Germanenherz

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Ein Volk, das sich einem fremden Geist fügt, verliert schließlich alle guten Eigenschaften und damit, seine Kultur und sich selbst. Wir sind und werden gezwungen, unseren eigenen speziellen Charakter und unseren Lebensstil zu verbergen und zu Verachten, um nicht als Nazi oder Antisemit verspottet und ausgegrenzt zu werden. Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheiten ihres Geistes und ihre Sprache nimmt. Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluss von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die jüdische Fremdherrschaft zu verewigen.

Wir Deutschen haben uns für unsere Vergangenheit und unsere Ahnen nicht zu schämen, ganz im Gegenteil, wir müssen sie unbedingt neu entdecken. Es ist unsere Pflicht uns mit der Germanistik auseinanderzusetzen. Wir Deutschen haben eine wahre Kultur. Wir Deutschen gehören zu dem Ursprung einer westlich zivilisierten und autarken Welt ohne das wir eine kulturelle Identität künstlich erzeugen müssen indem wir andere Kulturen vernichten! Wir sind mehr als das was uns seit Dekaden eingeredet wird, wir haben eine Geschichte die es wert ist sich zu entwickeln, denn unsere Vorfahren haben ihr Leben gegeben damit wir heute in Freiheit leben sollten.

In  Wahrheit baute  die germanische Weltanschauung auf die Gleichstellung von Menschen und dem Respekt gegenüber der Natur.  Gewalt, Naturzerstörung, egoistischer Intellekt waren verpönt, der Sinn für das Gemeinwohl (Natur inkl. Mensch) war vordergründig. Nichts wurde getan, ohne die Ahnen und die beseelte Natur zu fragen. Das alte Wissen war allen zugänglich und wurde nicht von elitären Herrenmenschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht und der Masse vorenthalten worden!

Das alles ist ein wesentlicher Teil der deutschen Historie, welche jedoch immer mehr in das Vergessen gedrängt wird. Wir sind inmitten eines kulturellen Bewusstseins der Selbstaufgabe und des ewigen Schuldkult, ohne sich auf das zu besinnen was wir sind und andere Völker als selbstverständlich erachten. Den Deutschen hat man die Geschichte abtrainiert. Bei den einen reicht das Gedächtnis nur bis zur letzten Fußball-WM, bei den anderen nur auf 1933.1945. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern will, wird dazu genötigt, sie im weniger Positiven bzw. die negativen Eigenschaften zu wiederholen.

Wer sich aber mit den alten germanischen Mythen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass uns die Judeachristen unsere fundamentalen Lebensgrundlagen und Lebensweisheiten gestohlen haben!. Die drei großen patriarchalen Religionen (Christentum, Islam, Judaismus) sind für rasendes Massenmorden, rücksichtslose Industrialisierung, Sklavenarbeit, Ungerechtigkeit, Plünderung der natürlichen Ressourcen verantwortlich! Sie haben uns den Zugang zu unseren Seelen geklaut, uns von ihren (Schulen, Banken, Medien) abhängig gemacht!
***Es ist an der Zeit, dass Odin zurückkommt***


Viking_Toto_Germanenherz
Vom Hohen Norden wird er kommen mit seinen Streitwagen, und seine Macht wird unbezwingbar sein. Eine Schar Aufrechter wird um Ihn sein, ihnen wird er das Licht geben, und sie werden der Welt leuchten, Und die Stunde des Lichtes wird heimkehren über die Erdenwelt.
Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Man sei sich der Gegenkräfte gewahr und schließe nicht die Augen vor ihnen. Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Zum Leben gehört auch der Mut zum Konflikt. Hindernisse sind dazu da, furchtlos, aber umsichtig überwunden zu werden. Man vertraue seinem Willen und seinem innerem Impuls. Man diene mit diesen Kräften der Schöpfung. Man tue, was zu tun ist. WENN DIE ZEIT REIF IST
toto_haas_lichtbringer*** Die Zeit ist nun reif ***
*** Mein Volk Erwache ***
Nur der Wache (Sehende) erkennt schnell die Lüge! Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken, Wo alle spotten, spottet nicht. Wo alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht. 

Johann Gottlieb Fichtes 250. Geburtstag

Johann Gottlieb Fichte
Johann Gottlieb Fichte

Fichte – einer unsrer größten Philosophen – wurde am 19. Mai 1762 in Rammenau in der Oberlausitz als Sohn eines Bandwirkers geboren. Durch die Förderung des Gutsbesitzers Haubold von Miltitz konnte er das Elitegymnasium Schulpforta besuchen und in Jena und Leipzig Theologie studieren.  Nach langen Jahren als Hauslehrer lernte er Kant und dessen Philosophie in Königsberg kennen, worauf er den “Versuch einer Kritik aller Offenbarung” schrieb. Dies brachte ihm 1794 die erste Berufung als Professor nach Jena ein. Durch sein freies Nachwort zu einer Veröffentlichung Frobergs und des sich daraus ergebenden ‘Atheismusstreits’ wurde er 1799 wieder abgesetzt. Fichte schuf die grundlegende Dialektik des “Ich” und “Nicht-Ichs”, worauf später Hegel mit “Negation der Negation” und Marx aufbauten. Er folgerte dann aus dem freien Willen (als ‘Fünklein’ des Willen Gottes) des “Ichs” den Denker als Täter, der die Welt nach seinem Willen formt.
Sein Werk “Der geschlossene Handelsstaat” ist ein Gesellschaftsentwurf
auf nationalstaatlicher Grundlage und erschien als Buch 1801. Er wurde zum Propheten der Tat und zwar als reichsweit berühmter Publizist von Berlin aus, wohin er nach seinem Rauswurf aus Jena gegangen war. Als einstiger Anhänger der französischen Revolution und bürgerlichen Befreiung wurde er nunmehr ein erbitterter Widerständler gegen die napoleonische Großmacht und dessen eurpaweite kriegerische Verwüstung. Fichte trug mit seinen
“Reden an die deutsche Nation”
entscheidend dazu bei, in den deutschen Landen den Prozeß der Befreiung und Nationwerdung zu initiieren und ins öffentliche Beußtsein zu bringen. Parallel dazu entwickelte er auch seine “Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters” und trug sie vor akademischem Publikum vor. Diese seine Geschichtsphilosophie unterschied drei gesellschaftliche Phasen: Das “arkadische Zeitalter” der primitiven Zustände eines herrschenden Vernunftinstinkts; Das Zeitalter der “vollendeten Sündhaftigkeit”, in welchem sich das Gemeinwesen von sich selbst entfremdet hat und in viele divergierende Individuen zerfallen ist; Das dritte Zeitalter wird das “elysische” sein, in welchem die Individuen nur noch konturlos wie Atome durcheinander schweben.Wie trifft doch die Beschreibung seiner zweiten Phase wieder auf das Deutschland von heute zu.
Auf die Juden war er nicht gut zu sprechen:
‘Das Judentum als Staat im Staate würde sich absondern. Sie würden die übrigen Bürger übervorteilen, seien nur auf sich und ihre Sippe bedacht.’
1810 wurde er der erste Rektor der neugegründeten Berliner Universität. Während der Befreiungskriege erkrankte seine Frau Johanna, eine Nichte Klopstocks, bei der Pflege von Verwundeten am Lazarettfieber und überlebte es. Allerdings steckte Fichte sich an und starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. Ihr Sohn Immanuel wurde ebenfalls Philosophieprofessor (in Bonn) und erster Herausgeber der Werke seines Vaters.
Johann Gotlieb Fichte – ein aufrechter Kämpfer für das freie Wort und das freie und geeinte Deutschland, gegen beifallheischende Schreiberlinge und “Literatengeschmeiß”, gegen Untertanen- und Karrierebuckelei. Als einer der bebedeutendsten Vertreter des deutschen Idealismus, neben dem nur noch der griechische der Antike genannt wird, beweist uns Fichte, daß die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte ohne Deutschland nicht denkbar ist!
“Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an deines Volkes Aufersteh’n;
Laß diesen Glauben dir nicht rauben,
trotz allem, was gescheh’n.
Und handeln sollst du so als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär dein.”

Yggdrasil


veder_yggdrasil Der Weltenbaum der germanischen Mythologie ist eine der schönsten Schilderungen der verschiedenen Sphären der Existenz.Die Zweige der Esche breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf bis über den Himmel. Drei Wurzeln halten ihn aufrecht, eine reicht zu der Unterwelt der Asen an den Fluss Äsir, die andere zu den Hrimthursen, wo einstmals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim. Unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhögg nagt von unten an ihr.

Bei der anderen Wurzel, die sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er jedem Tag aus dem Giallarhorn trinkt. Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum unteren Himmel der Asen geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: der Götter Gerichtsstätte, wohin täglich die Asen über Bifröst reiten.

Es steht ein schönes Gebäude unter der Esche bei dem Brunnen: aus dem kommen die drei Mädchen, die Urd, Skuld und Werdani, Bestimmerinnen aller Menschen Lebenszeit, die Nornen. Täglich begießen sie mit dem Wasser aus dem Brunnen und es zugleich mit Dünger, der um den Brunnen liegt, die Zweige, damit sie nicht dörren oder faulen. Dieses Wasser ist so heilig, dass alles, was mit ihm in Berührung kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt.

“Ein Adler sitzt in den Zweigen der Esche, der viele Dinge weiß, und zwischen seinen Augen sitzt ein Habicht, Wedfölnir genannt. Ein Eichhörnchen, das Ratarösk heißt, springt auf und nieder an der Esche und trägt Zankworte hin und her zwischen dem Adler und Nidhögg.

Eine Ziege, Heidrun, lebt im Geäst der Esche, ihre Milch ernährt Odins Krieger. Vier Hirsche laufen umher an den Zweigen der Esche, und beißen die Knospen ab. Sie heißen Dwain, Dwalin, Dunneir, Durathror. Und so viele Schlangen sind in Hwergelmir bei Nidhögg, dass es keine Zunge zählen mag.” (Edda, Gylfaginning)

Tau, der von Yggdrasil kommt, nennt man Honigtau: davon ernähren sich die Bienen.

Auch zwei Schwäne nähren sich von dem Urdbrunnen und von ihnen kommt das Vogelgeschlecht. Diese Schwäne als Symbol der Unschuld, werden oft mit der psychologischen Entsprechung des innersten menschlichen Selbst in Zusammenhang gebracht.

Neben all dem befinden sich auch viele Wohnungen und Hallen der Götter und Alfen im Himmel von Yggdrasil.

Doch nun zu den einzelnen Sphären und deren Deutung.

weltenbaum Asgardhr

Edred Thorsson beschreibt dies als Reich des Bewusstseins, welches selbst und aus sich selbst heraus komplex ist. Es ist die oberste Welt, hier wohnen die Asengötter, welche von den kurganischen Eroberer mitgebracht wurden, und aufgrund ihrer eigenen Überlegenheit an die Spitze der Hierarchie.
In Asgardh gibt es etliche Hallen in denen die verschiedenen Götter wohnen, auch die in der Schlacht gefallenen Helden reisen nach ihrem Tod hierher.
Der oberste Punkt nennt sich Hlidskjalf , dies ist der Thron Odins, von wo aus er die gesamten Welten zu überblicken vermag.
Asgardh ist der Wohnort des Fetsch/Fylgia (persönliche Schutzgottheit) und das Haus des Önd (-Lebensatem).

Ljossalfheimr

dies ist die Heimat der Lichtelfen, eine lichtdurchflutete Region und weil das Licht zur Erkenntnis führt, wird dieser Welt der nach Verständnis und Harmonie strebende Geist zugeordnet.
Elfen sind leuchtende Wesen, die sich gerne in lichten Hainen, an Quellen, in der Nähe von Blumen und Bäumen, auf Hügeln, Felsen und an Wasserfällen aufhalten. Ihr entsprechendes Pendant findet sich in fast jeder Religion, wie es zum Beispiel die indischen Devas sind, die griechischen Musen oder die christlichen Engel.
Im allgemeinen geht man davon aus, dass sie eine wohltuende Energie verbreiten, inspirieren und heilen mit einer herrlichen Musik und wunderschönen zarten Farben. Sie kümmern sich zwar wenig um die Angelegenheiten der Menschen, dennoch kann man davon ausgehen, dass ein Kontakt mit ihnen möglich ist.
Sie können dem nach höheren Ebenen Strebenden helfen und begleiten, doch wird auch davon berichtet, dass sie Kinder stehlen, und Menschen in ihr Reich locken, aus dem sie nicht mehr zurück finden können, ein Zustand, der sich im Diesseits als Wahnsinn äußert.

Midhgard

ist die eigentliche Heimat der Menschen. Es ist die Ebene der materiell manifestierten Dinge und Ereignisse. Im Menschen selbst ist es der Körper, aber auch das Allpotential des Selbst. Von hier aus beginnt der Suchende seine Reise in die Anderswelt, hier treffen alle Welten aufeinander. Umschlungen wird Midhgard von der Weltenschlange, die den Zyklus des Leben darstellt, welches sich regeneriert, in dem sich selbst verschlingt.
Um eine Reise in die anderen Welten zu unternehmen, muß man die Vorstellung aufgeben, dies sei die einzig erfahrbare Wirklichkeit. Da sich unsere Aufmerksamkeit naturgegebener maßen jedoch auf diese Realität bezieht, bedarf es der Fähigkeit, Kraft und Motivation, um hiervon loszulassen. Schmerzliche Erfahrungen verhelfen dazu, dass man “das Bewusstsein verliert”, psychedelische Drogen, diverse Ekstase – bzw. Trancetechniken, Rituale, Meditationen aber auch künstlerische oder wissenschaftliche Tätigkeiten.

Muspelsheim

das Reich des reinen Feuers, der Funken, der Elektrizität. Hier finden wir die Expansion, die Kraft reiner Energie, die sich ständig ausdehnt.
In der altnordischen Kosmologie entstand die Welt aus der dynamischen Wechselwirkung zwischen Feuer und Eis über und innerhalb eines leeren Abgrundes, des magischen geladenen Nichts, Ginnungagap. Hitze und Feuerfunken schmelzen die tödlichen Eisströme und der Urriese Ymir entsteht, aus dem Odin und seine beiden Brüder die Welt erschaffen.
Sowohl Muspelsheim als auch Niflheim sind keine Orte, die man auf schamanischen Reisen besuchen würde, es sind Reiche polarer Extreme, die Urquellen der Energie, die Grenzen der Struktur.
Muspelsheim liegt in südlicher Richtung, hier liegt auch auf dem Rad der westlichen Astrologie das Element Feuer.
Der Vergleich mit dem Medizinrad offenbart zwar wieder die Verschiebung der Elemente, was bedeutet das an dieser Stelle Wasser statt Feuer erscheint, dennoch kommt es wieder zur Übereinstimmung in der Richtungsmacht des Südens, dem die Hauptfunktion “Geben” zugeteilt wird.

Jötunheimr/ Totunheimr

Das Reich in dem die Riesen heimisch sind, von denen man annimmt, dass sie Personifizierungen mächtiger Naturgewalten sind. Diese sind für den Menschen so manches mal bedrohlich und gefährlich, aber generell ein Bestandteil des natürlichen Zyklus und damit lebenswichtig. Nur das sich eben diese gewaltigen Kräfte außerhalb der menschlichen Moral bewegen, sondern einfach ihren eigene Regeln und Gesetzen folgen. Mitunter liegt der Vergleich mit den griechischen Titanen nahe, die man zu den archaischen evolutionären Urkräften und Ereignissen zählt.
Es ist ein Ort der ständigen Bewegung, der elementaren Kräfte und Energien des Universums, das Reich, das allem, was ihm begegnet Opposition und Widerstand entgegensetzen will, die Kraft der Auflösung und Täuschung, reaktive Kraft der Zerstörung, die für die Evolution erforderlich ist. So beschreibt es Edred Thorsson.
Die Edda berichtet über keine Verbindungen zwischen Menschen und Riesen, wohingegen die Asengötter reichlich mit ihnen zu tun haben. Nicht nur das Thor ständig in den Kampf gegen sie zieht, Odin von einer Riesin den heiligen Met stiehlt und Freyr sich eine Riesentochter als Frau auserwählt, auch die Götterburg wurde von den Riesen errichtet, was den Schluss nahe legt, dass das Verhältnis zwischen Göttern und Riesen recht vielschichtig ist. Auch werden hier ( in der Edda) die Riesen keineswegs als unbewusste Kräfte dargestellt, immerhin ist es ein Riese der den Brunnen an den Wurzeln des Weltenbaumes bewacht, dessen Name , Mimir, “Erinnerung” bedeutet, und dem das Wissen über den Ursprung der Dinge zugeschrieben wird. Er wird zu einem der wichtigsten Lehrer und Führer Odins. Das Vafthrudnismal besteht aus einem Dialog zwischen Odin und dem Riesen Vafthrudnir in dem sie den Ursprung der Welt und ihre Zerstörung , sowie die Geschicke von Riesen und Göttern erörtern.
Aus Jötunheimr stammen auch die drei mächtigen Riesinnen, die bei den Asen auftauchen, und ihren heiteren Spiel, ihrer Sorglosigkeit ein Ende zu setzen und ihnen Schwierigkeiten machen, was bedeutet, dass sie die Macht und Möglichkeit besitzen, sich den hohen Göttern entgegenzustellen.
Aus einem Riesen erschufen die Asen einst die Welt und in den späteren Geschichten der Edda wird davon gesprochen, wie sich Riesen und Asen aussöhnen.
Dennoch werden sie einen entscheidenden Anteil an der Vernichtung der Welt und am Untergang der Götter haben.
Im Medizinrad ist die Hauptfunktion des Ostens die Macht der Bestimmung, aus der östlichen Richtung kommt die Lebenskraft/ Lebensgeist, die uns befähigt Entscheidungen zu treffen, Absichten zu verfolgen; die Kraft, die der Energie in eine bestimmte Richtung drängt.
Die Lebenskraft ist die Kundalinienergie des tantrischen Buddhismus.
Sie durchströmt die Nadis, die auch als Kanäle der inneren Winde bezeichnet werden und zirkuliert in den Chakras , die quasi Zentren dieser Energie sind. Diese Lebenskraft wird mit dem Element Luft in Verbindung gebracht. Luft wird als Vermittler und nach Ausgleich strebende Element zwischen oben und unten, Yin und Yang betrachtet.
Gleichermaßen gilt der Osten auch als Ort der Spiritualität, der Reinheit und des Neuanfangs.
Der wiedererwachte zurückkehrende Lebensgeist der Natur drückt sich auch in den drei Tierkreiszeichen und ihren beherrschenden Planeten aus. Die Energie wird im Widder zur Kraft des Körpers (Vitalität) gedrängt, im Stier zur Zeugungsfähigkeit und im Zwilling zum intellektuellen Vermögen. In gleicher Weise könnte man die Einflüsse der Planeten Mars, Erde und Merkur beschreiben.
Es sind zunächst einmal ziemlich ungezähmte, ursprüngliche und ungeformte Kräfte, die beim Aufeinandertreffen mit den ihnen gegenüberliegenden Zeichen gewissermaßen ihre Struktur und ihren Sinn erhalten.

Vanaheimr

Hier im westlichen Teil der horizontalen Ebene liegt die Welt der Wanen. Es ist das Reich der Grundmuster des Organischen und der Verschmelzung, ein Ort der in fruchtbarer und statischer Balance befindlichen Kräfte. Wasser ist das Element dieser Welt.

Die Wanen werden als die alten Erdgottheiten, des Friedens, der Harmonie und Reichtums betrachtet. Anthropologische Deutungen lassen die Schlussfolgerung zu, dass damit die Göttinnen und Götter der bereits in Alteuropa lebenden Völker gemeint sind.
In der Edda wird davon berichtet, wie die Asen auf die Wanen stoßen, aber nicht in ihr Reich vordringen können, weil sie ihnen Widerstand entgegensetzen. Nach längeren Auseinandersetzungen kommt es zu einem Friedensabkommen, für das beide Seiten mit Geiseln bürgen. Durch den Geiselaustausch, gelangten einzelne Wanengötter nach Asgardh, zum Beispiel Freya, ihr Bruder und Njördr.

Die Wanen sind wie die Asen für die Menschen zu wichtigen Göttern und Göttinnen geworden, sie galten als Bringer von Reichtum, Fruchtbarkeit, Frieden Harmonie und Freude. Vor allem die Bauern brachten den Wetter- und Naturgottheiten ihre Opfer, um reiche Ernten, Sonne und Regen zu erhalten. Von den Wanen besteht aber eine enge Verbindung zu den Landgeistern, Elfen und manchmal wurden sie auch mit diesen gleichgestellt.
Ebenso sind ihre Geschicke mit den Riesen verknüpft; Freyr herrscht über Alfheim, die Frau, die er heiratete, war die Riesentochter Gerdr, die auch “Erdgöttin” oder “Beschützerin des kultivierten Landes” genannt wurde.

Niflheimr

In Urzeiten das Reich des reinen Eises, des Nebels und der tiefsten Finsternis. Seine vorherrschenden Bedingungen erinnern an die saturnalen Kräfte aus der Astrologie: starke Konzentration, Begrenzung, Kontraktion, Magnetismus und dadurch Strukturgebung. Aus Niflheimr fließt Isa das Welteneis, welches sich mit den Funken aus Muspelsheim, in der Entstehung von Ymir und Audumla vereint.

Später wurde Niflheimr in das Totenreich von Hel verlegt.

yggdrasil Svartalfheimr

sozusagen der dunkle Gegenpart zum Lichtelfenheim. Hier leben die Schwarzelfen, die Zwerge. Der deutsche und englische Name Zwerg/dwarf ist in seinem Ursprung noch ungeklärt, es besteht die Möglichkeit es mit dem Sanskritwort dhvaras in Verbindung zu bringen. Dies würde diese Welt zum Reich der Dämonen machen, was aber nur zum Teil zur Beschreibung der hier lebenden Wesen passt, die auch hamr genannt werden, und eine plastische formverleihende Substanz bezeichnet, die jedes Individuum umgibt und physische Macht aufbaut. Es ist im Weltenbaum gesehen eine unterirdische dunkle Welt., in der die Gestalt geformt, “geschmiedet” wird.

Die Märchen und Sagen von Zwergen stellen diese durchweg als geschickte Handwerker dar, viele von ihnen betreiben vor allem Bergbau, Schmiedekunst und Glasbläserei, zahlreiche magische Gegenstände stammen von hier, wie z. Bsp. Thors Hammer. Sie mischen sich selten in das Leben der Menschen ein, da es dennoch eine Vielzahl von Berichten gibt, die von den Begegnungen erzählen, ist der Kontakt zu ihnen möglich, soweit wir uns von unseren Vorurteilen lösen können, und imstande sind, die Bedingungen der dortigen Welt zu ertragen.

Es gibt sehr viel ungewöhnliches Wissen und Weisheit, selbst die Zwerge in den Märchen stellen zwar bodenständige, aber keineswegs dumme Wesen dar. Sie verfügen über Scharfsicht und Schläue, in der älteren Edda gibt es einen Abschnitt, indem sich Thor mit dem Zwerg Alviss im Frage und Antwort-Wettstreit misst. Er verliert diesen Wettstreit zwar, aber nicht weil er aus Unwissenheit passen muß, sondern vom Licht der aufgehenden Sonne berührt wird und daraufhin zu Stein erstarrt. (Was für ein herrliches Bild!)

Hel

In den tiefsten Regionen des Weltenbaums ist das Totenreich von Hel angesiedelt. Einst war dies einfach der Ort, wo alle, die nicht im Kampf gestorben sind, nach ihrem Tod hinkommen..

In der späteren Prosa Edda schildert Snorri das Gehege der Hel als riesengroß, außerordentlich hoch und von Gittern umgeben. Ihr Saal heißt Elend, Hunger ihre Schüssel, Gier ihr Messer, Träg ihr Knecht, Langsam ihre Magd, Einsturz ihre Schwelle, ihr Bett Kümmernis und ihr Vorhang dräuendes Unheil. Hel selbst ist halb schwarz und halb menschenfarbig, grimmig und furchtbar vom Aussehen.

Hier finden sich nicht nur die Einflüsse des christlichen Glaubens an die Hölle wieder, deutlich ist in Hel jene dunkle Seite der dreifachen großen Göttin wiederzuerkennen, die als Herrscherin über das Leben eben auch dessen Ende bestimmt. (siehe Kali…) So fließt aus eben jenen dunklen Gefilden, genauer aus dem Brunnen Hwergelmir (da Niflheimr nach Hel verlagert wurde) auch der Strom allen Lebens

Der Begriff Gerechtigkeit

deutsches-ahnen-erbe Wir sehen Gerechtigkeit als einen hohen Wert. Gerechtigkeit ist etwas anderes als das in Gesetzen niedergeschriebene in einzelnen Staaten geltende Recht. Dies hat nur in Teilen und manchmal gar nichts mit der Gerechtigkeit zu tun. Der Volksmund weiß: “Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei.” Dies liegt daran, dass jemand, der Recht hat, sein Recht vor Gericht auch beweisen muss, sonst spricht ihm der Richter im Urteil nichts zu.

Aber dazu kommt ein Weiteres. Das geltende Recht entspricht ja keineswegs immer dem, was die Volksmehrheit für richtig hält. Wenn wieder ein besonders scheußlicher Kindermord geschehen ist, heißt es landauf, landab – mit wem man auch spricht – : “Rübe ab!”.

Zwei Drittel unseres Volkes sind für die Wiedereinführung der Todesstrafe, aber die “Volksvertreter” erfüllen hier – wie auch in vielen anderen Dingen – nicht den Willen derjenigen, die sie gewählt haben. Die EU macht es sogar zur Bedingung für die Aufnahme von Neumitgliedern, dass sie die Todesstrafe abschaffen.

Dass die Todesstrafe “undemokratisch” sei, kann niemand behaupten, da der Mehrheit zu folgen das Gegenteil von “undemokratisch” ist, und Demokratien wie die USA die Todesstrafe seit hunderten von Jahren haben. Ob die Parlamentarier Angst haben, sie könnten für ihre Pflichtvergessenheit, Korruption, Missachtung und Schädigung der Interessen des eigenen Volkes zu hart zur Rechenschaft gezogen werden? Oder ob das christliche “Du sollst nicht töten” hier herein spielt?

Aber nicht nur bei der Todesstrafe, sondern auch bei anderen Delikten haben wir eine “Rechtsprechung”, die unserem Empfinden total widerspricht. Beleidigungen und Verleumdungen rechtfertigen den betroffenen heidnischen Germanen, den Täter zu erschlagen. Bei unserer heutigen Justiz gelten sie als Bagatelldelikte, und auf entsprechende Anzeigen hin wird das Verfahren regelmäßig eingestellt, außer es werden Ausländer oder Minderheitengruppen im eigenen Land beleidigt.

Andererseits verbieten die Gesetze in der Bundesrepublik – was ziemlich einmalig auf der Welt ist – das Äußern von unorthodoxen Auffassungen zu geschichtlichen Fragen, und wenn man im Ausland juristisch gebildeten Menschen Beispiele aus der Rechtsprechungspraxis bundesdeutscher Gerichte erzählt, glauben sie einem regelmäßig nicht, sondern halten das für “Juristenlatein”.

Auseinanderklaffen zwischen geschriebenem Recht und Gerechtigkeit ist aber bei uns schon viel älter; mit der Einführung des römischen Rechts im Mittelalter, das in vielen Punkten dem germanischen Gemeinrecht widersprach, musste sich im Volke die Meinung über die Juristen als “Rechtsverdreher” verbreiten. “Römisch Recht, gedenk‘ ich deiner, liegt’s wie Alpdruck auf dem Herzen, liegt’s wie Mühlstein mir im Magen, ist der Kopf wie brettvernagelt!” (Jos. Victor von Scheffel).

Daran hat sich bis heute wenig geändert; ging es im Mittelalter darum, den Bauern mit römischen Exegesen das Jagd-, Abholzungsrecht sowie das Recht zum Fischen in Wald, Flur und Gewässern zu nehmen, so geht es heute darum, den Deutschen das Recht auf Meinungsfreiheit in bestimmten Gebieten zu nehmen.

Das Volk hat meist – wenn es nicht durch die Massenmedien verdummt wurde – ein recht feines Gespür für das, was gerecht ist. Zum Ausdruck kommt dies beispielsweise, wenn eine Mutter ihrem Kind sagt: “Das ist nicht recht.” Zum Ausdruck kommt dies weiter in altdeutschen Sprüchen wie: “Tue recht und scheue niemand” und “Tu‘ recht, steh‘ fest, kehr‘ dich nicht dran, wenn dich auch tadelt mach‘ ein Mann; der muss noch kommen auf die Welt, der tut, was jedem Narren gefällt.” Ein elementares Gebot der Gerechtigkeit ist, dass wir uns gegenüber anderen Menschen so stellen, wie diese sich uns gegenüber verhalten.

Der Begriff Stolz

deutsches-ahnen-erbe Bewusst stolz können wir sein auf eigene Leistungen. Wenn wir eine schwierige Frage gelöst haben, ein schwer zu verfertigendes Werk vollendet haben, eine Arbeit gut abgeschlossen haben, dann ist unser Stolz gerechtfertigt. Wenn Stolz nicht zu Überheblichkeit werden soll, muss die Leistung natürlich überdurchschnittlich sein. “Große Menschen sind stolz, kleine eitel.” (Lord Byron)

Der Stolz wird auch nicht gemindert, wenn wir um die Voraussetzungen der Leistung wissen. Die Menschen sind ungleich geboren, haben mithin auch ungleiche Begabungen und Fähigkeiten. Hinzu kommt vielleicht eine besonders gute Ausbildung, bessere Vorbilder als andere, eine Erziehung, die zum Leistungswillen beigetragen hat. Das haben andere nicht. Und andere haben vielleicht auch in ihren Genen nicht diese Willenskraft, wie man selbst.

Aber das macht uns nicht “demütig”. Denn unser Erbgut haben wir von unseren Vorfahren, und auf das, was sie geleistet haben, was sie verkörpert und dargestellt haben, können wir genauso stolz sein wie auf das, was wir selbst vollbracht haben. Wir sind Blut von ihrem Blut, und die Anlagen, die sie zu überdurchschnittlichen Leistungen auf welchem Gebiet auch immer befähigten, haben wir zumindest zum Teil geerbt.

Johann Wolfgang Goethe bestätigt:

“Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
der froh von ihren Taten, ihrer Größe
den Hörer unterhält und still sich freuend
ans Ende dieser schönen Reihe sich geschlossen sieht!”

Wenn wir auf unsere Ahnen stolz sind, gibt dies keine Veranlassung zu Dünkel; wir sind natürlich verpflichtet, in ihrem Sinne zu handeln, sich ihrer also würdig zu erweisen. “Der Mann allein ist würdig großer Ahnen, der wagt, auf die Schultern sich zu heben, kühn auszuschreiten kühn gebrochene Bahnen.” (Franz von Dingelstedt)

Dieser Vorstellung gibt Ernst Moritz Arndt sogar höchste religiöse Bedeutung: “Das ist die höchste Religion, seinen Enkeln einen ehrlichen Namen, ein freies Land, einen stolzen Sinn zu hinterlassen.”

Nun kennen wir nur einen Teil unserer Ahnen; im Übrigen aber sind wir mit unserem Volk, mit unserer Menschenart durch ein unauflösbares Geflecht von Blutströmen verbunden. Das rechtfertigt dann natürlich ebenso, wenn wir zumindest einen Teil desselben Erbgutes tragen, auf Leistungen des Volkes oder bedeutender Menschen unseres Volkes und unserer Rasse stolz zu sein. Dazu muss man zunächst einmal die Geschichte kennen, und gerade um einen Stolz gar nicht erst aufkommen zu lassen, werden viele Großtaten unserer Geschichte in der Schule gar nicht mehr gelehrt.

Der Begriff der Treue

 

deutsches-ahnen-erbe Die “deutsche Treue” ist schon fast sprichwörtlich geworden. Aber was ist Treue? Das Wort meint im Germanischen zunächst Vertrag, dann weiter das Halten des Vertrages, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit.

Tacitus berichtet über die Germanen, dass derjenige, der beim Würfelspiel als letzten Einsatz seine Freiheit eingesetzt und dann verspielt hat, sich willig in Knechtschaft begebe: “Sie selbst nennen es Treue”. Das beinhaltet eben, dass die Verpflichtung im Spiel genauso bindet wie ein Vertrag, den man halten muss. Und ein Vertrag war natürlich auch mündlich geschlossen gültig.

Wir finden in der Geschichte die meisten Beispiele für Treue als Gefolgschaftstreue. Die ganze deutsche Heldendichtung ist voll von Lobgesängen auf Männer, die ihr Leben der Treue aufopferten; manch einer ging mit offenen Augen ins Verderben, nur um sein Wort nicht brechen zu müssen.

Treue war ursprünglich als ein Vertragsverhältnis zwischen zwei Männern gedacht. Treue gab es nur von Person zu Person. Treu dem Vertrag, vertragstreu, treu dem Gefolgsherrn, das waren die ursprünglichen Umgrenzungen der Treue.

Später erweiterte sich aber der Begriff der Treue. Damit kamen dann Spannungsverhältnisse hinein, weil die eine Treue der anderen Treue widersprechen konnte. Wir kennen den Begriff der “Werktreue”, also ein Werk den inneren Gesetzen dieses Werkes zufolge zu errichten. Wer einer Aufgabe treu dieser durchführen will, muss zuweilen Treue zu Menschen, die ihn an dieser Aufgabe hindern oder sein Bestreben hemmen, brechen. Dasselbe kann sich für diejenigen ergeben, die einer Idee treu bleiben wollen.

Im “Mittelhochdeutschen” schwang noch etwas anderes bei der Treue mit. “Getriuwe” bedeutet Treue im Sinne von Verschwiegenheit. Das will sagen, dass der treue Mensch die seelischen Werte des anderen zu achten weiß und seine Geheimnisse nicht preisgibt. Treue hat hier also den Inhalt von “Vertrauen” zueinander und das sich gegenseitig “Trauen”. Man “vertraut” sich dem anderen an, wenn man ihn liebt. Man achtet auf seine Vertraulichkeit, sein inneres Wesen, seine besondere Lage: Man nimmt in jeder Weise Rücksicht auf ihn, man macht dessen Sache zu seiner eigenen. Man lässt sich auf den anderen ein und geht auf ihn ein. “Wo kein Vertrauen ist, da ist keine Treue.” (Altes Sprichwort)

Vertrauen gehört zu jeder Gemeinschaft. Jeder Einzelne muss jedem Glied der Gemeinschaft unbedingt das Vertrauen entgegenbringen. Er muss voll Achtung vor ihm stehen, ganz gleich, welchen Rang er bekleidet. Diese Art von Vertrauen ist Voraussetzung der Gemeinschaft. Wer in einer Gemeinschaft dem anderen misstraut, solange er sich nicht bewährt hat, ist ein Feind jeder Gemeinschaft. Argwohn ist gegenüber Fremden angebracht, innerhalb der Gemeinschaft aber abwegig. “Jedermann vertrauen ist Torheit, niemandem vertrauen ist Narrheit.” (Volksmund)

Man mag vielleicht die eine oder andere Enttäuschung dabei erleben; andere Gefährten aber wird man auf der anderen Seite durch Vertrauen seelisch halten oder aufrichten. Wir sollten uns bemühen, bei den Gefährten immer den guten Kern zu sehen, auch falls einmal ein nicht so schöner Zug zum Ausdruck gekommen ist. Vertrauen ist die größte Kraftquelle jeder Gemeinschaft. Dieses Vertrauen Tag für Tag zu schenken, ist uns Verpflichtung.

Alle natürlichen Gemeinschaften entsprechen den Gemeinschaften des Lebens und sind deshalb lebensnotwendig. Die Treue gegenüber einer solchen Gemeinschaft ist deshalb unbegrenzt. Sie besteht weiter, selbst wenn der Rahmen der Gemeinschaft angegriffen worden sein sollte.

Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte
Johann Gottlieb Fichte

 Fichte, Johann Gottlieb, geb. 19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda – 29. Januar 1814 in Berlin) war ein deutscher Erzieher und Philosoph. Er gilt neben Friedrich Schleiermacher, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg W. F. Hegel als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus.

Nach seiner Schulzeit zog Fichte nach Jena, wo er an der Universität studierte, was ihm seine finanzielle Lage aber erschwerte, weswegen er seine Studien abbrechen mußte. Er schlug sich fortan mühsam mit Privatunterricht durch.
Übergang zur Philosophie

Im Jahre 1790 lernte Fichte die Philosophie Kants kennen, die einen großen Einfluß auf ihn ausübte. Kant inspirierte ihn zu seiner am Begriff des Ich ausgerichteten Wissenschaftslehre. Fichte sah eine rigorose und systematische Einteilung zwischen den „Dingen, wie sie sind“ und „wie die Dinge erscheinen“ (Phänomene) als eine Einladung zum Skeptizismus.

1791 besuchte Fichte Königsberg, wo Immanuel Kant ihm einen Verleger für seine Schrift „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ (1792) verschaffte, die anonym veröffentlicht wurde. Das Buch galt zunächst als ein lange erwartetes religionsphilosophisches Werk von Kant selbst. Als Kant den Irrtum klarstellte, war Fichte berühmt und erhielt einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Jena, den er 1794 antrat.

Während seiner Jenaer Professur (1794–1799) wurde er zur Zielscheibe im sogenannten „Atheismusstreit”. 1799 hatte eine zunächst anonyme Streitschrift Fichtes den Streit ausgelöst: Fichte wurde wegen Verbreitung atheistischer Ideen und Gottlosigkeit verklagt und zum Rücktritt gezwungen. 1805 bekam Fichte den Lehrstuhl für Philosophie in Erlangen, 1807 wirkte er als Zensor der „Hartungschen Zeitung” in Königsberg, wurde aber auf Befehl des preußischen Generals Ernst von Rüchel entlassen. 1810 wurde Fichte Dekan der philosophischen Fakultät und für kurze Zeit der erste gewählte Rektor der Berliner Universität.

Fichte war spätestens seit 1794 Mitglied einer Freimaurerloge in Rudolstadt, trat allerdings nach einigen Jahren wieder aus. Auch bei der Entstehung der Gesellschaft der freien Männer hatte er einen bedeutenden Anteil. In Berlin wurde er Mitglied der Deutschen Tischgesellschaft, ab Sommer 1811 deren „Sprecher” (Vorsitzender). Der sich früher als Anhänger der Französischen Revolution bezeichnende Fichte profilierte sich nun insbesondere durch die flammend patriotischen „Reden an die deutsche Nation“ (als Text veröffentlicht bis 1808) als Gegner Napoleons.

Ein utopisches Gesellschaftsmodell – eine neue Art sozialistischer Gesellschaft auf nationaler Grundlage – findet sich in dem Werk „Der geschlossene Handelsstaat“ (1800).

Nach einem kurzen Aufenthalt in Erlangen hielt Fichte in einem Freisemester im Winter 1805/06 in Berlin Vorlesungen, die 1806 unter dem Titel „Anweisungen zum seligen Leben“ erschienen. Die Kriegswirren, ausgelöst durch Napoleons Überfall auf Preußen, vereitelten Fichtes Rückkehr nach Erlangen und führten zu Aufenthalten in Kopenhagen und Königsberg, wo Fichte Vorlesungen hielt und eine Professur angeboten bekam. Bereits 1806 kehrte er jedoch aufgrund der Bedrohung Königsbergs durch französische Truppen wieder in das französisch besetzte Berlin zurück und veröffentlichte seine „Grundzüge des Gegenwärtigen Zeitalters“. Trotz der bedrohlichen politischen Umstände hielt Fichte in Berlin in den Jahren 1807/08 seine „Reden an die deutsche Nation“.

1813 erkrankte Johanna, Fichtes Frau, am sog. Lazarettfieber, welches sie sich bei der Pflege von Kriegsverwundeten zugezogen hatte. Auch Fichte sollte daran erkranken und konnte sich im Gegensatz zu seiner Frau von diesem Fieber nicht erholen. Er starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt.
Fichtes „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“

Ein zentraler Kern in Fichtes Philosophie ist der Begriff des „absoluten Ich“. Dieses absolute Ich ist nicht mit dem individuellen Geist zu verwechseln. Später nutzte Fichte die Bezeichnung „Absolutes“, „Sein“ oder sogar „Gott“. Fichte beginnt in seiner „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ mit einer Aussage, die eine Handlungsweise des Ich zum Ausdruck bringen soll, deren Verständnis daher diese Handlung auszuführen erfordert:

„Das Ich sezt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es sezt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung, und That sind Eins und dasselbe; und daher ist das: Ich bin, Ausdruck einer Thathandlung.“ (GA I, 2, 259)

Fichte ging es um die praktische Umsetzung seiner Philosophie, weshalb er die Errichtung eines lückenlosen Systems als zweitrangig erachtete. Im Vordergrund stand für ihn die Verständlichkeit, d. h. die Art, seine Lehre so darzustellen, daß sie von jedermann verstanden werden konnte. Sein positives Menschenbild ging davon aus, daß in jedem Menschen – und nicht nur im Fachgelehrten – der Grund echter Selbsterkenntnis (und damit auch Gotteserkenntnis) gelegt ist und man lediglich auf diese verweisen müsse.
Fichtes Kantrezeption

Fichte reagierte auf die Frage, wie theoretische und praktische Vernunft zusammenhängen, indem er deutlich machte, daß die beiden Teile der Vernunft in ein hierarchisches Verhältnis zu setzen sind. Hierbei ist die praktische Vernunft der theoretischen übergeordnet. Letztere benötige die praktische Vernunft; diese aber sei autonom. Auch für Kant war die praktische Vernunft ein Vermögen des Willens – und damit autonom. Für Fichte mündet diese Tatsache in seiner Theorie zur Selbstsetzung. Der Wille bringt, indem er sich ein Gesetz gibt, zugleich sein Wesen als Vernunftwille hervor. Dieser Vernunftwille macht das aus, was wir sind – nämlich unser Ich. „Das absolute Ich ist, indem es sich setzt, und setzt sich, indem es ist.“ [1] Aus diesem Grund kommt der praktischen Vernunft absolute Freiheit zu. Fichtes Idealismus ist daher eine Konsequenz aus dem Primat der praktischen Vernunft.

Der Kritik am transzendentalen Argument bei Kant entzieht sich Fichte, indem er die praktische Vernunft als Bedingung für die theoretische Vernunft erklärt. Hierbei geht Fichte von der Handlung des Urteilens aus und schließt mit Hilfe eines transzendentalen Argumentes auf das sich setzende Ich als Bedingung hierfür. Alles Urteilen ist Handeln des menschlichen Geistes. Diesem liegt der Satz „Ich bin“ zugrunde. Das „schlechthin gesezte und auf sich selbst gegründete“ (GA I,2,258) ist der Grund des Handelns. Um dem Vorwurf zu entgehen, daß wir eventuell gar nicht urteilen, sondern nur zu urteilen glauben, führt Fichte die „intellektuelle Anschauung“ ein. Sie ist selbstverständlich auch praktisch zu verstehen als „Anschauen seiner selbst im Vollziehen eines Acts“ (GA I, 4,216). Wenn wir urteilen, beobachten wir uns nicht, sondern stellen handlungsorientierte Fragen. Diese Fragen gehen von der Annahme aus, daß man ein Vernunftwesen ist. Würde dem nicht so sein, könnten wir nicht urteilen – was konträr erscheint. Gleichwohl hat Fichte erkannt, daß daraus, daß man nicht an den Bedingungen vernünftigen Urteilens zweifeln kann, nicht(!) folgt, daß man diese Bedingungen tatsächlich erfüllt.

Den schärfsten Bruch mit Kant bewirkte Fichte mit der Ablehnung der Konzeption eines „Dinges an sich“. Nur so kann in seinen Augen die absolute Freiheit des Ich bewahrt werden (vgl. GA III, 2,298). Das „Ding an sich“ wird bei Fichte zu einem „Anstoß“ degradiert. Dieser ist ein irrationales Faktum innerhalb des Ich, das das Ich zu bewältigen versucht. Die Folge ist der Ausschluß aus dem Ich, gleichsam hinaus in die Welt als „Nicht-Ich“. Ist das absolute Ich demzufolge also ein „Ding an sich“ auf der Seite des Subjekts? Fichtes Antwort: Nur wenn es erscheint. Das absolute Ich existiert nur im Handeln selbst. In der philosophischen Reflexion wird das absolute Ich herausgegriffen und zu etwas Objektivem gemacht. Für Fichte ist es gleichsam Artefakt der Theorie, keine Entität der realen Welt.

Jenaer Philosophie

Es stellt sich nun die Frage, warum das absolute Ich, welches autonom ist, auf einen „Anstoß“ reagiert. Fichte macht deutlich, daß das absolute Ich nur ist, wenn es sich seiner selbst bewußt wird. Dies kann nur geschehen, wenn es mit Material konfrontiert wird, auf das es zu reagieren hat. Würde es zu keinem Kontakt kommen, würde das Ich „ganz in seiner Tätigkeit aufgehen“.[2] Um aber zu sein – und damit auch ein Selbstbewußtsein zu entwickeln –, muß es sich für den „Anstoß“ öffnen und dafür Sorge tragen, daß der „Stein des Anstoßes“ erhalten bleibt. Nach Fichte kann das Ich demnach als ein unendliches Streben nach Autonomie verstanden werden.

Der „Anstoß“ ist hierbei gleichsam nur notwendige Bedingung des Selbstbewußtseins, keine hinreichende. Die weiteren Bedingungen für das Selbstbewußtsein finden sich in den jeweiligen Teildisziplinen der Wissenschaftslehre, die Fichte unterscheidet: Naturlehre, Rechtslehre, Sittenlehre und Religionslehre. Erstere hat Fichte, aufgrund des von ihm entwickelten Primats der praktischen Vernunft, nie ausgearbeitet.
Fichtes Rechtslehre

In „Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre“ von 1796/97 wird die Beziehung zwischen dem Selbstbewußtsein und – sozusagen – der Welt präzisiert. Das Bewußtsein kann sich nur als frei handelndes Wesen begreifen, wenn es „den Begriff eines frei handelnden Wesens auf sich anwenden kann“. [3] Das kann es nur, wenn andere das Selbstbewußtsein auffordern etwas zu tun und gleichzeitig(!) die Freiheit eingestehen, dieser Aufforderung nicht nachzukommen. Da dieser Vorgang reziprok ist, folgt, daß das Sein des Selbstbewußtseins von der Anerkennung der Freiheit anderer abhängt. Es wird deutlich, daß sich Fichte nicht auf das Moralgesetz als die bindende Kraft des Rechts versteht, sondern das Eigeninteresse des selbstbewußten Ich. Ein Rechtsverhältnis entsteht demnach aufgrund der bloßen Existenz eines Nicht-Ich.

Fichte definiert den Staat als Ausdruck des absoluten Willens, dessen Absicht es ist, die Freiheit und Rechte seiner Bürger zu garantieren. Kollektives und individuelles Handeln werden mit dem Ausdruck „sittliches Handeln“ in Eins gesetzt. Freiheit in der Geschichte sei nach Fichte die mehr oder weniger sittliche Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse der verschiedenen Völker.
Fichtes Sittenlehre

Im „System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre“ von 1798 geht Fichte davon aus, daß das Selbstbewußtsein des absoluten Ich nur sein kann, unter der Bedingung des Bewußtseins des Sittengesetzes. Hierbei ist sich das Ich des Sittengesetzes niemals in abstracto bekannt, sondern „immer in Form konkreter Aufgaben und Pflichten der Welt“ [4]. Das Ich kann sich nur eine Tätigkeit zuschreiben, wenn diese mit der kausalen Wirklichkeit einer ihm unabhängigen Welt verbunden ist. Dies wiederum ist nur möglich, wenn es sich einen Körper zuschreibt. Da dieser Körper Teil der Welt ist, unterliegt er auch den Naturtrieben. Das Sittengesetz untersucht nun die Bedingungen der Manifestation eines zugleich verkörperten und von Naturtrieben beherrschten Ich.
Fichtes Religionslehre

Der Ausbruch des Atheismusstreits hinderte Fichte daran, seine Religionslehre systematisch auszuarbeiten. Während Kant von der Existenz Gottes ausging, da die Existenz Gottes notwendig im Hinblick auf die Bedingungen der Möglichkeit sittlichen Handelns erscheint, sah Fichte nur die Notwendigkeit zu einer „moralischen Weltordnung“. Diese ließe sich nicht zwingend auf eine höhere Instanz – also Gott – zurückführen. Die aktive Weltordnung selbst, der „ordo ordinans“, mag man als Gott bezeichnen. Wer aber dies tut, der „verkennt die unmittelbare Beziehung des Gottesbegriffs zum moralischen Bewußtsein und ist, so Fichte, der wahre Götzendiener und Atheist.“
Beitrag zur Französischen Revolution (1793)

Fichte begrüßte die Französische Revolution und verfaßte seine beiden Revolutionsschriften von 1793 („Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten“ und „Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution“). Er begründet die Rechtmäßigkeit der Revolution in Anlehnung an Rousseaus „Contract social“ mit dem Argument, daß es ein „unveräußerliches Recht des Menschen“ sei, einen Gesellschaftszustand „aufzuheben“, der zu einem System der Unterdrückung verkommen ist. Denn dieser behindere den geistigen Fortschritt des Menschengeschlechts. Nach dem französischen Überfall auf Deutschland unter Napoleon wurde Fichte jedoch zu einem glühenden deutschen Patrioten.
Fichtes Antijudaismus

Die Äußerungen bezüglich der Stellung des Judentums in dieser Schrift wurden von vielen als „antisemitische“ Äußerungen bezeichnet. Fichte greift im besagten Abschnitt nicht nur die Juden mit harschen Worten an, sondern auch das Militär und den Adel. Das Judentum als Staat im Staate sondere sich ab. Die Juden, körperlich schlaff, hätten einen egoistischen Handelsgeist. Sie übervorteilten die übrigen Bürger, seien nur auf sich und ihre Sippe bedacht. Fichte übernimmt größtenteils die damals vorherrschenden Vorurteile, prangert aber vor allem immer wieder die separatistische Einstellung dieser Religion an.

„Fern sei von diesen Blättern der Gifthauch der Intoleranz, wie er es von meinem Herzen ist! Derjenige Jude, der über die festen, man möchte sagen, unübersteiglichen Verschanzungen, die vor ihm liegen, zur allgemeinen Gerechtigkeits-, Menschen- und Wahrheitsliebe hindurchdringt, ist ein Held und ein Heiliger. Ich weiß nicht, ob es deren gab oder gibt. Ich will es glauben, sobald ich sie sehe. Nur verkaufe man mir nicht schönen Schein für Realität! – Möchten doch immer die Juden nicht an Jesum Christum, möchten sie doch sogar an keinen Gott glauben, wenn sie nur nicht an zwei verschiedne Sittengesetze, und an einen menschenfeindlichen Gott glaubten.

