Gruppen, die sich der Wiederbelebung des germanischen Heidentums verschrieben haben, finden sich mehrmals im Jahr zusammen, um die Feste der Sonne und des Mondes zu feiern. Wodurch ist nun der Drang zu erklären, sich von der Institution der Kirche und ihrem dogmatischen Glauben zu lösen und sich einer „Glaubensrichtung“ zuzuwenden, die als vermeintlich „überwunden“ galt?

 

olshansky-night-of-a-warrior Die Antwort gibt uns im Prinzip die Jetztzeit. Diese zeichnet sich aus durch eine fortschreitende Auflösung und Nicht-Beachtung gemeinschaftlicher Werte und Institutionen im Kleinen, wie auch im Großen, was vorwiegend negativ zu bewerten ist. Grober Materialismus, Konsumgeilheit, Vortäuschung vermeintlicher Freiheit, die letztlich nur das totale Ausleben triebhafter Ich-Bezogenheit mit sich bringt, Auflösung der Familien- und Gemeinschaftsstruktur zugunsten des Single-Daseins, Abkapselung vom Gedanken an die Heiligkeit der Natur und so vieles mehr sind die Symptome einer Atomisierung der Gesellschaft. Der identitätslose Großstadtbürger in seinem grenzenlosen Fortschrittswahn, kosmopolitisch erzogen und ohne Bindung zu spirituellen Werten ist nicht etwa nur ein polemisches Postulat rechtsradikaler Vergangenheitsverklärer. Er ist soziale Realität.

Daß dieser Menschentypus in zunehmendem Maße abstoßend wirken kann, beweist die Suche vieler Menschen nach einem spirituellen Ersatz, nach einem Gegenpol zum Materialismus, nach religiöser Bindung. Diese Zeit erlebt sowohl den Niedergang der Kirchen als gemeinschaftsförderndes Element als auch das Emporsteigen vermeintlich spiritualitätsspendender Weltanschauungen und Gruppierungen. Nur allzu typisch für diese Zeit der Entwurzelung ist allerdings das Wesen dieser mehr oder weniger neuen Heilslehren: New-Age-Esoterik, fernöstliche Weisheiten und judäo-christliche Erlösungsgedanken bieten – oft genug in den verworrensten Verquickungen – dem sinnentleerten Mensch der Großstadt eine Möglichkeit, seine Sehnsucht nach Spiritualität zu stillen, obwohl sie nüchtern betrachtet kaum etwas mit dem Menschen des Abendlandes zu tun haben. Was verstehen gestreßte deutsche Manager aus Frankfurt a. M. von Jahrtausende alter japanischer Shinto-Tradition? Was haben fehlgeleitete britische Bürokauffrauen aus London mit indischen Yoga-Praktiken zu tun? Was finden verzogene Wohlstandsjugendliche in der oberflächlichen Beschäftigung mit einer Kombination aus den spirituellen Werten der Hopi-Indianer und der Kultur der australischen Aborigines? Vielleicht haben diese Menschen schon den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, vielleicht haben sie ansatzweise erkannt, daß das Anbeten des Götzen Mammon nicht das einzige sein kann, das dem Dasein seinen Inhalt zu geben vermag. Doch wohin schweifen diese Geister? Der – meist kommerziell orientierte – Markt der Esoterik bietet alles an, was exotisch und geheimnisvoll klingt und befriedigt damit das beim modernen Menschen latent vorhandene, durch eine möglichst kosmopolitische Erziehung geförderte Verlangen nach fremden Geistes-, ja Kulturwerten. Wir sehen: auch in den Bereich des Glaubens hielten Stofflichkeit (Konsumorientierung) und der den Menschen in seiner völkisch-artgemäßen Persönlichkeitsentfaltung gefährdende Geistes-Internationalismus Einzug. Der Mensch scheint den Kräften der Jetztzeit, des dunklen zersetzenden Zeitalters in allen Belangen ausgeliefert zu sein.

Was bleibt an Alternativen? Der christliche Glaube – oberflächlich betrachtet traditionell abendländisch – verliert in Mitteleuropa an Strahlungskraft, Frische und Anziehungsvermögen. Für die meisten Menschen ist er zu einem bloßen Relikt in Form der verstaubten, dogmenbeladenen Amtskirche verkommen und allenfalls ein politisch instrumentalisierter Werteträger, weil er „ja eigentlich schon immer da war“. Wirklich tief empfundene Religiosität und Gottschau läßt sich in Hinsicht auf die Masse mit dem Begriff des Christentums heutzutage, zumindest in Deutschland, kaum noch verbinden. Jenseits des Atlantiks findet sich ein alttestamentarischer Auserwähltheitswahn in Kombination mit puritanischer Diesseitsverachtung und panzerkapitalistischer bzw. –imperialistischer Weltverbesserungsethik in einer unsäglichen und gefährlichen Weltsicht wieder. Der Rest der christlichen Herde, vornehmlich in Süd- und Osteuropa, mag an dieser Stelle nicht von Belang für das vorliegende Thema sein und kann getrost mit einem Begriff charakterisiert werden: Sklavenmoral. Neben dem etablierten Christentum buhlen noch zahlreiche Freikirchen und christliche Sekten, sowie der nicht minder universalistische, d.h. kosmopolitische Islam um die nach Transzendenz bettelnden Seelen der weißen Menschen.[Christentum und Islam speisen sich aus ein und derselben vorderasiatischen Quelle. Das sollte klar sein. Doch ist es erstaunlich, wie viele religiöse Motive sich diese beiden Weltreligionen vom Beginn ihrer Entstehung an und im Laufe ihrer Genese von uralten indogermanischen Glaubensmodellen entliehen haben. Überall, wo besonders das Christentum auf ein Volk (einen Stamm etc.) stieß, formte die völkisch-gebundene „Volksseele“ sich den neuen Glauben, in diesem Fall das Christentum, zu einem arteigenen Religionsempfinden um, und zwangsläufig verbanden sich vorchristliche heidnische Einflüsse mit den neuen Ansätzen zu einer stets von Volk zu Volk unterschiedlichen Volksreligion und Volksfrömmigkeit. Das stil- und charakterprägende völkische Prinzip ist also selbst im Christentum von höchster, ja absoluter Wichtigkeit. Diese kurze Erörterung ist für den weiteren Verlauf nicht unwichtig.] Ob für diese Menschen jedoch die in ihrer Konsequenz aggressiven, ihre absolute Alleingültigkeit verteidigenden Fremdlehren vom Sinai der richtige, besser: vernünftige Weg sind, um ihrem Dasein religiöse Ordnung zu verleihen, soll hier nur als rhetorische Frage im Raum stehen bleiben. Die Antwort ist für den freiheitsliebenden, undogmatischen Menschen klar…

Wir haben bisher versucht aufzuzeigen, daß innerhalb des Spektrums der verschiedenen, von der heutigen Gesellschaft akzeptierten Religionen oder „spirituellen“ Lehren keine einzige religiöse Weltsicht vorhanden ist, die den Kern eines deutschen Menschen, sein Wesen und seine Art wirklich anspricht. Keine der genannten Religionsformen ist blutgebunden, keine ist auf den germanischen Menschen zugeschnitten. [Der Artikel bezieht sich auf die Situation in vorwiegend germanisch bestimmten Ländern. „Germanisch“ soll in diesem Zusammenhang in erster Linie als sprachwissenschaftlicher und religionsgeschichtlicher Begriff verstanden werden. Um dem Begriff „germanisch“ eine biologische Bedeutung zu verleihen – was an dieser Stelle bewußt der Fall sein soll-, muß man zuerst verstehen, daß es keine „germanische Rasse“ gibt. Jedoch gibt es den „Nordischen Rassetypus“, der als Träger germanischer Kulturwerte (im sprach- und religionsgeschichtlichen Sinne) gilt und durch sein wanderungsbedingtes Auftreten im Blut der europäischen Menschen (natürlich stärker ausgeprägt in Nord- und Mitteleuropas) diesen Kontinent unvergleichlich stark prägt. So ist der Anteil „nordischen Blutes“ in Ländern wie Deutschland, Holland, Dänemark oder Schweden besonders hoch und erklärt somit das Vorherrschen germanischer Kultur in diesen Ländern, im Gegensatz zu „romanisch“ bestimmten Ländern oder Völkern im Süden bzw. Osten Europas. Vgl. hierzu Hans F.K. Günther: Der nordische Gedanke unter den Deutschen, München 1927.] Warum sollten da junge Menschen, die sich den Auswüchsen dieser Verfallszeit nicht beugen wollen, nicht den direkten, ehrlichen Weg wählen und sich mit den eigenen Wurzeln auseinandersetzen?

Die Auseinandersetzung mit den schriftlichen Überlieferungen germanischen Heiden- und Heldentums, wie sie beispielsweise in den eddischen Schriften, in den nordskandinavischen Sagas oder im Nibelungenlied [Das in mittelalterlicher, christlicher Zeit niedergeschriebene Nibelungenlied weist natürlich etliche christliche Motive auf, zeugt jedoch – wie auch das Hildebrandslied – über  weite Strecken von germanischer Geisteshaltung. Einwände, die den christlichen Charakter solcher Schriften (dazu zählt auch die jüngere und ältere Edda) wegen ihrer mittelalterlichen Aufzeichnungszeit überbetonen, zählen wenig. Der Kern dieser Werke bleibt ethisch und philosophisch betrachtet stets germanisch. Von vorderasiatisch judäo-christlichem Ethos ist in ihnen nichts zu spüren.] zu finden sind, führen den Suchenden erst einmal heran an den Kosmos germanischer Ethik. Ein Siegfried von Xanten und ein Hagen von Tronje vermögen junge Menschen doch wohl eher zu einer wertvollen Charakterbildung hin zu inspirieren als ein Jesus von Nazareth. Der Mut Siegfrieds und die Treue Hagens wirken positiver auf gedeihende junge Seelen ein als das Bild eines am Kreuze leidenden, uns in seiner Stammeszugehörigkeit fremden und in seiner widernatürlichen Passivität feindlichen Vorderasiaten. Ist dann die Grundlage geschaffen, die man braucht, um germanisches Wesen in früherer Zeit zu begreifen, steht einer Vertiefung in den mythologischen Stoff der germanischen Religion nichts mehr im Wege. In dieser Mythologie, die schließlich von Menschen unserer Wesensart geschaffen wurde, spiegelt sich das Jahrtausende alte Wissen um die Geheimnisse des Lebens, ja der kosmischen Ordnung – in die herrlichsten Sinnbilder und Geschichten verpackt – wieder. So wie die charakterlichen Eigenschaften unserer Ahnen beschaffen waren, so wurden auch die Götter von denen, die sie verehrten, mit Eigenschaften bedacht, ohne daß die Archetypen, die von den Götter repräsentiert wurden, verfälscht wurden. Die Beziehung zwischen Menschen und Göttern war lebendig. Die Beziehung zwischen den Menschen und der Natur (deren Kräfte die Götter ebenfalls symbolisieren) war lebendig. Die Weltsicht des germanischen Menschen war – auf den Punkt gebracht – lebendig! Was aber Jahrtausende gewachsen ist, kann nicht mit einem Male verschwinden. Das Christentum lagerte sich nur oberflächlich auf den Geist des germanischen Menschen. In ihm schlummerte, was früher lebendig war und was nie gänzlich verleugnet werden konnte. Und so verwundert es niemanden, daß in den letzten 250 Jahren das Bewußtsein um das Versagen des unmenschlichen, weil lebensverneinenden Christentums zunahm und freie, große Geister wie Goethe, Nietzsche oder Hegel eben diesem Christentum – jenseitsverliebt, rechthaberisch und mit dem Makel der Inquisition und anderer Verbrechen versehen – im innersten abschworen.

Wenden wir uns dem Vorwurf der blutarmen und verwerflichen Rekonstruktion germanischen Heidentums zu, der vor allem von den Vertretern der Amtskirche, von Geisteswissenschaftlern und Medienleuten oft genug ins Feld geführt wird. Ihre Argumentation stützt sich auf der Annahme, daß ein vermeintlich „überwundenes, totes Heidentum ohne Kontinuität“ nicht wiederbelebt werden dürfe, da sich ja das Christentum als die stärkere Religionsform erwies und erst die kulturelle Entwicklung des Abendlandes, ja gar der ganzen Welt vorantrieb, so daß der christliche Glaube nun für immer als der einzige in (zumindest) Europa zu gelten hat. Ferner ließen sich urgermanische Rituale nicht rekonstruieren und damals benutzte Symbole nicht mehr mit Sinn füllen, da die entsprechenden schriftlichen Quellen aus damaliger Zeit fehlen. Des weiteren wird die Hinwendung eines jungen Menschen zum germanisch-heidnischen Glauben schon deshalb lächerlich gemacht, argwöhnisch beäugt und somit in Frage gestellt, weil diese Hinwendung, oder besser: dieses Wiedererkennen ja nur aus einer wie auch immer gearteten „Verirrung“ heraus geschieht, aus „jugendlicher Ziellosigkeit“ und aus Gründen „subkulturellen Modeerscheinungen“. Letzten Endes sind es eine Vielzahl von Argumenten, denen sich die (vor allem jungen) Menschen heidnischer Lebenssicht ausgesetzt sehen müssen. Sicherlich ist eine gewisse „Verirrung“ der Grund für das Wiederaufkeimen heidnisch-germanischer Weltanschauung. Doch diese Verirrung ist ganz allein das Resultat einer krassen Fehlentwicklung Europas, die in Form geistiger Versklavung und Verdörrung der Völker erst durch das Christentum, dann durch diverse politische und wirtschaftliche Philosophien wie den Liberalismus, den Kapitalismus, den Kommunismus, kurz: den groben Materialismus des Geistes eintrat. Ja, der heutige Mensch ist „verirrt“. Er ist entwurzelt, zerrissen und abgenabelt…von seinem Ich, von der Natur! Analog dazu sind die Kerneinheiten Familie und Volk innerlich im Begriff, sich aufzulösen. Und da wundern sich die Autoritäten, wenn der germanisch-heidnische Glaube eine Renaissance erlebt? Und diese Renaissance ist nicht blutarm! Sie wird gespeist durch die Zuversicht und die Energie junger Menschen. Wir Heiden von heute haben das Recht und die Pflicht etwas weiterzuführen, was einmal blutvoll glühte! Der germanische Glaube lebt mit den Menschen, die ihn in sich tragen und bei aller Zustimmung zum Postulat des „ständigen Wandels aller Dinge“ behaupten wir, daß eine religiöse Tradition niemals tot, sondern nur verdrängt sein kann, weswegen wir ja nichts anderes tun, als ein religiöses System in ein neues Jahrhundert zu führen und mit Leben zu füllen. Das bedeutet aber auch, daß wir als Menschen des 21. Jahrhunderts natürlich andere Vorraussetzungen und Möglichkeiten haben, unser Heidentum zu leben. Wir leben in einer technisch hoch stehenden Zivilisation und warum sollten wir uns nicht die technischen Errungenschaften zu nutze machen? Wir benutzen Autos, das Weltnetz und Mobiltelefone, doch haben diese Dinge nichts mit einer gewissen heidnischen Grundeinstellung zu tun, solange alles in Maßen benutzt wird und sowohl die Natur als auch unser Körper und Geist nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Achtung und Wahrung der zuletzt genannten wesentlichen Elemente unseres Lebens ist echtes Heidentum! Ihre Nicht-Achtung und Nicht-Wahrung ist Verfall, ist lebensfeindlich! Wir jedenfalls haben unser Heidentum in unseren Alltag integriert, so wie dieses religiöse Empfinden auch sozialer Alltag unser Ahnen war. Die verschiedensten Aspekte der religiösen Weltsicht unserer Altvorderen wurden von diesen auf ihre Art interpretiert, und so interpretieren wir dieselben Aspekte auf unsere Art und Weise, ohne daß beide Möglichkeiten der Interpretation zu stark voneinander abweichen. Was im Blut, im Wesen unserer Ahnen schon diese spezielle, nordische, germanische Art und Weise der Reflektion aller Dinge, ja des Lebens an sich bedingte, kann in unserem Blut und unserem Wesen nicht völlig erloschen sein!

 

yavolod-reichsburg-trifels Ein Beispiel: Für die vorchristlichen germanischen Stämme mit ihrer agrarisch bestimmten Lebensrealität war die Sonne von immenser Bedeutung für ihr Überleben, weil sie als Licht- und Wärmespenderin das Wachsen der Vegetation und somit die Sicherung der Nahrungsgrundlagen der Menschen garantierte. So genoß das höchste Gestirn eine entsprechende kultische Verehrung und verschiedene, auf die Sonne bezogene Symbole wurden ersonnen. Wir in der heutigen Zeit sind zwar auch noch von der Kraft der Sonne abhängig, doch ist die direkte Verbindung Sonne – Acker – Nahrung für die meisten von uns nicht mehr bestimmend. Jedoch erschließen sich uns in Hinsicht auf die Sonne durch die Beschäftigung mit der Weltsicht der (indo-)germanischen Tradition [Wir merken hier explizit an, daß das germanische Heidentum ein wesentlicher Bestandteil der indo-germanischen Tradition ist, um dem unbedarften zu verdeutlichen, daß es ein gewisses weltanschauliches Band gibt, das unsere germanische Weltsicht mit beispielsweise der alten hellenischen, persischen oder keltischen verbindet, was uns wiederum neue (eigentlich ja alte), wertvolle, religiös-philosophische Erkenntnisse für die Gegenwart und Zukunft verschafft.], also mit unserer traditionalen Geistesgeschichte, neue philosophische und esoterische  Bedeutungshorizonte. Das Symbol der Sonne und somit auch die Sonne an sich bedeuten uns „Dynamik“, „Leben“, „Männlichkeit“, „Zentrum“ etc. und stehen den alten, vermeintlich primitiveren Vorstellungen von der Sonne definitiv nicht konträr gegenüber. Weil wir uns weiterentwickeln, wird sich auch der heidnisch-germanische Glaube weiterentwickeln ohne den Grundton zu verlieren, der unsere Seelen erklingen läßt, denn unser Götterglaube ist ein lebendiger Glaube, ein lebendiges Wissen um das Leben an sich! Wir tragen das Erbe der Vorväter einer Fackel gleich und führen es weiter und weiter, weil wir begriffen haben, daß wir ein Glied in einer (biologischen) Kette sind und Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden. Das ist unsere Pflicht! Wir „Neu-Heiden“ rekonstruieren das germanische Heidentum nicht, wir konstruieren es nach unserer Art, nach unserem Wesen. Das ist unsere Antwort auf den Vorwurf der bloßen Rekonstruktion. Dieses Konstruieren oder Neu-Erkennen umschließt natürlich ebenso die Art und Weise, wie wir unsere Kultfeiern gestalten oder wie wir die Gestalten unserer Götter begreifen: Das rituelle Feuer und das Miteinbeziehen höherer Kräfte waren beispielsweise Elemente, die den Sonnenfesten der Altvorderen zu eigen waren, und auch wir beziehen sie mit in unsere frei gestalteten Feiern ein, doch wollen wir keine „Germanenfeierei“ „nachäffen“, sondern nehmen uns das Recht heraus, unsere in uns ruhende germanische Schöpferkraft zu verwenden und aus dieser heraus eigene Feierabläufe zu kreieren. Was die Betrachtung unserer Götter betrifft, so sind wir sicherlich den Schilderungen der Eigenschaften dieser Götter in den eddischen Schriften hauptsächlich unterworfen, weil sie unser Bild von Wotan, Donar, Frigga oder Loki stark prägen. Nichtsdestotrotz erhalten wir durch die Beschäftigung mit unserer (indo-)germanischen Tradition, mit der Lektüre religionsgeschichtlicher Fachliteratur und psychologischen Werken verschiedenste Anregungen, um die Göttergestalten mit unserem erworbenen, „modernen“ Wissen zu interpretieren. [Beispielsweise wird uns der Wandel der Gestalt Odin-Wotans vom Toten- und Sturmgott hin zum Wanderer und Dichtergott erst durch wichtigen Religionswissenschaftler und Germanisten wie De Vries, Golther, Dumeziel oder Neckel vor Augen geführt, was unsere Sicht auf die Götter genauso beeinflußt wie die Archetypenlehre von C.G. Jung.] Dabei ist es von absoluter Bedeutung, daß wir uns bei allen Betrachtungen und bei allen Versuchen der Weiterbildung (die ja nur das Fundament unserer Weltsicht sein kann) hinsichtlich der Geschichte unserer (indo-)germanischen Tradition auf verläßliche Quellen berufen können. Das soll heißen, daß eine archäologisch oder philologisch abgesicherte Quelle uns das nötige Wissen um unsere Vorzeit liefert, während eine eher spekulative Schrift uns nur zu inspirieren vermag. [Ohne die Leistung hinsichtlich der Verbreitung germanischer Ethik schmälern zu wollen, seien diesbezüglich vor allem jene Werke genannt, die den Bereich der reinen Esoterik und/oder persönlichen Deutung – mit dem Anspruch nach Unfehlbarkeit versehen – oftmals nicht verlassen. Beispiele sind zahlreiche Schriften von Marby, v. List, Tiede, Lanz v. Liebenfels, Aswynn oder Gorsleben.] Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen: Diejenigen Geisteswissenschaftler, die durchaus bemüht sind, die Quellen des vorchristlichen Germanentums freizulegen und uns damit, wie gesagt, helfen, sind zumeist auch die, – das erwähnte ich  ebenfalls – deren Anliegen es ist, uns den Rekonstruktions-Vorwurf entgegenzuhalten. Zumindest die Geisteswissenschaftler moderner Prägung (die 68er-Generation läßt grüßen) sind alles andere als germanophil wenn es darum geht, den Wert des vorchristlich-germanischen Kulturschaffens und dessen Quellen für unser heutiges Volkstum zu erkennen. [Doch sollte dies allerdings nicht die tatsächliche wissenschaftliche Leistung dieser Leute, von der wir profitieren, in Frage stellen.] Erkannt haben dies die längst verstorbenen Forscher der älteren Generation, und damit sind wir an einem Aspekt angelangt, der uns hinsichtlich germanischer Kulturwerte immer wieder abgesprochen wird: der Kontinuität. Grob gesprochen ist die moderne Auffassung von Kontinuität innerhalb der zeitgenössischen Geisteswissenschaft folgende: Liegen zeitlich zwischen dem quellenmäßig abgesicherten Erscheinen eines Kulturmusters (in heidnischer Zeit beispielsweise) und dem selben, durch den Wandel der Zeit nur gering veränderten Muster nicht mindestens ein Dutzend schriftlich fixierte Aufzeichnungen über dieses Muster vor, so kann unmöglich von einer Kontinuität gesprochen werden. Das ist eine moderne Kontinuitätsauffassung. Das ist eine Zeitgeist-unterworfene, also ideologische Auffassung und somit eine Anschauung, die darauf zielt – der Zeitgeist will es so – uns von unseren Wurzeln komplett zu scheiden! Natürlich verändern alle Kulturwerte und –muster ihre Gestalt, doch lassen sich in beinahe jedem Fest, in jedem Sinnzeichen, in jedem Brauch und jeder volksreligiösen Handlung noch Reste germanischer Frömmigkeit erblicken, auch wenn sich die christliche Ascheschicht und die Kraft der Zeit über diese Muster gelegt und dieses modifiziert haben. [Ein Paradebeispiel ist das Osterfest. Die christliche Liturgie sieht allein die vermeintliche Auferstehung Christi und das jüdische Passah-Fest als die Grundlagen dieses Festes an, ohne zuzugeben, daß vorchristliche Fruchtbarkeits- und Frühjahrskulte den Ursprung für das hiesige feiern von Ostern bieten. Sicherlich sind an schriftlichen Aussagen über Fruchtbarkeitsgöttinnen nur die von Tacitus und Beda Venerabilis überliefert. Dennoch verweist allein schon die Etymologie (Wortherkunft) der von Beda für den angelsächsischen Raum erwähnten Ostara/Eostre auf ein Fest zu Ehren einer Fruchtbarkeitsgöttin hin, da die indogermanische Tradition verschiedene, etymologisch mit Ostara/Eostre verwandte Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsgöttinnen kennt, wie z.B. Eos oder Astarte.] Wir sagen: Wie ein roter Faden ist germanisch-deutsches Wesen in das Groß unsere Feste, Sitten, Sagen und Bräuche eingewoben. Es gibt eine Kontinuität, auch wenn diese sich nicht an zig verschiedenen Schriftquellen festmacht, sondern sie sich erahnen, erfühlen, erschließen läßt. Diese Auffassung steht im übrigen nicht widersprüchlich zu der oben getroffenen Feststellung, daß wir auf wissenschaftlich fundierte Quellen zur Altgermanischen Religionsgeschichte zurückgreifen sollten, um selbige besser verstehen zu können und daß wir nicht allzu leichtgläubig irgendwelche Deutungen oder Vermutungen in uns aufnehmen sollten. Im Gegenteil: Je mehr Quellen zu unserer Kulturgeschichte, um so besser! Doch lassen wir uns nicht einreden, daß es keine Reste germanischer Kultur mehr gibt und jegliche Kultur sowieso aus dem mediterranen Raum oder dem Morgenland kommt. Wir sind nicht blind und erkennen den germanischen Fruchtbarkeitsbrauch im heutigen Questenfest, die Göttin Holda im Märchen von Frau Holle, die germanische, zur Wintersonnenwende gelebte Sonnenverehrung im sog. „Johannisfeuer“ oder die Gebo-Rune in der Sitte, das Besteck gekreuzt auf den Teller zu legen, wenn man Nachschlag erwartet. Wo germanisches Wesen in Kulturmustern vorhanden ist, erkennen wir es auch und verteidigen es gegen die Widrigkeiten dieser zersetzenden, weil „kosmopolitischen“, Zeit. Das ist unsere Kontinuität, das ist unser Traditionsbewußtsein!

Heide zu sein, bedeutet, Altes zu wahren und Neues zu schaffen; sein Wesen und seine Wurzeln zu (er)kennen und getreu diesen Grundlagen zu denken, fühlen und handeln. Es bedeutet, dem Geist dieser Zeit abzuschwören und die technischen Errungenschaften der Moderne kritisch zu prüfen, ohne jedoch diesen von vornherein abzusagen. Wir sind keine „Neuheiden“, weil wir als Menschen nie „Christen“ waren und darum nicht „neu“ vom Christen zum Heiden mutierten. Der germanische Mensch ist von Natur aus ein Heide, ein freier Mensch. Er wird erst durch fremde Lehren zum „Christen“ umfunktioniert. Wir sind auch deshalb schon keine „Neuheiden“ im historischen Sinne, weil es immer Heiden gegeben hat! Wo immer germanische Menschen sich ihre Frömmigkeit dem heiligen, dem Leben gegenüber bewahrt haben, wo immer germanische Menschen die Erde und den Kosmos erforschen wollten, wo immer germanische Menschen sich’s trauten, die tiefsten Geheimnissen des Lebens auf den Grund zu gehen, wo immer germanische Menschen für die Freiheit ihrer Sippe, ihres Volkes kämpften und starben, wo immer germanische Menschen hart arbeiteten und das Diesseits bejahten… überall da waren Heiden zu finden. Sie waren Ketzer gegenüber der christlichen, todesverehrenden Lehre vom „irdischen Jammertal“, von dem es nur Erlösung für den Schwachen und Sündigen durch den am Kreuze verendeten Vorderasiaten Jesus von Nazareth gibt. Wir können uns nur selbst erlösen und das durch den Beweis unserer Tat- und Schöpferkraft in diesem Leben unter Wahrung der heiligen Natur. Vom kleinsten Bauern bis zum größten Geiste haben das die meisten germanisch bestimmten Menschen Europas erkannt oder erfühlt und somit – ob bewußt oder unbewußt – das christliche Büßergewand abgeworfen und sich als das herausgestellt, was sie von Geburt an eigentlich waren: Heiden im besten Sinne! An uns liegt es nun, mit dem klaren Bewußtsein, ein von indogermanischer Tradition geprägter freier Mensch zu sein, dies auch in die Welt zu tragen und eine Festung germanischer Ethik darzustellen, die dem Ungeist der jetzigen Zeit trotzt und Inspiration für die uns umgebenden Menschen spendet.

Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte
Johann Gottlieb Fichte

 Fichte, Johann Gottlieb, geb. 19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda – 29. Januar 1814 in Berlin) war ein deutscher Erzieher und Philosoph. Er gilt neben Friedrich Schleiermacher, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg W. F. Hegel als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus.

Nach seiner Schulzeit zog Fichte nach Jena, wo er an der Universität studierte, was ihm seine finanzielle Lage aber erschwerte, weswegen er seine Studien abbrechen mußte. Er schlug sich fortan mühsam mit Privatunterricht durch.
Übergang zur Philosophie

Im Jahre 1790 lernte Fichte die Philosophie Kants kennen, die einen großen Einfluß auf ihn ausübte. Kant inspirierte ihn zu seiner am Begriff des Ich ausgerichteten Wissenschaftslehre. Fichte sah eine rigorose und systematische Einteilung zwischen den „Dingen, wie sie sind“ und „wie die Dinge erscheinen“ (Phänomene) als eine Einladung zum Skeptizismus.

1791 besuchte Fichte Königsberg, wo Immanuel Kant ihm einen Verleger für seine Schrift „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ (1792) verschaffte, die anonym veröffentlicht wurde. Das Buch galt zunächst als ein lange erwartetes religionsphilosophisches Werk von Kant selbst. Als Kant den Irrtum klarstellte, war Fichte berühmt und erhielt einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Jena, den er 1794 antrat.

Während seiner Jenaer Professur (1794–1799) wurde er zur Zielscheibe im sogenannten „Atheismusstreit”. 1799 hatte eine zunächst anonyme Streitschrift Fichtes den Streit ausgelöst: Fichte wurde wegen Verbreitung atheistischer Ideen und Gottlosigkeit verklagt und zum Rücktritt gezwungen. 1805 bekam Fichte den Lehrstuhl für Philosophie in Erlangen, 1807 wirkte er als Zensor der „Hartungschen Zeitung” in Königsberg, wurde aber auf Befehl des preußischen Generals Ernst von Rüchel entlassen. 1810 wurde Fichte Dekan der philosophischen Fakultät und für kurze Zeit der erste gewählte Rektor der Berliner Universität.

Fichte war spätestens seit 1794 Mitglied einer Freimaurerloge in Rudolstadt, trat allerdings nach einigen Jahren wieder aus. Auch bei der Entstehung der Gesellschaft der freien Männer hatte er einen bedeutenden Anteil. In Berlin wurde er Mitglied der Deutschen Tischgesellschaft, ab Sommer 1811 deren „Sprecher” (Vorsitzender). Der sich früher als Anhänger der Französischen Revolution bezeichnende Fichte profilierte sich nun insbesondere durch die flammend patriotischen „Reden an die deutsche Nation“ (als Text veröffentlicht bis 1808) als Gegner Napoleons.

Ein utopisches Gesellschaftsmodell – eine neue Art sozialistischer Gesellschaft auf nationaler Grundlage – findet sich in dem Werk „Der geschlossene Handelsstaat“ (1800).

