Germanenherz

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Ein Volk, das sich einem fremden Geist fügt, verliert schließlich alle guten Eigenschaften und damit, seine Kultur und sich selbst. Wir sind und werden gezwungen, unseren eigenen speziellen Charakter und unseren Lebensstil zu verbergen und zu Verachten, um nicht als Nazi oder Antisemit verspottet und ausgegrenzt zu werden. Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheiten ihres Geistes und ihre Sprache nimmt. Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluss von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die jüdische Fremdherrschaft zu verewigen.

Wir Deutschen haben uns für unsere Vergangenheit und unsere Ahnen nicht zu schämen, ganz im Gegenteil, wir müssen sie unbedingt neu entdecken. Es ist unsere Pflicht uns mit der Germanistik auseinanderzusetzen. Wir Deutschen haben eine wahre Kultur. Wir Deutschen gehören zu dem Ursprung einer westlich zivilisierten und autarken Welt ohne das wir eine kulturelle Identität künstlich erzeugen müssen indem wir andere Kulturen vernichten! Wir sind mehr als das was uns seit Dekaden eingeredet wird, wir haben eine Geschichte die es wert ist sich zu entwickeln, denn unsere Vorfahren haben ihr Leben gegeben damit wir heute in Freiheit leben sollten.
In  Wahrheit baute  die germanische Weltanschauung auf die Gleichstellung von Menschen und dem Respekt gegenüber der Natur.  Gewalt, Naturzerstörung, egoistischer Intellekt waren verpönt, der Sinn für das Gemeinwohl (Natur inkl. Mensch) war vordergründig. Nichts wurde getan, ohne die Ahnen und die beseelte Natur zu fragen. Das alte Wissen war allen zugänglich und wurde nicht von elitären Herrenmenschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht und der Masse vorenthalten worden!

Das alles ist ein wesentlicher Teil der deutschen Historie, welche jedoch immer mehr in das Vergessen gedrängt wird. Wir sind inmitten eines kulturellen Bewusstseins der Selbstaufgabe und des ewigen Schuldkult, ohne sich auf das zu besinnen was wir sind und andere Völker als selbstverständlich erachten. Den Deutschen hat man die Geschichte abtrainiert. Bei den einen reicht das Gedächtnis nur bis zur letzten Fußball-WM, bei den anderen nur auf 1933.1945. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern will, wird dazu genötigt, sie im weniger Positiven bzw. die negativen Eigenschaften zu wiederholen.

Wer sich aber mit den alten germanischen Mythen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass uns die Judeachristen unsere fundamentalen Lebensgrundlagen und Lebensweisheiten gestohlen haben!. Die drei großen patriarchalen Religionen (Christentum, Islam, Judaismus) sind für rasendes Massenmorden, rücksichtslose Industrialisierung, Sklavenarbeit, Ungerechtigkeit, Plünderung der natürlichen Ressourcen verantwortlich! Sie haben uns den Zugang zu unseren Seelen geklaut, uns von ihren (Schulen, Banken, Medien) abhängig gemacht!
***Es ist an der Zeit, dass Odin zurückkommt***
.odin geist
Allvaters Anrufung
Der Du einst im Waldesrauschen
Deinem Volke Dich genaht,
Dass sein Herz in brunst’gem Lauschen
Sich entzündete zur Tat,

Der Du standest an Deutschlands Seite
Immerdar und allerorts,
Kraftverleiher warst im Streite,
Spender tiefen Weisheitsworts,

Wir, von Deinem Blut geboren,
Gott der Deutschen, nahen Dir,
Wir, in fremdem Volk verloren,
Dich, Allvater, rufen wir.

Hast es manches Mal gesehen,
Jenes Schauspiel voller Gram:
Sahst aus Deutschland Deutsche gehen,
Deren keiner wiederkam,

Die in Angst vor fremden Spöttern
Sich des Vaterlands geschämt,
Opfer brachten fremden Göttern,
Sich mit fremdem Putz verbrämt;

Hör’ uns rufen, hör’ uns schwören:
Wir sind treu, und wir sind Dein,
Unser Land soll uns gehören,
Uns’res Landes woll’n wir sein!

Sieh’, der Fremdling will’s verhindern,
Altes Recht, er schreibt es neu —
Vater, bleibe Deinen Kindern,
Gott der Deutschen, bleib’ uns treu!

Schüttle Deine heil’gen Locken,
Necke die allmächt’ge Hand,
Dass der Eindringling erschrocken
Weiche aus dem deutschen Land;

Dass er zagen lerne, zittern
Vor urew’ger Majestät,
Wenn in heil’gen Ungewittern
Deutsche Gottheit aufersteht;

Dass das Herz uns mutig werde,
Stark in neuer Zuversicht:
Vatergott und Vatererde
Raubt uns Macht der Menschen nicht!


Viking_Toto_Germanenherz
Vom Hohen Norden wird er kommen mit seinen Streitwagen, und seine Macht wird unbezwingbar sein. Eine Schar Aufrechter wird um Ihn sein, ihnen wird er das Licht geben, und sie werden der Welt leuchten, Und die Stunde des Lichtes wird heimkehren über die Erdenwelt.
Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Man sei sich der Gegenkräfte gewahr und schließe nicht die Augen vor ihnen. Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Zum Leben gehört auch der Mut zum Konflikt. Hindernisse sind dazu da, furchtlos, aber umsichtig überwunden zu werden. Man vertraue seinem Willen und seinem innerem Impuls. Man diene mit diesen Kräften der Schöpfung. Man tue, was zu tun ist. WENN DIE ZEIT REIF IST
toto_haas_lichtbringer*** Die Zeit ist nun reif ***
*** Mein Volk Erwache ***
Nur der Wache (Sehende) erkennt schnell die Lüge! Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken, Wo alle spotten, spottet nicht. Wo alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht. 

Tacitus’ „Germania“

tacitus-agricola-germania Von Andrew Hamilton,  Das Original Tacitus’ Germania erschien am 30. September 2011 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right.

Tacitus’ Germania, eine kurze Monographie über die germanische Ethnographie, die ca. 98 n. Chr. geschrieben wurde, ist von großer historischer Bedeutung. Die Überlieferung des Textes bis zum heutigen Tag und gewisse Abenteuer und Spannungen, die sie umgeben, ergeben eine interessante Geschichte.

Der römische Historiker und Aristokrat Cornelius Tacitus (ca. 55 – ca. 117 n. Chr.) war der Autor mehrerer Werke, von denen mehr als die Hälfte verlorengingen. Was von seinen Schriften bleibt, wird in die sogenannten „großen [langen] Werke“, die Historien und die Annalen, die zusammen den Zeitraum von 14 – 96 n. Chr. behandeln, und die „kleineren [kurzen] Werke“ unterteilt: den Dialogus de oratoribus, Agricola und Germania. Man glaubt, daß Tacitus, ein Senator, im Jahr 79 das Amt des Quästors innehatte, 88 das des Prätors, 97 das des Konsuls und von 112 – 113 Prokonsul oder Gouverneur der römischen Provinz „Asia“ (der [heutigen] westlichen Türkei) war.

„Germania“ ist ein kurzes Werk, nicht wirklich ein „Buch“. Meine Ausgabe, Germany and Its Tribes“, ist bloße 23 Seiten lang – wenngleich in mäßig kleinem Druck der Kriegszeit auf dünnem Papier, ohne Anmerkungen, Karten, Illustrationen oder anderen redaktionellen Hilfen. Sie wurde von Alfred Church und William Brodrib 1876 aus dem Lateinischen übersetzt und von Random House’s Modern Library 1942 veröffentlicht.

„Agricola“, das vom römischen Britannien handelt, ist ungefähr von gleicher Länge. Agricola, der General, der hauptsächlich für die römische Eroberung Britanniens verantwortlich und von 77 – 85 n. Chr. Gouverneur Britanniens war, war Tacitus’ Schwiegervater.

Die „Germania“ ist seit der Renaissance die einflußreichste Quelle über die frühen germanischen Völker gewesen. Ihre verläßliche Darstellung ihrer Ethnographie, Kultur, Institutionen und Geographie ist die gründlichste, die aus der Antike überlebt hat, und bleibt bis zum heutigen Tag der herausragende klassische Text zu diesem Thema. Das Buch bezeichnet das Hervortreten der Nordeuropäer aus dem Dunkel der Archäologie, Philologie und Prähistorie ins Licht der Geschichte, ein halbes Jahrtausend nach dem Hervortreten der Südeuropäer bei Homer und Herodot.

Obwohl Tacitus zeitweise kritisch über die Germanen schreibt, betont er auch deren Einfachheit, Tapferkeit, Ehrenhaftigkeit, Treue und andere Tugenden im Kontrast zur korrupten römischen Gesellschaft der Kaiserzeit, die gegenüber der Vitalität der Republik abgefallen war. (Es ist gesagt worden, daß bei Tacitus niemand gut ist außer Agricola und den Germanen.)

Tacitus’ Buch beruht auf zeitgenössischen mündlichen und schriftlichen Berichten. Während dieses Zeitraums nahm das Wissen über Nordeuropa schnell zu. Römische Befehlshaber verfaßten unveröffentlichte Memoiren ihrer Feldzüge in der Art von Cäsars „Kommentaren“, die in römischen literarischen Kreisen zirkulierten. Diplomatischer Austausch zwischen Rom und germanischen Stämmen brachte germanische Führer nach Rom und römische Gesandte an barbarische Höfe. Und römische Händler erweiterten den Verkehr mit den Barbaren und schufen womöglich mehr Wissen als die Männer des Militärs.

Laut dem jüdischen Altphilologen Moses Hadas „opferte Tacitus niemals bewußt die historische Wahrheit. Er zog gute Quellen zu Rate, Memoiren, Biographien und offizielle Aufzeichnungen, und er deutet häufig an, daß er mehr als eine Quelle vorliegen hatte. Er holte Informationen von jenen ein, die in der Position waren, etwas zu wissen“, und „übt kritische Urteilsfähigkeit aus.“

Andere antike Darstellungen der Germanen

Vor Tacitus’ Bericht könnte Poseidonius, ein in Syrien geborener hellenistischer Universalgelehrter des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, der erste gewesen sein, der klar zwischen den Germanen und den Kelten unterschied, aber nur Bruchstücke seiner Schriften haben überlebt.

Julius Cäsar drang nicht sehr weit östlich des Rheins vor, daher war sein Wissen über die Germanen, das er in „De Bello Gallico“ („Über den gallischen Krieg“, ca. 50 v. Chr.) äußert, begrenzt.

Die „Bella Germaniae“ („Germanische Kriege“, ca. 60er – 70er v. Chr.) des Römers Plinius des Älteren enthielten bis zu Tacitus’ Zeit wahrscheinlich die vollständigste Darstellung des Volkes, aber sie sind verloren gegangen.

Plinius, die herausragendste Autorität der Wissenschaft im antiken Europa, hatte in Germanien in der Armee gedient. Als der Vesuv Herculaneum und Pompeii zerstörte, war er nahe dem heutigen Neapel als Befehlshaber der westlichen römischen Flotte stationiert. Begierig, die zerstörerischen Auswirkungen des Vulkans aus erster Hand zu studieren, fuhr er über die Bucht, wo er von den Dämpfen erstickt wurde, die durch den Ausbruch verursacht wurden.

Nach „Germania“ war das wichtigste antike Werk über Nordeuropa Ptolemäus’ „Geographie“, die im 2. nachchristlichen Jahrhundert geschrieben wurde. Ptolemäus ist der alexandrinische Astronom, der am besten für die Postulierung des ptolemäischen Systems bekannt ist. Die „Geographie“ nannte 69 Stämme und 95 Orte, von denen viele von keiner anderen Quelle erwähnt werden, wie auch große Flüsse und andere Naturmerkmale.

Aus der Spätantike hat keine ausführliche Studie der germanischen Völker überlebt, falls jemals eine geschrieben wurde, und kein einziger Autor behandelte die Völkerwanderungen in zusammenhängender Weise.

Verlust und Wiederentdeckung

Irgendwann während des Zusammenbruchs der klassischen Zivilisation und der Völkerwanderungen der Spätantike ging der Text der „Germania“ für mehr als tausend Jahre verloren. Er tauchte nur kurz in den 860ern in Fulda, Deutschland, auf, wo er und andere kurze Werke wahrscheinlich kopiert wurden. Ein Mönch in Fulda zitierte zu der Zeit wörtlich daraus. Anschließend ging er wieder verloren.

1425 erreichten Gerüchte Italien, daß Manuskripte von Tacitus in der Bibliothek der Abtei Hersfeld nahe Fulda überlebten. Eines davon enthielt die kurzen Werke. 1451 oder 1455 (die Quellen weichen voneinander ab) erwarb ein Gesandter von Papst Nikolaus V. das Manuskript, das die kleineren Werke enthielt, und brachte es nach Rom. Es ist als Codex Hersfeldensis bekannt.

In Rom untersuchte und analysierte Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., die „Germania“, was unter deutschen Humanisten einschließlich Conrad Celtes, Johannes Aventinus und Ulrich von Hutten das Interesse an dem Werk entfachte.

Seine erste Veröffentlichung in Mitteleuropa erfolgte 1473 – 1474 in Nürnberg; der erste Kommentar zu dem Text wurde 1519 vom Renaissance-Humanisten Beatus Rhenanus geschrieben.

Die erste Seite der „Germania“, der Codex Aesinas
Die erste Seite der „Germania“, der Codex Aesinas

Der Codex Hersfeldensis ging dann wiederum ein halbes Jahrtausend lang verloren. (Diesmal überlebte dessen Inhalt natürlich in veröffentlichter Form.) Dann wurde 1902 ein Teil des Codex Hersfeldensis vom Priester und Philologen Cesare Annibaldi im Besitz des italienischen Grafen Aurelio Balleani aus Iesi (italienisch: Jesi) entdeckt, einer Stadt, die in den Marken in Mittelitalien liegt. Das Manuskript war seit 1457 im Familienbesitz gewesen. Dieser einzelne Text, die älteste existierende Version, wurde Codex Aesinas genannt. (D. h. man glaubt, daß der Aesinas aus Teilen des verlorenen Manuskripts aus Hersfeld besteht.)

Ein Gelehrter hat die enorme Wirkung zusammengefaßt, die die Wiederentdeckung des Textes 1455 auf die europäische Geschichte gehabt hat:

Die Wiederentdeckung der „Germania“ im späten fünfzehnten Jahrhundert war ein entscheidendes Ereignis im Studium der alten germanischen Völker. Die Gelehrtenschaft der Renaissance maß römischen literarischen Texten herausragende Autorität bei und sorgte auch für deren weitere Verbreitung. Zur selben Zeit führte ein Anstieg des deutschen Nationalgefühls zu einem erhöhten Interesse an antiken Texten, die die germanische Vergangenheit beleuchteten… Die „Germania“ … wurde verwendet, um eine Verbindung zwischen den Germanen des Tacitus und den Deutschen der frühen Neuzeit zu schaffen. Ab etwa 1500 war die „Germania“ selten weit von ernsthafter Diskussion der deutschen Nationalidentität, deutscher Geschichte und sogar deutscher Religion entfernt. Frischen Schwung erhielt sie im neunzehnten Jahrhundert, und natürlich hatten die rassische Reinheit, Tapferkeit und Integrität der Germanen, wie sie von Tacitus dargestellt wurden, immensen Reiz für die nationalsozialistische Hierarchie in den 1920ern. (Malcolm Todd, The Early Germans, 2. Auflage, Oxford: Blackwell 2004, S. 7)

Unter anderen beeinflußte die „Germania“ Friedrich den Großen, Johann Fichte, Johann Gottfried von Herder und Jakob Grimm.

Entscheidend für die Wiederentdeckung, Bewahrung, Überlieferung und sozialen und rassischen Einfluß der “Germania” während der letzten 500 Jahre ist der Humanismus der Renaissance gewesen, die moderne Wissenschaft (vor dem 21. Jahrhundert), die Erfindung des Buchdrucks, Liberalismus, Nationalismus und Rassenlehre.

Ein gefährliches Buch

Seit der Renaissance ist die „Germania“ der bedeutendste historische Beleg über die frühen germanischen Völker gewesen.

Die unvermeidliche Identifizierung der antiken Germanen mit ihren Nachkommen begann bald nach der Entdeckung des Buches. Historiker, Philologen und Archäologen trugen alle zu dem Mosaik bei, sodaß bis zur Vereinigung von 1871 die Frühgeschichte der Deutschen fest begründet war.

Die „Germania“ beeinflußte zumindest einen Führer des 20. Jahrhunderts entscheidend. Der junge Heinrich Himmler las Tacitus im September 1924 während einer Zugfahrt und war davon gefesselt. Zu der Zeit war er der persönliche Assistent von Gregor Strasser, dem Führer der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung.

In zeitgenössischen Anmerkungen schrieb Himmler, daß Tacitus „das glorreiche Bild der Erhabenheit, Reinheit und des Edelmutes unserer Vorfahren“ einfing und fügte hinzu: „So werden wir wieder sein, oder zumindest einige von uns.“

1936, im Jahr der Berliner Olympiade, ersuchte Hitler Mussolini persönlich, daß der Besitz des Codex Aesinas an Deutschland übertragen werde. Mussolini stimmte zu, änderte aber seine Meinung, als sich der Vorschlag bei seinem Volk als unpopulär herausstellte.

Eine Faksimile-Kopie wurde für die Deutschen angefertigt, und Rudolph Till, der Vorsitzende der Abteilung für klassische Philologie und historische Studien an der Universität München und Mitglied von Ahnenerbe (einer rassischen Denkfabrik, die 1935 von Himmler mitbegründet wurde), studierte das Manuskript in Rom in den Monaten vor dem Krieg. Das Ahnenerbe veröffentlichte Tills Resultate 1943 als „Paläogeographische Studien von Tacitus’ Agricola und Germania mit einer Photokopie des Codex Aesinas“.

Der deutsche Ideologe Alfred Rosenberg und der SS-Chef Heinrich Himmler hielten beide ein intensives Interesse an dem Codex aufrecht. Mussolinis Regierung fiel 1943. Im Juli 1944 entsandte Himmler eine SS-Kommandoeinheit, um das Manuskript zu retten. Die Einheit durchsuchte erfolglos drei Familiensitze der Balleani in Italien.

Der Codex war in Wirklichkeit in einer hölzernen, blechbeschlagenen Truhe im Küchenkeller einer der Residenzen gelagert, im Palazzo an der Piazza in Jesi. (Es gibt über diese Affäre einen Online-Zeitungsbericht auf Deutsch von 1988, der sich auf „Landscape and Memory“ des jüdischen Autors Simon Schama von 1996 stützt.)

Der Palazzo Balleani in Jesi
Der Palazzo Balleani in Jesi

Das Ende vom Lied war, daß der Besitz des Manuskripts in den Händen der Familie Baldeschi-Balleani verblieb. Nach dem Krieg lagerte die Familie den Codex Aesinas in einem Bankschließfach im Keller der Banco di Sicilia in Florenz. Im November 1966 führte der Arno sein schlimmstes Hochwasser seit den 1550ern, was einen Schaden am Codex verursachte. Mönche eines Klosters nahe Rom, die geschickt in der Bewahrung von Manuskripten sind, gelang es, ihn zu retten, obwohl ein dauerhafter Wasserschaden nicht eliminiert werden konnte.

Der Codex wurde von der Familie 1994 an die Biblioteca Nazionale in Rom verkauft, wo er gegenwärtig als Codex Vittorio Emanuele 1631 katalogisiert ist.

Unterdrückt diesen Klassiker!

Seit dem Zweiten Weltkrieg, als ideologische Notwendigkeiten Vorrang gegenüber leidenschaftsloser Forschung gewannen, hat die Fähigkeit der „Germania“, Selbstbewußtsein und kollektive Identität einzuflößen, die Proponenten anti-weißer Politik und Ideologien zutiefst beunruhigt. Der historische Bericht ist auch problematisch, weil er die Germanen nicht als hoffnungslos Böse darstellt, die möglicherweise planen, die ausgedehnten jüdischen Populationen Roms und Persiens in Tonbrennöfen zu verdampfen.

Ein Täuschungsmanöver, das solche Ideologen anwenden, besteht in der Unterstellung, daß die antiken Germanen und neuzeitliche Nordeuropäer keine biologische oder historische Verwandtschaft besitzen. Obwohl unsinnig, ist sie genauso leicht vorzubringen wie die Behauptung, daß es keine biologischen Rassen gibt, oder Dutzende anderer kontrafaktische Dogmen.

Aber viele würden es zweifellos vorziehen, das Buch nach Art der Kommunisten zu verbieten, alle Exemplare aus dem Verkehr zu ziehen und den Zugang zu nicht eingestampften Exemplaren auf eine Handvoll zugelassener „Gelehrter“ unter sorgfältiger Überwachung zu beschränken.

Schon 1954 erklärte der jüdische Historiker Arnaldo Momigliano vor „einer wichtigen internationalen Konferenz über die Klassik“, daß die „Germania“ eines der gefährlichsten Bücher sei, die je geschrieben wurden. (1938 verlor Momigliano nach Erlaß der faschistischen Rassengesetze seinen Job als Professor der römischen Geschichte an der Universität von Turin. Er zog nach England, wo er für den Rest seines Lebens unterrichtete.)