Menschenrechte müssen sie haben, ob sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden. Zwinge keinen Juden wider seinen Willen, und leide nicht, daß es geschehe, wo du der Nächste bist, der es hindern kann; das bist du ihm schlechterdings schuldig. Wenn du gestern gegessen hast, und hungerst wieder, und hast nur auf heute Brot, so gib’s dem Juden, der neben dir hungert, wenn er gestern nicht gegessen hat, und du tust sehr wohl daran. – Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.

Vorherrschende Toleranz der Juden in Staaten, wo für Selbstdenker keine Toleranz ist, zeigt sonnenklar, worauf eigentlich abgesehen wird. – Die Aufrechthaltung deines Glaubens liegt dir so sehr an deinem Vaterherzen. Siehe diese Juden; sie glauben überhaupt nicht an Jesum Christum; das mußt du nicht leiden; und ich sehe, daß du sie mit Wohltaten überhäufst. – ‚O, sie haben Aberglauben, und das ist mir genug. Glaube du doch an Zoroaster oder Konfuzius, an Moses oder Mahomed, an den Papst, Luther oder Calvin, das gilt mir gleich; wenn du nur an eine fremde Vernunft glaubst, Aber du willst selbst Vernunft haben, und das werde ich nie leiden. Sei unmündig, sonst wächsest du mir zu Kopfe.‘ – Ich will nicht etwa sagen, daß man die Juden um ihres Glaubens willen verfolgen solle, sondern daß man überhaupt niemand deswegen verfolgen solle.

Ich weiß, daß man vor verschiednen gelehrten Tribunalen eher die ganze Sittlichkeit, und ihr heiligstes Produkt, die Religion, angreifen darf, als die jüdische Nation. Denen sage ich, daß mich nie ein Jude betrog, weil ich mich nie mit einem einließ, daß ich mehrmals Juden, die man neckte, mit eigner Gefahr und zu eignem Nachteil in Schutz genommen habe, daß also nicht Privatanimosität aus mir redet. Was ich sage, halte ich für wahr; ich sagte es so, weil ich das für nötig hielt: ich setze hinzu, daß mir das Verfahren vieler neuerer Schriftsteller in Rücksicht der Juden sehr folgewidrig scheint, und daß ich ein Recht zu haben glaube, zu sagen, was und wie ich’s denke. Wem das Gesagte nicht gefällt, der schimpfe nicht, verleumde nicht, empfindle nicht, sondern widerlege obige Tatsachen.“

In seiner 1794 erschienen Streitschrift „Eisenmenger der Zweite“ polemisierte Saul Ascher gegen die antijüdischen Äußerungen Fichtes, dem er den Namen des seinerzeit bekannten Judenfeindes Johann Andreas Eisenmenger, dem Autor der Schrift „Entdecktes Judentum“, zulegte. Mit Fichte sei eine neue Dimension des säkularen Judenhasses zu verzeichnen.

Andererseits lernte Fichte mit David Veit einen Vertreter der jüdischen Haskala kennen und schätzen.

Zitat: „Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Krieg steht, und der manchmal fürchterlich schwer auf die Bürger drückt: es ist das Judentum!“
Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (1806)

In den „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ entwickelt Fichte Ansichten zu einer Geschichtsphilosophie. Im Vordergrund steht ein Entwicklungsmodell, das die Geschichte in fünf Epochen unterteilt, wobei Fichte seine eigene Epoche als das „Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit” verstand, während die Grundzüge die künftigen Epochen einleiten sollten. Diese Epochenentwicklung vollziehe sich in folgenden Stufen: 1. Instinktive Vernunft; 2. Äußerlich erzwungene, jedoch nicht überzeugende Autorität; 3. Emanzipation von jeder äußeren Autorität („vollendete Sündhaftigkeit”); 4. Rückkehr der freien, innerlichen Vernunft und 5. Verwirklichung der freien, innerlichen Vernunft in allen äußeren Lebensbereichen.
Reden an die deutsche Nation (1808)

Die „Reden an die deutsche Nation“ verstehen sich als Fortsetzung der „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“. In den Reden ruft Fichte im Bereich der Bildung zu einer Nationalerziehung nach Pestalozzischem Vorbild auf, die das menschliche Verhältnis zur Freiheit in der Vernunft- und Werterziehung verankern soll.
Fichte an jeden Deutschen

Recht bekannt ist Albert Matthais Gedicht „Fichte an jeden Deutschen“, das fälschlicherweise oft Fichte zugeschrieben wird, durch dessen „Reden an die deutsche Nation“ Matthai aber inspiriert wurde.[6]

Fichte an jeden Deutschen

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an Deines Volkes Aufersteh’n.
Laß diesen Glauben Dir nicht rauben,
trotz allem, allem was gescheh’n.
Und handeln sollst Du so, als hinge
von Dir und Deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär‘ Dein.

Zitate

„Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar über die Gebühr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte die Nachkommen, falls es nämlich in der Barbarei, die da beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen werden,wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal preisen werden, daß es gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle eure Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenkt, daß ihr die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht.“

„Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos, als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe sodann fruchten, nachdem sie des größten Teiles derselben beraubt ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine in ihrer Hand ruhen und diese ihre Hand selbst durch eine fremde Hand gelenkt und geleitet wird.“ zitiert in: „Die Herrschaft der Minderwertigen“

Werke (Auswahl)

ergänzend  Johann Gottlieb Fichtes 250. Geburtstag

Der Begriff der Opferbereitschaft

deutsches-ahnen-erbe Unser arteigenes Wesen fordert von uns Opferbereitschaft, dann, wenn der Ruf an uns ergeht, aber auch das Opfer selbst. Peter Rosegger sagte dazu: “Wohltätigkeit ist für edle Menschen ein Vergnügen, aber nicht eines, bei dem man tanzt. Wohltun heischt Opfer, persönliche Opfer.”

Was ist ein Opfer? Sicherlich nicht einige Cent oder Euro, die für eine gemeinnützige Sache gegeben werden; das ist zu unbedeutend.

Etwas, was wir nicht ersetzen können, ist die Zeit; auch insoweit opfert man Teile seines Lebens im Einsatz für ein großes Ziel, wenn man zur Förderung dieses Ziels eigene Zeit aufbringt. Oswald Spengler schrieb darüber:

“Der bedeutende Mensch lebt so, dass sein Dasein ein Opfer an eine Idee ist. Der Sinn, den man dem eigenen Leben gibt, ist Zeugnis der Selbstachtung.”

Nichts, was groß ist auf dieser Welt, ist dem Menschen geschenkt worden. Alles musste bitterschwer erkämpft werden, sei es die Befreiung eines Volkes, seien es Religionsfreiheit oder Abstellung von Umweltsünden. Luther war bereit, so wie vor ihm zahlreiche andere Ketzer, den Feuertod der Inquisition zu riskieren, und hat dadurch Deutschland vom römischen Joch und der Ausplünderung durch den Papst befreit.

Völker befreit man nicht durch Nichtstun, sondern durch Opfer, und wer sein Volk liebt, beweist es einzig durch das Opfer, das er für dieses zu bringen bereit ist. Dasselbe gilt für unsere Rasse, unsere Art.

“Vom Opfer lebt das Leben,
vom Opfer zeugt sich’s fort;
wer sich entzieht dem Ringe,
verrottet und verdorrt.”

Dies sagt zu Recht Eberhard König. Auch Friedrich Schleiermacher spricht dies an: “Das ist des Menschen Ruhm, zu wissen, dass unendlich sein Ziel ist, und doch nie still zu steh‘n im Lauf; zu wissen, dass eine Stelle kommt auf seinem Weg, die ihn verschlingt, und doch nicht zu zögern den Schritt.” Gerhard Krüger ergänzt: “Nur aus dem, was Opfer kostet, erwächst wirkliche menschliche Größe. Je schwerer und härter das Opfer, umso steiler ist der Weg zu ihr und umso einsamer und gewaltiger ist sie. Nicht das Erleiden, sondern das Dennoch, das Gestalten und die Tat entscheidet über die Größe unseres Menschentums.” Und ebenso Karl von Hippel: “Wert und Unwert eines Menschen tritt erst zutage, wenn ihm Opfer abverlangt werden.”

Welche Gemeinschaft Opfer und Mut, Tapferkeit, Treue, Glauben und Heroismus fordert, die wird solche Teile des Volkes anziehen, die diese Tugenden ihr Eigen nennen. Diese sind in allen Zeiten der Faktor gewesen, der Geschichte macht.

Die alten Werte – Die alten Tugenden

deutsches-ahnen-erbe Unsere Ahnen hatten ein ausgeprägtes Rechts- und Gemeinschaftsverständnis. Dies zeigte sich vor Allem in ihrem familiären Zusammenleben und dem Leben in der Sippe. Auch das friesische und angelsächsische Recht sind Beispiele für eine hoch entwickelte ethische Gesellschaft. Erst mit dem Einzug des Christentumes und dem damit verbundenen römischen Recht wurden Habe und Besitz höher als menschliches Leben gestellt. War unter germanischem Recht das Leben als höchst schützenswert angesehen, so mußte es sich (wie der alte Glaube dem Christentume weichen mußte) unter römischen Recht dem Schutz des Besitzes weichen.

Mut und Stärke

Ohne Mut und Stärke des Einzelnen ist das Überleben der Familie, der Sippe und des Volkes nicht möglich. Hierzu gehört nicht nur der Mut im Kampfe, sondern vor Allem auch der Mut zur notwendigen Veränderung.

Sanftmut und Gerechtigkeit

Was wäre eine Gemeinschaft ohne Gerechtigkeit und Sanftmütigkeit? Diese Tugenden ermöglichen erst das Gemeinsame – das Miteinander. Auch Kinder benötigen die sanftmütige und gerechte Liebe der Eltern, ohne die sie zu Mitgliedern einer herzlosen Gesellschaft heranwachsen würden.

Kameradschaft und Loyalität

Nicht nur in alten Zeiten, auch heute noch haben Kameradschaft und Loyalität einen tiefen Sinn. Die Verbindung des Gemeinsamen einer Gruppe – seien es die Familie, die Freunde oder die Gemeinschaft – ist auf die Verwirklichung dieser Tugenden angewiesen.

Rache und Vergeltung

Die Ausübung von Rache und Vergeltung gegenüber denjenigen, die einem Selbst, der Familie oder der Gemeinschaft Schaden zugefügt haben, ist gerechtfertigt – wenn nicht sogar erforderlich. Dies fordert das ewige Gesetz des Ausgleiches.

Wissen und Weisheit

Nur die Aneignung von Wissen, das im Laufe des Lebens zu Weisheit führt, kann eine Gemeinschaft – ein Volk – in eine bessere Zukunft führen. Aber ohne die Vermittlung dieses Wissens ist das Erlernte nutzlos.

Gastfreundschaft und Gastlichkeit

In alten Zeiten, als das Reisen noch Tage und Wochen dauerte, war diese Tugend unabdingbar für die Menschen. Auch heute noch sollte diese Tugend einen hohen Stellenwert im Leben eines germanischen Heiden besitzen, da die Gastfreundschaft den Freunden gewährt werden soll, und man sich als Gast den Regeln des Gastgebers zu Fügen hat.

Arbeitsamkeit und Fleiß

Ohne den tief in der germanischen Volksseele verankerten Fleiß, und ohne die genetisch veranlagte Arbeitsamkeit – das Vorwärtsstrebende in uns – wären die germanischen Völker niemals zu den wohlhabensten Völkern dieser Erde geworden. Die Schaffenskraft des germanischen Geistes sucht Seinesgleichen.

Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit

Nur mit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit kann die Einheit einer Gemeinschaft gewahrt werden. Nicht umsonst besitzen die Worte Ehre und Ehrlichkeit denselben Wortstamm. Das zwischenmenschliche Zusammenleben wäre ohne diese Tugend und das daraus resultierende Vertrauen wohl unvorstellbar.

Treue und Glaube

Was wäre das Leben ohne Treue und Glaube? Wohl ein sinnleeres Dasein. Nicht umsonst bedeutet das Wort Treue im alten Sinne Glaube (nordisch: tro = Treue, Glaube. Englisch: true = Wahrheit). Die Treue zu den Göttern, zu den Ahnen und zu Familie und Sippe ist der Glaube an die allumfassende Gerechtigkeit und Wahrheit.

Standhaftigkeit und Wille

Schon Siegfried und Hermann der Cherusker bewiesen ihre Standhaftigkeit und ihren Willen. Beide kämpften und starben, weil sie sich selber treu blieben. Auch der deutsche Soldat in allen Kriegen bewies seine Standhaftigkeit und kämpfte trotz des Wissens um die Niederlage bis zum bitteren Ende. Diese Beispiele mögen uns an unsere eigene Standfestigkeit in unserem Leben erinnern – wären wir zu einem solch willensstarken Leben bereit?

Unser inneres Reich

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Mut zur Identität
Alternativen zum Prinzip des Gleichheit / hrsg. Von Pierre Krebs.
ISBN 3-922314-79-1
© Pierre Krebs, 1988

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.

Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.

Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!

I Allgemeine Betrachtung über die Identität

1. Die politische Komponente des identitären Bewußtseins

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Dr. Pierre Krebs

Auf politischer Ebene ist eine Entwicklung der soziokulturellen Verhältnisse festzustellen, welche den Nomadismus der Massen zugunsten der Verwurzelung der Menschen verleugnet, welche die Rechte legitimierter Völker gegen die Folgsamkeit anonymer Individuen behauptet, welche Ursprünglichkeit und Eigentümlichkeit der einzelnen Kulturen gegen das Hin und Her einer universalen, einebnenden und unsteten Zivilisation verteidigt.

Die gesamte Dritte Welt wird sich ihrer Wurzeln und ihrer Identität immer bewußter, und zwar genau in dem Augenblick, da die Weißen – auf Regierungsebene – das Bewußtsein der eigenen verlieren. Die Dritte Welt fordert mit immer größerem Nachdruck das Recht auf Verschiedenheit, und zwar genau in dem Augenblick, da die Weißen – auf Institutionsebene – ihr Schicksal der Willkür, Respektlosigkeit und Intoleranz der egalitären Ideologie (der Gleichheitslehre) überlassen. Von entscheidender Bedeutung ist die sich hierbei geradezu aufdrängende Feststellung, daß die Berufspolitik, deren Wesen bereits Nietzsche untersucht hatte, sich jeden Tag mehr aus dem bürgerlichen Konsens der Volksgemeinschaften verflüchtigt. Auf dieser Ebene rüttelt ein immer ausgeprägterer Ethnismus die Gemüter und setzt – parallel zu den etablierten Strukturen der Berufspolitik – die revolutionären einer Politik des Lebendigen ein.

Von nun an gliedert sich das wieder aufkommende ethnische Bewußtsein immer mehr in eine sogenannte dialektische Nische ein, die die ohnehin komplementären Interessen des kulturellen Kampfes (in der Behauptung des Rechts auf Verschiedenheit) und der politischen Forderung (in der Bewußtwerdung der volklichen Identität) miteinander verbindet. Eine dialektische Nische, die sich mit der Zeit zu einer echten soziologischen Erscheinung europäischen — unter Berücksichtigung der Entwicklung in der Dritten Welt gar weltweiten Ausmaßes entwickelte. Das Recht auf Verschiedenheit der Bretonen, der Basken, der Tiroler, der Irländer oder der Korsen unterscheidet sich, von den Triebkräften her, in der Tat keineswegs von jenem Willen, der manche Volksbewegung in Biafra, Pakistan, Kongo oder Palästina anzuspornen vermochte. Damit meinen wir jenen tausendjährigen Willen, der die Völker, wie sie alle heißen und wo sie auch immer sein mögen, dazu bewegt, sich über die Behauptung ihrer Identität, d. h. ihrer Andersheit, hinaus, das Recht zu erringen, ihr eigenes Schicksal selber zu lenken. Denselben Standpunkt vertrat Heidegger mit besonderem Nachdruck und nahezu verblüffender Vorahnung, als er den Willen des Volkes zur Schaffung eines eigenen Schicksals als Voraussetzung dafür anerkannte, sich von sämtlichen düsteren Mächten zu befreien; denn ein Volk kann sich „nur dann ein Schicksal erwirken, wenn es in sich selbst erst einen Widerhall, eine Möglichkeit des Widerhalls für diese Bestimmung schafft und seine Überlieferung schöpferisch begreift.“1 Eine alte, noch etablierte politische Ära geht zu Ende: die anorganische Politik der Gleichheitslehre. Eine neue politische Ära, die legitimen Anspruch auf die Macht haben wird, steht bevor: die organische Politik, die das Recht auf Verschiedenheit wahrnimmt. Gegen den etablierten Totalitarismus der Gleichheitslehre wird eine Alternative allmählich artikuliert, welche die alten unveräußerlichen Freiheiten der Menschen (in der Beachtung ihrer Unterschiede enthalten und durch das Recht auf Verschiedenheit gewährleistet) mit den neuen Verantwortungsaufgaben des auf uns zu kommenden Jahrhunderts (im neuen Humanismus der Völkerrechte im Gegensatz zum Humanitarismus der Menschenrechte) verbinden wird.

2. Die kulturelle Komponente der Identität

Das Recht auf Verschiedenheit setzt selbstverständlich das Recht auf Kultur voraus, sofern sich die Unterschiede durch die Kultur in eben demselben Maße konkretisieren, wie die menschliche Identität innerhalb der kulturellen Identität aufkommt, sich ausgestaltet und sich authentifiziert.

Die kulturelle Identität deckt eine, die gesamte Differenzierungslehre kennzeichnende Bipolarität auf: gebildet von einem Anziehungspol der Dauer (der Wille, eine Übereinstimmung zwischen Landschaft, Kultur und Mentalität aufrechtzuerhalten) und einem des Wechsels (der unablässige Wille, das gestrige Stammgut an die heutigen Realien anzupassen); Kultur wird als ereignisvoller und intellektueller Augenblick aufgefaßt, der einen anderen Ausdruck oder eine andere Hülle aufweisen kann, ohne daß sich deshalb dessen innere, d. h. psychische Strukturen verändern. Hierin stimmt die Differenzierungslehre mit einer globaleren Kritik der ‘Modernität, überein. Damit meinen wir eine Kritik an der modernen Welt, sofern die Modernität unserer Epoche darin besteht, die Menschen zu vermassen, sie ungeachtet ihrer Herkunft gegeneinander zu tauschen; diese Modernität zerstört sie letzten Endes, indem sie die Wurzeln ausreißt, die die Menschen an eine bestimmte Gruppe mit besonderem Lebensrhythmus verbinden. J.-P. Vernant hat zu zeigen gewußt, daß der Europäer eher eine Bewegung herbeisehnt, die ihn innerhalb seiner wiedererkannten Werte rehabilitiert, als eine, die ihn nomadisieren läßt und ihn verzettelt: „Es gilt, jeden Menschen aus seiner Isolation herauszuholen, indem er in einer ihn stärkenden und verwirklichenden Gemeinschaft eingewurzelt, wird.“2

Daher begreift man umso besser, weshalb die Differenzierungslehre in erster Linie eine Bewegung der kulturellen Formen war, bevor sie eine politische Akzentuierung erfuhr.

Nun sind wir aber mit Wirklichkeitsausschnitten konfrontiert, die, zur gleichen Zeit, Träumer und Ideologen, abweisen. An diesem Ort geht es ja um eine Realität, die zu bevorzugen oder zu verachten es doch nicht gilt; es handelt sich um eine hoch zu achtende Realität; eine solche Realität, wie Robert Ardrey es vielfach unterstrich, aufgrund deren der Mensch nach seiner Identität trachtet, wie eine Pflanze nach der Sonne. Von nun an geht es nicht mehr um irgendwelche politischen Trennungslinien oder ideologischen Präferenzen, sondern vielmehr um eine scharfsinnige Einstellung zum Wirklichen, um eine klare Einsicht in das Reale – wenn man sich im Leben, optimal, zurechtfinden will. „Das Biologische und das Kulturelle sind im Grunde eins: eine Gesellschaft stellt ein biokulturelles System dar, in dem beide Sphären ineinander dringen und aufeinander wirken.“3 Deshalb ist es wenig verwunderlich, daß manche durch eine unterschiedliche politische Option getrennte Menschen den Rubikon nicht zu überschreiten zögern, wenn es um den Fortbestand bzw. die Erhaltung eines sie formenden Erbes geht. Oder daß (wenn auch nur für kurze Zeit) politische Persönlichkeiten über ihr an sich recht bestreitbares Programm hinaus zu jener klaren Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Realen zurückfinden. Giscard d’ Estaing bot ein solches Beispiel, als er zu erkennen gab: „Das geistige Erbe einer kollektiv durchlebten Zivilisation kommt dem genetischen Erbe einer biologischen Herkunft gleich.“4 C. D. Darlington stellt seinerseits fest: Die verschiedenen Welten, in denen die Menschen leben, beruhen auf verschiedenen Sinneseindrücken des Schmeckens und des Riechens, des Sehens und Hörens, in denen sich die Menschen voneinander unterscheiden, die jedoch bei… Menschen mit gemeinsamen Rassenmerkmalen weitgehend übereinstimmen. Auf diesen Sinneswelten beruhen andere Welten der Denkweisen und geistigen Vorstellungen, in denen sich die einzelnen Völker wesentlich voneinander unterscheiden. Die alten Ägypter und die Maya, die Inder und die Chinesen, die Europäer des Mittelalters und der Neuzeit, sie alle lebten in verschiedenen kulturellen Welten, die sich alle in ihren charakteristischen Kunststilen, die niemals ineinander umgesetzt werden können, offenbaren und widerspiegeln und die in ihnen zusammengefaßt werden. Sie stehen einander verständnislos gegenüber, voneinander getrennt durch unüberbrückbare Abgründe …“5 Die Einsicht in die kulturelle Verwurzelung läßt, wie bereits angedeutet, die allzu engen Begriffe ‚links’ und ‚rechts’ sprengen. In diesem Zusammenhang schlägt ein Forscher mit Rechts-Etikett Alarm gegen den Egalitarismus, der uns auf einen Morgen hinführt, „wo die Mannigfaltigkeit des Menschengeschlechts die Morgenröte nicht mehr beleuchten wird (…), auf den Morgen der Einförmigkeit, der festgelegten Bewegungen, der besten aller Welten, der absoluten Ordnung, der gleichgemachten Wirklichkeit, des grauen Einerlei, der einförmigen Antwort auf einen einförmigen Anreiz … Das ist auch der Morgen, dessen Kommen wir erbitten in unseren Wirtschaftsbünden, in unseren Kollektivfarmen, in unseren Kirchenräten, in unseren Verwaltungskörpern, in unseren zwischenstaatlichen Beziehungen, in unserem edlen Bemühen um eine Weltregierung. Das ist der Morgen, nach dem wir streben, wenn wir beten, eines Tages ein Hirt oder eine Herde zu sein.“6 In einer diesmal als ‚links’ katalogisierten Zeitschrift schreibt ein Journalist: „Sollte die Welt morgen platzen, werde ich mein Land immer noch vor dem Sterben gesehen haben (…) Der moderne Mensch muß sich nämlich darauf vorbereiten, dem Zukunftsschock entgegenzutreten. Angepaßt, entschlossen, wirksam, lebensbejahend im Vergänglichen, in einer Bildflut, die schneller ist als er, ohne Bindungen und ohne Wurzeln.“7

3. Die ethologische Komponente oder Betrachtung über die Verwurzelung

Die Ethologie befaßt sich mit Sinn und Bedeutung des Territoriums bzw. Gebiets. Edward T. Hall bemerkt, daß die Umgrenzung eines bestimmten Gebiets soziale Folgen nach sich zieht.8 Die Ansicht wonach der in Architektur und Planung waltende Egalitarismus zu einer Zunahme der Gewalttätigkeit führe, wurde mittlerweile vielfach bekräftigt. Diese Zunahme fördert einen langsamen, unaufhaltsamen Zersetzungsprozeß der gesellschaftlichen Beziehungen.9

Innerhalb der Tiergemeinden, vornehmlich bei den Primaten, konnte eine Tendenz zur Ausstoßung aller heterogenen Elemente festgestellt werden, sobald eine kritische Schwelle erreicht wurde. Experten folgerten daraus, daß Tiere sich mit denjenigen zu identifizieren trachten, die ihnen ähneln.10 Diese Beobachtung gilt ebenfalls für die Menschenwelt. Deshalb auch ist eine gerechte Gesellschaft vorwiegend eine, „innerhalb deren eine hinlängliche Ordnung ihre einzelnen Mitglieder, was sie auch immer auszeichnen mögen, schützt; innerhalb deren aber eine hinlängliche Unordnung einem jeden Individuum dazu verhilft, seine Anlagen zu entwickeln. Dieses Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung ist es, das meines Erachtens den Gesellschaftsvertrag ausmacht; eine Untersuchung der einzelnen Arten wird zur Genüge demonstrieren, daß es sich hierbei um einen biologischen Imperativ handelt“.11

Das organische Leben ist u. a. eine Struktur des in der Natur der Lebewesen verankerten Grundunterschieds. Schon Aristoteles vertrat den Standpunkt, daß die Natur, indem sie Menschen zu dem macht, was sie sind, unter ihnen tiefgreifende Unterschiede schafft. In der Tat: Wo der Tod homogenisiert, heterogenisiert das Leben. Es ist ferner bekannt, daß Geistesstörungen am häufigsten mit dem begründet werden, was man als Veränderungen bzw. Verunstaltungen der Persönlichkeit bezeichnen kann. Die Einbindung eines Volksstamms in ein System, das dessen Lebensnormen nicht mehr in Betracht zieht, kommt somit, in der gesellschaftlichen Praxis, einer echten kollektiven Neurose gleich, die sich entweder durch allmähliche Degeneration12 durch Störungen bzw. epidemische politische Unruhen äußert. Simone Weil schreibt in diesem Zusammenhang: „Tatsächlich entwurzelte Menschen können nur zwei Verhaltensweisen aufzeigen: entweder verfallen sie in eine seelische, todähnliche Inertie, oder sie stürzen sich in eine stets darauf hinauslaufende Tätigkeit, diejenigen, die es noch nicht sind oder nur teilweise sind, mit den häufig gewaltsamsten Methoden zu entwurzeln“.13

In einer Zeit des organisierten Hin und Her von Menschen und Anschauungen fühlten die Individuen noch nie eine so starke Bindung an eine sie schützende und identifizierende Gruppe; noch nie forderten die Anschauungsträger mit solcher Heftigkeit die Bindung an ein kulturelles Erbe: ob es gefällt oder nicht, diese Tatsache kann nicht mehr bestritten werden! Nicht selten äußern Menschen ihren Willen zum Leben durch Festhalten an einem Leben an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Landschaft, weil dieser Ort oder diese Landschaft sie mit Menschen verbindet, zu denen sie sich hingezogen fühlen, weil die Art dieses Ortes oder dieser Landschaft mit ihrer Persönlichkeit harmoniert; und weil diese Persönlichkeit mit einem Psychismus, einer Lebens- und Denkungsart übereinstimmt, welche ein bestimmtes an diesem Ort oder in dieser Landschaft auftretendes biologisches Erbe aktualisieren.

Der Begriff der Verwurzelung verweist auf den allgemeineren Begriff der Tradition. Kann aber die Rückkehr zu einer Tradition nichts anderes bedeuten als die Rückkehr zu einem erstarrten, statischen, ‚verkalkten’ Existenzmodus? Wäre sie somit der Rückzug in das Gestrige, um einer Realität zu entgehen, die sie nicht zu beherrschen vermag? In einer dem bretonischen Regionalismus gewidmeten Schrift vertrat ein Schriftsteller den Standpunkt, daß die Folklore der Schandfleck einer zwar weiterhin lebendigen Ethnie sei, die aber ihre Souveränität zu behaupten sich nicht mehr getraue.14 Die Treue zur Tradition setzt die Bereitschaft voraus, die lebendige Anpassung dieser Tradition an die Gegenwart zu gewährleisten, ohne dabei den Kern der Tradition preiszugeben. Die Treue zur Tradition ist im Grunde die geistige Aufrecht-Erhaltung, die diese Tradition lenkt. Heidegger behauptete entschieden: „Ein Anfang wird aber nicht wiederholt, indem man sich auf ihn als ein Vormaliges und nunmehr Bekanntes und lediglich Nachzuahmendes zurückschraubt, sondern indem der Anfang ursprünglicher wiederangefangen wird …“15 Das setzt voraus, daß „wir durch unser Fragen in eine Landschaft treten, innerhalb deren zu sein die Grundvoraussetzung ist, um dem geschichtlichen Dasein eine Bodenständigkeit zurückzugewinnen“.16 Wohl bemerkt, die menschliche Verwurzelung hat nichts mit Fixierung zu tun. Der verwurzelte Mensch ist durchaus in Bewegung. Er bewegt sich aber dergestalt, daß er trotzdem weiterhin einer Kette angegliedert ist; diese Kette sorgt dafür, daß er nicht verkommt oder zugrunde geht. Der verwurzelte Mensch ist in Bewegung, ohne daß er deshalb seine Wurzeln löst: er versetzt und modifiziert sie vielmehr im Laufe seiner Entwicklung. Bewegen kann sich ein Volk im Raum, innerhalb seiner Anschauungen, in der Geschichte, die es schafft oder abschafft. Das Volk bleibt dennoch so lange es selbst, wie die Wurzeln nicht gelöst worden sind, die es an eine bestimmte Spezifität, an eine anerkannte Identität binden. Europas Geschichte, Strukturen und geistige Strömungen erstarrten zu keiner Zeit. Seine tiefen Werte, sein charakteristisches In-der-Welt-Sein, die Natur und das Leben sind sich im Kern gleichgeblieben. Europa wird weiterhin in Bewegung sein, die Menschen werden die Dinge immer wieder neu ausgestalten, ihre Anschauungen werden immer wieder neue Perspektiven schaffen und neue Alternativen artikulieren, ihr Wille wird weiterhin Ordnung mitten im Chaos schaffen, – solange Europa im Kern seiner biokulturellen Entität (Wesenheit) nicht modifiziert wird. Die biokulturelle Verwurzelung hat demnach mit der geographischen, die von der Geschichte und dem Willen verändert werden kann, nichts zu tun, auch wenn letztere nicht ohne Bedeutung ist. Somit bedeutet Verwurzelung weder Einschränkung noch Lokalisierung. Sie stellt weder eine Versperrung noch eine Begrenzung dar. Verwurzelung ist vielmehr die der Entfaltung und Entwicklung, dem Wachstum innewohnende Kraft. Erst ein in seinen biokulturellen Strukturen verwurzeltes Volk ist imstande, in jeder Generation alle die Werte, Bausteine, Alternativen und Veränderungen aufs neue zu erfinden, die das biologische und kulturelle Fortleben des Volkes herbeiführt. Sie ist also keine Wiederholung, sondern vielmehr eine Innovation innerhalb zivilisatorischer Strukturen, die sozusagen wechseln, ohne sich im Kern wesentlich zu verändern. Dagegen trägt der Egalitarismus die Gefahren des Bruches in sich. Der Egalitarismus will die Welt verändern, d. h. vor allem sie den biokulturellen Strukturen entfremden, die sie heutzutage noch gründen. Er ist im Begriff das zu des-integrieren bzw. zu verwüsten, was die Verwurzelung durch Innovation integriert.

Verwurzelung gehört zum Wesen des Lebens: Wechselerscheinung (=die Evolution) innerhalb der Aufrecht-Erhaltung (=der Erblichkeit). Sie gibt uns ein, daß „die schlimmste Geistesstörung in dem Unvermögen liegt, die anderen anders als sich selbst aufzufassen“.17 Sie weist uns schließlich darauf hin, „daß die Menschen, ebensowie die Ereignisse, ewig zu sich selbst zurückfinden. So erfahren sie ihre Verwirklichung“.18 Neulich ließ ein Türke erkennen, daß die meisten seiner Landsleute „nach Deutschland gekommen sind, um hier Geld zu verdienen, und nicht, um sich integrieren zu lassen. In der Praxis kann das nämlich bedeuten, spätestens in der zweiten Generation germanisiert zu werden – und das will tatsächlich keiner von uns“. Dem fügte er, als ob er denjenigen unter den Deutschen, die ihre Identität sehr schnell aufgaben, eine Lektion erteilen wollte: „Wir sind stolz, Türken zu sein, und wollen es auch bleiben. Wenn die Deutschen ihre nationale, ethnische und kulturelle Identität so leicht aufgeben, so glaube ich, liegt es daran, daß die Deutschen 1945 nicht nur den Krieg verloren haben. In meinen Augen sind die wahren Ausländerfeinde vor allem diejenigen, die weder Achtung vor dem eigenen noch vor fremdem Volkstum haben. Ihr Ideal scheint mir ein Völkerbrei geschichts- und traditionsloser Konsumidioten zu sein.“19 Denn ohne Verwurzelung ist es den Menschen unmöglich, zu dem zu werden, was sie sein sollen.

4. Die ethisch-philosophische Komponente

Ursprünglich war die fremdstämmige Immigration eine sozioökonomische Erscheinung mit begrenzten, überschaubaren Folgen; mittlerweile entwickelt sie sich zu einer soziobiologischen Erscheinung, mit umgekehrten Folgen. Zu den rein ökonomischen, an sich fluktuierenden Antrieben der Konsumgesellschaft kommen heute ethisch-philosophische ‚Rechtfertigungen’, deren Ursprung viel weiter zurückliegt als die sozioökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Damit meinen wir den egalitären Humanitarismus.

Es ist unseres Erachtens sowohl geraten als auch dringend nötig, das verbrecherische Gedankengut zu demaskieren, das sich hinter dem pseudo-humanistischen Vokabular der meisten Immigrationsbefürworter verbirgt: es ist eine heuchlerische Ethik, unter deren Deckmantel sich eine Riesenapparatur zur Vernichtung aller Menschen entwickelt; eine Nebelwand entstellter Freiheits- und Toleranzslogans, hinter der die Brandschiffe der Sklaverei und der Willkür lauern. Der auf Gleichheit gerichtete Humanitarismus erweist sich von der Logik der Differenzierungslehre her als ein erstaunlicher Schwindel. Schlimmer noch: Vom Gesichtspunkt dieser Lehre aus enthüllt er sich als Träger des größten Völkermords, der jemals unternommen wurde, und zwar gegen alle Völker unseres Planeten. Denn durch seine Vermischung der Rassen, der Kulturen und Weltanschauungen, d. h. durch die Kreuzung und Einebnung der Unterschiede, mißachtet der Egalitarismus nicht nur die grundlegendsten Begriffe von Achtung und Toleranz, sondern darüber hinaus die Freiheit und das Grundrecht auf Verschiedenheit. Diese bloße Schein-Demokratie birgt in Wirklichkeit den barbarischsten und perversesten Totalitarismus, einen Totalitarismus, der im Namen der Freiheit alle Völker der Menschheit in der Panmixie (Rassenmischung) auslöscht.20

Im Namen der Toleranz macht sich die Lehre von der völligen Gleichheit der Menschen der Intoleranz schuldig, die darin besteht, die Verschiedenheit, Originalität und Besonderheit überall da systematisch zu bekämpfen, wo sie sich der Mühle der Gleichmacherei nicht fügen. So kommt es, daß die Vertreter der ‚Religion der Liebe’ im Namen einer Wahrheit, über die man heute nur lächeln kann, ruhig und guten Gewissens zur Vernichtung von Gemeinschaften schreiten konnten – mitunter auch ganzer Bevölkerungen -, die ihren Ahnen und ihren Göttern treu bleiben wollen.21

Dem Wort des Paulus, dem zufolge es einmal „weder Juden noch Griechen“ geben werde, und der angestrebten Rückführung, der Menschen und der Lebensweisen auf ein Einheitsmodell sei entschlossen das Recht auf Verschiedenheit entgegengesetzt. Unser Humanismus basiert weder auf trennendem Ausschluß noch auf Angleichung; diese wäre ja mit einer Unterdrückung der Verschiedenheit gleichbedeutend. Unser Humanismus will ein Erbe antreten. Das bedeutet, daß er grundsätzlich die Vermächtnisse der anderen achtet. Er möchte die Europäer in ihrer Besonderheit und ihrer Unterschiedlichkeit bestärken und ermutigt gleichzeitig alle anderen Rassen und Völker, ihre Eigenheit zu bewahren. Unser Humanismus will die Verantwortung für das kulturelle Erbe Europas übernehmen und möchte den ganzen geheimnisvollen Reichtum wiedergewinnen, der in der Geschichte unserer Völker enthalten ist, aber auch alle jene menschlichen Werte, die durch zweitausend Jahre Christentum in Vergessenheit gerieten oder ausgebeutet und verstümmelt wurden.

Unser Humanismus ist vertikal: er wünscht den Menschen innerhalb einer Hierarchie auf einem Platz zu sehen, der seinem Wesen entspricht und der seiner Eigenart dient – im Gegensatz zum egalitären Humanitarismus, der horizontal ist und den Menschen am Beginn einer Nivellierung sieht, die ihn austauschbar macht innerhalb des großen anonymen und seelisch eingeebneten Kollektivs. Der Humanitarismus verschlingt die Einzelpersönlichkeit wie das Einzelvolk, um an dessen Stelle das anonyme Individuum und die Masse zu setzen. Es ist dies ein Humanismus der Gleichmacherei und daher der Entfremdung, letztlich der Entwertung; ein Humanitarismus also, der vermengt und damit zersetzt, der entwurzelt und daher zerstört. Ein Humanitarismus der Auflösung. Gehlen stellte sehr treffend fest, daß Humanitarismus (unterschiedslose Menschenliebe) und Massendaimonismus aufs engste verbunden sind.“22 Thierry Maulnier bemerkt dazu: „Wenn es darum geht zu erwägen, was auf kürzere oder längere Sicht wünschenswert wäre … Ist es etwa die allgemeine Rassenmischung, das Verschwinden der Unterschiede, eine Menschheit, die auf einen einzigen morphologischen und psychischen Typus reduziert ist? … Was aber wird in diesem Fall aus den Negern? Was aus den amerikanischen Indianern und dem, was von ihrer ursprünglichen Kultur übrig ist? Was wird aus den Eingeborenenstämmen …, die vielleicht das gleiche Recht auf ihre besondere Lebensweise haben wie jene Tierarten, über die wir uns aufregen, weil sie vom Aussterben bedroht sind? Besitzen einzelne Volksgruppen hinsichtlich ihrer Identität Rechte, die andere nicht haben? Wird das Recht auf Besonderheit bestimmten Zweigen der Gattung Mensch zugestanden, anderen aber verweigert? Verweigert insbesondere uns unglücklichen Abendländern, die anscheinend als einzige vom Recht auf Erhaltung unserer Eigenart ausgeschlossen sind.“23

Versuchen wir die dargelegten Gedanken in einem schematischen Rahmen näher auszuführen:

Die Gleichheitslehre redet vom Menschen. Doch indem sie ihr abstraktes und degradierendes Konzept vom Menschen aufstellt, verneint sie auf einen Schlag alle Menschen. Wir stoßen hier auf einen totalitären Willen: die Rückführung, der gewachsenen Vielfalt auf ein Einheitsmodell. Das ist der Grund, weshalb wir vom egalitären Humanitarismus als von einem ‚Humanismus’ sprechen, der den Unterschied -d. h. das Andere — verschwinden läßt in der Einheit — d. h. im Gleichen. Aus dem Willen zur Gleichmacherei wachsen in der Tat die wirklichen Wurzeln der Intoleranz.

Wir dagegen sprechen vom menschlichen Pluralismus. Denn von Menschen zu reden setzt schon deren Verschiedenartigkeit voraus. Unser Humanismus beruht auf der Aufrechterhaltung der Verschiedenheit. Auf dieser Grundlage bringt er Ethik und Leben, die Toleranz und die Menschen wieder in Übereinstimmung.

Die Gleichheitslehre redet von der Menschheit im Singular. Doch indem sie ihr Menschheits-Konzept aufstellt, verneint sie mit einem Schlag alle Völker. Wir stoßen hier wiederum auf einen totalitären Willen: die Uniformierung der Rassen und die Nichtachtung der Unterschiedlichkeit der Kulturen. Aus diesem Grunde sagen wir vom egalitären Humanitarismus, er sei ein ‚Humanismus’, der die Identität, die Unterschiedlichkeit der Rassen und Völker einebnet, auslöscht, entwertet. Aus dem egalitären Willen zur Uniformierung sprießen die wichtigsten Wurzeln von Sektierung und Gewalt.24 Was uns betrifft, sprechen wir von der Menschheit im Plural. Unser Humanismus basiert auf der Anerkennung der Völker und ihrer Kulturen, also auf der Achtung vor ihnen. Daher bringt er die Geschichte und das Leben, das Erbe und die Menschen wieder in Einklang.

Die Gleichheitslehre redet vom Weltstaat. Doch indem sie das Konzept eines planetaren Staats aufstellt, negiert sie mit einem Schlag alle Kulturen. Wir treffen auch hier auf einen totalitären Willen: den politischen Willen zur Negation und zur Zerstörung der kulturellen Verschiedenheiten, der innerhalb des Weltstaats zum Phänomen der kulturellen Anpassung führen muß. Deshalb sprechen wir vom egalitären Humanitarismus als von einem »Humanismus, der zerstückelt und deshalb ärmer macht. Aus dem egalitären Willen zur universellen Verstaatlichung des Planeten wachsen die wichtigsten Wurzeln der Diktatur.

Wir dagegen sprechen von den völkischen Identitäten und den Vaterländern. Unser Humanismus gründet auf der Freiheit der Völker, sie selbst zu sein. Auf dieser Basis bringt er den Geist und das Leben, die Kultur und die Menschen wieder in Übereinstimmung.

Die Gleichheitslehre redet von einem Nomadentum der Massen. Doch indem sie ein willkürliches soziologisches Konzept aufstellt, verneint sie mit einem Schlag alle traditionellen Menschengemeinschaften.

Wir stoßen hier auf einen totalitären Willen, in dem das Phänomen der Entfremdung gründet. Aus diesem Grund sprechen wir davon, daß der egalitäre Humanitarismus vermischt und deshalb zersetzt, entwurzelt und damit zerstört. Das ist es, was sich hinter dem Projekt der Panmixie verbirgt, mit anderen Worten: hinter dem weltweiten Genozid an der menschlichen Identität, aus der sich die ethnokulturelle Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ergibt. Aus dem egalitären Willen zur Rassenmischung sprießen die Wurzeln der Entfremdung und des Völkermordes. 25

Wir dagegen sprechen von Verwurzelung. Unser Humanismus ist organisch, er basiert auf den erworbenen Erkenntnissen des Lebens. So bringt er Natur und Leben, Volkstum und Menschen wieder in Einklang.

Das Gebot der Stunde ist nicht nur, darzulegen und zu handeln; das eigentliche Gebot der Stunde ist, wachzurufen; das Gedächtnis unserer Völker wachrufen, um in ihnen das Bewußtsein ihrer Wurzeln zu erwecken; die Einsicht in ihre Wurzeln hervorrufen, damit sie ihre Identität erfahren; ihnen zur Bewußtwerdung ihrer Identität verhelfen, um ihr Recht auf Verschiedenheit zu legitimieren; ihnen schließlich beibringen, wie sie auf der Schule der Achtung vor den Menschen die Völkerrechte wieder erlernen können. Es geht ja im Grunde um ihre Freiheiten, um jene Freiheiten, die dort anfangen, wie jeder wissen sollte, wo die Verachtung von Kultur und Mentalität aufhört; d. h. mit anderen Worten, die Verachtung des Lebens in seinem höchsten Grad. Diese Verachtung wird bei mangelndem Bewußtsein mit einem profanen Wort umschrieben, das Willkür, Haß und Sklaverei gründet; genauso wie Freiheiten, bei ausgeprägtem Bewußtsein, mit einem sakralen Wort umschrieben werden, das das Recht auf Verschiedenheit, auf Respekt und Achtung gründet: es ist das Wort Toleranz.

II Deutsche Identitätsperspektiven

Bilanz

Zu einer Zeit, da sich politische Parteien und Gruppierungen mehren, betrachten wir es als Gebot der Stunde, eine Partei des Geistes – eine Schule der Metapolitik – zu gründen. Diese neue weltanschauliche Schule soll die bevorstehenden kulturellen Entscheidungen legitimieren, aus denen die politischen Verwirklichungen hervorgehen werden. In diesem Sinne gründete eine Gruppe von jungen Schriftstellern, Journalisten und Akademikern im Juli 1980 das Thule-Seminar. Sieben Jahre eines intensiven Kampfes, die Veröffentlichung von vier grundlegenden Werken, nicht weniger als 200 Vorträge, die in Deutschland, Österreich, Belgien, Holland, Frankreich und in der Schweiz gehalten wurden, haben die Erwartungen übertroffen und ließen diese weltanschauliche Partei ihre erste bedeutende Schlacht gewinnen: nämlich in Deutschland den Eckstein, jenes Fundament zu schaffen, auf dem die Neue Kultur entstehen soll.

In Das unvergängliche Erbe haben wir das Erbe des intellektuellen und ethnischen Gedächtnisses definiert, indem wir eine erste Reihe von differentialistischen Alternativen zum Egalitarismus skizzierten. In Heidesein zu einem neuen Anfang wurde das heidnische Gedächtnis der europäischen Spiritualität dargelegt. In Die entscheidenden Jahre wurde eine Bilanz über das System und seine ideologischen Analogien (Liberalismus, Bolschewismus) gezogen.

In Die europäische Wiedergeburt schließlich entwarfen wir eine Strategie der Zurückeroberung. In der Gründungsphase dieser ‚Partei des Geistes’, hielt das Thule-Seminar entschieden Abstand von der Berufspolitik. Das Thule-Seminar vertrat immer wieder den Standpunkt, daß es um die Reifung neuer Werte gehe, die unserem Volk die Wiederkehr des Vaterlands ermögliche, und zwar durch die Wiederverwurzelung seiner ureigensten Mentalität. Denn was im Ursprung steht, schreibt Heidegger, bleibt immer ein Zukünftiges …

Sieben Jahre Kampf lehrten uns, die Macht eines im materiellen Bereich tausendfach mächtigeren Gegners zu erfahren, ließen aber gleichzeitig erkennen, daß dieser Gegner im Bereich der Interessiertheit, des revolutionären Idealismus und vor allem der ideologischen Alternative tausendfach schwächer ist. Er war tausendfach mächtiger, da in allen Strukturen der Regierungsmacht, von der rechten bis zur linken Seite des Systems installiert, aber paradoxerweise zugleich tausendfach schwächer, verwundbarer, da in der wesentlichen Ideenkrise des-installiert.

Diese sieben Jahre Kampf haben uns ersten Prüfungen unterzogen. Weitere, größere werden folgen. Aber wir wissen, daß wir noch dem Morgigen angehören. Doch das Morgige leuchtet schon in der Dämmerung des 21. Jahrhunderts.

Unser inneres Reich

Deutschland ist nicht mehr. Deutschland hat den politischen Karneval, die Maskerade der Foren verlassen, wo die Schönredner nur Beamte des Systems sind, wo falsch gespielt und die eigentliche Volksidee allmählich auf den Index gesetzt wird. Nirgendwo anders bietet ein Land ein noch verächtlicheres Bild der Durchkolonisierung durch zwei Mächte, die lediglich die Ausgeburten ein und desselben egalitaristischen, von Martin Heidegger bereits entlarvten Ungeheuers sind: „Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe; dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen.“26 Mit anderen Worten: Europa wird nirgendwo anders so verhöhnt, so entwürdigt, so verleugnet – wie in Deutschland.

Der tiefste Sturz enthält dennoch immer die stärkste, die gewagteste Hoffnung. Im Jahre 1963 traf Julius Evola27 folgende tragische Schlußfolgerung über Deutschland: „Mit Deutschland, das zuvor in verschiedener Hinsicht einen fruchtbareren Boden geboten hatte, ist nicht mehr zu rechnen: auf den militärischen Zusammenbruch folgte ein innerer, geistiger Zusammenbruch, folgte die quasi neurotische Ablehnung jeglichen höheren Gedankens oder Interesses.“ Deutschland ist nicht mehr: das will jedoch auch heißen, daß es wieder wird sein können. Dies dürfte auch keinen derjenigen wundern, die, einem Gedanken Schillers folgend, die Überzeugung niemals verloren haben, daß die deutsche Größe immer aus einem tiefen Sturz des deutschen Volkes hervorgegangen ist, aus dem Chaos herausgeboren wurde, um mit Nietzsche zu sprechen.

Statt zu sein, was es nicht ist, entschied sich unser Deutschland (das Deutschland der Neuen Kultur), nicht mehr zu sein. Deutschland ist nicht mehr. Deutschland ist zur Essenz, zum Mythos und zur Legende zurückgekehrt. Seine Wiedergeburt kann nur durch den Einsatz der noch freien geistigen Kräfte erreicht werden; sein Fortbestehen hängt bedingungslos von den noch wagenden Willenskräften ab, sein Wiederaufwachen ist mehr denn je an die noch verwurzelten Kräfte der Treue gebunden. Deutschland ist zur Idee zurückgekehrt, die den Intellekt seines Volkes prüft; zur Idee mit allen Querverbindungen, die sie in sich schließt: Deutschland ist zum Nährboden der Revolution geworden! Deutschland ist zum Entwurf zurückgekehrt, zur Quelle der Initiative, des Muts und der Kampflust mit allen Risiken, die dies für sein Volk birgt. Deutschland ist, ohne es eigentlich zu wissen, mit der unsteten Seele des Zweiflers zu den alten Göttern zurückgekehrt, die über die Mentalität, die Psychologie, das Verhalten seines Volkes Aufschluß geben: Deutschland ist wieder zur Heimat des Werdens und der Verwurzelung geworden, zum Vaterland im Exil sozusagen, das die Forderung stellt, man möge es suchen und verdienen, man möge es zurückerobern. Deutschland ist wieder zum großen Land der Zukunft geworden, zu dem Land, das es wiederzufinden und wiederzuschaffen gilt. Deutschland ist zu unserem längsten Gedächtnis zurückgekehrt, um uns den verborgensten, den tiefsten, den authentischsten Teil unseres identitären Bewußtseins zurückzugeben. Deutschland machte uns wieder zu Europäern im schicksalhaften Zentrum vom Reich der Mitte.

