Runen Rad Runen Rat

Germanenherz Runologe 02
Ich weiß, dass ich hing
am windigen Baum
neun lange Nächte,
vom Speer verwundet,
dem Odin geweiht,
ich selber mir selbst,
am Ast des Baumes,
von dem niemand weiß,
aus welcher Wurzel er wuchs.Sie boten mir
nicht Brot noch Met
lernte sie seufzend,
fiel endlich zur Erde.Hauptlieder neun;
da neigt‘ ich mich nieder
auf Runen sinnend,
lernt‘ ich vom weisen Sohn
Bölthorns, Bestlas Vater
und trank einen Trunk
des teuren Mets,
aus Odrörir geschöpft.Runen wirst du finden
und Ratstäbe,
sehr starke Stäbe,
sehr mächtige Stäbe.
Erzredner ersann sie,
Götter schufen sie,
sie ritzte der hehrste der Herrscher.Odin den Asen,
den Alfen Dáinn,
Dvalinn den Zwergen,
Álsvidur den Riesen,
einige schnitt ich selbst.Weißt du zu ritzen?
Weißt du zu raten?
Weißt du zu finden?
Weißt du zu forschen?
Weißt du zu bitten?
Weißt du zu opfern?
Weißt du zu senden?
Weißt du zu tilgen?Besser nicht gebetet
als zuviel geboten:
die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet
als zuviel getilgt.
So ritzt‘ es Thulur
zur Richtschnur den Völkern.
Dann entwich er
dahin, wo er herkam.
 Veit eg, að eg hékk
vindga meiði á
nætur allar níu,
geiri undaður
og gefinn Óðni,
sjálfur sjálfum mér,
á þeim meiði,
er manngi veit,
hvers hann af rótum renn.Við hleifi mig sældu
né við hornigi;
nýsta eg niður,
nam eg upp rúnar,
æpandi nam,
féll ag aftur þaðan.Fimbulljóð níu
nam eg af inum frægja syni
Bölþorns, Bestlu föður,
og eg drykk um gat
ins dýra mjaðar,
ausinn Óðreri.Rúnar munt þú finna
og ráðna stafi,
mjög stóra stafi,
mjög stinna stafi,
er fáði fimbulþulur
og gerðu ginnregin
og reist Hroftur rögna.Óðinn með ásum,
en fyr álfum Dáinn,
Dvalinn dvergum fyrir,
Álsviður jötnum fyrir,
eg reist sjálfur sumar.Veistu, hve rísta skal?
Veistu, hve ráða skal?
Veistu, hve fáa skal?
Veistu, hve freista skal?
Veistu, hve biðja skal?
Veistu, hve blóta skal?
Veistu, hve senda skal?
Veistu, hve sóa skal?Betra er óbeðið
en sé ofblótið,
ey sér til gildis gjöf;
betra er ósent
en sé ofsóið,
Svo Þundur um reist
fyr þjóða rök,
þar hann upp um reis,
er hann aftur um kom.

Runologe-Toto-Haas-GermanenherzRunen sind nicht einfach nur Schriftzeichen. Es sind Symbole, die Kraft beinhalten und diese auch übertragen können. Jeder Rune sind bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die man durch die Darstellung des jeweiligen Symbols in Schrift oder Klang oder Körperhaltung freisetzen kann. Runen sind wie Schlüssel zu bestimmten Energien… wenn du weist wie du Energie lenken und kanalisieren kannst, dann musst du eigentlich nur den Schlüssel betätigen (durch die fuer dich passendste Methode) , dir Zugang zu dem Energie-Feld „hinter“ der Rune verschaffen. folgende Links nutzen. Die Runenbeiträge liegen noch auf  mein Google Blogspot
Buchvorstellung zum Thema Runen
Der kosmische Ursprung der Runen **
Runen wissenschaftliche Evolutionsforschung  **
Odins Runen – unsere Schrift **
Runen selbst herstellen **
Kleine Runenkunde
Am Anfang war das Wort
Runen 24er futhark  **

Runenmagie
Mittelalterliche Geheimrune n
Germanenherz_Toto_Haas_Runenrad Wenn du dich entschlossen hast dich mit den Runen zu beschäftigen so werden sie dich nicht mehr loslassen. Der Ruf der Runen ist sehr stark, das war er schon von alters her. Bereits unsere Vorfahren haben sich mit den Runen beschäftigt. Bei den Runen gibt es zwei verschieden Systeme sie zu benutzen. Das eine ist das sie als Schrift fungieren der zweite Aspekt, der meiner Meinung nach viel wichtigere, ist es sie als magisches System zu erkennen. Im magischen Sinne können Runen sehr viel tun. Mit ihnen kann man Dinge und Personen schützen oder Eigenschaften verändern.
Wenn du die Runen wirklich erkennen willst so musst du dahin gehen wo die Runen früher benutzt wurde. Finde alte Kraftorte, Eichenhaine, Hügelgräber oder Bergkuppen. An diesen Plätzen sind diese Symbole durch das viele Arbeiten mit ihnen immer noch präsent. Tausende Schamanen vor dir haben an diesen Plätzen ihr Wissen vertieft, weitergegeben oder gefunden. Im Beschäftigen mit der Natur erschließt sich die Bedeutung der Runen auch für uns. Runen sind Symbole für die Natur und für den Menschen. Auch für das Zusammenwirken von Mensch und Natur sind Runen ein Symbol.
Odin hing am Weltenbaum als er die Runen „fand“. Das bedeutet nicht dass du dich auch an einen Baum hängen sollst aber in die Natur musst du gehen. Verlasse die Stadt und mache dich auf um im Wald an einem Bach zu Meditieren. Finde deine Kraft unter einer mächtigen, tausend Jahre alten Eiche. Denke über die Natur nach und über das was die Natur dir mitteilen will. Finde deinen eigenen Zugang zur Natur, zu den Runen und zur geistigen Welt. Verbinde dich mit Odin, Thor, Thyr, Freya mit allen deinen Vorfahren und deren Göttern.
Den Einstig und Beginn der Runen findest du hier im Blog doch die Bedeutung für dich die findest du nur in dir selbst. Mache dich auf und folge dem Ruf der Runen, sie werden dich zu neuen Erkenntnissen über dich selbst und deine Umwelt bringen. Vielleicht begreifst du erst dann was dein Weg durch die Zeit ist und wie du ihn gehen sollst.

Helgoland und der 18. April

Die Insel Helgoland wurde nach Kriegsende noch bis Anfang 1952 von den Briten bombardiert.
israbritHelgoland sollte nach dem Willen der Briten (Bnai Brith = Britishjews) am 18. April 1947 ( Zwei Jahre nach Kriegsende) für alle Zeit im Meer versenkt und vernichtet werden. Die gigantische Explosion erschütterte die kleine Insel gewaltig. Aber Helgoland trotzte der Kraft von 6700 Tonnen Sprengstoff und Munition. Am 18. April 1947, lösten die englischen Besatzer beim Versuch, der Hochseeinsel dem Erdboden gleichzumachen, die laut Experten größte nichtnukleare (Operation Big Bang) Explosion der Geschichte aus.

Big Bang Helgoland
Die neun Kilometer hohe Rauchsäule über der Insel.

Am 18. April 1945 verübte die britische Luftwaffe ein verheerendes Bombardement, bei dem 1.000 britische Flugzeuge innerhalb von 104 Minuten etwa 7.000 Bomben abwarfen und die Insel unbewohnbar machten. Die Bewohner hatten in den Luftschutzbunkern überlebt und wurden am nächsten Tag evakuiert. Zwei Jahre später

Am 18. April 1947 ( Zwei Jahre nach Kriegsende) um 13 Uhr war es soweit: Rund 4.000 Torpedoköpfe, fast 9.000 Wasserbomben und über 91.000 Granaten verschiedensten Kalibers, insgesamt 6700 Tonnen Sprengstoff wurden platziert. Eine erste, kleinere Explosion vertreibt die Vögel. Kurze Zeit später explodiert die größte Sprengstoffladung aller Zeiten. Eine Denotation – ein fünftel so stark wie die Hiroshima-Bombe – erschütterte die Insel und ein mächtiger Rauchpilz steigt empor. Doch als sich der Rauch verzieht, blicken alle erstaunt auf die Reste Helgolands: Zwar verwandelte die Explosion die Nordsee-Insel in eine Trümmerwüste – unzählige Krater hinterließ die Explosion – dennoch: Helgoland war nicht im Meer versunken. Die Insel hatte die größte nicht-atomare Explosion der Menschheitsgeschichte überstanden.

Am 1. März 1952 wird Helgoland von den englischen Besatzer zerstört, dennoch nicht komplett von der Landkarte gefegt an Deutschland zurückgegeben.

das einzige unzerstörte Bauwerk auf dem Oberland
Der Flakturm – heute der Leuchtturm für die Deutsche Bucht – war das einzige unzerstörte Bauwerk auf dem Oberland. http://de.wikipedia.org/wiki/Helgoland#Nach_dem_Zweiten_Weltkrieg
Helgoland anschließend in Schutt und Asche
Ohnehin schon von Bombenangriffen weitestgehend zerstört, lag Helgoland in Schutt und Asche.

Helgoland – Zerbombt, besetzt und wieder aufgebaut helgoland-1-3-1952Foto: dapd/DAPD Dieses Bild hat Geschichte geschrieben und steht für die lange Auseinandersetzung um eine kleine Insel, die schon immer der Zankapfel in der Nordsee war: Am 1. März 1952 wird Helgoland von den Briten an Deutschland zurückgegeben. http://www.welt.de/vermischtes/article13895179/Zerbombt-besetzt-und-wieder-aufgebaut.html . Filmaufnahmen von der Insel Helgoland 1955

Die Insel Helgoland gehört heute zu Schleswig Holstein und besitzt das älteste Wappen im Kreis Pinneberg. Es stammt aus dem Jahre 1696 und beruht auf einer von Herzog Friedrich IV. verliehenen Schiffahrtsflagge. Helgoland FlaggeDie Farben des Wappens wurden erst im 19. Jahrhundert mit dem Erscheinungsbild der Insel begründet. Bekannt geworden ist der folgende Spruch:

„Grön is dat Land, rot is de Kant, witt is de Sand. Dat sünd de Farven vun’t hillige Land.“ (Grün ist das Land, rot ist die Kante (seltener: Wand), weiß ist der Sand. Das sind die Farben von Helgoland.) Die Helgoländer sprechen noch heute ein helgoländer Friesisch, das „Halunder“ genannt wird. Es gehört zur nordfriesischen Sprache.

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ergänzend Atlantis in der Nordsee

und  Raubstaat England

Haithabu

Kurs_HaithabuHaithabu olLage von Haithabu/Hedeby an der Südgrenze des wikingerzeitlichen Nordgermanenlandes.

Haithabu  (altnordisch Heiðabýr, aus heiðr = Heide, und býr = Hof; dänisch Hedeby, lateinisch Heidiba) war eine bedeutende Siedlung dänischer Wikinger. Der Ort gilt als erste mittelalterliche Stadt in Nordeuropa und war ein wichtiger Handelsort und Hauptumschlagsplatz für den Handel zwischen Skandinavien, Westeuropa, dem Nordseeraum und dem Baltikum.

Haithabu lag auf der Kimbrischen Halbinsel am Ende der Schlei in der Schleswigschen Enge (Isthmus) zwischen Nordsee und Ostsee in der Nähe des historischen Ochsenwegs (oder Heerweg). Der Ort gehörte wohl zur damaligen Verwaltungseinheit Arensharde. Heute gehört das Gebiet zu Deutschland, und das Gelände ist ein Teil der Gemeinde Busdorf bei Schleswig im Kreis Schleswig-Flensburg.

Der seit über neun Jahrhunderten verlassene Ort Haithabu ist gemeinsam mit dem Danewerk das bedeutendste archäologische Bodendenkmal in Schleswig-Holstein.

Haithabu2
Lageplan

 Geschichte:  Nach der Völkerwanderung, in deren Verlauf die Angeln und viele Sachsen vermutlich nach England auswanderten, drangen Dänen und Jüten in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts von Norden bis zur Schlei und zur Eckernförder Bucht vor. Das Gebiet scheint zu diesem Zeitpunkt nur dünn besiedelt gewesen zu sein. Spätestens um 770 wurde Haithabu gegründet und sehr bald der bedeutendste Handelsplatz der Dänen. Im 9. Jahrhundert entstand eine zweite Siedlung weiter nördlich und eine weitere Siedlung am Haithabu-Bach dazwischen. Ende des 9. Jahrhunderts wurden der nördliche und südliche Teil der Siedlung aufgegeben. Der mittlere Teil am Haithabu-Bach wurde weiter benutzt und durch Wälle in die dänischen Grenzanlagen des Danewerks eingebunden.

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Gedenkstein an die Erstnennung von Sliesthorp (= Haithabu) im Jahre 804

 Durch die Zerstörung des konkurrierenden slawischen Handelsortes Reric in der Nähe von Wismar durch den dänischen König Gudfred im Jahr 808 und die anschließende Zwangsumsiedlung der Kaufleute nach Haithabu entwickelte sich die Stadt rasch zur Handelsstadt, noch bevor Dänemark Einheit erlangte. Seit 811 markierte die einige Kilometer südlich fließende Eider die Grenze zum Frankenreich, was die Bedeutung Haithabus noch vergrößerte. Die Lage des Ortes war sehr günstig, denn die Schlei, ein langer Arm der Ostsee, war schiffbar, und zugleich verlief hier die uralte Nord-Süd-Route, der Ochsenweg. Wahrscheinlich wurden hier zudem Handelsgüter verladen, die über Land nur wenige Kilometer weit bis zur Eider gebracht und von dort weiter zur Nordsee verschifft wurden – und umgekehrt.

Vom 9. bis ins 10. Jahrhundert war Haithabu mit seinen mindestens 1000 ständigen Einwohnern ein wichtiger, überregional bekannter Handelsplatz. Hier wurden auch eigene Münzen geprägt. Andere Handelszentren in Nord- und Westeuropa, ohne die Haithabu keine solche Bedeutung hätte erlangen können, waren zu dieser Zeit u. a. Västergarn (zuvor Paviken) und Vallhagar auf Gotland, Avaldsnes, Kaupang, Skiringssal und Spangereid (Norwegen), Birka, Löddeköpinge und Sigtuna (Schweden), Domburg, Dorestad und Witla (Niederlande), Quentovic (Frankreich), Nowgorod (Russland), Ribe und Tissø (Dänemark) und an der südlichen Ostseeküste Jomsburg (Vineta), Menzlin, Ralswiek, Truso (bei Danzig) und Wiskiauten (bei Cranz), sowie Seeburg im Baltikum. Um 890 unternahm Wulfstan von Haithabu im Auftrag Alfred des Großen eine Reise nach Truso.

Im Jahr 934 besiegte der ostfränkisch-sächsische König Heinrich I. die Dänen unter König Knut I. in der „Schlacht von Haithabu“ und eroberte die Stadt anschließend. Damit fiel das Gebiet zwischen der Eider und der Schlei für etwa ein Jahrhundert an das Ostfränkische bzw. Römisch-Deutsche Reich. Das lokale skandinavische Herrschergeschlecht blieb aber noch eine Generation im Amt.

Haithabu war jetzt wegen seiner Lage an den Handelswegen zwischen dem Fränkischen Reich und Skandinavien sowie zwischen Ostsee und Nordsee endgültig ein Haupthandelsplatz. Adam von Bremen bezeichnet „Heidiba“ als portus maritimus, von dem aus Schiffe bis nach Schweden und in das Byzantinische Reich geschickt wurden. Besonders die Herstellung und Bearbeitung von Tonwaren (Geschirr), Glas und Werkzeug wurde wichtig für die Bedeutung Haithabus, das auch von arabischen Händlern und Reisenden (so 965 von Ibrahim ibn Jaqub) besucht und beschrieben wurde.

948 wurde Haithabu Bischofssitz, nachdem Kaiser Otto Haithabu besucht hatte. Schon um 850, wahrscheinlich durch Erzbischof Ansgar von Hamburg, war die erste christliche Kirche errichtet worden. Die Existenz dieses Baus ist zwar in den Schriftquellen sicher belegt, konnte aber noch nicht archäologisch nachgewiesen werden. Allerdings wurde eine aus dem frühen 10. Jahrhundert stammende Kirchenglocke geborgen.

Im 10. Jahrhundert erreichte Haithabu seine Blütezeit und war mit mindestens 1500 Einwohnern der bedeutendste Handelsplatz für den westlichen Ostseeraum. Im Jahre 983 eroberte der dänische König Harald Blauzahn (auch: Harald I. Gormson; dänisch Harald Blåtand), der seit 948 die Hoheit des Kaiserreiches anerkannte, Haithabu und in den Jahrzehnten um das Jahr 1000 gehörte die Siedlung zum Machtbereich des deutschen Kaisers. Unter Kaiser Konrad II. wurde die Grenze dann vermutlich durch eine von Sven Gabelbart unternommene Kriegshandlung von der Schlei wieder an die Eider zurückverlegt (→ Mark Schleswig).

Obwohl ein neun Meter hoher Wall mit Palisade die Handelsstadt umgab, wurde sie im Jahr 1050 in einer Schlacht zwischen Harald Hardrada von Norwegen und Sweyn II. zerstört; sie wurde danach nur teilweise wiederaufgebaut und dann 1066 von den Westslawen geplündert und gebrandschatzt, die damals in den Gebieten östlich der Kieler Förde lebten. Die Einwohner verlegten die Siedlung daraufhin nach Schleswig – auf das andere Ufer der Schlei – und bauten Haithabu nicht wieder auf. Gemeinsam mit der Schlacht von Hastings im selben Jahr markiert die Zerstörung und Aufgabe von Haithabu das Ende der Wikingerzeit.

Ausführliche Erwähnung findet Haithabu (Heidiba) in der Chronik des Erzbistums Hamburg, die Adam von Bremen im Jahr 1076 fertigstellte. Die Sachsen und Franken nannten eine neuere Siedlung nahe Haithabu Sliaswig und Sliaswich (Siedlung oder Bucht an der Schlei), wovon der Name der Stadt Schleswig und des Herzogtums Schleswig abgeleitet ist.

Heute befindet sich in der Nähe des Halbkreiswalles das Wikinger-Museum Haithabu. Auf dem Gelände Haithabus wurden von 2005 bis 2008 sieben aus Befunden rekonstruierte Wikingerhäuser errichtet. Am 7. Juni 2008 wurden alle sieben Häuser in einem Festakt der Öffentlichkeit präsentiert. Im gleichen Jahr wurde auf der Museumswerft in Flensburg ein rund 6,50 Meter langes Wikinger-Boot gebaut. Seit Mitte Mai 2009 liegt es in Haithabu an der Landebrücke. 2008 wurde die Absicht bekannt gegeben, Haithabu zusammen mit dem Danewerk und anderen Wikinger-Stätten zu einem kulturellen UNESCO-Welterbe zu nominieren.

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Rekonstruierte Häuser im Bereich der alten Siedlung

 Siedlung: Die Hallenhäuser aus Holz- und / oder Flechtwerkwänden waren wahrscheinlich mit Reet oder Stroh gedeckt. Die überbauten Grundflächen variierten zwischen 3,5 × 17 Meter und 7 × 17,5 Meter.

In der Siedlung wurden unterschiedliche Gräbertypen analysiert: dänische Brandgruben, schwedische Kammergräber, sächsische Urnengräber, christliche Erdgräber und slawische Urnengräber. Daraus lässt sich das Völkergemisch Haithabus erkennen, aber auch der Einfluss der Christianisierung (ab 826). Außerdem wurden unterschiedliche Werkstätten, Befestigungsanlagen, Landestege, Schiffbrücken und Speichergebäude gefunden.

Handel:  Haithabu lag bei der Kreuzung zweier wichtiger Handelsrouten: Wenige Kilometer westlich führte der Ochsenweg (dänisch Hærvejen, dt. Heerweg) vorbei, jahrhundertelang die entscheidende Süd-Nord-Verbindung von Hamburg bis Viborg in Jütland. In West-Ost-Richtung gab es eine Seehandelsroute zwischen Nord- und Ostsee: Über die Eider und Treene konnten Schiffe bis nach Hollingstedt kommen. Eine Nutzung der Rheider Au mit kleineren Schiffen war danach möglich. Dann mussten die Schiffe von der Rheider Au zum Selker Noor (südliche Fortsetzung des Haddebyer Noors) über Land gezogen werden, um in die Schlei zu gelangen. Nach anderen Theorien kann der Kograben knapp südlich des Danewerks als Schifffahrtskanal gedient haben.

Waren aus der gesamten damals bekannten Welt wurden in Haithabu gehandelt: aus Norwegen, Schweden, Irland, Baltikum, Konstantinopel, Bagdad. Dabei kamen aus Skandinavien vorwiegend Rohstoffe, aus den entfernteren Gebieten eher Luxusgüter. Durch archäologische Funde von eisernen Fuß- und Handfesseln ist ein Handel mit Sklaven belegt.

Für das Entstehen einer gewachsenen Stadt ist das Beispiel Haithabu, das ein Warenumschlagsplatz auf grüner Wiese ohne städtische Infrastruktur war, untypisch. Durch die erzwungene Ansiedlung der Kaufleute von Rerik und den Zustrom von Handwerkern kam es zu einer Siedlungsverdichtung. Weil die Landbevölkerung ihre Getreideüberschüsse in die Stadt verkaufte und die Stadtbewohner deshalb nicht auf Selbstversorgung angewiesen waren, konnten sich dort differenzierte Tätigkeiten entwickeln.

Untergang:  Die größte Wikingerstadt des Nordens fand mit dem Ausgang der Wikingerzeit (1050 n. Chr.) ihr Ende im Feuer. Während der dänische König Sven Estridsson (König von 1047 bis 1074) an anderer Stelle gebunden war, unternahm König Harald der Harte von Norwegen (König von 1047 bis 1066) den Angriff auf Haithabu. Darüber verfasste ein norwegischer Skalde König Haralds den folgenden Gesang:

Verbrannt wurde von einem Ende zum anderen ganz Haithabu im Zorn,
eine vortreffliche Tat, meine ich, die Svend schmerzen wird.
Hoch schlug die Lohe aus den Häusern,
als ich in der Nacht vor Tagesgrauen auf dem Arm der Burg stand.
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Blick vom begehbaren Wall aufs Haddebyer Noor

 Ausgrabungen:  Die aufgegebene Siedlung Haithabu verfiel am Ende des 11. Jahrhunderts auf Grund des Wasseranstiegs von Ostsee und Schlei. Die Anlagen und Bauten im Siedlungs- und Hafengelände, mit Ausnahme des Walls, vergingen oberirdisch vollständig. Schließlich geriet sogar in Vergessenheit, wo sich der Ort am Haddebyer Noor befunden hatte.