Nach einem kurzen Aufenthalt in Erlangen hielt Fichte in einem Freisemester im Winter 1805/06 in Berlin Vorlesungen, die 1806 unter dem Titel „Anweisungen zum seligen Leben“ erschienen. Die Kriegswirren, ausgelöst durch Napoleons Überfall auf Preußen, vereitelten Fichtes Rückkehr nach Erlangen und führten zu Aufenthalten in Kopenhagen und Königsberg, wo Fichte Vorlesungen hielt und eine Professur angeboten bekam. Bereits 1806 kehrte er jedoch aufgrund der Bedrohung Königsbergs durch französische Truppen wieder in das französisch besetzte Berlin zurück und veröffentlichte seine „Grundzüge des Gegenwärtigen Zeitalters“. Trotz der bedrohlichen politischen Umstände hielt Fichte in Berlin in den Jahren 1807/08 seine „Reden an die deutsche Nation“.

1813 erkrankte Johanna, Fichtes Frau, am sog. Lazarettfieber, welches sie sich bei der Pflege von Kriegsverwundeten zugezogen hatte. Auch Fichte sollte daran erkranken und konnte sich im Gegensatz zu seiner Frau von diesem Fieber nicht erholen. Er starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt.
Fichtes „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“

Ein zentraler Kern in Fichtes Philosophie ist der Begriff des „absoluten Ich“. Dieses absolute Ich ist nicht mit dem individuellen Geist zu verwechseln. Später nutzte Fichte die Bezeichnung „Absolutes“, „Sein“ oder sogar „Gott“. Fichte beginnt in seiner „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ mit einer Aussage, die eine Handlungsweise des Ich zum Ausdruck bringen soll, deren Verständnis daher diese Handlung auszuführen erfordert:

„Das Ich sezt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es sezt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung, und That sind Eins und dasselbe; und daher ist das: Ich bin, Ausdruck einer Thathandlung.“ (GA I, 2, 259)

Fichte ging es um die praktische Umsetzung seiner Philosophie, weshalb er die Errichtung eines lückenlosen Systems als zweitrangig erachtete. Im Vordergrund stand für ihn die Verständlichkeit, d. h. die Art, seine Lehre so darzustellen, daß sie von jedermann verstanden werden konnte. Sein positives Menschenbild ging davon aus, daß in jedem Menschen – und nicht nur im Fachgelehrten – der Grund echter Selbsterkenntnis (und damit auch Gotteserkenntnis) gelegt ist und man lediglich auf diese verweisen müsse.
Fichtes Kantrezeption

Fichte reagierte auf die Frage, wie theoretische und praktische Vernunft zusammenhängen, indem er deutlich machte, daß die beiden Teile der Vernunft in ein hierarchisches Verhältnis zu setzen sind. Hierbei ist die praktische Vernunft der theoretischen übergeordnet. Letztere benötige die praktische Vernunft; diese aber sei autonom. Auch für Kant war die praktische Vernunft ein Vermögen des Willens – und damit autonom. Für Fichte mündet diese Tatsache in seiner Theorie zur Selbstsetzung. Der Wille bringt, indem er sich ein Gesetz gibt, zugleich sein Wesen als Vernunftwille hervor. Dieser Vernunftwille macht das aus, was wir sind – nämlich unser Ich. „Das absolute Ich ist, indem es sich setzt, und setzt sich, indem es ist.“ [1] Aus diesem Grund kommt der praktischen Vernunft absolute Freiheit zu. Fichtes Idealismus ist daher eine Konsequenz aus dem Primat der praktischen Vernunft.

Der Kritik am transzendentalen Argument bei Kant entzieht sich Fichte, indem er die praktische Vernunft als Bedingung für die theoretische Vernunft erklärt. Hierbei geht Fichte von der Handlung des Urteilens aus und schließt mit Hilfe eines transzendentalen Argumentes auf das sich setzende Ich als Bedingung hierfür. Alles Urteilen ist Handeln des menschlichen Geistes. Diesem liegt der Satz „Ich bin“ zugrunde. Das „schlechthin gesezte und auf sich selbst gegründete“ (GA I,2,258) ist der Grund des Handelns. Um dem Vorwurf zu entgehen, daß wir eventuell gar nicht urteilen, sondern nur zu urteilen glauben, führt Fichte die „intellektuelle Anschauung“ ein. Sie ist selbstverständlich auch praktisch zu verstehen als „Anschauen seiner selbst im Vollziehen eines Acts“ (GA I, 4,216). Wenn wir urteilen, beobachten wir uns nicht, sondern stellen handlungsorientierte Fragen. Diese Fragen gehen von der Annahme aus, daß man ein Vernunftwesen ist. Würde dem nicht so sein, könnten wir nicht urteilen – was konträr erscheint. Gleichwohl hat Fichte erkannt, daß daraus, daß man nicht an den Bedingungen vernünftigen Urteilens zweifeln kann, nicht(!) folgt, daß man diese Bedingungen tatsächlich erfüllt.

Den schärfsten Bruch mit Kant bewirkte Fichte mit der Ablehnung der Konzeption eines „Dinges an sich“. Nur so kann in seinen Augen die absolute Freiheit des Ich bewahrt werden (vgl. GA III, 2,298). Das „Ding an sich“ wird bei Fichte zu einem „Anstoß“ degradiert. Dieser ist ein irrationales Faktum innerhalb des Ich, das das Ich zu bewältigen versucht. Die Folge ist der Ausschluß aus dem Ich, gleichsam hinaus in die Welt als „Nicht-Ich“. Ist das absolute Ich demzufolge also ein „Ding an sich“ auf der Seite des Subjekts? Fichtes Antwort: Nur wenn es erscheint. Das absolute Ich existiert nur im Handeln selbst. In der philosophischen Reflexion wird das absolute Ich herausgegriffen und zu etwas Objektivem gemacht. Für Fichte ist es gleichsam Artefakt der Theorie, keine Entität der realen Welt.

Jenaer Philosophie

Es stellt sich nun die Frage, warum das absolute Ich, welches autonom ist, auf einen „Anstoß“ reagiert. Fichte macht deutlich, daß das absolute Ich nur ist, wenn es sich seiner selbst bewußt wird. Dies kann nur geschehen, wenn es mit Material konfrontiert wird, auf das es zu reagieren hat. Würde es zu keinem Kontakt kommen, würde das Ich „ganz in seiner Tätigkeit aufgehen“.[2] Um aber zu sein – und damit auch ein Selbstbewußtsein zu entwickeln –, muß es sich für den „Anstoß“ öffnen und dafür Sorge tragen, daß der „Stein des Anstoßes“ erhalten bleibt. Nach Fichte kann das Ich demnach als ein unendliches Streben nach Autonomie verstanden werden.

Der „Anstoß“ ist hierbei gleichsam nur notwendige Bedingung des Selbstbewußtseins, keine hinreichende. Die weiteren Bedingungen für das Selbstbewußtsein finden sich in den jeweiligen Teildisziplinen der Wissenschaftslehre, die Fichte unterscheidet: Naturlehre, Rechtslehre, Sittenlehre und Religionslehre. Erstere hat Fichte, aufgrund des von ihm entwickelten Primats der praktischen Vernunft, nie ausgearbeitet.
Fichtes Rechtslehre

In „Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre“ von 1796/97 wird die Beziehung zwischen dem Selbstbewußtsein und – sozusagen – der Welt präzisiert. Das Bewußtsein kann sich nur als frei handelndes Wesen begreifen, wenn es „den Begriff eines frei handelnden Wesens auf sich anwenden kann“. [3] Das kann es nur, wenn andere das Selbstbewußtsein auffordern etwas zu tun und gleichzeitig(!) die Freiheit eingestehen, dieser Aufforderung nicht nachzukommen. Da dieser Vorgang reziprok ist, folgt, daß das Sein des Selbstbewußtseins von der Anerkennung der Freiheit anderer abhängt. Es wird deutlich, daß sich Fichte nicht auf das Moralgesetz als die bindende Kraft des Rechts versteht, sondern das Eigeninteresse des selbstbewußten Ich. Ein Rechtsverhältnis entsteht demnach aufgrund der bloßen Existenz eines Nicht-Ich.

Fichte definiert den Staat als Ausdruck des absoluten Willens, dessen Absicht es ist, die Freiheit und Rechte seiner Bürger zu garantieren. Kollektives und individuelles Handeln werden mit dem Ausdruck „sittliches Handeln“ in Eins gesetzt. Freiheit in der Geschichte sei nach Fichte die mehr oder weniger sittliche Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse der verschiedenen Völker.
Fichtes Sittenlehre

Im „System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre“ von 1798 geht Fichte davon aus, daß das Selbstbewußtsein des absoluten Ich nur sein kann, unter der Bedingung des Bewußtseins des Sittengesetzes. Hierbei ist sich das Ich des Sittengesetzes niemals in abstracto bekannt, sondern „immer in Form konkreter Aufgaben und Pflichten der Welt“ [4]. Das Ich kann sich nur eine Tätigkeit zuschreiben, wenn diese mit der kausalen Wirklichkeit einer ihm unabhängigen Welt verbunden ist. Dies wiederum ist nur möglich, wenn es sich einen Körper zuschreibt. Da dieser Körper Teil der Welt ist, unterliegt er auch den Naturtrieben. Das Sittengesetz untersucht nun die Bedingungen der Manifestation eines zugleich verkörperten und von Naturtrieben beherrschten Ich.
Fichtes Religionslehre

Der Ausbruch des Atheismusstreits hinderte Fichte daran, seine Religionslehre systematisch auszuarbeiten. Während Kant von der Existenz Gottes ausging, da die Existenz Gottes notwendig im Hinblick auf die Bedingungen der Möglichkeit sittlichen Handelns erscheint, sah Fichte nur die Notwendigkeit zu einer „moralischen Weltordnung“. Diese ließe sich nicht zwingend auf eine höhere Instanz – also Gott – zurückführen. Die aktive Weltordnung selbst, der „ordo ordinans“, mag man als Gott bezeichnen. Wer aber dies tut, der „verkennt die unmittelbare Beziehung des Gottesbegriffs zum moralischen Bewußtsein und ist, so Fichte, der wahre Götzendiener und Atheist.“
Beitrag zur Französischen Revolution (1793)

Fichte begrüßte die Französische Revolution und verfaßte seine beiden Revolutionsschriften von 1793 („Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten“ und „Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution“). Er begründet die Rechtmäßigkeit der Revolution in Anlehnung an Rousseaus „Contract social“ mit dem Argument, daß es ein „unveräußerliches Recht des Menschen“ sei, einen Gesellschaftszustand „aufzuheben“, der zu einem System der Unterdrückung verkommen ist. Denn dieser behindere den geistigen Fortschritt des Menschengeschlechts. Nach dem französischen Überfall auf Deutschland unter Napoleon wurde Fichte jedoch zu einem glühenden deutschen Patrioten.
Fichtes Antijudaismus

Die Äußerungen bezüglich der Stellung des Judentums in dieser Schrift wurden von vielen als „antisemitische“ Äußerungen bezeichnet. Fichte greift im besagten Abschnitt nicht nur die Juden mit harschen Worten an, sondern auch das Militär und den Adel. Das Judentum als Staat im Staate sondere sich ab. Die Juden, körperlich schlaff, hätten einen egoistischen Handelsgeist. Sie übervorteilten die übrigen Bürger, seien nur auf sich und ihre Sippe bedacht. Fichte übernimmt größtenteils die damals vorherrschenden Vorurteile, prangert aber vor allem immer wieder die separatistische Einstellung dieser Religion an.

„Fern sei von diesen Blättern der Gifthauch der Intoleranz, wie er es von meinem Herzen ist! Derjenige Jude, der über die festen, man möchte sagen, unübersteiglichen Verschanzungen, die vor ihm liegen, zur allgemeinen Gerechtigkeits-, Menschen- und Wahrheitsliebe hindurchdringt, ist ein Held und ein Heiliger. Ich weiß nicht, ob es deren gab oder gibt. Ich will es glauben, sobald ich sie sehe. Nur verkaufe man mir nicht schönen Schein für Realität! – Möchten doch immer die Juden nicht an Jesum Christum, möchten sie doch sogar an keinen Gott glauben, wenn sie nur nicht an zwei verschiedne Sittengesetze, und an einen menschenfeindlichen Gott glaubten.

Menschenrechte müssen sie haben, ob sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden. Zwinge keinen Juden wider seinen Willen, und leide nicht, daß es geschehe, wo du der Nächste bist, der es hindern kann; das bist du ihm schlechterdings schuldig. Wenn du gestern gegessen hast, und hungerst wieder, und hast nur auf heute Brot, so gib’s dem Juden, der neben dir hungert, wenn er gestern nicht gegessen hat, und du tust sehr wohl daran. – Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.

Vorherrschende Toleranz der Juden in Staaten, wo für Selbstdenker keine Toleranz ist, zeigt sonnenklar, worauf eigentlich abgesehen wird. – Die Aufrechthaltung deines Glaubens liegt dir so sehr an deinem Vaterherzen. Siehe diese Juden; sie glauben überhaupt nicht an Jesum Christum; das mußt du nicht leiden; und ich sehe, daß du sie mit Wohltaten überhäufst. – ‚O, sie haben Aberglauben, und das ist mir genug. Glaube du doch an Zoroaster oder Konfuzius, an Moses oder Mahomed, an den Papst, Luther oder Calvin, das gilt mir gleich; wenn du nur an eine fremde Vernunft glaubst, Aber du willst selbst Vernunft haben, und das werde ich nie leiden. Sei unmündig, sonst wächsest du mir zu Kopfe.‘ – Ich will nicht etwa sagen, daß man die Juden um ihres Glaubens willen verfolgen solle, sondern daß man überhaupt niemand deswegen verfolgen solle.

Ich weiß, daß man vor verschiednen gelehrten Tribunalen eher die ganze Sittlichkeit, und ihr heiligstes Produkt, die Religion, angreifen darf, als die jüdische Nation. Denen sage ich, daß mich nie ein Jude betrog, weil ich mich nie mit einem einließ, daß ich mehrmals Juden, die man neckte, mit eigner Gefahr und zu eignem Nachteil in Schutz genommen habe, daß also nicht Privatanimosität aus mir redet. Was ich sage, halte ich für wahr; ich sagte es so, weil ich das für nötig hielt: ich setze hinzu, daß mir das Verfahren vieler neuerer Schriftsteller in Rücksicht der Juden sehr folgewidrig scheint, und daß ich ein Recht zu haben glaube, zu sagen, was und wie ich’s denke. Wem das Gesagte nicht gefällt, der schimpfe nicht, verleumde nicht, empfindle nicht, sondern widerlege obige Tatsachen.“

In seiner 1794 erschienen Streitschrift „Eisenmenger der Zweite“ polemisierte Saul Ascher gegen die antijüdischen Äußerungen Fichtes, dem er den Namen des seinerzeit bekannten Judenfeindes Johann Andreas Eisenmenger, dem Autor der Schrift „Entdecktes Judentum“, zulegte. Mit Fichte sei eine neue Dimension des säkularen Judenhasses zu verzeichnen.

Andererseits lernte Fichte mit David Veit einen Vertreter der jüdischen Haskala kennen und schätzen.

Zitat: „Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Krieg steht, und der manchmal fürchterlich schwer auf die Bürger drückt: es ist das Judentum!“
Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (1806)

In den „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ entwickelt Fichte Ansichten zu einer Geschichtsphilosophie. Im Vordergrund steht ein Entwicklungsmodell, das die Geschichte in fünf Epochen unterteilt, wobei Fichte seine eigene Epoche als das „Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit” verstand, während die Grundzüge die künftigen Epochen einleiten sollten. Diese Epochenentwicklung vollziehe sich in folgenden Stufen: 1. Instinktive Vernunft; 2. Äußerlich erzwungene, jedoch nicht überzeugende Autorität; 3. Emanzipation von jeder äußeren Autorität („vollendete Sündhaftigkeit”); 4. Rückkehr der freien, innerlichen Vernunft und 5. Verwirklichung der freien, innerlichen Vernunft in allen äußeren Lebensbereichen.
Reden an die deutsche Nation (1808)

Die „Reden an die deutsche Nation“ verstehen sich als Fortsetzung der „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“. In den Reden ruft Fichte im Bereich der Bildung zu einer Nationalerziehung nach Pestalozzischem Vorbild auf, die das menschliche Verhältnis zur Freiheit in der Vernunft- und Werterziehung verankern soll.
Fichte an jeden Deutschen

Recht bekannt ist Albert Matthais Gedicht „Fichte an jeden Deutschen“, das fälschlicherweise oft Fichte zugeschrieben wird, durch dessen „Reden an die deutsche Nation“ Matthai aber inspiriert wurde.[6]

Fichte an jeden Deutschen

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an Deines Volkes Aufersteh’n.
Laß diesen Glauben Dir nicht rauben,
trotz allem, allem was gescheh’n.
Und handeln sollst Du so, als hinge
von Dir und Deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär‘ Dein.

Zitate

„Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar über die Gebühr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte die Nachkommen, falls es nämlich in der Barbarei, die da beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen werden,wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal preisen werden, daß es gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle eure Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenkt, daß ihr die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht.“

„Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos, als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe sodann fruchten, nachdem sie des größten Teiles derselben beraubt ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine in ihrer Hand ruhen und diese ihre Hand selbst durch eine fremde Hand gelenkt und geleitet wird.“ zitiert in: „Die Herrschaft der Minderwertigen“

Werke (Auswahl)

ergänzend  Johann Gottlieb Fichtes 250. Geburtstag

Der frühe Norden

voelkerwanderung400Mit dem Einsetzen der geschichtlichen Nachrichten erscheint Skandinavien als die vagina gentium: ein Volk nach dem anderen drängt über die Ostsee oder aus Jütland südwärts, zuerst die Kimbern und Teutonen (aus Himmerland und Ty), dann Ariovists Sueben und Haruden (Schwabstedt an der Eider; Hardesyssel), die Wendeln („Vandalen“) und Burgunden; vielleicht schon früher sind die Goten aus Gotland nach der Weichselmündung übergesetzt.

Noch heute zeugen die Ortsnamen auf -leben und
-ing(en) von einer Bevölkerung, die sich von Norden nach Deutschland hinein ausgebreitet hat (dänisch -lev; schwedisch Göinge in Schonen-Göttingen). Im südlichen Skandinavien und in Dänemark, vielleicht auch an der Südküste der Nord- und Ostsee, müssen die ältesten historisch bekannten Sitze der Germanen gesucht werden. In diesen rauhen, abgelegenen Landstrichen hat sich die germanische Rasse und Kultur herausgebildet. Hier hat das Germanentum auch zäher als anderswo an seiner Stammesart festgehalten.

Land und Leute – Äußere Kultur

Die Völkerwanderung (das Wort in landläufigem Sinne verstanden) bringt den ersten weltgeschichtlichen Aufschwung germanischen Lebens. Gleichzeitig beginnen sich die Skandinavier entschiedener abzusondern von den südlichen Vettern, die größtenteils auf keltischem oder römischem, später auch slawischem Kolonialland sitzen. Die Sprachgrenze in Schleswig tritt deutlich in Erscheinung durch die Auswanderung der Angelsachsen nach Britannien, die ein Zusammenstoßen vorher weit getrennter Stämme und Mundarten zur Folge hat. Die Dänen dringen vom mittleren Schweden her vor, wo seit Jahrhunderten schon die Schweden auf dem verhältnismäßig fruchtbaren Nordufer des Mälaren (Mälarsees) – in Uppland – einen mächtigen Verband bildeten.

Aber trotz der Sprachgrenze pflegen diese Völker noch engen Zusammenhang mindestens mit Norddeutschland die ganze sogenannte „gemeinnordische“ Zeit hindurch (400 bis 800 n.d.Zr.). Das zeigen deutlich die archäologischen Funde. Das Nydamer Boot (im Museum zu Kiel) ist von gleicher Größe und Beschaffenheit wie die Boote der Seegermanen zur Römerzeit und wie die der Normannen zur beginnenden Wikingzeit: das Wikingtum ist die letzte, großartigste Entfaltung von Lebensgewohnheiten, die schon ein Jahrtausend früher allen Seegermanen gemeinsam waren. Widukinds Flucht vor Karl dem Großen nach Dänemark ist ein später Ausdruck für diese alte Lebenseinheit, die ihre Brennpunkte in den Häuptlingshallen hatte. Dort wurden beim Schein der Feuer und beim Bier die gotischen und fränkischen Lieder vorgetragen. Sie wanderten von einem Fürstenhof zum anderen, sächsische nach Norwegen, gautische nach England. Das in der Halle versammelte Kriegergefolge hat diesen Stoffen für alle Zeiten den Stempel seines Geistes aufgedrückt. Ruhmreiche Fürsten dieser Zeit, wie besonders Rolf Krake von Lejre auf Seeland, der den jungen Vögg großmütig belohnte und inmitten seines treuen Gefolges durch Verrat fiel, er und andere haben noch lange im Liede fortgelebt. Erst die Bekehrung der Sachsen und die Wikingzüge brachten eine entschiedene Sonderung. Skandinavien überschwemmt jetzt von neuem die Welt mit seinen Kriegern. Schwedische Scharen setzten sich in Rußland fest und gründen das Staatswesen, aus dem das spätere Zarenreich erwachsen ist; sie befahren den Dnjepr und geben seinen Stromschnellen Namen in ihrer Sprache (wie Baruphoros, „Wogenfors“, vgl. Miklegaard, an. Miklagard¯r, – Konstantinopel), sie belagern Byzanz. Noch lange nachher hielt sich der griechische Kaiser eine Leibwache von Nordleuten; Harald Hard¯rád¯i, der Gestrenge, der spätere Norwegerkönig, der 1066 bei dem Versuch, England zu erobern, an der Brücke von Stanford fiel, war eine Zeitlang ihr Anführer. Dänen setzen sich auf Wollin (in der Jomsburg) und in der Normandie fest, wo noch heute Ortsnamen wie Frévilla von diesen nordländischen Kolonisten zeugen. Das nordöstliche England war zeitweilig überwiegend skandinavisches Sprachgebiet (vgl. Ortsnamen wie York – aus Jórvík – und Grimsby). Auf den kleinen britischen Inseln und Inselgruppen gibt es zahlreiche Erinnerungen an die Wikinge (so den „Tynwall Court“ auf Man). Die Orkaden und die Shetlandinseln waren früher rein nordisch, wie es heute noch die Färöer und Island sind. In Grönland und an der Ostküste Nordamerikas gab es im 11. Jahrhundert (in Grönland bis ins 15.) germanische Siedlungen. Es war die Zeit der größten Ausdehnung des skandinavischen Sprachgebiets, zugleich die Zeit der Einigung Norwegens und der ersten Missionare im Norden.

Das Urteil der christlichen Geschichtsschreiber über die wilden Normannen ist mit Hilfe der heimischen Quellen auf sein richtiges Maß zurückzuführen und zu ergänzen. Lehrreich sind hier die Berichte über die Jomswikinge, die Dichtungen von Half und Ingeld. Was, aus der Mönchszelle betrachtet, wie Zügellosigkeit aussah, war für die germanische Ethik heroische Pflichterfüllung.
Schon in der Wikingzeit zeigen sich die Vorboten des Mittelalters. Im 12. Jahrhundert zieht es mit Macht ein: man baut Klöster und nennt zuweilen seine Kinder Magnus oder Maria, man gewöhnt sich an Marterungen und Hinrichtungen, und der in Kreuzesform Hingestreckte empfängt geduldig den Todesstreich, mehr besorgt um das Schicksal seiner Seele im Jenseits als um die Ehre. Aber noch opferte man in entlegenen Tälern dem Thor, und auf den Orkaden zog man jeden Frühling und Herbst auf Wikingfahrt aus und kehrte mit Schiffsladungen englischer Seide heim. Die heimische Wolle war selbst diesen rauhen Gesellen nicht mehr gut genug.

leif-ericsson-sword Staat und Gesellschaft

Vor hundertfünfzig Jahren, als die europäische Bildung das heidnische Germanentum und das alte „Kämpenleben“ wieder entdeckte, konnte man meist mit diesen fremdartigen Gestalten nicht anders in ein Verhältnis kommen, als indem man sie mehr oder minder gründlich mit den „milden Tugenden“ der Humanität übermalte. Man tat es – und tut es noch – unwillkürlich, ein Beweis, daß man kein Recht hat, die mittelalterlichen Künstler zu belächeln, weil sie die Mutter Gottes in die Kleider einer deutschen Bürgersfrau stecken. Ähnlich wie den Germanen ging es bekanntlich den alten Griechen. Und wie man den Abstand zwischen den Alten und uns Neueren übersah, so übersah man auch den zwischen Hellenen und Germanen. Bei Oehlenschläger und bei Tegnér sprechen die altnordischen Helden griechische Verse und führen die klassische Mythologie im Munde neben der nordischen.
Der Unterschied zwischen antiker und germanischer Kultur ist wohl an keinem Punkt deutlicher als da, wo es sich um den Staatsbegriff handelt. Wie das Wort Staat, so stammen auch unsere Begriffe vom Staat aus der griechisch-römischen Welt; an ihnen gemessen erscheint die heidnische Germanengesellschaft fast als staatslos (oder vorstaatlich). Der antike Staat ist die Stadtgemeinde; in ihrem engen Mauerring erwachsen und werden als Helden gefeiert Menschen wie Sokrates, der lieber sterben will als die Gesetze der Polis übertreten, und wie Brutus, der die eigenen Söhne hinrichten läßt, weil sie Rom verraten haben. Keins von beiden wäre in Germanien denkbar. Brutus hätten die alten Nordleute einen Neiding genannt, denn dem nordländischen Heiden war nichts heiliger als seine Sippe, seine freiwilligen Bündnisse und seine Kriegerehre.

Von hier aus bestimmt sich die Stellung der Könige. Heilig, d. h. unverletzlich, war der Fürst nur für sein Gefolge, das ihm Treue und Gehorsam gelobt hatte, unter seinem Dache lebte und seinen Stolz darein setzte, den gefallenen Herrn nicht zu überleben. Der Opfertod germanischer Gefolgschaften, vielfach bezeugt im Süden wie im Norden und verklärt von der Dichtung, ist der großartigste Akt der Selbstverleugnung, dessen die rigorose alte Ethik fähig war. Außerhalb des Gefolges war der König zunächst nur ein bestellter Beamter: die Bauern hatten ihm auf dem Thing den seiner Abkunft gebührenden „Königsnamen“ gegeben, und er war auf dem heiligen Stein – in Schweden dem Morastein in Uppland – dem Volke dargestellt worden, sie mußten ihn und seine Leute ernähren, wenn der König sie besuchte, und konnten ihm dabei ihre Ergebenheit zeigen; sie erwarteten aber von ihm kräftigen Schutz gegen feindliche Einfälle, wobei sie ihm bis an die Landesgrenze Heerfolge zu leisten hatten – und darüber hinaus ruhmvolle Kriegs- und Beutezüge, wie sie einem Könige ziemen, und die sie meist gern mitmachten. Das Übergewicht der Königsmacht über die der einzelnen großen Bauern war mehr oder weniger bedeutend. Aber ein Königshof sah nicht anders aus als ein großer Bauernhof. Auch mancher Nichtkönig war reich genug, sich eine Schar bewaffneter „Hauskerle“ zu halten und mehr Zeit dem Kriegshandwerk zu widmen als dem Vieh und dem Acker. Denn noch immer galt das alte, schon dem Tacitus berichtete Werturteil, daß es ehrenvoller sei, seinen Gewinn mit Blut als mit Schweiß zu bezahlen. Immerhin war ein Gegensatz zwischen reisigen und landbauenden Kreisen zuweilen vorhanden. Der „Seekönig“ des Eddaliedes, der dem schweinefütternden Bauern am Lande zuruft: „Oft habe ich mit Speeren die Aare gesättigt, während du an der Mühle die Mägde küßtest“, hatte Vorbilder in der Wirklichkeit. Jener rauhe Kriegerstolz der Sueben, 14 Jahre lang unter kein Dach getreten zu sein, war ein Jahrtausend später den Nordleuten noch nicht abhanden gekommen. In der Geringschätzung der friedlichen Gewerbe lebte ein Gefühl davon, daß das Zusammenstehen wackerer Burschen in der Gefahr und das Männergespräch in der Halle mehr wert sei als der Umgang mit Kühen und Schafen.
Island ist in heidnischer Zeit nicht bloß der bestbekannte Fleck nordländischen Bodens, es ist auch der Sitz sehr altertümlicher Zustände in Staat und Gesellschaft. Eine Neuerung ist das Fehlen des Volksheeres. Es war in dem nachbarlosen Lande nicht nötig. Aber von urtümlicher Frische und Kraft ist das Spiel der widerstreitenden Kräfte – doktrinloser Wünsche und Leidenschaften -, die in diesem lockeren Gemeinwesen gegeneinander branden.
Wir können die Entwicklung der öffentlichen Einrichtungen in Island ziemlich gut überblicken. – In der Besiedlungszeit entstehen eine Unzahl Thingverbände. Der Thingplatz liegt bei einem Tempel, und der Tempelinhaber, der „Gode“ (Priester), ist der Herr des Thinges. Seine Stellung ist zuweilen – wenn nicht meist – aus dem Mutterlande ererbt. Im Jahre 930 tut man den großen Schritt, daß man ein gemeinsames Landesthing (Allthing, altisländisch alloingi) gründet. Dort tagt alljährlich im Hochsommer die ganze Landsgemeinde mit ihren Goden, man hört den Vortrag des Gesetzessprechers, des einzigen wirklichen Beamten des Freistaates, denn die Goden nehmen eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen Regierungsorganen und Parteihäuptern. Neben dem Allthing bleiben die Einzelthinge bestehen. Ihre Zahl, und damit die Zahl der Godentümer, wird im Jahre 965 auf 39 festgelegt, und je drei werden jetzt zu einem Thingverband vereinigt mit zwei gemeinsamen Zusammenkünften im Frühjahr und im Herbst; man wollte die Übermacht des einzelnen Goden auf seinem Thing brechen: die drei, jeder mit seinen Thingmannen hinter sich, sollten sich die Waage halten. Wer auf einem isländischen Thing, vor Gericht, etwas erreichen wollte, mußte starke Mannschaft um sich sammeln, am besten die Hilfe eines oder einiger Goden haben; sonst vermochte er nichts. Die endlosen Prozesse der Bauern um Habe und Ehre verliefen hauptsächlich in einem Kampf der Parteien um das Gericht: wer kraft seiner Übermacht das Gericht eroberte – manchmal kam es dabei zu blutigen Zusammenstößen -, der konnte das Urteil verhängen, das ihm gefiel: Geldbuße, milde Acht, Waldgang (strenge Acht). Er mußte dann aber auch für die Vollstreckung sorgen; denn sonst blieb der Ächter ruhig auf seinem Hofe sitzen, und sein Ansehen stieg auf Kosten seines kraftlosen Gegners.
Ungleich häufiger, als daß ein Streit in ein Gerichtsurteil auslief, waren ganz private Austräge (in den Sögur 50:470), durch Vergleich (164) oder häufiger durch Rache (306). Das Urphänomen der Rache spielt eine so beherrschende Rolle, macht sich auch nach und neben der staatlichen Erledigung so oft geltend, daß der Weg über die öffentlichen Instanzen durchaus als ein Umweg erscheint. In keinem Fall verlangt das Gesetz von dem Geschädigten, daß er diesen Weg geht.
Aber er muß ihn immer dann gehen, wenn er die Friedlosigkeit des Gegners erreichen will, den „Waldgang“, wie dieser Zustand des Ausgestoßenseins mit seinem alten Namen hieß. Der isländische Waldmann haust in den kahlen Steinwüsten des inneren Hochlandes seiner Insel im steten Kampf mit Schnee und Hunger, vogelfrei, aber auch galgenfrei: er ist für in der Acht begangene Handlungen nicht verklagbar: ist gewerbsmäßiger Räuber.
Doch der Ächter ist kein Verbrecher im Sinne der neueren europäischen Gesellschaft. Sein Unglück ist nicht vom Abscheu der Menschen begleitet, weit eher von ihrem Mitleid; die Tat, die ihn in den „Wald“ gebracht hat, kann höchst ehrenvoll, er selbst ein bewunderter Held sein (so die Sagahelden Gísli und Grettir). Überhaupt ist eine Verurteilung durch das Gericht zwar eine Demütigung, aber nie eine Schande. Das moralische Urteil bewegt sich in einer anderen Sphäre als der juristischen. Ein Neiding ist z. B. der, der einen achjährigen Knaben oder eine Frau erschlägt oder den leiblichen Vetter und Schwurbruder angreift. Dagegen gibt es keine unehrliche Hantierung, keinen verachteten Stand.
Dies hängt damit zusammen, daß reich und arm, vornehm und gering eine enge geistige Gemeinschaft bilden. Es gibt keine Bildungsstände. Zwar unterscheidet man scharf nach dem Klange der Namen, und die guten alten Familien halten bei Eheschließung streng auf Ebenbürtigkeit. Aber der persönliche Ruf des Mannes hat damit nichts zu tun. Er bemißt sich nach der Kraft und Wachsamkeit im Dienst der Ehre. Du darfst dir nichts bieten lassen, du darfst die Rachepflicht nicht versitzen: das sind die beiden ersten Gebote, die für jeden gelten, und die schon zwölfjährige Knaben mit der Waffe in der Hand befolgen. Der schlimmste Makel, weit gefürchteter als der Tod, ist der, feige zu erscheinen. Die Furcht vor ihm erzwingt entbehrungsreiche Fehden auch ohne Haß. Aber ein mächtigerer Faktor ist doch der plötzlich ausbrechende Haß bei Frauen wie bei Männern. Sein Auflodern war für die alten Isländer schön anzusehen, und ein langes Gedächtnis im Hassen und in der Rache war eine geachtete Eigenschaft. Auch Gerechtigkeit war eine Tugend: sie kam aber erst an die Reihe, wenn kein Schatten eines Zweifels auf die Ehre fiel. Die Welt bestand aus Freund und Feind. Für den Freund, die Sippe, die Partei tat man bewundernswert viel mehr, als heutzutage den meisten von uns erschwinglich dünkt -; man setzte unzählige Male sein Leben ein und machte kein Aufhebens davon. Gegen den Feind mußte man „grimm“ sein. Auch im Verhältnis zu den Freunden ordnete sich der eigene Stolz und Machtwille niemals unter. Man wollte groß sein und dafür gelten, und man handelte danach, doch nicht nur mit Kraft, auch mit kluger Berechnung und nicht gern so, daß man die eigene Würde offensichtlich außer Acht ließ. Wir sehen an den altisländischen Häuptlingen, diesen Herrenmenschen reinsten Wassers, deutlich, wie sie sich Schranken auferlegen, die ein kleiner Mann sich nach ihrem Gefühl nicht aufzuerlegen brauchte.