Deutschland wird uns nicht zufallen, wie man ein wertloses Strandgut am Wege findet – wir werden ihm vielmehr unter Beweis stellen müssen, daß wir die Kraft haben, es wiederzugewinnen. Es prüft unsere Wurzeln, weil es uns zwingt, uns selbst wieder zu finden: Es fordert, daß wir eine Legitimierung, eine Modernität, eine höhere Begründung des Rechts auf Verschiedenheit und auf Identität darlegen. Es prüft unser Gedächtnis, weil es uns zwingt, wieder grundlegende Mythen zu schaffen, die Geschichte wieder zu gestalten, d. h. wieder ein Schicksal zu erfüllen. Deutschland prüft unseren Intellekt, weil es von uns eine seelische Stärkung der Ideen, der Alternativen und der Werte erwartet, die die Vaterländer zum Leben benötigen. Deutschland hat mit den Zufälligkeiten der Berufspolitik, mit der ganzen Parteienkarawanserei gebrochen. Es hat den Flitterkram des Systems in die Mülltonne der Anekdote geworfen. Deutschland ist nicht mehr von heute. Indem es zur Essenz, zum Mythos und zur Legende zurückkehrte, knüpfte es wieder an die Geschichte und die tätige Vorausschau an. Es wurde wieder historisch und ist bereits postmodern. Deutschland ist wieder grundlegend, ist also im Ursprünglichen wieder Reich-gemäß geworden: das europäische Geburtszentrum unserer gründenden Ideen, unserer aufrührerischen Freiheiten, unserer faustischen Bestrebungen, unserer aristokratischen Herausforderungen. Es entwickelt unser inneres Reich.

Das Land, wo Zarathustra still wurde

In dem Land Goethes hat Mephisto aufgehört, ein Verführer zu sein. Sein einst gleich einem Degen schmales Gesicht ist aufgedunsen; die Zauberkraft seiner Augen verendete im Rinderblick eines cow-boy aus Dallas; seine Eckzähne sind durch chewing gum-Kauerei stumpf geworden, und von seinem luziferischen Gelächter ist nur noch die schmierige Grimasse eines businessman aus Wall-Street wahrzunehmen, die bösartige Grimasse des American Way of Life, die sich wie ein trüber Schatten über die deutsche Agonie – die verderblichste dieses Jahrhunderts – breit macht. Faust hängt – wieder — am Schicksalsbaum, sein Genie ist verbannt und seine Seele zwischen den Teilen Deutschlands zerrissen. Im Bamberger Reiter scheint die deutsche Geschichte auf ewig versteinert zu sein. Auf dem verlassenen Brocken werden die Walpurgisnächte nur noch von den kalten Scheinwerferstrahlen fremder Wachttürme erhellt. Tristan langweilt sich zu Tode, verendet aus Langeweile in den von Amerika überfluteten Diskotheken, in diesen neuen Hysteriestätten eines neuen Babylon, das in dem vermarkteten Sänger Michael Jackson das vorläufig spektakulärste und elendste Gegenstück zu Siegfried gefunden hat. Hameln ist überall in Deutschland, aber sein in den Bundestag gewählter Flötenspieler hat dem Besatzer seine Magie verkauft, und nun sind es die Ratten, die über das liberalkapitalistische Schicksal des zerstörten Reichs bestimmen. Mozart liegt hingegen ermordet da, und seine zerbrochene Flöte nicht mehr die Elfen und Nixen des germanischen Waldes.

Zarathustra schweigt. Man sagt, daß er sich in die heimlichen Tiefen des längsten Gedächtnisses zurückgezogen habe … Die amerikanischen Strategen von Cosmopolis, die, wie der Filmregisseur Volker Schlöndorff es kürzlich hervorhob, nur für den Augenblick leben, haben das allerdings nicht zur Kenntnis genommen. Die Augenblicklichkeit gehört ihnen; die Geschichte interessiert sie kaum. Zusammen mit Martin Heidegger wissen wir, daß wir uns in der Mitternacht befinden, „in der schon anbrechenden Geistlosigkeit, der Auflösung der geistigen Mächte, der Abwehr alles ursprünglichen Fragens nach Gründen“.28 Gerade dieses Fragen an unsere Wurzeln, dieses unverjährbare Recht auf Identität werden wir in den Vordergrund rücken müssen. Dieses heute als ketzerisch bewertete Fragen ist nicht neu. Bereits vor einem halben Jahrhundert stellte Oswald Spengler folgende grundlegende Frage: „Hat heute irgendein Mensch der weißen Rasse einen Blick für das, was rings umher auf dem Erdball vor sich geht? Für die Größe der Gefahr, die über dieser Völkermasse liegt und droht?“29, Deutschland ist derzeit ein Beispiel von Dynamik in dem einzigen Bereich, wo es seinen Willen behaupten darf, dem Konsumbereich, und zwar im gleichen Maße wie seine Identität, seine nationale Verantwortung und sein historisches Schicksal fast bedingungslos eingeschränkt ist. Diese Dynamik ist aber insofern vergänglich, als sie keine geistigen, ethischen, kulturellen oder politischen Werte mehr gründet. Diese Dynamik ist nicht mehr prometheisch. Sie ist merkantil und amerikanisch. Sie wurde zu einer ungeheueren Selbstzerstörungskraft, hie leistet dem ‘Countdown, der deutschen Identität Vorschub.

Das Land, aus dem die Götter geflohen sind

Gerade auf dem Grund dieser merkantilen Raserei erkennt Heidegger den dämonischen Aspekt,30 die vernichtende Böswilligkeit, die den nunmehr zwischen Sowjetrußland und Amerika eingeklemmten europäischen Geist verfinstert.31 Der Philosoph zählt auch die Ereignisse auf, die zu dieser Verfinsterung führten: Es sind „die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen, den Vorrang des Mittelmäßigen“.32 Die Zange zog sich zusammen, und Deutschland begab sich in die dunkelste Nacht dieses Jahrhunderts, die mit unseren Treulosigkeiten, unseren Schwächen, unseren Erniedrigungen geschwängerte Nacht; die undurchsichtige, einförmige Nacht; die laue Nacht des von Konrad Lorenz erkannten Wärmetods; die grenzenlose Nacht der gefährlichsten Gleichschaltung aller Zeiten, weil sie der gesamten verdummten Welt die gleichen Moden und Torheiten aufschwatzt, die gleichen kubischen Bauten und die gleichen Diskotheken, die gleichen Mac Donalds aus Kunststoff, um die Mägen zu täuschen, die gleichen Holliday Inns aus Beton, um die Träume zu zermalmen. Es ist die längste Nacht dieses Jahrhunderts, die plebejische Nacht des amerikanischen Mondialismus, der uns verdummt und unter der Dollar-Maske der Wallstreetgangster triumphiert. „Wir liegen in der Zange“, sagt Heidegger. „Unser Volk erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck.“33 Spengler prophezeite mit einer weltumfassenden Erkenntnisgabe, die Heidegger nur bestätigen kann, daß Amerika seine Metastasen im Vaterland von Novalis, Rilke und George wuchern läßt. Diese Wahl ist kein Zufall. Indem es Deutschland zum Satelliten macht, weiß Amerika sehr wohl, daß es das Herz Europas, das Reich der Mitte, das geistige und historische Epizentrum unseres Kontinents lahm legt. Thomas Mann sagte über Deutschland zu Recht, daß es Europa zusammenfaßt, der Inbegriff Europas ist. Und gerade in diesem „zusammengefaßten“ Europa ist die liberalkapitalistische Gesellschaft amerikanischer Prägung dabei, mit größter Wirksamkeit die Herrschaft des vermassten und die Versklavung des geistigen Menschen herzustellen. Gegen dieses Deutschland empörte sich Thomas Mann, als er schrieb: „Wessen Bestreben es wäre, aus Deutschland einfach eine bürgerliche Demokratie im römischwestlichen Sinn und Geiste zu machen, der würde ihm sein Bestes und Schwerstes … nehmen wollen, der würde es langweilig, klar, dumm und undeutsch machen wollen …“34! Thomas Manns Zwangsvorstellung wurde zur alltäglichen Gegebenheit. In dem um sein Germanentum gebrachten Deutschland wächst ein Homo Occidentalis, der uns durchaus um unseren Glauben an den europäischen Menschen schlechthin bringen könnte, da dieser von jener allumfassenden Herrschaft der Verkleinerung ergriffen wird, die Nietzsche anprangerte: „Denn so steht es: die Verkleinerung und Ausgleichung des europäischen Menschen birgt unsre größte Gefahr, denn dieser Anblick macht müde… Wir sehen heute nichts, das größer werden will, wir ahnen, daß es immer noch abwärts geht, ins Dünnere, Gutmütigere, Klügere, Behaglichere, Mittelmäßigere, Gleichgültigere, Chinesischere, Christlichere … Hier eben liegt das Verhängnis Europas – mit der Furcht vor dem Menschen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht vor ihm, die Hoffnung auf ihn, ja den Willen zu ihm eingebüßt. Der Anblick des Menschen macht nunmehr müde …“35

Man soll uns also nicht sagen, daß die amerikanische Besetzung unseres Raumes unsere kulturelle Freiheit unangetastet lasse und daß diese Besetzung im Grunde genommen besser als der sowjetische Gulag sei, der Körper und Geist gefangen hält. Nichts ist irriger als diese schwachsinnige Behauptung, da genau das Gegenteil eingetreten ist: Amerika besetzt viel gründlicher unseren Geist als unseren Raum, unsere Kultur als unsere Kasernen, unsere Lebensgewohnheiten als unsere Straßen, unsere Felder als unseren Himmel. Schlimmer noch: Amerika besiedelt sozusagen unsere Wünsche, unsere Reflexe, unsere Meinungen. Amerika besiedelt bereits unser Gedächtnis. Deshalb steht es unumstößlich fest: die Wiedergeburt Europas setzt den Niedergang Amerikas voraus, den Niedergang dieses „Antieuropäertums einer praktizistischen, merkantilen, demokratisch-kapitalistischen, wesentlich weltlichen und protestantischen Kultur …, das gerade in Amerika zu seiner letzten Schlußfolgerung gelangt ist: zum Mammonismus, zur übermäßigen Standardisierung, zur Tyrannei des Trusts und des Goldes, zur entwürdigenden Religion der ‚Sozialität und der Arbeit’ zur Zerstörung jedes metaphysischen Interesses und zur Verherrlichung des tierischen Ideals.“36

Der deutschen Nation, der die stärkste Schädigung ihrer Identität unter allen europäischen Nationen widerfuhr, wird gleichzeitig die größte Herausforderung dieser Jahrhundertwende gestellt: Wird Deutschland fähig sein, diese tödliche Schläfrigkeit, die ungeheuere Häßlichkeit des amerikanischen Lebens37 abzuschütteln? Ja, stellen wir die Frage! Wird Deutschland fähig sein, sein Schicksal auf Siegfrieds Amboß wieder zu schmieden, dadurch das amerikanische Phänomen auf sein tatsächliches Maß zu reduzieren und eines Tages — wie Nietzsche — zu sagen: „Was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an?“38

Joachim Fernaus schwere Anklage ist ein Volltreffer: „1945 waren wir Wachs in ihren Händen, heute sind wir ihr williger Schatten geworden. Was wollen wir bewahren? Unser Vaterland? Was ist das? Die Erde?

Der Acker? Die Städte? Die Fabriken? Die Banken? Die Atommeiler? Die Supermärkte? Die Partei-Silos? Was ist das Deutsche Vaterland? Wo ist es hingekommen? Es war doch einmal da, wo ist es nur geblieben? Was war es denn? Ach, meine verratenen Freunde, ich glaube, es war unsere Seele. Die ist es, die sie zerstört haben … Darum verliert kein Mitleid! … Haßt, was da über uns kommt… aus Liebe zu dem, wonach wir hungern und was man kaputtgemacht hat, deshalb sage ich: haßt! Die Liebe ist machtlos geworden. Dort drüben, jenseits des Ozeans, steht der Schuldige.“39 Um Europa zu schaffen, werden wir Amerika abschaffen müssen. Wenn man mit Evola bedenkt, daß der Amerikaner, die Verkörperung schlechthin des modernen, bis zum äußersten abgetriebenen Abendländer, nichts anderes als ein Schalentier ist, das sich in seinem äußeren Verhalten umso ‚härter’, zeigt, als er im Bereich der Innerlichkeit ‚weich’, und haltlos ist – ist das Unterfangen wahrlich nicht einschüchternd!40

Ganz Deutschland ist zu einer riesigen Krabbenreuse geworden. Die Schalentiere, von denen Evola spricht, höhlen es aus. Deutschland ist zu einem riesigen Kalifornien geworden, wo es den wöchentlichen Fernsehdallas, – o entsetzliche Trauer! – anscheinend gelang, alle Lüneburgs, alle Bambergs, alle Marburgs vergessen zu machen. Martin Heidegger gab der kalifornischen Gefahr einen anderen Namen, als er von dem „höchsten und erfolgreichsten Scharfsinn des rechnenden Planens und Erfindens“ sprach41. Mit der entsetzlichen Folge: der Mord an dem meditierenden Denken. Auch Hermann Keyserling stellte die unermeßliche existentielle Kluft, die zwischen Europa und Amerika besteht, mit den Worten fest: „In Europa galt finanzielle Macht nie als letzte Instanz. Diesem wunderlichen Glauben zu huldigen gehört zu den Originalitäten der Vereinigten Staaten. In Amerika glauben die Leute wirklich, daß der Reiche ebendarum ein überlegener Mensch ist; in Amerika schafft Geldgeben tatsächlich moralische Rechtsansprüche.“42

Das Land des meditierenden Denkens

Germaine de Staël bemerkte: „In Deutschland herrscht jedoch ein solcher Hang zur Reflexion, daß die deutsche Nation im wahren Sinne des Wortes als die metaphysische Nation betrachtet werden kann. Es finden sich in diesem Volk soviel Menschen, die im Stande sind, die abstraktesten Fragen zu verstehen, daß selbst das große Publikum Anteil an den Argumenten nimmt, die bei diesen Diskussionen vorgebracht werden.“43 Mme de Staël nahm somit Thomas Mann gedanklich vorweg, der gern sagte: „Kann man Philosoph sein, ohne deutsch zu sein?“44 Solange es die natürliche Heimat des meditierenden Denkens blieb, konnte Deutschland der übrigen Welt das Beste von sich geben: Das meditierende Denken verband es mit seiner reinsten Originalität, die es stets dazu bewog, über das Wesen, das Sein und das Werden grundlegende Fragen zu stellen. Das meditierende Denken wurzelte Deutschland in seine psychischen, kulturellen, soziologischen und politischen Partikularismen ein; das meditierende Denken brachte Deutschland in seinem Erbe zur Entfaltung; es verwob Deutschland mit seiner Identität und machte es gleichzeitig weltoffen. Und Deutschland veränderte sich, ohne sich jemals zu modifizieren. Das berechnende Denken entbindet Deutschland seiner Beziehungen, seiner Neigungen, seiner Affinitäten. Es entfremdet Deutschland allmählich sich selbst; es verbannt seine größten Denker innerhalb ihres eigenen Vaterlands. Das berechnende Denken rückt Deutschland immer mehr von seiner Geschichte ab und bringt es dagegen immer näher an die materielle Fatalität, an das Ökonomische.45 Das berechnende Denken hobelt immer mehr ab, was Deutschland von den anderen Völkern grundsätzlich unterscheidet, indem es an die einförmigen, austauschbaren und totalitären Erfordernisse des mondialistischen Diktats angepaßt, d. h. verstümmelt wird. Das berechnende Denken anonymisiert Deutschland. In diesem Sinne verbeißt sich der Liberalismus darin, die lebendigen Traditionen dieses Landes und alles, was von der Entfaltung seines Werdens zeugt, zu ersticken, indem er alle Hebel an sich reißt, die die Sitten und Bräuche lenken. Der Liberalismus manipuliert den Geschmack, die Moden, die Gadgets, die Schlager, die Bilder, die. er den abgedroschenen Klischees von Cosmopolis ablauscht. Er vervielfacht die Information, um die Fährten besser durcheinander zu bringen, die Reflexion zu verdummen, die Konzentration zu entmutigen, jede Spur eines meditierenden Denkens zu verwischen. Das berechnende Denken schafft allmählich die Identität, die Norm, den orientierenden Wert ab, die verschiedene Menschen in die Lage versetzen, für ein Volk gegenüber einem anderen zu stehen. Das berechnende Denken abstrahiert die Bindungen und neutralisiert die Wurzeln, um eines Tages nicht etwa Gemeinschaften oder Völker in Beziehungen zu bringen, sondern entmenschlichte Menschenräume von einem Ende des Planeten zum anderen austauschen zu können. Das berechnende Denken verwandelt somit das deutsche Volk allmählich in eine Gütergesellschaft. In dem genormten Schmelztiegel von Cosmopolis ständig umgeformt, von seinem Germanentum immer radikaler getrennt, wird Deutschland sehr bald der Welt nicht mehr das Beste von sich geben, da dieses Bessere, das es von den anderen Völkern unterscheidet, abgeschafft sein wird. Sein Volk wird sozusagen zunächst auf Höhe der Wurzeln, der Bindungen, der Werte implodiert sein, bevor es in dem großen weltweiten Zusammenbrauen explodiert. Die Beobachtung von Mme de Staël und die Frage, die Thomas Mann stellte, werden dann sogar nicht mehr von Bedeutung sein: Wenn die Deutschen schon einmal in der standardisierten Cosmopolis aufgesaugt und des-integriert sind, wenn Existenz und Welt schon einmal programmiert, technokratisiert sind, ist offensichtlich, daß die Fragen über das Wesen, das Sein und das Werden nur noch als intellektuelle, sinnlose Scherereien empfunden würden in einer Welt, wo das Sein vereinheitlicht und das Werden abgeschafft wäre… bis zum Eintreten des Unvoraussehbaren, das in Deutschland als Ernstfall bezeichnet wird! Wären die Götter einander gleich, so hätten sie – höchste Widersinnigkeit – nichts mehr auszutauschen. In dem Maße wie das berechnende Denken die Identität eines Volkes verwirkt, zwingt es die übrige Welt, auf eine grundlegende Originalität, die sie ergänzt und bereichert, zu verzichten. Das egalitäre Denken, das Cosmopolis nährt, schwächt die ganze Menschheit. Das meditierende Denken bleibt das wirksamste Gegenmittel zum berechnenden Denken Amerikas. Wir begreifen auf einmal die Aktualität von Heideggers Worten: „Darum gilt es, dieses Wesen des Menschen zu retten. Darum gilt es, das Nachdenken wach zu halten.“46 Es gilt mit anderen Worten, daß wir mit den Wurzeln verbunden bleiben. Martin Heidegger macht in diesem Zusammenhang eine ebenso meisterhafte wie kategorische Erklärung: „Die Bodenständigkeit des heutigen Menschen ist im Innersten bedroht. Mehr noch: Der Verlust der Bodenständigkeit ist nicht nur durch äußere Umstände und Schicksale verursacht, auch beruht er nicht nur auf der Nachlässigkeit und oberflächlichen Lebensart der Menschen. Der Verlust der Bodenständigkeit kommt aus dem Geist des Zeitalters, in das wir alle hineingeboren sind.“47 Heidegger fragt nun nach den entsetzlichen Folgen der Entwurzelung: „Wir werden noch nachdenklicher und fragen: Kann, wenn es so steht, der Mensch, kann menschliches Werk künftig noch aus einem gewachsenen Heimatboden gedeihen und in den Äther, d. h. in die Weite des Himmels und des Geistes steigen?“48

Das Land am Scheideweg

Um die historische Mission erfüllen zu können, die ihm der Philosoph aus dem Schwarzwald zuschreibt,49 wird Deutschland gegen die amerikanisch-westliche Cosmopolis mit größter Energie ankämpfen müssen, mit der Energie der Notwehr, die die Anwendung der stärksten Mittel gegen die größte Gefahr verlangt. Deutschland wird zwischen der liberalen Konsumideologie des Westens (bzw. ihrer sowjetischen totalitären Variante; und dem europäischen Zeitalter entscheiden müssen, dem wir durch das Modell einer organischen, solidarischen und entscheidungskräftigen Gemeinschaft Ausdruck verleihen. Wir stimmen dabei mit Max Scheler überein, wenn er behauptet: „Wo immer Gemeinschaft, auf Erden bestand, finden wir, daß den Grundformen des Gemeinschaftslebens ein über alle Interessen und subjektiven Gesinnungen und Absichten der einzelnen erhabener Wert zugestanden wird …Und so kommt es überall, wo Gemeinschaft ist, den Formen des Lebens ein Selbstwert zu, der unabhängig ist vom Grade der Schätzung der Interessen, vom Glück und Leiden der einzelnen.“50 Deutschland wird sich aus der Sackgasse herausreißen müssen, in der sein tätowiertes Genie dahinsiecht; die Irenik und der Hedonismus, die ihm durch die Zauberlehrlinge von Cosmopolis schmackhaft gemacht werden, enthumanisieren Deutschland, denn weder die pazifistische Utopie noch das arbeitsfeindliche Lustprinzip waren jemals die seelischen Stützen und geschichtlichen Ziele seines Germanentums. Deutschland muß in den gefahrvollen Nährboden der Geschichte eindringen – und zwar genau so, wie ein jeder Mensch, der sein Leben ordnet, seine Wesenszüge ausbildet und nach Vervollkommnung strebt, sich zu diesem Zweck der Gefahr einer besonderen Anspannung, einer Krise, eines schicksalhaften, unvorhersehbaren Ereignisses aussetzt, in dem Wissen, daß er die Bedrohung nur abwenden kann, wenn er sich ihr kämpfend widersetzt und sie überwindet. Im Volksmund spricht man gewöhnlich von einer ‚Heldentat’, die sich, nach Spenglers Worten, „nur durch lebendiges Vorbild und sittliche Selbstdisziplin eines befehlenden Standes …, nicht durch viel Worte oder durch Zwang“ erreichen läßt. Deutschland, das Zentrum der europäischen Geschichte, muß erneut in diese Art der Gestaltung eintreten, wenn es leben, überleben, besser leben will im griechischen, faustischen, nietzscheschen Sinne des Wortes. Erst dann wird es die Zügel seiner kulturellen Verpflichtungen, seiner politischen Entscheidungen, seines historischen Entwurfs und seines Schicksals wieder ergreifen können. Deutschland muß der politischen Tätigkeit ihre souveräne Kraft zurückgeben, muß die Ökonomie in eine politische, sie unterordnende Entscheidung wieder integrieren, und zwar im Rahmen einer klaren und unumstrittenen Hierarchie, die den Vorrang des Prinzen vor dem Kaufmann erneut bekräftigen wird. Dieser Prozeß der Ent-Amerikanisierung und zugleich der Auf-Europäisierung Deutschlands bedingt die radikale Loslösung vom Westen, von der Konsumideologie des American Way of Life. Deutschland, das eine gewagte Geschichte vorbildlich verkörperte, muß sich – am Nullpunkt dieser Geschichte – wieder auf seine Berufung als Volk der Bewegung im ewigen Werden besinnen. Deutschland kann, wenn es die Ketten des liberalen Gulag sprengt, ganz Europa den Willen zur Gemeinschaft, zum Fleiß, zum Kampf, den Sinn für Solidarität und Ehre, den Wert des Engagements, der Treue, das Bedürfnis nach Überwindung, den Wunsch nach Absolutem wieder einflößen.

Das Land, das die Revolution gewinnen muß

Wir befinden uns im Kulturkampf. In diesem Kampf haben wir aber nicht nur Gegner, sondern auch Verbündete: alle Völker der Dritten Welt, die ebenfalls gegen die tödliche Gefahr rebellieren. Dieser Kampf der Ideen erfordert ein außerordentliches Netz an Kenntnissen und Informationen. Und er braucht neue Führer vom Schlage eines Hütten, Leibniz, Schiller, Moltke und Clausewitz, deren Strategie nun Metapolitik heißt. Die Revolution des 21. Jahrhunderts wird aus dem ungeheuren Zusammenstoß des meditierenden Denkens mit dem berechnenden Denken hervorgehen, des wachrufenden Denkens mit dem verdummenden, des humanisierenden Denkens, das bodenständig macht, mit dem enthumanisierenden, das zerstreut. Die metapolitische Ausrichtung kommt der Einsetzung einer kulturellen Gegen-Macht gleich, die sich auf eine andere Weltanschauung, eine andere Gesellschaftsauffassung, eine andere Dimension des Menschen und daher auf ein anderes Wertsystem beruft. Alain de Benoist bemerkte zu Recht: „Sich an unserem Unternehmen zu beteiligen heißt nicht, sich für eine Gruppierung gegen die anderen zu entscheiden. Es heißt endgültig aus dem Trolleybus aussteigen, der zwischen den entgegengesetzten Polen ein und derselben Ideologie hin- und herfährt … Sich an unserem Unternehmen zu beteiligen, heißt eigentlich eine Begegnung des ‚dritten Typs’ zu machen, heißt in eine andere Welt zu kommen.“51

Europas Wiedergeburt, die Befreiung aus seiner ideologischen, politischen, geistigen Bevormundung, kann nur über den Kulturkrieg erfolgen, den einzigen Krieg nämlich, der Europa vor der geistigen Zerstörung retten kann (die durchaus einer physischen, materiellen Zerstörung vorausgehen kann, wenn Amerika morgen unseren Kontinent in einen Atomkrieg verwickeln würde). Martin Heidegger bittet uns dringend, den Kampf der Ideen zu eröffnen: „Gerade wenn die große Entscheidung über Europa nicht auf dem Weg der Vernichtung fallen soll, dann kann sie nur fallen durch die Entfaltung neuer geschichtlich geistiger Kräfte aus der Mitte.“52

Auf der ersten Seite seiner bekanntesten Schrift verkündet Arthur Moeller van den Brück: „Ein Krieg kann verloren werden. Ein unglücklicher Krieg ist niemals unwiderruflich. Der ärgste Krieg ist niemals endgültig. Aber eine Revolution muß gewonnen werden. Eine Revolution ist einmalig … Eine Revolution ist die ureigenste Angelegenheit einer Nation, die das betreffende Volk nur mit sich selbst auszumachen hat und von deren Ausgange die Richtungsbahn abhängt, die es in Freiheit seinen Geschicken zu geben versteht.“ 53 In diesem titanischen Streit um die Wieder-Verwurzelung, in diesem entscheidenden Kampf um die Erhaltung der Kern-Substanz, in diesem Krieg um die geistige Wiederaufrüstung Deutschlands verzichten wir auf die zu eng geratenen Vorstellungen der Berufspolitiker. In dieser Hinsicht nähern wir uns der Neuen Linken, soweit ihre Standortbestimmung zuallererst in bezug auf Deutschland geschieht, und entfernen uns von der Alten Rechten, deren Position von vornherein von der Rücksicht auf Amerika bestimmt wird. Und wir begrüßen heute die Neue Linke, wenn ihre auf Deutschland bezogene Standortbestimmung auch noch zugunsten der deutschen kulturellen Werte vorgenommen wird.

Ebenso nähern wir uns heute der Neuen Linken, soweit diese bei ihrer Standortbestimmung Europa einbezieht – und wenden uns gegen die Alte Rechte, deren Standort den äußerst gefährlichen Mythos des Atlantismus beinhaltet. Hierin erkennen wir die Widersinnigkeit der politischen Etiketten, die Gefahr der Spaltungen, die innere Alterung der Parteien. Wir erkennen aber gleichzeitig den Wert der Ideen, die Bedeutung der Menschen. Schließlich sehen wir mit großer Genugtuung alle die unsichtbaren Bande, die die Menschen der organischen Gemeinschaft von morgen bereits miteinander knüpfen. Die deutsche Neue Kultur erklärt sich für die europäische Herausforderung, weil diese eine Alternative in Aussicht stellt, die das Schicksal bewegt, andere Anschauungsnetze schafft, neue Bildquellen erschließt und neue Genies weckt.

Das Land, das die Völker wachrufen wird?

Deshalb werden wir für eine noch unbestimmte Zeit Deutschland in uns tragen wie ein inneres Reich und uns dabei an Richard Wagner erinnern. Wir werden die Priester des Bacchus, von denen uns Hölderlin, der Dichter der Zeit höchster Not, erzählt, weiter umherziehen lassen, denn sie verkünden unser Ideal. Lassen wir sie von einem europäischen Land zum anderen schweifen. Sie knüpfen die unsichtbaren Bande unserer inneren Reiche und bereiten uns auf die Morgendämmerung, auf den großen Schmerz vor, den Nietzsche als den letzten Befreier des Geistes bezeichnete.54 Jason Hadjidinas äußerte im gleichen Sinne, daß der identitäre Niedergang nur unter der Bedingung zu überwinden ist, daß man sich zu einem heroischen Kampf zwingt. Er fügt «her hinzu: „Unsere Götter werden ihren Völkern nur dann Schutz gewähren, wenn diese sie nicht fremden Gottheiten vorziehen.“55 Wir werden sowohl unseren Göttern, unseren Völkern treu bleiben müssen wie auch unseren Mythen, die uns, nach der Einschätzung Hans Jürgen Syberbergs, unsere Geschichte zu meistern helfen, vorausgesetzt, daß wir sie als den rein menschlichen Ausdruck der kulturellen Tat schlechthin auffassen.56 Nun aber verkörpert jede Revolution einen Mythos; jede Revolution erfordert einen Teil an Mystizismus in dem absoluten Glauben an eine neue Weltordnung. Zu diesem Glauben kommt der eherne Wille der Menschen, die schon deshalb können, weil sie wollen. Oswald Spengler schrieb: „Sich selbst beherrschen muß man, um einer Idee dienen zu können, zu innerlichen Opfern aus Überzeugung bereit sein.“57 Werner Heisenberg beteuerte seinerseits: Im Anfang war der Glaube, „der Glaube an unsere Aufgabe in dieser Welt“.58 Friedrich Jahn stellte fest, man schöpfe ein Gefühl göttlicher Kraft aus dem Bewußtsein, etwas tun zu können, wenn man es nur wirklich wolle.59 Und Nietzsches Zarathustra verkündete: Unfruchtbar seid ihr: darum fehlt es euch an Glauben.“60

In diesem Sinne wollen wir die Wachrufer unseres Volkes sein.61 Wer hören kann, soll es vernehmen: Wir sind bereit, den Preis für unsere Treue gegenüber unseren Göttern, unseren Völkern, unseren Mythen zu bezahlen, weil wir zusammen mit Hölderlin wissen, daß das Rettende aus der größten Gefahr wächst. In der Mitternacht Europas ist das egalitäre Zeitalter der Massen, das Zeitalter der Einförmigkeit im Anzug. Darin liegt zwar die höchste Gefahr, gleichzeitig aber die Herausforderung zum größten Kampf und damit die stärkste Hoffnung! Wenn nämlich diese Herausforderung die Grundlagen unserer Identität so stark bedroht, weckt sie gleichzeitig den schärfsten Widerstand; und wenn sie uns im Herzen unseres ureigenen Schicksals trifft, fordert sie uns heraus, die härteste, entschlossenste, unerbittlichste Willenskraft zu entwickeln. Lassen wir also in der Mitternacht der Welt Bacchus, Priester in unserem Innern schleifen! Es sind die Verzückungen der letzten Sterne, die auf den Scheitelpunkt von Nietzsches Großem Mittag hinweisen. Wir können bereits untrügerische Vorzeichen beobachten. Wenn deutsche Jugend ihre Massenkundgebungen gegen Amerika organisiert, wacht Tristan in ihr auf und reißt der westlichen Cosmopolis die Tarnkappe ab. Wenn Hans Jürgen Syberberg erklärt, daß die Kunst Deutschland wieder erheben wird (eine Kunst, die als Rückkehr der aristokratischen Zeiten, als „elistisches, als unausrottbares Prinzip“62 aufgefaßt wird) – dann sind es die schlummernden Kräfte Beethovens, Wagners, Mozarts, die neue Harmonien, Symbole und Bilder entwerfen, neue Mythen zur Wiederbelebung Deutschlands schaffen. Zarathustra ist ein Mutant, der mit der Rückkehr der Götter das Erwachen der Titanen ankündigt, um das Wagnis der Wissenschaft zu tragen, um uns in dem Abenteuer, in dem Ereignis, in der Geschichte, aus denen die tragfähigen Alternativen quellen, erneut anzusiedeln. Zarathustra treibt uns wieder in den Mythos, die natürliche Heimat der schöpferischen Fruchtbarkeit und des Heiligen. Das Heilige faßte der indoeuropäische Geist seit jeher mittels einer polytheistischen Weltsicht auf – nach dem Beispiel des Lebens und seiner Spannungen und im Gegensatz zum jüdisch-christlichen Logos. Zarathustra läßt uns die Ankunft eines neuen europäischen Menschen ahnen, der das Schicksal der Neuen Kultur im Sinne Ernest Renans formen wird. „Der Mensch ist nicht nur auf Erden, um glücklich oder ehrlich zu sein. Er ist auch hier, um jene höheren Lebensformen, wie die große Kunst und die selbstlose Kultur, zu verwirklichen.“ Deutschland wird wieder in die Geschichte eintreten, um sie vor der Errettung zu retten. Hören wir Heidegger: „Der Anfang ist nah. Er liegt nicht hinter uns als das längst Gewesene, sondern er steht vor uns. Der Anfang ist als das Größte im voraus über alles Kommende und so auch über uns schon hinweggegangen. Der Anfang ist in unsere Zukunft eingefallen, er steht dort als die ferne Verfügung über uns, seine Größe wieder einzuholen.“63

Das Land, das die Wiedergeburt des hellenischen Geistes ankündigt

Faust ist vom Schicksalsbaum heruntergestiegen. Sein Genie ist das Genie eines Mutanten, der Dionysos und Apollo in sich vereinigt. Sein Genie schuf sozusagen die ‚Hesperien’, das Abendland wieder. Er enthüllt uns die Identität des neuen Deutschland. Diese Identität ist imperial; d. h. die deutschen ‚Hesperien’, der deutsche, ‚griechisch-hellenische’ Wiederanfang verkündet, über den Niedergang der Nationen als Gesellschaften hinaus, die Herausforderung des imperialen Europa, des künftigen Imperiums als Gemeinschaft. Denn Europa wird ein Imperium sein (im ursprünglichen Sinne des Wortes, der mit der Perversion des Imperialismus überhaupt nichts gemein hat), d. h. eine organische Gemeinschaft mit den gleichen biologischen, kulturellen und historischen Wurzeln, so wie sie Max Scheler bestimmte. Diese Gemeinschaft wird auf der Grundlage der gleichen ethnischen Herkunft, der gleichen Mythen, der gleichen Geschichte und des gleichen Schicksals gebildet — oder sie wird nie zustande kommen, laust läßt uns ein zweites Mal erkennen: An einem Zeitpunkt der Geschichte, wo Deutschland in seinem Germanentum vielleicht noch nie so zerstört war, an einem Zeitpunkt, wo Deutschland auf die materiellste, unwirklichste Formel erniedrigt wird, ist der deutsche Geist in seinem eigenen Vaterland verbannter und entfremdeter – gleichzeitig über auch bewußter, intelligenter und tragischer denn je in diesem Jahrhundert. Faust läßt uns wissen, daß der deutsche Geist noch nie so indoeuropäisch, d. h. noch nie so ‚griechisch-hellenisch’ war, deutsch und hellenisch, wenn Carl Schmitt den Dezisionismus (die Entscheidungslehre) als das Wesen des Politischen bestimmt; deutsch und hellenisch, wenn Arnold Gehlen, der das Kennzeichnende des Menschlichen in der kulturellen Tat erfaßt, die die wagnisbereite, folglich tragische Natur des Menschen voraussetzt; deutsch und hellenisch, wenn Konrad Lorenz das moderne naturwissenschaftliche Denken an die antike Philosophie knüpft und der vitalistischen Anschauung, die den Menschen in den Strom des Lebendigen, in die organische Gesamtheit des Lebens taucht, wieder Geltung verschafft; deutsch und hellenisch, wenn Werner Heisenberg erklärt: „Niemand weiß, was die Zukunft bringen wird und von welchen geistigen Mächten die Welt regiert werden wird, aber wir können nur damit anfangen, daß wir etwas glauben und etwas wollen“64; deutsch und hellenisch, wenn Hans Albert eine philosophische Vision entwirft, die die Vielschichtigkeit und Vielzahl des Realen uneingeschränkt in Betracht zieht und alle Formen des Dogmatismus verurteilt; deutsch und hellenisch, wenn Gottfried Benn fordert, die Schwerter auch vor der dunkelsten Stunde der Welt niemals sinken zu lassen65; deutsch und hellenisch, wenn Walter Otto uns durch das Bild des Göttlichen im Spiegel des griechischen Geistes die religiöse Idee des gesamten europäischen Erbes wiedergibt in dem grundlegenden Monismus von Mensch und Natur, von Wissenschaft und Philosophie, von Menschen und Göttern; deutsch und griechisch, wenn Moeller van den Brück beteuert: „Größe eines Menschen ist: noch etwas mehr sein, als er nur von sich aus ist. Größe eines Volkes ist: noch etwas über sich hinaus sein und von sich mitteilen, noch etwas besitzen, das es mitteilen kann“66; deutsch und hellenisch, wenn Max Scheler versichert, daß die Erhaltung der Völker einen höheren Wert darstellt als industrielles Wachstum67; deutsch und hellenisch, wenn Hans Jürgen Syberberg behauptet, daß das deutsche Volk sich erneut in den ihm zugrunde liegenden Mythen wird verwirklichen müssen; deutsch und hellenisch, wenn Ernst Jünger in der Technik nicht ein Ziel, sondern ein Mittel, die neue Mobilisierungskraft, den neuen Willen zur Macht, die neue Herausforderung erblickt, aus denen der Mensch, vielleicht, die neue Magie wird erstehen lassen … Deshalb beruft Deutschland den ‚griechisch-hellenischen’ Wiederanfang, deshalb ist Deutschland unser inneres Reich, der neue Vorbote des europäischen Schicksals.

Faust-Heidegger, der dieses hellenische Wesen so treffend verkörpert, fordert uns zur Wahrung unserer Eigenart, unseres Lebens, des Lebens aller Völker auf: „Wir wollen uns selbst. Denn die junge und jüngste Kraft, die über uns hinwegreift, hat darüber bereits entschieden. Die Herrlichkeit aber und die Größe dieses Aufbruchs verstehen wir dann erst ganz, wenn wir in uns jene tiefe und weite Besonnenheit tragen, aus der die alte griechische Weisheit das Wort gesprochen: ‚Alles Große steht im Sturm’.“68


Anmerkungen

1 Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Tübingen, 1953, S. 29.
2 In Le Nouvel observateur, 5. Mai 1980.
3 Henry de Lesquen, La politique du vivant, Paris 1979.
4 Kolloquium Biologie und Zukunft des Menschen, Paris 1974.
5 C. D. Darlington, Die Wiederentdeckung der Gleichheit, Frankfurt/Main 1980.
6 Robert Ardrey, Der Gesellschaftsvertrag. Das Naturgesetz von der Ungleichheit der Menschen, 1971.
7 M. Fournier, in Charlie-Hebdo, 15. März 1971.
8 Edward T. Hall, Die Sprache des Raums, 1976.
9 Vgl. Gerald B. Suttles, The Social Order of the Slum, Chicago 1966.
10 Vgl. R. Park, Pace and Culture, Glencoe, 1950.
11 Robert Ardrey, aaO., S. 11f.
12 Vgl. Konrad Lorenz, vor allem in Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression, 1963.
13 Simone Weil, L’enracinement, Paris 1970.
14 Vgl. Saint-Loup, Plus de pardons pour les Bretons, Paris 1971.
15 Martin Heidegger, aaO., S. 29f.
16 Ebd., S. 30.
17 Eric le Naour, in L’Avenir de la France, Februar 1971.
18 Alain de Benoist, Les Dieés à l’endroit, Paris 1979, S. 141.
19 Mahmut Güropolu, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Dezember 1981.
20 Die Wurzeln des Totalitarismus sind in der Tat mit den Wurzeln des Monotheismus verwandt. Denn — Sigrid Hunke deutet es mit besonderem Scharfsinn an – „es führen viele Wege zu Gott. Keiner der Wege ist auserwählt. Keiner ist der einzig gültige für alle Menschen, Völker und Zeiten. Keiner von ihnen ist besser als der andere. Denn alle führen zu demselben einen Unerforschlichen, das die Religionen aller Zeiten und Völker meinen, wenn sie es auch mit verschiedenen Chiffren und Bildern begriffen und mit verschiedenen Namen benannt haben — dasselbe eine Unerforschliche, das über alles Erkennen und Begreifen ewig hinausliegt und nur dem religiösen Erleben ahnbar wird. Und weil alle Wege sich dem Göttlichen von einem anderen Ausgangspunkt nähern, eröffnet ein jeder eine andere Sicht. Denn auch ein und derselbe Berg ist keinem Beschauer allseitig sichtbar, und nicht zwei Menschen bietet er denselben, völlig gleichen Anblick dar. Seine Gestalt hat Milliarden Umrisse, sein Antlitz Milliarden Profile.“ (Europas eigene Religion, Bergisch Gladbach 1981, S. 17).
21  Man denke insbesondere an die Indianer Amerikas: Psychisch ‚verseucht’ hinsichtlich ihrer besonderen Vorstellungen von Welt und Kosmos – was ihren psychischen Niedergang und schließlich ihre Auslöschung beschleunigte. Konrad Lorenz bemerkt dazu: „ … Eine Kultur gestattet keine Unterbrechung ihrer Kontinuität.“ Daher bietet die Kolonialgeschichte „zahlreiche Beispiele dafür, daß nicht allein die Kulturen, sondern auch Völker und Rassen vernichtet wurden“.
22 Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, Frankfurt/Main, S. 79.
23 Thierry Maulnier, Le sens des mots, Paris 1978.
24 „Zeugt es bereits von .rassischer, oder gar rassistischer Nostalgie, wenn wir gerne Kinder haben möchten, die uns ähnlich sind?“ fragt Henry de Lesquen, aaO., S. 252.
25  „Die Geschichte zeigt: Es gibt für die Vernichtung einer Minderheit zwei hauptsächliche Methoden. Die erste besteht in der schlichten Ausrottung; die zweite, subtilere, ist das Aufsaugen durch Vermischung“ (Henry de Lesquen, aaO., S. 246). Konrad Lorenz weist seinerseits auf folgenden Umstand hin: „Wir wissen, daß die Mischlinge nicht ein ‚Zwischending’ zwischen ihren Eltern darstellen, weder in ihrem instinktmäßigen Verhalten noch in bestimmten körperlichen Merkmalen, sondern einen Rückgriff auf stammesgeschichtlich ältere Stufen“ (Über tierisches und menschliches Verhalten. Aus dem Werdegang der Verhaltenslehre, 1965).
26 Martin Heidegger, aaO., S. 25.
27 Julius Evola, // cammino del Cinabro. Frz. Ausgabe Le Chemin du Cinabre, Mailand 1982, S. 201.
28 Martin Heidegger, aaO., S. 49.
29 Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 1.
30 Martin Heidegger, aaO., S. 50.
31  Ebd., S. 40f.
32  Ebd., S. 48.
33 Ebd., S. 41.
34 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Berlin 1920, S. 16.
35  Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, München 1980, S. 278.
36 Julius Evola, Heidnischer Imperialismus, Leipzig 1933, S. 89f.
37 Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, München 1980, Bd. 9, Nachgelassene Werke, S. 338.
38 Ebd., Bd. 6, S. 287.
39 Joachim Fernau, Halleluja. Die Geschichte der USA, München 1977, S.
315f.
40 Julius Evola, L’arco e la clava, 1968; frz. Ausgabe L’arc et la massue, 1983, S. 35.
41  Martin Heidegger, Gelassenheit, Pfullingen 1959, S. 27.
42  Hermann Keyserling, Amerika. Der Aufgang zu einer neuen Welt, Darmstadt 1930.
43  Mme de Staël, Über Deutschland, 2. Bd., Leipzig 1813, S. 150.
44 Thomas Mann, aaO., S. 35.
45  Der ehemalige Staatschef Frankreichs Giscard d’Estaing erklärte – anläßlich eines in Cap d’Agde veranstalteten Kolloquiums seiner Partei – in ebenso triumphalem wie anmaßendem Ton, daß das Ökonomische das Politische in steigendem Maße aufsaugen müsse. Das Wirtschaftliche müsse immer mehr zum Lebensgrund und -ziel werden. Eine beredte Sprache, die auf die mondialistische, aseptische, von den Zauberlehrlingen des Egalitarismus zusammengebrauten Gesellschaft verweist. Diese Worte sind, unterschiedlich rhythmisiert, bei allen Tenoren des Systems anzutreffen, ob sie Genscher, Vogel, Reagan, Barre, Kohl oder Mitterrand heißen.
46 Martin Heidegger, Gelassenheit, aaO., S. 27.
47 Ebd., S. 18.
48 Ebd., S. 18.
49 Derselbe, Einführung in die Metaphysik, aaO., S. 17.
50 Max Scheler, Gesammelte Werke, Bd. 3, Vom Umsturz der Werte, ‚Das Ressentiment im Aufbau der Moralen’, Bern 1955, S. 141.
51  Alain de Benoist, Pour un gramcisme de droite, Paris 1982, S. 21.
52  Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, aaO., S. 41f.
53  Arthur Moeller van den Brück, Das dritte Reich, Berlin 1926, S. 19.
54 Friedrich Nietzsche, vgl. Bd.3, aaO., Die fröhliche Wissenschaft.
55 Jason Hadjidinas, in Vouloir, Nr. 10, November 1984, Brüssel.
56 Hans-Jürgen Syberberg, L’art qui sauve de la misère allemande, in Change, März 1978, Paris.
57 Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, München 1933.
58 Werner Heisenberg, Das Naturbild der heutigen Physik, Hamburg 1955, S. 45.
59 Friedrich Jahn, Deutsches Volkstum, 1810.
60 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, II. Teil, Vom Lande der Bildung.
61 Pierre Vial, in Les idées qui mènent le monde. Les intellectuels et l’Histoire. In Pour un gramcisme de droite, aaO.
62  Hans-Jürgen Syberberg, aaO.
63  Martin Heidegger, Die Selbstbehauptung der deutschen Universität, 1933, S. 11.
64 Werner Heisenberg, aaO., S. 45.
65 Gottfried Benn, in Poèmes, Paris 1956, S. 80 (Edition bilingue).
66 Arthur Moeller van den Brück, Das dritte Reich, aaO., S. 348.
67 Max Scheler, aaO., S. 146.
68 Martin Heidegger, Die Selbstbehauptung der deutschen Universität, aaO., S. 22.

Heidnisches Europa – Midgard – Unsere Zukunft

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Politiker aller Richtungen sprechen heute oft vom gemeinsamen Haus Europa. Unsere uralten heidnischen Überlieferungen, meinen etwas ähnliches, wenn sie von Midgard sprechen. Midgard ist aber nicht nur ein „gemeinsames Haus“, Midgard ist ein „Garten der Mitte“, den die Götter uns Menschen als unsere Heimat gaben, damit wir darin friedlich zusammenleben. Midgard ist der paradiesische Garten der Menschen mit seinen Wäldern und Feldern, seinen Bergen und Tälern, seinen Flüssen und Seen.

Unsere Vorfahren, Wenden (von den Christen Slaven genannt), Germanen und Kelten besiedelten alle Landschaften Midgards und lebten in der kulturellen Vielfalt der zahlreichen Stämme friedlich nebeneinander. Erst das Eindringen intoleranter missionseifriger Ideologien und die Eroberungslust raumfremderEindringlinge brachte die althergebrachten föderativen Strukturen zum Wanken. Europa wurde für Jahrhunderte Schauplatz blutigster Verfolgungen und Kriege.

Durch den fortschreitenden Verfall der mittelalterlichen und neuzeitlichen Ideologien sowie der alten Imperialstaaten können sich Vielfalt, Toleranz und Gastfreundschaft des heidnischen Midgard-Europa wieder entwickeln.

„Zurück zu den Wurzeln“ sollte es nun heißen. Dort an einer der drei Wurzeln des Lebensbaumes, der mit seinem Stamm die ganze Welt durchwächst und in seinen Zweigen die Sterne trägt, finden wir auch den Ursprung unserer gemeinsamen Herkunft und unserer Überlieferungen. Daraus erwächst die Klarsichtigkeit für die Probleme der Gegenwart und schließlich der Ausblick auf eine Zukunft im Frieden und Wohlstand Midgards, die wir uns gemeinsam, wie Mitglieder einer Familie, schaffen können.

Die kulturell verschiedenen Regionen als Nachfolger der alten Stammesstrukturen betonen die Vielfalt der europäischen Menschen. Wendische („slavische“), germanische und keltische Elemente sollen sich entfalten und damit auch gegenseitig ergänzen können. Im politischen Bereich zeichnet sich die alte Thingdemokratie, durch das Allthing in Island oder die altgriechische Demokratie Vorbild aller modernen Demokratien und noch in einigen Kantonen der Schweiz erhalten geblieben, wieder ab. Die Beratung auf örtlicher Ebene und die Entsendung von Vertretern in Thingversammlungen immer größerer Gebiete vertreten die Anliegen der Einzelnen direkt, binden sie aber durch die verschiedenen Aussprachemöglichkeiten auch in Gemeinschaftsinteressen ein. Die innere Entfremdung der Menschen in der Parteien- und Mediendemokratie kann dabei überwunden werden.

Als Heiden treten wir für ein durch Verständnis und gegenseitige Anerkennung geprägtes Miteinander in Europa ein. Die verschiedenartigen kulturellen Regionen sollen sich in Midgard-Europa wiederfinden können, die mündigen und für ihre Zukunft verantwortlichen Menschen sollen überall vertreten sein. Der Schutz der Natur muß Vorrang vor allen anderen Interessen haben, denn in ihr und mit ihr sind wir ein Bestandteil des sich immer erneuernden Götterreiches, das uns und unseren Nachfahren auf Erden erblühen kann.

Die Erlösungslehre Schopenhauers

arturschopenhauer I N H A L T
I.       Einleitung
II.      Das Weltbild Schopenhauers

a)       Die Willenswerdung der Welt
b)       Die Intelligenzwerdung des Willens
c)       Die Losreißung des Intellekts vom Willen
d)       Die Verneinung des Willens

III.     Der Pessimismus

a)       Die erkenntnistheoretische Begründung
b)       Die metaphysische Begründung
c)       Die empirisch-psychologische Begründung
d)       Die kulturphilosophische Begründung

IV.      Die Erlösungslehre

a)       Die Willensverneinung
b)       Der Zustand der Erlösung
c)       Die Ideenschau

V.       Schopenhauer und Meister Eckhart

I.

