Die Christianisierung Nordgermaniens

nordland Die römische Germanen Mission schließt mit der Christianisierung Norwegens und Alt Islands ab. Aber dieses Einzelereignis ist in seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung nur zu verstehen, wenn wir eine Ahnung haben von den großen Ideen, die hinter allem Geschehen am Werke sind; ohne sie hängt ein Teilereignis der Geschichte einfach in der Luft.

Was wir als Geschichte vorgesetzt bekommen, ist ja meist nur vordergründiges Geschehen. Die kleinen Regisseure der papierenen Weltgeschichte sind immer nur emsig bemüht, den Ablauf der geschichtlichen Ereignisse bis ins allzu Menschliche hinein so ausführlich wie möglich nachzumalen. Sie schildern die Geschehnisse um dieser selbst willen, reihen sie aneinander auf wie Perlen auf einer Schnur, wobei aber die Schnur nicht den bekannten roten Faden bildet, der alles Geschehen in eine innere Beziehung zueinander bringt. Diese Schnur hat hier nur chronologische Bedeutung, um wenigstens eine gewisse Ordnung in das scheinbare Chaos der Menschengeschichte zu bringen. Der echte Historiker dagegen sieht immer die wirkenden Kräfte, die gestaltenden Ideen hinter den unzähligen, sinnverwirrenden Ereignissen auf der Bühne des geschichtlichen Lebens. Dort erst entwirrt sich das Knäuel und offenbart uns in großen, abereinfachen Umrissen das ernste Krä ftespiel rasse- und raumgebundener Ideen. So kamen wir zu einer heroischen Geschichtsauffassung, neben der die ästhetischen, idealisierenden, patriotischen und sentimentalen Geschichtsauffassungen nicht bestehen können, die aus nur Vordergrü ndigen Geschichtserlebnissen gewonnen sind, Wie die Menschen Geschichte auffassen, so fassen sie das Leben auf.

Mit der heroischen Lebensauffassung und Geschichtsanschauung betreten wir heimischen, heidnischen Boden, denn das altgermanische Epos verrät uns eine gleiche seelische Haltung unserer vorchristlichen Ahnen. Wir lernen heute wieder die reinere, kühlere Luft des Nordens atmen. Wer aber die Behaglichkeit liebt und das kleine Glück sucht, bleibe im Süden.

Alles geschichtliche Geschehen lässt sich für den nordischen Betrachter und Erlebenden auf den uralten Gegensatz Norden Süden zurückführen. Norden und Süden sind nur zwei gleichnishafte und symbolische Begriffe für zwei gewaltige Geistesmächte, die in der menschlichen Geschichte wirksam geworden sind. Auf der Plattform des jüngeren Geschehens begegnen sie uns als Germanentum im Norden und als Christentum im Süden. (Hier wird Germanentum als eine geistige Idee aufgefasst, die allerdings an ein ihr entsprechendes Menschentum gebunden ist.) Wir haben bis in die späte Geschichte hinein die Tatsache einer ungeheuren Expansion des nordischen Geistes und Blutes anzuerkennen. Überall stoßen wir auf die Spuren derselben: bei allen vorderasiatischen Kulturen, in Indien, Persien und Ägypten, vielleicht sogar in Mittel und Südamerika und Ostasien; vor allem aber in den Kernländern der Antike, in Griechenland und Rom. Wo der Ausgangspunkt dieser Ausdehnung zu suchen ist, wissen wir noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. In historisch klar fassbarer Zeit ist jedenfalls die Nordmeerlandschaft das Kraftfeld der nordischen Rasse, also die Küstenlandschaften um die Nord und die Ostsee herum.

Dieses berauschende Bild von den nordischen Erdballstürmern darf uns aber nicht die dunkle Kehrseite dieser glänzenden Erscheinung übersehen lassen. Vergessen wir nie: überall in der artfremden Landschaft saß die nordische Rasse nicht als Volkstum, sondern nur als Herrenschicht und verfiel als solche unter fremden Zonen und unter fremden Volkstümern. Eine Rasse ist nicht nur an ihr Blut gebunden, sie ist genau so stark dem Raum verhaftet, in dem sie zur Rasse geworden ist. Eine Rasse hat einen natürlichen Standort, den sie nicht ungestraft verlässt. Der südliche Raum hat andere Gesetze als der des Nordens. Dort scheint dem nordischen Menschen eine feindliche Sonne, dort ist der Wind Giftträger für ihn, und der Boden beraubt ihn seiner Kraft oder zwingt ihm die eigenen Gesetze auf, d.h. er muss sein Blut mit den Kindern dieser fremden Erde mischen, wenn er nicht dem Siechtum und Verderben anheim fallen will:

Die fremden Eroberer kommen und gehen
Wir gehorchen, aber wir bleiben bestehen.

So lässt Schiller in seiner „Braut von Messina“den Chorsprechen, der das von einem nordischen Herrengeschlecht unterworfene Volk darstellt.

Aus Naturnotwendigkeit musste eines Tages das Verströmen der überschießenden Kräfte des Nordens nachlassen; der Süden aber, durch die Beimischung nordischen Geistes und Blutes aus seiner natürlichen Trägheit aufgerüttelt, zum Gegenschlag ausholen. Und dieser ist auch nicht ausgeblieben. Im Verein mit dem Klima und einer langsamen, aber desto sicherer sich durchsetzenden Rassenmischung haben Aufstände der unterworfenen Bevölkerung und häufige Kriege die IndogermanenvöIker nach und nach vernichtet und das nordische Erbe aufgezehrt. Der Durchbruch südlicher Sitten und Gottesvorstellungen verschüttete die Erbinstinkte. Auch in den antiken Ländern war bereits alles nordische Denken und Blut zersetzt, als das Christentum in Erscheinung trat und das Chaos vollendete, in das dann die letzten heidnischen Germanenstürme hineinbrandeten. Wir machen uns selten klar, welche Folgen dieser germanische Einbruch in das mittelalterliche Völkerchaos hatte. Die sogenannten germanischen Barbaren haben nämlich gerade das Umgekehrte dessen verbrochen,. was ihnen die Voreingenommenheit und Denkfaulheit zuspricht: sie retteten in diesem Untergang, was noch zu retten war; nicht zuletzt das Christentum. Hauston Chamberlain hat wohl recht, wenn er in seinen ,,Grundlagen des 19. Jahrhunderts“die Meinung äußert, daß es viel besser gewesen wäre, die Goten, Vandalen usw. hätten sich mal in diesem Falle ausnahmsweise barbarisch aufgeführt und alles kurz und klein geschlagen, um dem Gift des mittelmeerischen Völkerchaos die Möglichkeit, weiterhin gesundes Leben zu verderben, endgültig zu nehmen. Es wäre dann wohl nie ein Bonifazius über den Rhein gekommen und keine päpstlichen Machtansprüche hätten deutsche Kaiser zu einer unglückseligen Italienpolitik gezwungen. Aber in ihrer erhaltenden, aufbauenden Wirkung haben sie dem den Norden bedrohenden Geist des Südens die Basis für eine kräftige Erholung geschaffen. In ihrer ganzen Unbekümmertheit haben die Völkerwanderungsgermanen dem Papsttum indirekt in den Sattel geholfen. Mit diesem Papsttum wurde dann das Christentum zu der politischen und geistigen Waffe des Südens.

