Die arianisch-gotische Religiosität

von: Edmund Weber
Die christlichen Lehnwörter der deutschen Sprache bestehen aus zwei Schichten, einer älteren und einer jüngeren. Zur ersten gehören Wörter wie „Pfaffe“, „Teufel“ und „taufen“, zur zweiten Wörter wie „Kloster“, „predigen“ usw. Während die jüngere Schicht aus der lateinischen Kirchensprache des römisch-katholischen Bekenntnisses entlehnt ist, stammt die ältere entweder aus dem Griechischen durch Vermittlung des Gotischen oder aus dem Gotischen selbst. Diese Wörter sind Marksteine für die sprachlichen Einwirkungen, die das erste germanische Christentum auf die süddeutschen Stämme ausgeübt hat.

Die christlichen Lehnwörter der deutschen Sprache bestehen aus zwei Schichten, einer älteren und einer jüngeren. Zur ersten gehören Wörter wie „Pfaffe“, „Teufel“ und „taufen“, zur zweiten Wörter wie „Kloster“, „predigen“ usw. Während die jüngere Schicht aus der lateinischen Kirchensprache des römisch-katholischen Bekenntnisses entlehnt ist, stammt die ältere entweder aus dem Griechischen durch Vermittlung des Gotischen oder aus dem Gotischen selbst. Diese Wörter sind Marksteine für die sprachlichen Einwirkungen, die das erste germanische Christentum auf die süddeutschen Stämme ausgeübt hat. Dieser Einfluß ist schon im fünften Jahrhundert vom Unterlauf der Donau her stromaufwärts gezogen und hat sich bereits vor Theoderich dem Großen weithin in Deutschland geltend gemacht.
Das älteste germanische Christentum ist von seinen welschen Zeitgenossen kurzweg „Das gotische Gesetz“ genannt worden, weil die gotischen Wanderstämme, die auf altem römischen Reichsboden ihre Reiche errichteten, seine Hauptträger waren. Darüber hinaus hat es aber auch deutsche Stämme, z. B. die Bayern und die Alemannen beeinflußt. Es hat nahezu vierhundert Jahre bestanden und sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung vom Kaukasus bis zum Atlantischen Ozean sowie von der Sahara bis zum Thüringer Wald erstreckt. Trotzdem ist „Das gotische Gesetz“, wie Hans v. Schubert schrieb, bis vor kurzem eine „dunkle Größe“ gewesen. Für uns, die wir uns auf die Grundlagen unserer Art besinnen, ist es jedoch geboten, auch einmal zu betrachten, mit welchem Ergebnis Germanentum und Christentum sich zuerst berührt haben.
Der erste Germanenstamm, der geschlossen das Christentum angenommen hat, sind die Westgoten gewesen. Sie saßen damals an der unteren Donau in der heutigen Moldau und Walachei. Von 341 n. übl. Ztr. an wirkte unter ihnen als Bekehrer der Bischof Ulfila. Seinem heißen Bemühen und dem politischen Druck des Hunnensturms ist es zuzuschreiben, daß, wie ich vermute, das Heerthing der Westgoten 376 n. übl. Ztr. die Annahme des Christentums beschloß, um die Aufnahme des Stammes ins oströmische Reich als Bundesgenossen zu erlangen.
Damals herrschte am Hofe zu Konstantinopel die Lehre des Arius. Auch Ulfila war überzeugter Arianer. So ist es zeitgeschichtlich bedingt, daß die Goten das Christentum in der arianischen Form überkamen. Solange diese amtlich anerkannte Rechtgläubigkeit war, spielte dieser Umstand keine Rolle. Aber als der athanasianisch gesonnene Kaiser Theodosius der Große die Wesensgleichheit und Gleichstellung der drei Personen in der heiligen Dreieinigkeit auf dem Konzil zu Konstantinopel 381 n. übl. Ztr. durchgesetzt hatte, wurde der Arianismus als „Irrlehre“ im ganzen Römerreich unterdrückt. Bei den römischen Arianern gelang das ziemlich rasch. Aber gegen die christlichen Germanen mit Zwangsnahmen vorzugehen, war unmöglich. Da sie Arianer blieben, kam es bei ihnen zur Ausbildung eines eigenen Bekenntnisses in der Form der arianisch-gotischen Religiosität.
Lehrmäßig unterschied sich das gotische Bekenntnis von dem athanasianischen der Griechen und Römer durch die Auffassung des Verhältnisses des Gott-Vaters zu dem Gott-Sohne und beider zu dem Heiligen Geiste. Die germanischen Kirchenlehrer vertraten die Ansicht, „der Sohn sei geringer an Hoheit als der Vater und an Ewigkeit später, der Heilige Geist aber sei weder Gott noch bestehe er aus dem Wesen des Vaters, sondern sei vom Sohn geschaffen und dem Gehorsam gegen beide unterworfen“; sie behaupteten auch, daß weder der Sohn noch der Heilige Geist dem Vater wesensgleich seien. So betonten also die gotischen Geistlichen die Unterordnung des Sohnes unter den Vater. In Streitgesprächen mit römischen Priestern begründeten sie ihre Auffassung mit dem Hinweis auf das Schriftwort: „Der Vater ist größer als ich.“
Ulfila hat diese Lehre kurz vor seinem Tode so aufgezeichnet:
„Ich, Ulfila, Bischof und Bekenner, habe immer folgendes geglaubt und gehe in diesem alleinigen und wahren Glauben hinüber zu meinem Herrn. Ich glaube, daß Einer sei, Gott der Vater, allein, ungezeugt und unsichtbar; und an seinen einzig gezeugten Sohn, unsern Herrn und Gott, den Werkmeister und Schöpfer der gesamten Kreatur, der nicht seinesgleichen hat; darum ist er ein Gott aller; und daß ein heiliger Geist sei, die erleuchtende und heilige Kraft, wie Christus sagt (Luk. 24, 49), weder Gott noch Herr, sondern Diener Christi, untertan und gehorsam in allem dem Sohn, und der Sohn untertan und gehorsam in allem Gott dem Vater.“
Wenn dieses Bekenntnis Ulfilas nicht nur von den Westgoten, sondern auch von den vielen anderen germanischen Stämmen der katholischen Dreieinigkeitslehre vorgezogen wurde, so wird man das nicht nur auf den Einfluß seiner mächtigen Persönlichkeit zurückführen dürfen. Es muß, wie Rudolf Goette bemerkt, auch daran liegen, daß die Vorstellung eines menschenfernen höchsten Gottes, eines von ihm gezeugten Schöpfers und Weltherrschers und seines halbgöttlichen Dieners der Gedanken- und Gefühlswelt der zu bekehrenden Germanen leichter einging als die orthodoxe Dreieinigkeitslehre.
Wie bei der Lehre von der Dreieinigkeit, so beriefen sich die gotischen Geistlichen in ihren Auseinandersetzungen mit den welschen Priestern auch sonst auf die Bibel. Eine Berufung der letzteren auf eine mündliche Überlieferung lehnten sie ab mit der Begründung, in der Schrift nicht enthaltene Ausdrücke dürften auch nicht in die Glaubenslehre eingeführt werden. Das war ausgesprochenes Bibelchristentum, das nur den Schriftbeweis anerkennt. Dieser wesentliche Zug der arianisch-gotischen Frömmigkeit ging ebenfalls auf Ulfila zurück. Er war von Jugend auf in einem schlichten Bibelchristentum erzogen worden. Daher übersetzte er, sobald er dazu die nötige Ruhe und Zeit fand, die Bibel ins Gotische und stellte so alle gotischen Gläubigen von Anfang an auf die Grundlage des selbständigen Forschens in der Schrift. Diese Übertragung der „Heiligen Schrift“ war, wie Rudolf Goette treffend bemerkt hat, ebensowenig wie die Lutherbibel nur für Gelehrte und Wissende bestimmt, sondern als Volksbuch gedacht.
Durch die Gotenbibel wurde das gesamte Glaubensleben der arianischen Goten von seinem Ursprung an in der Muttersprache verankert. Daher darf angenommen werden, daß der Gottesdienst durchweg in der gotischen Sprache abgehalten worden ist. Dafür zeugt u. a. eine uns erhaltene wandalische Formel: „Herr, erbarme dich unser!“
Indem das gotische Christentum durch seine Bibel und seinen Gottesdienst in der Muttersprache zu einer völkischen Größe wurde, trat es zu der welschen Kirche, die völkerüberspannend sein wollte, in einen Gegensatz. Den römischen Anspruch auf alleinige Rechtgläubigkeit bestritten die gotischen Kirchenlehrer mit der Behauptung, sie seien ebenso gut katholisch; sie verlangten für sich das Recht, „unabhängig von den Riesenfangarmen der römischen Kirche“ – wie H. v. Schubert anschaulich gesagt hat – auf der allein wahrhaft katholischen Grundlage der ersten beiden christlichen Jahrhunderte weiterbauen zu dürfen. Sie stützten sich auf Konzilien, die für den Arianismus günstig gewesen waren, und fochten die Gültigkeit der Konzilien an, die die Lehre des Arius verworfen hatten.
Wie hoch die Kraft der Bibelworte eingeschätzt wurde, lehrt der Umstand, daß man zur Erforschung der Zukunft nicht mehr, wie einst die Väter, Losstäbe warf, sondern aufgeschlagene Bibelverse für bedeutungsvoll und schicksalkündend ansah.
Diese Verwendung der Bibel offenbart, daß die arianisch-gotische Religiosität ihre zweite Wurzel in der germanischen Vorstellungswelt hatte. Das lehrt auch die gotische Auffassung des Abendmahls als einer steten Erneuerung eines im Blute Christi geschlossenen Bundes; sie bedeutete die Übertragung der germanischen Sitte der Blutsbrüderschaft auf das Verhältnis der Gläubigen zu ihrem Gott.
Wie bereits erwähnt, stammt unser deutsches Zeitwort „taufen“ vom gotischen daupjan; dieses hängt wieder mit diups, d. h. tief, zusammen und bedeutet daher ursprünglich „eintauchen“. Nach spanischen Berichten bestand denn auch die arianisch-gotische Taufe in einem dreimaligen Untertauchen des Täuflings.
Kennzeichnend für germanisches Empfinden ist auch der vom Bischof Isidor von Sevilla überlieferte Brauch der arianischen Geistlichen, sich „zur Schonung des den Germanen so teuren Haupthaares“ nur „auf dem Wirbel eine kleine Platte“ scheren zu lassen.
Schon Gustav Freytag hat erkannt, daß die arianisch-gotischen Christen im Heiland ihren Gefolgsherren sahen. Damit war der altgermanische Gefolgschaftsgedanke ins Religiöse übertragen. Nun läßt sich aus den Evangelien ein zwiefaches Bild Jesu ableiten: das eines leidenden Dulders, der die Sanftmütigen und Friedfertigen selig preist und gebietet, das Schwert in die Scheide zu stecken, und das eines unerschrockenen und schlagfertigen geistigen Kämpfers. Den gotischen Wanderstämmen, die seit vielen Geschlechtern sich ihre Freiheit und ihr Leben täglich neu erobern mußten, konnte der gekreuzigte Dulder wenig zusagen. Sie hielten sich lieber an den heldischen Jesus als ihren himmlischen Herzog und malten sich ihn nach den Hochzielen ihrer Art als mutig, tapfer und treu aus.
Zur Zeit des germanischen Eigenglaubens hatte der öffentliche Gottesdienst in engster Verbindung mit dem Rechts- und Gemeindeleben in Krieg und Frieden gestanden. Die Grundzüge dieser Verfassung blieben auch bei dem Übertritt der Goten zum Christentum maßgebend. Der alte Glaubensverband wurde nunmehr zu einer Stammes- oder Volkskirche und von der Zeit an, wo die einzelnen Stämme ein eigenes Reich gewonnen hatten, zu einer Landeskirche. Daher war diesen gotischen Arianern das römische Streben nach bischöflicher Allgewalt und nach Unabhängigkeit der Kirche von Volk und Staat wesensfremd und unleidlich. Alle ihre geistlichen Würdenträger unterstanden dem König als dem Landesherrn; er ernannte die Bischöfe und zog sie gegebenenenfalls zur Verantwortung.
Nach altgermanischem Brauche war der Hausvater das geistliche Oberhaupt im häuslichen Kreise gewesen. Diese Auffassung blieb auch im gotischen Christentum herrschend. Den Priestern eine bevorrechtigte Stellung einzuräumen und sie als Mittler zwischen sich und Gott anzuerkennen, lag den gotischen Frommen fern.
Darum lehnte die arianisch-gotische Religiosität auch die Lehre von einer doppelten Sittlichkeit ab. In dem Einsiedlerwesen und in dem Mönchstum sahen die Germanen eine Flucht aus der Sippe und dem Stamm. Das bewußte Ausscheiden aus der Kette der Geschlechterfolgen erschien ihnen nicht verdienstlich, sondern widernatürlich. Die Ehe galt als gottgewollter Lebensstand, dem sich die Priester ebensowenig entziehen durften wie jeder andere Volksgenosse. Denn Ehelosigkeit gefährdete die Volkskraft. Aus diesem lebenskundlichen Blickfeld heraus hielten auch die arianischen Goten lange auf reinblütige Ehen.
Der germanische Geist war wenig geneigt, sich dem Zwange festgefügter Glaubenssätze zu unterwerfen. Darum brachte auch die arianisch-gotische Frömmigkeit dem Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Gewissens Ehrfurcht entgegen und war duldsam nicht nur gegen ihre Anhänger, sondern auch gegen Andersgläubige. Die angeborene Verträglichkeit in Glaubensfragen fand sich bestärkt in ihrer geistigen Begründung durch das Wort Jesu: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“ Aus diesem Grundgefühl heraus ließ Theoderich der Große 510 n. übl. Ztr. an die Judengemeinde in Genua schreiben: „… denn eine Religion können wir euch nicht anbefehlen, weil niemand wider seinen Willen zum Glauben gezwungen wird.“
Bei der mehrhundertjährigen Entwicklung der arianisch-gotischen Frömmigkeit ist es verständlich, daß sie ihre eigenen Blutzeugen und ihren eigenen Zeitkalender gehabt hat. Ob sie auch Heilige gekannt hat, ist unsicher, ebenso, ob man einen Wunderglauben annehmen muß; falls ein solcher bestanden hat, war er jedenfalls wesentlich schwächer als in der römischen Kirche.
Sobald die Wanderstämme zu fester Ansiedlung gelang waren, erbauten sie sich auch eigene Kirchen. Ob sie noch dazu gelangt sind, einen arianischen Kirchenbaustil zu entwickeln, muß dahingestellt bleiben. Nach Albrecht Haupt scheint es, als ob bei den gotischen Kirchen alle Sinnbilder der Dreieinigkeit vermieden und deshalb statt der Dreiecksgiebel Walmdächer angebracht worden sind.
Die arianisch-gotische Religiosität hat Glaubenssätze gekannt und ihre Überzeugungen auch in Lehren zu fassen und sie geschickt zu begründen und zu verteidigen verstanden. Aber wichtiger war ihr das Handeln nach den Worten des Heilands. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ – das war die Losung für die gotischen Christen. Prokop rühmt den arianischen Goten der Halbinsel Taman nach:
„Sie achten und ehren die christlichen Bräuche in nicht geringerem Maße als irgendeiner … ohne sich in Streit einzulassen, halten sie den Glauben hoch in schlichter Gestalt.“
Der römisch-katholische Bischof von Massilia (Marseille) Salvianus hat um 450 n. übl. Ztr. dem arianisch-gotischen Tatchristentum folgendes Zeugnis ausgestellt:
„Die Goten und Wandalen hängen zwar Irrlehren an, aber an Sittenstrenge sind sie besser als unsere römischen Landsleute … So viel gilt bei jenen die Sittenreinheit und Sittenstrenge, daß sie nicht nur selbst keusch sind, sondern auch – ich sage etwas Neues, Unglaubliches, Unerhörtes – die Römer dazu gemacht haben … Schämt euch, ihr Römer, schämt euch eures Lebenswandels, denn bei euch sind nur die Städte frei von Lastern, wo die Barbaren herrschen.
Eine ganze Reihe geschichtlicher Zeugnisse ließe sich denn auch anführen, aus denen hervorgeht, welch feine Blüten die Verschmelzung der germanischen Tugenden der Tapferkeit, Ritterlichkeit und Treue mit den sittlichen Forderungen der Frohbotschaft getrieben hat. Die arianisch-gotische Religiosität ergab eine Glaubensform, die nicht wenige auffällige Übereinstimmungen mit dem späteren Protestantismus Luthers aufweist. Die Bibelgläubigkeit, die Verwerfung der Überlieferung, die Forderung der Schriftgemäßheit der Lehre, der Gottesdienst in der Muttersprache, die Bedingtheit der Anerkennung der Konzilien, die Ablehnung einer Mittlerstellung der Priester und der Lehre von einer doppelten Sittlichkeit für den geistlichen und weltlichen Stand, die Lehre vom allgemeinen Priestertum des Hausvaters, die Bildung von Landeskirchen mit dem Landesherrn als oberster Spitze sind alles Züge, die bei der Reformation ebenfalls auftreten. Wie will man sie anders erklären als durch Zurückführung auf im germanisch-deutschen Blute liegende Erbanlagen?