Einleitung

Seitdem es Menschen gibt, gibt es auch ein Streben in der Menschenseele, befreit, erlöst zu sein von dem dumpfen Druck, mit dem das Leben und die Wirklichkeit auf uns lastet. Die Denkmeinung ganzer Völkergruppen, großer Kulturzentren in der Menschheitsgeschichte geht dahin, zu glauben, daß die Welt Schuld, das Dasein Sühne sei. In der Doppelnatur des Menschen, die Plato im Gleichnis der beiden Seelenrosse schildert, scheint sich dieses unselige Schicksal der Welt am sinnfälligsten auszusprechen. Der geistig-sittliche Mensch waltet frei im Reich der Gedanken und Vorstellungen, während der körperliche Mensch einer finstern Materie verhaftet ist. Unsere moralische Natur trägt uns empor in die Sphäre der Phantasie und Idee, in den blauen Äther einer lichtdurchfluteten Gestaltenwelt, wo unsere Träume und Wünsche wohnen, während der niedere Triebmensch in uns dunklen Gewalten unterworfen scheint, gekettet ist an jene Mächte, die das ewige Schicksal flechten, so daß Plato das körperliche Prinzip das Grabmal der Seele nennen konnte. Wer von uns hätte nicht unter dieser unseligen Zwiespältigkeit unserer geistigkörperlichen Doppelnatur gelitten, von dem heißen Wunsche erfüllt, diesem dunklen Sema zu entrinnen, die eisernen Ketten zu sprengen, mit denen unsere prometheische Natur an die Felsen des stofflichen Seins geschmiedet wurde? Vergebens! Je glühender das Verlangen der Seele nach erdebefreitem Schweben im reinen Licht, nach der Hilaritas des Geisterreiches, um so deutlicher spüren wir die Stäbe unseres engen Käfigs, den lastenden Druck unserer Kerkermauern. Der Jubel unserer Seele, die sich am Morgen unseres Lebenstages gläubig erheben möchte in die Unendlichkeit der Idee, zum hyperuranischen Ort des Plato, wird zum Schluchzen, zur müden Klage oder zur dumpfen Resignation. Matt, kraftlos sinkt unser Fittich zurück in die Leerheit und Öde des Irdischen. Wir kämpfen den Kampf des Alltags, wir freuen uns an Arbeit und Tat und wirken im Dienste der Menschheit. Ganz ohne höhere Freuden ist wohl das Leben nie, wie die Pessimisten uns glauben machen wollen. Aber mitunter, wenn uns ein Gruß aus der Geisterwelt erreicht, erkennen wir, daß wir unsere wahre Bestimmung verfehlt haben. Wir gewahren, daß wir Abtrünnige sind, erschlagen von einer fallenden Welt, gefesselte Titanen, die eine finstre Moira hinabgeschleudert hat von den Tischen der Götter. Kronions Saal bleibt uns unerreicht, des Erdenlebens schweres Traumbild will niemals sinken. Wahre Erlösung wird uns nie zuteil, weder durch den Heiland in uns, noch außer uns. Wir bleiben, was wir sind: beseelter Staub und Klage. Wahrhaftig: „es ist schade um die Menschen!“

Keiner unter den großen Geistesführern der Menschheit, der nicht erschüttert gestanden hätte vor diesem Schicksalsgedanken unseres Doppelseins. Was jeder Einzelne mehr oder minder deutlich in seinem Leben erfährt, die Unvereinbarkeit seiner edelsten seelischen Wünsche mit dem Schicksal, Mensch zu sein, das steigert sich in großen Naturen zu einem tragischen Erlebnis von ungeheurer Wucht, das zur eigentlichen Triebfeder ihres Denkens und Wirkens wird. Plato und Christus, Meister Eckhart und Schiller, – es ist immer der gleiche Gedanke, von dem diese Gipfel entzündet sind, das Verlangen, mit feurigen Armen eine über-sinnliche Welt zu ergreifen und sie herabzuzwingen in die Täler der Menschheit. Mit den Jahrtausenden ist der Glaube an die Möglichkeit des Gelingens blasser geworden.

Skepsis mischt sich ein in die Unternehmungen der Erlöser. Zuletzt scheint nur noch ein Pfad übrig zu bleiben, der ästhetische. Aber die Inbrunst des Strebens ist die gleiche geblieben wie in den Tagen des Areopagiten. Noch heute können wir an Nietzsche ablesen, wohin das Erlösungsstreben der Menschheit greift. Es ist gegenständlicher geworden, sozialer, wie schon unter Fichte und den Positivisten. Der Himmel soll in die Erde eintreten, ein über-menschliches Geschlecht soll das Verhängnis meistern. Nicht mehr das Jenseits soll ausgebaut werden, um dann eine Zuflucht unserer Seele zu sein, sondern das Diesseits soll befreit, gereinigt werden von den physischen, metaphysischen und moralischen Übeln des Leibniz. Die Funktion aber hat sich nicht geändert: Drang nach Befreiung unseres edleren Seelenteils von allen in die Tiefe ziehenden Gewichten. In diesem Sinne betätigt sich noch heute in der modernen Menschheit das Erlösungsstreben des Augustinischen Zeitalters. Im Rhythmus unserer Seele klingt noch immer der Schritt zur Civitas Dei, den die Christianer taten, die Stadt mit den goldenen Gassen glänzt noch immer über der grauen Öde unserer Arbeiterwohnungsviertel, im Wahn der Kommunisten wohnt die uralte Sehnsucht der Menschheit nach Himmel. Glückseligkeitsstreben ist der Hebel alles menschlichen Seins und wird es immer bleiben, trotz Kant. Um ein Fünkchen Glück summt die Maschine der Millionen, um ein Tröpfchen Genuß fließen alle Tränen, rinnt der ewige Strom des menschlichen Schweißes. Wir erfüllen unsere Pflicht nicht aus Achtung vor dem Gesetz, sondern aus Verlangen nach Glück. Wir wollen, um eines Tages nicht mehr sollen zu müssen. Wahrhaftig: Freude ist der Hebel in der großen Weltenuhr. Wem der Glaube an die Freude erloschen, dem ist auch die Kraft erloschen. Aus dem grauen Einerlei des Lebens erhebt sich sein hoffender Genius nicht mehr. Er versinkt in die Dumpfheit Marc Aurels, in die müde Entsagung der Stoa. Die Welt bleibt für ihn stehen und schreitet erst weiter, wenn die Organe der Sehnsucht wieder greifen.

Auf dem Boden dieses allgemeinen Glücksstrebens der menschlichen Natur entwickelt sich das Besondere des Erlösungsgedankens, dieses Vorrechts erlesener Geister. Für diese bedeutet Glück Befreiung von irdischer Last und Gebundenheit, phantasiemäßige Eingliederung in einen übersinnlichen Weltzusammenhang. In dieser Form ist Erlösungsstreben die grundlegende Funktion aller höher angelegten geistigen Naturen, die den stofflichen Weltdruck schwerer empfinden, stärker unter ihm leiden. Der Gegenstand dieses Strebens kann unendlich sein, seine Form ist immer dieselbe. Ebenso seine Voraussetzung: die Unfreude am Irdischen, seiner Dürre und Dunkelheit, seiner Enge und seinem Schmutz. Wer den Erlösungsgedanken in seiner reinsten Entwicklung studieren will, wird dorthin treten müssen, wo die Pessimisten wohnen, die großen Betrübten und Klagenden, deren Auge das Schicksal hat, das Unethische, Unlogische des menschlichen Daseins zu sehn, von deren Netzhaut die Bläue Homers verschwand. Sie rückte hinauf in eine höhere Welt, auf der das geistige Auge ruht. Dort wohnt Vollkommenheit, zu ihr züngeln alle Kräfte, und die Lebenseinstellung dieser redemptorisch Erhobenen gleicht der des Platonischen Sehers in der Höhle, der geblendet, nachdem er geschaut, verspottet von seinen Mitgefangenen ob seiner Blödheit, mitleidig lächelnd und belächelt auf jene Schattendinge blinzelt, an denen sich das Herz der Sterblichen erfreut.

II.

Das Weltbild Schopenhauers

Schopenhauers Lehre von der Willensverneinung übt nach wie vor einen starken Druck auf das Gemüt der Menschheit aus. Auf dem Hintergrund eines finstern und erbarmungslosen Pessimismus erhebt sich hier der bestrickende Gedanke der Erlösung in einer Form, die ihre Wirkung auf den Abendlandsmüden nicht verfehlen kann. Wer Schopenhauer mit Bedacht gelesen hat, in dessen Seele kann die Erinnerung an seine klagende Stimme niemals verlöschen, mag er auch längst sein Heil bei anderen großen Geistesführern gesucht und gefunden haben. Wie dunkel, wie trostlos ist das Schicksal dieser Welt, wie leiden diese Wesen – hoffnungslos! Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß diese Heilslehre, wie eindringlich sie auch vorgetragen wird, eine Geburt der Verzweiflung ist. Wer aber verzweifelt, hat die Welt nicht überwunden. Gibt es jemanden unter uns, der durch Schopenhauer wirklich „erlöst“ wurde? Der bleibende Eindruck seiner Philosophie haftet an der Größe seiner Weltgedanken. Aber fraglich bleibt, ob Schopenhauers Erlösungswege für den modernen Menschen gangbar sind.

Man betrachte diese Welt! Das Urwesen, wenn es erscheint, ist schon Wille, heißer, tierhaftungestümer Drang, zu sein und zu leben, mit dem Gesetz der Selbstentzweiung behaftet, aus dem alle Qualen fließen. Schon hier eine Abkehr des Absoluten von seiner wahren Natur, ein Sündenfall, eine Entgleisung. Als eine Fehlgeburt erscheint diese Welt, als Irrweg und Abweg von einer hohen Linie. Nacht ist um uns. Auf finstrer Straße wandert der Weltwille. Er jagt dahin, gepeitscht von der Irrationalität seiner Triebe, vorwärtsstürmend nach einem Ziel, das er nicht kennt, fiebernd, aufgewühlt, mit dem verstörten Blick eines flüchtenden, angstgefolterten Tieres. Die Laterne des Intellekts flammt auf und spaltet das Dunkel. Bei ihrem magern Schein gewahrt er seine Straße, die im Abgrund des Leidens endet. Nun steht der irrende Weltwanderer vor diesem Abgrund und blickt hinunter mit dem Auge Arthur Schopenhauers. Da liegt das Leben, zwischen Zucht- und Irrenhaus, da schäumt ein Meer von Tränen, da stöhnt es herauf, die bewegliche Klage der Millionen. Ixionräder rollen. Wir sehen den Durst Tantals, hören das Brüllen der Gefolterten und das Gähnen der Gelangweilten. Welch eine Symphonie des Jammers, die da emporschlägt! Welch eine Palette düstrer Farbentöne, von der Schopenhauer malt! Ist das Leben wirklich so? Man habe den Mut, zu sagen, daß es anders sei! Der Weltwille aber wendet sich ab von diesem Tal des Grauens. Sein wildes Jagen hat ein Ende. Er wirft sein Licht umher. Es fällt auf die Idee. Von dort kommt ihm ein schwacher Schimmer. Für Augenblicke vergißt er sein Leid. Dann aber wandelt er seine Straße zurück bis zu dem Punkt, wo die Wege sich kreuzten. Langsam schreitet er nun, im Büßergewande, sich selbst verneinend, und Schopenhauer sagt uns, er sei auf dem Wege der Erlösung. Kann man es ihm glauben? Manchmal will es scheinen, als sei er liegen geblieben am Weg, irgendwo in der Schopenhauerschen Öde, ein armer Gescheiterter. Er hat den Willen verneint, aber er hat den Geist nicht bejaht. Er hat die hohe Weltlinie nicht gefunden, nur die Falschheit des gegangenen Weges ist erkannt. Aber seine Hand ruht auf dem Haupt eines Leidenden, und wenn er sich aufrichtet, gewahrt man einen Zug von Größe.

In dem Weltprozeß, der hier veranschaulicht wird, gibt es vier Stadien, getrennt durch vier metaphysische Haupt- und Grundakte. Erstens: Die Welt wird Wille und damit schuldig. Was sie vordem war, bleibt dunkel. Zweitens: Der Intellekt gesellt sich zum Willen als ein sekundäres Prinzip, die Welt wird Vorstellung. Drittens: Der Intellekt reißt sich los vom Willen und macht sich selbständig. Viertens: Der Wille verneint sich und tötet sich ab. Die Vorstellung erlischt und die Welt sinkt wieder zurück in ihr Ursein oder ins Nichts.

a) Die Willenswerdung der Welt

In diesem Viertakt der Schopenhauerwelt ist der erste Schlag, die Willenswerdung der Welt, weitaus der entscheidendste. Die übrigen drei sind eigentlich nur dazu da, ihn und seine furchtbaren Folgen wieder gut zu machen. Gleichwohl bleibt dieser erste ursprünglichste Weltakt für Schopenhauer vorphilosophisch. Sein Denken findet die Welt als Wille schon vor und erblickt im Willen das außerzeitliche und außerräumliche Urwesen, das Kantische Ding an sich. Merkwürdig genug, daß seine Spekulation über die Weltform des Willens nicht hinausschritt zu einer Substanz, einem Absoluten oder Identischen, wie es ihm bei Spinoza oder Schelling vor Augen lag. Denn Wille und Vorstellung sind schon „Attribute“ wie Ausdehnung und Denken. In einem der tiefsinnigsten Paragraphen der W. a. W. u. V. (§ 63), wo Schopenhauer von der ewigen Gerechtigkeit und vom Weltgericht handelt, ist jedoch der Gedanke entwickelt, daß die Willenswelt etwas Nichtseinsollendes sei, ein Frevel und Verbrechen, das der Wille durch ungeheure Leiden abbüßen muß. „Der Quäler und der Gequälte sind eins.“ Dieser düstre Weltmoralismus Schopenhauers, in dem uralte indisch-orphisch-platonische Weltschuldahnungen wiederaufleben, setzt also jenen ersten verhängnisvollen Urschritt im Weltrhythmus schon voraus, kraft dessen die Welt an sich, jenes finstre Nichts (§ 71), in das Schopenhauers erkennender und verneinender Wille die Welt wieder verfließen lassen möchte, erst zum Willen ward. Will man Schopenhauers Erlösungslehre, die sich hiernach als eine Wiedergutmachung, besser Wiederrückgängigmachung des Weltwerdelaufs darstellt, ganz begreifen, so darf man die ungeheure Bedeutung dieser für ihn ultra-philosophischen Weltkatastrophe nicht übersehen. Im Dämmergrau eines menschen-gedanklich nicht zu Ergründenden nur metaphorisch Andeutbaren geschah ein kosmisches Unglück, geschah ein Fehltritt, strauchelte ein Fuß. Und alles, was ist, muß büßen. Die Welt ist Schuld, das Sein ist Sühne. Unausdenklich groß erhebt sich mitunter hinter Schopenhauers Metaphysik das finstre Antlitz einer Gottheit, eines Weltenrichters, dessen drohende Nähe jedes wollende Weltglied unbewußtahnend verspürt. Griechische Moira lastet über dieser Welt, ein universelles Karma, das abzutragen ist. Schopenhauers Welt ist in erschreckender Weise „moralisch geordnet“. Nur dem Buchstaben des Systems nach ist Schopenhauer Nichttheist. „Wie sollte es (das Leben) nicht eine Schuld sein, da nach einem ewigen Gesetz der Tod darauf steht?“ (§ 63). „Könnte man allen Jammer der Welt in eine Waagschale legen und alle Schuld der Welt in die andere, so würde gewiß die Zunge einstehen.“ „Unfehlbar, fest und sicher“ ist die ewige Gerechtigkeit. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Hat Schopenhauers ewige Gerechtigkeit nicht eine auffallende Ähnlichkeit mit jenem „eifrigen Gott, der die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied?“ Daß der Begriff der Vergeltung abgelehnt wird, weil er schon die Zeit voraussetzt, ändert nichts am theistischen Grundcharakter der Weltschuldlehre. Und immer wieder möchte man fragen: was war die Welt, ehe Sie Wille wurde? Und war sie damals wohl selig?

Diese Kategorien sind vom Menschen abgelesen, wie auch die Weltform Wille. Es sind Zuerteilungen (Attribute) unseres Denkens an die Welt. Schopenhauer ist sich der derb anthropisierenden Tendenz seiner Weltausdeutung nicht in dem Maße bewußt wie andere große Metaphysiker, etwa Plotin, Spinoza, Schelling, die durch ein entanthropisierendes Denken dem Weltgrund näher zu kommen glauben, indem sie vom ἕν der Causa sui, dem Identischen reden. Mit ziemlich großer Naivität äußert sich Schopenhauer über die von ihm befolgte vermenschlichende Methode bei der Deutung des Welträtsels (§ 19, 22). „Außer dem Willen und der Vorstellung ist uns gar nichts bekannt, noch denkbar.“ Seine Weltnamengebung rühmt sich, eine „denominatio a potiori“ des Menschen zu sein, ruhend auf einem Analogieschluß vom Leib, dem einzigen Weltschlüssel, den wir besitzen. Wer aber will beweisen, daß die menschlichen Daseinsformen auch Weltformen sind? Dennoch bleibt uns kein anderer Weg, wollen wir nicht in der Blässe der Abstraktion enden. Die Welt ist ursprünglich das, was wir nach Schopenhauer zuerst und am meisten sind: Wille. Sodann das, was wir nach Schopenhauer zuletzt, aber nicht zuhöchst sind: Vorstellung. Wobei der Terminus „Welt“ jedesmal in einem anderen Sinne gebraucht ist. Denn das gefährliche Wörtchen „und“ im Titel des Schopenhauerschen Hauptwerks scheidet eine Schein-„welt“, das Vorstellungsganze, von einer echten Welt, dem bewußtseinsunabhängigen Willewesen.

b) Die Intelligenzwerdung des Willens

Dies führt uns zum zweiten, dem bedeutsamen metaphysischen Akt der Intelligenzwerdung des Willens, der bereits den ersten Schritt auf der ὁδός ἄνω [Anm. der VS Red.: Ersteigung] der Welt, dem Aristotelisch-Schopenhauerschen δεύτερος πλοῦς [Seefahrt/Reise] (reparatio, Wiedergutmachung, Richtigstellung) bedeutet. Wille ist Sturz, Intellekt beginnende Erhebung, Neuorientierung und Vorbereitung künftiger Befreiungs- und Erlösungsakte. Man kann die metaphysische Szenerie, in die uns Schopenhauer stellt, nicht besser begreifen als unter diesem teleologischen Gesichtspunkt, so plan- und ziellos nach dem Buchstaben des Systems das Schopenhauersche Weltgeschehen auch sei. Der Wille zündet sich eine Fackel an, um seinen Weg zu beleuchten. Er rüstet sich einen Fühler, ein Sehorgan, eine μηχανή [Ordnung] (§ 27), kraft deren er zur Einsicht in die tragische Struktur des Weltganzen gelangt. Daß Schopenhauer damit seinen Alogismus, den Haupt- und Grundpfeiler des ganzen Systems, umstößt, ist eine Sache für sich und eine der interessantesten Inkonsequenzen seiner an Widersprüchen so reichen Philosophie (Widersprüche sind keine Einwände gegen ein System). Scheint doch der Weltwille im höchsten Grade zweckmäßig und also logisch zu verfahren bei der Schaffung dieser μηχανή. Ja, er beweist eine Findigkeit, Umsicht und Genialität, die dem Konstruktionstalent des okkasionalistisch-Leibnizischen Weltbaumeisters alle Ehre gemacht haben würde. Der Alogismus, die untermenschliche, geradezu theriomorphe Fassung des Welturgrunds ist die eigentliche Crux des Systems. Nur in der notgedrungenen Absage an diese Grundthese vollzieht sich hier der Aufbau der Metaphysik. Der Urwille hätte füglich auch weniger tierhaftblind, vielmehr ursprünglich geistdurchlagert gefaßt werden können. Doch sei dem, wie ihm wolle: wir sehen nun den gelähmten Sehenden auf den Schultern des gehenden Blinden daherkommen, und es entsteht so auf Grund einer dualistischen Anthropologie und unter Preisgabe der Totalität unseres Menschentums ein eigenartiges Doppelwesen, in dem der Willensmensch metasisch-sekundär ist. Der Wille bleibt das physisch-primär, der Verstandesmensch phy Zentrum. Zu ihm gesellt sich ein Trabant, der metaphysisch ein untergeordnetes Prinzip darstellen soll, in der Tat aber kraft seiner sehenden Natur sehr bald die Vorherrschaft an sich reißt. Der Diener wird zum Führer und Herrn. Mit dem Alogismus der Willenslehre ist zugleich der Voluntarismus selbst preisgegeben, bez. durch einen nicht hinwegzuleugnenden Intellektualismus durchlöchert, der im dritten Weltakt, der Losreißung des Intellekts vom Willensgrunde weit schärfer noch hervortritt. So geht ein Riß durch die Schopenhauerwelt, der nur darum so groß ist, weil der Urwille so tierhaft-blind angenommen wurde. Und doch liegt in diesem Auseinanderklaffen der beiden Schopenhauerschen Weltgedanken die Vorbedingung für den ganzen künftigen Erlösungsapparat. Geist ist keine Sünde. Wer das Weltwesen urhaft-geistgeführt auffaßt, kann dem Weltschuldgedanken niemals eine ähnliche Wucht verleihen, wie er sie im Denken und Fühlen einer am Sein so schwer leidenden Individualität notwendig erlangen mußte. Das Streben einer überreif gewordenen Zeitseele ballt sich in dieser Individualität zusammen. Ein Müdigkeitssymptom scheint aus der Tiefe des deutschen Geistes hervorzubrechen, der durch Dezennien hindurch äußerste Energiemassen geschleudert. Letzte, höchste Ausflüchte werden gesucht, wie übrigens auch bei Schelling (1809), nachdem alle ethischen und ästhetischen Idealismen der Zeit, aller Glaube und alle Tat der klassischen deutschen Geistesführer sich als nicht restlos befriedigend erwiesen haben. Heiland Geist kommt nun, die „zweite Fahrt“ zu inaugurieren und die verirrte Welt zu retten. Er wird sie wieder zurückführen ins Ur. Mag sie dann von neuem entspringen und etwas Edleres werden als jenes fluchbeladene, brutal und schamlos ins Dasein sich stürzende Willensungeheuer. Oder mag sie besser ewig ungeboren bleiben (§ 63), dem Rat des Inders folgend: „non adsumes iterum existentiam apparentem“. Die Welt ist Schuld, das Sein ist Sühne.

c) Die Losreißung des Intellekts vom Willen

Verfolgt man den Fluß des Schopenhauerschen Weltgeschehens weiter, so erscheint als dritter Akt die Losreißung des Intellekts vom Willen und seine Selbständigmachung. Dazu ist erforderlich eine radikale innere Umformung des Subjekts der Erkenntnis. Der vollkommenen Entvoluntarisierung unseres Intellekts wird vorgearbeitet durch eine Entindividualisierung des Erkenntnissubjekts. Die Symbiose von Wille und Intellekt wird aufgelöst durch Befreiung des Subjekts vom „principium individuationis“ (§ 33). Als Individualität unterliegt unsere Erkenntnisfunktion dem „Satz vom Grunde“ und gelangt nicht zur Erkenntnis der Idee. Es gilt nun, „klares Weltauge“ zu werden, sich zu retten aus der individuellen Schranke ins reine, zeitlose Erkennen, in die Subjektität, die sich in „ruhiger Kontemplation“ zum klaren Spiegel des Gegenstandes macht (§ 34), sich an die Idee gleichsam hingibt, in sie „verliert“. Nicht nur das individuelle Subjekt, das Subjekt überhaupt scheint aufgegeben in dieser „rein objektiven Betrachtung“ (§ 47). Eine Art Entsubjektivierung erscheint als innerster Kern der Entindividualisierung und damit Entvoluntarisierung.

Wir sehen hier das Weltwesen seinem Höhepunkt zueilen. Seine Blindheit ist geschwunden. Durch eine trübe Dunst- und Wolkenschicht bricht es empor in den reinen Äther des Gedankens. Hier ist Seligkeit und Erlösung. Der Glanz der Ideenwelt liegt ausgebreitet da, Schopenhauers Welt beginnt endlich zu leuchten. Wäre er doch hier stehen geblieben, auf dieser Platonischen Anhöhe, mit dem Blick auf die ewigen Gipfel der Welt, statt sich gleich darauf hinabzuwenden in das finstre Tal der Askese. Eigentlich ist hier der Wille schon verneint und Schopenhauers Philosophie vollendet. Reine Geistigkeit ist die einzig mögliche „Verneinung“, d. h. Unwirksammachung des rohen Willensdranges und der ihn begleitenden Qual. Der Wille hat sich verwandelt in den Geist. Er „will“ nun in der Form des Gedankens. Er ist klassisch geworden. Allein dies ist Schopenhauers Meinung nicht. Eine solche Transformierung von Wille in Intellekt liegt nicht in seinem der Entwicklung feindlichen Sinne. Der Wille bleibt für ihn, was er war, wahres und rechtmäßiges Sein, zu dem sich der Geist als ein Trabant hinzugesellt, um sich in einem bestimmten Augenblick von seinem Mutterboden loszureißen. Eigentlich müßte er bei dieser Zerreißung der Nabelschnur, die ihn mit dem wahren Sein verbindet, in Nichts zusammensinken, fortgerissen vom Strudel des Systems, das reich ist an Katarakten. Das geschieht aber nicht. Im Gegenteil: der Intellekt konstituiert sich als neues metaphysisches Urprinzip. Schelling wächst durch Schopenhauer hindurch. Weitwille und Weltgeist, Vater und Sohn ringen miteinander um den Thron wie Kronos und Uranos, und Schopenhauers Sympathie gilt deutlich dem Usurpator. Geringschätzig blickt er im dritten Buch auf den Willen herab, dieses trübende, störende Prinzip. Dennoch bleibt ihm die Welt in ihrem Kern Wille, blindes, vernunftloses Drängen nach unbekannten Zielen. Und Vorstellung ist Schein, Schleier der Maja. Intellektualist ist Schopenhauer nur im dritten Buch, und scheinbar nur wider Willen, unter der Suggestion des Platonismus. Und auch hier ist ihm bewußter Geist niemals Weltzweck wie bei Hegel, sondern eine Art Nebenerfolg. Der Wille bedarf seiner als Mittel zur Umkehr. Weltwende durch den Geist! Hier liegen die großen Fragen der Schopenhauerschen Metaphysik, die er unbeantwortet gelassen. Ist der Geist Weltziel oder nur Nebenblüte, an deren Duft wir uns für Augenblicke berauschen? oder gar nur Mittel zum Zweck? Das tief Beunruhigende des Schopenhauerschen Systems liegt in der schroffen Beantwortung dieser Fragen nach der Seite des Irrationalen hin. Sollte er vielleicht recht haben?

d) Die Verneinung des Willens

Weltwende durch den Geist! Der Schlußakt der Schopenhauerschen Welt ist die Selbstaufhebung des Urwesens durch Verneinung des Willens. Die Welt macht sich wieder ungeschehen. Sie wurde Geist, um zu erkennen, daß sie niemals hätte Wille werden sollen. Es heißt nun umkehren und womöglich in eine glücklichere Straße einbiegen, besser aber das kosmische Sansara, den Kreislauf von Weltgeburt und Welttod für immer zu enden. „Schon lange Zeit bist du im Leben und im Tode da; jetzt aber sollst du aufhören, zu tragen und zu schleppen. Nur diesmal noch, o Kantakana, trage mich von hinnen!“

Konkret gedacht (§ 68): wenn die Maxime der Keuschheit, dieser radikalste Akt der Willensverneinung, epidemisch würde, was nicht zu befürchten ist, dann würde das Menschengeschlecht aussterben. Damit schwände auch die übrige Welt dahin. „Kein Wille, keine Vorstellung, keine Welt!“ Von einer Opfertat des Menschen hat also die Natur und auch die Tierwelt ihre Erlösung zu erwarten, „ohne Subjekt kein Objekt“ (§ 68). Diese Schlußfolgerung ist echt Schopenhauerisch. Nun hängt die ganze Welt, die doch Wille ist, wieder am Subjekt. Vogelstraußpolitik! Mortifiziere dein Individuum und die Welt erlischt mitsamt deiner Vorstellung! Eben war sie noch Wille, jenseits von der Objekt-Subjekt-Lüge, intuitiv und unabhängig vom Satz des Grundes erschlossen durch ein unmittelbares Innewerden des Weltwillewesens im Leib. Wie kann sie da untergehen, „mit allen Sonnen und Milchstraßen“, bloß weil des Menschen Auge sich zutat? Die Sonne wäre nicht, wenn mein Auge sie nicht sähe, sagt Schopenhauer. Dein Auge wäre nicht, wenn die Sonne es nicht sähe (gebildet hätte), antwortet ihm Goethe. Es ist zwecklos zu leugnen, daß das System hier in einer Farce endet. Ein metaphysischer Taschenspieler operiert bald mit der Vorstellungswelt, bald mit der Willenswelt, und was Schopenhauer an Unritterlichkeiten gegen den Materialismus auf dem Herzen hat, jene ganze Münchhausiade, trifft allererst ihn selbst. Im weichen Brei des Gehirns hängt die Weltlüge. Und diese Welt ist wieder die physische Basis des Intellekts. Die Großartigkeiten der Schopenhauerschen Philosophie liegen jedenfalls nicht im technischen Aufbau des Systems, das sich an Plötzlichkeiten überbietet und schon durch die im Und des Titels ausgedrückte Doppelheit der Weltprinzipe in Selbstentzweiung sich begibt. Kein Zweifel, daß dieser Dualismus Plan und Absicht ist, so sehr er dem voluntaristischen Monismus widerstreitet. Das System endet dort, wo es anfing. Ein Ring schließt sich. Also hat es die Wahrheit. Wenn wir den Kreis durchmessen haben, stehen wir wieder dort, wo wir in ihn eintraten, beim theoretischen Idealismus, über den sich Goethe ärgerte. Und was ergibt sich? Die Weisheit Platos und der Inder, mit Kant zusammengelegt, diese Weisheit vom Weltschein wird zerdrückt durch die ungeheure Wucht der Schopenhauerschen Willensrealität. Mit diesem ens realissimum den Schleier der Maja zu vermählen, ein so zartes, duftiges Gebilde, ist doch eine ungeheuerliche Derbheit. Kant ließ das Ding an sich im Dunkeln liegen, aller Glanz seiner Philosophie sammelte sich auf dem Subjekt und der sittlichen Tat. Plato hinwiederum ließ das Subjekt im Dunkeln liegen, aller Glanz seiner Philosophie sammelte sich auf dem Objekt, der Idee. Schopenhauer will Plato und Kant zugleich. Wenn die Welt Wille ist, der sich in Ideen objektiviert, kann sie nicht zugleich Vorstellungstrug sein, der durch Willensverneinung entfernbar ist. Oder es gibt doch „hölzerne Eisen“!

Seien wir gerecht. Schopenhauers „Willensverneinung“ ist ein ethisches, kein metaphysisches Phänomen. Sie vollzieht sich in der sittlichen Sphäre der Menschenbrust, nicht draußen in der großen Natur. Der Mensch ist nicht das All. Wenn er nicht mehr mit-„will“, so ändert sich wenig am Weltwollen. Mortifizierte sich das gesamte Menschengeschlecht, die Geschlechter der Sterne blieben unberührt. Welch ein Gott ist doch der Mensch Schopenhauers! Diese Lehre schillert anthropotheistisch. Im Banne theoretisch-idealistischer Denkgewohnheiten der Zeit überschätzt sie Menschenkraft. Nur sich selbst kann der Mensch erlösen, niemals die Welt. Der ewige Schoß, aus dem wir stiegen, ist durch das Wegwischen einer Vorstellung von unserm Auge nicht zu beseitigen. Selbst die Verneinung des Einzelwillens ist mehr Wunsch als Möglichkeit. Wenn Selbstmord von Schopenhauer geradezu Bejahung des Willens zum Leben genannt und als solcher verurteilt werden konnte, um wie viel mehr die Askese, dieser langsame, tausendfache Selbstmord! Im vierten Buch sind wir schlecht beraten. Der rechte Weg war im dritten gewiesen: Ideenerkenntnis, Läuterung unseres Willens ins Reingeistige empor. Dort schimmert das große Licht der Akademie! Dort ist Sehertum, Heiligkeit, Erlösung. Die metaphysische Bedeutung des Menschen liegt in seiner Geist-, nicht in seiner Willensnatur. Als Geistwesen erfüllt er den Weltsinn, den Tag des Geistes zu feiern ist er berufen und die Welt in ihm. Er bejahe den Weltwillen in der Form des Geistes und vollziehe damit einen δεύτερος πλοῦς [Aufstieg] nach oben. Willensverneinung ist schimpfliche Niederlage durch Waffenstreckung. Es steht nicht in unserer Macht, die Welt ungeschehen zu mache es steht aber vielleicht in unserer Macht, sie zu vollenden durch die geistige Tat. Schopenhauer betrügt den Menschen um seine wahre sittliche Größe. Er ist nicht der rechtmäßige Thronerbe Kants.

So folgen einander die vier Weltakte Schopenhauers. Der psychologische Moment des Systems liegt in Punkt drei. Hier teilen sich die Wege. Ein idealer Schopenhauer könnte gelehrt haben: Bejahung des Willens in der Form des Geistes. Der wirkliche lehrt statt dessen Verneinung und Selbstaufhebung des Willens. Es ist falsch, wenn Deußen gegen Nietzsche einwendet (Schop. Jahrb., Bd. III, Vorrede), seine Veredelung der Bejahung stimme der Sache nach mit dem überein, was Schopenhauer Verneinung des Willens nennt. Das „Nein“ Schopenhauers ist unbedingt. Es gilt ganz unmetaphorisch dem Willensprinzip mit allen seinen Folgeerscheinungen, gerade auch der Vorstellung, an der die Welt hängt. Die Welt ist erst vernichtet, wenn der Geist tot ist. Alles, was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht. Das ist doch der Sinn dieser Lehre. Wozu also in Schopenhauer hineindeuten, was gar nicht in ihm liegt? Hinweg mit dieser Welt, sagt er. Er sagt es auf allen Blättern seines Buches. Es gibt nur eine Rettung: Wiedervernichtung des Gewordenen. Fürwahr: eine Philosophie der Verzweiflung, ein grimmiges Zerschlagen des Topfes, weil er einen Sprung hat.

Entzwei, entzwei!
Da liegt der Brei!

Man kann an Mephistopheles-Schopenhauer lernen, warum Fichtes Wissenschaftslehre der Zeit als Atheismus erschien. Theoretischer Idealismus ist ungoethisch. Die Geister, die damals am höchsten drangen, haben das Unerforschliche, aus dem wir stammen, am tiefsten verehrt. Schopenhauer verehrt nicht. Mitunter überrieseln ihn Schauer. Aber in seinem Realen kann unsere Seele nicht ruhn. Trotz alles Liebäugeins mit dem Christentum, trotz aller Legende und Mystik ist Schopenhauer weniger religiös als der große „Heide“ von Weimar.

III. Der Pessimismus

Diese Lebensanschauung hat für viele, die die Last der Verantwortung des menschlichen Seins nicht zu tragen vermögen, geradezu etwas Tröstliches. Solamen miserum! Die Welt ist so schlecht, als sie nur sein kann, das Dasein eine Höllenfahrt. Als Dante die Hölle malen wollte, fand er Farben im Überfluß. Das Leben bot sie ihm. Für den Himmel blieb nur ein mattes Rosa übrig. Nun sinken unsere Ansprüche auf ein Mindestmaß. Wir haben nichts zu verlieren. Was uns das Leben dennoch gibt, wird als unverhofftes Plus gewertet. Ruhiger erheben wir uns, gefaßter und belehrt, nachdem wir mit Schopenhauer zur Hefe der Welt hinabstiegen. Dieser Pessimismus ist weniger niederdrückend, als man denkt. Er legt uns weniger Verpflichtungen auf als die entgegengesetzte Lebensansicht. Er nimmt eine Last von uns und versenkt sie in den Weltgrund. Wir sind nicht schuld, daß wir nicht glücklicher leben. Die Welt ist schuld. Andere sind genau so gequält. Mancher atmet erleichtert auf, wenn er mit Schopenhauer den Gang durch die Zuchthäuser und Sklavenställe, Folterkammern und Lazarette vollendet hat. Er sagt sich wohl: ganz so schlimm ist es nicht, wie Schopenhauer mich glauben machen will. Das Leben bietet doch auch seine kleinen Freuden. Aber man tut gut, nicht allzuviel von ihm zu erhoffen. Im ganzen gilt auch hier: „Nichts Bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen     .

Die Gefahren dieser Weltanschauung liegen tiefer. Wo sich sonst im deutschen Idealismus pessimistische Betrachtungen hervorwagen, im Anschluß an Rousseau, an Kant, da dient diese Denkweise nur als Sprungbrett für eine Emporbewegung unseres Gemüts in eine lichte Welt der sittlichen Werte und des Ideals. An die absolute Unverbesserlichkeit des Menschenwesens glaubt außer Schopenhauer eigentlich nur Hölderlin. Aber auch hier ist die Wirkung des Pessimismus kompensiert durch den süßen Lyrismus der Trauer, der überall eine bessere Welt ahnen läßt. Für Schopenhauers Weltbetrachtung gibt es keine mildernden Umstände. Sein Pessimismus ist ebenso radikal wie universell. Und vor allem fehlen ihm die positiven Korrelate: Das Kantische „Dennoch“, das Fichtesche „Gerade Weil“, das Schillersche „Ewigklar“. Seine Erlösungslehre fließt nicht aus einem Siegergefühl: Tod, wo ist dein Stachel! Sie ruht nicht auf Kant-Fichtescher Kampfesfreude, sondern auf dem Gedanken des Nachgebens, der dumpfen Resignation.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt – – –

Welch’ eine trübe, graue, trostlose Welt!

Wie kann man sich längere Zeit in ihr aufhalten, ohne laut zu protestieren! Wie kann man sich gar in ihr wohlfühlen! Man muß schon alt und müde, man muß innerlich gebrochen sein, um an Schopenhauer zu glauben, falls man ihn wirklich ernst nimmt und nicht nur mit ihm spielt. Wir sind aber nicht alt und müde. Niemals, zu keiner Zeit der bisherigen Menschengeschichte war unser Wesen so sehr Jugend und Kraft wie heute. Niemals war unser Wollen zur Erdverbesserung und Menschheitserhöhung so groß wie im Jahrhundert Nietzsches. Schopenhauer fällt mit seinem Unglauben gänzlich aus der Geisteslage der deutschen Idealisten heraus. Kein Wunder, daß sie ihn „in ihrer Gilde nicht passieren“ ließen! Der geschlossene Ring dieser durchaus nicht gedankenlosen Weltgläubigen konnte den Fremdkörper, diesen trübseligen Gast vom Ganges, in seiner Mitte nicht dulden. Dennoch greifen die großen deutschidealistischen Denkrichtungen einschneidend in Schopenhauers Gedankenwelt hinein. Er ist mit ihnen überall so innig verflochten, in der Erkenntnislehre mit Kant, in der Metaphysik mit Fichte und Schelling, in der Ästhetik mit Winckelmann und Schiller, daß man ihn nicht herauslösen kann. Das Bild des deutschen Idealismus wäre unvollkommen, wenn der einzige Schopenhauer fehlte. Er bildet in ihm den tiefbeschatteten Hintergrund, von dem sich der Menschheitsglaube der Schiller und Fichte nur um so leuchtender abhebt. Und heimlich, bei Nacht, wie Nicodemus zum Herrn, wird man doch zu Schopenhauer gehen. Über seinen feierlichen Ernst kann niemand hinweg. Schopenhauer ist unser Problem.

Man kann die Erlösungslehre Schopenhauers nach ihrem Wert und Unwert erst dann voll ermessen, wenn man sich die Gründe und Gegengründe für seine Unzufriedenheit mit der Welt, von der er uns erlösen möchte, vollständig vor Augen geführt hat. Dieser Pessimismus argumentiert ebensogern erkenntnistheoretisch wie metaphysisch, psychologisch wie moralisch und kulturphilosophisch. Er läßt sich keine der Betrachtungsweisen entgehen, die irgend einen Ertrag versprechen für die Wahl des nun einmal gewollten negativen Standpunkts gegenüber der Welt, und übersieht – man möchte fast sagen: mit einer Gewissenhaftigkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, alles, was doch auch für diese Welt spricht. Nirgends ist wie bei Leibniz, diesem freilich nach der andern Seite hin befangenen Weltenrichter, der Grundsatz befolgt: audiatur et altera pars. Wo gelegentlich einmal ein Vertreter der Kosmosidee zu Worte kommt (Hegel), wird er mit Hohn Übergossen, seine Denkweise als schlechthin ruchlos gebrandmarkt. Eine solche Voreingenommenheit, eine solche Leidenschaftlichkeit der Stellungnahme muß bei jedem Einsichtigen die Wirkung der Schopenhauerschen Argumente, so stark sie sind, gefährden. Wer trotzdem an sie glaubt, ohne daraus die Konsequenzen der Schopenhauerschen Heilslehre zu ziehen, widerlegt den Pessimismus durch die Tat. Und berechtigt ist die Frage nach der Zahl derer, die durch Schopenhauer wirklich „erlöst“ worden sind.

a) Die erkenntnistheoretische Begründung

Der Pessimismus Schopenhauers beginnt auf der ersten Seite des Hauptwerks. Der Satz: „Die Welt ist meine Vorstellung“ enthält bereits ein negatives Werturteil. Diese Welt ist ein Nichts, ein Bestand- und Wesenloses, eine Täuschung und Lüge. In einer Fiber unseres Hirns zuckt diese Welt, flimmern diese Milchstraßen. Sie erlöschen mit dem Willen zum Sein. Es ist irreführend, von einer Zweiweltentheorie bei Schopenhauer zu sprechen. Die Willenswelt als die eigentlich seiende ist mit der Vorstellungswelt oder Weltvorstellung ontologisch nicht gleichzusetzen. Idealität ist kein Sein. So wird der Agnostizismus, der die phänomenalistische Denkweise Kants begleitet, zu einem Nihilismus, der mit dem natürlichen Welterleben in einen unvereinbaren Gegensatz tritt und jedem, der sich in seinen Zauber einwebt, das pessimistische Dogma vom Unwert der Welt ins Gemüt hämmert. Wir leben in einer Traumwelt (§ 5), und wer träumt, schauert. Angst umfängt ihn, ein metaphysischer Zwang, Wollen und Doch-nicht-können. Traum ist immer Qual, läßt immer einen wehen Rest in der Seele zurück, ein Unerfülltes und also Schmerz. Und so ist auch der Welttraum Schmerz. Der Phänomenalismus, von Kant streng sachlich vorgetragen, wird unter den Händen Schopenhauers zu einem mit moralischen Gesichtspunkten durchtränkten Illusionismus, zu einer ethisch abzweckenden Wahn- und Täuschungslehre von der Welt. Dieser Zug ist das einzige wirkliche Band zwischen Kant und Schopenhauer, zwei sonst wesensunverwandten Naturen. Kant ist Wille zum sittlich verklärten Dasein, Schopenhauer Wille zum sittlich verklärten Tod. Hier sittlicher Kampfesmut bis zur Übermenschlichkeit, dort Niederbruch, Lässigkeit, Ruhenwollen. Wir schlafen und träumen diese Dinge, die um uns gaukeln. In unserm Ohr hallen Stimmen, die wir gehört, in unserm Auge geistern Lichter, die wir gesehen. Alles platonische Eidola, Spuk, flüchtig, wesenlos. Gewaltig ist der Zauber dieser Denkweise auf ein mit sich zerfallenes Gemüt (II, § 1). Er stimmt trüb und todestraurig und erhöht uns innerlich wie alle Trauer. Er zwingt uns, von der Straße der Menschen zu gehen und zu büßen. In der Tat: es waltet ethisch eine Konsequenz in diesem System von der ersten bis zur letzten Zeile. Es ist dieselbe Konsequenz, die sich im Buddhismus, Platonismus und Christianismus findet, von Schopenhauer aus Kant gezogen. Die Welt ist Schein. Fliehe sie.

Dazu kommt die Fiktion von der Unkraft des Geistes. Auch die Funktion ist mangelhaft wie das Produkt. Nicht der Intellekt führt zur Weitergründung, sondern ein intuitives Innewerden des Weltkerns in unserm Leibwesen. Wir steigen senkrecht nach unten, aus dem Geist gleichsam heraus, und ergreifen hier trans- nein ciskategorial das Weltgeheimnis in unserm unmittelbaren Selbsterleben als Daseinswille. Unser theoretisches Vermögen leistet das nicht. Es gibt nur Gebildertes, die Subjekt-Objekt-Lüge, den transzendentalen Schein. Dennoch, in seltsamem Widerspruch zu dieser skeptischen Einschätzung der menschlichen Verstandeskräfte, erhebt sich aus dem Geist die Erkenntnis der Idee, erhebt sich aus dem Geist die entscheidende Willensweltwende. Ja, so müssen wir fragen, kann denn jenes intuitive Erfassen des Weltgrunds in der mystischen Tiefe unseres Innern ohne Vorstellung geschehen? Gibt es überhaupt ein akategoriales Erkennen? Auch Schelling suchte danach. Ist der Mensch nicht eins? Wer die Welt als Wille begreift, erkennt sie und zwar, wie mir scheint, recht genau. Er erkennt das Ding an sich und der ganze Phänomenalismus fällt in sich zusammen. Lassen wir uns nichts vortäuschen. Es gibt keine geheimen, unterirdischen Erkenntnisgänge. Niemand kann um sein Auge herumsehen. Auch der intuitive Erkenntnisweg führt über die Brücke der Kategorie. Und die Welt ist unter dem Tisch nichts anderes als oberhalb. Mögen unsere Erkenntnisformen subjektiv umbilden, auch die Bewußtseinsformen sind Weltformen und mit diesen verwandt. Eadem sunt omnia semper, spricht Lukrez. Sollte nicht auch hier das „Tat twam asi“ des Brahmanismus gelten? Niemals hätte sich Raumanschauung in uns entwickelt, gäbe es nicht objektive Raumform in der Welt. Die Sonne hat unser Auge sonnenhaft gemacht, sagt Goethe, der Harmonist. Er sagt es gegen Kant, Fichte und Schopenhauer.

Der indisierte Kant, den uns Schopenhauer vormalt, ist jedenfalls nicht der echte. Aller extreme theoretische Idealismus, so interessant und unwiderleglich er erscheinen mag, bedeutet Verirrung und Verbildung, eine Krankheitserscheinung des philosophischen Denkens, die regelmäßig dann auftritt, wenn geistige Kulturen ins Stadium der Hochreife treten. Dann bereitet er theoretisch die Weltfluchtpanacee vor. Wo immer der theoretische Idealismus in der Geschichte erscheint, ist ein Erlöser in der Nähe. Schopenhauer spielt für den deutschen Idealismus dieselbe Rolle, wie Buddha für den Brahmanismus, Christus für den Platonismus. Paßt aber eine solche pessimistische Weltscheinphilosophie für uns Heutigen? Kann sie uns helfen, fördern, uns gar erlösen? Seien wir aufrichtig! Sie ist ein Spiel mit geschichtlichen Vergangenheiten. Unser Heil ruht in der Tat, die Welt ist Wahrheit. Aber bauen wir getrost eine zweite ideale Welt über der ersten und leben wir in beiden. Die eine ist wirklich, und die andere noch wirklicher.


b) Die metaphysische Begründung

Erkenntnistheoretische und metaphysische Gedankengänge sind bei Schopenhauer nicht scharf getrennt. Die Lehre von der Nichtigkeit der Erscheinungswelt enthält schon eine metaphysische Ableitung des Pessimismus, dieser gefühlsmäßigen Überzeugtheit vom Unwert alles Seienden. Nun aber die Willenslehre! Wir erkennen mit Schopenhauer die Welt als rohen, sinnlosen Drang, wie er jedem in der Geschlechtsliebe, in der Todesfurcht entgegentritt, als Hunger und Durst (trishna), von Qualen begleitet, als wildes, von inneren Entzweiungen zerrissenes Triebwesen. Wir hören dieses Weltgierwesen stöhnen in unersättlichem Verlangen, wir sehen, wie es sich in Qualen windet. Es ist unselig, ewig getrieben und niemals der Erfüllung sich nähernd, immer genarrt durch Bilder von Glück. Eine Schuld büßt es ab, die Schuld geboren zu sein. Da gibt es nur eine Rettung: die Weltkraft freien Willens wieder verlöschen zu lassen ins öde Ur.

Man möchte Schopenhauer fragen: wie kam denn Schönheit in die Welt? Oder das Licht, das er selbst das erfreulichste aller Dinge nennt? Oder die Farben, über die er geschrieben? Warum verschweigt er uns eine ganze Gruppe von Welttatsachen, die auf einen edleren, ja lieblicheren Weltgrund schließen lassen? Mit Grausen wende ich mich hinweg von Schopenhauers Welt-Animal, diesem gierigen Wolf. Mit demselben Recht könnte man sagen: die Welt ist Liebe, Mutterschoß, der die Wesen in die Sonne rief und in die Seligkeit des Lichts. Plato glaubte an das Weltgute, die katholische Kirche des Mittelalters an das Weltliebliche, verkörpert im hohen Bilde der Mutter Gottes, Goethe an die lebendige Gottmutter Natur. Gewiß: diese Wesen, die die unendliche Hand von sich ließ, leiden. Sie welken und sterben dahin. Aber gibt es eins, das nicht auch gejubelt hätte im Licht? Man muß schon das harte, grimmige Auge Schopenhauers haben, mit seinen verstopften Ohren in die Welt lauschen, um die Äußerungen des Weltlieblichen so gänzlich zu übersehen: die stille Pracht der entfalteten Blume, den Vogel, der zum Neste trägt, die Schönheit apollinischer Menschenbildung. Wir stehen, wenn wir beobachten, in der Mitte zwischen Weltfreude und Weltgrauen. Es ist Sache der Überredungskunst, uns die eine oder die andere Seite der Welt als ihre wesentliche erscheinen zu lassen. Schopenhauers Lied an die Trauer übt eine mächtige Suggestion aus. Sein tiefer, heiliger Ernst, die Zahl und Wucht seiner Argumente überwältigt. Man wage es aber, mit derselben Subjektivität, mit der er die Welt ausdeutet, ihm ihre Lichtseiten entgegenzuhalten, den Jubel der Kreatur, wenn sie den Frühling feiert, das Lied an die Freude. Sucht man dann die gerechte Mitte zwischen der Tages- und der Nachtansicht, so hört man vielleicht auf, interessant zu sein. Aber man hat die Wahrheit.