Religion

Auf keinem Gebiet lassen uns die Quellen so schmerzlich im Stich wie auf dem der Religion. Sie bestehen ganz überwiegend aus Gedichten, die sich mit den Gebilden der religiösen Phantasie tummeln. Allerdings ist es ein Vorurteil, zu meinen, die Dichtungen der Skalden und der Edda hätten durchweg nicht dem Volke gehört, seien „gelehrte“ Poesie: Bildungsschranken hat es vor Einführung des Christentums so wenig gegeben wie Bildungsstände (siehe oben), und daß die altnordische Literatur anders anmutet als neuere Volksüberlieferung, das beleuchtet wieder nur die große Tatsache, daß das ungetaufte Germanenvolk eben sehr verschieden war von dem des Mittelalters und der Neuzeit. Auch die vorchristlichen Entlehnungen aus keltischer Sage und christlicher Legende haben nicht viel zu bedeuten: derartiges hat auch weit früher schon stattgefunden, und die germanische Religion hat das Fremde germanisiert. Aber wir sind im Ungewissen darüber, ob nicht ein Teil der poetischen Texte (und manches von dem, was Snorri in seinem System der nordischen Götterlehre – um 1225 – mitteilt) nicht erst aus christlicher Zeit stammt. Das schlimmste ist, daß auch das heidnische Material offenbar stark gesiebt ist; nur den Unterhaltungsstoff hat die Kirche durchgelassen, fast alles aber, was mit ihrem Glauben und Ritus unmittelbar in Wettbewerb trat, also die Urkunden der eigentlichen Religion (Gebete, Zaubersprüche u. dgl.), hat sie auch in Island ausgerottet – konnte sie ausrotten, weil es um diese Gebilde weniger schade schien als um die großen, prachtvollen Götterlieder. Man muß sich nicht vorstellen, es wäre dem Klerus in Skandinavien und auf Island nicht ernst gewesen mit dem neuen Glauben. Gewisse geistliche Bekehrungsanekdoten, welche die heidnischen Götter im unheimlichen und doch wesenlosen Scheine der Teufel und Dämonen vorführen, zeigen uns, mit welchen gut katholischen Maßstäben man auch dort oben gemessen hat. Die Folge dieses Eifers ist, daß das nordländische Heidentum als Gesamterscheinung uns verschleiert bleibt. Wir sehen nicht deutlich, welche Rolle die alte Religion im Leben gespielt hat. Nur der niedere Aberglaube läßt sich verhältnismäßig gut beobachten. Doch darf auch der Wert der Götterfabeln nicht unterschätzt werden. Unterstützt von alten südgermanischen Zeugnissen und neueren nordländischen Quellen, liefern sie uns eigenartige Gebilde der mythenbildenden Phantasie, die immerdar in erster Reihe zur Kennzeichnung germanischen Glaubens herangezogen werden müssen. Denn vom niederen Aberglauben ist manches international.

Der Wert der nordländischen Zeugnisse liegt auf diesem Gebiet oft darin, daß sie uralte Vorstellungsweisen, die anderswo nicht mehr oder nur in Resten zu beobachten sind, in größerer Breite und Tiefe veranschaulichen. So ist der Totenglaube in den Sögur altertümlicher als im Homer und in den Veden. Es ist derselbe urtümliche Monismus, der aus den Gräben der Steinzeit spricht: die Leiche gilt als noch lebendig. Denn die Steinbehausungen, in die man damals die Toten bettete, müssen entweder zu deren Schutz oder zur Sicherung der Lebenden vor Wiedergängern gedient haben. Beides setzt die lebende Weiterexistenz der Verstorbenen voraus: so läßt sich ein Isländer unter der Schwelle seiner Tür begraben, weil er von dort sein Hauswesen am besten glaubt übersehen zu können. Das ist urzeitliche Anschauung und vermutlich ein Rest uralter Gewohnheit. Verblaßte Erinnerungen daran lebten bis in unserere Zeit; z. B. vermieden Schwarzwälder Bauern das Türzuschlagen und das Holzspalten auf der Schwelle, um die arme Seele nicht zu stören, die darunter wohnt. Hier ist der Verstorbene zur „Seele“ verflüchtigt: eine eingewanderte südliche Anschauung, die dem Germanen von Hause aus fernlag. Nur die Unsichtbarkeit und Verwandlungsfähigkeit des Toten waren auch ihm geläufige Begriffe; diese Eigenschaften traute er auch Ungestorbenen manchmal zu.
Garnichts wußte er davon, daß die Seele „im Körper“ hause und beim Tod aus ihm entweiche, wie er überhaupt von dem Gegensatz der beiden nichts ahnte. Man hatte – wahrscheinlich vom Süden – die Sitte der Leichenverbrennung übernommen und sie jahrhundertelang geübt; aber folgerechte Gedanken in unserm Sinne hat man an diesen Brauch und an die Wirkung des Feuers nicht geknüpft.
Wie im weißen Licht die Farben des Spektrums gleichsam schlummern, so gab es in der Luft unsichtbare Wesen, die unerwartet in die Erscheinung treten konnten. Wenn der Krieger im Kampfe eine schreckhafte Lähmung verspürte, so erkannte er die „Heerfessel“, ein böses weibliches Wesen, das seinen Tod wollte. Das älteste isländische Landrecht gebot den Ansegelnden, die aufgesperrten, geschnitzten Tierrachen ihres Vorderstevens angesichts der Küste herunterzunehmen: die „Landwichte“ sollten nicht unnötig gereizt werden. Über die Walstatt nach der Schlacht ritt Wodan auf seinem Schimmel: man konnte ihn sehen, wenn man durch die Rundung des gebogenen Arms blickte. Rasselte der Hagel und fuhren Blitze hernieder, so lenkte Thor oben am Himmel sein Bocksgespann, und sein geschleuderter Hammer zerschmetterte in der Luft den großen Stein, den der Bergriese Hrungnir, hoch aufgerichtet, dem Freunde der Menschen entgegenschleuderte. In den Wolken stand die Burg der Götter, von wo sie über alle Welten herabschauten. Dorthin sah man fürchtend und vertrauend auf. „Heil euch, Asen, Heil euch Asinnen und Heil der nutzbaren Erde! Mit gütigen Augen blickt auf uns herab und schenkt uns Sitzenden Sieg!“, so läßt der Dichter Sigurd und die erlöste Schildjungfrau auf dem Berge beten.
Aber man fand die unsichtbaren Wesen auch in greifbaren Dingen. Es gibt Pfosten- und Waffenverehrung wie bei vielen anderen Völkern so auch bei den Germanen. Manches davon lebt in dem entwickelten Götterkult fort. Wenn die Opfergemeinde im Tempel versammelt und das Blut der Opfertiere in Schüsseln aufgefangen war, so sprengte der Tempelherr das Blut nicht nur über die Gäste hin und auf die Altäre der Götter; auch die Wände des Hauses wurden so geweiht. Die Pfeiler des Hochsitzes waren Beschützer des Heims. Norweger führten sie mit nach Island und warfen sie vor der Landung ins Meer, damit sie die richtige Stelle für die Ansiedlung zeigten.
Götterbilder und Tempel sind wohl Anleihen bei der südlichen Kultur. Eine in Dänemark gefundene rohe Holzfigur gehört schon der Römerzeit an. Im 11. Jahrhundert standen im Haupttempel des Nordens, zu Uppsala, die Bilder der drei alten Hauptgötter: in der Mitte Thor, zu beiden Seiten Odin und Freyr (Fricco). Die Tempel der Wikingzeit mit ihrer Zweiteilung in Gemeinderaum und eine Art Choranbau ähneln wohl nicht zufällig den christlichen Kirchen. Aber es ging ganz anders in ihnen her. Der Hauptteil des Gottesdienstes war die Opfermahlzeit, das Verzehren des gesottenen Opferfleisches (dessaud¯r, von siód¯a, „sieden“) und das Minnetrinken der Götter. Voran ging das blutige Opfer, das kein Rauch verhüllte. Daneben begegnen an die Bäume des Tempelhains gehängte Leiber; diese Form ist altertümlicher als der Tempeldienst, wie der heilige Hain älter ist als das Gotteshaus. Auf dem Altar lag ein Ring, den man mit Opferblut rötete, und auf den man Eide schwur: „Ich leiste einen Eid auf den Ring, einen Gesetzeseid: sei mir Freyr gnädig und Njörd und der allgewaltige Ase …“
Der Letztgenannte ist jedenfalls Thor, der volkstümliche Gott, der den Feldern Gedeihen gab und die Gräber schützte. Seine Riesenkämpfe enthalten jung eingewanderte Märchenmotive (so die Abenteuer des Gottes bei Utgardaloki, welche in der Edda des Snorri erzählt werden). Viel besungen war der Kampf des rotbärtigen Asen mit der Schlange. Haßerfüllt sprühen die Blicke der Gegner einander an, während der Hammer den unförmigen Kopf des Untiers bearbeitet: ein Bild des ewigen Kampfes der erhaltenden und zerstörenden Kräfte, der die Weltanschauung der alten Nordleute beherrscht.

thor180 Der Gott, der immer auf der Wacht ist gegen den Wolf und in ruheloser Sorge Krieger sammelt für den letzten Kampf, ist Odin (Wodan), der Göttervater. Doch die älteren Züge seines Bildes zeigen mehr den übermächtigen, hinterlistigen Zauberer. Diese Eigenschaften sind höchst altertümlich, wie auch die Mythen von Odins Metgewinnung und von seiner Galgenlösung, die zum ältesten Gut in den nordischen Göttersagen zu gehören scheinen. Thor und Odin sind die ausgeführtesten Götterporträts. Ihren Gegensatz schildert launig und geistreich das „Graubartslied“ der Edda (Harbardsljód): einen Gegensatz nicht nur des Herren- und des Bauerngottes, mehr noch ein Gegensatz menschlicher Charaktere. – Von den Nebengestalten des nordischen Götterhimmels sind mindestens zwei sehr alt: Tyr, der alte Kriegsgott, und Njörd, der in gerader Linie abstammt von der taciteischen Nerthus. Gemeingermanisch ist auch Odins Gemahlin Frigg, ferner ihr kühner Sohn Baldr, der bekanntlich auch in einem der Merseburger Zaubersprüche auftritt (seine Chistusähnlichkeit ist ihm zum größten Teil erst durch Snorri angeschminkt worden).
Die alten Götter waren keine sittlichen Vorbilder – wenn sie auch sittliche Forderungen an ihre Anhänger gestellt zu haben scheinen -, nur übermächtige Ebenbilder. Sie hatten in der Vorzeit die Welt aus den Leibesteilen des Urriesen Ymir oder Aurgelmir geschaffen und gestaltet und genossen ewige Jugend, aber das Eisen kann auch sie töten. Beim Ragnarök werden sie alle fallen vor den dann gegen die Asenschöpfung rachbegierig aufstehenden Riesen- wenn auch nicht ungerächt, denn Vidar wird Rache nehmen für Odin, und Thor wird die Mitgardschlange im Zweikampf töten. Was dann kommt, wissen wenige.

Vielleicht leben die gefallenen Götter, oder es lebt eine neue Göttergeneration in einer Art Walhall weiter, wie es die vorletzte Strophe der Völuspa schildert:

Einen Saal seh ich,
Sonnenglänzend,
mit Gold gedeckt,
zu Gimle stehn:
Wohnen werden
dort wackre Scharen
der Freuden walten
in fernste Zeit.
Von Seelenheil, Erlösungsbedürftigkeit und Erlösung weiß man nichts. Die Sinnesart des Volkes war diesseitig. Der Aberglaube wurde noch nicht zur ständigen Furcht wie später im Mittelalter zu Zeiten, wo die Gespenster überhandnahmen. Der heidnische Nordmann trat dem elbischen oder göttlichen Feind ebenso aufrecht gegenüber wie dem menschlichen und tierischen. Selbst eine Rache an Ägir oder selbst an Odin liegt nicht ganz außerhalb seines Gedankenkreises. Und wo der Gott ihm als Freund (als fulltrui) erscheint, da liegt in dem Verhältnis etwas Kameradschaftliches. Es gibt Leute, die auf ihre eigene Stärke (á mátt sinn ok megin) mehr bauen als auf die Hilfe der Götter und es auf die Folgen ankommen lassen, wenn sie ihnen nicht regelmäßig opfern. Überhaupt war die Religion anspruchsloser als später das Christentum mit seinen Festtagen und Fastenzeiten.

Das erste Stadium der neuen Religion trägt noch viel von der Farbe der alten. Von der Ethik zu schweigen – sie ist ja auch heute noch weit davon entfernt, wahrhaft christlich zu sein -, gilt dies sogar vom Dogma. Man faßt den neuen Gott, den „weißen Christ“, als Unholdbekämpfer und Höllensieger – ohne daß wir uns deshalb vorstellen dürfen, das Christentum habe den Germanen Befreiung von der Geisterfurcht gebracht, wie es vor einigen Jahrzehnten ein Theologe hingestellt hat -; vom Erlöser weiß man noch nichts.

Heidnische Symbolik im Grals

der heilige gralMythos und die historische Rolle Jesu – eine aktuelle Betrachtung der Hintergründe des Da – Vinci – Codes Der Mythos des Grals zieht die Menschheit nicht erst seit Erscheinen des Dan Brown Romans Sacrileg in ihren Bann. Chretien de Troyes verarbeitete Ende des 12. Jahrhunderts heidnische und christliche Elemente sowie die Artussage im Gralszyklus, in dem eine kostbare Schale durch ihren Inhalt zum geheiligten Gefäß wird, wenig später schuf Wolfram von Eschenbach mit seinem Parzifal – Epos die erste deutsch – sprachige Gralsdichtung.
In neuerer Zeit prägte Richard Wagner mit seiner Oper Lohengrin die Gralsthematik und stellte die Überlieferung in Dienst des Kampfes Gut gegen Böse – Lohengrin als lichter Ritter der gegen den abtrünnigen Klingsor antritt und siegt.
Für gewöhnlich verbindet man dabei die Grals – Symbolik in erster Linie mit dem Gefäß, in welchem das Blut Jesu während des Abendmahls aufgefangen wurde (nach anderer Überlieferung das Blut durch den Speer – Stich des Legionärs Longinus bei Jesu Kreuzigung, woraus die eigenständige Legende des Speers des Longinus entstand) – diese vom Nikodemus – Evangelium der Spätantike gestiftete Deutung verbindet damit erstmals den Gral mit dem Begriff des heiligen Blutes. Nach Robert de Borons Gralsgeschichte gelangt der Gral mit Joseph von Arimathea, den der Gral während seiner Gefangenschaft sättigt, nach Jesu Tod nach Glastonbury in Britannien – und damit zum Ausgangspunkt seiner symbolischen Herkunft: Hier, in der alten Welt der Kelten, stellt der Kessel seit alters her das heilige, rituelle Gefäß schlechthin dar, in ihm wurden nicht nur Fleisch gekocht und Bier gebraut, sondern er erwuchs zum ewig sättigendem Kultgefäß, welches fester Bestandteil der Grabausstattung keltischer Fürsten wurde. Der Kessel als Lebensspender ist dabei ein altes Erbe der atlantisch – nordischen Kultsymbolik.(Wirth: Aufgang der Menschheit) Von besonderer mythologischer Bedeutung war der Kessel des Dagda, der mit den Tuatha de Dana, den frühen Einwanderern, die eng verbunden mit der Megalithkultur sind, nach Britannien gelangte. Auch die große Muttergöttin Ceridwen braut in einem solchen Kessel den Trunk der Weisheit. Zu den bekanntesten zählt der Kessel von Gundestrup, der neben dem Hörner Gott Cernunnos auch weitere keltische Kultdarstellungen trägt . Mit der Reise Joseph von Arimatheas nach Glastonbury wird gewissermaßen eine Verschmelzung christlicher mit heidnischer –Symbolik vollzogen; denn hier am „Glasturm“ (Glastonbury), dem Standort einer alten Trojaburg, die als Avalon zugleich mythische Heimat des toten König Artus ist (als Toteninsel – im Sinne des megalithischen Wiedererstehungsglaubens zugleich Land der Ahnen – auch als das verlorene Paradies Atlantis zu deuten), ist ein elementarer Ort der Verehrung der alten Urmutter zu erblicken, aus deren Schoß, dem heiligen Gral, das Leben erwacht. Dan Brown gelang es nun bei aller vereinfachenden – weil lediglich auf zwei Widersacher im Gut – Böse Schema – Kirche / Opus Dei gegen Prieure de Sion / Freimaurerei beschränkenden – Verklärung der Rolle der Freimaurerei die heidnische Symbolik einem größeren Leserkreis näher zu bringen. Auch seine Darstellung der Umwandlung heidnischer Symbole in Teufelswerk durch die christliche Kirche ist eine Tatsache, deren Erwähnung nicht oft genug erfolgen kann: „Im Zuge der Bemühungen, die heidnischen Religionen auszurotten und die Massen zum Christentum zu bekehren, hat die Kirche in einer Verleumdungskampagne den Symbolgehalt der heidnischen Gottheiten ins Negative gewendet“ (Robert Langdon in Sacrileg). (Allerdings vereinfacht Brown die Sache über gebühr, wenn er die verwendung von Pentagrammen und äh nlcuihen heidnischen symbolen durch satanische Sekten allein der arbeit Hollywoods unterstellt, ohne auf die entfremdende Verwendung jener symbole durch gewisse freimaurereische Kreise einzugehen.)
Indes führt er dem Leser die doppelte Bedeutung des heiligen Grals in späterer Zeit vor Augen – danach ist die Legende vom heiligen Gefäß lediglich eine Allegorie auf den wahren Gralsgehalt, der ebenfalls mit heiligem Blut – sang real = Königsblut – in Verbindung steht: So wie die Schale der Legende nach das Blut Jesu aufgefangen habe, habe Maria (= der Gral) das Blut Jesu in sich in Form der Leibesfrucht beider Vereinigung aufgenommen. Dokumente, die den Beweis hierfür und damit gleichzeitig der Übergabe der Königswürde auf Maria, die Ehefrau Jesu enthalten, sollen von den Tempelrittern unter den Ruinen des Tempels Salomons in Jerusalem geborgen worden sein. Jesus sei demnach direkter Nachfahre der jüdischen Könige David und Salomon gewesen. (vgl. hierzu Baigent / Lincoln / Leigh: Der heilige Gral und seine Erben / Der Gral) Im Symbol des Grals verbirgt sich das göttlich weibliche, die Heiligkeit der göttlichen Urmutter (dargestellt unter anderem im Bild des letzten Abendmahls Leonardo da Vincis, des vermeintlichen Mitgliedes der Prieure de Sion), gleichsam ein Symbol für die Übergabe der Königswürde und damit des christlichen Pontifikats auf eine Frau bzw deren Sohn, wodurch es eine offizielle Erblinie für die Leitung der christlichen Kirche gegeben hätte – dies würde natürlich dem heutigen, patriarchal geprägten Papsttum jeglichen Boden und die ganze Legitimation entziehen.

Die von den mittelalterlichen Autoren beschriebne Suche nach dem Gral sei demzufolge die Suche nach der göttlichen Urmutter. In der tat spielte die göttliche Urmutter in allen europäischen Ur – Kulten eine große Rolle. Der Sage nach war Kleito die Urmutter von Atlantis ebenso wie von Troja und Athen, und die Frau spielte in den megalithzeitlichen Kulten eine große Rolle – auch bei den Indogermanen stand die Frau in gleichberechtigter Stellung zum Mann, obgleich sie im Verlauf der indogermanischen Wanderungen – vielleicht auch verstärkt durch die Dankbarkeit für die mythologisch dem Lichtbringer – Gott geschuldete Klimaerwärmung innerhalb der Nordheimat – in den Hintergrund gedrängt wurde. Herman Wirth verdanken wir die Herausarbeitung der weiblichen Rolle im frühen Europa und den Beweis megalithzeitlicher matriarchaler Kultzentren (wobei hier nicht von einer Frauenherrschaft an sich, sondern von einer göttlich matriarchal geprägten Gesellschaft, die in vielen Bereichen durch Männer geleitet wurde –Militär u.ä.) durch seine symbolkundlichen Forschungen. Auch die Frauendarstellungen aus dem Jungpaläolithikum – Venus von Villingen und andere – beweisen eine hohe Verehrung der Frau, die sich bis in die Zeit der Bandkeramiker mit ähnlichen Darstellungen nachweisen läßt – allerdings scheint hier der Aspekt auf das Wunder der Geburt eingeschränkt gewesen zu sein. Wenn nun jedoch im Sacrileg einerseits die Erblinie Jesu als von David und Salomon herrührend, also eine reinblütig jüdische Erblinie dargestellt wird, gleichzeitig aber die Übertragung der jüdischen Königsdynastie auf eine Frau (des Stammes Benjamin ?) angenommen wird, dann begibt sich Dan Brown damit auf dünnes Eis: Nicht nur im Islam sondern auch bei anderen orientalischen Religionen hatte die Frau stets eine untergeordnete Rolle – daher auch die angesprochene Empörung der Jünger Jesu über die Gleichberechtigung – die vermeintliche Bevorzugung – Maria Magdalenas. Nicht folgten hier die Menschen der Religion –wie oft angenommen -, die eine solche Rolle gebot, sondern die Religion folgte – wie so oft – bestehenden Traditionen. Sowohl Islam als auch Judentum sehen in der Frau eine Gehilfin des Mannes – so wie es auch die christliche Kirche des Petrus übernahm. Wenn nun Jesus diese Tradition verändern wollte, dann spricht dieses dafür, in Jesus dem Galiläer eben nicht einen reinblütigen Judäer zu sehen, sondern einen Abkömmling eines Heidenstammes aus Galiläa, der auch als Heidengau galt. Hier lagen die Siedlungsorte der Nachfahren der Philister, die als Seevölker nach Palästina gelangten (nach anderer Überlieferung wurden hier auch gefangene Gallier durch die Römer angesiedelt, Ritzer a.a.O.) –mit im Gepäck die imposanten Kessel (Symbol der Weiblichkeit ?), die auch in der Bibel beschrieben werden . Diese Philister waren als Teil der Seevölker europäische Einwanderer, deren Verständnis der Frau eine traditionell hochstehende Rolle einräumte –hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis der Handlungen des Königs Herodes, der in Jesus angesichts dessen kontinuierlicher Angriffe auf die herrschende Form des Judentums – insbesondere dessen Kritik an den jüdischen Händlern sowie den jüdischen Pharisäern und Schriftgelehrten – einen Gefahrenherd für seine Stellung sah, während der römische Statthalter Pontius Pilatus, die Verurteilung Jesu lediglich absegnete. Wenn es sich bei Jesus jedoch um einen Judäer gehandelt hätte, so wäre er niemals gekreuzigt worden –was die römische Art der Vollstreckung des Todesurteils darstellte-, denn die Verurteilung von Juden bzw. die Vollstreckung der Strafe oblag trotz römischer Besatzung weiterhin Herodes.Bestärkt wird diese Annahme durch die einzig mögliche Herleitung der Erblinie über Maria, die Mutter Jesu, da Josef offensichtlich nicht der leibliche Vater war. Hier wies jüngst Michael Ritzer auf das für eine gläubige Jüdin unvorstellbare Verhalten gegenüber den drei Weisen aus dem Morgenland hin (Alte Kulturen Spezial 23/210):

Diese waren der Überlieferung zufolge kundige Magier, bzw. Sterndeuter vermutlich aus Babylon, somit Heiden und dennoch ließ Maria sie am Geburtsbett Jesu ihre Verheißungen verkünden.Nichtsdestotrotz bietet der Roman eine Fülle von Belegen und Hinweisen auf die heidnischen Traditionen innerhalb des Christentums und die tatsächliche, der christlichen Kirche allzu menschliche Rolle Jesu als Dynastiegründer, jedoch nicht einer jüdischen die sich etwa in den Merowingern enthalten habe (Baigent/ Leigh: Der heilige Gral und seine Erben), sondern einer europäischen deren Traditionen in den megalithischen (und den sich aus gleicher Quelle speisenden ägyptischen Kulten des Horus und der Isis – siehe hierzu Ritzer) Kulten zu suchen sind – ohne hier mythologischen Spekulationen vorbehaltlos zu folgen, sei hier auch ein Verweis auf eine Bibelstelle erlaubt, die in neueren Ausgaben der entstellt wiedergegeben wird: „Das Reich Gottes wird von Euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, das seine Frucht bringen wird“ (Math. 21,43)
Dieses Gespräch Jesu mit jüdischen Schriftgelehrten, in welchem Jesu die Übertragung der Königswürde auf ein anderes Volk prophezeite, wird in anderer Überlieferung gegenüber einem römischen Legionär germanischer Herkunft geführt. Durch diese Prophezeiung wäre ein für die christliche Kirche noch verheerenderer Umstand eingetreten, den man kirchlicherseits eher fürchten zu hatte, als die Vorstellung einer legitimierten jüdischen Erblinie des Christentums: nämlich eine (Rück -) Übertragung des christlichen Erbes – symbolisiert im heiligen Gral als dem Schoß der Urmutter – in europäisch – germanische Hände.

DER JESUS VON NAZARETH

Germanenherz Die Christianisierung

Die Geschichtlichkeit eines „Jesus von Nazareth“ läßt sich nicht erweisen und selbst die theologische Forschung gesteht dies mehr oder weniger unumwunden zu. Sie zieht sich auf den schwankenden Standpunkt einer „Kulterzählung“ zurück, ohne indes irgendwie und irgend etwas an der Offenbarungseigenschaft der Evangelien aufgeben zu wollen. Die Geschichtlichkeit aber des palästinischen Christus verliert alle
Wahrscheinlichkeit schon durch den Umstand, daß das Volk der Juden, in das er hineingeboren worden sein soll, ebensowenig als Volk bestand, jedenfalls niemals in dem Sinne der fragwürdigen Überlieferung des alten Testamentes. Es ist schon von anderer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Juden, wie heute, auch schon damals kein Volk bildeten, das mit seinen Wurzeln in einem Heimatboden haftete, sondern von jeher nur aufgepfropft erschien auf anderen, sozusagen echten Völkerschaften. So rastete es auch eine Zeitlang in Palästina mit einer herrschend gewordenen Schicht von Priestern. Wir behaupten, daß der Name der Juden von dem Namen der Goten, der Guten, abgeleitet werden muß: Gute- Gote, in der Vernichtung des Begriffes: Jote-Jude!

Selbstverständlich muß in einem „ausgewählten“ Volke der „Guten“, der Goten, auch der Heiland, der Menschenführer erstehen, was die klare mythische Gestalt eines Christus von selbst fordert. Nur daß ein solches Geschehnis niemals zu irgendeiner behaupteten Zeit in Palästina bei den „Juden“ erfolgte, sondern, wenn überhaupt, vor undenklichen Zeiten bei jenem Volke Gottes, nämlich der Goten im Norden, von denen die geschichtlichen Goten die Nachkommen sind, die uns auch die älteste Übersetzung des Alten und des Neuen Testamentes, heute in Bruchstücken, hinterließen.