Unser inneres Reich

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Mut zur Identität
Alternativen zum Prinzip des Gleichheit / hrsg. Von Pierre Krebs.
ISBN 3-922314-79-1
© Pierre Krebs, 1988

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.

Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.

Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!

I Allgemeine Betrachtung über die Identität

1. Die politische Komponente des identitären Bewußtseins

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Dr. Pierre Krebs

Auf politischer Ebene ist eine Entwicklung der soziokulturellen Verhältnisse festzustellen, welche den Nomadismus der Massen zugunsten der Verwurzelung der Menschen verleugnet, welche die Rechte legitimierter Völker gegen die Folgsamkeit anonymer Individuen behauptet, welche Ursprünglichkeit und Eigentümlichkeit der einzelnen Kulturen gegen das Hin und Her einer universalen, einebnenden und unsteten Zivilisation verteidigt.

Die gesamte Dritte Welt wird sich ihrer Wurzeln und ihrer Identität immer bewußter, und zwar genau in dem Augenblick, da die Weißen – auf Regierungsebene – das Bewußtsein der eigenen verlieren. Die Dritte Welt fordert mit immer größerem Nachdruck das Recht auf Verschiedenheit, und zwar genau in dem Augenblick, da die Weißen – auf Institutionsebene – ihr Schicksal der Willkür, Respektlosigkeit und Intoleranz der egalitären Ideologie (der Gleichheitslehre) überlassen. Von entscheidender Bedeutung ist die sich hierbei geradezu aufdrängende Feststellung, daß die Berufspolitik, deren Wesen bereits Nietzsche untersucht hatte, sich jeden Tag mehr aus dem bürgerlichen Konsens der Volksgemeinschaften verflüchtigt. Auf dieser Ebene rüttelt ein immer ausgeprägterer Ethnismus die Gemüter und setzt – parallel zu den etablierten Strukturen der Berufspolitik – die revolutionären einer Politik des Lebendigen ein.

Von nun an gliedert sich das wieder aufkommende ethnische Bewußtsein immer mehr in eine sogenannte dialektische Nische ein, die die ohnehin komplementären Interessen des kulturellen Kampfes (in der Behauptung des Rechts auf Verschiedenheit) und der politischen Forderung (in der Bewußtwerdung der volklichen Identität) miteinander verbindet. Eine dialektische Nische, die sich mit der Zeit zu einer echten soziologischen Erscheinung europäischen — unter Berücksichtigung der Entwicklung in der Dritten Welt gar weltweiten Ausmaßes entwickelte. Das Recht auf Verschiedenheit der Bretonen, der Basken, der Tiroler, der Irländer oder der Korsen unterscheidet sich, von den Triebkräften her, in der Tat keineswegs von jenem Willen, der manche Volksbewegung in Biafra, Pakistan, Kongo oder Palästina anzuspornen vermochte. Damit meinen wir jenen tausendjährigen Willen, der die Völker, wie sie alle heißen und wo sie auch immer sein mögen, dazu bewegt, sich über die Behauptung ihrer Identität, d. h. ihrer Andersheit, hinaus, das Recht zu erringen, ihr eigenes Schicksal selber zu lenken. Denselben Standpunkt vertrat Heidegger mit besonderem Nachdruck und nahezu verblüffender Vorahnung, als er den Willen des Volkes zur Schaffung eines eigenen Schicksals als Voraussetzung dafür anerkannte, sich von sämtlichen düsteren Mächten zu befreien; denn ein Volk kann sich „nur dann ein Schicksal erwirken, wenn es in sich selbst erst einen Widerhall, eine Möglichkeit des Widerhalls für diese Bestimmung schafft und seine Überlieferung schöpferisch begreift.“1 Eine alte, noch etablierte politische Ära geht zu Ende: die anorganische Politik der Gleichheitslehre. Eine neue politische Ära, die legitimen Anspruch auf die Macht haben wird, steht bevor: die organische Politik, die das Recht auf Verschiedenheit wahrnimmt. Gegen den etablierten Totalitarismus der Gleichheitslehre wird eine Alternative allmählich artikuliert, welche die alten unveräußerlichen Freiheiten der Menschen (in der Beachtung ihrer Unterschiede enthalten und durch das Recht auf Verschiedenheit gewährleistet) mit den neuen Verantwortungsaufgaben des auf uns zu kommenden Jahrhunderts (im neuen Humanismus der Völkerrechte im Gegensatz zum Humanitarismus der Menschenrechte) verbinden wird.

2. Die kulturelle Komponente der Identität

Das Recht auf Verschiedenheit setzt selbstverständlich das Recht auf Kultur voraus, sofern sich die Unterschiede durch die Kultur in eben demselben Maße konkretisieren, wie die menschliche Identität innerhalb der kulturellen Identität aufkommt, sich ausgestaltet und sich authentifiziert.

Die kulturelle Identität deckt eine, die gesamte Differenzierungslehre kennzeichnende Bipolarität auf: gebildet von einem Anziehungspol der Dauer (der Wille, eine Übereinstimmung zwischen Landschaft, Kultur und Mentalität aufrechtzuerhalten) und einem des Wechsels (der unablässige Wille, das gestrige Stammgut an die heutigen Realien anzupassen); Kultur wird als ereignisvoller und intellektueller Augenblick aufgefaßt, der einen anderen Ausdruck oder eine andere Hülle aufweisen kann, ohne daß sich deshalb dessen innere, d. h. psychische Strukturen verändern. Hierin stimmt die Differenzierungslehre mit einer globaleren Kritik der ‘Modernität, überein. Damit meinen wir eine Kritik an der modernen Welt, sofern die Modernität unserer Epoche darin besteht, die Menschen zu vermassen, sie ungeachtet ihrer Herkunft gegeneinander zu tauschen; diese Modernität zerstört sie letzten Endes, indem sie die Wurzeln ausreißt, die die Menschen an eine bestimmte Gruppe mit besonderem Lebensrhythmus verbinden. J.-P. Vernant hat zu zeigen gewußt, daß der Europäer eher eine Bewegung herbeisehnt, die ihn innerhalb seiner wiedererkannten Werte rehabilitiert, als eine, die ihn nomadisieren läßt und ihn verzettelt: „Es gilt, jeden Menschen aus seiner Isolation herauszuholen, indem er in einer ihn stärkenden und verwirklichenden Gemeinschaft eingewurzelt, wird.“2

Daher begreift man umso besser, weshalb die Differenzierungslehre in erster Linie eine Bewegung der kulturellen Formen war, bevor sie eine politische Akzentuierung erfuhr.

