Heute vor 133 Jahren verstarb unser Kaiser Wilhelm I.

Wilhelm I., mit vollem Namen Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen (* 22. März 1797 in Berlin; † 9. März 1888 ebenda), aus dem Haus Hohenzollern war von 1861 bis zu seinem Tod König von Preußen und seit der Reichsgründung 1871 erster Deutscher Kaiser.
Durch die Kaiserproklamation, die am 18. Januar 1871, dem 170. Jahrestag der Königskrönung Friedrichs III. von Brandenburg, im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles stattfand, nahm Wilhelm für sich und seine Nachfolger zur Krone Preußens den Titel eines Deutschen Kaisers an und versprach, „allzeit Mehrer des Deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“.

Wirken
Zu seinem Wirken heißt es:
„Prinz Wilhelm von Preußen ging schon in eisgrauem Haar, da wies ihm das Schicksal seinen geschichtlichen Auftrag. Er war noch ein Knabe, als er mit seiner Mutter, der Königin Luise, vor Napoleons Heeren ins winterliche Ostpreußen floh. Er war ein reifer Mann, als ihn der lärmende Pöbel der Märzrevolution 1848 erbittert verfolgte, weil er das preußische Heer und die preußische Ehre dem liberalen Geschwätz nicht ausliefern wollte. Er schien als Bruder des Königs für immer dazu bestimmt, neben dem Thron zu stehen und seine Kraft an geringeres Werk zu verschwenden, als es die Führung des Landes war. Doch plötzlich rief ihn das Schicksal zum Amt: der Tod des Königs macht den Prinzen von Preußen zum preußischen Herrscher. Ein märkischer Junker, Otto von Bismarck, bei allen Bedenklern als jäher Waghals verschrien, vom König selber anfänglich nur mit Argwohn betrachtet, ist sein Schicksal geworden. Selten nur hat ein Herrscher von innerem Rang sich so vor seinem treuesten Diener gebeugt wie dieser greise König von Preußen vor Bismarck, der das neue Reich geschaffen hat. Selten ließ, trotz mancher Bedenken, ein Fürst die Getreuen so schrankenlos walten.“

Titel
Der Kaiser des Deutschen Reiches war auch weiterhin König von Preußen und trug zudem noch 51 weitere Titel:
Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit [Majestät] Wilhelm der Erste, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser und König von Preußen, Markgraf von Brandenburg, Burggraf von Nürnberg, Graf von Hohenzollern, Herzog von Schlesien und des Landes Glatz, Großherzog des Niederrheins und Posens, Herzog von Sachsen, von Westfahlen und Engern, Herzog von Pommern und von Lüneburg, Herzog von Hollstein und von Schleswig, Herzog von Magdeburg, von Bremen, Geldern, Jülich und Berg, Herzog der Wenden und Kaschuben, Herzog von Krossen, Launburg und Mecklenburg, Landgraf von Hessen und Thüringen, Markgraf der Ober- und der Niederlausitz, Prinz von Oranien, Prinz von Rügen, von Ostfriesland, von Paderborn und von Pyrmont, Prinz von Halberstadt, von Münster, Minden, Osnabrück, Hildesheim, Verden, Kammin, Fulda, Nassau und Moess, gefürsteter Graf von Henneberg, Graf der Mark Ravensberg, Graf von Hohenstein, Tecklenburg und Lingen, Fürst von Mansfeld, Sigmaringen und Veringen, Gebieter von Frankfurt.

Literatur:
Otto Süß: Wilhelm, Deutscher Kaiser und König von Preussen. Allerhöchster Kriegsherr der Deutschen Armee und Marine, 1877; in: „Geschichte der Königlichen Schloß-Garde-Kompagnie zur Feier ihres 50jährigen Bestehens“, 1879 (Chronologischer Werdegang als PDF ab Seite 15)
Christian Schwochert: Kaiser Wilhelm I, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2015, ISBN 978-1511882835
Berthold Volz: Wilhelm der Große – deutscher Kaiser und König von Preußen (PDF-Datei) Für Nicht-USA-Bewohner nur mit US-Proxy abrufbar!
Louis Schneider: Aus dem Leben Kaiser Wilhelms, 1849–1873 (1888) (PDF-Dateien: Band 1, Band 2)
Kaiser Wilhelms des Grossen Briefe, Reden und Schriften; ausgewählt und erläutert von Ernst Berner (1906) (PDF-Dateien Teil 1, Teil 2)
Ottokar Lorenz: Gegen Bismarcks Verkleinerer: ‚Nachträge zu Kaiser Wilhelm und die Begründung des Reichs‘ (1903), (PDF-Datei)
Johannes Penzler: Kaiser- und Kanzlerbriefe: Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm I. und Fürst Bismarck (1900), (PDF-Datei 15MB)
Hermann Lieb / Emil Dietzsch: Kaiser Wilhelm I., der Schöpfer des neuen Deutschen Reiches (1888) (PDF-Datei) Für Nicht-USA-Bewohner nur mit US-Prxy abrufbar!
Bernhard Rogge: Kaiser Wilhelm der Siegreiche. Sein Leben und seine Thaten für das Volk und die Jugend, 1890 (PDF-Datei) Für Nicht-USA-Bewohner nur mit US-Proxy abrufbar!
Wilhelm Müller: Kaiser Wilhelm. Sein Leben und seine Zeit, 1797–1888, 1888 (PDF-Datei) Für Nicht-USA-Bewohner nur mit US-Proxy abrufbar!
PDF Ludwig Büchner: Zwei gekrönte Freidenker, ein Bild aus der Vergangenheit als Spiegel für die Gegenwart. Dem deutschen Volke gewidmet, 1890
Gustav Schmoller: Der erste Hohenzollern-Kaiser. Eine Gedächtnisrede, in: Hohenzollern-Jahrbuch. Forschungen und Abbildungen zur Geschichte der Hohenzollern in Brandenburg-Preussen, 1897 (PDF-Datei)
Karl Pagel: Kaiser Wilhelm I., in: Willy Andreas / Wilhelm von Scholz (Hgg.): Die Großen Deutschen. Neue Deutsche Biographie. Propyläen Verlag, Berlin, 4 Bde. 1935–1937, 1 Ergänzungsbd. 1943; Dritter Band, S. 370–384
Rolf Kosiek: Die Zerstörung des Kaiser Wilhelm-Denkmals am Deutschen Eck, in: Rolf Kosiek / Olaf Rose (Hgg.): Der Große Wendig, Band 3, Grabert Verlag, Tübingen, 3. Aufl. 2010, S. 633 ff.Weitere Dokumente finden Sie in den Rubriken  19. Jahrhundert  Deutsches Kaiserreich  Weimarer Republik  Bundesrepublik Deutschland

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Ein Maulkorb für Journalisten …

… kritischen Journalisten und Historikern solle ein „Maulkorb …

Presseinformation – 12 …

Presseinformation – 12. Oktober 2020. Zurück zur Startseite.

Impressum preussen.de

Impressum. Angaben gemäß § 5 TMG. Georg Friedrich Prinz von …

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Der SPIEGEL (Ausgabe 5/2020) u.a.. Verbindungen zur Sapt AG …

Deutungshoheit

Eine besondere Welle der Kritik löste die Nachricht aus, Prinz …

Hausarchiv der Familie

Karina Urbach. Gleichlautend äußert sich die …

Enteignung

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Links

  • History of Germany: Primary Documents
    sehr empfehlenswerte Linkliste zu Quellen und Dokumenten der deutschen Geschichte vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte (die Sprache variiert entsprechend der gelinkten Webseite)
  • Dokumente des Mercosur
    alle wichtigen Dokumente zu dieser Wirtschaftsintegration + Verfassungen der Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay (deutsch)
  • Mitteleuropa.de – Gesetze
    historische Gesetze, Erlasse und internationale Verträge der mitteleuropäischen Staaten, wie z.B. Tschechoslowakei und Deutschland (deutsch)
  • Feldpost-Archiv.de
    ausgewaehlte Feldpostbriefe des Zweiten Weltkriegs im Original und als Transkript sowie umfangreiche weitere Informationen zu diesem Thema (deutsch)

Das Deutsche Kaiserreich besteht weiter!  Leben wir im Deutschen Reich? Die Regierung sagt ja. Was denkt ihr darüber? Was bedeutet das für das deutsche Grundgesetz und die BRD? Sind wir Doppelbürger, oder staatenlos? Was bedeutet es für Brüssel? Wie kam es wohl dazu und was … Weiterlesen

150 Jahre Kaiserproklamation in Versailles – Zweites Deutsches Kaiserreich Vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Damit fanden die von Bismarck forcierten Einigungskriege ihren symbolischen Höhepunkt und Abschluss. Mit „Eisen und Blut“ war ein deutscher Nationalstaat geformt worden … Weiterlesen

Wer uns gefangen hält – Die Wahrheit über Deutschland
ergänzend Alles was nach dem Putsch vom 27.10.1918 hier in Deutschland gemacht wurde ist illegal und rechtsungültig,  alles nur Lügen, Täuschung und Betrug. Es sind Besatzungen nach dem Kirchlichen Handelsrecht, ein Staatswesen kann nur simuliert werden es sind rein juristische … Weiterlesen

ergänzend: Über Geschitsverdrehung und den Pöbelgeist – Pfarrer Hans Milch
  Dem guten ist viel erspart geblieben, der Verfall hat vom Vatikan vollends Besitz ergriffen. Wir haben einen links-grünen Papst der die Verschmelzung aller Religionen anstrebt und Unzucht nicht nur toleriert, ja unterstützt.  Wer uns gefangen hält – Die Wahrheit über Deutschland  Der Paps ist laut der Bibel der Antichrist. Das Tier aus dem Meer ist die kommende Diktatur von Europa aus dem Auferstandenen römische Reich. Lest das letzte Buch der Bibel….die Offenbarung…die Menschheit folgt Satan und wird belehrt durch Not Hunger Leid und danach durch Tod auf Erden….Reuet euch und die Strafe wird nicht folgen. ergänzend: Da der Friedrich in meinen Adern schlummert, hier mal mein Staufengebölke und Gelalle von T. Haas von Preußen.
Unsere Krone ging verloren.  Aber, ihr werdet sehen, es geht auch ohne Kreuz und Krone. Unser GOTT wohnt im Herzen – nicht im Vatikan! Wahrlich ich sage Euch, der Schöpfer vom Himmel und der Erde kennt keine Kirchen noch irgend welche Sekten mit ihren Lügen-Märchenbüchern. Wendet Euch ab von diesem Unsinn, welches nur Unheil über die Menschen gebracht hat. Großartige Dinge sind niemals, aus der Komfortzonen entstanden. Erst wenn alle Kirchen und Synagogen bis auf die Grundmauern niedergebrannt sind, wird es sich, zum guten wenden. Wir werden „GEMEINSAMals Diener des Staates, etwas ganz Neues aufbauen. Wenn . . . wir ein Volk sind. Wir haben nur die eine Chance „GEMEINSAMErst wenn wir, das Volk, uns „GEMEINSAM“ unsere Macht und Verantwortung zurückholen, kann und wird sich was ändern. Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Wir müssen uns schnellstens Vereinigen. Das ist kein Spaß !!!

Stöbert mal durch meine Blogs. Da liegt noch mehr, zum Thema Preußen und dem Reich

preussen.de – Die offizielle Webseite des Hauses Hohenzollern

 Häufig gestellte Fragen

Erläuterungen zu den aktuellen Diskussionen

1. Wer sind die Hohenzollern und warum stehen sie überhaupt im Licht der Öffentlichkeit?
2. Wieso fordern die Hohenzollern heute eine Entschädigung? Aus welchem Grund und wofür?
3. Was genau fordert die Familie?
4. Wieso fordert die Familie überhaupt etwas zurück? Ist sie nicht schon in der Weimarer Republik entschädigt worden?
5. Will das Haus Hohenzollern auch Schlösser oder andere Immobilien zurück?
6. Will die Familie wirklich Kunstgegenstände zurück? Welche Gegenstände fordern Sie konkret? Sind darunter herausragende bzw. berühmte Stücke?
7. Was soll mit den Mobilien geschehen?
8. Nach EALG kann nur der Ansprüche stellen, dessen Vorfahren weder Kommunismus noch Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet haben. Welche Rolle spielte die Familie Hohenzollern im Dritten Reich?
9. Was will die Familie mit den geforderten Gegenständen und finanziellen Mitteln tun?
10. Warum geht die Familie rechtlich gegen Berichterstattungen vor?
11. Warum werden die Verhandlungen im Geheimen geführt? Warum kann die interessierte Öffentlichkeit nicht daran teilhaben?

Restitutionsansprüche und der Ablauf der Ereignisse

Abdankung

9. November 1918

Mit dem Thronverzicht Kaiser Wilhelms II. und seinem Gang ins niederländische Exil endet die Monarchie in Deutschland. Sämtliches Eigentum des ehemaligen Kaiser- und Königshauses wird durch die Regierung der Weimarer Republik noch im November beschlagnahmt.

Auseinandersetzungsvertrag

12. Oktober 1925

Das Land Preußen und der Generalbevollmächtigte des Hauses Hohenzollern, Friedrich von Berg, unterzeichnen einen Vertrag, in dem abschließend geklärt wird, was dem Haus Hohenzollern als Privatvermögen zusteht und welche Gegenstände (Immobilien und bewegliche Gegenstände) dem Staat zufallen. Dieser Vertrag wird schließlich durch den Preußischen Landtag angenommen und als Gesetz beschlossen.

Volksgesetzgebung

1. Februar 1939

Das NS-Regime verschafft sich per Gesetz die Möglichkeit, in bereits vor 1933 abgeschlossene Auseinandersetzungsverträge einzugreifen.

Enteignung

8. Mai 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird in der SBZ eine sog. Bodenreform durchgeführt. Es werden fast 3,3 Millionen Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzfläche sowie 750.000 Fabriken, Wirtschafts- und Wohngebäude samt lebendem und totem Inventar enteignet. Das gilt auch für das gesamte Eigentum der Familie Hohenzollern in der SBZ.

Mauerfall

9. November 1989

Mit dem Fall der Mauer gab es für viele Familien die Hoffnung, enteigneten Besitz zurückzubekommen.