1897 gelangte der dänische Archäologe Sophus Müller zu der Annahme, das Gelände innerhalb des Halbkreiswalles sei der Siedlungsplatz des alten Haithabus gewesen. 1900 wurde dies von Johanna Mestorf bestätigt. Sie ließ erste Ausgrabungen innerhalb des Walles durchführen, und Funde bestätigten die Annahme. Von 1900 bis 1915 fanden alljährlich Ausgrabungen mit dem Ziel statt, die Bedeutung Haithabus für die dänische Geschichte und seine Rolle in der Welt der Wikingerzüge zu klären. In den Jahren von 1930 bis 1939 wurde unter der Leitung von Herbert Jankuhn intensiv gegraben. In der Zeit des Nationalsozialismus standen die Grabungen seit 1934 unter Schirmherrschaft von Heinrich Himmler und wurden anfangs finanziert durch die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe. 1938 übernahm die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe Haithabu. Für die Nationalsozialisten hatten die Grabungen eine hohe ideologische Bedeutung bei ihrer Suche nach einer vermeintlich „germanischen“ Identität.In Haithabu investierte das SS-Ahnenerbe über die Hälfte seines Ausgrabungsetats. Nach dem Krieg wurden die Arbeiten unter Kurt Schietzel fortgesetzt.

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Das Langschiff im Museum

Für die Arbeit der Archäologen gab es in Haithabu günstige Voraussetzungen: Der Platz war nie überbaut worden, und infolge der Nässe waren die ufernahen Partien noch sehr gut erhalten, sodass das Grabungsfeld noch viele Details erkennen ließ. Seit 1959 hat man die gesamte Südsiedlung vor dem Halbkreiswall sowie einen großen Teil des alten Siedlungskerns im Halbkreiswall ausgegraben. Auch die Untersuchung des 11 ha großen Hafenbeckens wurde vorangetrieben. Erfolgreiche Tauchfahrten fanden 1953 statt. Dabei wurden Reste der Hafenpalisade und das Wrack eines Wikingerschiffes entdeckt. 1979 konnte dieses nach der Errichtung eines Bergebauwerkes (Spundkasten) geborgen werden.

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Das Wikinger-Museum Haithabu 2010

Die Bergung des Wracks, seine Konservierung und die danach erfolgte Rekonstruierung des Wikingerschiffes wurden von der Film-AG im Studentenwerk Schleswig-Holstein unter Leitung von Kurt Denzer mit 16-mm-Film festgehalten. Als Ergebnis dieser filmischen Dokumentation erschien 1985 der 30-minütige Dokumentarfilm Das Haithabu-Schiff.

Haithabu ist der besterforschte frühmittelalterliche Hafen in Deutschland. Mit Schiffsbergungen und Hafenuntersuchungen bis 1980 fanden die Ausgrabungen ein vorläufiges Ende. Bislang sind fünf Prozent des Siedlungsareals und ein Prozent des Hafens intensiv untersucht worden. Mit Hilfe der Dendrochronologie hat man festgestellt, dass die einzelnen Gebäude auf dem feuchten Boden nur eine kurze Lebenszeit hatten und mehrmals überbaut wurden.

Seit 2002 wurde mit Hilfe magnetischer, geophysikalischer Prospektion eine Art Stadtplan von Haithabu erstellt. Dabei macht man sich zunutze, dass die Überreste menschlichen Tuns andere magnetische Strukturen aufweisen als das umgebende Erdreich. Zur Überprüfung und Bestätigung der Ergebnisse wurde ab 2005 bis 2010 erneut in Haithabu gegraben. Dabei wurde u. a. ein auf den Überresten eines abgebrannten Grubenhauses errichteter Kuppelofen gefunden, der zur Herstellung von Glasperlen gedient haben könnte. Im Rahmen einer dreijährigen Förderung durch die Volkswagenstiftung werden die Funde und Befunde aus der Grabung ausgewertet.

Die wichtigsten Funde sind seit 1985 im Wikinger-Museum Haithabu ausgestellt. Direkt am Danewerk liegt das Danewerkmuseum. Ein Wikingerhaus von Haithabu ist im Museum von Moesgård in Dänemark rekonstruiert worden.

Literatur

  • Archäologisches Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität Schleswig (Hrsg.): Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu. 34 Bde. Wachholtz, Neumünster 1963ff. ISSN 0525-5791
  • Robert Bohn: Geschichte Schleswig-Holsteins.. Verlag C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-50891-X.
  • Klaus Brandt, Michael Müller-Wille, Christian Radke (Hrsg.): Haithabu und die frühe Stadtentwicklung im nördlichen Europa. Wachholtz, Neumünster 2002, ISBN 3-529-01812-0, (Schriften des Archäologischen Landesmuseums 8).
  • Ute Drews, Joachim Schultze, Bernd Zich: Schaufenster einer frühen Stadt. Museum Haithabu. In: Archäologie in Deutschland (AiD) 2005, 6, ISSN 0176-8522, 72ff.
  • Hildegard Elsner: Wikinger Museum Haithabu. Schaufenster einer frühen Stadt. Wachholtz, Neumünster 1989, ISBN 3-529-01836-8.
  • Herbert Jankuhn: Haithabu. Ein Handelsplatz der Wikingerzeit. 8. neubearbeitete und stark erweiterte Auflage. Wachholtz, Neumünster 1986, ISBN 3-529-01813-9.
  • Herbert Jankuhn: Haithabu und Danewerk. 56. – 65. Tsd. Wachholtz, Neumünster 1988, ISBN 3-529-01602-0, (Wegweiser durch die Sammlung – Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig 2).
  • Wolfgang Laur, Christian Radtke, Marie Stoklund, Ralf Wiechmann: Haiðaby. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Band 13. de Gruyter, Berlin u. a. 1999, ISBN 3-11-016315-2.
  • Wolfgang Laur: Sprachen, Schriften, ‚Nationalitäten‘ in Haithabu und Schleswig. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Band 25. de Gruyter, Berlin u. a. 2001, ISBN 3-11-016978-9.
  • Marlies Leier, Katja Leier: Es war einmal ein Mensch wie DU vor 1000 Jahren in HAITHABU. agimos verlag, Kiel 2000, ISBN 3-931903-24-9.
  • Jan Richter: Haithabu. Eine Drehscheibe des frühmittelalterlichen Welthandels. In: Stephan Conermann, Jan Kusber (Hrsg.): Studia Eurasiatica. EB-Verlag, Schenefeld/Hamburg 2003, ISBN 3-930826-99-2, S. 383–391.

Weblinks

 Commons: Haithabu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Adam von Bremen, Buch III, Kapitel 13
  2. Bericht Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag vom 9. Dezember 2008
  3. Bericht Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag vom 28. Mai 2009
  4. Henning Bleyl: Streit um Archäologie im Dritten Reich. Wikinger jetzt nazifrei, taz.de vom 1. März 2013, abgerufen am 2. März 2013.
  5. Michael H. Kater, 2006: Das ‚ Ahnenerbe‘ der SS 1935 – 1945: Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. Band 6 von Studien zur Zeitgeschichte. Oldenbourg Verlag. ISBN 3486579509, ISBN 9783486579505. S. 90
  6. Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle, 2004: Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften: Fächer, Milieus, Karrieren. Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Band 1 von Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften, Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 3525351984, ISBN 9783525351987. S. 474
  7. Henning Bleyl: Streit um NS-Archäologie. Die Wikinger schlagen zurück. taz.de vom 8. März 2013, abgerufen am 24. März 2013.
  8. „Zwei Schleswiger Grabungen im Fokus“ Internetseite von Schloss Gottorf. Abgerufen am 11. März 2012.

Wikinger Die Volkskraft des Nordens

Germanenherz-Toto-Haas-Banner-kleinDie Geschichte der Wikingerzeit

Das 7. und 8. Jh. bedeutet eine Festigung der germanischen Macht in den Teilen Europas, in denen die Oberschicht stark genug war. Alle die Gebiete, in denen wir nur eine dünne germanische Herrenschicht kennen, gehen damals verloren. Kurz vor 800 aber bricht eine neue, große Völkerbewegung los, an der nur die nordgermanischen Stämme beteiligt sind. Als im Jahre 887 Dorchester an der englischen Küste überfallen und geplündert wird, und wenige Jahre später das Kloster Lindesfarne an der schottischen Küste das Ziel eines ähnlichen Zuges ist, da handelt es sich nicht um einfache kriegerische Ereignisse, sondern es sind die Boten einer neuen Zeit, die gekennzeichnet ist durch eine gewaltige Ausdehnung des germanischen Elements, die letzte, große Völkerwanderung, die wir aus der Vorzeit kennen. Wir sind gewohnt, diese Zeit als Wikingerzeit zu bezeichnen. Der Name >Wiking< wird für die Nordgermanen angewendet, soweit sie auf einer Auslandsfahrt waren, und wir sind nicht in der Lage, die Entstehung und ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes mit Sicherheit anzugeben.

Zunächst hat man versucht, die nordische Bezeichnung vik für Bucht zur Erklärung heranzuziehen und in den Wikingern Leute zu sehen, die aus dem an Buchten reichen Norwegen nach Westen fuhren. Daß ein Teil der Wikingzüge aus der Gegend des Oslofjordes kam und dieses Gebiet den Namen Viken führte, schien die Annahme zu bestätigen. Auch an eine andere Verbindung mit dem Worte vik-Bucht hat man gedacht. Indem man an die Kampfesweise der Wikinger anknüpfte, glaubte man, daß das Auflauern von Kauffahrteischiffen in Buchten, aus denen man leicht vorstoßen konnte, ihnen diesen Namen eingetragen hätte. Ein zweiter Erklärungsversuch knüpft an das nordische Wort vig für Kampf an und sah in diesen Seefahrern die kampferprobten/kampffreudigen Männer. Die Deutung des Wortes als Robbenjäger, die man, gestützt auf eine schwedische Dialektbezeichnung für Robbe, vorgeschlagen hat, ist allgemein abgelehnt worden, da die Robbenjagd ja keineswegs die typische Beschäftigung der Wikinger war. W. Vogel hat darauf hingewiesen, daß die Jahrhunderte vor der Wikingerzeit, in denen der Name zum ersten Male auftritt, gekennzeichnet werden, durch das allmähliche Aufkommen des Fernhandels, und daß durch diese wirtschaftliche Umwälzung die Entstehung von Stapelplänen bedingt war, in denen der Kaufmann jederzeit seinen Bedarf an Ware decken konnte und die Möglichkeit fand, auch sein Handelsgut abzusetzen. Diese wenigstens teilweise mit größeren Siedlungen verknüpften Stapelplätze hatten oft Namen, die mit -wie zusammengesetzt waren, wie Quentowic, Bardowic und andere mehr. Die Bewohner solcher Orte und die Kaufleute, die diese Plätze besuchten, hätte man schon lange vor 800 Wikinger genannt. Mit dem Anwachsen der in kriegerischer Absicht unternommenen Seezüge in der Zeit um 800, hätte das Wort dann einen Bedeutungswandel durchgemacht. Hatte man früher damit den friedlichen Kaufmann bezeichnet, so wurde es jetzt zum Begriff des die Meere beherrschenden Seekriegers. Vielleicht hat sich dann im Norden diese Bedeutung mit dem Worte vik = Bucht verbunden.

Dieser erneute germanische Vorstoß aus den alten germanischen Kernlanden bricht aber nicht unvermittelt los. Schon in den Stürmen der Völkerwanderung hören wir von Seezügen der Sachsen, die bis an die fränkische Küste vordrangen und dort einen großen Schrecken auslösten. Vom sagenumwobenen Zuge des nordischen Königs Hygelac, den die fränkischen Quellen als Chochilaicus kennen, wissen wir, daß er vom Norden ausging. Aber es waren nicht nur einzelne Kriegszüge, sondern auch – wie in späterer Zeit – wirkliche, auf Landnahme gerichtete Volkszüge. Die Besetzung der Hebriden, der Orkney- und Shetland-Inseln von Norwegen aus, fällt vor die eigentliche Wikingerzeit. Auch von Schweden ging schon in der späten Völkerwanderungszeit ein Vorstoß nach Südosten aus, in das Gebiet, das also auch später, in der Wikingerzeit, das Kolonisationsgebiet für Schweden war. Und im Süden schiebt sich seit 500 etwa das Dänentum von Skandinavien nach Südwesten vor. Alle diese Bewegungen (Abb. unten) sind fast nur aus den Funden zu erschließen; schriftliche Quellen gibt es dafür nur wenige, denn die von der Landnahme betroffenen Gebiete kannten eine eigene Geschichtsschreibung nicht. In diesen einzelnen Vorstößen deutet sich die neue, kommende Bewegung an, aber erst als die Züge Gebiete trafen, die eine eigene Geschichtsschreibung hatten, da trat auch für den Westen erkennbar der Norden aus seiner Isolierung heraus. Rein zufällig ist also die aufgeschriebene Überlieferung zurückgehende Kenntnis der Wikingerzüge. Die Bewegung setzt viel früher ein, sie schwillt im Laufe der Jahrhunderte an und erreicht ihren Höhepunkt im 9. und 10. Jh. Die Scheide zwischen Völkerwanderungszeit und Wikingerzeit um 800 scheint also sehr willkürlich, und doch behalten wir sie bei, weil in dieser Zeit ein stilistischer Wandel im Norden Platz greift, der eine neue Epoche einleitet.

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Das Ausgreifen der Nordgermanen vor der Wikingerzeit

Die innere Entwicklung des Nordens war in ähnlichen Bahnen verlaufen, wie die des kontinentaleuropäischen Germanengebietes. Hier kann man zum ersten Mal unter dem außenpolitischen Druck des römischen Angriffskrieges den Ansatz zur Bildung größerer Stammesverbände erkennen. Arminius und sein germanischer Gegenspieler Marbod versuchten die Schaffung größerer über den Einzelstamm hinausgreifender Verbände. Wenn auch diesen Versuchen kein nachhaltiger Erfolg beschieden war, so deuten doch diese ersten, aus germanischem Denken erwachsenen Staatenbildungen, die kommenden Entwicklungen, die über die Bildung von Großstämmen zur Schaffung von Stammesstaaten und schließlich zur Begründung des Universalreiches unter den Karolingern führt. Hier wurde unter Karl dem Großen und seinen Vorgängern der aus der germanischen Ideenwelt stammende Gedanke des Stammesstaates verknüpft mit der dem germanischen Denken ursprünglich fremden Idee des römischen Imperiums. Einen ähnlichen Vorgang kann man auch im Norden beobachten.

Skandinavien hatte in dem großen Ringen an Rhein und Donau zur Zeit der Römerkriege abseits gestanden. Die Übersiedlung ostgermanischer Stämme nach dem Festland in den letzten Jahrhunderten vor Beginn unserer Zeitrechnung hatte die Volkskraft des Nordens für ein halbes Jahrtausend gelähmt, und erst um 500 n.d.Z. beginnen sich wieder neue Kräfte zu regen. Um 500 erscheinen im westlichen Ostseebecken als ein fremdes Volkstum die Dänen, die aus ihrem Heimatgebiet in Schweden nach Westen zu vorstoßen und wahrscheinlich auf der Insel Seeland das erste dänische Reich gründen, mit dem der Königssitz von Leire und die sagenumwobenen Gestalten des Hrodgar und Hrowulf aus dem Beowulfliede verknüpft sind. Es ist die erste dänische Reichsgründung, die sich hier auf den dänischen Inseln vollzieht, und an die sich nur in der dänischen Heldensage Erinnerungen erhalten haben. Trotzdem aber müssen wir es hier mit einer historischen Realität zu tun haben. Nach dem Verfall dieses Reiches von Leire wissen wir nichts von den Vorgängen im westlichen Ostseegebiet, bis dann schon vor 800 die dänische Erobererwelle Jütland erreicht und etwa bei Schleswig im Süden zum Stehen kommt. Dieser Vorstoß von Norden nach Süden fällt in eine Zeit, in der eine entgegengesetzte Bewegung von Süden nach Norden erkennbar wird. Im Jahre 799 marschiert zum ersten Male das Frankenheer drohend an der Elbe auf, 802 und 804 greift Karl der Große das letzte sächsische Bollwerk, das nordelbische Sachsengebiet an. Als er im Jahre 809 durch die Gründung der Burg Esesfelth an der Stör mit der Eroberung des nordelbischen Gebietes ernst zu machen scheint und damit in eine bedrohliche Nähe des dänischen Gebietes vorstößt, sehen wir, daß unter diesem von Süden kommenden Druck sich eine Festigung der dänischen Macht an der Schlei vollzieht. Das zweite Dänenreich, dessen Entstehung an den Namen Göttriks verknüpft wird, verdankt seine Ausbildung dem von Süden herkommenden Druck und ist aus einer Abwehrstellung gegen diesen Angriff entstanden. Nach einer kurzen Zeit der Offensive gegen das Frankenreich wird Göttrik ermordet, und unter seinen Nachfolgern löst sich sein großes Reich, das nicht nur Dänemark, sondern auch Norwegen umfaßte, in einzelne kleine Machtbereiche auf. Die endgültige Auflösung erfolgte aber nicht von Süden aus, wo unter den Nachfolgern Karls des Großen ein ähnlicher Vorgang wie in Dänemark zu beobachten ist. Als in der großen Niederlage bei Löven an der Dyle im Jahre 891 das große Normannenheer vernichtend geschlagen war, scheint das gewisse Rückwirkungen auch auf das Heimatland gehabt zu haben, denn wir sehen, wie in jenen Jahren dem Dänenreich ein neuer Gegner entsteht, ein schwedisches Königsgeschlecht, das aus Mittelschweden kommend, das alte Machtzentrum Haithabu besetzt und von hier aus ein kleines schwedisches Kolonialreich auf den dänischen Inseln und in Mittel-Schleswig aufbaut. Mit der zunehmenden Erstarkung des deutschen Gebietes in der Zeit Heinrich I. wird auch das Interesse am Norden lebhafter. Als der deutsche König im Jahre 933 die Ungarngefahr gebannt hat, greift er nach Norden über. Der alte Mittelpunkt des dänischen Festlandreiches Haithabu wird der Sitz eines sächsischen Markgrafen, und wieder lastet auf der dänischen Südgrenze ein starker deutscher Druck. Da entsteht aus der Not dieser Jahre ein neues dänisches Reich, geschaffen von einer im mittleren Jütland beheimateten Königsfamilie, die in Jellinge ihren Ursprung hatte. Noch heute stellen die Grabhügel von Jellinge mit den dazwischen stehenden Runensteinen eines der großartigsten Denkmäler nordischer Vorzeit dar. Von hier ausgehend haben Gorm und Thyra und nach ihrem Tode ihr Sohn Harald die in der Zwischenzeit überall entstandenen kleinen Fürsten der Zentralreichsgewalt unterworfen und nicht nur Dänemark geeinigt, sondern auch, wie Harald in der großen steinernen Urkunde, die der Jellinge Runenstein darstellt, stolz sagt „Norwegen unterworfen und ganz Dänemark geeinigt“. Die Ansprüche auf die südlichen Teile Norwegens, die schon zu dem Reich Göttriks gehört hatten, hat Harald mit Erfolg durchgesetzt. Der Einigung des ganzen, ursprünglich zum Herrschaftsgebiet Göttriks gehörenden Dänenreichs stand noch die deutsche Herrschaft an der Schlei entgegen. Beim Tode Otto I. schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, auch dieses Stück an sich zu reißen. Aber durch das tatkräftige Eingreifen Ottos II., der 973/74 nach Norden vorstieß, wurde dieser Versuch vereitelt. Als aber neun Jahre später durch die Niederlage in Süditalien die deutsche Kaisermacht zusammenzubrechen drohte, und alle Gebietserwerbungen östlich der Elbe im großen Slawenaufstand verlorengingen, da wurde auch das Haithabureich aus dem deutschen Reichsverband herausgelöst, wenn auch erst anderthalb Menschenalter später ein offizieller Verzicht auf dieses Gebiet durch Konrad II. ausgesprochen wurde. Damit war, ähnlich wie beim Reiche Göttriks, unter dem politischen und militärischen Druck von Süden her eine Reichsbildung vor sich gegangen, deren Zentrum jetzt, dem Zugriff von Süden stärker entrückt, in Jellinge lag. Die großartigen Grabdenkmäler sprechen noch heute von dem Herrscherwillen dieses Geschlechtes, das die Geschichte Dänemarks jetzt bestimmte. Unter Haralds Nachfolger Sven Gabelbart vollzog sich nun endgültig die große Umstellung in der dänischen Außenpolitik, die sich schon lange davor angebahnt hatte. War der große Gegensatz, der die Politik Göttriks bestimmte, die Spannung zwischen Dänen und dem Frankenreich, und war das Ziel der dänischen Wikingfahrten damals zu einem Teil wenigstens die fränkische Nordküste, so läßt sich, namentlich nach der Niederlage von Löwen, eine Umbiegung dieser Angriffsrichtung auf England erkennen.

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Nordgermanische Runen aus der Burg Alt-Lübeck
Nach: J. Herrmann, Die Slawen in Deutschland, Berlin (Ost) 1985

Jetzt sind die britischen Inseln das Ziel der Wikingfahrten, und in der Gegend um York entsteht das neue Dänenreich auf englischem Boden. Diese Bewegung wächst unter Sven stärker an. Er war derjenige, der die Wikingfahrten nach England zu einem ganz bestimmten System ausbaute, und als er 1014 starb, gehörte fast ganz England ihm. Die Vereinigung der britischen Inseln mit dem Norden aber erfolgte endgültig erst unter seinem Sohn Knut, dem ersten König, der Dänemark, Schweden, Norwegen und England regierte. Bei seinem Tode im Jahre 1035 begann sich dieses Reich aufzulösen und fiel unter seinen Nachfolgern in seine ursprünglichen Bestandteile auseinander. Als in der Mitte des 11. Jh. die Wikingzüge nach Westen abklingen, da war das Ergebnis des gewaltigen Kraftaufwandes, den die Englandfahrten für ein kleines Reich wie Dänemark bedeuteten, im Westen eine völlige Ausschaltung Dänemarks. Es blieb als Betätigungsfeld der dänischen Ausdehnungspolitik das westliche Ostseebecken, in dem die dänische Vormachtstellung erst durch die deutsche Hanse beseitigt wurde.

