Mythologie der Germanen – Das Christentum in der nordischen Mythologie

Nordischer Glaube

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Der germanische Mythenbau steht jetzt vor uns, freilich durch weit klaffende Lücken entstellt, aus verschiedenartigem, bald nordischem, bald deutschem Gestein zusammengesetzt und in den Stilen verschiedener Zeiten und Stände aufgeführt.

So lückenhaft ist die heimische heidnische Überlieferung, daß man sagen darf, sie beginne erst in dem Zeitpunkte, wo das germanische Heidentum zu bestehen aufhört. Nur landfremde Römer und glaubensfremde Mönche wissen schon früher davon zu berichten. Die heimische Überlieferung aber zerfällt in zwei große Hauptmassen, eine überwiegend skaldische nordische und eine überwiegend volkstümliche gemeingermanische. Darin spiegelt sich der scharfe Gegensatz der Stände wieder, der die germanische Staatsverfassung und Gesellschaft beherrscht. Es gab eine Bauernmythologie und eine Adelsmythologie.

Beiden zugrunde aber liegt dieselbe Entwicklung: aus den ältesten niederen Formen des Seelen-, Alp– und Dämonenglaubens erheben sich nach und nach höhere Gestalten, und Götter bilden den krönenden Abschluß. Aber die übermenschlichen Wesen des Bauernglaubens wahren sich fast alle noch den Zusammenhang mit den Naturkräften, selbst die Götter, und behaupten sich gerade dadurch sogar gegenüber dem Andrang der geistigeren Mächte des Christentums lange, lange Zeit. Der Glaube der großen Masse war in seinem Mythus, wie Kultus vorzugsweise Naturreligion, die aber schon seit unvordenklicher Zeit sich zu festumrissenen und menschlich gearteten Gestalten erhoben hatte. Dagegen huldigte der gottentstammte Adel vorzugsweise den Göttern einer geistigeren Art, wie sie namentlich die Priester und die Hofsänger veredelten. Zu dem schlichten, oft derben, aber durchweg keuschen, sinnigen und oft poetischen Bauemgeist gesellte sich ein kriegerischer, kühner, höher strebender Heldensinn, von dem wir die schönsten Proben in manchen aus der Wikingerzeit hervorgewachsenen Eddaliedern haben. So begann allmählich eine Geistesreligion sich zu entwickeln. Aber erst im Werden begriffen, erwies sie sich beim Zusammenstoß mit dem Christentum viel haltloser und erlag diesem weit schneller als jener alte robuste Volksglaube. Ihre höchste Leistung war, doch wohl nur im Norden, die Herstellung einer durch Verwandtschaft und Schicksal leidlich fest verbundenen Götterordnung, in der jeder Gott sein Amt hatte, vom König herab bis zum Hofdichter und zur Kammerfrau. Aber die Vorstellungen vom Jenseits schwankten beim Volk, wie bei den Großen hin und her und waren durchweg sinnlicher Natur, ja das Familienleben wurde in Walhall zugunsten des Kampf- und Freudelebens mit den Walküren unterdrückt. Noch viel imgenügender wurden die noch ferner liegenden Fragen nach dem Anfang, dem Verlauf und dem allerletzten Ende der Dinge und der Menschheit beantwortet. Es fehlte die Weisheit einer hochgebildeten, sinnenden Priesterschaft, sowie die anregende Fülle einer städtischen Kultur. Man brachte es zu vielen einzelnen runden Personenmythen und bildete daraus hie und da Mythengruppen. Aber man hatte nicht das Zeug zur Schaffung eines zusammenhängenden, wohlgegliederten Weltmythus.

Mit dieser aus den Quellen geschöpften Charakteristik unserer Mythologie steht in schroffem Widerspruch die Völuspa, die Weissagung der Seherin, das großartigste und meistumstrittene Gedicht der Liederedda, das, obgleich absichtlich dunkel gehalten und in Einzelheiten ungedeutet, seine Hauptgedanken und seine ganze Grundidee vollkommen verständlich vorträgt. Es behandelt in einem vornehmen Überblick das denkbar erhabenste Thema, die Geschichte der Welt von ihrem äußersten Anfang bis zu ihrem äußersten Ende, ja darüber hinaus bis zu ihrer Erneuerung. Woher dieser kühne Ideenwurf, diese tiefgründige Weisheit? Konnte solche Raum und Zeit gewaltig umspannende Spekulation, deren Ausgestaltung eine vielhundertjährige Vorarbeit voraussetzt, wie eine Offenbarung aus der soeben gezeichneten zerstückelten, doch noch so unreifen germanischen Mythenwelt plötzlich hervorbrechen? Solche Wunder trugen sich in der nationalen Entwicklung der heidnischen Mythologie nicht zu. Es muß eine fremde Macht eingegriffen haben, die diese weiten Sprünge ermöglichte, die eine neue ganz andersartige Gedankenwelt in den alten Mythus einließ.

Die Heimat jener religiösen Spekulationen über den Anfang und das Ende der Dinge und ihren tieferen Sinn war das Morgenland; die Kirche stellte in all diese Weltbegebenheiten mitten hinein Christus, seinen Vergangenheit und Zukunft versöhnenden Kreuzestod. Seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts faßten die christlichen Weltgeschichten die Schöpfung, die Erlösung, die Wiederkunft Christi, das tausendjährige Reich und das Ende der Welt als die Hauptpunkte des göttlichen Heilsplans auf. In vielerlei Formen wurde diese Lehre in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends im Norden bekannt, die einfachste, beliebteste Form war die sogenannte Summe der Theologie, eine Predigt, die in volkstümlicher Weise jene ganze große Heilsgeschichte den Gemeinden öfters in Erinnerung brachte. So stieß sie auch auf das nordische Skaldentum.

In der Völuspa rinnen nun wie in einem Becken die beiden maßgebenden geistigen Strömungen des Nordens in der Zeit der inneren Abkehr vom Heidentum zum Christentum zusammen. Ihr Verfasser steht zwischen einer neuen Glaubenslehre und einer alten technischen Schulung. Jene führte ihm großartige, aber fremde Begriffe in Hülle und Fülle zu, diese nötigte ihn, nach Skaldenart die Begriffe, auch die fremdesten, durch die altgewohnten mythologischen Wendungen und Namen zu umschreiben.

Nicht nur christliche Einzelheiten, sondern auch ganze Gedichte christlichen Inhalts wurden in heidnischen Stil gekleidet. Ähnliches geschah auch in Südeuropa. So stückte die Dichterin Proba Faltonia im 4. Jahrhundert ihre lateinische Darstellung der wichtigsten Ereignisse des alten Testaments von der Schöpfung bis zur Sintflut und des neuen Testaments bis zur Himmelfahrt aus lauter virgilianischen Versen und Verstehen zusammen. So sklavisch beugte sie sich vor dem heidnischen Stilmuster, daß sie bei ihrer Schilderung der Kreuzigung nicht einmal das Wort „Kreuz“ zu brauchen wagte.

Die nordischen Künstler und Dichter hielten gleichfalls an ihren alten Figuren fest. Auf einem echt christlichen Denkmal, dem zweiten cumberländischen Gosforthkreuz, angelt der Gott Thor in des Riesen mir Gesellschaft aus dem Schiff heraus nach dem Midgardswurm. Der Künstler wollte mit Thor bereits Christus bezeichnen, wie dieser nach mittelalterlicher Anschauung mit dem Angelhaken des Kreuzes den Drachen oder Leviathan oder Teufel fängt. Daher wurde diese echt heidnische Szene auf dem heiligsten christlichen Symbol, dem Kreuz, angebracht. Wiederum heißt Christus in einem nordischen ihm gewidmeten Preisliede des 10. Jahrhunderts der Besieger der Bergriesen und hat am Nornenbrunnen seinen Sitz. Um dieselbe Zeit verherrlichten zwei Dichter den Einzug der christlichen Könige Erich Blutaxt und Hakon des Guten in das Heidenparadies der Walhall, wo jener von den Göttern Odin und Bragi, dieser von den Walküren festlich empfangen wird. Solche innere Widersprüche kümmerten die Skalden nicht; sie standen im zwingenden Banne ihrer von Geschlecht auf Geschlecht vererbten poetischen Stilistik und nordischen Anschauungsweise. Auch fremde Stoffe rein weltlichen Inhalts mußten sich dieser skaldischen Umstilisierung unterwerfen, wie z. B. die deutsche Nibelungensage. Nicht nur werden ihr nordische Helden, wie Helgi, einverleibt, nicht nur wird das milde Rheinland, der alte Schauplatz, in eine Landschaft wilder Eis- und Schneeberge verwandelt, über die Brunhild jeden Abend voll böser Gedanken dahinschreitet, sondern es wird auch durch eine eigens hinzuerfundene Vorgeschichte des Nibelungenschatzes das Geschlecht Siegfrieds mit dem nordischen Göttermythus verknüpft und Odin zum Lenker des Schicksals des Helden erhöben.

So haben sich die nordischen Dichter den größten germanischen Sagenstoff zu eigen gemacht, zu ewigem Ruhme; so desgleichen das höchste Erzeugnis der christlichen Weltanschauung, die Heilslehre. Schon Primin verkündigte sie den Alemannen am Bodensee, und Karl der Große ließ sie in eine Musterpredigt verarbeiten, in eine Summa der Theologie, die die Geistlichen seines Reichs den Gemeinden von Zeit zu Zeit einzuprägen hatten, damit jeder Christenmensch erführe, was ihm zu wissen notwendig sei. Auch die Dichter des Abendlands bemächtigten sich des eindrucksvollen Stoffes. In den Hauptpunkten Übereinstimmend, drangen diese prosaischen und poetischen Summen mit ihren vielerlei Änderungen und Erweiterungen der biblischen Überlieferung in den Norden vor und ließen namentlich, wenn wieder einmal die Furcht vor dem Untergang der Welt die Gemüter ergriff, zum Schlüsse die gewaltigen Klänge der Offenbarung des Johannes erdröhnen.

Die Summa begann mit der sechstägigen Schöpfung dürch die ewige Dreieinigkeit, die sich bei ihrem letzten und würdigsten Werke, der Erschaffung des ersten Menschenpaars, besonders macht- und liebevoll erwies. Ihm wird das Paradies mit seinem verhängnisvollen Baume zur Wohnung angewiesen. Es begibt sich der Sündenfall, dessen Hauptschuld der Eva zugemessen wird, dessen eigentlicher Urheber aber der erfolglos nach Gottgleichheit trachtende rachsüchtige Fürst der aufrührerischen und deshalb gestürzten Engel ist. Die von Eva auf die Erde gebrachte Sünde fordert Strafgerichte heraus, so die Zerstörung des frevelhaften babylonischen Turmbaues und die Verwirrung der Sprachen. Endlich erscheint der Herr, der auch das Pfand Gottes heißt, am Kreuz; aus seiner Seitenwunde vergießt er das sühnende Wasser und das erlösende Blut. Er fährt zur Hölle, ersteht auf und schwebt gen Himmel. Das jüngste Gericht kündet sich durch mancherlei Vorzeichen an, das erste und eigenartigste ist das Erscheinen des größten Bösewichts, des Antichrists. Dann folgen Sünde und Krieg der Menschen. Die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Himmelsmächte an, auch die Heidengötter gehen zu gründe. Finsternis bricht herein, in Flammen steht die Welt. Da sieht der Prophet einen neuen Himmel und eine neue Erde auftauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt, das neue Jerusalem erglänzt von Gold und Edelstein heller als die Sonne. Der Allmächtige kommt zum großen Gericht.

Und nun folge sofort das in der Völuspa auf gefangene Spiegelbild: Das Gedicht beginnt nach einer zweistrophigen Einleitung mit der sechsaktigen Schöpfung, deren letztes Werk, die Erschaffung des ersten Menschenpaars, von drei Göttern, mächtigen und liebevollen, vollzogen wird. Dann erhebt sich ein Schicksalsbaum vor uns; ein Weib, das sich vergangen hat, wird aus dem Himmel verstoßen und bringt bösen Zauber auf die Erde hinab. Ihr Vergehen hängt zusammen mit dem Krieg, den die Wanen, weil sie göttergleich sein wollten, gegen die Götter führten. Ein großer Bau, den ein frevelhafter Riese aufführt, wird hier nur rätselhaft angedeutet, ist uns aber sonst bekannt. Thor fährt dazwischen, und alle Verträge und Reden gehen auseinander. Dann steigt ein heiliger Baum auf mit dem Pfände Walvaters, von dem sich Wasser in einem Falle ergießt, und der blutige Balder wird nach einigen dunklen Strophen sichtbar. Hölle und Paradies werden mit heidnisch-christlichen Farben geschildert. Das Kommen des Weltuntergangs eröffnet die Erscheinung des größten Bösewichts, der später Surtr heißt. Sünde und Krieg der Menschen; die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Götter. Diese fallen. Sonnenfinsternis, Untergang und Brand der Welt. Da sieht die Prophetin eine neue Erde aus dem Meere tauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt. Schöner als die Sonne erglänzt das goldgedeckte Edelsteinhaus, und der Allmächtige kommt zum großen Gericht. Der noch einmal aufsteigende Drache versinkt auf alle Zeit.

So überraschend diese Gleichung auch wirken mag, überzeugen wird sie erst, wenn man ihre einzelnen Glieder prüft und das eigentümliche Umbildungsverfahren erkennt, dem der skaldische Dichter seine christliche Vorlage unterzogen hat. Er kleidet zunächst das Ganze in die Form der Weissagung einer Wölva oder Seherin:

1.
Um Gehör bitte ich alle heiligen Menschenkinder,
Hohe und niedere Söhne Heimdalls.
Du willst, daß ich, Walvater, genau erzähle
Die alten Geschichten der Menschen, d
eren ich von Anfang gedenke.

2.
Ich gedenke der Riesen, der früh geborenen,
Die einst mich erzeugt hatten,
Ich gedenke der neun Heime,
der neun Binnenwohnungen,
Des herrlichen Maßbaums bis hinab unter die Erde.

Was ist hier aus der meist armseligen nordischen Wölwa geworden, die zur Julzeit bei den Bauern von Hof zu Hof umherzog, um ihnen gegen Lohn die Witterung und den Ausfall der nächsten Ernte, Familienereignisse und etwa noch Krieg oder Frieden vorauszusagen? Unsere Wölwa wendet sich an das ganze Menschengeschlecht als Vollstreckerin des Willens Gottes, demgemäß sie die alten Geschichten der Menschen von Uranfang erzählen soll. Sie ist eine Urriesin und kennt alle Räume der Welt bis ins Innerste der Erde. Solch ein gewaltiges Seherweib ist nur einmal geschaffen worden, im alexandrinischen Judentum, das neben Gott die schöpferische Weisheit oder Sapientia als ein himmlisches Geistes wesen, ein allwissendes Weib, kühn einsetzte. Sie wurde dem ganzen Abendlande bekannt durch die hellenistischen Schriften des alten Testaments: die Sprüche Salomonis, das Buch der Weisheit und Jesus Sirach. Ihre hochheilige Natur übertrug der Dichter der Völuspa
auf das dürftige Zauberweib seiner Heimat. Denn alle die großartigen Züge unsrer Wölwa sind bereits in der Sapien-tia vorgebildet. Diese ruft: „Höret mich, ihr Menschensöhne. Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang der Erde“. Sie ist die Gehilfin Gottes, die seinen Willen ausführt, sie kennt die Gedanken der Menschen und den Anfang der Zeiten. Ja sie lebte mit den „Giganten“ zusammen, die „von Anfang bestanden“. Sie kennt die Ordnung des Erdkreises und mißt die Höhe des Himmels, die Breite der Erde und die Tiefe des Abgrunds. Das meint auch unsre Wölwa mit ihren neun Heimen und Binnenwohnungen und dem herrlichen Maßbaum. Nach christlicher Anschauung nahm man 9 Himmel für die 9 Engelchöre an und dem entsprechend 9 Höllenwelten, und wiederholt wird das Kreuz der herrliche Baum und das Maß genannt, und als ein kosmischer Baum aufgefaßt, dessen Wipfel zu den Himmeln strebe, dessen Zweige sich über die ganze Erde ausbreiten und dessen Wurzel unter der Erde bis in die Hölle hinabdringe.

Nun folgt die Schöpfung:

3.
Der Beginn war’s der Zeiten, in dem Ymir wohnte,
Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen,
Erde gab es nicht, noch Himmel oben:
Ein Abgrund war der Abgründe, aber Gras nirgend.

4.
Zuvor erhoben Scheiben Bors Söhne,
Die (dann) den herrlichen Midgard schufen.
Die Sonne schien von Süden auf des Saals Steine:
Da ward der Grund begrünt von grünem Kraute.

5.
Die Sonne schlang von Süden her,
die Gefährtin des Mondes,
Ihre rechte Hand um den Himmelsrand.
Die Sonne wußte nicht, wo sie Wohnungen hätte,
Der Mond wußte nicht, was für Kraft er hätte.
Die Sterne wußten nicht, wo sie ihre Stellen hätten.

6.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber.
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,
Benannten den Morgen und Mittag,
Nachmittag und Abend, die Jahre darnach zu zählen.

7.
Die Äsen trafen sich auf dem Idafelde,
Die Altar und Tempel hoch aufbauten.
Sie legten Essen an, schmiedeten Gold,
Schufen Zangen und fertigten Geräte.

8.
Sie spielten Brett im Garten und waren heiter,
— Es war ihnen kein Mangel an Gold —
Bis drei Riesenmädchen kamen,
Sehr übermächtige, aus Riesenheim.

9.
Es gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Wer von den Zwergen das Volk schaffen solle
Aus Brimirs Blut und aus Blaens Gebeinen.

10.
Da war Mótsogner der ausgezeichnetste
Aller Zwerge, aber Durenn der andre;
Die Zwerge machten viele Menschenkörper
In der Erde, wie Durenn sagte.

11—16 geben eine Zwergnamenliste.

17.
Bis drei kamen aus diesem Geschlechte
Mächtige und gütige Äsen nach Hause;
Sie fanden am Lande die wenig vermögenden,
Schicksalslosen Ask und Embla.

18.
Atem hatten sie nicht, noch Geist,
Noch Blut, noch Gebärde, noch gute Farben;
Atem gab Odin, Geist gab Hoener,
Blut gab Lothor und gute Farben.

Niemand wird auf den ersten Blick in diesem rätselhaften, seltsamen Berichte ein Abbild der biblischen Schöpfungsgeschichte, der Genesis, erkennen, höchstens eine gleiche Anzahl und eine gleichartige Reihenfolge ihrer Hauptakte von der uranfänglichen Leere bis zur Erschaffung des ersten Menschenpaars unsicher durchschimmern sehen. Erst wer die skaldische Formengebung, in welche die Vorgänge eingehüllt sind, abgestreift hat und vieler anderer mittelalterlichen Fassungen des Schöpfungsberichtes, welche Züge der weitbekannten platonischen Schöpfungslehre auf genommen hatten und von der biblischen Genesis mehr oder minder abwichen, eingedenk ist, wird unter dem heidnischen Schein das alttestamentliche Urbild wiederfinden.

Die wüste, leere Erde und den mit Finsternis bedeckten Abgrund des Anfangs übersetzt unser Dichter ganz verständlich durch die Worte:

„Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen, noch war Erde, es war ein Abgrund der Abgründe, ein Gap Ginnunga“.

Und diesem erhabenen Bilde fügt er den fast kleinlichen Zug ein: „aber Gras war nirgend“, gerade so wie der christliche Dichter der angelsächsischen Genesis zu derselben Bibelstelle hinzufügt: „die Erde war da noch von Gras ungrün“, was heißen soll: „Erde war noch nicht und Gras grünte nicht“. So weit steht also die Völuspaschilderung ganz im Banne der christlichen Genesisdarstellung.

Aber Ymer? Trotz seinem heidnischen Riesennamen, der vielleicht den Rauscher bedeutet, ist auch er aus dem Genesistexte der biblischen Vulgata hervorgewachsen. Sie spricht nämlich nicht kurzweg vom Abgrund oder Abyssus, sondern von einer Facies, einem Antlitz, des Abgrunds, woraus man schon im frühen Mittelalter einen Riesenkopf machte. Diese Personifizierung war so beliebt, daß Karl der Große in den sogen. Karolinischen Büchern, die von der Bilderverehrung handeln, als schriftwidrig verbot, den uranfänglichen Abgrund in menschlicher Figur darzustellen. Aber sein Verbot drang nicht durch. Noch im 11. und 12. Jahrhundert wird der Abyssus des zweiten Genesisverses auf einer Elfenbeintafel im Berliner Museum, auf einer Illustration der französisch-lateinischen Bibel von Noailles und auf einer Mosaik von Monreale als ein Riesenkopf dargestellt, der einen Wellenberg durchbricht. Der nordische Urriese der Völuspa ist also doch auch nur ein Auswuchs der Genesisauslegung.

Auch fast alles, was wir aus anderen Stellen der Liederedda und aus der Prosaedda von diesem Urriesen erfahren, stammt nicht aus dem heimischen Mythus, sonders aus der Lehre der mittelalterlichen Theologie von der Urmaterie. Den Abgrund erklärten viele Theologen für das häßliche Bild der formlosen Materie, die der schaffende Gott schon im Anfang vorgefunden habe. Dagegen setzten andre in den Anfang das Nichts. Der oft heftige Widerstreit dieser Lehrmeinungen bewog Snorre, im Sinne der strengeren Orthodoxie den Vers der Völuspa:

Der Beginn war’s der Zeiten,

da Ymir wohnte zu verwandeln in:

Der Beginn war’s der Zeiten, da Nichts war.

Der ganze Roman von Ymirs Geburt, Leben und Tod verdankt seine Herkunft der abendländischen Philosophie. Nach Snorre strömten zwölf Flüsse, die , bevor die Erde geschaffen war, aus dem kalten nördlichen Niflheim dem Nebelheim, in dessen Mitte der Brunnen Hvergelmir, der Rauschekessel, lag. Sie erstarrten in ihrem Laufe zu Eis, das immer höher im Ginnungagap übereinander wuchs, worin nun Feuchtigkeit und Wind entstand. Aus dem südlichen lichten und heißen dem Feuerheim, flogen Funken herüber, sodaß das Ginnungagap lau und windlos wurde. Der Hauch der Hitze brachte das Eis zum Tröpfeln, und die Kraft des Hitzesenders belebte die Tropfen zum ersten Wesen von Menschengestalt. Das hieß Ymir, aber bei den Reif riesen , das rauschende Naß, oder Örgelmir, der gewaltige Rauscher. — Diese Kosmogonie fröstelt einen echt nordisch an, aber auch sie ist fremd und entstammt dem Timaeus Platos, der in der lateinischen Übersetzung und Erläuterung des Chalddius schon seit dem frühen Mittelalter eifrig gelesen wurde. Nach Platos Theorie, die weithin das Mittelalter beherrschte, erstarrt ein die vier Elemente wild vermengender Strom zwischen dem kalten, feuchten Erdelemente und dem heißen, trocknen Feuer zu Eis. Nach der Erdseite hin bildet sich zwischen Kälte und Hitze das kalte, aber feuchte Wasser, nach der Feuerseite hin die warme, feuchte Luft. Der formlose Urstoff wird also jetzt zuerst zur Form, und zwar durch die „Kraft des Schöpfers“, die Virtus des Opifex. Also auch hier eine zwischen Kälte und Hitze vereisende Strömung, ein Entstehen der zwei jüngeren Elemente Wasser und Luft aus dem Zusammenstoß zweier älterer; auch hier eine Verwandlung des Formlosen in eine Form, auch hier ein unmittelbares Eingreifen einer höheren Macht, um dies zu bewirken. Nur dadurch unterscheidet sich Snorre von Plato, daß er dieser geformten Materie einen Personennamen gibt und zwar denselben, den die Völuspa der von ihm als das Nichts bezeichneten formlosen Materie gab, nämlich Ymir.