Heute trompetet Christopher Krebs von der Harvard University, Autor von „A Most Dangerous Book: Tacitus’ Germania From the Roman Empire to the Third Reich“ (2011) Momiglianos Ansicht von der „heimtückischen“ Natur des antiken Textes vor sich her, unter dem Applaus von akademischen Fachkollegen, Literaturkritikern und Journalisten.

Krebs’ unaufrichtige Erklärung – Schachzug, eigentlich – daß „Tacitus kein höchst gefährliches Buch schrieb, sondern seine Leser es dazu machten“ täuscht niemanden. In Gesellschaften, die dem Konzept verpflichtet sind, daß Äußerungen und Ideen „Hass“ darstellen, gibt es ein einstimmiges oder zumindest unwidersprochenes Einvernehmen darüber, wie „gefährliche“ Bücher und Ideen zu behandeln sind.

In einem Interview sagt Krebs, daß er halb Deutscher und halb Schwede ist. Aber „Krebs“ kann ein jüdischer Name sein – z. B. der Biochemiker Hans Krebs, der den Krebs-Zyklus formulierte. Beim Durchlesen beliebiger Passagen aus dem Buch fällt es einem schwer zu glauben, daß der Autor kein Jude oder teilweiser Jude ist. Falls er weiß ist, dann hat er ihre Psychologie zu seinem großen Profit gemeistert.

Adam Kirsch, ein jüdischer Buchrezensent für Slate, das im Besitz der Washington Post befindliche Online-Magazin , zitiert Krebs zustimmend: „Ideen sind Viren. Sie sind von Gehirnen als Wirten abhängig… Das „Germania“-Virus … entwickelte sich nach 350 Jahren Inkubationszeit zu einer systemischen Infektion, die in der größten Krise des zwanzigsten Jahrhunderts kulminierte.“ (Ja, er meint den „Holocaust“.) Der Titel von Kirschs Artikel lautet: „Ideas Are Viruses“.

Dies ist eine charakteristisch jüdische und totalitäre Denkweise.

Adam Kirsch
Adam Kirsch

Kirsch, ein privilegiertes Kind, ist der Sohn des Autors, Anwalts und Zeitungskolumnisten Jonathan Kirsch. Adam Kirsch, der 1997 seinen Abschluß in Harvard machte, schreibt regelmäßig für Slate, The New Yorker, The Times Literary Supplement und andere Magazine.

Im Wunsch, daß die „Germania“ während des Mittelalters verloren gegangen wäre, schließt Kirsch: „Wenn das letzte überlebende Manuskript vor tausend Jahren in der Bibliothek eines Mönchs von Ratten gefressen worden wäre, dann wäre die Welt besser dran gewesen.“

Ah, liberale Aufklärung! Die Welt kann nie genug davon bekommen.

Kommentare aus dem Originalstrang von „Counter-Currents“:

Petronius:

Ich bin wieder und wieder verblüfft von dem nie ermüdenden Hass, zu dem manche Juden fähig sind. Es scheint wirklich, als würden sie nicht genug haben, bis wir von deutscher Abstammung von diesem Planeten getilgt und all unsere historischen Aufzeichnungen ausradiert worden sind.

bitterly bitter:

Es wird nie „genug“ sein. Die Deutschen werden immer „noch mehr Arbeit zu leisten haben“.

http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/germans/memorial/cron.html

White Republican:

Parasiten glauben, daß ihre Wirte nie genug für sie tun können. Der Versuch, Juden zu gefallen, ist, um eine von Revilo Pendleton Oliver verwendete Metapher zu verwenden, wie der Versuch, ein Feuer zu löschen, indem man es mit genug Holz füttert, um seinen Appetit zu übersättigen.

Revilo P. Oliver machte in seiner Rezension von Nicholas Carters „The Late, Great Book“ (Liberty Bell, April 1986) ein paar interessante Kommentare über jüdische Böswilligkeit und Verlogenheit. In einer Fußnote schrieb Oliver:

„Daß die Wikinger Nordamerika erreichten, kann nicht länger bestritten werden, aber ob sie Minnesota erreichten, wird immer noch heiß debattiert, und frühere Besuche weißer Männer sind noch zweifelhafter. Richard Deacons Madoc and the Discovery of America (New York, Braziller, 1966) präsentiert eine plausible Hypothese, aber eine, die nicht bestätigt worden ist und nicht bestätigt werden kann. Was ‚Experten’meinungen angeht, so müssen wir daran denken, daß die Fragen, um die es hier geht, sehr starke Emotionen erregen und daß vorsichtige Fachleute es in akademischen Kreisen heute nicht wagen, Meinungen zu billigen, die den verdammenden Verdacht erwecken könnten, sie seien so niederträchtig, einen Unterschied zwischen einem Nigger und einem Weißen wahrzunehmen. Rasse hat sich von einer biologischen Tatsache zu einem Test der religiösen Orthodoxie gewandelt.“

Ich denke an diese Zeile – „Rasse hat sich von einer biologischen Tatsache zu einem Test der religiösen Orthodoxie gewandelt“ – wenn ich Buchtitel sehe, die das Wort Rasse in Anführungszeichen setzen. Akademische Bibliotheken scheinen Regale voll solchen Müll zu haben.

Oliver fuhr fort:

„Es ist erwähnenswert, daß, während Arier natürlich Beweise für die Leistungen ihrer Rasse begrüßen und aufgrund mehrdeutiger Daten oft zu weit gehen oder unechte Beweise akzeptieren, die heftigen Emotionen gänzlich auf der anderen Seite stattfinden. Ich weiß nicht, ob der berühmte Kensington Stone echt ist, aber die Frage seiner Authentizität sollte, wie mir scheint, leidenschaftslos erwogen werden. Wie ich mich erinnere, war es in den 1940ern, als ein distinguierter jüdischer Gelehrter, eine Autorität über mozarabische Literatur und Kultur, anscheinend zufällig auf ein Exemplar von Hjalmar Holands „Norse Discoveries“ (1940) stieß und vor Zorn aufschrie. Er schrieb eine leidenschaftliche Tirade, um zu beweisen, daß der Kensington Stone eine von niederträchtigen Nordischen gemachte Fälschung ist; er druckte sie auf eigene Kosten als Bändchen und schickte Exemplare an Mitglieder mehrerer gelehrter Gesellschaften. Ich war erschrocken über die Intensität des Rassenhasses, den zu verbergen er indiskreterweise verabsäumte.“

Oliver schloß:

„Solange die akademische Welt vor dem Selbsterwählten Volk und dessen ‚liberalen’ Handlangern kauert, müssen wir alle Verkündigungen von ‚Experten’ die gegenüber unserer gefährdeten Rasse abwertend sind, mit großer Vorsicht und sogar Argwohn betrachten, aber wir sollten auch darauf verzichten, leichtgläubig unfundierte Theorien zu akzeptieren, die uns schmeicheln.“

In der Tat, wir sollten niemals die Böswilligkeit und Verlogenheit der Juden unterschätzen, genausowenig den Karrierismus und die Feigheit vieler nominell Weißer im Universitätswesen. Das Ausmaß, in dem das Universitätswesen politisiert worden ist, ist erschreckend. Es scheint, daß nichts als neutral betrachtet wird und nichts als zu gering. Es erinnert an Václav Havels Bemerkung, daß das kommunistische System sein Zeichen auf allem hinterließ.

Vielleicht sollte Counter-Currents sich mit der Kontroverse bezüglich indoeuropäischer Studien und George Dumézils Theorien betreffend Dreiteilung befassen.

Lew:

Jedesmal, wenn ich denke, daß ich die jüdische Schamlosigkeit so weit im Griff habe, daß ich zu glauben anfange, daß mich nichts überraschen könnte, was Juden tun, werde ich überrascht. Es erzürnt die Juden zweifellos, daß sie die Klassiker nicht zensieren können, während die ganze Welt zusieht.

James O’Meara:

Interessante Rezension, wie sich an der Anzahl und am Spektrum der Kommentare zeigt!

Ich sah letztes Jahr einen Probedruck dieses Buches, entschied mich aber dafür, es nicht zu nehmen, da es mir bloß als Vorwand für weitere antideutsche Propaganda erschien. Vor kürzerem fand ich eine Anzahl weggeworfener Fotokopien von NYT-Artikeln [warum wurden sie zusammengestellt?], zu denen auch eine Rezension von Kirsch gehörte, die meine Meinung bestätigte: „Oy! Those crazy Germans!“

Es interessierte mich zu erfahren, daß sein Vater Jonathan Kirsch ist, da ich tatsächlich eines seiner Bücher habe, „God Against the Gods“ aber ich gebe zu, daß ich es nicht gelesen habe. Es ist eine ziemlich langweilige Darstellung des „Kriegs zwischen Monotheismus und Polytheismus“, wie der Untertitel lautet, dachte ich, aber inspiriert von dieser Rezension sah ich es durch, und ich muß sagen, daß es kein Anzeichen irgendwelcher jüdischer Tendenz gibt; YHVH-1 ist definitiv der Böse, die Heiden sind weise und tolerant. Natürlich behaupten eine Menge Juden, „säkular“ zu sein (als ich aufwuchs, dachte ich, „Jude“ sei ein Euphemismus für „Atheist“) aber gewöhnlich gibt es immer noch die Feindseligkeit gegen die Goyim [„Sicher, wir erfanden Gott, aber nur eine Idiotin wie Palin würde an ihn glauben“], die ich hier nicht sehe. Daher erklären die Familienbande in diesem Fall nicht die Dinge; vielleicht eines dieser „rebellischen Kinder“?

Ich veröffentlichte kürzlich ein paar Rezensionen auf meinem Blog, die die jüdische Voreingenommenheit selbst der „objektivsten“ Autoren über Geschichte oder sogar Technologie hervorheben:

Magida on “Hitler’s Jewish Clairvoyant:
http://jamesjomeara.blogspot.com/2011/10/welcome-to-club-nazi-little-artie.html

Douglas Rushkoff’s Program or Be Programed: Ten Commands for a Digital Age
http://jamesjomeara.blogspot.com/2011/09/day-without-judaism-its-easy-if-you-try.html

Franklin Ryckaert:

Ich habe Tacitus’ „Germania“ in der ausgezeichneten Ausgabe von Loeb Classical Library (lateinischer Text und englische Übersetzung). Ich sehe nicht, was an diesem kleinen Buch so „gefährlich“ ist, außer daß es etwas Interesse an der Vergangenheit erweckt und vielleicht etwas ethnischen Stolz, wozu immerhin alle Völker der Welt ermutigt werden, warum also nicht die Deutschen? Jüdische Hyper-Paranoia und pathologische Rachsucht müssen die Quelle von so viel Hass auf dieses kleine Buch sein. Wenn es jedoch irgendein Buch gibt, das wirklich gefährlich ist, indem es den FALSCHEN ethnischen Stolz erregt, dann ist es das Alte Testament. Ich persönlich bin dafür, diese monströse Schrift total vom Angesicht der Erde zu tilgen. Sein destruktiver Einfluß ist bis zum heutigen Tag greifbar (fragt die Palästinenser!). Seine unmoralischen genozidalen Lehren sind eine Beleidigung für alle moralischen Empfindungen. Alle germanischen Völker sind seit langem völlig zivilisiert worden, aber Jahwes Auserwählte Banditen sind so barbarisch, wie sie auf jeder Seite des Alten Testaments beschrieben werden.

Herman:

Die Juden haben guten Grund, Tacitus zu hassen, nicht allein wegen der „Germania“. In Tacitus’ „Historia“, V, S. 3-5 gibt es eine Beschreibung des jüdischen Volkes, die einfach vernichtend ist. Die Juden wurden aus Ägypten vertrieben, weil man glaubte, daß sie für eine abscheuliche Seuche verantwortlich seien; Moses gründete dann eine Religion, in der all die Werte anderer Religionen in ihr Gegenteil verkehrt wurden, etc. Tacitus erwähnt auch die Tendenz der Juden, einander unter Verachtung der Gesetze ihres Wirtsvolkes zu helfen. Der Text hätte von einem modernen Antisemiten geschrieben sein können.

ergänzend Tacitus üder die Germanen

Tacitus üder die Germanen

Publius Cornelius Tacitus Publius Cornelius Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) war ein bedeutender römischer Historiker und Senator.
De origine et situ Germanorum
Die Germania
Allgemeiner Teil 1-46

Lage des Landes, Herkunft der Bewohner, Religion, Sitten und Bräuche, die allen Germanen gemeinsam sind. 

1. Germanien insgesamt ist von den Galliern, von den Rätern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch wechselseitiges Mißtrauen oder Gebirgszüge geschieden. Die weiteren Grenzen schließt das Weltmeer ein, breite Landvorsprünge und Inseln von unermeßlicher Ausdehnung umfassend: erst unlängst wurden einige Völkerschaften und Könige bekannt, zu denen der Krieg den Zugang eröffnet hat. Der Rhein, auf unzugänglicher und schroffer Berghöhe der Rätischen Alpen entspringend, wendet sich in mäßiger Biegung nach Westen und mündet sodann in das Nordmeer. Die Donau, einem sanften und gemächlich ansteigenden Rücken des Abnobagebirges entströmend, berührt eine Reihe von Völkern, ehe sie mit sechs Armen ins Schwarze Meer eindringt; eine siebte Mündung verliert sich in Sümpfen.

2. Die Germanen selbst sind, möchte ich meinen, Ureinwohner und von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Völker gänzlich unberührt. Denn ehemals kam nicht auf dem Landwege, sondern zu Schiff gefahren, wer neue Wohnsitze suchte, und das Weltmeer, das ins Unermeßliche hinausreicht und sozusagen auf der anderen Seite liegt, wird nur selten von Schiffen aus unserer Zone besucht. Wer hätte auch – abgesehen von den Gefahren des schrecklichen und unbekannten Meeres – Asien oder Afrika oder Italien verlassen und Germanien aufsuchen wollen, landschaftlich ohne Reiz, rauh im Klima, trostlos für den Bebauer wie für den Beschauer, es müßte denn seine Heimat sein. In alten Liedern, der einzigen Art ihrer geschichtlichen Überlieferung, feiern die Germanen Tuisto, einen erdentsprossenen Gott. Ihm schreiben sie einen Sohn Mannus als Urvater und Gründer ihres Volkes zu, dem Mannus wiederum drei Söhne; nach deren Namen, heißt es, nennen sich die Stämme an der Meeresküste Ingävonen, die in der Mitte Herminonen und die übrigen Istävonen. Einige versichern – die Urzeit gibt ja für Vermutungen weiten Spielraum – jener Gott habe mehr Söhne gehabt und es gebe demnach mehr Volksnamen: Marser, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das seien die echten, alten Namen. Die Bezeichnung Germanien sei übrigens neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen. Denn die ersten, die den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten, die jetzigen Tungrer, seien damals Germanen genannt worden. So habe der Name eines Stammes, nicht eines ganzen Volkes, allmählich weite Geltung erlangt: zuerst wurden alle nach dem Sieger, aus Furcht vor ihm, als Germanen bezeichnet, bald aber nannten auch sie selbst sich so, nachdem der Name einmal aufgekommen war.

3. Auch Herkules, berichtet man, sei bei ihnen gewesen, und sie singen von ihm als dem ersten aller Helden, wenn sie in den Kampf ziehen. Außerdem haben sie noch eine Art von Liedern, durch deren Vortrag, Barditus geheißen, sie sich Mut machen und aus deren bloßem Klang sie auf den Ausgang der bevorstehenden Schlacht schließen; sie verbreiten nämlich Schrecken oder sind selbst in Furcht, je nachdem es durch ihre Reihen tönt, und sie halten den Gesang weniger für Stimmenschall als für den Zusammenklang ihrer Kampfeskraft. Es kommt ihnen vor allem auf die Rauheit des Tones und ein dumpfes Dröhnen an: sie halten die Schilde vor den Mund; so prallt die Stimme zurück und schwillt zu größerer Wucht und Fülle an. Übrigens meinen einige, auch Odysseus sei auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in das nördliche Weltmeer verschlagen worden und habe die Länder Germaniens besucht. Asciburgium, ein heute noch bewohnter Ort am Ufer des Rheins, sei von ihm gegründet und benannt worden; eben dort will man sogar vor Zeiten einen dem Odysseus geweihten Altar gefunden haben, auf dem auch der Name seines Vaters Laertes stand, und noch heute gebe es im Grenzgebiet zwischen Germanien und Rätien Grabdenkmäler mit griechischen Schriftzeichen. Ich habe nicht die Absicht, diese Angaben durch Gründe zu bestätigen oder zu widerlegen; jeder mag ihnen nach seinem Gutdünken Glauben schenken oder nicht.

4. Ich selbst schließe mich der Ansicht an, daß sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist. Daher ist auch die äußere Erscheinung trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. Für Strapazen und Mühen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf, und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima oder Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet.

5. Das Land zeigt zwar im einzelnen einige Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck. Gegen Gallien hin ist es reicher an Regen, nach Noricum und Pannonien zu windiger. Getreide gedeiht, Obst hingegen nicht; Vieh gibt es reichlich, doch zumeist ist es unansehnlich. Selbst den Rindern fehlt die gewöhnliche Stattlichkeit und der Schmuck der Stirne; die Menge macht den Leuten Freude, und die Herden sind ihr einziger und liebster Besitz. Silber und Gold haben ihnen die Götter – ich weiß nicht, ob aus Huld oder Zorn – versagt. Doch will ich nicht behaupten, daß keine Ader Germaniens Silber oder Gold enthalte; denn wer hat nachgeforscht? Besitz und Verwendung dieser Metalle reizt sie nicht sonderlich. Man kann beobachten, daß bei ihnen Gefäße aus Silber, Geschenke, die ihre Gesandten und Fürsten erhalten haben, ebenso gering geachtet werden wie Tonkrüge. Allerdings wissen unsere nächsten Nachbarn wegen des Handelsverkehrs mit uns Gold und Silber zu schätzen, und sie kennen bestimmte Sorten unseres Geldes und nehmen sie gern; doch im Innern herrscht noch einfacher und altertümlicher der Tauschhandel. Von unseren Münzen gelten bei ihnen die alten und seit langem bekannten, die gezahnten und die mit dem Bilde eines Zweigespanns. Silber schätzen sie mehr als Gold, nicht aus besonderer Vorliebe, sondern weil sich der Wert des Silbergeldes besser zum Einkauf alltäglicher, billiger Dinge eignet.

6. Auch an Eisen ist kein Überfluß, wie die Art der Bewaffnung zeigt. Nur wenige haben ein Schwert oder eine größere Lanze. Sie tragen Speere oder, wie sie selbst sagen, Framen, mit schmaler und kurzer Eisenspitze, die jedoch so scharf und handlich ist, daß sie dieselbe Waffe je nach Bedarf für den Nah- oder Fernkampf verwenden können. Selbst der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Fußsoldaten werfen auch kleine Spieße, jeder mehrere, und sie schleudern sie ungeheuer weit: sie sind halb nackt oder tragen nur einen leichten Umhang. Prunken mit Waffenschmuck ist ihnen fremd; nur die Schilde bemalen sie mit auffallenden Farben. Wenige haben einen Panzer, kaum der eine oder andere einen Helm oder eine Lederkappe. Ihre Pferde zeichnet weder Schönheit noch Schnelligkeit aus. Sie werden auch nicht, wie bei uns, zu kunstvollen Wendungen abgerichtet; man reitet geradeaus oder mit einmaliger Schwenkung nach rechts, und zwar in so geschlossener Linie, daß niemand zurückbleibt. Aufs ganze gesehen liegt ihre Stärke mehr beim Fußvolk; daher kämpfen sie auch in gemischten Verbänden. Hierbei paßt sich die Behendigkeit der Fußsoldaten genau dem Reiterkampfe an: man stellt nur Leute vor die Schlachtreihe, die aus der gesamten Jungmannschaft ausgewählt sind. Auch ist ihre Zahl begrenzt: aus jedem Gau sind es hundert, und eben hiernach werden sie bei den Ihren genannt, und was ursprünglich nur eine Zahlbezeichnung war, gilt nunmehr auch als Ehrenname. Zum Kampfe stellt man sich in Keilen auf. Vom Platz zu weichen, wenn man nur wieder vordringt, hält man eher für wohlbedacht, nicht für feige. Ihre Toten bergen sie auch in unglücklicher Schlacht. Den Schild zu verlieren, ist eine Schmach ohnegleichen, und der so Entehrte darf weder an Opfern teilnehmen noch eine Versammlung besuchen, und schon mancher, der heil aus dem Kriege zurückkehrte, hat seiner Schande mit dem Strick ein Ende gemacht.

7. Könige wählen sie nach Maßgabe des Adels, Heerführer nach der Tapferkeit. Selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt, und die Heerführer erreichen mehr durch ihr Beispiel als durch Befehle: sie werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, wenn sie sich auszeichnen, wenn sie in vorderster Linie kämpfen. Übrigens ist es nur den Priestern erlaubt, jemanden hinzurichten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, und sie handeln nicht, um zu strafen oder auf Befehl des Heerführers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die, wie man glaubt, den Kämpfenden zur Seite steht. Deshalb nehmen die Germanen auch gewisse Bilder und Zeichen, die sie aus den heiligen Hainen holen, mit in die Schlacht. Besonders spornt sie zur Tapferkeit an, daß nicht Zufall und willkürliche Zusammenrottung, sondern Sippen und Geschlechter die Reiterhaufen oder die Schlachtkeile bilden. Und ganz in der Nähe haben sie ihre Lieben; von dorther können sie das Schreien der Frauen, von dorther das Wimmern der Kinder vernehmen. Ihr Zeugnis ist jedem das heiligste, ihr Lob das höchste: zur Mutter, zur Gattin kommen sie mit ihren Wunden, und jene zählen oder prüfen ohne Scheu die Stiche; auch bringen sie den Kämpfenden Speise und Zuspruch.

8. Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es heißt, von den Frauen wieder zum Stehen gebracht: durch beharrliches Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis auf die nahe Gefangenschaft, die den Germanen um ihrer Frauen willen weit unerträglicher und schrecklicher dünkt. Aus diesem Grunde kann man einen Stamm noch wirksamer binden, wenn man unter den Geiseln auch vornehme Mädchen von ihm fordert. Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zur Zeit des verewigten Vespasian erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen müßten.

9. Von den Göttern verehren sie am meisten den Merkur (Wodan); sie halten es für geboten, ihm an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen. Herkules (Donar) und Mars (Zio) stimmen sie durch bestimmte Tiere gnädig. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Worin der fremde Kult seinen Grund und Ursprung hat, ist mir nicht recht bekannt geworden; immerhin beweist das Zeichen der Göttin – es sieht wie eine Barke aus -, daß der Kult auf dem Seewege gekommen ist. Im übrigen glauben die Germanen, daß es der Hoheit der Himmlischen nicht gemäß sei, Götter in Wände einzuschließen oder irgendwie der menschlichen Gestalt nachzubilden. Sie weihen ihnen Lichtungen und Haine, und mit göttlichen Namen benennen sie jenes geheimnisvolle Wesen, das sie nur in frommer Verehrung erblicken.

10. Auf Vorzeichen und Losorakel achtet niemand so viel wie sie. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden von einem fruchttragenden Baum einen Zweig ab und zerteilen ihn in kleine Stücke; diese machen sie durch Zeichen kenntlich und streuen sie planlos und wie es der Zufall will auf ein weißes Laken. Dann betet bei einer öffentlichen Befragung der Stammespriester, bei einer privaten der Hausvater zu den Göttern, hebt, gen Himmel blickend, nacheinander drei Zweigstücke auf und deutet sie nach den vorher eingeritzten Zeichen. Lautet das Ergebnis ungünstig, so findet am gleichen Tage keine Befragung mehr über denselben Gegenstand statt; lautet es jedoch günstig, so muß es noch durch Vorzeichen bestätigt werden. Und der verbreitete Brauch, Stimme und Flug von Vögeln zu befragen, ist auch hier bekannt; hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man in den erwähnten Hainen und Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute. Sie beachten noch eine andere Art von Vorzeichen; hiermit suchen sie den Ausgang schwerer Kriege zu erkunden. Sie bringen auf irgendeine Weise einen Angehörigen des Stammes, mit dem sie Krieg führen, in ihre Gewalt und lassen ihn mit einem ausgewählten Manne des eigenen Volkes, jeden in den Waffen seiner Heimat, kämpfen. Der Sieg des einen oder anderen gilt als Vorentscheidung.

11. Über geringere Angelegenheiten entscheiden die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit; doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammeshäuptern beraten. Man versammelt sich, wenn nicht ein zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran. Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester; sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt. Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab; findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der Zustimmung.

12. Vor der Versammlung darf man auch Anklage erheben und die Entscheidung über Leben und Tod beantragen. Die Strafen richten sich nach der Art des Vergehens: Verräter und Überläufer hängt man an Bäumen auf; Feiglinge und Kriegsscheue und Unzüchtige versenkt man in Sumpf und Morast, wobei man noch Flechtwerk darüber wirft. Die Verschiedenheit der Vollstreckung beruht auf dem Grundsatz, man müsse Verbrechen zur Schau stellen, wenn man sie ahnde, Schandtaten hingegen dem Blicke entziehen. Doch auch in leichteren Fällen entspricht die Strafe dem Vergehen: wer überführt wird, muß mit einer Anzahl von Pferden und Rindern büßen. Ein Teil der Buße kommt dem König oder dem Stamme zu, ein Teil dem Geschädigten selbst oder seinen Verwandten. In diesen Versammlungen werden auch Adlige gewählt, die in den Gauen und Dörfern Recht sprechen; einem jeden steht ein Geleit von hundert Mann aus dem Volke als Rat zugleich und zu größerem Ansehen bei.

13. Niemals, weder bei Sachen der Gemeinde noch bei eigenen, erledigen sie etwas anders als in Waffen. Doch darf keiner Waffen tragen, ehe ihn der Stamm für wehrfähig erklärt. Das geschieht in öffentlicher Versammlung: eines der Stammeshäupter oder der Vater oder Verwandte wappnen den jungen Mann mit Schild und Frame. Dies ist das Männerkleid der Germanen, dies die erste Zier der Jugend; vorher zählen sie nur zum Hause, von jetzt an zum Gemeinwesen. Hohe Abkunft oder große Verdienste der Väter verschaffen auch ganz jungen Leuten die Gunst eines Gefolgsherrn; sie werden den anderen zugesellt, die schon stärker und längst erprobt sind. Es ist auch keine Schande, unter den Gefolgsleuten zu erscheinen. Ja, innerhalb der Gefolgschaft gibt es sogar Rangstufen, nach der Bestimmung dessen, dem man sich anschließt. Und es herrscht lebhafter Wetteifer: der Gefolgsleute, wer die erste Stelle beim Gefolgsherrn einnimmt, und der Gefolgsherrn, wer das größte und tüchtigste Gefolge hat. So kommt man zu Ansehen, so zu Macht; stets von einer großen Schar auserlesener junger Männer umgeben zu sein, ist im Frieden eine Zier, im Kriege ein Schutz. Und nicht nur im eigenen Stamme, auch bei den Nachbarn ist bekannt und berühmt, wer sich durch ein zahlreiches und tapferes Gefolge hervortut. Denn ihn umwirbt man durch Gesandte und ehrt man durch Geschenke, und schon sein Ruf verhindert oft einen drohenden Krieg.

14. Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt: ihn zu schirmen und zu schützen, auch die eigenen Heldentaten ihm zum Ruhme anzurechnen, ist des Dienstes heiligste Pflicht. Die Herren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Herrn. Wenn der Heimatstamm in langer Friedensruhe erstarrt, suchen viele der jungen Adligen auf eigene Faust Völkerschaften auf, die gerade irgendeinen Krieg führen; denn Ruhe behagt diesem Volke nicht, und inmitten von Gefahren wird man leichter berühmt. Auch läßt sich ein großes Gefolge nur durch Gewalttat und Krieg unterhalten. Die Gefolgsleute erwarten nämlich von der Huld ihres Herrn ihr Streitroß, ihre blutige und siegbringende Frame. Denn die Mahlzeiten und die wenn auch einfachen, so doch reichlichen Schmausereien gelten als Sold. Die Mittel zu diesem Aufwand bieten Kriege und Raub. Und nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu holen; es gilt sogar für träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann.

15. Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten rühren sich nicht. Die Sorge für Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen; sie selber faulenzen. Ein seltsamer Widerspruch ihres Wesens: dieselben Menschen lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe. Es ist bei den Stämmen Brauch, daß jedermann freiwillig den Oberhäuptern etwas von seinem Vieh oder Korn überläßt; das wird als Ehrengabe angenommen und dient zugleich der Bestreitung des Notwendigen. Besondere Freude bereiten die Geschenke der Nachbarstämme, die nicht nur von einzelnen, sondern auch im Namen der Gesamtheit geschickt werden: erlesene Pferde, prächtige Waffen, Brustschmuck und Halsketten; wir haben sie schon dazu gebracht, auch Geld anzunehmen.

16. Daß die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja daß sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, daß die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendendweißen Erde, daß es wie Bemalung und farbiges Linienwerk ausssieht. Sie schachten auch oft im Erdboden Gruben aus und bedecken sie mit reichlich Dung, als Zuflucht für den Winter und als Fruchtspeicher. Derartige Räume schwächen nämlich die Wirkung der strengen Kälte, und wenn einmal der Feind kommt, dann verwüstet er nur, was offen daliegt; doch das Verborgene und Vergrabene bemerkt er nicht, oder es entgeht ihm deshalb, weil er erst danach suchen müßte.

17. Allgemeine Tracht ist ein Umhang, mit einer Spange oder notfalls einem Dorn zusammengehalten. Im übrigen sind sie unbekleidet; ganze Tage verbringen sie so am Herdfeuer. Nur die Reichsten haben noch Untergewänder, nicht wallende, wie die Sarmaten und Parther, sondern eng anliegende, die jedes Glied erkennen lassen. Man trägt auch Tierfelle, an Rhein und Donau wahllos, im Landesinneren anspruchsvoller; dort fehlt es an sonstigem Putz, wie ihn der Handel vermittelt. Diese Stämme bevorzugen die Felle bestimmter Wildarten; sie ziehen sie ab und besetzen sie mit Pelzstücken von Tieren, die der äußere Ozean und ein noch unbekanntes Meer hervorbringen. Die Frauen sind nicht anders gekleidet als die Männer nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen, die sie mit Purpurstreifen verzieren. Auch lassen sie den oberen Teil ihres Gewandes nicht in Ärmel auslaufen; Unter- und Oberarm sind nackt, doch auch der anschließende Teil der Brust bleibt frei.

18. Gleichwohl halten die Germanen auf strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen werden. Die Mitgift bringt nicht die Gattin dem Manne, sondern der Mann der Gattin. Eltern und Verwandte sind zugegen und prüfen die Gaben, und zwar Gaben, die nicht für die weibliche Eitelkeit und nicht zum Schmuck der Neuvermählten bestimmt sind, sondern Rinder und ein gezäumtes Roß und einen Schild mit Frame und Schwert. Für diese Gaben erhält der Mann die Gattin, die nun auch ihrerseits dem Manne eine Waffe schenkt. Das gilt ihnen als die stärkste Bindung, als geheime Weihe, als göttlicher Schutz der Ehe. Die Frau soll nicht meinen, sie stehe außerhalb des Trachtens nach Heldentaten und außerhalb des wechselnden Schlachtenglücks: gerade die Wahrzeichen der beginnenden Ehe erinnern sie daran, daß sie als die Genossin in Mühen und Gefahren kommt, bereit, Gleiches im Frieden, Gleiches im Kampf zu ertragen und zu wagen. Dies bedeuten die Rinder unter gemeinsamem Joch, dies das gerüstete Pferd, dies das Schenken von Waffen. Demgemäß solle sie leben, demgemäß sterben; ihr werde etwas anvertraut, was sie unentweiht und in Ehren an ihre Kinder weiterzugeben habe, was die Schwiegertöchter zu empfangen und wiederum den Enkeln zu vermachen hätten.

19. So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen. Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht “modern”. Besser noch steht es mit den Stämmen, in denen nur Jungfrauen heiraten und das Hoffen und Wünschen der Frau ein für allemal ein Ende hat. Nur einen Gatten bekommen sie dort, ebenso wie nur einen Leib und ein Leben; kein Gedanke soll weiter reichen, kein Verlangen darüber hinaus anhalten; nicht den Ehemann, sondern gleichsam die Ehe selbst sollen sie in ihm lieben. Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein Nachgeborenes zu töten, gilt für schändlich, und mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.

20. In jedem Hause wachsen die Kinder nackt und schmutzig zu diesem Gliederbau, zu dieser von uns bestaunten Größe heran. Die Mutter nährt ein jedes an der eigenen Brust, und man überläßt sie nicht Mägden oder Ammen. Herr und Knecht werden unterschiedslos ohne Zärtelei aufgezogen; unter demselben Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Zeit, bis das wehrhafte Alter die Freien absondert, ihre Tüchtigkeit sich geltend macht. Spät beginnt beim jungen Manne der Liebesgenuß, und so ist die Zeugungskraft ungeschwächt. Auch mit den Mädchen eilt man nicht; ebenso groß ist die Jugendfrische, ähnlich der hohe Wuchs: den Männern gleich an Alter und Stärke, treten sie in die Ehe ein, und die Kraft der Eltern kehrt in den Kindern wieder. Die Söhne der Schwestern sind dem Oheim ebenso teuer wie ihrem Vater. Manche Stämme halten diese Blutsbande für heiliger noch und enger und geben ihnen den Vorzug, wenn sie Geiseln empfangen, da man sich so die Herzen fester und die Sippe in weiterem Umfang verpflichte. Doch zu Erben und Rechtsnachfolgern hat jeder die eigenen Kinder, und Testamente gibt es nicht. Sind keine Kinder vorhanden, haben die Brüder und die Oheime väterlicher- wie mütterlicherseits die nächsten Ansprüche auf den Besitz. Je mehr Verwandte jemand hat, je größer die Zahl der Verschwägerten ist, desto reichere Ehren genießt er im Alter, und Kinderlosigkeit bringt keinerlei Vorteil.

21. Die Feindschaften des Vaters oder Verwandten ebenso wie die Freundschaften zu übernehmen, ist zwingende Pflicht. Doch bestehen die Fehden nicht unversöhnlich fort; denn selbst ein Totschlag kann mit einer bestimmten Anzahl Groß- und Kleinvieh gesühnt werden, und die ganze Sippe empfängt die Genugtuung. Das ist nützlich für die Allgemeinheit, weil Fehden bei der Ungebundenheit der Verhältnisse um so verderblicher sind. Der Geselligkeit und Gastfreundschaft gibt kein anderes Volk sich verschwenderischer hin. Irgend jemanden, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; nach Vermögen bewirtet ein jeder den Gast an reichlicher Tafel. Ist das Mahl aufgezehrt, so dient der bisherige Wirt als Wegweiser zu neuer Bewirtung und als Begleiter; ungeladen betreten sie den nächsten Hof. Doch das verschlägt nichts; mit gleicher Herzlichkeit nimmt man sie auf. Beim Gastrecht unterscheidet niemand zwischen bekannt und unbekannt. Dem Davonziehenden pflegt man zu gewähren, was er sich ausbittet, und mit gleicher Unbefangenheit fordert man eine Gegengabe. Sie freuen sich über Geschenke, doch rechnen sie nicht an, was sie geben, und halten sie nicht für verpflichtend, was sie empfangen. Die tägliche Kost ist unter Gastfreunden Gemeingut.

22. Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist. Nach dem Waschen speisen sie; jeder hat einen Sitz für sich und einen eigenen Tisch. Dann gehen sie in Waffen an ihre Geschäfte und nicht minder oft zu Gelagen. Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande. Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen. Doch auch über die Aussöhnung mit Feinden, den Abschluß von Heiraten und die Wahl der Stammeshäupter, ja über Krieg und Frieden beraten sie sich vielfach bei Gelagen, als sei der Mensch zu keiner Zeit aufgeschlossener für unverstellte oder stärker entbrannt für erhabene Gedanken. Dieses Volk, ohne Falsch und Trug, offenbart noch stets bei zwanglosem Anlaß die Geheimnisse des Herzens; so liegt denn aller Gesinnung unverhüllt und offen da. Am folgenden Tage verhandeln sie nochmals, und beide Zeiten erfüllen ihren Zweck; sie beraten, wenn sie sich nicht zu verstellen wissen; sie beschließen, wenn sie sich nicht irren können.

23. Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der durch Gärung eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein erhält; die Anwohner von Rhein und Donau kaufen auch Wein. Die Kost ist einfach: wildes Obst, frisches Wildbret oder geronnene Milch: Ohne feine Zubereitung, ohne Gewürze vertreiben sie den Hunger. Dem Durst gegenüber herrscht nicht dieselbe Mäßigung. Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so konnte man sie leichter durch ihr Laster als mit Waffen besiegen.

24. Sie kennen nur eine Art von Darbietungen, und bei jeder Festlichkeit dieselbe: nackt stürzen sich junge Männer, denen das Vergnügen macht, im Sprunge zwischen Schwerter und feindlich drohende Framen. Die Übung hat Sicherheit, die Sicherheit Anmut bewirkt, doch nicht um Gewinn oder Entgelt: der einzige Lohn des noch so verwegenen Spiels ist das Vergnügen der Zuschauer. Das Würfelspiel betreiben sie seltsamerweise in voller Nüchternheit, ganz wie ein ernsthaftes Geschäft; ihre Leidenschaft im Gewinnen und Verlieren ist so hemmungslos, daß sie, wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen. Der Verlierer begibt sich willig in die Knechtschaft, mag er auch jünger, mag er kräftiger sein, er läßt sich binden und verkaufen. So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue. Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben, veräußern sie weiter, um auch sich selbst von der Peinlichkeit des Sieges zu befreien.

25. Sonst verwenden sie die Sklaven nicht wie wir, daß die Aufgaben unter das Gesinde verteilt wären: jeder schaltet auf eigenem Hofe, am eigenen Herd. Der Herr trägt ihm auf, eine bestimmte Menge Korn oder Vieh oder Tuch abzugeben, und nur so weit reicht die Gehorsamspflicht des Sklaven. Die übrigen Geschäfte des Hauses besorgen die Frau und die Kinder. Daß man einen Sklaven prügelt, fesselt und mit Zwangsarbeit bestraft, ist selten; oft schlägt man ihn tot, nicht um strenge Zucht zu wahren, sondern in der Hitze des Zorns, wie einen Widersacher – allerdings ist die Sklaventötung straffrei. Die Freigelassenen stehen nur wenig über den Sklaven; selten bedeuten sie etwas im Hause, nie im Gemeinwesen, mit Ausnahme der Stämme, denen Könige gebieten. Denn dort steigen sie über Freigeborene und selbst über Adlige hinaus; bei den übrigen Stämmen ist der niedere Rang der Freigelassenen ein Beweis für die allgemeine Freiheit.

26. Geldgeschäfte zu betreiben und auch mit den Zinsen zu wuchern, ist unbekan

nt, und deshalb ist man besser dagegen gefeit als wenn es verboten wäre. Ackerland nehmen sie in einem Ausmaß, das der Anzahl der Bebauer entspricht mit gesamter Hand füreinander in Besitz; dann teilen sie es nach ihrem Range unter sich auf. Die Weiträumigkeit der Feldmark erleichtert das Teilungsgeschäft. Sie bestellen Jahr für Jahr andere Felder und doch bleibt Ackerland übrig. Denn ihr Arbeitsaufwand wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und Ausdehnung des Bodens: sie legen keine Obstpflanzungen an noch umzäunen sie Wiesen oder bewässern sie Gärten; einzig Getreide soll der Boden hervorbringen. Deshalb teilen sie auch das Jahr nicht in ebenso viele Abschnitte ein. Für Winter, Frühling und Sommer haben sie Begriff und Bezeichnung; der Herbst ist ihnen unbekannt, der Name ebenso wie die Gaben.

27. Bei Totenfeiern meiden sie Prunk; nur darauf achten sie, daß die Leichen berühmter Männer mit bestimmten Holzarten verbrannt werden. Den Scheiterhaufen beladen sie nicht mit Teppichen oder Räucherwerk. Jeden begleiten die Waffen; einigen wird auch das Pferd ins Feuer mitgegeben. Über dem Grabe erhebt sich ein Rasenhügel; die Ehre hoher und kunstvoller Denkmäler lehnt man ab: sie sei eine Last für die Toten. Jammer und Tränen währen nur kurz, doch Schmerz und Trauer lange. Den Frauen ziemt Klage, den Männern stilles Gedenken.

Dies haben wir im allgemeinen über den Ursprung und die Sitten sämtlicher Germanen erfahren. Jetzt will ich die Einrichtungen und Bräuche einzelner Stämme, soweit sie anders sind, schildern und will berichten, welche Völkerschaften aus Germanien nach Gallien gewandert sind.

Stammeskundlicher Teil

28. Daß die Gallier einst überlegen waren, bezeugt ein Gewährsmann ersten Ranges, der göttliche Julius Cäsar. Man darf daher annehmen, daß auch Gallier nach Germanien hinübergezogen sind. Denn wie wenig hinderte der Strom, daß ein Stamm, der gerade erstarkt war neue Wohnsitze einnahm, wenn sie noch allgemein zugänglich und nicht unter königliche Gewalthaber aufgeteilt waren! So hausten zwischen dem herkynischen Walde, dem Rhein und dem Main die Helvetier und weiter ostwärts die Bojer, beides gallische Stämme. Der Name Boihämum ist bis heute geblieben und gibt Kunde von der Vorzeit des Landes, wenn auch die Bewohner gewechselt haben. Ob jedoch die Aravisker aus dem Gebiet der Oser, eines germanischen Stammes, nach Pannonien oder die Oser von den Araviskern aus nach Germanien gewandert sind – beide Völkerschaften haben noch heute dieselbe Sprache, dieselben Einrichtungen und Gebräuche – steht nicht fest; denn ehedem bot das Land nördlich wie südlich der Donau bei gleicher Armut und Unabhängigkeit dieselben Vorzüge und Nachteile. Die Treverer und Nervier rühmen sich allzusehr ihres Anspruchs auf germanische Herkunft, als schlösse schon ein solcher Adel des Blutes die Verwechslung mit gallischer Schlaffheit aus. Am Rheinufer selbst wohnen unzweifelhaft Germanenstämme: die Vangionen, Triboker und Nemeter. Auch die Ubier schämen sich ihres Ursprungs nicht, obwohl ihnen ihre Verdienste die Stellung einer römischen Kolonie eingebracht haben und sie sich lieber nach der Gründerin ihrer Stadt als Agrippinenser bezeichnen. Sie haben vor Zeiten den Rhein überschritten und wurden, da ihre Treue sich bewährte, unmittelbar am Ufer angesiedelt, als Wächter, nicht als Bewachte.