Sie ist mit viel Berechnung und Klugheit geführt worden und sollte dem Norden zu einem bitterbösen Verhängnis werden. Das Werk der Christianisierung der Germanen konnte jetzt beginnen. Es war ein blutiges Werk, es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte des historischen Christentums. Um jeden Menschen, um jeden Quadratmeter Boden wurde erbittert gerungen. Der Norden unterlag nicht der Tapferkeit des Südens, sondern dessen Schlauheit und Berechnung, den so ganz anderen, von ihm unverstandenen und als ehrlos empfundenen Waffen. Verrat und Verleumdung, entwurzelte Germanen traten als mä chtige Helfer der römischen Bekehrer auf. Nur diesem geschickten und rücksichtslosen Kesseltreiben verdankt Rom seinen ,,Sieg“, der mit der Zurückdrängung der letzten Heiden bis an den Rand des ewigen Eises, bis nach Island und Grönland, endete.

Über dem ganzen Missionsdrama liegt ein ungeheurer Weihrauchdunst, der das wahre Bild verdeckt, Die bisherige Geschichte der Missionierung Germaniens ist in den meisten Fällen eine bewusste Verschleierung der Tatsachen, um nicht gerade zu sagen, eine bewusste Lüge.

Wir machen heute die Beobachtung, daß die römische Germanenmission von protestantischen Theologen und Laien gedeckt wird. Man wird hier an ein böses Wort Paul de Lagardes erinnert, das dem Sinn nach ungefähr folgendermaßen lautet: Der Protestantismus ist Katholizismus minus den Papst. In der periodischen Zeitschrift ,,Berliner Stadtmission“, Heft 12, 1932, ist zu lesen: ,,Es entzieht sich unserer Berechnung, in welchem Maße die Erdbeben und Zeichen am Himmel durch die sittliche Verderbnis der Menschen bedingt sind. Wenn Gott mit Gericht über die Erde geht, trieft sie von Blut, es muss ein schauerliches Morgengrauensein, das den wiederkommenden Jesus begleitet“. Mit solcher Gesinnung muss man ja die ,, schauerlichen“ Begleiterscheinungen bei der Zwangsbekehrung der Heiden ganz in Ordnung finden. Es ist der Geist Jahves gewesen, der bei der blutigen Taufe der Germanen Pate gestanden hat, der gleiche Gott, der den Propheten Samuel zu dem König Saul sagen ließ. als dieser gegen die Amalekiter zu Felde zog: ,,So ziehe nun hin und schlage die Amalekiter und verbanne sie mit allem, was sie haben. Schone ihrer nicht; sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel“ (1. Sam. 15). Wie die Forschungen ergeben haben, haben wir es bei den kanaanitischen Völkern, also den Amalekitern, Amoritern usw. mit Völkern stark nordischen Einschlages zu tun!

Vor 1945 waren viele Heiden erstaunt, wie empfindlich die protestantische Priesterschaft auf den Angriff gegen das Alte Testament reagierte. Das hatte seine sehr verständlichen Gründe, denn ohne das Alte Testament ist die christliche Kirche und Priesterreligion nicht mehr lebensfähig. Der protestantische Theologe Vuikmar Hentrich hat vollkommen recht, wenn er in seinem Buch ,,Völkische Religiosität und Altes Testament“schreibt: ,,Der Kampf gegen das Alte Testament ist keine Bagatelle, sondern Entscheidungskampf“. Das Alte Testament ist vor allem die Grundlage für den christlichen Universalismus und mithin auch für die ,, Heiden“mission. Der Altmeister der evangelischen Missionswissenschaft, Prof. Gustav Warneck, bekennt: ,,Jehova ist von Anfang an der Gott des Himmels und der Erde und der abrahamitische Segen von Anfang an auch für die Volker bestimmt“, und, ,,ist Jehova als der Schöpfer der Herr und Richter der ganzen Welt, so musste auch der Gedanke einbürgern, daß die ganze Erde für ihn in Anspruch genommen werden müsse“. Im Alten Testament liegt der Weltherrschaftsgedanke offen zu Tage. Der Imperialismus und Internationalismus Jehovas ist die Voraussetzung aller späteren Imperialismen und Internationalismen.

Vor allem sind die gewaltsamen und sonstigen zweifelhaften Bekehrungsmethoden, die besonders Germanen zu erleiden hatten, ohne den Geist des Alten Testaments einfach undenkbar. Ohne Gewalt wäre Germanien nie christlich geworden; das Verständnis für diesen Glauben fehlt bis heute. Pastor Wehrmann klagt in seiner Schrift ,,Die Gemeinde das Herz der Völker“über die Unkirchlichkeit des deutschen Nordens, daß das Evangelium dort immer noch etwas Fremdes, Nicht begriffenes sei. Christus wird trotz katholischer Aktion, trotz protestantischer volksmissonarischer Tätigkeit ewig ein nie ganz begriffener Fremder im Norden bleiben. Das liegt nicht an der Verstocktheit und Sündenverstrickung des nordischen Menschen, sondern an seinem Wesen.

Die Christianisierung des Nordens beruht auf der Anwendung von Gewalt, die oft mit der Scheußlichkeit an sich identisch war. Auf Gewalt konnte also Rom beider Christianisierung des Nordens gar nicht verzichten, wollte es seine Ziele erreichen. Diese Gewaltanwendung bestätigen sogar katholische Priester. Wohl am offenherzigsten und dreistesten war der katholische Missionar Erlemann, der bei der Begrüßung des Prinzen Heinrich in Kiautschau sagte: ,,Die Erfahrung hat gelehrt, daß immer nur da, wo die weltlichen Gewalten den Glaubensboten ihren starken Arm liehen, ein durchgreifender Schritt zur Christianisierung eines Volkes hat gemacht werden können“. Das war unzweideutig und deutlich gesagt. Ein anderer katholischer Priester schreibt über die gewalttätige Germanenmission. sie bedauernd: ,,Und der Heiland führt uns in das alte Sachsen; führt uns in das Ur-Preußenland. Sachsen, das durch Kampf und Schwert und Mord und Brand und Gewalt christlich gemacht worden ist. Preußen, das mehr durch geistliche Ritter als ritterliche Geistliche christianisiert worden ist; beide Länder, die erst gründlich vom alten Glauben und dann noch gründlicher von allem Gauben abgefallen sind weil Senfkörnlein und Sauerteig das Christentum dort nicht eingeführt“. Aber ohne Gewaltanwendung wären diese Länder, wie alle nordischen Länder überhaupt, niemals in ihrer Gesamtheit christlich geworden. Das wusste man in Rom und weiß es noch heute!

Das nordischgermanische Beispiel der Christianisierung, ihre Methoden und Wirkungen haben uns die isländischen Sagas treulich überliefert. Sie bestätigen uns vollauf, was wir aus dem sü dlichen Germanien wissen: Gewalt und Sittenverderbnis. Rom und seine Bekehrer werden durch die Sagas schwer belastet. Sie bilden eine einzig große Anklage gegen die sittenzerstörende Wirkung der römischen Germanenmission, obwohl sie denkbar neutral und tendenzlos geschrieben sind; gerade deshalb sind sie das beste Beweismittel für die Tatsache eines germanischen Sittenwandels in abwärtsweisendem Sinne als Folge eines erzwungenen Glaubenswandels.