Wiedervereinigung

3. Oktober 1990

Wie viele tausend andere Betroffene stellt nach der Wiedervereinigung auch Prinz Louis Ferdinand sen. Antrag auf Rückübertragung von enteigneten Grundstücken und sonstigen Vermögenswerten. Aufgrund der unklaren Gesetzeslage scheiterte der Antrag auf Rückübertragung zunächst, bis 1994 eine klare gesetzliche Reglung getroffen wurde.

Generationswechsel

25. September 1994

Prinz Louis Ferdinand sen. stirbt im 86. Lebensjahr. Nachfolger als Chef des Hauses Hohenzollern wird dessen Enkel Georg Friedrich Prinz von Preußen. Der Generationssprung ist bedingt durch den frühen Tod seines Vaters, Prinz Louis Ferdinand jun., der in Folge eines Bundeswehrunfalls im Alter von 33 Jahren ums Leben kam.

EALG

27. September 1994

Das Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz wird verabschiedet.

Ergebnis

bis 2014

Die zuständigen Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen in Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt kommen nach über 20-jähriger Prüfung zu dem Schluss, dass Kronprinz Wilhelm würdig im Sinne des EALG sei und den öffentlich-rechtlichen Ansprüchen der Familie Hohenzollern stattgegeben werden muss. In der Begründung wird auch auf ein Gutachten von Professor Christopher Clark Bezug genommen.

Kanzleramt

26. Februar 2014

Mit dem Ziel einer umfassenden gütlichen Einigung kommt es auf Einladung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu einem ersten Zusammentreffen. Auf Vorschlag der öffentlichen Hand wird Vertraulichkeit vereinbart.

Kehrtwende

20. März 2014

Das Brandenburgische Finanzministerium unter Christian Görke (Die Linke) zieht das Verfahren an sich und erklärt die Entscheidung der drei Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen für nichtig. Parallel dazu gelangen aus unbekannter Quelle vertrauliche Dokumente aus dem Verwaltungsverfahren im Vorfeld der Landtagswahlen an die Presse. Das Haus Hohenzollern stellt in der Folge Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Potsdam.

Gutachter

1. Juni 2014

Der brandenburgische Finanzminister Christian Görke (Die Linke) gibt zwei Gutachten in Auftrag. Auftragnehmer sind die Historiker Dr. Stefan Malinowski (University of Edinburgh) und Professor Peter Brandt (Fernuniversität Hagen). Das Haus Hohenzollern gibt den Wissenschaftlern die Gelegenheit, das Hausarchiv auf der Burg Hohenzollern zu nutzen. Davon wird kein Gebrauch gemacht. Die Ergebnisse der behördlichen Gutachten werden auch an die Presse weitergegeben. Außerdem veröffentlicht Gutachter Malinowski Ergebnisse aus beiden Gutachten im laufenden Verfahren vorab in der Zeitung „Die ZEIT“. Zusätzlich zu Professor Clark (Universität Cambridge) beauftragt Prinz Georg Friedrich mit Professor Wolfram Pyta (Universität Stuttgart, Forschungsstelle Ludwigsburg zur NS-Forschung) einen ausgewiesenen Kenner der Weimarer Republik. Er soll die Rolle des Kronprinzen in der Weimarer Republik und während des NS-Regimes untersuchen.

Ablehnung

27. Oktober 2015

Unabhängig von den stattfindenden Sondierungsgesprächen wird der Antrag der Familie auf Restitution durch das brandenburgische Finanzministerium abgelehnt.

Klage

27. November 2015

Das Haus Hohenzollern reicht Klage vor dem Verwaltungsgericht Potsdam gegen den ablehnenden Bescheid des brandenburgischen Finanzministers ein.

Verfahrenspause

30. Januar 2018

Das Haus Hohenzollern und die Öffentliche Hand einigen sich darauf, dass beim Potsdamer Verwaltungsgericht anhängige Verfahren auszusetzen, um das Ziel einer umfassenden gütlichen Einigung zu ermöglichen.

Erfassung

12. Juni 2018

Die Öffentliche Hand, die Kultureinrichtungen und das Haus Hohenzollern verständigen sich auf eine gemeinsame Bestandsaufnahme der 15.000 in Frage kommenden Objekte, um sie in einer Datenbank zu erfassen.

Weitergabe

1. Juli 2019

Erneut werden Dokumente aus den Verhandlungen an die Öffentlichkeit gegeben.

Anhörung

29. Januar 2020

Die Verhandlungen des Bundes und der Länder mit dem Haus Hohenzollern werden Gegenstand einer Anhörung im Kulturausschuss des Bundestages.

Stellungnahmen und Neuigkeiten

Die Diskussionen um das Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsverfahren des Hauses Hohenzollern mit der öffentlichen Hand sowie dessen Gespräche mit der öffentlichen Hand wurden von Beginn an von einem starken medialen Interesse begleitet. Die Berichterstattung zu dem seit mittlerweile über 25 Jahre währenden Verfahren war dabei stets sachlich und ausgewogen. Mit der selektiven Herausgabe von Dokumenten und deren Veröffentlichung im Juni dieses Jahres wurden vermehrt falsche Tatsachenbehauptungen aufgestellt. Sie wurden wiederholt die Grundlage der öffentlichen Diskussionen. Die Behauptung, die Familie habe „sich des Rechtsystems der BRD bedient, um gegen unliebsame Berichterstattung vorzugehen“ gehört ebenso dazu wie die Behauptung, die Familie würde versuchen „ihre eigene Geschichte umzudeuten“. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, mit zusätzlichen Informationen einer ausgewogeneren Diskussion zu dienen.

Stellungnahme zu einem Artikel in „Der Spiegel“ vom 14. Dezember 2019

„Feldzug gegen Historiker“

Im Magazin „Der Spiegel“ vom 14. Dezember 2019 erschien ein Artikel unter der Überschrift „Historiker kontra Hohenzollern“. Dieser Artikel behandelt den Vorwurf, das Haus Hohenzollern führe „einen juristischen Feldzug“ gegen Historiker. Nahezu zeitgleich mit dessen Erscheinen gab es auf dem Wikipedia-Eintrag zu „Hohenzollern“ bereits einen entsprechenden Link zur Online-Version des Artikels. Im Folgenden werden einzelne […]


Stellungnahme zu einem Artikel in „Der Spiegel“ vom 7. Dezember 2019

Verkauf einer Büste

Im Magazin „Der Spiegel“ vom 7. Dezember 2019 erschien ein Artikel unter der Überschrift „Zwei Übel“. Der Autor dieses Artikels berichtet unter anderem „…der Prinz von Preußen hat schon einmal Gemälde und Skulpturen zurückgefordert, darunter eine Büste von Christian Daniel Rauch. Sie wurde dann in London versteigert.“ Diese Aussage ist falsch. Bei der im Artikel […]


Stellungnahme zur Diskussion über das Hausarchiv der Hohenzollern

Hausarchiv der Familie

Unter der Überschrift „Manipulation der Geschichte“ erschien am 30. Juli 2019 in der „Berliner Zeitung“ ein Interview mit der Historikerin Dr. Carina Urbach. Gleichlautend äußert sich die Wissenschaftlerin auch am 31. Juli im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“. Im Rahmen dieser Veröffentlichungen gab Frau Dr. Urbach grundlagenlos u.a. an, das Hausarchiv der Hohenzollern stünde angeblich […]


Stellungnahme zur Diskussion über das Hohenzollern-Museum

„Deutungshoheit“

Eine besondere Welle der Kritik löste die Nachricht aus, Prinz Georg Friedrich von Preußen „verlange vom Staat“ ein „mit öffentlichen Mitteln finanziertes“ „Familienmuseum“. Darüber hinaus „verlange die Familie ein Mitspracherecht, um die eigene Geschichte umschreiben zu können“. Als Quelle wurde in den meisten Fällen das Vergleichsangebot der Familie an die Öffentliche Hand vom Frühjahr 2019 […]


Samstag, 21. Dezember 2019, 19.20 Uhr Kultur-Doku von Janin Renner und Tita von Hardenberg

Wem gehören die Schätze des Kaisers?

Der Film von Janin Renner und Tita von Hardenberg über das Restitutionsverfahren und die Verhandlungen des Hauses Hohenzollern mit der öffentlichen Hand ist die bisher umfassendste Dokumentation zu diesem Thema. Der Beitrag gibt ausführlich die verschiedenen Sichtweisen wieder, widmet sich aber auch den historischen Hintergründen. Zu Wort kommen unter anderen Wolfgang Thierse (Bundestagspräsident a.D.), Benjamin […]


Agenturmeldungen vom 27. Dezember 2019

„Gekippte Stimmung“

In den vergangenen Tagen haben einige Medienberichte nahegelegt, die Gespräche des Hauses Hohenzollern mit der öffentlichen Hand seien aufgrund von „verlorenem Vertrauen“ seitens der Verhandlungspartner ins Stocken geraten. Das stimmt nicht. Bereits das letzte gemeinsame Treffen des Hauses Hohenzollern mit Vertretern der Länder Berlin, Brandenburg sowie dem Bund am 24.Juli 2019 diente dem Zweck, Fehlinformationen […]


Schreiben an den Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. vom 21. Dezember 2019

Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V.

Zu den öffentlich geäußerten Vorwürfen, das Haus Hohenzollern würde versuchen, wissenschaftliches Arbeiten zu verhindern, nimmt Rechtsanwalt Markus Hennig in einem Brief an den Verein „Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V.“ wie folgt Stellung:   Berlin, den 21. Dezember 2019 Sehr geehrte Damen und Herren, durch eine Pressemeldung vom 14.12.2019 bin ich darauf aufmerksam geworden, der Verband […]

Reichsgründungstag

Ich vertraue nur noch ganz wenigen Menschen, das haben mir die Menschen beigebracht, denen ich bisher vertraut habe.

Am 18. Januar ist Reichsgründungstag. Wir möchten an die Gründung des Königreichs Preußen am 18. Januar 1701 – und 170 Jahre später (und wohl nicht zufällig an genau demselben Tag), an die Gründung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 erinnern.
Auch wenn die Reiche, um deren Gründungen es hier geht, längst Geschichte sind, so ist es doch mehr: Es ist vor allem unsere Geschichte, – erst Brandenburg-Preußens und dann Deutschlands, die wir hier würdigen und die Geschichte geht so:

  • Der damalige preußische Kurfürst von Brandenburg, Friedrich der III. krönte sich selber am 18. Januar 1701 in Königsberg als Friedrich I. zum ersten König in Preußen.
    Das war die Geburtsstunde des Königreichs Preußen, dass so aus dem Kurfürstentum Brandenburg-Preußen entstand.
    Statuen des Königs und seiner Gattin Sophie Charlotte stehen in Berlin zu beiden Seiten der Straße des 17. Juni (Charlottenburger Tor). Er lebte u.a. in seinen Schlössern Köpenick und Friedrichsfelde (im Lichtenberger Tierpark)
  • Der Sohn von Friedrich I., der sogenannte „Soldatenkönig“, Friedrich Wilhelm I., König in Preußen, festigte dann das preußische Königreich durch den Aufbau von Militär und Verwaltung nach Innen (Stichwort: Lange Kerls).
    Er war mit Sophie Dorothea verheiratet und lebte vorwiegend in seinem Schloss in Königs-Wusterhausen.
  • Sein Sohn, Friedrich II. (der Große), König von Preußen, entwickelte Preußen durch Reformen und Eroberungen (Schlesien) zur europäischen Großmacht. Er war mit Elisabeth Christine verheiratet und lebte vorwiegend (allein) auf seinem Schloss Sanssouci (franz. „ohne Sorgen“) in Potsdam.
  • Der Neffe des kinderlosen Friedrich II., Friedrich Wilhelm II. sicherte als Nachfolger den Erhalt der preußischen Monarchie in den aufgewühlten Zeiten nach der französischen Revolution. Dieser König führte erstmals als Hof-Sprache statt Französisch Deutsch ein.
    Er war mit Friederike Luise verheiratet und lebte vorwiegend in seinem Mamorpalais in Potsdam.
  • Sein Sohn, Friedrich Wilhelm III. war der Gatte von Königin Luise. Er verlor durch Napoleons Eroberungen die Hälfte des preußischen Territoriums (alles Land westlich bis zur Elbe).
    Im Zuge der Befreiungskriege gelang seinen Generälen (York, Blücher, Gneisenau, Lützow u.a.) und ihm dann mit russischer, englischer und österreichischer Unterstützung 1813 die Rück- und Neuerwerbung (Stichwort: Wacht am Rhein) von preußischen Gebieten.
    Danach entstand vor allem aus den Reihen der Burschenschaften eine nationale deutsche Einheitsbewegung, das die Schaffung eines deutschen Nationalstaates als parlamentarische Monarchie anstrebte.
    Die deutschsprachigen Fürstentümer schlossen sich nach dem Wiener Kongress 1815 zwar zu einem Deutschen Bund zusammen, aber der war noch kein Nationalstaat, sondern nur ein Fürsten-Bund. Damals ging das Territorium dieses Deutschen Bundes „Von der Maas bis an die Memel….“ wie Hoffmann von Fallersleben im „Lied der Deutschen“ dichtete.
    Friedrich Wilhelm III. lebte mit Königin Luise, vorwiegend in seinem Schloss in Paretz bei Potsdam.
  • Der Sohn Friedrich Wilhelm IV. verteidigte dann die Monarchie in Preußen gegen die Bestrebungen der Revolutionäre von 1848/49 und aus Angst vor der Auflösung des Königreich Preußens in einem deutschen Reich verhinderte er ein vereinigtes deutsches Kaiserreich unter preußischer Führung in seiner Regierungszeit noch.
    Nach der Revolution 1848 gab es aber für alle Länder des Deutschen Bundes bereits ein Gesamt-Parlament, das in der Frankfurter Paulskirche provisorisch tagte, auch wenn die politischen Hauptentscheidungen noch von den einzelnen Staaten des Deutschen Bundes getroffen wurden.
    Friedrich Wilhelm IV. lebte mit seiner Gattin Königin Elisabeth vorwiegend in seinem Schloss Charlottenhof in Potsdam.
  • Als sein Nachfolger berief dann sein Bruder, Wilhelm I., Bismarck zum Kanzler und stimmte 1866 seinem Vorschlag zu, als preußischer König der erste Präsident des Norddeutschen Bundes zu werden (ab 1867).  Dieser Norddeutsche Bund war ein Zusammenschluss der folgenden Königreiche: Preußen, Sachsen, Hannover, und der Herzogtümer Anhalt, Schleswig, Holstein, Mecklenburg und noch diverser kleinerer Fürstentümer.
    Es war der erste Nationalstaat und die erste konstitutionelle Monarchie auf deutschem Boden, also ein Königreich, in dem der König unter einer parlamentarischen Verfassung steht und ein demokratisches Parlament beim Regieren mitbestimmt.  Die Fahne dieses Staates war schwarz-weiß-rot.
    Nach dem Beitritt der süddeutschen Staaten Bayern, Baden, Württemberg, Hessen und einiger kleinerer Staaten, wurde am Januar 1871 der König zum Kaiser Wilhelm I. des nun als „Deutsches Reich“ bezeichneten Staates gekrönt. Die Verfassung und die Flagge wurden beibehalten.
    Wilhelm der I. lebte mit seiner Gattin, Kaiserin Augusta, vorwiegend in seinem Schloss Babelsberg in Potsdam.
    Im Dreikaiserjahr 1888 starben nacheinander Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich der III. Thronfolger wurde als Kaiser Wilhelm II. der Enkel Wilhelm I..
    Er war mit Auguste Victoria verheiratet und lebte lange im Neuen Palais in Potsdam. Das Reich wurde modernisiert und von ihm lang erfolgreich geführt.
    Am 9. November 1918 endete damals das Deutsche Kaiserreich wie viele europäische Großreiche nach dem 1. Weltkrieg, durch den Sturz der parlamentarischen Monarchie und der Errichtung der Weimarer Republik.