Wie diese Dinge eigentlich liegen, ist noch längst nicht geklärt, aber es müßte schon bedenklich stimmen, daß Herodot, der größte bekannte Geschichtschreiber des Altertums, um 460 vor unserer Zeitrechnung, von einem Volke der Juden oder ihrem Staate nichts zu berichten weiß. Hätte dieses Volk die Bedeutung gehabt, die uns seine vielfach übertriebene und gefälschte Geschichte vortäuscht, so wäre Herodot nicht mit Stillschweigen darüberhinweg gegangen. Die Juden spielten eine ähnliche Rolle in Handel und Verkehr des Altertums wie heute noch. Wir hören jetzt wieder von den Versuchen der Juden, sich in Palästina ein völkischjüdisches Staatsgebilde zu schaffen. Es würde nur aufzurichten sein mit fremder Hilfe und auf dem Rücken einer eingeborenen Bevölkerung, heute wie damals, als die eingeborenen nichtjüdischen, zum Teil arischen Stämme noch Galiläer, Samariter, Edomiter, Syrier, Phönizier und Philister hießen.

Es ist darum nicht verwunderlich, wenn Herodot alle alten bodenverwachsenen Völker aufzählt; Griechen, Perser, Phöniker, Meder, Phrygier, Ägypter, Germanen, Araber, Äthiopier, Inder, Babylonier, Assyrer, Skythen, Sarmaten, Massageten und von ihrer Kultur und ihrer Geschichte spricht, aber mit keinem Worte ein Volk oder einen Staat der Juden angibt. Kommt er auf Palästina zu sprechen, erwähnt er nur, daß es damals von Syriern bewohnt sei. Wenn von den Juden in alten Berichten gesprochen wird, außer in dem eigenen geschichtlich ganz anders zu wertenden Alten Testament, so nur in einer lebhaften Abwehr, die ihren Grund hat in der alle seßhaften Völker befremdenden Tatsache, daß die Juden als einziges unter den Völkern nicht für sich auf eigenem Boden wohnen noch je gewohnt haben. Der echte Nomade scheidet hier als Vergleich völlig aus, denn er lebt ebenso gesetzmäßig und „seßhaft“ auf einem bestimmt umgrenzten
Landstrich wie die anderen bodenständigen Völker, nur mit dem Unterschied, daß er nach altgewohnten wirtschaftlichen und klimatischen Notwendigkeiten auf ihm herumzieht, um seine Herden zu ernähren, niemals aber planlos und willkürlich, während die Juden damals und heute, in keinem Boden jemals verwurzelt, mit der Verlegung des wirtschaftlichen Schwergewichts von Land zu Land wandern. Die Geschichtlichkeit der Gestalt des Jesus läßt sich sicherlich am allerwenigsten aus der Geschichte der Juden belegen.

Arier und Jude sind Gegensätze. Wir treten, um diese Wahrheit auszusprechen, gar nicht erst auf den staubigen Kampfplatz politischer Leidenschaften oder wirtschaftlicher Gegensätze. Wir sprechen eine Tatsache aus, die allen Ehrlichen aus beiden Lagern ganz selbstverständlich erscheint. Das Christentum ist, so wie die Verhältnisse heute liegen, eine ganz ausschließliche Eigenschaft arischer oder mehr oder weniger arisch beeinflußter Völker geworden. Jedenfalls erhält sich das Christentum als Religion und Bekenntnis auf einer höheren Betrachtungsebene nur in den germanischen Ländern. Es muß etwas im Urgrunde des Christentums liegen, und sei dies selbst erst nach seiner Berührung mit den Germanen hineingedacht, was ihnen verwandt ist, während das Judentum sich über fast zwei Jahrtausende hinweg dem Christentum und seinem angeblichen Begründer feindlich erweist. Es ist darum schwer faßlich, wie sich eine Meinung bilden konnte, daß Christus ein Jude gewesen sei. Alles innere Wissen, alles Ge-Wissen spricht gegen eine solche Annahme, so daß es wenig auf sich hat, wenn man einige Stellen des Neuen Testamentes im bezweifelten Sinne erklären möchte, andere Stellen wiederum zeigen den Jesus von Nazareth als den ausgesprochenen Gegensatz des Juden und jüdischer Geistesverfassung. Diese Widersprüche liegen eben in der Schwäche aller schriftlichen Überlieferung und warnen vor einer allzu wörtlichen Anlehnung an jeden veränderlichen Text.

Es kann nur von völlig Christus-Gleichen, wenn wir das Gebild, das Inund Sinnbild dieses Christus-Inneren uns zu eigen machen, verstanden und begriffen werden, daß dieser Christus niemals Jude gewesen sein kann, sofern wir seine Gestalt für eine Wirklichkeit zu nehmen bereit sind. Wären die Juden von gestern und heute dieser Überzeugung selbst, daß dieser Christus einer ihresgleichen war, so hätten sie gewiß den Irrtum seiner Tötung mit Freuden schon längst wettgemacht durch den Übergang zu seiner Lehre. Wenn sie trotzdem den Jesus von Nazareth für sich in Anspruch nehmen, tun sie es aus rassepolitischer Klugheit, weil nichts so sehr ihre geistige und wirtschaftliche Herrschaft über ihre christlichen Wirtsvölker befestigt als die vermeintliche Zugehörigkeit dieses „Christus“ zum Volke der Juden. Darum wurde diesem Volke schon vieles verziehen, was Strafe, Zurückweisung oder Vergeltung gefordert hätte. Unter sich aber sprechen sie nach dem Beispiel ihrer zahllosen Schriften nur in den abfälligsten Worten über ihn und schimpfen ihn den „Gehenkten“ und den Sohn einer Hure.

Ich erwähne diese Umstände hier nicht in solcher Ausführlichkeit, um Haß und Mißverständnis auf beiden Seiten weiter zu schüren, sondern um Einsicht und Verständnis für eine ungeheuer wichtige Frage zu schaffen, die keinen Unfrieden mehr stiften wird, von dem Augenblicke an, in dem sie einigermaßen geklärt erscheint und mit Wahrhaftigkeitsmut behandelt wird.

Nur ein gänzlich verdunkeltes Christentum kann noch einen volksjüdischen Christus verteidigen. Wenn die Menschen ernsthaft nachdenken wollten, so müßten sie sich sagen, daß sie hier gar nicht mit irdischen Maßstäben messen dürfen. Nach den Glaubenslehrsätzen der Kirche ist der Christus vom heiligen Geist empfangen und von einer Jungfrau Maria geboren. Eine Abstammung aus dem Judentum wird also gar nicht vorausgesetzt, wenigstens nicht von Vaterseite her. Da Maria schließlich als „Gottesmutter“ auftritt, so ist ihre Herkunft aus dem volksjüdischen Stamme nicht einwandfrei. Hätte es überhaupt einen Sinn, wenn die Juden einen Juden gekreuzigt hätten? Das tun die Juden nie! Das liegt nicht in ihrem Wesen, das sicher eine beachtens- und nachahmungswerte Eigenschaft aufweist, den völkisch-rassischen Zusammenhang. Wenn sie den „Heiland der Welt“ töteten, dann töteten sie damit nichts in sich oder von sich selbst, sondern im Gegenteil den Geist, der sie stets verneinte. Christus war kein Jude, sondern als ein „Sohn Gottes“ sicher sein Ebenbild, das wir heute füglich im arischen Menschen sehen und das so von jeher bei andern Völkern auch gesehen wurde. Es ist undenkbar, sich einen griechischen Apollo als Juden, als Neger, als Angehörigen irgendeiner Mischrasse zu denken, einschließlich der Griechen von heute, die auch nicht einen Mann oder eine Frau mehr aufweisen von jener Rasse, die das Vorbild zu einem Zeus, einem Herakles, einer Venus von Milo oder einer Athene gab. Es ist ganz ersprießlich, solchen Gedankengängen nachzugehen, weil sie unsere geistige Vorstellungskraft beschwingen und mehr zur Beseitigung von falschen Annahmen beitragen als lange „gelehrte“ Abhandlungen.

Selbst der Heilige muß blond sein, griechisch xanthos, um ein Sanctus werden zu können und zu bleiben. Also blond und heilig (heil-ig ist, wer ein heiles Ich hat), entspringen derselben arischen Wortwurzel. Tausende von erleuchteten Künstlern des Mittelalters, dem man noch keine rassekundlichen Kenntnisse zutraut, haben den Christus als den Gottmenschen, den arischen Sonnenmenschen geschaut, geschildert, gezeichnet und gemalt und in Holz, Ton, Erz und Stein gebildet. Tausende begnadeter Künstler haben Maria als die stolze, schöne Mutter irgendeines arischen holden blonden Gotteskindes gemalt und nachgebildet. Nie wäre es einem solchen Meister beigekommen, den „Herrn“, den Sohn Gottes, den Welterlöser als einen Juden, die Himmelskönigin als eine Jüdin darzustellen.

In der Bibliothek des Vatikans befindet sich ein Brief eines gewissen Publius Lentulus, des angeblichen Vorgängers des Pontius Pilatus. Dieser römische Prokonsul in Palästina schreibt in dem Briefe, der zur Zeit des Tiberius an den Senat von Rom gerichtet sein soll: „Es erschien und lebt in diesen Tagen unter uns ein Mann von merkwürdiger Tugend, den einige, die ihn begleiten, einen Sohn Gottes nennen. Er heilt die Kranken und läßt die Toten wieder auferstehen. Er ist wohlgebildet von Gestalt und zieht die Blicke auf sich. Sein Antlitz flößt Liebe und zugleich Furcht ein. Seine Haare sind lang und blond, glatt bis an die Ohren und von den Ohren bis zu den Schultern leicht gelockt. Ein Scheitel teilt sie auf der Mitte des Hauptes und jede Hälfte fällt seitwärts nach dem Brauche von Nazareth. Die Wangen sind leicht gerötet, die Nase ist wohlgeformt. Er trägt einen Vollbart von derselben Farbe wie das Haar, aber etwas heller und in der Mitte geteilt. Sein Blick strahlt Weisheit und Reinheit aus. Die Augen sind blau, von Strahlen verschiedenen Lichtes durchleuchtet. Dieser Mann, der gewöhnlich in der Unterhaltung liebenswürdig ist, wird schrecklich, wenn er gezwungen wird, zu tadeln. Aber auch in diesem Falle geht von ihm ein Gefühl klarer Sicherheit aus.

Niemand hat ihn je lachen sehen, dagegen oft weinen. Sein Wuchs ist normal, die Haltung gerade, seine Hände und Arme sind von solcher Schönheit, daß ihr Anblick Freude bereitet. Der Ton seiner Stimme ist ernst. Er spricht wenig. Er ist bescheiden. Er ist schön, wenn ein Mann schön sein kann. Man nennt ihn Jesus, Sohn der Maria.“ Die Stellen, die von vornherein den Stempel der Fälschung tragen, sind durch Bogen-Schrift gekennzeichnet. Ob die Urkunde überhaupt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Gestalt und das Aussehen eines rein arischen Menschen ist mit großem Geschick geschildert. Daß der Gottmensch das göttliche Lachen nicht kennte, wäre, nach diesem Bilde, sein größter Fehler. Hier verließ den Schreiber das reine Gefühl. Im Vatikan befinden sich noch unersetzliche und unbekannte Urkunden, so daß das Vorhandensein einer ähnlichen, wie dieser Brief, an sich durchaus wahrscheinlich ist. Nehmen wir die Urkunde als echt an, so sehen wir klar, daß jener Eingeweihte, jener „Christos“ der alten Mysterien in Palästina ein Sproß der arischen Restbevölkerung war, der sich vergeblich bemühte, den arischen Geist im Mischvolke zu beleben und darum von den herrschenden Juden getötet werden konnte. Mit dem Christos, dem HARISTOS, dem kosmischen „Gottessohne“ hat er nichts weiter zu tun, als daß er ihn wohl auffaßte und lehrte, wie wir es auch tun. Das menschliche Bild des „Heilandes“ ist jedenfalls ganz das, wie es die mittelalterlichen Maler wie auf Übereinkunft dargestellt haben, und neuere Bilder, die nach dieser Beschreibung entworfen wurden, beweisen zur Genüge, daß im allgemeinen Bewußtsein der „Jesus Christus“ als ein Mensch reinster arischheldischer Rassenerscheinung und nicht als ein mehr oder weniger deutlicher Jude weiterlebt. Die ersten dunkeläugigen und schwarzhaarigen Darstellungen des Christus als eines mittelländischsemitisierenden Proletariers stammen von Malern aus der Renaissance, die bewußt den göttlichen Weg der Kunst verließen und schließlich die Auflösung jeder sakralen Haltung in der Malerei der Moderne vorbereiteten.

Die Bedeutung des Lentulus-Berichtes und der nach ihm, meist ohne seine Kenntnis ganz entsprechend gefertigten Bilder liegt in der Betonung eines Rassebildes, daß die äußerste Hochzüchtung des arischen Gottmenschen in seiner vergeistigten Gestalt darstellt. Dieser Christus ist das Urbild der kommenden sechsten Rasse, die dem Göttlichen, dem GottÄhnlichen um einen Schritt nähertritt. Solche Beziehungen bezeugen mehr als irgendwelche anderen geschichtlichen Nachweise das Christentum, das ja nur ein Ableger der alten arischen Mysterienlehre ist, als eine ausgesprochene Rassenreligion, also Rata-Ra-dix-Wurzel-Religion, die jede Religion sein muß, wenn sie dem Ziele der Vergöttlichung, der Vergötterung, der Vergottung der Menschheit dienen will. Erst in unserer Zeit haben von ihrem Gotte gänzlich Verlassene es gewagt, Christus als Niederrassigen darzustellen, im Vertrauen darauf, bei Gleichgesinnten Beifall zu finden. Mögen sie es tun! Sie zeigen sich als Hörige des Anti-Christes! Nicht der „Höchste“ hängt am Kreuze dann, vom „Niedersten“ gekreuzigt, sondern der Schlechteste, der Schlechtweggekommenste, der sein Schicksal anklagt, weil er noch nicht weiß, daß alles Schlechtweggekommensein eigene Schuld ist, eigene Last aus früheren Verkörperungen. Weil aber ein jeder Geist nur dem Geiste gleicht, den er begreift, so will er seinen Gott nach seinem Bilde, und darüber ist füglich nicht zu rechten und nicht zu richten. Ein Künstler bildet in allen seinen Werken schließlich nur sich selbst, stellt sein Selbst aus sich heraus. Es bleibt denn nur die Frage offen, ob wir im Antlitz eines arischen „Jesus“ ein Spiegelbild, einen Abglanz Gottes erkennen wollen oder in den Gesichtszügen eines Buschmannes.

Es liegt uns wahrlich wenig daran, einen Beweis zu führen, daß geographisch, geschichtlich und rassenwissenschaftlich gesehen, Christus als ein angeblicher Galiläer kein Jude gewesen sein kann, weil jahrhundertelang Galiläa von Juden vollkommen entblößt war. Uns kommt es auf den inneren Wahrheitgehalt an, auf die Untrüglichkeit eines geistigen Erkennens aus göttlichem Urgrunde, daß das Heil, die Geburt des Heilandes nicht aus dem kommen kann, was die Welt als das „Jüdische“, die Edda als das „Jotische“ im Gegensatz zum „Gotischen“ bezeichnen, sondern aus dem reinen Gegensatz zu eben diesem Jüdischen und Jotischen. Und allein aus diesem Grunde muß jeder Heiland „unter“ irgendwelchen „Juden“ geboren werden, selbst ein Nicht-Jude, denn hier nur kann er seinen Verräter finden, seinen Judas Ischariot, seinen Henker, hier muß er seinen Tod leiden, der ihm von Seinesgleichen niemals geworden wäre. Allen „Juden“ war noch im letzten Augenblick die Wahl gegeben zwischen ihm, dem Nicht-Juden und Barnabas, dem Volksgenossen, aber alle „Juden“ aller Zeiten forderten von jeher die Freigabe eines Barnabas, weil er ein Verworfener, ein Mörder ist. Das heißt eine Symbolsprache, wie sie deutlicher und überzeugender nicht reden könnte.

Wer in der feinen, wohlverstandenen Lehre und in dem reinen, wohlbestandenen „Leben“ des „Christus“ Jüdisches sieht, findet auch sonst aus den Finsternissen seines Menschenunglücks nie wieder heraus, er vermehrt noch alles Unheil auf Erden durch sein Nichtwissen, sein Falschraten. So viele Menschen haben kein Unterscheidungsvermögen, ihre Zunge ist wie ein Reibeisen, sie schmeckt und kostet nichts, ihre Seele ist ein lederner Sack, die nie noch zu einem Höhenfluge sich erhob. Es wäre nun ebenso falsch, den „Christus“ einen Arier zu nennen, denn der Christus ist das „Wort“, der „Logos“, kein Mensch oder Gott zu irgendeiner irdischen Zeit an irgendeinem irdischen Ort. Wir lassen die Möglichkeit eines Eingeweihten offen, der zur angegebenen Zeit in Palästina öffentlich aufgetreten ist. Der hätte mit dem Krist-all isationsgedanken des Welt-Kristes, des Welt-Gerüstes nicht mehr und nicht weniger zu tun als wir alle, die wir eines guten Willens sind. „Christen“ nannten sich im alten Griechenland alle in die Mysterien Eingeführten, die einen höheren Grad in den Geheimbünden bekleideten, und der griechische Ausdruck wurde übernommen und übertragen schließlich auf alle, die der offenbarten Geheimlehre, aus deren gewaltigen Trümmern das frühe Christentum seine Bausteine holte, anhingen.

Darum schrieb noch um 70 n. Chr. der Jude Philo von den „Christen“, sie seien noch nicht Christen, d. h. in die innersten Mysterien Eingeweihte, sondern erst Chresten, d. h. noch Außenstehende. Der Unterschied liegt in der Bedeutung der beiden Vokale I und E, die das Innere beziehungsweise das Äußere schon in ihrem Klangwerte andeuten.

ergänzend: Die christliche Lehre kam aus dem Norden. und hier VON BÜCHERN, DIE DEN GEIST UND DEN LEIB TÖTEN .und hier Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums .und hier Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld und hier Die Christianisierung und hier Zur Unglaubwürdigkeit des Judäo-Christentums und hier Die Christianisierung Nordgermaniens und hier Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

Tacitus üder die Germanen

Publius Cornelius Tacitus Publius Cornelius Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) war ein bedeutender römischer Historiker und Senator.
De origine et situ Germanorum
Die Germania
Allgemeiner Teil 1-46

Lage des Landes, Herkunft der Bewohner, Religion, Sitten und Bräuche, die allen Germanen gemeinsam sind. 

1. Germanien insgesamt ist von den Galliern, von den Rätern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch wechselseitiges Mißtrauen oder Gebirgszüge geschieden. Die weiteren Grenzen schließt das Weltmeer ein, breite Landvorsprünge und Inseln von unermeßlicher Ausdehnung umfassend: erst unlängst wurden einige Völkerschaften und Könige bekannt, zu denen der Krieg den Zugang eröffnet hat. Der Rhein, auf unzugänglicher und schroffer Berghöhe der Rätischen Alpen entspringend, wendet sich in mäßiger Biegung nach Westen und mündet sodann in das Nordmeer. Die Donau, einem sanften und gemächlich ansteigenden Rücken des Abnobagebirges entströmend, berührt eine Reihe von Völkern, ehe sie mit sechs Armen ins Schwarze Meer eindringt; eine siebte Mündung verliert sich in Sümpfen.

2. Die Germanen selbst sind, möchte ich meinen, Ureinwohner und von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Völker gänzlich unberührt. Denn ehemals kam nicht auf dem Landwege, sondern zu Schiff gefahren, wer neue Wohnsitze suchte, und das Weltmeer, das ins Unermeßliche hinausreicht und sozusagen auf der anderen Seite liegt, wird nur selten von Schiffen aus unserer Zone besucht. Wer hätte auch – abgesehen von den Gefahren des schrecklichen und unbekannten Meeres – Asien oder Afrika oder Italien verlassen und Germanien aufsuchen wollen, landschaftlich ohne Reiz, rauh im Klima, trostlos für den Bebauer wie für den Beschauer, es müßte denn seine Heimat sein. In alten Liedern, der einzigen Art ihrer geschichtlichen Überlieferung, feiern die Germanen Tuisto, einen erdentsprossenen Gott. Ihm schreiben sie einen Sohn Mannus als Urvater und Gründer ihres Volkes zu, dem Mannus wiederum drei Söhne; nach deren Namen, heißt es, nennen sich die Stämme an der Meeresküste Ingävonen, die in der Mitte Herminonen und die übrigen Istävonen. Einige versichern – die Urzeit gibt ja für Vermutungen weiten Spielraum – jener Gott habe mehr Söhne gehabt und es gebe demnach mehr Volksnamen: Marser, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das seien die echten, alten Namen. Die Bezeichnung Germanien sei übrigens neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen. Denn die ersten, die den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten, die jetzigen Tungrer, seien damals Germanen genannt worden. So habe der Name eines Stammes, nicht eines ganzen Volkes, allmählich weite Geltung erlangt: zuerst wurden alle nach dem Sieger, aus Furcht vor ihm, als Germanen bezeichnet, bald aber nannten auch sie selbst sich so, nachdem der Name einmal aufgekommen war.

3. Auch Herkules, berichtet man, sei bei ihnen gewesen, und sie singen von ihm als dem ersten aller Helden, wenn sie in den Kampf ziehen. Außerdem haben sie noch eine Art von Liedern, durch deren Vortrag, Barditus geheißen, sie sich Mut machen und aus deren bloßem Klang sie auf den Ausgang der bevorstehenden Schlacht schließen; sie verbreiten nämlich Schrecken oder sind selbst in Furcht, je nachdem es durch ihre Reihen tönt, und sie halten den Gesang weniger für Stimmenschall als für den Zusammenklang ihrer Kampfeskraft. Es kommt ihnen vor allem auf die Rauheit des Tones und ein dumpfes Dröhnen an: sie halten die Schilde vor den Mund; so prallt die Stimme zurück und schwillt zu größerer Wucht und Fülle an. Übrigens meinen einige, auch Odysseus sei auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in das nördliche Weltmeer verschlagen worden und habe die Länder Germaniens besucht. Asciburgium, ein heute noch bewohnter Ort am Ufer des Rheins, sei von ihm gegründet und benannt worden; eben dort will man sogar vor Zeiten einen dem Odysseus geweihten Altar gefunden haben, auf dem auch der Name seines Vaters Laertes stand, und noch heute gebe es im Grenzgebiet zwischen Germanien und Rätien Grabdenkmäler mit griechischen Schriftzeichen. Ich habe nicht die Absicht, diese Angaben durch Gründe zu bestätigen oder zu widerlegen; jeder mag ihnen nach seinem Gutdünken Glauben schenken oder nicht.

4. Ich selbst schließe mich der Ansicht an, daß sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist. Daher ist auch die äußere Erscheinung trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. Für Strapazen und Mühen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf, und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima oder Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet.

5. Das Land zeigt zwar im einzelnen einige Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck. Gegen Gallien hin ist es reicher an Regen, nach Noricum und Pannonien zu windiger. Getreide gedeiht, Obst hingegen nicht; Vieh gibt es reichlich, doch zumeist ist es unansehnlich. Selbst den Rindern fehlt die gewöhnliche Stattlichkeit und der Schmuck der Stirne; die Menge macht den Leuten Freude, und die Herden sind ihr einziger und liebster Besitz. Silber und Gold haben ihnen die Götter – ich weiß nicht, ob aus Huld oder Zorn – versagt. Doch will ich nicht behaupten, daß keine Ader Germaniens Silber oder Gold enthalte; denn wer hat nachgeforscht? Besitz und Verwendung dieser Metalle reizt sie nicht sonderlich. Man kann beobachten, daß bei ihnen Gefäße aus Silber, Geschenke, die ihre Gesandten und Fürsten erhalten haben, ebenso gering geachtet werden wie Tonkrüge. Allerdings wissen unsere nächsten Nachbarn wegen des Handelsverkehrs mit uns Gold und Silber zu schätzen, und sie kennen bestimmte Sorten unseres Geldes und nehmen sie gern; doch im Innern herrscht noch einfacher und altertümlicher der Tauschhandel. Von unseren Münzen gelten bei ihnen die alten und seit langem bekannten, die gezahnten und die mit dem Bilde eines Zweigespanns. Silber schätzen sie mehr als Gold, nicht aus besonderer Vorliebe, sondern weil sich der Wert des Silbergeldes besser zum Einkauf alltäglicher, billiger Dinge eignet.

6. Auch an Eisen ist kein Überfluß, wie die Art der Bewaffnung zeigt. Nur wenige haben ein Schwert oder eine größere Lanze. Sie tragen Speere oder, wie sie selbst sagen, Framen, mit schmaler und kurzer Eisenspitze, die jedoch so scharf und handlich ist, daß sie dieselbe Waffe je nach Bedarf für den Nah- oder Fernkampf verwenden können. Selbst der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Fußsoldaten werfen auch kleine Spieße, jeder mehrere, und sie schleudern sie ungeheuer weit: sie sind halb nackt oder tragen nur einen leichten Umhang. Prunken mit Waffenschmuck ist ihnen fremd; nur die Schilde bemalen sie mit auffallenden Farben. Wenige haben einen Panzer, kaum der eine oder andere einen Helm oder eine Lederkappe. Ihre Pferde zeichnet weder Schönheit noch Schnelligkeit aus. Sie werden auch nicht, wie bei uns, zu kunstvollen Wendungen abgerichtet; man reitet geradeaus oder mit einmaliger Schwenkung nach rechts, und zwar in so geschlossener Linie, daß niemand zurückbleibt. Aufs ganze gesehen liegt ihre Stärke mehr beim Fußvolk; daher kämpfen sie auch in gemischten Verbänden. Hierbei paßt sich die Behendigkeit der Fußsoldaten genau dem Reiterkampfe an: man stellt nur Leute vor die Schlachtreihe, die aus der gesamten Jungmannschaft ausgewählt sind. Auch ist ihre Zahl begrenzt: aus jedem Gau sind es hundert, und eben hiernach werden sie bei den Ihren genannt, und was ursprünglich nur eine Zahlbezeichnung war, gilt nunmehr auch als Ehrenname. Zum Kampfe stellt man sich in Keilen auf. Vom Platz zu weichen, wenn man nur wieder vordringt, hält man eher für wohlbedacht, nicht für feige. Ihre Toten bergen sie auch in unglücklicher Schlacht. Den Schild zu verlieren, ist eine Schmach ohnegleichen, und der so Entehrte darf weder an Opfern teilnehmen noch eine Versammlung besuchen, und schon mancher, der heil aus dem Kriege zurückkehrte, hat seiner Schande mit dem Strick ein Ende gemacht.

7. Könige wählen sie nach Maßgabe des Adels, Heerführer nach der Tapferkeit. Selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt, und die Heerführer erreichen mehr durch ihr Beispiel als durch Befehle: sie werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, wenn sie sich auszeichnen, wenn sie in vorderster Linie kämpfen. Übrigens ist es nur den Priestern erlaubt, jemanden hinzurichten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, und sie handeln nicht, um zu strafen oder auf Befehl des Heerführers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die, wie man glaubt, den Kämpfenden zur Seite steht. Deshalb nehmen die Germanen auch gewisse Bilder und Zeichen, die sie aus den heiligen Hainen holen, mit in die Schlacht. Besonders spornt sie zur Tapferkeit an, daß nicht Zufall und willkürliche Zusammenrottung, sondern Sippen und Geschlechter die Reiterhaufen oder die Schlachtkeile bilden. Und ganz in der Nähe haben sie ihre Lieben; von dorther können sie das Schreien der Frauen, von dorther das Wimmern der Kinder vernehmen. Ihr Zeugnis ist jedem das heiligste, ihr Lob das höchste: zur Mutter, zur Gattin kommen sie mit ihren Wunden, und jene zählen oder prüfen ohne Scheu die Stiche; auch bringen sie den Kämpfenden Speise und Zuspruch.

8. Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es heißt, von den Frauen wieder zum Stehen gebracht: durch beharrliches Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis auf die nahe Gefangenschaft, die den Germanen um ihrer Frauen willen weit unerträglicher und schrecklicher dünkt. Aus diesem Grunde kann man einen Stamm noch wirksamer binden, wenn man unter den Geiseln auch vornehme Mädchen von ihm fordert. Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zur Zeit des verewigten Vespasian erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen müßten.

9. Von den Göttern verehren sie am meisten den Merkur (Wodan); sie halten es für geboten, ihm an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen. Herkules (Donar) und Mars (Zio) stimmen sie durch bestimmte Tiere gnädig. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Worin der fremde Kult seinen Grund und Ursprung hat, ist mir nicht recht bekannt geworden; immerhin beweist das Zeichen der Göttin – es sieht wie eine Barke aus -, daß der Kult auf dem Seewege gekommen ist. Im übrigen glauben die Germanen, daß es der Hoheit der Himmlischen nicht gemäß sei, Götter in Wände einzuschließen oder irgendwie der menschlichen Gestalt nachzubilden. Sie weihen ihnen Lichtungen und Haine, und mit göttlichen Namen benennen sie jenes geheimnisvolle Wesen, das sie nur in frommer Verehrung erblicken.

10. Auf Vorzeichen und Losorakel achtet niemand so viel wie sie. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden von einem fruchttragenden Baum einen Zweig ab und zerteilen ihn in kleine Stücke; diese machen sie durch Zeichen kenntlich und streuen sie planlos und wie es der Zufall will auf ein weißes Laken. Dann betet bei einer öffentlichen Befragung der Stammespriester, bei einer privaten der Hausvater zu den Göttern, hebt, gen Himmel blickend, nacheinander drei Zweigstücke auf und deutet sie nach den vorher eingeritzten Zeichen. Lautet das Ergebnis ungünstig, so findet am gleichen Tage keine Befragung mehr über denselben Gegenstand statt; lautet es jedoch günstig, so muß es noch durch Vorzeichen bestätigt werden. Und der verbreitete Brauch, Stimme und Flug von Vögeln zu befragen, ist auch hier bekannt; hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man in den erwähnten Hainen und Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute. Sie beachten noch eine andere Art von Vorzeichen; hiermit suchen sie den Ausgang schwerer Kriege zu erkunden. Sie bringen auf irgendeine Weise einen Angehörigen des Stammes, mit dem sie Krieg führen, in ihre Gewalt und lassen ihn mit einem ausgewählten Manne des eigenen Volkes, jeden in den Waffen seiner Heimat, kämpfen. Der Sieg des einen oder anderen gilt als Vorentscheidung.

11. Über geringere Angelegenheiten entscheiden die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit; doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammeshäuptern beraten. Man versammelt sich, wenn nicht ein zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran. Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester; sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt. Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab; findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der Zustimmung.