Nun sind wir aber mit Wirklichkeitsausschnitten konfrontiert, die, zur gleichen Zeit, Träumer und Ideologen, abweisen. An diesem Ort geht es ja um eine Realität, die zu bevorzugen oder zu verachten es doch nicht gilt; es handelt sich um eine hoch zu achtende Realität; eine solche Realität, wie Robert Ardrey es vielfach unterstrich, aufgrund deren der Mensch nach seiner Identität trachtet, wie eine Pflanze nach der Sonne. Von nun an geht es nicht mehr um irgendwelche politischen Trennungslinien oder ideologischen Präferenzen, sondern vielmehr um eine scharfsinnige Einstellung zum Wirklichen, um eine klare Einsicht in das Reale – wenn man sich im Leben, optimal, zurechtfinden will. „Das Biologische und das Kulturelle sind im Grunde eins: eine Gesellschaft stellt ein biokulturelles System dar, in dem beide Sphären ineinander dringen und aufeinander wirken.“3 Deshalb ist es wenig verwunderlich, daß manche durch eine unterschiedliche politische Option getrennte Menschen den Rubikon nicht zu überschreiten zögern, wenn es um den Fortbestand bzw. die Erhaltung eines sie formenden Erbes geht. Oder daß (wenn auch nur für kurze Zeit) politische Persönlichkeiten über ihr an sich recht bestreitbares Programm hinaus zu jener klaren Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Realen zurückfinden. Giscard d’ Estaing bot ein solches Beispiel, als er zu erkennen gab: „Das geistige Erbe einer kollektiv durchlebten Zivilisation kommt dem genetischen Erbe einer biologischen Herkunft gleich.“4 C. D. Darlington stellt seinerseits fest: Die verschiedenen Welten, in denen die Menschen leben, beruhen auf verschiedenen Sinneseindrücken des Schmeckens und des Riechens, des Sehens und Hörens, in denen sich die Menschen voneinander unterscheiden, die jedoch bei… Menschen mit gemeinsamen Rassenmerkmalen weitgehend übereinstimmen. Auf diesen Sinneswelten beruhen andere Welten der Denkweisen und geistigen Vorstellungen, in denen sich die einzelnen Völker wesentlich voneinander unterscheiden. Die alten Ägypter und die Maya, die Inder und die Chinesen, die Europäer des Mittelalters und der Neuzeit, sie alle lebten in verschiedenen kulturellen Welten, die sich alle in ihren charakteristischen Kunststilen, die niemals ineinander umgesetzt werden können, offenbaren und widerspiegeln und die in ihnen zusammengefaßt werden. Sie stehen einander verständnislos gegenüber, voneinander getrennt durch unüberbrückbare Abgründe …“5 Die Einsicht in die kulturelle Verwurzelung läßt, wie bereits angedeutet, die allzu engen Begriffe ‚links’ und ‚rechts’ sprengen. In diesem Zusammenhang schlägt ein Forscher mit Rechts-Etikett Alarm gegen den Egalitarismus, der uns auf einen Morgen hinführt, „wo die Mannigfaltigkeit des Menschengeschlechts die Morgenröte nicht mehr beleuchten wird (…), auf den Morgen der Einförmigkeit, der festgelegten Bewegungen, der besten aller Welten, der absoluten Ordnung, der gleichgemachten Wirklichkeit, des grauen Einerlei, der einförmigen Antwort auf einen einförmigen Anreiz … Das ist auch der Morgen, dessen Kommen wir erbitten in unseren Wirtschaftsbünden, in unseren Kollektivfarmen, in unseren Kirchenräten, in unseren Verwaltungskörpern, in unseren zwischenstaatlichen Beziehungen, in unserem edlen Bemühen um eine Weltregierung. Das ist der Morgen, nach dem wir streben, wenn wir beten, eines Tages ein Hirt oder eine Herde zu sein.“6 In einer diesmal als ‚links’ katalogisierten Zeitschrift schreibt ein Journalist: „Sollte die Welt morgen platzen, werde ich mein Land immer noch vor dem Sterben gesehen haben (…) Der moderne Mensch muß sich nämlich darauf vorbereiten, dem Zukunftsschock entgegenzutreten. Angepaßt, entschlossen, wirksam, lebensbejahend im Vergänglichen, in einer Bildflut, die schneller ist als er, ohne Bindungen und ohne Wurzeln.“7

3. Die ethologische Komponente oder Betrachtung über die Verwurzelung

Die Ethologie befaßt sich mit Sinn und Bedeutung des Territoriums bzw. Gebiets. Edward T. Hall bemerkt, daß die Umgrenzung eines bestimmten Gebiets soziale Folgen nach sich zieht.8 Die Ansicht wonach der in Architektur und Planung waltende Egalitarismus zu einer Zunahme der Gewalttätigkeit führe, wurde mittlerweile vielfach bekräftigt. Diese Zunahme fördert einen langsamen, unaufhaltsamen Zersetzungsprozeß der gesellschaftlichen Beziehungen.9

Innerhalb der Tiergemeinden, vornehmlich bei den Primaten, konnte eine Tendenz zur Ausstoßung aller heterogenen Elemente festgestellt werden, sobald eine kritische Schwelle erreicht wurde. Experten folgerten daraus, daß Tiere sich mit denjenigen zu identifizieren trachten, die ihnen ähneln.10 Diese Beobachtung gilt ebenfalls für die Menschenwelt. Deshalb auch ist eine gerechte Gesellschaft vorwiegend eine, „innerhalb deren eine hinlängliche Ordnung ihre einzelnen Mitglieder, was sie auch immer auszeichnen mögen, schützt; innerhalb deren aber eine hinlängliche Unordnung einem jeden Individuum dazu verhilft, seine Anlagen zu entwickeln. Dieses Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung ist es, das meines Erachtens den Gesellschaftsvertrag ausmacht; eine Untersuchung der einzelnen Arten wird zur Genüge demonstrieren, daß es sich hierbei um einen biologischen Imperativ handelt“.11

Das organische Leben ist u. a. eine Struktur des in der Natur der Lebewesen verankerten Grundunterschieds. Schon Aristoteles vertrat den Standpunkt, daß die Natur, indem sie Menschen zu dem macht, was sie sind, unter ihnen tiefgreifende Unterschiede schafft. In der Tat: Wo der Tod homogenisiert, heterogenisiert das Leben. Es ist ferner bekannt, daß Geistesstörungen am häufigsten mit dem begründet werden, was man als Veränderungen bzw. Verunstaltungen der Persönlichkeit bezeichnen kann. Die Einbindung eines Volksstamms in ein System, das dessen Lebensnormen nicht mehr in Betracht zieht, kommt somit, in der gesellschaftlichen Praxis, einer echten kollektiven Neurose gleich, die sich entweder durch allmähliche Degeneration12 durch Störungen bzw. epidemische politische Unruhen äußert. Simone Weil schreibt in diesem Zusammenhang: „Tatsächlich entwurzelte Menschen können nur zwei Verhaltensweisen aufzeigen: entweder verfallen sie in eine seelische, todähnliche Inertie, oder sie stürzen sich in eine stets darauf hinauslaufende Tätigkeit, diejenigen, die es noch nicht sind oder nur teilweise sind, mit den häufig gewaltsamsten Methoden zu entwurzeln“.13

In einer Zeit des organisierten Hin und Her von Menschen und Anschauungen fühlten die Individuen noch nie eine so starke Bindung an eine sie schützende und identifizierende Gruppe; noch nie forderten die Anschauungsträger mit solcher Heftigkeit die Bindung an ein kulturelles Erbe: ob es gefällt oder nicht, diese Tatsache kann nicht mehr bestritten werden! Nicht selten äußern Menschen ihren Willen zum Leben durch Festhalten an einem Leben an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Landschaft, weil dieser Ort oder diese Landschaft sie mit Menschen verbindet, zu denen sie sich hingezogen fühlen, weil die Art dieses Ortes oder dieser Landschaft mit ihrer Persönlichkeit harmoniert; und weil diese Persönlichkeit mit einem Psychismus, einer Lebens- und Denkungsart übereinstimmt, welche ein bestimmtes an diesem Ort oder in dieser Landschaft auftretendes biologisches Erbe aktualisieren.

Der Begriff der Verwurzelung verweist auf den allgemeineren Begriff der Tradition. Kann aber die Rückkehr zu einer Tradition nichts anderes bedeuten als die Rückkehr zu einem erstarrten, statischen, ‚verkalkten’ Existenzmodus? Wäre sie somit der Rückzug in das Gestrige, um einer Realität zu entgehen, die sie nicht zu beherrschen vermag? In einer dem bretonischen Regionalismus gewidmeten Schrift vertrat ein Schriftsteller den Standpunkt, daß die Folklore der Schandfleck einer zwar weiterhin lebendigen Ethnie sei, die aber ihre Souveränität zu behaupten sich nicht mehr getraue.14 Die Treue zur Tradition setzt die Bereitschaft voraus, die lebendige Anpassung dieser Tradition an die Gegenwart zu gewährleisten, ohne dabei den Kern der Tradition preiszugeben. Die Treue zur Tradition ist im Grunde die geistige Aufrecht-Erhaltung, die diese Tradition lenkt. Heidegger behauptete entschieden: „Ein Anfang wird aber nicht wiederholt, indem man sich auf ihn als ein Vormaliges und nunmehr Bekanntes und lediglich Nachzuahmendes zurückschraubt, sondern indem der Anfang ursprünglicher wiederangefangen wird …“15 Das setzt voraus, daß „wir durch unser Fragen in eine Landschaft treten, innerhalb deren zu sein die Grundvoraussetzung ist, um dem geschichtlichen Dasein eine Bodenständigkeit zurückzugewinnen“.16 Wohl bemerkt, die menschliche Verwurzelung hat nichts mit Fixierung zu tun. Der verwurzelte Mensch ist durchaus in Bewegung. Er bewegt sich aber dergestalt, daß er trotzdem weiterhin einer Kette angegliedert ist; diese Kette sorgt dafür, daß er nicht verkommt oder zugrunde geht. Der verwurzelte Mensch ist in Bewegung, ohne daß er deshalb seine Wurzeln löst: er versetzt und modifiziert sie vielmehr im Laufe seiner Entwicklung. Bewegen kann sich ein Volk im Raum, innerhalb seiner Anschauungen, in der Geschichte, die es schafft oder abschafft. Das Volk bleibt dennoch so lange es selbst, wie die Wurzeln nicht gelöst worden sind, die es an eine bestimmte Spezifität, an eine anerkannte Identität binden. Europas Geschichte, Strukturen und geistige Strömungen erstarrten zu keiner Zeit. Seine tiefen Werte, sein charakteristisches In-der-Welt-Sein, die Natur und das Leben sind sich im Kern gleichgeblieben. Europa wird weiterhin in Bewegung sein, die Menschen werden die Dinge immer wieder neu ausgestalten, ihre Anschauungen werden immer wieder neue Perspektiven schaffen und neue Alternativen artikulieren, ihr Wille wird weiterhin Ordnung mitten im Chaos schaffen, – solange Europa im Kern seiner biokulturellen Entität (Wesenheit) nicht modifiziert wird. Die biokulturelle Verwurzelung hat demnach mit der geographischen, die von der Geschichte und dem Willen verändert werden kann, nichts zu tun, auch wenn letztere nicht ohne Bedeutung ist. Somit bedeutet Verwurzelung weder Einschränkung noch Lokalisierung. Sie stellt weder eine Versperrung noch eine Begrenzung dar. Verwurzelung ist vielmehr die der Entfaltung und Entwicklung, dem Wachstum innewohnende Kraft. Erst ein in seinen biokulturellen Strukturen verwurzeltes Volk ist imstande, in jeder Generation alle die Werte, Bausteine, Alternativen und Veränderungen aufs neue zu erfinden, die das biologische und kulturelle Fortleben des Volkes herbeiführt. Sie ist also keine Wiederholung, sondern vielmehr eine Innovation innerhalb zivilisatorischer Strukturen, die sozusagen wechseln, ohne sich im Kern wesentlich zu verändern. Dagegen trägt der Egalitarismus die Gefahren des Bruches in sich. Der Egalitarismus will die Welt verändern, d. h. vor allem sie den biokulturellen Strukturen entfremden, die sie heutzutage noch gründen. Er ist im Begriff das zu des-integrieren bzw. zu verwüsten, was die Verwurzelung durch Innovation integriert.

Verwurzelung gehört zum Wesen des Lebens: Wechselerscheinung (=die Evolution) innerhalb der Aufrecht-Erhaltung (=der Erblichkeit). Sie gibt uns ein, daß „die schlimmste Geistesstörung in dem Unvermögen liegt, die anderen anders als sich selbst aufzufassen“.17 Sie weist uns schließlich darauf hin, „daß die Menschen, ebensowie die Ereignisse, ewig zu sich selbst zurückfinden. So erfahren sie ihre Verwirklichung“.18 Neulich ließ ein Türke erkennen, daß die meisten seiner Landsleute „nach Deutschland gekommen sind, um hier Geld zu verdienen, und nicht, um sich integrieren zu lassen. In der Praxis kann das nämlich bedeuten, spätestens in der zweiten Generation germanisiert zu werden – und das will tatsächlich keiner von uns“. Dem fügte er, als ob er denjenigen unter den Deutschen, die ihre Identität sehr schnell aufgaben, eine Lektion erteilen wollte: „Wir sind stolz, Türken zu sein, und wollen es auch bleiben. Wenn die Deutschen ihre nationale, ethnische und kulturelle Identität so leicht aufgeben, so glaube ich, liegt es daran, daß die Deutschen 1945 nicht nur den Krieg verloren haben. In meinen Augen sind die wahren Ausländerfeinde vor allem diejenigen, die weder Achtung vor dem eigenen noch vor fremdem Volkstum haben. Ihr Ideal scheint mir ein Völkerbrei geschichts- und traditionsloser Konsumidioten zu sein.“19 Denn ohne Verwurzelung ist es den Menschen unmöglich, zu dem zu werden, was sie sein sollen.

4. Die ethisch-philosophische Komponente

Ursprünglich war die fremdstämmige Immigration eine sozioökonomische Erscheinung mit begrenzten, überschaubaren Folgen; mittlerweile entwickelt sie sich zu einer soziobiologischen Erscheinung, mit umgekehrten Folgen. Zu den rein ökonomischen, an sich fluktuierenden Antrieben der Konsumgesellschaft kommen heute ethisch-philosophische ‚Rechtfertigungen’, deren Ursprung viel weiter zurückliegt als die sozioökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Damit meinen wir den egalitären Humanitarismus.