Originaltext aus „DAS SCHÖNE DEUTSCHLAND LANDSCHAFT – KUNST UND KULTUR“ „Der Preußische Landrücken“ von 1930

 Der letzte Ausläufer des Baltischen Höhenzuges auf deutschem Boden ist der Preußische Landrücken, der sich hier zu beträchtlichen Höhen erhebt, in der Kernsdorfer Höhe bei Osterode über 300 m erreicht und fast die gleiche Höhe auch in der Umgebung von Goldap aufweist. Der breite Landrücken ist eine ausgesprochene Wasserscheide; zahlreiche Seen zeichnen ihn aus, die entweder zerstreut liegen oder in Gruppen angeordnet sind.

Besonders seenreich ist der südliche Teil, die Landschaft Masuren, wo auch als größter der Spirdingsee mit 106 qkm und nördlich davon der schöne Mauersee liegt. Masuren gehört mit seinen Moränenzügen, seinen Rinnenseen und langen Tälern, seinen unermeßlichen Wäldern zu den schönsten Teilen Norddeutschlands. Nördlich davon liegt die Ostbaltische Vorstufe, eine Grundmoränenlandschaft mit geringen Niveauunterschieden, der noch weiter nördlich die Tertiärscholle des Samlandes vorgelagert ist. Dieses ganze Land ist typisches Ackerbaugebiet, das besonders in den breiten Flußniederungen recht fruchtbar ist. Näher zur Küste überwiegt das Weideland und damit die Viehzucht. Leider wird durch das kontinentale Klima die Nutzung des Bodens beeinträchtigt; der Frühling beginnt erst sehr spät, und häufig treten die ersten Nachtfröste auf, bevor die Ernte eingebracht ist.

Die herrschende Besitzform ist der Großgrundbesitz. Deshalb gibt es verhältnismäßig wenig Dörfer, deshalb sind die Verkehrsverhältnisse teilweise noch recht ungünstig. Zwei Hauptlinien verbinden Berlin mit dem Osten; die nördliche führt über Landsberg, Kreuz, Schneidemühl, durch den Polnischen Korridor und weiter über Elbing nach Königsberg und Tilsit. Die südliche verläuft über Thorn nach Osterode, Allenstein, Insterburg; sie durchzieht das Gebiet der großen Seen.

Seit der Einrichtung des Polnischen Korridors hat der Seeverkehr stark zugenommen; von Swinemünde aus fahren Personen- und Frachtdampfer nach Danzig und den Häfen Ostpreußens.

Die Städte Ostpreußens sind meist landwirtschaftliche Märkte. Wichtig ist Allenstein, das den Verkehr der verschienden Richtungen sammelt und ein Zentrum für die weitere Umgebung darstellt. Hier ist das großartige Schloß mit dem prächtigen Remter eine Sehenswürdigkeit. Einige Bedeutung haben auch die Städte Gumbinnen, Insterburg und Wehlau. Im westpreußischen Gebiet sind Marienburg mit dem großmächtigen Schloß der Ordensritter, die einst den Osten germanisierten, und das betriebsame Elbing mit Maschinenfabriken und Werften zu nennen.

Von der Weichsel bis zur Memel schließen sich die folgenden Landschaften aneinander: Pomeranien, Hockerland, Pogesanien, Ermeland, Natangen, Samland und Masuren. Für den Fremdenverkehr kommen nur die beiden letzteren in Frage. Das Samland werden wir zugleich mit dem Küstenstrich im nächsten Abschnitt besuchen; Masuren, das Land der großen Schlachten, läßt sich besonders gut unter Benutzung der kleinen Motorboote und Schiffe bereisen. Dabei lernen wir all die zahlreichen kleinen Landstädte kennen, deren Namen uns von den ersten Kämpfen des Weltkrieges her bekannt sind, bevor Hindenburg die Russen aus dem Lande trieb. Masuren, ein Seen- und Waldidyll im deutschen Osten, sollte viel mehr durchwandert werden, nicht nur wegen seiner landschaftlichen Schönheiten, sondern auch wegen seiner Bedeutung als Vorposten deutscher Kultur gegen das Slawentum.

 

Originaltext aus „DAS SCHÖNE DEUTSCHLAND LANDSCHAFT – KUNST UND KULTUR“
Auszug aus „Die Ostseeküste“ von 1930

Östlich von Danzig breitet sich das 850 qkm große Frische Haff aus, das immer mehr versandet und das gegen die Danziger Bucht durch die Frische Nehrung abgegrenzt wird, die nur bei Pillau den Zugang zum Haff freigibt. Diese Pforte wurde aber erst 1510 durch eine Sturmflut gewaltsam geschaffen, während andere im Laufe der Zeiten durch den Sand verschlossen wurden. Die Frische Nehrung ist ein nur 1 km breites Sandgebiet mit kümmerlichem Kiefernbestand; ihre Dünen sind in letzter Zeit künstlich festgelegt worden.

An der Innenküste liegt Kadinen, ein dem früheren Kaiser gehörendes Rittergut und Gestüt, ferner Frauenburg, dessen Domherr der große Nikolaus Kopernikus gewesen ist. In einem Vorsprung der Küste finden sich die Reste des Ordensschlosses Balga, hier biegt der Strand nach Nordosten um, und unweit der Mündung des Pregels liegt hier Ostpreußens Hauptstadt Königsberg, die Stadt Kants, der geistige Mittelpunkt Ostpreußens.

Nördlich davon liegt die hohe Platte des Samlandes, die im Brüster Ort weit nach Norden vorspringt. Alle Erscheinungen der Grundmoränenlandschaft treffen wir hier wieder an: ein welliges Hügelland, in das Bäche tiefe Rinnen eingeschnitten haben, das mit schönem Laubwald bekleidet ist und jäh zum Meeresspiegel abfällt. Eine Reihe kleiner, aber sehr schöner Badeorte liegt hier am Strand oder im Wald: Tenkitten, Palmnicken an der Westseite, Rauschen, Neukuhren und Cranz an der Nordseite.

Das Samland ist berühmt durch seinen Bernstein, das erhärtete Harz vorweltlicher Kiefern, die hier während der Tertiärzeit grünten. Durch ungeheure Katastrophen müssen die Wälder vernichtet worden sein; das aus den Stammwunden herabfließende Harz schloß Blüten, Blättchen sowie die mannigfaltigsten Insekten ein und bewahrte deren Formen, so daß wir über die Kleinwelt der Vorwelt auf das genaueste unterrichtet sind.

Bei Cranz setzt die Kurische Nehrung an, die das gewaltige Kurische Haff mit 1600 qkm abschließt. Das Küstengebiet wird von großen Wäldern und flachen, sumpfigen Niederungen bedeckt; im Ibenhorster Forst kommt noch der Elch auf freier Wildbahn vor. Die Bevölkerung besteht hier großenteils aus Litauern, die manch alte Sitten und Gebräuche haben. Am Ruß verläuft die neue Grenze; jenseits liegt das Memelland.

Die Kurische Nehrung ist die größte und schönste Nehrung. Fast 100 km lang und zwischen 1/2 und 4 km breit zieht sich das mit hohen Dünenbergen erfüllte Sandgebiet hin; nur an einigen Stellen von Feldern und Wiesen unterbrochen. Der Wald ist durch den Flugsand der wandernden Dünen fast ganz vernichtet worden, Baumskelette ragen bisweilen aus der kahlen Einöde hervor. Auch Dörfer sind dem Sand zum Opfer gefallen; bei Kunzen erreichte 1800 die Düne den Ort und deckte Kirche und Häuser zu, nur wenige Reste zeugen hier von der ehemaligen Siedlung. Durch künstliche Befestigung sucht man die Dünen zur Ruhe zu bringen; man legt Strauchwerk als ersten Halt an, pflanzt langwurzelige Gräser, um den Boden zu binden und hat auf diese Weise in zäher Arbeit schon viel gewonnen. Weite Bezirke aber werden noch von typischen Wanderdünen eingenommen; der Wind jagd den Sand die Steilseiten hinauf und läßt ihn windabgewendet wieder fallen: so ist ein ewiges Weiterschreiten zu beobachten, und wenn nicht von den Kämmen der Dünenberge aus die Meereswellen sichtbar wären, könnte man sich in die Sahara versetzt denken.

Die Bewohner dieser Nehrung sind teils reine Deutsche, teils Deutsch-Litauer. Weltberühmt ist hier in der Einsamkeit Rossitten geworden, die große Vogelwarte, auf der der Vogelzug beobachtet und jedem gefangenen Vogel ein Kontrollring angeheftet wird. So ist der Name der Vogelwarte bis weit nach Afrika getragen worden, und durch planmäßige Beobachtung konnte manches über die Wanderstraßen der Vögel festgestellt werden.

Die Kurische Nehrung läßt nur einen flachen Zugang zum Meer frei, dem gegenüber die Stadt Memel liegt. Früher ging von hier die deutsche Küste noch ein Stückchen weiter, um beim Dörfchen Nimmersatt die russische Grenze zu erreichen.

 

Originaltext aus „Deutschland ein Handbuch“ von 1937

Ostpreußen, östlichste Provinz Preußens zwischen Weichsel und Memelstrom, mit dem östlichsten und nördlichsten Grenzpunkt des Reichs, ist seit 1920 durch den „Korridor“ vom Reich abgetrennt. Es grenzt mit 608.8 km an Polen, mit 232.2 km an Litauen bzw. das unter lit. Oberhoheit gestellte Memelgebiet, hat 2 333 300 Einwohner auf rund 37 000 qkm und steht der Bevölkerungsdichte nach (63,1 E. je qkm) an drittletzter Stelle vor Mecklenburg und der Grenzmark Posen-Westpreußen. Ostpreußen ist vorwiegend Agrarland, aber keineswegs ein Land der Großagrarier, als das es vielfach gilt. Fast die Hälfte aller Landwirtschaftsbetriebe war 1933 nicht größer als 5-20 ha; 56.9 von Hundert aller Einwohner leben in Gemeinden unter 2000 Einwohner. Hochentwickelt ist Ostpreußens Viehzucht, berühmt seine Pferdezucht (Trakehnen!). Mit 1254 Zuchthengsten stand es Mai 1936 weitaus an erster Stelle im Reich vor Bayern mit nur 701 Hengsten. Der durch Versailles geschaffenen wirtschaftlichen und politischen Sonderlage trägt der Erich-Koch-Plan (maßvolle Industrialisierung, Steigerung der Bevölkerungsdichte usw.) Rechnung.

Die Geschichte Ostpreußens ist unlöslich mit der des Deutschen Ritterordens verknüpft, der ab 1230 das ursprünglich germanische Land dem Deutschtum wiedergewann. 1525 wurde der Ordensstaat Herzogtum, 1618 dieses mit Kur-Brandenburg vereinigt. 1701 wurde das Herzogtum Preußen Königreich. Die lange Reihe verwüstender Kriege schloß bisher der Weltkrieg (Schlacht bei Tannenberg, Winterschlacht in Masuren u. a. m.), der 35 Städte und 1500 Dörfer vernichtete. Versailles brachte schmerzliche Gebietsverluste (Korridor, Danzig, Memel). Weitere verhinderte die Abstimmung von 1920, die in Ostpreußen 97.5 v. H., in Westpreußen 93 v. H. deutscher Stimmen ergab. Der östliche Rest der Provinz Westpreußen kam als Reg.-Bez. Westpreußen zu Ostpreußen.

Die Landschaft ist im Stromgebiet von Memel und Pregel flach, sonst buntbewegt. Die Eiszeit formte Höhen bis zu 313 m und hinterließ über 1200 Seen, die im Verein mit riesigen Forsten (Johannisburger Heide, Rominter Heide, Rothebuder Forst) Landschaftsbilder von bezwingender Schönheit bieten. Die meist 6-700jährigen Städte sind fast ausnahmslos Gründungen des Ordens; in vielen blieben beachtliche Burg- und Dombauten erhalten. Die Bevölkerung zählt zu ihren Ahnen alle deutschen Stämme, dazu Holländer, Franzosen, Schweizer, Salzburger, die im Laufe der Jahrhunderte angesiedelt wurden. Weitaus am schwächsten sind der polnische und litauische Einschlag. In den letzten Jahren ist Ostpreußen als Reiseziel beliebt. Sondertarife der Reichsbahn und der „Seedienst Ostpreußen“ erleichtern wesentlich den Verkehr.

Agnes Miegel

 Agnes Miegel, am 9. März 1879 in Königsberg geboren, besuchte die Höhere Mädchenschule in Königsberg.

In Berlin zur Kinderschwester ausgebildet, Erzieherin in einem Mädcheninternat bei Bristol. Sie kehrte wegen Krankheit der Eltern an ihren Geburtsort zurück, wo sie die Jahre 1906 bis 1945 mit wenigen Reiseunterbrechungen verbrachte.