29. Von allen diesen Stämmen sind die Bataver am tapfersten. Sie bewohnen einen Streifen am linken Ufer und in der Hauptsache die Rheininsel. Ursprünglich ein Zweig der Chatten, zogen sie wegen inneren Zwistes in die jetzigen Wohnsitze, wo sie dem römischen Reiche einverleibt werden sollten. Die Ehre und Auszeichnung alter Bundesgenossenschaft hat bis heute Bestand; denn kein Zins demütigt sie, und kein Steuerpächter preßt sie aus. Frei von Lasten und Abgaben und einzig Kampfzwecken vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen für Kriege aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht der Stamm der Mattiaker. Denn die Hoheit des römischen Volkes hat sich auch jenseits des Rheines und jenseits der alten Reichsgrenzen Achtung verschafft. So haben sie Gebiet und Wohnsitz auf germanischer Seite, doch Herz und Gesinnung bei uns. im übrigen gleichen sie den Batavern, nur daß Bodenbeschaffenheit und Klima ihres Landes sie mit noch größerer Lebhaftigkeit begabt haben. Nicht zu den Völkerschaften Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die das Zehntland bebauen, wenn sie sich auch jenseits von Rhein und Donau angesiedelt haben; gallisches Gesindel und aus Not Verwegene eigneten sich den umstrittenen Boden an. Bald darauf wurden der Grenzwall angelegt und die Wachen vorgeschoben; seither gilt das Gebiet als Vorland des Reiches und Teil der Provinz.

30. Weiter nördlich beginnt mit dem herkynischen Walde das Land der Chatten; sie wohnen nicht in so flachen und sumpfigen Gebieten wie die übrigen Stämme, die das weite Germanien aufnimmt. Denn die Hügel dauern an und werden erst allmählich seltener, und so begleitet der herkynische Wald seine Chatten und endet mit ihnen. Bei diesem Volk sind kräftiger die Gestalten, sehnig die Glieder, durchdringend der Blick und größer die geistige Regsamkeit. Für Germanen zeigen sie viel Umsicht und Geschick: sie stellen Männer ihrer Wahl an die Spitze, gehorchen den Vorgesetzten, kennen Reih und Glied, nehmen günstige Umstände wahr, verschieben einmal einen Angriff, teilen sich ein für den Tag, verschanzen sich für die Nacht; das Glück halten sie für unbeständig und nur die eigene Tapferkeit für beständig. Und was überaus selten und sonst allein römischer Kriegszucht möglich ist: sie geben mehr auf die Führung als auf das Heer. Ihre Stärke liegt ganz beim Fußvolk, dem sie nicht nur Waffen, sondern auch Schanzzeug und Verpflegung aufbürden; andere sieht man in die Schlacht ziehen, die Chatten in den Krieg. Selten kommt es zu Streifzügen und nicht geplantem Kampf. Es ist ja auch die Art berittener Streitkräfte, rasch den Sieg zu erringen und rasch wieder zu entweichen; doch Schnelligkeit grenzt an Furcht, Zögern kommt standhaftem Mute näher.

31. Ein Brauch, der auch bei anderen germanischen Stämmen vorkommt, jedoch selten und als Beweis vereinzelten Wagemuts, ist bei den Chatten allgemein üblich geworden: mit dem Eintritt in das Mannesalter lassen sie Haupthaar und Bart wachsen, und erst, wenn sie einen Feind erschlagen haben, beseitigen sie diesen der Tapferkeit geweihten und verpfändeten Zustand ihres Gesichtes. Über dem Blut und der Waffenbeute enthüllen sie ihre Stirn und glauben, erst jetzt die Schuld ihres Daseins entrichtet zu haben und des Vaterlandes sowie ihrer Eltern würdig zu sein. Die Feigen und Kriegsscheuen behalten ihren Wust. Die Tapfersten tragen überdies einen eisernen Ring – sonst eine Schande bei diesem Stamme – wie eine Fessel, bis sie sich durch Tötung eines Feindes davon befreien. Vielen Chatten gefällt dieses Aussehen, und sie werden grau mit ihren Kennzeichen, von Freund und Feind gleichermaßen beachtet. Sie eröffnen jeden Kampf; sie sind stets das vorderste Glied, ein befremdender Anblick; denn auch im Frieden nimmt ihr Gesicht kein milderes Aussehen an. Keiner von ihnen hat Haus oder Hof oder sonstige Pflichten; wen immer sie aufsuchen, von dem lassen sie sich je nach den Verhältnissen bewirten; sie sind Verschwender fremden und Verächter eigenen Gutes, bis das kraftlose Alter sie zu so rauhem Kriegerdasein unfähig macht.

32. Den Chatten zunächst, wo der Rhein noch ein festes Bett hat und als Grenzscheide genügt, wohnen die Usiper und Tenkterer. Die Tenkterer überragen den üblichen Kriegsruhm durch ihre vorzüglich geschulte Reiterei, und ebenso großes Ansehen wie das Fußvolk der Chatten genießt die Reitertruppe der Tenkterer. So führten es die Vorfahren ein und halten es auch die Nachkommen; hierin besteht das Spiel der Kinder, hierin der Wetteifer der Jugend und die ständige Übung der Alten. Wie das Gesinde, der Wohnsitz und alle Rechte der Nachfolge vererben sich auch die Pferde; ein Sohn empfängt sie, doch nicht, wie alles andere, der Erstgeborene, sondern jeweils der Streitbarste und Tapferste.

33. In der Nähe der Tenkterer stieß man einst auf die Brukterer; jetzt sind wie es heißt, die Chamaver und Angrivarier dorthin gezogen. Denn die verbündeten Nachbarstämme hatten die Brukterer geschlagen und gänzlich ausgerottet, aus Erbitterung über ihren Hochmut oder aus Beutelust oder weil die Götter uns eine Gunst erzeigten; denn sie gewährten uns sogar das Schauspiel der Schlacht. Über Sechzigtausend sind dort gefallen, nicht durch römische Wehr und Waffen, sondern was noch erhebender ist, ganz zu unserer Augenweide. Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns so doch gegenseitiger Haß; denn bei dem lastenden Verhängnis des Reiches kann das Geschick nichts Besseres mehr darbieten als die Zwietracht der Feinde.

34. An die Angrivarier und Chamaver schließen sich südostwärts die Dulgubnier und Chasuarier an sowie andere, weniger bekannte Stämme; im Norden folgen die Friesen. Nach der Volkszahl unterscheidet man Groß- und Kleinfriesen. Beide Stämme werden bis zum Weltmeer hin vom Rhein eingesäumt und umgeben zudem unermeßliche Seen, auf denen schon römische Flotten gefahren sind. Ja, selbst auf das Weltmeer haben wir uns dort hinausgewagt, und wie die Kunde verbreitet, gibt es da noch Säulen des Herkules, mag der Held wirklich dorthin gelangt sein oder mögen wir uns angewöhnt haben, alles Großartige in der Welt mit seinem berühmten Namen zu verbinden. Auch hat es dem Drusus Germanicus an Wagemut nicht gefehlt, doch hat die See verhindert, daß man sich über sie und zugleich über Herkules Gewißheit verschaffte. Hernach hat sich niemand mehr getraut, und es galt für frömmer und ehrfürchtiger an die Taten der Götter zu glauben als von ihnen zu wissen.

35. Bis jetzt haben wir Germanien nach Westen hin kennengelernt; nach Norden springt es in riesiger Ausbuchtung zurück. Und sogleich an erster Stelle zieht sich der Stamm der Chauken, der bei den Friesen beginnt und einen Teil der Küste besitzt, an der Seite sämtlicher von mir erwähnter Stämme hin und reicht mit einem Zipfel bis ins Land der Chatten. Dieses unermeßliche Gebiet nennen die Chauken nicht nur ihr eigen, sie füllen es vielmehr auch aus, ein unter den Germanen sehr angesehener Stamm, der es vorzieht, seine Größe durch Rechtlichkeit zu behaupten. Frei von Habgier, frei von Herrschsucht, leben sie still und für sich; sie reizen nicht zum Kriege, sie gehen nicht auf Raub oder Plünderung aus. Das ist der vorzüglichste Beweis ihres Mutes und ihrer Macht, daß sie ihre Überlegenheit nicht auf Gewalttaten gründen. Doch haben alle die Waffen zur Hand, und sooft die Not es erfordert, steht ein Heer bereit, zahlreich an Männern und Pferden. Auch wenn sie Frieden haben, ist ihr Ruf der gleiche.

36. Als Nachbarn der Chauken und Chatten gaben sich die Cherusker unbehelligt einem allzu langen und erschlaffenden Frieden hin. Der brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit; denn es ist verfehlt, unter Herrschsüchtigen und Starken der Ruhe zu pflegen. Wo das Faustrecht gilt, sind Mäßigung und Rechtschaffenheit Namen, die nur dem Überlegenen zukommen. So werden die Cherusker, die einst die guten und gerechten hießen, jetzt Tölpel und Toren genannt; den siegreichen Chatten rechnet man das Glück als Klugheit an. Der Sturz der Cherusker riß auch die Foser mit sich, einen benachbarten Stamm; im Mißgeschick sind sie Bündner gleichen Rechts, während sie im Glück zurückstehen mußten.

37. In derselben Ausbuchtung, unmittelbar am Meere, wohnen die Kimbern, jetzt eine kleine Völkerschaft, doch gewaltig an Ruhm. Von der einstigen Geltung sind weithin Spuren erhalten, ausgedehnte Lagerplätze jenseits und diesseits des Rheines, an deren Umfang man jetzt noch die ungeheure Arbeitskraft dieses Stammes und die Glaubwürdigkeit des großen Wanderzuges ermessen kann. Sechshundertvierzig Jahre zählte unsere Stadt, als man unter dem Konsulat des Caecilius Metellus und Papinus Carbo zum ersten Male von den Waffentaten der Kimbern vernahm. Rechnen wir von da ab bis zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan, dann ergeben sich ungefähr zweihundertzehn Jahre: so lange schon wird Germanien besiegt! Im Verlauf dieser langen Zeit erlitten beide Seiten schwere Verluste. Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht die spanischen oder die gallischen Lande, ja nicht einmal die Parther machten öfter von sich reden: stärker noch als die Königsmacht des Arsakes ist das Freiheitsstreben der Germanen. Denn was kann uns der Osten weiter vorhalten als den Untergang des Crassus? Dafür büßte er seinerseits den Pacorus ein und mußte sich einem Ventidius beugen. Anders die Germanen; sie haben Carbo und Cassius und Scaurus Aurehus und Servihus Caepio und Maximus Malhus geschlagen oder gefangengenommen und so zugleich dem römischen Volke fünf konsularische Heere entrissen, ja sogar dem Kaiser Augustus den Varus und mit ihm drei Legionen, und nicht ohne eigene Verluste rang sie C. Manus in Italien, der göttliche Cäsar in Gallien, Drusus und Nero und Germanicus in ihrem eigenen Lande nieder; bald danach nahmen die ungeheuren Drohungen des Kaisers Gaius ein lächerliches Ende. Seitdem war Ruhe, bis die Germanen, unsere Zwietracht und den Bürgerkrieg ausnutzend, die Winterlager der Legionen erstürmten und selbst Gallien zu gewinnen suchten. Und nachdem sie von dort wieder vertrieben waren, hat man in jüngster Zeit Siege über sie mehr gefeiert als wirklich errungen.

38. Jetzt habe ich von den Sueben zu berichten. Sie sind nicht, wie die Chatten oder Tenkterer, ein einheitlicher Stamm; sie bewohnen nämlich den größeren Teil Germaniens und gliedern sich wieder in besondere Stämme mit eigenen Namen, wenn sie auch insgesamt als Sueben bezeichnet werden. Ein Kennzeichen des Stammes ist es, das Haar seitwärts zu streichen und in einem Knoten hochzubinden. So unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so bei ihnen selbst die Freien von den Sklaven. Auch andere Stämme kennen den Brauch, sei es durch Verwandtschaft mit den Sueben oder, wie es häufig geschieht, durch Nachahmung; doch befolgt man ihn selten und nur in der Jugendzeit. Bei den Sueben hingegen kämmen sie bis ins hohe Alter das widerstrebende Haar nach hinten und knüpfen es oft genau auf dem Scheitel zusammen; die Vornehmen tragen es noch kunstvoller. Das ist Schönheitspflege, aber von harmloser Art; denn nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, richten sie sich her, sondern um recht groß und furchtbar zu erscheinen, wenn sie in den Krieg ziehen: für das Auge des Feindes ist der Putz bestimmt.

39. Als die ältesten und vornehmsten Sueben betrachten sich die Semnonen. Den Glauben an ihr hohes Alter bestätigt ein religiöser Brauch. Zu bestimmter Zeit treffen sich sämtliche Stämme desselben Geblüts, durch Abgesandte vertreten, m einem Haine, der durch die von den Vätern geschauten Vorzeichen und durch uralte Scheu geheiligt ist. Dort leiten sie mit öffentlichem Menschenopfer die schauderhafte Feier ihres rohen Brauches ein. Dem Hain wird auch sonst Verehrung bezeigt: niemand betritt ihn, er sei denn gefesselt, um seine Unterwürfigkeit und die Macht der Gottheit zu bekunden. Fällt jemand hin, so darf er sich nicht aufheben lassen oder selbst aufstehen; auf dem Erdboden wälzt er sich hinaus. Insgesamt gründet sich der Kultbrauch auf den Glauben, daß von dort der Stamm sich herleite, dort die allbeherrschende Gottheit wohne, der alles andere unterworfen, gehorsam sei. Der Wohlstand der Semnonen erhöht ihr Ansehen: sie bewohnen hundert Gaue, und die Größe ihrer Gemeinschaft veranlaßt sie, sich für den Hauptstamm der Sueben zu halten.

40. Dagegen macht die Langobarden die geringe Zahl berühmt: inmitten zahlreicher, sehr starker Stämme sind sie nicht durch Gefügigkeit, sondern durch Kampf und Wagemut geschützt. Dann folgen die Reudigner, Avionen, Angher, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen; ihnen allen gewähren Flüsse oder Wälder Sicherheit. Im einzelnen haben sie nichts Bemerkenswertes, insgesamt aber verehren sie Nerthus, das heißt die Mutter Erde, und glauben, die Göttin nehme teil am Treiben der Menschen, sie fahre bei den Stämmen umher. Es gibt auf einer Insel des Weltmeeres einen heiligen Hain, und dort steht ein geweihter Wagen, mit Tüchern bedeckt; einzig der Priester darf ihn berühren. Er bemerkt das Eintreffen der Göttin im Allerheiligsten; er geleitet sie in tiefer Ehrfurcht, wenn sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen dahinfährt. Dann folgen frohe Tage; festlich geschmückt sind alle Orte, denen die Göttin die Huld ihrer Ankunft und Rast gewährt. Man zieht nicht in den Krieg, man greift nicht zu den Waffen; verschlossen ist alles Eisen. Dann kennt, dann liebt man nur Ruhe und Frieden, bis die Göttin, des Umgangs mit Menschen müde, vom gleichen Priester ihrem Heiligtum zurückgegeben wird. Dann werden Wagen und Tücher und, wenn man es glauben will, die Gottheit selbst in einem entlegenen See gewaschen. Sklaven sind hierbei behilflich, und alsbald verschlingt sie derselbe See. So herrscht denn ein geheimes Grauen und heiliges Dunkel, was das für ein Wesen sei, das nur Todgeweihte schauen dürfen.

41. Dieser Teil von Suebien reicht bis in die entlegeneren Gebiete Germaniens. Näher – um wie vorhin dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – wohnt der Stamm der Hermunduren, den Römern treu ergeben. Daher sind sie die einzigen Germanen, die nicht nur am Donauufer, sondern auch im Inneren des Landes und in der prächtigen Kolonie der Provinz Rätien Handel treiben dürfen. Sie kommen allerorten und ohne Beaufsichtigung über die Grenze. Und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben wir den Hermunduren unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet; sie sind ja frei von Begehrlichkeit. In ihrem Gebiet entspringt die Elbe, einst ein berühmter und wohlbekannter Fluß; jetzt weiß man von ihm nur durch Hörensagen.

42. Neben den Hermunduren wohnen die Narister und weiterhin die Markomannen und Quaden. Die Markomannen zeichnen sich durch Ruhm und Stärke aus, und sogar ihre jetzigen Wohnsitze, aus denen sie einst die Bojer vertrieben, sind ein Lohn der Tapferkeit. Auch die Narister und Quaden schlagen nicht aus der Art. Diese Gegend ist sozusagen die Stirnseite Germaniens, soweit sie von der Donau gebildet wird. Die Markomannen und Quaden hatten bis auf unsere Zeit Könige aus dem eigenen Stamme, aus dem edlen Geschlecht des Marbod und Tuder; jetzt lassen sie sich auch fremde gefallen. Doch ihre Stellung und Macht verdanken die Könige römischem Einfluß. Wir unterstützen sie selten mit Truppen, öfters mit Geld, und sie stehen sich dabei nicht schlechter.

43. An die Markomannen und Quaden schließen sich weiter rückwärts die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen geben sich die Marsigner und Burer durch Sprache und Lebensweise als Sueben zu erkennen. Bei den Kotinern beweist die gallische, bei den Osern die pannonische Mundart, daß sie keine Germanen sind, und überdies ertragen sie Ah-gaben: sie müssen sie als landfremde Stämme teils an die Sarmaten, teils an die Quaden entrichten. Die Kotiner fördern sogar Eisen, was sie noch verächtlicher macht. Alle diese Stämme haben nur wenig ebenes Gebiet; meist wohnen sie auf bewaldeten Höhen. Denn der Kamm einer fortlaufenden Gebirgskette teilt und durchschneidet das Suebenland. Jenseits des Kammes hausen noch zahlreiche Völkerschaften. Von ihnen haben sich die Lugier am weitesten ausgebreitet; sie gliedern sich in mehrere Einzelstämme. Es genügt, die bedeutendsten zu nennen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Naharnavaler. Bei den Naharnavalern zeigt man einen Hain, eine uralte Kultstätte. Vorsteher ist ein Priester in Frauentracht; die Gottheiten, so wird berichtet, könnte man nach römischer Auffassung Kastor und Pollux nennen. Ihnen entsprechen sie in ihrem Wesen; sie heißen Alken. Es gibt keine Bildnisse; keine Spur weist auf einen fremden Ursprung des Kultes; gleichwohl verehrt man sie als Brüder, als Jünglinge. Im übrigen sind die Harier den soeben genannten Stämmen an Kräften überlegen. Ohnehin von schrecklichem Aussehen, kommen sie der angeborenen Wildheit durch Kunst und Ausnutzung der Zeit zu Hilfe. Schwarz sind die Schilde, gefärbt die Leiber; dunkle Nächte wählen sie zum Kampf, und schon das Grauenvolle und Schattenhafte ihres Totenheeres jagt Schrecken ein: kein Feind hält dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand. Denn in jeder Schlacht erliegen ja zuerst die Augen.

44. Nördlich der Lugier leben die Gotonen. Sie werden von Königen beherrscht, schon etwas straffer als die übrigen Germanenstämme, doch nicht bis zum Verlust der Freiheit. Unmittelbar darauf folgen die Rugier und Lemovier; sie wohnen an der Meeresküste. Kennzeichnend für alle diese Stämme sind runde Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegenüber Königen. Dann kommen, schon im Meere, die Stämme der Suionen; sie haben außer Männern und Waffen auch starke Flotten. Die Gestalt ihrer Schiffe zeichnet sich dadurch aus, daß beide Enden einen Bug haben und stets eine Stirnseite zum Landen bereit ist. Auch benutzen sie keine Segel, noch machen sie die Ruder in Reihen an den Schiffswänden fest; lose, wie manchmal auf Flüssen, und je nach Bedarf hier oder dort verwendbar ist das Ruderwerk. Bei den Suionen steht auch Reichtum in Ehren, und deshalb herrscht einer, schon ohne jede Beschränkung, mit unwiderruflichem Anrecht auf Gehorsam. Auch sind dort die Waffen nicht, wie bei den übrigen Germanen, in freiem Gebrauch, sondern eingeschlossen, und zwar unter Aufsicht eines Sklaven. Denn plötzliche Überfälle von Feinden verhindert das Meer; außerdem neigen bewaffnete Scharen im Frieden leicht zu Ausschreitungen. Und wahrhaftig, daß kein Adliger oder Freigeborener, nicht einmal ein Freigelassener, die Waffen unter sich habe, ist ein Gebot der königlichen Sicherheit.