Es ist unseres Erachtens sowohl geraten als auch dringend nötig, das verbrecherische Gedankengut zu demaskieren, das sich hinter dem pseudo-humanistischen Vokabular der meisten Immigrationsbefürworter verbirgt: es ist eine heuchlerische Ethik, unter deren Deckmantel sich eine Riesenapparatur zur Vernichtung aller Menschen entwickelt; eine Nebelwand entstellter Freiheits- und Toleranzslogans, hinter der die Brandschiffe der Sklaverei und der Willkür lauern. Der auf Gleichheit gerichtete Humanitarismus erweist sich von der Logik der Differenzierungslehre her als ein erstaunlicher Schwindel. Schlimmer noch: Vom Gesichtspunkt dieser Lehre aus enthüllt er sich als Träger des größten Völkermords, der jemals unternommen wurde, und zwar gegen alle Völker unseres Planeten. Denn durch seine Vermischung der Rassen, der Kulturen und Weltanschauungen, d. h. durch die Kreuzung und Einebnung der Unterschiede, mißachtet der Egalitarismus nicht nur die grundlegendsten Begriffe von Achtung und Toleranz, sondern darüber hinaus die Freiheit und das Grundrecht auf Verschiedenheit. Diese bloße Schein-Demokratie birgt in Wirklichkeit den barbarischsten und perversesten Totalitarismus, einen Totalitarismus, der im Namen der Freiheit alle Völker der Menschheit in der Panmixie (Rassenmischung) auslöscht.20

Im Namen der Toleranz macht sich die Lehre von der völligen Gleichheit der Menschen der Intoleranz schuldig, die darin besteht, die Verschiedenheit, Originalität und Besonderheit überall da systematisch zu bekämpfen, wo sie sich der Mühle der Gleichmacherei nicht fügen. So kommt es, daß die Vertreter der ‚Religion der Liebe’ im Namen einer Wahrheit, über die man heute nur lächeln kann, ruhig und guten Gewissens zur Vernichtung von Gemeinschaften schreiten konnten – mitunter auch ganzer Bevölkerungen -, die ihren Ahnen und ihren Göttern treu bleiben wollen.21

Dem Wort des Paulus, dem zufolge es einmal „weder Juden noch Griechen“ geben werde, und der angestrebten Rückführung, der Menschen und der Lebensweisen auf ein Einheitsmodell sei entschlossen das Recht auf Verschiedenheit entgegengesetzt. Unser Humanismus basiert weder auf trennendem Ausschluß noch auf Angleichung; diese wäre ja mit einer Unterdrückung der Verschiedenheit gleichbedeutend. Unser Humanismus will ein Erbe antreten. Das bedeutet, daß er grundsätzlich die Vermächtnisse der anderen achtet. Er möchte die Europäer in ihrer Besonderheit und ihrer Unterschiedlichkeit bestärken und ermutigt gleichzeitig alle anderen Rassen und Völker, ihre Eigenheit zu bewahren. Unser Humanismus will die Verantwortung für das kulturelle Erbe Europas übernehmen und möchte den ganzen geheimnisvollen Reichtum wiedergewinnen, der in der Geschichte unserer Völker enthalten ist, aber auch alle jene menschlichen Werte, die durch zweitausend Jahre Christentum in Vergessenheit gerieten oder ausgebeutet und verstümmelt wurden.

Unser Humanismus ist vertikal: er wünscht den Menschen innerhalb einer Hierarchie auf einem Platz zu sehen, der seinem Wesen entspricht und der seiner Eigenart dient – im Gegensatz zum egalitären Humanitarismus, der horizontal ist und den Menschen am Beginn einer Nivellierung sieht, die ihn austauschbar macht innerhalb des großen anonymen und seelisch eingeebneten Kollektivs. Der Humanitarismus verschlingt die Einzelpersönlichkeit wie das Einzelvolk, um an dessen Stelle das anonyme Individuum und die Masse zu setzen. Es ist dies ein Humanismus der Gleichmacherei und daher der Entfremdung, letztlich der Entwertung; ein Humanitarismus also, der vermengt und damit zersetzt, der entwurzelt und daher zerstört. Ein Humanitarismus der Auflösung. Gehlen stellte sehr treffend fest, daß Humanitarismus (unterschiedslose Menschenliebe) und Massendaimonismus aufs engste verbunden sind.“22 Thierry Maulnier bemerkt dazu: „Wenn es darum geht zu erwägen, was auf kürzere oder längere Sicht wünschenswert wäre … Ist es etwa die allgemeine Rassenmischung, das Verschwinden der Unterschiede, eine Menschheit, die auf einen einzigen morphologischen und psychischen Typus reduziert ist? … Was aber wird in diesem Fall aus den Negern? Was aus den amerikanischen Indianern und dem, was von ihrer ursprünglichen Kultur übrig ist? Was wird aus den Eingeborenenstämmen …, die vielleicht das gleiche Recht auf ihre besondere Lebensweise haben wie jene Tierarten, über die wir uns aufregen, weil sie vom Aussterben bedroht sind? Besitzen einzelne Volksgruppen hinsichtlich ihrer Identität Rechte, die andere nicht haben? Wird das Recht auf Besonderheit bestimmten Zweigen der Gattung Mensch zugestanden, anderen aber verweigert? Verweigert insbesondere uns unglücklichen Abendländern, die anscheinend als einzige vom Recht auf Erhaltung unserer Eigenart ausgeschlossen sind.“23

Versuchen wir die dargelegten Gedanken in einem schematischen Rahmen näher auszuführen:

Die Gleichheitslehre redet vom Menschen. Doch indem sie ihr abstraktes und degradierendes Konzept vom Menschen aufstellt, verneint sie auf einen Schlag alle Menschen. Wir stoßen hier auf einen totalitären Willen: die Rückführung, der gewachsenen Vielfalt auf ein Einheitsmodell. Das ist der Grund, weshalb wir vom egalitären Humanitarismus als von einem ‚Humanismus’ sprechen, der den Unterschied -d. h. das Andere — verschwinden läßt in der Einheit — d. h. im Gleichen. Aus dem Willen zur Gleichmacherei wachsen in der Tat die wirklichen Wurzeln der Intoleranz.

Wir dagegen sprechen vom menschlichen Pluralismus. Denn von Menschen zu reden setzt schon deren Verschiedenartigkeit voraus. Unser Humanismus beruht auf der Aufrechterhaltung der Verschiedenheit. Auf dieser Grundlage bringt er Ethik und Leben, die Toleranz und die Menschen wieder in Übereinstimmung.

Die Gleichheitslehre redet von der Menschheit im Singular. Doch indem sie ihr Menschheits-Konzept aufstellt, verneint sie mit einem Schlag alle Völker. Wir stoßen hier wiederum auf einen totalitären Willen: die Uniformierung der Rassen und die Nichtachtung der Unterschiedlichkeit der Kulturen. Aus diesem Grunde sagen wir vom egalitären Humanitarismus, er sei ein ‚Humanismus’, der die Identität, die Unterschiedlichkeit der Rassen und Völker einebnet, auslöscht, entwertet. Aus dem egalitären Willen zur Uniformierung sprießen die wichtigsten Wurzeln von Sektierung und Gewalt.24 Was uns betrifft, sprechen wir von der Menschheit im Plural. Unser Humanismus basiert auf der Anerkennung der Völker und ihrer Kulturen, also auf der Achtung vor ihnen. Daher bringt er die Geschichte und das Leben, das Erbe und die Menschen wieder in Einklang.

Die Gleichheitslehre redet vom Weltstaat. Doch indem sie das Konzept eines planetaren Staats aufstellt, negiert sie mit einem Schlag alle Kulturen. Wir treffen auch hier auf einen totalitären Willen: den politischen Willen zur Negation und zur Zerstörung der kulturellen Verschiedenheiten, der innerhalb des Weltstaats zum Phänomen der kulturellen Anpassung führen muß. Deshalb sprechen wir vom egalitären Humanitarismus als von einem »Humanismus, der zerstückelt und deshalb ärmer macht. Aus dem egalitären Willen zur universellen Verstaatlichung des Planeten wachsen die wichtigsten Wurzeln der Diktatur.

Wir dagegen sprechen von den völkischen Identitäten und den Vaterländern. Unser Humanismus gründet auf der Freiheit der Völker, sie selbst zu sein. Auf dieser Basis bringt er den Geist und das Leben, die Kultur und die Menschen wieder in Übereinstimmung.

Die Gleichheitslehre redet von einem Nomadentum der Massen. Doch indem sie ein willkürliches soziologisches Konzept aufstellt, verneint sie mit einem Schlag alle traditionellen Menschengemeinschaften.

Wir stoßen hier auf einen totalitären Willen, in dem das Phänomen der Entfremdung gründet. Aus diesem Grund sprechen wir davon, daß der egalitäre Humanitarismus vermischt und deshalb zersetzt, entwurzelt und damit zerstört. Das ist es, was sich hinter dem Projekt der Panmixie verbirgt, mit anderen Worten: hinter dem weltweiten Genozid an der menschlichen Identität, aus der sich die ethnokulturelle Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ergibt. Aus dem egalitären Willen zur Rassenmischung sprießen die Wurzeln der Entfremdung und des Völkermordes. 25

Wir dagegen sprechen von Verwurzelung. Unser Humanismus ist organisch, er basiert auf den erworbenen Erkenntnissen des Lebens. So bringt er Natur und Leben, Volkstum und Menschen wieder in Einklang.

Das Gebot der Stunde ist nicht nur, darzulegen und zu handeln; das eigentliche Gebot der Stunde ist, wachzurufen; das Gedächtnis unserer Völker wachrufen, um in ihnen das Bewußtsein ihrer Wurzeln zu erwecken; die Einsicht in ihre Wurzeln hervorrufen, damit sie ihre Identität erfahren; ihnen zur Bewußtwerdung ihrer Identität verhelfen, um ihr Recht auf Verschiedenheit zu legitimieren; ihnen schließlich beibringen, wie sie auf der Schule der Achtung vor den Menschen die Völkerrechte wieder erlernen können. Es geht ja im Grunde um ihre Freiheiten, um jene Freiheiten, die dort anfangen, wie jeder wissen sollte, wo die Verachtung von Kultur und Mentalität aufhört; d. h. mit anderen Worten, die Verachtung des Lebens in seinem höchsten Grad. Diese Verachtung wird bei mangelndem Bewußtsein mit einem profanen Wort umschrieben, das Willkür, Haß und Sklaverei gründet; genauso wie Freiheiten, bei ausgeprägtem Bewußtsein, mit einem sakralen Wort umschrieben werden, das das Recht auf Verschiedenheit, auf Respekt und Achtung gründet: es ist das Wort Toleranz.

II Deutsche Identitätsperspektiven

Bilanz

Zu einer Zeit, da sich politische Parteien und Gruppierungen mehren, betrachten wir es als Gebot der Stunde, eine Partei des Geistes – eine Schule der Metapolitik – zu gründen. Diese neue weltanschauliche Schule soll die bevorstehenden kulturellen Entscheidungen legitimieren, aus denen die politischen Verwirklichungen hervorgehen werden. In diesem Sinne gründete eine Gruppe von jungen Schriftstellern, Journalisten und Akademikern im Juli 1980 das Thule-Seminar. Sieben Jahre eines intensiven Kampfes, die Veröffentlichung von vier grundlegenden Werken, nicht weniger als 200 Vorträge, die in Deutschland, Österreich, Belgien, Holland, Frankreich und in der Schweiz gehalten wurden, haben die Erwartungen übertroffen und ließen diese weltanschauliche Partei ihre erste bedeutende Schlacht gewinnen: nämlich in Deutschland den Eckstein, jenes Fundament zu schaffen, auf dem die Neue Kultur entstehen soll.

In Das unvergängliche Erbe haben wir das Erbe des intellektuellen und ethnischen Gedächtnisses definiert, indem wir eine erste Reihe von differentialistischen Alternativen zum Egalitarismus skizzierten. In Heidesein zu einem neuen Anfang wurde das heidnische Gedächtnis der europäischen Spiritualität dargelegt. In Die entscheidenden Jahre wurde eine Bilanz über das System und seine ideologischen Analogien (Liberalismus, Bolschewismus) gezogen.

In Die europäische Wiedergeburt schließlich entwarfen wir eine Strategie der Zurückeroberung. In der Gründungsphase dieser ‚Partei des Geistes’, hielt das Thule-Seminar entschieden Abstand von der Berufspolitik. Das Thule-Seminar vertrat immer wieder den Standpunkt, daß es um die Reifung neuer Werte gehe, die unserem Volk die Wiederkehr des Vaterlands ermögliche, und zwar durch die Wiederverwurzelung seiner ureigensten Mentalität. Denn was im Ursprung steht, schreibt Heidegger, bleibt immer ein Zukünftiges …

Sieben Jahre Kampf lehrten uns, die Macht eines im materiellen Bereich tausendfach mächtigeren Gegners zu erfahren, ließen aber gleichzeitig erkennen, daß dieser Gegner im Bereich der Interessiertheit, des revolutionären Idealismus und vor allem der ideologischen Alternative tausendfach schwächer ist. Er war tausendfach mächtiger, da in allen Strukturen der Regierungsmacht, von der rechten bis zur linken Seite des Systems installiert, aber paradoxerweise zugleich tausendfach schwächer, verwundbarer, da in der wesentlichen Ideenkrise des-installiert.