Aus dem tropfenden Reif entstand auch eine Kuh Audhumla, die mit der Milch ihres Euters Ymir, sich selber aber durch das Ablecken salziger Eisblöcke nährte. Infolgedessen trat der Körper eines Mannes nach und nach daraus hervor, des mächtigen, schönen , der (ohne Weib) einen Sohn Borr zeugte, der „Erzeuger“ den „Erzeugten“. Dem Borr schenkte die Riesentochter Bestla die drei Söhne Odin, Vili und Vé. Die nährende, leckende Riesenkuh mag noch ein altes Bild der die Gletscher umlagernden Wolke sein, die unten Leben schafft; der Erzeuger aber und der Erzeugte entsprechen dem Genitor und dem Genitus der Christologie, sowie Odin, Vili und Vé d. i. Gott, Wille und Heilig der mittelalterlichen Trinitätslehre, wonach die drei Personen u. a. auch als Gott, Wille (Voluntas) und heiliger Geist bezeichnet wurden.

Wie Audhumla nach Snorre die Ahnfrau der Götter und die Amme Ymirs ist, so ist nach den Vafthrudnismal Ymir oder Aurgelmir der Vater des sechshäuptigen Riesen Thrüdgelmir, den sein einer Fuß mit dem andern erzeugte, während unter seinem Arme ein Mann und ein Weib hervorwuchsen. Dies scheint ein verzerrtes Abbild des Urriesen der durch Irenäus im Abendland bekannt gewordenen fantastischen Ophitenlehre, der aus sich heraus sechs Söhne, die sechs Haupttugenden, hervorbringt und Adam sowohl als auch Eva das Leben schenkt.

Und um die Gelmirgenealogie hier verabschieden zu können, sei noch bemerkt, daß der Sohn Thrudgelmirs Bergehnir ist, der in den Vafthrudnismal bei der Sintflut in einen Kasten gelegt, nach Snorre diesen aber mit Weib und Kind besteigt und dadurch gerettet wird. Wer kann darin Noah verkennen, der ja auch zu dem Riesengeschlechte gehört? Fast möchte man in Bergelmir einen Berggelmir vermuten, so genannt, weil er auf dem Berge Ararat landete.

In dieser Erzählung ist die Sintflut aus dem Blute Ymirs, den die Götter erschlagen haben, entstanden. Nach einer andern zerstückeln die Götter den Urriesen und bilden aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen das Gebirge, aus seinem Schädel den Himmel, aus seinem Schweiß die See, aus seinem Haare den Baum, aus seinen Brauen den Midgard und aus seinem Gehirn die Wolken. Ähnliche Listen von Vergleichungen des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos, des Menschen mit der Welt, haben allerdings auch weit entfernte Völker auf gestellt, aber genau übereinstimmende finden wir doch nur in den kirchlichen Schriften des Mittelalters. Selbst deren auffällige Vergleichung der Wolken mit den Gedanken kehrt hier in den aus dem Hirn, dem Sitz der Gedanken, geschaffenen Wolken wieder.

Wie sehr diese ganze Vorgeschichte der Schöpfung, auch wo sie von der Genesis weit abweicht, von Gedanken und Motiven der christlichen Theologie durchsetzt ist, zeigt zum Schlüsse noch der folgende kleine Zug. Snorre wirft bei seiner Ymircharakteristik plötzlich die höchst überraschende Frage auf: „War Ymir ein Gott?“ und bekommt die Antwort:

„Wir halten ihn durchaus nicht für einen Gott, denn er war böse, wie alle seine Nachkommen.“

Diese ernste ethische Frage hatte dem volkstümlichen Riesentum gegenüber keinen Sinn, aber sie versetzt uns plötzlich wiederum mitten in die christliche Gedankenwelt. Denn seit Plato bis auf den heutigen Tag war man geneigt, in der Urmaterie, die doch Ymir vertritt, das Grundböse zu erkennen.

Kehren wir zur Völuspa zurück! Den eigentlichsten ersten Schöpfungsakt der biblischen Genesis, die Scheidung des Lichts von der Finsternis, überging unser Dichter, vielleicht mit dem stillen Einwande, daß das Licht doch erst möglich gewesen, nachdem die Sonne geschaffen worden sei. Darum ließen auch manche christliche Genesisdichter die Lichtschöpfung weg.

Die nächsten drei Schöpfungsakte, den zweiten, dritten und vierten, vollzieht die Gottheit nach den Strophen vier bis sechs der Völuspa genau in der biblischen Reihenfolge: Himmel, Erde und Gestirne. Die Götter erheben die Himmel, schaffen die Erde und bestimmen nach einer Beratung den Gestirnen ihre Bahnen und Zeiten. Der Dichter schließt sich bald mehr an den Genesistext an, bald mehr an dessen theologische Erklärung. So drückt er das Firmament der Genesis durch „Scheiben“ aus, wie es die Kirchenväter nach der mittelalterlichen Sphärentheorie durch himmlische Sphären, Zirkel und Kreise übersetzten. Und Gott nannte weiter das Trockne Erde, und die Erde ließ auf gehen Gras und Kraut. So wird in der Völuspa die Erde geschaffen, und um das Trockne auszudrücken, läßt der Dichter vorgreifend hier schon die Sonne auf sie, die mit einem Saalbau verglichen wird, herabscheinen, sodaß sie mit grünem Kraute begrünt wird. Zum vierten machte Gott, nach der Bibel, zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und diese Lichter scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. So kommen in der Völuspa hinter einander die Sonne, der Mond und die Sterne zum Vorschein, und die Götter geben ihnen Namen und Zeiten, die Jahre danach zu zählen.

Offenbar sind die Gegenstände dieser drei Schöpfungsakte dieselben, aber die Schöpferzahl ist eine verschiedene, mußte eine verschiedene sein, da die mythisierende Darstellungsmanier des im Polytheismus wurzelnden Skalden-tums an die Stelle des einen Gottes mehrere, Bors Söhne, um so unbedenklicher rückte, als ja auch die kirchliche Lehre die Schöpfergew^lt auf mehrere göttliche Personen verteilte. Es sind also heidnische Scheingötter; den echten Heidengöttem war eine Schöpferkraft nicht gegeben und überhaupt den Germanen eine Schöpfungslehre, eine Kosmogonie, fremd. Tadtus ließ kein Wort darüber fallen, denn die von ihm berichtete Herleitung der Ingvaeonen, Herminonen und Istvaeonen von drei Söhnen des Mannus, der wieder ein Sohn des erdgeborenen Tuisco war, ist nur eine Stammheroensage, keine Kosmogonie. Sechs Jahrhunderte später erkannte der kluge Bischof Daniel von Winchester als Kernschaden des deutschen Heidenglaubens den Mangel einer Lehre von der Schöpfung durch die Gottheit, und wenn die heidnischen Nordleute in ihren ausführlichen Debatten mit den Missionaren die Gewalt Thors und Odins über Unwetter und Ungeheuer, über das Gedeihen des Ackers und den Sieg in der Schlacht stolz rühmten, so wagten sie doch nie, obgleich von ihren Gegnern förmlich dazu gereizt, die Schöpferkraft ihrer Götter zu behaupten. Man hat also nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, die schaffenden Götter der Völuspa als bloße poetische Ersatzfiguren der christlichen Gottheit aufzufassen.

Aber wie ist weiterhin die Hochzimmerei und die Goldschmiedekunst der Götter samt ihrem heiteren Brettspiel zu erklären? Die Partie der Genesis 1, 31 bis 2, 2 bot dafür das Leitmotiv:

„Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Also wurden vollendet die Himmel und die Erde und ihr ganzer Schmuck, und Gott ruhete“.

Die christlichen Angelsachsen nannten den Himmel ein „Hochgezimmer“, und als er und die Erde fertig waren, jubelten in ihrer Genesis die Engel, „denen kein Mangel an irgend etwas war“, und hielten ein Gelage. So zimmerten die nordischen Götter den Himmel hoch wie ein Heiligtum und schmiedeten Gold, „an dem ihnen kein Mangel war“ (für den Stemenschmuck), und erfreuten sich am Brettspiel. Die selige Ruhe, die Gott nach der Vollendung Himmels und der Erden empfindet, wird vom angelsächsischen Genesisdichter ebenso frei ausgemalt, wie vom nordischen Völuspaverfasser. Dort jubeln die Engel und halten, frei von allem Mangel, ein Gelage, hier schmie den die Götter, frei von allem Mangel, schönen Schmuck und ergötzen sich mit Spiel. Ein eigentlich heidnisches Motiv ist auch hier ganz ausgeschlossen, denn der echtnordische Glaube versagte seinen Göttern nicht nur die schöpferische Tätigkeit überhaupt, sondern auch insbesondere alles Bauen und Schmieden. Mit diesen Künsten sind nur Zwerge und Riesen vertraut. Wenn dann plötzlich drei mächtige Riesenweiber erscheinen d. h. die Nomen, so sind wir überrascht. Doch auch dieser Zug, die Verknüpfung des Schicksals mit der Schöpfung der Sterne, kehrt in der mittelalterlichen Kosmogonie wieder: Chalcidius fand das Schicksal in den neugeschaffenen Sternen und zwar dreigeteilt in die drei Parzen Atropos, Clotho und Lachesis.

Noch überraschender ist nun die folgende Mitteilung, daß eine Götterversammlung Zwerge beauftragt, Menschenformen in Erde aus Wasser und Gestein zu bilden, da doch die Genesis als fünftes Werk die Schöpfung der Tiere schildert. Hier folgt der Dichter völlig der platonischen Schöpfungsgeschichte. Denn darnach werden von einer Götterversammlung die niederen Götter und Dämonen, die der nordische Verfasser Zwerge nennt, beauftragt, die Formen sterblicher Wesen aus den Elementen zu bilden.

Alsbald kehrt der Verfasser mit der Schilderung des sechsten Schöpfungsaktes zu der biblischen Vorlage und ihrer mittelalterlichen Auslegung zurück. Die Krone des ganzen SchöpfungsWerkes ist auch in der Völuspa das erste Menschenpaar. Die Worte Gottes in der Genesis:

„Lasset uns Menschen machen“

wurden von den Kirchenvätern schon früh auf die Dreieinigkeit gedeutet, und so greifen auch in der Völuspa drei Götter das Werk an und zwar durch dieselben zwei Eigenschaften getrieben, ihre Macht und ihre Güte. Der dreieinige Gott findet einen Erdenkloß, dem er den lebendigen Odem in die Nase bläst, so daß der Mensch eine lebendige Seele wird. Diese Gaben verteilt die christliche Auslegung auf die drei göttlichen Personen, so daß Gottvater den Atem, Gottsohn die Seele und der heilige Geist die bewegliche Lebenskraft spendet.

So finden die drei nordischen Götter unvermögend und schicksalslos jene von den Zwergen aus Erde gemachten Körper und verleihen ihnen dieselben Gaben in derselben Verteilung. Und sie tragen die frei erdichteten Namen Ask und Embla, die den gleichen Stabreim bilden wie Adam und Eva. Daß die erste Person der Dreieinigkeit mit dem Namen des höchsten nordischen Gottes Odin bezeichnet wurde, ist fast selbstverständlich, wie ihn auch Snorre als Här den Hohen neben die beiden anderen Namen der christlichen Dreieinigkeit Jafnhär Ebenhoch und Thridi den Dritten setzt. Verunglückt dagegen ist die Umtaufung der beiden andern Schöpfer in Hoenir und L6-ßor, denn jener ist ein höchst unbedeutender Gott und dieser ein völlig unbekanntes, wohl nur für diese Stelle erfundenes Wesen.

Der dritte Abschnitt der Völuspa besteht aus den Strophen 19—26:

19.
Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasill;
Ein hoher Baum, mit glänzendem Naß begossen,
Von da kommen die Tautropfen, die in die Täler fallen,
Er steht immer grün über dem Urdarbrunnen.

20.
Von da kommen Mädchen, vielwissende,
Drei aus dem Saal (See), der unter dem Wipfel steht.
Urd nannten sie die eine, die andre Werdandi,
— sie schnitten ins Scheit ein — Skuld die dritte.
Sie setzten die Satzungen, sie erkoren das Leben
Den Kindern der Menschen, das Schicksal der Männer.

21. D
ieses Volkskriegs gedenke ich als des ersten in der Welt,
Als sie Gollweig mit Geren stießen
Und sie in der Halle des Hohen brannten,
Dreimal brannten, die dreimal Geborne;
Oft, unselten; dennoch lebt sie noch.

22. Heibr nannten sie sie, wo immer sie in die Häuser kam,
Eine wohlkundige Wölwa: sie rüstete Zauberwesen aus,
Zauberte, wo sie konnte, zauberte sinnbetörend,
Immer war sie die Lust böser Weiber.

23.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Ob die Äsen Abgabe zahlen sollten,
Oder alle Götter Opfer haben.

24.
Odin schleuderte und schoß ins Volk,
Das war jener erste Volkskrieg in der Welt,
Gebrochen wurde der Ringwall der Asenburg,
Die kampfkühnen Wanen waren imstande, die Felder zu
zerstampfen.

25.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Wer die ganze Luft mit Unheil gemischt hätte
Oder dem Riesengeschlecht Ods Mädchen gegeben.

26.
Thor allein schlug zu, von Zorn bezwungen,
Er sitzt selten, wenn es sich darum handelt.
Zertreten wurden die Eide, die Worte und Schwüre,
Alle feierlichen Verträge, die zwischen ihnen fuhren.

Der Erschaffung des Menschen folgt auch in der Genesis das Bild eines Baums des Lebens, der nach der Apokalypse an beiden Seiten des Flusses mit dem krystall-hellen Lebenswasser steht und das ganze Jahr hindurch Frucht und Laub trägt. Mit ihm verschmolz der Dichter die heidnische hohe Weltesche, die bei den Skalden Odins Roß d. i. Yggdrasill hieß. Aber auch des Genossen des paradiesischen Lebensbaumes scheint er sich dabei erinnert zu haben, des schicksalvollen Baumes der Erkenntnis, und darum die drei Schicksalsweiber an seinen Stamm gesetzt zu haben, wenn ihm hier nicht eine ältere volkstümliche Nornenszenerie vorschwebte. Ob nicht auch die Namen der drei Nornen ,

Gegenwart und Zukunft den drei lateinischen Parzennamen Praeteritum, Praesens und Futurum, die wir bei den Gelehrten des Mittelalters z. B. Isidor finden, nachgebildet worden sind?

Und nun entrollt sich das Schicksal der Welt. Es beginnt in der Völuspa wie in der Bibel mit der Ver- schuldung eines Weibes, die hier wie dort auf eine noch ältere Verwicklung, einen Krieg, zurückdeutet. Denn nach der Kirchenlehre erhoben sich Luzifer und andere treulose Engel gegen Gott, weil sie ihm gleichgestellt sein wollten, zum „primum bellum civile“, zum ersten Volkskrieg. Sie wurden aber aus dem Himmel gestoßen, worauf sich Satanas rächte durch die Versuchung der Eva zum Sündenfall. Die lichten Engel verwandelt der Dichter in die lichten Wanen, die gleich den andern Göttern durch Opfer geehrt sein wollen. Darüber bricht der erste Volkskrieg aus. Die angelsächsische Genesis schildert, wie nun des Himmels Hochkönig zornig gegen die Aufrührer die Hände erhebt, auf einer ihrer 48 Miniaturen schleudert er sogar, von seinen Engeln umgeben, ein Bündel Pfeile gegen sie. So schießt in der Völuspa Odin ins Volk hinein. Dennoch gelang es nach der romanhaften Darstellung des Engelsturzes z. B. durch Honorius von Augustodunum, den meuterischen Engeln, einen Palast des Allmächtigen zu zerstören. So brechen auch in der Völuspa die Wanen den Burgwall der Äsen.

Dieses Volkskriegs gedenkt also die Seherin mit Recht, als sie den Sündenfall schildern will. Denn die mit Geren gestoßene, in der Halle des Hohen dreimal gebrannte, dreimal geborene, noch lebende , Goldgetränk (?) ist keine andere als Eva, wie sie die kirchenväterliche Deutung darstellte. Sie wird nach Ambrosius durch drei vergiftete Pfeile d. h. drei Versuchungen des Teufels getroffen, die von andern Kirchenvätern auch drei feurige Gere genannt wurden. Das geschah im Paradiese, das hier die Halle des Hohen heißt. Ob sie dreimal geboren genannt wird, weil sie erstens zugleich mit und in Adam, dann aus seiner Rippe, endlich auf Erden gleichsam noch einmal geboren wurde, bleibe dahingestellt. Auf Erden lebt sie noch heute als Heidr, Heitere, Strahlende fort, die durch ihre Schönheit bezaubert, immer die Lust böser Weiber.

Den Sinn der zwei folgenden Strophen 25 und 26 kann man nur erraten, wenn man sich erinnert, daß mit dem Riesengeschlecht insbesondere der riesige Baumeister Smidr gemeint sein muß, der eine große Burg den Göttern baute und dafür Ods Mädchen d. i. Freyja zum Lohn erhalten sollte, bis Thor dazwischen fuhr, den Vertrag brach und den Baumeister erschlug. Die Anspielungen auf einen alten Heidenmythus haben hier den Sinn der christlichen Heilslehre fast verdrängt, die hier als einen der durch die Sünde der Menschen herbeigeführten Hauptakte den Bau des Turms zu Babel vorführt. Dieser Bau galt auch den Kirchenschriftstellem als ein Bau der bösen Giganten, den Gott zerstört, und die auffällig breite Ausführung der Störung der Eide, Worte, Schwüre und Verträge hatte zur geheimen Ursache die andere Bedeutung Babels, die der Störung, der Verwirrung der Sprachen.

27.
Sie weiß Heimdalls Horn verborgen
Unter dem aethergewohnten heiligen Baume,
Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle
Aus dem Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres?

28.
Allein saß sie draußen, als der Alte kam,
Der schreckliche der Äsen und sah ihr ins Auge.
„Wonach fragst du mich, wie versuchest du mich?
Alles weiß ich, Odin, wo du das Auge verbargst“.

29.
Ich weiß Odins Auge verborgen
In jenem berühmten Mimisbrunnen,
Met trinkt Mimir jeden Morgen
Vom Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres?

30.
Heervater schenkte Ringe und Halsbänder,
Ich empfing weise Kunden und Zauberkünste.
Ich sah weit und breit über alle Welten.

31.
Ich sah die Walküren weither gekommen,
Fertig zum Ritt ins Heldenvolk.
Skuld hielt den Schild, Skögul war die andre,
Gudr, Hildr, Göndul und Geirskögul.
Nun sind gezählt die Mädchen Herjans (Odin),
Die Walküren fertig zum Ritt auf die Erde.

32.
Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte,
Odins Sohne, das Schicksal verborgen.
Gewachsen stand hoch über der Flur
Der zarte und sehr schöne Mistelzweig.

33.
Es wurde aus dem Baumstamm das sehr zart erscheinende,
Aber gefährliche Unglücksgeschoß: Höder ergriff es zum
Schießen.
Balders Bruder wurde alsbald davon getragen,
Da übernahm Odins Sohn, eine Nacht alt, die Rache,

34.
Wusch seine Hände nicht, noch kämmte er sein Haupt,
Bevor man auf den Scheiterhaufen trug Balders Feind.
Aber Frigg beweinte in ihren Fensälen
Das Weh der Walhall: wißt ihr noch weiteres?

35.
Gebunden sah ich liegen unter dem Kesselhaine
Die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki.
Da sitzt Sigyn, doch nicht um ihren
Mann sehr erfreut: wißt ihr noch weiteres?

In diesen dunklen Strophen tritt die Wölwa mit Fug und Recht wieder in den Vordergrund. Die Schöpfung samt den ersten sündigen Störungen der neu geschaffenen Welt liegen hinter ihr. Ihr drängt sich jetzt etwas Wichtigeres, Schwereres, Persönlicheres auf. Sie hat ein zentrales Ereignis zu verkünden, das voll Schmerz und Kampf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet. Es birgt das tiefste Mysterium in sich, das das furchtbarste Strafgericht nach sich zieht. Dies Mysterium stellt sich ihr in drei Gesichten vor, immer deutlicher, immer beängstigender.

Sie weiß Heimdalls Horn, sie weiß Odins Auge, sie weiß Balders Schicksal verborgen. Das alles weiß sie aber nicht aus dem nordischen Mythus, wenn sie sich auch der Sprache desselben bedient, sondern aus dem christlichen Ideenkreise und zwar aus demjenigen, der den Mittel- und Kernpunkt der Heilslehre, den Kreuzestod des Gottessohnes Christus, umgibt. Von dem seltsamen Versteck des Homes Heimdalls unter einem in den Äther ragenden heiligen Baum ist im nordischen Mythus nichts bekannt, auch nicht die leiseste Anspielung. Dagegen nannten zahlreiche Kirchenschriftsteller, auch angelsächsische und nordische Dichter, das Kreuz den „heiligen Baum“ und rühmten von ihm, daß sein oberer Teil gen Himmel blicke, also äthergewohnt sei. Seine Äste oder Arme wurden von ihnen Hörner genannt. Den in der Tiefe der Erde verborgenen unteren Teil, das untere Horn, hebt hier die Wölwa besonders hervor, denn dieses unsichtbare „Profundum“ des Kreuzes wurde auf die unerforschlichen Gerichte Gottes gedeutet, von denen zu reden sie sich ja gerade hier anschickt. Das Wächterhom Heimdalls (S. 408) hat hier nichts zu schaffen, es ist hier eine bloße mythologische Ketming oder Umschreibung eines christlichen Begriffs.