Eng verknüpft mit der Geschichte des dänischen Reiches ist die Geschichte Norwegens, dessen südlicher Teil wenigstens mehrfach zum dänischen Machtbereich gehört hat. Sie läßt im Großen den gleichen Verlauf erkennen, wie die Entwicklung im dänischen Gebiet. Als zur Zeit der Römerkriege durch den alexandrinischen Geographen Ptolemäus der erste Lichtstrahl historischer Überlieferung auf das norwegische Gebiet fällt, erfahren wir von einem Stamm, den Khaideinoi, die wir in der späteren Zeit als heidnir, die Bewohner der Landschaft Hedemarken in Norwegen, wiederfinden. Vom archäologischen Material her läßt sich kein Anhaltspunkt für eine Stammesbildung in dieser Zeit erkennen. Anders ist es mit den nächsten Nachrichten über Norwegen, die wir Jordanes verdanken, der für die Zeit um 500 unter anderem zwei Namen erwähnt, die einen gewissen Rückschluß auf politische Vorgänge in Norwegen erlauben. Er nennt die raumariciae und ragnaricii. Bezeichnungen, in denen man unschwer die späteren Stammesgebiete Romerike und Ranrike (vielleicht auch Ringerike) wiedererkennt. Während wir für das Gebiet von Romerike in der beginnenden Völkerwanderungszeit auf Grund archäologischer Funde keine Stammesbildung erkennen, sprechen die archäologischen Hinterlassenschaften im Gebiet der ragnaricii für die Herausbildung einer reichen Bauernaristokratie. Die Zusammensetzung der Stammesnamen mit -rike (= Reich) lehren, daß wir hier, zwischen dem Beginn unserer Zeitrechnung und dem Höhepunkt der Völkerwanderung den ersten Ansatz zu einer über kleinste territoriale Einheiten hinübergreifenden Stammesbildung zu sehen haben. Wenn auch diese geschriebenen Andeutungen die Darstellung der Entwicklung Norwegens keineswegs erschöpfen, so sind sie uns doch willkommene Anhaltspunkte. Hier gestatten aber, wie kaum an einer anderen Stelle, die Bodenfunde eine Vervollkommnung des historischen Bildes. Namentlich Shetelig und Brögger haben darauf hingewiesen, daß nicht nur im Gebiet des Oslo-Fjordes, sondern auch im norwegischen Westland die Völkerwanderungszeit die Periode des Zusammenschlusses zu größeren Stammesgebieten bedeutet, die man am besten als Bauernaristokratien kennzeichnet. Sie bilden anscheinend die Vereinigung gleichberechtigter Großbauernfamilien ohne besonderen politischen Ehrgeiz einzelner und stellen so eine innerlich ausgeglichene Stammesbildung dar. Erst als in den Jahrhunderten vor der Wikingerzeit das stärkere Ausgreifen des Nordens beginnt, da vollziehen sich auch im norwegischen Gebiet grundlegende Veränderungen. Das Gleichgewicht großbäuerlicher Zusammenschlüsse wird gestört durch das Eindringen eines Eroberergeschlechts, der Ynglinge, die aus ihrem Heimatlande, dem Svearike in Uppland vertrieben, sich im Oslofjord ein neues Reich schaffen. In der Landschaft Vestfold läßt sich der erste norwegische König dieses Geschlechtes Halfdan Hvitbein nieder (in der Nähe des Handelsplatzes Skiringssal). Etwas weiter nördlich nach Borre verlegt stehen bis heute noch die prachtvollen Königsgräber als Zeugen des Machtwillens, den dieses Geschlecht entwickelt hat. Aus diesem Geschlecht stammt der Einiger Norwegens, Harald Schönhaar, der in der Schlacht vom Hafsfjord die Selbständigkeit des norwegischen Westlandes brach und sich zum Einkönig von Norwegen machte. Das geschah im Jahre 872.

Hier sehen wir, (wie im Zentrum des dänischen Reiches von Jellinge), ein großes Denkmal des Geschlechts in Form der Grabhügel, die etwas ganz Neuartiges im Rahmen der bis dahin recht gleichmäßig ausgebildeten Gräber der Völkerwanderungszeit darstellen. Am treffendsten hat diesen Vorgang A. W. Brögger geschildert: „Dagegen hat das neue Königsgeschlecht in Vestfold, die Ynglingenkönige, das im 7. Jh. in die alte aristokratische Bauerngemeinschaft des südlichen Vestfold einbricht, ein ganz anderes Gesicht. In allen Ausdrucksformen (…) ist hier die Rede von Erobererkönigen aus kräftigerem Guß, die langsam ihre Ziele steigern und die großen Gedanken von Zusammenschluß und Eroberung in sich tragen. Die Grabstätten auf Borre, die Schiffsgräber von Oseberg und Gokstad sind ein umfassenderes Stück norwegische Geschichte des 9. Jh. als irgendwelche schriftliche Quellen geben können. Hier haben wir das mächtigste Königsgeschlecht des Landes, ihre ganze psychologische Einstellung liegt offen vor uns in solchen verschwenderischen Leichenbestattungen wie die der Königin von Oseberg und des Königs von Gokstad. Darin offenbart sich ein Überschuß an Kraft und Fähigkeit, der es verständlich macht, daß in solch einem Geschlecht der Reichsgedanke entstehen konnte. Hier ist etwas anderes und mehr als nur die Freude der Großbauern und der Gutsbesitzer an einer guten Bauernwirtschaft. Hier handelt es sich um Häuptlinge, in denen politische Ziele durch Generationen kultiviert sind“. Zwar bestand das Werk Harald Schönhaars nur in einer losen Zusammenfassung der einzelnen bis dahin selbständigen Gebiete, und die Geschichte seiner Nachfolger ist gekennzeichnet durch den Kampf um die festere oder losere Gestaltung dieser Einheit, bis schließlich in der Zeit um 1000 ein immer festerer Zusammenhang entstand. Störend hat sich bei diesem Vorgang der Machtanspruch Dänemarks auf die südlichen norwegischen Gebiete ausgewirkt, dessen Entstehung wohl schon in die Völkerwanderungszeit zurückreicht. Auch hier wechseln Perioden der Schwäche mit solchen stärkeren Anspruchs ab. Göttrik war anscheinend unbestrittener Herrscher am Oslofjord, während unter seinen Nachfolgern dieser Anspruch nicht mehr durchgesetzt werden konnte. Und erst unter Harald Blaatand, dessen Schwester Gunhild mit Erik Blutaxt, dem Sohn des norwegischen Reichsgründers verheiratet war, wurde auf Veranlassung der ebenen Söhne Eriks der erfolgreiche Versuch gemacht, den dänischen Anspruch auf Südnorwegen durch Waffengewalt wiederherzustellen.

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Das Osebergschiff, 9. Jh., im Grabhügel

Darauf bezieht sich wohl die stolze Inschrift auf dem Runenstein Haralds in Jellinge, wenn er davon spricht, daß er Norwegen gewann. Die endgültige Einigung Norwegens geht Hand in Hand mit der Einführung des Christentums, das das norwegische Königsgeschlecht zur Grundlage seiner Reichsidee gemacht hat, ein Vorgang, wie wir ihn auch bei dem Schicksal der westgermanischen Stämme erkennen können. An die Namen zweier Männer knüpft sich die endgültige Gewinnung der norwegischen Einheit: Olaf Tryggvason, der in seiner nur fünfjährigen Wirksamkeit (995 bis 1000) die auseinander strebenden Kräfte fest zusammenfaßte, so daß auch die folgende, fünfzehn Jahre dauernde Reichsteilung diesen Keim nicht mehr ersticken konnte. Die endgültige Zusammenschließung wurde durch Olaf Haraldssohn, (später heilig gesprochen), wesentlich gefördert. Zwar dauerte es noch ein Jahrhundert bis es zur Entstehung eines norwegischen Nationalgefühls und einer Reichsidee kam, aber den Grund zur Einigung hatten die großen Wikinggestalten wie Harald Schönhaar und Olaf Tryggvason gelegt; in ihrer Zeit bedeutete rike die Macht des Einzelnen, seinen Einfluß und seine Gewalt, und erst in dem Maße, indem sich aus dem Einigungswillen eines einzelnen Geschlechtes eine das ganze Land zusammenschließende Idee entwickelte, verschiebt sich auch die Bedeutung des Wortes rike, das erst im späteren Mittelalter den Sinn Reich erhält.

Für die Geschichte Schwedens besitzen wir nicht im gleichen Maße wie für Norwegen und Dänemark Quellen aus dem Gebiet westeuropäischer Geschichtsschreibung. Denn das Interesse des europäischen Westens für Schweden war nur ein mittelbares. Beteiligte sich doch dieses Land nicht in so starkem Maße an den Westfahrten wie die anderen beiden nordischen Staaten. Von der Natur aus war der osteuropäische Raum als Interessengebiet für Schweden bestimmt und die wichtigsten und nachhaltigsten Unternehmungen richteten sich nach Südosten, gegen ein Gebiet also, das wie der Norden keine selbständige Geschichtsschreibung besaß. Nur dort, wo das Interesse des schwedischen Kolonialreiches in Rußland weiter nach Süden zu vorstieß, etwa nach Konstantinopel, finden wir historische Nachrichten über den Norden. Auch die nordischen Quellen selbst behandeln die schwedische Geschichte nur am Rande, da uns ja nur für die Geschichte Norwegens und Islands Berichte in größerem Umfange erhalten sind. Sie beziehen Schweden nur in den Fällen ein, wo die Geschichte dieses Landes mit den westnordischen Gebieten engere Berührung hatte.

In der beginnenden Völkerwanderungszeit dagegen haben wir auch für Schweden einige Nachrichten und erkennen als die beiden Hauptstämme des Landes die Svear und Götar, die einen in Uppland, die anderen in Westergötland siedelnd. Von den Dänen und Herulern, die auch unter den Besiedlern Schwedens genannt werden, haben sich keine Reste in der späteren Zeit erhalten, da die Geschichte des Landes bestimmt war durch den großen Machtkampf zwischen Schweden und Gauten. Durch den Sieg der Schweden entstand das Svcarike, das heutige Sverige. Der Mittelpunkt dieser Reichsbildung liegt in Alt-Uppsala, wo ähnlich wie in späterer Zeit in Jellinge und Borre ein großartiger Denkmalkomplex entstand. Die mächtigen Königshügel von Alt-Uppsala sprechen noch heute von dem Herrscherwillen des Königsgeschlechtes der Ynglinge, die von hier aus die Zusammenfassung des schwedischen Gebietes begannen und nach ihrem angeblichen Sturz durch Ivar Vidfadme nach Norwegen zogen, um von Borre aus auch diesem Lande die Einheit zu bringen. Der Kultmittelpunkt aber blieb auch nach ihrem Fortgang in Alt-Uppsala, dessen großes Kultfest durch die Schilderung bei Adam von Bremen allgemein bekannt geworden ist. Und als nach einer Zeit der Fremdherrschaft dieses Geschlecht, wie Nerman vermutet, nach Schweden zurückkehrte, da hatte sich die Struktur des Landes gewandelt. Aus dem binnenländischen Reiche war ein Staat geworden, dessen Interessen über das Meer reichten und diesem Wandel trug auch die Wahl des neuen Königssitzes Rechnung. Er lag im Mälarseegebiet und zeigt damit die allmähliche Umstellung der schwedischen Politik. Um 800 herum wurde dann, wahrscheinlich durch König Erik, ein Königssitz auf der Insel Adelsö gegenüber der neu entstehenden Handelsstadt Birka begründet. Bei Hovgärd liegt eine Gruppe von Königsgräbern, die in ihrer Anordnung ganz denen von Alt-Uppsala entsprechen. Drei Königshügel, Kirche und Dingplatz sollen sich hier in ähnlicher Anordnung wiederfinden. Es hat viel für sich, wenn man annimmt, daß der zurückkehrende Stamm des alten Königsgeschlechtes sich hier ein ähnliches Heiligtum und den Mittelpunkt seines neuen Reiches geschaffen hat, wie die Vorfahren in Alt-Uppsala.

Schon im 9. Jh. sehen wir die starken Interessen Schwedens im Osten, und wenn wir auch von den einzelnen Königen nur wenig wissen und kaum die Namen kennen, so müssen wir doch in gewissen Abschnitten eine straffe Zusammenfassung der schwedischen Macht annehmen. Als mit der Zeit Harald Gormssons die Großmachtspolitik Dänemarks begann, da sehen wir auch den Versuch, sich in Schweden festzusetzen, veranlaßt vielleicht oder gestützt durch den Anspruch eines vertriebenen Thronprätendenten Styrbjörn. In der Schlacht von Fyrisvall in der Nähe von Alt-Uppsala brach dieser Versuch zusammen. Nach dem Tode Haralds ging der siegreiche Schwedenkönig Erik mit dem Beinamen Sägersäll zum Angriff gegen Dänemark über. Und in der Zeit der Abwesenheit Sven Gabelbarts gelang es ihm, sich im Gebiet der Schlei festzusetzen. Gegen ihn mußte Sven bei seiner Rückkehr aus England im Jahre 995 kämpfen, und vielleicht sprechen die beiden Runensteine des Königs Sven bei Haithabu von den Auseinandersetzungen dieses Jahres. Aber auch er hat sich nicht in diesem Unternehmen gegen den Westen erschöpft. Wir sehen ihn mehrfach in die russischen Verhältnisse eingreifen, und seine Ehe mit der Tochter Boleslavs von Polen enthüllt uns vielleicht weitere Pläne im Osten. Sein Sohn Olaf Skotkonung versöhnte sich mit dem Gegner seines Vaters Sven Gabelbart, und mit ihm vereint zog er gegen Norwegen, das diesem doppelten Angriff nicht gewachsen war. Die Freundschaft mit Dänemark blieb auch unter dem Nachfolger Svens, dem großen Knud bestehen, zu dessen Englandzuge vom Jahre 1015 auch Schweden Truppen stellte. In der Mitte des 11 Jh. stirbt das Geschlecht aus. Und in jener Zeit erfahren wir auch von den letzten Wikingzügen nach Rußland, die sich an den Namen eines Ingvar knüpfen, der in unzähligen Runensteinen weiterlebt.

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Die Handelsschiffe waren betont auf Ladekapazität und Seetüchtigkeit ausgerichtet, besaßen mehr Tiefgang, ein breiteres Deck und mittschiffs einen offenen Laderaum; Decksplanken und Riemenpforten gab es nur an den beiden Enden. Es gab aber wenig Schutz für Mannschaft und Ladung. Zeichnung von Ânke Gustavsson

Thronstreitigkeiten haben das nächste Jahrhundert schwedischer Geschichte angefüllt, und in dieser Zeit politischer Schwäche gehen die großen Ziele, die in der Wikingzeit lebendig waren, verloren. Der Ostraum verliert sein Interesse, und wie Dänemark wird auch Schweden im weiteren Verlauf der Geschichte eine auf sein Landgebiet beschränkte Macht. Wenn auch von Zeit zu Zeit das Ziel, die Schaffung eines großschwedischen Reiches, wieder auftaucht, und wir in Männern wie Gustav Adolf oder Karl XII. späte Erscheinungen jenes Wikinggeistes sehen können. Diese 2½ Jahrhunderte, von 800 bis 1050 ungefähr, sind nicht eine einheitliche Epoche germanischer Ausbreitung, sondern sie lassen sich ihrer Art nach in zwei wesentlich verschiedene Abschnitte zerlegen. Im 9. Jh. haben wir es in der Hauptsache mit kriegerischen Fahrten zu tun, die nicht nur die Küstengebiete Westeuropas, sondern auch die inneren Landesteile trafen, während das 10. Jh. im wesentlichen eine Festigung und einen Ausbau der neueroberten Gebiete mit sich bringt. Im Westen waren es besonders die Küsten des fränkischen Reiches, Englands und Irlands, die das Ziel der Wikingfahrten bildeten, und die dortigen Herrscher waren nicht in der Lage, diese Einfälle zu verhindern, in der Hauptsache deshalb, weil sie über keine Seemacht verfügten, auf deren Bestehen ja zu einem großen Teil der Erfolg der Wikinger beruhte. Nur eine Möglichkeit hatten sie, die Küsten zu sichern, nämlich durch die Belehnung wikingischer Fürsten, die aus verschiedenen Gründen außer Landes gehen mußten, mit ihren Küstengebieten. So ist in der ersten Hälfte des 9. Jh. Rüstringen dem dänischen Königssohn Harald zum Lehen gegeben, und auch Westfriesland sehen wir als Lehnsgebiet eines Wikingers mit dem Hauptsitz in Dorestad, jenem karolingischen Ausfuhrhafen nach dem Norden und Nordwesten. In der zweiten Hälfte des 9. Jh. bedrängen Wikinger in ständig anwachsender Zahl das fränkische Reich, z.T. angelockt durch die innere Schwäche des Reiches, bis im Jahre 891 der Sieg Arnulfs von Kärnten über das Wikingerheer bei Löwen an der Dyleden Einfällen wenigstens für eine Zeit ein Ende setzt. Damals wird in verstärktem Maße England das Ziel der Wikingfahrten, und es entsteht das wikingsche Reich um York herum, Danelag genannt, nach dem Herrschen des dänischen Rechts. Als zu Beginn der 70er Jahre Norwegen durch einen Sproß des Vestfold Geschlechtes, zu einem einheitlichen Staat zusammengeschlossen wird, da wandert ein Teil der freien Großbauern, und zwar aus rein ideellen Gründen, weil er eine Unterwerfung unter den König nicht auf sich nehmen wollte, nach Island aus und begründet dort den isländischen Freistaat als eine vollkommen germanische Bildung. An den Zügen nach dem Westen waren im wesentlichen Dänen und Norweger beteiligt, während das Einflußgebiet der Schweden das Baltische Meer mit seiner Südküste und dem kontinentalen Hinterland bildete. Zwar kennen wir auch in jener Gegend dänische Kolonien, wie ja Dänemark geographisch sowohl nach der Nordsee wie ja auch nach der Ostsee blickt, die großen Neugründungen aber, die sich in jener Zeit in Osteuropa vollziehen, sind von Schweden geschaffen. Sehr frühzeitig schon sehen wir schwedische Wikinger in Rußland, wo sie im Jahre 839 als Gesandte in Byzanz erscheinen und in den 60er Jahren dringen sie dann in das osteuropäische Tiefland von Norden her ein. An den großen Strömen entlang führt sie ihr Weg, und so entstehen zunächst wikingische Fürstentümer im Norden Rußlands um Nowgorod, während ein anderes Geschlecht bis nach Südrußland vordringt und sich ein Reich mit der Hauptstadt Kiew schafft. Askold und Dir sind die überlieferten Namen der Führer. Hier waren es, wie es scheint, in der Hauptsache handelspolitische Gesichtspunkte, die für diese Landnahme ausschlaggebend wurden, denn es kam den Wikingern auf den Besitz der großen Handelsstraßen an die durch die Ströme gebildet wurden, und damit bekamen sie den Weg vom Orient nach Nordeuropa in Besitz. Daß der Islam durch sein Übergreifen von Afrika nach Spanien das Mittelmeer zu einem arabischen Meer gemacht hatte und die Möglichkeit einer Sperrung der Straße von Gibraltar geschaffen hatte, hat diesen nordischen Vorstoß wohl kaum ausgelöst. Mindestens im Norden Rußlands, im Reiche von Nowgorod, sehen wir aber auch eine starke, bäuerliche Kolonisation von Schweden aus, für uns heute erkennbar an den Grabfunden und an den nordischen Ortsnamen. In der 2. Hälfte des 9. Jh. vollzieht sich nun hier im Südosten eine stärkere Festigung der wikingischen Macht durch den Zusammenschluß der ursprünglich getrennten Herrschaftsgebiete um Kiew und Nowgorod zu einem einheitlichen Reich, dessen Lebensadern die großen Flußsysteme wurden.

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Westfahrten der Wikinger

Damit war die Voraussetzung für das russische Reich geschaffen, eine Tat schwedischer Wikinger, entstanden vielleicht als Fahrmännerstaat, aber im 10. Jh. und in der folgenden Zeit überführt in ein festes Staatsgebilde. 10. Jh.: Schaffung des polnischen Reiches durch Mieszko (mit seinem germanischen Namen: Dago). Schon dieser Name allein zeigt, daß die Gründung ein germanisches Unternehmen war, gestützt durch zahlreiche Funde wikingischer Herkunft in Polen, nicht wahllos durch das ganze Land verstreut, sondern hauptsächlich an den großen Zentren politischen und militärischen Lebens gefunden und damit den Beweis dafür geben, daß das nordgermanische Element dort von großer Bedeutung war. Kleinere Staatengründungen am Südufer der Ostsee: die ältere Seeburg (Libau), verbunden mit einer gotländischen und einer schwedischen Niederlassung; wikingische Kolonie im Samland, (Funde aus Wiskiauten bei Cranz), in Elbing und die Jomsburg, (durch neuere Ausgrabungen wieder entdeckt). In Wagrien, im nordwestlichsten Teil des slawischen Gebiets, fließt in dem Fürstengeschlecht wikingisches Blut, und wir erkennen das Vorhandensein eines nordgermanischen Elements an Funden (Puttgarden/Fehmarn). Die Ostsee ist ein nordgermanisches Becken, am Südufer umsäumt von einer Kette nordgermanischer Kolonien. Das nordgermanische Element dringt weiter ein in das Hinterland, (militärische Besatzungen, vielleicht bäuerliche Siedlungen). Im Westen Europas Schaffung eines normannischen Herzogtums in der Normandie. Von Island aus tritt im 10. Jh. Grönland in den Gesichtskreis der nordischen Seefahrer. Darüber hinaus kühne Fahrten der Nordgermanen bis an die Ostküste Nordamerikas, also 500 Jahre vor Kolumbus, von den Wikingern entdeckt. 11 Jh.: der Grund für das normannische Reich in Sizilien und Süditalien ist gelegt. Über diese Staatengründungen hinaus drangen die Wikinger als Kaufleute noch weiter vor. Regelmäßige Fahrten nach Konstantinopel (zwei Handelsverträge zwischen dem wikingischen Großfürsten von Kiew und dem oströmischen Kaiser), aber auch über das Kaspische Meer in das Zweistromland, wo wir sie als Kaufleute in Bagdad und Basra finden. Vier- oder fünfmal sah Konstantinopel wikingische Heere aus dem russischen Reich vor seinen Mauern, die der großen Stadt – Miklagard d. h. Großstadt nannten sie die Wikinger – einen Schutz gegen die Angreifer gaben.