Der Christianisierung Norwegens voran ging die Zerschlagung des heidnischen Freistaates durch den ersten Norwegerkönig Harald Schönhaar. Bereits das war eine Fernwirkung des von der Kirche so hoch gefeierten Sachsenschlächters Karl von Franken. Sein Nachfolger Hakon der Gute versuchte es dann mit der Christianisierung der Norweger ,,im Guten“. König Hakon hatte schon von Kind an bei König Athelstan in England eine christliche Erziehung genossen. Er meinte es mit seinem Christentum ernst. Viele von der ihn umgebenen Gefolgschaft nahmen das Christentum aus Freundschaft zu dem Könige an, eine Erscheinung, die im ganzen Norden zu finden ist. Aber die Bauern trotzten seinen Bemühungen. Die edle Gesinnung des Königs verhinderte ein gewaltsames Vorgehen, und so ging noch einmal alles gut. Aber gerade dieser Misserfolg König Hakons zeigt mit aller Deutlichkeit, daß ohne Gewalt das Volk als Ganzes nicht für die Lehre aus dem Süden zu gewinnen war. Nach seinem Tode in der Schlacht bei Fitje trauerten Feind und Freund. Den Bauern hatte er ihren von Harald Schönhaar geraubten Besitz wieder zurück gegeben und die germanische Glaubensfreiheit unangetastet gelassen, Das war unter dem nächsten König gründlich vorbei. Olaf Tryggvason gehört in die vorderste Reihe der rücksichtslosesten Bekehrer. Wie sein Bekehrungszug vor sich ging, soll uns Snorris Königsbuchselbst erzählen:

Von den südlichen Gauen Norwegens ging dieser seltsamschaurige Zug nordwärts. ,,Der König“, so berichtet das Königsbuch, ,,zog in den Norden von Vik und forderte alle Mannen auf, Christen zu werden, über die aber, die Widersprachen, verhängte er harte Strafen. Einige ließ er töten, andere verstümmeln, noch andere jagte er fort außer Landes.“Aus Hardanger heißt es: ,,Der König zog nordwä rts nach Agde, und wo er ein Thing mit den Bauern abhielt, verlangte er von allen Mannen, daß sie sich taufen ließen. Überall wurde das Volk christlich, denn nirgends wagten die Bauern einen Aufstand gegen den König“. Auf einem Thing der vier Gaue Sogn, Fjordgau, Südmöre und Romsdalen zwingt auch nur das große Heer des Königs und die mangelhafte Bewaffnung der Bauern diese zum Nachgeben. „Am Ende der Rede stellte der König die Bauern vor die Wahl, entweder das Christentum annehmen und sich taufen zu lassen oder andernfalls sich zum Kampf gegen ihn bereit zu halten.“Bei den Drontheimer Bauern verliefen aber die Dinge nicht so glatt, da sie durch die bisherigen Vorfälle gewarnt waren und in voller Waffenrüstung auf dem Thing erschienen. Erst als der König durch eine List den Anführer der Bauern von den Seinigen abzutrennen wusste und ihn umbringen ließ, ergaben sich die führerlos gewordenen Bauern. So sieht in dem Nüchternen Bericht Snorris die ,,friedliche“ Bekehrung der Norweger aus. Mit der Bekehrung der Germanen feierte auch oft die Grausamkeit ihre besonderen Triumphe. Das war in Norwegen nicht anders als in Deutschland. Wie die Opfer der Inquisition ,,Hexen“ waren, so waren die hingerichteten Heiden im Norden natürlich immer,,Zauberer“, die Leben und Gesundheit der braven Christenmenschen bedrohten. So war auch Eyvind Quelle, der sich der Bekehrung widersetzte, ein solcher ,,Zauberer“. Er hatte das Pech, zum zweiten Male dem König in die Hände zu fallen, nachdem er bei einem Mordbrand gegen ihn noch mal entwischt war. letzt lieg ihn der König mit sämtlichen seiner Begleiter auf eine Schäre bringen, die bei Flut unter Wasser stand. Festgebunden, mussten sie so den langsamen Wassertod erleiden. Ü berhaupt, im Aussinnen von Strafen waren die Bekehrer, die Sendboten des Heilands, unübertrefflich. Wie angesichts solcher Tatsachen noch ein Mitarbeiter an der Herausgabe der Sammlung ,,Thule“ (Walter Baetke)behaupten kann: ,,Es ist ja Geschichtliche Tatsache und lässt sich durch keinen noch so gehässigen Ausfall gegen das , Verbrechen der Christianisierung‘ aus der Welt schaffen, dass sich die Bekehrung der Germanen im allgemeinen freiwilligvollzogen hat; das gilt nicht nur für die Südgermanen, sondern auch für den germanischen Norden“, ist einfach unverständlich. Kann Voreingenommenheit einen Menschen so blind machen? Frühkindliche Prä gung dürfte am ehesten Erklärung für diese Verdrängung unangenehmer Wahrheiten sein.

Wie Olaf Tryggvason die Christianisierung des Nordens begonnen hatte, so vollendete sie Olaf der Heilige. Wo die Kirche einen germanischen König in den Heiligenstand erhebt, da war dessen Leben alles andere als für den Norden heilbringend. Diese Vermutung wird auch bei dem heiligen Olaf vollauf durch das Königsbuch des Snorri bestätigt. Über seine verdienstvolle Tätigkeit für die Kirche lesen wir dort: ,,Der König forschte genau nach der Art, wie sie den Christenglauben hielten. Wo er aber die Ansicht gewann, daß sie ihn noch nicht richtig übten, da lehrte er sie den richtigen Glauben. Waren aber welche, die vom Heidentum nicht lassen wollten, dann belegte er sie mitschweren Strafen. Er trieb einige außer Landes, andere ließ er an Händen und Füßen verstümmeln oder ihnen die Augen ausstechen, wieder andere ließ er hängen oder niederhauen. Keinen aber ließ er ungestraft gehen, der nicht an Gott glauben wollte. “ . . . ,,So durchzog er alle Gaue. “ . . , ,,Er verfuhr dabei immer in gleicher Weise und brachte alles Volk zum richtigen Glauben und verhängte schwere Strafen über die, die auf seine Worte nicht hören wollten.“Wahrhaftig, ein rechterschaffener Diener Jehovas und seiner Kirche. Er hatte erreicht, was der Wunsch und das Gebet der Kirche war, wenn die Saga folgendes abschließendes Urteil über diesen allerchristlichen König des germanischen Nordens fällt: ,,So wenig blieb unter ihm den Mannen die Freiheit des eigenen Handelns, daß nicht einmal ein jeder an die Götter glauben durfte, die er wollte.“Was dem Norden etwas völlig Unverständliches war, galt im Süden als das Selbstverständlichste.

olaf_tryggvason Wie Norwegens Christianisierung ein klassisches Zeugnis für den gewalttätigen, oft grausamen Charakter derselben ist, so ist Altisland das treffliche Beispiel für den Sittenverfall nach der Bekehrung. Um die Jahrtausendwende wird Island unter dem Druck der Drohungen des norwegischen Königs durch All-Things- Beschluss ,,christlich“. Aus derselben Zeit erzählt Ranke in seiner Weltgeschichte die fürchterlichsten Dinge über die sittliche Verwahrlosung in der ewigen Stadt. Klerus und Laientum sind in der ganzen abendländischen Christenheit schon so verwildert, daß man zu jener Zeit allgemein den Glauben an einen bevorstehenden Weltuntergang findet. In diesen Strudel der sittlichen Verwilderung sollte nun auch Island geraten und das heidnische Heldenzeitalter rasch beenden. Langsam vollzog sich dieser Prozess denn der Thingbeschluss war ein Kompromiss, das den christlichen Anhängern ein öffentliches Betätigungsrecht gab, dem Heidentum ein heimliches zugestand, und einen selbstherrlichen König gab es in dem Freistaat nicht. Dadurch und durch die Eigengesetzlichkeit eines gut fundierten Staatswesens und einer uralten bewä hrten Sitte waren Island nach der ,,Bekehrung“ noch zwei Jahrhunderte verhältnismä ßig friedlicher und glücklicher Zeiten beschert. Dann aber ging es sturzartig bergab. In der heimlichen und unwahrhaftigen Atmosphäre, die nach der Annahme des Kompromisses mit dem Christentum herrschte, gedieh der Mensch aus einem Guss mit seiner Leib Seele Einheit, wovon Islands Heldenzeitalter uns so wundervolle Beispiele als letzten Gruß des gemordeten und geschändeten Heidentums bietet, immer schlechter. Diese Gattung starb aus.