Wie tief aber die Wölwa aus der christlichen Ideenwelt schöpft, das lehren auch ihre unmittelbar folgenden Worte:

„Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle (forse) vom Pfände (ved) Wal vaters.“

Schon im Epheser-brief und weiterhin überall in der kirchlichen Literatur heißt das „Pfand“ der Erlösung durch sein Blut der Sohn Gottes, der Gekreuzigte, aus dem sich nach dem Lanzenstich des römischen Soldaten durch eine Seitenwunde Blut und Wasser ergießen, auf manchen alten Bildern in einem förmlichen Falle. Noch im 16. Jahrhundert sagt ein nordisches geistliches Gedicht:

„Uns wuschest du, o Christus, mit dem Falle (fossi) deines Blutes.“

In ihrer zweiten Vision sieht die Wölwa Odins Auge im Mimisbrunnen verborgen; Met trinkt Mimir jeden Morgen aus dem Pfände Walvaters. Die altmythischen Begriffe Odins Auge und der Mimisbrunnen sind hier, wie soeben Heimdalls Horn, der Darstellung christlicher Ideen dienstbar gemacht. Denn die Kirchensprache faßte auch wohl in der Dreieinigkeit Gott als das Auge, Christus als den Brunnen, den heiligen Geist als das daraus fließende Wasser auf. Und da Christus hier von neuem das „Pfand Gottes“ heißt, so gilt er für das verpfändete Auge, das im Brunnen verpfändete, im Brunnen des heiligen Geistes. Bedeutet vielleicht der tägliche Trunk Mimirs aus diesem Pfände den täglichen Opfertrunk des Messe haltenden Priesters? Denn es heißt z. B. bei Honorius, ohne Zweifel nach älteren Auslegern: Wegen des der Kirche übergebenen „Pfandes“ nimmt der Priester mit der Weihe des heiligen Geistes täglich Brot und Wein, das Fleisch und Blut Christ! Dieses nannte der Angelsachse Älfric auch kurzweg Pfand, mit dem gleichen Ausdruck, wie es die Wölwa „wedd“ nennt. Schon Snorre ahnte die neue Bedeutung des Mimis-brunnens, indem er ihn den Brunnen der göttlichen Weisheit (visindi) nannte. Doch gestehen wir gern, daß diese dunkle Partie noch sehr der Aufhellung bedarf, die sie aber schwerlich aus der Natursymbolik empfangen wird.

Die Wölwa sieht diese rätselhaften Bilder nach der Sitte der heidnischen Wölur draußen in der Einsamkeit, wobei ihr der Zaubergott Odin durch Gaben verschiedener Art Hilfe leistet. So ausgerüstet sieht sie das letzte, das traurigste Bild, das der wilde Ritt von Walküren ankündigt Krieg ist die Losung auf der Erde, wie im Himmel, zwischen den Guten und den Bösen. Und nun tut der Dichter einen Meistergriff. Er setzt den lichten der beiden altgermanischen Dioskurenbrüder, den Sommergott Balder, an die Stelle des lichten Christus und beläßt zwar noch dessen dunklen Bruder Hödr, der ihn mit der Mistel, dem Wintersymbol, erlegt, aber er macht zum eigentlichen Urheber des Todes Balders den unheilvollen Dämon , den Saxo noch gar nicht in diesem Mythus kennt So wurde Loki zu einer Art Teufel, der ja der eigentliche Urheber des Todes Christi war, und mußte sich die weitere Verchristlichung gefallen lassen, daß er für seine Untat in der Hölle gebunden wurde. Der Baldermythus mag auch schon, da er den Untergang eines glänzenden Lichtgottes zum Inhalt hatte, einen schwermutsvollen, auch die andern Götter beunruhigenden oder gar erschütternden Charakter gehabt haben; aber die das Schicksal des Weltalls entscheidende Zentralbedeutung des Todes Balders kann nur der des Todes Christi nachgebildet sein. Wie es in der Apokalypse 19, 11 heißt:

„Ich sah den König aller Könige, den Herrn aller Herren, angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war, und ich sah das Tier, und mit ihm den falschen Propheten, und lebendig wurden diese beide in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brennt“,

so heißt es in der Völuspa:

„Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte, sein Schicksal verborgen und ich sah gebunden liegen unter dem Haine der heißen Sprudel die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki.“

Die weinende Mutter Gottes aber wird durch die weinende Mutter Balders, Frigg, ersetzt. Beide Schilderungen des Todes des lichtesten Wesens, Balders wie Christi, bereiten die Ankunft des jüngsten Gerichts vor.

36.
Ein Strom fällt von Osten her durch Gifttäler.
Mit Schneiden und Schwertern: der Grausige heißt er.

37.
Es stand nördlich auf den Finsterfeldern
Ein Saal aus Gold des Geschlechtes Sindris,
Aber ein anderer stand zu Unkühlheim,
Der Biersaal des Riesen, der Brimer heißt.

38.
Einen Saal sah sie stehn, der Sonne unerreichbar,
An den Leichenstränden; nordwärts wendet sich die Tür.
Es fielen Gifttropfen herein durch die Lichtlöcher, G
eflochten ist der Saal aus Schlangenrücken.

39.
Sie sah da waten schwere Ströme Meineidige Männer und Mörder,
Und den, der eines Anderen Frau verfährt.
Da sog Nidhögg die Leichen der Abgeschiedenen,
Der Bösewicht zerriß die Männer: wißt ihr noch weiteres?

Diese Bilder der Unterwelt muten uns auf den ersten Blick unchristlich, nordisch genug an: der Waffenfluß, der aus den östlichen Frosttälern strömt, der Goldsaal der Zwerge, der Biersaal des Riesen und der Saal der Hel mit seinem Schlangendach. Die Sünder waten durch Ströme, Leichen werden von einem Drachen ausgesogen oder vom Bösewicht zerrissen. Aber gegen altheidnische Herkunft spricht, daß alle diese Unterweltsbilder, abgesehen etwa von dem Waffenfluß, kaum im altnordischen Glauben

nachgewiesen werden können, zumal nicht die Hel als Qualort der Sünder. Dagegen bieten die christlichen Quellen zahlreiche gleiche Vorstellungen dar, z. B. wird in der aus dem 4. Jahrhundert stammenden paulinischen Apokalypse, die seit dem 9. Jahrhundert vielfach übersetzt und bearbeitet wurde, Paulus in die goldtorige Stadt der Seligen, ins mehr als Gold glänzende Land der Sanftmütigen, endlich in die Stadt Gottes mit ihren Honig-, Milch-, Öl- und Weinflüssen versetzt. Daraus machte der nordische Dichter einen Goldsaal der Zwerge und einen Biersaal des Riesen. Darauf schaute Paulus den finstern Ort der Verdammten mit dem „bestrafenden“ Strom, in dem die Ehebrecher waten, und einen feurigen Strom, in dem die Diebe und Mörder gepeinigt werden. Einem dieser Sünder kriechen Würmer aus dem Munde. In der Vision Karls III. um 900 stehen die Räuber und Raufer in einem metallenen, also wirklich „schweren“, Strom, und Schlangen packen sie von den Ufern her an. Wie nach der Offenbarung des Johannes der Drache, die alte Schlange, im Abgrund gefesselt liegt, so haust auch in der Völuspa der Drache tief in der Unterwelt.

Der christliche Einfluß erscheint in dieser Strophengruppe vollends sieghaft durch die Stellung, die ihr im Gedankengange des Gedichts angewiesen ist. Die Schilderung des Paradieses und der Hölle eröffnet die eigentliche Darstellung des jüngsten Gerichts, wie auf den alten Wandbildern der Kirche und den Miniaturen der Evangeliarien Italiens und Deutschlands unter dem Gerichtsbilde häufig Hölle und Paradies nebeneinander stehen, und Predigten und Gedichte des Mittelalters vor der Schilderung des Gerichts diese beiden Welten vorführen.

40.
Ostwärts saß die Alte im Eisenwalde
Und gebar da Fenris Gezücht.
Es wird von allen vornehmlich ein Gewisser
Des Gestirns Verschlinger in Unholdsgewande.

41.
Er füllt sich mit dem Fleische getöteter Männer,
Er rötet der Götter Sitz mit rotem Blute.
Schwarz werden die Sonnenscheine die folgenden Sommer über,
Die Wetter werden alle übelgesinnt. Wißt ihr noch weiteres?

42.
Es saß da auf dem Hügel und schlug die Harfe
Der Riesin Hirte, der frohe Eggther,
Über ihm sang im Vogelwalde
Ein schönroter Hahn, der Fjalar heißt.

43.
Es sang über den Äsen Gullinkambi,
Der weckt die Männer in Heervaters Hause,
Aber ein andrer singt unter der Erde unten,
Ein rußroter Hahn, in den Sälen der Hel.

44.
Laut bellt Garm vor Gnipahellir,
Die Fessel wird zerreißen, aber der Wolf rennen!

Viel weiß ich der Kunden, vorwärts sehe ich weiter Über der Götter Untergang, den gewaltigen der siegmächtigen. Man hat die im Eisenwalde d. h. im unermeßlichen Walde sitzende Alte für eine Waldriesin erklärt, die im östlich gelegenen Riesenheim wohnte. Aber nirgendwo erscheint in der heidnischen Überlieferung der Osten als Brutstätte besonders bösartiger Wesen, und vollends über deren schlimmstes gibt sie keine Auskunft, weder über dessen Charakter, noch über dessen Auftreten in einem so entscheidenden Zeitpunkt der Erzählung. Dagegen stellen uns die Offenbarung des Johannes und die im Mittelalter außerordentlich beliebte Antichristlegende jene beiden abschreckenden Persönlichkeiten, Mutter wie Kind, dicht vor dem Einbruch der Weltkatastrophe vor Augen. In der Wüste fern im Osten sitzt das furchtbare Weib, die Mutter aller Gräuel auf Erden, die Behausung der Teufel und das Behältnis aller unreinen Geister, die „alte, wüste Babilonie“, wie es oft im Mittelalter heißt. Die unermeßliche Wüste, deren Begriff den Germanen weiter ablag, wird hier, wie auch in andern Wiedergaben der Antichristlegende, ein unermeßlicher Wald genannt. In ihrer Wildnis gedeihen namentlich Drachen und Würmer aller Art, und mit dem Teufel gebiert sie als schlimmstes Kind, als omnium nequis-simus, den größten Böse wicht, den Antichrist, der das menschliche Geschlecht verderben wird, und zwar in des „Teufels Form“, also in Unholdsgewande. Aus dem Osten dringt er vor und übt dieselben Frevel aus, wie der Sohn der Eisenwälderin. Nach Jerusalem kommend tötet und erwürgt er alle Gläubigen und dringt in den heiligen Tempel Jehovas, um dort seinen Sitz aufzuschlagen. Er erfüllt nun Christi evangelische Prophezeiung, daß der Antichrist große Zeichen und Wunder tun wird und daß Sonne und Mond den Schein verlieren und die Sterne vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel sich bewegen werden. Auch heißt es in der Antichristlegende:

„Die Lüfte wird er mit Winden erregen.“

Die auch die Sommer über übelgesinnten Wetter, die in der Völuspa zu den Vorzeichen des Weltuntergangs gehören, werden in den Vafthrudnismal, einem andern der Völuspa ungefähr gleichaltrigen eddischen Gedichte, und in der Prosaedda als der Fimbulvetr d. h. der große, furchtbare Winter bezeichnet. Und auch diese beiden nordischen Berichte zeigen sich durchaus abhängig von der Antichristlegende. Denn der Antichrist kehrt die Ordnung der Natur um, erregt die Lüfte durch Winde und vielfache Störungen. Diese schreckliche Plage wird drei und ein halbes Jahr in der ganzen Welt dauern, nach andern Theologen drei Jahre. Die Prosaedda aber beschreibt jenen Winter so:

„Da treibt Schnee aus allen Ecken, großer Frost ist da und scharfe Winde, und die Sonne nützt nichts. Da fahren drei Winter zusammen, und ist kein Sommer dazwischen“.

Also auch hier dieselbe dreijährige Frist furchtbaren Wetters. Ferner: als der Antichrist gebietet, daß Feuer vom Himmel herabfalle, fliehen viele Menschen in die Einsamkeit. So verbergen sich nach der Prosaedda zwei Menschen in Hoddmimisholt während dem Feuer, das Surtr auch vom Himmel reißt, und Surtr, der Schwarze, ist auch weiterhin beim Ansturm auf die Himmelsmächte mit dem Antichrist identisch. Jene beiden Menschen Lif und Lifthrasir d. h. Leben und Lebenswünscher haben Morgentau zur Speise, und davon nähren sie ihr Leben. So fliehen z. B. nach dem Kirchenschriftsteller Lactanz die Menschen vor dem Antichrist in die Einsamkeit, da fällt von Gott der Morgentau seines Segens, und Gott spendet allen reichliche und unschuldige Nahrung.

Den zwei folgenden Strophen 42. 43 ist kein bestimmterer, tieferer mythischer Sinn abzugewinnen. Der Harfenschlag Eggthers und die Schreie der drei Hähne scheinen auf die Entscheidung vorbereiten zu sollen, wie das Gebell des Hundes und das Loskommen des Wolfes in der 44. Strophe. Der letzte Zug entstammt wohl wieder der christlichen Überlieferung: schon im 8. Jahrhundert hört ein Christ als Zeichen des Weltuntergangs, wie die Seylla und ihre jungen Hunde vor der Hölle nicht aufhören, zu bellen; und in der Apokalypse wird vor dem jüngsten Gericht ein Tier los, der Drache oder die alte Schlange oder Teufel und Satanas genannt Nun überblickt die Wölva den gewaltigen Untergang der Götter, das

Weitende, das in ein paar andern Liedern auch Götterdämmerung ( Ragnarekkr) genannt wird d. h. ebenfalls Untergang der Götter, etwa wie die Christen des Mittelalters das jüngste Gericht den Finis oder die Consummatio mundi, das Ende oder den Untergang der Welt, nannten, oder auch die Vespera mundi, den Abend der Welt.

45.
Brüder werden sich schlagen und einander zu Tötern werden,
Schwesterkinder, werden die Sippe brechen.
Arg ist es in der Welt: großer Ehebruch,
Beilalter, Schwertalter, Schilde werden zerspalten,
Windalter, Wolfsalter, bevor die Welt zusammenstürzt,
Kein Mensch wird des andern schonen.

46.
Es spielen Mims Söhne, aber der Maßbaum entzündet sich,
Beim Schall des alten Gjallarhorns.
Laut bläst Heimdall, das Horn ist in der Luft:
Odin redet mit Mims Haupt.

47.
Es bebt Yggdrasils Esche, die emporragende,
Es stöhnt der alte Baum, aber der Riese kommt los!
Alle fürchten sich auf den Unterweltswegen,
Bevor Surts Blutsfreund ihn verschlingt.

48.
Was ist bei den Äsen, was bei den Elfen?
Es tost ganz Jötunheim, die Äsen sind auf der Dingstatt,
Es ächzen die Zwerge vor den Steintoren,
Der Felswand kundig. Wißt ihr noch weiteres?

49. wiederholt Strophe 44.

Der Dichter überläßt sich in der 45. Strophe dem Zuge der biblischen Schilderung der Vorzeichen des Weltuntergangs. So heißt es im Marcusevangelium 13,12: Es wird ein Bruder überantworten den andern zum Tode und der Vater den Sohn, und die Söhne werden sich gegen die Eltern erheben und werden sie töten. Und schon Jesaias 9,19 verkündet, daß im Zorn des Herrn kein Mensch des andern schonen wird. Ehebruch wird nicht erwähnt, aber nach Marcus wird man, bevor alles zu Ende geht, hören von Kriegen und Kriegsgeschrei, und Erdbeben werden geschehen, und es wird teure Zeit sein. Das meinen jene Schwertalter, Wind- und Wolfsalter.

Nur kurze Zeit bedient sich der Dichter einer einfacheren, unverhüllten Ausdrucksweise, um in den nächsten Strophen wieder ganz in den skaldischen Rätselton zu verfallen. Aber wie dunkel er klingt, biblische Anschauungen von den Vorgängen vor dem Weltuntergang, nicht heidnische, klären uns über den Sinn auf. Nach Matthaeus 24,29 werden nach der Trübsal derselben Zeit die Kräfte des Himmels sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes im Himmel. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen. Die Bewegung der Himmelskräfte, die auf die vom heiligen Geist belebten Engel gedeutet wurden, übersetzt der Dichter durch das Spiel der Söhne Mimirs, in dem wir schon oben den heiligen Geist vermutet haben. Das Zeichen des Herrn, des Gekreuzigten, das bei den Angelsachsen das leuchtende Zeichen, der leuchtende Baum und insbesondere als Vorzeichen des Gerichts auch bei Berthold von Regensburg das „leuchtende“ heißt, wird der sich entzündende Maßbaum genannt und auch hier wie oben mit dem Gjallarhom in unmittelbare Verbindung gesetzt. Hier aber ist dieses nicht mehr verborgen, sondern erschallt laut wie ein Heerhom in die Luft gleich den Posaunen der Engel, die den Kampf verkünden. Gottvater und der heilige Geist, Odin und Mimir, bereden sich mit einander, wie sie beide nach den Kirchenschriftsteilem dem Gottsohne beim Gerichte beistehen.

Zwischen heidnischem Ausdruck und christlichem Inhalt bewegen sich auch die folgenden Strophen. Freilich ist Yggdrasils Esche, die heidnische Weltesche, ein Abbild des Alls, die beim Beginn des allgemeinen Zusammenbruchs ganz natürlich erbebt und alle Wesen der Welt, die Riesen wie die Menschen, die Äsen wie die Zwerge, in Aufregung versetzt. Aber ein paar intimere Züge des Baumes stammen doch von Ezechiel Kap. 31 und Jesaias 14. 26. 31, wo sie den Sturz Assurs mit dem Sturz eines gewaltigen Baumes vergleichen. Denn die Völker erschrecken, da sie ihn fallen hören, da er hinuntergestoßen wird mit denen, so in die Grube fahren. Und als der Herr die gewaltige Rute Babel zerbricht, da erweckte er die Giganten. Nach Ezechiel fällt der Assurbaum in die Hand des Mächtigsten, der mit ihm machen wird, was er will. Er rottet ihn aus. Das ist wahrscheinlich Surts Blutsfreund, der ihn verschlingt, nämlich das Feuer. Die Aufregung der Riesen, Götter und der felswandkundigen Zwerge, die in den Bergtoren vor Angst stöhnen, entspricht der Angst der Könige, der Gewaltigen, der Freien und der Knechte, die nach der Apokalypse Kap. 6 vor dem Gericht in den Höhlen und Steinen der Berge sich verbergen.

In die apokalyptische Bahn lenken dann auch die folgenden Strophen ein.

50.
Hrym fährt von Osten her, hält den Schild vor.
Die Weltschlange windet sich im Riesenzorne,
Der Wurm drängt die Wogen. Aber der Adler kreischt,
Der schnabelfahle zerreißt die Leichen: Naglfar kommt los.

51.
Ein Schiff fährt von Norden her:
kommen werden der Hel Leute über die See, aber Loki steuert.
Die tollen Gesellen fahren alle mit dem Wolfe,
Mit denen der Bruder Byleipts in der Fahrt ist.

52.
Surtr fährt von Süden her mit dem Reiserverderben:
Es glänzt von dem Schwerte die Sonne der Schlachtgötter.
Steinberge schlagen zusammen, aber die Bergriesinnen stürzen.
Die Männer betreten den Helweg, aber der Himmel spaltet sich.

53.
Dann kommt der Hlin zweiter Harm heran,
Als Odin auszieht, mit dem Wolf zu kämpfen,
Aber der Töter Belis, der leuchtende, gegen Surtr:
Dann wird fallen der Frigg Geliebter.

54.
Es kommt der große Sohn Siegvaters,
Vidar, zu kämpfen mit dem Leichentier,
Es läßt dem Sohne Hvethrungs dringen
Das Schwert ins Herz: so ist der Vater gerächt.

55.
Es kommt der herrliche Sohn der Hlothyn:
Es übergähnt die Luft der Erdumgürter von unten,
Es geht Odins Sohn dem Wurm zu begegnen.

56.
Er erlegt im Zorne den Schützer Midgards,
Alle Menschen werden die Heimstatt räumen!
Neun Schritte geht der Sohn der Fjörgyn
Kaum noch von der Schlange, die die Schandtat nicht kümmert.

57.
Die Sonne beginnt zu verfinstern: die Erde sinkt ins Meer,
Es fallen vom Himmel die heitern Sterne,
Es rast Dampf und Feuer:
Es spielt die hohe Hitze bis zum Himmel selbst.

58. = 44. 49.

Die Völuspa zählt fünf dämonische Angreifer auf: Hrym, die Schlange, Loki mit den Helsöhnen, den Wolf Freki und Surtr, die Apokalypse im 20. Kapitel Mors und Infemus, dazu im 16. drei andre, den Drachen, die Bestia und den Pseudopropheten oder Antichrist, also auch fünf. Hrym scheint ein Schiffer, dem das aus den Nägeln der Toten zusammengesetzte Schiff Naglfar gehört, und der vielleicht auch dem Namen nach mit dem antiken Ch(a)rön verwandt ist. Er vertritt den apokalyptischen Tod, der im Mittelalter trotz des weiblichen Geschlechts der Mors durchweg als Mann vorgestellt wurde. Ihm ist in der Apokalypse, wie in der mittelalterlichen Malerei und Dichtung, der Infemus, der Höllenfürst, zugesellt, gleich wie in der Völuspa Loki, der mit seinen Höllenleuten über die See fährt. Und wenn in der Apokalypse das Meer und der Tod und die Hölle ihre Toten herausgeben, so zerreißt hier ein Adler, der Hrym, die Wogenschlange und Loki begleitet, die auf dem Meer treibenden Toten. Den drei andern Gottesfeinden der Apokalypse: dem Drachen, der Bestia dem Antichrist entsprechen aufs beste der Wurm, der Wolf und Surtr. Hier vollendet sich unsere obige Gleichung Surtr-Antichrist. Surtr fährt mit dem Reiserverderben d. h. mit Feuer daher, oder, wie Snorre es ausdrückt, er reitet an der Spitze der Söhne Muspells d. h. des Feuers, brennendes Feuer vor sich und hinter sich, gegen ein sonnenleuchtendes Schwert, und der Himmel klafft. So geht eine unauslöschliche Flamme vor dem Antichrist her, vom Himmel fällt ein Schwert, und der Himmel öffnet sich in der Mitte.

Nun hebt der Kampf an. Der Antichrist überwindet nach der Legende den Apollo, Jupiter und Mercurius, wie in der Völuspa drei Götter besiegt werden, die aufs genaueste nach der gangbaren lateinischen Auslegung jenen römischen Göttern entsprechen. Denn Odin, der Geliebte der Frigg oder Hlin (S. 415), ist gleich Mercur, der Töter Belis, d. i. der milde lichte Frey gleich dem Lichtgotte Apoll und der herrliche Sohn der Hlothyn d. i. Thor gleich Jupiter. Doch weichen die beiden Kampfschilderungen darin erheblich von einander ab, daß der Antichrist alle drei überwindet, während in der Völuspa dem Surtr nur Frey erliegt. Aber nach der Apokalypse Kap. 16 versammeln sich mit dem Antichrist am großen Tage Gottes auch gerade jene beiden tierischen Dämonen, der Drache und die Bestia, auf dem Schlachtfeld Armageddon, das in Vafthrudnismal Vigridr Kampfplatz heißt, zum Streite.

Nun mußte der Drache dem alten Drachenschläger des altnordischen Mythus, dem Thor, entgegengestellt werden und die Bestia als Wolf, als Fenriswolf, dem Odin. Eine schlimmere Ungereimtheit ergibt sich aber daraus, daß Odin, der durch das ganze übrige Gedicht hin den Christengott der christlichen Heilslehre wiedergibt, an dieser Stelle dem Ansturm des Antichrists erliegt wie ein Heidengott. Ein solcher uns unerträglicher Widerspruch ist aber in allen derartigen ernsten und gewaltsamen Trave-stieen fast unvermeidlich. Er ist aber kaum stärker, als wenn die Skalden Christenkönige feierlich in Walhall von heidnischen Göttern empfangen lassen oder Christus im Kampfe mit Riesen und am Nornenbrunnen sitzend darstellen (S. 437). Daß aber der Dichter wirklich, dem Druck der Antichristlegende nachgebend, jene Götter erliegen und dem Tode verfallen sein ließ, daß er wirklich hierin einem christlichen Vorbilde folgte, geht klar daraus hervor, daß keiner von ihnen zu der herrlich erneuten Welt zurückkehrt, sondern nur die beim letzten Kampf unbeteiligten, die noch stärker christianisierten, wie Balder, oder solche bedeutungslose Wesen, wie Hoenir. Wie hätte ein wirklich heidnischer Dichter es übers Herz bringen können, seinen alten Göttern Odin, Thor und Frey die neue Herrlichkeit zu verschließen und statt ihrer andere jüngere, im Kult ganz nichtige Götter darin einzuführen?