Wer sich mit reingestimmter Seele hinunterdenkt ins Herz der Welt, der muß erkennen, daß Schopenhauers Weltschatten in seinem eigenen Innern lagern. Der Himmel ist rein, von unendlicher Bläue, ein leuchtender Vater, zu dem Ganymed emporsteigt. Alliebe ist sein Grund. Schopenhauer war stolz darauf, daß Goethe ihn las. Aber von der Paradieseshelle, in der die Goethesche Welt erstrahlt, führen keine Wege zu der tiefen schauervollen Nacht Schopenhauers. Goethe, der den Begriff der Erlösung fast gar nicht kennt, war erlöster als der große Erlösungslehrer Schopenhauer. Wenn wir mit Faust-Goethe im 2. Teil erwachen, des Lebens Pulse frisch-lebendig schlagen, der Wald von tausendstimmigem Leben ertönt, tun wir da einen weniger tiefen Blick in die Welt? Diese Welt ist epikurisch-heiter. Auch Faust fühlt den Kern der Welt, „das kräftige Beschließen“. Aber sein Sinn ist richtiger gedeutet: „zum höchsten Dasein immerfort zu streben“. Die Welt ist Wille zum Geist. Licht ist ihr Gipfel, Erkenntnis und Liebe. Und Verharren auf der seligen Höhe, bis der Tod uns ruft. Wer will den Jubel leugnen, mit dem sich die Kreatur in die Sonne stürzt! Wer will uns belügen mit dem Acheron, mit der grauen Weltschuldmythe! Ein schlechter Rat, den man uns gibt, uns abzukehren vom höchsten Weltsein, dem wissenden Geist. Nur der Weisheit vorletzter Schluß liegt bei Schopenhauer.

Und doch sind Tausende von ihm gepackt, erschüttert durch den Anblick seiner Welttragödie. Wir leben in einer Zeit, wo es an philosophischer Kultur gebricht. Wenige, ganz wenige haben heute noch lebendiges Gefühl für die letzten Dinge. Da fasziniert die schauerliche Größe der Schopenhauerwelt, während die Hegelsche, freilich weniger anschauliche, unpopulär bleibt. Es ist so leicht, nein zu sagen, zu verurteilen. Geringschätzig blickt man auf den Weltgläubigen. Ein theistischer Atavismus spukt in ihm. O nein, eine ewige Wahrheit, die auch die Theisten innehatten, redet in ihm wie in der ganzen Natur. Durch die Schönheit, die glänzendste aller Ideen, ließ Plato sie leuchten. Sie spricht auch zu dem Blöden, hat er sein Herz nur nicht verfinstert. Eine schöne Linie, ein Kinderauge, die Madonna des Luca della Robbia könnte uns davon überzeugen, daß der Kern der Welt ein Lächeln ist. Pessimismus ist Gesichtswinkel, individuelle Disposition, nichts weiter. Eine flucherfüllte Welt ist eine flucherfüllte Seele.

c) Die empirisch-psychologische Begründung

Diese ganze pessimistische Angelegenheit ist ja psychologischer Natur. Schatten fallen aus einer Seele und verdunkeln die Welt. Auch aus Schillers Seele fallen Schatten. Aber sie erhöhen nur das Licht des Ideals. Bei Schopenhauer vermissen wir allen Ausgleich. Glück der Ideenschauung ist nur wenigen beschieden. Das Leben der Millionen oszilliert zwischen der Scylla des Wunsches und der Charybdis der Langeweile. Lust ist negativ, so hören wir, ein kurzes Aussetzen des Schmerzes. Der Schmerz aber hat Dauer. Und alle Freuden der Erde sind hohle Nüsse. Mit unerbittlicher Energie wird uns das anthropologische Argument vom Pessimismus durch Schopenhauer ins Bewußtsein gehämmert. Es ist zu bekannt, um es ausführlicher vorzutragen. Gleichwohl ist es falsch. Es beruht auf einer Entstellung der Tatsachen. Schopenhauer will nicht sehen, wieviel wahre Freuden das Leben des Durchschnittsmenschen doch auch bietet, die ein gut Teil der Leiden und Enttäuschungen aufwiegen: stilles Behagen, Feierabendfriede, Scherz, Spiel und mannigfachen Genuß. Wäre das Leben wirklich eine solche Hölle, wie Schopenhauer uns glauben machen will (§ 57), die Zahl derer, die es wegwerfen, wäre größer. Wir sehen statt dessen, wie auch der ärmste Schächer an seinem bißchen Leben ängstlich haftet, es liebkosend bewahrt. Auch ihm bringt es noch Freuden. Leben ist nie ganz ohne Freude, das bloße Atmen im Licht ist Glück. Man führe uns doch nicht irre. Und das Leben des modernen Menschen ist doppelte, tausendfache Freude oder kann es doch sein. Dieses Leben ist reich, mannigfaltig und voller Reize und Wunder, die frühere Menschheitsalter nicht kannten. Die Erde ist aufgeblüht. Kulturwerte aller Zeiten und Völker hat das Leben um uns gesammelt, es unterhält uns täglich durch das fortlaufende Schauspiel der modernen Wissenschaft und Technik. Wer Mut hat zum Leben und den Alltagskampf des Daseins nicht scheut, für den ist jeder Morgen ein sich entfaltendes Wunder, das neue Einsichten und Erkenntnisse, immer neue Interessantheiten vom Leben birgt. Schopenhauer ignoriert gänzlich das Glück der Arbeit und Pflichterfüllung, des hohen Strebens, die Romantik des Lebenskampfes überhaupt, der das Spiel der Kräfte wachruft und dann am reizvollsten ist, wenn die Hindernisse sich türmen. Welch ein Glück ist die Erzwingung des Erfolges, die Besiegung des stumpfen Widerstandes der Welt, die allmähliche Annäherung an ein hohes Ziel. Man vergleiche unser Leben doch nicht mit dem altindischen, diesem pflanzenhaften Vegetieren. Eine ungeheure Aufgabenfülle steht vor uns, das soziale, politische, geistig-sittliche Werk eines zu erhöhtem Menschentum erwachten Geschlechts, das die Erde in einen Garten Gottes verwandeln soll. Jeder kann Anteil nehmen am Tatensturm unseres Jahrhunderts, an diesem fiebernden, betäubenden, dionysischen Festrausch des Lebens, der keine Langeweile aufkommen läßt. Und geht es denn nur um Lust im gewöhnlichen Sinne? Ist das bißchen Lust der einzige gültige Wertmaßstab? Genießen macht gemein. Wie unkantisch denkt dieser Kantianer! Es ist primitiv, das Leben nach dem Lustertrag zu messen. Und es ist eine Lüge, zu sagen, das bloße Wollen sei schon Qual. Mit gleichem Recht könnte man sagen: Wille ist Genuß. Und gehemmter Wille erhöhter Genuß, weil erhöhter Kampf. Laßt uns jubeln, daß wir Wille sind.

Dies alles gilt schon für den modernen Durchschnittsmenschen. Nun aber der Ausnahmemensch, der seltene Geistige, der metaphysisch Erwachte, der alle großen Erkenntnis- und Erlösungswege der Menschheit beschreiten kann! Ihm winkt die χαρά [Freude/Begeisterung] des Epikur, höchste Geisteslust. Er lauscht in sich hinein und vernimmt von dort eine ununterbrochene Folge von Tönen. Immer ist ein Klingen im Instrument seines Innern, auf dem der Weltgeist harft. Niemals schweigt es ganz. Es lacht und weint, denkt und dichtet, und durch ein ganzes Leben erneuern sich täglich die Gesichte. Welch ein Glück, mit sich allein zu sein und sich denken zu lassen! Welch ein Glück, Brahman zu fühlen, Fülle und Wärme unendlichen Seins und das ewige Spiel innerer Offenbarung. „Von dem, was einer ist!“ Preist nicht Schopenhauer selbst das Glück des Edlen mit sich selbst, das aus den großen Eigenschaften des Geistes und der Seele fließt? Zum Wunder der eigenen Seele hat jeder Zugang. Man helfe nur der Masse hinauf. Wer aber die Wege weiß, kann niemals trauern. Er hat immer Fülle. Pessimismus ist Irreligiosität. Wer nur Wunsch sieht und Langeweile, Scheinlust und Willensqual, hat den inneren Anschluß an ein Unvergängliches verfehlt. Seine Erlösungswege müssen trügerisch sein. Religion ist Ahnung unendlicher Werte, eines heimatlich-himmlischen Klangs, der uns immer begleitet. Und diese Ahnung suchen wir im ganzen Schopenhauer vergebens.

Dieser Erzpessimist, der das reichhaltigste Schimpfwörterbuch in deutscher Sprache verfaßt hat, ist bei aller Tiefe und Großartigkeit seiner Weltblicke ohne höhere Weihe, weil ohne Innigkeit. Abscheu ist die Grundform seines Erlebens, Grimm, innere Härte und Hohn, nicht selten Zynismus. Alle diese unzarten Regungen sind fern von der Seligkeit und dem Frieden Goethischer Weltkindschaft. Das tägliche Gezänk an der Wirtstafel des Englischen Hofes, das Nachhausekommen unter Fluchen und Gepolter[1] wiederholt sich auf vielen Seiten seiner Philosophie. Dieses weibische Jammern und Lamentieren über die Schalheit des Daseins, das unbewältigt bleibt und schließlich weggeworfen wird wie eine faule Frucht, der ganze Mißklang dieser Seele gellt einem zuletzt qualvoll im Ohr. Wie kann man Schopenhauer als den „Meister aller Meister“ preisen, als eine „Synthese von Goethe und Kant“! Der Nutzen, den er stiften könnte durch Schärfung unseres Blicks für die Mängel der Welt geht bei einer solchen kritiklosen Bewunderung verloren. Der deutsche Idealismus birgt wenn nicht tiefere, so doch keuschere Empfinder des Welträtsels, objektivere Gestalter des Seinsproblems.

d) Die kulturphilosophische Begründung

Schopenhauers Welt hat ihre Geschichte, wie wir sahen. Verschiedene Stadien der Entwicklung folgen sich. Sie wird Wille, Intelligenz. Der Intellekt reißt sich los und der Wille objektiviert sich stufenweise, um sich zuletzt zu verneinen. Die Welt fällt wieder in sich zusammen. Es geht also etwas vor. Es gibt einen Weltprozeß, den aber das System offiziell nicht anerkennt. Dem Buchstaben nach ist Schopenhauers Welt ohne Entwicklung. Der Wille ist eins, unteilbar, frei von aller Vielheit. Er steht außer Zeit und Raum, jenseits der Zahl (§ 23,25). Nur die Erscheinung unterliegt dem Werden. Auch die Weltstufen (Objektivationen des Willens) sind als Platonische Ideen ungeworden, starr, wandellos im Wechsel der Einzeldinge, ewig gewollt. Kurz: die Welt steht still.

Es liegt somit zwar nicht im Geist, wohl aber in den Thesen seiner pantheistischen Metaphysik begründet, daß er auch für die Menschheitsgeschichte keinerlei Entwicklung, keinen Fortschritt gelten läßt. Ein stehender Sumpf, dies der Endeindruck. Für die Länge des durchmessenen Wegs vom Tier zum Urmenschen, vom Naturmenschen zum Kultur – und von da zum Zukunftsmenschen hat Schopenhauer kein Auge. Er sieht nirgends ein Weiterschreiten, darin der Genius der Menschheit Qual und Glück findet. Er glaubt nicht an ein Hinauf in der Zukunft wie Fichte oder Nietzsche. Es gibt keine Evolution. Der Mensch steht still, wie der Inder, wie der mittelalterliche Christ. Sein Streben geht nicht nach einer besseren Erde, sondern nach einem besseren Tod. Diesen Dissolutionismus kann man nicht mitmachen. Gehorcht die Welt wirklich unserm Gesetz, so wollen wir sie keinesfalls stagnieren lassen.

In der Lehre von der Entwicklungsunfähigkeit der Welt und der Menschheit vollendet sich Schopenhauers Pessimismus. Eine Welt ohne Morgen ist eine Welt ohne Sinn. Leben ist nur möglich im Glauben an eine Zukunft. Aber wir sollen ja nicht leben. Unser Heil liegt ja im Tode. Schopenhauer steht hier unter seinen Zeitgenossen einzig da. Der ganze deutsche Idealismus ist getragen vom Geist eines evolutionistischen Optimismus. Von Lessing, Herder und Kant bis zu Fichte und Hegel begegnet uns überall der gleiche Grundglaube an einen Sinn und Zweck in der Geschichte, an Emporentwicklung auf ein Ziel hin, mag dieses nun als erreicht gelten wie bei Hegel, oder in später Ferne liegen wie bei Fichte, im Diesseits wie bei den Weimarer Dichtern oder im Jenseits wie bei Lessing und Herder. Dieser Glaube war es, an dem sich der deutsche Geist damals gewaltig emporschwang. Schopenhauer ist diese Denkweise fremd. „Was die Geschichte erzählt, ist der lange, schwere, verworrene Traum der Menschheit“ (II., Kap. 38).

Darin hat Schopenhauer zweifellos recht: der innere Mensch ist seit Plotin wenig fortgeschritten. Intellektuell ist der Fortschritt der Menschheit gering, moralisch kaum wahrzunehmen. Intellektuell: gewisse Einsichten und allgemeine Wahrheiten ringen sich langsam durch nach schwerem Kampf. Aber das Denken der Masse bleibt stumpf, dem Okkulten zugeneigt, unselbständig. Und moralisch! Ein Fortschritt zeigt sich hier nur in den äußeren Sitten und Gebräuchen. Das Herz der Menschen, die Selbstsucht ist die gleiche geblieben. Ja, sie ist gewachsen, seit die Hemmungen der christlichen Weltanschauung fortgefallen sind. Schopenhauer steht hier auf dem Boden der Kantischen Lehre vom radikalen Bösen, in der sein moralischer Pessimismus, wie E. v. Hartman richtig sah, vorgebildet liegt, freilich ohne subjektive Überspanntheiten. Hier also wird man skeptisch sein müssen. Moderne Technik, Wissenschaft und Zivilisation, so gewaltig sie den Menschen verändert haben, bedeuten noch nicht Veredelung des Menschen. Etwas anderes aber ist der mit dem typischen Schopenhauerschen Stimmungspessimismus durchsetzte Glaube an die absolute Verbesserungsunfähigkeit der Menschennatur. Das Problem der sittlichen und geistigen Hebung der Masse ist noch nicht gelöst. Viele der gewiesenen Veredelungswege, z. B. auch der Fichtesche, sind ungangbar. Aber den Glauben an eine sittliche Rettung der Menschheit zu zerstören und seine ganze Dialektik in den Dienst dieser Sache zu stellen, scheint mir des Schweißes der Edlen nicht wert.

Entwicklung ist da. Jahrhunderte werden vergehen, bis die Probleme des modernen Menschentums sich geklärt haben und der neue Typus Mensch heranreift. Gewaltiges an Erdumbildung hat der Mensch in den letzten Jahrhunderten geleistet, Werke von niegeahnter Kraft und Größe sind vollbracht. Am Menschen zu verzweifeln, dazu liegt heute weniger Grund vor als zu irgend einer andern Zeit. Der Kampf der Ideen um die Materie, den Schopenhauer selbst lehrt (§ 27), hat den Menschen ausgelesen und emporgeworfen. Wer will behaupten, daß der Mensch ein Ende sei! Bergson, dieser getreue Nachfolger Schopenhauers, hätte den Entwicklungsgedanken nicht zum Weltgesetz erheben können, läge er nicht latent im ganzen Schopenhauer vorgebildet. Schopenhauers Pessimismus erweist sich auch hier als eine höchst subjektive Gewolltheit, als eine nihilistische Laune, die seinem ergrimmten Ethos entweicht. Chaos zu sehen, Eitelkeit und Irrgang, ein stehendes Gewässer, Pesthauch, und alles Lichtere verschweigen, – fürwahr, die vielen Richtigkeiten im Einzelnen wiegen die Falschheit des Ganzen nicht auf.

Ein schwarzer Vogel unter den weißen Schwänen des deutschen Idealismus! Unkenruf in der Mainacht des deutschen Geistes! Das Talent dieser Seele, die Welt in Schatten zu legen, kann uns zur Besinnung bringen über die metaphysische Not aller Dinge. Es kann und darf uns aber nicht den Glauben an die Menschheitserhöhung zerstören und den Willen, an ihr mitzuarbeiten. Heute hört man die pessimistische Litanei aus allen Gassen. In den verschiedensten Kontoren wird die Rechnung fortgeführt, die eine Unterbilanz an Lust ergibt. Der Protest Nietzsches scheint verhallt. Schon sieht man das Abendland in Rauch und Asche aufgehen. Der metaphysische Bolschewismus Schopenhauers lagert über den Gemütern wie eine finstre Wolke. Unter dem Banne Schopenhauers lauscht man nach Indien und das bißchen Buddhismus will dem Volk der Kant und Goethe genügen. Fragt man, wer Buddha sei und was er uns soll, so erhält man nirgends ausreichende Antwort, auch nicht in dem dicken Buch von Grimm. Der exotische Duft dieser Blume Weltleid wirkt betäubend, wie schon auf Schopenhauer, weil sie unserer Genußsucht schmeichelt und der beliebten Einstellung unseres Innern auf den einzigen Lustgedanken. Eigentlich sind die Pessimisten die Genüßler, denn sie erst stellen die rein eudämonologische Betrachtung obenan. Dies gegen E. v. Hartmann. Paßt der Pessimismus überhaupt zur Willenslehre? Kann man schlußfolgern: diese Welt ist die schlechteste aller möglichen, weil sie Wille ist? Warum nicht gerade umgekehrt: diese Welt ist die beste aller möglichen, denn sie ist Wille. Gibt es etwas Wertvolleres im Umkreis aller Dinge als den Willen? Wille ist Kraft, Wille ist Hunger zur Tat, die allein uns retten kann. Ist die Welt willig, auf denn: laßt sie uns wollen bis zu ihrem letzten Gipfel. Der organische Weiterschritt des Schopenhauerschen Voluntarismus hätte ein Optimismus sein müssen, der ohne Beispiel ist in der Geschichte. Statt dessen pfropfte Schopenhauer das müde Reis Indiens auf den knorrigen Ast seiner nordischen Weltesche. Dabei ist die Lotosblume ihres zarten Duftes verlustig gegangen. In der Seele Gautamas war niemals Grimm. Als er auf weißem Roß aus Kapilavastu reitend den Bettler, den Aussätzigen, den Greis und das tote Kind sah, da ging die Seele Indiens in ein weiches Glück über, das Glück süßer Trauer über die Leiden der Welt. Wie schlecht kennt Schopenhauer die Art der Erlöser.

IV.

Die Erlösungslehre

Schopenhauer ist der einzige unter den deutschen Idealisten, der eine Erlösungslehre ausdrücklich vorträgt. Bei vielen andern Dichtern und Denkern der Zeit, bei Winckelmann, Schiller, Jean Paul und Hölderlin, bei Herder, Schleiermacher, Fichte und Schelling begegnet uns zwar in mannigfaltiger Form das Ideal eines Menschentypus, der sich befreit hat von irdisch-lastenden Bindungen, und wiederholt treten individual-ethische Erwägungen dieser Art auch in Form eines Lehrgebäudes auf. Schopenhauer aber wählt ausdrücklich den Terminus Erlösung, der geschichtlich mit erhabenen Traditionen belastet ist. Reminiszenzen aus dem Christentum und anderen Erlösungsreligionen sollen wach werden (§ 70), das Ganze in die Sphäre des Religiösen gerückt werden. Gegen diese Terminologie ist nichts einzuwenden. Sie ist der Würde des Gegenstandes nur angemessen. Ja, man möchte wünschen, daß sie sich häufiger im deutschen Idealismus fände, als es in der Tat der Fall ist. Das Wort Erlösung hat dem damaligen Ohr vermutlich christlicher geklungen, als es unserm heutigen klingt. Doch sei dem, wie ihm wolle: die Erlösungsromantik Schopenhauers ist sachlich zu prüfen und es ist zu zeigen, inwieweit seine Erlösung eine wirkliche Erlösung ist und inwieweit wir Heutigen sie annehmen können.

Sie unterscheidet sich von der christlichen grundlegend dadurch, daß bei Schopenhauer der Mensch selbst als Erlöser auftritt. Das Heil kommt nicht von außen in Gestalt des Lammes Gottes, das der Welt Sünden trägt. Die Erlösungstat des zur Erde niedersteigenden Gottes ist auf des Menschen eigene Schultern geladen. Der Kantianer in Schopenhauer glaubte also an den Menschen und seine sittliche Kraft, die so Ungeheures leisten soll wie seine eigene und der Welt Erlösung. Billigerweise hätte der Pessimist folgern müssen, der Mensch sei zu schlecht oder zu schwach, um die Erlösungstat zu vollbringen. Die Welt kann nicht einmal mehr untergehen. Sie muß nun bleiben, was sie ist, und leiden bis in alle Ewigkeit. Perspektiven von einer Furchtbarkeit, wie sie in der indischen Sansaralehre tatsächlich liegen. Schopenhauer läßt sie sich entgehen. Für ihn gibt es doch noch einen Trost, wenn die Lehrlinge verzweifeln. „In die Ecke, Besen, Besen!“ Meister Mensch spricht’s, und die Weltfluten sinken.

Schopenhauers Erlösungsweg ist zweigliedrig. Und jeder Pfad führt zu einer besonderen Anhöhe der „Erlösung“, der eine zur Seligkeit der Ideenschau, der andere zum Nichtsein. Beginnen wir mit dem letzteren, um bei dem „besseren Bewußtsein“ Schopenhauers zu enden.

a) Die Willensverneinung

Diese Lehre ist ja bekannt und diskutiert genug. Der Wille, zur höchsten Erkenntnis vom Weltelend und Unwert des Lebens erwacht, wendet sich durch einen freien Willensakt gegen sich selbst, „verneint“ sich und „bricht“ sich. Das äußerliche Kennzeichen der eingetretenen Verneinung und Brechung des Willens ist die Askese. Der „Heilige“ ernährt sich kärglich, lebt in Keuschheit und Armut, duldet gelassen und sanftmütig alle Schmach und alles Unrecht der Menschen und erhofft in stiller Freude den Tod. Selbstmord begeht er nicht, denn dies hieße den Willen geradezu bejahen und nur das leidensvolle Leben ablehnen, nicht das Leben überhaupt. Der asketisch Gesinnte hat entsagt. Er mortifiziert den Leib, die Objektität des Willens. Askese ist „vorsätzliche Brechung des Willens durch Versagung des Angenehmen und Aufsuchung des Unangenehmen, die selbstgewählte büßende Lebensart und Selbstkasteiung zur anhaltenden Modifikation des Willens (§ 68)“. Wer die Willensverneinung übt, ist der Heilige, die „schöne Seele“, Frau von Guion, Spinoza, das Fräulein von Klettenberg, Franciscus von Assisi, die Beata Sturmin, Raimundus Lullus, der Abbe Rance und alle die, von denen die Heiligenlegende der Hindu, Buddhisten und Christen erzählt: Mönche, Anachoreten, Einsiedler, Samanäer und Seniassi.

Das Ergebnis dieser Verhaltungsweise ist mit Schopenhauers Worten „innere Freudigkeit und wahre Himmelsruhe, unerschütterlicher Friede und innige Heiterkeit“, wahrhaftig das höchste Gut. Wir sind aller irdischen Sorgen ein für allemal ledig, sind gleichsam uns selbst los geworden, gleichsam aus dem schweren Erdenäther aufgetaucht. Kurz, wir sind selig. Der Wille ist, nicht wie beim Genuß des Schönen auf Augenblicke, sondern für immer „beschwichtigt, ja gänzlich erloschen, bis auf den letzten glimmenden Funken, der den Leib erhält und mit diesem erlöschen wird“. Diese Gelöstheit von der Erde muß freilich „durch steten Kampf immer aufs neue errungen werden“. Die geschilderte Ruhe und Seligkeit ist nur „die Blüte, welche hervorgeht aus der steten Überwindung des Willens“. Der Boden, dem sie entsproßt, ist „der beständige Kampf mit dem Willen zum Leben“. „Denn dauernde Ruhe kann auf Erden keiner haben.“ Das Leben des „Heiligen“ ist voller Seelenkämpfe, Anfechtungen und Verlassenheiten von der Gnade. Durch Askese ist der stets wieder aufstrebende Wille zu dämpfen. Askese ist künstliches Leid, das zur Erkenntnis führt. Aber auch das natürliche Leid kann den Willen brechen, bis dessen Selbstverneinung eintritt. Als Schlußgedanke ergibt sich (§ 70): „Verneinung, Aufhebung, Wendung des Willens ist auch Aufhebung und Verschwinden der Welt, seines Spiegels.“ Der Wille hat kein Wo und Wann mehr, er ist ins Nichts verloren. Jedenfalls erblicken wir ihn nicht mehr in dem gewohnten Spiegel der Vorstellung.

Betrachtet man diese Heilslehre, so muß man zunächst feststellen, was nicht unwichtig ist, nämlich daß Schopenhauer sie selbst nicht durch die Tat besiegelt hat. Er ist weder arm, noch keusch, noch sanftmütig gewesen, hat vermutlich nie gefastet und sich selbst kasteit und das Unrecht, das ihm die Philosophieprofessoren zugefügt, als ein stiller Dulder getragen. Er hat also den so heiß gepriesenen Zustand der Erlösung niemals auf dem selbstgewiesenen Weg der Askese gesucht. Bei der Feierlichkeit aber, mit der er diese ernste und erhabene Lehre vorträgt, hätte man das von ihm und seinen Jüngern erwarten dürfen. Geschieht es nicht, so entsteht der Verdacht, daß entweder der erstrebte Erlösungszustand gar keine wahre Erlösung birgt, oder, was noch schlimmer ist, daß der Weg zu ihr erhöhte Daseinsqual bedeutet. In jedem Fall besteht bei Schopenhauer ein Widerspruch zwischen Leben und Lehre, wie er sich bei Buddha, Sokrates, Christus und anderen großen Heilslehrern nicht findet. Von der Idee des Heils im innersten gepackt und entzündet, haben sich jene Großen jubelnd in den Tod gestürzt, wohl wissend, daß ihre Lehre erst sichtbar wird durch die Jahrhunderte, wenn sie rot ist von Blut. Schopenhauer aber wünschte sich am Lebensende, in den Lichtkegel des Ruhms eintretend, er möchte hundert Jahr alt werden (an Becker am 1. 3. 58). Ein Heiland, der an der Erde klebt! Für Schopenhauer ist diese ganze Erlösungslehre zum nicht geringen Teil Phantasiegenuß, um nicht zu sagen Schreibtischromantik, jedenfalls mehr Welt als Vorstellung und Sehnsucht, nicht Welt als Wille zur Tat. Hat er nicht in Frankfurt geradezu in Philisterbehaglichkeit gelebt? In der „Schönen Aussicht“ Nr. 16, Erdgeschoß rechts? Der Teekessel summt und der Pudel schnarcht!

Es ist ganz klar: das Ideal der Askese läuft dem Geist der modernen Kultur zuwider. Unser Wesen ist das Leben und die Tat, nicht der Tod, in welcher Form er auch erscheine. Zähmung, Formung und Führung des Willens durch den Geist wohnt als sittliches Grundgesetz dem arbeits- und kämpfereichen Dasein des modernen Menschen inne. Schopenhauers asketisches Heiligenideal mutet jeden unbefangenen Betrachter von heute als kulturfeindlich an. Es erscheint uns als Anachronismus. Schopenhauer vermag aus der unmittelbaren Gegenwart auch kaum ein Beispiel für seinen Heiligen beizubringen. Seine Beispiele stammen aus dem alten Indien, dem christlichen Mittelalter und allenfalls dem Pietismus, also aus einer Zeit, wo die Jenseitswirklichkeit dem Menschen näher stand als das Diesseits. Wenn wir Heutigen die Guion sagen hören: „Mir ist alles gleichgültig: ich kann nichts mehr wollen: ich weiß oft nicht, ob ich bin oder nicht“, so mutet uns dies Wort an wie eine sittliche Entgleisung. Gleichwohl gibt es die Meinung Schopenhauers wieder (§ 68). All dies war einmal und ist nicht mehr. Ich empfinde Schopenhauers Asketismus als eine romantische Verirrung, die nur dadurch gemildert wird, daß sie platonisch blieb. Pascals und der Guion Gebaren erscheinen reichlich pathologisch. Dem gesunden modernen Menschen, der dem Urgriechen in vielem so nahe steht, widerstrebt das Unnatürliche und Verstiegene freiwilliger Entsagung und absichtlicher Selbstqual.

Weiter: sozialethisch gewertet stellt die Askese den Gipfelpunkt der Selbstsucht dar. Der Asket denkt nur an sich und sein individuelles Heil und zerstört planmäßig in seiner Person ein wertvolles Glied der menschlichen Gemeinschaft, die ein Recht auf ihn hat und für die er wirken sollte. Weit entfernt, daß der Asket dem principium individuationis entweicht und den Einzelwillen verneint, er bejaht ihn ganz offen. Kein Zweifel: Schopenhauers Heiligenideal ist schlechthin unsittlich und war es überall und immer, wo es in der Geschichte erschien. Stehengebliebene Menschheiten wie die indische oder die mittelalterliche konnten sich den Luxus des Heiligen leisten, Tausende von „schönen Seelen“, die in Klostermauern träumten, Zehntausende von nackten Leibern die auf den Tempelstufen langsam verfaulten oder sich unter den Götzenbildern zerquetschen ließen. Was lag an ihnen, im tropischen Urwald, wo der Mensch wie die Fliege summt! Schon im christlichen Altertum aber verband der Heilige mit der Askese die werbende Tat. Das Leben der Säulenheiligen und Reklusen war eine stumme, aber darum nicht minder erschütternde Predigt an unser besseres Bewußtsein. Und bekannt ist der Fleiß der christlichen Mönche, der uns die Antike gerettet hat. Für die Gegenwart jedenfalls bedeutet das Schopenhauersche Heiligenideal schlimmste Kultursabotage. Der moderne Bienenstaat duldet keine Drohnen. Der Arbeiter ist der Heilige. Was uns allein erlösen kann, ist der Hände Werk. Glücklicherweise ist Schopenhauer uns mit schlechtem oder soll ich sagen: gutem Beispiel vorangegangen. Er selbst hat die Nachfolge Schopenhauers nicht angetreten. Er hätte sonst vielleicht diesen oder jenen „bekehrt“.

Endlich: logisch betrachtet: ist eine Verneinung des Willens durch Askese überhaupt möglich und praktisch durchführbar? Schopenhauer versichert uns, das Leben der Heiligen sei nicht angenehm, vielmehr voll von Seelenkämpfen, Anfechtungen und Verlassenheiten von der Gnade. Immer wieder begehrt der Wille auf und muß gedämpft werden durch das erfundene Leid, eben die Askese. Die Erlöstheit muß „durch steten Kampf immer aufs neue errungen werden“ (§ 68). Ich glaube, daß wahre Erlöstheit, wenn sie einmal errungen ist, nie wieder verloren gehen kann, weil sie ein gänzlich Innerliches ist, das durch äußere Manipulationen wie asketische Übungen höchstens gestört werden kann. Der Akt der Erlösung, d. h. innere Befreiung von irdischen Bindungen, besteht für den modernen Menschen zum Teil zweifellos in einer besonnenen Regelung und Disziplinierung des Affektlebens, niemals aber in einer gewaltsamen Negierung und Mortifizierung der natürlichen Triebe. Eine solche würde geradezu einer Aufstachelung des Willens gleichkommen, wie sie die Heiligen in ihren „Versuchungen“ erfahren haben. Erst wenn unsere niedere Menschennatur ihren durch die Vernunft maßvoll geregelten Lauf genommen hat, gibt sie den Raum frei für die Entfaltung und den Triumph unseres edleren Wesens. Das Glied, das man reibt, entzündet sich. Die furchtbaren Qualen, die der Leib den Heiligen von jeher bereitet hat, derart, daß sie ihn für den Sitz des Satans ausgaben, sind selbstverschuldet. Auf Scherben kann man nur unruhig schlafen. Wer sich nackt in die Nesseln wirft, darf sich nicht wundern, wenn ihm das somatische Prinzip seine Weltanschauung in Unordnung bringt. Die ewige Weisheit der Stoa, dieses hehre unvergängliche Griechengut, das in allen großen Ethiken fortleuchtet, lehrte das Leben im Einklang mit der Natur. Der moderne Mensch strebt mit gesunder Witterung nach diesem Einklang um so heißer zurück, je weiter die Zivilisation ihn vom Natürlichen zu entfernen droht. Er sucht die Natur in die Kultur in veredelter Form aufzunehmen, um ihre Gefahren zu überwinden. Er weiß: sie mißachten, heißt sie aufpeitschen. Nicht also in der Willensverneinung durch Askese, dieser künstlichen Stäupung des Triebmenschen, sondern in der natürlichen, geregelten und veredelten Willensbejahung liegen die negativen Voraussetzungen für den Eintritt des Erlösungszustands. Wenn das Körperliche durch Befriedigung zum Schweigen gebracht ist, beginnt die Seele zu klingen. Sind die wilden Triebe entschlafen, dann regt sich die Menschenliebe. Die Liebe Gottes regt sich nun.

Schon andere, Größere haben die Lehre von der Willensverneinung abgelehnt. Sie ist schlechterdings unvereinbar mit dem gesunden Naturwillen des modernen Menschen. Auch die Heiligen vergangener Zeiten sind nicht infolge, sondern trotz der Vergewaltigung ihrer Natur selig gewesen, soweit sie das sein konnten, d. h. die Erlösung vorschmeckend. Denn der Christ erwartete die volle Seligkeit erst für das Jenseits und glaubte, sie gerade erkaufen zu können durch Selbstqual und Unerlöstheit auf Erden. Schopenhauers philosophische Erlösung vollzieht sich im Diesseits. Und Schopenhauer verlangt viel von seinem Heiligen: Folter und Seligkeit zugleich. Sollte es nicht einen kürzeren Weg zur Erlösung geben als durch Vermehrung des Leidens? Wunderlicher Schopenhauer! Der Jammer ist groß. Ich will euch erlösen, indem ich ihn noch größer mache.

Ist der Wille verneint, ist er gänzlich mortifiziert, dann erlischt die Vorstellungswelt. Es werde Nacht! In dir, in mir, in uns allen! Aber erlischt damit auch die Willenswelt? Bloß weil unser Auge sich zutat und kein Subjekt mehr da ist, dem sie Objekt werden könnte? Auge ist unser Wesen. Aber es ist nicht das Wesen der Welt. Der Mensch kann die Welt nicht erlösen. Ein erblindetes Weltwesen ist noch kein erlöstes Weltwesen. Es wird neue Lichter öffnen, sich wieder sehen und wieder Leid fühlen. Welch ein Betrug! Welch ein Kampf gegen die Unendlichkeit in dieser Lehre von der Brechung des Willens! Welch ein Mangel an Demut! Und aus diesem Trotz, diesem Vernichtungsgrimm soll Erlösung träufeln? Warum sich nicht lieber selig einfühlen in das warme, gewaltige Brahman, mit ihm steigen wie Beethoven in der Waldsteinsonate, auf diesem glänzenden Strom, umspielt vom Jubel der Tritonen, hochgehoben in den Äther des Geists, wenn unter uns die Wellen zerschlagen.

Weh! Weh!
Du hast sie zerstört,
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmer ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorene Schöne.

b) Der Zustand der Erlösung

Der Gebrauch des Wortes Erlösung schließt die Gefahr eines gewissen Dogmatismus und Mystizismus in sich, der Schopenhauer erlegen ist. Schopenhauer bringt seine Erlösungslehre mit der Augustinisch-Lutherschen Prädestinationsmystik in Einklang. Willensabkehr ist Wiedergeburt durch Gnade, nicht Verdienst (§ 70). Denn jene „veränderte Erkenntnisweise“, aus der die Abkehr erfolgt, ist kein „absichtliches, durch Motive herbeigeführtes Tun“, sondern kommt als Glaube gleichsam von außen. Dies „echtevangelische Dogma“ wird aufgenommen und der Lehre einverleibt, entsprechend dem irrationalistischen, ja mitunter geradezu antirationalistischen Grundzug des Schopenhauerschen Denkens. Dieser mystische Zug, der schon im intuitiven Erkenntnisweg hervortritt, gehört zu den Lichtseiten der Schopenhauerschen Philosophie. Er hat etwas Versöhnliches, weil er höhere, wohlwollende Mächte über dem finstern Strudel der Schopenhauerwelt ahnen läßt, wie sich denn auch gewisse theistische Tönungen in der aspektenreichen, stark musivisch aufgebauten Philosophie Schopenhauers nicht wegleugnen lassen (§ 26, 63). Schopenhauer nennt einmal selbst seine Philosophie ein hunderttoriges Theben. Eins von den hundert Toren, wenn auch ein sehr verstecktes, heißt gütige Weltweisheitsmacht (Gott). Daher auch die Bevorzugung der christlich-theistischen Terminologie, die bei einem so prononcierten Atheisten Wunder nehmen muß: Evangelium, Erbsünde, Anfechtung, Buße, Wiedergeburt, Gnade, Heil, Erlösung, Seligkeit, Friede, der höher ist, als alle Vernunft.

Dennoch fehlt ein eigentümlicher Zug der alten Mystik. Schopenhauers Erlösungszustand bleibt ohne positive Inhalte. Glück besteht für Schopenhauer in der Abwesenheit von Schmerz. Und so auch Seligkeit und Erlösung. Sie ist das, was Schopenhauer mit Winckelmann wiederholt „Meeresstille des Gemüts“ nennt, Geglättetsein der seelischen Woge, Beschwichtigung, Befriedung. Der Sturm ist davongezogen, die Welle ruht. Für den christlichen Mystiker dagegen ist das Wesentliche im subjektiven Seligkeitszustand ein Aufquellen, Emporrauschen und Überfließen der Seele in ein göttliches Trans, also nicht Stille, sondern höchste innere Bewegung, Verzückung, raptus, ekstasis, in der unio mystica vollzogen, jubelnde Heimkehr der Seele in den göttlichen Urschoß. Schopenhauers Erlösung ist ohne Jubel, wie seine ganze Welt. Ihre Heiterkeit ist dunkel untermalt. Sie ist „hilaritas in tristitia“, „wahre Gelassenheit“, „Besänftigung“, „Erlöschen“, „Gleichgültigkeit“, „gänzliches Vergessen“, „Resignation“, „nicht der unruhige Lebensdrang, die jubelnde Freude“, sondern „unerschütterlicher Friede“, „wahre Himmelsruhe“, kurz, wie aus allen diesen Wendungen hervorgeht, ein Stoisch-Negatives, Ataraxie, Apathie, Abwesenheit von Getöse, Sturm, Empörung, Qual. Schopenhauers Seliger ist nicht schlechthin erlöst, er ist von etwas erlöst, einem ganz Bestimmten, der Willensqual. Ein griechisch-winckelmannisches Ideal steckt in dieser Erlösung, kein christlich-ekstatisches, so sehr Schopenhauer in christlichen Terminis schwelgt. Stoizismus, nicht Mystizismus wird gelehrt, Quietismus, nicht Motivismus. Mystik ist Erregung, Erhitzung, Steigerung zu Gott, Stoik dagegen Abregung, Kühlung, Glättung der inneren Woge. Ähnlich der Buddhismus, diese Stoa der Inder, die Schopenhauer sich assimiliert. Die Predigt des „Erleuchteten“ ruft nicht zur Tat, sie schläfert ein durch die Monotonie der Wiederholungen. Schopenhauers Erlösung ist appollinisch, nicht dionysisch, sie ist klassisch, nicht romantisch. Der Geist von Weimar schwebt über ihr. Und man darf sagen, daß seine Beispiele aus der Christologie nicht immer gut gewählt sind. Diese Heiligen sind Schopenhauerisch umgeformt. Schopenhauer entkleidet sie aller seelischen Lautheiten. Er spricht den stillen Menschen heilig, nicht den anbetenden, die in sich ruhende Flut, nicht die zu Gott bewegte. Sein Erlösungszustand ist darum nicht minder erstrebenswert, daß er griechisch ist und nicht christlich. Vielleicht im Gegenteil! Aber man könnte wünschen, daß der Hellenismus Schopenhauers auch im Erlösungsweg, nicht nur im Erlösungszustand zum Ausdruck käme. Denn der Erlösungsweg, die Askese, ist allerdings echtchristlich, dem klassischen Griechentum fehlend.

Schopenhauers Seligpreisung erhält noch eine Ergänzung, die man nicht übersehen darf, nämlich in der Lehre vom Mitleid, in der sich ein besonderer, eigen gearteter Erlösungsweg aufzutun scheint, der auch zu einem besonderen eigengearteten Erlösungszustand führt. Wir treten aus dem Principium individuationis heraus, erkennen die Identität des Willens in allen Erscheinungen, fühlen uns eins mit allem, was da lebt und leidet, auch der Tierheit, und gelangen von diesem Alleinsgefühl zur mitleidsvollen, uneigennützigen Liebe (§ 67), in der wir Seligkeit empfinden. Dieses Heraustreten aus der individuellen Schranke ins All-Ich ist aber bei Schopenhauer nur eine Vorstufe des Heils (§ 68), der Verneinung des Willens überhaupt. Die innere Haltung des Mitleidenden und Liebenden geht ohne weiteres über in die Willensabkehr als Folge des miterlittenen Schmerzes. Das Moment des Tätigseins in der Hilfe wird durchaus nicht betont, trotz des Gebrauchs der Ausdrücke Caritas und ἀγάπη [Liebe]; vielmehr wird betont das Moment der Selbstentäußerung, der Weggabe des Ich, des Aufgehens im Allgedanken. Strebt doch die ganze Ethik Schopenhauers hinweg von der Tat, die aus Motiven, also aus Willensenergie entspringt. Wer immer strebend sich bemüht, den kann Schopenhauer nicht erlösen. So bleibt dieser Liebes-, dieser Mitleidsgedanke, so sympathisch er berührt, rein kontemplativer Natur. Vielleicht aber findet sich im Gedanken des Mitleidens jener sonst vermißte positive Kern der Schopenhauerschen Erlösung. Wer den Sinn der Formel des Veda „Tat twam asi“ erfaßt hat, „ist eben damit aller Tugend und Seligkeit gewiß und auf dem geraden Wege zur Erlösung“. Hier taucht pantheistisch ein Transzendentes auf, verkörpert im Du, mit dem wir mitleidend zusammenfließen. Hier ist Band, Steigerung, Innigkeit. Wir verlassen die einsame Ferne des Ich, fühlen überindividuell, weltheimatlich. Wir tauchen ein in den warmen Strom des Brahman, des Allebens, das man mit Goethe auch Gott-Natur nennen kann, haben amor und beatitudo. Der eigenartig musivische Charakter der Schopenhauerschen Erlösungslehre wird hier deutlich. Stoische Kühle und Negativität, buddhistische Abdämpfung aller hohen Seelentöne möchte zusammenfließen mit der Wärme des Brahmanismus und des Spinozistisch-Goetheschen Allgefühls.

Es scheint, daß Schopenhauers Welt in Licht endet. Meeresstille des Gemüts! Was kann es Höheres geben. Also das Glück ist da, die Welt ist nicht mehr finster. Wir sind erlöst. Wie ein leichter Morgentraum über dem Halberwachten schwebt das Leben noch über uns. Aber nein! Wir sind ja Sterbende. Unsere Kraft, unser Wesen ist gebrochen. Herzblut rann aus unsern geöffneten Adern, und wir liegen nun, matt, erloschen, willenlos, das Ende erwartend. Der sittliche Wert dieser „Erlösung“ ist gering. Sie beruht nicht auf Weltüberwindung, sie verlangt nicht das Höchste vom Menschen an bejahender sittlicher Kraft. Auch das Tier könnte dieser Erlösung teilhaftig werden.

Sie ist mehr physischer Verlauf, als moralischer. Sie bedeutet Auflösung unseres Wesens, nicht Erlösung. Die Glieder strecken sich, während der letzte Funke Bewußtsein den Zustand selig spiegelt. Was soll uns diese Seligpreisung eines Halbtoten! Uns, die wir Ganzlebende sein wollen!

Die ersten Schauer von Kulturmüdigkeit scheinen hier die moderne Seele zu überrieseln, ein verwandtes Gefühl wie bei Rousseau. Sattheit am Sein, Flucht zum Tode, vorgeahnt im Jahr 1818 von einem Einzelnen, dessen Nöte niemand verstand. Wieder wie im Zeitalter Senecas verliert die Welt ihren Glanz, zunächst im düstern Auge eines Einzelnen, dem später andere folgen. Von Norden her dunkelt es herein, das Reich der Göttin Hel, die alle an Alter und Siechtum Verstorbenen aufnimmt. Es ist der erste leichte Schlaganfall der modernen Kultur, was hier vorgeht, Vorbote kommender Agonien, ungefähr das, was in Griechenland der Kynismus bedeutete. Eine Gesetzlichkeit des Kulturgeschehens, die über die Persönlichkeit hinausliegt, scheint sich in dieser aus dem Pessimismus quellenden Erlösungssehnsucht kundzutun. Das Ende des Jahrhunderts bringt eine kräftige Reaktion in Nietzsche. Der gewaltige sittliche Lebenswille des deutschen Idealismus triumphiert noch einmal über die Schopenhauerschen Sterbegesänge. Aber andere Geister treten auf, die wieder untergangsahnend sind, und sie haben das Ohr der Zeit. Dunkel liegt die Zukunft da. Und wir entsinnen uns, daß auch Hegel glaubte, die Entwicklung sei zu ihrem Ende gelangt. In diesem Zwielicht den rechten Weg zu finden, ist schwer. Sollen wir Inder werden und können wir es noch? Uns abkehren von der Welt? Oder stehen wir vor einem neuen Menschheitsmorgen, wie Nietzsche glaubt? Hier zu entscheiden, ist Charaktersache. Velle non discitur. Wer grau und öde fühlt, wird sich zur Linken schlagen, die Welt als Inferno sehen und Erlösung suchen in einer sublimierten Romantik des Todes. Wir andern aber folgen der Führung Kants und Fichtes. Noch schmecken wir die Süßigkeit der Tat. Wille ist uns noch Glück, nicht Qual und Leiden. Es gilt Unendliches! Es gilt, nicht so sehr unser Ich, als die Welt zu erlösen. Es gilt eine Welt, in der es wenigstens zwei von den vier großen Leidensdingen nicht gibt: Armut und Krankheit. Sollte der Mensch, der Mensch nicht die Kraft haben, die Welt von diesen Übeln zu befreien, vielleicht von allen? Denn Geburt und Tod sind nur Übel, wenn es Armut und Krankheit (im weitesten Sinn) gibt. Gelänge es dem wissenden und wirkenden Geist, diese Schatten von der Welt zu wischen, so versänke Sansara. Geboren zu sein, wäre dann nicht mehr Schuld, wir bedürften dann nicht mehr der Erlösung. Das Leben wäre Erlösung, nicht der Tod. Der ewige Traum aller Zeiten von den Gefilden der Seligen wäre erfüllt. Endlich ständen wir mit dem Palmenzweig an des Jahrhunderts Neige.

Macht es das Leben nicht lebenswert, um diese Ideale zu ringen, den Gewissensfrieden der gewollten und vielleicht vollbrachten Tat zu ersehnen, statt einen Gräberfrieden, eine Kirchhofserlösung? Sie ist uns allen sicher. Bedarf es hier eines Kampfes? Sind wir Mensch geworden, nur um das Sterben zu erringen ? Das kann der Sinn unseres Wesens nicht sein. Was uns aus dem heiligen Dunkel des Weltmutterschoßes rief, war nicht der Tod, sondern das Leben. Memento vivere! – sollten wir uns zurufen, nicht memento mori!

c) Die Ideenschau

Im dritten Buch der W. a. W. u. V., das die ästhetische Erlösungslehre enthält, ruft uns der große Philosoph des Todes das „Memento vivere“, das wir hören wollen, auch zu. Plötzlich fällt sein düstres Auge auf die Idee. Und siehe: es erstrahlt! Die Weltschatten sinken. Das Rad des Ixion steht still. Tantal ergreift den Apfel. Das Sieb der Danaiden hat sich gefüllt. Aus dem Abgrund jubelt es empor. Wir schauen!

Welch ergreifendes Bild, zu sehen, wie dieses finstre Haupt durch die Wolken bricht und sich bestrahlen läßt vom Glanz der Idee! Dort sind wir erlöst, in der Erkenntnis der ewigen Formen aller Dinge, nicht in der selbstgewählten und erhöhten Qual der Willensmortifikation, dieser armseligen Menschenerfindung. Aber es ist, als könnte dieses fiebernde Auge, das so lang und aufmerksam die Nächtigkeiten des Weltgrunds durchforscht hat, den Glanz der Idee nicht ertragen. Wie der Platonische Gefangene wendet es sich wieder abwärts in die Höhle, aber nicht um den Mitbrüdern den wahren Platonischen Erlösungsweg zu zeigen, sondern um ihnen zu sagen: für euch gibt es keine Rettung, als dumpfe Resignation. Sterbt in der Höhle. Das Licht ist für euch nicht geschaffen.

Die Netzhaut Schopenhauers muß eigentümlich beschaffen gewesen sein, von einer Reizbarkeit ohnegleichen. Es ist, als zuckte er betroffen zusammen beim Anblick der Idee. Er blinzelt und duckt sich. In der Tat: welch Getöse bringt das Licht! Es drommetet, es posaunet! Und er schlüpft wieder unter die Wolkendecke, ins gewohnte Weltgrau, in das ihm trauliche Dunkel des Leids. Warum verweilte Schopenhauer mit seiner Ethik nicht auf der erreichten Höhe des Geistes? Er feiert in hohen Tönen das „ewige, freie, heitere Subjekt des reinen Erkennens“ (§ 39), den Seligkeitszustand der „ruhigen Kontemplation“, der geistigen Schauung, die frei ist vom Satz des Grundes, frei und losgerissen vom Dienst des Willens. Und behauptet dann, dies alles sei nur Augenblickserlösung ohne Bestand. Und nur wenige Begnadete seien dieser Erhebung zum τόπος νοητός  [imaginären Ort] fähig und würdig. Für die Millionen ist dieser Austritt aus der Schopenhauerwelt nicht bereitet. Sie schmachten im Dunkel oder erklimmen nur trübe Annäherungsstufen. Verkündet er schon das Mitleid, warum rafft sich dieser Heilslehrer nicht auf, die leidenden Wesen durch die gepriesene „Kraft des Geistes“ auf jenen Altan zu führen, das „reine, willenlose, schmerzlose, zeitlose Subjekt der Erkenntnis“ in ihnen anzubilden? Schopenhauer ist kein Erzieher, kein sozial Denkender. Ihm fehlen die feurigen Arme Fichtes. Er ist Aristokrat und Individualist, wie seine Genielehre zeigt, und deshalb kein Erlöser der Menschheit, kein Volksheiland. Er steigt wieder herunter von der Leiter und spricht: dies alles ist nichts für euch Armen an Geist, die ihr Fabrikware seid. Der Sinn eures Seins ist Leiden, nicht Schauung. Resigniert!