12. Vor der Versammlung darf man auch Anklage erheben und die Entscheidung über Leben und Tod beantragen. Die Strafen richten sich nach der Art des Vergehens: Verräter und Überläufer hängt man an Bäumen auf; Feiglinge und Kriegsscheue und Unzüchtige versenkt man in Sumpf und Morast, wobei man noch Flechtwerk darüber wirft. Die Verschiedenheit der Vollstreckung beruht auf dem Grundsatz, man müsse Verbrechen zur Schau stellen, wenn man sie ahnde, Schandtaten hingegen dem Blicke entziehen. Doch auch in leichteren Fällen entspricht die Strafe dem Vergehen: wer überführt wird, muß mit einer Anzahl von Pferden und Rindern büßen. Ein Teil der Buße kommt dem König oder dem Stamme zu, ein Teil dem Geschädigten selbst oder seinen Verwandten. In diesen Versammlungen werden auch Adlige gewählt, die in den Gauen und Dörfern Recht sprechen; einem jeden steht ein Geleit von hundert Mann aus dem Volke als Rat zugleich und zu größerem Ansehen bei.

13. Niemals, weder bei Sachen der Gemeinde noch bei eigenen, erledigen sie etwas anders als in Waffen. Doch darf keiner Waffen tragen, ehe ihn der Stamm für wehrfähig erklärt. Das geschieht in öffentlicher Versammlung: eines der Stammeshäupter oder der Vater oder Verwandte wappnen den jungen Mann mit Schild und Frame. Dies ist das Männerkleid der Germanen, dies die erste Zier der Jugend; vorher zählen sie nur zum Hause, von jetzt an zum Gemeinwesen. Hohe Abkunft oder große Verdienste der Väter verschaffen auch ganz jungen Leuten die Gunst eines Gefolgsherrn; sie werden den anderen zugesellt, die schon stärker und längst erprobt sind. Es ist auch keine Schande, unter den Gefolgsleuten zu erscheinen. Ja, innerhalb der Gefolgschaft gibt es sogar Rangstufen, nach der Bestimmung dessen, dem man sich anschließt. Und es herrscht lebhafter Wetteifer: der Gefolgsleute, wer die erste Stelle beim Gefolgsherrn einnimmt, und der Gefolgsherrn, wer das größte und tüchtigste Gefolge hat. So kommt man zu Ansehen, so zu Macht; stets von einer großen Schar auserlesener junger Männer umgeben zu sein, ist im Frieden eine Zier, im Kriege ein Schutz. Und nicht nur im eigenen Stamme, auch bei den Nachbarn ist bekannt und berühmt, wer sich durch ein zahlreiches und tapferes Gefolge hervortut. Denn ihn umwirbt man durch Gesandte und ehrt man durch Geschenke, und schon sein Ruf verhindert oft einen drohenden Krieg.

14. Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt: ihn zu schirmen und zu schützen, auch die eigenen Heldentaten ihm zum Ruhme anzurechnen, ist des Dienstes heiligste Pflicht. Die Herren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Herrn. Wenn der Heimatstamm in langer Friedensruhe erstarrt, suchen viele der jungen Adligen auf eigene Faust Völkerschaften auf, die gerade irgendeinen Krieg führen; denn Ruhe behagt diesem Volke nicht, und inmitten von Gefahren wird man leichter berühmt. Auch läßt sich ein großes Gefolge nur durch Gewalttat und Krieg unterhalten. Die Gefolgsleute erwarten nämlich von der Huld ihres Herrn ihr Streitroß, ihre blutige und siegbringende Frame. Denn die Mahlzeiten und die wenn auch einfachen, so doch reichlichen Schmausereien gelten als Sold. Die Mittel zu diesem Aufwand bieten Kriege und Raub. Und nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu holen; es gilt sogar für träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann.

15. Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten rühren sich nicht. Die Sorge für Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen; sie selber faulenzen. Ein seltsamer Widerspruch ihres Wesens: dieselben Menschen lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe. Es ist bei den Stämmen Brauch, daß jedermann freiwillig den Oberhäuptern etwas von seinem Vieh oder Korn überläßt; das wird als Ehrengabe angenommen und dient zugleich der Bestreitung des Notwendigen. Besondere Freude bereiten die Geschenke der Nachbarstämme, die nicht nur von einzelnen, sondern auch im Namen der Gesamtheit geschickt werden: erlesene Pferde, prächtige Waffen, Brustschmuck und Halsketten; wir haben sie schon dazu gebracht, auch Geld anzunehmen.

16. Daß die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja daß sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, daß die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendendweißen Erde, daß es wie Bemalung und farbiges Linienwerk ausssieht. Sie schachten auch oft im Erdboden Gruben aus und bedecken sie mit reichlich Dung, als Zuflucht für den Winter und als Fruchtspeicher. Derartige Räume schwächen nämlich die Wirkung der strengen Kälte, und wenn einmal der Feind kommt, dann verwüstet er nur, was offen daliegt; doch das Verborgene und Vergrabene bemerkt er nicht, oder es entgeht ihm deshalb, weil er erst danach suchen müßte.

17. Allgemeine Tracht ist ein Umhang, mit einer Spange oder notfalls einem Dorn zusammengehalten. Im übrigen sind sie unbekleidet; ganze Tage verbringen sie so am Herdfeuer. Nur die Reichsten haben noch Untergewänder, nicht wallende, wie die Sarmaten und Parther, sondern eng anliegende, die jedes Glied erkennen lassen. Man trägt auch Tierfelle, an Rhein und Donau wahllos, im Landesinneren anspruchsvoller; dort fehlt es an sonstigem Putz, wie ihn der Handel vermittelt. Diese Stämme bevorzugen die Felle bestimmter Wildarten; sie ziehen sie ab und besetzen sie mit Pelzstücken von Tieren, die der äußere Ozean und ein noch unbekanntes Meer hervorbringen. Die Frauen sind nicht anders gekleidet als die Männer nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen, die sie mit Purpurstreifen verzieren. Auch lassen sie den oberen Teil ihres Gewandes nicht in Ärmel auslaufen; Unter- und Oberarm sind nackt, doch auch der anschließende Teil der Brust bleibt frei.

18. Gleichwohl halten die Germanen auf strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen werden. Die Mitgift bringt nicht die Gattin dem Manne, sondern der Mann der Gattin. Eltern und Verwandte sind zugegen und prüfen die Gaben, und zwar Gaben, die nicht für die weibliche Eitelkeit und nicht zum Schmuck der Neuvermählten bestimmt sind, sondern Rinder und ein gezäumtes Roß und einen Schild mit Frame und Schwert. Für diese Gaben erhält der Mann die Gattin, die nun auch ihrerseits dem Manne eine Waffe schenkt. Das gilt ihnen als die stärkste Bindung, als geheime Weihe, als göttlicher Schutz der Ehe. Die Frau soll nicht meinen, sie stehe außerhalb des Trachtens nach Heldentaten und außerhalb des wechselnden Schlachtenglücks: gerade die Wahrzeichen der beginnenden Ehe erinnern sie daran, daß sie als die Genossin in Mühen und Gefahren kommt, bereit, Gleiches im Frieden, Gleiches im Kampf zu ertragen und zu wagen. Dies bedeuten die Rinder unter gemeinsamem Joch, dies das gerüstete Pferd, dies das Schenken von Waffen. Demgemäß solle sie leben, demgemäß sterben; ihr werde etwas anvertraut, was sie unentweiht und in Ehren an ihre Kinder weiterzugeben habe, was die Schwiegertöchter zu empfangen und wiederum den Enkeln zu vermachen hätten.

19. So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen. Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht “modern”. Besser noch steht es mit den Stämmen, in denen nur Jungfrauen heiraten und das Hoffen und Wünschen der Frau ein für allemal ein Ende hat. Nur einen Gatten bekommen sie dort, ebenso wie nur einen Leib und ein Leben; kein Gedanke soll weiter reichen, kein Verlangen darüber hinaus anhalten; nicht den Ehemann, sondern gleichsam die Ehe selbst sollen sie in ihm lieben. Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein Nachgeborenes zu töten, gilt für schändlich, und mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.

20. In jedem Hause wachsen die Kinder nackt und schmutzig zu diesem Gliederbau, zu dieser von uns bestaunten Größe heran. Die Mutter nährt ein jedes an der eigenen Brust, und man überläßt sie nicht Mägden oder Ammen. Herr und Knecht werden unterschiedslos ohne Zärtelei aufgezogen; unter demselben Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Zeit, bis das wehrhafte Alter die Freien absondert, ihre Tüchtigkeit sich geltend macht. Spät beginnt beim jungen Manne der Liebesgenuß, und so ist die Zeugungskraft ungeschwächt. Auch mit den Mädchen eilt man nicht; ebenso groß ist die Jugendfrische, ähnlich der hohe Wuchs: den Männern gleich an Alter und Stärke, treten sie in die Ehe ein, und die Kraft der Eltern kehrt in den Kindern wieder. Die Söhne der Schwestern sind dem Oheim ebenso teuer wie ihrem Vater. Manche Stämme halten diese Blutsbande für heiliger noch und enger und geben ihnen den Vorzug, wenn sie Geiseln empfangen, da man sich so die Herzen fester und die Sippe in weiterem Umfang verpflichte. Doch zu Erben und Rechtsnachfolgern hat jeder die eigenen Kinder, und Testamente gibt es nicht. Sind keine Kinder vorhanden, haben die Brüder und die Oheime väterlicher- wie mütterlicherseits die nächsten Ansprüche auf den Besitz. Je mehr Verwandte jemand hat, je größer die Zahl der Verschwägerten ist, desto reichere Ehren genießt er im Alter, und Kinderlosigkeit bringt keinerlei Vorteil.

21. Die Feindschaften des Vaters oder Verwandten ebenso wie die Freundschaften zu übernehmen, ist zwingende Pflicht. Doch bestehen die Fehden nicht unversöhnlich fort; denn selbst ein Totschlag kann mit einer bestimmten Anzahl Groß- und Kleinvieh gesühnt werden, und die ganze Sippe empfängt die Genugtuung. Das ist nützlich für die Allgemeinheit, weil Fehden bei der Ungebundenheit der Verhältnisse um so verderblicher sind. Der Geselligkeit und Gastfreundschaft gibt kein anderes Volk sich verschwenderischer hin. Irgend jemanden, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; nach Vermögen bewirtet ein jeder den Gast an reichlicher Tafel. Ist das Mahl aufgezehrt, so dient der bisherige Wirt als Wegweiser zu neuer Bewirtung und als Begleiter; ungeladen betreten sie den nächsten Hof. Doch das verschlägt nichts; mit gleicher Herzlichkeit nimmt man sie auf. Beim Gastrecht unterscheidet niemand zwischen bekannt und unbekannt. Dem Davonziehenden pflegt man zu gewähren, was er sich ausbittet, und mit gleicher Unbefangenheit fordert man eine Gegengabe. Sie freuen sich über Geschenke, doch rechnen sie nicht an, was sie geben, und halten sie nicht für verpflichtend, was sie empfangen. Die tägliche Kost ist unter Gastfreunden Gemeingut.

22. Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist. Nach dem Waschen speisen sie; jeder hat einen Sitz für sich und einen eigenen Tisch. Dann gehen sie in Waffen an ihre Geschäfte und nicht minder oft zu Gelagen. Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande. Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen. Doch auch über die Aussöhnung mit Feinden, den Abschluß von Heiraten und die Wahl der Stammeshäupter, ja über Krieg und Frieden beraten sie sich vielfach bei Gelagen, als sei der Mensch zu keiner Zeit aufgeschlossener für unverstellte oder stärker entbrannt für erhabene Gedanken. Dieses Volk, ohne Falsch und Trug, offenbart noch stets bei zwanglosem Anlaß die Geheimnisse des Herzens; so liegt denn aller Gesinnung unverhüllt und offen da. Am folgenden Tage verhandeln sie nochmals, und beide Zeiten erfüllen ihren Zweck; sie beraten, wenn sie sich nicht zu verstellen wissen; sie beschließen, wenn sie sich nicht irren können.

23. Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der durch Gärung eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein erhält; die Anwohner von Rhein und Donau kaufen auch Wein. Die Kost ist einfach: wildes Obst, frisches Wildbret oder geronnene Milch: Ohne feine Zubereitung, ohne Gewürze vertreiben sie den Hunger. Dem Durst gegenüber herrscht nicht dieselbe Mäßigung. Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so konnte man sie leichter durch ihr Laster als mit Waffen besiegen.

24. Sie kennen nur eine Art von Darbietungen, und bei jeder Festlichkeit dieselbe: nackt stürzen sich junge Männer, denen das Vergnügen macht, im Sprunge zwischen Schwerter und feindlich drohende Framen. Die Übung hat Sicherheit, die Sicherheit Anmut bewirkt, doch nicht um Gewinn oder Entgelt: der einzige Lohn des noch so verwegenen Spiels ist das Vergnügen der Zuschauer. Das Würfelspiel betreiben sie seltsamerweise in voller Nüchternheit, ganz wie ein ernsthaftes Geschäft; ihre Leidenschaft im Gewinnen und Verlieren ist so hemmungslos, daß sie, wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen. Der Verlierer begibt sich willig in die Knechtschaft, mag er auch jünger, mag er kräftiger sein, er läßt sich binden und verkaufen. So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue. Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben, veräußern sie weiter, um auch sich selbst von der Peinlichkeit des Sieges zu befreien.

25. Sonst verwenden sie die Sklaven nicht wie wir, daß die Aufgaben unter das Gesinde verteilt wären: jeder schaltet auf eigenem Hofe, am eigenen Herd. Der Herr trägt ihm auf, eine bestimmte Menge Korn oder Vieh oder Tuch abzugeben, und nur so weit reicht die Gehorsamspflicht des Sklaven. Die übrigen Geschäfte des Hauses besorgen die Frau und die Kinder. Daß man einen Sklaven prügelt, fesselt und mit Zwangsarbeit bestraft, ist selten; oft schlägt man ihn tot, nicht um strenge Zucht zu wahren, sondern in der Hitze des Zorns, wie einen Widersacher – allerdings ist die Sklaventötung straffrei. Die Freigelassenen stehen nur wenig über den Sklaven; selten bedeuten sie etwas im Hause, nie im Gemeinwesen, mit Ausnahme der Stämme, denen Könige gebieten. Denn dort steigen sie über Freigeborene und selbst über Adlige hinaus; bei den übrigen Stämmen ist der niedere Rang der Freigelassenen ein Beweis für die allgemeine Freiheit.

26. Geldgeschäfte zu betreiben und auch mit den Zinsen zu wuchern, ist unbekan

nt, und deshalb ist man besser dagegen gefeit als wenn es verboten wäre. Ackerland nehmen sie in einem Ausmaß, das der Anzahl der Bebauer entspricht mit gesamter Hand füreinander in Besitz; dann teilen sie es nach ihrem Range unter sich auf. Die Weiträumigkeit der Feldmark erleichtert das Teilungsgeschäft. Sie bestellen Jahr für Jahr andere Felder und doch bleibt Ackerland übrig. Denn ihr Arbeitsaufwand wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und Ausdehnung des Bodens: sie legen keine Obstpflanzungen an noch umzäunen sie Wiesen oder bewässern sie Gärten; einzig Getreide soll der Boden hervorbringen. Deshalb teilen sie auch das Jahr nicht in ebenso viele Abschnitte ein. Für Winter, Frühling und Sommer haben sie Begriff und Bezeichnung; der Herbst ist ihnen unbekannt, der Name ebenso wie die Gaben.

27. Bei Totenfeiern meiden sie Prunk; nur darauf achten sie, daß die Leichen berühmter Männer mit bestimmten Holzarten verbrannt werden. Den Scheiterhaufen beladen sie nicht mit Teppichen oder Räucherwerk. Jeden begleiten die Waffen; einigen wird auch das Pferd ins Feuer mitgegeben. Über dem Grabe erhebt sich ein Rasenhügel; die Ehre hoher und kunstvoller Denkmäler lehnt man ab: sie sei eine Last für die Toten. Jammer und Tränen währen nur kurz, doch Schmerz und Trauer lange. Den Frauen ziemt Klage, den Männern stilles Gedenken.

Dies haben wir im allgemeinen über den Ursprung und die Sitten sämtlicher Germanen erfahren. Jetzt will ich die Einrichtungen und Bräuche einzelner Stämme, soweit sie anders sind, schildern und will berichten, welche Völkerschaften aus Germanien nach Gallien gewandert sind.

Stammeskundlicher Teil

28. Daß die Gallier einst überlegen waren, bezeugt ein Gewährsmann ersten Ranges, der göttliche Julius Cäsar. Man darf daher annehmen, daß auch Gallier nach Germanien hinübergezogen sind. Denn wie wenig hinderte der Strom, daß ein Stamm, der gerade erstarkt war neue Wohnsitze einnahm, wenn sie noch allgemein zugänglich und nicht unter königliche Gewalthaber aufgeteilt waren! So hausten zwischen dem herkynischen Walde, dem Rhein und dem Main die Helvetier und weiter ostwärts die Bojer, beides gallische Stämme. Der Name Boihämum ist bis heute geblieben und gibt Kunde von der Vorzeit des Landes, wenn auch die Bewohner gewechselt haben. Ob jedoch die Aravisker aus dem Gebiet der Oser, eines germanischen Stammes, nach Pannonien oder die Oser von den Araviskern aus nach Germanien gewandert sind – beide Völkerschaften haben noch heute dieselbe Sprache, dieselben Einrichtungen und Gebräuche – steht nicht fest; denn ehedem bot das Land nördlich wie südlich der Donau bei gleicher Armut und Unabhängigkeit dieselben Vorzüge und Nachteile. Die Treverer und Nervier rühmen sich allzusehr ihres Anspruchs auf germanische Herkunft, als schlösse schon ein solcher Adel des Blutes die Verwechslung mit gallischer Schlaffheit aus. Am Rheinufer selbst wohnen unzweifelhaft Germanenstämme: die Vangionen, Triboker und Nemeter. Auch die Ubier schämen sich ihres Ursprungs nicht, obwohl ihnen ihre Verdienste die Stellung einer römischen Kolonie eingebracht haben und sie sich lieber nach der Gründerin ihrer Stadt als Agrippinenser bezeichnen. Sie haben vor Zeiten den Rhein überschritten und wurden, da ihre Treue sich bewährte, unmittelbar am Ufer angesiedelt, als Wächter, nicht als Bewachte.

29. Von allen diesen Stämmen sind die Bataver am tapfersten. Sie bewohnen einen Streifen am linken Ufer und in der Hauptsache die Rheininsel. Ursprünglich ein Zweig der Chatten, zogen sie wegen inneren Zwistes in die jetzigen Wohnsitze, wo sie dem römischen Reiche einverleibt werden sollten. Die Ehre und Auszeichnung alter Bundesgenossenschaft hat bis heute Bestand; denn kein Zins demütigt sie, und kein Steuerpächter preßt sie aus. Frei von Lasten und Abgaben und einzig Kampfzwecken vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen für Kriege aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht der Stamm der Mattiaker. Denn die Hoheit des römischen Volkes hat sich auch jenseits des Rheines und jenseits der alten Reichsgrenzen Achtung verschafft. So haben sie Gebiet und Wohnsitz auf germanischer Seite, doch Herz und Gesinnung bei uns. im übrigen gleichen sie den Batavern, nur daß Bodenbeschaffenheit und Klima ihres Landes sie mit noch größerer Lebhaftigkeit begabt haben. Nicht zu den Völkerschaften Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die das Zehntland bebauen, wenn sie sich auch jenseits von Rhein und Donau angesiedelt haben; gallisches Gesindel und aus Not Verwegene eigneten sich den umstrittenen Boden an. Bald darauf wurden der Grenzwall angelegt und die Wachen vorgeschoben; seither gilt das Gebiet als Vorland des Reiches und Teil der Provinz.

30. Weiter nördlich beginnt mit dem herkynischen Walde das Land der Chatten; sie wohnen nicht in so flachen und sumpfigen Gebieten wie die übrigen Stämme, die das weite Germanien aufnimmt. Denn die Hügel dauern an und werden erst allmählich seltener, und so begleitet der herkynische Wald seine Chatten und endet mit ihnen. Bei diesem Volk sind kräftiger die Gestalten, sehnig die Glieder, durchdringend der Blick und größer die geistige Regsamkeit. Für Germanen zeigen sie viel Umsicht und Geschick: sie stellen Männer ihrer Wahl an die Spitze, gehorchen den Vorgesetzten, kennen Reih und Glied, nehmen günstige Umstände wahr, verschieben einmal einen Angriff, teilen sich ein für den Tag, verschanzen sich für die Nacht; das Glück halten sie für unbeständig und nur die eigene Tapferkeit für beständig. Und was überaus selten und sonst allein römischer Kriegszucht möglich ist: sie geben mehr auf die Führung als auf das Heer. Ihre Stärke liegt ganz beim Fußvolk, dem sie nicht nur Waffen, sondern auch Schanzzeug und Verpflegung aufbürden; andere sieht man in die Schlacht ziehen, die Chatten in den Krieg. Selten kommt es zu Streifzügen und nicht geplantem Kampf. Es ist ja auch die Art berittener Streitkräfte, rasch den Sieg zu erringen und rasch wieder zu entweichen; doch Schnelligkeit grenzt an Furcht, Zögern kommt standhaftem Mute näher.

31. Ein Brauch, der auch bei anderen germanischen Stämmen vorkommt, jedoch selten und als Beweis vereinzelten Wagemuts, ist bei den Chatten allgemein üblich geworden: mit dem Eintritt in das Mannesalter lassen sie Haupthaar und Bart wachsen, und erst, wenn sie einen Feind erschlagen haben, beseitigen sie diesen der Tapferkeit geweihten und verpfändeten Zustand ihres Gesichtes. Über dem Blut und der Waffenbeute enthüllen sie ihre Stirn und glauben, erst jetzt die Schuld ihres Daseins entrichtet zu haben und des Vaterlandes sowie ihrer Eltern würdig zu sein. Die Feigen und Kriegsscheuen behalten ihren Wust. Die Tapfersten tragen überdies einen eisernen Ring – sonst eine Schande bei diesem Stamme – wie eine Fessel, bis sie sich durch Tötung eines Feindes davon befreien. Vielen Chatten gefällt dieses Aussehen, und sie werden grau mit ihren Kennzeichen, von Freund und Feind gleichermaßen beachtet. Sie eröffnen jeden Kampf; sie sind stets das vorderste Glied, ein befremdender Anblick; denn auch im Frieden nimmt ihr Gesicht kein milderes Aussehen an. Keiner von ihnen hat Haus oder Hof oder sonstige Pflichten; wen immer sie aufsuchen, von dem lassen sie sich je nach den Verhältnissen bewirten; sie sind Verschwender fremden und Verächter eigenen Gutes, bis das kraftlose Alter sie zu so rauhem Kriegerdasein unfähig macht.

32. Den Chatten zunächst, wo der Rhein noch ein festes Bett hat und als Grenzscheide genügt, wohnen die Usiper und Tenkterer. Die Tenkterer überragen den üblichen Kriegsruhm durch ihre vorzüglich geschulte Reiterei, und ebenso großes Ansehen wie das Fußvolk der Chatten genießt die Reitertruppe der Tenkterer. So führten es die Vorfahren ein und halten es auch die Nachkommen; hierin besteht das Spiel der Kinder, hierin der Wetteifer der Jugend und die ständige Übung der Alten. Wie das Gesinde, der Wohnsitz und alle Rechte der Nachfolge vererben sich auch die Pferde; ein Sohn empfängt sie, doch nicht, wie alles andere, der Erstgeborene, sondern jeweils der Streitbarste und Tapferste.

33. In der Nähe der Tenkterer stieß man einst auf die Brukterer; jetzt sind wie es heißt, die Chamaver und Angrivarier dorthin gezogen. Denn die verbündeten Nachbarstämme hatten die Brukterer geschlagen und gänzlich ausgerottet, aus Erbitterung über ihren Hochmut oder aus Beutelust oder weil die Götter uns eine Gunst erzeigten; denn sie gewährten uns sogar das Schauspiel der Schlacht. Über Sechzigtausend sind dort gefallen, nicht durch römische Wehr und Waffen, sondern was noch erhebender ist, ganz zu unserer Augenweide. Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns so doch gegenseitiger Haß; denn bei dem lastenden Verhängnis des Reiches kann das Geschick nichts Besseres mehr darbieten als die Zwietracht der Feinde.

34. An die Angrivarier und Chamaver schließen sich südostwärts die Dulgubnier und Chasuarier an sowie andere, weniger bekannte Stämme; im Norden folgen die Friesen. Nach der Volkszahl unterscheidet man Groß- und Kleinfriesen. Beide Stämme werden bis zum Weltmeer hin vom Rhein eingesäumt und umgeben zudem unermeßliche Seen, auf denen schon römische Flotten gefahren sind. Ja, selbst auf das Weltmeer haben wir uns dort hinausgewagt, und wie die Kunde verbreitet, gibt es da noch Säulen des Herkules, mag der Held wirklich dorthin gelangt sein oder mögen wir uns angewöhnt haben, alles Großartige in der Welt mit seinem berühmten Namen zu verbinden. Auch hat es dem Drusus Germanicus an Wagemut nicht gefehlt, doch hat die See verhindert, daß man sich über sie und zugleich über Herkules Gewißheit verschaffte. Hernach hat sich niemand mehr getraut, und es galt für frömmer und ehrfürchtiger an die Taten der Götter zu glauben als von ihnen zu wissen.

35. Bis jetzt haben wir Germanien nach Westen hin kennengelernt; nach Norden springt es in riesiger Ausbuchtung zurück. Und sogleich an erster Stelle zieht sich der Stamm der Chauken, der bei den Friesen beginnt und einen Teil der Küste besitzt, an der Seite sämtlicher von mir erwähnter Stämme hin und reicht mit einem Zipfel bis ins Land der Chatten. Dieses unermeßliche Gebiet nennen die Chauken nicht nur ihr eigen, sie füllen es vielmehr auch aus, ein unter den Germanen sehr angesehener Stamm, der es vorzieht, seine Größe durch Rechtlichkeit zu behaupten. Frei von Habgier, frei von Herrschsucht, leben sie still und für sich; sie reizen nicht zum Kriege, sie gehen nicht auf Raub oder Plünderung aus. Das ist der vorzüglichste Beweis ihres Mutes und ihrer Macht, daß sie ihre Überlegenheit nicht auf Gewalttaten gründen. Doch haben alle die Waffen zur Hand, und sooft die Not es erfordert, steht ein Heer bereit, zahlreich an Männern und Pferden. Auch wenn sie Frieden haben, ist ihr Ruf der gleiche.

36. Als Nachbarn der Chauken und Chatten gaben sich die Cherusker unbehelligt einem allzu langen und erschlaffenden Frieden hin. Der brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit; denn es ist verfehlt, unter Herrschsüchtigen und Starken der Ruhe zu pflegen. Wo das Faustrecht gilt, sind Mäßigung und Rechtschaffenheit Namen, die nur dem Überlegenen zukommen. So werden die Cherusker, die einst die guten und gerechten hießen, jetzt Tölpel und Toren genannt; den siegreichen Chatten rechnet man das Glück als Klugheit an. Der Sturz der Cherusker riß auch die Foser mit sich, einen benachbarten Stamm; im Mißgeschick sind sie Bündner gleichen Rechts, während sie im Glück zurückstehen mußten.

37. In derselben Ausbuchtung, unmittelbar am Meere, wohnen die Kimbern, jetzt eine kleine Völkerschaft, doch gewaltig an Ruhm. Von der einstigen Geltung sind weithin Spuren erhalten, ausgedehnte Lagerplätze jenseits und diesseits des Rheines, an deren Umfang man jetzt noch die ungeheure Arbeitskraft dieses Stammes und die Glaubwürdigkeit des großen Wanderzuges ermessen kann. Sechshundertvierzig Jahre zählte unsere Stadt, als man unter dem Konsulat des Caecilius Metellus und Papinus Carbo zum ersten Male von den Waffentaten der Kimbern vernahm. Rechnen wir von da ab bis zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan, dann ergeben sich ungefähr zweihundertzehn Jahre: so lange schon wird Germanien besiegt! Im Verlauf dieser langen Zeit erlitten beide Seiten schwere Verluste. Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht die spanischen oder die gallischen Lande, ja nicht einmal die Parther machten öfter von sich reden: stärker noch als die Königsmacht des Arsakes ist das Freiheitsstreben der Germanen. Denn was kann uns der Osten weiter vorhalten als den Untergang des Crassus? Dafür büßte er seinerseits den Pacorus ein und mußte sich einem Ventidius beugen. Anders die Germanen; sie haben Carbo und Cassius und Scaurus Aurehus und Servihus Caepio und Maximus Malhus geschlagen oder gefangengenommen und so zugleich dem römischen Volke fünf konsularische Heere entrissen, ja sogar dem Kaiser Augustus den Varus und mit ihm drei Legionen, und nicht ohne eigene Verluste rang sie C. Manus in Italien, der göttliche Cäsar in Gallien, Drusus und Nero und Germanicus in ihrem eigenen Lande nieder; bald danach nahmen die ungeheuren Drohungen des Kaisers Gaius ein lächerliches Ende. Seitdem war Ruhe, bis die Germanen, unsere Zwietracht und den Bürgerkrieg ausnutzend, die Winterlager der Legionen erstürmten und selbst Gallien zu gewinnen suchten. Und nachdem sie von dort wieder vertrieben waren, hat man in jüngster Zeit Siege über sie mehr gefeiert als wirklich errungen.

38. Jetzt habe ich von den Sueben zu berichten. Sie sind nicht, wie die Chatten oder Tenkterer, ein einheitlicher Stamm; sie bewohnen nämlich den größeren Teil Germaniens und gliedern sich wieder in besondere Stämme mit eigenen Namen, wenn sie auch insgesamt als Sueben bezeichnet werden. Ein Kennzeichen des Stammes ist es, das Haar seitwärts zu streichen und in einem Knoten hochzubinden. So unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so bei ihnen selbst die Freien von den Sklaven. Auch andere Stämme kennen den Brauch, sei es durch Verwandtschaft mit den Sueben oder, wie es häufig geschieht, durch Nachahmung; doch befolgt man ihn selten und nur in der Jugendzeit. Bei den Sueben hingegen kämmen sie bis ins hohe Alter das widerstrebende Haar nach hinten und knüpfen es oft genau auf dem Scheitel zusammen; die Vornehmen tragen es noch kunstvoller. Das ist Schönheitspflege, aber von harmloser Art; denn nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, richten sie sich her, sondern um recht groß und furchtbar zu erscheinen, wenn sie in den Krieg ziehen: für das Auge des Feindes ist der Putz bestimmt.