45. Nördlich der Suionen liegt abermals ein Meer, träge und nahezu unbewegt. Daß es den Erdkreis ringsum begrenze und einschließe, ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der schon sinkenden Sonne bis zum Wiederaufgang anhält, und zwar so hell, daß er die Sterne überstrahlt. Die Einbildung fügt noch hinzu, man vernehme das Tönen der emportauchenden Sonne und erblicke die Umrisse der Pferde und das strahlenumkränzte Haupt. Dort liegt – und die Kunde ist wahr – das Ende der Welt. Doch weiter: an seiner Ostküste bespült das suebische Meer die Stämme der Astier. In Brauchtum und äußerer Erscheinung stehen sie den Sueben nahe, in der Sprache eher den Britanniern. Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten läßt. Doch auch das Meer durchsuchen sie, und als einzige unter allen Germanen sammeln sie an seichten Stellen und schon am Strande den Bernstein, der bei ihnen “Glesum” heißt. Was er ist oder wie er entsteht, haben sie nach Barbarenart nicht untersucht oder in Erfahrung gebracht; ja er lag sogar lange Zeit unbeachtet unter den übrigen Auswürfen des Meeres, bis ihm unsere Putzsucht Wert verlieh. Sie selbst verwenden ihn gar nicht; roh wird er gesammelt, unbearbeitet überbracht, und staunend nehmen sie den Preis entgegen. Daß es sich jedoch um den Saft von Bäumen handelt, ist unverkennbar: oft schimmern allerlei kriechende und auch geflügelte Tierchen durch, die sich in der Flüssigkeit verfingen und dann von der erstarrenden Masse eingeschlossen wurden. Wie in entlegenen Gebieten des Ostens, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so gibt es, möchte ich annehmen, auch auf Inseln und in Ländern des Westens besonders ertragreiche Gehölze und Haine. Deren Säfte quillen unter den Strahlen der nahen Sonne hervor, rinnen flüssig in das angrenzende Meer und werden dann von der Gewalt der Stürme an die gegenüberliegenden Küsten geschwemmt. Bringt man Bernstein ans Feuer, um seine Eigenschaften zu prüfen, so brennt er wie ein Kienspan und gibt eine ölige und stark riechende Flamme; hernach wird er zäh wie Pech oder Harz. Den Sujonen schließen sich die Stämme der Sithonen an. Im allgemeinen den Sujonen ähnlich, unterscheiden sie sich dadurch, daß eine Frau die Herrschaft hat: so tief sind sie nicht nur unter die Freiheit, sondern selbst unter die Knechtschaft hinabgesunken.

46. Hier ist Suebien zu Ende. Ob ich die Stämme der Peukiner, Venether und Fennen den Germanen zurechnen soll oder den Sarmaten, weiß ich nicht recht, obwohl die Peukiner, die manche auch Bastarner nennen, in Sprache und Lebensweise, Siedlungsart und Hausbau den Germanen gleichen. Der ganze Stamm ist schmutzig, und die Vornehmen leben untätig dahin. Durch Mischehen mit den Sarmaten haben sie manches von deren Häßlichkeit angenommen. Die Venether machten sich auch in reichem Maße sarmatische Sitten zu eigen; denn was sich an Wäldern und Bergen zwischen den Peukinern und Fennen hinzieht, durchstreifen sie auf ihren Raubzügen. Gleichwohl wird man sie eher zu den Germanen rechnen, weil sie feste Häuser bauen, Schilde führen und gern und behende zu Fuß gehen, ganz im Gegensatz zu den Sarmaten, die auf Pferd und Wagen zu Hause sind. Die Fennen leben ungemein roh, in abstoßender Dürftigkeit. Sie kennen keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter dienen zur Nahrung, Felle zur Kleidung und der Erdboden als Lagerstätte. Ihre einzige Hoffnung sind Pfeile, die sie aus Mangel an Eisen mit Knochenspitzen versehen. Und von derselben Jagd nähren sich die Frauen ebenso wie die Männer; denn überall sind sie dabei und fordern ihren Anteil an der Beute. Auch gibt es für die Kinder keinen anderen Schutz vor wilden Tieren und Regengüssen, als daß man sie in einem Geflecht von Zweigen birgt; dort suchen auch die Männer ihr Heim, dort haben die Greise ein Obdach. Sie halten jedoch dieses Leben für glücklicher, als ächzend das Feld zu bestellen, sich mit Häuserbau zu plagen, in Furcht oder Hoffnung über eigenen und fremden Wohlstand nachzudenken. Sorglos vor den Menschen, sorglos vor den Göttern, haben sie das Schwerste erreicht: nicht einmal einen Wunsch zu kennen. Alles Weitere klingt märchenhaft: daß die Hellusier und Oxionen Antlitz und Mienen von Menschen, jedoch Rumpf und Glieder von Tieren haben. Ich lasse das als unverbürgt auf sich beruhen.

Germanische Mythologie

 

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EINLEITUNG

Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf deuten schon die bei den alten Skandinaviern erhaltenen Namen der Götter TIWAS, d. h. die Himmlischen, und WANEIS, WANEN, d. h. die Strahlenden, hin. Demgemäß werden TYR oder ZlO, der Himmelsvater. und THUNAR, der Blitzgott, den Vorrang behauptet haben.

So sagt denn auch Caesar über die religiösen Vorstellungen der Krieger Ariovists aus eigener Erfahrung:

„Die Germanen rechnen zur Zahl der Götter nur die, welche sie sehen und durch deren Segnungen sie offenbar gefördert werden, die SONNE, den MOND) und den FEUERGOTT. Von den übrigen haben sie nicht einmal durch Hörensagen vernommen.“ Der Lichtkultus schloß also noch die Vermenschlichung der Götter aus.

Und so war es noch 150 Jahre später. Daß man sich auch da noch nicht die Götter plastisch gestaltete und verbildlichte, bezeugt Tacitus, wenn er schreibt:

„Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“

Dennoch scheinen schon damals durch die Berührung und Reibung mit dem Kulturvolk der Römer mehr diejenigen Gottheiten in den Vordergrund getreten zu sein, welche einen Bezug auf die jetzt vorherrschend kriegerische Richtung des Volksgeistes besaßen, an ihrer Spitze der Sturmgott WODAN (nord. ODIN), den namentlich die späteren Sachsen und Franken zu ihrem Obergott erhoben.

Die Bekleidung der Götter mit menschlichen Formen und Gestalten vollzog sich nun rasch, und man bezeichnete die neuen Herrscher der Welt als ANSEN (nord. ASEN), d. h. als die Träger des Weltgebäudes und der sittlichen Ordnung desselben. Doch war dieser Übergang keineswegs ein friedlicher, sondern, wie die olympischen Götter in der griechischen Mythologie, mußten auch die Asen erst einen gewaltigen Strauß mit den WANEN bestehen, der die ganze Welt mit Verwüstung bedrohte und endlich nur so beendigt konnte, daß die beiden Götterstämme sich gegenseitig Geiseln stellten, worauf die Wanen mit Ausnahme weniger allmählich in Vergessenheit sanken. Die Erinnerung an den Kindheitsglauben des Volkes und die fortschreitende Mythenbildung wurde bei den südgermanischen Stämmen durch den Eintritt des Christentums unterdrückt und gehemmt.

Desto fester blieb der Besitz derselben den Skandinaviern, von denen erst im zehnten Jahrhundert die Dänen, zu Anfang des elften die Norweger und Isländer, in der zweiten Hälfte des elften die Schweden gänzlich bekehrt wurden. Namentlich waren in diesem Zeitalter von bedeutendem Einfluß auf das Wachstum der an die Mythologie sich anschließenden Heroensage einerseits die NORMANNEN- oder WIKINGERFAHRTEN, welche eine Masse neuer Anschauungen im Volke weckten und der Phantasie reiche Nahrung zuführten, anderseits die Sänger der Königshöfe oder die SKALDEN, welche die Großtaten der Asen priesen, dieselben noch mehr vermenschlichten und die Götterwelt endlich in ein geschlossenes System brachten.

Da die isländischen Normannen am zähesten an den Überlieferungen der alten Heimat festhielten, so zog sich auch die Kenntnis der Skaldenlieder im neunten und zehnten Jahrhundert fast ganz auf jene Insel zurück. Diese Poesien waren bereits zu Ende des elften Jahrhunderts gesammelt und hundert Jahre später durch eine neue Sammlung vermehrt, sind aber erst im siebzehnten Jahrhundert aufgefunden worden und bilden den Inhalt der sogenannten EDDA, d. h. Urgroßmutter.

Der Charakter der Mythen und Sagen entspricht der sonnenarmen, wild erhabenen Natur des Nordens, wie dem stürmisch bewegten Leben der trotzigen Helden. Sie sind düster und von phantastischer Rauheit, aber voll tiefer Empfindung und sittlichen Emstes.

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Die Nornen unter der Weltesche

DIE WELTSCHÖPFUNG

Die Entstehung der Welt dachten sich unsere Ahnen in folgender Weise. Aus dem CHAOS oder >>der gähnenden Kluft<<, nahmen sie an, daß zunächst zwei Welten hervorgegangen seien, nach Norden ZU NIFFILHEIM (Nehelheim), nach Süden zu sein Gegensatz, MUSPELHEIM (Feuerheim). Mitten in Nifelheim öffnete sich aber der Brunnen HWERGELMIR, aus dessen gärenden Kessel zwölf Ströme mit eisigem Wasser stürzten. Ihr Wasser gefror zu Schollen, und diese bewegten sich der Kluft zu und füllten dieselbe allmählich aus.

Allein von Muspelheim her wehte ein Glutwind und schmolz das Eis. Dadurch entstand Leben im Starren, und es wuchs aus demselben empor der entsetzliche Riese YMIR oder OERGELMIR, von dem die Frostriesen oder HRIMTHURSEN abstammen. Im auftauenden Gewässer entstand auch die Kuh AUDUMBLA (die Vollsaftige).

Von der Milch ihres Euters nährte sich Ymir und sein Geschlecht. Sie selbst beleckte aus Mangel an Weide die salzigen Eisblöcke, und siehe, unter ihrer Zunge kam nach und nach ein schöner Mann namens BURI zum Vorschein. Ein Sohn von ihm hieß BÖR, und dieser nahm die Riesentochter BESTLA zur Gefährtin, welche ihm drei Söhne schenkte, ODIN (Geist), WILI (Wille) und WE (Heiligtum). Dies waren die ersten ASEN, welche sich sofort gegen den Urriesen wandten und ihn erschlugen, worauf in der Sintflut seine alle Frostriesen ertranken bis auf BERGELMIR, der Stammvater eines zweiten Riesengeschlechts wurde.

Des Riesen Ymir Leib wurde hierauf von den Asen zu weiteren Schöpfungen benutzt. Aus seinem Fleisch schufen sie die Erde, aus seinen Knochen die Felsen, aus seinen Haaren die Bäume, aus seinem Blut das Meer, aus seiner Hirnschale den Himmel. Aus den Augenbrauen bildeten sie mitten auf der Erdscheibe die Wohnung der Menschenkinder, MIDGARD).

Noch gab es aber weder Sonne noch Mond, noch Gestirne am Himmelsgewölbe; nur irrende Feuerfunken aus Muspelheim sprühten darüber hin. Da wandelten die Asen jene Funken in Sterne um und gaben diesen ihre feste Stätte. Sonne und Mond aber kamen auf folgende Art in die Welt. Die Mutter NACHT, eine Riesentochter, hatte von ihrem dritten Gatten DELLINGER (Dämmerung) einen Sohn, den TAG, und beide wurden vom Allvater zum Himmel emporgehoben, wo die Nacht zu ihrer Fahrt über den Himmel das schwarze Roß HRIMFAXI ( Reifmäher), der Tag den weißen Renner SKINFAXI (Lichtmäher) empfing. Die Asen raubten dann dem seiner Kinder sich übermütig rühmenden Erdensohn MUNDILFÖRI (Achsenschwinger) die liebliche SOL und den schönen MANI. Jener erbauten sie aus den Funkenregen Muspelheims den Sonnenwagen und bespannten ihn mit den Hengsten ARWAKER (Frühaufl und ALSWIDER (Allgeschwind). Mit diesen umkreist Sol den Himmel, bewehrt mit dem Schild SWALIN, der Himmel und Erde vor dem Sonnenbrand schützt. Mani aber lenkt den Mondwagen hinter der Nacht und hat die beiden Kinder BIL (die Schwindende) und HJUKI (den Belebten), d. h. den abnehmenden und wachsenden Mond, bei sich, die er einst zu sich emporhob, weil er sah, wie sie ihre schweren Wassereimer nicht weiter zu tragen imstande waren. Die Flecken im Mond erklärt sich das Altertum bald als einen Mann, der am Sonntag Holz stahl und mit einem Reisigbündel oder einer Axt im Mond steht, bald als ein Mädchen, das im Mondschein gesponnen hat und mit ihrer Spindel oben sitzt. Zwei grimmige Wölfe jagen hinter Sol und Mani her, SKÖLL und HATI, und wenn sie den Himmlischen nahe kommen, erbleichen dieselben, und die Sterblichen nennen dies Sonnen- und Mondfinsternis.

Nach Schöpfung der Gestirne waren auch die Vorbedingungen gegeben zur Entstehung des Menschengeschlechts. Als die Asen ODIN, HÖNIR und LOTHUR einst am Seegestade wandelten, sahen sie zwei Bäume daliegen, eine Esche und eine Erle. Aus jener schufen sie den Mann ASK, aus dieser das Weib EMBLA; Odin gab ihnen Seele und Leben, Hönir Verstand, Lothur Blut und blühende Farbe. Von Ask und Embla, Esche und Erle, stammen alle Menschengeschlechter ab.

Aus den kleinen Würmern, die in des Urriesen Ymir Fleisch sich tummelten, schufen die Asen das Völkchen der ZWERGE oder ALFEN. Diese zerfielen wieder in zwei Klassen, die SCHWARZALFEN, die im Dunkel der Erde nach Erzen wühlten, Metalle hämmerten und den Menschen durch Spuk und Tücke schreckten und neckten, und die LICHTALFEN, gute und schöne Wesen, die sich den Sterblichen hold gesinnt zeigten, verwandt den Elfen der Märchenwelt.

Am nördlichen Ende des Himmels sitzt der ungeheure Riese HRASWELGER (Leichenschwelger) in Gestalt eines Adlers und rührt seine gewaltigen Fittiche, um als verheerender Sturmwind über die Erde dahinzufahren. Nicht weniger grimmig ist der Riese WINDSWALER (Windkühler), der Frost und Schnee in seinem Gebiet hat und Vater des Winters ist. Doch wechselt seine Herrschaft jährlich mit der des milden SWASUDER (Sanftsüd), dessen Sproß der blütenreiche Sommer ist. Über die ganze Welt breitet sich die Esche YGGDRASIL (Schreckensträgerin) aus und hält sie zusammen. Ihre eine mächtige Wurzel reicht bis NIFELHEIM, und unter ihr breitet sich das finstere Reich der Schattenkönigin HEL aus, die zweite bis JÖTUNHEIM, dem Sitz der Riesen (SÖTUNE oder IÖTEN, d. h. Fresser), die dritte bis MIDGARD, wo die Menschenkinder wohnen. Unter jeder Wurzel der mit ihrem Wipfel in den Himmel hineinragenden Weltesche sprudelt ein bedeutsamer Brunnen hervor. Unter Nifelheim ist es der zu Anfang erwähnte HWERGELMIR. Unter Jötunheim befindet sich der vom Riesen MIMIR bewachte Brunnen, dessen Wasser Aufklärung über das Werden der Dinge verleiht. In MIDGARD endlich quillt das heilige Wasser des Brunnens URD, in welchem alle Weisheit verschlossen ruht, auf dessen stillem Spiegel zwei schneeweiße Schwäne ihre Kreise ziehen. Am Brunnen aber sitzen in ernstem Schweigen die drei NORNEN:

URD (Gewordene), WERDANDA (Werdende) und SKULD (Sollende = Zukünftige), die Schicksalsschwestern, welche die unzerreißbaren Fäden des Lebens den Neugeborenen spinnen, die Todeslose werfen und mit ihren Augen alle Ausdehnungen der Zeit durchdringen. Wegen der Reinheit und Heiligkeit der Stätte versammeln sich die Asen daselbst und halten unter dem Schatten der Weltesche Gericht. Allein der heilige Baum leidet vielen Schaden durch allerlei Getier, das ihn bevölkert. In ASGARD, der himmlischen Wohnung der Asen, weidet an seinem Gipfel die Ziege HEIDRUN, die aus ihren Eutern den Göttern und ihren Gästen Met spendet. An den Blättern und Sprossen des Baumes zehren die fünf Hirsche EIKTHYRNER, DAIN, DWALIN, DUNNEIER und DURATHROR.

In seinem Wipfel haust ein Adler, an seiner Wurzel aber nagt der Drache NIDHÖGGER mit unzähligem anderen Gewürm. Auf und ah endlich an der riesigen Esche klettert das Eichhorn RATATÖSKER, als Bote der Zankworte, welche der Aar und der Lindwurm miteinander tauschen. Trotz der Unbill, die Yggdrasil zu leiden hat, dörrt und fault sie nicht, denn die Nornen schöpfen täglich Wasser aus dem Brunnen Urd und begießen ihre Wurzeln damit.

Nehmen wir noch einmal die einzelnen Teile des Alls zusammen, so beschattet die Weltesche eigentlich neun besondere Welten. In der Mitte dachte man sich die Menschenwelt, MIDGARD oder MANNHEIM. Unter diesem liegt SCHWARZALFENHEIM und noch tiefer das Totenreich HELHEIM. Dann befinden sich zur Seite NIFELHEIM, MUSPELHEIM, JOTUNHEIM und WANAHEIM, der Wohnsitz der oben erwähnten WANEN. Hoch über den anderen Welten gründeten sich die Asen eine herrliche, von Gold und Edelstein strahlende Heimat, ASGARD oder ASENHEIM, in welchem, wie auf dem hellenischen Olymp, die einzelnen Götter wieder besondere Paläste bewohnen, wie THOR das 540 Stockwerke hohe Haus BILSKIRNIR. Asgard und Midgard standen in Verbindung durch die aus drei Farben gezimmerte starke Brücke BIFROST, den Regenbogen. In Asgard stand auch WALHALLA, der Saal der seligen Helden mit seinen 500 Toren. Der Wohnsitz der Göttinnen hieß WINGOLF (Freudenwohnung). Wie in der griechischen Mythologie die Titanen und Giganten der neuen Weltordnung, die durch die Olympier geschaffen worden war, widerstrebten und gegen deren Herrschaft sich auflehnten, so dachten sich die Germanen auch Feindschaft zwischen den hehren Asen und dem Geschlecht der Riesen. Diese brüteten immer Rache wegen des an ihrem Stammvater Ymir begangenen Mordes. Zu ihnen hatte sich LOKI gesellt, früher selbst eine Ase und Dämon des wohltätigen Feuers, jetzt aber vermählt mit dem abscheulichen Jötenweib ANGURBODA (Angstbringerin), die ihn zum Vater von drei grausigen Sprößlingen gemacht hatte, dem Wolf FENRIR, der Schlange JORMUNGANDAR und der entsetzlichen HEL.

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Frigg, als Frau Gode dem Weidwerk obliegend

WODAN, NORDISCH ODIN

WODAN oder WUOTAN (der stürmisch Schreitende) war der vornehmste aller Asen und heißt als Beherrscher der Unsterblichen und Sterblichen >>der Allvater<<. Auf seinem hohen Sitz HLIDSKIALF in WALHALLA (der Halle der Auserwählten), die in dem Gehöft (GLALDSHEIM (Glanzheim) lag, thronte er an der Spitze der zwölf über alles richtenden Asen und übersah von dort aus die neun Welten und was in denselben vorging. Das ganze Gebäude schillert von Gold; sein Dach besteht aus blinkenden Schilden und Speerschäften, und Waffenglanz erhellt rings den weiten Saal. In demselben schmausen, zechen und würfeln in Gemeinschaft der Asen die EINHERIER (einzige Herren), die im Einzelkampf gefallenen Helden. Odin selbst genießt nichts von dem sich täglich erneuernden Fleisch des Ebers, sondern nährt sich einzig von rotem Wein. Die Speisen gibt er stets seinen beiden Wölfen GERI (Gierige) und FREKl (Gefräßige), die ihn wie Hunde umschmeicheln. Neben seinem Haupt aber sitzen die beiden Raben HUGIN (Gedanke) und MUNIN (Erinnerung), welche ihm die auf ihrem Flug erlauschten Geheimnisse zuraunen. Odin trägt einen goldenen Helm auf dem Haupt und hält in seiner Rechten den nie irrenden Speer GUNGNIR.

Erscheint Wodan in dieser Gestalt als Regent der Welt, so ist sein Auftreten ein ganz anderes, wenn er seiner ursprünglichen Naturbedeutung gemäß als Gott des WINDES und STURMES einherfährt. Dann sprengt er auf dem achtfüßigen Schimmel SLEIPNIR (Gleitende) in weiten Mantel gehüllt, mit breitem Schlapphut, umgeben von den Geistern der Verstorbenen, hoch in der Luft über die Wälder und Fluren hinweg. Darum heißt er noch heute in der norddeutschen Volkssage >>der wilde Jäger<<, während im Süden der Glaube an >>das wütende Heer<< dasselbe besagt. Unter Blitz, Sturm und Regen glaubt man noch das Hundegebell, den Hörnerklang, das Hallorufen der willen Gesellen zu hören, wie sie hinter Ebern oder Rossen herstürmen.