Die Schilderung der Naturstörungen in der 57. Strophe schließt sich wieder an die Apokalypse Kap. 6, denn es heißt dort: „Da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack. Und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde. Der Himmel entwich, und alle Berge und Inseln wurden bewegt aus ihren Örtern. Nach 2. Petrus 3, 7 werden die Himmel und die Erde dem Feuer Vorbehalten für den Tag der Gerichte, und nach Apokalypse 20 fällt verzehrendes Feuer vom Himmel auf die dämonischen Angreifer.

59.
Sie sieht aufsteigen zum andern Male
Die Erde aus dem Meer frisch und grün.
Sturzbäche fallen: der Adler fliegt darüber,
Der auf dem Gebirge Fische jagt.

61.
Da werden wieder die wundersamen Goldnen Bretter im Grase sich Anden,
Die sie vor Zeiten gehabt hatten.

62.
Ungesät werden die Äcker tragen,
Alles Übels Besserung wird werden;
Balder wird kommen. Höder und Balder bewohnen Hropts Siegeshallen,
Herrlich die Schlachtgötter. Wißt ihr noch weiteres?

63.
Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen
Und die Söhne der zwei Brüder bewohnen
Das weite Windheim. Wißt ihr noch weiteres?

64.
Einen Saal sieht sie stehen schöner als die Sonne,
Mit Gold bedeckt, auf Gimlee:
Da sollen treue Scharen hausen Und ewiglich Freude genießen.

65.
Es kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht,
Der Starke von oben her, der über alles herrscht

66.
Es kommt der düstre Drache fliegend,
Die gleißende Schlange unten von den Finsterbergen:
In seinem Gefieder trägt er, — das Feld überfliegt er, —
Nidhögg die Leichen: nun wird er versinken.

Nach dem Kampf und dem Brande fährt die Völuspa im Ton der Apokalypse Kap. 21 fort, wo es heißt: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Ob der fischjagende Adler, der dann über Wasserfällen fliegt, eine tiefere Bedeutung hat, ist unsicher. Aber wie vor der Ankunft des jüngsten Tages nach 2 Petrus 3 die Frommen sich zu heiligen Unterhaltungen versammeln und im neuen Himmel und auf der neuen Erde nach Jesaias 65 die vorige Angst vergessen wird und nach der Apokalypse dann der

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Herr spricht: „Ich bin das A und O“, so unterhalten sich nun die Äsen auf dem Idafelde, in der neuen Welt, ruhig von dem sie früher so beängstigenden Erdumspanner, der Midgardsschlange, und gedenken jener alten Runen (A und O) des Herrgottes.

Jesaias prophezeit weiter:

„Sie werden sich ewiglich freuen . . . und sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und derselben Früchte essen. Sie sollen nicht pflanzen, daß ein anderer esse.“

Und nach Ezechiel 36 will der Herr sich wieder zu den Bergen Israels wenden und sie ansehen, daß sie bebaut und besäet werden. Die christliche Theologie ging weiter. Honorius z. B. sagt: „Dann wird die verfluchte Erde gesegnet und keine Arbeit und kein Schmerz mehr sein“. So werden sie in der Völuspa ewiglich Freude genießen, Höder und Balder Häuser bewohnen und die Äcker ungesät Früchte tragen. Balder wird kommen und alles Übel bessern. Wenn Balder in seiner Siegeshalle dem Christus entspricht, den die Angelsachsen gern den Siegesherm nannten, so mag hier Höder, der Kampfgott, den streitbaren Erzengel Michael bedeuten, der als Verwalter des Paradieses im Mittelalter für die Herbergen tüchtiger Krieger im Himmel sorgte.

Außer Christus und Michael sind nach der Apokalypse auch Henoch und Elias in den letzten Kampf mit den dämonischen Mächten verwickelt. Sie kommen dabei um, werden aber nach der Apokalypse neu belebt. Wie sie dem alten Paradiese angehörten als die zwei einzigen Menschen des alten Testaments, so auch dem neuen. Als alttestamentlicher Heros hat namentlich Henoch für die Juden in der neuen Welt zu sorgen. Nach der berühmten Vision Ezechiels Kap. 37 (vergl. 47, 14) fährt ein aus vier Winden herzugekommener Wind über ein weites Totenfeld und weckt die Toten zu neuem Leben. Dann werden die Wohnsitze des neuen Jerusalems unter die Söhne der beiden lange getrennten Stämme Israel und Juda wie unter Brüder verteilt durch ein Losholz. Das Mittelalter übertrug diese

Verteilung dem Henoch. Der Völuspadichter verwandelte dessen Namen in den für einen skandinavischen Mund leichter aussprechbaren nordischen Götternamen Hoenir. So enträtselt sich der Sinn der Worte:

„Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen, und die Söhne der zwei Brüder bewohnen das weite Windheim.“

Und mm wird das himmlische Jerusalem geschildert fast genau mit den apokalyptischen Zügen. Es bedarf der Sonne nicht, seine Häuser sind von Gold, seine Mauern von Edelstein. Darum heißt es bei den Kirchenschriftstellen die gemmata et aurea Jerusalem. So nennt die Wölwa hier den Saal der neuen Welt schöner als die Sonne, mit Gold bedeckt und mit halbfremdem Worte Gimle d. h. Gemmenheim, Edelsteinheim. Im neuen Jerusalem wohnen nach christlichen Quellen Gottes Trautfreunde, um mit ihm in Ewigkeit zu genießen, gerade wie die treuen Scharen in der Völuspa im Edelsteinheim.

Endlich kommt nach Matthaeus Kap. 24 des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit zum Gericht, und in der Völuspa kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht, der Starke von oben her, der über alles herrscht.

Zuletzt erhebt sich noch einmal der Drache aus der Hölle mit Toten im Gefieder, um dann zu versinken. So wird der in den Abgrund geworfene Drache der Apokalypse Kap. 20 nach tausend Jahren der Gefangenschaft noch einmal los, aber nur eine kleine Zeit.

So endet das ernsteste, erhabenste Gedicht des alten Nordens mit gewaltigen, trostreichen Akkorden. Immer freier durchbricht in der Schlußpartie der Strom der christlichen Gedanken die Dämme der Heidensprache und führt nur noch ein paar heidnische Namen, aber keine heidnische Mythen mehr mit sich. Wie sollte die darüber schwebende Hoffnung auf eine letzte Gerechtigkeit und einen ewigen Frieden anderswoher als aus einem Christenherzen auf steigen? Man sieht, wie der neue Glaube den alten fast vollends überwältigt.

Wie die Geistlichen des Mittelalters so gern die Ereignisse und Personen des neuen Testaments in denen des alten vorgebildet wiederfanden, weil dem Neuen etwas tief ausgebildetes Altes vorangegangen war, so suchte der noch immer auf seinen alten Glauben und seine alte Kunst stolze nordische Skalde für die neuen christlichen Heilswahrheiten gewisse Vorbilder in der alten Fundgrube seiner Dichtung, in der heimischen Mythologie. Hatten doch die starken Götter Odin und Thor manche Züge mit Gottvater gemein und der jung sterbende Balder mit dem Heiland! Und, was noch wichtiger war, die poetische Sprache fühlte sich stark genug, mit ihren mythologischen Bildern auch die christlichsten Gedanken zu umschreiben! Je tiefer der Dichter nicht nur aus der Bibel und ihren Erläuterungen, sondern auch aus anderen christlichen Schriften fremde Weisheit, auch allerlei christliche Mythen schöpfte, desto williger fügte sich das alte Nordlandstum der „neuen Summe der Theologie“.

So bietet uns denn die Völuspa die goldenen Früchte des Christentums in der silbernen Schale der Skaldendichtung dar, schön geschichtet nach altheiliger Ordnung. Sie ist demnach wohl ein Kunststück, nicht aber ein Kunstwerk ersten Ranges, weil ihr die Haupttriebfeder eines solchen gebricht, die innere Wahrheit. Dem Mythologen aber klingt sie wie ein Gruß des siegreichen christlichen Geistes an das versinkende Heidentum.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen,  Meyer, Elard Hugo.

ergänzend

Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums

Das Christentum zählt heute zu den drei größten Religionsgemeinschaften der Welt. Seine Ursprünge liegen jedoch nicht, wie von vielen Theologen noch heute verbreitet, primär im Judentum, sondern in heidnischen Religionskulten, aus denen sich auch die mosaische Glaubensgruppe eifrig bediente.1 Die bekanntesten und offensichtlichsten Adaptionen aus heidnischem Brauch finden sich bereits in den christlichen Festen. Die … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Götterglaube und Ort der Götterverehrung

Der Götterglaube Wie bei den Dämonen ist bei den Naturgöttern der Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Naturerscheinungen gelockert, ja oft aufgelöst; der Glaube, daß es die großen Naturmächte sind, von denen Wohl und Wehe des menschlichen Daseins abhängt, ist mehr und mehr zurückgetreten. Die Götter sind zu wunderbarer Größe und Herrlichkeit gesteigerte Menschen, Idealbilder von … Weiterlesen

Die Religion der Germanen

Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder „deutscher“ Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die Dauer nicht vermochte und auch der alte Kultus nur in bruchstückweiser Erinnerung; und die Göttersagen … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst

Das Christentum schlug den heidnischen Germanen gegenüber ein doppeltes Verfahren ein. Das unduldsame Wort des Bischofs Remigius von Rheims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodoveeh (496): „Beuge dein Haupt in Demut, stolzer Sigamber, und verehre von nun an, was du bisher verbranntest, und verbrenne, was du bisher verehrtest!“, darf als vorbildlich für die spätere Zeit … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, … Weiterlesen

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen Vorwort.  Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der … Weiterlesen

Frömmigkeit nordischer Artung

Ein Querschnitt durch das Indogermanentum von Benares bis Reykjavik7. Auflage, 1989, Verlag Hohe Warte • Franz von Bebenburg • KG Hans F.K. Günther zeigt zunächst einmal, was nordische Frömmigkeit nicht ist, beispielsweise die Herabwürdigung des Leibes, die Abhängigkeit der Frömmigkeit von dem Tode, die Wertung des diesseitigen Lebens als Jammertal. Er zeigt darüber hinaus die … Weiterlesen

Atlantis, Edda und Bibel – 200 000 Jahre Germanischer Weltkultur

Hörbuch .Hier als pdf >   < Die Edda als pdf Wenn die „Edda“ nicht in Ihrem Bücherschrank steht, dann können Sie sie hier herunterladen: „Edda“ (PDF, 691 kB) Die Edda, das Buch der Götter und Heldensagen! Das Buch der Götter und Heldensagen, die Edda wird als Überlieferung des alten Nordischen Heidnischen Glaubens gehandelt. Sollte … Weiterlesen

Zeitgenössisches Heidentum – Tradition, Kontinuität und Rekonstruktion

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen irgendwo in Deutschlands geographischem Herzen etwa 30 junge Menschen beisammen und schweigen. Hier auf einer Waldlichtung sind der Schein der Fackeln und das prasselnde Feuer in der Mitte des Gemeinschaftskreises das einzige Licht, das die ernsten Gesichter der Anwesenden zaghaft erhellt. Zum Fest der Tagundnachtgleiche im Frühling haben sie … Weiterlesen

Germanische Mythologie

  EINLEITUNG Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst

Deutsche-Mythologie-BuchdeckelDas Christentum schlug den heidnischen Germanen gegenüber ein doppeltes Verfahren ein. Das unduldsame Wort des Bischofs Remigius von Rheims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodoveeh (496): „Beuge dein Haupt in Demut, stolzer Sigamber, und verehre von nun an, was du bisher verbranntest, und verbrenne, was du bisher verehrtest!“, darf als vorbildlich für die spätere Zeit gelten, in der die heidnischen Götter sämtlich für teuflische Mächte erklärt wurden, und die christlichen Missionare sich beeif erteil, die Heiligtümer zu vem ich teil und den heimischen Glauben und Brauch auszurotten. Zwar leugnete die Kirche die persönliche Existenz der für Götter gehaltenen Wesen durchaus nicht, aber auf Grund biblischer Stellen (wie Psalm 965, I. Kor. 102l_g2) wurden sie als Dämonen bezeichnet. Ihre Verehrung wurde Teufelsdienst; die deutschen Götter wurden direkt als böse Geister bezeichnet. „Entsagst du den Unholden?“ fragt das ostfränkische Taufgelöbnis des 7. Jhds., und der Täufling anwortet: „ich entsage“. Die Opfer, die er seinen Göttern gebracht hatte, mußte er aufgeben; aber ihre Namen nennt die Taufformel nicht, sie wären eine Entweihung: sie sind nicht den Menschen hold, sondern unhold. In der sächsischen Taufformel von ca. 790 wird allen Werken und Worten des Teufels entsagt, dem Donar, Wodan und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind. So ist die Gestalt des Teufels, wie sie im Volksglauben lebt, reich an Zügen enstellten deutschen Heidentums. Namentlich in Xorddeutsehland ist die Kirche mit furchtbarer Rücksichtslosigkeit vorgegangen.

Unerbittliche Strenge spricht aus den Verordnungen Karls des Großen vom Jahre 787/8: die capitula, quae de partibus Saxoniae constituta sunt, setzen auf Mord von Priestern Todesstrafen, ohne das Wergeid (Manngeld) zuzulasseii, ebenso auf Menschenopfer, Bündnisse mit Heiden, Raub und Zerstörung von Kirchen, ja auf Verweigerung der Taufe, Verharren im Heidentum, Leichenverbrennen und Fastenbruch. Aber noch um 700 war in Bayern Kirchendiebstahl nicht höher gestraft als Diebstahl aus einem andern öffentlichen Gebäude, wie z. B. einer Mühle. In acht Artikeln zum Schutze des Christentums kehrt der schaurige Refrain wieder: „der soll des Todes sterben“. In einem besonderen Verzeichnisse werden auf das Sorgfältigste alle heidnischen Gebräuche und Opfer aufgezählt, deren völlige Unterdrückung durchgeführt werden soll. Dieser Indicuus superstitionumetpaganiarum (Verzeichnis heidnischer und abergläubischer Gebräuche und Meinungen) etwa vom Jahre 800 reiht in knapper Fassung 30 Punkte nebeneinander und scheint zum Amtsgebrauche der königlichen Sendboten oder Bischöfe für ihre Visitationsreisen gegeben zu sein, vermutlich bestimmt für friesische, den sächsischen benachbarte Gaue. Aber trotz Feuer und Schwert gelang es nicht, die alten heiligen Gebräuche gänzlich auszurotten. Oft genug erweist sich das, was niemals auf geschrieben ist und sich nur in mündlicher Überlieferung erhalten hat, durch Heranziehen ethnologischer Parallelen als Rest uralter Zeit.

Als Beispiel einer gegen germanischen Glauben gerichteten Predigt sei ein Predigtstück aus dem Leben des hl. Eligius mitgeteilt, das in mehr als einer Beziehung wichtig und interessant ist.

»Vor allem bitte und beschwöre ich Euch, daß Ihr keinerlei heidnischem Aberglauben anhängt, nämlich, daß Ihr keine Loswerfer, Zeichendeuter, Zauberer und falschen Propheten angeht und sie in irgendwelcher Angelegenheit und auch nicht in Krankheiten um Rat fragt. Denn wer solcher Sünde verfällt, geht sofort des Segens der Taufe verlustig. Ebenso sollt Ihr auch keine Wahrzeichen und Vorbedeutungen beim Niesen glauben, und wenn Ihr auf einer Reise begriffen seid, nicht auf die Stimmen der Vögel als auf Prophezeiungen achten. Mögt Ihr eine Reise antreten oder Euch sonst zu einem Werke vorbereiten, so zeichnet Euch im Namen Christi und sprechet das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser mit rechtem Sinn und Glauben, dann wird Euch kein Feind etwas anhaben können. Kein Christ lege darauf Wert, an welchem Tage er das Haus verläßt oder in dasselbe zurückkehrt, denn Gott hat alle Tage (nämlich der Woche) geschaffen. Kein Christ beachte für den Beginn eines Werkes den Tag oder den Mond, keiner soll beim Beginn des Neujahres sich lächerlichem und sündhaftem Spiel und Aberglauben hingeben, niemand soll in der Neu-jahrsnacht eine besetzte Tafel aufstellen oder Neujahrsgeschenke geben oder empfangen und unnützes Gelage anstellen.

Kein Christ soll an Feuerwahrzeichen glauben und sich auf den First des Daches setzen, denn das ist alles Teufelswerk. Und am Johannisfeste oder am Feste irgendeines anderen Heiligen soll niemand Sonnenwende begehen oder Tänze und Aufzüge unter teuflischem Gesänge aufführen. Niemand soll den Namen von Dämonen oder denjenigen des Neptun, des Orkus, der Diana, der Minerva oder des Genius anrufen oder an solche lächerliche Dinge glauben. Ferner soll außer an den Festen niemand den Donnerstag, weder im Mai noch zu einer anderen Jahreszeit, in Ruhe verbringen und feiern oder den Motten und Mäusen einen Tag weihen, sondern jeder soll allein nur den Sonntag heiligen. Kein Christ soll an alten heiligen Stätten oder an Felsen und an Quellen und unter Bäumen oder in einem Hag oder auf Dreiwegen Lichter anzünden und hierbei Gelübde verrichten.

Niemand darf am Halse eines Menschen oder eines anderen lebenden Wesens Binden und Amulette befestigen, auch wenn dies von seiten eines Klerikers geschehen sollte und gesagt wird, daß das eine heilige Sache sei und Sprüche aus der heiligen Schrift enthalte; denn in solchen Dingen liegt nicht der Segen Christi, sondern das Gift des Teufels. Auch soll niemand Kräuterzauber treiben und Reinigungsopfer veranstalten oder seinen Rauch durch einen hohlen Baum oder durch ein Erdloch hindurchgehen lassen, denn dadurch weiht er es allein dem Teufel. Und die Frauen sollen nicht Bernsteinschmuck um den Hals häugen und beim Spinnen und beim Färben nicht den Namen der Minerva oder einer anderen Heidengöttin anrufen, sondern bei jedem Werk, das sie verrichten, sich die Gnade Christi herbeiwünschen und der Kraft seines Namens aus ganzem Herzen vertrauen. Niemand soll den Mond anrufen, wenn er sich verfinstert, denn diese Finsternis tritt mit Gottes Willen zu ganz bestimmten Zeiten ein. Und beim Neumond soll sich niemand fürchten, an irgend ein Werk zu gehen. Denn Gott hat den Mond geschaffen, um die Zeiten zu bezeichnen und die Dunkelheit der Nacht zu erhellen, aber nicht, um eines Menschen Werk zu verbindern oder um den Menschen den Geist zu verwirren, wie die Törichten glauben, wenn sie annehmen, daß die von bösen Geistern Besessenen durch den Einfluß des Mondes leiden müßten.

Auch soll niemand Sonne und Mond als Götter anrufen und bei ihnen schwören, denn beide sind von Gott gemacht and dienen nach seinem Willen der Notdurft der Menschen. Auch hat niemand an ein Fatum oder an bestimmtes Glück oder an das Horoskop seiner Geburtsstande zu glauben, so daß er vermeint, er werde so, wie ibn die Konstellation geschaffen habe; denn Gott hat nach seiner Weisheit alles eingerichtet, wie er es vor Erschaffung der Welt bestimmte. Und wenn dem Menschen irgendwelches Leiden einmal zustößt, dann soll er nicht Zeichendeuter, Zauberer, Loswerfer und falsche Propheten befragen oder an Quellen und Bäumen und auf Kreuzwegen an die Kraft teuflischer Amulette glauben, sondern wer krank ist, der vertraue allein auf das Erbarmen Gottes und empfange im rechten Sinn und Glauben den Leib und das Blut Christi im Abendmahl und erbitte sieb von der Kirche geweihtes öl, um damit seinen Leib im Namen Christi zu salben. Dann wird er nicht nur Gesundheit seines Leibes, sondern auch seiner Seele empfangen . . . Und bedenket, was das für eine menschliche Torheit ist, einem fühllosen und abgestorbenen Baume göttliche Ehren zu erweisen und die Gebote Gottes zu verachten. Weder den Himmel noch die Sterne, weder die Erde noch irgend ein anderes Geschaffenes sollt Ihr anbeten, nur Gott allein, da er alles geschaffen und geordnet bat.

Wohl ist der Himmel hoch und groß die Erde, gewaltig ist das Meer, und schön sind die Sterne, aber größer und schöner muß der sein, welcher das alles schuf. Und wenn schon alles das, was sichtbar ist, vom Verstände des Menschen nicht begriffen werden kann, nämlich die verschiedenartige Frucht der Erde, die Schönheit der Blumen, die Mannigfaltigkeit des Obstes, die vielfachen Arten der Tiere, von denen einige auf der Erde, andere im Wasser und wieder andere in der Luft leben, ferner der kluge Verstand der Bienen, das Wehen der Winde, die Feuchtigkeit der Wolken, das Rollen des Donners, der Wechsel der Zeiten und die Wiederkehr von Tag und Nacht — denn das alles kann der menschliche Sinn nicht nach Gebühr fassen und würdigen —, wenn also solches, was wir sehen, für unsern Verstand unbegreiflich ist, wie sollen wir dann erst das Himmlische schätzen, das wir nicht sehen ? Und wie gewaltig muß der Schöpfer aller dieser Dinge sein, durch dessen Wink alles entstand und durch dessen Willen alles gelenkt wird! Ihn also, Ihr Brüder, fürchtet über alles, ihn betet in allem an, ihn liebet über alles, an sein Erbarmen haltet Euch, an seiner Güte zweifelt niemals.“

Hundert Jahre nach der Taufe Chlodovechs spricht der römische Bischof Gregor der Große ein anderes, geradezu entgegengesetztes Wort über das Verhalten der Kirche dem germ. Heidentum gegenüber. Auch er hatte anfangs die ags. Missionare angewiesen, die Götzentempel der Bekehrten zu zerstören, aber er war zu der Überzeugung gekommen, daß es besser wäre, behutsam zur Werke zu gehen und den christlichen Glauben soviel wie möglich an deutsch-heidnische Vorstellungen anzupassen.