39. Als die ältesten und vornehmsten Sueben betrachten sich die Semnonen. Den Glauben an ihr hohes Alter bestätigt ein religiöser Brauch. Zu bestimmter Zeit treffen sich sämtliche Stämme desselben Geblüts, durch Abgesandte vertreten, m einem Haine, der durch die von den Vätern geschauten Vorzeichen und durch uralte Scheu geheiligt ist. Dort leiten sie mit öffentlichem Menschenopfer die schauderhafte Feier ihres rohen Brauches ein. Dem Hain wird auch sonst Verehrung bezeigt: niemand betritt ihn, er sei denn gefesselt, um seine Unterwürfigkeit und die Macht der Gottheit zu bekunden. Fällt jemand hin, so darf er sich nicht aufheben lassen oder selbst aufstehen; auf dem Erdboden wälzt er sich hinaus. Insgesamt gründet sich der Kultbrauch auf den Glauben, daß von dort der Stamm sich herleite, dort die allbeherrschende Gottheit wohne, der alles andere unterworfen, gehorsam sei. Der Wohlstand der Semnonen erhöht ihr Ansehen: sie bewohnen hundert Gaue, und die Größe ihrer Gemeinschaft veranlaßt sie, sich für den Hauptstamm der Sueben zu halten.

40. Dagegen macht die Langobarden die geringe Zahl berühmt: inmitten zahlreicher, sehr starker Stämme sind sie nicht durch Gefügigkeit, sondern durch Kampf und Wagemut geschützt. Dann folgen die Reudigner, Avionen, Angher, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen; ihnen allen gewähren Flüsse oder Wälder Sicherheit. Im einzelnen haben sie nichts Bemerkenswertes, insgesamt aber verehren sie Nerthus, das heißt die Mutter Erde, und glauben, die Göttin nehme teil am Treiben der Menschen, sie fahre bei den Stämmen umher. Es gibt auf einer Insel des Weltmeeres einen heiligen Hain, und dort steht ein geweihter Wagen, mit Tüchern bedeckt; einzig der Priester darf ihn berühren. Er bemerkt das Eintreffen der Göttin im Allerheiligsten; er geleitet sie in tiefer Ehrfurcht, wenn sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen dahinfährt. Dann folgen frohe Tage; festlich geschmückt sind alle Orte, denen die Göttin die Huld ihrer Ankunft und Rast gewährt. Man zieht nicht in den Krieg, man greift nicht zu den Waffen; verschlossen ist alles Eisen. Dann kennt, dann liebt man nur Ruhe und Frieden, bis die Göttin, des Umgangs mit Menschen müde, vom gleichen Priester ihrem Heiligtum zurückgegeben wird. Dann werden Wagen und Tücher und, wenn man es glauben will, die Gottheit selbst in einem entlegenen See gewaschen. Sklaven sind hierbei behilflich, und alsbald verschlingt sie derselbe See. So herrscht denn ein geheimes Grauen und heiliges Dunkel, was das für ein Wesen sei, das nur Todgeweihte schauen dürfen.

41. Dieser Teil von Suebien reicht bis in die entlegeneren Gebiete Germaniens. Näher – um wie vorhin dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – wohnt der Stamm der Hermunduren, den Römern treu ergeben. Daher sind sie die einzigen Germanen, die nicht nur am Donauufer, sondern auch im Inneren des Landes und in der prächtigen Kolonie der Provinz Rätien Handel treiben dürfen. Sie kommen allerorten und ohne Beaufsichtigung über die Grenze. Und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben wir den Hermunduren unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet; sie sind ja frei von Begehrlichkeit. In ihrem Gebiet entspringt die Elbe, einst ein berühmter und wohlbekannter Fluß; jetzt weiß man von ihm nur durch Hörensagen.

42. Neben den Hermunduren wohnen die Narister und weiterhin die Markomannen und Quaden. Die Markomannen zeichnen sich durch Ruhm und Stärke aus, und sogar ihre jetzigen Wohnsitze, aus denen sie einst die Bojer vertrieben, sind ein Lohn der Tapferkeit. Auch die Narister und Quaden schlagen nicht aus der Art. Diese Gegend ist sozusagen die Stirnseite Germaniens, soweit sie von der Donau gebildet wird. Die Markomannen und Quaden hatten bis auf unsere Zeit Könige aus dem eigenen Stamme, aus dem edlen Geschlecht des Marbod und Tuder; jetzt lassen sie sich auch fremde gefallen. Doch ihre Stellung und Macht verdanken die Könige römischem Einfluß. Wir unterstützen sie selten mit Truppen, öfters mit Geld, und sie stehen sich dabei nicht schlechter.

43. An die Markomannen und Quaden schließen sich weiter rückwärts die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen geben sich die Marsigner und Burer durch Sprache und Lebensweise als Sueben zu erkennen. Bei den Kotinern beweist die gallische, bei den Osern die pannonische Mundart, daß sie keine Germanen sind, und überdies ertragen sie Ah-gaben: sie müssen sie als landfremde Stämme teils an die Sarmaten, teils an die Quaden entrichten. Die Kotiner fördern sogar Eisen, was sie noch verächtlicher macht. Alle diese Stämme haben nur wenig ebenes Gebiet; meist wohnen sie auf bewaldeten Höhen. Denn der Kamm einer fortlaufenden Gebirgskette teilt und durchschneidet das Suebenland. Jenseits des Kammes hausen noch zahlreiche Völkerschaften. Von ihnen haben sich die Lugier am weitesten ausgebreitet; sie gliedern sich in mehrere Einzelstämme. Es genügt, die bedeutendsten zu nennen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Naharnavaler. Bei den Naharnavalern zeigt man einen Hain, eine uralte Kultstätte. Vorsteher ist ein Priester in Frauentracht; die Gottheiten, so wird berichtet, könnte man nach römischer Auffassung Kastor und Pollux nennen. Ihnen entsprechen sie in ihrem Wesen; sie heißen Alken. Es gibt keine Bildnisse; keine Spur weist auf einen fremden Ursprung des Kultes; gleichwohl verehrt man sie als Brüder, als Jünglinge. Im übrigen sind die Harier den soeben genannten Stämmen an Kräften überlegen. Ohnehin von schrecklichem Aussehen, kommen sie der angeborenen Wildheit durch Kunst und Ausnutzung der Zeit zu Hilfe. Schwarz sind die Schilde, gefärbt die Leiber; dunkle Nächte wählen sie zum Kampf, und schon das Grauenvolle und Schattenhafte ihres Totenheeres jagt Schrecken ein: kein Feind hält dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand. Denn in jeder Schlacht erliegen ja zuerst die Augen.

44. Nördlich der Lugier leben die Gotonen. Sie werden von Königen beherrscht, schon etwas straffer als die übrigen Germanenstämme, doch nicht bis zum Verlust der Freiheit. Unmittelbar darauf folgen die Rugier und Lemovier; sie wohnen an der Meeresküste. Kennzeichnend für alle diese Stämme sind runde Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegenüber Königen. Dann kommen, schon im Meere, die Stämme der Suionen; sie haben außer Männern und Waffen auch starke Flotten. Die Gestalt ihrer Schiffe zeichnet sich dadurch aus, daß beide Enden einen Bug haben und stets eine Stirnseite zum Landen bereit ist. Auch benutzen sie keine Segel, noch machen sie die Ruder in Reihen an den Schiffswänden fest; lose, wie manchmal auf Flüssen, und je nach Bedarf hier oder dort verwendbar ist das Ruderwerk. Bei den Suionen steht auch Reichtum in Ehren, und deshalb herrscht einer, schon ohne jede Beschränkung, mit unwiderruflichem Anrecht auf Gehorsam. Auch sind dort die Waffen nicht, wie bei den übrigen Germanen, in freiem Gebrauch, sondern eingeschlossen, und zwar unter Aufsicht eines Sklaven. Denn plötzliche Überfälle von Feinden verhindert das Meer; außerdem neigen bewaffnete Scharen im Frieden leicht zu Ausschreitungen. Und wahrhaftig, daß kein Adliger oder Freigeborener, nicht einmal ein Freigelassener, die Waffen unter sich habe, ist ein Gebot der königlichen Sicherheit.

45. Nördlich der Suionen liegt abermals ein Meer, träge und nahezu unbewegt. Daß es den Erdkreis ringsum begrenze und einschließe, ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der schon sinkenden Sonne bis zum Wiederaufgang anhält, und zwar so hell, daß er die Sterne überstrahlt. Die Einbildung fügt noch hinzu, man vernehme das Tönen der emportauchenden Sonne und erblicke die Umrisse der Pferde und das strahlenumkränzte Haupt. Dort liegt – und die Kunde ist wahr – das Ende der Welt. Doch weiter: an seiner Ostküste bespült das suebische Meer die Stämme der Astier. In Brauchtum und äußerer Erscheinung stehen sie den Sueben nahe, in der Sprache eher den Britanniern. Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten läßt. Doch auch das Meer durchsuchen sie, und als einzige unter allen Germanen sammeln sie an seichten Stellen und schon am Strande den Bernstein, der bei ihnen “Glesum” heißt. Was er ist oder wie er entsteht, haben sie nach Barbarenart nicht untersucht oder in Erfahrung gebracht; ja er lag sogar lange Zeit unbeachtet unter den übrigen Auswürfen des Meeres, bis ihm unsere Putzsucht Wert verlieh. Sie selbst verwenden ihn gar nicht; roh wird er gesammelt, unbearbeitet überbracht, und staunend nehmen sie den Preis entgegen. Daß es sich jedoch um den Saft von Bäumen handelt, ist unverkennbar: oft schimmern allerlei kriechende und auch geflügelte Tierchen durch, die sich in der Flüssigkeit verfingen und dann von der erstarrenden Masse eingeschlossen wurden. Wie in entlegenen Gebieten des Ostens, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so gibt es, möchte ich annehmen, auch auf Inseln und in Ländern des Westens besonders ertragreiche Gehölze und Haine. Deren Säfte quillen unter den Strahlen der nahen Sonne hervor, rinnen flüssig in das angrenzende Meer und werden dann von der Gewalt der Stürme an die gegenüberliegenden Küsten geschwemmt. Bringt man Bernstein ans Feuer, um seine Eigenschaften zu prüfen, so brennt er wie ein Kienspan und gibt eine ölige und stark riechende Flamme; hernach wird er zäh wie Pech oder Harz. Den Sujonen schließen sich die Stämme der Sithonen an. Im allgemeinen den Sujonen ähnlich, unterscheiden sie sich dadurch, daß eine Frau die Herrschaft hat: so tief sind sie nicht nur unter die Freiheit, sondern selbst unter die Knechtschaft hinabgesunken.

46. Hier ist Suebien zu Ende. Ob ich die Stämme der Peukiner, Venether und Fennen den Germanen zurechnen soll oder den Sarmaten, weiß ich nicht recht, obwohl die Peukiner, die manche auch Bastarner nennen, in Sprache und Lebensweise, Siedlungsart und Hausbau den Germanen gleichen. Der ganze Stamm ist schmutzig, und die Vornehmen leben untätig dahin. Durch Mischehen mit den Sarmaten haben sie manches von deren Häßlichkeit angenommen. Die Venether machten sich auch in reichem Maße sarmatische Sitten zu eigen; denn was sich an Wäldern und Bergen zwischen den Peukinern und Fennen hinzieht, durchstreifen sie auf ihren Raubzügen. Gleichwohl wird man sie eher zu den Germanen rechnen, weil sie feste Häuser bauen, Schilde führen und gern und behende zu Fuß gehen, ganz im Gegensatz zu den Sarmaten, die auf Pferd und Wagen zu Hause sind. Die Fennen leben ungemein roh, in abstoßender Dürftigkeit. Sie kennen keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter dienen zur Nahrung, Felle zur Kleidung und der Erdboden als Lagerstätte. Ihre einzige Hoffnung sind Pfeile, die sie aus Mangel an Eisen mit Knochenspitzen versehen. Und von derselben Jagd nähren sich die Frauen ebenso wie die Männer; denn überall sind sie dabei und fordern ihren Anteil an der Beute. Auch gibt es für die Kinder keinen anderen Schutz vor wilden Tieren und Regengüssen, als daß man sie in einem Geflecht von Zweigen birgt; dort suchen auch die Männer ihr Heim, dort haben die Greise ein Obdach. Sie halten jedoch dieses Leben für glücklicher, als ächzend das Feld zu bestellen, sich mit Häuserbau zu plagen, in Furcht oder Hoffnung über eigenen und fremden Wohlstand nachzudenken. Sorglos vor den Menschen, sorglos vor den Göttern, haben sie das Schwerste erreicht: nicht einmal einen Wunsch zu kennen. Alles Weitere klingt märchenhaft: daß die Hellusier und Oxionen Antlitz und Mienen von Menschen, jedoch Rumpf und Glieder von Tieren haben. Ich lasse das als unverbürgt auf sich beruhen.

Germanische Mythologie

 

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EINLEITUNG

Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf deuten schon die bei den alten Skandinaviern erhaltenen Namen der Götter TIWAS, d. h. die Himmlischen, und WANEIS, WANEN, d. h. die Strahlenden, hin. Demgemäß werden TYR oder ZlO, der Himmelsvater. und THUNAR, der Blitzgott, den Vorrang behauptet haben.

So sagt denn auch Caesar über die religiösen Vorstellungen der Krieger Ariovists aus eigener Erfahrung:

„Die Germanen rechnen zur Zahl der Götter nur die, welche sie sehen und durch deren Segnungen sie offenbar gefördert werden, die SONNE, den MOND) und den FEUERGOTT. Von den übrigen haben sie nicht einmal durch Hörensagen vernommen.“ Der Lichtkultus schloß also noch die Vermenschlichung der Götter aus.

Und so war es noch 150 Jahre später. Daß man sich auch da noch nicht die Götter plastisch gestaltete und verbildlichte, bezeugt Tacitus, wenn er schreibt:

„Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“

Dennoch scheinen schon damals durch die Berührung und Reibung mit dem Kulturvolk der Römer mehr diejenigen Gottheiten in den Vordergrund getreten zu sein, welche einen Bezug auf die jetzt vorherrschend kriegerische Richtung des Volksgeistes besaßen, an ihrer Spitze der Sturmgott WODAN (nord. ODIN), den namentlich die späteren Sachsen und Franken zu ihrem Obergott erhoben.

Die Bekleidung der Götter mit menschlichen Formen und Gestalten vollzog sich nun rasch, und man bezeichnete die neuen Herrscher der Welt als ANSEN (nord. ASEN), d. h. als die Träger des Weltgebäudes und der sittlichen Ordnung desselben. Doch war dieser Übergang keineswegs ein friedlicher, sondern, wie die olympischen Götter in der griechischen Mythologie, mußten auch die Asen erst einen gewaltigen Strauß mit den WANEN bestehen, der die ganze Welt mit Verwüstung bedrohte und endlich nur so beendigt konnte, daß die beiden Götterstämme sich gegenseitig Geiseln stellten, worauf die Wanen mit Ausnahme weniger allmählich in Vergessenheit sanken. Die Erinnerung an den Kindheitsglauben des Volkes und die fortschreitende Mythenbildung wurde bei den südgermanischen Stämmen durch den Eintritt des Christentums unterdrückt und gehemmt.

Desto fester blieb der Besitz derselben den Skandinaviern, von denen erst im zehnten Jahrhundert die Dänen, zu Anfang des elften die Norweger und Isländer, in der zweiten Hälfte des elften die Schweden gänzlich bekehrt wurden. Namentlich waren in diesem Zeitalter von bedeutendem Einfluß auf das Wachstum der an die Mythologie sich anschließenden Heroensage einerseits die NORMANNEN- oder WIKINGERFAHRTEN, welche eine Masse neuer Anschauungen im Volke weckten und der Phantasie reiche Nahrung zuführten, anderseits die Sänger der Königshöfe oder die SKALDEN, welche die Großtaten der Asen priesen, dieselben noch mehr vermenschlichten und die Götterwelt endlich in ein geschlossenes System brachten.

Da die isländischen Normannen am zähesten an den Überlieferungen der alten Heimat festhielten, so zog sich auch die Kenntnis der Skaldenlieder im neunten und zehnten Jahrhundert fast ganz auf jene Insel zurück. Diese Poesien waren bereits zu Ende des elften Jahrhunderts gesammelt und hundert Jahre später durch eine neue Sammlung vermehrt, sind aber erst im siebzehnten Jahrhundert aufgefunden worden und bilden den Inhalt der sogenannten EDDA, d. h. Urgroßmutter.

Der Charakter der Mythen und Sagen entspricht der sonnenarmen, wild erhabenen Natur des Nordens, wie dem stürmisch bewegten Leben der trotzigen Helden. Sie sind düster und von phantastischer Rauheit, aber voll tiefer Empfindung und sittlichen Emstes.

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Die Nornen unter der Weltesche

DIE WELTSCHÖPFUNG

Die Entstehung der Welt dachten sich unsere Ahnen in folgender Weise. Aus dem CHAOS oder >>der gähnenden Kluft<<, nahmen sie an, daß zunächst zwei Welten hervorgegangen seien, nach Norden ZU NIFFILHEIM (Nehelheim), nach Süden zu sein Gegensatz, MUSPELHEIM (Feuerheim). Mitten in Nifelheim öffnete sich aber der Brunnen HWERGELMIR, aus dessen gärenden Kessel zwölf Ströme mit eisigem Wasser stürzten. Ihr Wasser gefror zu Schollen, und diese bewegten sich der Kluft zu und füllten dieselbe allmählich aus.

Allein von Muspelheim her wehte ein Glutwind und schmolz das Eis. Dadurch entstand Leben im Starren, und es wuchs aus demselben empor der entsetzliche Riese YMIR oder OERGELMIR, von dem die Frostriesen oder HRIMTHURSEN abstammen. Im auftauenden Gewässer entstand auch die Kuh AUDUMBLA (die Vollsaftige).

Von der Milch ihres Euters nährte sich Ymir und sein Geschlecht. Sie selbst beleckte aus Mangel an Weide die salzigen Eisblöcke, und siehe, unter ihrer Zunge kam nach und nach ein schöner Mann namens BURI zum Vorschein. Ein Sohn von ihm hieß BÖR, und dieser nahm die Riesentochter BESTLA zur Gefährtin, welche ihm drei Söhne schenkte, ODIN (Geist), WILI (Wille) und WE (Heiligtum). Dies waren die ersten ASEN, welche sich sofort gegen den Urriesen wandten und ihn erschlugen, worauf in der Sintflut seine alle Frostriesen ertranken bis auf BERGELMIR, der Stammvater eines zweiten Riesengeschlechts wurde.

Des Riesen Ymir Leib wurde hierauf von den Asen zu weiteren Schöpfungen benutzt. Aus seinem Fleisch schufen sie die Erde, aus seinen Knochen die Felsen, aus seinen Haaren die Bäume, aus seinem Blut das Meer, aus seiner Hirnschale den Himmel. Aus den Augenbrauen bildeten sie mitten auf der Erdscheibe die Wohnung der Menschenkinder, MIDGARD).

Noch gab es aber weder Sonne noch Mond, noch Gestirne am Himmelsgewölbe; nur irrende Feuerfunken aus Muspelheim sprühten darüber hin. Da wandelten die Asen jene Funken in Sterne um und gaben diesen ihre feste Stätte. Sonne und Mond aber kamen auf folgende Art in die Welt. Die Mutter NACHT, eine Riesentochter, hatte von ihrem dritten Gatten DELLINGER (Dämmerung) einen Sohn, den TAG, und beide wurden vom Allvater zum Himmel emporgehoben, wo die Nacht zu ihrer Fahrt über den Himmel das schwarze Roß HRIMFAXI ( Reifmäher), der Tag den weißen Renner SKINFAXI (Lichtmäher) empfing. Die Asen raubten dann dem seiner Kinder sich übermütig rühmenden Erdensohn MUNDILFÖRI (Achsenschwinger) die liebliche SOL und den schönen MANI. Jener erbauten sie aus den Funkenregen Muspelheims den Sonnenwagen und bespannten ihn mit den Hengsten ARWAKER (Frühaufl und ALSWIDER (Allgeschwind). Mit diesen umkreist Sol den Himmel, bewehrt mit dem Schild SWALIN, der Himmel und Erde vor dem Sonnenbrand schützt. Mani aber lenkt den Mondwagen hinter der Nacht und hat die beiden Kinder BIL (die Schwindende) und HJUKI (den Belebten), d. h. den abnehmenden und wachsenden Mond, bei sich, die er einst zu sich emporhob, weil er sah, wie sie ihre schweren Wassereimer nicht weiter zu tragen imstande waren. Die Flecken im Mond erklärt sich das Altertum bald als einen Mann, der am Sonntag Holz stahl und mit einem Reisigbündel oder einer Axt im Mond steht, bald als ein Mädchen, das im Mondschein gesponnen hat und mit ihrer Spindel oben sitzt. Zwei grimmige Wölfe jagen hinter Sol und Mani her, SKÖLL und HATI, und wenn sie den Himmlischen nahe kommen, erbleichen dieselben, und die Sterblichen nennen dies Sonnen- und Mondfinsternis.

Nach Schöpfung der Gestirne waren auch die Vorbedingungen gegeben zur Entstehung des Menschengeschlechts. Als die Asen ODIN, HÖNIR und LOTHUR einst am Seegestade wandelten, sahen sie zwei Bäume daliegen, eine Esche und eine Erle. Aus jener schufen sie den Mann ASK, aus dieser das Weib EMBLA; Odin gab ihnen Seele und Leben, Hönir Verstand, Lothur Blut und blühende Farbe. Von Ask und Embla, Esche und Erle, stammen alle Menschengeschlechter ab.

Aus den kleinen Würmern, die in des Urriesen Ymir Fleisch sich tummelten, schufen die Asen das Völkchen der ZWERGE oder ALFEN. Diese zerfielen wieder in zwei Klassen, die SCHWARZALFEN, die im Dunkel der Erde nach Erzen wühlten, Metalle hämmerten und den Menschen durch Spuk und Tücke schreckten und neckten, und die LICHTALFEN, gute und schöne Wesen, die sich den Sterblichen hold gesinnt zeigten, verwandt den Elfen der Märchenwelt.

Am nördlichen Ende des Himmels sitzt der ungeheure Riese HRASWELGER (Leichenschwelger) in Gestalt eines Adlers und rührt seine gewaltigen Fittiche, um als verheerender Sturmwind über die Erde dahinzufahren. Nicht weniger grimmig ist der Riese WINDSWALER (Windkühler), der Frost und Schnee in seinem Gebiet hat und Vater des Winters ist. Doch wechselt seine Herrschaft jährlich mit der des milden SWASUDER (Sanftsüd), dessen Sproß der blütenreiche Sommer ist. Über die ganze Welt breitet sich die Esche YGGDRASIL (Schreckensträgerin) aus und hält sie zusammen. Ihre eine mächtige Wurzel reicht bis NIFELHEIM, und unter ihr breitet sich das finstere Reich der Schattenkönigin HEL aus, die zweite bis JÖTUNHEIM, dem Sitz der Riesen (SÖTUNE oder IÖTEN, d. h. Fresser), die dritte bis MIDGARD, wo die Menschenkinder wohnen. Unter jeder Wurzel der mit ihrem Wipfel in den Himmel hineinragenden Weltesche sprudelt ein bedeutsamer Brunnen hervor. Unter Nifelheim ist es der zu Anfang erwähnte HWERGELMIR. Unter Jötunheim befindet sich der vom Riesen MIMIR bewachte Brunnen, dessen Wasser Aufklärung über das Werden der Dinge verleiht. In MIDGARD endlich quillt das heilige Wasser des Brunnens URD, in welchem alle Weisheit verschlossen ruht, auf dessen stillem Spiegel zwei schneeweiße Schwäne ihre Kreise ziehen. Am Brunnen aber sitzen in ernstem Schweigen die drei NORNEN:

URD (Gewordene), WERDANDA (Werdende) und SKULD (Sollende = Zukünftige), die Schicksalsschwestern, welche die unzerreißbaren Fäden des Lebens den Neugeborenen spinnen, die Todeslose werfen und mit ihren Augen alle Ausdehnungen der Zeit durchdringen. Wegen der Reinheit und Heiligkeit der Stätte versammeln sich die Asen daselbst und halten unter dem Schatten der Weltesche Gericht. Allein der heilige Baum leidet vielen Schaden durch allerlei Getier, das ihn bevölkert. In ASGARD, der himmlischen Wohnung der Asen, weidet an seinem Gipfel die Ziege HEIDRUN, die aus ihren Eutern den Göttern und ihren Gästen Met spendet. An den Blättern und Sprossen des Baumes zehren die fünf Hirsche EIKTHYRNER, DAIN, DWALIN, DUNNEIER und DURATHROR.

In seinem Wipfel haust ein Adler, an seiner Wurzel aber nagt der Drache NIDHÖGGER mit unzähligem anderen Gewürm. Auf und ah endlich an der riesigen Esche klettert das Eichhorn RATATÖSKER, als Bote der Zankworte, welche der Aar und der Lindwurm miteinander tauschen. Trotz der Unbill, die Yggdrasil zu leiden hat, dörrt und fault sie nicht, denn die Nornen schöpfen täglich Wasser aus dem Brunnen Urd und begießen ihre Wurzeln damit.

Nehmen wir noch einmal die einzelnen Teile des Alls zusammen, so beschattet die Weltesche eigentlich neun besondere Welten. In der Mitte dachte man sich die Menschenwelt, MIDGARD oder MANNHEIM. Unter diesem liegt SCHWARZALFENHEIM und noch tiefer das Totenreich HELHEIM. Dann befinden sich zur Seite NIFELHEIM, MUSPELHEIM, JOTUNHEIM und WANAHEIM, der Wohnsitz der oben erwähnten WANEN. Hoch über den anderen Welten gründeten sich die Asen eine herrliche, von Gold und Edelstein strahlende Heimat, ASGARD oder ASENHEIM, in welchem, wie auf dem hellenischen Olymp, die einzelnen Götter wieder besondere Paläste bewohnen, wie THOR das 540 Stockwerke hohe Haus BILSKIRNIR. Asgard und Midgard standen in Verbindung durch die aus drei Farben gezimmerte starke Brücke BIFROST, den Regenbogen. In Asgard stand auch WALHALLA, der Saal der seligen Helden mit seinen 500 Toren. Der Wohnsitz der Göttinnen hieß WINGOLF (Freudenwohnung). Wie in der griechischen Mythologie die Titanen und Giganten der neuen Weltordnung, die durch die Olympier geschaffen worden war, widerstrebten und gegen deren Herrschaft sich auflehnten, so dachten sich die Germanen auch Feindschaft zwischen den hehren Asen und dem Geschlecht der Riesen. Diese brüteten immer Rache wegen des an ihrem Stammvater Ymir begangenen Mordes. Zu ihnen hatte sich LOKI gesellt, früher selbst eine Ase und Dämon des wohltätigen Feuers, jetzt aber vermählt mit dem abscheulichen Jötenweib ANGURBODA (Angstbringerin), die ihn zum Vater von drei grausigen Sprößlingen gemacht hatte, dem Wolf FENRIR, der Schlange JORMUNGANDAR und der entsetzlichen HEL.

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Frigg, als Frau Gode dem Weidwerk obliegend

WODAN, NORDISCH ODIN

WODAN oder WUOTAN (der stürmisch Schreitende) war der vornehmste aller Asen und heißt als Beherrscher der Unsterblichen und Sterblichen >>der Allvater<<. Auf seinem hohen Sitz HLIDSKIALF in WALHALLA (der Halle der Auserwählten), die in dem Gehöft (GLALDSHEIM (Glanzheim) lag, thronte er an der Spitze der zwölf über alles richtenden Asen und übersah von dort aus die neun Welten und was in denselben vorging. Das ganze Gebäude schillert von Gold; sein Dach besteht aus blinkenden Schilden und Speerschäften, und Waffenglanz erhellt rings den weiten Saal. In demselben schmausen, zechen und würfeln in Gemeinschaft der Asen die EINHERIER (einzige Herren), die im Einzelkampf gefallenen Helden. Odin selbst genießt nichts von dem sich täglich erneuernden Fleisch des Ebers, sondern nährt sich einzig von rotem Wein. Die Speisen gibt er stets seinen beiden Wölfen GERI (Gierige) und FREKl (Gefräßige), die ihn wie Hunde umschmeicheln. Neben seinem Haupt aber sitzen die beiden Raben HUGIN (Gedanke) und MUNIN (Erinnerung), welche ihm die auf ihrem Flug erlauschten Geheimnisse zuraunen. Odin trägt einen goldenen Helm auf dem Haupt und hält in seiner Rechten den nie irrenden Speer GUNGNIR.

Erscheint Wodan in dieser Gestalt als Regent der Welt, so ist sein Auftreten ein ganz anderes, wenn er seiner ursprünglichen Naturbedeutung gemäß als Gott des WINDES und STURMES einherfährt. Dann sprengt er auf dem achtfüßigen Schimmel SLEIPNIR (Gleitende) in weiten Mantel gehüllt, mit breitem Schlapphut, umgeben von den Geistern der Verstorbenen, hoch in der Luft über die Wälder und Fluren hinweg. Darum heißt er noch heute in der norddeutschen Volkssage >>der wilde Jäger<<, während im Süden der Glaube an >>das wütende Heer<< dasselbe besagt. Unter Blitz, Sturm und Regen glaubt man noch das Hundegebell, den Hörnerklang, das Hallorufen der willen Gesellen zu hören, wie sie hinter Ebern oder Rossen herstürmen.

Doch war ja bald die rohere Naturbedeutung Wodans als Sturmgottes übergegangen in die des Himmelsgottes im allgemeinen, und als solcher waltete er mild segnend und fruchtspendend und bekämpfte nun seinerseits den im Bilde des Ebers gedachten Wirbelwind. Im Winter macht er einem falschen Odin Platz, der Schneestürme über die Erde sendet, oder er liegt in einem Zauberschlaf und träumt dem Tag entgegen. Dieser Mythos ist vom Volk auf die Gestalten seiner Lieblingshelden übertragen worden. Am bekanntesten in dieser Beziehung ist der im Kyfferhäuserberg bei Tilleda schlafende FRIEDRICH BARBAROSSA. Dort sitzt der Hohenstaufe mit seinen Rittern und Knappen um einen großen Tisch, durch den sein Bart gewachsen ist. Kostbarer Wein ist an den Wänden der Höhle aufgestapelt, alles strahlt von Gold und Edelsteinen, wie am lichten Tag. Einst gelangte ein Hirt in den Berg. Den fragte der auf einen Augenblick erwachende Kaiser: „Fliegen die RABEN noch um den Berg?“ Als der Hirt dies bejahte, erwiderte Barbarossa: „So muß ich noch hundert Jahre länger schlafen!“ Wenn aber sein Bart nicht nur durch den Tisch, sondern auch zum dritten Mal um denselben herumgewachsen ist, dann wird er mit allen seinen Mannen aus dem Berg hervorbrechen und Deutschland aus Not und Bedrängnis erlösen.

In weiterer Auffassung erscheint Wodan als wilder Gott der Schlachten, als HEER- und SIEGVATER. Dann begleiten ihn seine Raben und die WALKÜREN, die Todeswählerinnen, welche sonst als Schenkmädchen die Helden in Walhalla bedienen, aber auf den Kampfgefilden, mit Helm und Schild auf weißen Wolkenrossen einherjagend, die sterbenden Einherier mit dem Todeskuß weihen und sie emporgeleiten zum Freudenmahl in Gladsheim. Dieser religiöse Glaube entzündete hei den Normannen, jenen fanatischen Kampfesmut, der bis zu einer Art Wahnsinn steigerte und sie mit lächelnden Lippen dem Tode entgegengehen ließ. Daher der Zusammenhang der BERSERKIR (Panzerlose) mit der >>Berserkerwut<<. Der Dienst Wodans war blutig, und nicht bloß Rosse, sondern auch Menschen wurden an seinen Altären geschlachtet.