Journalistin und Schriftleiterin, ab 1927 freie Schriftstellerin, 1916 Kleist-Preis, 1924 Ehrendoktorwürde der Albertina, 1939 Ehrenbürgerin von Königsberg, 1940 Goethe-Preis von Frankfurt am Main.

1945 Flucht nach Dänemark, 1946 Aufnahme in Schloß Apelern. Lebte ab 1948 in Bad Nenndorf, 1954 Ehrenbürgerin, gestorben am 26. Oktober 1964 in Bad Salzuflen.

Eine detaillierte Biografie sowie eine übersicht ihrer Werke finden Sie auf der Webseite der

Agnes-Miegel-Gesellschaft in Bad Nenndorf

www.agnes-miegel-gesellschaft.de

Originaltext aus „Agnes Miegel / Gesammelte Gedichte“ von 1936

       Die Frauen von Nidden

Die Frauen von Nidden standen am Strand,
über spähenden Augen die braune Hand
Und die Böte nahten in wilder Hast,
Schwarze Wimpel flogen züngelnd am Mast.

Die Männer banden die Kähne fest
Und schrieen: „Drüben wütet die Pest!
In der Niedrung von Heydekrug bis Schaaken
Gehen die Leute im Trauerlaken!“

Da sprachen die Frauen: „Es hat nicht Not,
Vor unsrer Türe lauert der Tod,
Jeden Tag den uns Gott gegeben,
Müssen wir ringen um unser Leben.

Die wandernde Düne ist Leides genug,
Gott wird uns verschonen, der uns schlug!“ – – –
Doch die Pest ist des Nachts gekommen
Mit den Elchen über das Haff geschwommen.

Drei Tage lang und drei Nächte lang
Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang.
Am vierten Morgen schrill und jach
Ihre Stimme in Leide brach.

Und in dem Dorfe, aus Kate und Haus,
Sieben Frauen schritten heraus,
Sie schritten barfuß und tiefgebückt
In schwarzen Kleidern buntgestickt.

Sie klommen die steile Düne hinan,
Schuh und Strümpfe legten sie an,
Und sie sprachen: „Düne, wir sieben
Sind allein noch übriggeblieben.

Kein Tischler lebt der den Sarg uns schreint,
Nicht Sohn und nicht Enkel der uns beweint,
Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben,
Nicht Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben –

Nun, weiße Düne, gib wohl acht:
Tür und Tor ist dir aufgemacht,
In unsre Stuben wirst du gehn,
Herd und Hof und Schober verwehn.

Gott vergaß uns, er ließ uns verderben.
Sein verödetes Haus sollst du erben,
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben, –
Nur, Mütterchen, komm uns zu begraben!

Schlage uns still ins Leichentuch,
Du unser Segen, einst unser Fluch. –
Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh“ –

Und die Düne kam und deckte sie zu.

Ostpreußen Königsberg

Königsberger Geschichte

1254-1255 Auf Wunsch von Herzog Konrad von Masowien hatte sich ein großes Kreuzheer des Deutschen Ordens unter der Führung des Böhmenkönigs Ottokar II. Przemysl bei Elbing gesammelt. Das Heer sollte die heidnischen Prussen bekämpfen und bekehren.

Nach Einzug in das Samland im Januar 1255, begann man im Frühjahr mit dem Bau einer Burg auf dem ca. 15 Meter hohen Hügel Twangste jenseits des Pregels.   Die Burg Königsberg.

1255-1260 Zunächst als eine provisorische Holzfestung begonnen, wurde der Bau einer steinernen Festung durch einen Aufstand der Prussen im Jahre 1260 unterbrochen.
1265 Die Prussen ziehen 1265 ohne die Einnahme Königsbergs wieder ab.
1265-1286 Nach 1265 weiterer Ausbau der Burg und Trockenlegung des südlichen Geländes zum Pregel.
Anlegung von Straßen u.a. der Altstädtischen Langgasse.Im Westen endete sie am Steintor und im Osten am Löbenichtschen Tor. Von Süden gelangte man durch das Krämertor (auch St.-Georgs-Tor) zur ältesten Brücke Königsbergs: der Krämerbrücke.
1283 Die Prussen geben sich 1283 endgültig geschlagen.
28.02.1286 Übergabe der Handfeste (Gründungsurkunde) der Altstadt nach kulmischem Recht durch Landmeister Konrad von Tierberg
27.05.1300 Die östlich gelegene Handwerkersiedlung, erhält das kulmische Stadtrecht und heißt Löbenicht.
06.04.1327 Die südlich gelegene Siedlung der Kaufleute auf der Pregelinsel erhält vom Hochmeister Werner von Orseln das kulmische Stadtrecht.
Als Bezeichnung setzt sich der prussische Name Knipaw als Kneiphof durch.Hauptachse war die Kneiphöfische Langgasse von der Krämerbrücke im Norden bis zur Grünen Brücke im Süden.
1330 Der Königsberger Dom auf der Ostseite des Kneiphofs ist im Bau.
1454 Dem Hochmeister wird in Thorn der Gehorsam aufgekündigt. Die Burg Königsberg wird der Bürgerschaft kampflos übergeben, welche Teile der Burg anschließend zerstört.
24.03.1455 Die Zünfte stellen sich auf die Seite des Deutschen Ordens und verschanzen sich über drei Monate auf dem Kneiphof.
1457 Der Hochmeister Ludwig von Erlichshausen verlegt seinen Sitz von der Marienburg nach Königsberg. Die drei Städte werden gemeinsam Haupt- und Hansestadt.
27.09.1523 Erste evangelische Predigt im Königsberger Dom
10.04.1525 Der Ordensstaat ist ab jetzt ein weltliches Herzogtum.
1524 Gründung der ersten Königsberger Druckerei
17.08.1544 Einweihung der Universität (Albertina), die am 11.12.1542 als herzogliche Schule eröffnet wurde
1697 Zar Peter der Große weilt bei einer 18-monatigen Europareise für knapp einen Monat in der Stadt und lernt hier u.a. das preußische Artilleriewesen kennen.
Er trifft den Kurfürsten Friedrich III (der spätere König Friedrich I). Dieser Aufenthalt ist der Anfang der kulturellen Beziehungen zwischen Preußen und Russland.
1912 Die Stadthalle von Architekt Richard Seel wird fertiggestellt.
19.09.1929 Der Hauptbahnhof wird eröffnet. Baubeginn war bereits 1913 – für die lange Verzögerung sorgte der 1. Weltkrieg und die nachfolgende Wirtschaftskrise.
26./27. August 1944 Die Stadt wird nach Mitternacht von der No. 5 Group der britischen Royal Air Force bombadiert. Der Angriff wird mit 174 Lancaster-Bombern durchgeführt; 4 Maschinen gehen verloren. Die Bildaufklärung ergibt, dass der östliche Teil der Stadt bombardiert wurde. Für das Ziel ist kein Bericht erhältlich.
29./30. August 1944 Königsberg wird in dieser Nacht mit 189 Lancaster-Bombern erneut bombardiert. Es gehen 15 Maschinen verloren, da es über der Stadt zum schweren Kampf mit deutschen Abwehrjägern kommt. Die Bomber müssen wegen einer tiefen Wolkendecke 20 Minuten abwarten, bis das Markierungsflugzeug eine Lücke findet. Es gibt vier Zielpunkte und es werden 480 Tonnen Bomben abgeworfen. Durch die starke Bombardierung wird die historische Innenstadt wird nahezu komplett zerstört Die Außenbezirke tragen ebenfalls große Schäden davon. Das Bomber Command schätzt, dass 41% aller Häuser und 20% der Königsberger Industrie zerstört wurden.
Januar 1945 Königsberg wird von Hitler zur Festung erklärt.
31.01.1945 Königsberg ist von der Roten Armee eingeschlossen.
06.04.1945 Die Rote Armee beginnt mit 5 Armeen den Sturm auf Königsberg.
09.04.1945 Die Militärführung der Stadt unter General Otto Lasch ergibt sich. Zu diesem Zeitpunkt stehen die russischen Soldaten bereits auf dem Universitätsplatz, unter dem sich der Bunker von Lasch befindet.
April 1945 Die russischen Soldaten dürfen die Stadt 3 Tage plündern.
09.05.1945 Letzter Wehrmachtsbericht:
Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Damit ist das fast sechsjährige heldenhafte Ringen zu Ende. Es hat uns große Siege, aber auch schwere Niederlagen gebracht.Den Leistungen und Opfern der deutschen Soldaten zu Lande, zu Wasser und in der Luft wird auch der Gegner die Achtung nicht versagen. Jeder Soldat kann deshalb die Waffe aufrecht und stolz aus der Hand legen und in den schwersten Stunden unserer Geschichte tapfer und zuversichtlich an die Arbeit gehen für das ewige Leben unseres Volkes.
30.09.1945 Die erste sowjetische Gedenkstätte wird eingeweiht. Sie erinnert an die beim Sturm auf Königsberg gefallenen 1200 Soldaten, die hier in einem Massengrab bestattet wurden.

  • 1946 kommen die Skulpturen Sturm und Sieg hinzu.
  • Am 9. Mai 1960 wird die Ewige Flamme entzündet.
  • 1961 wird Stalin vom Obelisken getilgt.
  • Zum Jubiläum 1995 wird eine Kapelle gebaut.
  • Bei der Sanierung 2005 wird Stalin wieder hinzugefügt und ein kleiner „Park des Sieges“ angelegt.
Bildquelle: commons.wikimedia.org   Fotograf: Tassadar   CC-BY-SA
04.07.1946 Königsberg wird in Kaliningrad umbenannt.
1946 Die Kaliningradskaja Oblast wird militärisches Sperrgebiet und Ausländer dürfen sie für 45 Jahre nicht mehr betreten.
25.07.1947 Kaliningrad wird in vier Bezirke aufgeteilt:
Stalingrader, Leningrader, Moskauer und Baltischer Rajon
1948 Fast alle Deutschen sind ausgewiesen. Einige bleiben unter Verleugnung ihrer Identität in der Stadt.
1949 Die ehemalige Innenstadt mit Domruine und Börse

07.01.1952 Der Stalingrader Rajon wird geteilt und es entsteht der Zentralbezirk.
05.11.1961 Der Stalingrader Rajon wird in Oktoberbezirk umbenannt.
1969 Die Ruine des Königsberger Schlosses wird gesprengt und beseitigt.
1981-86 Die 1944 zerstörte Stadthalle wird in veränderter Form wieder aufgebaut.
Die Ruine war zuvor in mehreren Kriegsfilmen zu sehen.
1989 Die ersten wenigen Deutschen dürfen nach Kaliningrad einreisen.
12.09.1990 Die BRD unterzeichnet den Zwei-plus-Vier-Vertrag und verzichtet damit auf die Ostgebiete.
14.11.1990 Die BRD schließt mit Polen den Deutsch-Polnischen Grenzvertrag und erkennt so die Oder-Neiße-Grenze als unverletzlich an.
1991 Das Kaliningrader Gebiet wird für ausländische Besucher geöffnet.
01.11.1994 Die Kaliningrader Gebietsverwaltung beschließt den Wiederaufbau des Königsberger Domes.
1996 Das Kaliningrader Gebiet wird zur Sonderwirtschaftszone erklärt, um Investitionen zu fördern.
1999 Im Fort 3 werden 28.000 Gegenstände der Prussia-Sammlung entdeckt.
Seit dem Zweiten Weltkrieg befindet sich ein Teil der Sammlung im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte und kleinere Teile im Ermländisch-Masurischen Museum in Allenstein und in Litauen.
12.02.2004 Joschka Fischer eröffnet am 200. Todestag Immanuel Kants das deutsche Generalkonsulat. Dieses wird anschließend provisorisch im Hotel Albertina untergebracht. Der erste Generalkonsul ist Cornelius Sommer.
01.07.2005 Die Stadt feiert nach großen Diskussionen 750 Jahre Kaliningrad. Es wurden im Vorwege viele Projekte zur Stadtverschönerung durchgeführt.
Seitdem blüht die Stadt auf und man erkennt auch die preußische Geschichte wieder an.
Juli 2005 Die 1999 gefundenen Gegenstände der Prussia-Sammlung wurden restauriert und können in einer Dauerausstellung im Museum für Geschichte und Kunst (ehem. Stadthalle) besichtigt werden.
Dies sind die verloren geglaubten Stücke aus der bedeutenden Schausammlung des Prussia-Museums im Königsberger Schloss.
19.04.2007 Die Visastelle des deutschen Generalkonsulats nimmt ihre Arbeit auf.
2007 Kaliningrad boomt und es herrscht Fachkräftemangel.
Mai 2008 Das Friedrichsburger Tor wird unter Regie des Weltmeeresmuseums bis 2010 restauriert. Anschließend wird dort ein Museum über russischen Segelschiffbau und Zar Peter dem Großen untergebracht.
2009 Bei Bauarbeiten werden im ehemaligen Keller der Freimauererloge „Zu den drei Kronen“ weitere Stücke der Prussia-Sammlung entdeckt.
17.10.2011 Symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge an alter Stelle
09.2012 Kaliningrad wird einer der Austragungsorte der Fussball-WM 2018 in Russland.

 

Fortsetzung folgt…

 

Quellen:

Königsberg/Kaliningrad und das nördiche Ostpreußen – Henning Sietz – Edition Temmen – 1996
Internet

Verfassung des Deutschen Reiches von 1871

Gesetz betreffend die Verfassung des Deutschen Reiches.

Bismarcksche Reichsverfassung vom 16. April 1871

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc.
verordnen hiermit im Namen des Deutschen Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrathes und des Reichstages, was folgt:

§ 1

An die Stelle der zwischen dem Norddeutschen Bunde und den Großherzogthümern Baden und Hessen vereinbarten Verfassung des Deutschen Bundes (Bundesgesetzblatt vom Jahre 1870, S. 627 ff.), sowie der mit den Königreichen Bayern und Württemberg über den Beitritt zu dieser Verfassung geschlossenen Verträge vom 23. und 25. November 1870 (Bundesgesetzblatt 1871, S. 9 ff. und vom Jahre 1870, S. 654 ff.) tritt die beigefügte

Verfassung-Urkunde für das Deutsche Reich

§ 2

[1] Die Bestimmungen in Artikel 80 der in § 1 gedachten Verfassung des Deutschen Bundes, unter III. § 8 des Vertrages mit Bayern vom 23. November 1870, in Artikel 2 Nr. 6 des Vertrages mit Württemberg vom 25. November 1870 über die Einführung der im Norddeutschen Bunde ergangenen Gesetze in diesen Staaten bleiben in Kraft.
[2] Die dort bezeichneten Gesetze sind Reichsgesetze. Wo in denselben von dem Norddeutschen Bunde, dessen Verfassung, Gebiet, Mitgliedern oder Staaten, Indigenat, verfassungsmäßigen Organen, Angehörigen, Beamten, Flagge usw. die Rede ist, sind das Deutsche Reich und dessen entsprechende Beziehungen zu verstehen.
[3] Dasselbe gilt von denjenigen im Norddeutschen Bunde ergangenen Gesetzen, welcher in der Folge in einem der genannten Staaten eingeführt werden.