Unter dem Bilde der Idee verbirgt sich für Schopenhauer ein zweites reineres, edleres Weltsein als der Wille. Die Idee ist frei von Leid und Qual, schattenlos. Wer sie anschaut, verklärt sich an ihr, läutert sich von niederen Stufen empor. Das „klare Weltauge“ ist selig. Es ist das zum Licht aufgeschlagene Auge. Und Licht ist Glück. Warum eine Welt ungeschehen wünschen, in der es die Seligkeit der willensfreien Erkenntnis gibt? Die Ideenlehre Schopenhauers enthält eine Absage an den Pessimismus wie an die Willensmetaphysik. Hier lohnt der Ertrag die aufgewendeten Kosten. Wir sind erlöst, so oft wir schauen. Der Wille ist veredelt in hohes Geistesstreben, ins Auge tritt alle metaphysische Energie. Und warum nur in der Kunst? Gibt es doch auch Ideen in der Natur, die wir rein erkennen. Wir sind öfter Geistwille und seltener Körperwille, als Schopenhauer meint. Das klare Weltauge ist immer und in uns allen aufgeschlagen, aber die Dünste unseres niederen Menschentums trüben seinen Blick.

An dieser Stelle bricht Schopenhauers Welt auseinander. Die dunkle Schale zerbirst und ein glänzender Kern wird sichtbar: das „klare Weltauge“, der reine, schauende Geist. Schopenhauer hält den Kristall in Händen, den er im grauen Silur der Welt gefunden. Aber er weiß nichts Rechtes damit anzufangen. Der blitzende Stein erscheint ihm fremd, unecht. Er sieht nicht, daß die Welt auf seine Formung angelegt ist wie die blaue Erde auf die Bildung des Diamanten. Der Geist bleibt ihm stets eine Art Nebenerfolg des Weltwerdedranges. Seine Bedeutung liegt für ihn vor allem im Anstoß zur Willenswende. Geisteslicht ist ihm nicht Weltgipfel, sondern Endkurve, Schwung ins Dunkel. Nur für Augenblicke läßt er uns auf der hohen Hegelschen Warte verweilen und unser Auge schweifen durch den Äther der Idee. Dann aber regt sich wieder der alte Orest, und wir hören seine klagende Stimme: und laß dir raten: habe Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne, Komm, folge mir ins dunkle Reich hinab.

Still ist die Nacht. Wir liegen und lauschen. Die Welt schläft, aber unser Inneres schläft nicht. Da bewegt sich der ewige Wille, ernst, dunkel, groß. Wir fühlen, wie er um sich greift, wie er in uns tastet, hierhin, dorthin. Er sucht das Licht in der finstern Kammer und scheint nun stillezustehen und zu lauschen. Um seine Lippen spielt ein Lächeln, das Lächeln des Nicht-wissens, das die Inder ihren Buddhabildern leihen. Wer nicht weiß, ist selig. Und dann? Er wird das Licht gefunden haben, wird schauen und erbeben. Was hat er gesehen in der finstern Kammer? Furchtbares! Das Einerlei, die ewige Wiederkehr, unter der Strindberg zusammenbrach, Geburt, Leiden, Tod! Sansara! Die Tiere wissen das nicht. Sie wissen nicht, daß das Leben Leiden ist. Sie ahnen es vielleicht. Aber das Geisttier weiß es. Beim Lichte des Intellekts gewahrt es den Unrat in der Kammer: Staub und Leichen, Gesichter, zerfressen von Schmerz und Wollust, ein Gewinsel in der Ecke, ein qualerpreßtes Ach: Ob noch nicht Vollendung sei! Noch nicht, niemals! Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise. Gruppe aus dem Tartarus! Es ist besser, du löschst das Licht wieder aus. Die Kammer ist dann wieder dunkel. Wir können wieder lächeln wie Buddha, das Tier, der Unbewußte.

Eigentlich ist es gar nicht der Wille, den Schopenhauer verneint, sondern der Geist, das Licht, die Erkenntnis. Denn erst dort wird die Welt bewußtes Leid. Schopenhauers Willensverneinung ist im Grunde Willensbejahung, Willensentschluß sich wegzuwenden von der bewußten Geisteswelt und dem Anblick der seienden Dinge, um wieder dunkel zu strömen. Es werde Nacht! Verlöschendes Licht, das ist Erlösung für diesen geistfeindlichen Glauben, letzter Reflex eines schwindenden Glanzes. Aber der Zauber dieses Nirvana kommt vom Licht, das wir verlassen, nicht von der Nacht, in die wir heimkehren. Wir erleben uns eintretend ins Unbewußte mit dem Als Ob des Bewußtseins. So nun leben wir, auch wenn wir nicht Asketen sind, gleichgültig, mortifiziert, des letzten Todes gewärtig, übrigens in der Nähe der Stoa. Wir leben vielleicht noch lang, als ein rüstiger Sechziger. Das Licht brennt noch in uns mit einem feierlichwehmütigen Schein. Die Kultur stirbt darüber, mag sie. Der Menschen Werk bleibt liegen, wie im Mittelalter, wie in den Urwäldern Indiens, Jahrtausende. Was kümmert es den Heiligen! Was ist eine Fabrik gegen eine Seelenverfassung? Schrei nach Erlösung übertönt alles.

Kulturmord! Wille zur Nicht-Tat, zur Dämmerung! Auch Rousseau war kulturmüde. Er suchte die Natur, den Schäferfrieden, Kohlgartenfreuden. Schopenhauer ist weniger anspruchslos. Alles oder nichts! Also nichts! Bruch! Wir tragen die Trümmer ins Nichts hinüber. Europa indisiert! Das ist unmöglich. Aber solche Regungen zucken auf in der modernen Kulturseele, solche Launen müssen kommen. Merkwürdig, daß sie so spät kommen. Bei den Griechen kamen sie schon früh im Kynismus und Platonismus. Seitdem begleiteten sie das Hohelied, das der Griechengeist sang, mit dumpfen Paukenschlägen. Bis jenes schimmernde Dur überging in das wehe Moll des Urchristentums. Solche Klänge sind erhaben, wo immer sie auftauchen, im Morgen oder Abendland, in alter oder neuer Zeit. Sie zeigen Seele. Sie zeigen das Weltwesen auf der Höhe des Bewußtseins. Man sollte sie nicht kurzerhand als seelische Krankheitserscheinungen abtun. Aber man soll sich ihnen auch nicht bedingungslos unterwerfen. Wer die Nacht feiert, tut es im Bilde des Lichts. Laßt uns also das Licht feiern, das „bessere Bewußtsein“ Schopenhauers, das klare Weltauge, das sich der ewigen Idee zuwendet wie die Blume der Sonne. Die Hand des Menschen liegt noch am Steuer. Noch haben wir nicht Grund, zu verzagen. Noch blüht uns Erlösung durch die Tat. Und noch ist nicht erloschen der goldene Schimmer, der über der Welt Goethes liegt.

Dorthin blicke, Zeitseele, wenn die düstern Töne Schopenhauers dich locken. Dieser große Zauberer des Gedankens kann uns das Höchste nicht rauben, das Glück der reinen geistigen Schauung, die er selber verehrt. Die Welt ist „Wille“, aber nicht Wille zum Untergang, sondern Wille zum Geist. Der Sinn des Lebens kann niemals der Tod sein. Kampf zum Licht, das ist der Sinn des Lebens. Wer es errungen hat, der soll es festhalten, bis sich das klare Weltauge von selbst wieder schließt. Es gibt kein Leiden, das groß genug wäre, den Anblick der Sonne zu verdunkeln.

V.

Schopenhauer und Meister Eckhart

„Buddha, Eckhart und ich lehren im Wesentlichen dasselbe.“ So schrieb Schopenhauer im April 1852. Er lobt Meister Eckharts „wundervoll tiefe und richtige Erkenntnis“, die nur leider in die Fesseln christlicher Mythologie geschlagen sei. „Er sagt, was er nicht meint und meint, was er nicht sagt.“ Nach 1857 las Schopenhauer die Schriften Eckharts in der Pfeifferschen Ausgabe. „Die darin gegebenen Vorschriften und Lehren sind die vollständigste, aus tief innerster Überzeugung entsprungene Auseinandersetzung dessen, was ich als die Verneinung des Willens zum Leben dargestellt habe.“ Auch spiele die Aufforderung zum Aufgeben alles Wollens in der christlichen Mystik eine viel größere Rolle als in der indischen.

Dies ist im Wesentlichen der Inhalt der Stellen, in denen Schopenhauer in seinen Schriften auf den großen mittelalterlichen Mystiker zu sprechen kommt. Aus ihnen geht hervor, daß Schopenhauer Meister Eckhart als Gesinnungsgenossen in Anspruch nimmt. Eingehendere Studien der Eckhartschen Philosophie hat Schopenhauer indes nicht vorgenommen. Seine Lebensarbeit war abgeschlossen, als er kurz vor seinem Tod den angeblich authentischen Text der Schriften Eckharts zu Gesichte bekam. Schopenhauers Urteil über Meister Eckhart ist meines Wissens noch nicht nachgeprüft worden. Ein Vergleich der Systeme beider dürfte aber ergeben, daß trotz gewisser auffälliger Übereinstimmungen in der Willensverneinungslehre die Grundgedanken beider weit voneinander abweichen. Man kann Meister Eckhart als Kommentar zu Schopenhauer heranziehen. Gerade deshalb, weil er in Vielem ihm nahesteht, ist er geeignet, die entscheidende Lücke in Schopenhauers Philosophie und insbesondere in seiner Erlösungslehre deutlich zu machen.

Schon die Tatsache muß zu denken geben, daß Schopenhauers System wie das buddhistische im Prinzip atheistisch ist oder doch sein will, während Meister Eckharts Spekulation auf Augustin und Thomas ruht und den reinsten Ausdruck christlich-mittelalterlicher Theistik darstellt. In der Tat sind Schopenhauer und Meister Eckhart nicht auf einen Nenner zu bringen. Der Geist ihrer Weltbetrachtung ist grundsätzlich verschieden. Eckharts Denken beginnt mit Gott und endet mit Gott. Seine Erkenntnislehre und Psychologie, seine Weltentstehungslehre, Ethik und Erlösungslehre sind einheitlich auf den Gottesgedanken gestellt. Dabei ist dieser Gottesgedanke eine vollkommen philosophische Konzeption. „Gott“ ist das reine Sein und Wesen, vor aller Zeit, allem Raum, ungeworden, unvergänglich, in der Schaffung des geliebten Gegenbildes des „Sohnes“ (logos, Urwissen) seinen vor- und überweltlichen Prozeß erlebend, etwa vergleichbar dem Plotinischen ἕν der Spinozistischen „Substanz“, dem Schellingschen „Identischen“ oder dem Hegelschen „Absoluten“. Aus diesem „Gott“ emaniert die Welt. Im „Fünklein“ der Seele, im Seelengrunde, hinter allen Kräften der Seele ist „Gott“ anwesend. Wenn wir „Gott“ erkennen, erkennt er sich in uns. Die Seele ist von Unruhe getrieben, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. In der natürlichen Erkenntnis (der Dinge dieser Welt) findet sie kein Genügen. Sehnsucht nach der übernatürlichen, der Erkenntnis „Gottes“ treibt sie ruhelos. Hier liegen ihre höchsten sittlichen Aufgaben, die mit demselben Recht philosophisch als religiös genannt zu werden verdienen. Das ganze System bekommt von hier wie alle Mystik seine ethische Grundabzweckung. In der mystischen Union ist das hohe Ziel erreicht, auf dem Wege über die beiden niederen Stufen der Reinigung und Erleuchtung. Ich bin „Gott“ geworden. Meine Seele „schmecket göttliche Edelkeit“. Ich bin erlöst. Man kann sich kein einheitlicheres, widerspruchsloseres Weltbild denken als das Eckhartsche.

Ein Analogon zum Gottesbegriff des Eckhart fehlt augenscheinlich in der Schopenhauerschen Philosophie. Schopenhauers „Wille“ bezeichnet weltliches, kein vor- oder überweltliches Sein, darf also dem Eckhartschen „Gott“ durchaus nicht gleichgesetzt werden. Schopenhauers Welt ist in der Tat „gott“-los. Sie beginnt im Kreatürlichen des Eckharts und endet auch dort mit dem Wunsch, dieses Kreatürliche seiner Unseligkeit wegen wieder verschwinden zu lassen. Nur vorübergehend öffnet sie sich in der Lehre von den Ideen, die aber auch wieder als Willensobjektivationen gefaßt sind, einen Ausblick auf die großen spekulativen Hintergründe der Welt, auf das Eckhartsche reine, unkreatürliche Sein. Gerade dieser göttliche Grund, im Seelengrunde wiederkehrend, gibt aber der Erlösungslehre des Mystikers ihren eigentlichen, tiefen und wunderbaren Sinn, den die Schopenhauersche niemals haben kann. Schopenhauer erlöst uns von der Welt, zu einem Nichtsein, Eckhart erlöst uns zu „Gott“, zu einem positiven, einem gesteigerten, übermenschlichen, geistigen Sein. Darin liegt Schopenhauers Verkenntnis des Wesens der deutschen Mystik und der christlichen überhaupt. Seine Erlösungslehre stimmt mit der indischen Nirvanalehre überein, mit der Eckhartschen Gotteslehre nicht.

Welches sind nun die Züge der Eckhartschen Mystik, die auf Schopenhauer so bestechend wirkten, daß er glaubte, den Meister für sich in Anspruch nehmen zu dürfen? Zunächst die Askese, die Forderung der „Kästigung“, der „Kränkung“, d. h. Entkräftigung des Fleisches, die bei Eckhart eine so große Rolle spielt. Der Sinn des Menschen soll durch die Schwächung des leiblichen Menschen abgezogen werden von der Welt und hingewendet werden zu Gott. In der Bewertung und Handhabung dieser äußeren Übung als Mittel zum Zweck mag der Schopenhauersche „Heilige“ dem mystischen „Gott“-sucher gleichstehen, entscheidend ist dies nicht, und ich verweise auf das oben über die Bedeutung und Zweckdienlichkeit der Askese Gesagte, das sich auch gegen Meister Eckhart richtet.

Wichtiger ist die Tatsache, daß auch Meister Eckhart Pessimist ist, freilich in sehr erträglichen Grenzen, soweit ein ausgesprochener Theist dies eben sein kann. Immerhin ist der Pessimismus ein deutlich hervortretender und auffälliger Zug der deutschen Mystik des 14. Jahrhunderts, die sich von einem wüsten Welttreiben, vom Anblick der verworrenen politischen und sozialen Zustände der Zeit schaudernd hinwegwandte. Meister Eckhart spricht vom „Weh aller Welt“. Der Ausdruck „Gebreste“ kehrt in seinen Schriften unzählige Male wieder. Aller geschaffenen, kreatürlichen Welt haftet ein „Gebreste“ an, d. h. Endlichkeit, Widerspruch, Zerrissenheit, Sünde, Irrtum, Krankheit, Tod. Alle Kreatur leidet. „Wie lustig Gott die Kreatur gemacht hat, doch so hat er etwas Leidens daneben gelegt.“ Aber die mystische Lehre vom Leiden der Welt unterscheidet sich grundlegend von der Schopenhauerschen und buddhistischen Leidenslehre. Einmal dadurch, daß die kreatürliche Welt ja nicht alles ist, sondern gleichsam nur die Hälfte des Seienden, ein niederes, unreines Sein, Abfall, Abkehr vom reinen „Wesen“, unselige Gottesferne. „Gott“ leidet nicht. Auch im Seelengrund, im „Fünklein“ ist kein Leid, nur draußen an der Peripherie. Bei Schopenhauer ist gerade der Kern, das Zentrum alles Seins, der Wille, leidensvoll, unselig, gequält in sich selbst. Sodann – und das ist der Hauptunterschied in der Leidenslehre Schopenhauers und Eckharts – ist das Leiden des christlichen Ethikers eine vorwärtstreibende, versittlichende Macht. Sein Zweck ist Bringung zu „Gott“. Du leidest nur, weil du dich nicht kehrest zu Gott. Jeder pessimistische Fatalismus, der Zug des Sichabfindens mit dem Leidenscharakter der Welt fehlt bei Eckhart. Eckhart schwelgt auch nirgends in der Betrachtung des Weltleids wie Schopenhauer, der einen förmlichen Kultus, eine Kontemplation, ja beinah Anbetung der Weltleidshypothese betreibt. Eckharts Welt ist ohne Klage, ohne indische Müdigkeit, ohne alles Wühlen in der Wunde. Hat sie doch göttlichen Goldgrund. Mutig also ist der Meister, tapfer und voll Kraft. „Das schnellste Tier, das euch trägt zur Vollkommenheit, das ist Leiden.“ Ein Wort von überraschender Tiefe und Schönheit! „Wer allermeist leidet, der ist alleredelst.“ Über die erhebende Kraft des Leidens kann man bei dem halbverschollenen Meister des 14. Jahrhunderts ewige Wahrheiten lesen. Gewiß, auch bei Schopenhauer bekehrt das Leiden, bringt zur Besinnung, zur Abkehr von der Welt. Aber es bringt nicht zu „Gott“, zu einem erhöhten geistig-sittlichen Sein, sondern im Gegenteil zur Mortifikation unseres ganzen Wesens, zum „Glück des Verlöschens“, wie man Nirvana am besten und vollständigsten übersetzen könnte. Man kann sich keine schärfere Kritik Schopenhauers denken als Meister Eckhart. Die ganze Negativität, das wahrhaft Unmystische, vielmehr Stoische der Schopenhauerschen Erlösungslehre wird einem klar, trotz des mystischen Mäntelchens, das Schopenhauer darüber gehangen.

Endlich die Lehre von der Willensverneinung, die schon den ganzen Schopenhauer enthalten soll. Das Leben ist „begierlich in ihm selber“. So etwa kann man auch bei Eckhart lesen. Und aus der Begierde fließt das Leid. Aber Eckhart unterscheidet scharf zwischen dem Eigenwillen und dem Willen Gottes. Nur der erstere ist unselig und qualbehaftet, der göttliche nicht. „Nimmer entsteht ein Unfrieden in dir, außer er komme von eigenem Willen, man merke es oder man merke es nicht.“ Oder: „Es ist eine Frage, was in der Hölle brenne? Die Meister sprechen gemeinlich: das tut Eigenwille.“ Höre also auf, selber zu willen! Laß Gottwillen in dir! Dies der Sinn der höchsten Tugend, die Eckhart und die christliche Ethik kennt, der Armut. Armut nicht an äußeren Gütern, sondern Armut an Kreatur, Welt, Eigensein, Ichdünkel, philosophische Armut. Zusammen mit der Demut bedeutet sie völlige Entkleidung, Hingabe und Darbietung unseres Ich an eine höhere, überweltliche Macht. „Laß dich!“ So lautet der kategorische Imperativ Meister Eckharts. Gemeint ist: Verlasse dein Ich, geh aus ihm heraus, laß es fahren! Gib auf alle Eigenminne. Dann „läßt“ du auch die andern Dinge. „In der Wahrheit, ließe ein Mensch ein Königreich und alle die Welt und behielte sich selber, so hätte er nichts gelassen.“ Also: gib alles hin, entblöße dich vollständig, behalte nichts, nicht einmal dich selbst. Dann bist du „arm“, ein würdiger Focus göttlichen Brandes. Dann will nur noch „Gott“ in dir.

Dies der Sinn Eckhartscher Willensverneinung. Schopenhauer beginnt ganz ähnlich, wenn er seine Forderung des Heraustretens aus dem „principium individuationis“ aufstellt. Er würde mit Eckhart sachlich auch weiter konform gehen, hätte er fortgefahren: laß den Weltwillen an Stelle deines eigenen in dir wollen! Das aber ist der Sinn seiner Lehre nicht. Weltwille und Eigenwille stehen sich bei ihm nicht als Gegensatz gegenüber. Mit dem Individualwillen soll auch die Welt verlöschen. Außer dem Willen gibt es nichts Seiendes und Bleibendes für ihn, in das wir treten könnten, wenn wir das „principium individuationis“ verlassen. Es soll gar nichts geben. Das Beste ist Nichtsein, nicht Geborensein. So klaffen die beiden Heilslehren doch weit auseinander. Nur ein Stück Wegs gehen Eckhart und Schopenhauer zusammen. Wenn die Seligkeit des Mystikers beginnt, hat Schopenhauer schon aufgehört zu sein. Schopenhauers Welt hat gleichsam nur eine Hemisphäre, die finstre, sonnenabgewandte, vom Willen durchbraust. Die Welt Meister Eckharts aber wendet sich und tritt in das „fließende Licht der Gottheit“. Dieser spricht: Verneine den Willen, erlisch und du bist erlöst. Jener sagt: Nimm deinen Willen und gib ihn „Gott“. Dann schmecket die Seele „göttliche Edelkeit“.

Hätte der nicht im Eckhartschen Sinne arme Schopenhauer vom erkenntnisidealistischen Vorurteil lassen können, die Erlösung, die seine leidende Seele sucht und mit deren Glanz er sich am Ende seines Hauptwerks behaftet, wäre vielleicht positiver ausgefallen. Eckhart ist theoretisch Realist. Seine Erkenntnislehre ist unphänomenalistisch wie die Aristotelische und Thomistische. Der Schwerpunkt des Eckhartschen Weltganzen liegt nicht im Subjekt, sondern in „Gott“. Will man sein System darstellen, so kann man nicht wie bei Schopenhauer mit der Erkenntnislehre beginnen. Diese kommt fast zuletzt. „Gott“ erkennt sich im menschlichen Erkennen, ergreift und begreift sich. Das Absolute, Hegelisch ausgedrückt, wird im Menschengeist seiner selbst bewußt. Vom Standpunkt Eckharts aus würde es einen Mangel an „Demut“, auch einer ebenso sehr philosophischen als religiösen Tugend, bedeuten, wollte man beginnen: „Die Welt ist meine Vorstellung“, und dann enden: „Die Welt erlischt mit der Funktion meines Gehirns“. Von einer solchen Selbstanbetung des irdischen Subjekts ist der Meister frei. Schopenhauer sehnt sich danach, „klares Weltauge“ zu sein. Nach Meister Eckhart ist der Menschengeist klares Gottesauge, das Welt und Gott beschaut, „gesprochen Wort“ (logos), „Spiegel“ oder „Sohn“ (bewußter Geist), in dem sich der „Vater“ (das Absolute) anschaut. Dies alles augenscheinlich eine zutiefst philosophische Angelegenheit, in der christlich-mythologischen Symbolsprache des Mittelalters abgehandelt. Es ist an der Zeit, unsere Scheu vor bloßen Terminis aufzugeben und mehr auf die Sache zu achten. Was Meister Eckhart „Gott“ nennt, haben die Nachkantianer unter weniger treffenden Ausdrücken mitunter ebenso tief behandelt wie Johann Eckhart (f 1327).

Bei Schopenhauer freilich fehlt nicht nur der Name, sondern auch die Sache, und daran krankt seine alogistische, widerspruchsreiche Philosophie. Sie krankt an der Ahnung des Fehlenden, dem „reinen Wesen“, das dunkel über ihr schwebt und alle Störungen in ihrem Zusammenhang hervorbringt wie ein astronomisch noch nicht nachgewiesener Stern in den Planetenbahnen der Nachbarsysteme. Sie krankt am Eckhartschen Unwesen, das „in der Hölle brennet“. Von ihm möchte sie sich erlösen und maskiert sich mit einem Seligkeitszustand, der aus der Negierung fließt und mystisch sein soll. Er ist nicht mystisch, sondern stoisch. Es gibt keinen Zugang von Schopenhauer zur Mystik. Mystik ist Aufstieg in eine Sphäre, die Schopenhauers Denken gar nicht kennt. Mystik ist Erhebung über die Welt, Anerkennung höherer Seinswerte über dem Strudel des Kreatürlichen, Gott-Innigkeit. Mystik ist Brand, Ekstase, „schäumende Gotteslust“ (Goethe). Und eine seelische Regung dieser Art findet sich bei Schopenhauer nicht.

Schopenhauer kann uns erschüttern. Er kann uns aufregen bis in die tiefsten Tiefen und uns wie kein Zweiter die Not fühlen lassen, Kreatur zu sein. Aber er kann uns nicht erlösen. Das „fließende Licht der Gottheit“ hat er nicht gesehen.

Die Religion der Germanen

Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder „deutscher“ Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die Dauer nicht vermochte und auch der alte Kultus nur in bruchstückweiser Erinnerung; und die Göttersagen sind schön und unterhaltend.

Man fand sie früher auch tiefsinnig und gab ausgeführte Deutungen von ihnen, so Ludwig Uhland in seinem Buche über den „Mythus von Thor“, das immer lesenswert bleiben wird, weil es den Dichter Uhland am Werke zeigt. Wer wollte es den Dichtern verwehren, die alten Göttergeschichten mit ihrer Phantasie zu umspielen? Sie machen auf diese Weise nicht bloß manchen Leuten ein Vergnügen, sondern schaffen auch – ohne es zu wollen – Urkunden ihrer selbst und ihrer Zeit, was sich ebenfalls lohnen kann. Was Richard Wagner uns in seinem „Ring der Nibelungen“ von „Wotan“ und „Fricka“ erzählt, das ist unter anderem eine interessante Quelle für Wagners innere Biographie und für den Geist, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Deutschland beherrschte, besonders wenn man Wagners Dichtung mit ihren altnordischen Grundlagen vergleicht, von denen sie nicht weniger verschieden ist als die Palme von der Eiche: die Veränderungen, die der moderne Dichter vorgenommen, das, was er in die germanischen Mythen hineingesehen hat, kennzeichnet ihn und seine Zeitgenossen scharf und ergötzlich (dasselbe gilt von Wagners Behandlung der Heldensage von der wölsungischen Geschwisterehe).

Aber die ersten Deuter germanischer Göttergeschichten waren nicht Dichter, sondern Gelehrte. Olaf Rudbeck, ein schwedischer Polyhistor des 17. Jahrhunderts, hat den Anfang damit gemacht.1 Damals gab es trockene Pedanten, die nichts lesen mochten, was nur schön und unterhaltend war, sondern lauter wirkliche oder doch glaubhafte Geschichte oder tiefe Weisheit von den Büchern verlangten und daher für die Fabeln der Dichter eitel Spott und Verachtung hatten. Rudbeck wurmte es, daß auch die germanische Mythologie diese Geringschätzung erfuhr, und da er von ihrer Schönheit und Bedeutung durchdrungen war, unternahm er es, sie denen, die lediglich Wahrheit suchten, annehmbar zu machen, indem er einen eigentlichen, tieferen Sinn in ihr aufzeigte. Daß Baldr durch einen Mistelzweig getötet wird, den ein Blinder schleudert, und daß auch leblose Dinge, wie Steine und Metalle, um den Toten weinen, dies, sagte Rudbeck, kann nicht wörtlich zu verstehen sein, denn so etwas ist ja unmöglich; auf den wahren Sinn führt uns das Weinen der Metalle, das ja offenbar – die Quelle (Snorri2) sagt es ausdrücklich – ihr feuchtes Anlaufen in der Kälte bedeutet, feuchte Kälte ist eine herbstliche Erscheinung, also stirbt Baldr im Herbst, und als der lichte, strahlende Gott ist er natürlich der Sonnengott, die arktische Sonne, die im Herbst unter den Horizont herabsinkt – so wie Baldr in die Unterwelt geht -, und sein Töter, der „blinde“ Höd, ist die Nacht (caeca nox sagt man lateinisch), die im nordischen Herbst über den Tag siegt. Also ein ewig wiederkehrender Naturvorgang, ein Stück kosmischer Wahrheit ist es nach Rudbeck, was die Baldrsage in seltsame sinnliche Bilder kleidet.

Daß diese Deutung den imponierenden Eindruck des Scharfsinns machen und außerdem durch Stimmungsgehalt die Gemüter gewinnen konnte, verstehen wir heute noch ohne weiteres, und bei der Unentwickeltheit der altnordischen Studien noch lange nach Rudbecks Zeit wundert es uns daher nicht, daß sie lange in hohem Ansehen geblieben ist und allerlei Nachfolge gefunden hat – bis auf den heutigen Tag. Solche, die den Quellen des germanischen Altertums immer noch fernstehen, werden nicht müde, Rudbecks Geist zu beschwören, sei es physikalisch, sei es moralisch, sei es metaphysisch. Schon die große Zahl dieser Deutungen, deren jede die einzig richtige zu sein beansprucht, kann die Augen der Laien dafür öffnen, daß das ganze Verfahren ebenso falsch ist wie das der unterlegenden, nicht auslegenden Fausterklärer, die Fr. Vischer unter dem Pseudonym „Deutobold Mystifizinski“ an den Pranger gestellt hat.Der gesunde Überdruß an dem Hineingeheimnissen hat mit dazu geführt, daß das Interesse der Fachleute sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz von den Mythen abwandte und die „Mythologie“ überhaupt in Mißkredit verfiel. Dies hing allerdings gleichzeitig auch damit zusammen, daß das unphilosophisch gewordene Zeitalter sich für die Weisheit der Alten überhaupt nicht mehr interessierte; die philosophische Spekulation hatte ebenso Schiffbruch gelitten wie die Mythendeutung, und der Tatsachensinn war erstarkt. Man ging daher auch bei der Beschäftigung mit der germanischen Religion mehr auf das Faktische aus, auf den Kult und seine Denkmäler (wie Ortsnamen, die Runensteine mit Thors Namen und dem Hakenkreuz und die isländischen Tempelruinen)3, und man suchte örtliche und zeitliche Unterschiede und Entwicklungen festzustellen. Sogar die Mythen selbst wurden unter den Gesichtspunkt gestellt, ob sie nicht Zeugnisse für Kult enthielten, ob sie nämlich nicht verkleidete Kulthandlungen darstellten (Baldrs Tötung z. B. die Opferung eines Königs, ein Vorgang, der in anderen Religionen bezeugt ist), so daß das Deuten eine interessante Auferstehung erlebte, mit zeitgemäß verändertem Vorzeichen. Diese Bemühungen haben, wie alle Bemühungen des positivistischen Zeitalters, das Material und die Gesichtspunkte vermehrt, also Fortschritte gezeitigt, wenn auch manche Hypothesen verwirrend und dadurch hemmend gewirkt haben und das philologische Verständnis der Quellen vielleicht mehr zu wünschen ließ als früher.

Jede Religion ist eine Gestaltung des allverbreiteten Glaubens an die Mächte über uns. Die Religionen unterscheiden sich im einzelnen mannigfach, aber sie unterscheiden sich auch im ganzen, nämlich nach dem Grade, in dem sich die Gläubigen innerlich und äußerlich jenen Mächten unterordnen. Ein hoher Grad von Unterordnung, demütige, ja zitternde Unterwerfung, ist orientalischen Religionen eigen; das muß zusammenhängen mit der despotischen Verfassung der alten orientalischen Staaten, der Allmacht ihrer Herrscher, deren einer – Xerxes – sogar das Meer soll haben peitschen lassen; so wie man diese Herrscher fürchtete, so fürchtete man auch die Gottheit, und wie man sich vor jenen auf den Boden warf, so auch vor dieser. Den Griechen war dieses Wesen fremd und zuwider. Sie traten ihren Herrschern und ihren Göttern anders, freier gegenüber. So war es noch zur Blütezeit der altgriechischen Kultur, die nicht bloß durch den Hochstand von Kunst und Philosophie, sondern auch durch das schöne, aufrechte Menschentum gekennzeichnet ist, von dem die Bildwerke noch heute unmittelbaren Eindruck geben. Dieses griechische Menschentum ist durch die städtische Zivilisation wohl verfeinert, nicht aber geschaffen worden. Es ist viel älter als die Mauern von Athen, älter als die hellenische Geschichte überhaupt. Denn wir finden seine wesentlichen Züge wieder bei den Germanen in oder nahe der alten Heimat, aus der die Vorfahren der Griechen südwärts gezogen sind. Die Germanen hätte das asiatische „Anhündeln“ des Herrschers (griech. proskynein) noch heftiger angewidert als die freien Athener. Dafür bürgt uns schon der Bau der germanischen Gesellschaft, die stolze Unabhängigkeit der Adelbauern, ihre freimütige, ihre freimütige und furchtlose Selbständigkeit gegenüber dem König, aber auch die Stellung der Abhängigen, die Sklaven nicht ausgenommen, deren Menschenwürde, wie schon Tacitus hervorhebt, man zu achten pflegte, und die sicherlich ebensowenig von Unterwürfigkeit wußten wie irgend jemand sonst in Germanien. Wie ähnlich das Verhältnis des Germanen zu seinen Göttern dem des Griechen zu den seinigen war, zeigt sich an den lustigen Götterfabeln: Wodan und Frija, das uneinige himmlische Ehepaar, wurde ähnlich humoristisch betrachtet wie ihr südliches Spiegelbild Zeus und Hera, und dem derben homerischen Gelächter auf Ares‘ und Aphrodites Kosten entspricht die Heiterkeit über den in Weiberkleider gesteckten Thor und seinen Appetit, über Freyas jungfräuliche Entrüstung und Lokis Skandalchronik4. Der Germane konnte seine Götter hänseln; und gerade den Gott, der seinem Herzen am nächsten stand, den starken, gutmütigen Thor, hänselte er am liebsten. Dies ist nicht etwa, wie gelegentlich behauptet wurde, eine Verfallserscheinung, sondern es gehört zum Wesen germanischer Religiosität.Es gab öffentlichen, und es gab privaten Gottesdienst. Letzterer, über den im Norden interessante Berichte vorliegen, ist in diesem Zusammenhang besonders aufklärend. Unter den norwegischen und isländischen Bauern standen manche zu einem einzelnen Gott in besonderem Vertrauensverhältnis. Es ist meistens Frey. Auf Island gab es Freysgoden, d. h. Freyspriester, Besitzer eines Freytempels. Ein solcher war Hrafnkel, der Held der nach ihm benannten Saga.5

Er schenkte Frey, seinem Freunde, wie es ständig in solchem Zusammenhang heißt, die Hälfte von allem, was er besaß, machte also den Gott zu seinem Partner, so wie man sich mit einem Freund in den Besitz eines Waldes oder eines Schiffes teilte. Das ist ein Verhältnis der Gleichberechtigung, etwas, was man vom Standpunkt der vom Orient ausgegangenen großen Weltreligionen geneigt sein könnte, gar nicht als religiöses Verhältnis anzuerkennen, was aber doch ein solches ist, da es sich auch hier um festen Gottesglauben handelt, einen Glauben, der die Anerkennung der göttlichen Übermacht, die sich unerwartet wunderbar offenbaren kann, einbegreift, und der mit Hingebung verbunden ist, mag es auch eine männlich kühle, stolz zurückhaltende Hingebung sein. Die Übermacht des Gottes führt zu keiner ausgeprägten Unterordnung seines Verehrers, weil dieser selbst ein hochgespanntes Kraftgefühl hat und auf Grund dieses Kraftgefühls und der Siege verschiedener Art, die das Leben ihm bescherte, zugleich an sich glaubt. Er hat dabei – was kein Christ oder Jude verstanden hätte – ein vollkommen gutes Gewissen. Daß der Gott, den nordische Adelbauern in dieser Weise zu ihrem Vertrauten (fulltr¯ui) machen, gerade Frey zu sein pflegt, ist nicht Zufall, sondern beruht darauf, daß Frey, der gutes Wetter und Fruchtbarkeit für Vieh und Felder spendete, durch diese seine Sphäre die des Menschen ergänzte. Dieser konnte wohl die anderen Menschen lenken und in Schach halten, aber gegenüber den Vorgängen, von denen Leben und Gedeihen seiner Wirtschaft am unmittelbarsten abhingen, mußte er sich weithin machtlos fühlen (obgleich man besonders Königen auch auf diesem Gebiete wunderbare Macht zugetraut hat). Daher sein Bündnis mit dem göttlichen Helfer, der das konnte, was er selbst nicht vermochte. Auf dieser Grundlage eines naiven religiösen Utilitarismus konnten verhältnismäßig warme Freundschaftsgefühle gedeihen; der Wunsch, den göttlichen Vertrauten zu erfreuen und kein Zeichen seiner Gunst unbeachtet und unerwidert zu lassen, konnte breiten Raum im Leben einnehmen und diesem dadurch religiösen Charakter aufprägen. Als ein Freund des Frey im nordwestlichen Island erschlagen worden und begraben war, beobachtete man, daß an der einen Seite seines Grabhügels kein Schnee liegen blieb. Man erklärte es sich so, daß Frey nicht wolle, daß es zwischen ihm und seinem Freunde je fröre. Frey wohnte im klaren Himmel; man sah und fühlte ihn im Licht und in den Sonnenstrahlen.

Auf der Insel Mostr6 vor dem Hardangerfjord lebte der wohlhabende und mächtige Thorolf, ein „großer Freund“ des Thor und Inhaber eines Thortempels. Als ihm Verwicklungen mit König Harald drohten, brachte er seinem Freunde ein großes Opfer dar und erkundete dabei durch das landesübliche Orakelverfahren (ganga til fr¯ettar) dessen Rat; der Gott wies ihn nach Island. So brach er, von vielen Freunden – kleineren Leuten aus Mostr und Umgegend – begleitet, auf einem große Seeschiff auf und nahm auch den abgebrochenen Tempel nebst der Erde unter dem Altar, auf dem das Gottesbild gestanden hatte, an Bord. Da trieb ihn guter Fahrwind übers Meer und um Islands Südwestspitze herum bis angesichts der großen Busen der Westküste, dann trat Windstille ein, und Thorolf warf nun die heiligen Hochsitzpfeiler über Bord, auf deren einem ein Thorbild geschnitzt war, und versprach laut dem Gotte, dort sich ansiedeln zu wollen, wo er die Pfeiler landen lassen würde. Sogleich trieben diese der nördlicheren Bucht zu, schnell, wie man erwartet hatte. Alsbald erhob sich eine Seebrise, und das Schiff segelte in jenen Busen hinein, der sich gewaltig breit und rings von hohen Bergen umgeben auftat und von Thorolf den Namen „Breitfjord“ bekam. Er landete an der Südseite bei einer einladenden Bucht, wo sich bald denn auch die Hochsitzsäulen bei einem Vorgebirge („Thorskap“) angetrieben fanden, und wo man ein zweites Landnahmefeld abgrenzte durch Umfahren mit dem Feuerbrand zur Abwehr der schädlichen „Landwichte“; der Grenzfluß nach Osten wurde „Thorsach“ genannt. Bei dem Gehöft, das an jener Bucht entstand, wurde der mitgebrachte Tempel in stattlicher Größe neu errichtet, mit dem einem Kirchenchor ähnlichen Anbau, in dem der Altar stand mit dem pfundschweren Eidring darauf und dem Opferblutgefäß mit dem Zubehör zum Sprengen der Wände und der Versammelten mit dem heilbringenden Blut; Götterbilder standen um den Altar (wahrscheinlich Thor hinter diesem, Odin und Frey zu beiden Seiten). Auf dem Thorskap wurde die Stelle, wo der Gott gelandet war, zur Gerichtsstätte bestimmt und der weitere Umkreis als Dingplatz eingerichtet. Der gottgewählte Boden war heilig, so daß er nicht verunreinigt werden durfte, weder durch Blutvergießen noch durch Unrat, ja zu dem Berg, in den die Toten der Familie eingingen (Heiligenberg), durfte niemand ungewaschen die Augen erheben. Als dem Thorolf im Alter ein Sohn geboren wurde, „gab“ er ihn seinem Freunde Thor und nannte ihn demgemäß Thorstein (dessen Enkel war Thorgrimm, der bekannte Gode Snorri).7

Diese Auswanderung und Ansiedelung Thorolfs von Mostr ist ein Hauptbeispiel germanischer Frömmigkeit. Wir haben den Eindruck, daß dieser Großbauer und Häuptling sich kaum genugtun kann in dankbaren Ehrerweisungen an seinen Gott, dessen Freundschaft und große Macht ihn so sichtlich und so weise aus schwieriger Lage, die Tod oder Verlust der Väterfreiheit androhte, hinübergeleitet hatte zu neuem Reichtum und gleicher oder größerer Macht. Auch hier leistet der göttliche Helfer, was außerhalb des menschlichen Bereiches liegt. Während der milde Frey der Gott des klaren Himmels und guten Erntewetters war, beherrschte Thor die kräftigeren, ernsteren Wettererscheinungen, Gewitter, Regen und Wind. Deshalb riefen ihn auch sonst die Seefahrer an, aber als Wettergott überhaupt war er natürlich auch Bauerngott, und wahrscheinlich ist er seit alters der meist verehrte Gott gewesen. Wie wir aus Thorolfs Geschichte ersehen, beschützte er auch Ding und Gericht; Runeninschriften lehren, daß ihm der Friede des Grabes am Herzen lag.8 Thor war somit ausgeprägt ein Gott, der für die Verwirklichung dessen, was in Ordnung ist, und für die Verhinderung von dessen Gegenteil sorgte, ein Helfer nicht bloß des Landwirts oder Seefahrers als eines einzelnen, sondern auch dessen, der das Gemeinwohl im Auge zu haben hatte, des Häuptlings oder „Fürsten“, wie Thorolf einer war.

Außer Freys- und Thorsfreunden gab es im alten Norden auch Odinsverehrer; einer von diesen war der berühmte Skalde und Krieger Egil, Skallagrims Sohn.9 Egil hatte schon seinen Bruder im Kriege und einen seiner beiden hoffnungsvollen Söhne durch ein Fieber verloren, da wurde ihm auch der andere entrissen, indem er ertrank. Ein ergreifendes Kapitel der Egilssaga schildert, wie der Alte die angetriebene Leiche seines Lieblings sitzend vor sich auf den Sattel nimmt, mit ihr zum Grabhügel seines Vaters reitet und sie dort bestattet, dann sich in sein Lager einschließt, um Hungers zu sterben. Am dritten Tage läßt man seine Tochter Thorgerd, die an Olaf Pfau in Hjardarholt verheiratet ist, holen, damit sie helfe, und Thorgerd bringt nun durch kluge Behandlung den Vater so weit, daß seine Lebensgeister zurückkehren und der das Erblied auf den Toten dichtet, das sie in Runen auf Stäbe ritzt, damit es erhalten bleibt, wenn sie beide nun sterben. Aber bei der Ausübung seines edelsten Könnens erwacht Egil vollends zum Leben; er hat das bitterste seines Schmerzes überwunden, indem er ihn in Versen gestaltete.

Das Gedicht, „der Söhne Verlust“, ist erhalten und stellt das persönlichste Bekenntnis dar, welches das vorchristliche Germanentum hinterlassen hat. Der Dichter gedenkt darin auch der Götter, die seinen Verlust verschuldet oder geduldet haben, zuerst des Meergottes Ägir. An diesem würde er am liebsten mit dem Schwerte Rache nehmen, wenn nur seine helferlose Greisenkraft ausreichte. Dann sagt er von Odin, er sei sein Freund gewesen, aber der Gott habe die Freundschaft gebrochen, indem er Egils ersten Sohn in sein Luftreich emporhob, seitdem seien ihm die Opfer, die er dem Herrn von Walhall brachte, nicht mehr aus dem Herzen gekommen – und doch, fährt er fort, hat der Gott mir ja Sühne geleistet, denn er hat mir die makellose Gabe der Dichtkunst verliehen und dazu eine Sinnesart, durch die ich mir noch immer heimliche Widersacher zu offenen Feinden umgeschaffen habe. Diese Offenheiten des schmerzbewegten Egil zeigen vielleicht eindrucksvoller als alle anderen Zeugnisse die Gleichstellung mit den Göttern, die der stolze germanische Große als selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt.

Der Glaube starker Männer an sich selbst, von dem die Rede war, konnte über den an die Götter derart die Oberhand gewinnen, daß die Betreffenden nicht opferten und offen erklärten, nur auf die eigene Macht sich zu verlassen (trua a matt sinn ok megin). Dabei ist unter „Macht“ auch manches von dem zu verstehen, was wir „Glück“ nennen würden. Überraschende Erfolge und Erscheinungen wie das bei uns zur Zeit Wilhelms des Ersten sprichwörtlich gewordene „Kaiserwetter“ (der Sonnenschein, der jede Parade und jeden Städtebesuch des Monarchen zu begleiten schien) rechnete man unter Umständen der Persönlichkeit zu, auch wenn diese nicht als Zauberer bekannt war. Grim Lodenhaut, der mächtigste Mann in Helgeland um 800, hatte immer günstigen Fahrwind, mochte er von seiner Insel Hrafnista nach Norden segeln zum weißen Meer auf „Finnenhandel“ (finnkaup) oder südwärts die Schären entlang, um aus Jäderen oder der Vik Korn zu holen. Da er kein Opferer war, konnte dies nur darauf beruhen, daß ihm, der auch anderweit mehr konnte als andere, gottähnliche Kraft innewohnte. Grims angeblicher Sohn Odd (Örvar-Odd, d. i. „Pfeil-Odd“), ein berühmter Wiking und der Held einer der bekanntesten Sagas,10 soll schon in jungen Jahren allem Religionswesen – so dem Treiben der von Hof zu Hof ziehenden Wahrsagerinnen – abhold gewesen sein; jedenfalls war er einer jener „Götterlosen“, die nur der eigenen Macht vertrauten. Seine Züge führten ihn, wie viele andere Nordleute seiner Zeit, bis ins Mittelmeer, und dort, in Sizilien, ließ er sich bewegen, die Taufe anzunehmen. Die „Götterlosen“ liehen den Bekehrern durchschnittlich ein willigeres Ohr als die Freunde des Thor oder Frey; der „weiße Krist“ brauchte ja aus ihrem Herzen keinen Nebenbuhler zu verdrängen, und ihre Abneigung gegen Gottesdienst war zu überwinden, weil der christliche Kultus mit Glockenklang, Gesängen und Prachtentfaltung ganz neue Reize bot, die Versprechungen der neuen Religion sich auf eine den meisten ganz neue Sphäre bezogen, nämlich auf das Jenseits, und ihre wichtigsten Forderungen, Almosengeben und Schonung der Schwachen, der germanischen Gemütsart nicht fremd waren, sondern ihr oft geradezu entgegenkamen. In Willibalds Biographie des Bonifazius wird erzählt, wie der Apostel der Deutschen in Hessen neben vielen eifrigen Heiden auch solche vorfand, die „schon gesunderen Sinnes waren und allem heidnischen Götzendienst entsagt hatten“. Das waren gewiß zum Teil solche selbstbewußten „Götterlosen“, derengleichen es von jeher bei den Germanen gegeben zu haben scheint, zum größeren Teil allerdings waren es religiös Träge und Gleichgültige, die ebenfalls nie gefehlt haben. Schon Cäsar ist es aufgefallen, daß im Gegensatz zu den höchst religionseifrigen Galliern die Germanen sich mit Opfern verhältnismäßig wenig abgaben. Das bestätigen die nordischen Quellen vollauf. Ein Spruch der Edda lautet so:

Besser nichts erfleht,als zuviel geopfert:Auf Vergeltung die Gabe schaut;Besser nichts gegeben,Als zu Großes gespendet:Eitel manch Opfer bleibt 11.

„Auf Vergeltung die Gabe schaut“ war ein Sprichwort, das zunächst auf menschliche Verhältnisse gemünzt war. Wir können seinen nüchternen Sinn wiedergeben mit „Eine Hand wäscht die andere“.

Es scheint also nichts im Wege zu stehen, Willibald Glauben zu schenken, wenn er behauptet, bei der Fällung der Geismarer Donarseiche durch Bonifazius habe sich kein ernstlicher Widerstand der Heiden bemerkbar gemacht, und diese hätten sich unter dem Eindruck des Wunders alsbald bekehrt. Und doch ist der Wahrheitsgehalt dieser und ähnlicher Bekehrungsgeschichten sicher äußerst gering. Wie es in Wirklichkeit bei der Durchsetzung des Christentums zugegangen ist, das erfahren wir nur aus den nordischen Quellen, besonders aus Snorris Lebensbeschreibungen der beiden Olafe, der königlichen Apostel Norwegens; denn nur hier ist die Sachlichkeit und Unparteilichkeit – unbeschadet der christlichen Überzeugung auch Snorris. Der Lateiner erzählt uns einerseits Dinge, die er unmöglich wissen kann – die Seelenregungen der Heiden -, andererseits läßt er Wichtiges aus; so erfahren wir von ihm z. B. nichts darüber, wie es kommt, daß eine so große Menschenmenge der Fällung der heiligen Eiche beiwohnt. Entweder ist dies eine starke Übertreibung, oder es hat sich um ein Ding gehandelt, und im letzteren Falle könnten wir verlangen, zu erfahren, wer das Ding berufen hatte, welche Redner auftraten, und wie es den angelsächsischen Geistlichen möglich gewesen war, dort Zutritt zu erlangen – wenn wir es mit ernster Geschichtsschreibung zu tun hätten und nicht mit einer Erbauungsschrift. Es ist sehr schade, daß ernste, zeitgenössische Geschichtsschreibung über die Bekehrung Deutschlands vollständig fehlt. Aus dem unklaren, langatmigen Predigtstil Willibalds lassen sich für unsere Frage nur einzelne sicher geschichtliche Tatsachen entnehmen, kleine Oasen in einer dürren Wüste. Eine solche Tatsache von großem Interesse ist die Donarseiche und ihre Fällung. Heilige Bäume und Haine sind auch im Norden – letztere schon bei Tacitus – für die Germanen bezeugt, und die Zerstörung der Heiligtümer war im 10. und 11. Jahrhundert in Norwegen und Schweden ebenso ein Ziel der Bekehrer wie in Hessen im 8. Jahrhundert. Historisch ist es auch, daß Bonifazius, wie sein Biograph gleich anschließen erwähnt, sich in Thüringen an „die Ältesten der Gemeinden und die Fürsten des Volkes“ wandte. Das war das altbewährte und auch später im Norden mit Erfolg geübte Verfahren. Die Christianisierung der Germanen ist von oben nach unten gegangen. Auch wo es, wie in Norwegen, der Kirche gelang, Könige als Apostel in Bewegung zu setzen, gingen diese nach demselben Grundsatz vor.