Es ist also ein großes Gebiet, das den Nordgermanen jener Zeit erschlossen war, das im Südosten bis nach Mesopotamien und Konstantinopel reichte und im Westen nach Nordamerika ging, das sich von Nordafrika im Süden bis nach Grönland im Norden spannte. Über die Erschließung der neu eroberten Gebiete hinaus liegt die historische Bedeutung jener Zeit im wesentlichen in den Staatengründungen, die sich hier vollzogen, unter ausschließlichem oder doch maßgeblichem Anteil von Germanen. So gewinnt im Osten zum ersten Male die große Welt des Slawentums eine Staatsorganisation, die von Germanen getragen wird. Dieser Einfluß läßt sich von der ersten Staatengründung auf slawischem Gebiet aus der Völkerwanderungszeit, dem Fürstentum des Franken Samo, über die Gründung des russischen und polnischen Reiches hinaus bis zur Berufung des Deutschen Ritterordens durch Konrad von Masowien verfolgen. So bildet die Wikingerzeit die Fortführung einer Jahrtausende alten Entwicklung. Das machtvolle Ausgreifen über den europäischen Norden hinaus, das vielfach als eine ganz plötzliche Kraftentfaltung erscheint, stellt nur das Weiterlaufen einer schon uralten Bewegung im nordischen Raum dar. Erstmalig in der Steinzeit, dann sehr gut erfaßbar seit der jüngeren Bronzezeit, sehen wir den Norden immer wieder als das große Menschenreservoir, aus dem immer neue Züge nach Süden ausgehen, gefolgt von der ostdeutschen Kolonisation und später von England ausgehenden Eroberungen in anderen Teilen der Welt.

Die Kultur der Wikingerzeit

Für die Kenntnis der Kultur der Wikingerzeit haben wir verschiedene Quellen, und der Reiz einer Beschäftigung mit jenen Jahrhunderten germanischer Frühzeit liegt gerade darin, daß wir nicht nur auf die Funde angewiesen sind, wenn wir uns ein Bild von der kulturellen Stellung der Germanen machen wollen, sondern daß es uns auch möglich ist, die geistigen Kräfte zu sehen, die hinter den geschichtlichen Ereignissen stehen; und das verdanken wir der Erhaltung germanischen Schrifttums. Wir haben hier eine einzigartige Möglichkeit, das Schrifttum und damit die geistige Haltung eines Volkes aus einer Zeit kennenzulernen, die noch nicht vollständig bestimmt ist von dem Vorherrschen mittelländischer, christlicher Vorstellungen. In diesem Schrifttum spiegelt sich die geistige Einstellung der Germanen wider, die hinter jenen großen Eroberungszügen des 9. und 10. Jh. standen. Wenn diese Quellen auch erst im 12. und 13. Jh. von christlichen Geistlichen auf Island aufgezeichnet wurden, so vermitteln sie uns doch ein wahrheitsgetreues Bild von den kulturellen Verhältnissen der Wikingerzeit. Wir haben nicht nur in den Sagas eine unerschöpfliche Quelle für die Kenntnis germanischer Wesensart, in einem Gebiet, in dem es kaum eine überlagerte Unterschicht gab, sondern wir besitzen in den Heldengedichten jener Zeit die Möglichkeit, uns über die kriegerische Einstellung ein Bild zu machen. In diesem Schrifttum sehen wir die Germanen mit ihren Lebensidealen, wie sie verkörpert sind in der Schilderung der großen Helden und auch mit ihren Schwächen; und zwar stammt das Bild nicht von volksfremden Geschichtsschreibern, die dem Wesen dieses Volkes verständnislos gegenüberstehen mußten und auch nicht von Geistlichen, die in der größten Zahl der Fälle die Welt des freien Germanentums durch das Klosterfenster betrachteten, sondern wir haben das Bild vor uns, das die Germanen von sich selbst gezeichnet haben.

Es wäre durchaus falsch, die Wikinger als ausschließliche Krieger und Seefahrer zu betrachten. Gerade die nordischen Quellen lassen uns einen tiefen Blick in das alltägliche Leben jener Jahrhunderte tun, und wir sehen die Wikinger dort als große oder kleine Bauern auf ihren Höfen sitzen und ihrem bäuerlichen Beruf nachgehen. Wir erleben mit ihnen alle Sorge und alle Mühe, die das Bauernlehen mit sich bringt. Wir sehen sie auch ihre Feste feiern und wir sehen die großen Fehden, die dieses kriegerische Bauerntum auszeichnen, jene Fehden, die zurückgehen auf den ausgesprochenen Ehrbegriff der Germanen und auf die ethischen Grundanschauungen ihrer Lebenshaltung. Aber in jungen Jahren sind sie alle einmal in der weiten Welt gewesen auf Wikingfahrt und haben ihren Gesichtkreis erweitert.

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Der nur weiß, der weithin zieht
und viele Fahrten tat, was im Innern jeder andere hegt,
wenn sich sein Witz bewährt.“

Damit kennzeichnet der Dichter im alten Sittengedicht der Edda den Wert der Fahrten für den Mann. Es ist jene Zeit des kühnen Kriegertums, das in demselben Spruchgedicht der Edda gekennzeichnet wird, wenn der Dichter dort sagt:

„Mit Maß bedacht sei der Männer jeder, aber nicht überbedacht, denn heiter wird selten
das Herz des Grüblers, der überängstlich ist.“

In allen Unternehmungen, sei es zu Hause, sei es auf Wikingfahrt, leuchtet uns die große, männliche Grundhaltung jener Zeit entgegen, die durch nichts besser gekennzeichnet ist, als durch die Schlußstrophe in demselben Gedicht:

„Besitz stirbt, Sippen sterben, Du selbst stirbst wie sie,
eins ist, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm.“

Aus dieser Haltung erklärt sich vieles jener Zeit, was dem modernen Menschen zunächst unverständlich erscheinen möchte. Es ist die Triebfeder des Handelns, die die Männer befähigte zu ihren großen militärischen und politischen Leistungen und dem ganzen Zeitalter den Stempel aufprägte. So sind sowohl die Sagas, wie auch die Gedichte der Edda, eine unendlich reiche Fundgrube für alle diese Fragen, sei es, daß sie mit dem täglichen Leben, sei es, daß sie mit der Weltanschauung, die in diesem Leben sichtbar wird, zusammenhängen. Diese Quellen werden immer eine Grundlage bleiben müssen für das Bild, das wir uns von den Germanen der Frühzeit machen. Daneben aber haben wir noch andere Nachrichten, die von Schriftstellern aus anderen Gebieten stammen. In einer Zeit, in der das Nordgermanentum durch seine Wikingfahrten mit so vielen fernen Gegenden in Berührung kam, ist es leicht erklärlich, daß auch andere Quellen sich mit den Lebensgewohnheiten und Vorstellungen der Wikinger beschäftigt haben. So finden wir wichtige Aufklärungen auch in anderer Literatur. Wenn auch sehr oft den Schreibern das innere Verständnis für das Wesen des Nordgermanen fehlt, so haben wir doch, soweit sich diese Mitteilungen auf äußere Ereignisse beziehen, darin einen ausgezeichneten Hinweis auf vieles, was uns sonst verloren gegangen ist. So stammt die einzige, wirklich erschöpfende Darstellung eines Leichenbegängnisses aus dem östlichen Kolonisationsgebiet der Wikinger. In Bolgar, also in der Nähe des heutigen Kasan an der Wolga, hatten die Wikinger eine Handelskolonie und trieben dort mit den Eingeborenen und mit zugereisten Kaufleuten, die von Süden kamen, meistens mit Arabern, Handel. Dort starb einer der wikingischen Führer, und seinem Begräbnis wohnte ein Araber, Ibn-Foszlan, bei, der uns eine ausführliche Darstellung überliefert hat.

„Ich wünschte diese Zeremonie näher kennen zu lernen, als man mir endlich den Tod eines ihrer Großen berichtete. Ihn legten sie in sein Grab und versahen es über ihm mit einem Dache für 10 Tage, bis sie mit dem Zuschneiden und Nähen seiner Kleider fertig waren.
Zwar, ist es ein armer Mann, so bauen sie für ihn ein kleines Schiff, legen ihn hinein und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber sammeln sie seine Habe und teilen sie in drei Teile. Das eine Drittel ist für seine Familie, für das zweite schneiden sie ihm Kleider zu und für das dritte kaufen sie berauschende Getränke… Als nun der Tag gekommen war, an dem der Verstorbene und das Mädchen verbrannt werden sollten, ging ich (d. h. Ibn-Foszlan) an den Fluß, in dem sein Schiff lag. Aber dies war schon ans Land gezogen; vier Eckblöcke von Chalendsch- und anderem Holz wurden für dasselbe zurechtgestellt und um dasselbe herum wieder große menschenähnliche Figuren aus Holz. Darauf zog man das Schiff herbei, setzte es auf das gedachte Holz. Die Leute fingen indessen an, ab und zu zu gehen und sprachen Worte, die ich nicht verstand. Der Tote aber lag noch entfernt in seinem Grab, aus dem sie ihn noch nicht herausgenommen hatten. Darauf brachten sie eine Ruhebank, stellten sie auf das Schiff und bedeckten sie mit wattierten gesteppten Tüchern mit griechischem Goldstoff und mit Kopfkissen von demselben Stoff … Als sie zu seinem Grab kamen, räumten sie die Erde von dem Holz (dem hölzernen Dache), schafften dieses selbst weg und zogen den Toten in dem Leichentuch, in welchem er gestorben war, hinaus. Da sah ich, wie er von der Kälte des Landes ganz schwarz geworden war. Bei ihm aber hatten sie in sein Grab berauschende Getränke, Früchte und eine Laute getan, welches alles sie nun auch hinauszogen. Der Verstorbene aber hatte sich, die Farbe ausgenommen, nicht verändert. Ihn bekleideten sie dann mit Unterbeinkleidern, Oberhosen, Stiefeln, einem Kurtak und Chaftan von Goldstoff mit goldenen Knöpfen und setzten ihm eine goldstoffene Mütze mit Zobel besetzt auf. Darauf trugen sie ihn in das auf dem Schiff befindliche Gezelt, setzten ihn auf die mit Watte gesteppte Decke, unterstützten ihn mit Kopfkissen, brachten berauschende Getränke, Früchte und Basilienkraut und legten das alles neben ihn. Auch Brot, Fleisch und Zwiebeln legten sie vor ihn hin. Hierauf brachten sie einen Hund, schnitten ihn in zwei Teile und warfen die ins Schiff, legten dann alle seine Waffen ihm zur Seite: führten zwei Pferde herbei, die sie so lange jagten, bis sie von Schweiß troffen, worauf sie sie mit ihren Schwertern zerhieben und das Fleisch derselben ins Schiff warfen. Alsdann wurden zwei Ochsen herbeigeführt und ebenfalls zerhauen und ins Schiff geworfen. Endlich brachten sie einen Hahn und ein Huhn, schlachteten auch die und warfen sie ebenda hinein… Nun trat nackend der nächste Anverwandte des Verstorbenen hinzu, nahm ein Stück Holz, zündete das an, ging rückwärts zum Schiff, das Holz in der einen Hand, die andere Hand auf seinem Hinterteil haltend, bis das unter das Schiff angelegte Holz angezündet ward. Darauf kamen auch die übrigen mit Zündhölzern und anderen Hölzern herbei. Jeder trug ein Stück, das oben schon brannte und warf es auf den Holzhaufen. Bald griff das Feuer in denselben, bald hernach das Schiff, dann das Gezelt und den Mann und das Mädchen und alles, was im Schiff war. Dann blies ein fürchterlicher Sturm, wodurch die Flamme verstärkt und die Lohe noch mehr angefacht wurde. Mir zur Seite stand einer von den Russen (schwedischer Wikinger), den hörte ich mit dem Dolmetscher, der neben ihm stand, sprechen. Ich fragte den Dolmetscher, was ihm der Russe gesagt hatte, und erhielt die Antwort: „Ihr Araber, sagte er, seid doch ein dummes Volk, Ihr nehmt den, der Euch der geliebteste und geehrteste unter den Menschen und werft ihn in die Erde, wo ihn die kriechenden Tiere und Würmer fressen. Wir dagegen verbrennen ihn in einem Nu, so daß er unverzüglich und sonder Aufenthalt ins Paradies eingeht…“ Darauf führten sie über dem Ort, wo das aus dem Fluß gezogene Schiff stand, etwas einem Rundhügel ähnliches auf, errichteten in dessen Mitte ein großes Buchenholz und schrieben darauf den Namen des Verstorbenen…“

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Dieser Bericht ist hier nur in einem Auszuge wiedergegeben. Er schildert uns sehr anschaulich den Bestattungsritus von Wikingern, die damals in Bolgar lebten. Neben diesen schriftlichen Quellen besitzen wir noch ein unschätzbares Denkmal für die Kulturgeschichte dieser 2½ Jahrhunderte. Es ist der sog. Teppich von Bayeux, ein langer Bildstreifen von 80 bis 100 cm Breite, gedacht wahrscheinlich als Bildfries, den man um eine große Halle spannen konnte. Auf diesem Bildfries sind alle Ereignisse, die der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer vorausgingen, bildlich dargestellt. In dieser Zusammenstellung besitzen wir eines der wichtigsten Denkmäler für die Kulturgeschichte jener Zeit. Alles, was das Leben dieser Wikinger ausfüllte, hat hier seine bildliche Darstellung gefunden. Wir sehen den Bauern mit Pflug und Egge auf seinem Feld arbeiten. Wir sehen die Männer bei einer ihrer Hauptbetätigungen, zur Jagd mit dem Falken und mit der Meute ausreitend. Andere Szenen des täglichen Lebens sind dort wiedergegeben, so eine Küche, in der ein Frühstück bereitet wird und die Männer selbst, die dieses Frühstück essen. Den größten Raum nimmt aber auf diesem Teppich entsprechend dem Geist der Zeit die Schilderung des Kampfes ein und aller der Vorbereitungen, die zum Kampfe notwendig waren. Der Bau einer Flotte wird hier geschildert, und man erkennt deutlich die einzelnen Stadien des Baues. Mit großer Liebe sind auch die weiteren Vorbereitungen für die Fahrt dargestellt, so das Verladen des Kriegsmaterials, vor allen Dingen von Lanzen, Kettenhemden, Schwertbündeln und von großen Weinfässern. Das Bild einer segelnden Wikingerflotte vermittelt uns eine Vorstellung von den Erscheinungen jener Zeit. Es zeigt uns, wie Männer und Pferde übergesetzt werden und veranschaulicht uns wieder die Einzelheiten des Schiffbaues, der Besegelung und der Ausschmückung, Beobachtungen, die gut kontrollierbar sind durch die großen Grabfunde aus Norwegen. Der Kampf selbst nimmt einen breiten Raum ein. Bei der Darstellung einer Burgbelagerung lernen wir eine der typischen Burgen jener Zeit, den Turmhügel oder Donjon der späteren Ritterzeit kennen; und in der offenen Feldschlacht sehen wir Mann und Pferd wild durcheinander gewirbelt und auf dem begleitenden Bildstreifen die Walstatt mit den gefallenen Helden; ein Werk, das in seinem Quellenwert noch lange nicht ausgeschöpft ist. Dazu kommen die Buchmalereien, die uns auf der einen Seite für die Ornamentik einen ausgezeichneten Anhalt geben, die aber auch für die Trachten des 9. und 10. Jh. und für das ganze kulturelle Leben manchen wertvollen Hinweis enthalten, denn es spiegelt sich z. T. in der Illustration der Bibel das geschichtliche Leben jener Zeit wider mit seinem Städtebau, seinen Kämpfen, bei denen man sehr oft den Eindruck hat, als hätten gleichzeitige, historische Ereignisse, wie der Einfall der Normannen, das Motiv abgegeben für die Illustration geeigneter Bibelstellen.

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Tierkopf-Pfosten vom Oseberg-Grabschiff

Den größten Quellenstoff bilden aber die Bodenfunde. Die Runensteine überliefern uns nicht nur das Andenken an die Helden jener Zeit und eine reiche Ornamentik, namentlich in den jüngeren Steinen, sondern sie zeigen uns auch das Leben mythischer Vorstellungen, wie bei dem Bildstein aus Gotland, der uns ein besegeltes Schiff darstellt und den Empfang der Krieger in Walhall durch eine Walküre zeigt, ein Motiv, das seine künstlerische Gestaltung auch sonst im nordischen Kreis gefunden hat. Auch das Leben germanischer Sagen können wir hier feststellen, wenn z.B. die Siegfriedsage bildlich auf einer Felswand dargestellt ist, so müssen wir daraus entnehmen, daß der Kreis dieser Sage damals lebendig war, und die schaffenden Künstler zur Gestaltung ihrer Motive angeregt hat, ähnlich wie wir es bei den Resten der Holzschnitzkunst im Osebergschiff haben, wo ja der Wagen der Königin Ose die Szene mit Gunnar in der Schlangengrube enthält, also eine nordische Fassung des Nibelungenliedes wiedergibt.

Im ganzen bilden die Runensteine den monumentalen Ausdruck dieser Zeit. Sie sind die Denkmale, die des Toten Tatenruhm verkünden sollen. Nicht in unserem Sinne sind es Grabsteine, Gedenksteine, die auch fern von den Gräbern Aufstellung finden konnten. Dort, wo das Leben vorbeiflutete, an den großen Heerwegen oder auf Dingplätzen, wohin die Männer kamen, war der Platz dieser Steine, damit sie ihre Aufgabe erfüllen konnten, zu künden vom Ruhme gefallener Männer. Sie waren gleichzeitig das Wahrzeichen der großen, freien Geschlechter und bezeichneten gelegentlich ihre Dingplätze. In Jellinge bei Viborg in Jütland liegen zwischen den beiden mächtigen Grabhügeln die bekannten Jellingesteine, und herum standen einst 50 Steine im Kreis, sog. Dingsteine, die den Dingplatz umhegten. Hier war der große Jellingestein nicht nur Denkstein und Rechenschaftsbericht, sondern auch Dingsäule, das Handgemal Haralds. Dingsäule, Denkstein und Ahnengrab bilden den politischen und religiösen Mittelpunkt des von dem Jellinge-Geschlecht neu begründeten dänischen Reiches.

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Der Wagenkasten aus dem Schiffsgrab von Oseberg
mit einem wiegenartigen Gestell, das an den Enden mit
menschlichen Köpfen verziert ist.
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Thor mit zwei Schlangen,
die auf Sonne und Mond deuten.
Bibliothèque Nationale, Paris

Bei den Kleinfunden erkennen wir, wie sich das Kunstgewerbe auf der völkerwanderungszeitlichen Grundlage entwickelt, wie sich auch in der Wikingerzeit der Tierstil weiter bildet in seiner stilisierten Auffassung der Tiere und seiner großen, reichen Bewegung, die dem Geiste jener Zeit vielleicht am besten entspricht. Hier erfährt dieser Tierstil seine letzte Ausbildung, die im westgermanischen Gebiet nicht mehr oder nur dürftig vor sich ging, weil sich hier durch das Einströmen antiken Gutes auch eine stilistische Abwandlung vollzog, die in einer Pflanzenornamentik gipfelte, wie sie dem Norden bis dahin fremdgewesen war. Trotzdem lebt aber auch hier altes Gedankengut weiter, verstohlen manchmal, aber doch erkennbar. Über das Vorherrschen des Tierornaments, dieser germanischen Kunstschöpfung des 4. und 5. Jh., hinaus, zeigen die Schmuckstücke ein vollkommenes Beherrschen der Metalltechnik. Auch eine Vorliebe für die schön verzierten Waffen, die wir schon in der älteren Bronzezeit und darüber hinaus in der Streitaxtkultur der jüngeren Steinzeit gesehen haben, finden wir in der Wikingerzeit wieder. Diese Periode hat uns eine große Anzahl von Schwertern, Lanzenspitzen und Äxten hinterlassen, die teils mit Tierornamenten, teils mit rein geometrischen Mustern verziert sind. Wir finden die Tierornamentik auf allen Schmuckgegenständen der Tracht und vor allen Dingen auf den reichen Schalenspangen, die zum Frauenschmuck gehören, aber auch auf anderen Spangen, wie sie in jener Zeit üblich waren, bis in den stilistischen Ablauf dieser 2½  Jahrhunderte neues Gedankengut vom Westen her eindringt. Wir sehen dann wieder die alte germanische Auffassung durchschlagen, dieses Ringen zweier Auffassungen miteinander und ihr endgültiges Ergebnis.

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In diesen beiden Jahrhunderten spielt sich im Norden der Kampf ab, den die Westgermanen schon Jahrhunderte vorher durchgemacht hatten: Der Kampf zweier Weltanschauungen miteinander; auf der einen Seite die germanische Gottesvorstellung mit ihrer in der Sippe und im Ehrbegriff wurzelnden Form, und auf der anderen Seite das neu eindringende Christentum.

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Stein von Hablingo mit Odinsknoten (Gotland)

Mannigfach ist der Niederschlag, den beide Anschauungen in unserem Material gefunden haben. Neben dem Thorshammer, dem Symbol des nordischen Bauerngottes, steht das Kreuz. Mit seiner Aufhängevorrichtung oft noch nahe verwandt dem Symbol des alten Glaubens, anknüpfend an alte Vorstellungen, aber bewußt das Neue betonend. Neben dem Kruzifix, wie es in den Gräbern auf Birka gefunden wurde, steht die Walküre, die dem in Walhall einziehenden Odinskrieger den Willkommenstrunk kredenzt. Die beginnende Angleichung des fremden, im Christentum enthaltenen Gedankengutes, zeigt der große Runenstein von Jellinge, der den Rechenschaftsbericht König Haralds enthält und der für die Eingliederung des Haithabureiches in das Dänenreich den inschriftlichen Beleg bildet. Daß diese Durchdringung vorerst nur sehr oberflächlich blieb, lehren zahlreiche Sagastellen. So wird von Helgi dem Mageren etwa berichtet, daß er zum Christengott betete. Wenn er aber auf Seefahrt war oder in Gefahr kam, rief er Thor an. Oft waren es rein oberflächliche Gründe, die zur Annahme des neuen Glaubens führten, wie die Rede eines der Dingmannen auf dem Birkading lehrt, wo er seinen Landsleuten die äußeren Vorteile aufzeigt, die die Annahme des Christentums mit sich bringen würde. Stärker durchgesetzt hat sich das Christentum erst in dem Augenblick, wo die Könige des Nordens darin eine Stute für ihre Reichsidee sahen und Christentum und Reichsbildung miteinander verquickt werden und die militärische Macht des Königtums hinter den neuen Glauben tritt. Abgeschlossen wurde dieses geistige Ringen keineswegs, aber sein Verlauf läßt sich gut auch an Funden verfolgen.

Auch für das tägliche Leben haben wir in den Funden reiche Beobachtungsmöglichkeiten. Es ist eine Zeit, in der Kaufmannstum und Seeraub dicht beieinander liegen; noch im Grab liegt an der einen Seite des Mannes das Schwert, an der anderen die Waage. Von einer Ausfüllung der freien Zeit sprechen Spielbretter, wie sie uns aus Irland bekannt geworden sind, Spielsteine z.T. in Form von Menschenfiguren und Würfel, wie wir sie seit Jahrhunderten aus dem nordischen Kreis kennen.