§ 3

Die Vereinbarungen in dem zu Versailles am 15. November 1870 aufgenommenen Protokolle (Bundesgesetzblatt vom Jahre 1870, S. 650 ff.), in der Verhandlung zu Berlin vom 25. November 1870 (Bundesgesetzblatt vom Jahre 1870, S. 657), dem Schlußprotokolle vom 23. November 1870 (Bundesgesetzblatt vom Jahre 1871, S. 23 ff.), sowie unter IV. des Vertrages mit Bayern vom 23. November 1870 (aaO. S. 21 ff.) werden durch dieses Gesetz nicht berührt.

Verfassung des Deutschen Reichs

Seine Majestät der König von Preußen im Namen des Norddeutschen Bundes, Seine Majestät der König von Bayern, Seine Majestät der König von Württemberg, Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden und Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen und bei Rhein für die südlich vom Main gelegenen Theile des Großherzogtums Hessen, schließen einen ewigen Bund zum Schutze des Bundesgebietes und des innerhalb desselben gültigen Rechtes, sowie zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Volkes. Dieser Bund wird den Namen Deutsches Reich führen und wird nachstehende Verfassung haben.

I. Bundesgebiet

Artikel 1

Das Bundesgebiet besteht aus den Staaten Preußen mit Lauenburg, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg, Braunschweig, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Koburg-Gotha, Anhalt, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Waldeck, Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie, Schaumburg-Lippe, Lippe, Lübeck, Bremen und Hamburg.[1]

II. Reichsgesetzgebung

Artikel 2

Innerhalb dieses Bundesgebietes übt das Reich das Recht der Gesetzgebung nach Maßgabe des Inhalts dieser Verfassung und mit der Wirkung aus, daß die Reichsgesetze den Landesgesetzen vorgehen. Die Reichsgesetze erhalten ihre verbindliche Kraft durch ihre Verkündigung von Reichswegen, welche vermittelst eines Reichsgesetzblattes geschieht. Sofern nicht in dem publizirten Gesetze ein anderer Anfangstermin seiner verbindlichen Kraft bestimmt ist, beginnt die letztere mit dem vierzehnten Tage nach dem Ablauf desjenigen Tages, an welchem das betreffende Stück des Reichsgesetzblattes in Berlin ausgegeben worden ist.

Artikel 3

[1] Für ganz Deutschland besteht einen gemeinsames Indigenat mit der Wirkung, daß der Angehörige (Unterthan, Staatsbürger) eines jeden Bundesstaates in jedem anderen Bundesstaate als Inländer zu behandeln und demgemäß zum festen Wohnsitz, zum Gewerbebetriebe, zu öffentlichen Aemtern, zur Erwerbung von Grundstücken, zur Erlangung des Staatsbürgerrechtes und zum Genusse aller sonstigen bürgerlichen Rechte unter denselben Voraussetzungen wie der Einheimische zuzulassen, auch in Betreff der Rechtsverfolgung und des Rechtsschutzes demselben gleich zu behandeln ist.
[2] Kein Deutscher darf in der Ausübung dieser Befugniß durch die Obrigkeit seiner Heimath, oder durch die Obrigkeit eines anderen Bundesstaates beschränkt werden.
[3] Diejenigen Bestimmungen, welche die Armenversorgung und die Aufnahme in den lokalen Gemeindesverband betreffen, werden durch den im ersten Absatz ausgesprochenen Grundsatz nicht berührt.
[4] Ebenso bleiben bis auf Weiteres die Verträge in Kraft, welche zwischen den einzelnen Bundesstaaten in Beziehung auf die Uebernahme von Auszuweisenden, die Verpflegung erkrankter und die Beerdigungen verstorbener Staatsangehörigen bestehenden.
[5] Hinsichtlich der Erfüllung der Militairpflicht im Verhältniß zu dem Heimathslande wird im Wege der Reichsgesetzgebung das Nöthige geordnet werden.
[6] Dem Auslande gegenüber haben alle Deutschen gleichmäßig Anspruch auf den Schutz des Reichs.

Artikel 4

Der Beaufsichtigung Seitens des Reichs und der Gesetzgebung desselben unterliegen die nachstehenden Angelegenheiten:
1) die Bestimmungen über Freizügigkeit, Heimaths- und Niederlassungs-Verhältnisse, Staatsbürgerrecht, Paßwesen und Fremdenpolizei und über den Gewerbebetrieb, einschließlich des Versicherungswesens, soweit diese Gegenstände nicht schon durch den Artikel 3 dieser Verfassung erledigt sind, in Bayern jedoch mit Ausschluß der Heimaths- und Niederlassungs-Verhältnisse, desgleichen über die Kolonisation und die Auswanderung nach außerdeutschen Ländern;
2) die Zoll- und Handelsgesetzgebung und die für die Zwecke des Reichs zu verwendenden Steuern;
3) die Ordnung des Maaß-, Münz- und Gewichtsystems nebst Feststellung der Grundsätze über die Emission von fundirtem und unfundirtem Papiergelde;
4) die allgemeinen Bestimmungen über das Bankwesen;
5) die Erfindungspatente;
6) den Schutz des geistigen Eigenthums;
7) Organisation eines gemeinsamen Schutzes des deutschen Handels im Auslande, der deutschen Schiffahrt und ihrer Flagge zur See und Anordnung gemeinsamer konsularischer Vertretung, welche vom Reiche ausgestattet wird;
8) das Eisenbahnwesen, in Bayern vorbehaltlich der Bestimmungen in Artikel 46, und die Herstellung von Land- und Wasserstraßen im Interesse der Landesvertheidigung und des allgemeinen Verkehrs;
9) der Flößerei- und Schiffahrtbetrieb auf den mehreren Staaten gemeinsamen Wasserstraßen und der Zustand der letzteren, sowie die Fluß- und sonstigen Wasserzölle;[2]
10) das Post- und Telegraphenwesen, jedoch in Bayern und Württemberg nur nach Maßgabe der Bestimmungen in Artikel 52;
11) Bestimmungen über die wechselseitige Vollstreckung von Erkenntnissen in Civilsachen und Erledigung von Requisitionen überhaupt;
12) sowie über die Beglaubigung von öffentlichen Urkunden;
13) die gemeinsame Gesetzgebung über das Obligationenrecht, Strafrecht, Handels- und Wechselrecht und das gerichtliche Verfahren;[3]
14) das Militairwesen des Reichs und die Kriegsmarine;
15) Maßregeln der Medizinal- und Veterinairpolizei;
16) die Bestimmungen über die Presse- und das Vereinswesen.

Artikel 5

[1] Die Reichsgesetzgebung wird ausgeübt durch den Bundesrath und den Reichstag. Die Uebereinstimmung der Mehrheitsbeschlüsse beider Versammlungen ist zu einem Reichsgesetze erforderlich und ausreichend.
[2] Bei Gesetzesvorschlägen über das Militairwesen, die Kriegsmarine und die im Artikel 35 bezeichneten Abgaben giebt, wenn im Bundesrathe eine Meinungsverschiedenheit stattfindet, die Stimme des Präsidiums[4] den Ausschlag, wenn sie sich für die Aufrechterhaltung der bestehenden Einrichtungen ausspricht.

III. Bundesrath

Artikel 6

[1] Der Bundesrath besteht aus den Vertretern der Mitglieder des Bundes, unter welchen die Stimmführung sich in der Weise vertheilt, daß Preußen mit den ehemaligen Stimmen von
Hannover, Kurhessen, Holstein, Nassau und Frankfurt

17 Stimmen

führt, Bayern …………………………………………………….

6 „

Sachsen …………………………………………………………. 4 „
Württemberg …………………………………………………… 4 „
Baden ……………………………………………………………. 3 „
Hessen …………………………………………………………… 3 „
Mecklenburg-Schwerin ………………………………………… 2 „
Sachsen-Weimar ……………………………………………….. 1 „
Mecklenburg-Strelitz …………………………………………… 1 „
Oldenburg ……………………………………………………….. 1 „
Braunschweig …………………………………………………… 2 „
Sachsen-Meiningen …………………………………………….. 1 „
Sachsen-Altenburg …………………………………………….. 1 „
Sachsen-Koburg-Gotha ……………………………………….. 1 „
Anhalt ……………………………………………………………. 1 „
Schwarzburg-Rudolstadt ………………………………………. 1 „
Schwarzburg-Sondershausen …………………………………. 1 „
Waldeck …………………………………………………………. 1 „
Reuß älterer Linie ………………………………………………. 1 „
Reuß jüngerer Linie …………………………………………….. 1 „
Schaumburg-Lippe ……………………………………………… 1 „
Lippe …………………………………………………………….. 1 „
Lübeck …………………………………………………………… 1 „
Bremen …………………………………………………………… 1 „
Hamburg …………………………………………………………. 1 „

zusammen

58 Stimmen
[2] Jedes Mitglied des Bundes kann so viel Bevollmächtigte zum Bundesrathe ernennen, wie es Stimmen hat, doch kann die Gesammtheit der zuständigen Stimmen nur einheitliche abgegeben werden.

[Artikel 6a][5]

Artikel 7

[1] Der Bundesrath beschließt:
1) über die dem Reichstage zu machenden Vorlagen und die von demselben gefaßten Beschlüsse;
2) über die zur Ausführung der Reichsgesetze erforderlichen allgemeinen Verwaltungsvorschriften und Einrichtungen, sofern nicht durch Reichsgesetz etwas Anderes bestimmt ist;
3) über Mängel, welche bei der Ausführung der Reichsgesetze oder der vorstehend erwähnten Vorschriften oder Einrichtungen hervortreten.
[2] Jeder Bundesglied ist befugt, Vorschläge zu machen und in Vortrag zu bringen, und das Präsidium ist verpflichtet, dieselben der Berathung zu übergeben.
[3] Die Beschlußfassung erfolgt, vorbehaltlich der Bestimmungen in den Artikeln 5, 37 und 78, mit einfacher Mehrheit. Nicht vertretene oder nicht instruirte Stimmen werden nicht gezählt. Bei Stimmengleichheit giebt die Präsidialstimme[4] den Ausschlag.
[4] Bei der Beschlußfassung über eine Angelegenheit, welche nach den Bestimmungen dieser Verfassung nicht dem ganzen Reiche gemeinschaftlich ist, werden die Stimmen nur derjenigen Bundesstaaten gezählt, welchen die Angelegenheit gemeinschaftlich ist.

Artikel 8

[1] Der Bundesrath bildet aus seiner Mitte dauernde Ausschüsse
1) für das Landheer und die Festungen;
2) für das Seewesen;
3) für das Zoll- und Steuerwesen;
4) für Handel und Verkehr;
5) für Eisenbahnen, Post und Telegraphen;
6) für Justizwesen;
7) für Rechungswesen.
[2] In jedem dieser Ausschüsse werden außer dem Präsidium mindestens vier Bundesstaaten vertreten sein, und führt innerhalb derselben jeder Staat nur Eine Stimme. In dem Ausschuß für das Landheer und die Festungen hat Bayern einen ständigen Sitz,[6] die übrigen Mitglieder desselben, sowie die Mitglieder des Ausschusses für das Seewesen werden vom Kaiser ernannt; die Mitglieder der anderen Ausschüsse werden von dem Bundesrathes gewählt. Die Zusammensetzung dieser Ausschüsse ist für jede Session des Bundesrathes resp. mit jedem Jahre zu erneuern, wobei die auscheidenden Mitglieder wieder wählbar sind.
[3] Außerdem wird im Bundesrathes aus dem Bevollmächtigten der Königreiche Bayern, Sachsen und Württemberg und zwei, vom Bundesrathe alljährlich zu wählenden Bevollmächtigten anderer Bundesstaaten ein Ausschuß für die auswärtigen Angelegenheiten gebildet, in welchem Bayern den Vorsitz führt.
[4] Den Ausschüssen werden die zu ihren Arbeiten nöthigen Beamten zur Verfügung gestellt.

Artikel 9

Jedes Mitglied des Bundesrathes hat das Recht, in Reichstage zu erscheinen und muß daselbst auf Verlangen jederzeit gehört werden, um die Ansichten seiner Regierung zu vertreten, auch dann, wenn dieselben von der Majorität des Bundesrathes nicht adoptirt worden sind. Niemand kann gleichzeitig Mitglied des Bundesrathes und des Reichstages sein.

Artikel 10

Dem Kaiser liegt es ob, den Mitgliedern des Bundesrathes den üblichen diplomatischen Schutz zu gewähren.

IV. Präsidium

Artikel 11

[1] Das Präsidium des Bundes steht dem Könige von Preußen zu, welcher den Namen Deutscher Kaiser führt. Der Kaiser hat das Reich völkerrechtlich zu vertreten, im Namen des Reichs Krieg zu erklären und Frieden zu schließen, Bündnisse und andere Verträge mit fremden Staaten einzugehen, Gesandte zu beglaubigen und zu empfangen.
[2] Zur Erklärung des Krieges im Namen des Reichs ist die Zustimmung des Bundesrathes erforderlich, es sei denn, daß ein Angriff auf das Bundesgebiet oder dessen Küsten erfolgt.[7]
[3] Insoweit die Verträge mit fremden Staaten sich auf solche Gegenstände beziehen, welche nach Artikel 4 in den Bereich der Reichsgesetzgebung gehören, ist zu ihrem Abschluß die Zustimmung des Bundesrathes und zu ihrer Gültigkeit die Genehmigung des Reichstages erforderlich.[8]

Artikel 12

Dem Kaiser steht es zu, den Bundesrath und den Reichstag zu berufen, zu eröffnen, zu vertagen und zu schließen.