Olaf Tryggvason erreichte die Taufe der hardangischen Bauernschaft, indem er die dort herrschende Familie des „Haruden-Kari“, Erling Skjalgsson von Sole und seine Oheime, durch Verschwägerung an sich fesselte, so daß sie die Masse ihm gefügig machten; er bediente sich also des Ehrgeizes der Großen, welche aber selbst dazu die Hand boten, weil sie einen gewaltsamen Austrag scheuten – der König war zu mächtig – und aus der unangenehmen Lage wenigstens einigen Gewinn für sich herausschlagen wollten. Von heidnischen Bekenner- und Märtyrergeist ist also jedenfalls in Hardanger nichts zu spüren, und weiter südlich im Lande erst recht nicht, wo man – in Rogaland mit einigen Umschweifen, in der Vik ohne solche – Olafs Befehl sich murrend beugte. Im Drontheimischen dagegen setzte es ernste Schwierigkeiten. Auch hier wandte der König sich an die führenden Familien, aber er mußte Gewalt und kalte Hinterlist anwenden, das Haupt des Widerstandes, der reiche Jarnskeggi von Nrjar, wurde durch die Königsmannen ohne Kampf erschlagen, ehe die äußere Unterwerfung der führerlos Gewordenen und Entmutigten erfolgte. Trotzdem gingen im Binnenlande, bei den „Innentröndern“, die Opferfeste weiter wie seit Urzeiten – drei im Jahr, eins zu Sommers-, eins zu Wintersanfang und eins zu Mittwinter -, und noch zwanzig Jahre später war dort fast alles heidnisch, so daß der zweite Olaf – der „Dicke“, später „der Heilige“ zubenannte – neues Blut fließen lassen, manchen von Haus und Hof verjagen, viele verstümmeln oder blenden lassen mußte (1022). Ähnlich ging es damals im inneren norwegischen Hochland, wo ebenfalls noch viel Heidentum war. Die Drontheimer Bauern haben übrigens schon im Jahre 952 Hakon dem Guten, der als Pflegesohn des Angelsachsenkönigs Ädelstan die ersten Bekehrungsversuche in Norwegen machte, trotzig die Stirne geboten, wovon die Heimskringlas anschaulich erzählt12. Später, unmittelbar vor Olaf Tryggvason, war Hladir am Drontheimfjord der Sitz des Jarls Hakon, der als Herrscher über den größten Teil Norwegens ein bewußter Vorkämpfer des Väterglaubens gewesen ist.

Ähnlich zäh wie im Drontheimischen haftete die germanische Religion in den angrenzenden schwedischen Landschaften und in Uppland und Smaaland. Der große Haupttempel von Uppsala, den Adam von Bremen mit dankenswerter Genauigkeit beschreibt, stand im 11. Jahrhundert noch in voller Blüte, obgleich mit Hilfe des Königs St¯enkel in dem benachbarten Sigtuna ein Bistum errichtet war. Der eifrige deutsche Bischof Adalward hatte einen Anschlag auf den Heidentempel vor, von dessen Niederbrennung er viel erhoffte, aber der Schwedenkönig riet davon ab, weil die Heiden jenen zum Tode verurteilten und ihn selbst aus dem Lande jagen würden. Ein um dieselbe Zeit in Schweden tätiger angelsächsischer Missionar unternahm es, ein Thorbild in einem Tempel mit einer Axt zu zertrümmern, fand aber dabei durch empörte Thorsfreunde den Tod. Was die schwedischen Könige betrifft, so hatte schon jener Olaf, dem die Bauern auf dem Ding seine Schwäche und seinen Hochmut vorhielten, sich taufen lassen, aber dem Christentum in Uppland und nördlich davon noch keine Stätte geschaffen. Dies tat erst der erwähnte St¯enkel, mit dem eine neue Herrschersippe den Thron bestieg, und besonders sein Sohn Ingimund. Von ihm rühmt eine deutsche Quelle, er habe den Heidentempel zu Uppsala gereinigt und zu christlichem Gebrauch eingeweiht. Gleichwohl erhob sich gegen ihn noch eine übermächtige Reaktion. Die Bauern verlangten auf dem Uppsalading von ihm Wiederherstellung der alten Gesetzte und Sitten oder seinen Abgang. Der König weigerte sich und mußte den Bauern weichen (ihren Steinwürfen, wie die isländische Quelle sagt). Er floh nach dem schon älteren Bischofssitz Skara in Westergötland, während sein Schwager Sv¯en, den die Bauern statt seiner ernannten, die alten Pferdeopfer an Odin auf der Stelle wieder einführte („Opfer-Sven“, Blot-Sveinn). Nach drei Jahren überfiel Ingimund mit Gefolge diesen letzten Heidenkönig im Morgengrauen in seinem Hause mit Feuer, und während die Menschen drinnen im Rauch erstickten, ging Sven hinaus und fiel fechtend. Ein letzter heidnischer Sproß des alten Yinglingergeschlechtes, Ingwar, fand landflüchtig ein ruhmvolles Ende im fernen Südosten. Von seinen und seiner Leute Taten erzählen Runensteine in Uppland und Södermanland.

Die germanische Religion ist also nicht stumm und widerstandslos vom Schauplatz abgetreten; auch in Süddeutschland und England ist dies gewiß nicht der Fall gewesen. Auch die Gleichgültigen leugneten Dasein und Macht der Götter ja nicht, und es ist eine bekannte Erfahrung, daß etwas, was man lange besessen hat, ohne es zu schätzen, in dem Augenblick, wo es einem entrissen werden soll, Wert gewinnt; ferner ist unerbetene fremde Einmischung niemandem erwünscht, am wenigsten dem stolzen und kühlen Germanen, der sich eins mit seinen Vätern weiß. Wenn wir in Alkuins Leben des heiligen Willibrord von den Besuchen lesen, die dieser Missionar dem Friesenkönig Radbod machte, um ihn zu gewinnen, so verstehen wir bei genügender Vertrautheit mit germanischem Wesen ohne weiteres die Verbindung von Gastlichkeit und Ablehnung im Benehmen des Fürsten. War dieser einigermaßen feinfühlig (worüber wir nichts wissen), so ist ihm der Fremde als ein Zudringlicher erschienen. In der Biographie eines anderen angelsächsischen Glaubensboten, des heiligen Lebuin, von Hugbald wird erzählt, wie Lebuin auf dem Alding der Sachsen die zu Beginn der Tagung der Sitte gemäß Opfer darbringende Menge von der Nichtigkeit ihrer Götzen und von der christlichen Wahrheit überzeugen wollte und durch seine Reden solche Entrüstung erregte, daß man ihm mit ausgerissenen Zaunpfählen zu Leibe wollte.

Da griffen andere zu seinen Gunsten ein, und ein vornehmer Mann stellte von „einem erhabenen Orte“ aus (d. h. wohl vom Rednerhügel aus, der dem altisländischem Gesetzesberg entsprach) den aufgeregten Leuten vor, es entspreche dem Herkommen der Sachsen nicht, Gesandte zu verunglimpfen („Heilig ist der Herold, der dahinzieht allein“, heißt es schon im alten Liede von der Hunnenschlacht, Thule I, S. 30); darauf beschloß man sofort, daß auch dieser Fremde unverletzlich sein und frei solle abziehen dürfen. Der Edeling soll auch auf die Macht des dreieinigen Gottes verwiesen haben. Aber das wäre wenig klug gewesen und ist schon aus diesem Grunde unwahrscheinlich. Auch ohne christliche Sympathien des Edelings ist sein Auftreten aus germanischer Anschauung heraus ebenso verständlich wie die Achtung König Radbods vor dem Gastrecht, und dieser war Vollblutheide. Von Erfolgen Lebuins auf dem Sachsending verlautet nichts; es heißt vielmehr, er habe dort nur den Märtyrertod gesucht, was zu seinem Leidwesen mißlungen sei. Diese Beispiele zeigen, daß auch in Deutschland die Reden der Bekehrer, obgleich das Gast- und das Botenrecht sie schützte, keinen andern Eindruck zu erzielen pflegten, als daß in ihnen enthaltene Ausfälle gegen die Landesreligion die Menge in Harnisch brachten; ebenso wie im Norden, wo ebenfalls, soweit wir sehen können, die Missionspredigt als solche wirkungslos verhallte. Abgesehen von privaten Umstimmungen einzelner ist es immer nur die Vereinigung von Willen und Macht – auch solcher einzelnen – gewesen, was die Unterwerfung der germanischen Völker unter das Kreuz herbeigeführt hat. Daß es dabei nur selten (wie in Schweden) zu Waffengängen gekommen und der Ausgang schließlich überall derselbe gewesen ist, beruht auf dem Gang der Weltgeschichte und der überlegenen Zielbewußtheit der Christen, während die Germanen plan- und ziellos und außerdem uneinig waren.

Ins Jahr 974 setzen die Sagas einen Vorgang, der als eindrucksvollste Episode aus dem Kampf der Religionen denkwürdig bleibt. Jarl Hakon hatte mit dem Norwegerheer am Danevirke dem Kaiser Otto widerstanden. Da umging dieser die Dänen und Norweger, indem er mit seinem riesigen Heere – in dem sich auch der junge Olaf Tryggvason befand – über die Schlei setzte. Er rückte bis an den Limfjord vor, und auf der Limfjordinsel Mors war es, daß unter dem Eindruck eines Mirakels – Bischof Poppo trug glühendes Eisen – König Harald Blauzahn mit seinem ganzen Heer die Taufe nahm und auch der norwegische Jarl sich taufen lassen und dazu verstehen mußte, Priester mit nach Norwegen zu nehmen, damit auch dieses Land dem Christentum gewonnen würde. Die deutschen Waffen, besonders das Reiterheer – die Nordleute kämpften noch nach alter germanischer Weise fast nur zu Fuß – müssen gewaltig gedroht haben! Als aber günstiger Wind aufkam, da setzte Jarl Hakon die geistlichen Herren aus seinem Schiff ans Land und stach mit der Flotte in See. Er umsegelte Skagen, heerte an beiden Küsten des Öresund und steuerte um Schonen herum bis zu den „Gautenschären“.

Dort landete er und vollzog ein großes Opfer; da kamen zwei Raben geflogen und krächzten laut; das war ein Zeichen, daß Odin das Opfer angenommen habe und der Tag günstig sei zum Kämpfen (Raben waren, ebenso wie Wölfe, siegverheißende Angangstiere, und es waren die Tiere Odins; erst das Christentum schuf den Begriff des „Unglücksraben“). Der Jarl ließ alle seine Schiffe verbrennen, rückte „unter dem Heerschild“ landeinwärts, schlug den Jarl Ottar von Gautland und gelangte mit reicher Beute auf dem Landwege heim nach Drontheim.

Der Jarl rächt sich also für die Demütigung dadurch, daß er christliche Länder – auch Gautland war bereits ein solches – mit Krieg überzieht. Er behandelte alle Christen als seine Feinde, ebenso wie die Kirche alle Heiden bekämpfte. Er führt einen Religionskrieg, und zwar einen reineren Religionskrieg als vor ihm die Araber und die deutschen Kaiser, da er nicht wie diese Land erobern, sondern – trotz der gemachten Beute, unter der sich Kirchenschätze aus Gautland befunden haben werden – im wesentlichen nur die feindliche Religion schädigen, seinen Haß gegen diese ausleben will. Es ist kein Angriffs-, sondern eine Verteidigungs- und Vergeltungsfehde – wie jede germanische Fehde. Wie sonst so oft, so greift auch hier die gekränkte Ehre zur Waffe. Aber sonst ging es gegen eine Sippe oder gegen einen Stamm, ein Reich. Daß die bekämpfte Partei sich nicht nach Sippe oder Staat bestimmt, sondern nach der Religion, das war etwas Neues, wozu erst die Kirche durch das unterschiedslose Ceterum censeo ihres Kreuzzugsgedankens die Germanen erzogen hatte. Jarl Hakon, der Christenfeind, war als solcher ein Schüler der Kirche. Er war es auch insofern, als er die Norweger antrieb, die zum Teil zerstörten Tempel wieder in Stand zu setzen und die alten Götter zu ehren. Jarl Hakon war einer jener ganz Starken, die sonst gern auf die eigene Kraft allein vertrauten. Von ihm und seinem Sohne Eirik, dem eigentlichen Helden der großartigen Erzählung von der Jomswikingerschlacht,13 haben wir den Eindruck, daß dieses Geschlecht eins der kraftvollsten und lebensprühendsten gewesen ist, von denen die Geschichte der Germanen weiß. Und dabei eine heidnische Frömmigkeit, die wenigstens in den Quellen nicht ihresgleichen hat. Die Götter belohnten das: in den ersten Regierungsjahren Hakons herrschte in Norwegen ein fast unerhörter Überfluß an Korn und Heringen, und das gefährliche Treffen gegen die ins Land eingefallenen Jomswikinger endete dank einem Hagelschauer von Norden mit blutiger Niederlage dieser Dänen. Kein Wunder, wenn schließlich den erklärten Göttergünstling Hakon Übermut befiel, so daß er die Drontheimer Bauern gegen sich aufbrachte und so seine Herrschaft der stärksten Stütze beraubte.

Der Dänenkönig aber ließ, nachdem die Deutschen abgezogen, bei Jellinge in Jütland (nördlich von Vejle) zwischen den hohen Grabhügeln seiner Eltern Gorm und Tyre einen großen Runenstein errichten, dessen Inschrift besagt, Harald, König von ganz Dänemark und Norwegen , habe die Dänen zu Christen gemacht. Auch dänische Chroniken nennen Harald Blauzahn als ersten christlichen König, wenn sie auch gleichzeitig noch von einer heidnischen Empörung gegen seine Herrschaft melden. Jedenfalls machte um diese Zeit das Kreuz den größten Fortschritt seit der Unterwerfung der Sachsen durch Karl „den Großen“. Die Asen flüchten über das norwegische Gebirge und die schwedischen Urwälder nordwärts.14

Die späteren Jahrhunderte des germanischen Heidentums stehen überhaupt unter dem Zeichen des Zurückweichen vor der Kirche und den christlichen Einflüssen. Im Süden und am Rhein hat beides schon früh begonnen. Die christlichen Einflüsse sind oft überschätzt worden – man hat sie da gesucht, wo jede Aussicht, sie zu finden, fehlte -, aber zu leugnen sind sie nicht. Das Christentum selbst enthält Bestandteile, die ihm von außen zugekommen sind. Diese stören die Einheitlichkeit des Phänomens „Christentum“ nicht, und so stellt sich auch die germanische Religion recht einheitlich dar, ohne daß dadurch christliche und sonstige fremde Elemente in ihr ausgeschlossen werden, deren Vorhandensein nach sonstiger Erfahrung und allgemeiner Wahrscheinlichkeit notwendig angenommen werden muß. Daß der Grundriß der altnordischen Tempel einem Kirchengrundriß gleicht, wird schwerlich anders als aus Nachahmung der kirchlichen Bauweise zu erklären sein. Die eigenen Götter sollten in einem ähnlich vornehmen Hause wohnen wie der Gott der Christen, der einen freilich sonst nichts anging. Es ist eine Erscheinung gleicher Art, wie wenn Jarl Hakon etwas wie heidnische Kirchenzucht einführt.

In einer geheimnisvollen Eddastrophe sagt Odin von sich: „Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, mit dem Ger verwundet und dem Odin gegeben, ich selbst mir selbst, an jenem Baume, von dem niemand weiß, aus was für Wurzeln er wächst.“ Es folgen dunkle Verse von einem Brotleib und einem Trinkhorn. Dann späht der gefesselte Gott in die Tiefe, nimmt, laut wehklagend, Runen auf und wird durch deren Zauberkraft frei. Der Baum, der aus unbekannten Wurzeln wächst, ist die Weltesche Yggdrasil. Das Hängen und Durchbohren mit dem Speer ist die Form, wie dem Wodan die Menschenopfer dargebracht wurden; die Speerwunde bedeutete den Kampftod, den Wodan von seinen Getreuen verlangte; die Hängung hoch im Winde sollte den Geopferten dem durch die Luft fahrenden Gott darbieten, so daß er ihn auf seiner wilden Jagd mitnahm. Die Neun ist uralte, indogermanische, heilige Zahl. Zählung nach Nächten ist, ebenso wie Zählung nach Wintern, ebenfalls alter, bodenständiger Germanenbrauch, den schon Tacitus kennt. Der Mythus von Odins Hängung und Selbstopferung sieht also gut germanisch aus. Und doch it er wohl nur die Germanisierung von Christi Kreuzestod.

Irgendwann innerhalb der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hat irgendwo an der Donau oder am Rhein ein germanischer Thul von dem Opfertode des fremden Gottes am Kreuz gehört, und daraus ist in seiner lebhaft ergriffenen Phantasie das geworden, was wir in der Edda lesen: ein Zeugnis weniger von christlichem Einfluß auf die ungetauften Germanen als von deren souveräner Verständnislosigkeit gegenüber der jüdisch-christlichen Gedankenwelt.

Schon in vorgeschichtlicher Zeit müssen südliche Religionen zu uns herübergewirkt haben. Balder, der Liebling der Götter und Menschen, welcher stirbt und von aller Natur und Kreatur beweint wird, in die Unterwelt wandert und von Hel zurückerbeten wird, ähnelt dem Adonis und besonders dessen Urbild, dem sumerisch-babylonischen Wachstumsgott Tamuz, so sehr, daß er ebenso wie Adonis letzten Endes aus Mesopotamien stammen muß. Im alten Vorderasien sind Kulte und Religionen aufgeschossen wie Pflanzen in einem Treibhause, und mehrere von diesen sind weit nach Europa hinein ausgestrahlt, am weitesten und am nachhaltigsten das Christentum, aber vor, neben und nach ihm auch andere Religionen, so die Verehrung des Adonis, Attis, Mitra und anderer Heilbringer. Der nordeuropäische Vertreter dieser Gruppe ist Balder.15 Auch er erscheint in interessanter Weise germanisiert, aber die fremden Bräuche und Vorstellungen haben sich in diesem Falle merkwürdig stark geltend gemacht und sich merkwürdig treu durch die Jahrhunderte behauptet, wenn auch anscheinend lange nicht überall in Germanien. So sicher es Balderheiligtümer gegeben hat, und so sicher der todgeweihte Gott nicht bloß in Skandinavien und Dänemark, sondern auch in Norddeutschland bekannt gewesen ist, so gewiß ist die Spärlichkeit seiner Bezeugung nicht zufällig. Als den nordischen Baldergläubigen die erste Kunde von Christus zukam, fiel ihnen die Ähnlichkeit der beiden Gestalten auf, und sie machten ihren Balder, um es den Fremden gleichzutun, vollends zu einer Art Christus, indem sie ihn „blutiges Opfer“ nannten.

Schon Tacitus weiß, daß hier und da in Germanien – ähnlich wie in Rom – auch fremde Gottheiten verehrt wurden. „Einen Teil der Sweben“ läßt er nämlich der ägyptischen Isis opfern, die auch in Rom Anhänger hatte, und für deren Kult ein herumgeführtes Schiff kennzeichnend war. Wenn es auch fraglich bleibt, ob die betreffende Göttin bei den Sweben wirklich „Isis“ hieß – denn dies könnte ja „römische Interpretation“ sein -, so liegt doch kein Grund vor, die Richtigkeit der Angabe an sich zu bezweifeln. Von einem der östlichen Stämmen, den „Nahanarvalern“ im heutigen Schlesien, berichtet Tacitus, daß dort ein göttliches Brüderpaar verehrt werde und der Priester wie eine Frau gekleidet sei, also lange Gewänder trage. Es ist diese eine der Stellen in der „Germania“, wo man den germanischen Berichterstatter zu hören glaubt. Als die ersten christlichen Glaubensboten, talartragende Geistliche, nach Island kamen, verspottete man sie dort als Weiber wegen ihrer Tracht. In ähnlichem Sinne werden sich die Nachbarn der Nahanarvaler über deren sonderbare Priestertracht unterhalten haben. Gewiß war diese Tracht die Nachahmung irgendeines südöstlichen Vorbildes. Durch Schlesien ging eine alte Handelsstraße die Oder hinab. Die lappische Nachahmung germanischen Opferbrauchs lehrt, daß germanische Opferpriester Kränze auf dem Haupt getragen haben, nach mittelmeerischer Sitte. Gerade auf dem Gebiete der Tracht und des Schmucks sind Entlehnungen von Volk zu Volk etwas sehr Häufiges. Die Germanen, die nicht auf südlichem Kulturboden den Zusammenhang mit den Stammesgenossen verloren hatten, haben in ihrer Masse keine Neigung gezeigt, fremde Moden anzunehmen, im Gegensatz zu den germanischen Völkern im Mittelalter und in der Neuzeit; Hosen, Haartracht u. a. unterschieden sie dauernd von Römern und Griechen. Aber die gehobene Sphäre des Gottesdienstes konnte leicht Ausnahmen schaffen. Die betreffenden Kulte konnten gleichwohl bodenständig sein, wie denn Tacitus dies von dem Kult der germanischen Dioskuren ausdrücklich hervorhebt. Diese sind wahrscheinlich ein Erbe aus indogermanischer Urzeit, da sie nahe Gegenstücke bei Indern (die Açvins) und Griechen haben.

Unter denselben Gesichtspunkt fällt der Hauptbestand der germanischen Religion. Nicht bloß der sogenannte niedere Aberglaube, einschließlich Beschwörungsformeln – wie die des Merseburger Balderspruches, die sehr ähnlich im Veda wiederkehrt -, ist indogermanisch – war bei den Vorfahren der Germanen in Gebrauch lange, ehe der letzteren Sprache entstand -, sondern auch der Glaube an die Himmelsgötter, die von oben alles sehen und lenken, und die man im Freien anruft, so wie in einem Eddaliede Sigurd und die von ihm erweckte Walküre auf Bergeshöhen beten:

Heil euch, Asen!Heil euch, Asinnen!Heil dir, fruchtschwere Flur!Rat und RedeGebt uns ruhmreichen beidenUnd heilkräftige Hände!

„Asen“ (älter „Ansen“, ansis16) war der verbreitetste germanische Name für die übermächtigen Wesen am Himmel und im Luftraum, die bei den Römern superi (die Oberen), bei den Griechen uranioi (die Himmlischen) hießen. Die Mannigfaltigkeit der Bezeichnungen zeugt von lebhafter Beschäftigung mit diesen Wesen. Besonders merkwürdig ist ein Name für sie, der nur im Altnordischen begegnet und dort t¯ivar lautet, aber uralt ist, denn er ist dasselbe Wort wie das gleichbedeutende lateinische dei (dii, divi) und das ebenfalls gleichbedeutende altindische d¯ev¯ah; es ist dies also ein nachweislich urindogermanischer Name für die Himmelsgötter. Schon in indogermanischer Urzeit dachte man sich diese nach irdischem Muster als eine Familie und verehrte demgemäß am höchsten das Haupt dieser Familie, das man den Himmelsgott im engeren Sinne und zugleich den „Vater“ nannte: altindisch Dyauspitar, griechisch Zeus pater, lateinisch Ju-piter. Auch bei den Germanen findet sich dieser oberste, väterliche Himmelsgott. Es ist Wodan, der mit seiner – nicht immer einverstandenen -2 göttlichen Gemahlin im Himmel haust als Vater der Götter und Menschen und seine besondere Freude an Krieg und Männerfall hat, alles ganz wie Zeus. Jedoch heißt Wodan nicht so, wie der himmlische Vater der südlichen Indogermanen und demnach schon der der Urindogermanen hieß; dessen Namen trägt vielmehr ein anderer germanischer Gott, der Tyr der Nordleute, Tiw der Angelsachsen, Ziu der Hochdeutschen, nach dem noch heute der dritte Wochentag heißt (dänisch Tisdag, englisch Tuesday, alemannisch Ziestig). Leider wissen wir von diesem Tyr nur wenig. Das beruht aber darauf, daß der seit Urzeiten als Tyr (germanisch Tiwas) verehrte Himmelsvater bei den Germanen schon früh den Namen Wodan (Wodanas) bekommen hat, weil es einen ihm ähnlichen Gott Wodan gab und man die beiden als einen und denselben auffaßte, welchen Wodanas, und nicht Tiwas, zu nennen sich empfahl, da letzterer Name, der ja auch allgemein Gott (Himmelsgott) bedeutete, weniger auszeichnend war (derselbe Grund hat dazu mitgewirkt, daß z. B. der Jupiter der Römer nicht „Deuspiter“ heißt, sondern Jupiter). Ehe Wodan Himmelsvater wurde, war er jedenfalls ein Luftwesen, das man im Zug und Geräusch des Windes zu spüren glaubte, und das man sich mit zahlreichem Gefolge, auch von hellkreischenden Mädchen, über uns einherbrausen dachte. Das ist die Erscheinungsform des indischen Gottes Vata, der auch im Namen unserem Wodan nah verwandt ist; Vata ist zugleich das indische Wort für „Wind“, und Wodan hat ebenfalls ursprünglich „Wind“ oder „Weher“ bedeutet. In dem deutschen und südskandinavischen Volksglauben vom wilden Jäger ist dieser uralte Sturmdämon bis heute am Leben, und zwar in der altertümlichen Gestalt, die er hatte, ehe er Himmelsvater wurde, und die durch diese Erhöhung des Gottes nicht aus dem Bewußtsein des Volkes verdrängt worden ist.17 Volksglaube und Religion waren, soweit unser Blick in der Zeit hinaufreicht, niemals ganz dasselbe.

Von Anfang an treffen wir bei den Germanen große, öffentliche Kulte mit Tempeln, Götterbildern und öffentlichem Priesteramt, neben viel zahlreicheren Naturkulten an Quellen, in Hainen und an sonstigen heilig gehaltenen Örtlichkeiten. Letztere rückt Tacitus, in dem Bestreben, das von den Römern grundverschiedene Naturvolk zu schildern, stark in den Vordergrund, und daher gelten sie heute noch vielen als die eigentlich germanische Form der Götterverehrung – offenbar mit Unrecht, wenn der Irrtum auch begreiflich ist, da die ahnungsvolle Ehrfurcht vor der im Hainesrauschen gestaltlos webenden Gottheit, das schweigende Schöpfen aus der heiligen Quelle auf Helgoland (von der Willibrords Leben erzählt) oder eines Thorolf fromme Scheu vor den Geistern von Berg und Wiese uns unmittelbar sympathisch ansprechen – wie denn Klopstock dadurch zu dichterischem Neuerleben gebracht worden ist -, die Opfermahlzeiten und der Wedel zum Blutspritzen dagegen, welche die altnordischen Quellen uns vorführen, auf zarte Gemüter abstoßend wirken müssen und man natürlich seinen Vorfahren lieber das Sympathische zutraut als das Fremdartige oder gar Abstoßende. Daß solche Gefühlsurteile Beweiskraft hätten, wird niemand behaupten wollen. In Wahrheit ist den Germanen beides zuzutrauen, auch das manchem Unsympathische. Im Jahr 14n.d.Ztr. machten die Römer im Gebiet der Marsen, zwischen Ruhr und Lippe, einen Tempel der „Tamfana“ dem Erdboden gleich, offenbar deshalb, weil diese Kultstätte mit dem dabeiliegenden Dingfeld der Mittelpunkt der Marsen war, die hier ihre Herzöge wählten und von hier unter dem Schutz der Götter zum Kriege auszogen. Eine Götterstatue z. B. wird erwähnt bei der Nerthus, die nach beendeter Umfahrt mit den heiligen Rindern im See rituell gereinigt wurde. Auch hat sich in Dänemark ein sehr altes Götterbild aus Holz gefunden, und die vielen Götterbilder der altnordischen Quellen wären ebenso wie die altnordischen Tempel und die gemeingermanischen Ausdrücke für „Tempel“ unerklärlich, wenn sich nicht alten Gebrauch fortsetzten. Die blutigen Tier- und Menschenopfer bezeugt ebenfalls bereits Tacitus, ja schon bei Plutarch lesen wir von den rituellen Schlachtungen der Kimbern und dem Wahrsagen ihrer Weiber aus den Eingeweiden. Die größten Opfer waren die öffentlichen, und nur bei diesen wurden auch Menschen der Gottheit dargebracht.Nach Tacitus verehrten die Germanen, abgesehen von örtlich begrenzten Kulten wie dem der Nerthus oder dem der Tamfana, drei große Götter: Merkurius, Herkules und Mars.

Unter den letztgenannten ist Tiwas, unter „Herkules“ Donar, unter „Merkurius“ aber sicher Wodan zu verstehen. Diesen, sagt Tacitus, verehren sie am höchsten, und ihm allein bringen sie Menschenopfer dar. Diese Angabe zeigt, daß Wodan zu Tacitus‘ Zeit schon ungefähr das war, was er in den nordischen Quellen ist, nämlich der oberste Gott, der eigentliche Empfänger von Menschenleichen und – was hiermit natürlich eng zusammenhängt – der Gott, der die Toten ins Jenseits abholt (dies gab den Anlaß zur Interpretation als Merkurius). Die Verschmelzung des Windgottes mit dem herrschenden Himmelsvater hatte sich also damals schon vollzogen; das Luftgefolge jenes war als Totenheer in das neue Glaubensgebilde eingegangen. Hierfür spricht auch, was Tacitus in seinem 39. Kapitel über das große Stammesheiligtum im Gebiete der Semnonen (in der späteren Mark Brandenburg) mitteilt. Der allwaltende Gott, der hier in banger Scheu mit Menschenopfern geehrt wird, ist Wodan. Der Schriftsteller meint es deutlich genug zu sagen und daher den Namen weglassen zu können, wodurch die fromme Scheu sozusagen auf Autor und Leser übertragen und also der Eindruck gesteigert wird. Der Hain, den die Gläubigen nur gefesselt betreten, und in dem niemand sich vom Boden erheben darf, ist auch der Edda als „Fesselhain“ (Fjöturlundr) bekannt; in seinem Frieden vollstreckt Dag die Rache an dem sonst unüberwindlichen Helgi, und er tut es mit Odins Beistand und Einverständnis, wünschte doch der Gott solche speergetroffenen Opfer in seinem Hain. Dieser Fesselwald der Semnonen und nordische Nachrichten über den „Schrecker“ Odin zeigen, daß die religiös kühlen, selbstbewußten Germanen doch auch Furcht und Gehorsam wenigstens gegenüber einem, ihrem furchtbarsten und mächtigsten Gotte gekannt haben.

Die tiefe Scheu vor Wodan galt seiner undurchdringlichen Weisheit, die sich oft als Tücke darstellte. Wenn einer der heidnischen Götter allmächtig war, so Wodan, und er war es kraft eines zauberhaften Könnens und Wissens, gegen das die Zauberkünste aller anderen Wesen ein Nichts waren. Wodan war der schlechthin Überlegene und Unerforschliche. Ihm zu vertrauen, war nicht jedermanns Sache. Er konnte zwar helfen wie kein anderer, besonders zu Sieg im Kriege, aber er konnte seinen Freund jeden Tag verraten, indem er sich plötzlich gegen ihn wandte. Das sagenhafte Hauptbeispiel hierfür ist das Schicksal des großen Dänenkönigs Harald Kampfzahn. Dieser versprach dem Gotte alle Krieger, die er erschlagen würde, und erhielt dafür Unverwundbarkeit durch Eisen und die Kunst der keilförmigen Schlachtordnung. Harald hatte aber einen vertrauten Diener, Bruni, der oft Botengänge für ihn machte. Auf einer dieser Wanderungen ertrank Bruni in einem Flusse, und Wodan nahm seine Gestalt an und diente unerkannt dem Könige, der von jenem Unglücksfall nicht erfahren hatte. Dabei säte er durch falsche Botschaften Zwietracht zwischen seinem Herrn und dem Schwedenkönig Sigurd Ring, so daß es zum Kriege kam.

Als der alternde Harald an der Spitze unübersehbarer Heerscharen auszog zum Treffen auf den Bravellir, da war Bruni sein Wagenlenker, und dieser meldete, auch die Schweden rückten in Keilstellung an. Dem Greise kamen böse Ahnungen, er begann seinem Wagenlenker zu mißtrauen, in ihm den verkleideten Wodan zu erkennen, und wirklich stieß dieser ihn, als das Schlachtengetümmel seinen Gipfel erreicht hatte, vom Wagen auf das blutige Feld und erschlug den Wehrlosen mit einer Keule. – Eine ähnlich trugvolle Rolle spielt Wodan in der Geschichte des fränkischen Heldengeschlechtes der Wölsungen, das lange seinen besonderen Schutz genießt. Sigmund verdankt ihm ein wunderstarkes Schwert, aber dieses Schwert zerbricht in einer Schlacht, so daß Sigmund den Tod findet, weil der Gott aus den Reihen der Feinde heraus seinen Speer der geschwungenen Klinge entgegengehalten hat. – Auch dem Jarl Hakon von Norwegen, der auf Odin so großes Vertrauen setzte, wurde dieser schließlich untreu, indem er ihm böse Ratschläge eingab und seinen Gegnern den Sieg schenkte.Die Furchtbarkeit Wodans erklärt sich daraus, daß er die Toten abholt. Als Herr über Leben und Tod ist er so unberechenbar wie das Todesschicksal selbst.

Es findet sich aber in altnordischen Quellen ein frommer Gedankengang, der Odins Unberechenbarkeit begründet, ja feiert. Der unbekannte Skalde, der nach dem Fall des Norwegerfürsten Eirik Blutaxt (um 950) diesen verherrlichte, indem er seinen Einzug an der Spitze der von ihm Erschlagenen in Walhall darstellte, läßt den Herrn von Walhall auf die Frage, warum er einen so tapferen Helden habe fallen lassen, zur Antwort geben: „Es schaut der graue Wolf zu den Göttersitzen herüber!“ Das ist der Fenriswolf, das gefährlichste der Ungeheuer, die immer auf der Lauer liegen gegen die Götter und gegen den Bestand der Welt und eines Tages wirklich losbrechen. Dann wird Odin seine Getreuen zum Kampfe führen gegen die niederreißenden Gewalten, und es wird der härteste aller Kämpfe sein, darum sorgt der weise Weltherrscher schon jetzt und immerfort für Stärkung seiner Mannschaft, und gerade die Stärksten und Mutigsten sind ihm am meisten willkommen: von Odin unterstützt sorgen sie im Leben für scharenweisen Männerfall, sobald aber ihre Kraft für das Diesseits erschöpft ist, müssen sie selber fallen, um im Jenseits mit ihren Feinden zusammen dem höchsten Zwecke dienen zu können. Wenn die Berge stürzen und die Erde ins Meer sinkt, dann entscheidet sich das Schicksal der Welt oben am Himmel, wo Götter und Tote hausen.Das ist die altnordische Theodicee, eine rechte Ausgeburt germanischen Kriegerlebens. Zu ihr gehört auch das Bild von Walhall: in der riesigen Halle, die mit Schilden gedeckt ist statt mit Schindeln, Speere als Dachsparren hat, vor deren Giebel Wolf und Adler tot hängen, deren Bänke mit Brünnen (d. h. mit ringbenähten Kampfwämsern) statt mit Kissen belegt sind, da schmaust und zecht Odins Gefolgschaft – die Einherier – Tag für Tag, jeden Morgen ziehen sie aus, um einander im Kampfe zu fällen, sitzen dann aber alle gesund und einträchtig beisammen (dies eine freie Variante der seit alters weit verbreiteten Ortssagen von Heeren Gefallener, die auf oder über Schlachtfeldern in der Luft allnächtlich weiterkämpfen, wie so viele Gespenster die entscheidende Tat ihres Erdenlebens ruhelos wiederholen müssen). Natürlich kommen die Einherier, welche fallen, ebenso nach Walhall wie Krieger, die auf Erden den Kampftod leiden.

Da letzteres dank Odins Walten von jeher geschehen ist und ständig weiter geschieht, ist die Zahl der Walhallgäste riesig groß und wächst fortwährend weiter. Aber es ist dafür gesorgt, daß Speise und Trank nicht ausgehen: ein unsterblicher Eber wird in einem wunderbaren Kessel – einer Art Gralschüssel – vom kunstfertigen Walhallkoch dauernd gesotten (wie ein Opfer im Tempel, während man im gewöhnlichen Leben das Fleisch am Spieß briet), indes die Ziege Heidrun, die wie die Hausziege manches norwegischen Bergbauern auf dem Dach weidet, aus ihren Eutern nimmerendenden Met spendet, den die Walküren – Odins Dienerinnen, die die gefallenen Krieger von der Walstatt holen – den Einheriern über die Feuer zureichen.

So geht es in dieser größten aller Fürstenhallen beim höchsten aller Herrscher tagaus, tagein, jahraus, jahrein zu, bis das Weltende, Ragnarök, hereinbricht. Inzwischen zieht Odin Kundschaft ein durch seine beiden Raben, die durch alle Welt fliegen, oder er sitzt mit Frigg (althochdeutsch Frija) draußen auf der Türbank (Hlidskjalf) und späht hinunter zu den Menschen oder hinüber zu den Riesen, oder er besteigt sein Wunderroß Sleipnir, das ihn durch die Lüfte trägt, und reitet selbst auf Kundschaft, meist ins Menschenland, wo besonders Schlachtfelder ihn anziehen (wenn man durch den gebogenen Arm sieht, kann man ihn über die Walstatt reiten sehen), zuweilen aber auch nach Riesenheim, den eigentlichen Jagdgründen seines starken Sohnes Thor, der in seinem von Böcken gezogenen Wagen über das Himmelsgewölbe donnert und die Riesenbrut, die Schädiger der Menschen, erschlägt, auch die Weiber nicht schonend. Asen und Riesen wohnen benachbart, wie zwei feindliche Stämme auf Erden. Es gibt einen Grenzfluß zwischen ihnen. Oft erscheint Odin auf Erden als Wanderer. Dann erkennt man ihn an seinem Mantel, dem breiten Hut,18 langen Bart und der Einäugigkeit.

Solche Gestalten treten in den nordischen Sagenerzählungen öfters auf, und meist bleibt es im Dunkel, ob es wirklich Odin ist. Hierin spiegelt sich der alte Volksglaube. Bei manchem Fremden fragte man sich, ob er ein Gott gewesen sei, nicht immer wegen seines Aussehens, manchmal auch wegen seines Benehmens (wie Harald Kampfzahn), oder wegen einer inneren Wirkung, die man von ihm verspürte, so wie Telemach, nachdem Athene in des alten Mentes Gestalt ihn verlassen, Kraft und Mut und heftige Gedanken an den fernen Vater in sich aufsteigen fühlt und daher gleich ahnt, der Besucher sei ein Gott gewesen. Gerade der allgewaltige Odin machte sich oft im Innern fühlbar. Wir sahen schon, wie der Skalde Egil ihm Dichtergeist und Charakter zu verdanken glaubte. Ein anderer Skalde sagt von dem Fürsten, dessen Tapferkeit im Kampfe er preist, Odin sei in ihm gewesen. Vielgestaltig und vielnamig ist Odin. Im Grimnirliede der Edda, wo er unerkannt Not leidet zwischen den Feuern in der Halle des ungastlichen Königs, hebt er den Blick zu den himmlischen Wohnungen und enthüllt sich schließlich in seiner ganzen Majestät; der König, dem die Augen aufgehen, stürzt in das eigene Schwert und fällt dem Gott als Opfer (eine ähnliche Sage wie die griechische von Zeus und dem ungastlichen Arkadierkönig Lykaon).

Walhall hat 640 Tore, und aus jedem dieser Tore ziehen acht Hundertschaften (960) Einherjer, wenn die Ragnarökschlacht geschlagen werden soll auf dem Felde Vigrid oder auf der Insel Oskopnir. Dann rücken Fenrir und die Scharen der anderen Riesen und Ungeheuer an gegen die Asen und ihr Heer. Die Asen werden tapfer kämpfend fallen, und Walhall wird in Flammen aufgehen. Frey erliegt dem Feuerriesen Surt; Thor tötet die Weltschlange, aber ihr Gifthauch wird ihm zum Verderben, so daß er neun Schritte von der Verendenden zurücktritt und dann tot umsinkt; Odin wird von dem Wolfe verschlungen, doch sein Sohn Vidar rächt seinen Tod, indem er den bis in den Zenith ragenden Oberkiefer des Ungeheuers mit starker Faust nach oben umbiegt, so daß Fenrir stirbt – ein echt volkssagenhaftes Bild von großartiger, schlichter Plastik.Die junge Göttergeneration überlebt die Katastrophe und wird in einer neuen Welt im Saale Giml¯e, der heller leuchtet als unsere Sonne, sich des Lebens freuen. Doch weiß niemand von dieser fernen Zukunft Gewisses zu sagen.

Die Ragnarökvorstellungen des alten Nordens sind vielgestaltig. So dachte man sich die Götterfeinde in verschiedener Gestalt und unter verschiedenen Namen – einer davon war „Muspells Söhne“, dämonische Reiter, die mit Feuer durch den dunklen Grenzwald geritten kommen -, aber auch der Kampf der Götter wurde verschieden vorgestellt, besonders aber waren die Naturkatastrophen mannigfach: bald handelte es sich um ein Versinken der Erde ins Meer – aus dem sie dann zu neuem Leben wieder auftaucht, so daß Wasserfälle von den Felskanten stürzen, über denen der Adler schwebt, nach Fischen spähend -, bald um eine gewaltige Feuersbrunst, die hoch zum Himmel emporschlägt, bald um den Fimbulwinter, in dem alles Lebendige erfriert bis auf ein junges Menschenpaar, das „in Hortmimes Holze“ Zuflucht findet und, wenn die Sonne wieder steigt, neue Geschlechter begründen wird.

Wie weit die nordischen Ragnarökgedanken auch südgermanisch, also in Deutschland verbreitet, gewesen sind, das läßt sich urkundlich nicht feststellen. Da aber Weltuntergangsvorstellungen bei vielen Völkern belegt sind und zum Teil in sehr ähnlicher Form wie bei den Nordgermanen (der Fimbulwinter z. B. ist auch persisch), so sind den südlichen Nachbarn der Nordleute, die fast die gleiche Sprache wie sie redeten, solche Vorstellungen erst recht zuzutrauen. Daß sie ihnen nicht gefehlt haben, ist beweisbar. Es gibt nämlich wörtliche Anklänge zwischen altnordischen Gedichten, die Weltschöpfung und Weltuntergang behandeln, und stabreimenden deutschen Versen, die unter anderem das Wort m¯udspell oder muspilli in der ungefähren Bedeutung von „Weltuntergang“ enthalten. Ferner kommt die Ursprungssage in Betracht. Wenn man dem Irmin eine Säule errichtet hat, mit der die Welt gestützt werden sollte, so hat man eben gefürchtet, daß die Welt oder der Himmel einmal einstürzen würde (ein Glaube, der für die alten Kelten ausdrücklich bezeugt ist), und der Gott, der die Welt stützt, tat dasselbe wie Odin, der Kämpfer sammelt, um die Welt zu verteidigen.

Auch das Christentum hat eine Lehre vom Weltuntergang, die sich mit dem heidnischen Ragnarökglauben nahe berührt: vor dem Jüngsten Gericht wird die Welt mit Feuer verheert. Schon die ersten Bekehrer brachten dieses christliche Ragnarök zu den Germanen, und wir finden es zum Beispiel dargestellt in der alten stabreimenden Predigt aus Bayern, die den Namen „Muspilli“ führt. Die einzelnen heidnischen Anklänge in diesem Text und die Wiederkehr des vernichtenden Feuers können aber nicht darüber täuschen, daß die letzten Dinge des Christentums etwas von Grund auf anderes sind als das germanische Ragnarök. Das eschatologische Feuer der Christen ist gesandt von der Gottheit, um die sündige Menschheit heimzusuchen. Das heidnische Weltfeuer und die anderen heidnischen Ragnarökkatastrophen sind rein naturhafte Vorgänge und richten sich gegen die Götter, welche ihnen, bzw. den feindlichen Dämonen, widerstehen und dabei den Heldentod sterben, unterstützt von Scharen wackerer Krieger, den Menschen, die mit ihnen eines Sinnes sind. In diesem einfachen und anschaulichen Gegensatz verkörpert sich der tiefe Unterschied christlicher und germanischer Lebensanschauung überhaupt.

Das germanische Ragnarök, die bei weitem reichste, die eigentlich klassische Ausprägung des Weltuntergangsgedankens als solchem,19 ist zugleich ein treuer Ausdruck des germanischen Lebensgefühls. Germanien war ein Land voll Gefahren und Unsicherheit; die Natur drohte an den wahrscheinlich noch ganz ungeschützten Küsten mit Überschwemmungen und mit Wanderdünen, der Urwald barg hungrige Raubtiere in Menge, Geächtete trieben ihr Wesen, nie konnte man sicher sein vor dem Überfall beutelüsterner Scharen oder landsuchender Bevölkerungen, und zahlreich waren diejenigen, die in offener oder schlummernder Fehde lagen mit nahen oder fernen Nachbarn. Solche Verhältnisse mußten wohl Ragnarökstimmung erzeugen und Ragnarökphantasien begünstigen. Wenn die einzelne Siedelung früher oder später den Elementen oder dem Feinde zum Opfer fiel, warum sollte das Ganze der Welt besser daran sein?

Der Germane duckte sich aber nicht mit Seufzen und Wehklagen unter das Schicksal, sondern er trat ihm aufrecht gegenüber, entschlossen, es abzuwenden oder, wenn der Feind die Oberhand behielt, ehrenvoll zu fallen, und dieses mannhafte Trotzen war für ihn die eigentliche Würze des Lebens. Seine Götter, die seine Freunde waren, dachten wie er. Auch für sie war Gegenwehr selbstverständlich, nicht bloß im aussichtsreichen, sondern erst recht im aussichtslosen Kampfe. So symbolisiert sich in dem Vorsorgen Odins und dem tragische Fall der Götter ein tiefer Lebensernst, das Beste des germanischen Charakters.Die germanische Religion ist, verglichen mit anderen, sehr wenig illusionistisch. Erwartete der Germane wirklich Außerordentliches, etwas wie ein absolutes Heil oder eine radikale Erlösung vom Lebensleid, von seinen Göttern, so würde er sich ihnen viel rückhaltloser und wärmer hingeben und unterwerfen, als er, wie wir gesehen haben, durchschnittlich tut. Er bleibt aber mit seinen Hoffnungen im Bereich der eigenen Lebenserfahrung, für die es Böses und Gutes, aber kein absolutes Heil gab.

Zitate: Friedrich II von Preußen

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Friedrich der Große / der Alte Fritz

Das Zeugnis, einige Wahrheiten entdeckt und einige Irrtümer zerstört zu haben, ist nach meiner Meinung die schönste Trophäe, welche die Nachwelt zum Ruhme eines großen Mannes errichten kann. Wenige Menschen denken, und doch wollen alle entscheiden. Ich will der erste Diener meines Staates sein. Dasjenige, wodurch die Menschen am meisten zu Fehlern veranlaßt werden, ist, daß sie sich meistens mit vagen Vorstellungen begnügen und sich nicht die Mühe geben, sich klare Ideen über die Dinge zu machen. Die Klugheit ist sehr geeignet zu bewahren, was man besitzt, doch allein die Kühnheit versteht zu erwerben. Es heißt, dass wir Könige auf Erden die Ebenbilder Gottes seien. Ich habe mich daraufhin im Spiegel betrachtet. Sehr schmeichelhaft für den lieben Gott ist das nicht. Seine Pflicht erkennen und tun, das ist die Hauptsache. Eine Regierung muss sparsam sein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß ihres Volkes stammt.

Es ist gerecht, dass jeder einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen. Aber es ist nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommens mit dem Staate teilen muss. Ohne Nachschub ist keine Armee tapfer. Kenntnisse kann jedermann haben, aber die Kunst zu denken ist das seltenste Geschenk der Natur. In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Ein Augenblick des Glücks wiegt Jahrtausende des Nachruhms auf. Je mehr man altert, desto mehr überzeugt man sich, dass seine heilige Majestät der Zufall gut drei Viertel der Geschäftedieses miserablen Universums besorgt. Der Charakter der Wahrheit bedarf keiner Waffen, um sich zu verteidigen. Sie braucht sich nur zu zeigen, und sobald ihr lebhaftes Licht die Wolken zerstreut hat, worin sie verhüllt war, so ist sie ihres Triumphes sicher. Der Beamte und der Philosoph beziehen ihre Stärke aus der Sachfremdheit. Bosheit ist eine Art Delirium und verwirrt den Verstand. Die Juden sind von allen Sekten die gefährlichste und man muss verhindern, dass ihre Zahl wächst. (Der Spiegel, 45/2011, S. 83) Man muß verzeihen können. Das Leben des Menschen ist zu kurz, als daß er es mit Nachtragen und Rachsucht hinbringen dürfte. Mir geht es auch nicht immer, wie ich es haben möchte. Trotzdem muß ich immer König bleiben. Rhabarber und Geduld wirken vortrefflich. Jedem das seine. (Suum cuique.) Man muß seine Feinde kennen. Ihre Verbündeten und die Natur ihres Landes, um einen Feldzug planen zu können. Die große Kunst besteht nur darin, die Summen zu erheben, ohne die Staatsbürger zu bedrücken. Nicht aus Schwachheit endigt man ein unglückliches Leben, sondern aus überdachter Klugheit, die uns überzeugt, daß der Zustand, in dem uns niemand schaden und nichts unsere Ruhe stören kann, unser größtes Glück ist. Nichts hat mehr Ähnlichkeit mit dem Tode als Müßiggang. Nichts versüßt unser Dasein mehr, als eine gewisse Seelenruhe, welche die Sorgen und trüben Vorstellungen, die den Geist beunruhigen, verscheucht.

Nichtstun ist halber Tod; das Leben äußert sich nur in der Tätigkeit. Seien Sie fest in Ihren Entschlüssen. Wägen Sie das Für und Wider vorher ab; aber wenn Ihr Wille einmal erklärt ist, so gehen Sie um alles in der Welt nicht davon ab. Wer seine Absichten zu früh enthüllt, bringt sie zum Scheitern. Denn er gibt seinen Feinden und Neidern zu Gegenmaßnahmen Zeit. Wer Schweigen kann, der kann zu schönen Eroberungen gelangen. Kein Mensch taugt ohne Freude. Liebe und Haß lassen sich nicht befehlen, und jeder ist in diesem Stück zu den Empfindungen berechtigt, die er nun einmal hat. Luxus treibt den Menschen zu keiner einzigen Tugend an, sondern erstickt meist alle besseren Gefühle in ihm. Lange genug war ich Amboß, jetzt will ich Hammer sein. Soll das Land glücklich sein, will der Fürst geachtet werden, so muß er unbedingt Ordnung in seinen Finanzen halten. Erfahrungen nützen gar nichts, wenn man keine Lehren daraus zieht. Tu den Menschen Gutes, und sie werden dich segnen: Das ist wahrer Ruhm. Es ist besser, daß ich meine Pflicht tue, als daß ich mir eine Predigt anhöre, meine Pflicht zu tun. Tu keinem etwas an, wovon du nicht willst, daß es dir geschehe – in diesem Grundsatz liegt alle Tugend, liegen alle Pflichten des Menschen gegen die Gesellschaft. Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie professieren, ehrliche Leute sind. Alles in der Welt ist Torheit, nur nicht die Heiterkeit. Tyrannen zählen ein Menschenleben nicht. Alles, was man aus dem Soldaten machen kann, ist, ihm Korpsgeist zu geben, das heißt eine höhere Meinung von seinem Regiment, als von allen anderen Truppen des Erdreichs. Als Grundgesetz der Regierung des kleinsten wie des größten Staates kann man den Drang zur Vergrößerung betrachten. Um die Irrtümer der Welt auszurotten, müßte man das ganze Menschengeschlecht vertilgen.