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Schwert aus Snartemo, Norwegen, VI. Jh.
Die Oberschicht des Handgriffes ist aus reinem Gold

In das Reich der Frau gehören die Spinnwirtel und Webesteine, die wir gelegentlich in Gräbern, mehr aber noch in Häusern finden. Die Stellung der Frau wird vielleicht am besten gekennzeichnet durch die Achtung, mit der sie im Grabe behandelt wird, erkennbar in den Grabfunden, an deren Spitze das berühmte Oseberg-Grab vom Oslo-Fjord steht. Dort wurden im Jahre 1903 beim Abgraben des Hügels Holzreste gefunden. Auf die Meldung dieser Beobachtungen begann Professor Gustafson, der Direktor des Universitätsmuseums in Oslo, mit einer Grabung. Diese Untersuchung förderte einen der bedeutendsten Funde aus dem germanischen Altertum zu Tage, das Grabschiff mit den Beigaben einer fürstlichen Frau, in der wir mit Wahrscheinlichkeit die Königin Aase sehen, die Großmutter Harald Schönhaars, der im Jahre 872 Norwegen geeint hat. Man hatte der Königin in ihrer Yacht, die wohl mehr für Fjordfahrten als für Fahrten über die offene See bestimmt war, eine Grabkammer errichtet, in der sie und mit ihr wohl eine Dienerin bestattet waren. In dieser Grabkammer und außerhalb im Schiff fand sich eine große Menge von Ausrüstungsgegenständen, die uns den Hausrat eines solchen kleinen norwegischen Königshofes vor Augen führen. Neben einem Bett befand sich auch ein Stuhl, wie wir ihn in ähnlicher, allerdings reicherer Ausstattung aus den Buchmalereien und vom Teppich von Bayeux her kennen. Daneben waren mehrere Zelte in das Grab gelegt. In der Grabkammer standen vier große, mit Tierköpfen geschmückte Holzpfosten in den Ecken. In den aufgerissenen Mäulern hingen z.T. eiserne Ketten. Das Ganze war wohl gedacht als eine Abwehr böser Geister, denn diese abwehrende Wirkung kennen wir bei den großen Tierköpfen, die an den Steven der Drachenschiffe befestigt waren, sehr gut. Von anderen Gebrauchsgegenständen fanden sich dort Kochkessel, Eimer, z. T. mit sehr schöner Ausschmückung, ein Mahlstein, Schuhe und einige Schmucksachen, wenn auch die meisten einer Beraubung des Grabes zum Opfer gefallen waren. Weiter lagen im Grab einige Truhen, von denen eine Obst enthielt. Einen Wagen mit prachtvoll geschnitztem Wagenkasten hatte man der Königin mitgegeben. Vielleicht war es weniger ein Stück des täglichen Gebrauchs als ein Kultwagen, denn man scheint sich bei der Verzierung des Wagenkastens an alte Vorbilder gehalten zu haben. Aus der großen Anzahl der Schlitten, die die Königin mitbekommen hatte, sind die verzierten besonders erwähnenswert. Das bedeutendste Stück des ganzen Grabfundes aber ist wohl das Boot. Es hat eine Länge von 21,44m und eine Breite mittschiffs von 5,10 m, die Höhe beträgt von der Unterseite des Kiels bis zur Reling 1,60 m. Das Schiff ist sowohl zum Rudern wie zum Segeln eingerichtet. Es hat Platz für 15 Ruderpaare und trägt, wie alle Schiffe jener Zeit, eine Rahbeseglung. Zur Verwendung gekommen ist ausschließlich Eichenholz. Im Verhältnis zu den anderen Booten, besonders dem Boot von Gokstad, muß man bei der geringen Bordhöhe des Osebergschiffes annehmen, daß es sich dabei um ein Boot für die Küstenfahrt handelte. Vorder- und Achtersteven waren aufgerollt und trugen einen Drachenkopf, wie er auch auf bildlichen Darstellungen und von vielen Sagastellen bekannt ist. Das Boot ist im Klinkerbau hergestellt: die oberen Planken greifen schuppenförmig über die unteren hinweg, und die Befestigung der einzelnen Plankengänge miteinander geschieht durch Eisennieten mit rhombischen Gegenplatten. Die Verbindung zwischen der Plankenwand des Bootes und dem Spantengerüst ist durch Bindung hergestellt. Hier haben wir also denselben Bootstyp vor uns, wie wir ihn aus der beginnenden Völkerwanderungszeit im großen Nydamschiff erkennen können. Für die Befestigung des Mastes ist ein großer Mastfisch, ein ausgekehlter Holzblock, auf dem Boden des Schiffes befestigt. Für die Riemen haben wir nicht wie bei dem Nydamboot Keipen oder Dollen, sondern runde Löcher im obersten Plankengang. Die Rudereinrichtung des Schiffes ist an der rechten Seite befestigt, die wir auch als die Steuerbordseite bezeichnen. Diese Benennung, die bei den mittelalterlichen Schiffen keine Voraussetzung mehr hatte, geht bis in die frühe Zeit zurück, in der alle Boote, die wir kennen, die Steuervorrichtung auf der Steuerbordseite haben. So ist es beim Osebergboot und schon 500 Jahre früher beim Schiff von Nydam.

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Schiff von Gokstad. 9 Jh.
Bygdoy Museum, Oslo

Wir haben im Osebergfund eine der seltenen Gelegenheiten, auch die häuslichen Geräte kennen zu lernen und einen Blick in das alltägliche Leben jener Zeit zu tun. Es ist aber nicht nur diese Fülle an großen Funden, die uns diesen Bootsfund so anziehend macht, sondern die Verbindung des Schiffes mit einer der großen nordischen Frauengestalten, mit der Königin Aase, die ähnlich wie die Frauengestalten der deutschen Heldendichtung etwa Krimhild in den tragischen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung verwickelt war und sich entsprechend der Erziehung und dem Geiste ihrer Zeit für die ihr auferlegte Verpflichtung der Rache ihrer Familie an ihrem Mann entschied. Die weitreichenden Beziehungen jener Zeit zeigt uns auch ein anderer großer Denkmälerkomplex, die schwedische Wikingerstadt Birka auf einer kleinen Insel im Mälarsee.

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Die Christianisierung erwies sich als schwierig und langatmig. „Insgesamt beleuchteten weder die schriftlichen Quellen noch die Bodenfunde einen durchgreifenden Erfolg der Mission“. (Torsten Capelle) Zeichnung von Ânke Gustavsson.

 Der Stadtplatz ist ähnlich wie in Haithabu umgeben von einem Wall, wenn auch die Ausmaße des Birka-Walles sich durchaus nicht mit denen des Halbkreiswalles in Haithabu messen können. Auf einer Höhe, die in das Stadtgebiet hineinreicht, liegt eine Burg, die wohl mit Recht als die Zitadelle der Stadt angenommen werden kann, wenn sie vielleicht auch in eine frühere Zeit zurückreicht. Um die Stadt herum liegt ein riesiges Gräberfeld, das zu einem Teil ausgegraben ist, und aus diesen Gräbern stammen jene reichen Funde, die uns ein ausgezeichnetes Bild von der Kultur der Wikingerzeit vermitteln. Es handelt sich um Hügelgräber, die z.T. über Grabkammern errichtet sind. Gekennzeichnet sind die Gräber durch ihren Reichtum an Beigaben, wodurch sie sich von den Haithabu-Gräbern deutlich unterscheiden. In den Männergräbern finden sich reiche Waffen und Zaumzeug, daneben Trinkgefäße aus Glas, die ihre Gegenstücke in Haithabu, auf den Friesischen Inseln und im Rhein-Gebiet haben. Ihr Ursprung liegt wohl im fränkischen Gebiet westlich des Rheins. Auch unter der Tonware findet sich manches Stück, das aus dem fränkischen Reich, wahrscheinlich über Dorestad, den Weg nach dem Norden gefunden hat. Diese Funde, die die Stadt mit dem Westen verknüpfen, sind sehr reich und zeigen die Lebhaftigkeit der Handelsbeziehungen im 9. und 10. Jh., die vom Norden über Haithabu nach dem Westen liefen. Auf der anderen Seite finden sich viele Funde, die auf den Osten deuten; einmal arabische Münzen, dann aber auch Schmucksachen. Birka ist vielleicht das große Zentrum, von dem aus die Kolonisation in Osteuropa ausging; denn, daß manche Schmuckstücke, die wir in Osteuropa finden, aus Birka stammen, zeigt sehr klar die Gußform für einen Schwertscheiden-Endbeschlag aus Bronze, dessen Typ nur im Osten vorkommt und dessen Herstellung in Birka durch diese Gußform gesichert ist. Birka war das Zentrum für die beginnende Christianisierung Schwedens. Dorthin kam im 9. Jh. Ansgar, und schon vor ihm scheint eine Christengemeinde in Birka bestanden zu haben, denn der Biograph Ansgars, sein Schüler und Nachfolger Rimbert, erzählt, daß eine wohlhabende Frau in Birka ihr ganzes Vermögen der Kirche und den Bedürftigen in Dorestad vermachte: „Weil es hier (in Birka,) wenig Arme gibt“. Diese Notiz ist deswegen so wichtig, weil sie uns zeigt, welche starken Beziehungen persönlicher Art zu dem Westen bestanden haben. Vor dem Ding in Birka wurde auch jene berühmte Rede gehalten, die uns ebenfalls in der Lebensbeschreibung Ansgars erhalten ist. Dort stand einer der Ältesten auf dem Birka Ding bei der Verhandlung darüber, ob man christlich werden sollte, auf und wies die Anwesenden darauf hin, daß die Annahme des Christentums viel praktischen Nutzen mit sich brächte, und daß er deshalb eine Ablehnung der Christianisierungsbestrebungen nicht befürworten möchte. Die Stadt wurde in ihrer Bedeutung zurückgedrängt durch Sigtuna, das im 11. und 12. Jh. den Mittelpunkt des schwedischen Handels bildete, und an dessen Stelle trat wieder mit dem Aufkommen der deutschen Herrschaft am Ostseebecken Stockholm. Wir erleben hier denselben Vorgang, den wir bei Haithabu in der Ablösung der alten Stadt im Halbkreiswall durch das spätere Schleswig und die Übernahme der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung durch Lübeck kennen.

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Ansicht von Haithabu. Nach den Grabungsergebnissen maßstäblich rekonstruiert.
(Nach K. Schietzel 1992)

Den nordgermanischen Kreis der Wikingerzeit umgrenzen sehr viele Funde, von denen hier noch die in den weiteren Kolonisationsgebieten im Osten gefundenen kurz besprochen werden sollen. Um die Mitte des 9. Jh. dringt ein starkes, schwedisches Element in die russische Tiefebene vor und schafft hier dem Slawentum die erste staatliche Organisation. Es ist die Gründung des russischen Reiches durch schwedische Wikinger, und diese politische Tat läßt sich aus den Bodenfunden ausgezeichnet ablesen. Überall an den großen Handelswegen, die durch die großen russischen Ströme angegeben sind, finden sich zahlreiche Gräberfelder, die einen sehr starken skandinavischen Einfluß zeigen. Es sind die Gräberfelder der Russen, wie in den alten Quellen die skandinavischen Wikinger nach einem Landschaftsnamen in Schweden genannt werden. Um das Ladogasee-Gebiet herum entsteht in jener Zeit eine große Anzahl von Siedlungen, die eine starke bäuerliche Kolonisation und nicht nur eine kaufmännische und wirtschaftspolitische Besetzung des Landes andeuten. Dem entsprechen die vielen wikingischen Ortsnamen, die gerade an den großen russischen Stromsystemen und dem Gebiet um den Ladogasee herum auftreten und die uns zeigen, daß wir es hier mit einer ganz bewußten nordgermanischen Kolonisation zu tun haben. Es ist die große Zeit schwedischer Expansionspolitik in den Ostraum hinein. In Staraja Ladoga sind schon vor dem Kriege die Reste der Wikinger-Ansiedlung ausgegraben worden, und überall aus den Gebieten, in denen Wikinger saßen, und namentlich von den Stellen, die große Mittelpunkte bildeten, wie Nowgorod oder Kiew, besitzen wir eine Reihe von prachtvollen Wikingerfunden. Selbst die Runensteine, die sonst ausschließlich an den nordischen Kreis gebunden sind, treten dort weiter nach Süden hin auf, wie es der Runenstein von Berezanj am Schwarzen Meer zeigt. Hier im Osten bildet sich in Kiew ein wichtiger Stützpunkt wikingischer Herrschaft. Das wirtschaftliche und politische Zentrum des russischen Reiches lag hier und der Ausgangspunkt für die meisten Unternehmungen nach dem Süden. Wir befinden uns in der Zeit, in der die Wikinger vier- oder fünfmal nach Konstantinopel zogen, um die Stadt zu erobern. Es ist eine Epoche, in der starke Handelsbeziehungen zwischen Kiew und Byzanz bestanden, die uns z.T. überliefert sind in Handelsverträgen zwischen dem oströmischen Kaiser und dem wikingischen Großfürsten von Kiew und uns einen sehr interessanten Einblick in das wirtschaftliche Leben jener Zeit gewähren.

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Wir erkennen aus diesen Verträgen, daß im Sommer jeden Jahres die Wikinger vor Byzanz erschienen und dort mehrere Monate lagen und vom oströmischen Staat verpflegt wurden. Sie hatten ihr Lager vor der großen Landmauer von Konstantinopel und trieben dort Handel. Diese Berichte zeigen, wie außerordentlich lebhaft die Beziehungen dorthin waren. Darüber hinaus gehen die Bestrebungen der wikingischen Herrscher nach Bulgarien, wie uns der kühne Zug des Swjatoslaw, eines Wikingers, der in Kiew allerdings einen slawischen Namen erhalten hatte, bezeugt. Und wenn die Unternehmen, das nichts weniger beabsichtigte, als dem Byzantinischen Reich dieses Gebiet abzunehmen, auch keinen dauernden Erfolg hatte, so zeigt es uns doch das südrussische Reich der Wikinger nicht als ein kraftloses Staatengebilde mit ausschließlich wirtschaftlichen Funktionen, sondern als ein machtvolles politisches Zentrum mit einer starken Aktionsfähigkeit, denn von hier aus gingen namentlich im ausgehenden 9. Jh. die Züge in das Reich der Chasaren zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspi-See und darüber hinaus die Fahrten nach Bagdad und Basra, über die uns arabische Quellen berichten. Für die Beziehungen nach dem Osten ist auch der an anderer Stelle wiedergegebene Bericht über die Bestattung eines Wikinger-Häuptlings in Bolgar an der Wolga ein wichtiger Beleg. Nach Nordosten zu gingen die Fahrten ins weiße Meer und zum Land Biarmia, in dem die norwegischen Wikinger Tribut in Gestalt von Tierfellen erhoben, das sie also zu ihrer Machtsphäre rechneten. Auch im westlichen Europa hat die wikingische Herrschaft ihre Spuren hinterlassen. Es ist nicht nur der Teppich von Bayeux, der an ihre Anwesenheit erinnert, sondern wir haben mannigfache andere Funde, wenn auch große Fundkomplexe, wie sie etwa das Oseberg-Grab oder die Funde aus Birka darstellen, dorther nicht vorliegen. Aus einem wikingischen Zentrum auf der Insel Man stammen viele Runensteine mit einer reichen Ornamentik, die uns dieses Kapitel wikingischer Kunstgeschichte sehr gut beleuchtet. Die Grabfunde aus dem Danelag, dem Gebiet um York, das in der zweiten Hälfte des 9. Jh. in die Hände der Wikinger kam, zeigen uns die Anwesenheit der Nordleute in diesem Raum. In Island haben wir die fast einmalige Möglichkeit, mit den Gestalten, die wir aus der Sagawelt kennen, die Befunde im Boden zu verbinden, denn die Stellen, an denen ein Egil lebte oder der Hof, auf dem Njal und seine Frau Bergthora heldenmütig ihren Tod fanden, sind dort im Bewußtsein des Volkes überliefert und z.T. untersucht. Es ist eine ganz einmalige Möglichkeit, die Befunde des Spatens im Boden zu beleben mit Gestalten, die uns im Schrifttum jener Gegend lebensnah vor Augen treten. Auch auf Grönland, das wir ja aus den Sagas ebenfalls kennen, und das nicht nur eine ganz abgeschiedene Rolle gespielt hat, sondern in dem eine der nordischen Fassungen des Nibelungenliedes entstanden ist, sind die Spuren der Wikinger durch die neuen dänischen Ausgrabungen ans Tageslicht gekommen und gestatten uns, ähnlich wie auf Island, die Verbindung zwischen den Menschen der Grönländischen Sagas und den Funden im Boden herzustellen. Selbst aus Amerika gibt es manche Funde, die man mit den Wikingern zusammenbringen möchte, und die vielleicht die Zeugen jener Fahrten nach dem Westen sind, die um das Jahr 1000 zur Entdeckung Amerikas führten. Auch auf Sizilien hat die wikingische Staatsgründung des beginnenden 11. Jh. ihren Niederschlag in einem bestimmten Baustil gefunden, der seinerseits manche anderen Gebiete beeinflußte. So hat diese große nordische Expansion, die um 800 einsetzte und den beiden darauffolgenden Jahrhunderten ihren Stempel aufdrückte, einen reichen Widerhall in der materiellen Kultur Europas gefunden. Aber weiter darüber hinaus geht die Beeinflussung auf geistigem Gebiet und die politische Bedeutung jener beiden Jahrhunderte, die ja bis in die Gegenwart hinein nachwirkt. Es ist die letzte, große, germanische Völkerwanderung aus der Vorzeit, eine Bewegung, deren Wesen wir aus mancher literarischen Nachricht kennen und die uns den Schlüssel für ein Verständnis der vorgeschichtlichen Wanderzüge gibt, denn diese werden wir uns nicht sehr viel anders zu denken haben. Über die Gründe, die zu diesem plötzlichen Aufleben des Wikinger-Geistes im Norden führen, sind viele Vermutungen aufgestellt worden. Man hat es einerseits zusammengebracht mit der beginnenden Übervölkerung im Norden, und sicherlich ist das in manchen Gebieten eines der leitenden Motive für die große Ausbreitung der Nordgermanen in jener Zeit geworden, denn die Knappheit des Siedlungsbodens kennen wir nicht nur aus einer allmählichen Ausbreitung der Siedlung in die bisher unbebauten Gebiete, wie sie sich aus großen Fundkarten in Norwegen deutlich ablesen läßt, sondern wir haben in der Gutasaga auch einen schriftlichen Beleg für eine solche durch die Landnot diktierte Auswanderung aus Gotland zu Beginn der Wikingerzeit oder etwas davor. Aber sicher waren es nicht nur diese Gründe, die zu dem starken Einsetzen einer Ausdehnung geführt haben, sondern auch ideelle Gründe sind dafür maßgebend gewesen. Eine der größten Leistungen jener Zeit war die vollständige Besiedlung Islands, die zwischen 874 und 930, also in einem halben Jahrhundert, durchgeführt wurde, und für diese Leistungen kennen wir die Triebfeder recht gut. Es ist der unbeugsame Freiheitsdrang der norwegischen Großbauern. Norwegen war damals durch Harald Schönhaar, den Enkel der in Oseberg bestatteten Königin, geeint worden. Diese Einigung war nur möglich durch die Beugung der großen, bis dahin vollkommen selbständigen Bauerngeschlechter. Während ein Teil sich dem neuen Herrscher unterwarf, zogen andere es vor, ihre alten, durch Generationen ererbten, Besitzungen aufzugeben, und nach Island auszuwandern, in ein Gebiet, dessen landschaftliche und klimatische Bedingungen nicht so günstig waren, wie die des Mutterlandes. Diese Maßnahme also, die keinen ausgesprochen praktischen Sinn hatte, kann nur zurückgeführt werden auf den großen Freiheitsdrang, der die Germanen jener Zeit auszeichnete.

hagia-sophia-istambul
Ein Blick in die Hagia-Sophia in Istambul. Auf der Galerie kratzte
ein Wikinger seinen Namen ein. Die Runen sind auf der Balustrade
im Vordergrund zu sehen.

Aus: Herbert Jankuhn, Haithabu. Eine germanische Stadt der Frühzeit, Neumünster 1938

egänzend:  Der frühe Norden

Die Christianisierung Nordgermaniens

nordland Die römische Germanen Mission schließt mit der Christianisierung Norwegens und Alt Islands ab. Aber dieses Einzelereignis ist in seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung nur zu verstehen, wenn wir eine Ahnung haben von den großen Ideen, die hinter allem Geschehen am Werke sind; ohne sie hängt ein Teilereignis der Geschichte einfach in der Luft.

Was wir als Geschichte vorgesetzt bekommen, ist ja meist nur vordergründiges Geschehen. Die kleinen Regisseure der papierenen Weltgeschichte sind immer nur emsig bemüht, den Ablauf der geschichtlichen Ereignisse bis ins allzu Menschliche hinein so ausführlich wie möglich nachzumalen. Sie schildern die Geschehnisse um dieser selbst willen, reihen sie aneinander auf wie Perlen auf einer Schnur, wobei aber die Schnur nicht den bekannten roten Faden bildet, der alles Geschehen in eine innere Beziehung zueinander bringt. Diese Schnur hat hier nur chronologische Bedeutung, um wenigstens eine gewisse Ordnung in das scheinbare Chaos der Menschengeschichte zu bringen. Der echte Historiker dagegen sieht immer die wirkenden Kräfte, die gestaltenden Ideen hinter den unzähligen, sinnverwirrenden Ereignissen auf der Bühne des geschichtlichen Lebens. Dort erst entwirrt sich das Knäuel und offenbart uns in großen, abereinfachen Umrissen das ernste Krä ftespiel rasse- und raumgebundener Ideen. So kamen wir zu einer heroischen Geschichtsauffassung, neben der die ästhetischen, idealisierenden, patriotischen und sentimentalen Geschichtsauffassungen nicht bestehen können, die aus nur Vordergrü ndigen Geschichtserlebnissen gewonnen sind, Wie die Menschen Geschichte auffassen, so fassen sie das Leben auf.

Mit der heroischen Lebensauffassung und Geschichtsanschauung betreten wir heimischen, heidnischen Boden, denn das altgermanische Epos verrät uns eine gleiche seelische Haltung unserer vorchristlichen Ahnen. Wir lernen heute wieder die reinere, kühlere Luft des Nordens atmen. Wer aber die Behaglichkeit liebt und das kleine Glück sucht, bleibe im Süden.