Die Menschen auf Island waren jetzt vor eine neue Aufgabe gestellt. Sie sollten eine fremde Lehre, eine fremde Sitte mit ihrer eingeborenen Art vereinbaren. Das war ein Ding der Unmöglichkeit, und so verloren diese Menschen nicht nur den alten Glauben und das alte Sittengefühl, sondern jeglichen Glauben und jegliches Sittengefühl. Der Wurm nagte unaufhaltsam an dem Gebälk, die Schlusskatastrophe war nur eine Frage der Zeit. Sie kam mit dem kraftvollen , aber sittlich entwurzelten, der Glaubensheimat verlustig gegangenen Sturlungengeschlecht. Der Bürgerkrieg in seiner schlimmsten Form war da und stieß die einst blühende Insel für Jahrhunderte ins Elend und in die völlige Bedeutungslosigkeit. Die Ironie des Schicksals wollte, daß der schon erwähnte Walter Baetke die Herausgabe und Übersetzung desjenigen Thulebandes vornehmen sollte, der den Untergang Islands zum Gegenstand der Schilderung hat. Unter dem Eindruck des Studiums dieser erschü tternden Katastrophe eines hochstehenden Staatswesens und Volkstums findet Baetke in der Einleitung zur Sturlungengeschichte nachstehende Worte:

,,In der Geschichte der Sturlungenzeit treten Züge von berechnender und kaltblütiger Grausamkeit in abstoßender Weise hervor.“
,,Die alte Zeit kennt nur das Vig, den Totschlag des Gegners im Kampf oder Überfall, Jetzt verläuft kaum ein Fehdezug ohne das langsame Nachspiel der Hinschlachtung der gefangenen Feinde; die Rache, früher ein heroisches Mittel zur Wiederherstellung der Mannes- oder Sippenehre, wird jetzt langsam im Blut des Gegners gekühlt . Auch die Verstümmelung, besonders das Abhauen von Händen und Füßen, ist eine beliebte Form der Rache und beweist ebenso wie die häufigen Raubzüge und Brandschatzungen den Niedergang der alten Kriegerethik.“
,,In den Beziehungen der Geschlechter herrscht eine Zü gellosigkeit, die nach der vorbildlichen Zucht und Sittenreinheit, die uns die Sagas zeigen (aus der heidnischen Zeit), fast unbegreiflich erscheinen.“
,,Die Achtung vor der Ehe, die in der heidnischen Zeit kaum einmal verletzt wird, ist völlig geschwunden. Das Konkubinat herrscht unter Laien und Geistlichen. “
,,Auch die Geistlichkeit macht, wie eben angedeutet, von dieser Allgemeinen Verkommenheit keine Ausnahme; ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran und trägt an der allgemeinen Verwilderung ein gerütteltes Maß von Schuld.“Und nun noch ein weiteres sehr wertvolles Geständnis desselben Mannes, der das Märchen von der friedlichen Germanenmission verteidigt und an das Vorbestimmtsein der Germanen für das Christentum als einen weisen Ratschluss Gottes glaubt. Baetke bekennt: ,,Das Christentum hat eine innere Wandlung in der Denk und Gefü hlsweise der Menschen nicht hervorrufen können, aber es hat die alte Moral zerrüttet und so eine sittliche Depression geschaffen, die sich zerstö rend auswirken musste.“Mehr sagen auch wir nicht, aber wir ziehen die Folgerungen aus solcher Erkenntnis. Das aber ist in den Augen der Priester aller Konfessionen das ,,Verbrechen“ der nordischen Bewegung.

island_2_s Islands Freistaat ging am Geist des Südens zugrunde. ,,Das Christentum, dieser Balsam für Orient und Altertum, aus dem es entstanden, dieses Gift für den Norden, in den es jetzt aber wucherte, zerstörte uns den eigenen Glauben und damit die eigene religiöse Uranlage“,schieb einmal Moeller van den Bruck. Zwischen dem Geist des Nordens und dem des Christentums, ganz gleich, ob es sich um die Idee des letzteren handelt oder der politisch-konfessionellen Gestaltwerdung ist keine Synthese möglich. Das lehrt um das traurige Schicksal Islands, wo die Christianisierung noch am gewaltloseste vor sich ging, Hell, strahlend steht der junge Freistaat und sein Menschentum am Rande der Kultur da; Nacht und Verzweiflung umgibt das Ende dieser letzten heidnisch- germanischen Kulturschöpfung: Ja, dem Untergang fehlt selbst der versöhnende Abschluß; es ist kein letzter Triumph der Ehre wie beim Untergang der Goten oder Sachsen. Zwischen diesem Aufgang und Untergang Islands aber steht die Mission.

Die Sendboten aus dem Süden wirkten nur zerstörend und auflösend. Und waren die Bekehrer nordischen Blutes, war die Wirkung um so verderblicher, denn sie dienten einem Geist, den sie nie begreifen konnten. In ihrer inneren Verzweiflung, in dem dumpfen Gefühl eines Verrates an ihrer eigenen von Gott geschenkten Natur, haben sie oft am schlimmsten gewütet gegen alles, was nach Heidentum und Ketzerei aussah. Die nordischen ,,Christen“ mussten letzten Endes deshalb alles Heidnische auszurotten trachten, um einen stummen, aber eindringlichen Ankläger aus der Welt zu schaffen. Ihr Geschick und ihre unseligen Taten sollen uns eindringlich mahnen, endlich den Priesterirrsinn aus dem Norden zu verbannen und einsehen zu lernen, daß Sitte und Glauben niemals importiert werden können. Die nordische Rasse ist verloren, wenn sie nicht bald erkennt, dass auch die Quellen des Gotterlebens und des sittlichen Lebenswandels nur heilbringend im Norden fließen und dieselben sind, aus denen unsere heidnischen Vorfahren schöpften.

Wir wollen keine Heiden aus Vorzeitschwärmerei sein, sondern aus der klaren Erkenntnis, daß wir nur mit dem heidnischen Erbe die Kraft gewinnen, die kommenden ,,Jahre der Entscheidung“ (Oswald Spengler)zu bestehen, und aus Liebe und Dankbarkeit zu unserer nordischen Heimat, der wir allein alles verdanken, was groß und ewig ist in der Geschichte unseres Volkes.

,,Norden verpflichtet . . . Süden ist Rückfall.
Die Menschen im Aufstieg haben den Zug zum Süden gegen sich.
Aber sie überwinden diesen Zug.
Süden wird Sünde! „
(Moeller van den Bruck)

Der frühe Norden

voelkerwanderung400Mit dem Einsetzen der geschichtlichen Nachrichten erscheint Skandinavien als die vagina gentium: ein Volk nach dem anderen drängt über die Ostsee oder aus Jütland südwärts, zuerst die Kimbern und Teutonen (aus Himmerland und Ty), dann Ariovists Sueben und Haruden (Schwabstedt an der Eider; Hardesyssel), die Wendeln („Vandalen“) und Burgunden; vielleicht schon früher sind die Goten aus Gotland nach der Weichselmündung übergesetzt.