Doch war ja bald die rohere Naturbedeutung Wodans als Sturmgottes übergegangen in die des Himmelsgottes im allgemeinen, und als solcher waltete er mild segnend und fruchtspendend und bekämpfte nun seinerseits den im Bilde des Ebers gedachten Wirbelwind. Im Winter macht er einem falschen Odin Platz, der Schneestürme über die Erde sendet, oder er liegt in einem Zauberschlaf und träumt dem Tag entgegen. Dieser Mythos ist vom Volk auf die Gestalten seiner Lieblingshelden übertragen worden. Am bekanntesten in dieser Beziehung ist der im Kyfferhäuserberg bei Tilleda schlafende FRIEDRICH BARBAROSSA. Dort sitzt der Hohenstaufe mit seinen Rittern und Knappen um einen großen Tisch, durch den sein Bart gewachsen ist. Kostbarer Wein ist an den Wänden der Höhle aufgestapelt, alles strahlt von Gold und Edelsteinen, wie am lichten Tag. Einst gelangte ein Hirt in den Berg. Den fragte der auf einen Augenblick erwachende Kaiser: „Fliegen die RABEN noch um den Berg?“ Als der Hirt dies bejahte, erwiderte Barbarossa: „So muß ich noch hundert Jahre länger schlafen!“ Wenn aber sein Bart nicht nur durch den Tisch, sondern auch zum dritten Mal um denselben herumgewachsen ist, dann wird er mit allen seinen Mannen aus dem Berg hervorbrechen und Deutschland aus Not und Bedrängnis erlösen.

In weiterer Auffassung erscheint Wodan als wilder Gott der Schlachten, als HEER- und SIEGVATER. Dann begleiten ihn seine Raben und die WALKÜREN, die Todeswählerinnen, welche sonst als Schenkmädchen die Helden in Walhalla bedienen, aber auf den Kampfgefilden, mit Helm und Schild auf weißen Wolkenrossen einherjagend, die sterbenden Einherier mit dem Todeskuß weihen und sie emporgeleiten zum Freudenmahl in Gladsheim. Dieser religiöse Glaube entzündete hei den Normannen, jenen fanatischen Kampfesmut, der bis zu einer Art Wahnsinn steigerte und sie mit lächelnden Lippen dem Tode entgegengehen ließ. Daher der Zusammenhang der BERSERKIR (Panzerlose) mit der >>Berserkerwut<<. Der Dienst Wodans war blutig, und nicht bloß Rosse, sondern auch Menschen wurden an seinen Altären geschlachtet.

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Odin empfängt in Walhalla die durch Bragi eingeführten Einherier

Daher fand Germanicus auf dem Schlachtfeld des Varus im Teutoburger Wald an die Baumstämme genagelt die Schädel der geopferten Tribunen und Centurionen. Neben solcher Härte trifft man auch auf Züge von großer Güte und Menschenfreundlichkeit. So ruderten einst der achtjährige GEIRRÖD und der zehnjährige AGNAR, Söhne des Königs HRAUDUNG auf einem Boot ins Meer hinaus und wurden vom Wind immer weiter in die Wogen fortgetrieben, bis sie in dunkler Nacht an einem fremden Strand scheiterten. Hüttenbewohner die sie dort fanden, empfingen sie freundlich und behielten sie den Winter über bei sich; die Frau nahm sich des älteren, der Mann des jüngeren Knaben an. Es waren aber Odin und seine Frau Frigg, die den beiden Knaben Schule und Erziehung angedeihen ließen.

Von Wodans großem Drang nach Weisheit zeugte schon, daß er sein eines Auge dem Riesen MIMIR für einen Trunk aus dem Brunnen der Erkenntnis dahingab. Namentlich übte er große Macht durch den Besitz der geheimnisvollen Runenstäbe, deren Zeichen den Anlaut des bedeutungsvollsten Wortes im Zauberliede bildete; ja, er hatte die Runen selbst erfunden. Sie gewährten ihm Macht über alle seine Widersacher, die Kenntnis aller Schätze der Erde und Hilfe im Streit und in allen Sorgen; so versinnlichen und priesen die alten Skalden die Kraft des Gesanges und der Dichtkunst!

Einst hörte Wodan von dem Riesen WAFTHRUDNIR (dem Zungenfertigen), es sei bei ihm die größte Kenntnis der vorweltlichen Dinge vorhanden. Da gelüstete es ihn, sich mit demselben zu messen, und er wanderte als armer Pilger zu dessen Halle, um gastliche Aufnahme bittend. Der Riese antwortete ihm, wenn er etwa gekommen wäre, um seine Weisheit zu erproben, so möchte er sich hüten, denn nimmer würde er heimkehren, wenn es ihm nicht gelänge, in kluger Rede zu obsiegen. Darauf fragte er den Gast nach den Rossen des, Tages und der Nacht, nach dem Fluß, der Asgard von Jötunheim trennt, und nach dem Feld, wo einst die letzte Schlacht geschlagen werden soll. Als Wodan ihm keine Antwort schuldig blieb, bot ihm Wafthrudnir einen Sitz neben sich an, ihn auffordernd, seine Fragen an ihn zu richten.

Über die Entstehung der Welt, der Riesen und Götter, auch über den Untergang alles Geschaffenen wußte der kluge Jöte Bescheid. Als aber der mächtige Gott ihn fragte: „Was sagte Odin seinem Sohn Balder ins Ohr, da ihn der Scheiterhaufen empfing?“ da erblaßte er und rief: „Mit Odin stritt ich vermessen in Weisheit; doch er wird ewig der Weiseste bleiben!“ Ob hierauf Odin des Riesen Haupt nahm, läßt die Sage ungelöst; hinter dem Geheimnis Odins aber vermutet man die Verheißung einer seligen Auferstehung.

Odins erste Gemahlin, JORD (Erde), eine Tochter der Nacht, gebar ihm den starken THOR (Donnerer), die zweite Frau, FRIGG (Frau, Herrin), den BALDER (Fürst). Außerdem gelten als seine Söhne: HODER (Kämpfer), TYR (Helfer), HEIMDAL (Weltglänzer) oder RIGER, WALI (Auserwählter), BRAGI (Sänger), HERMODER (Heermutiger).

FRIGG, die Tochter Fiorgyns, waltet neben Odin über die Schicksale der Menschen und steht ihm mit ihrem klugen Rat zur Seite. Auch galt sie als segnende Göttin des Eheglücks. Sie bewohnt in Asgard den Palast FENSAL (Meersaal). Dort spinnt sie an goldenem Rocken, den die Alten im Gürtel Orions erkennen wollten und denselben deshalb Friggsrocken nannten. Ihre Dienerinnen waren FULLA (Fülle), ihre vertraute Geschmeidebewahrerin, GNA (Hochfahrende), ihre Botin, die auf windschnellem Roß Kundschaft brach Befehle ausrichtete, und HLIN, die Empfängerin der Bitten von Seiten der Schützlinge Friggs.

Übrigens scheint die Asenkönigin Frigg EINES Wesens mit der Wanengöttin FREYA oder FREA gewesen zu sein und sich erst später im skandinavischen Norden von dieser losgespalten zu haben. Auch die rätselhafte Göttin der Erde, NERTHUS, die von Tacitus genannt wird, muß verwandter Natur mit Freya sein und deutet dem Namen nach auf NJÖRDER (Wasserhälter), den Vater der Freya, hin. Frigg erscheint auch noch unter anderen Namen in der Volkssage, und zwar in Mecklenburg als GODE (weibl. Form aus Godan = Wodan), Thüringen und Hessen als Frau HOLDA oder HULDA, im übrigen Oberdeutschland als BERTA oder BERCHTA. Eine verwandte Göttin war endlich die Göttin des Frühlings OSTARA, an die noch heute nicht nur das ihren Namen führende christliche Fest erinnert, sondern auch das Osterei, als Symbol des keimenden Lebens, und der Hase, der es im Glauben des Kindes legt!

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Ostara

THUNAR, NORDISCH THOR

THOR, der älteste Sohn Wodans, wurde nicht von seiner Mutter Jörd erzogen, sondern wuchs bei den Pflegeeltern WINGNIR (Beschwingter) und HLORA (Glut) auf. Sein Gehöft in Asgard hieß THRUDHEIM (Kraftheimat); von seinem Palast BILSKIRNIR ist bereits die Rede gewesen. Zur Frau nahm er SIF (Sippe). Die goldhaarige Göttin bringt einen Sohn in die Ehe mit, den Bogenschützen ULLER; aber auch Thunar hat schon vorher zwei Söhne von der Riesin JARNSARA (Eisenstein): MAGNI (Stärke) und MODI (Mut). Sif beschenkte ihn dann noch mit der THRUD (Kraft).

Thunars Gestalt ist groß und von gewaltiger Kraft. Rotes Haar umwallt sein Haupt; ein enges, kurzes Gewand umschließt seinen Körper und in der mit Eisen behandschuhten Rechten schwingt er den glühenden Blitzhammer MJOLNIR (Malmer), der nach den weitesten Würfen stets wieder in die Hand des Gottes zurückkehrt. So fährt er auf einem von zwei Böcken gezogenen Wagen durch die Wolken, und die Rader rasseln mit Donnerhall.

Das Ansehen Thunars bei den Germanen war sehr groß. Noch im 8. Jahrhundert mußten die Sachsen bei der Taufe schwören, entsagen zu wollen dem Wodan, Thunar und Saxnot. Lange vorher schon war wegen der Verwechslung Thunars mit dem römischen Jupiter der fünfte Wochentag mit dem Namen des Donnerers belegt worden. Geheiligt waren ihm der Vogelbeerbaum, die Haselstaude und die Eiche. Es war im Jahre 725 n. Chr., als der Heidenapostel Bonifatius Thunars Rieseneiche zu Geismar bei Fritzlar in Hessen mit eigener Hand fällte. Wehklagen füllten die Luft und Verwünschungen drohten dem Frevler mit des Gottes Rache. Aber der gewaltige Stamm senkte sich nach wenigen Schlägen und an seiner Stelle erhob sich bald eine Kirche des Petrus. Viele Gebräuche und Sagen erinnern noch heute an den Blitzgott. Die aus der Haselstaude geschnittene Wünschelrute hebt die Erdschätze, wie der Gewittergott die Wolkenschätze und das Sonnengold flüssig macht. Das auf den Tag Johannis, des Täufers, verlegte Sonnwendfest mit seinen Freudenfeuern gilt seiner Person, und noch im fünfzehnten Jahrhundert beteiligten sich deutsche Fürsten an den Rundtänzen um die brennenden Holzstöße. Übrigens glich Thunars Wesen dem seines Vaters wenig. Er war ein wirklicher Kulturgott, der der Erde Gedeihen gab und Menschen und Vieh vor Unglück behütete, der überhaupt seine gewaltige Kraft nicht braucht, um die Erde zu verwüsten, sondern um die verderblichen Naturmächte, die Geschlechter der dem Chaos entsprossenen Riesen in ewigem Kampf zu verfolgen. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Skalden den Thor als „Bauerngott“ dem kriegerischen Odin nachstellten.

Einst machte sich Thor auf, um in Jötunheim die Hrimthursen zu züchtigen. Der tückische Loki hatte sich ihm beigesellt. Gegen Abend gelangten sie an eine Bauernhütte, wo sie wohl Unterkommen, aber nichts zu essen fanden. Thor schlachtete deshalb seine Böcke, bereitete sie zur Speise, befahl aber den Wirtsleuten, nach dem Mahl sorgfältig die Knochen in die Felle der Tiere zu sammeln. Dies geschah auch; nur zerbrach auf Lokis Rat des Bauern Sohn das Schenkelbein eines Bockes, um zum Mark zu gelangen. Am Morgen weihte Thor die Felle mit seinem Hammer, und lustig sprangen die Böcke empor. Doch einer lahmte am Hinterfuß.

Thor merkte wohl, was geschehen war. Als er aber die Furcht der Leute über seinen Grimm sah, verzieh er ihnen unter der Bedingung, daß ihre beiden Kinder in seinen Dienst träten. Von da setzten sie die Reise zu Fuß fort und gelangten über das Meer in das Riesenland. Dort fanden sie am Abend eine Hütte, woran die Tür so hoch war wie das ganze Gebäude. Sie übernachteten in dem leeren Haus. Aber um Mitternacht entstand ein Dröhnen und Brausen, daß die ganze Hütte zitterte und sich die Gefährten Thors in eine Nebenkammer flüchteten, während er selbst vor der Türe Wache hielt. Als der Tag anbrach, erblickte Thor die lebendige Ursache des nächtlichen Erdbebens, einen ungeheuren Riesen namens SKRYMIR (Prahler). Dieser erkannte ihn sofort und ließ ihn an seinem Frühstück teilnehmen. Als er aber nach seinem Handschuh fragte, stellte es sich heraus, daß die Reisenden denselben für ein Haus angesehen und schließlich im Däumling geschlafen hatten. Skrymir warf nun den Eßkorb über die Schulter und wanderte mit ihnen den ganzen Tag über umher. Am Abend legte er sich sofort zum Schlafe nieder und überließ die Speise den Gefährten. Diese konnten jedoch den festgeschnürten Riemen des Bündels nicht lösen, und Thor ergrimmte endlich und versetzte dem Riesen einen gewaltigen Schlag mit dem Hammer auf den Schädel. Skrymir erwachte und fragte, ob nicht ein Blatt vom Baum ihm auf den Kopf gefallen wäre. Thor schlug den schnell wieder Einschlafenden noch mehrmals auf das Haupt, daß endlich das Eisen tief eindrang. Aber stets klagte der Riese nur darüber, daß die herabfallenden Eicheln ihn im Schlafe störten! Am Morgen schied er von ihnen und warnte sie vor UTGARD (Außengehege), da dort noch größere Riesen existierten, als er selber.

Allein sie ließen sich nicht beirren und gelangten mittags zur Königsburg, die so hoch war, daß ihre Augen die Dachspitze nicht erreichten. Sie betraten die Halle, wo der König UTGARDLOKI mit seinen Kriegern und Hofleuten saß und die Gäste sofort nach ihren Geschicklichkeiten fragte, ohne die niemand auf seinem Hof einen Sitz bekommen könnte. Da rühmte sich Loki seines hurtigen Essens, der Bauernsohn Thialfi seines schnellen Laufens und Thor seines mächtigen Durstes. Zuerst wurde Loki dem Thursensohn LOGI gegenübergestellt. Ein langer Trog voll Fleisch wurde herbeigebracht, und die Wettenden sollten jeder von einer Seite zu schlingen beginnen. In der Mitte begegneten sie sich, aber dennoch hatte Loki verloren, weil sein Gegner auch die Knochen samt dem Gefäß verzehrt hatte! Auch THIALFI unterlag trotz seiner außerordentlichen Schnellfüßigkeit seinem Gegner HUGIN. Endlich wurde für Thor selbst das Horn herbeigebracht, welches, mit Met gefüllt, an Utgardlokis Tafel zu kreisen pflegte, und dieser belehrte ihn, daß niemand unter den Hofleuten mehr als drei Züge brauche, um es zu leeren. Trotz seines geringen Durstes tat Thor drei lange Züge; aber erst beim dritten war eine kleine Abnahme des Getränkes bemerkbar. Unmutig gab er das Horn ab und verlangte, seine Stärke auf die Probe zu stellen. Da forderte ihn der Riese auf, nur seine graue Katze vom Boden aufzuheben, was seine jungen Burschen oft im Spaß täten. Thor versuchte es, aber das Tier streckte sich immer länger, und wenn er sich auch noch so sehr anstrengte, so blieben doch immer die Pfoten auf dem Boden stehen. „Ich dachte es schon“, höhnte nun Utgardloki, „daß die Katze für einen so kleinen Mann zu groß sein würde.“ Da entbrannte der Zorn Thors und er forderte alle Riesen zum Ringkampf heraus. Aber wieder wollte der Riese niemand zu solchem Kinderspiel hergeben, als seine uralte Amme ELLI. Das Riesenweib trat herein und der Kampf begann. Allein so sehr auch Thor alle seine Kraft aufbot, er strauchelte endlich und sank auf die Knie. Da sprang der Riesenfürst dazwischen und führte seine Gäste zur Tafel, wo sie sich bis Mittemacht labten. Am anderen Morgen geleitete er sie bis an die Grenze und sagte dann: „Weil Du nun meine Burg verlassen hast, die Du nie wieder betreten darfst, will ich Dir bekennen, daß ich Dich durch Zauberkünste täuschte. Ich selbst war der Riese Skrymir. Der Eßkorb war mit eisernen Bändern zugeschnürt; mit dem Hammer hättest Du mich sicher erschlagen, wenn ich Dir nicht schnell einen Felsen in den Weg geschoben hätte. Der große Fresser Loki war das Wildfeuer, der Läufer Hugin aber mein Gedanke. Das Ende des Hornes, aus dem Du trankst, lag in der See, und Du hast so viel daraus getrunken, daß die Ebbe auf der Erde davon entstanden ist. Die Katze ferner war die Midgardsschlange, und Du hast sie zu unserem Entsetzen so hoch gehoben, daß sie beinahe den Himmel berührte. Die Alte endlich, mit der Du gerungen hast, war das Greisenalter, dem jeder unterliegen muß.“ Wütend schwang Thor den Hammer, um sich am Jöten zu rächen. Dieser war aber verschwunden, und Thor mußte mit seinen Genossen den Rückweg antreten.

Liegt diesem Mythos der Gedanke zugrunde, daß der große Ase in der Außenwelt, d. h. in dem Schnee des Urgebirges, keinen Erfolg erringen und der Kultur keine Bahn eröffnen kann, so zeigt uns die Sage vom Riesen HRUNGNIR (Rauschender) Thors milde Gewittermacht im Kampf gegen das verwüstende Unwetter im Gebirge. Als einmal Thor ausgezogen war, um seine Pflüger gegen Unholde zu schützen, machte sich auch Odin auf und kehrte beim Bergriesen Hrungnir ein. Dort kamen sie im Laufe der Unterhaltung auf die Vorzüge des Rosses Sleipnir, und der Jöte behauptete, sein Pferd GULLFAXI (Goldmähne) mache doch noch weitere Sprünge. Da schwang sich Odin auf und forderte Hrungnir auf, mit ihm um die Wette zu reiten. Zornig jagte der Riese ihm nach, und beide kamen fast gleichzeitig in Asgard an. Die Asen laden den Gast freundlich ein, sich an Thors Platz zu setzen, und die schöne Freya schenkt ihm die gewaltigen Schalen des Donnerers voll starken Biers. Unmutsvoll leerte er sie, forderte immer mehr von dem Getränk und begann endlich im Rausch trotzig zu prahlen, er werden Walhalla auf dem Rücken nach Jötunheim tragen, ganz Asgard in den Abgrund versenken, alle Asen erschlagen, Freya und Sif aber mit sich in das Riesenland entfuhren. Ängstlich riefen die Asen nach Thor, und kaum war sein Name genannt, als derselbe mit zornblitzenden Augen in der Halle stand und Mjölnir schwingend ausrief: „Wer erlaubt dem Thursen, in Asgard zu sitzen und sich von der Schenkin der Asen den Pokal kredenzen zu lassen?

Das soll den Unverschämten gereuen!“ Hrungnir beruft sich ernüchtert auf Odins Einladung und gelobt, sich ihm an der Grenzscheide der Länder im ehrlichen Zweikampf stellen zu wollen. Am bestimmten Tage fand sich der Jöte zuerst auf dem Platz ein, bewaffnet mit einem riesigen Schleifstein und einem ungeheuren steinernen Schild, während die Riesen einen neun Meilen hohen Schildknappen aus Lehm neben ihm aufgepflanzt hatten.

Vor Thor erschien dessen Diener Thialfi und rief dem Riesen zu, sein Herr wolle ihn von unten angreifen und der Schild werde ihm dann nichts helfen. Da warf Hrungnir die Steinscheibe auf den Boden und stellte sich darauf, und als gleich hinterdrein der Donnerer angebraust kam und beide Gegner in demselben Augenblick ihre Waffen schleuderten, zerschellte die Keule des Jöten, vom Hammer getroffen in der Luft, dieser aber fuhr tief in Hrungnirs Schädel.

Grimmiger Zorn erfaßte aber den Blitzgott, als er einst in der Nacht erwachte und merkte, daß sein göttlicher Hammer entwendet sei. Er zog Loki in das Geheimnis, und dieser lieh von Freya das Falkengewand, um der Riesenwelt einen Besuch abzustatten. Dort traf er den Thursenfürst THRYM, der sich in ein Gespräch mit ihm einließ und gar kein Hehl daraus machte, daß er selbst den Hammer gestohlen habe und acht Meilen tief unter der Erde verborgen halte. Nur wer ihm Freya als Braut zuführe, solle denselben erhalten. Thor wagte es zwar, nach Lokis Zurückkunft der schönen Wanin den Antrag des Riesen vorzutragen, wurde aber schnöde abgewiesen. Nun war guter Rat teuer, denn Mjölnir war ja die Stütze Asgards gegen die Riesen. In der Versammlung der Götter und Göttinnen macht endlich HEIMDAL, der Wächter Asenheims, der so weise war, daß er das Gras und die Wolle der Schafe wachsen hörte, den Vorschlag, Thor selbst solle, in Freyas bräutliches Linnen gehüllt und mit blitzendem Goldschmuck geziert, den Riesen zugeführt werden. Nach einigem Sträuben verstand sich Thor dazu und nahm Loki als Magd mit.