Artikel 13

Die Berufung des Bundesrathes und des Reichstages findet alljährlich statt und kann der Bundesrath zur Vorbereitung der Arbeiten ohne den Reichstag, letzterer aber nicht ohne den Bundesrath berufen werden.

Artikel 14

Die Berufung des Bundesrathes muß erfolgen, sobald sie von einem Drittel der Stimmzahl verlangt wird.

Artikel 15

[1] Der Vorsitz im Bundesrathe und die Leitung der Geschäfte steht dem Reichskanzler zu, welcher vom Kaiser zu ernennen ist.
[2] Der Reichskanzler kann sich durch jedes Mitglied des Bundesrathes vermöge schriftlicher Substitution vertreten lassen.[9]

Artikel 16

Die erforderlichen Vorlagen werden nach Maßgabe der Beschlüsse des Bundesrathes im Namen des Kaisers an den Reichstag gebracht, wo sie durch Mitglieder des Bundesrathes oder durch besondere von letzterem zu ernennende Kommissarien vertreten werden.

Artikel 17

Dem Kaiser steht die Ausfertigung und Verkündigung der Reichsgesetze und die Überwachung derselben zu. Die Anordnungen und Verfügungen des Kaisers werden im Namen des Reichs erlassen und bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung des Reichskanzlers, welcher dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt.[10]

Artikel 18

[1] Der Kaiser ernennt die Reichsbeamten, läßt dieselben für das Reich vereidigen und verfügt erforderlichen Falls deren Entlassung.
[2] Den zu einem Reichsamte berufenen Beamten eines Bundesstaates stehen, sofern nicht vor ihrem Eintritt in den Reichsdienst im Wege der Reichsgesetzgebung etwas Anderes bestimmt ist, dem Reiche gegenüber diejenigen Rechte zu, welche ihnen in ihrem Heimathlande aus ihrer dienstlichen Stellung zugestanden hatten.

Artikel 19

Wenn Bundesglieder ihre verfassungsmäßigen Bundespflichten nicht erfüllen, können sie dazu im Wege der Exekution angehalten werden. Diese Exekution ist vom Bundesrathe zu beschließen und vom Kaiser zu vollstrecken.

V. Reichstag

Artikel 20

[1] Der Reichstag geht aus allgemeinen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervor.
[2] Bis zu der gesetzlichen Regelung, welche im § 5 des Wahlgesetzes vom 31. Mai 1869 (Bundesgesetzblatt 1869 S. 145) vorbehalten ist, werden in Bayern 48, in Württemberg 17, in Baden 14, in Hessen südlich des Mains 6 Abgeordnete gewählt, und beträgt demnach die Gesammtzahl der Angeordneten 382.[11]

Artikel 21

[1] Beamte bedürfen keines Urlaubs zum Eintritt in den Reichstag.
[2] Wenn ein Mitglied des Reichstages ein besoldetes Reichsamt oder in einem Bundesstaat ein besoldetes Staatsamt annimmt oder im Reichs- oder Staatsdienste in ein Amt eintritt, mit welchem ein höherer Rang oder ein höheres Gehalt verbunden ist, so verliert es Sitz und Stimme in dem Reichstag und kann seine Stelle in demselben nur durch neue Wahl wieder erlangen.[12]

Artikel 22

[1] Die Verhandlungen des Reichstages sind öffentlich.
[2] Wahrheitsgetreue Berichte über Verhandlungen in den öffentlichen Sitzungen des Reichstages bleiben von jeder Verantwortlichkeit frei.

Artikel 23

Der Reichstag hat das Recht, innerhalb der Kompetenz des Reichs Gesetze vorzuschlagen und an ihn gerichtete Petitionen dem Bundesrathe resp. Reichskanzler zu überweisen.

Artikel 24

Die Legislaturperiode des Reichstages dauert drei Jahre.[13] Zur Auflösung des Reichstages während derselben ist ein Beschluß des Bundesrathes unter Zustimmung des Kaisers erforderlich.

Artikel 25

Im Falle der Auflösung des Reichstages müssen innerhalb eines Zeitraumes von 60 Tagen nach derselben die Wähler und innerhalb eines Zeitraumes von 90 Tagen nach der Auflösung der Reichstag versammelt werden.

Artikel 26

Ohne Zustimmung des Reichstages darf die Vertagung desselben die Frist von 30 Tagen nicht übersteigen und während derselben Session nicht wiederholt werden.

Artikel 27

Der Reichstag prüft die Legitimation seiner Mitglieder und entscheidet darüber. Er regelt seinen Geschäftsgang und seine Disziplin durch eine Geschäfts-Ordnung und erwählt seinen Präsidenten, seine Vizepräsidenten und Schriftführer.

Artikel 28

[1] Der Reichstag beschließt mit absoluter Stimmenmehrheit. Zur Gültigkeit der Beschlußfassung ist die Anwesenheit der Mehrheit der gesetzlichen Anzahl der Mitglieder erforderlich.
[2] Bei der Beschlußfassung über eine Angelegenheit, welche nach den Bestimmungen dieser Verfassung nicht dem ganzen Reiche gemeinschaftlich ist, werden die Stimmen nur derjenigen Mitglieder gezählt, die in Bundesstaaten gewählt sind, welchen die Angelegenheit gemeinschaftlich ist.[14]

Artikel 29

Die Mitglieder des Reichstages sind Vertreter des gesammten Volkes und an Aufträge und Instruktionen nicht gebunden.

Artikel 30

Kein Mitglied des Reichstages darf zu irgend einer Zeit wegen seiner Abstimmung oder wegen der in Ausübung seines Berufes gethanen Aeußerungen gerichtlich oder disziplinarisch verfolgt oder sonst außerhalb der Versammlung zur Verantwortung gezogen werden.

Artikel 31

[1] Ohne Genehmigung des Reichstages kann kein Mitglied desselben während der Sitzungsperiode wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung zur Untersuchung gezogen oder verhaftet werden, außer wenn es bei Ausübung der That oder im Laufe des nächstfolgenden Tages ergriffen wird.
[2] Gleiche Genehmigung ist bei einer Verhaftung wegen Schulden erforderlich.
[3] Auf Verlangen des Reichstages wird jedes Strafverfahren gegen ein Mitglied desselben und jede Untersuchungs- oder Civilhaft für die Dauer der Sitzungsperiode aufgehoben.

Artikel 32

Die Mitglieder des Reichstages dürfen als solche keine Besoldung oder Entschädigung beziehen.[15]

VI. Zoll- und Handelswesen

Artikel 33

[1] Deutschland bildet ein Zoll- und Handelsgebiet, umgeben von gemeinschaftlicher Zollgrenze. Ausgeschlossen bleiben die wegen ihrer Lage zur Einschließung in die Zollgrenze nicht geeigneten einzelnen Gebietstheile.
[2] Alle Gegenstände, welche im freien Verkehr eines Bundesstaates befindlich sind, können in jeden anderen Bundesstaat eingeführt und dürfen in letzterem einer Abgabe nur insoweit unterworfen werden, als daselbst gleichartige inländische Erzeugnisse einer inneren Steuer unterliegen.

Artikel 34

Die Hansestädte Bremen und Hamburg mit einem dem Zweck entsprechenden Bezirk ihres oder des umliegenden Gebietes bleiben als Freihäfen außerhalb der gemeinschaftlichen Zollgrenze, bis sie ihren Einschluß in dieselbe beantragen.[16]

Artikel 35

[1] Das Reich ausschließlich hat die Gesetzgebung über das gesammte Zollwesen, über die Besteuerung des im Bundesgebiete gewonnenen Salzes und Tabacks, bereiteten Branntweins und Bieres und aus Rüben oder anderen inländischen Erzeugnissen dargestellten Zuckers und Syrups, über den gegenseitigen Schutz der in den einzelnen Bundesstaaten erhobenen Verbrauchsabgaben gegen Hinterziehung, sowie über Maßregeln, welche in den Zollausschüssen zur Sicherung der gemeinsamen Zollgrenze erforderlich sind.
[2] In Bayern, Württemberg und Baden bleibt die Besteuerung des inländischen Branntweins und Bieres der Landesgesetzgebung vorbehalten. Die Bundesstaaten werden jedoch ihr Bestreben darauf richten, eine Uebereinstimmung der Gesetzgebung über die Besteuerung auch dieser Gegenstände herbeizuführen.

Artikel 36

[1] Die Erhebung und Verwaltung der Zölle und Verbrauchssteuern (Art. 35) bleibt jedem Bundesstaate, soweit derselbe sie bisher ausgeübt hat, innerhalb seines Gebietes überlassen.
[2] Der Kaiser überwacht die Einhaltung des gesetzlichen Verfahrens durch Reichsbeamte, welche er den Zoll- oder Steuerämtern und den Direktivbehörden der einzelnen Staaten, nach Vernehmung des Ausschusses des Bundesrathes für Zoll- und Steuerwesen, beiordnet.
[3] Die von diesen Beamten über Mängel bei der Ausführung der gemeinschaftlichen Gesetzgebung (Art. 35) gemachten Anzeigen werden dem Bundesrathe zur Beschlußnahme vorgelegt.

Artikel 37

Bei der Beschlußnahme über die zur Ausführung der gemeinschaftlichen Gesetzgebung (Art. 35) dienenden Verwaltungsvorschriften und Einrichtungen giebt die Stimme des Präsidiums[4] alsdann den Ausschlag, wenn sie sich für Aufrechterhaltung der bestehenden Vorschrift oder Einrichtung ausspricht.

Artikel 38

[1] Der Ertrag der Zölle und der anderen in Artikel 35 bezeichneten Abgaben, letzterer soweit sie der Reichsgesetzgebung unterliegen, fließt in die Reichskasse.
[2] Dieser Ertrag besteht aus den gesammten von den Zöllen und den übrigen Abgaben aufgekommenen Einnahme nach Abzug:
1) der auf Gesetzen oder allgemeinen Verwaltungsvorschriften beruhenden Steuervergütungen und Ermäßigungen,
2) der Rückerstattung für unrichtige Erhebungen,
3) der Erhebungs- und Verwaltungskosten, und zwar:
a) bei den Zöllen der Kosten, welche an den gegen das Ausland gelegenen Grenzen und in dem Grenzbezirke für den Schutz und die Erhebung der Zölle erforderlich sind,
b) bei der Salzsteuer der Kosten, welche zur Besoldung der mit Erhebung und Kontrolirung dieser Steuer auf den Salzwerken beauftragten Beamten aufgewendet werden,
c) bei der Rübenzuckersteuer und Tabacksteuer der Vergütung, welche nach den jeweiligen Beschlüssen des Bundesrathes den einzelnen Bundesregierungen für die Kosten der Verwaltung dieser Steuern zu gewähren ist,
d) bei den übrigen Steuern mit fünfzehn Prozent der Gesammteinnahme.[17]
[3] Die außerhalb der gemeinschaftlichen Zollgrenze liegenden Gebiete tragen zu den Ausgaben des Reichs durch Zahlung eines Aversums bei.
[4] Bayern, Württemberg und Baden haben an dem in die Reichskasse fließenden Ertrage der Steuern von Branntwein und Bier und an dem diesem Ertrage entsprechenden Theile des vorstehend erwähnten Aversums keinen Theil.[18]

Artikel 39

[1] Die von den Erhebungsbehörden der Bundesstaaten nach Ablauf eines jeden Vierteljahres aufzustellenden Quartal-Extrakte und die nach dem Jahres- und Bücherschlusse aufzustellenden Finalabschlüsse über die im Laufe des Vierteljahres beziehungsweise während des Rechnungsjahres fällig gewordenen Einnahmen an Zöllen und nach Artikel 38 zur Reichskasse fließenden Verbrauchsabgaben werden von den Direktivbehörden der Bundesstaaten, nach vorangegangener Prüfung, in Hauptübersichten zusammengestellt, in welchen jede Abgabe gesondert nachzuweisen ist, und es werden diese Uebersichten an den Ausschuß des Bundesrathes für das Rechnungsjahr eingesandt.
[2] Der letztere stellt auf Grund dieser Uebersichten von drei zu drei Monaten den von der Kasse jedes Bundesstaates der Reichskasse schuldigen Betrag vorläufig fest und setzt von dieser Feststellung den Bundesrath und die Bundesstaaten in Kenntniß, legt auch alljährlich die schließliche Feststellung jener Beträge mit seinen Bemerkungen dem Bundesrathe vor. Der Bundesrath beschließt über diese Feststellung.

Artikel 40

Die Bestimmungen in dem Zollvereinigungsvertrage vom 8. Juli 1867 bleiben in Kraft, soweit sie nicht durch die Vorschriften dieser Verfassung abgeändert sind und so lange sie nicht auf dem im Artikel 7, beziehungsweise 78 bezeichneten Wege abgeändert werden.

VII. Eisenbahnwesen

Artikel 41

[1] Eisenbahnen, welche im Interesse der Vertheidigung Deutschlands oder im Interesse des gemeinsamen Verkehrs für nothwendig erachtet werden, können kraft eines Reichsgesetzes auch gegen den Widerstand der Bundesglieder, deren Gebiet die Eisenbahnen durchschneiden, unbeschadet der Landeshoheitsrechte, für Rechnung des Reichs angelegt oder an Privatunternehmer zur Ausführung konzessionirt und mit dem Expropriationsrechte ausgestattet werden.
[2] Jede bestehende Eisenbahnverwaltung ist verpflichtet, sich den Anschluß neu angelegter Eisenbahnen auf Kosten der letzteren gefallen zu lassen.
[3] Die gesetzlichen Bestimmungen, welche bestehenden Eisenbahn-Unternehmungen ein Widerspruchsrecht gegen die Anlegung von Parallel- oder Konkurrenzbahnen einräumen, werden, unbeschadet bereits erworbener Rechte, für das ganze Reich hierdurch aufgehoben. Ein solches Widerspruchsrecht kann auch in den künftig zu ertheilenden Konzessionen nicht weiter verliehen werden.

Artikel 42

Die Bundesregierungen verpflichten sich, die Deutschen Eisenbahnen im Interesse des allgemeinen Verkehrs wie ein einheitliches Netz verwalten und zu diesem Behuf auch die neu herzustellenden Bahnen nach einheitlichen Normen anzulegen und ausrüsten zu lassen.