Der Mensch wird zum Tier, wenn er nie einen Sonntagsrock anhat. Aus der Erfahrung weiß man, daß die Güte der Truppen einzig und allein in dem Werte ihrer Offiziere besteht. Beleidigung mit Beleidigung zu vergelten ist die Art des Pöbels. Bosheit ist eine Art Delirium und verwirrt den Verstand. Von allen Gefühlen, welche unsere Seele tyrannisieren, gibt es kein verderblicheres . . . als eine ungezügelte Ehrsucht, ein übertriebenes Verlangen nach falschem Ruhm. Bücher sind kein geringer Teil des Glücks. Die Literatur wird meine letzte Leidenschaft sein. Das Übel erreicht seinen Gipfel, wenn es verkehrten Gemütern gelingt, den Regenten zu bereden, daß sein Interesse von dem Interesse seiner Untertanen verschieden sei. Denn alles, was aus Furcht oder Angst geschieht, trägt auch das Gepräge davon. Der Aberglaube ist ein Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit.

Der Adel ist nichts anderes als der höhere Grad von Bildung, Ehre und Vaterlandsliebe, den man billig bei Personen aus guter Familie, die eine sorgsamere Erziehung als andere genießen können, voraussetzen darf. Vorurteile nach Frauenweise, Zank und Händel der einzelnen, kleinliche Sonderzwecke und Belanglosigkeiten dürfen niemals den Blick eines Mannes trüben, der ganzen Völkern ein Führer ist. Wahre Ruhmbegierde ist die Quelle aller großen Taten und alles Nützlichen, was auf der Welt geschieht. Der große Haufen kriecht immer in dem Schlamme der Vorurteile. Der Irrtum ist sein Erbteil. Der Herrscher soll das Gleichgewicht zwischen Bauern und Adligem erhalten, sodaß sie einander nicht zugrunde richten. Der Krieg ist ein solcher Abgrund des Jammers, sein Ausgang so wenig sicher und seine Folgen für ein Land so verheerend, daß es sich die Landesherren gar nicht genug überlegen können, ehe sie ihn auf sich nehmen. Der Mensch lebt eine so kurze Zeit, sein Gedächtnis ist so schwindend, des Wissenswerten ist so viel, daß er von früh an nur durch das Ausgesuchteste unterrichtet werden sollte.

Der Regent hat kein Recht über die Meinungen der Bürger. Der Regent muß sich in die Lage eines Landmanns oder eines Handwerkers versetzen und sich dann fragen: “Wenn du in dieser Klasse von Menschen geboren wärst, was würdest du von dem Regenten verlangen?” Der Ruhm, der uns nicht glücklich macht, ist nichts als ein Wort, und der Ruhm, der unsere Untertanen nicht glücklich macht, ist eine Schmach. Wäre nur eine Religion in der Welt, so würde sie stolz und zügellos despotisch sein. Der schlimmste Weg, den man wählen kann, ist der, keinen zu wählen. Die erste Pflicht eines Bürgers ist, seinem Vaterlande zu dienen. Die Finanzen sind der Nerv des Landes. Wenn Sie diese recht verstehen, wird das übrige ganz in Ihrer Gewalt sein. Die größte Freude, die ein Mensch in der Welt haben kann, besteht in der Entdeckung neuer Wahrheiten. Die Jesuiten, die gefährlichste Gattung unter allen Mönchen.

Die Klugheit ist sehr geeignet, zu bewahren, was man besitzt, doch allein die Kühnheit versteht zu erwerben. Was ist schöner als Vergnügungen des Geistes? Die Regierung beruht auf vier Hauptpfeilern: auf der Rechtspflege, weiser Finanzwirtschaft, straffer Einhaltung der militärischen Disziplin und endlich auf der Kunst, die richtigen Maßnahmen zur Wahrung der Staatsinteressen zu ergreifen, was man Politik nennt. Die Toleranz in jeder Gesellschaft muß jedem Bürger die Freiheit sichern, zu glauben, was er will. Aber sie darf nicht so weit gehen, daß sie die Frechheit und Zügellosigkeit junger Hitzköpfe gutheißt, die etwas vom Volke Verehrtes dreist beschimpfen. Wenn die Fürsten um Provinzen spielen, bilden die Untertanen den Einsatz. Die Toleranz muß in einem Staate jedem Freiheit geben, alles zu glauben, was er will, aber sich nicht so weit erstrecken, daß sie die Frechheit und Ausgelassenheit junger unbesonnener Leute autorisiert, die dem kühn Hohn sprechen, was das Volk verehrt. Die wahre Philosophie besteht darin, den Mißbrauch zu verdammen, ohne den Gebrauch zu untersagen. Man muß alles entbehren können, aber auf nichts prinzipiell verzichten.

Durch jeden Schlag nach einem schwächeren Feind entehrt man sich Ein Beispiel von wirklichem Edelmut wirkt mehr als die schönen Lehren, mit denen die Tragödie prunkt. Ein unterrichtetes Volk läßt sich leicht regieren. Es gibt eine Art Zwitterwesen, die weder Herrscher noch Privatleute sind und die sich bisweilen sehr schwer regieren lassen: Die Prinzen von Geblüt. Ihre hohe Abstammung flößt ihnen einen gewissen Hochmut ein, den sie Adel nennen. Es gibt nur ein sicheres und unfehlbares Mittel, sich einen guten Ruf in der Welt zu erhalten: nämlich das wirklich zu sein, was man vor der Welt scheinen möchte. Keine Rücksicht kann mächtig genug sein, einen ehrlichen Mann zu veranlassen, sich von seiner Pflicht zu entfernen. Fleiß ist aller Tugenden Anfang. Frechheit empört, Schwäche rührt; nur feige Seelen rächen sich an überwundenen Feinden, und ich gehöre nicht dazu. Wenn du Vorurteile zur Tür hinausjagst, kehren sie durchs Fenster zurück. Für die Politik ist es völlig belanglos, ob ein Herrscher religiös ist oder nicht. Gazetten müssen, wenn sie interessant sein sollen, nicht geniert werden. Gute Sitten haben für die Gesellschaft mehr Wert als alle Berechnungen Newtons. Wenn es auf die Erfahrung ankäme, dann wären die Maulesel des Prinzen Eugen die besten Feldherren. Ich bin gewissermaßen der Papst der Lutheraner und das kirchliche Haupt der Reformierten. Wer sich an die Phantasie der Menschen wendet, wird immer den besiegen, der auf ihren Verstand einwirken will. Wir sehen, daß bei der Unvollkommenheit aller menschlichen Dinge die besten Einrichtungen entarten. Deher muß von Zeit zu Zeit, wo es nötig ist, reformiert werden und die Einrichtungen ihrem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt werden.

Ich bin in keinem Stück groß; nur meinem Fleiß kann mich vielleicht eines Tages meinem Vaterlande nützlich machen, und das ist der ganze Ruhm, nachdem ich strebe. Ich bin mit der Zeit ein gutes Postpferd geworden, lege meine Station zurück und bekümmere mich nicht um die Kläffer, die auf der Landstraße bellen. Wer nur etwas Ehrgefühl besitzt, erhebt den Anspruch auf Achtung seiner Mitbürger. Man will sich irgendwie hervortun und nicht in der dumpfen Masse untergehen. Ich brauche Generäle, die nicht nur tüchtig sind, sondern auch Fortune haben. Ich habe Sie zum Stabsoffizier gemacht, damit Sie wissen, wann Sie nicht gehorchen sollen. Zwei Hauptmotive leiten die Menschen: Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung. Ich kenne den Wert der Freiheit zu gut, als daß ich willens wäre, sie denen, dich ich liebe, zu entreißen.

Wer mit Affen spielt, wird gelgentlich gebissen. In den Gerichtshöfen sollen die Gesetze sprechen und der Herrscher schweigen. In der Demokratie ist die Entscheidung stets bei der Mehrheit, das heißt beim Unsinn. In der Monarchie kann die Entscheidung wenigstens zuweilen an einen Vernünftigen gelangen. Wenn Sie mich sähen . . . so sähen Sie einen alt und grau gewordenen Mann, der die Hälfte seiner Zähne verloren hat, einen Mann ohne Frohsinn, ohne Feuer, ohne Einbildungskraft. Jeder soll seine eigene Meinung behalten und die der anderen respektieren. Das ist das einzige Mittel, in Frieden zu leben. Jeder Staat, in dem die Tugend überwiegt, ist den anderen auf die Dauer überlegen. Wer Großes schaffen will, muß darauf verzichten, es selbst noch genießen zu können.

Die christliche Lehre kam aus dem Norden

Was wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So daß, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.“

Goethe.

Ja, wir behaupten und können es erweisen: Die christliche Kirche oder besser die christliche Lehre, nahm nicht ihren Ausgangspunkt von Palästina, sondern ist eine Urschöpfung der untergegangenen atlantischen Kultur. Sie gelangte über die Reste jenes Weltteils Atlantis zuerst nach Irland und Schottland, dann nach Osten weiter, und gleichzeitig nach Westen zum amerikanischen Festlande. Die alte ägyptische Kultur einerseits und die alten amerikanischen Kulturen der Inkas, der Mayas und der Azteken andererseits sind die Eckpfeiler, die noch heute vom einstigen atlantischen Weltkulturbaue übrigblieben.

Die Alten wußten darum noch, wie wäre es sonst verständlich, daß wir in Mexiko bei seiner Entdeckung das ganze christliche Brauchtum vorfinden, wie es in der katholischen Kirche sich erhalten hat und in Tibet heute noch, Dinge, von denen man nicht gerne spricht, weil sie die Grundlagen des Lügengebäudes einer nahe-östlichen Herkunft des Christentums von noch nicht 2000 Jahren zu untergraben drohen.

Christentum und sein Mythos sind so alt als Menschen göttlichen Odems leben und denken können, viele hunderttausend Jahre reichen nicht, denn so alt ist die Gottes-Sohnschaft der Menschheit. Ur-arisch-atlantische Gotteserkenntnis und ihr heutiges Wurzelwerk haben sich am längsten lebendig erhalten im Norden Europas, wo die Pflanzstätten der Atlantis bis in unsere Zeitrechnung blühten auf Iona und der Insel Man. Von dort aus sind dann auch merkwürdigerweise die angeblich ersten „christlichen“ Missionare gekommen und wurde die erste christliche Kirche gegründet, die Culdeerkirche. Erst später im 7. und 8. Jahrhundert hat die römische Kirche das Segenswerk jener wahren Christen dem Geiste, der Haltung und der Lehre nach vernichten können. Die untergegangene Kirche des Nordens nahm das Geheimnis ihres Ursprungs mit in das Grab, das ihr die römische Machtkirche frühe bereitete, aber auch die abendländische Verzerrung der Christuslehre erlebt heute an sich die Wahrheit, daß sie wohl den Leib töten kann, aber nicht den Geist. Dieser heilige Wahrheitsgeist steht heute als ihr Herr und Meister auf und wird sie mit ihrem Wortdenken überwinden.

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, Und nicht in dir, ging deine Seele dennoch hier verloren. Zum Kreuz auf Golgatha schaust du vergeblich hin, Hast du es nicht errichtet in deinem eignen Sinn.“
Angelus Silesius.

Aus dem „Welsch-„, dem Wälser-Lande führen drei Wege nach Norden, Osten und Süden, die durch die großartigen Steinsetzungen der Megalithgräber gekennzeichnet ist. Der erste zieht sich nach der Nord- und Ostseeküste entlang, springt nach Schweden und Norwegen über, geht dann an der Wolga entlang, um den Südostweg nach Indien zu suchen. Der zweite Weg zieht sich an der Küste Frankreichs südlich, von einem Hauptknotenpunkt in der Bretagne ab über Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und Kleinasien, immer nahe der Küste. Der dritte Weg geht bis nach Spanien mit dem ersten gemeinsam, um dann nach Afrika überzusetzen und an seiner Nordküste entlangzuführen mit offenbar demselben Ziele zum fernen Osten.

Das war der Weg der Kultur von Westen nach Osten, der der arischen Wanderung folgte. Das Wort ex oriente lux hat insofern eine Berechtigung, als es sich um ein teilweises Zurückströmen einer Kulturwelle handelte in den folgenden Jahrtausenden, jedoch nicht anders als heute Vieles aus Amerika zu uns zurückfindet, was von uns dorthin getragen wurde. Olaf Kritzinger hat in einer geistreichen Arbeit über die Runen in Heft 17/18 der „Sonne“ eine Fülle von Anregungen gegeben. Er erwähnt darin auch die Insel Jona und ihre Bedeutung als Ausgangspunkt der atlantisch-arischen Erkenntnisse nach dem Untergang der letzten Reste der Atlantis, der Insel Poseidonis, wie sie Plato nennt. Jona ist das Mutterland der Jaones, des Joanes, der Jonier, die auch als Jawones auftauchen. Junier, Juno, Dione, Dion, Zion, Jon sind Ableitungen aus diesem Worte, das die Gehenden, mundartlich die,,Jehenden“ bedeutet. Die „Gehenden“ (gehen, jehen, to go) sind aber die irdischen Söhne der himmlischen Schrittmacher. Von diesen Göttersöhnen, die selbst zuweilen die Bezeichnung Sterne tragen, ruhen in Jonas Erde zweiundzwanzig Könige begraben.

Diese Sage aus der alten keltischen Dichtung ist so zu verstehen, daß das Wissen von 22 Königen, nämlich den 22 Ar-kana, was Sonnen-Kahne, Sonnen-Könige heißt, begraben liegt. Die 22 großen Arkanas sind die 22 Blätter aber des ägyptischen Tarots, jenes Kartenspiels, das in seinen insgesamt 72 Karten die Grundgedanken der Welt verhaftet birgt. Durch die Zigeuner ist es uns, in der Hand von Unwürdigen, überliefert, die immerhin damit außerordentliche Kenntnisse in Wahrsagen und anderer Zauberei verbinden konnten. Unsere 18teilige Runenreihe ist eigentlich als das Ur-Tarot anzusehen und es bleibt die Frage offen, ob die 18 oder die 22 die ursprüngliche Zahl ist. Auch das altgriechische Alphabet hat 22 Buchstaben und schließt mit dem Tau T, wie das Tarot mit dem Galgen T schließt, dem Ende, dem Tau, dem Tet, dem Tod, dem Tot, dem Ganzen!

So schließt auch Tyr-Christus , die zwölfte Rune den Tyr-Tier-Kreis des Lebens. Dieses Alphabet übernahmen auch die Semiten und in der Folge alle Völker der Erde. In der nordischen Heimat selbst versank das Wissen von den 22 Königen, den „Ar-kana“ von Jona, nur die Sage von 22 begrabenen Königen deutet noch auf den Ursprung dieser zweiundzwanziger Reihe aus diesem Fleckchen heiliger Erde. Aber die Kunde von der Druida, der Troja, der Torta, der Tortla, wie die Priesterschule hieß, blieb lebendig weit draußen in der Welt, so vor allem besonders rein in den Eleusischen Mysterien. Dortla, dorda, turtur ist die Turtel-Taube als das Sinnbild des Heiligen Geistes, der hier allgegenwärtig war.

Das sich im Worte Turtel die drehende balzende Bewegung des Täuberich ausdrückt, ist anzunehmen. So erklärt es sich, wenn der „Heilige Geist“ als der Dritte, das Schicksal-Wendende, der Drehende, der Drittelnde, der „Trittelnde“, der „Reinen Jungfrau“ Maria die Empfängnis des Gottessohnes ver-kündet, ver-kindet, was die Rune Kun, Keim, Kind ganz klar andeutet. Unter dem Sinnbild der Taube wurde der Schüler in das Tabernakel seines eigenen Astralkörpers, seiner Aura gestellt, um sich an ihr und den kosmischen Heilsströmen erfühlen zu lernen, die in ihn herniedergehen, wie der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf den von einem Jona-Hanes-Priester eingeweihten jungen Jesus herniederfährt. Columba = Taube zielt auf den selben Ursinn. Columban heißt nicht nur zufällig einer der ersten Missionare in Deutschland aus dem Heiligtum der Insel Jona. Col, cul deutet auf die zeugerische Weisheit der Rune Kun und das Öl, das Öl der Weisheit, der Einweihung, des Gesalbten, wovon auch die alten Cult-Orte ihre Namen haben wie Cöln, Kulm. Ulm (ohne K, aber dafür vermutlich ursprünglich mit dem H), Kölle-da, Culle dei, das von dem Iren Kilian „gegründete“. Nun wissen wir auch, warum im dritten „Buch der Könige“ erzählt wird, daß der mythische König Salomo, der Salman, der mit dem geschichtlichen Vater des David gerne verwechselt wird, „weiser gewesen sei als die Söhne des Machol und der Dordla.“ Diese Weisheit aber errang sich „Salomon“, wie es heißt, durch die Betrachtung des Sechssternes, des sogenannten Magen Davids, der aber, wie wir wissen, die umschriebene Hagall-Rune darstellt. Durch sie wurde er zum „Weisesten der Menschen“, erlangte Kenntnis höherer Welten und die magische Macht, die Magier-, Meisterschaft über ihre Bewohner.

Wie aber kam „Salomon“, das heißt der arische Salmann, in den Besitz des Sechssternes ? „Er hatte ihn aus einem Adlerhorste bekommen.“ Der Adlerhorst deutet auf den Aarhorst, auf den Arierhorst, den Sonnenhorst im Norden, der sicher auch eine Pflanzstätte in Palästina hatte, im Hermon-, Harmann-, Armann-Gebirge, wo noch im Mittelalter blonde Leute wohnten, mit denen die Kreuzfahrer sich auf „deutsch“ verständigen konnten. Mythos und Geschichte liegen hier in Schichten übereinander, die schwerlich mehr getrennt werden können, aber es bedarf nur dieser Hinweise, um zu erkennen, wie doch alles Geschehen der Erde auf den Arierhorst im Geiste zurückgeht.

Eine große nordische christliche Kirche verband schon im 4. Jahrhundert — bestand und „herrschte“ nicht wie die römische Kirche — weite Gebiete von dem Nordrand der Alpen bis nach Irland, Island und Grönland, von den Pyrenäen bis ins Thüringerland und darüber hinaus. Die Tatsache klärt manche Geheimnisse auf. Das Wotansopfer am Kreuze der Weltesche durch seinen Sohn Zui, Tiu, Tys, den „Ichthys“, den Ich-tys, den Ich-Zeus des Nordens, das Asenopfer des Äsus der Gallier, der Kelten, die wir als einen Zweig der Germanen einfach mit dem „Worte Helden ansprechen. Dieser Asus aus Gallien, also aus „Galiläa“, starb am Kreuze lange bevor man diesen Mythos zu fälschenden Zwecken nach Palästina verlegte, zu einem Volke der Juden, das mit seinem „geborgten“ Namen ganz zu Unrecht auf den Guten-, den Goten-Ursprung Anpruch erhebt. In jedem Falle, im Falle der Juden oder der Guten, handelt es sich um ein geistiges Volk, um ein heiliges Volk, um die Gemeinschaft jener Heiligen, die keiner Satzung, keiner Kirche bedürfen, um das „auserwählte“ Volk der reinsten und höchsten und heiligsten Seelenkräfte, dessen König selbstverständlich der „Jesus Christus“, der Arier, die Aar-heit, die Wahr-heit ist.

Die Priesterschaft der germanischen, das heißt auch der keltischen Bewohner Mitteleuropas und des Nordwestens, denn hier lebte an seiner Wiege das arische Urvolk nach dem Untergang der Atlantis, waren die Druiden, die Trojaiden, die Treuen, die die Treue, die Dreie, die große Drei, das Trauen, das Vertrauen in das Göttliche lehrten, das Geschehen vom Entstehen über das Sein zum Vergehen, das wir in allen Dreiheiligkeiten kennen lernten. Troja nennt auch Tacitus die Seelen-Grundverfassung des Germanen. In den englischen Worten Trust, Truth mit der Bedeutung von Wahrheit, Glauben und Vertrauen, lebt noch der Name der arisch-keltischen Priesterschaft fort, der Truiden, der Treuen, der Troien, die das Droit, das Recht der Trois, der „Hochheiligen Drei“ lehrten, die Drei-, Dreh-, Droh- und Trug-Gewalt, aber auch der Trug-Gehalt des himmlischen Tyr-Tri-Tro- und Thor-Kreises.
Otfried von Weißenburg gebraucht in seinem Evangelienbuch aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts noch das Wort TRUHTIN für den Namen des Herrn, den. „treuen“, was heißen soll, den „Dreien“-„Drei-Einigen“ Gott. Es versteht sich von selbst, daß dann der germanische Priester auch der Thrutin hieß nach seinem Herrn, wie im Norden der Gode, der Priester, nach dem Gotte.

„Treue“ ist der Urname aller arischen, germanischen und damit deutschen Religion, für welches Fremdwort wir ja im Deutschen keine eigentliche Übersetzung hatten, nicht haben und auch nicht haben werden, weil wir keine brauchen. Rückverbundenheit — religio — bedeutet das Wort. Wer wäre rückverbundener als der wahre, klare Sonnenmensch? Wir werden die Treue, die Troja, die Dreie wieder in uns erwecken, die Erkenntnis des ewigen Wirkens des Gottgesetzes, das das Krist-All beherrscht in Vater, Sohn und Heiliger Geist, das heißt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und wie jene Drei nur Eins in einer Einheit sind, so sind diese Zeitvorstellungen auch nur eine Einheit, eine Ewigkeit, eine Gesetzlichkeit: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in sich schließend. „Es gibt keine vergangene Vergangenheit und keine zukünftige Zukunft, sondern nur eine gegenwärtige Vergangenheit und eine gegenwärtige Zukunft“, lehrt der Kirchenvater Augustin in seinen Bekenntnissen.

Wir wissen von den Druiden, den Tyr- oder Dry-Söhnen, daß sie eine Sonnenreligion lehrten, und keine irdische Religion kann etwas anderes sein oder lehren als eine Sonnenweisheit. Darauf laufen alle religiösen Symbole, Mythen, Glaubensartikel, Bekenntnisformeln hinaus. Wir werden noch zeigen, wie die Sonne der Ur-Inhalt auch der Christus-Religion ist. Wir sehen alle die Sonne und fühlen Licht und Wärme, die von ihr ausstrahlen. Aber das ist nicht alles. Die Sonne sendet auch Kräfte, die jenseits von dem sind, was die Physik erforschen kann, die von ultravioletten Strahlen spricht. Von der inneren Sonne, dem inneren Gestirn, deren Abbild und Sinnbild die äußere Sonne und das äußere Gestirn ist, wie auch der Leib nicht der Mensch allein ist, strömt uns hernieder Liebe und Weisheit. Wem es gelänge, die übersinnlichen Kräfte, Ströme der Sonne mit seinem Bewußtsein zu erfassen, der würde ein Weiser und Führer dieser Erde werden.
Die Druiden waren es, sie erkannten das Übersinnliche der Sonne, das wirkt, wenn das Sinnliche der Sonne abgezogen wird. Sie erkannten in der Sonne, in der inneren Sonne, den Sohn Gottes im Geiste. In ihrem Weistum hatte sich der uralte Sonnen-Sohnes-mythos des Krist-All-Sohnes erhalten aus atlantischer Zeit und hatte sich vererbt auf die Eingeweihten der ganzen Welt, die im Zeitalter der arischen Völkerwelle die Erde befruchteten.

Es genügt darauf hinzuweisen, daß wenn die Druiden nach Überlieferung der römischen Kirche, wie sie sagt, auf Grund ihrer großen inneren Schaukraft, die angeblichen Ereignisse in Palästina zur Zeit von Christi Geburt, unabhängig von jeder äußeren Benachrichtigung, in Schauungen miterlebt hätten, um die Tatsache zu erklären, daß sie dieses Mysterium schon vor seiner angeblichen Ereignung in Palästina kannten und lehrten. Die ersten römischen Missionare sollen denn auch in der Bretagne, einem der Hauptsitze des Druidentums, was durch die riesigen Steinsetzungen der Cromlechs und der „Aligements“ bezeugt wird, schon Christen vorgefunden haben. Ja, sie haben mit Sicherheit überall im Norden Christen vorgefunden, weil der Krist-All-Gedanke des Gottes am Weltkreuze eben älter ist als der gänzlich mißverstandene, weil zeitlich und örtlich festgelegte, neutestamentljche Galgentod. Im Odhin-Äsus- und Chrischna-Opfer hatte dies Mysterium schon eine viele tausend Jahre ältere Prägung gefunden.

DER JESUS VON NAZARETH

Germanenherz Die Christianisierung

Die Geschichtlichkeit eines „Jesus von Nazareth“ läßt sich nicht erweisen und selbst die theologische Forschung gesteht dies mehr oder weniger unumwunden zu. Sie zieht sich auf den schwankenden Standpunkt einer „Kulterzählung“ zurück, ohne indes irgendwie und irgend etwas an der Offenbarungseigenschaft der Evangelien aufgeben zu wollen. Die Geschichtlichkeit aber des palästinischen Christus verliert alle
Wahrscheinlichkeit schon durch den Umstand, daß das Volk der Juden, in das er hineingeboren worden sein soll, ebensowenig als Volk bestand, jedenfalls niemals in dem Sinne der fragwürdigen Überlieferung des alten Testamentes. Es ist schon von anderer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Juden, wie heute, auch schon damals kein Volk bildeten, das mit seinen Wurzeln in einem Heimatboden haftete, sondern von jeher nur aufgepfropft erschien auf anderen, sozusagen echten Völkerschaften. So rastete es auch eine Zeitlang in Palästina mit einer herrschend gewordenen Schicht von Priestern. Wir behaupten, daß der Name der Juden von dem Namen der Goten, der Guten, abgeleitet werden muß: Gute- Gote, in der Vernichtung des Begriffes: Jote-Jude!

Selbstverständlich muß in einem „ausgewählten“ Volke der „Guten“, der Goten, auch der Heiland, der Menschenführer erstehen, was die klare mythische Gestalt eines Christus von selbst fordert. Nur daß ein solches Geschehnis niemals zu irgendeiner behaupteten Zeit in Palästina bei den „Juden“ erfolgte, sondern, wenn überhaupt, vor undenklichen Zeiten bei jenem Volke Gottes, nämlich der Goten im Norden, von denen die geschichtlichen Goten die Nachkommen sind, die uns auch die älteste Übersetzung des Alten und des Neuen Testamentes, heute in Bruchstücken, hinterließen.

Wie diese Dinge eigentlich liegen, ist noch längst nicht geklärt, aber es müßte schon bedenklich stimmen, daß Herodot, der größte bekannte Geschichtschreiber des Altertums, um 460 vor unserer Zeitrechnung, von einem Volke der Juden oder ihrem Staate nichts zu berichten weiß. Hätte dieses Volk die Bedeutung gehabt, die uns seine vielfach übertriebene und gefälschte Geschichte vortäuscht, so wäre Herodot nicht mit Stillschweigen darüberhinweg gegangen. Die Juden spielten eine ähnliche Rolle in Handel und Verkehr des Altertums wie heute noch. Wir hören jetzt wieder von den Versuchen der Juden, sich in Palästina ein völkischjüdisches Staatsgebilde zu schaffen. Es würde nur aufzurichten sein mit fremder Hilfe und auf dem Rücken einer eingeborenen Bevölkerung, heute wie damals, als die eingeborenen nichtjüdischen, zum Teil arischen Stämme noch Galiläer, Samariter, Edomiter, Syrier, Phönizier und Philister hießen.

Es ist darum nicht verwunderlich, wenn Herodot alle alten bodenverwachsenen Völker aufzählt; Griechen, Perser, Phöniker, Meder, Phrygier, Ägypter, Germanen, Araber, Äthiopier, Inder, Babylonier, Assyrer, Skythen, Sarmaten, Massageten und von ihrer Kultur und ihrer Geschichte spricht, aber mit keinem Worte ein Volk oder einen Staat der Juden angibt. Kommt er auf Palästina zu sprechen, erwähnt er nur, daß es damals von Syriern bewohnt sei. Wenn von den Juden in alten Berichten gesprochen wird, außer in dem eigenen geschichtlich ganz anders zu wertenden Alten Testament, so nur in einer lebhaften Abwehr, die ihren Grund hat in der alle seßhaften Völker befremdenden Tatsache, daß die Juden als einziges unter den Völkern nicht für sich auf eigenem Boden wohnen noch je gewohnt haben. Der echte Nomade scheidet hier als Vergleich völlig aus, denn er lebt ebenso gesetzmäßig und „seßhaft“ auf einem bestimmt umgrenzten
Landstrich wie die anderen bodenständigen Völker, nur mit dem Unterschied, daß er nach altgewohnten wirtschaftlichen und klimatischen Notwendigkeiten auf ihm herumzieht, um seine Herden zu ernähren, niemals aber planlos und willkürlich, während die Juden damals und heute, in keinem Boden jemals verwurzelt, mit der Verlegung des wirtschaftlichen Schwergewichts von Land zu Land wandern. Die Geschichtlichkeit der Gestalt des Jesus läßt sich sicherlich am allerwenigsten aus der Geschichte der Juden belegen.

Arier und Jude sind Gegensätze. Wir treten, um diese Wahrheit auszusprechen, gar nicht erst auf den staubigen Kampfplatz politischer Leidenschaften oder wirtschaftlicher Gegensätze. Wir sprechen eine Tatsache aus, die allen Ehrlichen aus beiden Lagern ganz selbstverständlich erscheint. Das Christentum ist, so wie die Verhältnisse heute liegen, eine ganz ausschließliche Eigenschaft arischer oder mehr oder weniger arisch beeinflußter Völker geworden. Jedenfalls erhält sich das Christentum als Religion und Bekenntnis auf einer höheren Betrachtungsebene nur in den germanischen Ländern. Es muß etwas im Urgrunde des Christentums liegen, und sei dies selbst erst nach seiner Berührung mit den Germanen hineingedacht, was ihnen verwandt ist, während das Judentum sich über fast zwei Jahrtausende hinweg dem Christentum und seinem angeblichen Begründer feindlich erweist. Es ist darum schwer faßlich, wie sich eine Meinung bilden konnte, daß Christus ein Jude gewesen sei. Alles innere Wissen, alles Ge-Wissen spricht gegen eine solche Annahme, so daß es wenig auf sich hat, wenn man einige Stellen des Neuen Testamentes im bezweifelten Sinne erklären möchte, andere Stellen wiederum zeigen den Jesus von Nazareth als den ausgesprochenen Gegensatz des Juden und jüdischer Geistesverfassung. Diese Widersprüche liegen eben in der Schwäche aller schriftlichen Überlieferung und warnen vor einer allzu wörtlichen Anlehnung an jeden veränderlichen Text.

Es kann nur von völlig Christus-Gleichen, wenn wir das Gebild, das Inund Sinnbild dieses Christus-Inneren uns zu eigen machen, verstanden und begriffen werden, daß dieser Christus niemals Jude gewesen sein kann, sofern wir seine Gestalt für eine Wirklichkeit zu nehmen bereit sind. Wären die Juden von gestern und heute dieser Überzeugung selbst, daß dieser Christus einer ihresgleichen war, so hätten sie gewiß den Irrtum seiner Tötung mit Freuden schon längst wettgemacht durch den Übergang zu seiner Lehre. Wenn sie trotzdem den Jesus von Nazareth für sich in Anspruch nehmen, tun sie es aus rassepolitischer Klugheit, weil nichts so sehr ihre geistige und wirtschaftliche Herrschaft über ihre christlichen Wirtsvölker befestigt als die vermeintliche Zugehörigkeit dieses „Christus“ zum Volke der Juden. Darum wurde diesem Volke schon vieles verziehen, was Strafe, Zurückweisung oder Vergeltung gefordert hätte. Unter sich aber sprechen sie nach dem Beispiel ihrer zahllosen Schriften nur in den abfälligsten Worten über ihn und schimpfen ihn den „Gehenkten“ und den Sohn einer Hure.

Ich erwähne diese Umstände hier nicht in solcher Ausführlichkeit, um Haß und Mißverständnis auf beiden Seiten weiter zu schüren, sondern um Einsicht und Verständnis für eine ungeheuer wichtige Frage zu schaffen, die keinen Unfrieden mehr stiften wird, von dem Augenblicke an, in dem sie einigermaßen geklärt erscheint und mit Wahrhaftigkeitsmut behandelt wird.

Nur ein gänzlich verdunkeltes Christentum kann noch einen volksjüdischen Christus verteidigen. Wenn die Menschen ernsthaft nachdenken wollten, so müßten sie sich sagen, daß sie hier gar nicht mit irdischen Maßstäben messen dürfen. Nach den Glaubenslehrsätzen der Kirche ist der Christus vom heiligen Geist empfangen und von einer Jungfrau Maria geboren. Eine Abstammung aus dem Judentum wird also gar nicht vorausgesetzt, wenigstens nicht von Vaterseite her. Da Maria schließlich als „Gottesmutter“ auftritt, so ist ihre Herkunft aus dem volksjüdischen Stamme nicht einwandfrei. Hätte es überhaupt einen Sinn, wenn die Juden einen Juden gekreuzigt hätten? Das tun die Juden nie! Das liegt nicht in ihrem Wesen, das sicher eine beachtens- und nachahmungswerte Eigenschaft aufweist, den völkisch-rassischen Zusammenhang. Wenn sie den „Heiland der Welt“ töteten, dann töteten sie damit nichts in sich oder von sich selbst, sondern im Gegenteil den Geist, der sie stets verneinte. Christus war kein Jude, sondern als ein „Sohn Gottes“ sicher sein Ebenbild, das wir heute füglich im arischen Menschen sehen und das so von jeher bei andern Völkern auch gesehen wurde. Es ist undenkbar, sich einen griechischen Apollo als Juden, als Neger, als Angehörigen irgendeiner Mischrasse zu denken, einschließlich der Griechen von heute, die auch nicht einen Mann oder eine Frau mehr aufweisen von jener Rasse, die das Vorbild zu einem Zeus, einem Herakles, einer Venus von Milo oder einer Athene gab. Es ist ganz ersprießlich, solchen Gedankengängen nachzugehen, weil sie unsere geistige Vorstellungskraft beschwingen und mehr zur Beseitigung von falschen Annahmen beitragen als lange „gelehrte“ Abhandlungen.

Selbst der Heilige muß blond sein, griechisch xanthos, um ein Sanctus werden zu können und zu bleiben. Also blond und heilig (heil-ig ist, wer ein heiles Ich hat), entspringen derselben arischen Wortwurzel. Tausende von erleuchteten Künstlern des Mittelalters, dem man noch keine rassekundlichen Kenntnisse zutraut, haben den Christus als den Gottmenschen, den arischen Sonnenmenschen geschaut, geschildert, gezeichnet und gemalt und in Holz, Ton, Erz und Stein gebildet. Tausende begnadeter Künstler haben Maria als die stolze, schöne Mutter irgendeines arischen holden blonden Gotteskindes gemalt und nachgebildet. Nie wäre es einem solchen Meister beigekommen, den „Herrn“, den Sohn Gottes, den Welterlöser als einen Juden, die Himmelskönigin als eine Jüdin darzustellen.

In der Bibliothek des Vatikans befindet sich ein Brief eines gewissen Publius Lentulus, des angeblichen Vorgängers des Pontius Pilatus. Dieser römische Prokonsul in Palästina schreibt in dem Briefe, der zur Zeit des Tiberius an den Senat von Rom gerichtet sein soll: „Es erschien und lebt in diesen Tagen unter uns ein Mann von merkwürdiger Tugend, den einige, die ihn begleiten, einen Sohn Gottes nennen. Er heilt die Kranken und läßt die Toten wieder auferstehen. Er ist wohlgebildet von Gestalt und zieht die Blicke auf sich. Sein Antlitz flößt Liebe und zugleich Furcht ein. Seine Haare sind lang und blond, glatt bis an die Ohren und von den Ohren bis zu den Schultern leicht gelockt. Ein Scheitel teilt sie auf der Mitte des Hauptes und jede Hälfte fällt seitwärts nach dem Brauche von Nazareth. Die Wangen sind leicht gerötet, die Nase ist wohlgeformt. Er trägt einen Vollbart von derselben Farbe wie das Haar, aber etwas heller und in der Mitte geteilt. Sein Blick strahlt Weisheit und Reinheit aus. Die Augen sind blau, von Strahlen verschiedenen Lichtes durchleuchtet. Dieser Mann, der gewöhnlich in der Unterhaltung liebenswürdig ist, wird schrecklich, wenn er gezwungen wird, zu tadeln. Aber auch in diesem Falle geht von ihm ein Gefühl klarer Sicherheit aus.

Niemand hat ihn je lachen sehen, dagegen oft weinen. Sein Wuchs ist normal, die Haltung gerade, seine Hände und Arme sind von solcher Schönheit, daß ihr Anblick Freude bereitet. Der Ton seiner Stimme ist ernst. Er spricht wenig. Er ist bescheiden. Er ist schön, wenn ein Mann schön sein kann. Man nennt ihn Jesus, Sohn der Maria.“ Die Stellen, die von vornherein den Stempel der Fälschung tragen, sind durch Bogen-Schrift gekennzeichnet. Ob die Urkunde überhaupt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Gestalt und das Aussehen eines rein arischen Menschen ist mit großem Geschick geschildert. Daß der Gottmensch das göttliche Lachen nicht kennte, wäre, nach diesem Bilde, sein größter Fehler. Hier verließ den Schreiber das reine Gefühl. Im Vatikan befinden sich noch unersetzliche und unbekannte Urkunden, so daß das Vorhandensein einer ähnlichen, wie dieser Brief, an sich durchaus wahrscheinlich ist. Nehmen wir die Urkunde als echt an, so sehen wir klar, daß jener Eingeweihte, jener „Christos“ der alten Mysterien in Palästina ein Sproß der arischen Restbevölkerung war, der sich vergeblich bemühte, den arischen Geist im Mischvolke zu beleben und darum von den herrschenden Juden getötet werden konnte. Mit dem Christos, dem HARISTOS, dem kosmischen „Gottessohne“ hat er nichts weiter zu tun, als daß er ihn wohl auffaßte und lehrte, wie wir es auch tun. Das menschliche Bild des „Heilandes“ ist jedenfalls ganz das, wie es die mittelalterlichen Maler wie auf Übereinkunft dargestellt haben, und neuere Bilder, die nach dieser Beschreibung entworfen wurden, beweisen zur Genüge, daß im allgemeinen Bewußtsein der „Jesus Christus“ als ein Mensch reinster arischheldischer Rassenerscheinung und nicht als ein mehr oder weniger deutlicher Jude weiterlebt. Die ersten dunkeläugigen und schwarzhaarigen Darstellungen des Christus als eines mittelländischsemitisierenden Proletariers stammen von Malern aus der Renaissance, die bewußt den göttlichen Weg der Kunst verließen und schließlich die Auflösung jeder sakralen Haltung in der Malerei der Moderne vorbereiteten.

Die Bedeutung des Lentulus-Berichtes und der nach ihm, meist ohne seine Kenntnis ganz entsprechend gefertigten Bilder liegt in der Betonung eines Rassebildes, daß die äußerste Hochzüchtung des arischen Gottmenschen in seiner vergeistigten Gestalt darstellt. Dieser Christus ist das Urbild der kommenden sechsten Rasse, die dem Göttlichen, dem GottÄhnlichen um einen Schritt nähertritt. Solche Beziehungen bezeugen mehr als irgendwelche anderen geschichtlichen Nachweise das Christentum, das ja nur ein Ableger der alten arischen Mysterienlehre ist, als eine ausgesprochene Rassenreligion, also Rata-Ra-dix-Wurzel-Religion, die jede Religion sein muß, wenn sie dem Ziele der Vergöttlichung, der Vergötterung, der Vergottung der Menschheit dienen will. Erst in unserer Zeit haben von ihrem Gotte gänzlich Verlassene es gewagt, Christus als Niederrassigen darzustellen, im Vertrauen darauf, bei Gleichgesinnten Beifall zu finden. Mögen sie es tun! Sie zeigen sich als Hörige des Anti-Christes! Nicht der „Höchste“ hängt am Kreuze dann, vom „Niedersten“ gekreuzigt, sondern der Schlechteste, der Schlechtweggekommenste, der sein Schicksal anklagt, weil er noch nicht weiß, daß alles Schlechtweggekommensein eigene Schuld ist, eigene Last aus früheren Verkörperungen. Weil aber ein jeder Geist nur dem Geiste gleicht, den er begreift, so will er seinen Gott nach seinem Bilde, und darüber ist füglich nicht zu rechten und nicht zu richten. Ein Künstler bildet in allen seinen Werken schließlich nur sich selbst, stellt sein Selbst aus sich heraus. Es bleibt denn nur die Frage offen, ob wir im Antlitz eines arischen „Jesus“ ein Spiegelbild, einen Abglanz Gottes erkennen wollen oder in den Gesichtszügen eines Buschmannes.

Es liegt uns wahrlich wenig daran, einen Beweis zu führen, daß geographisch, geschichtlich und rassenwissenschaftlich gesehen, Christus als ein angeblicher Galiläer kein Jude gewesen sein kann, weil jahrhundertelang Galiläa von Juden vollkommen entblößt war. Uns kommt es auf den inneren Wahrheitgehalt an, auf die Untrüglichkeit eines geistigen Erkennens aus göttlichem Urgrunde, daß das Heil, die Geburt des Heilandes nicht aus dem kommen kann, was die Welt als das „Jüdische“, die Edda als das „Jotische“ im Gegensatz zum „Gotischen“ bezeichnen, sondern aus dem reinen Gegensatz zu eben diesem Jüdischen und Jotischen. Und allein aus diesem Grunde muß jeder Heiland „unter“ irgendwelchen „Juden“ geboren werden, selbst ein Nicht-Jude, denn hier nur kann er seinen Verräter finden, seinen Judas Ischariot, seinen Henker, hier muß er seinen Tod leiden, der ihm von Seinesgleichen niemals geworden wäre. Allen „Juden“ war noch im letzten Augenblick die Wahl gegeben zwischen ihm, dem Nicht-Juden und Barnabas, dem Volksgenossen, aber alle „Juden“ aller Zeiten forderten von jeher die Freigabe eines Barnabas, weil er ein Verworfener, ein Mörder ist. Das heißt eine Symbolsprache, wie sie deutlicher und überzeugender nicht reden könnte.

Wer in der feinen, wohlverstandenen Lehre und in dem reinen, wohlbestandenen „Leben“ des „Christus“ Jüdisches sieht, findet auch sonst aus den Finsternissen seines Menschenunglücks nie wieder heraus, er vermehrt noch alles Unheil auf Erden durch sein Nichtwissen, sein Falschraten. So viele Menschen haben kein Unterscheidungsvermögen, ihre Zunge ist wie ein Reibeisen, sie schmeckt und kostet nichts, ihre Seele ist ein lederner Sack, die nie noch zu einem Höhenfluge sich erhob. Es wäre nun ebenso falsch, den „Christus“ einen Arier zu nennen, denn der Christus ist das „Wort“, der „Logos“, kein Mensch oder Gott zu irgendeiner irdischen Zeit an irgendeinem irdischen Ort. Wir lassen die Möglichkeit eines Eingeweihten offen, der zur angegebenen Zeit in Palästina öffentlich aufgetreten ist. Der hätte mit dem Krist-all isationsgedanken des Welt-Kristes, des Welt-Gerüstes nicht mehr und nicht weniger zu tun als wir alle, die wir eines guten Willens sind. „Christen“ nannten sich im alten Griechenland alle in die Mysterien Eingeführten, die einen höheren Grad in den Geheimbünden bekleideten, und der griechische Ausdruck wurde übernommen und übertragen schließlich auf alle, die der offenbarten Geheimlehre, aus deren gewaltigen Trümmern das frühe Christentum seine Bausteine holte, anhingen.

Darum schrieb noch um 70 n. Chr. der Jude Philo von den „Christen“, sie seien noch nicht Christen, d. h. in die innersten Mysterien Eingeweihte, sondern erst Chresten, d. h. noch Außenstehende. Der Unterschied liegt in der Bedeutung der beiden Vokale I und E, die das Innere beziehungsweise das Äußere schon in ihrem Klangwerte andeuten.

ergänzend: Die christliche Lehre kam aus dem Norden. und hier VON BÜCHERN, DIE DEN GEIST UND DEN LEIB TÖTEN .und hier Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums .und hier Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld und hier Die Christianisierung und hier Zur Unglaubwürdigkeit des Judäo-Christentums und hier Die Christianisierung Nordgermaniens und hier Die Deutschen – ein auserwähltes Volk

Albert Schweitzer über die Weltanschauungskritik

Albert SchweitzerAlbert Schweitzer über die Kulturweltanschauung

In dem nachfolgenden Auszug aus Dr. Albert Schweitzers (1875-1965) Werk „Kulturphilosophie – Verfall und Wiederaufbau der Kultur“ wird sehr deutlich beschrieben, wie eine künftige Weltanschauung aussehen muß, damit sie heilsspendend auf alle Völker ausstrahlen kann. Mit der Entwicklung und Entdeckung der Kosmoterik ist ein großer Schritt zum versöhnlichen Verständnis der Kulturen und Rassen gemacht. Es gilt nun diese Erkenntnisse zu verinnerlichen und ihre Gesetzmäßigkeiten dann auch in der äußeren Welt zu erkennen.
 
Was die Kosmoterik fordert ist nichts anderes als Albert Schweitzers Kulturweltanschauung.
Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den Begriff „Rationalismus“ geworfen. Leider wird dieser von den meisten immer noch nicht richtig verstanden und fälschlich als stumpfer Materialismus interpretiert. Ebenso wie der Glaube nicht im Gegensatz zur Wahrheit steht, so steht der echte Rationalismus, genau wie der echte Humanismus (nicht das was heute dafür ausgegeben wird!) nicht im Gegensatz zur menschlichen Realität, sondern entspricht ihr im höchsten Maße.
Albert Schweizter:
Welche Bedingungen hat eine Weltanschauung zu erfüllen, um Kulturweltanschauung sein zu können?
 
Zunächst und ganz allgemein muß sie denkende Weltanschauung sein.
Nur was, aus dem Denken geboren, sich an das Denken wendet, kann eine geistige Macht für die ganze Menschheit werden. Nur was in dem Denken der Vielen wiedergedacht und dabei als Wahrheit erfaßt wird, besitzt natürlich mitteilbare und dauernde Überzeugungskraft. Nur wo fortwährend an das Bedürfnis nach denkender Weltanschauung appelliert wird, werden alle geistigen Fähigkeiten des Menschen wachgerufen.
 
Unsere Zeit hat fast ein ästhetisches Vorurteil gegen denkende Weltanschauung. Mehr als wir ahnen, sind wir Wirklichkeitsmenschen noch Kinder der Romantik. Was diese gegen die Aufklärung und gegen den Rationalismus vorgebracht hat, scheint uns für alle Zeiten gegen eine rein aus dem Denken sich begründen wollende Weltanschauung aktuell. Zum Voraus sehen wir in einer solchen Weltanschauung öden Intellektualismus, flache Nützlichkeitsgesinnung und seichten Optimismus zur Herrschaft kommen und die Menschheit um Genie und Enthusiasmus bringen.
 
In vielem, was sie gegen den Rationalismus vorgebracht hat, ist die Reaktion des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts im Rechte gewesen. Trotzdem bleibt wahr, daß sie etwas verhöhnt und zerstört hat, das bei allen Unvollkommenheiten die größte und wertvollste Allgemeinerscheinung im Geistesleben der Menschheit war. Vom Gebildeten bis zum Ungebildeten herunter herrschte damals Glaube an das Denken und Ehrfurcht vor der Wahrheit. Schon darum steht jene Zeit höher als jede vor ihr und viel höher als die unsrige.
 
In keinem Falle dürfen romantische Gefühle und Phrasen unser Geschlecht abhalten, sich vorzustellen, was Vernunft eigentlich sei. Sie ist nicht dürrer Verstand, der die vielgestaltigen Regungen unseres Seelenlebens nicht aufkommen läßt, sondern der Inbegriff aller Funktionen unseres Geistes in ihrem lebendigen Zusammenwirken. In ihr halten unser Erkennen und unser Wille die geheimnisvolle Zwiesprache miteinander, die unser geistiges Wesen bestimmt. Die Weltanschauungsideen, die sie hervorbringt, schließen alles, was wir über den Sinn unserer und der Menschheit Bestimmung denken, empfinden und ahnen können in sich ein und geben unserm Dasein eine Richtung und seinen Wert. Die Begeisterung, die aus dem Denken kommt, verhält sich zu der, die aus wirren Gefühlen besteht, wie der Wind der ragenden Höhen zu dem, der zwischen Hügeln weht. Wenn wir wieder wagen, das Licht der Vernunft zu suchen, verkümmern wir nicht zu einem Geschlecht, das keines Enthusiasmus mehr fähig ist, sondern wir gelangen zu der großen und tiefen Leidenschaft der großen und tiefen Ideale. Diese werden uns so erfüllen, daß die, in denen wir jetzt leben, uns als armselige Aufregungen entschwinden werden.
 
Der Rationalismus ist mehr als eine zu Ausgang des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erledigte Denkbewegung. Er ist eine notwendige Erscheinung jegliches normalen Geisteslebens. Aller wirkliche Fortschritt in der Welt ist im letzten Grunde durch Rationalismus gewirkt.
Sicherlich sind die Erkenntnisse der Periode, die man historisch als die rationalistische bezeichnet, unfertig und unbefriedigend. Aber das damals aufgestellte Prinzip, Weltanschauung auf Denken und nur auf Denken zu gründen, ist das wahre. Wenn der Baum seine ersten Früchte auch nicht zu voller Reife brachte, so bleibt er dennoch der Lebensbaum des geistigen Lebens.“ Ende des Auszugs.
 
 Dieser Lebensbaum hat heute in Form der Irminsul wieder seine uralte Gestalt angenommen. Sie beinhaltet den Schlüssel zum Verständnis der ewigen kosmischen Gesetze. Glaubt diesem Satz nicht, sondern setzt euch mit Kosmoterik auseinander und seht selbst! Das Paradigma des neuen Zeitalters ist nicht mehr glauben, sondern wissen! Verinnerlicht die kosmoterische Kulturweltanschauung und ihr werdet ihrer Wahrhaftigkeit überall, jeden Tag in der Welt begegnen!