Thrym sah das Gespann der Mädchen von seiner Warte aus sich nähern und traf in größter Eile Zurüstungen zum Hochzeitsfest. Züchtig in ihren Schleier gehüllt, sitzt die hohe Braut beim Mahle und ißt einen ganzen Ochsen, acht Lachse und alles Naschwerk, ja, sie trinkt drei Kufen Met dazu aus! Verwundert schaut der Bräutigam diesen gesunden Appetit; aber die Zofe flüstert ihm zu, aus Sehnsucht nach Jötunheim habe die Braut acht Tage gefastet. Endlich hebt der ungeduldige Liebhaber ein Ende des Schleiers, fährt aber erschrocken zurück vor den feuersprühenden Augen der Jungfrau. Doch wiederum beschwichtigt ihn der schlaue Loki: „Acht Nächte hat die Braut vor Sehnsucht nicht geschlafen; wie sollten ihre Augen nicht glühen!“ Erfreut läßt nun Thrym den Hammer des Donnerers herbeibringen und ihn der Braut in den Schoß legen, um den Ehebund nach der Sitte zu weihen; in Thors Brust lachte das Herz, als er seinen Hammer vor sich sah. Rasch faßte er zu, warf die Hülle ab und wetterte den Riesen samt allen Hochzeitsgästen nieder. Über diese Mythe schreibt MANNHARDT: „Sie besagt, wie Thrym, der Riese des winterlichen Sturmes, dem Himmel den befruchtenden sommerlichen Wetterstrahl raubt und während der acht Wintermonate des Nordens in der Tiefe begräbt. Er sucht die Göttin der Sonne und lichten Wolke, Freya, gänzlich in seine Gewalt zu bringen. Thor verhüllt sich selber in das Kleid der Wolkenfrau und gewinnt so im Frühling den Hammer wieder, den er aus dem Schoß der Wolken hervorwetternd schwingt.“

Endlich war auch Loki beteiligt an der Fahrt Thors zur Behausung des Thursen GEIRRÖD (Speerröter). Den weithin qualmenden Schlot desselben entdeckte er nämlich in der Ferne, als er sich im erwähnten Falkengewand in den Lüften schaukelte, und ließ sich aus Neugierde auf den Fenstersims nieder. Da bannte ihn der Riese fest und weil der Vogel auf alle Fragen stumm blieb, sperrte er ihn ein und ließ ihn drei Monate ohne Nahrung. Dieses Mittel wirkte. Loki gestand, wer er wäre, und der erfreute Geirröd schenkte ihm bloß unter der Bedingung die Freiheit, daß er mit heiligem Eidschwur versprach, Thor, den Hauptfeind des Riesengeschlechts, ihm zum Faustkampf stellen zu wollen, aber ohne den gefürchteten Hammer. Der schlaueste aller Asen suchte hierauf Thor zu einem friedlichen Besuch bei Geirröd zu bereden, indem er ihm vorlog, wie freundlich er selbst von demselben aufgenommen worden sei und wie der Riese lediglich aus Bewunderung sich nach der Bekanntschaft mit dem ältesten Sohn Wodans sehne.

Thor folgte dem Versucher, erfuhr aber schon nach der ersten Tagereise bei der Riesin GRID), der Mutter seines Stiefbruders WIDAR, die Wahrheit und wurde von ihm mit ihren Eisenhandschuhen, ihrem Stab und Stärkegürtel versehen. Eine Tochter Geirröds staute mit ihrem Leib einen den Wanderern im Wege liegenden großen Strom an, mußte aber den Steinwürfen Thors weichen. Als sie endlich das Gehöft des Thursen erreicht hatten und Thor sich müde auf einen Stuhl niederließ, merkte er plötzlich, wie sich derselbe nach und nach immer höher der Decke zu emporhob. Schnell stemmte er seinen Stab gegen die Wölbung und drückte sich dann mit aller Kraft nieder. Entsetzliches Jammergeschrei, unter dem Stuhl hervortönend, belehrte ihn, daß die beiden Töchter des Wirtes, GIALP und GREIP, ihre List mit dem Tode zu bezahlen hatten. Von Geirröd dann zum Kampf aufgefordert, bemerkte Thor kaum die rings an den Wänden der Halle emporlodernden Feuerflammen, als ihm auch schon der Riese einen glühenden Eisenkeil entgegenschleuderte. Jetzt taten die eisernen Handschuhe treffliche Dienste; der Ase fing das Geschoß auf und warf es mit solcher Gewalt gegen die Säule, hinter welcher sich der Feind versteckt hielt, daß es das Bollwerk samt der Brust Geirröds durchbohrte. Dieser wurde in einen Stein verwandelt. – Der Kampf erinnert an den Streit des wohltätigen Sommergottes mit dem Dämon des verderblichen Unwetters, oder, wie andere wollen, mit den Gewalten des vulkanischen Feuers.

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Thunar oder Thor

TYR, ALTHOCHDEUTSCH ZIO

Daß ZlO der älteste aller germanischen Götter ist und zwar in seiner Bedeutung dem griechischen Zeus vollkommen gleich, ist schon in der Einleitung erwähnt worden. Der lichte Himmelsgott war aber bereits zu Tacitus‘ Zeit zu einem Schwert- und Kriegsgott geworden. Es ist ihm also ähnlich gegangen wie dem römischen Mars, und der diesem gewidmete dritte Wochentag erhielt auch in Deutschland den Namen von Tyr. Darum war auch der Pfeil und später wohl das Schwert sein Symbol. Die Brut Lokis war von Wodan weit aus seinen Augen verbannt worden. Hel war nach Nifelheim hinabgeschleudert, die Schlange Jörmungandar in das tiefe Weltmeer versenkt, welches Midgard umschließt. Nur FENRIR, der Wolf, war vor der Hand unter Tyrs Hut geblieben, der ihn täglich mit Futter versorgte. Aber bald wuchs er so riesenhaft heran und gewann solche Stärke, daß man sich in Asgard selbst vor ihm zu fürchten begann und auf Mittel dachte, ihn unschädlich zu machen. Die Asen schmiedeten also zwei Eisenfesseln, Leuthing und Droma, und brachten den Wolf durch Zureden so weit, daß er sich geduldig die Bänder anlegen ließ. Aber als er seine gewaltigen Glieder reckte, flogen die Ringe klirrend auseinander. Die Sorge der Himmlischen mehrte sich, denn täglich wuchs die Stärke Fenrirs. Da sandte Odin seinen treuen Diener SKIRNIR (Glänzer) nach Schwarzalfenheim und ließ die Zwerge um eine dauerhafte Fessel bitten.

Diese verfertigten aus dem Bart der Weiber, den Sehnen der Bären, dem Schall der Katzentritte, dem Speichel der Vögel, der Stimme der Fische und den Wurzeln der Berge eine Fessel namens GLEIPNIR, so dünn wie ein Seidenband. Die Götter ließen hierauf den Wolf kommen und forderten ihn auf, seine Kraft an dem neu en Kunstwerk zu probieren. Aber Fenrir witterte unter dem schwachen Gewebe Zaubertrug und weigerte sich, eher die Fesseln sich anlegen zu lassen, als einer der Asen zum Unterpfand die Rechte in seinen Rachen legen würde. Tyr tat dies unverzagt. Das Band aber, von dem die Alfen gesagt hatten, es werde den Gebundenen immer fester zusammenschnüren, je mehr er sich bemühe, es zu zerreißen, bewährte sich besser als die stärkste Eisenkette. Die Götter zogen es durch tief eingerammte Felsen hindurch und streckten dem wütenden Untier ein Schwert zwischen die Kiefer. Tyr hatte freilich den meisten Schaden; denn ihm hatte der Wolf, als er die List merkte, die Hand abgebissen.

Es ist unschwer, in dem Wolf Fenrir ebenso einen Dämon der Finsternis zu erkennen, wie in den Wölfen Skoll und Hati. Tyr ist also ihm gegenüber noch der alte Gott des Himmels, der das Licht dem finsteren Rachen entreißt. Daß er dabei die Hand einbüßt, stimmt merkwürdigerweise ganz mit der indischen Legende vom Sonnengott SAWITAR; nur daß dieser sich die Hand beim Opfer abgeschlagen hat. Möglich, daß man dabei an die Einbuße der Hälfte gedacht hat, die der Tag durch die Nacht erleidet; möglich auch, daß das Attribut der goldenen Hand allmählich zur Annahme einer künstlichen Goldhand geführt hat.

Von seinem späteren Wirken als Kriegsgott scheint Tyr bei den Germanen südlich von der Ostsee als SAXNOT, d. h. „der des Schwertes (Sax) waltende Gott“, verehrt worden zu sein. Namentlich wissen wir dies von den Sachsen.

Bei anderen Stämmen kommt auch der Name CHERU oder HERU vor, und da dies auch das Schwert bedeutet, so mag wohl auch hier kein Unterschied obwalten, und die Cherusker waren sonach die Mannen oder Abkömmlinge des Heru oder Tyr.

Mehr nach Thor als nach Tyr sieht endlich der von den Sachsen verehrte Gott IRMIN aus, dessen hölzerne Säule (Irmensäule) im Osning bei Detmold Karl der Große 772 zerstört hat.

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Tyr

BRAGI UND IDUN

BRAGI, der sangreiche und redebegabte Sohn Wodans, hatte zur Gattin IDUN (Erneuende), die Tochter des Zwergenvaters Iwaldi. Sie, „die schmerzheilende Maid, die des Gotteralters Heilung kennt“, bewahrte dem Odin die Kufe ODRORIR (Geistererzeuger), die den Dichtermet barg. Mit diesem aber hatte es folgende Bewandtnis. Nach einem Krieg zwischen den Asen und Wanen war der Friede dadurch besiegelt worden, daß beide Parteien ihren Speichel in ein Gefäß laufen ließen und daraus den weisen Mann KWASIR (Redner) schufen. Auf seinen Reisen war dieser in Schwarzalfenheim von zwei Zwergen FIALAR und GALAR ermordet worden, und die Kobolde hatten dann sein Blut mit Honig gemischt und einen zum Dichten begeisternden Met daraus gebraut. Den Wundertrank mußten aber die Erfinder später dem Riesen SUTTUNG als Sühne für den an seinem Oheim verübten Totschlag überlassen, der ihn von seiner Tochter GUNLÖD bewachen ließ. Odin war in die Felsenhöhle gelangt, indem er durch den überlisteten Riesen BAUGI den Berg durchbohren ließ, hatte den Kessel mit dem Met geleert und auf diese Weise den letzteren nach Asgard gebracht.

Außer dem Dichtertrank bewachte aber Idun noch elf goldene Äpfel, deren Genuß den Asen ewige Jugendschöne gewährte. Nun geschah es, daß Odin, Hönir und Loki durch eine gebirgige und öde Gegend wanderten, wo weder Obdach noch Speise zu finden war. Endlich trafen sie in einem Tal eine Rinderherde, schlachteten ein Stück davon und brieten es. Aber das Fleisch wollte immer nicht gar werden, und sie fragten verwundert einander, WER wohl daran Schuld sein möchte. Da antwortete ihnen plötzlich eine Stimme aus dem Baum über ihnen, und ein großer Adler versprach ihnen, den Braten genießbar zu machen, wenn sie ihn am Mahl teilnehmen ließen. Die Asen willigten ein; da aber der Vogel gleich die beiden Lenden und das Vorderteil des Ochsen für sich nahm, ergrimmte Loki und stieß jenem eine große Stange in den Leib. Der Adler schwang sich hierauf mit derselben, an der plötzlich durch Zauber Lokis Hände festklebten, empor, flog aber so niedrig, daß Lokis Füße Steine und Gehölz streiften. Er konnte die Qual nicht ertragen und bat flehentlich den Adler um Frieden. „Wohlan“, sprach derselbe, „versprich mit heiligem Eid, daß du mir Idun mit den goldenen Äpfeln verschaffen willst, so will ich dich frei geben!“ Loki gab die Zusage, und als er nach Asgard zurückgekommen war, lockte er Idun in einen Wald unter dem Vorwand, daß er dort einen Baum mit herrlichen Äpfeln entdeckt hätte; sofort stellte sich der Adler ein und entführte die erschrockene Göttin nach Jötunheim. Der gewaltige Vogel war der Thurse THIASSI (Stürmende). Die Asen befanden sich nach Iduns Verschwinden in übler Verfassung; denn sie alterten schnell und wurden grauhaarig. Endlich lenkte sich ihr Verdacht auf den Verräter Loki, der zuletzt mit der Verlorenen gesehen worden war. Mit dem Tode bedroht versprach er, Idun aufzusuchen, wenn ihm Freya ihr Falkengewand leihen wollte. So gelangte er glücklich zu der Behausung des Riesen, fand die Göttin allein, verwandelte sie in eine Nuß und flog mit der leichten Beute davon. Thiassi, der auf dem Meer gerudert hatte, kam aber bald nach Hause, bemerkte gleich den Raub und setzte im Adlerkleid den Fliehenden nach.

In Asgard sah man den Falken und hinter ihm den Adler herfliegen. Die Asen häuften daher um die Mauer herum Holzspäne auf und zündeten sie an, sobald der Falke die Burg erreicht hatte. Der Adler aber achtete in seiner Hast der aufschlagenden Lohe nicht, verbrannte sich das Gefieder und stürzte in Asgard zu Boden, wo die herbeieilenden Götter ihn erschlugen.

So erscheint hier Idun als Göttin des vegetativen Lebens, die im Winter in der Gewalt des nordischen Sturmriesen ist, im Lenz aber von Loki wiedergeholt wird. Thiassi aber hinterließ eine Tochter, die schöne und mutige SKADI (Strafe). Diese wappnete sich auf die Nachricht vom Tode ihres Vaters und sprengte nach Asgard, um blutige Rache zu nehmen an dem Schuldigen. Die Asen erfreute die Keckheit und Holdseligkeit der Jungfrau. Thor warf die Augen ihres Vaters gen Himmel, wo sie als leuchtende Sterne glänzen, und Allvater erlaubte ihr, sich unter den Asen einen Gemahl auszusuchen. Allein Skadi in ihrem Schmerz wollte nichts von gütlichem Ausgleich wissen. Da schaffte wieder der listige Loki Rat. Er band sich einen Ziegenbock an den Fuß und begann nun meckernd mit dem Tier die possierlichsten Sprünge und Grimassen zu machen. Als er endlich vor Skadi einen Fußfall tat, konnte sich diese nicht länger halten und brach in volles Lachen aus.

Nun zeigte sie sich auch willig, sich durch Heirat mit dem Asengeschlecht zu verbinden; doch durfte sie bei der Wahl nicht mehr als die Füße der Götter sehen. So kam es, daß sie sich irrte; denn indem sie glaubte, den herrlichen Balder vor sich zu haben, wählte sie NJÖRDER. Dies war ein Wane und nach dem Krieg zwischen seinem Geschlecht und den Asen als Geisel in Asgard zurückgeblieben. Sein Name (Wasserhälter) sowie sein Schloß NOATUN (Schiffsstätte) kennzeichnen ihn als Beherrscher der Meerflut. Seine Ehe mit Skadi wurde dadurch getrübt, daß dieser das Brausen des Meeres und das Kreischen der Möwen nicht gefiel, während ihm wieder die öden Bergklüfte und das Wolfsgeheul in den Wäldern Jötunheims unausstehlich vorkamen. Sie wechselten einander zuliebe den Aufenthaltsort alle neun Tage. Endlich aber trennten sie sich ganz, und die Jägerin Skadi reichte später dem mehr zu ihr passenden, im Asengehöft YDALIR (Eibental) wohnenden Bogenschützen und Wintergott ULLER ihre Hand.

FREYA (Frau, Freundliche) und ihr Bruder FREYER (Herr, Frohe) sind Kinder NJÖRDERS aus seiner ersten Ehe mit NJÖD. Freyer war besonders in Skandinavien verehrt als ein über Regen und Sonnenschein gebietender Gott, der seinen Sitz in Lichtalfenheim hatte. Ihm diente als treuer Begleiter SKIRNIR (Glänzer). Zu seinen Ausflügen aber benutzte er den Eber GULLINBURSTI (Goldborstiger) und das Schiff SKIDBLADNIR (geflügeltes Holz), das stets günstigen Fahrwind hatte und sich nach dem Gebrauch zusammenlegen und in die Tasche stecken ließ (wohl die Sonne und die Wolke). Auch ein sich von selbst schwingendes Schwert besaß er; dies opferte er jedoch auf bei der Werbung um die Riesentochter GERD. Seine Schwester FREYA ist die Göttin der Natur, die blütenreiche Mutter der Erde. Im Kultus dagegen ist sie die Beschützerin der Liebenden, die auch nach dem Tode hoffen, in ihrem Palast FOLKWANG (Volkanger) in ihrem lichten Saal SESSRUMNIR (Sitzraum) Aufnahme und Wiedervereinigung zu finden.

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Bragi und Heimdal empfangen die Krieger in Walhalla

FREYA UND FREYER

Freya ist nicht bloß Mundschenkin in Walhalla, sondern auch Führerin der Walküren auf dem Schlachtfeld. An dem ihr geheiligten Freitag wurden die meisten Ehen geschlossen, und erst die christlichen Priester erklärten diesen Tag als den Kreuzigungstag Christ für eine unglückliche Zeit. Zuletzt beim Mahl trank man Freya MINNE, d. h. man weihte ihr den Becher der Liebe und Erinnerung zu Abschied, was später auf Maria überging. Freya trug den von den Zwergen geschmiedeten köstlichen Halsschmuck BRINSINGAMEN (Feuerkette) und fuhr auf einem mit Katzen bespannten Wagen. Einst bekam Wodan selbst Lust nach dem Kleinod Brinsingamen und befahl Loki, der ihm davon erzählt hatte, ihm dasselbe entweder zu verschaffen oder nie wieder vor seine Augen zu kommen. Sehr ungern übernahm Loki den heiklen Auftrag und schlich sich nach Folkwang. Die Wanin ruhte in ihrer verschlossenen Kammer, und Loki verwandelte sich in eine Fliege, um hineinzukommen, dann aber in einen Floh, um Freya, die mit der Brust auf der Kette lag, zum Umdrehen zu bestimmen. Alles gelang nach Wunsch, und der Dieb huschte mit seinem Raub ins Freie, als ein Stärkerer über ihn kam. Der wackere Heimdal, der treue Wacht an der Brücke BIFROST hielt, hatte den Raub beobachtet und eilte Loki nach. Dieser stürzte sich als Robbe ins Meer, aber Heimdal tat dasselbe, und in dem nun entbrannten Kampf siegte er und nahm dem Räuber das Kleinod ab. Idun heilte dann des Siegers Wunden und brachte den Halsschmuck der weinenden Freya zurück.

Gewöhnlich wird Freya als Jungfrau gedacht. Nach einem Mythos war sie jedoch mit ODUR (Geist) vermählt. Als sie ihm jedoch eine Tochter, HNOSS (Kleinod), geschenkt hatte, verließ er sie treulos und zog auf ferne Wege. Freyas Tränen flossen darob unablässig und wurden zu rotem Gold. Nach einer Sage kam Odur dann als fremder Wanderer nach Folkwang zurück und erzählte nach der Wiedererkennung, daß er auf windkalten Wegen hergekommen wäre, und daß ihn der Nornen unabänderlicher Spruch in die Ferne und wieder zurückgeführt hätte. Nach einer anderen Legende sucht ihn Freya in allen Ländern und findet ihn zu ihrer Freude endlich auf grüner Matte. Aber Odur bleibt dennoch nicht bei ihr und verläßt sie in jedem Jahr nach der Herbsttagundnachtgleiche.

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Freya

Freyer

BALDER

Der lichte, strahlende Sohn Friggs, BALDER, ein Symbol der kurzlebigen Sommerherrlichkeit, war der beste aller Asen und von allen wegen seiner Unschuld und Milde geliebt. In seinem Gehöft BREIDABLICK (breiter Gang) wurde nichts Unreines geduldet. Dort wohnte Balder, auch VOL genannt, mit seiner geliebten Gattin NANNA und seinem Sohn FORSETI (Vorsitzender), der seines Vaters gute Eigenschaften erbte und später in der mit Silber gedeckten, auf Goldsäulen ruhenden Halle GLITNIR (Gleißende) immerwährend zu Gericht saß.

Der frühe Tod Balders sollte über die Asen bitteres Leid bringen. Ein böses Vorzeichen hatte nach dem Entschwinden des Goldalters den Asgard in große Unruhe versetzt. Die liebliche Idun war in einer Nacht von den Zweigen der Weltesche Yggdrasil, in denen sie sich gewiegt hatte, hinabgesunken in das Nachtreich Hels, und am nächsten Tag drohte Mimirs Brunnen zu vertrocknen. Da schickte Odin seinen Raben Hugin aus, und dieser flog eilig zu den Zwergen DAIN und THRAIN, die der Zukunft kundig waren. Allein dort war wenig zu erfahren, denn die Zwerge lagen in wirren Träumen. Odin sandte also Heimdal, Loki und Bragi hin unter zu Hel selbst, um Idun auszuforschen. Auf düsteren Pfaden stiegen sie hinab nach Nifelheim, gelangten zu der mit festem Eisengitter und loderndem Feuer umgebenen Burg Hels und gingen hinein, ohne sich um das Heulen des blutbesudelten Höllenhundes MANAGARM (Mondhund) zu kümmern. Bald erspähten sie die Göttin der Jugend und fanden sie blaß, abgehärmt und stumm. Nur Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen, und keine Antwort über das Schicksal der Asen und der Welt kam über ihre Lippen. So zogen die Boten wieder ab. Aber Bragi, der liebende Gatte, blieb bei Idun zurück. Ratlos hörten die Götter den Bericht Heimdals und Lokis und mußten ihre Entschlüsse vertagen.