Artikel 43

Es sollen demgemäß in thunlichster Beschleunigung übereinstimmende Betriebseinrichtungen getroffen, insbesondere gleiche Bahnpolizei-Reglements eingeführt werden. Das Reich hat dafür Sorge zu tragen, daß die Eisenbahnverwaltungen die Bahnen jederzeit in einem die nöthige Sicherheit gewährenden baulichen Zustande erhalten und dieselben mit Betriebsmaterial so ausrüsten, wie das Verkehrsbedürfnis es erheischt.

Artikel 44

Die Eisenbahnverwaltungen sind verpflichtet, die für den durchgehenden Verkehr und zur Herstellung ineinander greifender Fahrpläne nöthigen Personenzüge mit entsprechender Fahrgeschwindigkeit, desgleichen die zur Bewältigung des Güterverkehrs nöthigen Güterzüge, auch direkte Expeditionen im Personen- und Güterverkehr, unter Gestaltung des Ueberganges der Transportmittel von einer Bahn auf die andere, gegen die übliche Vergütung einzurichten.

Artikel 45

Dem Reiche steht die Kontrolle über das Tarifwesen zu. Dasselbe wird namentlich dahin wirken:
1) daß baldigst auf allen Deutschen Eisenbahnen übereinstimmende Betriebsreglements eingeführt werden;
2) daß die möglichste Gleichmäßigkeit und Herabsetzung der Tarife erzielt, insbesondere daß bei größeren Entfernungen für den Transport von Kohlen, Koaks, Holz, Steinen, Salz, Roheisen, Düngemitteln und ähnlichen Gegenständen ein Bedürfniß der Landwirtschaft Industrie entsprechender ermäßigter Tarif, und zwar zunächst thunlichst der Einpfennig-Tarif eingeführt werde.

Artikel 46

[1] Bei eintretenden Nothständen, insbesondere bei ungewöhnlicher Teuerung der Lebensmittel, sind die Eisenbahnen verpflichtet, für den Transport, namentlich von Getreide, Mehl, Hülsenfrüchten und Kartoffeln, zeitweise einem dem Bedürfniß entsprechenden, von dem Kaiser auf Vorschlag des betreffenden Bundesraths-Ausschusses festzustellenden, niedrigen Spezialtarif einzuführen, welcher jedoch nicht unter den niedrigsten auf der betreffenden Bahn für Rohprodukte geltenden Satz herabgehen darf.
[2] Die vorstehend, sowie die in den Artikeln 42 bis 45 getroffenen Bestimmungen sind auf Bayern nicht anwendbar.
[3] Dem Reiche steht jedoch auch Bayern gegenüber das Recht zu, im Wege der Gesetzgebung einheitliche Normen für die Konstruktion und Ausrüstung der für die Landesvertheidigung wichtigen Eisenbahnen aufzustellen.

Artikel 47

Den Anforderungen der Behörden des Reichs in Betreff der Benutzung der Eisenbahnen zum Zwecke der Vertheidigung Deutschlands haben sämmtliche Eisenbahnverwaltungen unweigerlich Folge zu leisten. Insbesondere ist das Militair und alles Kriegsmaterial zu gleichen ermäßigten Sätzen zu befördern.

VIII. Post- und Telegraphenwesen

Artikel 48

[1] Das Postwesen und Telegraphenwesen werden für das gesammte Gebiet des Deutschen Reichs als einheitliche Staatsverkehrs-Anstalten eingerichtet und verwaltet.
[2] Die im Artikel 4 vorgesehene Gesetzgebung des Reichs in Post- und Telegraphenangelegenheiten erstreckt sich nicht auf diejenigen Gegenstände, deren Regelung nach den in der Norddeutschen Post- und Telegraphen-Verwaltung maßgebend gewesenen Grundsätzen der reglementarischen Festsetzung oder administrativen Anordnung überlassen ist.

Artikel 49

Die Einnahmen des Post- und Telegraphenwesens sind für das ganze Reich gemeinschaftlich. Die Ausgaben werden aus den gemeinschaftlichen Einnahmen bestritten. Die Ueberschüsse fließen in die Reichskasse (Abschnitt XII).

Artikel 50

[1] Dem Kaiser gehört die obere Leitung der Post- und Telegraphenverwaltung an. Die von ihm bestellten Behörden haben die Pflicht und das Recht, dafür zu sorgen, daß Einheit in der Organisation der Verwaltung und im Betriebe des Dienstes, sowie in der Qualifikation der Beamten hergestellt und erhalten wird.
[2] Dem Kaiser steht der Erlaß der reglementarischen Festsetzungen und allgemeinen administrativen Anordnungen, sowie die ausschließliche Wahrnehmung der Beziehungen zu anderen Post- und Telegraphenverwaltungen zu.
[3] Sämmtliche Beamte der Post- und Telegraphenverwaltung sind daher verpflichtet den Kaiserlichen Anordnungen Folge zu leisten. Diese Verpflichtung ist in den Diensteid aufzunehmen.
[4] Die Anstellung der bei den Verwaltungsbehörden der Post- und Telegraphie in den verschiedenen Bezirken erforderlichen oberen Beamten (z. B. Direktoren, Räthe, Ober-Inspektoren), ferner die Anstellung der zur Wahrnehmung des Aufsichts- u.s.w. Dienstes in den einzelnen Bezirken als Organe der erwähnten Behörden fungirenden Post- und Telegraphenbeamten (z. B. Inspektoren, Kontroleure) geht für das ganze Gebiet des deutschen Reichs vom Kaiser aus, welchem diese Beamten den Diensteid leisten. Den einzelnen Landesregierungen wird von den in Rede stehenden Ernennungen, soweit dieselben ihre Gebiete betreffen, Behufs der landesherrlichen Bestätigung und Publikation rechtzeitig Mittheilung gemacht werden.
[5] Die anderen bei den Verwaltungsbehörden der Post- und Telegraphie erforderlichen Beamten, sowie alle für den lokalen und technischen Bereich bestimmten, mithin bei den eigentlichen Betriebsstellen fungirenden Beamten u.s.w. werden von den betreffenden Landesregierungen angestellt.
[6] Wo eine selbstständige Landespost- resp. Telegraphenverwaltung nicht besteht, entscheiden die Bestimmungen besonderer Verträge.

Artikel 51

[1] Bei Ueberweisung des Ueberschusses der Postverwaltung für allgemeine Reichszwecke (Art. 49) soll, in Betracht der bisherigen Verschiedenheit der von den Landes-Postverwaltungen der einzelnen Gebiete erzielten Reineinnahmen, zum Zwecke einer entsprechenden Ausgleichung während der unten festgesetzten Uebergangszeit folgendes Verfahren beobachtet werden.
[2] Aus den Postüberschüssen, welche in den einzelnen Postbezirken während der fünf Jahre 1861 bis 1865 aufgekommen sind, wird ein durchschnittlicher Jahresüberschuß berechnet, und der Antheil, welcher jeder einzelne Postbezirk an dem für das gesammte Gebiet des Reichs sich darnach herausstellenden Postüberschusses gehabt hat, nach Prozenten festgestellt.
[3] Nach Maßgabe des auf diese Weise festgestellten Verhältnisses werden den einzelnen Staaten während der auf ihren Eintritt in die Reichs-Postverwaltung folgenden acht Jahre die sich für sie aus den im Reiche aufkommenden Postüberschüssen ergebenden Quoten auf ihre sonstigen Beiträge zu Reichszwecken zu Gute gerechnet.
[4] Nach Ablauf der acht Jahre hört jene Unterscheidung aus, und fließen die Postüberschüsse in ungetheilter Aufrechnung nach dem im Artikel 49 enthaltenen Grundsatz der Reichskasse zu.
[5] Von der während der vorbedachten acht Jahre für die Hansestädte sich herausstellenden Quoten des Postüberschusses wird alljährlich vorweg die Hälfte dem Kaiser zur Disposition gestellt zu dem Zwecke, daraus zunächst die Kosten für die Herstellung normaler Posteinrichtungen in den Hansestädten zu bestreiten.

Artikel 52

[1] Die Bestimmungen in den vorstehenden Artikeln 48 bis 51 finden auf Bayern und Württemberg keine Anwendung. An ihrer Stelle gelten für beide Bundesstaaten folgende Bestimmungen.
[2] Dem Reiche ausschließlich steht die Gesetzgebung über die Vorrechte der Post und Telegraphie, über die rechtlichen Verhältnisse beider Anstalten zum Publikum, über die Portofreiheiten und das Posttaxwesen, jedoch ausschließlich der reglementarischen und Tarif-Bestimmungen für den internen Verkehr innerhalb Bayerns, beziehungsweise Württembergs, sowie, unter gleicher Beschränkung, die Feststellung der Gebühren für die telegraphische Korrespondenz zu.
[3] Ebenso steht dem Reiche die Regelung des Post- und Telegraphenverkehrs mit dem Auslande zu, ausgenommen den eigenen unmittelbaren Verkehr Bayerns, beziehungsweise Württembergs mit seinen dem Reiche nicht angehörenden Nachbarstaaten, wegen dessen Regelung es bei der Bestimmung im Artikel 49 des Postvertrages vom 23. November 1867 bewendet.
[4] An den zur Reichskasse fließenden Einnahmen des Post- und Telegraphenwesens haben Bayern und Württemberg keinen Theil.

IX. Marine und Schiffahrt

Artikel 53

[1] Die Kriegsmarine des Reichs ist eine einheitliche unter dem Oberbefehl des Kaisers. Die Organisation und Zusammensetzung derselben liegt dem Kaiser ob, welcher die Offiziere und Beamten der Marine ernennt, und für welchen dieselben nebst den Mannschaften eidlich in Pflicht zu nehmen sind.[19]
[2] Der Kieler Hafen und der Jadehafen sind Reichskriegshäfen.
[3] Der zur Gründung und Erhaltung der Kriegsflotte und der damit zusammenhängenden Anstalten erforderliche Aufwand wird aus der Reichskasse bestritten. Die gesammte seemännische Bevölkerung des Reichs, einschließlich des Maschinenpersonals und der Schiffshandwerker, ist vom Dienste im Landheere befreit, dagegen zum Dienste in der Kaiserlichen Marine verpflichtet.
[4] Die Vertheilung des Ersatzbedarfes findet nach Maßgabe der vorhandenen seemännischen Bevölkerung statt, und die hiernach von jedem Staate gestellte Quote kommt auf die Gestellung zum Landheere in Abrechnung.[20]

Artikel 54

[1] Die Kauffahrteischiffe aller Bundesstaaten bilden eine einheitliche Handelsmarine.
[2] Das Reich hat das Verfahren zur Ermittlung der Ladungsfähigkeit der Seeschiffe zu bestimmen, die Ausstellung der Meßbriefe, sowie der Schiffscertifikate zu regeln und die Bedingungen festzustellen, von welchen die Erlaubniß zur Führung eines Seeschiffes abhängig ist.
[3] In den Seehäfen und auf allen natürlichen und künstlichen Wasserstraßen der einzelnen Bundesstaaten werden die Kauffahrteischiffe sämmtlicher Bundesstaaten gleichmäßig zugelassen und behandelt. Die Abgaben, welche in den Sehäfen von den Seeschiffen oder deren Ladungen für die Benutzung der Schiffahrtsanstalten erhoben werden, dürfen die zur Unterhaltung und gewöhnlichen Herstellung dieser Anstalten erforderlichen Kosten nicht übersteigen.[21]
[4] Auf allen natürlichen Wasserstraßen dürfen Abgaben nur für die Benutzung besonderer Anstalten, die zur Erleichterung des Verkehrs bestimmt sind, erhoben werden. Diese Abgaben, sowie die Abgaben für die Befahrung solcher künstlicher Wasserstraßen, welche Staatseigenthum sind, dürfen die zur Unterhaltung und gewöhnlichen Herstellung der Anstalten und Anlagen erforderlichen Kosten nicht übersteigen. Auf die Flößerei finden diese Bestimmungen insoweit Anwendung, als dieselbe auf schiffbaren Wasserstraßen betrieben wird.[22]
[5] Auf fremde Schiffe oder deren Ladungen andere oder höhere Abgaben zu legen, als von den Schiffen der Bundesstaaten oder deren Ladungen zu entrichten sind, steht keinem Einzelstaate, sondern nur dem Reiche zu.

Artikel 55

Die Flagge der Kriegs- und Handelsmarine ist schwarz-weiß-roth.

X. Konsulatwesen

Artikel 56

[1] Das gesammte Konsulatwesen des Deutschen Reichs steht unter der Aufsicht des Kaisers, welcher die Konsuln, nach Vernehmung des Ausschusses des Bundesrathes für Handel und Verkehr, anstellt.
[2] In dem Amtsbezirk der Deutschen Konsuln dürfen neue Landeskonsulate nicht errichtet werden. Die Deutschen Konsuln üben für die in ihrem Bezirk nicht vertretenen Bundesstaaten die Funktionen eines Landeskonsuls aus. Die sämmtlichen bestehenden Landeskonsulate werden aufgehoben, sobald die Organisation der Deutschen Konsulate dergestalt vollendet ist, daß die Vertretung der Einzelinteressen aller Bundesstaaten als durch die Deutschen Konsulate gesichert von dem Bundesrathe anerkannt wird.

XI. Reichskriegswesen

Artikel 57

Jeder Deutsche ist wehrpflichtig und kann sich in Ausübung dieser Pflicht nicht vertreten lassen.

Artikel 58

Die Kosten und Lasten des gesammten Kriegswesens des Reichs sind von allen Bundesstaaten und ihren Angehörigen gleichmäßig zu tragen, so daß weder Bevorzugungen, noch Prägravationen einzelner Staaten oder Klassen grundsätzlich zulässig sind. Wo die gleiche Vertheilung der Lasten sich in natura nicht herstellen läßt, ohne die öffentliche Wohlfahrt zu schädigen, ist die Ausgleichung nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit im Wege der Gesetzgebung festzustellen.