Noch heute zeugen die Ortsnamen auf -leben und
-ing(en) von einer Bevölkerung, die sich von Norden nach Deutschland hinein ausgebreitet hat (dänisch -lev; schwedisch Göinge in Schonen-Göttingen). Im südlichen Skandinavien und in Dänemark, vielleicht auch an der Südküste der Nord- und Ostsee, müssen die ältesten historisch bekannten Sitze der Germanen gesucht werden. In diesen rauhen, abgelegenen Landstrichen hat sich die germanische Rasse und Kultur herausgebildet. Hier hat das Germanentum auch zäher als anderswo an seiner Stammesart festgehalten.

Land und Leute – Äußere Kultur

Die Völkerwanderung (das Wort in landläufigem Sinne verstanden) bringt den ersten weltgeschichtlichen Aufschwung germanischen Lebens. Gleichzeitig beginnen sich die Skandinavier entschiedener abzusondern von den südlichen Vettern, die größtenteils auf keltischem oder römischem, später auch slawischem Kolonialland sitzen. Die Sprachgrenze in Schleswig tritt deutlich in Erscheinung durch die Auswanderung der Angelsachsen nach Britannien, die ein Zusammenstoßen vorher weit getrennter Stämme und Mundarten zur Folge hat. Die Dänen dringen vom mittleren Schweden her vor, wo seit Jahrhunderten schon die Schweden auf dem verhältnismäßig fruchtbaren Nordufer des Mälaren (Mälarsees) – in Uppland – einen mächtigen Verband bildeten.

Aber trotz der Sprachgrenze pflegen diese Völker noch engen Zusammenhang mindestens mit Norddeutschland die ganze sogenannte „gemeinnordische“ Zeit hindurch (400 bis 800 n.d.Zr.). Das zeigen deutlich die archäologischen Funde. Das Nydamer Boot (im Museum zu Kiel) ist von gleicher Größe und Beschaffenheit wie die Boote der Seegermanen zur Römerzeit und wie die der Normannen zur beginnenden Wikingzeit: das Wikingtum ist die letzte, großartigste Entfaltung von Lebensgewohnheiten, die schon ein Jahrtausend früher allen Seegermanen gemeinsam waren. Widukinds Flucht vor Karl dem Großen nach Dänemark ist ein später Ausdruck für diese alte Lebenseinheit, die ihre Brennpunkte in den Häuptlingshallen hatte. Dort wurden beim Schein der Feuer und beim Bier die gotischen und fränkischen Lieder vorgetragen. Sie wanderten von einem Fürstenhof zum anderen, sächsische nach Norwegen, gautische nach England. Das in der Halle versammelte Kriegergefolge hat diesen Stoffen für alle Zeiten den Stempel seines Geistes aufgedrückt. Ruhmreiche Fürsten dieser Zeit, wie besonders Rolf Krake von Lejre auf Seeland, der den jungen Vögg großmütig belohnte und inmitten seines treuen Gefolges durch Verrat fiel, er und andere haben noch lange im Liede fortgelebt. Erst die Bekehrung der Sachsen und die Wikingzüge brachten eine entschiedene Sonderung. Skandinavien überschwemmt jetzt von neuem die Welt mit seinen Kriegern. Schwedische Scharen setzten sich in Rußland fest und gründen das Staatswesen, aus dem das spätere Zarenreich erwachsen ist; sie befahren den Dnjepr und geben seinen Stromschnellen Namen in ihrer Sprache (wie Baruphoros, „Wogenfors“, vgl. Miklegaard, an. Miklagard¯r, – Konstantinopel), sie belagern Byzanz. Noch lange nachher hielt sich der griechische Kaiser eine Leibwache von Nordleuten; Harald Hard¯rád¯i, der Gestrenge, der spätere Norwegerkönig, der 1066 bei dem Versuch, England zu erobern, an der Brücke von Stanford fiel, war eine Zeitlang ihr Anführer. Dänen setzen sich auf Wollin (in der Jomsburg) und in der Normandie fest, wo noch heute Ortsnamen wie Frévilla von diesen nordländischen Kolonisten zeugen. Das nordöstliche England war zeitweilig überwiegend skandinavisches Sprachgebiet (vgl. Ortsnamen wie York – aus Jórvík – und Grimsby). Auf den kleinen britischen Inseln und Inselgruppen gibt es zahlreiche Erinnerungen an die Wikinge (so den „Tynwall Court“ auf Man). Die Orkaden und die Shetlandinseln waren früher rein nordisch, wie es heute noch die Färöer und Island sind. In Grönland und an der Ostküste Nordamerikas gab es im 11. Jahrhundert (in Grönland bis ins 15.) germanische Siedlungen. Es war die Zeit der größten Ausdehnung des skandinavischen Sprachgebiets, zugleich die Zeit der Einigung Norwegens und der ersten Missionare im Norden.

Das Urteil der christlichen Geschichtsschreiber über die wilden Normannen ist mit Hilfe der heimischen Quellen auf sein richtiges Maß zurückzuführen und zu ergänzen. Lehrreich sind hier die Berichte über die Jomswikinge, die Dichtungen von Half und Ingeld. Was, aus der Mönchszelle betrachtet, wie Zügellosigkeit aussah, war für die germanische Ethik heroische Pflichterfüllung.
Schon in der Wikingzeit zeigen sich die Vorboten des Mittelalters. Im 12. Jahrhundert zieht es mit Macht ein: man baut Klöster und nennt zuweilen seine Kinder Magnus oder Maria, man gewöhnt sich an Marterungen und Hinrichtungen, und der in Kreuzesform Hingestreckte empfängt geduldig den Todesstreich, mehr besorgt um das Schicksal seiner Seele im Jenseits als um die Ehre. Aber noch opferte man in entlegenen Tälern dem Thor, und auf den Orkaden zog man jeden Frühling und Herbst auf Wikingfahrt aus und kehrte mit Schiffsladungen englischer Seide heim. Die heimische Wolle war selbst diesen rauhen Gesellen nicht mehr gut genug.

leif-ericsson-sword Staat und Gesellschaft

Vor hundertfünfzig Jahren, als die europäische Bildung das heidnische Germanentum und das alte „Kämpenleben“ wieder entdeckte, konnte man meist mit diesen fremdartigen Gestalten nicht anders in ein Verhältnis kommen, als indem man sie mehr oder minder gründlich mit den „milden Tugenden“ der Humanität übermalte. Man tat es – und tut es noch – unwillkürlich, ein Beweis, daß man kein Recht hat, die mittelalterlichen Künstler zu belächeln, weil sie die Mutter Gottes in die Kleider einer deutschen Bürgersfrau stecken. Ähnlich wie den Germanen ging es bekanntlich den alten Griechen. Und wie man den Abstand zwischen den Alten und uns Neueren übersah, so übersah man auch den zwischen Hellenen und Germanen. Bei Oehlenschläger und bei Tegnér sprechen die altnordischen Helden griechische Verse und führen die klassische Mythologie im Munde neben der nordischen.
Der Unterschied zwischen antiker und germanischer Kultur ist wohl an keinem Punkt deutlicher als da, wo es sich um den Staatsbegriff handelt. Wie das Wort Staat, so stammen auch unsere Begriffe vom Staat aus der griechisch-römischen Welt; an ihnen gemessen erscheint die heidnische Germanengesellschaft fast als staatslos (oder vorstaatlich). Der antike Staat ist die Stadtgemeinde; in ihrem engen Mauerring erwachsen und werden als Helden gefeiert Menschen wie Sokrates, der lieber sterben will als die Gesetze der Polis übertreten, und wie Brutus, der die eigenen Söhne hinrichten läßt, weil sie Rom verraten haben. Keins von beiden wäre in Germanien denkbar. Brutus hätten die alten Nordleute einen Neiding genannt, denn dem nordländischen Heiden war nichts heiliger als seine Sippe, seine freiwilligen Bündnisse und seine Kriegerehre.