Der Brief, den Gregor an den Abt Melittus von Canterbury geschrieben hat, lautet:

„Sagt dem Augustinus (der mit 40 Benediktinern in England gelandet war, 596), zu welcher Überzeugung ich nach langer Betraohtung über die Bekehrung der Angelsachsen gekommen bin. Man soll die Götzeokirchen bei jenem Volke ja nicht zerstören, sondern nur die Götzenbilder darinnen vernichten; man mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel, man errichte Altäre und lege Reliquien hinein. Denn sind jene Kirchen gut gebaut, so muß man sie vom Götzendienste zur wahren Gottesverehrung umschaffen, damit das Volk, wenn es seine Kirchen nicht zerstören sieht, von Herzen den Irrglauben ablege, den wahren Gott erkenne und um so lieber sich an den Stätten versammele, an die es gewöhnt war. Und weil die Angelsachsen bei ihren Götzeuopfern viele Stiere zu schlachten pflegen, so muß auch diese Sitte zu irgend einer christlichen Feierlichkeit für sie umgewandelt werden. Sie sollen sich also am Tage der Kirchweihe oder am Gedächtnistage der heiligen Märtyrer, deren Reliquien bei ihren Kirchen niedergelegt werden, aus Banmzweigen Hütten um die ehemalige Götzen-kirebe machen und sollen so den Festtag bei kirchlichem Mahle feiern, so dem Teufel keine Tieropfer mehr bringen, sondern sie sollen zum Lobe Gottes die Tiere zum Essen schlachten und dem Geber aller guten Gaben für ihre Sättigung danken; denn wenn ihnen einige äußerliche Freuden bleiben, werden sie um so geneigter zu den innerlichen Freuden (der Bekehrung) werden. Den rohen Gemütern auf einmal alles abzusebneiden, ist ohne Zweifel unmöglich, weil auch der, so auf die höchste Stufe steigen will, durch Schritt und Tritt, nicht aber durch Sprünge in die Höhe kommt.“

Diesem weisen Verhalten Gregors, das klug den deutschen Volksgeist schonte und so die neue Lehre volkstümlich machte, ist es zu verdanken, daß uralte Kultustrümmer der heidnisch-deutschen Gottesverehrung heute noch als Volksfeste und Volksbelustigungen erhalten sind und als unzertrennliche Begleiter der kirchlichen Feste auftreten.

Zur Bezeichnung dessen, das unter dem Banne der Gottheit steht oder die engere Zugehörigkeit zu dieser ausdrückt, dient das urgerrn. Adjectivum hailagas. Heilig gehört zu heil und bezeichnet etwas, was dauernd heil und unversehrt, was unverletzt und unverletzlich ist. Unverletzlich war nach germ. Vorstellung nur das von den Göttern Geschützte, und somit drückt heilig den Gegensatz zum Profanen aus. Es scheint; daß „heilig“ seine eigentümliche Prägung erst durch den Gottesglauben erhalten hat und ursprünglich nicht zur Bezeichnung dessen verwendet wurde, das auch den Seelen und Geistern gehörte.

Für das enge Verhältnis von Zauber und Kultus aber ist bezeichnend, daß aus derselben Wurzel sich entwickeln konnte im got. weihs mit dem Begriff „geweiht, heilig“ (lat. victima „Opfertier“) und ags. wicca mit der Bedeutung „Zauberei“, ags. wiccan „zaubern“.

Die deutschen Götter gelten durchaus als mächtige Helfer und weise Lenker. Da das Opfer dem Menschen die Gnade der Götter gewinnen soll, ist die überragende Mehrzahl Bittopfer; es findet von der Gemeinde vor allem nach beendigter Aussaat, wie beim Beginne der Ernte statt. Eine Abart ist das Sühnopfer. Bei einem Viehsterben oder bei großen Landplagen gilt es, den mächtigsten Gott, der ganze Landstriche durch die von ihm zur Strafe gesandten Seuchen verheert, durch Opfer zu versöhnen; man hofft, durch einen Akt seiner verzeihenden Gnade Segen und Glück wieder zu erhalten. Das germ. Kriminalrecht ruht in seinem letzten Grunde auf der religiösen Idee der Sühnung. Hat die Gemeinde die Huld des Gottes wieder erlangt, so vergißt sie nicht ihm abermals zu nahen, in feierlichem Dankopfer. Es ist ein bedeutungsvoller Zug des deutschen Volksgeistes, daß er nach empfangener Wohltat sich dankend an die Gottheit wendet und sich nicht mit dem nackten Erfolge begnügt.

Ihren Höhepunkt erreichen die Opfer im blutigen Menschenopfer. Sie sind die fürchterlichsten, aber in gewissem Sinne auch die tiefsinnigsten Opfer des Heidentums; um die Götter zu gewinnen, verzichtet der Opfernde auf das, was ihm selbst als das Wertvollste erscheint, auf das eigene Leben, dann auf das der ihm zunächst Stehenden (wie der Kinder, Verwandten, Fürsten), und schließlich gibt er gewissermaßen als Ersatz das Leben der Gefangenen hin.

Dieser Ersatz an Stelle des Besten und Wertvollsten ist ein Zeichen des sinkenden Heidentums. Wohl wird noch ein Leben für das andere hingegeben, aber eins von geringerem Werte als das bedrohte. An Stelle der Könige und Fürsten, die für ihr Volk fielen, treten bei den Deutschen kriegsge-fangene Feinde, erkaufte Knechte oder schwere Verbrecher; Bonifatius klagt die christlichen Händler an, den Heiden Sklaven zu Opferzwecken verkauft zu haben. Wie an Stelle des höheren Lebens das niedere tritt, wie sogar das Opfer eines Tieres ein menschliches Leben ersetzen kann, so wird es ganz gebräuchliches Verfahren, den Teil für das Ganze hinzugeben. Die Gottheit erhält nicht mehr das ganze Opfertier, sondern nur bestimmte Stücke, oft solche, die der Mensch selbst nicht verwerten kann.

Schließlich bleibt von dem Opfer nur noch die bildliche Nachahmung übrig. Man brachte Nachbildungen von den erkrankten Gliedern dar, als Bittopfer vor der Heilung oder als Dankopfer nach derselben. Die Kirche hatte die heidnische Sitte zu bekämpfen, in Holz geschnittene Glieder zur Hebung der Krankheit vor einem heilkräftigen Idole aufzuhängen. Oder man ahmte die geweihten Opfertiere aus einem Mehlteige nach und opferte sie als symbolische Ersatzmittel. Wenn das Wasserhuhn an der Bode in Thale am Harz pfeift, muß ein Mensch ertrinken; aber dann werfen die Müller dem Xickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, um das Opfer abzulösen. Ja die Wassergottheit begnügt sich mit einer Nachbildung des Menschen, sie verlangt nur die Anerkennung ihres Hechtes. Die laubbekränzten Knaben und Mädchen (S. 48; s. u. 333) und die Stroh- und Lumpenpuppen, die am Sommer- oder Totensonntage (Laetare) in Franken, Thüringen, Meissen, Lausitz und Schlesien ins Wasser geworfen werden, sind nur ein Ersatz für einen lebenden Menschen, der beim Frühlingsbeginn für die Fruchtbarkeit des Jahres geopfert wird.

Uralt und weit verbreitet ist der Brauch, an geweihter Stätte ein Stück des Gewandes niederzulegen oder aufzuhängen. Aus dem 15. Jhd. ist die Sitte bezeugt, Knabenkleider an dem Pilbisbaum aufzuhängen für den Bilwiz. Häufig war es nur ein Dankopfer (vgl. Horaz Od. 15). ln Oberösterreich wirft man alte Kleider und Eßwaren in den Fluß, um vom Wassermanne Frieden für das ganze Jahr zu erhalten. Im Erzgebirge sucht man das Leben eines im Zeichen des Wassermannes geborenen Kindes dadurch zu retten, daß man dem Wassermanne ein getragenes Kleid des Kindes in den Fluß oder Teich wirft. Nicht als Opfer, sondern als mysteriöses Mittel der Heilung dienen die Kleidstücke, die sich an Quellen finden; auf die Lappen oder Fetzen soll die Krankheit übertragen werden. Die Gewänder wurden befeuchtet und in der Nähe des Wassers an einem Baume oder Strauche aufgeliängt, wo sie blieben, bis sie zerfielen; wer solches Opfer gebracht, durfte sich beim Weggehen nicht umschauen.

Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer

Germanenherz odinknot and runenÜber die Art und Weise des germanischen Gebetes fehlen genauere Nachrichten. Das einzige erhaltene Gebet, das allerdings in die älteste Zeit zurückreicht, ist der ags. Flursegen: „Zur Erde bet’ ich und zum Himmel darüber. . .“ (S. 278), „Erce, Erce, Erce, Mutter der Menschen“ (S. 276). Zu vergleichen ist der Brauch, daß in Mecklenburg am Ende des 16. Jhds. die Schnitter mit entblößtem Haupte um die Ähren im Reigen tanzen und dazu singen: „Wode, hole -deinem Roß nun Futter! Nun Distel und Dorn, aufs andere Jahr besser Koni!“ (S. 240, 302).

Das ags. Gebet ward stehend gesprochen, das Gesicht gen Osten, gegen die aufgehende Sonne gerichtet, unter deren belebenden Strahlen die Fluren gedeihen. Boiocalus blickt zur Sonne empor und ruft die übrigen Gestirne an, als wären sie gegenwärtig, ob es ihr Wille sei, auf leeren Boden niederzuschauen (Ann. 13w). Der Priester und der Hausvater flehten beim Erforschen der Zukunft zu den Göttern und blickten dabei gegen den Himmel auf (Germ. 10). Mit gebeugtem Rücken beteten die Langobarden zu Wodan, als sie ihm ein Ziegenopfer darbrachten (S. 251). Uralt ist die Sitte der Entblößung des Hauptes und vielleicht auch der Füße. Nur die Priester bei den Goten trugen während des Opfers Hüte, das übrige Volk aber stand unbedeckt (Jord. 5, 11). Auch von den Schnittern in Mecklenburg heißt es ausdrücklich, daß sie ihre Hüte abnahmen, während sie Wodan oder seine Gemahlin anriefen.

In der ältesten Zeit, von der keine geschichtliche Kunde uns meldet, war bei den gottesdienstlichen Handlungen, durch die die Gnade der Gottheit, ihr Segen für das Leben in Menschen, Tieren und Gewächsen, ihr Schutz gegen feindliche Kräfte und Wesen errichtet werden sollte, völlige Nacktheit des Bittenden und Opfernden erforderlich. Losgelöst von dem unreinen, gewöhnlichen Leben sollte der Mensch vor die Gottheit treten, wie ein vom Leben noch nicht beflecktes Kind. Auch die Götter w^aren ja in der Urzeit noch unverhüllt gedacht (S. 179). Wer eine über menschliche Kraft reichende Handlung vollziehen, den Göttern gleich wirken wollte, mußte wie sie nackt erscheinen. In den volkstümlichen Gebräuchen, die auf einen Einblick in die Zukunft und die Erkenntnis geheimnisvoller Erscheinungen zielen, ist die Nacktheit geboten; allerdings ist meistens die Entblößung des ganzen Leibes auf einen Teil, z. B. die Füße beschränkt.

Noch im 10. Jhd. ward bei Regenmangel ein Mädchen ausgewählt, nackt ausgezogen und zu einer Stelle außerhalb des Dorfes geführt, wo Bilsenkraut wachs. Dort mußte das nackte Kind eine Bilsenpflanze mit dem kleinen Finger der rechten Hand entwurzeln, die darauf an die kleine Zehe des rechten Fußes gebunden wurde. Zweige in den Händen haltend führte man die Kleine in den nächsten Bach, besprengte sie mit den ins Wasser getauchten Zweigen, saug dazu Zauberlieder und führte rück wärt» gehend das nackte Mädchen wieder ins Dorf. So hoffte man Regen zu bekommen (Burchard). Ursprünglich wnrde natürlich das Mädchen getötet als ein Opfer des Gottes, von dem das Gedeihen von Feld und Weide, also Regen und Sonnenschein abhing. Noch heute wird in vielen Gegenden ein Jüngling oder Mädchen in Laub, Schilf und Blumen gekleidet and durch das Dorf geführt, auch wohl ins Wasser geworfen. Der älteste Bericht hebt die völlige Nacktheit des Regenmädchens bei diesem Regenzauber hervor (vgl. auch S. 48). Die Umhüllung des ursprünglich nackten Menschen mit Laub und Kräutern ist die Bekränzung des Opfers. — In der heiligen Zeit der Wintersonnenwende suchen durch ganz Deutschland die Mädchen ihren künftigen Gatten im Schattenbilde zu schauen; wesentlich dabei ist die Nacktheit, die bis in die Gegenwart hinein noch häufig vorkommt. An Stelle der völligen Nacktheit ist bei den kimbrischen Priesterinnen die Barfüßigkeit getreten.

Als mit der steigenden Kultur der Mensch sich seiner Nacktheit schämte und gewahr wurde, daß er nackend war, machte er sich wie das erste Menschenpaar nach dem Sündenfalle Schürzen. Man wagte nicht mehr in seiner wahren Gestalt der Gottheit vor die mächtigen Augen zu treten, sondern suchte sich gewissermaßen durch Unkenntlichmachen vor ihr zu decken und zugleich feindliche Dämonen zu schrecken (S. 307). Uralte Gebräuche, die noch heute bei den Tänzen und Festspielen der Naturvölker geschehen, lassen sich auch für Deutschland vom Altertum her durch das Mittelalter bis in die Gegenwart bei Ernte- und Frühlingsfeiern, am heidnischen Neujahrsfest, aber auch bei Hochzeiten verfolgen. Wie man den überirdischen Wesen Gestaltenwechsel zuschrieb, namentlich von ihrer Fähigkeit fest überzeugt war, sich in Tiere zu verwandeln, so vermummten sich die Teilnehmer an Aufzügen bei gottesdienstlichen Festen in Tiermasken, besonders von Hirschen und Kühen. Ja, es scheint, daß diese Maskierungen wie die Nacktheit stattfanden, um den Göttern gleich zu erscheinen und gleiche Wirkungen auszuüben. Vor allem richteten sich die Verbote der Kirche gegen die Vermummungen bei der deutschen Neujahrsfeier.

„An den Tagen der Kalenden des Januar — beißt es in Predigten des 6. und 7. Jhds. — kleiden sich die Heiden mit Umkehr der Ordnung der Dinge in unanständige Mißgestalten, . . . diese elenden Menschen, und was noch schlimmer ist, einige Getaufte nehmen falsche Gestalt und monströse Gesichter an, worüber man sich schämen, dann aber vielmehr betrüben“muß. Denn welcher Vernünftige sollte es glauben, daß Menschen, die bei Besinnung sind, sich, indem sie den Hirsch spielen, in das Wesen von Tieren umwandeln wollen? Andere kleiden sich in die Felle ihres Viehes, andere setzen sich Tierhäupter auf, darüber sich freuend und ergötzend, daß sie sich so in die Gestalten wilder Tiere umgewandelt haben, daß sie nicht Menschen zu sein scheinen.“ „Was ist so verrückt, wie sich in wilde Tiere zu verkleiden, der Ziege oder dem Hirsch ähnlich zu werden, auf daß der Mensch, zum Ebenbilde und Gleichnis Gottes geschaffen, das Opfer der Dämonen werde?“ „Wenn ihr daher ihrer Sünden nicht teilhaftig werden wollt, so gestattet es nicht, daß der Hirsch oder die Kuh oder irgend ein Ungestüm vor euer Haus komme“ (wo man Gaben einsammelte). Die Christen werden aufgefordert, die von den. Ihren zu züchtigen, von denen sie wahrnehmen, „daß sie noch jene höchst schmutzige Schändlichkeit mit der Hindin und dem Hirsche treiben.“ Aber die Deutschen rechtfertigten sich, wie Bonifatius 742 an Papst Zacharias schreibt, damit, daß sie Ähnliches in Rom in der Nähe der Peterskirche gesehen hätten, wo man es ruhig geschehen ließe; auch dort gingen jedes Jahr am Tage oder in der Nacht vor den Kalenden des Januar Umzöge mit Gesang durch die Straßen und ließen heidnische Jubeltöne und unchristliche Lieder erschallen. Wie wenig die Verbote nützten, geht daraus hervor, daß sie im 11. Jhd. wiederholt werden mußten. Als Schwärzung des Gesichtes, Verkleidung in allerlei seltsame Trachten und Anlegen von Tiermasken hat sich der Brauch bis heute erhalten, namentlich zu Martini und in der Fastnacht.

Dem früher geschilderten Perchtenlaufen entspricht das Huttierlaufen in und bei Hall in Tirol. Die Abbildung 15 zeigt einen sogenannten „Altartuxer“, der auf dem Tuxerhute einen mächtigen Aufbau (= Altar) aus Kunstblumen trägt, in dessen Mitte sieh ein Spiegel befindet; ringsum ist der „Altar“ mit etwa 15 Schildhahnstößen und 50—60 weißen Hahnenfedern, dem tirolisehen Zeichen ungebeugten Mannesmutes besteckt; die Rückseite des Altars ist mit herab wallenden bunten Sendenbändern behängt. Aus Tubenholz geschnitzte und bemalte Larven, die mit dem Altarhute fest verbunden sind, werden vor dem Gesichte getragen (Fig. 15).

Auch das Schemenlaufen in dem oberinntaler Marktflecken Imst ist noch ein Stück der altgermanischen Frühlingsfeier. Unter den 300 Masken, die im Zuge mitwirken, fallen vor allem die sogenannten „Roller“ und „Scheller“ auf. Die Gesichtsmaske des Rollers stellt ein Mädchenangesicht dar; über diesem erhebt sich eine mit Seidenstoff bespannte Scheibe, die dicht mit Flitterwerk, Gold- und Silberblumen besteckt und, wie der oben beschriebene und abgebildete „Altar“, in der Mitte mit einem Spiegel versehen ist; sein bunter „Leibgurt“ ist dicht mit Schlittenschellen (Rollen) besetzt, in der Hand trägt er einen Wedel (Fig. 16). Mit graziösen Sprüngen tanzt der Roller vor dem Scheller, dem die Schwere seiner Lendenzier weniger gewandte Bewegungen, dafür aber ein um so betäubenderes Lärmen gestattet, denn sein Ledergurt ist mit großen Kulischellen behängt, die bei den wilden Sprüngen einen ungeheueren Spektakel verursachen. Sein Gesicht verdeckt eine wilde, aus Holz geschnitzte Männerfratze mit einem mächtigen langen Schnurrbarte. Über der Maske baut sich ebenfalls eine Scheibe auf, wie beim Roller, nur etwa doppelt so groß (Fig. 17).

Darauf folgt eine seltsam angekleidete Musikkapelle, die mit sonderbaren Instrumenten eine wahre Katzenmusik verübt; es ist die Hexenkapelle. Die „Hexen“ selbst mit auffallend häßlichen Gesichtsmasken (Fig. 18) und langen Besen veranstalten bei den ohrenzerreißenden Tönen ihrer Musikbande einen ganz wunderlichen Tanz.

Mit lustigen Sprüngen nahen dann die „Spritzenmönner“, die aus einer langen Spritze das neugierige Publikum mit Wasserstrahlen beglücken. Die „Rüßler“ mit ihren geschwärzten Gesichtem suchen andere anzuschwärzen; die „Kübele-Majen“ oder „Maimädchen“ machen den Schabernack wieder gut, indem sie die Gesichter der Angeschwärzten rein waschen, oder sie fahren auch den Nahestehenden mit einem nassen Lappen übers Gesicht.

Zu den Vermummungen gehören auch die Verstellungen der Männer in Weiber und der Weiber in Männer. Auch dagegen eifert die Kirche bereits in der ältesten Zeit:

Wie schändlich ist aber auch, daß die als Männer Geborenen Frauenkleider anziehen und in den schändlichsten Verkleidungen durch Mädchen-anzug die männliche Kraft weibisch machen, sie, die nicht erröten, die kriegerischen Arme in Frauenkleider zu stecken; bärtige Gesichter tragen sie zur Schau, und doch wollen sie ftlr Weiber gelten* (Eligius, Primin). Noch im 17. Jhd. verbietet eine brandenburgisch-kulmbach’sche Polizeiverordnung die Fastnachts-Vermummungen, wobei die Frauen sich in Mannes-, die Männer in Frauenkleidung verstellen. Dieser Kleidertausch der Geschlechter, namentlich bei den Mai- nnd Pfingstaufzügen, findet noch heute in Schwaben, Thüringen und der Altmark statt Im Elsaß wird bei der Beendigung der Weinlese auf einem mit Trauben beladenen Wagen ein ganz rußiger Mensch umhergefahren, der alle Begegnenden mit seinen rußigen Händen schwarz zu machen sucht. Den Wagen umgeben die übrigen Arbeiter, wobei sich die Männer als Weiber, die Weiber als Männer aufputzen.

Die gemeingermanische Bezeichnung für das Gebet ist verloren gegangen; auch der heidnische Ausdruck für Opfer mußte dem von der Kirche gebrauchten Fremdworte weichen. An Stelle des got., ags. blötan, an. blöta, ahd. pluozan „Gott durch Opfer verehren“, trat in Oberdeutschland ahd. opfarön, mhd. opfern, aus kirchenlat. operari = Almosen spenden, in Niederdeutschland as. offrön, engl, to off er, auf lat. offerre = darbietcn zurückgehend. Got. hunsl, an., ags. hüsl „Opfer“ gehört zu lit. szwefitas, aw. svetu „heilig“; ahd. siodan „sieden“ geht auf das beim Opfer gebrauchte, gesottene Fleisch.

Ahd. Je eit, as. geldy ags. giehl, nhd. Geld „die Spende“, „Entgeld“, was man als schuldig zu entrichten gezwungen ist, bezeichnet sowohl Zahlung, Steuer, wie Opfer. Zu dem gemeinschaftlichen Opfermahle wurden die Steuern in Form von Lebensmitteln eingesammelt, wobei das Heiligtum von Haus zu Haus herumgeführt wurde. Eine solche Einigung zum religiösen Mahle bildete nach altgermaniscliem Begriff eine Gilde. Von diesen alten Opferschmäusen beim Götterdienste oder auch schon von den durch den Totenkult geforderten Opfergelagen führen die Gilden ihren Namen.

Unmöglich konnten natürlich bei den großen Festen der religiösen Genossenschaften alle Teilnehmer im Tempel Platz finden. Beim Überfalle des Germanicus wurde der Tempel der Taufana dem Erdboden gleich gemacht, und die feiernden Massen wurden auf ihren Gehöften niedergemacht (Ann.l50_51). Also nur ein Teil feierte im Heiligtume selbst, der andere in derselben Weise unter freiem Himmel oder in den nächsten Höfen. Aus dem Schreiben Gregors an Melittus geht hervor, daß die Teilnehmer während der Festzeit sich in Laubhütten bei der Kultusstätte aufzuhalten und für sich zu feiern pflegten. Aber es wurde nicht allein zu Ehren der Götter gegessen; sondern auch wacker getrunken. Welche Angelassenhenheit dabei herrschte, kann man daraus ersehen, daß die Germanen im Spätherbste des Jahres 14 nicht einmal die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen und für das Auf stellen von Nachtposten nicht Sorge getragen hatten.