Alles geschichtliche Geschehen lässt sich für den nordischen Betrachter und Erlebenden auf den uralten Gegensatz Norden Süden zurückführen. Norden und Süden sind nur zwei gleichnishafte und symbolische Begriffe für zwei gewaltige Geistesmächte, die in der menschlichen Geschichte wirksam geworden sind. Auf der Plattform des jüngeren Geschehens begegnen sie uns als Germanentum im Norden und als Christentum im Süden. (Hier wird Germanentum als eine geistige Idee aufgefasst, die allerdings an ein ihr entsprechendes Menschentum gebunden ist.) Wir haben bis in die späte Geschichte hinein die Tatsache einer ungeheuren Expansion des nordischen Geistes und Blutes anzuerkennen. Überall stoßen wir auf die Spuren derselben: bei allen vorderasiatischen Kulturen, in Indien, Persien und Ägypten, vielleicht sogar in Mittel und Südamerika und Ostasien; vor allem aber in den Kernländern der Antike, in Griechenland und Rom. Wo der Ausgangspunkt dieser Ausdehnung zu suchen ist, wissen wir noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. In historisch klar fassbarer Zeit ist jedenfalls die Nordmeerlandschaft das Kraftfeld der nordischen Rasse, also die Küstenlandschaften um die Nord und die Ostsee herum.

Dieses berauschende Bild von den nordischen Erdballstürmern darf uns aber nicht die dunkle Kehrseite dieser glänzenden Erscheinung übersehen lassen. Vergessen wir nie: überall in der artfremden Landschaft saß die nordische Rasse nicht als Volkstum, sondern nur als Herrenschicht und verfiel als solche unter fremden Zonen und unter fremden Volkstümern. Eine Rasse ist nicht nur an ihr Blut gebunden, sie ist genau so stark dem Raum verhaftet, in dem sie zur Rasse geworden ist. Eine Rasse hat einen natürlichen Standort, den sie nicht ungestraft verlässt. Der südliche Raum hat andere Gesetze als der des Nordens. Dort scheint dem nordischen Menschen eine feindliche Sonne, dort ist der Wind Giftträger für ihn, und der Boden beraubt ihn seiner Kraft oder zwingt ihm die eigenen Gesetze auf, d.h. er muss sein Blut mit den Kindern dieser fremden Erde mischen, wenn er nicht dem Siechtum und Verderben anheim fallen will:

Die fremden Eroberer kommen und gehen
Wir gehorchen, aber wir bleiben bestehen.

So lässt Schiller in seiner „Braut von Messina“den Chorsprechen, der das von einem nordischen Herrengeschlecht unterworfene Volk darstellt.

Aus Naturnotwendigkeit musste eines Tages das Verströmen der überschießenden Kräfte des Nordens nachlassen; der Süden aber, durch die Beimischung nordischen Geistes und Blutes aus seiner natürlichen Trägheit aufgerüttelt, zum Gegenschlag ausholen. Und dieser ist auch nicht ausgeblieben. Im Verein mit dem Klima und einer langsamen, aber desto sicherer sich durchsetzenden Rassenmischung haben Aufstände der unterworfenen Bevölkerung und häufige Kriege die IndogermanenvöIker nach und nach vernichtet und das nordische Erbe aufgezehrt. Der Durchbruch südlicher Sitten und Gottesvorstellungen verschüttete die Erbinstinkte. Auch in den antiken Ländern war bereits alles nordische Denken und Blut zersetzt, als das Christentum in Erscheinung trat und das Chaos vollendete, in das dann die letzten heidnischen Germanenstürme hineinbrandeten. Wir machen uns selten klar, welche Folgen dieser germanische Einbruch in das mittelalterliche Völkerchaos hatte. Die sogenannten germanischen Barbaren haben nämlich gerade das Umgekehrte dessen verbrochen,. was ihnen die Voreingenommenheit und Denkfaulheit zuspricht: sie retteten in diesem Untergang, was noch zu retten war; nicht zuletzt das Christentum. Hauston Chamberlain hat wohl recht, wenn er in seinen ,,Grundlagen des 19. Jahrhunderts“die Meinung äußert, daß es viel besser gewesen wäre, die Goten, Vandalen usw. hätten sich mal in diesem Falle ausnahmsweise barbarisch aufgeführt und alles kurz und klein geschlagen, um dem Gift des mittelmeerischen Völkerchaos die Möglichkeit, weiterhin gesundes Leben zu verderben, endgültig zu nehmen. Es wäre dann wohl nie ein Bonifazius über den Rhein gekommen und keine päpstlichen Machtansprüche hätten deutsche Kaiser zu einer unglückseligen Italienpolitik gezwungen. Aber in ihrer erhaltenden, aufbauenden Wirkung haben sie dem den Norden bedrohenden Geist des Südens die Basis für eine kräftige Erholung geschaffen. In ihrer ganzen Unbekümmertheit haben die Völkerwanderungsgermanen dem Papsttum indirekt in den Sattel geholfen. Mit diesem Papsttum wurde dann das Christentum zu der politischen und geistigen Waffe des Südens.

Sie ist mit viel Berechnung und Klugheit geführt worden und sollte dem Norden zu einem bitterbösen Verhängnis werden. Das Werk der Christianisierung der Germanen konnte jetzt beginnen. Es war ein blutiges Werk, es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte des historischen Christentums. Um jeden Menschen, um jeden Quadratmeter Boden wurde erbittert gerungen. Der Norden unterlag nicht der Tapferkeit des Südens, sondern dessen Schlauheit und Berechnung, den so ganz anderen, von ihm unverstandenen und als ehrlos empfundenen Waffen. Verrat und Verleumdung, entwurzelte Germanen traten als mä chtige Helfer der römischen Bekehrer auf. Nur diesem geschickten und rücksichtslosen Kesseltreiben verdankt Rom seinen ,,Sieg“, der mit der Zurückdrängung der letzten Heiden bis an den Rand des ewigen Eises, bis nach Island und Grönland, endete.

Über dem ganzen Missionsdrama liegt ein ungeheurer Weihrauchdunst, der das wahre Bild verdeckt, Die bisherige Geschichte der Missionierung Germaniens ist in den meisten Fällen eine bewusste Verschleierung der Tatsachen, um nicht gerade zu sagen, eine bewusste Lüge.

Wir machen heute die Beobachtung, daß die römische Germanenmission von protestantischen Theologen und Laien gedeckt wird. Man wird hier an ein böses Wort Paul de Lagardes erinnert, das dem Sinn nach ungefähr folgendermaßen lautet: Der Protestantismus ist Katholizismus minus den Papst. In der periodischen Zeitschrift ,,Berliner Stadtmission“, Heft 12, 1932, ist zu lesen: ,,Es entzieht sich unserer Berechnung, in welchem Maße die Erdbeben und Zeichen am Himmel durch die sittliche Verderbnis der Menschen bedingt sind. Wenn Gott mit Gericht über die Erde geht, trieft sie von Blut, es muss ein schauerliches Morgengrauensein, das den wiederkommenden Jesus begleitet“. Mit solcher Gesinnung muss man ja die ,, schauerlichen“ Begleiterscheinungen bei der Zwangsbekehrung der Heiden ganz in Ordnung finden. Es ist der Geist Jahves gewesen, der bei der blutigen Taufe der Germanen Pate gestanden hat, der gleiche Gott, der den Propheten Samuel zu dem König Saul sagen ließ. als dieser gegen die Amalekiter zu Felde zog: ,,So ziehe nun hin und schlage die Amalekiter und verbanne sie mit allem, was sie haben. Schone ihrer nicht; sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel“ (1. Sam. 15). Wie die Forschungen ergeben haben, haben wir es bei den kanaanitischen Völkern, also den Amalekitern, Amoritern usw. mit Völkern stark nordischen Einschlages zu tun!

Vor 1945 waren viele Heiden erstaunt, wie empfindlich die protestantische Priesterschaft auf den Angriff gegen das Alte Testament reagierte. Das hatte seine sehr verständlichen Gründe, denn ohne das Alte Testament ist die christliche Kirche und Priesterreligion nicht mehr lebensfähig. Der protestantische Theologe Vuikmar Hentrich hat vollkommen recht, wenn er in seinem Buch ,,Völkische Religiosität und Altes Testament“schreibt: ,,Der Kampf gegen das Alte Testament ist keine Bagatelle, sondern Entscheidungskampf“. Das Alte Testament ist vor allem die Grundlage für den christlichen Universalismus und mithin auch für die ,, Heiden“mission. Der Altmeister der evangelischen Missionswissenschaft, Prof. Gustav Warneck, bekennt: ,,Jehova ist von Anfang an der Gott des Himmels und der Erde und der abrahamitische Segen von Anfang an auch für die Volker bestimmt“, und, ,,ist Jehova als der Schöpfer der Herr und Richter der ganzen Welt, so musste auch der Gedanke einbürgern, daß die ganze Erde für ihn in Anspruch genommen werden müsse“. Im Alten Testament liegt der Weltherrschaftsgedanke offen zu Tage. Der Imperialismus und Internationalismus Jehovas ist die Voraussetzung aller späteren Imperialismen und Internationalismen.

Vor allem sind die gewaltsamen und sonstigen zweifelhaften Bekehrungsmethoden, die besonders Germanen zu erleiden hatten, ohne den Geist des Alten Testaments einfach undenkbar. Ohne Gewalt wäre Germanien nie christlich geworden; das Verständnis für diesen Glauben fehlt bis heute. Pastor Wehrmann klagt in seiner Schrift ,,Die Gemeinde das Herz der Völker“über die Unkirchlichkeit des deutschen Nordens, daß das Evangelium dort immer noch etwas Fremdes, Nicht begriffenes sei. Christus wird trotz katholischer Aktion, trotz protestantischer volksmissonarischer Tätigkeit ewig ein nie ganz begriffener Fremder im Norden bleiben. Das liegt nicht an der Verstocktheit und Sündenverstrickung des nordischen Menschen, sondern an seinem Wesen.

Die Christianisierung des Nordens beruht auf der Anwendung von Gewalt, die oft mit der Scheußlichkeit an sich identisch war. Auf Gewalt konnte also Rom beider Christianisierung des Nordens gar nicht verzichten, wollte es seine Ziele erreichen. Diese Gewaltanwendung bestätigen sogar katholische Priester. Wohl am offenherzigsten und dreistesten war der katholische Missionar Erlemann, der bei der Begrüßung des Prinzen Heinrich in Kiautschau sagte: ,,Die Erfahrung hat gelehrt, daß immer nur da, wo die weltlichen Gewalten den Glaubensboten ihren starken Arm liehen, ein durchgreifender Schritt zur Christianisierung eines Volkes hat gemacht werden können“. Das war unzweideutig und deutlich gesagt. Ein anderer katholischer Priester schreibt über die gewalttätige Germanenmission. sie bedauernd: ,,Und der Heiland führt uns in das alte Sachsen; führt uns in das Ur-Preußenland. Sachsen, das durch Kampf und Schwert und Mord und Brand und Gewalt christlich gemacht worden ist. Preußen, das mehr durch geistliche Ritter als ritterliche Geistliche christianisiert worden ist; beide Länder, die erst gründlich vom alten Glauben und dann noch gründlicher von allem Gauben abgefallen sind weil Senfkörnlein und Sauerteig das Christentum dort nicht eingeführt“. Aber ohne Gewaltanwendung wären diese Länder, wie alle nordischen Länder überhaupt, niemals in ihrer Gesamtheit christlich geworden. Das wusste man in Rom und weiß es noch heute!

Das nordischgermanische Beispiel der Christianisierung, ihre Methoden und Wirkungen haben uns die isländischen Sagas treulich überliefert. Sie bestätigen uns vollauf, was wir aus dem sü dlichen Germanien wissen: Gewalt und Sittenverderbnis. Rom und seine Bekehrer werden durch die Sagas schwer belastet. Sie bilden eine einzig große Anklage gegen die sittenzerstörende Wirkung der römischen Germanenmission, obwohl sie denkbar neutral und tendenzlos geschrieben sind; gerade deshalb sind sie das beste Beweismittel für die Tatsache eines germanischen Sittenwandels in abwärtsweisendem Sinne als Folge eines erzwungenen Glaubenswandels.

Der Christianisierung Norwegens voran ging die Zerschlagung des heidnischen Freistaates durch den ersten Norwegerkönig Harald Schönhaar. Bereits das war eine Fernwirkung des von der Kirche so hoch gefeierten Sachsenschlächters Karl von Franken. Sein Nachfolger Hakon der Gute versuchte es dann mit der Christianisierung der Norweger ,,im Guten“. König Hakon hatte schon von Kind an bei König Athelstan in England eine christliche Erziehung genossen. Er meinte es mit seinem Christentum ernst. Viele von der ihn umgebenen Gefolgschaft nahmen das Christentum aus Freundschaft zu dem Könige an, eine Erscheinung, die im ganzen Norden zu finden ist. Aber die Bauern trotzten seinen Bemühungen. Die edle Gesinnung des Königs verhinderte ein gewaltsames Vorgehen, und so ging noch einmal alles gut. Aber gerade dieser Misserfolg König Hakons zeigt mit aller Deutlichkeit, daß ohne Gewalt das Volk als Ganzes nicht für die Lehre aus dem Süden zu gewinnen war. Nach seinem Tode in der Schlacht bei Fitje trauerten Feind und Freund. Den Bauern hatte er ihren von Harald Schönhaar geraubten Besitz wieder zurück gegeben und die germanische Glaubensfreiheit unangetastet gelassen, Das war unter dem nächsten König gründlich vorbei. Olaf Tryggvason gehört in die vorderste Reihe der rücksichtslosesten Bekehrer. Wie sein Bekehrungszug vor sich ging, soll uns Snorris Königsbuchselbst erzählen:

Von den südlichen Gauen Norwegens ging dieser seltsamschaurige Zug nordwärts. ,,Der König“, so berichtet das Königsbuch, ,,zog in den Norden von Vik und forderte alle Mannen auf, Christen zu werden, über die aber, die Widersprachen, verhängte er harte Strafen. Einige ließ er töten, andere verstümmeln, noch andere jagte er fort außer Landes.“Aus Hardanger heißt es: ,,Der König zog nordwä rts nach Agde, und wo er ein Thing mit den Bauern abhielt, verlangte er von allen Mannen, daß sie sich taufen ließen. Überall wurde das Volk christlich, denn nirgends wagten die Bauern einen Aufstand gegen den König“. Auf einem Thing der vier Gaue Sogn, Fjordgau, Südmöre und Romsdalen zwingt auch nur das große Heer des Königs und die mangelhafte Bewaffnung der Bauern diese zum Nachgeben. „Am Ende der Rede stellte der König die Bauern vor die Wahl, entweder das Christentum annehmen und sich taufen zu lassen oder andernfalls sich zum Kampf gegen ihn bereit zu halten.“Bei den Drontheimer Bauern verliefen aber die Dinge nicht so glatt, da sie durch die bisherigen Vorfälle gewarnt waren und in voller Waffenrüstung auf dem Thing erschienen. Erst als der König durch eine List den Anführer der Bauern von den Seinigen abzutrennen wusste und ihn umbringen ließ, ergaben sich die führerlos gewordenen Bauern. So sieht in dem Nüchternen Bericht Snorris die ,,friedliche“ Bekehrung der Norweger aus. Mit der Bekehrung der Germanen feierte auch oft die Grausamkeit ihre besonderen Triumphe. Das war in Norwegen nicht anders als in Deutschland. Wie die Opfer der Inquisition ,,Hexen“ waren, so waren die hingerichteten Heiden im Norden natürlich immer,,Zauberer“, die Leben und Gesundheit der braven Christenmenschen bedrohten. So war auch Eyvind Quelle, der sich der Bekehrung widersetzte, ein solcher ,,Zauberer“. Er hatte das Pech, zum zweiten Male dem König in die Hände zu fallen, nachdem er bei einem Mordbrand gegen ihn noch mal entwischt war. letzt lieg ihn der König mit sämtlichen seiner Begleiter auf eine Schäre bringen, die bei Flut unter Wasser stand. Festgebunden, mussten sie so den langsamen Wassertod erleiden. Ü berhaupt, im Aussinnen von Strafen waren die Bekehrer, die Sendboten des Heilands, unübertrefflich. Wie angesichts solcher Tatsachen noch ein Mitarbeiter an der Herausgabe der Sammlung ,,Thule“ (Walter Baetke)behaupten kann: ,,Es ist ja Geschichtliche Tatsache und lässt sich durch keinen noch so gehässigen Ausfall gegen das , Verbrechen der Christianisierung‘ aus der Welt schaffen, dass sich die Bekehrung der Germanen im allgemeinen freiwilligvollzogen hat; das gilt nicht nur für die Südgermanen, sondern auch für den germanischen Norden“, ist einfach unverständlich. Kann Voreingenommenheit einen Menschen so blind machen? Frühkindliche Prä gung dürfte am ehesten Erklärung für diese Verdrängung unangenehmer Wahrheiten sein.

Wie Olaf Tryggvason die Christianisierung des Nordens begonnen hatte, so vollendete sie Olaf der Heilige. Wo die Kirche einen germanischen König in den Heiligenstand erhebt, da war dessen Leben alles andere als für den Norden heilbringend. Diese Vermutung wird auch bei dem heiligen Olaf vollauf durch das Königsbuch des Snorri bestätigt. Über seine verdienstvolle Tätigkeit für die Kirche lesen wir dort: ,,Der König forschte genau nach der Art, wie sie den Christenglauben hielten. Wo er aber die Ansicht gewann, daß sie ihn noch nicht richtig übten, da lehrte er sie den richtigen Glauben. Waren aber welche, die vom Heidentum nicht lassen wollten, dann belegte er sie mitschweren Strafen. Er trieb einige außer Landes, andere ließ er an Händen und Füßen verstümmeln oder ihnen die Augen ausstechen, wieder andere ließ er hängen oder niederhauen. Keinen aber ließ er ungestraft gehen, der nicht an Gott glauben wollte. “ . . . ,,So durchzog er alle Gaue. “ . . , ,,Er verfuhr dabei immer in gleicher Weise und brachte alles Volk zum richtigen Glauben und verhängte schwere Strafen über die, die auf seine Worte nicht hören wollten.“Wahrhaftig, ein rechterschaffener Diener Jehovas und seiner Kirche. Er hatte erreicht, was der Wunsch und das Gebet der Kirche war, wenn die Saga folgendes abschließendes Urteil über diesen allerchristlichen König des germanischen Nordens fällt: ,,So wenig blieb unter ihm den Mannen die Freiheit des eigenen Handelns, daß nicht einmal ein jeder an die Götter glauben durfte, die er wollte.“Was dem Norden etwas völlig Unverständliches war, galt im Süden als das Selbstverständlichste.

olaf_tryggvason Wie Norwegens Christianisierung ein klassisches Zeugnis für den gewalttätigen, oft grausamen Charakter derselben ist, so ist Altisland das treffliche Beispiel für den Sittenverfall nach der Bekehrung. Um die Jahrtausendwende wird Island unter dem Druck der Drohungen des norwegischen Königs durch All-Things- Beschluss ,,christlich“. Aus derselben Zeit erzählt Ranke in seiner Weltgeschichte die fürchterlichsten Dinge über die sittliche Verwahrlosung in der ewigen Stadt. Klerus und Laientum sind in der ganzen abendländischen Christenheit schon so verwildert, daß man zu jener Zeit allgemein den Glauben an einen bevorstehenden Weltuntergang findet. In diesen Strudel der sittlichen Verwilderung sollte nun auch Island geraten und das heidnische Heldenzeitalter rasch beenden. Langsam vollzog sich dieser Prozess denn der Thingbeschluss war ein Kompromiss, das den christlichen Anhängern ein öffentliches Betätigungsrecht gab, dem Heidentum ein heimliches zugestand, und einen selbstherrlichen König gab es in dem Freistaat nicht. Dadurch und durch die Eigengesetzlichkeit eines gut fundierten Staatswesens und einer uralten bewä hrten Sitte waren Island nach der ,,Bekehrung“ noch zwei Jahrhunderte verhältnismä ßig friedlicher und glücklicher Zeiten beschert. Dann aber ging es sturzartig bergab. In der heimlichen und unwahrhaftigen Atmosphäre, die nach der Annahme des Kompromisses mit dem Christentum herrschte, gedieh der Mensch aus einem Guss mit seiner Leib Seele Einheit, wovon Islands Heldenzeitalter uns so wundervolle Beispiele als letzten Gruß des gemordeten und geschändeten Heidentums bietet, immer schlechter. Diese Gattung starb aus.

Die Menschen auf Island waren jetzt vor eine neue Aufgabe gestellt. Sie sollten eine fremde Lehre, eine fremde Sitte mit ihrer eingeborenen Art vereinbaren. Das war ein Ding der Unmöglichkeit, und so verloren diese Menschen nicht nur den alten Glauben und das alte Sittengefühl, sondern jeglichen Glauben und jegliches Sittengefühl. Der Wurm nagte unaufhaltsam an dem Gebälk, die Schlusskatastrophe war nur eine Frage der Zeit. Sie kam mit dem kraftvollen , aber sittlich entwurzelten, der Glaubensheimat verlustig gegangenen Sturlungengeschlecht. Der Bürgerkrieg in seiner schlimmsten Form war da und stieß die einst blühende Insel für Jahrhunderte ins Elend und in die völlige Bedeutungslosigkeit. Die Ironie des Schicksals wollte, daß der schon erwähnte Walter Baetke die Herausgabe und Übersetzung desjenigen Thulebandes vornehmen sollte, der den Untergang Islands zum Gegenstand der Schilderung hat. Unter dem Eindruck des Studiums dieser erschü tternden Katastrophe eines hochstehenden Staatswesens und Volkstums findet Baetke in der Einleitung zur Sturlungengeschichte nachstehende Worte:

,,In der Geschichte der Sturlungenzeit treten Züge von berechnender und kaltblütiger Grausamkeit in abstoßender Weise hervor.“
,,Die alte Zeit kennt nur das Vig, den Totschlag des Gegners im Kampf oder Überfall, Jetzt verläuft kaum ein Fehdezug ohne das langsame Nachspiel der Hinschlachtung der gefangenen Feinde; die Rache, früher ein heroisches Mittel zur Wiederherstellung der Mannes- oder Sippenehre, wird jetzt langsam im Blut des Gegners gekühlt . Auch die Verstümmelung, besonders das Abhauen von Händen und Füßen, ist eine beliebte Form der Rache und beweist ebenso wie die häufigen Raubzüge und Brandschatzungen den Niedergang der alten Kriegerethik.“
,,In den Beziehungen der Geschlechter herrscht eine Zü gellosigkeit, die nach der vorbildlichen Zucht und Sittenreinheit, die uns die Sagas zeigen (aus der heidnischen Zeit), fast unbegreiflich erscheinen.“
,,Die Achtung vor der Ehe, die in der heidnischen Zeit kaum einmal verletzt wird, ist völlig geschwunden. Das Konkubinat herrscht unter Laien und Geistlichen. “
,,Auch die Geistlichkeit macht, wie eben angedeutet, von dieser Allgemeinen Verkommenheit keine Ausnahme; ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran und trägt an der allgemeinen Verwilderung ein gerütteltes Maß von Schuld.“Und nun noch ein weiteres sehr wertvolles Geständnis desselben Mannes, der das Märchen von der friedlichen Germanenmission verteidigt und an das Vorbestimmtsein der Germanen für das Christentum als einen weisen Ratschluss Gottes glaubt. Baetke bekennt: ,,Das Christentum hat eine innere Wandlung in der Denk und Gefü hlsweise der Menschen nicht hervorrufen können, aber es hat die alte Moral zerrüttet und so eine sittliche Depression geschaffen, die sich zerstö rend auswirken musste.“Mehr sagen auch wir nicht, aber wir ziehen die Folgerungen aus solcher Erkenntnis. Das aber ist in den Augen der Priester aller Konfessionen das ,,Verbrechen“ der nordischen Bewegung.

island_2_s Islands Freistaat ging am Geist des Südens zugrunde. ,,Das Christentum, dieser Balsam für Orient und Altertum, aus dem es entstanden, dieses Gift für den Norden, in den es jetzt aber wucherte, zerstörte uns den eigenen Glauben und damit die eigene religiöse Uranlage“,schieb einmal Moeller van den Bruck. Zwischen dem Geist des Nordens und dem des Christentums, ganz gleich, ob es sich um die Idee des letzteren handelt oder der politisch-konfessionellen Gestaltwerdung ist keine Synthese möglich. Das lehrt um das traurige Schicksal Islands, wo die Christianisierung noch am gewaltloseste vor sich ging, Hell, strahlend steht der junge Freistaat und sein Menschentum am Rande der Kultur da; Nacht und Verzweiflung umgibt das Ende dieser letzten heidnisch- germanischen Kulturschöpfung: Ja, dem Untergang fehlt selbst der versöhnende Abschluß; es ist kein letzter Triumph der Ehre wie beim Untergang der Goten oder Sachsen. Zwischen diesem Aufgang und Untergang Islands aber steht die Mission.