Von hier aus bestimmt sich die Stellung der Könige. Heilig, d. h. unverletzlich, war der Fürst nur für sein Gefolge, das ihm Treue und Gehorsam gelobt hatte, unter seinem Dache lebte und seinen Stolz darein setzte, den gefallenen Herrn nicht zu überleben. Der Opfertod germanischer Gefolgschaften, vielfach bezeugt im Süden wie im Norden und verklärt von der Dichtung, ist der großartigste Akt der Selbstverleugnung, dessen die rigorose alte Ethik fähig war. Außerhalb des Gefolges war der König zunächst nur ein bestellter Beamter: die Bauern hatten ihm auf dem Thing den seiner Abkunft gebührenden „Königsnamen“ gegeben, und er war auf dem heiligen Stein – in Schweden dem Morastein in Uppland – dem Volke dargestellt worden, sie mußten ihn und seine Leute ernähren, wenn der König sie besuchte, und konnten ihm dabei ihre Ergebenheit zeigen; sie erwarteten aber von ihm kräftigen Schutz gegen feindliche Einfälle, wobei sie ihm bis an die Landesgrenze Heerfolge zu leisten hatten – und darüber hinaus ruhmvolle Kriegs- und Beutezüge, wie sie einem Könige ziemen, und die sie meist gern mitmachten. Das Übergewicht der Königsmacht über die der einzelnen großen Bauern war mehr oder weniger bedeutend. Aber ein Königshof sah nicht anders aus als ein großer Bauernhof. Auch mancher Nichtkönig war reich genug, sich eine Schar bewaffneter „Hauskerle“ zu halten und mehr Zeit dem Kriegshandwerk zu widmen als dem Vieh und dem Acker. Denn noch immer galt das alte, schon dem Tacitus berichtete Werturteil, daß es ehrenvoller sei, seinen Gewinn mit Blut als mit Schweiß zu bezahlen. Immerhin war ein Gegensatz zwischen reisigen und landbauenden Kreisen zuweilen vorhanden. Der „Seekönig“ des Eddaliedes, der dem schweinefütternden Bauern am Lande zuruft: „Oft habe ich mit Speeren die Aare gesättigt, während du an der Mühle die Mägde küßtest“, hatte Vorbilder in der Wirklichkeit. Jener rauhe Kriegerstolz der Sueben, 14 Jahre lang unter kein Dach getreten zu sein, war ein Jahrtausend später den Nordleuten noch nicht abhanden gekommen. In der Geringschätzung der friedlichen Gewerbe lebte ein Gefühl davon, daß das Zusammenstehen wackerer Burschen in der Gefahr und das Männergespräch in der Halle mehr wert sei als der Umgang mit Kühen und Schafen.
Island ist in heidnischer Zeit nicht bloß der bestbekannte Fleck nordländischen Bodens, es ist auch der Sitz sehr altertümlicher Zustände in Staat und Gesellschaft. Eine Neuerung ist das Fehlen des Volksheeres. Es war in dem nachbarlosen Lande nicht nötig. Aber von urtümlicher Frische und Kraft ist das Spiel der widerstreitenden Kräfte – doktrinloser Wünsche und Leidenschaften -, die in diesem lockeren Gemeinwesen gegeneinander branden.
Wir können die Entwicklung der öffentlichen Einrichtungen in Island ziemlich gut überblicken. – In der Besiedlungszeit entstehen eine Unzahl Thingverbände. Der Thingplatz liegt bei einem Tempel, und der Tempelinhaber, der „Gode“ (Priester), ist der Herr des Thinges. Seine Stellung ist zuweilen – wenn nicht meist – aus dem Mutterlande ererbt. Im Jahre 930 tut man den großen Schritt, daß man ein gemeinsames Landesthing (Allthing, altisländisch alloingi) gründet. Dort tagt alljährlich im Hochsommer die ganze Landsgemeinde mit ihren Goden, man hört den Vortrag des Gesetzessprechers, des einzigen wirklichen Beamten des Freistaates, denn die Goden nehmen eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen Regierungsorganen und Parteihäuptern. Neben dem Allthing bleiben die Einzelthinge bestehen. Ihre Zahl, und damit die Zahl der Godentümer, wird im Jahre 965 auf 39 festgelegt, und je drei werden jetzt zu einem Thingverband vereinigt mit zwei gemeinsamen Zusammenkünften im Frühjahr und im Herbst; man wollte die Übermacht des einzelnen Goden auf seinem Thing brechen: die drei, jeder mit seinen Thingmannen hinter sich, sollten sich die Waage halten. Wer auf einem isländischen Thing, vor Gericht, etwas erreichen wollte, mußte starke Mannschaft um sich sammeln, am besten die Hilfe eines oder einiger Goden haben; sonst vermochte er nichts. Die endlosen Prozesse der Bauern um Habe und Ehre verliefen hauptsächlich in einem Kampf der Parteien um das Gericht: wer kraft seiner Übermacht das Gericht eroberte – manchmal kam es dabei zu blutigen Zusammenstößen -, der konnte das Urteil verhängen, das ihm gefiel: Geldbuße, milde Acht, Waldgang (strenge Acht). Er mußte dann aber auch für die Vollstreckung sorgen; denn sonst blieb der Ächter ruhig auf seinem Hofe sitzen, und sein Ansehen stieg auf Kosten seines kraftlosen Gegners.
Ungleich häufiger, als daß ein Streit in ein Gerichtsurteil auslief, waren ganz private Austräge (in den Sögur 50:470), durch Vergleich (164) oder häufiger durch Rache (306). Das Urphänomen der Rache spielt eine so beherrschende Rolle, macht sich auch nach und neben der staatlichen Erledigung so oft geltend, daß der Weg über die öffentlichen Instanzen durchaus als ein Umweg erscheint. In keinem Fall verlangt das Gesetz von dem Geschädigten, daß er diesen Weg geht.
Aber er muß ihn immer dann gehen, wenn er die Friedlosigkeit des Gegners erreichen will, den „Waldgang“, wie dieser Zustand des Ausgestoßenseins mit seinem alten Namen hieß. Der isländische Waldmann haust in den kahlen Steinwüsten des inneren Hochlandes seiner Insel im steten Kampf mit Schnee und Hunger, vogelfrei, aber auch galgenfrei: er ist für in der Acht begangene Handlungen nicht verklagbar: ist gewerbsmäßiger Räuber.
Doch der Ächter ist kein Verbrecher im Sinne der neueren europäischen Gesellschaft. Sein Unglück ist nicht vom Abscheu der Menschen begleitet, weit eher von ihrem Mitleid; die Tat, die ihn in den „Wald“ gebracht hat, kann höchst ehrenvoll, er selbst ein bewunderter Held sein (so die Sagahelden Gísli und Grettir). Überhaupt ist eine Verurteilung durch das Gericht zwar eine Demütigung, aber nie eine Schande. Das moralische Urteil bewegt sich in einer anderen Sphäre als der juristischen. Ein Neiding ist z. B. der, der einen achjährigen Knaben oder eine Frau erschlägt oder den leiblichen Vetter und Schwurbruder angreift. Dagegen gibt es keine unehrliche Hantierung, keinen verachteten Stand.
Dies hängt damit zusammen, daß reich und arm, vornehm und gering eine enge geistige Gemeinschaft bilden. Es gibt keine Bildungsstände. Zwar unterscheidet man scharf nach dem Klange der Namen, und die guten alten Familien halten bei Eheschließung streng auf Ebenbürtigkeit. Aber der persönliche Ruf des Mannes hat damit nichts zu tun. Er bemißt sich nach der Kraft und Wachsamkeit im Dienst der Ehre. Du darfst dir nichts bieten lassen, du darfst die Rachepflicht nicht versitzen: das sind die beiden ersten Gebote, die für jeden gelten, und die schon zwölfjährige Knaben mit der Waffe in der Hand befolgen. Der schlimmste Makel, weit gefürchteter als der Tod, ist der, feige zu erscheinen. Die Furcht vor ihm erzwingt entbehrungsreiche Fehden auch ohne Haß. Aber ein mächtigerer Faktor ist doch der plötzlich ausbrechende Haß bei Frauen wie bei Männern. Sein Auflodern war für die alten Isländer schön anzusehen, und ein langes Gedächtnis im Hassen und in der Rache war eine geachtete Eigenschaft. Auch Gerechtigkeit war eine Tugend: sie kam aber erst an die Reihe, wenn kein Schatten eines Zweifels auf die Ehre fiel. Die Welt bestand aus Freund und Feind. Für den Freund, die Sippe, die Partei tat man bewundernswert viel mehr, als heutzutage den meisten von uns erschwinglich dünkt -; man setzte unzählige Male sein Leben ein und machte kein Aufhebens davon. Gegen den Feind mußte man „grimm“ sein. Auch im Verhältnis zu den Freunden ordnete sich der eigene Stolz und Machtwille niemals unter. Man wollte groß sein und dafür gelten, und man handelte danach, doch nicht nur mit Kraft, auch mit kluger Berechnung und nicht gern so, daß man die eigene Würde offensichtlich außer Acht ließ. Wir sehen an den altisländischen Häuptlingen, diesen Herrenmenschen reinsten Wassers, deutlich, wie sie sich Schranken auferlegen, die ein kleiner Mann sich nach ihrem Gefühl nicht aufzuerlegen brauchte.