Diese sieben Jahre Kampf haben uns ersten Prüfungen unterzogen. Weitere, größere werden folgen. Aber wir wissen, daß wir noch dem Morgigen angehören. Doch das Morgige leuchtet schon in der Dämmerung des 21. Jahrhunderts.

Unser inneres Reich

Deutschland ist nicht mehr. Deutschland hat den politischen Karneval, die Maskerade der Foren verlassen, wo die Schönredner nur Beamte des Systems sind, wo falsch gespielt und die eigentliche Volksidee allmählich auf den Index gesetzt wird. Nirgendwo anders bietet ein Land ein noch verächtlicheres Bild der Durchkolonisierung durch zwei Mächte, die lediglich die Ausgeburten ein und desselben egalitaristischen, von Martin Heidegger bereits entlarvten Ungeheuers sind: „Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe; dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen.“26 Mit anderen Worten: Europa wird nirgendwo anders so verhöhnt, so entwürdigt, so verleugnet – wie in Deutschland.

Der tiefste Sturz enthält dennoch immer die stärkste, die gewagteste Hoffnung. Im Jahre 1963 traf Julius Evola27 folgende tragische Schlußfolgerung über Deutschland: „Mit Deutschland, das zuvor in verschiedener Hinsicht einen fruchtbareren Boden geboten hatte, ist nicht mehr zu rechnen: auf den militärischen Zusammenbruch folgte ein innerer, geistiger Zusammenbruch, folgte die quasi neurotische Ablehnung jeglichen höheren Gedankens oder Interesses.“ Deutschland ist nicht mehr: das will jedoch auch heißen, daß es wieder wird sein können. Dies dürfte auch keinen derjenigen wundern, die, einem Gedanken Schillers folgend, die Überzeugung niemals verloren haben, daß die deutsche Größe immer aus einem tiefen Sturz des deutschen Volkes hervorgegangen ist, aus dem Chaos herausgeboren wurde, um mit Nietzsche zu sprechen.

Statt zu sein, was es nicht ist, entschied sich unser Deutschland (das Deutschland der Neuen Kultur), nicht mehr zu sein. Deutschland ist nicht mehr. Deutschland ist zur Essenz, zum Mythos und zur Legende zurückgekehrt. Seine Wiedergeburt kann nur durch den Einsatz der noch freien geistigen Kräfte erreicht werden; sein Fortbestehen hängt bedingungslos von den noch wagenden Willenskräften ab, sein Wiederaufwachen ist mehr denn je an die noch verwurzelten Kräfte der Treue gebunden. Deutschland ist zur Idee zurückgekehrt, die den Intellekt seines Volkes prüft; zur Idee mit allen Querverbindungen, die sie in sich schließt: Deutschland ist zum Nährboden der Revolution geworden! Deutschland ist zum Entwurf zurückgekehrt, zur Quelle der Initiative, des Muts und der Kampflust mit allen Risiken, die dies für sein Volk birgt. Deutschland ist, ohne es eigentlich zu wissen, mit der unsteten Seele des Zweiflers zu den alten Göttern zurückgekehrt, die über die Mentalität, die Psychologie, das Verhalten seines Volkes Aufschluß geben: Deutschland ist wieder zur Heimat des Werdens und der Verwurzelung geworden, zum Vaterland im Exil sozusagen, das die Forderung stellt, man möge es suchen und verdienen, man möge es zurückerobern. Deutschland ist wieder zum großen Land der Zukunft geworden, zu dem Land, das es wiederzufinden und wiederzuschaffen gilt. Deutschland ist zu unserem längsten Gedächtnis zurückgekehrt, um uns den verborgensten, den tiefsten, den authentischsten Teil unseres identitären Bewußtseins zurückzugeben. Deutschland machte uns wieder zu Europäern im schicksalhaften Zentrum vom Reich der Mitte.

Deutschland wird uns nicht zufallen, wie man ein wertloses Strandgut am Wege findet – wir werden ihm vielmehr unter Beweis stellen müssen, daß wir die Kraft haben, es wiederzugewinnen. Es prüft unsere Wurzeln, weil es uns zwingt, uns selbst wieder zu finden: Es fordert, daß wir eine Legitimierung, eine Modernität, eine höhere Begründung des Rechts auf Verschiedenheit und auf Identität darlegen. Es prüft unser Gedächtnis, weil es uns zwingt, wieder grundlegende Mythen zu schaffen, die Geschichte wieder zu gestalten, d. h. wieder ein Schicksal zu erfüllen. Deutschland prüft unseren Intellekt, weil es von uns eine seelische Stärkung der Ideen, der Alternativen und der Werte erwartet, die die Vaterländer zum Leben benötigen. Deutschland hat mit den Zufälligkeiten der Berufspolitik, mit der ganzen Parteienkarawanserei gebrochen. Es hat den Flitterkram des Systems in die Mülltonne der Anekdote geworfen. Deutschland ist nicht mehr von heute. Indem es zur Essenz, zum Mythos und zur Legende zurückkehrte, knüpfte es wieder an die Geschichte und die tätige Vorausschau an. Es wurde wieder historisch und ist bereits postmodern. Deutschland ist wieder grundlegend, ist also im Ursprünglichen wieder Reich-gemäß geworden: das europäische Geburtszentrum unserer gründenden Ideen, unserer aufrührerischen Freiheiten, unserer faustischen Bestrebungen, unserer aristokratischen Herausforderungen. Es entwickelt unser inneres Reich.

Das Land, wo Zarathustra still wurde

In dem Land Goethes hat Mephisto aufgehört, ein Verführer zu sein. Sein einst gleich einem Degen schmales Gesicht ist aufgedunsen; die Zauberkraft seiner Augen verendete im Rinderblick eines cow-boy aus Dallas; seine Eckzähne sind durch chewing gum-Kauerei stumpf geworden, und von seinem luziferischen Gelächter ist nur noch die schmierige Grimasse eines businessman aus Wall-Street wahrzunehmen, die bösartige Grimasse des American Way of Life, die sich wie ein trüber Schatten über die deutsche Agonie – die verderblichste dieses Jahrhunderts – breit macht. Faust hängt – wieder — am Schicksalsbaum, sein Genie ist verbannt und seine Seele zwischen den Teilen Deutschlands zerrissen. Im Bamberger Reiter scheint die deutsche Geschichte auf ewig versteinert zu sein. Auf dem verlassenen Brocken werden die Walpurgisnächte nur noch von den kalten Scheinwerferstrahlen fremder Wachttürme erhellt. Tristan langweilt sich zu Tode, verendet aus Langeweile in den von Amerika überfluteten Diskotheken, in diesen neuen Hysteriestätten eines neuen Babylon, das in dem vermarkteten Sänger Michael Jackson das vorläufig spektakulärste und elendste Gegenstück zu Siegfried gefunden hat. Hameln ist überall in Deutschland, aber sein in den Bundestag gewählter Flötenspieler hat dem Besatzer seine Magie verkauft, und nun sind es die Ratten, die über das liberalkapitalistische Schicksal des zerstörten Reichs bestimmen. Mozart liegt hingegen ermordet da, und seine zerbrochene Flöte nicht mehr die Elfen und Nixen des germanischen Waldes.

Zarathustra schweigt. Man sagt, daß er sich in die heimlichen Tiefen des längsten Gedächtnisses zurückgezogen habe … Die amerikanischen Strategen von Cosmopolis, die, wie der Filmregisseur Volker Schlöndorff es kürzlich hervorhob, nur für den Augenblick leben, haben das allerdings nicht zur Kenntnis genommen. Die Augenblicklichkeit gehört ihnen; die Geschichte interessiert sie kaum. Zusammen mit Martin Heidegger wissen wir, daß wir uns in der Mitternacht befinden, „in der schon anbrechenden Geistlosigkeit, der Auflösung der geistigen Mächte, der Abwehr alles ursprünglichen Fragens nach Gründen“.28 Gerade dieses Fragen an unsere Wurzeln, dieses unverjährbare Recht auf Identität werden wir in den Vordergrund rücken müssen. Dieses heute als ketzerisch bewertete Fragen ist nicht neu. Bereits vor einem halben Jahrhundert stellte Oswald Spengler folgende grundlegende Frage: „Hat heute irgendein Mensch der weißen Rasse einen Blick für das, was rings umher auf dem Erdball vor sich geht? Für die Größe der Gefahr, die über dieser Völkermasse liegt und droht?“29, Deutschland ist derzeit ein Beispiel von Dynamik in dem einzigen Bereich, wo es seinen Willen behaupten darf, dem Konsumbereich, und zwar im gleichen Maße wie seine Identität, seine nationale Verantwortung und sein historisches Schicksal fast bedingungslos eingeschränkt ist. Diese Dynamik ist aber insofern vergänglich, als sie keine geistigen, ethischen, kulturellen oder politischen Werte mehr gründet. Diese Dynamik ist nicht mehr prometheisch. Sie ist merkantil und amerikanisch. Sie wurde zu einer ungeheueren Selbstzerstörungskraft, hie leistet dem ‘Countdown, der deutschen Identität Vorschub.

Das Land, aus dem die Götter geflohen sind

Gerade auf dem Grund dieser merkantilen Raserei erkennt Heidegger den dämonischen Aspekt,30 die vernichtende Böswilligkeit, die den nunmehr zwischen Sowjetrußland und Amerika eingeklemmten europäischen Geist verfinstert.31 Der Philosoph zählt auch die Ereignisse auf, die zu dieser Verfinsterung führten: Es sind „die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen, den Vorrang des Mittelmäßigen“.32 Die Zange zog sich zusammen, und Deutschland begab sich in die dunkelste Nacht dieses Jahrhunderts, die mit unseren Treulosigkeiten, unseren Schwächen, unseren Erniedrigungen geschwängerte Nacht; die undurchsichtige, einförmige Nacht; die laue Nacht des von Konrad Lorenz erkannten Wärmetods; die grenzenlose Nacht der gefährlichsten Gleichschaltung aller Zeiten, weil sie der gesamten verdummten Welt die gleichen Moden und Torheiten aufschwatzt, die gleichen kubischen Bauten und die gleichen Diskotheken, die gleichen Mac Donalds aus Kunststoff, um die Mägen zu täuschen, die gleichen Holliday Inns aus Beton, um die Träume zu zermalmen. Es ist die längste Nacht dieses Jahrhunderts, die plebejische Nacht des amerikanischen Mondialismus, der uns verdummt und unter der Dollar-Maske der Wallstreetgangster triumphiert. „Wir liegen in der Zange“, sagt Heidegger. „Unser Volk erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck.“33 Spengler prophezeite mit einer weltumfassenden Erkenntnisgabe, die Heidegger nur bestätigen kann, daß Amerika seine Metastasen im Vaterland von Novalis, Rilke und George wuchern läßt. Diese Wahl ist kein Zufall. Indem es Deutschland zum Satelliten macht, weiß Amerika sehr wohl, daß es das Herz Europas, das Reich der Mitte, das geistige und historische Epizentrum unseres Kontinents lahm legt. Thomas Mann sagte über Deutschland zu Recht, daß es Europa zusammenfaßt, der Inbegriff Europas ist. Und gerade in diesem „zusammengefaßten“ Europa ist die liberalkapitalistische Gesellschaft amerikanischer Prägung dabei, mit größter Wirksamkeit die Herrschaft des vermassten und die Versklavung des geistigen Menschen herzustellen. Gegen dieses Deutschland empörte sich Thomas Mann, als er schrieb: „Wessen Bestreben es wäre, aus Deutschland einfach eine bürgerliche Demokratie im römischwestlichen Sinn und Geiste zu machen, der würde ihm sein Bestes und Schwerstes … nehmen wollen, der würde es langweilig, klar, dumm und undeutsch machen wollen …“34! Thomas Manns Zwangsvorstellung wurde zur alltäglichen Gegebenheit. In dem um sein Germanentum gebrachten Deutschland wächst ein Homo Occidentalis, der uns durchaus um unseren Glauben an den europäischen Menschen schlechthin bringen könnte, da dieser von jener allumfassenden Herrschaft der Verkleinerung ergriffen wird, die Nietzsche anprangerte: „Denn so steht es: die Verkleinerung und Ausgleichung des europäischen Menschen birgt unsre größte Gefahr, denn dieser Anblick macht müde… Wir sehen heute nichts, das größer werden will, wir ahnen, daß es immer noch abwärts geht, ins Dünnere, Gutmütigere, Klügere, Behaglichere, Mittelmäßigere, Gleichgültigere, Chinesischere, Christlichere … Hier eben liegt das Verhängnis Europas – mit der Furcht vor dem Menschen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht vor ihm, die Hoffnung auf ihn, ja den Willen zu ihm eingebüßt. Der Anblick des Menschen macht nunmehr müde …“35