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Odin empfängt in Walhalla die durch Bragi eingeführten Einherier

Daher fand Germanicus auf dem Schlachtfeld des Varus im Teutoburger Wald an die Baumstämme genagelt die Schädel der geopferten Tribunen und Centurionen. Neben solcher Härte trifft man auch auf Züge von großer Güte und Menschenfreundlichkeit. So ruderten einst der achtjährige GEIRRÖD und der zehnjährige AGNAR, Söhne des Königs HRAUDUNG auf einem Boot ins Meer hinaus und wurden vom Wind immer weiter in die Wogen fortgetrieben, bis sie in dunkler Nacht an einem fremden Strand scheiterten. Hüttenbewohner die sie dort fanden, empfingen sie freundlich und behielten sie den Winter über bei sich; die Frau nahm sich des älteren, der Mann des jüngeren Knaben an. Es waren aber Odin und seine Frau Frigg, die den beiden Knaben Schule und Erziehung angedeihen ließen.

Von Wodans großem Drang nach Weisheit zeugte schon, daß er sein eines Auge dem Riesen MIMIR für einen Trunk aus dem Brunnen der Erkenntnis dahingab. Namentlich übte er große Macht durch den Besitz der geheimnisvollen Runenstäbe, deren Zeichen den Anlaut des bedeutungsvollsten Wortes im Zauberliede bildete; ja, er hatte die Runen selbst erfunden. Sie gewährten ihm Macht über alle seine Widersacher, die Kenntnis aller Schätze der Erde und Hilfe im Streit und in allen Sorgen; so versinnlichen und priesen die alten Skalden die Kraft des Gesanges und der Dichtkunst!

Einst hörte Wodan von dem Riesen WAFTHRUDNIR (dem Zungenfertigen), es sei bei ihm die größte Kenntnis der vorweltlichen Dinge vorhanden. Da gelüstete es ihn, sich mit demselben zu messen, und er wanderte als armer Pilger zu dessen Halle, um gastliche Aufnahme bittend. Der Riese antwortete ihm, wenn er etwa gekommen wäre, um seine Weisheit zu erproben, so möchte er sich hüten, denn nimmer würde er heimkehren, wenn es ihm nicht gelänge, in kluger Rede zu obsiegen. Darauf fragte er den Gast nach den Rossen des, Tages und der Nacht, nach dem Fluß, der Asgard von Jötunheim trennt, und nach dem Feld, wo einst die letzte Schlacht geschlagen werden soll. Als Wodan ihm keine Antwort schuldig blieb, bot ihm Wafthrudnir einen Sitz neben sich an, ihn auffordernd, seine Fragen an ihn zu richten.

Über die Entstehung der Welt, der Riesen und Götter, auch über den Untergang alles Geschaffenen wußte der kluge Jöte Bescheid. Als aber der mächtige Gott ihn fragte: „Was sagte Odin seinem Sohn Balder ins Ohr, da ihn der Scheiterhaufen empfing?“ da erblaßte er und rief: „Mit Odin stritt ich vermessen in Weisheit; doch er wird ewig der Weiseste bleiben!“ Ob hierauf Odin des Riesen Haupt nahm, läßt die Sage ungelöst; hinter dem Geheimnis Odins aber vermutet man die Verheißung einer seligen Auferstehung.

Odins erste Gemahlin, JORD (Erde), eine Tochter der Nacht, gebar ihm den starken THOR (Donnerer), die zweite Frau, FRIGG (Frau, Herrin), den BALDER (Fürst). Außerdem gelten als seine Söhne: HODER (Kämpfer), TYR (Helfer), HEIMDAL (Weltglänzer) oder RIGER, WALI (Auserwählter), BRAGI (Sänger), HERMODER (Heermutiger).

FRIGG, die Tochter Fiorgyns, waltet neben Odin über die Schicksale der Menschen und steht ihm mit ihrem klugen Rat zur Seite. Auch galt sie als segnende Göttin des Eheglücks. Sie bewohnt in Asgard den Palast FENSAL (Meersaal). Dort spinnt sie an goldenem Rocken, den die Alten im Gürtel Orions erkennen wollten und denselben deshalb Friggsrocken nannten. Ihre Dienerinnen waren FULLA (Fülle), ihre vertraute Geschmeidebewahrerin, GNA (Hochfahrende), ihre Botin, die auf windschnellem Roß Kundschaft brach Befehle ausrichtete, und HLIN, die Empfängerin der Bitten von Seiten der Schützlinge Friggs.

Übrigens scheint die Asenkönigin Frigg EINES Wesens mit der Wanengöttin FREYA oder FREA gewesen zu sein und sich erst später im skandinavischen Norden von dieser losgespalten zu haben. Auch die rätselhafte Göttin der Erde, NERTHUS, die von Tacitus genannt wird, muß verwandter Natur mit Freya sein und deutet dem Namen nach auf NJÖRDER (Wasserhälter), den Vater der Freya, hin. Frigg erscheint auch noch unter anderen Namen in der Volkssage, und zwar in Mecklenburg als GODE (weibl. Form aus Godan = Wodan), Thüringen und Hessen als Frau HOLDA oder HULDA, im übrigen Oberdeutschland als BERTA oder BERCHTA. Eine verwandte Göttin war endlich die Göttin des Frühlings OSTARA, an die noch heute nicht nur das ihren Namen führende christliche Fest erinnert, sondern auch das Osterei, als Symbol des keimenden Lebens, und der Hase, der es im Glauben des Kindes legt!

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Ostara

THUNAR, NORDISCH THOR

THOR, der älteste Sohn Wodans, wurde nicht von seiner Mutter Jörd erzogen, sondern wuchs bei den Pflegeeltern WINGNIR (Beschwingter) und HLORA (Glut) auf. Sein Gehöft in Asgard hieß THRUDHEIM (Kraftheimat); von seinem Palast BILSKIRNIR ist bereits die Rede gewesen. Zur Frau nahm er SIF (Sippe). Die goldhaarige Göttin bringt einen Sohn in die Ehe mit, den Bogenschützen ULLER; aber auch Thunar hat schon vorher zwei Söhne von der Riesin JARNSARA (Eisenstein): MAGNI (Stärke) und MODI (Mut). Sif beschenkte ihn dann noch mit der THRUD (Kraft).

Thunars Gestalt ist groß und von gewaltiger Kraft. Rotes Haar umwallt sein Haupt; ein enges, kurzes Gewand umschließt seinen Körper und in der mit Eisen behandschuhten Rechten schwingt er den glühenden Blitzhammer MJOLNIR (Malmer), der nach den weitesten Würfen stets wieder in die Hand des Gottes zurückkehrt. So fährt er auf einem von zwei Böcken gezogenen Wagen durch die Wolken, und die Rader rasseln mit Donnerhall.

Das Ansehen Thunars bei den Germanen war sehr groß. Noch im 8. Jahrhundert mußten die Sachsen bei der Taufe schwören, entsagen zu wollen dem Wodan, Thunar und Saxnot. Lange vorher schon war wegen der Verwechslung Thunars mit dem römischen Jupiter der fünfte Wochentag mit dem Namen des Donnerers belegt worden. Geheiligt waren ihm der Vogelbeerbaum, die Haselstaude und die Eiche. Es war im Jahre 725 n. Chr., als der Heidenapostel Bonifatius Thunars Rieseneiche zu Geismar bei Fritzlar in Hessen mit eigener Hand fällte. Wehklagen füllten die Luft und Verwünschungen drohten dem Frevler mit des Gottes Rache. Aber der gewaltige Stamm senkte sich nach wenigen Schlägen und an seiner Stelle erhob sich bald eine Kirche des Petrus. Viele Gebräuche und Sagen erinnern noch heute an den Blitzgott. Die aus der Haselstaude geschnittene Wünschelrute hebt die Erdschätze, wie der Gewittergott die Wolkenschätze und das Sonnengold flüssig macht. Das auf den Tag Johannis, des Täufers, verlegte Sonnwendfest mit seinen Freudenfeuern gilt seiner Person, und noch im fünfzehnten Jahrhundert beteiligten sich deutsche Fürsten an den Rundtänzen um die brennenden Holzstöße. Übrigens glich Thunars Wesen dem seines Vaters wenig. Er war ein wirklicher Kulturgott, der der Erde Gedeihen gab und Menschen und Vieh vor Unglück behütete, der überhaupt seine gewaltige Kraft nicht braucht, um die Erde zu verwüsten, sondern um die verderblichen Naturmächte, die Geschlechter der dem Chaos entsprossenen Riesen in ewigem Kampf zu verfolgen. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Skalden den Thor als „Bauerngott“ dem kriegerischen Odin nachstellten.

Einst machte sich Thor auf, um in Jötunheim die Hrimthursen zu züchtigen. Der tückische Loki hatte sich ihm beigesellt. Gegen Abend gelangten sie an eine Bauernhütte, wo sie wohl Unterkommen, aber nichts zu essen fanden. Thor schlachtete deshalb seine Böcke, bereitete sie zur Speise, befahl aber den Wirtsleuten, nach dem Mahl sorgfältig die Knochen in die Felle der Tiere zu sammeln. Dies geschah auch; nur zerbrach auf Lokis Rat des Bauern Sohn das Schenkelbein eines Bockes, um zum Mark zu gelangen. Am Morgen weihte Thor die Felle mit seinem Hammer, und lustig sprangen die Böcke empor. Doch einer lahmte am Hinterfuß.

Thor merkte wohl, was geschehen war. Als er aber die Furcht der Leute über seinen Grimm sah, verzieh er ihnen unter der Bedingung, daß ihre beiden Kinder in seinen Dienst träten. Von da setzten sie die Reise zu Fuß fort und gelangten über das Meer in das Riesenland. Dort fanden sie am Abend eine Hütte, woran die Tür so hoch war wie das ganze Gebäude. Sie übernachteten in dem leeren Haus. Aber um Mitternacht entstand ein Dröhnen und Brausen, daß die ganze Hütte zitterte und sich die Gefährten Thors in eine Nebenkammer flüchteten, während er selbst vor der Türe Wache hielt. Als der Tag anbrach, erblickte Thor die lebendige Ursache des nächtlichen Erdbebens, einen ungeheuren Riesen namens SKRYMIR (Prahler). Dieser erkannte ihn sofort und ließ ihn an seinem Frühstück teilnehmen. Als er aber nach seinem Handschuh fragte, stellte es sich heraus, daß die Reisenden denselben für ein Haus angesehen und schließlich im Däumling geschlafen hatten. Skrymir warf nun den Eßkorb über die Schulter und wanderte mit ihnen den ganzen Tag über umher. Am Abend legte er sich sofort zum Schlafe nieder und überließ die Speise den Gefährten. Diese konnten jedoch den festgeschnürten Riemen des Bündels nicht lösen, und Thor ergrimmte endlich und versetzte dem Riesen einen gewaltigen Schlag mit dem Hammer auf den Schädel. Skrymir erwachte und fragte, ob nicht ein Blatt vom Baum ihm auf den Kopf gefallen wäre. Thor schlug den schnell wieder Einschlafenden noch mehrmals auf das Haupt, daß endlich das Eisen tief eindrang. Aber stets klagte der Riese nur darüber, daß die herabfallenden Eicheln ihn im Schlafe störten! Am Morgen schied er von ihnen und warnte sie vor UTGARD (Außengehege), da dort noch größere Riesen existierten, als er selber.

Allein sie ließen sich nicht beirren und gelangten mittags zur Königsburg, die so hoch war, daß ihre Augen die Dachspitze nicht erreichten. Sie betraten die Halle, wo der König UTGARDLOKI mit seinen Kriegern und Hofleuten saß und die Gäste sofort nach ihren Geschicklichkeiten fragte, ohne die niemand auf seinem Hof einen Sitz bekommen könnte. Da rühmte sich Loki seines hurtigen Essens, der Bauernsohn Thialfi seines schnellen Laufens und Thor seines mächtigen Durstes. Zuerst wurde Loki dem Thursensohn LOGI gegenübergestellt. Ein langer Trog voll Fleisch wurde herbeigebracht, und die Wettenden sollten jeder von einer Seite zu schlingen beginnen. In der Mitte begegneten sie sich, aber dennoch hatte Loki verloren, weil sein Gegner auch die Knochen samt dem Gefäß verzehrt hatte! Auch THIALFI unterlag trotz seiner außerordentlichen Schnellfüßigkeit seinem Gegner HUGIN. Endlich wurde für Thor selbst das Horn herbeigebracht, welches, mit Met gefüllt, an Utgardlokis Tafel zu kreisen pflegte, und dieser belehrte ihn, daß niemand unter den Hofleuten mehr als drei Züge brauche, um es zu leeren. Trotz seines geringen Durstes tat Thor drei lange Züge; aber erst beim dritten war eine kleine Abnahme des Getränkes bemerkbar. Unmutig gab er das Horn ab und verlangte, seine Stärke auf die Probe zu stellen. Da forderte ihn der Riese auf, nur seine graue Katze vom Boden aufzuheben, was seine jungen Burschen oft im Spaß täten. Thor versuchte es, aber das Tier streckte sich immer länger, und wenn er sich auch noch so sehr anstrengte, so blieben doch immer die Pfoten auf dem Boden stehen. „Ich dachte es schon“, höhnte nun Utgardloki, „daß die Katze für einen so kleinen Mann zu groß sein würde.“ Da entbrannte der Zorn Thors und er forderte alle Riesen zum Ringkampf heraus. Aber wieder wollte der Riese niemand zu solchem Kinderspiel hergeben, als seine uralte Amme ELLI. Das Riesenweib trat herein und der Kampf begann. Allein so sehr auch Thor alle seine Kraft aufbot, er strauchelte endlich und sank auf die Knie. Da sprang der Riesenfürst dazwischen und führte seine Gäste zur Tafel, wo sie sich bis Mittemacht labten. Am anderen Morgen geleitete er sie bis an die Grenze und sagte dann: „Weil Du nun meine Burg verlassen hast, die Du nie wieder betreten darfst, will ich Dir bekennen, daß ich Dich durch Zauberkünste täuschte. Ich selbst war der Riese Skrymir. Der Eßkorb war mit eisernen Bändern zugeschnürt; mit dem Hammer hättest Du mich sicher erschlagen, wenn ich Dir nicht schnell einen Felsen in den Weg geschoben hätte. Der große Fresser Loki war das Wildfeuer, der Läufer Hugin aber mein Gedanke. Das Ende des Hornes, aus dem Du trankst, lag in der See, und Du hast so viel daraus getrunken, daß die Ebbe auf der Erde davon entstanden ist. Die Katze ferner war die Midgardsschlange, und Du hast sie zu unserem Entsetzen so hoch gehoben, daß sie beinahe den Himmel berührte. Die Alte endlich, mit der Du gerungen hast, war das Greisenalter, dem jeder unterliegen muß.“ Wütend schwang Thor den Hammer, um sich am Jöten zu rächen. Dieser war aber verschwunden, und Thor mußte mit seinen Genossen den Rückweg antreten.

Liegt diesem Mythos der Gedanke zugrunde, daß der große Ase in der Außenwelt, d. h. in dem Schnee des Urgebirges, keinen Erfolg erringen und der Kultur keine Bahn eröffnen kann, so zeigt uns die Sage vom Riesen HRUNGNIR (Rauschender) Thors milde Gewittermacht im Kampf gegen das verwüstende Unwetter im Gebirge. Als einmal Thor ausgezogen war, um seine Pflüger gegen Unholde zu schützen, machte sich auch Odin auf und kehrte beim Bergriesen Hrungnir ein. Dort kamen sie im Laufe der Unterhaltung auf die Vorzüge des Rosses Sleipnir, und der Jöte behauptete, sein Pferd GULLFAXI (Goldmähne) mache doch noch weitere Sprünge. Da schwang sich Odin auf und forderte Hrungnir auf, mit ihm um die Wette zu reiten. Zornig jagte der Riese ihm nach, und beide kamen fast gleichzeitig in Asgard an. Die Asen laden den Gast freundlich ein, sich an Thors Platz zu setzen, und die schöne Freya schenkt ihm die gewaltigen Schalen des Donnerers voll starken Biers. Unmutsvoll leerte er sie, forderte immer mehr von dem Getränk und begann endlich im Rausch trotzig zu prahlen, er werden Walhalla auf dem Rücken nach Jötunheim tragen, ganz Asgard in den Abgrund versenken, alle Asen erschlagen, Freya und Sif aber mit sich in das Riesenland entfuhren. Ängstlich riefen die Asen nach Thor, und kaum war sein Name genannt, als derselbe mit zornblitzenden Augen in der Halle stand und Mjölnir schwingend ausrief: „Wer erlaubt dem Thursen, in Asgard zu sitzen und sich von der Schenkin der Asen den Pokal kredenzen zu lassen?

Das soll den Unverschämten gereuen!“ Hrungnir beruft sich ernüchtert auf Odins Einladung und gelobt, sich ihm an der Grenzscheide der Länder im ehrlichen Zweikampf stellen zu wollen. Am bestimmten Tage fand sich der Jöte zuerst auf dem Platz ein, bewaffnet mit einem riesigen Schleifstein und einem ungeheuren steinernen Schild, während die Riesen einen neun Meilen hohen Schildknappen aus Lehm neben ihm aufgepflanzt hatten.

Vor Thor erschien dessen Diener Thialfi und rief dem Riesen zu, sein Herr wolle ihn von unten angreifen und der Schild werde ihm dann nichts helfen. Da warf Hrungnir die Steinscheibe auf den Boden und stellte sich darauf, und als gleich hinterdrein der Donnerer angebraust kam und beide Gegner in demselben Augenblick ihre Waffen schleuderten, zerschellte die Keule des Jöten, vom Hammer getroffen in der Luft, dieser aber fuhr tief in Hrungnirs Schädel.

Grimmiger Zorn erfaßte aber den Blitzgott, als er einst in der Nacht erwachte und merkte, daß sein göttlicher Hammer entwendet sei. Er zog Loki in das Geheimnis, und dieser lieh von Freya das Falkengewand, um der Riesenwelt einen Besuch abzustatten. Dort traf er den Thursenfürst THRYM, der sich in ein Gespräch mit ihm einließ und gar kein Hehl daraus machte, daß er selbst den Hammer gestohlen habe und acht Meilen tief unter der Erde verborgen halte. Nur wer ihm Freya als Braut zuführe, solle denselben erhalten. Thor wagte es zwar, nach Lokis Zurückkunft der schönen Wanin den Antrag des Riesen vorzutragen, wurde aber schnöde abgewiesen. Nun war guter Rat teuer, denn Mjölnir war ja die Stütze Asgards gegen die Riesen. In der Versammlung der Götter und Göttinnen macht endlich HEIMDAL, der Wächter Asenheims, der so weise war, daß er das Gras und die Wolle der Schafe wachsen hörte, den Vorschlag, Thor selbst solle, in Freyas bräutliches Linnen gehüllt und mit blitzendem Goldschmuck geziert, den Riesen zugeführt werden. Nach einigem Sträuben verstand sich Thor dazu und nahm Loki als Magd mit.

Thrym sah das Gespann der Mädchen von seiner Warte aus sich nähern und traf in größter Eile Zurüstungen zum Hochzeitsfest. Züchtig in ihren Schleier gehüllt, sitzt die hohe Braut beim Mahle und ißt einen ganzen Ochsen, acht Lachse und alles Naschwerk, ja, sie trinkt drei Kufen Met dazu aus! Verwundert schaut der Bräutigam diesen gesunden Appetit; aber die Zofe flüstert ihm zu, aus Sehnsucht nach Jötunheim habe die Braut acht Tage gefastet. Endlich hebt der ungeduldige Liebhaber ein Ende des Schleiers, fährt aber erschrocken zurück vor den feuersprühenden Augen der Jungfrau. Doch wiederum beschwichtigt ihn der schlaue Loki: „Acht Nächte hat die Braut vor Sehnsucht nicht geschlafen; wie sollten ihre Augen nicht glühen!“ Erfreut läßt nun Thrym den Hammer des Donnerers herbeibringen und ihn der Braut in den Schoß legen, um den Ehebund nach der Sitte zu weihen; in Thors Brust lachte das Herz, als er seinen Hammer vor sich sah. Rasch faßte er zu, warf die Hülle ab und wetterte den Riesen samt allen Hochzeitsgästen nieder. Über diese Mythe schreibt MANNHARDT: „Sie besagt, wie Thrym, der Riese des winterlichen Sturmes, dem Himmel den befruchtenden sommerlichen Wetterstrahl raubt und während der acht Wintermonate des Nordens in der Tiefe begräbt. Er sucht die Göttin der Sonne und lichten Wolke, Freya, gänzlich in seine Gewalt zu bringen. Thor verhüllt sich selber in das Kleid der Wolkenfrau und gewinnt so im Frühling den Hammer wieder, den er aus dem Schoß der Wolken hervorwetternd schwingt.“

Endlich war auch Loki beteiligt an der Fahrt Thors zur Behausung des Thursen GEIRRÖD (Speerröter). Den weithin qualmenden Schlot desselben entdeckte er nämlich in der Ferne, als er sich im erwähnten Falkengewand in den Lüften schaukelte, und ließ sich aus Neugierde auf den Fenstersims nieder. Da bannte ihn der Riese fest und weil der Vogel auf alle Fragen stumm blieb, sperrte er ihn ein und ließ ihn drei Monate ohne Nahrung. Dieses Mittel wirkte. Loki gestand, wer er wäre, und der erfreute Geirröd schenkte ihm bloß unter der Bedingung die Freiheit, daß er mit heiligem Eidschwur versprach, Thor, den Hauptfeind des Riesengeschlechts, ihm zum Faustkampf stellen zu wollen, aber ohne den gefürchteten Hammer. Der schlaueste aller Asen suchte hierauf Thor zu einem friedlichen Besuch bei Geirröd zu bereden, indem er ihm vorlog, wie freundlich er selbst von demselben aufgenommen worden sei und wie der Riese lediglich aus Bewunderung sich nach der Bekanntschaft mit dem ältesten Sohn Wodans sehne.

Thor folgte dem Versucher, erfuhr aber schon nach der ersten Tagereise bei der Riesin GRID), der Mutter seines Stiefbruders WIDAR, die Wahrheit und wurde von ihm mit ihren Eisenhandschuhen, ihrem Stab und Stärkegürtel versehen. Eine Tochter Geirröds staute mit ihrem Leib einen den Wanderern im Wege liegenden großen Strom an, mußte aber den Steinwürfen Thors weichen. Als sie endlich das Gehöft des Thursen erreicht hatten und Thor sich müde auf einen Stuhl niederließ, merkte er plötzlich, wie sich derselbe nach und nach immer höher der Decke zu emporhob. Schnell stemmte er seinen Stab gegen die Wölbung und drückte sich dann mit aller Kraft nieder. Entsetzliches Jammergeschrei, unter dem Stuhl hervortönend, belehrte ihn, daß die beiden Töchter des Wirtes, GIALP und GREIP, ihre List mit dem Tode zu bezahlen hatten. Von Geirröd dann zum Kampf aufgefordert, bemerkte Thor kaum die rings an den Wänden der Halle emporlodernden Feuerflammen, als ihm auch schon der Riese einen glühenden Eisenkeil entgegenschleuderte. Jetzt taten die eisernen Handschuhe treffliche Dienste; der Ase fing das Geschoß auf und warf es mit solcher Gewalt gegen die Säule, hinter welcher sich der Feind versteckt hielt, daß es das Bollwerk samt der Brust Geirröds durchbohrte. Dieser wurde in einen Stein verwandelt. – Der Kampf erinnert an den Streit des wohltätigen Sommergottes mit dem Dämon des verderblichen Unwetters, oder, wie andere wollen, mit den Gewalten des vulkanischen Feuers.

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Thunar oder Thor

TYR, ALTHOCHDEUTSCH ZIO

Daß ZlO der älteste aller germanischen Götter ist und zwar in seiner Bedeutung dem griechischen Zeus vollkommen gleich, ist schon in der Einleitung erwähnt worden. Der lichte Himmelsgott war aber bereits zu Tacitus‘ Zeit zu einem Schwert- und Kriegsgott geworden. Es ist ihm also ähnlich gegangen wie dem römischen Mars, und der diesem gewidmete dritte Wochentag erhielt auch in Deutschland den Namen von Tyr. Darum war auch der Pfeil und später wohl das Schwert sein Symbol. Die Brut Lokis war von Wodan weit aus seinen Augen verbannt worden. Hel war nach Nifelheim hinabgeschleudert, die Schlange Jörmungandar in das tiefe Weltmeer versenkt, welches Midgard umschließt. Nur FENRIR, der Wolf, war vor der Hand unter Tyrs Hut geblieben, der ihn täglich mit Futter versorgte. Aber bald wuchs er so riesenhaft heran und gewann solche Stärke, daß man sich in Asgard selbst vor ihm zu fürchten begann und auf Mittel dachte, ihn unschädlich zu machen. Die Asen schmiedeten also zwei Eisenfesseln, Leuthing und Droma, und brachten den Wolf durch Zureden so weit, daß er sich geduldig die Bänder anlegen ließ. Aber als er seine gewaltigen Glieder reckte, flogen die Ringe klirrend auseinander. Die Sorge der Himmlischen mehrte sich, denn täglich wuchs die Stärke Fenrirs. Da sandte Odin seinen treuen Diener SKIRNIR (Glänzer) nach Schwarzalfenheim und ließ die Zwerge um eine dauerhafte Fessel bitten.

Diese verfertigten aus dem Bart der Weiber, den Sehnen der Bären, dem Schall der Katzentritte, dem Speichel der Vögel, der Stimme der Fische und den Wurzeln der Berge eine Fessel namens GLEIPNIR, so dünn wie ein Seidenband. Die Götter ließen hierauf den Wolf kommen und forderten ihn auf, seine Kraft an dem neu en Kunstwerk zu probieren. Aber Fenrir witterte unter dem schwachen Gewebe Zaubertrug und weigerte sich, eher die Fesseln sich anlegen zu lassen, als einer der Asen zum Unterpfand die Rechte in seinen Rachen legen würde. Tyr tat dies unverzagt. Das Band aber, von dem die Alfen gesagt hatten, es werde den Gebundenen immer fester zusammenschnüren, je mehr er sich bemühe, es zu zerreißen, bewährte sich besser als die stärkste Eisenkette. Die Götter zogen es durch tief eingerammte Felsen hindurch und streckten dem wütenden Untier ein Schwert zwischen die Kiefer. Tyr hatte freilich den meisten Schaden; denn ihm hatte der Wolf, als er die List merkte, die Hand abgebissen.

Es ist unschwer, in dem Wolf Fenrir ebenso einen Dämon der Finsternis zu erkennen, wie in den Wölfen Skoll und Hati. Tyr ist also ihm gegenüber noch der alte Gott des Himmels, der das Licht dem finsteren Rachen entreißt. Daß er dabei die Hand einbüßt, stimmt merkwürdigerweise ganz mit der indischen Legende vom Sonnengott SAWITAR; nur daß dieser sich die Hand beim Opfer abgeschlagen hat. Möglich, daß man dabei an die Einbuße der Hälfte gedacht hat, die der Tag durch die Nacht erleidet; möglich auch, daß das Attribut der goldenen Hand allmählich zur Annahme einer künstlichen Goldhand geführt hat.

Von seinem späteren Wirken als Kriegsgott scheint Tyr bei den Germanen südlich von der Ostsee als SAXNOT, d. h. „der des Schwertes (Sax) waltende Gott“, verehrt worden zu sein. Namentlich wissen wir dies von den Sachsen.

Bei anderen Stämmen kommt auch der Name CHERU oder HERU vor, und da dies auch das Schwert bedeutet, so mag wohl auch hier kein Unterschied obwalten, und die Cherusker waren sonach die Mannen oder Abkömmlinge des Heru oder Tyr.

Mehr nach Thor als nach Tyr sieht endlich der von den Sachsen verehrte Gott IRMIN aus, dessen hölzerne Säule (Irmensäule) im Osning bei Detmold Karl der Große 772 zerstört hat.

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Tyr

BRAGI UND IDUN

BRAGI, der sangreiche und redebegabte Sohn Wodans, hatte zur Gattin IDUN (Erneuende), die Tochter des Zwergenvaters Iwaldi. Sie, „die schmerzheilende Maid, die des Gotteralters Heilung kennt“, bewahrte dem Odin die Kufe ODRORIR (Geistererzeuger), die den Dichtermet barg. Mit diesem aber hatte es folgende Bewandtnis. Nach einem Krieg zwischen den Asen und Wanen war der Friede dadurch besiegelt worden, daß beide Parteien ihren Speichel in ein Gefäß laufen ließen und daraus den weisen Mann KWASIR (Redner) schufen. Auf seinen Reisen war dieser in Schwarzalfenheim von zwei Zwergen FIALAR und GALAR ermordet worden, und die Kobolde hatten dann sein Blut mit Honig gemischt und einen zum Dichten begeisternden Met daraus gebraut. Den Wundertrank mußten aber die Erfinder später dem Riesen SUTTUNG als Sühne für den an seinem Oheim verübten Totschlag überlassen, der ihn von seiner Tochter GUNLÖD bewachen ließ. Odin war in die Felsenhöhle gelangt, indem er durch den überlisteten Riesen BAUGI den Berg durchbohren ließ, hatte den Kessel mit dem Met geleert und auf diese Weise den letzteren nach Asgard gebracht.

Außer dem Dichtertrank bewachte aber Idun noch elf goldene Äpfel, deren Genuß den Asen ewige Jugendschöne gewährte. Nun geschah es, daß Odin, Hönir und Loki durch eine gebirgige und öde Gegend wanderten, wo weder Obdach noch Speise zu finden war. Endlich trafen sie in einem Tal eine Rinderherde, schlachteten ein Stück davon und brieten es. Aber das Fleisch wollte immer nicht gar werden, und sie fragten verwundert einander, WER wohl daran Schuld sein möchte. Da antwortete ihnen plötzlich eine Stimme aus dem Baum über ihnen, und ein großer Adler versprach ihnen, den Braten genießbar zu machen, wenn sie ihn am Mahl teilnehmen ließen. Die Asen willigten ein; da aber der Vogel gleich die beiden Lenden und das Vorderteil des Ochsen für sich nahm, ergrimmte Loki und stieß jenem eine große Stange in den Leib. Der Adler schwang sich hierauf mit derselben, an der plötzlich durch Zauber Lokis Hände festklebten, empor, flog aber so niedrig, daß Lokis Füße Steine und Gehölz streiften. Er konnte die Qual nicht ertragen und bat flehentlich den Adler um Frieden. „Wohlan“, sprach derselbe, „versprich mit heiligem Eid, daß du mir Idun mit den goldenen Äpfeln verschaffen willst, so will ich dich frei geben!“ Loki gab die Zusage, und als er nach Asgard zurückgekommen war, lockte er Idun in einen Wald unter dem Vorwand, daß er dort einen Baum mit herrlichen Äpfeln entdeckt hätte; sofort stellte sich der Adler ein und entführte die erschrockene Göttin nach Jötunheim. Der gewaltige Vogel war der Thurse THIASSI (Stürmende). Die Asen befanden sich nach Iduns Verschwinden in übler Verfassung; denn sie alterten schnell und wurden grauhaarig. Endlich lenkte sich ihr Verdacht auf den Verräter Loki, der zuletzt mit der Verlorenen gesehen worden war. Mit dem Tode bedroht versprach er, Idun aufzusuchen, wenn ihm Freya ihr Falkengewand leihen wollte. So gelangte er glücklich zu der Behausung des Riesen, fand die Göttin allein, verwandelte sie in eine Nuß und flog mit der leichten Beute davon. Thiassi, der auf dem Meer gerudert hatte, kam aber bald nach Hause, bemerkte gleich den Raub und setzte im Adlerkleid den Fliehenden nach.