Der übermäßige Genuß von Speise und Trank konnte dem Gläubigen nicht schaden, sondern nur Vorteil bringen. Je mehr er aß, um so sicherer war er, des Segens der Gottheit teilhaftig zu werden, der auf das ihr geweihte Mahl überging, und je mehr Becher er ihr zu Ehren leerte, um so stärker und schöner mußte er werden. Feierte die Gemeinde ein großes Fest nach glücklich eingebrachter Ernte oder zur Zeit der Wintersonnenwende, so durfte sich niemand vom Opferschmaus und Gelage zurückziehen. Selbst der vorüberwandernde Fremdling ward gastlich in den feiernden Kreis gezogen. Gregor von Tours spricht von der Überfüllung mit Speise und Trank, der sich die Barbaren im Opferbezirke bis zum Erbrechen ergeben hätten (vitae patr. 6). Die Langobarden wollten 579 bei einem Siegesfeste 400 gefangene Christen zwingen, Wodan anzubeten und vom Opferfleische zu essen (S. 250).

Aus dem mit Silber oder anderem Metalle beschlagenen Becher brachte man von dem Biere, das die Priesterinnen bei den öffentlichen Feiern bereitet hatten, oder von dem Met, den die Frauen durch Aufguß auf Honigwaben gewonnen, den Göttern ein Trankopfer dar. Wie man der Verstorbenen beim fröhlichen Mahle gedachte und zur Erinnerung an sie „Minne“ (d. h. Gedächtnis) trank, so war es Sitte, auch der Götter nicht zu vergessen, man ließ sie den feierlichen Trank mitgenießen (Gregor, a. a. 0.). Dankwart stürmt mit Blut bedeckt, das bloße Schwert in der Faust, in den Saal und verkündet laut den treulosen Überfall in der Herberge. Da springt der grimme Hagen auf, heißt ihn die Türe schließen und bricht in die entsetzlichen Worte aus: „Nu trinken wir die minne und gelten s küneges win (N. L. 1897) d. h. „nun trinken wir die Minne und opfern des Königs Etzel Wein“; dabei schlägt er Kriemhilds Sohn das Haupt ab. Wie man beim Mahle einen Becher leerte als Gedächtnis für die Toten, so denkt Hagen in furchbarer Ironie des erschlagenen Siegfried; der Trank aber ist Blut, und die Becher sind die Schwerter; des Königs Wein ist das Opfer, das Blut seines Sohnes und seiner Mannen. Der heilige Columban traf auf ein alemannisches Wodansfest; in dem mächtigen Opferkessel stand aus 26 Scheffeln Getreide gebrautes Bier; sie wollten auf die Minne ihres Gottes trinken. Auch Liutprand erwähnt, daß die Deutschen des Teufels Minne getrunken hätten; an welchen heidnischen Gott zu denken sei, läßt sich nicht erkennen. Der Ind i culus enthält das Verbot depotando (memoriam oder amorem, quod boni vocant sanctae Mariae d. h. nicht über das Minnetrinken zu Ehren der Maria, sondern über das Trinken zum Andenken an heidnische Götter (No. 19).

Im heiligen Festrausche ließ man sich zu Gelübden kühner * Taten hinreißen. Tacitus scheint von solchen gehört zu haben: „Beim Gelage beraten sie über die Gewinnung von Häuptlingen und über kriegerische Unternehmungen, und am nächsten Morgen überlegen sie, wie sie das Gelübde ausführen können; handelte es sich um Angelegenheiten de)‘ Gemeinde, so konnte das Gelöbnis nur in voller Volksversammlung zum Beschluß erhoben werden“ (Germ. 22).

Feierliche Lieder zum Preise der Götter erklangen beim Opferfeste.

Die ags. Verse: »Heil sei dir Erde, Menschenmutter“ (S. 276) sind ein uralter heidnischer Frühlingshymnas. Aach der Eingang eines alten Donarhymnus ist erhalten (S. 265). Gesänge, die die Germanen allzu siegesgewiß an den Kriegsgott richteten, erwähnt Tacitus (Ann. 1M). Als die Bataver unter Civilis bei castra vetera die Kohorten und Schwadronen des Cerialis geschlagen haben, briugen sie die Nacht unter Gesang und Jubel zu (Hist. 516). An beiden Stellen sind Opferleiche beim Siegesfeste gemeint. Bei einem Siegesfeste 579, wobei die Langobarden Wodan ein Ziegenopfer darbringen und im Kreise umtanzen, weihen sie es »mit einem verab-scheuungswördigen Liede* dem Gotte (S. 251).

Ahd. Ansleicus, ags. Ösläc, Leich für die Götter, bedeutet einen solchen Hymnus auf die Götter, wie sie an hohen Festen angestimmt wurden. Aber keins von diesen alten ehrfürchtigen Liedern ist auf die Nachwelt gekommen, selbst ihren Inhalt können wir kaum vermuten.

Noch im 12. Jhd. nahmen an dem niederländischen Schiffsumzuge Männer und Frauen teil; unsinniges Gejuchze und Jubelgescbrei ertönte, selbst Matronen drehten sich im wirbelnden Reigen, auch Musik und der Geistlichkeit anstößige Gesänge fehlten nicht (S. 291). Nicht nur bei den großen Festen der Ampbiktyonien erklangen heilige Lieder, bei keinem Opfer, das die Gemeinde darbrachte, fehlte der weihevolle 8ang. Gerade diese religiösen Volksgesänge erschienen der Geistlichkeit gefährlich; sie bezeichnete sie als „Teufelslieder*, nannte sie „schimpflich, albern und unanständig* ; die Kapitularien verboten Tänze und Gesänge in den Häusern, auf den Straßen oder einem anderen Orte als Überbleibsel des Heidentums.

Bei Kirchweihen und den Festtagen der Heiligen, den alten heidnischen Festtagen, strömte das Volk nAch wie vor zusammen, aber statt zu beten oder auf die psallierenden Geistlichen zu hören, sang es heidnische Lieder zur Begleitung der Reigentänze, und diese wurden besonders von Frauen ausgeführt (Konzil von Cbälons 639—654). Der Indiculus verbietet diese die Heiligkeit der Kirche entweihenden Mißbräuche (Nr. 5: de taeri-legiis per eeelesias): eine Folge der anfänglichen milden Bekehrungspraxis und ein Beweis für das Festhalten unserer Vorfahren an OpfergelAgen mit Spiel, Gesang und Tanz. Also nicht einmal von den Kirchen waren die heidnischen Festfeiern mit ihren Liedern und Tänzen fernzuhalten, wie viel mehr mußten sie in Wald und Flur fortleben! In dem mecklenburgischen Volksbrauche sind noch alle Teile der germanischen Opferfeier enthalten; mit der Opferspende — ein Büschel Getreide bleibt für den Gott, sein Roß und seine Hunde ungeschnitten — verbindet sich unter Entblößung des Hauptes Gesang und Tanz (S. 240).

Zum Opferfeste gehörten außer Schmaus, Gelage und Gesang auch heilige Opfertänze. Dieser Reihentanz hat sich Jahrhunderte lang als Bauerntanz erhalten, und als der Bauer ihn aufgab, setzte ihn das Kind bis heute fort, und dunkle Erinnerungen an heidnische Gebräuche leben in den verderbten Versen weiter, mit denen sie begleitet werden. Die altgermanische Bezeichnung für diese Verbindung von Lied, Melodie und Tanz ist *laikaz, got. laiks, ags. läc, ahd. leih, Leich (mhd. leichen = hüpfen). Da da9 Wort in allen germanischen Sprachen wiederkehrt, muß es uralt sein, und wenn läc im ags. auch „Opfer“ und „Gabe“ bedeutet, so muß Tanz, Musik und Gesang zur urgermanischen Opferfeier gehört haben. Wiederum bietet Tacitus den ältesten geschichtlichen Beleg (Ann. 1Ä0); denn die Worte bei der Schilderung des Festes derTanfana: „Die Germanen begingen diese Nacht festlich und weihten sie bei feierlichem Mahle dem Spiele“, zwingen an die mit Schmausen, Singen und Tanzen verbundenen Opferfeste zu denken.

Bei Beginn des Frühlings, bei der Aussaat, im Mittsommer, bei der Ernte wie zur Weihnachtszeit, beim Anrücken gegen den Feind wie nach erfochtenem Siege, aber auch bei der Hochzeit und der Totenfeier ertönten heilige Lieder teils heitern, teils ernsten Inhaltes, aber alle Gesänge waren teils von den lebhaften Windungen des Beigentanzes begleitet, teils in feierlich abgemessenem Schritt vorgetragen. Der Gesang ist zugleich Bewegung, Wort und Weise zugleich Takt. Eine Beschreibung des Schwerttanzes gibt Tacitus (Germ. 24; S. 217). Von den Ditmarschen wissen wir, daß sie die Lieder zum Tanze sangen, die sie in ihren Fehden und Kriegen dichteten.

Lied und Beigen begleiteten auch die Prozessionen, bei denen das Götterbild in festlichem Zuge unter Leitung des Priesters vorangetragen wurde; die festlich geschmückte Gemeinde, Blumen und Kränze im Haare, Weidenzweige in der Hand, oder in allerlei Vermummungen, führte unter Gesang Spiele und Tänze auf. Noch heute ist „begehen“ die übliche Bezeichnung für die Feier eines Festes und besagt nichts anderes wie „einen feierlichen Umzug“ halten. Wie die Götter selbst zu bestimmten heiligen Zeiten durch das Land zogen, um Segen zu spenden, so ahmte man aucli ihre Umzüge nach und führte ihre Bilder oder Symbole mit, der festen Hoffnung, daß auch diese dasselbe wirken würden wie jene selbst. (Vgl. den Umzug der Nerthus S. 279 ff., das auf Rädern gehende Schiff der Xehalennia S. 291 und das Gebot. Athanarichs, vor dem umhergefahrenen Bilde eines gotischen Gottes niederzufallen und der Gottheit während des Verweilens Opfer darzubringen S. 284).

Umzüge fanden zu verschiedenen Zeiten und zu verschiedenen Zwecken statt. Besonders im Frühling, wo das Korn im vollen Wachstum steht, und wo am leichtesten Gefahr durch Wind und Wetter, Begen und Sturm, Schlossen, Hagel und Dürre droht, wurden feierliche Umzüge durch die Felder abgehalten. Wie man die Heiligtümer mit Binsen und Laub bestreute, so schmückte man die Wohnungen mit Birkenreisern; zur Abwehr schadenfroher Geister besprengte, man sie mit Weihwasser oder zog zu ihrem Schutze Furchen um sie (Indie. Nr. 23: de sulcis circa villas).

Am Abend vor der Feier versammelte man sich an heiliger Kultusstätte, hielt das Opfermahl, wozu jeder beisteuerte, unter Tanz und Gesang ah und zog am anderen Morgen vor Sonnenaufgang um die Saatfelder in langer Prozession, voran der Priester, in der Mitte die Götterbilder in weißer Umhüllung und am Schluß die zum Opfer bestimmten Tiere. Unter den heiligen Eichbäumen oder am heiligen Quell machte der Zug Halt, der Priester segnete die Feldfrüchte und flehte, gegen Sonnenaufgang das Antlitz gerichtet, die Götter um Schutz und Schirm vor Unwetter, Hagel und Mißwachs, um Segen für Saat und Vieh an. Bei der Rückkehr wurde das Götterbild an den altheiligen Ort zurückgeführt, in den Tempel oder an heiligen Bäumen aufgehängt oder auf Baumstämmen aufgestelit, das gemeinschaftliche Opfer gebracht und das Opfermahl gehalten. Der Gottheit wurden Tiere geschlachtet, Brot, Eier, Pflanzen und Früchte des Feldes geopfert und Feuer angezündet. Unter dem Singen feierlicher, alter Weisen tanzte man jauchzend und jubelnd um den brennenden Holzstoß, steckte verglimmte Scheite des Opferfeuers gegen Hagel und Blitz in die Felder oder streute die Asche darauf.

Noch im 10. Jhd. verlief der Flurumgang in dieser Weise; die entworfene Schilderung ist unter Heranziehung alter Gebräuche im wesentlichen eine heidnische Rückübersetzung einer Verordnung der Äbtissin Marcsuith vom Kloster Schildesche bei Bielefeld (940). Nr. 28 des Indiculus handelt von dem Götterhilde, das sie durch die Fluren tragen [de simu-laci’o, quod per campos portant). Da es der Kirche nicht gelang, diese Feld- und Flurbegänge auszurotten, verwandelte sie diese mit Beseitigung des Anstössigen und Uradeutung der einzelnen Teile in Litaneien und Rogationen. An Stelle des Gottes trat der Patron der Kirche, an die Stelle der Opfergaben Almosen zum Besten der Armen, an die Stelle der Opfer und Lieder Vigilien und heilige Gesänge.

Der Aufzug und das Spiel wie die begleitenden Reden und Gesänge verschmolzen zu einer eigentümlichen Kunstgattung, in der wir die ersten rohen Behelfe dramatischer Kunst, den Anfang des deutschen Schauspiels zu sehen haben. Man besang nicht bloß die Taten der Götter im feierlichen Liede, sondern stellte sie mit verteilten Rollen dramatisch dar; der Inhalt des Liedes wurde beim Feste wirklich vorgeführt. Ein dramatischer Wettkampf zwischen Sommer und Winter wird noch heute in manchen Gegenden veranstaltet und hat früher sicherlich einen Teil der germanischen Frühlingsfeier ausgemacht.

Der Sommer tritt auf, in Kfeu, Singrün, oder weiße Gewänder gekleidet, der Winter in Stroh und Moos oder Pelz vermummt. Unter dem Zurufe des Volkes, das gleichsam den zuschauenden Chor abgibt, beginnen beide einen Streitgesang, dann kämpfen sie mit ihren Holzstangen, bald werden sie handgemein und ringen so lange miteinander, bis der Winter niederliegt. Dem zu Boden geworfenen Winter wird seine Hülle abgerissen, zerstreut und ein sommerlicher Kranz oder Zweig umhergetragen. Die in den Worten des Chores

.Stab aus, Stab aus, Stecht dem Winter die Augen aus!“ enthaltene grausame Sitte ist gewiß ein Rest aus uralter Zeit. Beim Zürcher Sechseläuten im April wird noch heute der Winter, „Bögg“ genannt, durch die Straßen der Stadt nach dem Richtplatze geführt, die mit Feuerwerkskörpern gefüllte Riesenpuppe auf einer hohen Stange aufgestellt und darunter ein großer Reisighaufen zusammengelegt. Die Vorübergehenden verspotten die Figur, und in Gegenwart der Zünfte wird der Holzstoß mit dem sechsten Glockenschlag in Brand gesetzt, unter lautem Geknatter explodiert das Feuerwerk im Körper des „Bögg“ und zerfetzt die letzten Überreste des Winters. Mißglückt die Verbrennung, und tritt im folgenden Jahre Unglück ein, so ist die Behörde daran Schuld, weil sie die „Hinrichtung“ nicht ordnungsgemäß vollzogen hatte.

In Schlesien wird am Sonntag Lätare die „Marzanna“ (Fig. 19), eine sorgfältig herausgeputzte Strohpuppe, und der „Gaik“ (Fig. 20), ein mit Eiern und bunten Bändchen behängtes Bäumchen, unter Absingung passender Lieder durch das Dorf getragen. Die große, auf einem Stocke befestigte Puppe verkörpert den nun überwundenen Winter. Jauchzend wird sie nach dem Umzug in ein Gewässer geworfen, und dann mag der durch das Bäumchen dargestellte Frühling seinen Einzug halten; alt und jung ist voll Sehnsucht, ihn zu empfangen. — In der Frühe des Maitages zog man in den Wald, um den Sommer einzuholen, zu empfangen oder zu begrüßen. Die Rolle des Sommers pflegte dabei der sog. Maikönig oder Maigraf zu spielen, der sich seine Königin oder Gräfin wählte (S. 282). ln Moos gekleidete Personen, die letzten Nachzügler des Winters, wurden dabei verfolgt und vertrieben (S. 144). Das geschmückte, in Laub und Blumen verkleidete Paar wurde unter Jubel und Gesang aufgesucht und hielt dann fröhlichen Einzug im Dorfe, oder feierte auf dem Saatfelde das Brautlager.

Merkwürdig und noch nicht aufgeklärt ist eine Nummer des Indiculus (Nr. 24: de pagano cursti quem yrias nominant, „scissis pannis vel cdlciamentis“). Man deutet den sächsischen Ausdruck „yrias“ auf einen Volksumzugs-Brauch, der dem oben geschilderten Winter-Austreiben, oder, wie es an anderen Orten heißt, dem Tod-Austragen verwandt ist: der Person, die den Winter darstellt, oder der Puppe, die ihn symbolisiert, werden dabei die Kleider zerrissen. Man sucht in yrias eine Ableitung des Stammes „Jahr“ und deutet es als „Jahresfest“.

Was dem Menschen selbst Freude machte, das mußte nach alter kindlicher Auffassung auch den Göttern Freude bereiten. Nicht nür die Opfergaben stimmten die Himmlischen gnädig, sondern auch die Spiele, die ihnen zu Lust und Ehren veranstaltet wurden. Je mehr man seine Geschicklichkeit und Gewandtheit zeigte, um so huldvoller mußten die Götter dareinschauen. Ein heldenhaftes Volk findet Gefallen an kriegerischen Vorführungen, an Spielen, die Mut und kühnes Wagen offenbaren. Wie bei den Griechen, so gehörten auch bei den Deutschen Wettläufe und Wettrennen als heilige Kulthandlungen zu den Frühlings- und Erntefesten; aber auch bei den bedeutenden Ereignissen des öffentlichen und häuslichen Lebens fehlten sie nicht. Die ags. Synode von 747 bestimmt „die Litaneien an den drei Tagen vor der Himmelfahrt Christi mit Fasten und Meßopfern zu begehen, aber ohne eitle Nebendinge, wie sie oft geschähen, z. B. Spiele, Pferderennen, Mahlzeiten“.

Der Kultus – Opferspeise

Die älteste Opferspeise waren die wuchtigsten Erzeugnisse der Ackerwirtschaft wie der Viehzucht; der Krieger wird blutige Opfer, der Hirt und Ackerbauer wird Vieh und was die Herde, der Acker, das Feld und der Haushalt bietet, darbringen: Milch, Butter, Eier, Körnerfrüchte, Honig, Pflanzen, Blumen, Brot und Wein. Mit unblutigen Opfern mußte sich der einzelne begnügen, blutige Opfer, die an den großen Jahresfesten fielen, wurden von der Familie oder der Gemeinde dargebracht.Die Früchte deß Feldes wmrden in die gen Himmel steigende Flamme oder in den brausenden Wind gestreut, oder man ließ einen Teil von ihnen zum Gebrauche für die Götter auf der Flur stehen, oder stellte ein aus ihnen bereitetes Gericht für sie beiseite. Blumenschmuck durfte selbst bei dem Opfern von Tieren und Menschen nicht fehlen (vgl. das laubbekränzte Regenmädchen S. 48). Bevor die weissagenden Priesterinnen der Kimbern den Gefangenen die Gurgel durchschnitten, bekränzten sie diese (Strabo 72).

Die bei den Gemeindefesten zum Opfer bestimmten Tiere wurden mit Blumen bekränzt und mit bunten, farbigen Bändern geschmückt, den Kühen und Böcken die Hörner vergoldet. Selbst die Teilnehmer waren festlich mit Blumen und Kränzen geziert. In den Kräutern und Gräsern waren heilbringende Kräfte enthalten; dankbar erblickte man in ihnen kostbare Geschenke der Götter, und in kindlicher Einfalt wußte man sie nicht besser zu vergelten, als dadurch, daß man die heilkräftigsten Blumen bei dem Opfer den Himmlischen darbrachte.Zu den unblutigen Opfern gehören auch die bildlichen Opfer, die eine Nachahmung des blutigen Ritus sind. Das älteste schriftliche Zeugnis für Kultgebäcke oder Gebildbrote der Mittwinterzeit ist bei Eligius erhalten: „Niemand begehe an den Kalenden des Januars die Abscheulichkeit und Abgeschmacktheit, Kälblein (vetulas = vitulos? oder Vetteln, Weibsbilder?), Hirschlein oder Teigfiguren herzustellen“ (iutticos; al. ulerioticos = vellerios ticos „zottige Ziegen“?). Nr. 26 des Indiculus handelt vom Götzenbild aus geweihtem Mehle oder auch aus süßem hefelosen Teig (de simtdacro de consparsa Jarina).

Für die Opfer und die sich anschließende Mahlzeit kneteten die Frauen Götzenbilder aus Teig, in der Form eines Gottes oder eines seiner Symbole oder eines der ihm heiligen Tiere. Diese wurden mit Öl bestrichen, an geweihter Stätte von den Frauen gebacken und teils den Göttern dargebracht, teils verzehrt. Obwohl diese Brote, Fladen oder Kuchen nur ein Ersatz für das wertvollere Tieropfer waren, glaubte man doch, daß durch den Segen des Priesters die geheimnisvolle, göttliche, sündentilgende oder segenbringende Kraft in sie eindrang und auf den Genießenden übertragen wurde. Zahlreiche Spuren dieser Opferbäckereien haben sich bis heute erhalten. Noch vor kurzem bildete zu Ulten in Tirol die Hausmutter aus dem letzten, vom Teigbrette zusammengescharrten Brotteige eine unbestimmte Figur, die „der Gott“ hieß. Die verschiedenen Backwerke zu Ostern, Martini und Weihnachten: die Osterwölfe, Osterwecken, Hedwige (= heiße Wecken), der Pflaumenmann, der Pfefferkuchenreiter, die Pferde und Schweinchen am Weihnachtsbaume sind nichts weiter als alte Opferkuchen; das Martinshorn stellt die langgebogenen Hörner eines Ochsen oder einer Kuh vor; in England schenkte man sich sogar übergoldete Martinsringe von Kupfer zu Martini (11. Nov.).

Bis in die Mitte des 6. Jhds. können wir ein anderes, unblutiges Opfer verfolgen: man opferte das Abbild und gleichsam das Ersatzmittel des erkrankten Gliedes oder Körperteiles in Holz, Metall oder Wachs, um Heilung zu erlangen (S. 331).Wer an einem Gliede ein Gebrechen trug, brachte ein hölzernes Abbild als Weihgeschenk in den Tempel zu Köln oder stellte es an der Wegscheide auf (Greg. v. Tours, vitae patr. 6). Eligius befahl: .Verbietet die Nachbildung von Faßen, die sie an Kreuzwege stellen, und verbrennt sie mit Feuer, wo ihr sie antrefft; durch keine andere Weise könnt ihr gesund werden, wie durch Anrufen und das Kreuz Christi.“ .Legt nicht aus Holz gemachte Glieder an Kreuzwegen oder Bäumen oder anderswo nieder, denn sie können euch keine Heilung verschaffen“ (Primin 22). Der Indiculus verbietet das Aufstellen oder Aufhängen von Armen und Beinen (Nr. 29: de ligneüs pedibus vel manibus pagano more). Diesen Brauch, gegen den die Kirche anfangs eiferte, gestattete sie bald selbst. Im 10. Jhd. mischte sich heidnischer Glaube seltsam mit christlicher Zutat: man brachte die Abbildungen nicht mehr vor die Götterbilder, sondern an die Kreuze, die an Scheidewegen errichtet waren; unter christlicher Form verbarg sich so heidnische Kultusstätte und heidnischer Aberglaube (Burch. v. Worms).