Religion

Auf keinem Gebiet lassen uns die Quellen so schmerzlich im Stich wie auf dem der Religion. Sie bestehen ganz überwiegend aus Gedichten, die sich mit den Gebilden der religiösen Phantasie tummeln. Allerdings ist es ein Vorurteil, zu meinen, die Dichtungen der Skalden und der Edda hätten durchweg nicht dem Volke gehört, seien „gelehrte“ Poesie: Bildungsschranken hat es vor Einführung des Christentums so wenig gegeben wie Bildungsstände (siehe oben), und daß die altnordische Literatur anders anmutet als neuere Volksüberlieferung, das beleuchtet wieder nur die große Tatsache, daß das ungetaufte Germanenvolk eben sehr verschieden war von dem des Mittelalters und der Neuzeit. Auch die vorchristlichen Entlehnungen aus keltischer Sage und christlicher Legende haben nicht viel zu bedeuten: derartiges hat auch weit früher schon stattgefunden, und die germanische Religion hat das Fremde germanisiert. Aber wir sind im Ungewissen darüber, ob nicht ein Teil der poetischen Texte (und manches von dem, was Snorri in seinem System der nordischen Götterlehre – um 1225 – mitteilt) nicht erst aus christlicher Zeit stammt. Das schlimmste ist, daß auch das heidnische Material offenbar stark gesiebt ist; nur den Unterhaltungsstoff hat die Kirche durchgelassen, fast alles aber, was mit ihrem Glauben und Ritus unmittelbar in Wettbewerb trat, also die Urkunden der eigentlichen Religion (Gebete, Zaubersprüche u. dgl.), hat sie auch in Island ausgerottet – konnte sie ausrotten, weil es um diese Gebilde weniger schade schien als um die großen, prachtvollen Götterlieder. Man muß sich nicht vorstellen, es wäre dem Klerus in Skandinavien und auf Island nicht ernst gewesen mit dem neuen Glauben. Gewisse geistliche Bekehrungsanekdoten, welche die heidnischen Götter im unheimlichen und doch wesenlosen Scheine der Teufel und Dämonen vorführen, zeigen uns, mit welchen gut katholischen Maßstäben man auch dort oben gemessen hat. Die Folge dieses Eifers ist, daß das nordländische Heidentum als Gesamterscheinung uns verschleiert bleibt. Wir sehen nicht deutlich, welche Rolle die alte Religion im Leben gespielt hat. Nur der niedere Aberglaube läßt sich verhältnismäßig gut beobachten. Doch darf auch der Wert der Götterfabeln nicht unterschätzt werden. Unterstützt von alten südgermanischen Zeugnissen und neueren nordländischen Quellen, liefern sie uns eigenartige Gebilde der mythenbildenden Phantasie, die immerdar in erster Reihe zur Kennzeichnung germanischen Glaubens herangezogen werden müssen. Denn vom niederen Aberglauben ist manches international.