Artikel 59

[1] Jeder wehrfähige Deutsche gehört sieben Jahre lang, in der Regel vom vollendeten 20. bis zum beginnenden 28. Lebensjahre, dem stehenden Heere – und zwar die ersten drei Jahre bei den Fahnen, die letzten vier Jahre in der Reserve – und die folgenden fünf Lebensjahre der Landwehr an. In denjenigen Bundesstaaten, in denen bisher eine längere als zwölfjährige Gesammtdienstzeit gesetzlich war, findet die allmähliche Herabsetzung der Verpflichtung nur in dem Maaße statt, als dies die Rücksicht auf die Kriegsbereitschaft des Reichsheeres zuläßt.[23]
[2] In Bezug auf die Auswanderung der Reservisten sollen lediglich diejenigen Bestimmungen maßgebend sein, welche für die Auswanderung der Landwehrmänner gelten.[24]

Artikel 60

Die Friedens-Präsenzstärke des Deutschen Heeres wird bis zum 31. Dezember 1871 auf Ein Prozent der Bevölkerung von 1871 normirt, und wird pro rata derselben von den einzelnen Bundesstaaten gestellt. Für die spätere Zeit wird die Friedens-Präsenzstärke des Heeres im Wege der Reichsgesetzgebung festgestellt.[25]

Artikel 61

[1] Nach Publikation dieser Verfassung ist in dem ganzen Reiche die gesammte Preußische Militairgesetzgebung ungesäumt einzuführen, sowohl die Gesetze selbst, als die zu ihrer Ausführung, Erläuterung oder Ergänzung erlassenen Reglements, Instruktionen und Reskripte, namentlich also das Militair-Strafgesetzbuch vom 3. April 1845,[26] die Militair-Strafgerichtsordnung vom 3. April 1845,[27] die Verordnung über die Ehrengerichte vom 20. Juli 1843, die Bestimmungen über Aushebung, Dienstzeit, Servis- und Verpflegungswesen, Einquartierung, Ersatz von Flurbeschädigungen, Mobilmachung u.s.w. für Krieg und Frieden. Die Miltair-Kirchenordnung ist jedoch ausgeschlossen.
[2] Nach gleichmäßiger Durchführung der Kriegsorganisation des Deutschen Heeres wird ein umfassendes Reichs-Militairgesetz dem Reichstage und dem Bundesrathe zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung vorgelegt werden.[28]

Artikel 62

[1] Zur Bestreitung des Aufwandes für das gesammte Deutsche Heer und die zu demselben gehörigen Einrichtungen sind bis zum 31. Dezember 1871 dem Kaiser jährlich sovielmal 225 Thaler, als die Kopfzahl der Friedensstärke des Heeres nach Artikel 60 beträgt, zur Verfügung zu stellen. Vergl. Abschnitt XII.
[2] Nach dem 31. Dezember 1871 müssen die Beiträge von den einzelnen Staaten des Bundes zur Reichskasse fortgezahlt werden. Zur Berechnung derselben wird die im Artikel 60 interimistisch festgestellte Friedens-Präsenzstärke so lange festgehalten, bis sie durch ein Reichsgesetz abgeändert ist.[25]
[3] Die Verausgabung dieser Summe für das gesammte Reichsheer und dessen Einrichtungen wird durch das Etatsgesetz festgestellt.
[4] Bei der Feststellung des Militair-Ausgabe-Etats wird die auf Grundlage dieser Verfassung gesetzlich feststehende Organisation des Reichsheeres zu Grunde gelegt.

Artikel 63

[1] Die gesammte Landmacht des Reichs wird ein einheitliches Heer bilden, welches in Krieg und Frieden unter dem Befehle des Kaisers steht.
[2] Die Regimenter etc. führen fortlaufende Nummern durch das ganze Deutsche Heer. Für die Bekleidung sind die Grundfarben und der Schnitt der Königlich Preußischen Armee maßgebend. Dem betreffenden Kontingentsherrn bleibt es überlassen, die äußeren Anzeichen (Kokarden etc.) zu bestimmen.
[3] Der Kaiser hat die Pflicht und das Recht, dafür Sorge zu tragen, daß innerhalb des Deutschen Heeres alle Truppentheile vollzählig und kriegstüchtig vorhanden sind und daß Einheit in der Organisation und Formation, in Bewaffnung und Kommando, in der Ausbildung der Mannschaften sowie in der Qualifikation der Offiziere hergestellt und erhalten wird. Zu diesem Behufe ist der Kaiser berechtigt, sich jederzeit durch Inspektionen von der Verfassung der einzelnen Kontingente zu überzeugen und die Abstellung der dabei vorgefundenen Mängel anzuordnen.
[4] Der Kaiser bestimmt den Präsenzstand,[29] die Gliederung und Eintheilung der Kontingente des Reichsheeres, sowie die Organisation der Landwehr, und hat das Recht, innerhalb des Bundesgebietes die Garnisonen zu bestimmen, sowie die kriegsbereite Aufstellung eines jeden Theils des Reichsheeres anzuordnen.
[5] Behufs Erhaltung der unentbehrlichen Einheit in der Administration, Verpflegung, Bewaffnung und Ausrüstung aller Truppentheile des Deutschen Heeres sind die bezüglichen künftig ergehenden Anordnungen für die Preußische Armee den Kommandeuren der übrigen Kontingente, durch den Artikel 8 Nr. 1 bezeichneten Ausschuß für das Landheer und die Festungen zur Nachahmung in geeigneter Weise mitzutheilen.

Artikel 64

[1] Alle Deutschen Truppen sind verpflichtet, den Befehlen des Kaisers unbedingte Folge zu leisten. Die Verpflichtung ist in den Fahneneid aufzunehmen.
[2] Der Höchstkommandirende eines Kontingents, sowie alle Offiziere, welche Truppen mehr als eines Kontingents befehligen, und alle Festungskommandanten werden vom Kaiser ernannt.[30] Die von Demselben ernannten Offiziere leisten Ihm den Fahneneid. Bei Generalen und den Generalstellungen versehenden Offizieren innerhalb des Kontingents ist die Ernennung von der jedesmaligen Zustimmung des Kaisers abhängig zu machen.
[3] Der Kaiser ist berechtigt, Behufs Versetzung mit und ohne Beförderung für die von Ihm im Reichsdienste, sei es im Preußischen Heere, oder in anderen Kontingenten zu besetzenden Stellen aus den Offizieren aller Kontingente des Reichsheeres zu wählen.

Artikel 65

Das Recht, Festungen innerhalb des Bundesgebietes anzulegen, steht dem Kaiser zu, welcher die Bewilligung der dazu erforderlichen Mittel, soweit das Ordinatorium sie nicht gewährt, nach Abschnitt XII beantragt.[31]

Artikel 66

[1] Wo nicht besondere Konventionen ein Anderes bestimmen, ernennen die Bundesfürsten, beziehentlich die Senate die Offiziere ihrer Kontingente, mit der Einschränkung des Artikels 64. Sie sind Chefs aller ihren Gebieten angehörenden Truppentheile und genießen die damit verbundenen Ehren. Sie haben namentlich das Recht der Inspizirung zu jeder Zeit und erhalten, außer den regelmäßigen Rapporten und Meldungen über vorkommende Veränderungen, Behufs der nöthigen landesherrlichen Publikation, rechtzeitige Mittheilung von den die betreffenden Truppentheile berührenden Avancements und Ernennungen.
[2] Auch steht ihnen das Recht zu, zu polizeilichen Zwecken nicht blos ihre eigenen Truppen zu verwenden, sondern auch alle anderen Truppentheile des Reichsheeres, welche in ihren Ländergebieten dislocirt sind, zu requiriren.[32]

Artikel 67

Ersparnisse an dem Militair-Etat fallen unter keinen Umständen einer einzelnen Regierung, sondern jederzeit der Reichskasse zu.

Artikel 68

Der Kaiser kann, wenn die öffentliche Sicherheit in dem Bundesgebiete bedroht ist, einen jeden Theil desselben in Kriegszustand erklären. Bis zum Erlaß eines die Voraussetzungen, die Form der Verkündigung und die Wirkungen einer solchen Erklärung regelnden Reichsgesetzes gelten dafür die Vorschriften des Preußischen Gesetzes vom 4. Juni 1851 (Gesetz-Samml. Für 1851 S. 451 ff.).

Schlußbestimmung zum XI. Abschnitt

Die in diesem Abschnitt enthaltenen Vorschriften kommen in Bayern nach näherer Bestimmung des Bündnißvertrages vom 23. November 1870 (Bundesgesetzblatt 1871 S. 9) unter III. § 5, in Württemberg nach näherer Bestimmung des Militairkonvention vom 21./25. November 1870 (Bundesgesetzblatt 1870 S. 658) zur Anwendung.

XII. Reichsfinazen

Artikel 69

Alle Einnahmen und Ausgaben des Reichs müssen für jedes Jahr veranschlagt und auf den Reichshaushalts-Etat gebracht werden. Letzterer wird vor Beginn des Etatjahres nach folgenden Grundsätzen durch ein Gesetz festgestellt.

Artikel 70

Zur Bestreitung aller gemeinschaftlichen Ausgaben dienen zunächst die etwaigen Ueberschüsse der Vorjahre, sowie die aus den Zöllen, den gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern und aus dem Post- und Telegraphenwesen fließenden gemeinschaftlichen Einnahmen. Insoweit dieselben durch diese Einnahmen nicht gedeckt werden, sind sie, so lange Reichssteuern nicht eingeführt sind, durch Beiträge der einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe ihrer Bevölkerung aufzubringen, welche bis zur Höhe des budgetmäßigen Betrages durch den Reichskanzler ausgeschrieben werden.[33]

Artikel 71

[1] Die gemeinschaftlichen Ausgaben werden in der Regel für ein Jahr bewilligt, können jedoch in besonderen Fällen auch für eine längere Dauer bewilligt werden.
[2] Während der im Artikel 60 normirten Uebergangszeit ist der nach Titeln geordnete Etat über die Ausgaben für das Heer dem Bundesrathe und dem Reichstage nur zur Kenntnißnahme und zur Erinnerung vorzulegen.

Artikel 72

Ueber die Verwendung aller Einnahmen des Reichs ist durch den Reichskanzler dem Bundesrathe und dem Reichstage zur Entlastung jährlich Rechnung zu legen.

Artikel 73

In Fällen eines außerordentlichen Bedürfnisses kann im Wege der Reichsgesetzgebung die Aufnahme einer Anleihe, sowie die Uebernahme einer Garantie zu Lasten des Reichs erfolgen.

Schlußbestimmung zum XII. Abschnitt

Auf die Ausgaben für das Bayerische Heer finden die Artikel 69 und 71 nur nach Maßgabe der in der Schlußbestimmung zum XI. Abschnitt erwähnten Bestimmungen des Vertrages vom 23. November 1870 und der Artikel 72 nur insoweit Anwendung, als dem Bundesrathe und dem Reichstage die Ueberweisung der für das Bayerische Heer erforderliche Summe an Bayern nachzuweisen ist.

XIII. Schlichtung von Streitigkeiten und Strafbestimmungen

Artikel 74

Jedes Unternehmen gegen die Existenz, die Integrität, die Sicherheit oder die Verfassung des Deutschen Reichs, endlich die Beleidigung des Bundesrathes, des Reichstages, eines Mitgliedes des Bundesrathes oder des Reichstages, einer Behörde oder eines öffentlichen Beamten des Reichs, während dieselben in der Ausübung ihres Berufes begriffen sind oder in Beziehung auf ihren Beruf, durch Wort, Schrift, Druck, Zeichen, bildliche oder andere Darstellung, werden in den einzelnen Bundesstaaten beurtheilt und bestraft nach der Maßgabe der in den letzteren bestehenden oder künftig in Wirksamkeit tretenden Gesetze, nach welchen eine gleiche gegen einen Bundesstaat, seine Verfassung, seine Kammern oder Stände, seine Kammer- oder Ständemitglieder, seine Behörden und Beamten begangene Handlung zu richten wäre.[34]

Artikel 75

[1] Für diejenigen in Artikel 74 bezeichneten Unternehmungen gegen das Deutsche Reich, welche, wenn gegen einen der einzelnen Bundesstaaten gerichtet, als Hochverrath oder Landesverrath zu qualifiziren wären, ist das gemeinschaftliche Ober-Appellationsgericht der drei freien und Hansestädte in Lübeck die zuständige Spruchbehörde in erster und letzter Instanz.
[2] Die näheren Bestimmungen über die Zuständigkeit und das Verfahren des Ober-Appellationsgerichts erfolgen im Wege der Reichsgesetzgebung. Bis zum Erlasse eines Reichsgesetzes bewendet es bei der seitherigen Zuständigkeit der Gerichte in den einzelnen Bundesstaaten und den auf das Verfahren dieser Gerichte sich beziehenden Bestimmungen.[35]

Artikel 76

[1] Streitigkeiten zwischen verschiedenen Bundesstaaten, sofern dieselben nicht privatrechtlicher Natur und daher von den kompetenten Gerichtsbehörden zu entscheiden sind, werden auf Anrufen des einen Theils von dem Bundesrathe erledigt.
[2] Verfassungsstreitigkeiten in solchen Bundesstaaten, in deren Verfassung nicht eine Behörde zur Entscheidung solcher Streitigkeiten bestimmt ist, hat auf Anrufen eines Theiles der Bundesrath gütlich auszugleichen oder, wenn das nicht gelingt, im Wege der Reichsgesetzgebung zur Erledigung zu bringen.

Artikel 77

Wenn in einem Bundesstaate der Fall einer Justizverweigerung eintritt, und auf gesetzlichen Wegen ausreichende Hülfe nicht erlangt werden kann, so liegt dem Bundesrathe ob, erwiesene, nach der Verfassung und den bestehenden Gesetzen des betreffenden Bundesstaates zu beurtheilende Beschwerde über verweigerte oder gehemmte Rechtspflege anzunehmen, und darauf die gerichtliche Hülfe bei der Bundesregierung, die zu der Beschwerde Anlaß gegeben hat, zu bewirken.

XIV. Allgemeine Bestimmungen

Artikel 78

[1] Veränderungen der Verfassung erfolgen im Wege der Gesetzgebung. Sie gelten als abgelehnt, wenn sie im Bundesrathe 14 Stimmen gegen sich haben.
[2] Diejenigen Vorschriften der Reichsverfassung, durch welche bestimmte Rechte einzelner Bundesstaaten in deren Verhältniß zur Gesammtheit festgestellt sind, können nur mit Zustimmung des berechtigten Bundesstaates abgeändert werden. http://www.documentarchiv.de/ksr/verfksr.html