Man soll uns also nicht sagen, daß die amerikanische Besetzung unseres Raumes unsere kulturelle Freiheit unangetastet lasse und daß diese Besetzung im Grunde genommen besser als der sowjetische Gulag sei, der Körper und Geist gefangen hält. Nichts ist irriger als diese schwachsinnige Behauptung, da genau das Gegenteil eingetreten ist: Amerika besetzt viel gründlicher unseren Geist als unseren Raum, unsere Kultur als unsere Kasernen, unsere Lebensgewohnheiten als unsere Straßen, unsere Felder als unseren Himmel. Schlimmer noch: Amerika besiedelt sozusagen unsere Wünsche, unsere Reflexe, unsere Meinungen. Amerika besiedelt bereits unser Gedächtnis. Deshalb steht es unumstößlich fest: die Wiedergeburt Europas setzt den Niedergang Amerikas voraus, den Niedergang dieses „Antieuropäertums einer praktizistischen, merkantilen, demokratisch-kapitalistischen, wesentlich weltlichen und protestantischen Kultur …, das gerade in Amerika zu seiner letzten Schlußfolgerung gelangt ist: zum Mammonismus, zur übermäßigen Standardisierung, zur Tyrannei des Trusts und des Goldes, zur entwürdigenden Religion der ‚Sozialität und der Arbeit’ zur Zerstörung jedes metaphysischen Interesses und zur Verherrlichung des tierischen Ideals.“36

Der deutschen Nation, der die stärkste Schädigung ihrer Identität unter allen europäischen Nationen widerfuhr, wird gleichzeitig die größte Herausforderung dieser Jahrhundertwende gestellt: Wird Deutschland fähig sein, diese tödliche Schläfrigkeit, die ungeheuere Häßlichkeit des amerikanischen Lebens37 abzuschütteln? Ja, stellen wir die Frage! Wird Deutschland fähig sein, sein Schicksal auf Siegfrieds Amboß wieder zu schmieden, dadurch das amerikanische Phänomen auf sein tatsächliches Maß zu reduzieren und eines Tages — wie Nietzsche — zu sagen: „Was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an?“38

Joachim Fernaus schwere Anklage ist ein Volltreffer: „1945 waren wir Wachs in ihren Händen, heute sind wir ihr williger Schatten geworden. Was wollen wir bewahren? Unser Vaterland? Was ist das? Die Erde?

Der Acker? Die Städte? Die Fabriken? Die Banken? Die Atommeiler? Die Supermärkte? Die Partei-Silos? Was ist das Deutsche Vaterland? Wo ist es hingekommen? Es war doch einmal da, wo ist es nur geblieben? Was war es denn? Ach, meine verratenen Freunde, ich glaube, es war unsere Seele. Die ist es, die sie zerstört haben … Darum verliert kein Mitleid! … Haßt, was da über uns kommt… aus Liebe zu dem, wonach wir hungern und was man kaputtgemacht hat, deshalb sage ich: haßt! Die Liebe ist machtlos geworden. Dort drüben, jenseits des Ozeans, steht der Schuldige.“39 Um Europa zu schaffen, werden wir Amerika abschaffen müssen. Wenn man mit Evola bedenkt, daß der Amerikaner, die Verkörperung schlechthin des modernen, bis zum äußersten abgetriebenen Abendländer, nichts anderes als ein Schalentier ist, das sich in seinem äußeren Verhalten umso ‚härter’, zeigt, als er im Bereich der Innerlichkeit ‚weich’, und haltlos ist – ist das Unterfangen wahrlich nicht einschüchternd!40

Ganz Deutschland ist zu einer riesigen Krabbenreuse geworden. Die Schalentiere, von denen Evola spricht, höhlen es aus. Deutschland ist zu einem riesigen Kalifornien geworden, wo es den wöchentlichen Fernsehdallas, – o entsetzliche Trauer! – anscheinend gelang, alle Lüneburgs, alle Bambergs, alle Marburgs vergessen zu machen. Martin Heidegger gab der kalifornischen Gefahr einen anderen Namen, als er von dem „höchsten und erfolgreichsten Scharfsinn des rechnenden Planens und Erfindens“ sprach41. Mit der entsetzlichen Folge: der Mord an dem meditierenden Denken. Auch Hermann Keyserling stellte die unermeßliche existentielle Kluft, die zwischen Europa und Amerika besteht, mit den Worten fest: „In Europa galt finanzielle Macht nie als letzte Instanz. Diesem wunderlichen Glauben zu huldigen gehört zu den Originalitäten der Vereinigten Staaten. In Amerika glauben die Leute wirklich, daß der Reiche ebendarum ein überlegener Mensch ist; in Amerika schafft Geldgeben tatsächlich moralische Rechtsansprüche.“42

Das Land des meditierenden Denkens

Germaine de Staël bemerkte: „In Deutschland herrscht jedoch ein solcher Hang zur Reflexion, daß die deutsche Nation im wahren Sinne des Wortes als die metaphysische Nation betrachtet werden kann. Es finden sich in diesem Volk soviel Menschen, die im Stande sind, die abstraktesten Fragen zu verstehen, daß selbst das große Publikum Anteil an den Argumenten nimmt, die bei diesen Diskussionen vorgebracht werden.“43 Mme de Staël nahm somit Thomas Mann gedanklich vorweg, der gern sagte: „Kann man Philosoph sein, ohne deutsch zu sein?“44 Solange es die natürliche Heimat des meditierenden Denkens blieb, konnte Deutschland der übrigen Welt das Beste von sich geben: Das meditierende Denken verband es mit seiner reinsten Originalität, die es stets dazu bewog, über das Wesen, das Sein und das Werden grundlegende Fragen zu stellen. Das meditierende Denken wurzelte Deutschland in seine psychischen, kulturellen, soziologischen und politischen Partikularismen ein; das meditierende Denken brachte Deutschland in seinem Erbe zur Entfaltung; es verwob Deutschland mit seiner Identität und machte es gleichzeitig weltoffen. Und Deutschland veränderte sich, ohne sich jemals zu modifizieren. Das berechnende Denken entbindet Deutschland seiner Beziehungen, seiner Neigungen, seiner Affinitäten. Es entfremdet Deutschland allmählich sich selbst; es verbannt seine größten Denker innerhalb ihres eigenen Vaterlands. Das berechnende Denken rückt Deutschland immer mehr von seiner Geschichte ab und bringt es dagegen immer näher an die materielle Fatalität, an das Ökonomische.45 Das berechnende Denken hobelt immer mehr ab, was Deutschland von den anderen Völkern grundsätzlich unterscheidet, indem es an die einförmigen, austauschbaren und totalitären Erfordernisse des mondialistischen Diktats angepaßt, d. h. verstümmelt wird. Das berechnende Denken anonymisiert Deutschland. In diesem Sinne verbeißt sich der Liberalismus darin, die lebendigen Traditionen dieses Landes und alles, was von der Entfaltung seines Werdens zeugt, zu ersticken, indem er alle Hebel an sich reißt, die die Sitten und Bräuche lenken. Der Liberalismus manipuliert den Geschmack, die Moden, die Gadgets, die Schlager, die Bilder, die. er den abgedroschenen Klischees von Cosmopolis ablauscht. Er vervielfacht die Information, um die Fährten besser durcheinander zu bringen, die Reflexion zu verdummen, die Konzentration zu entmutigen, jede Spur eines meditierenden Denkens zu verwischen. Das berechnende Denken schafft allmählich die Identität, die Norm, den orientierenden Wert ab, die verschiedene Menschen in die Lage versetzen, für ein Volk gegenüber einem anderen zu stehen. Das berechnende Denken abstrahiert die Bindungen und neutralisiert die Wurzeln, um eines Tages nicht etwa Gemeinschaften oder Völker in Beziehungen zu bringen, sondern entmenschlichte Menschenräume von einem Ende des Planeten zum anderen austauschen zu können. Das berechnende Denken verwandelt somit das deutsche Volk allmählich in eine Gütergesellschaft. In dem genormten Schmelztiegel von Cosmopolis ständig umgeformt, von seinem Germanentum immer radikaler getrennt, wird Deutschland sehr bald der Welt nicht mehr das Beste von sich geben, da dieses Bessere, das es von den anderen Völkern unterscheidet, abgeschafft sein wird. Sein Volk wird sozusagen zunächst auf Höhe der Wurzeln, der Bindungen, der Werte implodiert sein, bevor es in dem großen weltweiten Zusammenbrauen explodiert. Die Beobachtung von Mme de Staël und die Frage, die Thomas Mann stellte, werden dann sogar nicht mehr von Bedeutung sein: Wenn die Deutschen schon einmal in der standardisierten Cosmopolis aufgesaugt und des-integriert sind, wenn Existenz und Welt schon einmal programmiert, technokratisiert sind, ist offensichtlich, daß die Fragen über das Wesen, das Sein und das Werden nur noch als intellektuelle, sinnlose Scherereien empfunden würden in einer Welt, wo das Sein vereinheitlicht und das Werden abgeschafft wäre… bis zum Eintreten des Unvoraussehbaren, das in Deutschland als Ernstfall bezeichnet wird! Wären die Götter einander gleich, so hätten sie – höchste Widersinnigkeit – nichts mehr auszutauschen. In dem Maße wie das berechnende Denken die Identität eines Volkes verwirkt, zwingt es die übrige Welt, auf eine grundlegende Originalität, die sie ergänzt und bereichert, zu verzichten. Das egalitäre Denken, das Cosmopolis nährt, schwächt die ganze Menschheit. Das meditierende Denken bleibt das wirksamste Gegenmittel zum berechnenden Denken Amerikas. Wir begreifen auf einmal die Aktualität von Heideggers Worten: „Darum gilt es, dieses Wesen des Menschen zu retten. Darum gilt es, das Nachdenken wach zu halten.“46 Es gilt mit anderen Worten, daß wir mit den Wurzeln verbunden bleiben. Martin Heidegger macht in diesem Zusammenhang eine ebenso meisterhafte wie kategorische Erklärung: „Die Bodenständigkeit des heutigen Menschen ist im Innersten bedroht. Mehr noch: Der Verlust der Bodenständigkeit ist nicht nur durch äußere Umstände und Schicksale verursacht, auch beruht er nicht nur auf der Nachlässigkeit und oberflächlichen Lebensart der Menschen. Der Verlust der Bodenständigkeit kommt aus dem Geist des Zeitalters, in das wir alle hineingeboren sind.“47 Heidegger fragt nun nach den entsetzlichen Folgen der Entwurzelung: „Wir werden noch nachdenklicher und fragen: Kann, wenn es so steht, der Mensch, kann menschliches Werk künftig noch aus einem gewachsenen Heimatboden gedeihen und in den Äther, d. h. in die Weite des Himmels und des Geistes steigen?“48