Am nächsten Morgen schwang sich Odin auf Sleipnirs Rücken, um selbst die Reise nach Nifelheim anzutreten; denn in der Nacht hatte Balder geträumt, Hel sei ihm erschienen und habe ihm gewinkt. Er reitet bei Hels Behausung vorüber nach Osten, wo der Seherin WALA (oder Wöla) Grabhügel stand. Dort sprach er die Beschwörungsformel und weckte die Tote mit mächtigem Bann.

Und als sie ihn nach seinem Begehr fragte, gab er sich für WEGTAM (Weggewöhnte) aus und erkundigte sich, für wen bei Hel die Betten mit Gold geschmückt und die Sitze mit Reifen belegt wären. Da antwortete Wala: „Für Balder, den Guten, wird der Empfang bereitet und köstlicher Met gebraut den Asen zum Gram.“ Und als er weiter wissen wollte, wer Balder zu Hel senden und wer den Mord rächen würde, so sagte sie ihm, wie es kommen sollte. Als er aber noch fragte, wie hieße, daß Balders Tod nicht beweinen werde, da erkannte ihn Wala voll Entsetzen und bat ihn, heimzureiten; Niemand werde sie weiter Rede stehen, bis Lokis Bande rissen und der Götter Verderben hereinbräche. Unterdessen hatten auch die übrigen Asen nicht gerastet. Sie beschlossen allen lebenden Kreaturen und selbst den leblosen Dingen einen heiligen Eid abzufordern, daß sie Balders Leib und Leben Balder und Nanna nicht schädigen wollten. Die besorgte Frigg selbst war ausgefahren in alle Lande, und es hatten ihr geschworen die Thursen, die Menschen, die Alfen, die Bäume und Sträucher, die Steine und Erze, selbst die Gifte und Krankheiten. Nun herrschte große Heiterkeit in Walhalla. Die Asen scherzten und lachten und zielten mit allerlei Wurfzeug und Geschoß nach Balder, um zu sehen, wie jede Waffe den gefeiten Leib vermied. Nur Loki fand kein Gefallen an dem Wunder, verwandelte sich in ein altes Weib und humpelte nach Fensal zu Frigg, um sich Aufklärung zu verschaffen. Gutmütig erzählte ihm Balders Mutter, was sie alles getan habe, um das Unglück vom lieben Sohn fern zu halten; ja, sie vertraute ihm endlich, daß alle Gewächse auf Erden ihr den verlangten Eid geleistet hätten, mit Ausnahme eines kleinen Mistelstrauches, den sie für zu unbedeutend gehalten hätte. Der Verräter eilte zur Mistel, riß sie herunter und formte einen Ger daraus. Dann ging er in den Kreis der heiter scherzenden Asen zurück. Dort fand er den starken, aber des Augenlichts beraubten HÖDER in einer Ecke stehen, teilnahmslos bei der Kurzweil der übrigen. Er fragte ihn, warum er nicht auch zu Balders Ehre seine Kraft im Werfen versuchte, und als der Blinde erwiderte, er habe ja weder Waffen noch Augen, drückte er ihm den Mistelgeer in die Hand und richtete denselben auf Balder. Höder schleuderte mit voller Kraft den Speer, und der Bruder sank mit durchbohrter Brust entseelt zu Boden!

Da verfinsterte sich die Erde; sprachlos und entsetzt standen die Götter um die Leiche des Vielgeliebten. Dann aber wandten sich alle gegen den Mörder, und am liebsten hätten sie sogleich Rache an ihm genommen – Loki hatte sich natürlich weggeschlichen – wenn nicht Asgards Heiligkeit ihn geschützt hätte. Frigg, durch das laute Jammern erschreckt, eilte auch herbei und klammerte sich an die Hoffnung, die schreckliche Hel möchte sich vielleicht erbitten lassen, den geliebten Sohn wieder frei zu geben. Sofort war Balders zweiter Bruder, HERMODER, bereit, das Schattenreich aufzusuchen, und bestieg den eben erst von dort zurückgekehrten Sleipnir.

Die Asen aber machten sich daran, die teure Hülle mit den letzten Ehren zu beschenken. Sie geleiteten dieselbe an den Strand des Meeres, wo Balders Schiff HRINGHORN (Ringhörnige) lag. Auf diesem wurde der Scheiterhaufen errichtet. Aber als die Leiche hinaufgelegt werden sollte, brach der holden Nanna das Herz vor Jammer, und die Götter gesellten sie dem Geliebten bei. Auch dessen edles Roß mußte ihm im Tod folgen, und Wodan steckte dem Sohn noch den Wunderring DRAUPNIR (Traufende) an die Hand, der in jeder neunten Nacht sich verachtfachte. Sodann weihte Thor mit seinem Hammer die Scheiter, und die Flamme prasselte in die Höhe. Aber niemand vermochte nun das Fahrzeug mit seiner Last von der Stelle zu rücken und ins Meer hinabzuschieben. Die anwesenden Riesen erboten sich, ein starkes Weib aus Jötunheim namens HYRROKIN (Feuerräucherige) herbeizuholen, die Berge zu verrücken imstand wäre. Es geschah, und die Alte kam sturmschnell auf einem riesigen Wolf angeritten, der mit einer Natter gezäumt war. Mit einem einzigen Stoß schob sie das Schiff in die Wellen. Thor aber ergrimmte über der Riesin rohe Weise und hätte ihr gern mit Mjölnir das Lebenslicht ausgeblasen, wenn nicht die übrigen Asen, auf das freie Geleit Hyrrokins hinweisend, ihn abgehalten hätten. So ließ er seine Wut am Zwerg LIT (Farbe) aus, der ihm unter die Füße kam, und warf ihn ins Feuer.

Während dies geschah, war Hermoder nach neuntägigem Ritt an den Fluß GJOLL (Gellende) gelangt, der Hels Reich von den anderen Welten scheidet, und von der Brückenwächterin MÖDGUD (Seelenkampf) nach Hels Wohnsitz gewiesen, erreichte er denselben bald und setzte mit Sleipnir über das verschlossene Gitter in das Totengebiet. Bald gelang es ihm, Balder und Nanna zu finden. Sie saßen auf einem Ehrenplatz, aber traurig und ohne die goldenen Pokale zu berühren. Hermoder wandte sich aber sogleich an die grauenhafte Hel und richtete seinen Auftrag aus; er hob her vor, daß alle Wesen der Welt über Balders Tod trauerten. Da erwiderte ihm Hel: „Weint alles Lebendige und Tote um Balder, wohl, so mag er zurückkehren ans Licht; bleibt aber ein einziges Auge trocken und tränenlos, so muß er ewig in meinem Saal weilen.“ Den Göttern in Asgard dünkte dieser Bescheid nicht ungünstig, und sogleich wurden Boten nach allen Seiten ausgesendet, welche alle Wesen und Dinge auffordern sollten, dem entschwundenen Balder Tränen zu weihen. Da rieselten allen lebenden Geschöpfen die Zähren über die Wangen; die Blätter und Blumenkelche füllten sich mit Tauperlen, und selbst von den Steinen troff das geweinte Naß herab. Als aber die Boten zurückkehrten, fanden sie auf dem Weg vor ihrer Höhle die Riesin THOKK (Dunkel), welche trotz aller Bitten den Tränenzoll verweigerte. „Was soll ich weinen um Balder?“ sprach sie. „Er hat mir weder im Leben noch im Tod Nutzen geschafft. Mag Hel behalten, was sie hat! „ So blieb Balder der Oberwelt verloren. Das „tückische Weih“ aber war niemand anders als der Schurke Loki.

Nun hatte die Seherin Wala zuletzt auch Odin geweissagt, der Rächer Balders, der die von Pflicht und Gesetz gebotene Blutrache am Mörder vollziehen werde, müßte seinem eigenen Blut entstammen und der Königstochter RINDA (Rinde, Erdkruste) Sohn sein. Nachdem also alle Hoffnung auf Balders Wiederkehr geschwunden war, begab sich Odin in das Land der Ruthenen, zu BILLING, Rindas Vater. Er trat dort als Kriegsmann auf, bot dem König seine Dienste an und verrichtete solche Heldentaten, daß ihn Billing zum Feldherrn machte und ihm die Hand seiner schönen Tochter versprach. Allein diese wies die Werbung schroff ab und schlug sogar dem zudringlichen Freier ins Gesicht.

Hierauf spielte Odin die Rolle eines reichen Goldschmieds, wurde aber schließlich gerade so abgefertigt. Er erschien dann noch als stolzer Ritter bei dem königlichen Hoffest, erhielt aber, als er um einen Kuß bat, von der spröden Rinda einen solchen Stoß, daß er in die Knie sank. Endlich nahm er Mädchengestalt an, diente der Prinzessin treulich und versetzte sie mit seinem Zauberstab in schwere Krankheit, übernahm dann als Arzt die Heilung und errang so die Hand der dankbaren Rinda. Ihr Sohn WALI wuchs in wenigen Stunden zum kräftigen Jüngling heran und verstand sich auf die Führung des Bogens wie Uller. Ungekämmt und ungewaschen erscheint er am nächsten Tag in Walhalla und erlegt mit seinen Pfeilen den das Licht des Tages meidenden Höder, worauf ihm die Asen zum Dank die Halle WALASKJALF erbauten, deren Dach aus glänzendem Silber bestand.

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Uller

Rindas, der Erdkruste, Sohn WALI, auch Bul oder Bous (Bauer) genannt, ist der Lenz, welcher den Gott der düsteren Jahreshälfte, Höder, tötet und so des sommerlichen Balders Tod rächt. Der ganze Mythos ist in der Edda mit dem Weltuntergang verflochten und gewinnt durch Lokis Dazwischentreten und die Unschuld Höders einen hochtragischen Anstrich. Die dänische Sage hat die ursprüngliche Naturanschauung besser bewahrt. Bei ihr befinden sich nämlich Balder und Höder in einem sich wiederholenden Kampf um die von beiden geliebte Nanna, und Höder trägt den Sieg davon. Übrigens klingt die Baldermythe in der Nibelungensage nach, in welcher der lichte Sonnenheld Siegfrid (Sigurd) von dem falschen Hagen erschlagen wird.

GERD, Freyers Gemahlin, war die Tochter des Riesen OEGIR (Schrecken), der zugleich Heimdals Großvater und Beherrscher der stürmischen Meeresflut war. Nach der Verheiratung Gerds machte er in Asgard den Asen einen Besuch und freute sich der ihm zuteilgewordenen Aufnahme so, daß er die Götter alle zu sich auf die Zeit der Leinernte einlud. Die Gäste stellten sich alle zur genannten Zeit auf seinem Eiland ein. Aber obgleich Oegir alles aufgeboten hatte, um die Asen zu befriedigen, kam er doch bald in große Verlegenheit. Es fehlte ihm der Met, weil er keinen Braukessel besaß, und der durstige Thor zog ein schiefes Gesicht. Da erinnerte sich Thor, daß sein Stiefvater, der im fernsten Osten wohnende Riese HYMIR (Schläfrige), einen Kessel, eine Meile tief, besaß. Diesen erbot er sich herbeizuschaffen, wenn Thor in begleiten wolle. Des Blitzgottes Böcke trugen sie schnell zur Stelle, wo sie von Tyrs goldgelockter Ahne willkommen geheißen wurden, aber vor der neunhundertköpfigen Alten zurückbebten. Bald kehrte der auf der Jagd beschäftigte Hymir zurück, und die Gaste versteckten sich hinter einer Säule, da ihnen erzählt worden war, daß der Riese im ganzen den Fremden abhold wäre. Hymir sprengte mit seinem Zornesblick die Säule; doch scheute er sich vor Thors Hammer und befahl drei Stiere zuzurichten. Thor verzehrte allein zwei davon, und der Riese meinte, er werde am anderen Morgen auf den Fischfang ausfahren, damit die Fremden nicht seiner Herde ein Ende machten. Thor bot sich ihm als Begleiter an und fand sich in der Frühe beim Boot ein. Hymir spottete aber des kleinen Mannes und meinte, derselbe würde wohl bald frieren und der Heimkehr begehren. Als hierauf Thor einen Köder für seine Angelrute verlangte, fuhr er ihn an: „Suche Dir selbst einen!“ Aber wie erschrak er, als der Fremde einem seiner dunklen Stiere ohne weiteres den Kopf abriß und ins Boot sprang! Nun begann die Fahrt weit und immer weiter hinaus in die hohe See. Dort warf Hymir seine Angelrute aus und fing zwei Wale. Aber auch Thor senkte den Stierkopf in die Tiefe. Bald zuckte die Schnur und mit solcher Heftigkeit, daß Thor beim Anziehen auf die Schiffswand fiel. Schon lachte der Riese. Aber der Ase geriet in Wut, trat den Boden durch und zog, auf dem Meeresboden stehend, bis endlich die See hoch aufschäumte und die scheußliche Midgardschlange emporstieg und dem Gott ihren Rachen zeigte. Dieser schwang den Hammer und wollte dem Wurm den Schädel einschlagen, als Hymir herzuspringend die Angelschnur durchschnitt. Jörrmungandar entging so ihrem Schicksal, aber den Riesen belohnte ein Faustschlag, der ihn über Bord stürzte. Am Ufer angelangt, bat Hymir kleinlaut, Thor möchte entweder das Schiff an den Strand ziehen oder die Fische nach Hause tragen. Thor tat beides, forderte aber dann zur Belohnung den größten Braukessel. „Der Kessel“, sagte Hymir, „kann nur dem Mann zuteil werden, welcher meinen Trinkbecher zu zerbrechen vermag.“ Der Ase schleuderte hierauf das Gefäß mit solcher Macht an die Säule, daß das Gemäuer zerbrach, aber der Becher blieb unverletzt. „Hymirs Schädel ist härter als Stein“, raunte die Ahne ihm zu. Thor verstand den Wink und warf den Kelch dem Riesen an die Stirn, daß er in tausend Scherben zerschellte. Hierauf nahm Thor den Kessel, stülpte ihn über den Kopf und schritt aus der Halle. Hinterdrein aber stürmte Hymir mit einer Anzahl vielköpfiger Thursen, um ihm den Rückzug abzuschneiden. Dies gelang ihnen jedoch nicht.

Mjölnir tat seine Schuldigkeit, und die Unholde wurden teils vernichtet, teils nach Nifelheim verscheucht. Nun herrschte laute Fröhlichkeit in Oegirs Halle. Der schäumende Met kreiste, und die Asen suchten ihren Harm über Balders Tod zu vergessen. FUNAFENG (Feuerfänger) und ELDIR (Zünder), die flinken Diener des Wirts, warteten emsig ihres Amtes. Loki kam zuletzt auch noch zum Gelage, und da ihn Funafeng schnöde an der Tür zurückwies, so erschlug er ihn und entwich in den Wald. Doch bald schlich er sich wieder herbei, und als er von Eldir hörte, daß die Asen von ihren Taten sprächen und nur von ihm selbst kein gutes Wort wüßten, trat er frech in den Saal und begann die sämtlichen Asen mit unerhörten Lästerungen und Schmähungen zu überschütten. Ja, endlich rühmte er sich Frigg gegenüber ganz offen, daß er es gewesen, der Balder zu Hel gesendet hätte. Da erschien Thor, und vor seinem Hammer wich der Frevler, nachdem er dem ganzen Göttergeschlecht den Untergang prophezeit hatte. Tief im Gebirge baute er sich neben einem Wasserfall eine Wohnung mit vier Türen und war täglich vor seinen Verfolgern auf der Hut. Auch erfand er in seiner langen Mußezeit das Fischernetz. Odin ersah aber doch endlich von seinem hohen Sitz aus des Bösewichts Versteck und zog mit der ganzen Asenschar gegen ihn zu Felde. Sie kamen zur windigen Hütte, fanden aber Loki nirgends. Doch entdeckten sie in der glimmenden Asche des Herdes das halbverbrannte Netz, welches der Verfolgte beim Nahen der Fein de dem Feuer überliefert hatte, und nun war es ihnen klar, wo der selbe sich verborgen hatte. Rasch verfertigten sie nach dem Rest des Geflechtes ein neues großes Netz und beginnen damit den Wasserfall zu durchsuchen. Schon beim ersten Zug merken sie, daß etwas Lebendiges unter dem Netz weggeschlüpft sei. Sie beschweren daher dasselbe mit Steinen und beginnen den Fischfang von neuem. Da sprang plötzlich ein großer Lachs über das Netz hinweg und schwamm den Strom hinauf; als er aber rückwärts denselben Versuch wagte, fing ihn Thor, der mitten im Wasser watete, am Schwanz, und es entpuppte sich zum Jubel der Götter Loki in Person! SYGIN, Lokis Weib, eilte nun mit ihren Söhnen WALI und NARWI herbei, um Loki Beistand zu leisten.

Allein die grausamen Asen verzauberten Wali in einen Wolf, der sofort den Bruder zerriß. Dann schnürten sie den Vater auf drei scharfkantige Felsen fest, und SKADI nahm noch besonders Rache für den Tod ihres Vaters Thiassi, den Loki hauptsächlich auf dem Gewissen hatte, indem sie eine giftige Natter über des Gerichteten Haupt aufhängte, deren beißender Geifer demselben das Antlitz beträufeln sollte. Die treue Sygin wich jedoch nicht von Lokis Seite und fing das Gift in einer Schale auf. Nur wenn sie gezwungen war, das volle Gefäß auszugießen, näßte das Gift die Wangen des Unglücklichen, und er heulte dann laut auf vor Wut und Schmerz. Immer näher unterdessen rückte die Zeit heran, wo die alte Weltordnung zerfallen und das Unheil des Weltuntergangs, RAGNAROK (Götterdämmerung), hereinbrechen sollte über Götter und Menschen.

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Balder und Nanna

RAGNAROK

Kurz vorher bildeten Eigennutz und Habgier die einzigen Triebfedern der Handlungen, und Mord und blutige Kriege nahmen in schrecklicher Weise überhand. Die Erde verödete und verlor ihre schöpferische Kraft, die Sonne trübte sich und endlich folgten sich drei schreckliche FIMBULWINTER (ungeheure Winter) ohne dazwischenliegende Sommer. Alle Gewächse auf Erden erstarrten unter dem unaufhörlichen Schneegestöber, und die Menschen starben vor Kälte und Hunger. Dann ereilten die Riesenwölfe Sköll und Hati den Mond und die Sonne und verschlangen sie.

Die Sterne fallen vom Himmelsgewölbe, die Grundfesten aller Welten wanken und die Banden und Ketten aller Ungeheuer der Tiefe brechen. Die Midgardschlange erhebt sich aus dem Abgrund der Meerflut, der Wolf Fenrir reißt sich los, der Höllenhund Managarm steigt an die Oberwelt, der Feuerriese Surtur mit den Muspelsöhnen sowie die Hrimthursen sammeln sich zum Kampf. Auch Loki sprengt seine Fesseln und besteigt mit seinen Sippen das Schiff NAGELFARI, gezimmert aus den Nägeln der Toten. Auf dem Kriegsfeld WIGRID ordnet Loki seine Scharen, während die Asen samt den Einheriem heranreiten. Ein entsetzlicher Vernichtungskampf hebt an. Allvater wird vom Fenrirwolf verschlungen, Heimdal und Loki durchbohren sich gleichzeitig; Thor erschlägt die Midgardschlange Jörmungandar, wird aber selbst durch ihren giftigen Hauch getötet. Freyer, dem seine Wunderwaffe fehlt, unterliegt dem Flammenschwert Surturs; Tyr erwürgt den Höllenhund, fällt aber dann selbst, zu Tode verwundet. Odins Tod rächt sein Sohn, „der schweigsame Ase“ WIDAR. Er stößt dem Fenrirwolf die dicke Sohle seines Fußes in den Rachen und reißt ihm die Kiefern auseinander. Nach diesen Kämpfen der Mächte, die über Licht und Finsternis gebieten und die lebhaft an die Genossen der iranischen Todfeinde Ahriman und Ormuzd erinnern, gewinnt Surtur mit seiner Lohe freies Walten. Er verbrennt die Weltesche Yggdrasil und schleudert seinen Brand über Himmel und Erde. Dennoch führte im Glauben unserer Väter der Weltbrand nicht zum Urzustand des chaotischen Nichts zurück, sondern es folgte ihm im Laufe der Zeit eine Erneuerung alles Geschaffenen. Eine frische Sonne stieg am Himmel empor, und aus der Tiefe er hob sich eine neue Erde, die sich bald mit Gras und Kräutern schmückte. Und siehe, aus dem Wald HODDMIMIR tauchten auch zwei Menschenkinder auf, die dort schlummernd den Untergang der Welt überlebt hatten, eine Frau LIF (Leben) und ein Mann LIFTHRASIR (Lebenslieber)! Sie wurden die Stammeltern von einem um vieles besseren Menschengeschlecht. Von den Asen leben noch Widar und Wali; zu diesen gesellen sich Magni und Höder, jetzt in Liebe vereint, stellen sich ein und durchwandeln Arm in Arm das IDAFELD (erneute Feld), die Stätte des einstigen Asgard: das GOLDALTER der Welt ist zurückgekehrt.

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Schwerter schmiedende Zwerge