Der Wert der nordländischen Zeugnisse liegt auf diesem Gebiet oft darin, daß sie uralte Vorstellungsweisen, die anderswo nicht mehr oder nur in Resten zu beobachten sind, in größerer Breite und Tiefe veranschaulichen. So ist der Totenglaube in den Sögur altertümlicher als im Homer und in den Veden. Es ist derselbe urtümliche Monismus, der aus den Gräben der Steinzeit spricht: die Leiche gilt als noch lebendig. Denn die Steinbehausungen, in die man damals die Toten bettete, müssen entweder zu deren Schutz oder zur Sicherung der Lebenden vor Wiedergängern gedient haben. Beides setzt die lebende Weiterexistenz der Verstorbenen voraus: so läßt sich ein Isländer unter der Schwelle seiner Tür begraben, weil er von dort sein Hauswesen am besten glaubt übersehen zu können. Das ist urzeitliche Anschauung und vermutlich ein Rest uralter Gewohnheit. Verblaßte Erinnerungen daran lebten bis in unserere Zeit; z. B. vermieden Schwarzwälder Bauern das Türzuschlagen und das Holzspalten auf der Schwelle, um die arme Seele nicht zu stören, die darunter wohnt. Hier ist der Verstorbene zur „Seele“ verflüchtigt: eine eingewanderte südliche Anschauung, die dem Germanen von Hause aus fernlag. Nur die Unsichtbarkeit und Verwandlungsfähigkeit des Toten waren auch ihm geläufige Begriffe; diese Eigenschaften traute er auch Ungestorbenen manchmal zu.
Garnichts wußte er davon, daß die Seele „im Körper“ hause und beim Tod aus ihm entweiche, wie er überhaupt von dem Gegensatz der beiden nichts ahnte. Man hatte – wahrscheinlich vom Süden – die Sitte der Leichenverbrennung übernommen und sie jahrhundertelang geübt; aber folgerechte Gedanken in unserm Sinne hat man an diesen Brauch und an die Wirkung des Feuers nicht geknüpft.
Wie im weißen Licht die Farben des Spektrums gleichsam schlummern, so gab es in der Luft unsichtbare Wesen, die unerwartet in die Erscheinung treten konnten. Wenn der Krieger im Kampfe eine schreckhafte Lähmung verspürte, so erkannte er die „Heerfessel“, ein böses weibliches Wesen, das seinen Tod wollte. Das älteste isländische Landrecht gebot den Ansegelnden, die aufgesperrten, geschnitzten Tierrachen ihres Vorderstevens angesichts der Küste herunterzunehmen: die „Landwichte“ sollten nicht unnötig gereizt werden. Über die Walstatt nach der Schlacht ritt Wodan auf seinem Schimmel: man konnte ihn sehen, wenn man durch die Rundung des gebogenen Arms blickte. Rasselte der Hagel und fuhren Blitze hernieder, so lenkte Thor oben am Himmel sein Bocksgespann, und sein geschleuderter Hammer zerschmetterte in der Luft den großen Stein, den der Bergriese Hrungnir, hoch aufgerichtet, dem Freunde der Menschen entgegenschleuderte. In den Wolken stand die Burg der Götter, von wo sie über alle Welten herabschauten. Dorthin sah man fürchtend und vertrauend auf. „Heil euch, Asen, Heil euch Asinnen und Heil der nutzbaren Erde! Mit gütigen Augen blickt auf uns herab und schenkt uns Sitzenden Sieg!“, so läßt der Dichter Sigurd und die erlöste Schildjungfrau auf dem Berge beten.
Aber man fand die unsichtbaren Wesen auch in greifbaren Dingen. Es gibt Pfosten- und Waffenverehrung wie bei vielen anderen Völkern so auch bei den Germanen. Manches davon lebt in dem entwickelten Götterkult fort. Wenn die Opfergemeinde im Tempel versammelt und das Blut der Opfertiere in Schüsseln aufgefangen war, so sprengte der Tempelherr das Blut nicht nur über die Gäste hin und auf die Altäre der Götter; auch die Wände des Hauses wurden so geweiht. Die Pfeiler des Hochsitzes waren Beschützer des Heims. Norweger führten sie mit nach Island und warfen sie vor der Landung ins Meer, damit sie die richtige Stelle für die Ansiedlung zeigten.
Götterbilder und Tempel sind wohl Anleihen bei der südlichen Kultur. Eine in Dänemark gefundene rohe Holzfigur gehört schon der Römerzeit an. Im 11. Jahrhundert standen im Haupttempel des Nordens, zu Uppsala, die Bilder der drei alten Hauptgötter: in der Mitte Thor, zu beiden Seiten Odin und Freyr (Fricco). Die Tempel der Wikingzeit mit ihrer Zweiteilung in Gemeinderaum und eine Art Choranbau ähneln wohl nicht zufällig den christlichen Kirchen. Aber es ging ganz anders in ihnen her. Der Hauptteil des Gottesdienstes war die Opfermahlzeit, das Verzehren des gesottenen Opferfleisches (dessaud¯r, von siód¯a, „sieden“) und das Minnetrinken der Götter. Voran ging das blutige Opfer, das kein Rauch verhüllte. Daneben begegnen an die Bäume des Tempelhains gehängte Leiber; diese Form ist altertümlicher als der Tempeldienst, wie der heilige Hain älter ist als das Gotteshaus. Auf dem Altar lag ein Ring, den man mit Opferblut rötete, und auf den man Eide schwur: „Ich leiste einen Eid auf den Ring, einen Gesetzeseid: sei mir Freyr gnädig und Njörd und der allgewaltige Ase …“
Der Letztgenannte ist jedenfalls Thor, der volkstümliche Gott, der den Feldern Gedeihen gab und die Gräber schützte. Seine Riesenkämpfe enthalten jung eingewanderte Märchenmotive (so die Abenteuer des Gottes bei Utgardaloki, welche in der Edda des Snorri erzählt werden). Viel besungen war der Kampf des rotbärtigen Asen mit der Schlange. Haßerfüllt sprühen die Blicke der Gegner einander an, während der Hammer den unförmigen Kopf des Untiers bearbeitet: ein Bild des ewigen Kampfes der erhaltenden und zerstörenden Kräfte, der die Weltanschauung der alten Nordleute beherrscht.

thor180 Der Gott, der immer auf der Wacht ist gegen den Wolf und in ruheloser Sorge Krieger sammelt für den letzten Kampf, ist Odin (Wodan), der Göttervater. Doch die älteren Züge seines Bildes zeigen mehr den übermächtigen, hinterlistigen Zauberer. Diese Eigenschaften sind höchst altertümlich, wie auch die Mythen von Odins Metgewinnung und von seiner Galgenlösung, die zum ältesten Gut in den nordischen Göttersagen zu gehören scheinen. Thor und Odin sind die ausgeführtesten Götterporträts. Ihren Gegensatz schildert launig und geistreich das „Graubartslied“ der Edda (Harbardsljód): einen Gegensatz nicht nur des Herren- und des Bauerngottes, mehr noch ein Gegensatz menschlicher Charaktere. – Von den Nebengestalten des nordischen Götterhimmels sind mindestens zwei sehr alt: Tyr, der alte Kriegsgott, und Njörd, der in gerader Linie abstammt von der taciteischen Nerthus. Gemeingermanisch ist auch Odins Gemahlin Frigg, ferner ihr kühner Sohn Baldr, der bekanntlich auch in einem der Merseburger Zaubersprüche auftritt (seine Chistusähnlichkeit ist ihm zum größten Teil erst durch Snorri angeschminkt worden).
Die alten Götter waren keine sittlichen Vorbilder – wenn sie auch sittliche Forderungen an ihre Anhänger gestellt zu haben scheinen -, nur übermächtige Ebenbilder. Sie hatten in der Vorzeit die Welt aus den Leibesteilen des Urriesen Ymir oder Aurgelmir geschaffen und gestaltet und genossen ewige Jugend, aber das Eisen kann auch sie töten. Beim Ragnarök werden sie alle fallen vor den dann gegen die Asenschöpfung rachbegierig aufstehenden Riesen- wenn auch nicht ungerächt, denn Vidar wird Rache nehmen für Odin, und Thor wird die Mitgardschlange im Zweikampf töten. Was dann kommt, wissen wenige.

Vielleicht leben die gefallenen Götter, oder es lebt eine neue Göttergeneration in einer Art Walhall weiter, wie es die vorletzte Strophe der Völuspa schildert:

Einen Saal seh ich,
Sonnenglänzend,
mit Gold gedeckt,
zu Gimle stehn:
Wohnen werden
dort wackre Scharen
der Freuden walten
in fernste Zeit.
Von Seelenheil, Erlösungsbedürftigkeit und Erlösung weiß man nichts. Die Sinnesart des Volkes war diesseitig. Der Aberglaube wurde noch nicht zur ständigen Furcht wie später im Mittelalter zu Zeiten, wo die Gespenster überhandnahmen. Der heidnische Nordmann trat dem elbischen oder göttlichen Feind ebenso aufrecht gegenüber wie dem menschlichen und tierischen. Selbst eine Rache an Ägir oder selbst an Odin liegt nicht ganz außerhalb seines Gedankenkreises. Und wo der Gott ihm als Freund (als fulltrui) erscheint, da liegt in dem Verhältnis etwas Kameradschaftliches. Es gibt Leute, die auf ihre eigene Stärke (á mátt sinn ok megin) mehr bauen als auf die Hilfe der Götter und es auf die Folgen ankommen lassen, wenn sie ihnen nicht regelmäßig opfern. Überhaupt war die Religion anspruchsloser als später das Christentum mit seinen Festtagen und Fastenzeiten.

Das erste Stadium der neuen Religion trägt noch viel von der Farbe der alten. Von der Ethik zu schweigen – sie ist ja auch heute noch weit davon entfernt, wahrhaft christlich zu sein -, gilt dies sogar vom Dogma. Man faßt den neuen Gott, den „weißen Christ“, als Unholdbekämpfer und Höllensieger – ohne daß wir uns deshalb vorstellen dürfen, das Christentum habe den Germanen Befreiung von der Geisterfurcht gebracht, wie es vor einigen Jahrzehnten ein Theologe hingestellt hat -; vom Erlöser weiß man noch nichts.