Das Land am Scheideweg

Um die historische Mission erfüllen zu können, die ihm der Philosoph aus dem Schwarzwald zuschreibt,49 wird Deutschland gegen die amerikanisch-westliche Cosmopolis mit größter Energie ankämpfen müssen, mit der Energie der Notwehr, die die Anwendung der stärksten Mittel gegen die größte Gefahr verlangt. Deutschland wird zwischen der liberalen Konsumideologie des Westens (bzw. ihrer sowjetischen totalitären Variante; und dem europäischen Zeitalter entscheiden müssen, dem wir durch das Modell einer organischen, solidarischen und entscheidungskräftigen Gemeinschaft Ausdruck verleihen. Wir stimmen dabei mit Max Scheler überein, wenn er behauptet: „Wo immer Gemeinschaft, auf Erden bestand, finden wir, daß den Grundformen des Gemeinschaftslebens ein über alle Interessen und subjektiven Gesinnungen und Absichten der einzelnen erhabener Wert zugestanden wird …Und so kommt es überall, wo Gemeinschaft ist, den Formen des Lebens ein Selbstwert zu, der unabhängig ist vom Grade der Schätzung der Interessen, vom Glück und Leiden der einzelnen.“50 Deutschland wird sich aus der Sackgasse herausreißen müssen, in der sein tätowiertes Genie dahinsiecht; die Irenik und der Hedonismus, die ihm durch die Zauberlehrlinge von Cosmopolis schmackhaft gemacht werden, enthumanisieren Deutschland, denn weder die pazifistische Utopie noch das arbeitsfeindliche Lustprinzip waren jemals die seelischen Stützen und geschichtlichen Ziele seines Germanentums. Deutschland muß in den gefahrvollen Nährboden der Geschichte eindringen – und zwar genau so, wie ein jeder Mensch, der sein Leben ordnet, seine Wesenszüge ausbildet und nach Vervollkommnung strebt, sich zu diesem Zweck der Gefahr einer besonderen Anspannung, einer Krise, eines schicksalhaften, unvorhersehbaren Ereignisses aussetzt, in dem Wissen, daß er die Bedrohung nur abwenden kann, wenn er sich ihr kämpfend widersetzt und sie überwindet. Im Volksmund spricht man gewöhnlich von einer ‚Heldentat’, die sich, nach Spenglers Worten, „nur durch lebendiges Vorbild und sittliche Selbstdisziplin eines befehlenden Standes …, nicht durch viel Worte oder durch Zwang“ erreichen läßt. Deutschland, das Zentrum der europäischen Geschichte, muß erneut in diese Art der Gestaltung eintreten, wenn es leben, überleben, besser leben will im griechischen, faustischen, nietzscheschen Sinne des Wortes. Erst dann wird es die Zügel seiner kulturellen Verpflichtungen, seiner politischen Entscheidungen, seines historischen Entwurfs und seines Schicksals wieder ergreifen können. Deutschland muß der politischen Tätigkeit ihre souveräne Kraft zurückgeben, muß die Ökonomie in eine politische, sie unterordnende Entscheidung wieder integrieren, und zwar im Rahmen einer klaren und unumstrittenen Hierarchie, die den Vorrang des Prinzen vor dem Kaufmann erneut bekräftigen wird. Dieser Prozeß der Ent-Amerikanisierung und zugleich der Auf-Europäisierung Deutschlands bedingt die radikale Loslösung vom Westen, von der Konsumideologie des American Way of Life. Deutschland, das eine gewagte Geschichte vorbildlich verkörperte, muß sich – am Nullpunkt dieser Geschichte – wieder auf seine Berufung als Volk der Bewegung im ewigen Werden besinnen. Deutschland kann, wenn es die Ketten des liberalen Gulag sprengt, ganz Europa den Willen zur Gemeinschaft, zum Fleiß, zum Kampf, den Sinn für Solidarität und Ehre, den Wert des Engagements, der Treue, das Bedürfnis nach Überwindung, den Wunsch nach Absolutem wieder einflößen.

Das Land, das die Revolution gewinnen muß

Wir befinden uns im Kulturkampf. In diesem Kampf haben wir aber nicht nur Gegner, sondern auch Verbündete: alle Völker der Dritten Welt, die ebenfalls gegen die tödliche Gefahr rebellieren. Dieser Kampf der Ideen erfordert ein außerordentliches Netz an Kenntnissen und Informationen. Und er braucht neue Führer vom Schlage eines Hütten, Leibniz, Schiller, Moltke und Clausewitz, deren Strategie nun Metapolitik heißt. Die Revolution des 21. Jahrhunderts wird aus dem ungeheuren Zusammenstoß des meditierenden Denkens mit dem berechnenden Denken hervorgehen, des wachrufenden Denkens mit dem verdummenden, des humanisierenden Denkens, das bodenständig macht, mit dem enthumanisierenden, das zerstreut. Die metapolitische Ausrichtung kommt der Einsetzung einer kulturellen Gegen-Macht gleich, die sich auf eine andere Weltanschauung, eine andere Gesellschaftsauffassung, eine andere Dimension des Menschen und daher auf ein anderes Wertsystem beruft. Alain de Benoist bemerkte zu Recht: „Sich an unserem Unternehmen zu beteiligen heißt nicht, sich für eine Gruppierung gegen die anderen zu entscheiden. Es heißt endgültig aus dem Trolleybus aussteigen, der zwischen den entgegengesetzten Polen ein und derselben Ideologie hin- und herfährt … Sich an unserem Unternehmen zu beteiligen, heißt eigentlich eine Begegnung des ‚dritten Typs’ zu machen, heißt in eine andere Welt zu kommen.“51

Europas Wiedergeburt, die Befreiung aus seiner ideologischen, politischen, geistigen Bevormundung, kann nur über den Kulturkrieg erfolgen, den einzigen Krieg nämlich, der Europa vor der geistigen Zerstörung retten kann (die durchaus einer physischen, materiellen Zerstörung vorausgehen kann, wenn Amerika morgen unseren Kontinent in einen Atomkrieg verwickeln würde). Martin Heidegger bittet uns dringend, den Kampf der Ideen zu eröffnen: „Gerade wenn die große Entscheidung über Europa nicht auf dem Weg der Vernichtung fallen soll, dann kann sie nur fallen durch die Entfaltung neuer geschichtlich geistiger Kräfte aus der Mitte.“52

Auf der ersten Seite seiner bekanntesten Schrift verkündet Arthur Moeller van den Brück: „Ein Krieg kann verloren werden. Ein unglücklicher Krieg ist niemals unwiderruflich. Der ärgste Krieg ist niemals endgültig. Aber eine Revolution muß gewonnen werden. Eine Revolution ist einmalig … Eine Revolution ist die ureigenste Angelegenheit einer Nation, die das betreffende Volk nur mit sich selbst auszumachen hat und von deren Ausgange die Richtungsbahn abhängt, die es in Freiheit seinen Geschicken zu geben versteht.“ 53 In diesem titanischen Streit um die Wieder-Verwurzelung, in diesem entscheidenden Kampf um die Erhaltung der Kern-Substanz, in diesem Krieg um die geistige Wiederaufrüstung Deutschlands verzichten wir auf die zu eng geratenen Vorstellungen der Berufspolitiker. In dieser Hinsicht nähern wir uns der Neuen Linken, soweit ihre Standortbestimmung zuallererst in bezug auf Deutschland geschieht, und entfernen uns von der Alten Rechten, deren Position von vornherein von der Rücksicht auf Amerika bestimmt wird. Und wir begrüßen heute die Neue Linke, wenn ihre auf Deutschland bezogene Standortbestimmung auch noch zugunsten der deutschen kulturellen Werte vorgenommen wird.

Ebenso nähern wir uns heute der Neuen Linken, soweit diese bei ihrer Standortbestimmung Europa einbezieht – und wenden uns gegen die Alte Rechte, deren Standort den äußerst gefährlichen Mythos des Atlantismus beinhaltet. Hierin erkennen wir die Widersinnigkeit der politischen Etiketten, die Gefahr der Spaltungen, die innere Alterung der Parteien. Wir erkennen aber gleichzeitig den Wert der Ideen, die Bedeutung der Menschen. Schließlich sehen wir mit großer Genugtuung alle die unsichtbaren Bande, die die Menschen der organischen Gemeinschaft von morgen bereits miteinander knüpfen. Die deutsche Neue Kultur erklärt sich für die europäische Herausforderung, weil diese eine Alternative in Aussicht stellt, die das Schicksal bewegt, andere Anschauungsnetze schafft, neue Bildquellen erschließt und neue Genies weckt.

Das Land, das die Völker wachrufen wird?

Deshalb werden wir für eine noch unbestimmte Zeit Deutschland in uns tragen wie ein inneres Reich und uns dabei an Richard Wagner erinnern. Wir werden die Priester des Bacchus, von denen uns Hölderlin, der Dichter der Zeit höchster Not, erzählt, weiter umherziehen lassen, denn sie verkünden unser Ideal. Lassen wir sie von einem europäischen Land zum anderen schweifen. Sie knüpfen die unsichtbaren Bande unserer inneren Reiche und bereiten uns auf die Morgendämmerung, auf den großen Schmerz vor, den Nietzsche als den letzten Befreier des Geistes bezeichnete.54 Jason Hadjidinas äußerte im gleichen Sinne, daß der identitäre Niedergang nur unter der Bedingung zu überwinden ist, daß man sich zu einem heroischen Kampf zwingt. Er fügt «her hinzu: „Unsere Götter werden ihren Völkern nur dann Schutz gewähren, wenn diese sie nicht fremden Gottheiten vorziehen.“55 Wir werden sowohl unseren Göttern, unseren Völkern treu bleiben müssen wie auch unseren Mythen, die uns, nach der Einschätzung Hans Jürgen Syberbergs, unsere Geschichte zu meistern helfen, vorausgesetzt, daß wir sie als den rein menschlichen Ausdruck der kulturellen Tat schlechthin auffassen.56 Nun aber verkörpert jede Revolution einen Mythos; jede Revolution erfordert einen Teil an Mystizismus in dem absoluten Glauben an eine neue Weltordnung. Zu diesem Glauben kommt der eherne Wille der Menschen, die schon deshalb können, weil sie wollen. Oswald Spengler schrieb: „Sich selbst beherrschen muß man, um einer Idee dienen zu können, zu innerlichen Opfern aus Überzeugung bereit sein.“57 Werner Heisenberg beteuerte seinerseits: Im Anfang war der Glaube, „der Glaube an unsere Aufgabe in dieser Welt“.58 Friedrich Jahn stellte fest, man schöpfe ein Gefühl göttlicher Kraft aus dem Bewußtsein, etwas tun zu können, wenn man es nur wirklich wolle.59 Und Nietzsches Zarathustra verkündete: Unfruchtbar seid ihr: darum fehlt es euch an Glauben.“60

In diesem Sinne wollen wir die Wachrufer unseres Volkes sein.61 Wer hören kann, soll es vernehmen: Wir sind bereit, den Preis für unsere Treue gegenüber unseren Göttern, unseren Völkern, unseren Mythen zu bezahlen, weil wir zusammen mit Hölderlin wissen, daß das Rettende aus der größten Gefahr wächst. In der Mitternacht Europas ist das egalitäre Zeitalter der Massen, das Zeitalter der Einförmigkeit im Anzug. Darin liegt zwar die höchste Gefahr, gleichzeitig aber die Herausforderung zum größten Kampf und damit die stärkste Hoffnung! Wenn nämlich diese Herausforderung die Grundlagen unserer Identität so stark bedroht, weckt sie gleichzeitig den schärfsten Widerstand; und wenn sie uns im Herzen unseres ureigenen Schicksals trifft, fordert sie uns heraus, die härteste, entschlossenste, unerbittlichste Willenskraft zu entwickeln. Lassen wir also in der Mitternacht der Welt Bacchus, Priester in unserem Innern schleifen! Es sind die Verzückungen der letzten Sterne, die auf den Scheitelpunkt von Nietzsches Großem Mittag hinweisen. Wir können bereits untrügerische Vorzeichen beobachten. Wenn deutsche Jugend ihre Massenkundgebungen gegen Amerika organisiert, wacht Tristan in ihr auf und reißt der westlichen Cosmopolis die Tarnkappe ab. Wenn Hans Jürgen Syberberg erklärt, daß die Kunst Deutschland wieder erheben wird (eine Kunst, die als Rückkehr der aristokratischen Zeiten, als „elistisches, als unausrottbares Prinzip“62 aufgefaßt wird) – dann sind es die schlummernden Kräfte Beethovens, Wagners, Mozarts, die neue Harmonien, Symbole und Bilder entwerfen, neue Mythen zur Wiederbelebung Deutschlands schaffen. Zarathustra ist ein Mutant, der mit der Rückkehr der Götter das Erwachen der Titanen ankündigt, um das Wagnis der Wissenschaft zu tragen, um uns in dem Abenteuer, in dem Ereignis, in der Geschichte, aus denen die tragfähigen Alternativen quellen, erneut anzusiedeln. Zarathustra treibt uns wieder in den Mythos, die natürliche Heimat der schöpferischen Fruchtbarkeit und des Heiligen. Das Heilige faßte der indoeuropäische Geist seit jeher mittels einer polytheistischen Weltsicht auf – nach dem Beispiel des Lebens und seiner Spannungen und im Gegensatz zum jüdisch-christlichen Logos. Zarathustra läßt uns die Ankunft eines neuen europäischen Menschen ahnen, der das Schicksal der Neuen Kultur im Sinne Ernest Renans formen wird. „Der Mensch ist nicht nur auf Erden, um glücklich oder ehrlich zu sein. Er ist auch hier, um jene höheren Lebensformen, wie die große Kunst und die selbstlose Kultur, zu verwirklichen.“ Deutschland wird wieder in die Geschichte eintreten, um sie vor der Errettung zu retten. Hören wir Heidegger: „Der Anfang ist nah. Er liegt nicht hinter uns als das längst Gewesene, sondern er steht vor uns. Der Anfang ist als das Größte im voraus über alles Kommende und so auch über uns schon hinweggegangen. Der Anfang ist in unsere Zukunft eingefallen, er steht dort als die ferne Verfügung über uns, seine Größe wieder einzuholen.“63