Dieselbe Sitte wurde von menschlichen Krankheiten auch auf die der Tiere ausgedehnt, besonders in Bayern und den benachbarten deutsch-Österreichischen Landschaften. Ein Hufeisen des kranken Pferdes wird angenagelt, kunstlos aus Eisen geschmiedete Abbildungen von Tieren wurden in ganzer Figur aufgehängt, oft waren es nur die erkrankten Glieder. Anstatt des Tieres, das man zur Beschwichtigung der Seuche unter die Schwelle der Stalltüre lebendig vergrub, wurde auch ein metallenes Abbild eingegraben.Diesen unblutigen Opfern stehen die kräftigeren blutigen zur Seite. Blut ist ein ganz besonderer Saft. Uralt ist der Glaube, daß zur Sühne Blut fließen muß: das blutige Opfer Abels, der als Hirt von den Erstlingen der Herde opfert, gefällt Jahve besser als das des Ackerbauers Kain, der die Früchte des Feldes darbringt. Bei den Deutschen waren nur untadelige, meistens männliche Haustiere und Wild opferbar, nicht Raubtiere. Für Tius und Wodan wurden Rosse auserlesen, für Wodan Rinder, Ziegen, Hunde, für Frija Kühe und Schweine, für Donar Böcke, Hähne und Gänse. Donar und Tius versöhnen sie mit den erlaubten Tieropfern, sagt Tacitus (Germ- 9). Diese erlaubten, d. h. ausgewählten und geheiligten Tiere wurden Ziefer genannt (ahd. zebar, ags. tifer; Ungeziefer = „schlechtes Getier“; portug. Zebra). In den ältesten Zeiten galten besonders Pferdeopfer als wohlgefällig: in den heiligen Hainen und Waldtriften wurden weiße Pferde gehalten (Germ. 10).

Die Hermunduren opferten die Pferde der besiegten Chatten (Ann. 1357). Ihr Fleisch wurde bei den Mahlzeiten gegessen; im got. hat sogar der Dornbusch, womit das Roßopfer angezündet wurde, davon den Namen Roßzünder (aihvatundi). Den Thüringern wurde noch zur Zeit des Bonifatius das Verbot eingeschärft, Pferdefleisch zu essen, und selbst 1272 wurde ein Gesetz veröffentlicht, das den Genuß des Pferdefleisches aufs strengste untersagte. Bei den Franken und Alemannen war das Ferkel als Opferspeise beliebt; ahd. friscing (Frischling) übersetzt geradezu lat. hostia, victima, holocaustum.

Dem Opfertiere wurde das Haupt abgeschnitten, dieses wurde dann als Pfand der Versöhnung zwischen Gottheit und Mensch an heiliger Statt unter dem Dachfirst aufbewahrt und galt als sicheres Unterpfand des Wohlwollens der Götter und als Schutz vor Krankheiten. Die in Deutschland weit verbreitete Sitte, die Giebel der Häuser mit zwei roh geschnitzten Pferdehäuptem oder anderen Tierschädeln zu zieren, hängt damit zusammen. Der Glaube lag nahe, daß selbst hölzerne Abbildungen der heil- und wunderkräftigen Opferhäupter zum Schutze der Gehöfte dienen würden. Die Sitte des Hauptabschneidens beim Opfer reicht bis in die ältesten Zeiten des deutschen Heidentums zurück.

Auf dem Schlachtfelde des Varus sahen die Soldaten des Germanicus an den Baumstämmen angenagelte Schädel (Ann. 1A1). Die Alemannen schnitten Pferden, Rindern und anderen Tieren die Köpfe ab und riefen die Götter an (Agathias 28s). Gregor ermahnt die Frankenkönigin Bruni-hild, die Franken zu verhindern, daß sie bei den Häuptern von Tieren verruchten Opferdienst trieben (Epist. 75). Im Märchen wird das Haupt des treuen Pferdes Falada über das Tor genagelt, und die Königstochter führt mit ihm Gespräche (K. H. M. Nr. 89).

Das herabrinnende Blut wurde unter der Weihe heiliger Segensformeln oder Lieder und unter Tänzen in einer Grube oder in Opferkesseln aufgefangen; in diese tauchte man Wedel, um das Volk zu besprengen oder Altäre und Götterbilder damit zu bestreichen. Haut, Knochen und Eingeweide des Rumpfes der geköpften Opfertiere wurden in dem Opferfeuer zu Asche verbrannt.

Darin lag keine Mißachtung der Götter, denn sie vermochten aus dem, das dauernd Zeugnis ablegte für das geopferte Tier, also aus den bleibenden Gebeinen stets neues Leben zu erwecken. Das Übrige wurde gesotten, wie es scheint, aber nicht gebraten, durch die Priester an das Volk verteilt und gemeinschaftlich verzehrt. Später wurde ein Baum auf dem Opferplatze errichtet und die Äste mit den gesammelten Knochen besteckt. Die Spitze des Opferbaumes oder Knochengalgens zierte ein Pferdeschädel. Mit Gelage, Minnetrinken, Tanz, Spiel und Ausgelassenheit schloß dann die Feier.

Das höchste und feierlichste Opfer war das Menschenopfer. Natürlich konnte sich an ein Menschenopfer der Opferschmaus nicht unmittelbar anschließen, vielleicht fand er dann überhaupt nicht statt, oder es wurden auch Tiere geopfert, die das Fleisch zur Mahlzeit gaben.

Die älteste Nachricht von Menschenopfern bei den Deutschen findet sich bei Strabo (72). Die weissagenden Prieste-rinnen der Kimbern bekränzten die Kriegsgefangenen und führten sie an einen ehernen Kessel, der etwa 20 Maß faßte. Dann bestieg eine von ihnen einen Tritt und durehschnitt, über einen Kessel gebeugt, dem Gefangenen, der über den Rand empor gehoben wurde, die Gurgel (s. u. Priesterinnen). Auch die Scharen des Ariovist opferten die Gefangenen; nur dem glücklichen Fallen der Lose verdankte Procillus seine Rettung (Caesar b. g. 158). „In bestimmten Fristen halten sie auch Menschenopfer zu hingen für frommes Recht“ (Germ. 9); in diesen Worten des Tacitus liegt eine leise Entschuldigung der Menschenopfer, es ist nicht Grausamkeit, sondern religiöse Verirrung. Aber der Zusatz, „in bestimmten Fristen“ zeigt, daß solche Menschenopfer nicht ausnahmsweise stattfanden, sondern ein durchaus fester und regelmäßiger Brauch waren. Im Frieden wie im Kriege fielen Menschenopfer.

Der Umzug des Wasservogels und des laubbekränzten Regenmädchens in Schwaben und Bayern sind Reste eines uralten Menschenopfers am Frühlingsfeste des schwäbischen Tiu, des bajuvarischen Eru (S. 205).

Auch bei den Herbstfesten wurde ein Mensch geopfert, um die himmlischen Mächte zu erfreuen und zu stärken, die das Wachstum, das Sonnenfeuer und das befruchtende Himmelswasser schaffen. Ein lebendiger Mensch ward in der Urzeit begraben — heute in volkstümlichen Gebräuchen zum Schein oder als Ersatz nur ein Strohmann; oder er ward, in Erbsenstroh gehüllt, verbrannt — heute nur noch das Stroh, womit er umwickelt ist; oder er ward im Wasser ertränkt — heute wird ein „Butz“ hineingeworfen. Beerdigen, Verbrennen, Ertränken, das waren die verschiedenen Arten des Menschenopfers am Herbstfeste.

Menschenopfer sind an den Quellen selten gefallen, wohl aber an Strömen und Seen, also an fließendem Wasser und an tieferen, größeren Wasserbecken.Das furchtbare Menschenopfer, das der Frankenkönig Theudebert 539 brachte, als er mit seinem Heere über die alte Pobrücke zog, war zwar ein „Erstlingsopfer des Krieges“ (Procop, b. g. 2*8), aber zugleich ein Opfer an den Flußgott (S. 222). Bis in die Gegenwart erhielten sich die Spuren des Brückenopfers. Die Sagen von der notwendigen Einmauerung eines lebenden Menschen in den Brückenbau bewahren die Erinnerung an die Brückenopfer aufs zäheste. Unzählige B’lüsse, Seen und Teiche stehen in dem Rufe, Menschenopfer als Recht zu fordern; wenn die Stunde gekommen, lockt der Wassergeist durch seinen Ruf oder durch Pfeifen, durch gellendes Lachen oder auch durch einen glockenähnlichen Klang aus der Tiefe den zum Tode bestimmten Menschen mit unwiderstehlicher Gewalt zu sich. Meist zu Johannis (24. Juni), am Mitsommerfeste, fordert das Wasser sein Opfer. Am Sonnen wendtage, der hochheiligen Zeit der blühenden und reifenden Natur, hat das Wasser ganz besondere Kräfte; aber es war auch der Tag, an dem die Wassergeister besondere schädliche Macht hatten und ein Menschenopfer verlangten. Ihnen, die das sommerliche Gedeihen wesentlich gefördert hatten, wurde ein Menschenopfer gebracht.Die Angabe des Tacitus, daß nur dem höchsten Gotte Wodan das höchste Opfer, der Mensch, falle (Germ. 9), ist nicht richtig.

Selbst den niederen Naturmächten wurden in sehr alter Zeit Menschenopfer gebracht.Vor der Heimkehr von einem Raubzuge von der gallischen Küste wählten die Sachsen den zehnten Teil der erbeuteten Gefangenen durchs Los und töteten diese in religiöser Handlung, um von den Göttern gute Reise zu erlangen (Apollinar. Sidon. Epist. 8a). Das Paderborner Capitulare gebietet (785): Wer einen Menschen dem Teufel opfert und ihn nach heidnischer Sitte den bösen Geistern als Opfer darbringt, soll des Todes sterben. Papst Gregor macht Bonifatius zur Pflicht, gegen die Schändlichkeit der Christen vorzugehen, die ihre Knechte den Heiden zum Opfer verkauften (Bonif. Ep. 25). Die Sachsen, Franken und Eruier glaubten, daß durch das Opfern eines Menschen ihre Götter versöhnt würden, und daß ihre Götter nur dann gnädig seien, wenn Menschenblut flösse; sie vertrauten, daß der Zorn der Himmlischen schwände, wenn unschuldig Blut vergossen würde: darum schlachteten sie zu ihren Ehren ihre Verwandten; als besonders besänftigende Opfer wurden Leute priesterlichen Standes geopfert (Ennodius, V. Antonii; Procop. b. g. 2U).

Alljährlich pflegten die Schwaben zu Ehren ihrer Götter zwölf Christen zu schlachten und durch diesen schändlichen Brauch diese sich zu versöhnen. Der Christengott ließ darauf eine fürchterliche Hungersnot ausbrechen. Um ihr zu entgehen, beschloß man: wer mehrere Söhne hätte, sollte alle außer einem töten, damit, je kleiner die Zahl der Einwohner wäre, um so weniger die Not das Volk bedrücke (de origine gentis Suevorum; weitere Zeugnisse sind in den Inhalts-Nachweisungen am Schlüsse enthalten).Wenn bei dem Auftreten von Hungersnot, Seuche oder Mißwachs die mit dem Notfeuer verbundenen Sühnopfer vergeblich gewesen waren, so brachte das Land als solches zur Versöhnung der Götter Menschenopfer dar.

Besonders dem Kinderopfer schrieb man große Wirkung zu, denn man glaubte, daß die erzürnte Gottheit am besten durch Darbringung eines völlig reinen Geschöpfes versöhnt werden könnte. Noch im Mittelalter wurden bei Grundsteinlegungen von Burgen, Stadtmauern, Brücken, Flußwehren sowie beim Bau von Deichen Kinder, manchmal auch Erwachsene, lebendig eingemauert, um dem Bau Dauer und Glück zu verschaffen. War die Not am höchsten gestiegen und zeigte sich keine Aussicht auf Hilfe mehr, so verschonte man selbst die geheiligte Person des Königs nicht Die Könige waren für alle Unfälle verantwortlich, die das Land trafen. In den meisten Sagen ist die Person, die vom Himmel als Opfer verlangt wird, dem höheren Stande angehörig. Deutlich kehrt die Vorstellung des Sühnopfers in dem geschichtlichen Berichte wieder, daß im 4. Jhd. der König bei den Burgunden nach alter Sitte sein Amt niederlegen muß, wenn sich das Kriegsglück gegen ihn erklärt hat, oder der Boden eine reiche Ernte verweigert hat.

Der Kultus – Opferfeuer

Das Feuer im Gottesdienste beförderte vor allem die Spende zu den Göttern. Zu ihren himmlischen Höhen sandte man ihnen mit dem emporwirbelnden Rauch und der aufsteigenden Flamme die Opferspeise hinauf, und der liebliche Geruch des verbrannten Opfertieres lockte sie an, sich dem Menschen huldreich zu nahen. Zwar nicht jede Spende wurde dem Feuer übergeben; in den heiligen Quell warf man ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als Opfergabe hinein, streute Körner in die Luft oder ließ Früchte des Feldes für sie stehen, aber im allgemeinen bildete das Feuer den wesentlichsten und wichtigsten Bestandteil des deutschen Opferfestes.Dieses Opferfeuer, der Bote zwischen der göttlichen und menschlichen Welt, ist natürlich verschieden von den großen Feuern, die an bestimmten Festtagen, besonders an denen der Tag- und Nachtgleiche und der Sonnenwende sowie bei ungewöhnlichen Gelegenheiten, auf Bergen und Höhen und Feldern, aufflammten. Sie reichen bis in die indogermanische Urzeit zurück. Denn als man schon längst eine bequemere Art der Feuerbereitung gefunden hatte, wurden noch bei Indern, Griechen, Römern und Germanen das sühnende Feuer in der ursprünglichsten Art hergestellt und durch Drehung gewonnen, indem ein Stab entweder in einen anderen gebohrt und so hin- und hergedreht wurde, oder ein solcher durch eine Scheibe, Tafel oder die Nabe eines Rades gebohrt wurde.

In Deutschland werden diese Feuer urkundlich im 8. Jhd. erwähnt. Die unter Karlmann 742 unter dem Vorsitze des Bonifatius abgehaltene Synode gebot den Bischöfen und Grafen, gottlose Feuer zu unterdrücken, die sie „niedfyr“ nennen. Auch der Indiculus handelt de igne fricato de ligno i. e. nod/yr (Nr. 15). Ignis fricatus ist die wörtliche Übersetzung von Notfeuer, ahd. hnotfiur (niinvau, nüan reiben). Auf dem Eichsfelde heißt es das „wilde Feuer“, in England ‚„Willfire“.Wenn unter dem großen und kleinen Vieh eine böse Seuche ausbrach und die Herde dadurch bereits großen Schaden gelitten hatte, oder wenn ein großes Sterben die Bevölkerung fortraffte, wurden die Bewohner schlüssig, ein Notfeuer herzurichten. Nachdem alle andern Feuer im Hause und auf dem Herde ausgelöscht waren und die .Gemeinde früh vor Sonnenaufgang auf den für die heilige Handlung bestimmten Platz gezogen war wurde nach uralter, mühevoller, aber darum um so ehrwürdigerer Art neues Feuer geweckt. Unter feierlichem Stillschweigen, das der Priester der Opferversammlung, wie nach Tacitus (Germ. 11) der Volksversammlung , gebot, setzten zwei keusche Jünglinge zwei trockene Hölzer, vom Eichbaume, vom roten Erlenholz, oder von verschiedenen Holzarten durch Aneinanderreiben in Brand.

Mit dem so gewonnenen Feuer zündete man den Holzstoß an, zu dem aus jedem Hause Stroh und Buschholz dargebracht war, stellte mancherlei Weissagungen an auf die Fruchtbarkeit de3 kommenden Jahres in Feld und Flur, das Gedeihen der Herden, den Gesundheitszustand der Menschen, ja selbst Uber Liebe, Ehe und Tod. Dann jagte man das Vieh, Kühe, Schweine, Gänse nebst den Pferden mit Stecken und Peitschen zwei- bis dreimal durch die Flammen und trieb es dann wieder in den Stall oder auf das Feld. Unter Gesang alter Lieder umtanzte man darauf den Holzstoß, warf Gaben hinein, um durch die Opfer die Gottheit geneigt zu machen, sprang Uber die Flammen und schwärzte sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den heilkräftigen Kohlen, riß brennende Scheite aus der Glut heraus und beräucherte damit die Felder, Wiesen und Fruchtbäume. Sodann ward der zusammengobrachte Holzstoß wieder zerstört, aber zuvor nahm jeder Hausvater einen Brand mit sich, um das erloschene Herdfeuer damit wieder anzuzünden, löschte ihn daheim und legte ihn in die Klippe; denn er erhoffte davon Gedeihen für das Vieh. Die Asche des Notfeuers wurde sorgfältig gesammelt als Heilmittel bei Krankheiten, oder als Mittel gegen Raupenfraß und Mißwachs auf die Felder zerstreut.

Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande

Zur Sühne und Abwehr brannten Notfeuer, ehemals nur bei wirklich eingetretenen Seuchen, später ständig. Der Hirt wollte, zumal im Hochsommer, von vornherein den Viehseuchen Vorbeugen, der Landmann wollte die das Wachstum gefährdenden Mächte verscheuchen und die über Himmel, Erde und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig stimmen, durch Sühnopfer versöhnen, daß nicht Gewitter und Hagel die schweren Ähren knickten und die goldenen Körner vernichteten.Jedes Zeichen des neuerwachenden Lebens ward freudig begrüßt. Der Priester, der Hüter des heiligen Waldes, nahm an dem Ergrünen des ersten Laubes, am Erblühen der ersten Waldblume das Nahen des Frühlingsgottes wahr(S. 213), und freudig begrüßte alles Volk die Boten des Lenzes, den ersten Käfer, die erste Lerche, den ersten Storch.Die Burschen schmückten mit grünen Maien das Haus der Geliebten und durchzogen in grüner Verkleidung die Dörfer.

Heitere Spiele auf dem Anger stellten die Verfolgung und Austreibung der in Moos gekleideten winterlichen Dämonen dar, das Aufsuchen und den Einzug eines in Laub und Blumen geschmückten Paares. Von Haus zu Haus streifte die Jugend, um von jedem Mitgliede der Gemeinde Holz und Stroh zum Festfeuer, Milch, Korn und Eier zum Festmahl einzusammeln. Dann zog man hinaus auf die Wiese oder auf den Hügel vor dem Dorfe, brachte Rinder, Pferde und Korngabe dem Tius oder Wodan dar, Schweine, Flachs und Speisen der großen Mutter Erde, Hähne, Gänse und Böcke dem Wettergotte Donar. Auf ‚dem Scheiterhaufen thronte der winterliche Dämon oder die Hexe in Gestalt einer Strohpuppe, und während die Flamme den Holzstoß prasselnd verzehrte, zog man mit entblößtem Haupte feierlich um ihn herum, und sprang auch über die lodernden Feuer, bis die allgemeine Lust in Jubel und frohen Tanz ausbrach. Die jungen Burschen entzündeten an dem Feuer lange Strohfackeln und schwärmten damit lärmend, mit Peitschen knallend, mit kleinen Schellen läutend, über die Felder, um die Geister zu verscheuchen. Soweit das Feuer leuchtete, teilte es der Flur seine heilende Kraft mit, und darum gedieh soweit das Korn gut.

Auch bei der Feier des Frühlingsanfangs flammten Feuer: Holzscheiben, die in der Mitte durchlöchert und an den Rändern rotglühend gemacht waren und so ein Bild der aufsteigenden Gestirne darstellten, wurden an Stöcken in die dunkle Luft geworfen. Sie sind schon aus dem Jahre 1090 von Lorch bezeugt: eine brennende Holzscbeibe war bei einem am Abend der Früh jahrstag- und Nachtgleiche stattfindenden Volksfeste auf das Dach der Kirche des Klosters gefallen, und das Feuer griff rasch um sich und vernichtete die prächtige Kirche und einen großen Teil der Gebäude. Ihr Emporschnellen vertrieb die Wetterdämonen, half der Sonne und unterstützte das Wachstum. Wenn aber die Sonne auf ihre höchste Stelle kam und sich langsam wieder zum Abstieg wendete, rollte man brennende Reisigbüschel über die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete Räder die Anhöhe hinab in die Felder und in den Fluß. Das heilige Feuer selbst, der Umlauf mit Fackeln, das Scheibenschlagen, die Umwälzung eines brennenden Rades bildeten also einen Teil des deutschen Frühlingsfestes; aber während das Aufwärtsschleudern der feurigen Scheiben beim Frühlingsfest fin März ein Symbol der aufwärts steigenden Sonnenbahn ist, galt das abwärts gerollte Rad zu Johanni als Symbol der abwärts steigenden Sonne.Von besonderer Bedeutung waren die Frühlingsfeuer und die dabei geschlagenen Scheiben noch für Liebespaare und junge Eheleute.

Durch die lodernden Flammen mußte der junge Bursche mit der Geliebten springen. Jünger, aber verwandt ist die Sitte, daß der Bursch für sich und sein Mädchen die im Frühlingsfeuer angezündete Scheibe vom Schleuderstocke hoch im Bogen in die Luft entsendet und den Wurf mit Sprüchen und Segenswünschen begleitet: er wollte damit der Geliebten den vollen Sonnenschein des Glückes ins Haus wünschen. Aus der Art, wie die Scheibe brannte, und wie sie flog, zog er Schlüsse über ihr Schicksal im kommenden Jahre. Aber nicht nur für die Geliebte, auch für die Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde wollte man in dieser Weise die Zukunft erforschen. So wurde das Scheibenschlagen eine Art Orakel, wie das Aufsteigen des Rauches, die Helligkeit und die Bewegungen der Flamme bei den Frühlings-, Johannis-, Herbst-, Winter- und Notfeuern (vgl. Indic. Nr. 17, S. 195); und wie man in der Flamme des Geburtstagslichtes oder am Sylvesterabend in den schwimmenden Kerzchen das Lebensschicksal geliebter Personen vorgebildet sieht, so zeigte der schöne, weite Bogen, den die Scheibe in der Luft beschrieb, das Glück der Person an, der sie gewidmet war.Im Frühjahr oder zur Sommersonnenwende fand auch ein Brunnenfest statt. Ihm ging die Reinigung der Quellen als Einleitung in der Nacht vor dem Festtage voran.

Die Reinigung vollzogen die Jungfrauen des Ortes unter Gebet und Gesang; kein Mann durfte zugegen sein, vielleicht war daher ursprünglich die Nacktheit der Mädchen bei dieser heiligen Handlung gefordert (S. 333). Bis Sonnenaufgang mußten sie die Reinigung beendet haben. Der Brunnen warde dann bekränzt, der Festplatz geschmückt, die Gemeinde versammelte sich, Opferschmaus, Tanz und Spiel folgte. Reicher Wasserfluß durch das ganze Jahr war der Dank der Quellgöttin.

Um die Brunnen gegen feindliche verderbliche Dämonen zu schützen, versenkte man Hufeisen in sie. Denn Hufeisen galten als Glück bringende Talismane, als ein Schutz gegen Truden, Hexen und alle bösen Geister; deshalb wurden sie auch an den Türen von Häusern und Ställen, an Masten und an Grenzsteine angeschlagen. Auch Lichter wurden an den Quellen angezündet (weiteres S. 141).