Die Sendboten aus dem Süden wirkten nur zerstörend und auflösend. Und waren die Bekehrer nordischen Blutes, war die Wirkung um so verderblicher, denn sie dienten einem Geist, den sie nie begreifen konnten. In ihrer inneren Verzweiflung, in dem dumpfen Gefühl eines Verrates an ihrer eigenen von Gott geschenkten Natur, haben sie oft am schlimmsten gewütet gegen alles, was nach Heidentum und Ketzerei aussah. Die nordischen ,,Christen“ mussten letzten Endes deshalb alles Heidnische auszurotten trachten, um einen stummen, aber eindringlichen Ankläger aus der Welt zu schaffen. Ihr Geschick und ihre unseligen Taten sollen uns eindringlich mahnen, endlich den Priesterirrsinn aus dem Norden zu verbannen und einsehen zu lernen, daß Sitte und Glauben niemals importiert werden können. Die nordische Rasse ist verloren, wenn sie nicht bald erkennt, dass auch die Quellen des Gotterlebens und des sittlichen Lebenswandels nur heilbringend im Norden fließen und dieselben sind, aus denen unsere heidnischen Vorfahren schöpften.

Wir wollen keine Heiden aus Vorzeitschwärmerei sein, sondern aus der klaren Erkenntnis, daß wir nur mit dem heidnischen Erbe die Kraft gewinnen, die kommenden ,,Jahre der Entscheidung“ (Oswald Spengler)zu bestehen, und aus Liebe und Dankbarkeit zu unserer nordischen Heimat, der wir allein alles verdanken, was groß und ewig ist in der Geschichte unseres Volkes.

,,Norden verpflichtet . . . Süden ist Rückfall.
Die Menschen im Aufstieg haben den Zug zum Süden gegen sich.
Aber sie überwinden diesen Zug.
Süden wird Sünde! „
(Moeller van den Bruck)

Atlantis in der Nordsee

Atlantis in der Nordsee Atlantis in der Nordsee zu suchen erscheint für den lediglich mit der Schulgeschichtsdarstellung vertrauten abwegig, ein Paradiesartig beschriebenes Reich mit einer befestigten Hafenstadt, Tempeln, Götterstatuen und niedergeschriebenen Gesetzen direkt vor der eigenen Haustür ? Wer jedoch aufmerksam die teilweise nur in Randmeldungen erwähnten Funde im nördlichen Europa allein der letzten Jahre zur Kenntnis genommen hat, den überrascht diese These auch bei Nicht – Kenntis der arbeiten Jürgen Spanuths, des wohl bekanntesten Verfechters dieser Hypothese, nicht wirklich verwundern. Neben den frühesten Einbäumen weltweit (Pesse / Niederlande , ca. 8000 v.u.Zt.),die für eine frühe Entwicklung der Hochseeschiffahrt sprechen, stammt auch die älteste bildliche Schiffs – Darstellung aus dem Norden, der Insel Soeroeja, westlich von Hammerfest. Diese wird auf eine Entstehungszeit von 5000 v.u.zt. geschätzt und zeigt einen Drachenboot – ähnlichen Typus mit 6 Ruderreihen. (Schmich: Hünen, S. 178). Daneben wurden nachweislich auch Tempel aus der Bronzezeit sowie eine weltweit ihresgleichen suchende Funddichte an bronzezeitlichen Waffen und Geräten in Nordeuropa festgestellt. Die Himmelsscheibe von Nebra, der erweis einer frühen Beschäftigung mit der Astronomie, stellt da lediglich Spitze des Eisberges dar. Zwar handelt es sich bei dem im heutigen Holland gefundenen Tempel lediglich um Reste eines 4 m² großen Holztempels aus der Zeit um 1500 v.u.Zt.( BdW 5 / 2002), doch beweist dieser Fund bereits die lange in Abrede gestellte Existenz von Tempeln. Auch die postulierte Schriftlosigkeit der frühen Germanen geriet im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr ins wanken – die Arbeiten des Amerikaners Barry Fell eröffneten mit der – vermeintlichen ?- Entzifferung von Inschriften neue Horizonte: Danach sollen sich nordische Besucher Amerikas aus der Bronzezeit in einer Tiffinagh Schrift verewigt haben. Dieselbe Tiffinagh Schrift läßt sich auch in schwedischen Felsbildern und einigen nordischen Dolmen in Form sogenannter Schalensteine nachweisen (Knauer). Auch die Arbeiten Herman Wirths, bei aller Umstrittenheit seiner Person – lieferten zahlreiche Hinweise auf den Schriftgebrauch im Nordeuropa der Frühzeit. (Die heilige Urschrift der Menschheit )
Zu berücksichtigen bei der Betrachtung der Funde Nordeuropa ist dabei stets die vorauszusetzende – und für die Lokalisierung der Atlantis an dieser Stelle unvermeidliche – Naturkatastrophe, die sich gegen 1250 v.u.Zt. ereignet haben muß – diese im Hinterkopf erscheint es geradezu als logische Folge, daß – wie auch Plato es beschreibt – die einstigen Stein – Tempel und – Häfen zerstört sind und von Wasser überspült wurden, ebenso wie eventuelle schriftliche Aufzeichnungen auf vergänglichem Material. So könnten die freigelegten Reste der stadt – ähnlichen Siedlung Büdelsdorf, der mit einem Alter von über 4000 Jahren frühesten Steinsiedlung Nordeuropas, lediglich ein kleiner Teil einer Reihe von Steinbauten sein. Ein Fund eines 1800 Jahre alten blauen Mantels aus dem Thorsberger Moor weist auch auf die überlieferte Königswürde hin. Tauchfahrten zum Steingrund vor Helgoland 1911, 1943 und zwischen 1950 und 53 (Spanuth) erbrachten dabei neben bearbeiteten Wegesteinen, und mehreren Kupfer – und Bronzeobjekten auch Reste von Steinbauten ,was allerdings bis heute unbestätigt ist (vergl. Bischoff) Weiterhin wurde auch Elfenbein geborgen, welches jedoch wahrscheinlich Importstücke aus späterer Zeit waren. Wenn dieser Fund auch nicht das für Atlantis von Plato bestätigte Vorkommen von Elefanten im bronzezeitlichen Nordeuropa beweist, hat dafür der Erklärungsansatz Steuerwalds einiges für sich, der – ausgehend von nordischen Felszeichnungen von Elfanten, die teilweise auf Schiffen stehend dargestellt werden, Transporte von Elefanten in den Norden annimmt, wo diese dann in den heutigen Tierparks ähnlichen Gehegen lebten – dadurch wird die Nordsee – Lage zum einen der Plato – Überlieferung gerecht und erklärt auch die Funde am Steingrund. (Die Erklärung Spanuths, nach der Plato auch Elephos, das europäische Wildrind, statt elephas gemeint haben könnte, wird dagegen fast einstimmig abgelehnt)

Die Naturkatastrophe
Atlantis in der Nordsee 2  Wie bereits dargelegt, gelang es im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Nordseeküste den Untergang zahlreicher Marschen und die Zerstörung weiter Küstengebiete nachweisen. Am Ende der Bronzezeit, etwa um -1220, versanken in einer verheerenden Sturmflut ein großer Teil der Westküste von Schleswig-Holstein und Dänemark sowie viele vorgelagerte Inseln. Diese Sturmflut wurde offensichtlich durch den Einschlag eines Kometen, des Phaeton der griechischen Sage, verursacht. Apollonios von Rhodos berichtet, dass Phaeton in die Mündung des Eridanos stürzte. Dadurch wurde die vermutliche Königsinsel Basilea, nahe der Hauptbernsteininsel Althelgoland verwüstet und versank teilweise unter dem Meer. Vieles von Plato beschriebene deckt sich mit der tatsächlich anzunehmenden Lage Helgolands:
– Die im Atlantisbericht erwähnte große Ebene mit einer Ausdehnung von 2000 mal 3000 Stadien (etwa 370 mal 560 km) lässt sich in das – einstige Land – Gebiet zwischen Helgoland (Steingrund), Sylt und Britannien einfügen
– Sie lag an der Mündung großer Ströme
– Auf der Insel gab es rotes, weißes und schwarzes Gestein
– An der Spitze der Insel befand sich ein aufragender Felsen (Helgoländer Kliff / „Wittenklyppe“ – die Reste des weißen Felsens versanken 1771)
– Vor der Insel befand sich nach dem Untergang unpassierbarer Schlamm (Wattenmeer)
– Die Insel bot alles was zum Leben benötigt wurde, auch Kupfererze – Der Geologe W. Witter und andere (Die Untersuchung eines Schwertes der Nord- und Seevölker, das von den Ägyptern zur Zeit des Pharaos Sethos II. erbeutet worden war, lieferte den eindeutigen Beweis, daßdas enthaltene Kupfer nur von der Lagerstätte auf Helgoland stammen konnte (17). In den Folgejahren legten W. Lorenzen und der Geologe H. Schulz weitere Beweise für die Nutzung der Kupfervorkommen bereits in vorgeschichtlicher Zeit vor. ).stellten zweifelsfrei eine bereits zu Beginn der Jungsteinzeit anzusetzende Kupfergewinnung fest, auch wenn die h.L. sich bislang nicht zur Übernahme der Erkenntnisse durchringen konnte (Das Helgoländer Kupfererz hat auch ohne Beimischung von Zinn durch seinen hohen Arsengehalt eine große Härte und war somit für die Herstellung von Waffen besonders gut geeignet.
– Die Insel trug noch in frühmittelalterlicher Zeit verschiedene Tempel, unter anderem eines des Apollon und des Forseti, die ursprünglich ein – und dieselben Himmels – und Schutzgott von Helgoland / Atlantis verkörperten ( Phol / Fosite / Poside)
– Die Insel (Silende – Sylt) trug in frühester Zeit eine Himmelssäule, welche als Ur – Himmelssäule im äußersten Norden das Firmament trug ( Atlas als Himmelsträger) (Zschweigert)
– Auf Helgoland wurde Bernstein gewonnen – vieles spricht dafür, dass es sich hierbei um das Oreichalkos Platos handelte, welches als Lack aufgetragen die Mauern der Königsburg verzierte.
– Mit dem Bernsteinhandel gelangte die Kunde von Atlantis nach Ägypten, dort finden sich auch eindeutige nordische Schwerter, die vermutlich mit den Seevölkern dorthin gelangten
– Der Sonnenkult hat im Norden Europa eine lange Tradition und scheint aus der Zeit eines kalten Klimas zu stammen – in der Bronzezeit entwickelte sich in Nordeuropa ein nie wieder erreichtes Klimaoptimum, welches zur Entfaltung der Kulturblüte im Norden beitrug.(So soll in Südschweden Wein angbaut worden sein, vgl. Bischoff) Die Sonnenverehrung in der weiblichen Form der Lebensspenderin verschob sich zum Himmelsgott Fosite / Poside dem Lichtbringer zum Dank, der die Sonne scheinbar für immer aus dem Labyrinth befreit hat und damit die Kulturblüte ermöglichte.
– Pferdewagen und Rennbahnen haben ebenfalls im megalithischen Europa eine lange Tradition – bei Stonehenge bestand vermutlich eine Rennbahn ebenso wie bei den Externsteinen
– Der Name Basilea läßt sich als germanische Stammform nachweisen:
Ba = leuchten, erhaben – Sil = Säule – eyja = Insel; was Basilea als „strahlende / oberste Säuleninsel ausweist, woraus die Königsinsel wurde (Zschweigert, DGG)

Atlantis der Nordsee – Das sagenumwobene Rungholt  


Rungholt Was Mitte des 14. Jahrhunderts über die norddeutsche Küste hereinbricht, ist dort die verheerendste Sturmflut seit Menschengedenken – und eines der rätselhaften Ereignisse der deutschen Geschichte. Eine ganze Region versinkt in der Tiefe – samt der Stadt Rungholt, die sagenhaft reich gewesen sein soll: ein Atlantis der Nordsee. Nachforschungen bestätigen: Rungholt hat es tatsächlich gegeben.
Januar 1362.
Über der Nordsee braut sich ein schweres Orkantief zusammen. Die aus Westen kommenden Sturmböen peitschen das Meer auf und treiben gewaltige Wellenberge in Richtung Deutsche Bucht. Es kommt zu einer Katastrophensturmflut nie dagewesenen Ausmaßes.

30 Ortschaften werden zerstört. Eine von ihnen, Rungholt, soll spurlos in den Fluten versunken sein. Alten Legenden nach liegt es seitdem irgendwo unversehrt auf dem Meeresgrund, und zu manchen Zeiten sollen aus der Tiefe Glocken zu hören sein.

Der Mythos von Glanz und Verderben des reichen Rungholt stellte Forscher lange vor Rätsel. Hat es diese Stadt überhaupt jemals gegeben? Wenn es sie gegeben hat: Woher kam der Reichtum, und wo genau ist Rungholt untergegangen? Immer wieder gaben Funde Anlass zu Spekulationen. Anfang des 20. Jahrhunderts tauchten tatsächlich Reste einer untergegangenen Ortschaft im Watt nahe Pellworm auf.

Der frühe Norden

voelkerwanderung400Mit dem Einsetzen der geschichtlichen Nachrichten erscheint Skandinavien als die vagina gentium: ein Volk nach dem anderen drängt über die Ostsee oder aus Jütland südwärts, zuerst die Kimbern und Teutonen (aus Himmerland und Ty), dann Ariovists Sueben und Haruden (Schwabstedt an der Eider; Hardesyssel), die Wendeln („Vandalen“) und Burgunden; vielleicht schon früher sind die Goten aus Gotland nach der Weichselmündung übergesetzt.

Noch heute zeugen die Ortsnamen auf -leben und
-ing(en) von einer Bevölkerung, die sich von Norden nach Deutschland hinein ausgebreitet hat (dänisch -lev; schwedisch Göinge in Schonen-Göttingen). Im südlichen Skandinavien und in Dänemark, vielleicht auch an der Südküste der Nord- und Ostsee, müssen die ältesten historisch bekannten Sitze der Germanen gesucht werden. In diesen rauhen, abgelegenen Landstrichen hat sich die germanische Rasse und Kultur herausgebildet. Hier hat das Germanentum auch zäher als anderswo an seiner Stammesart festgehalten.

Land und Leute – Äußere Kultur

Die Völkerwanderung (das Wort in landläufigem Sinne verstanden) bringt den ersten weltgeschichtlichen Aufschwung germanischen Lebens. Gleichzeitig beginnen sich die Skandinavier entschiedener abzusondern von den südlichen Vettern, die größtenteils auf keltischem oder römischem, später auch slawischem Kolonialland sitzen. Die Sprachgrenze in Schleswig tritt deutlich in Erscheinung durch die Auswanderung der Angelsachsen nach Britannien, die ein Zusammenstoßen vorher weit getrennter Stämme und Mundarten zur Folge hat. Die Dänen dringen vom mittleren Schweden her vor, wo seit Jahrhunderten schon die Schweden auf dem verhältnismäßig fruchtbaren Nordufer des Mälaren (Mälarsees) – in Uppland – einen mächtigen Verband bildeten.

Aber trotz der Sprachgrenze pflegen diese Völker noch engen Zusammenhang mindestens mit Norddeutschland die ganze sogenannte „gemeinnordische“ Zeit hindurch (400 bis 800 n.d.Zr.). Das zeigen deutlich die archäologischen Funde. Das Nydamer Boot (im Museum zu Kiel) ist von gleicher Größe und Beschaffenheit wie die Boote der Seegermanen zur Römerzeit und wie die der Normannen zur beginnenden Wikingzeit: das Wikingtum ist die letzte, großartigste Entfaltung von Lebensgewohnheiten, die schon ein Jahrtausend früher allen Seegermanen gemeinsam waren. Widukinds Flucht vor Karl dem Großen nach Dänemark ist ein später Ausdruck für diese alte Lebenseinheit, die ihre Brennpunkte in den Häuptlingshallen hatte. Dort wurden beim Schein der Feuer und beim Bier die gotischen und fränkischen Lieder vorgetragen. Sie wanderten von einem Fürstenhof zum anderen, sächsische nach Norwegen, gautische nach England. Das in der Halle versammelte Kriegergefolge hat diesen Stoffen für alle Zeiten den Stempel seines Geistes aufgedrückt. Ruhmreiche Fürsten dieser Zeit, wie besonders Rolf Krake von Lejre auf Seeland, der den jungen Vögg großmütig belohnte und inmitten seines treuen Gefolges durch Verrat fiel, er und andere haben noch lange im Liede fortgelebt. Erst die Bekehrung der Sachsen und die Wikingzüge brachten eine entschiedene Sonderung. Skandinavien überschwemmt jetzt von neuem die Welt mit seinen Kriegern. Schwedische Scharen setzten sich in Rußland fest und gründen das Staatswesen, aus dem das spätere Zarenreich erwachsen ist; sie befahren den Dnjepr und geben seinen Stromschnellen Namen in ihrer Sprache (wie Baruphoros, „Wogenfors“, vgl. Miklegaard, an. Miklagard¯r, – Konstantinopel), sie belagern Byzanz. Noch lange nachher hielt sich der griechische Kaiser eine Leibwache von Nordleuten; Harald Hard¯rád¯i, der Gestrenge, der spätere Norwegerkönig, der 1066 bei dem Versuch, England zu erobern, an der Brücke von Stanford fiel, war eine Zeitlang ihr Anführer. Dänen setzen sich auf Wollin (in der Jomsburg) und in der Normandie fest, wo noch heute Ortsnamen wie Frévilla von diesen nordländischen Kolonisten zeugen. Das nordöstliche England war zeitweilig überwiegend skandinavisches Sprachgebiet (vgl. Ortsnamen wie York – aus Jórvík – und Grimsby). Auf den kleinen britischen Inseln und Inselgruppen gibt es zahlreiche Erinnerungen an die Wikinge (so den „Tynwall Court“ auf Man). Die Orkaden und die Shetlandinseln waren früher rein nordisch, wie es heute noch die Färöer und Island sind. In Grönland und an der Ostküste Nordamerikas gab es im 11. Jahrhundert (in Grönland bis ins 15.) germanische Siedlungen. Es war die Zeit der größten Ausdehnung des skandinavischen Sprachgebiets, zugleich die Zeit der Einigung Norwegens und der ersten Missionare im Norden.

Das Urteil der christlichen Geschichtsschreiber über die wilden Normannen ist mit Hilfe der heimischen Quellen auf sein richtiges Maß zurückzuführen und zu ergänzen. Lehrreich sind hier die Berichte über die Jomswikinge, die Dichtungen von Half und Ingeld. Was, aus der Mönchszelle betrachtet, wie Zügellosigkeit aussah, war für die germanische Ethik heroische Pflichterfüllung.
Schon in der Wikingzeit zeigen sich die Vorboten des Mittelalters. Im 12. Jahrhundert zieht es mit Macht ein: man baut Klöster und nennt zuweilen seine Kinder Magnus oder Maria, man gewöhnt sich an Marterungen und Hinrichtungen, und der in Kreuzesform Hingestreckte empfängt geduldig den Todesstreich, mehr besorgt um das Schicksal seiner Seele im Jenseits als um die Ehre. Aber noch opferte man in entlegenen Tälern dem Thor, und auf den Orkaden zog man jeden Frühling und Herbst auf Wikingfahrt aus und kehrte mit Schiffsladungen englischer Seide heim. Die heimische Wolle war selbst diesen rauhen Gesellen nicht mehr gut genug.

leif-ericsson-sword Staat und Gesellschaft

Vor hundertfünfzig Jahren, als die europäische Bildung das heidnische Germanentum und das alte „Kämpenleben“ wieder entdeckte, konnte man meist mit diesen fremdartigen Gestalten nicht anders in ein Verhältnis kommen, als indem man sie mehr oder minder gründlich mit den „milden Tugenden“ der Humanität übermalte. Man tat es – und tut es noch – unwillkürlich, ein Beweis, daß man kein Recht hat, die mittelalterlichen Künstler zu belächeln, weil sie die Mutter Gottes in die Kleider einer deutschen Bürgersfrau stecken. Ähnlich wie den Germanen ging es bekanntlich den alten Griechen. Und wie man den Abstand zwischen den Alten und uns Neueren übersah, so übersah man auch den zwischen Hellenen und Germanen. Bei Oehlenschläger und bei Tegnér sprechen die altnordischen Helden griechische Verse und führen die klassische Mythologie im Munde neben der nordischen.
Der Unterschied zwischen antiker und germanischer Kultur ist wohl an keinem Punkt deutlicher als da, wo es sich um den Staatsbegriff handelt. Wie das Wort Staat, so stammen auch unsere Begriffe vom Staat aus der griechisch-römischen Welt; an ihnen gemessen erscheint die heidnische Germanengesellschaft fast als staatslos (oder vorstaatlich). Der antike Staat ist die Stadtgemeinde; in ihrem engen Mauerring erwachsen und werden als Helden gefeiert Menschen wie Sokrates, der lieber sterben will als die Gesetze der Polis übertreten, und wie Brutus, der die eigenen Söhne hinrichten läßt, weil sie Rom verraten haben. Keins von beiden wäre in Germanien denkbar. Brutus hätten die alten Nordleute einen Neiding genannt, denn dem nordländischen Heiden war nichts heiliger als seine Sippe, seine freiwilligen Bündnisse und seine Kriegerehre.