Das Land, das die Wiedergeburt des hellenischen Geistes ankündigt

Faust ist vom Schicksalsbaum heruntergestiegen. Sein Genie ist das Genie eines Mutanten, der Dionysos und Apollo in sich vereinigt. Sein Genie schuf sozusagen die ‚Hesperien’, das Abendland wieder. Er enthüllt uns die Identität des neuen Deutschland. Diese Identität ist imperial; d. h. die deutschen ‚Hesperien’, der deutsche, ‚griechisch-hellenische’ Wiederanfang verkündet, über den Niedergang der Nationen als Gesellschaften hinaus, die Herausforderung des imperialen Europa, des künftigen Imperiums als Gemeinschaft. Denn Europa wird ein Imperium sein (im ursprünglichen Sinne des Wortes, der mit der Perversion des Imperialismus überhaupt nichts gemein hat), d. h. eine organische Gemeinschaft mit den gleichen biologischen, kulturellen und historischen Wurzeln, so wie sie Max Scheler bestimmte. Diese Gemeinschaft wird auf der Grundlage der gleichen ethnischen Herkunft, der gleichen Mythen, der gleichen Geschichte und des gleichen Schicksals gebildet — oder sie wird nie zustande kommen, laust läßt uns ein zweites Mal erkennen: An einem Zeitpunkt der Geschichte, wo Deutschland in seinem Germanentum vielleicht noch nie so zerstört war, an einem Zeitpunkt, wo Deutschland auf die materiellste, unwirklichste Formel erniedrigt wird, ist der deutsche Geist in seinem eigenen Vaterland verbannter und entfremdeter – gleichzeitig über auch bewußter, intelligenter und tragischer denn je in diesem Jahrhundert. Faust läßt uns wissen, daß der deutsche Geist noch nie so indoeuropäisch, d. h. noch nie so ‚griechisch-hellenisch’ war, deutsch und hellenisch, wenn Carl Schmitt den Dezisionismus (die Entscheidungslehre) als das Wesen des Politischen bestimmt; deutsch und hellenisch, wenn Arnold Gehlen, der das Kennzeichnende des Menschlichen in der kulturellen Tat erfaßt, die die wagnisbereite, folglich tragische Natur des Menschen voraussetzt; deutsch und hellenisch, wenn Konrad Lorenz das moderne naturwissenschaftliche Denken an die antike Philosophie knüpft und der vitalistischen Anschauung, die den Menschen in den Strom des Lebendigen, in die organische Gesamtheit des Lebens taucht, wieder Geltung verschafft; deutsch und hellenisch, wenn Werner Heisenberg erklärt: „Niemand weiß, was die Zukunft bringen wird und von welchen geistigen Mächten die Welt regiert werden wird, aber wir können nur damit anfangen, daß wir etwas glauben und etwas wollen“64; deutsch und hellenisch, wenn Hans Albert eine philosophische Vision entwirft, die die Vielschichtigkeit und Vielzahl des Realen uneingeschränkt in Betracht zieht und alle Formen des Dogmatismus verurteilt; deutsch und hellenisch, wenn Gottfried Benn fordert, die Schwerter auch vor der dunkelsten Stunde der Welt niemals sinken zu lassen65; deutsch und hellenisch, wenn Walter Otto uns durch das Bild des Göttlichen im Spiegel des griechischen Geistes die religiöse Idee des gesamten europäischen Erbes wiedergibt in dem grundlegenden Monismus von Mensch und Natur, von Wissenschaft und Philosophie, von Menschen und Göttern; deutsch und griechisch, wenn Moeller van den Brück beteuert: „Größe eines Menschen ist: noch etwas mehr sein, als er nur von sich aus ist. Größe eines Volkes ist: noch etwas über sich hinaus sein und von sich mitteilen, noch etwas besitzen, das es mitteilen kann“66; deutsch und hellenisch, wenn Max Scheler versichert, daß die Erhaltung der Völker einen höheren Wert darstellt als industrielles Wachstum67; deutsch und hellenisch, wenn Hans Jürgen Syberberg behauptet, daß das deutsche Volk sich erneut in den ihm zugrunde liegenden Mythen wird verwirklichen müssen; deutsch und hellenisch, wenn Ernst Jünger in der Technik nicht ein Ziel, sondern ein Mittel, die neue Mobilisierungskraft, den neuen Willen zur Macht, die neue Herausforderung erblickt, aus denen der Mensch, vielleicht, die neue Magie wird erstehen lassen … Deshalb beruft Deutschland den ‚griechisch-hellenischen’ Wiederanfang, deshalb ist Deutschland unser inneres Reich, der neue Vorbote des europäischen Schicksals.

Faust-Heidegger, der dieses hellenische Wesen so treffend verkörpert, fordert uns zur Wahrung unserer Eigenart, unseres Lebens, des Lebens aller Völker auf: „Wir wollen uns selbst. Denn die junge und jüngste Kraft, die über uns hinwegreift, hat darüber bereits entschieden. Die Herrlichkeit aber und die Größe dieses Aufbruchs verstehen wir dann erst ganz, wenn wir in uns jene tiefe und weite Besonnenheit tragen, aus der die alte griechische Weisheit das Wort gesprochen: ‚Alles Große steht im Sturm’.“68


Anmerkungen

1 Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Tübingen, 1953, S. 29.
2 In Le Nouvel observateur, 5. Mai 1980.
3 Henry de Lesquen, La politique du vivant, Paris 1979.
4 Kolloquium Biologie und Zukunft des Menschen, Paris 1974.
5 C. D. Darlington, Die Wiederentdeckung der Gleichheit, Frankfurt/Main 1980.
6 Robert Ardrey, Der Gesellschaftsvertrag. Das Naturgesetz von der Ungleichheit der Menschen, 1971.
7 M. Fournier, in Charlie-Hebdo, 15. März 1971.
8 Edward T. Hall, Die Sprache des Raums, 1976.
9 Vgl. Gerald B. Suttles, The Social Order of the Slum, Chicago 1966.
10 Vgl. R. Park, Pace and Culture, Glencoe, 1950.
11 Robert Ardrey, aaO., S. 11f.
12 Vgl. Konrad Lorenz, vor allem in Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression, 1963.
13 Simone Weil, L’enracinement, Paris 1970.
14 Vgl. Saint-Loup, Plus de pardons pour les Bretons, Paris 1971.
15 Martin Heidegger, aaO., S. 29f.
16 Ebd., S. 30.
17 Eric le Naour, in L’Avenir de la France, Februar 1971.
18 Alain de Benoist, Les Dieés à l’endroit, Paris 1979, S. 141.
19 Mahmut Güropolu, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Dezember 1981.
20 Die Wurzeln des Totalitarismus sind in der Tat mit den Wurzeln des Monotheismus verwandt. Denn — Sigrid Hunke deutet es mit besonderem Scharfsinn an – „es führen viele Wege zu Gott. Keiner der Wege ist auserwählt. Keiner ist der einzig gültige für alle Menschen, Völker und Zeiten. Keiner von ihnen ist besser als der andere. Denn alle führen zu demselben einen Unerforschlichen, das die Religionen aller Zeiten und Völker meinen, wenn sie es auch mit verschiedenen Chiffren und Bildern begriffen und mit verschiedenen Namen benannt haben — dasselbe eine Unerforschliche, das über alles Erkennen und Begreifen ewig hinausliegt und nur dem religiösen Erleben ahnbar wird. Und weil alle Wege sich dem Göttlichen von einem anderen Ausgangspunkt nähern, eröffnet ein jeder eine andere Sicht. Denn auch ein und derselbe Berg ist keinem Beschauer allseitig sichtbar, und nicht zwei Menschen bietet er denselben, völlig gleichen Anblick dar. Seine Gestalt hat Milliarden Umrisse, sein Antlitz Milliarden Profile.“ (Europas eigene Religion, Bergisch Gladbach 1981, S. 17).
21  Man denke insbesondere an die Indianer Amerikas: Psychisch ‚verseucht’ hinsichtlich ihrer besonderen Vorstellungen von Welt und Kosmos – was ihren psychischen Niedergang und schließlich ihre Auslöschung beschleunigte. Konrad Lorenz bemerkt dazu: „ … Eine Kultur gestattet keine Unterbrechung ihrer Kontinuität.“ Daher bietet die Kolonialgeschichte „zahlreiche Beispiele dafür, daß nicht allein die Kulturen, sondern auch Völker und Rassen vernichtet wurden“.
22 Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, Frankfurt/Main, S. 79.
23 Thierry Maulnier, Le sens des mots, Paris 1978.
24 „Zeugt es bereits von .rassischer, oder gar rassistischer Nostalgie, wenn wir gerne Kinder haben möchten, die uns ähnlich sind?“ fragt Henry de Lesquen, aaO., S. 252.
25  „Die Geschichte zeigt: Es gibt für die Vernichtung einer Minderheit zwei hauptsächliche Methoden. Die erste besteht in der schlichten Ausrottung; die zweite, subtilere, ist das Aufsaugen durch Vermischung“ (Henry de Lesquen, aaO., S. 246). Konrad Lorenz weist seinerseits auf folgenden Umstand hin: „Wir wissen, daß die Mischlinge nicht ein ‚Zwischending’ zwischen ihren Eltern darstellen, weder in ihrem instinktmäßigen Verhalten noch in bestimmten körperlichen Merkmalen, sondern einen Rückgriff auf stammesgeschichtlich ältere Stufen“ (Über tierisches und menschliches Verhalten. Aus dem Werdegang der Verhaltenslehre, 1965).
26 Martin Heidegger, aaO., S. 25.
27 Julius Evola, // cammino del Cinabro. Frz. Ausgabe Le Chemin du Cinabre, Mailand 1982, S. 201.
28 Martin Heidegger, aaO., S. 49.
29 Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 1.
30 Martin Heidegger, aaO., S. 50.
31  Ebd., S. 40f.
32  Ebd., S. 48.
33 Ebd., S. 41.
34 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Berlin 1920, S. 16.
35  Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, München 1980, S. 278.
36 Julius Evola, Heidnischer Imperialismus, Leipzig 1933, S. 89f.
37 Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, München 1980, Bd. 9, Nachgelassene Werke, S. 338.
38 Ebd., Bd. 6, S. 287.
39 Joachim Fernau, Halleluja. Die Geschichte der USA, München 1977, S.
315f.
40 Julius Evola, L’arco e la clava, 1968; frz. Ausgabe L’arc et la massue, 1983, S. 35.
41  Martin Heidegger, Gelassenheit, Pfullingen 1959, S. 27.
42  Hermann Keyserling, Amerika. Der Aufgang zu einer neuen Welt, Darmstadt 1930.
43  Mme de Staël, Über Deutschland, 2. Bd., Leipzig 1813, S. 150.
44 Thomas Mann, aaO., S. 35.
45  Der ehemalige Staatschef Frankreichs Giscard d’Estaing erklärte – anläßlich eines in Cap d’Agde veranstalteten Kolloquiums seiner Partei – in ebenso triumphalem wie anmaßendem Ton, daß das Ökonomische das Politische in steigendem Maße aufsaugen müsse. Das Wirtschaftliche müsse immer mehr zum Lebensgrund und -ziel werden. Eine beredte Sprache, die auf die mondialistische, aseptische, von den Zauberlehrlingen des Egalitarismus zusammengebrauten Gesellschaft verweist. Diese Worte sind, unterschiedlich rhythmisiert, bei allen Tenoren des Systems anzutreffen, ob sie Genscher, Vogel, Reagan, Barre, Kohl oder Mitterrand heißen.
46 Martin Heidegger, Gelassenheit, aaO., S. 27.
47 Ebd., S. 18.
48 Ebd., S. 18.
49 Derselbe, Einführung in die Metaphysik, aaO., S. 17.
50 Max Scheler, Gesammelte Werke, Bd. 3, Vom Umsturz der Werte, ‚Das Ressentiment im Aufbau der Moralen’, Bern 1955, S. 141.
51  Alain de Benoist, Pour un gramcisme de droite, Paris 1982, S. 21.
52  Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, aaO., S. 41f.
53  Arthur Moeller van den Brück, Das dritte Reich, Berlin 1926, S. 19.
54 Friedrich Nietzsche, vgl. Bd.3, aaO., Die fröhliche Wissenschaft.
55 Jason Hadjidinas, in Vouloir, Nr. 10, November 1984, Brüssel.
56 Hans-Jürgen Syberberg, L’art qui sauve de la misère allemande, in Change, März 1978, Paris.
57 Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, München 1933.
58 Werner Heisenberg, Das Naturbild der heutigen Physik, Hamburg 1955, S. 45.
59 Friedrich Jahn, Deutsches Volkstum, 1810.
60 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, II. Teil, Vom Lande der Bildung.
61 Pierre Vial, in Les idées qui mènent le monde. Les intellectuels et l’Histoire. In Pour un gramcisme de droite, aaO.
62  Hans-Jürgen Syberberg, aaO.
63  Martin Heidegger, Die Selbstbehauptung der deutschen Universität, 1933, S. 11.
64 Werner Heisenberg, aaO., S. 45.
65 Gottfried Benn, in Poèmes, Paris 1956, S. 80 (Edition bilingue).
66 Arthur Moeller van den Brück, Das dritte Reich, aaO., S. 348.
67 Max Scheler, aaO., S. 146.
68 Martin Heidegger, Die Selbstbehauptung der deutschen Universität, aaO., S. 22.