In Asgard sah man den Falken und hinter ihm den Adler herfliegen. Die Asen häuften daher um die Mauer herum Holzspäne auf und zündeten sie an, sobald der Falke die Burg erreicht hatte. Der Adler aber achtete in seiner Hast der aufschlagenden Lohe nicht, verbrannte sich das Gefieder und stürzte in Asgard zu Boden, wo die herbeieilenden Götter ihn erschlugen.

So erscheint hier Idun als Göttin des vegetativen Lebens, die im Winter in der Gewalt des nordischen Sturmriesen ist, im Lenz aber von Loki wiedergeholt wird. Thiassi aber hinterließ eine Tochter, die schöne und mutige SKADI (Strafe). Diese wappnete sich auf die Nachricht vom Tode ihres Vaters und sprengte nach Asgard, um blutige Rache zu nehmen an dem Schuldigen. Die Asen erfreute die Keckheit und Holdseligkeit der Jungfrau. Thor warf die Augen ihres Vaters gen Himmel, wo sie als leuchtende Sterne glänzen, und Allvater erlaubte ihr, sich unter den Asen einen Gemahl auszusuchen. Allein Skadi in ihrem Schmerz wollte nichts von gütlichem Ausgleich wissen. Da schaffte wieder der listige Loki Rat. Er band sich einen Ziegenbock an den Fuß und begann nun meckernd mit dem Tier die possierlichsten Sprünge und Grimassen zu machen. Als er endlich vor Skadi einen Fußfall tat, konnte sich diese nicht länger halten und brach in volles Lachen aus.

Nun zeigte sie sich auch willig, sich durch Heirat mit dem Asengeschlecht zu verbinden; doch durfte sie bei der Wahl nicht mehr als die Füße der Götter sehen. So kam es, daß sie sich irrte; denn indem sie glaubte, den herrlichen Balder vor sich zu haben, wählte sie NJÖRDER. Dies war ein Wane und nach dem Krieg zwischen seinem Geschlecht und den Asen als Geisel in Asgard zurückgeblieben. Sein Name (Wasserhälter) sowie sein Schloß NOATUN (Schiffsstätte) kennzeichnen ihn als Beherrscher der Meerflut. Seine Ehe mit Skadi wurde dadurch getrübt, daß dieser das Brausen des Meeres und das Kreischen der Möwen nicht gefiel, während ihm wieder die öden Bergklüfte und das Wolfsgeheul in den Wäldern Jötunheims unausstehlich vorkamen. Sie wechselten einander zuliebe den Aufenthaltsort alle neun Tage. Endlich aber trennten sie sich ganz, und die Jägerin Skadi reichte später dem mehr zu ihr passenden, im Asengehöft YDALIR (Eibental) wohnenden Bogenschützen und Wintergott ULLER ihre Hand.

FREYA (Frau, Freundliche) und ihr Bruder FREYER (Herr, Frohe) sind Kinder NJÖRDERS aus seiner ersten Ehe mit NJÖD. Freyer war besonders in Skandinavien verehrt als ein über Regen und Sonnenschein gebietender Gott, der seinen Sitz in Lichtalfenheim hatte. Ihm diente als treuer Begleiter SKIRNIR (Glänzer). Zu seinen Ausflügen aber benutzte er den Eber GULLINBURSTI (Goldborstiger) und das Schiff SKIDBLADNIR (geflügeltes Holz), das stets günstigen Fahrwind hatte und sich nach dem Gebrauch zusammenlegen und in die Tasche stecken ließ (wohl die Sonne und die Wolke). Auch ein sich von selbst schwingendes Schwert besaß er; dies opferte er jedoch auf bei der Werbung um die Riesentochter GERD. Seine Schwester FREYA ist die Göttin der Natur, die blütenreiche Mutter der Erde. Im Kultus dagegen ist sie die Beschützerin der Liebenden, die auch nach dem Tode hoffen, in ihrem Palast FOLKWANG (Volkanger) in ihrem lichten Saal SESSRUMNIR (Sitzraum) Aufnahme und Wiedervereinigung zu finden.

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Bragi und Heimdal empfangen die Krieger in Walhalla

FREYA UND FREYER

Freya ist nicht bloß Mundschenkin in Walhalla, sondern auch Führerin der Walküren auf dem Schlachtfeld. An dem ihr geheiligten Freitag wurden die meisten Ehen geschlossen, und erst die christlichen Priester erklärten diesen Tag als den Kreuzigungstag Christ für eine unglückliche Zeit. Zuletzt beim Mahl trank man Freya MINNE, d. h. man weihte ihr den Becher der Liebe und Erinnerung zu Abschied, was später auf Maria überging. Freya trug den von den Zwergen geschmiedeten köstlichen Halsschmuck BRINSINGAMEN (Feuerkette) und fuhr auf einem mit Katzen bespannten Wagen. Einst bekam Wodan selbst Lust nach dem Kleinod Brinsingamen und befahl Loki, der ihm davon erzählt hatte, ihm dasselbe entweder zu verschaffen oder nie wieder vor seine Augen zu kommen. Sehr ungern übernahm Loki den heiklen Auftrag und schlich sich nach Folkwang. Die Wanin ruhte in ihrer verschlossenen Kammer, und Loki verwandelte sich in eine Fliege, um hineinzukommen, dann aber in einen Floh, um Freya, die mit der Brust auf der Kette lag, zum Umdrehen zu bestimmen. Alles gelang nach Wunsch, und der Dieb huschte mit seinem Raub ins Freie, als ein Stärkerer über ihn kam. Der wackere Heimdal, der treue Wacht an der Brücke BIFROST hielt, hatte den Raub beobachtet und eilte Loki nach. Dieser stürzte sich als Robbe ins Meer, aber Heimdal tat dasselbe, und in dem nun entbrannten Kampf siegte er und nahm dem Räuber das Kleinod ab. Idun heilte dann des Siegers Wunden und brachte den Halsschmuck der weinenden Freya zurück.

Gewöhnlich wird Freya als Jungfrau gedacht. Nach einem Mythos war sie jedoch mit ODUR (Geist) vermählt. Als sie ihm jedoch eine Tochter, HNOSS (Kleinod), geschenkt hatte, verließ er sie treulos und zog auf ferne Wege. Freyas Tränen flossen darob unablässig und wurden zu rotem Gold. Nach einer Sage kam Odur dann als fremder Wanderer nach Folkwang zurück und erzählte nach der Wiedererkennung, daß er auf windkalten Wegen hergekommen wäre, und daß ihn der Nornen unabänderlicher Spruch in die Ferne und wieder zurückgeführt hätte. Nach einer anderen Legende sucht ihn Freya in allen Ländern und findet ihn zu ihrer Freude endlich auf grüner Matte. Aber Odur bleibt dennoch nicht bei ihr und verläßt sie in jedem Jahr nach der Herbsttagundnachtgleiche.

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Freya

Freyer

BALDER

Der lichte, strahlende Sohn Friggs, BALDER, ein Symbol der kurzlebigen Sommerherrlichkeit, war der beste aller Asen und von allen wegen seiner Unschuld und Milde geliebt. In seinem Gehöft BREIDABLICK (breiter Gang) wurde nichts Unreines geduldet. Dort wohnte Balder, auch VOL genannt, mit seiner geliebten Gattin NANNA und seinem Sohn FORSETI (Vorsitzender), der seines Vaters gute Eigenschaften erbte und später in der mit Silber gedeckten, auf Goldsäulen ruhenden Halle GLITNIR (Gleißende) immerwährend zu Gericht saß.

Der frühe Tod Balders sollte über die Asen bitteres Leid bringen. Ein böses Vorzeichen hatte nach dem Entschwinden des Goldalters den Asgard in große Unruhe versetzt. Die liebliche Idun war in einer Nacht von den Zweigen der Weltesche Yggdrasil, in denen sie sich gewiegt hatte, hinabgesunken in das Nachtreich Hels, und am nächsten Tag drohte Mimirs Brunnen zu vertrocknen. Da schickte Odin seinen Raben Hugin aus, und dieser flog eilig zu den Zwergen DAIN und THRAIN, die der Zukunft kundig waren. Allein dort war wenig zu erfahren, denn die Zwerge lagen in wirren Träumen. Odin sandte also Heimdal, Loki und Bragi hin unter zu Hel selbst, um Idun auszuforschen. Auf düsteren Pfaden stiegen sie hinab nach Nifelheim, gelangten zu der mit festem Eisengitter und loderndem Feuer umgebenen Burg Hels und gingen hinein, ohne sich um das Heulen des blutbesudelten Höllenhundes MANAGARM (Mondhund) zu kümmern. Bald erspähten sie die Göttin der Jugend und fanden sie blaß, abgehärmt und stumm. Nur Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen, und keine Antwort über das Schicksal der Asen und der Welt kam über ihre Lippen. So zogen die Boten wieder ab. Aber Bragi, der liebende Gatte, blieb bei Idun zurück. Ratlos hörten die Götter den Bericht Heimdals und Lokis und mußten ihre Entschlüsse vertagen.

Am nächsten Morgen schwang sich Odin auf Sleipnirs Rücken, um selbst die Reise nach Nifelheim anzutreten; denn in der Nacht hatte Balder geträumt, Hel sei ihm erschienen und habe ihm gewinkt. Er reitet bei Hels Behausung vorüber nach Osten, wo der Seherin WALA (oder Wöla) Grabhügel stand. Dort sprach er die Beschwörungsformel und weckte die Tote mit mächtigem Bann.

Und als sie ihn nach seinem Begehr fragte, gab er sich für WEGTAM (Weggewöhnte) aus und erkundigte sich, für wen bei Hel die Betten mit Gold geschmückt und die Sitze mit Reifen belegt wären. Da antwortete Wala: „Für Balder, den Guten, wird der Empfang bereitet und köstlicher Met gebraut den Asen zum Gram.“ Und als er weiter wissen wollte, wer Balder zu Hel senden und wer den Mord rächen würde, so sagte sie ihm, wie es kommen sollte. Als er aber noch fragte, wie hieße, daß Balders Tod nicht beweinen werde, da erkannte ihn Wala voll Entsetzen und bat ihn, heimzureiten; Niemand werde sie weiter Rede stehen, bis Lokis Bande rissen und der Götter Verderben hereinbräche. Unterdessen hatten auch die übrigen Asen nicht gerastet. Sie beschlossen allen lebenden Kreaturen und selbst den leblosen Dingen einen heiligen Eid abzufordern, daß sie Balders Leib und Leben Balder und Nanna nicht schädigen wollten. Die besorgte Frigg selbst war ausgefahren in alle Lande, und es hatten ihr geschworen die Thursen, die Menschen, die Alfen, die Bäume und Sträucher, die Steine und Erze, selbst die Gifte und Krankheiten. Nun herrschte große Heiterkeit in Walhalla. Die Asen scherzten und lachten und zielten mit allerlei Wurfzeug und Geschoß nach Balder, um zu sehen, wie jede Waffe den gefeiten Leib vermied. Nur Loki fand kein Gefallen an dem Wunder, verwandelte sich in ein altes Weib und humpelte nach Fensal zu Frigg, um sich Aufklärung zu verschaffen. Gutmütig erzählte ihm Balders Mutter, was sie alles getan habe, um das Unglück vom lieben Sohn fern zu halten; ja, sie vertraute ihm endlich, daß alle Gewächse auf Erden ihr den verlangten Eid geleistet hätten, mit Ausnahme eines kleinen Mistelstrauches, den sie für zu unbedeutend gehalten hätte. Der Verräter eilte zur Mistel, riß sie herunter und formte einen Ger daraus. Dann ging er in den Kreis der heiter scherzenden Asen zurück. Dort fand er den starken, aber des Augenlichts beraubten HÖDER in einer Ecke stehen, teilnahmslos bei der Kurzweil der übrigen. Er fragte ihn, warum er nicht auch zu Balders Ehre seine Kraft im Werfen versuchte, und als der Blinde erwiderte, er habe ja weder Waffen noch Augen, drückte er ihm den Mistelgeer in die Hand und richtete denselben auf Balder. Höder schleuderte mit voller Kraft den Speer, und der Bruder sank mit durchbohrter Brust entseelt zu Boden!

Da verfinsterte sich die Erde; sprachlos und entsetzt standen die Götter um die Leiche des Vielgeliebten. Dann aber wandten sich alle gegen den Mörder, und am liebsten hätten sie sogleich Rache an ihm genommen – Loki hatte sich natürlich weggeschlichen – wenn nicht Asgards Heiligkeit ihn geschützt hätte. Frigg, durch das laute Jammern erschreckt, eilte auch herbei und klammerte sich an die Hoffnung, die schreckliche Hel möchte sich vielleicht erbitten lassen, den geliebten Sohn wieder frei zu geben. Sofort war Balders zweiter Bruder, HERMODER, bereit, das Schattenreich aufzusuchen, und bestieg den eben erst von dort zurückgekehrten Sleipnir.

Die Asen aber machten sich daran, die teure Hülle mit den letzten Ehren zu beschenken. Sie geleiteten dieselbe an den Strand des Meeres, wo Balders Schiff HRINGHORN (Ringhörnige) lag. Auf diesem wurde der Scheiterhaufen errichtet. Aber als die Leiche hinaufgelegt werden sollte, brach der holden Nanna das Herz vor Jammer, und die Götter gesellten sie dem Geliebten bei. Auch dessen edles Roß mußte ihm im Tod folgen, und Wodan steckte dem Sohn noch den Wunderring DRAUPNIR (Traufende) an die Hand, der in jeder neunten Nacht sich verachtfachte. Sodann weihte Thor mit seinem Hammer die Scheiter, und die Flamme prasselte in die Höhe. Aber niemand vermochte nun das Fahrzeug mit seiner Last von der Stelle zu rücken und ins Meer hinabzuschieben. Die anwesenden Riesen erboten sich, ein starkes Weib aus Jötunheim namens HYRROKIN (Feuerräucherige) herbeizuholen, die Berge zu verrücken imstand wäre. Es geschah, und die Alte kam sturmschnell auf einem riesigen Wolf angeritten, der mit einer Natter gezäumt war. Mit einem einzigen Stoß schob sie das Schiff in die Wellen. Thor aber ergrimmte über der Riesin rohe Weise und hätte ihr gern mit Mjölnir das Lebenslicht ausgeblasen, wenn nicht die übrigen Asen, auf das freie Geleit Hyrrokins hinweisend, ihn abgehalten hätten. So ließ er seine Wut am Zwerg LIT (Farbe) aus, der ihm unter die Füße kam, und warf ihn ins Feuer.

Während dies geschah, war Hermoder nach neuntägigem Ritt an den Fluß GJOLL (Gellende) gelangt, der Hels Reich von den anderen Welten scheidet, und von der Brückenwächterin MÖDGUD (Seelenkampf) nach Hels Wohnsitz gewiesen, erreichte er denselben bald und setzte mit Sleipnir über das verschlossene Gitter in das Totengebiet. Bald gelang es ihm, Balder und Nanna zu finden. Sie saßen auf einem Ehrenplatz, aber traurig und ohne die goldenen Pokale zu berühren. Hermoder wandte sich aber sogleich an die grauenhafte Hel und richtete seinen Auftrag aus; er hob her vor, daß alle Wesen der Welt über Balders Tod trauerten. Da erwiderte ihm Hel: „Weint alles Lebendige und Tote um Balder, wohl, so mag er zurückkehren ans Licht; bleibt aber ein einziges Auge trocken und tränenlos, so muß er ewig in meinem Saal weilen.“ Den Göttern in Asgard dünkte dieser Bescheid nicht ungünstig, und sogleich wurden Boten nach allen Seiten ausgesendet, welche alle Wesen und Dinge auffordern sollten, dem entschwundenen Balder Tränen zu weihen. Da rieselten allen lebenden Geschöpfen die Zähren über die Wangen; die Blätter und Blumenkelche füllten sich mit Tauperlen, und selbst von den Steinen troff das geweinte Naß herab. Als aber die Boten zurückkehrten, fanden sie auf dem Weg vor ihrer Höhle die Riesin THOKK (Dunkel), welche trotz aller Bitten den Tränenzoll verweigerte. „Was soll ich weinen um Balder?“ sprach sie. „Er hat mir weder im Leben noch im Tod Nutzen geschafft. Mag Hel behalten, was sie hat! „ So blieb Balder der Oberwelt verloren. Das „tückische Weih“ aber war niemand anders als der Schurke Loki.

Nun hatte die Seherin Wala zuletzt auch Odin geweissagt, der Rächer Balders, der die von Pflicht und Gesetz gebotene Blutrache am Mörder vollziehen werde, müßte seinem eigenen Blut entstammen und der Königstochter RINDA (Rinde, Erdkruste) Sohn sein. Nachdem also alle Hoffnung auf Balders Wiederkehr geschwunden war, begab sich Odin in das Land der Ruthenen, zu BILLING, Rindas Vater. Er trat dort als Kriegsmann auf, bot dem König seine Dienste an und verrichtete solche Heldentaten, daß ihn Billing zum Feldherrn machte und ihm die Hand seiner schönen Tochter versprach. Allein diese wies die Werbung schroff ab und schlug sogar dem zudringlichen Freier ins Gesicht.

Hierauf spielte Odin die Rolle eines reichen Goldschmieds, wurde aber schließlich gerade so abgefertigt. Er erschien dann noch als stolzer Ritter bei dem königlichen Hoffest, erhielt aber, als er um einen Kuß bat, von der spröden Rinda einen solchen Stoß, daß er in die Knie sank. Endlich nahm er Mädchengestalt an, diente der Prinzessin treulich und versetzte sie mit seinem Zauberstab in schwere Krankheit, übernahm dann als Arzt die Heilung und errang so die Hand der dankbaren Rinda. Ihr Sohn WALI wuchs in wenigen Stunden zum kräftigen Jüngling heran und verstand sich auf die Führung des Bogens wie Uller. Ungekämmt und ungewaschen erscheint er am nächsten Tag in Walhalla und erlegt mit seinen Pfeilen den das Licht des Tages meidenden Höder, worauf ihm die Asen zum Dank die Halle WALASKJALF erbauten, deren Dach aus glänzendem Silber bestand.

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Uller

Rindas, der Erdkruste, Sohn WALI, auch Bul oder Bous (Bauer) genannt, ist der Lenz, welcher den Gott der düsteren Jahreshälfte, Höder, tötet und so des sommerlichen Balders Tod rächt. Der ganze Mythos ist in der Edda mit dem Weltuntergang verflochten und gewinnt durch Lokis Dazwischentreten und die Unschuld Höders einen hochtragischen Anstrich. Die dänische Sage hat die ursprüngliche Naturanschauung besser bewahrt. Bei ihr befinden sich nämlich Balder und Höder in einem sich wiederholenden Kampf um die von beiden geliebte Nanna, und Höder trägt den Sieg davon. Übrigens klingt die Baldermythe in der Nibelungensage nach, in welcher der lichte Sonnenheld Siegfrid (Sigurd) von dem falschen Hagen erschlagen wird.

GERD, Freyers Gemahlin, war die Tochter des Riesen OEGIR (Schrecken), der zugleich Heimdals Großvater und Beherrscher der stürmischen Meeresflut war. Nach der Verheiratung Gerds machte er in Asgard den Asen einen Besuch und freute sich der ihm zuteilgewordenen Aufnahme so, daß er die Götter alle zu sich auf die Zeit der Leinernte einlud. Die Gäste stellten sich alle zur genannten Zeit auf seinem Eiland ein. Aber obgleich Oegir alles aufgeboten hatte, um die Asen zu befriedigen, kam er doch bald in große Verlegenheit. Es fehlte ihm der Met, weil er keinen Braukessel besaß, und der durstige Thor zog ein schiefes Gesicht. Da erinnerte sich Thor, daß sein Stiefvater, der im fernsten Osten wohnende Riese HYMIR (Schläfrige), einen Kessel, eine Meile tief, besaß. Diesen erbot er sich herbeizuschaffen, wenn Thor in begleiten wolle. Des Blitzgottes Böcke trugen sie schnell zur Stelle, wo sie von Tyrs goldgelockter Ahne willkommen geheißen wurden, aber vor der neunhundertköpfigen Alten zurückbebten. Bald kehrte der auf der Jagd beschäftigte Hymir zurück, und die Gaste versteckten sich hinter einer Säule, da ihnen erzählt worden war, daß der Riese im ganzen den Fremden abhold wäre. Hymir sprengte mit seinem Zornesblick die Säule; doch scheute er sich vor Thors Hammer und befahl drei Stiere zuzurichten. Thor verzehrte allein zwei davon, und der Riese meinte, er werde am anderen Morgen auf den Fischfang ausfahren, damit die Fremden nicht seiner Herde ein Ende machten. Thor bot sich ihm als Begleiter an und fand sich in der Frühe beim Boot ein. Hymir spottete aber des kleinen Mannes und meinte, derselbe würde wohl bald frieren und der Heimkehr begehren. Als hierauf Thor einen Köder für seine Angelrute verlangte, fuhr er ihn an: „Suche Dir selbst einen!“ Aber wie erschrak er, als der Fremde einem seiner dunklen Stiere ohne weiteres den Kopf abriß und ins Boot sprang! Nun begann die Fahrt weit und immer weiter hinaus in die hohe See. Dort warf Hymir seine Angelrute aus und fing zwei Wale. Aber auch Thor senkte den Stierkopf in die Tiefe. Bald zuckte die Schnur und mit solcher Heftigkeit, daß Thor beim Anziehen auf die Schiffswand fiel. Schon lachte der Riese. Aber der Ase geriet in Wut, trat den Boden durch und zog, auf dem Meeresboden stehend, bis endlich die See hoch aufschäumte und die scheußliche Midgardschlange emporstieg und dem Gott ihren Rachen zeigte. Dieser schwang den Hammer und wollte dem Wurm den Schädel einschlagen, als Hymir herzuspringend die Angelschnur durchschnitt. Jörrmungandar entging so ihrem Schicksal, aber den Riesen belohnte ein Faustschlag, der ihn über Bord stürzte. Am Ufer angelangt, bat Hymir kleinlaut, Thor möchte entweder das Schiff an den Strand ziehen oder die Fische nach Hause tragen. Thor tat beides, forderte aber dann zur Belohnung den größten Braukessel. „Der Kessel“, sagte Hymir, „kann nur dem Mann zuteil werden, welcher meinen Trinkbecher zu zerbrechen vermag.“ Der Ase schleuderte hierauf das Gefäß mit solcher Macht an die Säule, daß das Gemäuer zerbrach, aber der Becher blieb unverletzt. „Hymirs Schädel ist härter als Stein“, raunte die Ahne ihm zu. Thor verstand den Wink und warf den Kelch dem Riesen an die Stirn, daß er in tausend Scherben zerschellte. Hierauf nahm Thor den Kessel, stülpte ihn über den Kopf und schritt aus der Halle. Hinterdrein aber stürmte Hymir mit einer Anzahl vielköpfiger Thursen, um ihm den Rückzug abzuschneiden. Dies gelang ihnen jedoch nicht.

Mjölnir tat seine Schuldigkeit, und die Unholde wurden teils vernichtet, teils nach Nifelheim verscheucht. Nun herrschte laute Fröhlichkeit in Oegirs Halle. Der schäumende Met kreiste, und die Asen suchten ihren Harm über Balders Tod zu vergessen. FUNAFENG (Feuerfänger) und ELDIR (Zünder), die flinken Diener des Wirts, warteten emsig ihres Amtes. Loki kam zuletzt auch noch zum Gelage, und da ihn Funafeng schnöde an der Tür zurückwies, so erschlug er ihn und entwich in den Wald. Doch bald schlich er sich wieder herbei, und als er von Eldir hörte, daß die Asen von ihren Taten sprächen und nur von ihm selbst kein gutes Wort wüßten, trat er frech in den Saal und begann die sämtlichen Asen mit unerhörten Lästerungen und Schmähungen zu überschütten. Ja, endlich rühmte er sich Frigg gegenüber ganz offen, daß er es gewesen, der Balder zu Hel gesendet hätte. Da erschien Thor, und vor seinem Hammer wich der Frevler, nachdem er dem ganzen Göttergeschlecht den Untergang prophezeit hatte. Tief im Gebirge baute er sich neben einem Wasserfall eine Wohnung mit vier Türen und war täglich vor seinen Verfolgern auf der Hut. Auch erfand er in seiner langen Mußezeit das Fischernetz. Odin ersah aber doch endlich von seinem hohen Sitz aus des Bösewichts Versteck und zog mit der ganzen Asenschar gegen ihn zu Felde. Sie kamen zur windigen Hütte, fanden aber Loki nirgends. Doch entdeckten sie in der glimmenden Asche des Herdes das halbverbrannte Netz, welches der Verfolgte beim Nahen der Fein de dem Feuer überliefert hatte, und nun war es ihnen klar, wo der selbe sich verborgen hatte. Rasch verfertigten sie nach dem Rest des Geflechtes ein neues großes Netz und beginnen damit den Wasserfall zu durchsuchen. Schon beim ersten Zug merken sie, daß etwas Lebendiges unter dem Netz weggeschlüpft sei. Sie beschweren daher dasselbe mit Steinen und beginnen den Fischfang von neuem. Da sprang plötzlich ein großer Lachs über das Netz hinweg und schwamm den Strom hinauf; als er aber rückwärts denselben Versuch wagte, fing ihn Thor, der mitten im Wasser watete, am Schwanz, und es entpuppte sich zum Jubel der Götter Loki in Person! SYGIN, Lokis Weib, eilte nun mit ihren Söhnen WALI und NARWI herbei, um Loki Beistand zu leisten.

Allein die grausamen Asen verzauberten Wali in einen Wolf, der sofort den Bruder zerriß. Dann schnürten sie den Vater auf drei scharfkantige Felsen fest, und SKADI nahm noch besonders Rache für den Tod ihres Vaters Thiassi, den Loki hauptsächlich auf dem Gewissen hatte, indem sie eine giftige Natter über des Gerichteten Haupt aufhängte, deren beißender Geifer demselben das Antlitz beträufeln sollte. Die treue Sygin wich jedoch nicht von Lokis Seite und fing das Gift in einer Schale auf. Nur wenn sie gezwungen war, das volle Gefäß auszugießen, näßte das Gift die Wangen des Unglücklichen, und er heulte dann laut auf vor Wut und Schmerz. Immer näher unterdessen rückte die Zeit heran, wo die alte Weltordnung zerfallen und das Unheil des Weltuntergangs, RAGNAROK (Götterdämmerung), hereinbrechen sollte über Götter und Menschen.

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Balder und Nanna

RAGNAROK

Kurz vorher bildeten Eigennutz und Habgier die einzigen Triebfedern der Handlungen, und Mord und blutige Kriege nahmen in schrecklicher Weise überhand. Die Erde verödete und verlor ihre schöpferische Kraft, die Sonne trübte sich und endlich folgten sich drei schreckliche FIMBULWINTER (ungeheure Winter) ohne dazwischenliegende Sommer. Alle Gewächse auf Erden erstarrten unter dem unaufhörlichen Schneegestöber, und die Menschen starben vor Kälte und Hunger. Dann ereilten die Riesenwölfe Sköll und Hati den Mond und die Sonne und verschlangen sie.

Die Sterne fallen vom Himmelsgewölbe, die Grundfesten aller Welten wanken und die Banden und Ketten aller Ungeheuer der Tiefe brechen. Die Midgardschlange erhebt sich aus dem Abgrund der Meerflut, der Wolf Fenrir reißt sich los, der Höllenhund Managarm steigt an die Oberwelt, der Feuerriese Surtur mit den Muspelsöhnen sowie die Hrimthursen sammeln sich zum Kampf. Auch Loki sprengt seine Fesseln und besteigt mit seinen Sippen das Schiff NAGELFARI, gezimmert aus den Nägeln der Toten. Auf dem Kriegsfeld WIGRID ordnet Loki seine Scharen, während die Asen samt den Einheriem heranreiten. Ein entsetzlicher Vernichtungskampf hebt an. Allvater wird vom Fenrirwolf verschlungen, Heimdal und Loki durchbohren sich gleichzeitig; Thor erschlägt die Midgardschlange Jörmungandar, wird aber selbst durch ihren giftigen Hauch getötet. Freyer, dem seine Wunderwaffe fehlt, unterliegt dem Flammenschwert Surturs; Tyr erwürgt den Höllenhund, fällt aber dann selbst, zu Tode verwundet. Odins Tod rächt sein Sohn, „der schweigsame Ase“ WIDAR. Er stößt dem Fenrirwolf die dicke Sohle seines Fußes in den Rachen und reißt ihm die Kiefern auseinander. Nach diesen Kämpfen der Mächte, die über Licht und Finsternis gebieten und die lebhaft an die Genossen der iranischen Todfeinde Ahriman und Ormuzd erinnern, gewinnt Surtur mit seiner Lohe freies Walten. Er verbrennt die Weltesche Yggdrasil und schleudert seinen Brand über Himmel und Erde. Dennoch führte im Glauben unserer Väter der Weltbrand nicht zum Urzustand des chaotischen Nichts zurück, sondern es folgte ihm im Laufe der Zeit eine Erneuerung alles Geschaffenen. Eine frische Sonne stieg am Himmel empor, und aus der Tiefe er hob sich eine neue Erde, die sich bald mit Gras und Kräutern schmückte. Und siehe, aus dem Wald HODDMIMIR tauchten auch zwei Menschenkinder auf, die dort schlummernd den Untergang der Welt überlebt hatten, eine Frau LIF (Leben) und ein Mann LIFTHRASIR (Lebenslieber)! Sie wurden die Stammeltern von einem um vieles besseren Menschengeschlecht. Von den Asen leben noch Widar und Wali; zu diesen gesellen sich Magni und Höder, jetzt in Liebe vereint, stellen sich ein und durchwandeln Arm in Arm das IDAFELD (erneute Feld), die Stätte des einstigen Asgard: das GOLDALTER der Welt ist zurückgekehrt.

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Schwerter schmiedende Zwerge