Von hier aus bestimmt sich die Stellung der Könige. Heilig, d. h. unverletzlich, war der Fürst nur für sein Gefolge, das ihm Treue und Gehorsam gelobt hatte, unter seinem Dache lebte und seinen Stolz darein setzte, den gefallenen Herrn nicht zu überleben. Der Opfertod germanischer Gefolgschaften, vielfach bezeugt im Süden wie im Norden und verklärt von der Dichtung, ist der großartigste Akt der Selbstverleugnung, dessen die rigorose alte Ethik fähig war. Außerhalb des Gefolges war der König zunächst nur ein bestellter Beamter: die Bauern hatten ihm auf dem Thing den seiner Abkunft gebührenden „Königsnamen“ gegeben, und er war auf dem heiligen Stein – in Schweden dem Morastein in Uppland – dem Volke dargestellt worden, sie mußten ihn und seine Leute ernähren, wenn der König sie besuchte, und konnten ihm dabei ihre Ergebenheit zeigen; sie erwarteten aber von ihm kräftigen Schutz gegen feindliche Einfälle, wobei sie ihm bis an die Landesgrenze Heerfolge zu leisten hatten – und darüber hinaus ruhmvolle Kriegs- und Beutezüge, wie sie einem Könige ziemen, und die sie meist gern mitmachten. Das Übergewicht der Königsmacht über die der einzelnen großen Bauern war mehr oder weniger bedeutend. Aber ein Königshof sah nicht anders aus als ein großer Bauernhof. Auch mancher Nichtkönig war reich genug, sich eine Schar bewaffneter „Hauskerle“ zu halten und mehr Zeit dem Kriegshandwerk zu widmen als dem Vieh und dem Acker. Denn noch immer galt das alte, schon dem Tacitus berichtete Werturteil, daß es ehrenvoller sei, seinen Gewinn mit Blut als mit Schweiß zu bezahlen. Immerhin war ein Gegensatz zwischen reisigen und landbauenden Kreisen zuweilen vorhanden. Der „Seekönig“ des Eddaliedes, der dem schweinefütternden Bauern am Lande zuruft: „Oft habe ich mit Speeren die Aare gesättigt, während du an der Mühle die Mägde küßtest“, hatte Vorbilder in der Wirklichkeit. Jener rauhe Kriegerstolz der Sueben, 14 Jahre lang unter kein Dach getreten zu sein, war ein Jahrtausend später den Nordleuten noch nicht abhanden gekommen. In der Geringschätzung der friedlichen Gewerbe lebte ein Gefühl davon, daß das Zusammenstehen wackerer Burschen in der Gefahr und das Männergespräch in der Halle mehr wert sei als der Umgang mit Kühen und Schafen.
Island ist in heidnischer Zeit nicht bloß der bestbekannte Fleck nordländischen Bodens, es ist auch der Sitz sehr altertümlicher Zustände in Staat und Gesellschaft. Eine Neuerung ist das Fehlen des Volksheeres. Es war in dem nachbarlosen Lande nicht nötig. Aber von urtümlicher Frische und Kraft ist das Spiel der widerstreitenden Kräfte – doktrinloser Wünsche und Leidenschaften -, die in diesem lockeren Gemeinwesen gegeneinander branden.
Wir können die Entwicklung der öffentlichen Einrichtungen in Island ziemlich gut überblicken. – In der Besiedlungszeit entstehen eine Unzahl Thingverbände. Der Thingplatz liegt bei einem Tempel, und der Tempelinhaber, der „Gode“ (Priester), ist der Herr des Thinges. Seine Stellung ist zuweilen – wenn nicht meist – aus dem Mutterlande ererbt. Im Jahre 930 tut man den großen Schritt, daß man ein gemeinsames Landesthing (Allthing, altisländisch alloingi) gründet. Dort tagt alljährlich im Hochsommer die ganze Landsgemeinde mit ihren Goden, man hört den Vortrag des Gesetzessprechers, des einzigen wirklichen Beamten des Freistaates, denn die Goden nehmen eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen Regierungsorganen und Parteihäuptern. Neben dem Allthing bleiben die Einzelthinge bestehen. Ihre Zahl, und damit die Zahl der Godentümer, wird im Jahre 965 auf 39 festgelegt, und je drei werden jetzt zu einem Thingverband vereinigt mit zwei gemeinsamen Zusammenkünften im Frühjahr und im Herbst; man wollte die Übermacht des einzelnen Goden auf seinem Thing brechen: die drei, jeder mit seinen Thingmannen hinter sich, sollten sich die Waage halten. Wer auf einem isländischen Thing, vor Gericht, etwas erreichen wollte, mußte starke Mannschaft um sich sammeln, am besten die Hilfe eines oder einiger Goden haben; sonst vermochte er nichts. Die endlosen Prozesse der Bauern um Habe und Ehre verliefen hauptsächlich in einem Kampf der Parteien um das Gericht: wer kraft seiner Übermacht das Gericht eroberte – manchmal kam es dabei zu blutigen Zusammenstößen -, der konnte das Urteil verhängen, das ihm gefiel: Geldbuße, milde Acht, Waldgang (strenge Acht). Er mußte dann aber auch für die Vollstreckung sorgen; denn sonst blieb der Ächter ruhig auf seinem Hofe sitzen, und sein Ansehen stieg auf Kosten seines kraftlosen Gegners.
Ungleich häufiger, als daß ein Streit in ein Gerichtsurteil auslief, waren ganz private Austräge (in den Sögur 50:470), durch Vergleich (164) oder häufiger durch Rache (306). Das Urphänomen der Rache spielt eine so beherrschende Rolle, macht sich auch nach und neben der staatlichen Erledigung so oft geltend, daß der Weg über die öffentlichen Instanzen durchaus als ein Umweg erscheint. In keinem Fall verlangt das Gesetz von dem Geschädigten, daß er diesen Weg geht.
Aber er muß ihn immer dann gehen, wenn er die Friedlosigkeit des Gegners erreichen will, den „Waldgang“, wie dieser Zustand des Ausgestoßenseins mit seinem alten Namen hieß. Der isländische Waldmann haust in den kahlen Steinwüsten des inneren Hochlandes seiner Insel im steten Kampf mit Schnee und Hunger, vogelfrei, aber auch galgenfrei: er ist für in der Acht begangene Handlungen nicht verklagbar: ist gewerbsmäßiger Räuber.
Doch der Ächter ist kein Verbrecher im Sinne der neueren europäischen Gesellschaft. Sein Unglück ist nicht vom Abscheu der Menschen begleitet, weit eher von ihrem Mitleid; die Tat, die ihn in den „Wald“ gebracht hat, kann höchst ehrenvoll, er selbst ein bewunderter Held sein (so die Sagahelden Gísli und Grettir). Überhaupt ist eine Verurteilung durch das Gericht zwar eine Demütigung, aber nie eine Schande. Das moralische Urteil bewegt sich in einer anderen Sphäre als der juristischen. Ein Neiding ist z. B. der, der einen achjährigen Knaben oder eine Frau erschlägt oder den leiblichen Vetter und Schwurbruder angreift. Dagegen gibt es keine unehrliche Hantierung, keinen verachteten Stand.
Dies hängt damit zusammen, daß reich und arm, vornehm und gering eine enge geistige Gemeinschaft bilden. Es gibt keine Bildungsstände. Zwar unterscheidet man scharf nach dem Klange der Namen, und die guten alten Familien halten bei Eheschließung streng auf Ebenbürtigkeit. Aber der persönliche Ruf des Mannes hat damit nichts zu tun. Er bemißt sich nach der Kraft und Wachsamkeit im Dienst der Ehre. Du darfst dir nichts bieten lassen, du darfst die Rachepflicht nicht versitzen: das sind die beiden ersten Gebote, die für jeden gelten, und die schon zwölfjährige Knaben mit der Waffe in der Hand befolgen. Der schlimmste Makel, weit gefürchteter als der Tod, ist der, feige zu erscheinen. Die Furcht vor ihm erzwingt entbehrungsreiche Fehden auch ohne Haß. Aber ein mächtigerer Faktor ist doch der plötzlich ausbrechende Haß bei Frauen wie bei Männern. Sein Auflodern war für die alten Isländer schön anzusehen, und ein langes Gedächtnis im Hassen und in der Rache war eine geachtete Eigenschaft. Auch Gerechtigkeit war eine Tugend: sie kam aber erst an die Reihe, wenn kein Schatten eines Zweifels auf die Ehre fiel. Die Welt bestand aus Freund und Feind. Für den Freund, die Sippe, die Partei tat man bewundernswert viel mehr, als heutzutage den meisten von uns erschwinglich dünkt -; man setzte unzählige Male sein Leben ein und machte kein Aufhebens davon. Gegen den Feind mußte man „grimm“ sein. Auch im Verhältnis zu den Freunden ordnete sich der eigene Stolz und Machtwille niemals unter. Man wollte groß sein und dafür gelten, und man handelte danach, doch nicht nur mit Kraft, auch mit kluger Berechnung und nicht gern so, daß man die eigene Würde offensichtlich außer Acht ließ. Wir sehen an den altisländischen Häuptlingen, diesen Herrenmenschen reinsten Wassers, deutlich, wie sie sich Schranken auferlegen, die ein kleiner Mann sich nach ihrem Gefühl nicht aufzuerlegen brauchte.

Religion

Auf keinem Gebiet lassen uns die Quellen so schmerzlich im Stich wie auf dem der Religion. Sie bestehen ganz überwiegend aus Gedichten, die sich mit den Gebilden der religiösen Phantasie tummeln. Allerdings ist es ein Vorurteil, zu meinen, die Dichtungen der Skalden und der Edda hätten durchweg nicht dem Volke gehört, seien „gelehrte“ Poesie: Bildungsschranken hat es vor Einführung des Christentums so wenig gegeben wie Bildungsstände (siehe oben), und daß die altnordische Literatur anders anmutet als neuere Volksüberlieferung, das beleuchtet wieder nur die große Tatsache, daß das ungetaufte Germanenvolk eben sehr verschieden war von dem des Mittelalters und der Neuzeit. Auch die vorchristlichen Entlehnungen aus keltischer Sage und christlicher Legende haben nicht viel zu bedeuten: derartiges hat auch weit früher schon stattgefunden, und die germanische Religion hat das Fremde germanisiert. Aber wir sind im Ungewissen darüber, ob nicht ein Teil der poetischen Texte (und manches von dem, was Snorri in seinem System der nordischen Götterlehre – um 1225 – mitteilt) nicht erst aus christlicher Zeit stammt. Das schlimmste ist, daß auch das heidnische Material offenbar stark gesiebt ist; nur den Unterhaltungsstoff hat die Kirche durchgelassen, fast alles aber, was mit ihrem Glauben und Ritus unmittelbar in Wettbewerb trat, also die Urkunden der eigentlichen Religion (Gebete, Zaubersprüche u. dgl.), hat sie auch in Island ausgerottet – konnte sie ausrotten, weil es um diese Gebilde weniger schade schien als um die großen, prachtvollen Götterlieder. Man muß sich nicht vorstellen, es wäre dem Klerus in Skandinavien und auf Island nicht ernst gewesen mit dem neuen Glauben. Gewisse geistliche Bekehrungsanekdoten, welche die heidnischen Götter im unheimlichen und doch wesenlosen Scheine der Teufel und Dämonen vorführen, zeigen uns, mit welchen gut katholischen Maßstäben man auch dort oben gemessen hat. Die Folge dieses Eifers ist, daß das nordländische Heidentum als Gesamterscheinung uns verschleiert bleibt. Wir sehen nicht deutlich, welche Rolle die alte Religion im Leben gespielt hat. Nur der niedere Aberglaube läßt sich verhältnismäßig gut beobachten. Doch darf auch der Wert der Götterfabeln nicht unterschätzt werden. Unterstützt von alten südgermanischen Zeugnissen und neueren nordländischen Quellen, liefern sie uns eigenartige Gebilde der mythenbildenden Phantasie, die immerdar in erster Reihe zur Kennzeichnung germanischen Glaubens herangezogen werden müssen. Denn vom niederen Aberglauben ist manches international.

Der Wert der nordländischen Zeugnisse liegt auf diesem Gebiet oft darin, daß sie uralte Vorstellungsweisen, die anderswo nicht mehr oder nur in Resten zu beobachten sind, in größerer Breite und Tiefe veranschaulichen. So ist der Totenglaube in den Sögur altertümlicher als im Homer und in den Veden. Es ist derselbe urtümliche Monismus, der aus den Gräben der Steinzeit spricht: die Leiche gilt als noch lebendig. Denn die Steinbehausungen, in die man damals die Toten bettete, müssen entweder zu deren Schutz oder zur Sicherung der Lebenden vor Wiedergängern gedient haben. Beides setzt die lebende Weiterexistenz der Verstorbenen voraus: so läßt sich ein Isländer unter der Schwelle seiner Tür begraben, weil er von dort sein Hauswesen am besten glaubt übersehen zu können. Das ist urzeitliche Anschauung und vermutlich ein Rest uralter Gewohnheit. Verblaßte Erinnerungen daran lebten bis in unserere Zeit; z. B. vermieden Schwarzwälder Bauern das Türzuschlagen und das Holzspalten auf der Schwelle, um die arme Seele nicht zu stören, die darunter wohnt. Hier ist der Verstorbene zur „Seele“ verflüchtigt: eine eingewanderte südliche Anschauung, die dem Germanen von Hause aus fernlag. Nur die Unsichtbarkeit und Verwandlungsfähigkeit des Toten waren auch ihm geläufige Begriffe; diese Eigenschaften traute er auch Ungestorbenen manchmal zu.
Garnichts wußte er davon, daß die Seele „im Körper“ hause und beim Tod aus ihm entweiche, wie er überhaupt von dem Gegensatz der beiden nichts ahnte. Man hatte – wahrscheinlich vom Süden – die Sitte der Leichenverbrennung übernommen und sie jahrhundertelang geübt; aber folgerechte Gedanken in unserm Sinne hat man an diesen Brauch und an die Wirkung des Feuers nicht geknüpft.
Wie im weißen Licht die Farben des Spektrums gleichsam schlummern, so gab es in der Luft unsichtbare Wesen, die unerwartet in die Erscheinung treten konnten. Wenn der Krieger im Kampfe eine schreckhafte Lähmung verspürte, so erkannte er die „Heerfessel“, ein böses weibliches Wesen, das seinen Tod wollte. Das älteste isländische Landrecht gebot den Ansegelnden, die aufgesperrten, geschnitzten Tierrachen ihres Vorderstevens angesichts der Küste herunterzunehmen: die „Landwichte“ sollten nicht unnötig gereizt werden. Über die Walstatt nach der Schlacht ritt Wodan auf seinem Schimmel: man konnte ihn sehen, wenn man durch die Rundung des gebogenen Arms blickte. Rasselte der Hagel und fuhren Blitze hernieder, so lenkte Thor oben am Himmel sein Bocksgespann, und sein geschleuderter Hammer zerschmetterte in der Luft den großen Stein, den der Bergriese Hrungnir, hoch aufgerichtet, dem Freunde der Menschen entgegenschleuderte. In den Wolken stand die Burg der Götter, von wo sie über alle Welten herabschauten. Dorthin sah man fürchtend und vertrauend auf. „Heil euch, Asen, Heil euch Asinnen und Heil der nutzbaren Erde! Mit gütigen Augen blickt auf uns herab und schenkt uns Sitzenden Sieg!“, so läßt der Dichter Sigurd und die erlöste Schildjungfrau auf dem Berge beten.
Aber man fand die unsichtbaren Wesen auch in greifbaren Dingen. Es gibt Pfosten- und Waffenverehrung wie bei vielen anderen Völkern so auch bei den Germanen. Manches davon lebt in dem entwickelten Götterkult fort. Wenn die Opfergemeinde im Tempel versammelt und das Blut der Opfertiere in Schüsseln aufgefangen war, so sprengte der Tempelherr das Blut nicht nur über die Gäste hin und auf die Altäre der Götter; auch die Wände des Hauses wurden so geweiht. Die Pfeiler des Hochsitzes waren Beschützer des Heims. Norweger führten sie mit nach Island und warfen sie vor der Landung ins Meer, damit sie die richtige Stelle für die Ansiedlung zeigten.
Götterbilder und Tempel sind wohl Anleihen bei der südlichen Kultur. Eine in Dänemark gefundene rohe Holzfigur gehört schon der Römerzeit an. Im 11. Jahrhundert standen im Haupttempel des Nordens, zu Uppsala, die Bilder der drei alten Hauptgötter: in der Mitte Thor, zu beiden Seiten Odin und Freyr (Fricco). Die Tempel der Wikingzeit mit ihrer Zweiteilung in Gemeinderaum und eine Art Choranbau ähneln wohl nicht zufällig den christlichen Kirchen. Aber es ging ganz anders in ihnen her. Der Hauptteil des Gottesdienstes war die Opfermahlzeit, das Verzehren des gesottenen Opferfleisches (dessaud¯r, von siód¯a, „sieden“) und das Minnetrinken der Götter. Voran ging das blutige Opfer, das kein Rauch verhüllte. Daneben begegnen an die Bäume des Tempelhains gehängte Leiber; diese Form ist altertümlicher als der Tempeldienst, wie der heilige Hain älter ist als das Gotteshaus. Auf dem Altar lag ein Ring, den man mit Opferblut rötete, und auf den man Eide schwur: „Ich leiste einen Eid auf den Ring, einen Gesetzeseid: sei mir Freyr gnädig und Njörd und der allgewaltige Ase …“
Der Letztgenannte ist jedenfalls Thor, der volkstümliche Gott, der den Feldern Gedeihen gab und die Gräber schützte. Seine Riesenkämpfe enthalten jung eingewanderte Märchenmotive (so die Abenteuer des Gottes bei Utgardaloki, welche in der Edda des Snorri erzählt werden). Viel besungen war der Kampf des rotbärtigen Asen mit der Schlange. Haßerfüllt sprühen die Blicke der Gegner einander an, während der Hammer den unförmigen Kopf des Untiers bearbeitet: ein Bild des ewigen Kampfes der erhaltenden und zerstörenden Kräfte, der die Weltanschauung der alten Nordleute beherrscht.

thor180 Der Gott, der immer auf der Wacht ist gegen den Wolf und in ruheloser Sorge Krieger sammelt für den letzten Kampf, ist Odin (Wodan), der Göttervater. Doch die älteren Züge seines Bildes zeigen mehr den übermächtigen, hinterlistigen Zauberer. Diese Eigenschaften sind höchst altertümlich, wie auch die Mythen von Odins Metgewinnung und von seiner Galgenlösung, die zum ältesten Gut in den nordischen Göttersagen zu gehören scheinen. Thor und Odin sind die ausgeführtesten Götterporträts. Ihren Gegensatz schildert launig und geistreich das „Graubartslied“ der Edda (Harbardsljód): einen Gegensatz nicht nur des Herren- und des Bauerngottes, mehr noch ein Gegensatz menschlicher Charaktere. – Von den Nebengestalten des nordischen Götterhimmels sind mindestens zwei sehr alt: Tyr, der alte Kriegsgott, und Njörd, der in gerader Linie abstammt von der taciteischen Nerthus. Gemeingermanisch ist auch Odins Gemahlin Frigg, ferner ihr kühner Sohn Baldr, der bekanntlich auch in einem der Merseburger Zaubersprüche auftritt (seine Chistusähnlichkeit ist ihm zum größten Teil erst durch Snorri angeschminkt worden).
Die alten Götter waren keine sittlichen Vorbilder – wenn sie auch sittliche Forderungen an ihre Anhänger gestellt zu haben scheinen -, nur übermächtige Ebenbilder. Sie hatten in der Vorzeit die Welt aus den Leibesteilen des Urriesen Ymir oder Aurgelmir geschaffen und gestaltet und genossen ewige Jugend, aber das Eisen kann auch sie töten. Beim Ragnarök werden sie alle fallen vor den dann gegen die Asenschöpfung rachbegierig aufstehenden Riesen- wenn auch nicht ungerächt, denn Vidar wird Rache nehmen für Odin, und Thor wird die Mitgardschlange im Zweikampf töten. Was dann kommt, wissen wenige.

Vielleicht leben die gefallenen Götter, oder es lebt eine neue Göttergeneration in einer Art Walhall weiter, wie es die vorletzte Strophe der Völuspa schildert:

Einen Saal seh ich,
Sonnenglänzend,
mit Gold gedeckt,
zu Gimle stehn:
Wohnen werden
dort wackre Scharen
der Freuden walten
in fernste Zeit.
Von Seelenheil, Erlösungsbedürftigkeit und Erlösung weiß man nichts. Die Sinnesart des Volkes war diesseitig. Der Aberglaube wurde noch nicht zur ständigen Furcht wie später im Mittelalter zu Zeiten, wo die Gespenster überhandnahmen. Der heidnische Nordmann trat dem elbischen oder göttlichen Feind ebenso aufrecht gegenüber wie dem menschlichen und tierischen. Selbst eine Rache an Ägir oder selbst an Odin liegt nicht ganz außerhalb seines Gedankenkreises. Und wo der Gott ihm als Freund (als fulltrui) erscheint, da liegt in dem Verhältnis etwas Kameradschaftliches. Es gibt Leute, die auf ihre eigene Stärke (á mátt sinn ok megin) mehr bauen als auf die Hilfe der Götter und es auf die Folgen ankommen lassen, wenn sie ihnen nicht regelmäßig opfern. Überhaupt war die Religion anspruchsloser als später das Christentum mit seinen Festtagen und Fastenzeiten.

Das erste Stadium der neuen Religion trägt noch viel von der Farbe der alten. Von der Ethik zu schweigen – sie ist ja auch heute noch weit davon entfernt, wahrhaft christlich zu sein -, gilt dies sogar vom Dogma. Man faßt den neuen Gott, den „weißen Christ“, als Unholdbekämpfer und Höllensieger – ohne daß wir uns deshalb vorstellen dürfen, das Christentum habe den Germanen Befreiung von der Geisterfurcht gebracht, wie es vor einigen Jahrzehnten ein Theologe hingestellt hat -; vom Erlöser weiß man noch nichts.