Der Indieulus (Nr. 3; 8. o. S. 44) verbietet die „Sjmrcaliadas „Schmutzfest“ im Februar, anderwärts werden die „schmutzigen Tage“ im Februar verboten und unmittelbar vorher das sog. „Winter- oder Todaustreiben“ (Homil. de sacril. § 17), die bekannte Feier zuin Empfange der schönen Jahreszeit. Da stellte man entweder den Einzug einer milden Gottheit ins Land dar, oder man vernichtete einen finstern, wilden Dämon der Natur im Bilde unter allerhand Zeremonien, oder man ließ sie sich beide bekämpfen und schließlich den Winter oder Tod als den Besiegten, dessen Herrschaft ja zu Ende ging, sich zurückziehen. Da Nr. 1 und 2 des Indiculus den privaten Totenkultus verbieten, liegt es nahe, in Nr. 3 das Verbot eines öffentlichen Totenfestes zu sehen, das sich an das Frühlingsfest der erwachenden Natur anschloß, wo die Vegetationsgeister und die Seelen der Toten wieder aus der Erde hervorkamen.

Das Konzil von Tours im Jahre 567 schilt die, die an der Stuhlfeier Petri den Seelen Speise opfern, nach der Messe nach Hause gehen und zu ihren heidnischen Mißbräuchen zurückkehren. Martin von Bracara und Eligius erwähnen allein die „Tage der Motten und Mäuse“, ersterer aber so ausführlich und ausdrücklich, daß sie zu seiner Zeit bei den suevischen Bauern in Asturien wirklich von großer Bedeutung gewesen sein müssen. An Petri Stuhlfeier (22. Februar) werden noch heute der Süntevügel, Kröten, Mäuse und Schlangen in Niedersachsen und am Niederrhein vertrieben (S. 20); in Schwaben, Bayern, Franken singt man Lätare: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus.“

Zu der Zeit, wo ein heftiger Hagelschauer, ein Hochgewitter die schönsten Hoffnungen des Landmanns auf eine reiche Ernte zu vernichten drohte, wurden zum Frommen des Viehbestandes der Hirten die Johannis-Notfeuer angezündet.

Das Fest der Sommersonnenwende, die hochheilige Zeit der blühenden und reifenden Natur hatte also eine ungemein hohe Bedeutung; die Dorfgemeinde, die sich aus Hirten und Ackerbauern zusammensetzte, beging dann das wichtigste und größte Sühn- und Bittopfer des ganzen Jahres.

Das große Gemeindeerntedankopfer im Herbste (Oktober oder November) ward zu Anfang Winters gefeiert.

Finsternis und Kälte galten als die Keimzeit des warmen, lichten Lebens. Im Spätherbste nach der Ernte des Jahres 14 feierten die Deutschen das Tanfanafest; Germanicus benutzte den Festfrieden zu einem Streifzuge und machte den Tempel der „Opfer empfangenden“ Göttin dem Erdboden gleich. Es war vermutlich dieselbe Zeit, wo bei den Semnonen das Fest des Tius Irmino, des Herrn über Leben und Tod, gefeiert wurde (Germ. 39). Drei Tage lang, vom 1. Oktober an, währte die Sieges- und Totenfeier der Sachsen nach der Schlacht bei Scheidungen (S. 44, 204). Die Zeit der Dankopfer für die erhaltene Erntefülle war zugleich eine allgemeine Totenfeier, wo Sühneopfer für die Verstorbenen gebracht wurden, von deren Gunst der Reichtum der Ernte abhing. So war die Jahreswende nicht nur eine Zeit der Lustbarkeit, sondern auch der Klage. Vielleicht war Sisetac eine Bezeichnung des Totenfestes, das die Gemeinde beging; der Name Sisetag erklärt sich aus ahd. sisesang = Trauerlied und bedeutet Tag der Klagelieder. Noch im 8. Jhd. hieß der 28. September oder St. Michaelisabend in Augsburg so, auf ihn fiel von alters her die Augsburger Kirchweih, und er wurde durch nächtlichen Umritt mit vorgetragenen Lichtern, Tanz, Pfeifenspiel und Zechgelage gefeiert.

Die Sonnenwende im Winter war, wie die kn Sommer, eine hochheilige Zeit der Germanen und erhielt ihre Bedeutung namentlich dadurch, daß von hier das Aufwachen des erstorbenen Naturlebens beginut.

Die Zeit der Zwölften, der Unternächte, wie sie im Vogtländischen heißen, weil sie zwischen Weihnachten und Epiphanias liegeu, ist auch die Zeit, wo die Tage wieder länger werden, und die Hoffnung des kommenden Sommers, seiner Sonne und der langen, hellen Tage wieder wach wird, die frohe Zeit des wiedergeborenen Lichtes. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Julfest (an. J61, Jül, engl. Geöl; Jul in Pommern scheint aus Schweden oder Dänemark eingeführt zu sein) eine gemeingermanische Benennung für das große Jahresfest im Mittwinter war. Die Etymologie des Wortes ist dunkel. Forscher, die es als Fest der wiederkehrenden Sonne auffassen, bringen es mit ags. hveöl, engl, wheel, fries. yule, an. hvel Rad zusammen und denken an die Sonnenräder; andere deuten es als das „fröhliche, lustige“ (lat, joculus) oder das „Schlachtfest“ (lat. jugulare), noch andere als die „dunkle Zeit“, im Gegensätze zu „Ostern“, der „hellen oder aufleuchtenden Zeit“. Weihnachten war vor allem den chthonisehen Gottheiten heilig, die im Schoße der Erde das Wachstum der Saat, der Felder und der Wiesen fördern.

Holda, Perchta, aber auch Wodan in seiner ältesten Gestalt waren auchthonische Gottheiten; Wodan, der Herr der Unterwelt, der Nacht und des Todes, war auch Erntegott (S. 245).

Darum treiben noch heute im Volksglauben zur Zeit der winterlichen Sonnenwende vor allem Wodan, Holda und Perchta ihr Wesen. Sie dachte man sich zur Zeit der zwölf Nächte wieder in ihr Land einziehend. Darum heißt es von Wodan und Frija geradezu, sie zögen besonders in den Zwölften. Ahnung und Weissagung lag über der ganzen Zeit, jeder Tag war bedeutungsvoll, und in das Dunkel der Zukunft suchte man durch Zauber und I^osspiele zu dringen. Noch heute knüpft an diese Tage zahlreicher Aberglaube, der sich wie in der Vorzeit mit den beiden ursprünglichsten Fragen des menschlichen Lebens beschäftigt, dem Vorwärtskommen im Besitz und dem Finden einer passenden Ehehälfte. Nicht eine ausgelassene Festzeit also war es, sondern eine geheimnisvolle, geheimen Schauder erzeugende.

Es war eine Art Vorfrühlingsfest.

Heilige Feuer flammten auf, Feuerröder rollten, und Fackellauf breitete die heilige Glut über die Felder aus. An der reinen Flamme des Wintersonnwendfeuers wurde das zuvor sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder entzündet. Schon im 12. Jhd. wird urkundlich im Münsterwalde die Sitte erwähnt, einen schweren Klotz aus Eichenholz, den Christblock, im Feuerherde einzugraben; wenn das Herdfeuer in Glut kommt, glimmt dieser Klotz mit, doch ist er so angebracht, daß er kaum in Jahresfrist verkohlt. Sein Rest wird bei der Neuanlage sorgfältig herausgenommen, zu Staub gestoßen und auf die Felder gestreut: das soll die Fruchtbarkeit der Jahresernte befördern. Während im Johannisfeuer ein Baum ganz verbrannt wird als Bild der versengenden, Laub und Gras verzehrenden Glut des Hochsommers, wird der Baum im Weihnachtsfener nur angekohlt, ein Bild der mit Mittwinter beginnenden, langsam Blätter, Blüten und Früchte hervorbringenden Sonnenkraft.

Daß bei diesem wichtigen Opferfeste Umzüge, Verkleidungen, Gesang und Spiel nicht fehlten, zeigt der Brief des Bonifatius an Papst Zacharias (742; S. 335). Für die ags. Kirche war bereits im 6. Jhd. bestimmt: „Wenn jemand an den Kalenden des Januar sich in eine Hirschhaut oder Kalbshaut steckt, d. h. als wildes Tier verkleidet und sich in die Felle von Haustieren vermummt und Tierköpfe aufsetzt, — wer sich so in Tiergestalt verwandelt, der soll drei Jahre Buße tun, weil das dämonisch ist.* Martin von Bracara wendet sich gegen den Glauben der suevischeu Bauern, sie hätten das ganze Jahr vollauf, wenn sie zu Jahresanfang schwelgten (decorr. rust. 11).

Im 11. Jhd. erzählt Burchard von Worms, wie schon im 8. Jhd. Primin von den Alemannen, daß man sich in der Neujahrsnacht, mit dem Schwert umgürtet, auf das Dach des Hauses gesetzt habe, um zu ergründen, was der Schoß der Zukunft für das neue Jahr Gutes oder Schlimmes berge. Dieselbe Frage wie 400 Jahre vorher bei Eligius kehrt wieder: ob man zur Neujahrsnacht nach heidnischem Brauche den Tisch in seinem Hause zugerichtet (d. h. geopfert) und auf den Straßen Tänze und Gesänge aufgeführt habe, in dem Wahne, für die Zukunft Nutzen davon zu haben; ob man Kuchen (Weihnachtsstollen) gebacken und aus ihrem Aufgehen Glück für das kommende Juhr geschlossen habe; ob man sich an einem Kreuzwege auf eine Kindshaut gesetzt habe, um gleichfalls Weissagungen anzustellen; und Primin erwähnt, daß man Weiber auf das Dach steigen ließ, um aus dem Feuer, etwa einem brennenden Scheite, die Zukunft zu verkünden.

Eine gewöhnliche Rindshaut wird es nicht gewesen sein, sondern das Fell eines Opferrindes, das dadurch Zauberkraft erhielt, daß es der den Göttern gebührende Anteil beim Opfer war. Mit dem Schwerte, das ja der freie Mann stets bei sich trug, mußte man bewaffnet sein, um sich der feindlichen Dämonen erwehren zu können. Wer es in Gossen-saß am Brenner „der täte, während der Christmette auf dem Firste seines Hauses zu sitzen und die Sense zu dengeln, der hätte das ganze Jahr Schneid“. So stimmen die wenigen geschichtlichen Zeugnisse durchaus mit den heutigen Volksbräuchen überein, und noch heute erscheint neben den drei Königen aus dem Morgenlande und dem Geschenke verteilenden Bischof Nikolaus der heilige Martin an Wodans Stolle auf dem Schimmel oder Wodan selbst, zwar nicht in göttlicher Macht und Pracht, sondern als Knecht Ruprecht (Hruodperaht), aber sonst unangetastet vom christlichen Einflüsse: der ruhmglänzende, gütige Gott; (neuerdings erklärt als Rühpert, der rauhe Bercht); an die große Schicksalsgöttin Frau Holla-Berchta mag die weißverschleierte Frau der schlesischen Adventsspiele und ihr goldener Wagen gemahnen.

Wie sich die Hirtenopfer mit den Bauernopfern zu einer gemeinsamen Feier verschmolzen, so gingen aus den Ge-meiudeopfern zur Wintersonnenwende, zu Frühlingsanfang, zur Sommersonnenwende und im Herbste die großen Volksopfer hervor, wo die zerstreut wohnenden Mitglieder der Landesgemeinde zusammenkamen, der mitanwesenden, mitfeiernden Götter gedachten, Gericht hielten und tausch-, kauf- und verkauflustig ihre Ware ausstellteu. Aus Opfer mit Schmaus und Tanz, Markt, aber auch zugleich aus Gericht, Waffenmusterung und Beratung über bevorstehende Feldzüge, Gelöbnissen liebender Paare aus fremden Gemeinden bestanden die großen altgermanischen Volksfeste.

Der Kultus– Der Götterdienst im Staatsverbande

Unter freiem Himmel oder unter dem Schutze eines großen heiligen Baumes tagte die Landgemeinde. Das germ. Wort Thing bezeichnet die öffentliche Versammlung, die Gerichtsstätte war zugleich Opferstätte und stand unter dem Schutze der Götter, vor allem des Tius, der darum den Beinamen Thingsus führte (S. 209), aber auch des Donar und Wodan. Die Land gemeinde ist zugleich Heeresversammlung und dient zur Musterung der waffenfähigen Schar (Caesar, b. g. 6S5; Tac. Germ. 11. 13. 22; Hist. 464). Sie entscheidet über Ackerverteilung, Krieg und Frieden, über Verbrechen, durch die man sich den ganzen Stamm und seine Götter zu Feinden macht, über Landesverrat, Übergang zum Feinde und Feigheit, Die Gerichtsstätte war von der Umgebung durch einfriedende Haseln ausgeschieden. Die Hasel war dem Gott des Waffen- und Rechtsstreites Tius heilig, mit ihr wurde der zur Walstatt wie zum Thing bestimmte Platz eingehegt. Die Haselung war das äußere Zeichen der Weihung des Feldes, der Übergabe in den Schutz des großen Himmelsgottes. Die Stecken wurden durch heilige Bänder verbunden, und der Priester vollzog dann die Heiligung der Stätte.Nach feierlichem Eingangsopfer, wobei in der Regel Menschenblut floß, forderte der Vorsitzende Richter den Priester auf die Lose zu fragen, oh die Beratung den Göttern genehm sei (Germ. 10) und ließ durch ihn feststellen, ob die Förmlichkeiten der Einhegung gehörig erfüllt seien. Darauf gebot der Priester im Namen des Gottes, dem das Thing geheiligt war, Stillschweigen (Germ. 11) und verkündete den Thingfrieden.

Die Schweigen auferlegende Opferformel, die im griechischen evtprgtelze, in Rom favete linguis lautete, war: ich gebiete Lust und verbiete Unlust (as. hlust zu ahd. hlosen, bayr. losen = lauschen, zuhören).Nach Caesar (b. g. 62S) und Tacitus (Germ. 12) sprechen die Häuptlinge das Recht, aber die Strafe erteilt im Namen der Gottheit der Priester, er vollstreckt körperliche Züch-tigungen und die Todesstrafe, aber nicht eigentlich zur Strafe, noch auf Befehl des Häuptlings, sondern auf der Gottheit Geheiß (Germ. 7). Die Todesstrafe hatte also sakralen Charakter, sie war ein Opfer. Gewalttaten gegen einzelne, Raub, Körperverletzung, selbst Mord konnten als leichtere „Verschuldungen“ (Germ. 12. 21) durch Übereinkunft mit einer Anzahl von Pferden, Rindern oder Schafen gebüßt werden; aber staatsgefährliche und entehrende Verbrecher, die die ewigen unverbrüchlichen Gesetze der Gemeinde- und Familienordnung verletzt, die sich damit als Feind der Götter und des Volkes gezeigt hatten, wurden mit dem Tode bestraft. Verräter und Überläufer wurden mit einem Weidenstrang erdrosselt und an laublosen, dürren Bäumen oder an Galgen aufgehängt (Germ. 11). Dieselbe Strafe traf Kriegsgefangene, oder sie wurden in Gruben lebendig begraben (Ann. 161), oder am Altäre geschlachtet (Ann. 161), oder verbrannt (Caes. b.g. 158). Feiglinge, Kriegsflüchtige und Unzüchtige wurden in Moor und Sumpf versenkt und Flechtwerk darüber geworfen (Germ. 11). Von den Heeresflüchtigen bestimmt noch ein Gesetz Karls d. Gr.: qui lieri sliz {= Heeresbruch) fecerit, periculum incurrat. Tempelschänder wurden bei den Friesen ertränkt. Die Franken pflegten einen rückfälligen Dieb den Göttern zu opfern.

Die zweite Art, Verbrecher zu bestrafen, erscheint auf den ersten Blick weniger grausam, war aber nicht minder furchtbar. Nicht der Mensch selbst vergriff sich an ihm, (in der Regel vergönnte man dem Verurteilten Zeit zur Flucht), er bestimmte nur im Namen der Gottheit das Urteil und überließ den strafenden Göttern, wie sie Sühne für begangene Missetat nehmen wollten. Das heilige Gericht, das die Friedlosigkeit ausgesprochen hatte, sollte nicht entweiht werden. Ein Wunder war es, wenn der Verfehmte in den Wäldern sein verlorenes Leben nicht sofort einbüßte. So war die Friedlosigkeit geradezu ein Todesurteil. Auf feiger Heeresflucht stand nicht immer unmittelbare Todesstrafe, Tacitus erwähnt auch (Germ. 6), daß den Schandbeladenen, die den Schild verloren und dadurch die allergrößte Schmach begangen hatten, verwehrt war, bei den Opfern zu erscheinen oder in die Volksversammlung zu kommen; viele hätten daher, obwohl sie dem Kriege entronnen wären, solcher Ehrlosigkeit durch den Strick ein Ende gemacht. Zwar nennt Tacitus weder in Kap. 6 noch in Kap4 12 der Germania die Friedlosigkeit und Verfehmung der Ausreißer, aber nur diese Strafe kann gemeint sein. Der schändliche Mann, der den Frieden verwirkt hat, heißt noch im Gesetze des Frankenkönigs Chilperich: ein Mensch, der durch die Wälder irrt. Eine gemeinsame Bezeichnung des Friedlosen war wäre, warg: der Würger, der Wolf. Dem Dichter des Heliand ist der Verräter Judas, der sich entleibt, warag (5170). Der Friedlose soll wolfsfrei sein, wie der Wolf als allgemeiner Feind von jedermann erschlagen werden kann und soll.Friedlosigkeit traf besonders den, der gegen die eigene Familie gefrevelt, sich gegen den heiligen Frieden der Sippe vergangen hatte. Die Stiftung der heiligsten Gemeinschaft, des Blutsverbandes der Familie war das Werk der Götter, ihre Verletzung daher- ein Religionsfrevel. Ein Verbrecher, der den Göttern selbst zur Bestrafung preisgegeben wurde, konnte nur durch sie selbst wieder begnadigt werden. Vielleicht galt seine Freveltat als gebüßt, wenn er neun Jahre das Elend der Wildnis überstanden hatte.

Der Gründer der Familie, wie der Schutzherr der Lebensordnung, war Tius, gegen seine ewigen Satzungen hatte sich der Friedensstörer vergangen, in seinem heiligen Walde kam man zusammen, im Gotteswalde sollte er, friedlos gelegt, sein elendes, gehetztes Leben führen, die feierliche Thingstätte des Tius war auch die grausigste Opferstätte.Dem Opferakte ging die Anwendung eines Gottesurteils, eines Ordals voraus (ags. ordal = Urteil). Die allwissenden Götter, denen nichts verborgen ist, offenbarten ihre Macht auch bei gewissen heiligen Handlungen: man befragte das Los und den Kriegsgott im Zweikampfe. Der Kriegsgott Tius war zugleich Gott des Gerichtes, von seinem Willen hing der Ausgang des Kampfes ab.

Nach bayerischem Rechte werden die Kämpen vor Beginn des Ordals den Parteien durchs Los zugewiesen. War der Verbrecher bereits überführt, so suchte man den Willen der Götter zu erkunden, ob der Verbrecher oder der gefangene Feind ihnen genehm sei. Nur dem günstigen Ausfälle der Lose hatte Caesars Freund Procillus das Lehen zu verdanken; dreimal war in seiner Anwesenheit#das Orakel befragt worden, oh er sofort den Feuertod erleiden oder für später aufbewahrt werden sollte (Caes., b. g. 183). König Radbod warf über den gefangenen Willibrord dreimal an drei Tagen hintereinander das Los; aber nur einen von seinen Gefährten traf das Todeslos (V. Willib. 12). Auch der heilige Willehad war zum Tode verurteilt worden, weil er die heidnischen Götter gelästert hätte. Aber man wollte erst das Los befragen, ob er leben oder sterben sollte.

Die Götter wiesen sein Leben zurück — sagten die Heiden; das Todeslos fiel nach Gottes Willen nicht — frohlockten die Christen (V. Willeh. 3). Zur Zeit des heiligen Wolfram hatte einen friesischen Knaben das Los getroffen, daß er den Göttern geopfert werden sollte. Als Wolfram ihn sich von Radbod ausbat, antwortete dieser: es sei, wenn Christus ihn vom Tode errettete. Als sie ihn zum Galgen schleppten, betete Wolfram; da zerriß der Strick, der Knabe fiel zur Erde und stand unverletzt (V. Wulfr. 6. 8; D. S. Nr. 447).

Fielen die Lose zugunsten des Verbrechers, oder bestand er unversehrt das Gottesurteil, so verkaufte man ihn in die Knechtschaft oder vertrieb ihn außer Landes. War das Ergebnis des Ordals ungünstig, so war die Tötung nur Erfüllung des göttlichen Willens und konute nicht die unmittelbare Vollziehung eines auf Todesstrafe lautenden Urteils sein.

Auch beim Ablegen des Eides wurden die Götter zu Zeugen angerufen.

Ursprünglich ist der Eid ein Fluch, den man für den Fall des Meineids gegen sich selbst ausspricht, ein Zauber, den man gegen sich selbst herbeiruft. Man berührt dabei sich selbst oder einen Gegenstand, in dem Gedanken, daß das Berührte, wenn man falsch schwört, dem Verderben ausgesetzt sei oder Verderben bringen solle. Als man aber die Götter als ethische Persönlichkeiten verehrte, als Hüter ewiger Wahrheit, rief man sie zu Zeugen oder Vollstrecker des Eides an und rief die göttliche Vergeltung auf sein Haupt herab. Der älteste Eid ist der Waffeneid, dann der Vieheid.

Man legte den Schwur beim Haupte des Opfertieres ab, oder auf einen Eidring, der in das Blut des geopferten Tieres getaucht war, oder in den meisten Fällen auf das Schwert des schwertfrohen Hiramelsgottes (S. 216). Das Konzil von Orleans (541) setzte Bußübungen und Strafen für den Christen fest, der nach heidnischer Sitte beim Haupte eines Haustieres oder eines wilden Tieres einen Eid leiste und obendrein noch die Gottheiten anriefe. Im ribuarischen Gesetz 72, 1 schwört der Franke einen Eid in einem Harah (Tempel) am Kreuzwege.

Von höchster Feierlichkeit waren die Opfer, zu denen sich die religiösen Verbände des Stammes vereinigten.

Wie in Griechenland die rings um ein Heiligtum liegenden Nachbargemeinden (Amphiktyonien) sich zusammentaten, um Opfer, Feste und Wettspiele gemeinsam zu begehen und im Frühling und Herbste bei den Bundesheiligtümern zusammenkamen, so nahm auch bei den Germanen die ursprünglich rein religiöse Vereinigung der Sakralverbände politischen Charakter an. Der gemeinsame Hauptkultus hielt die verschiedenen kleinen Staaten zusammen. Sie verehrten eine Stammesgottheit, von der sie abzustammen glaubten, den Gott sahen sie als den Vater und Gründer ihres Geschlechtes an, die Göttin als ihre Mutter. Einem Stamme ward die Pflege und Bewachung des Bundestempels anvertraut, hier strömten sie alljährlich zusammen und erneuerten bei blutigem Opfer ihre Zusammengehörigkeit.

Tacitus erwähnt solche Opferverbände bei den Erminonen (Germ. 39), den Istwäonen (Ann. 161), den Ingwäonen (Germ. 40) und den vandilischen Stämmen (Germ. 43).

Zum Zielpunkte seines ersten planmäßigen Eroberungszuges nach Sachsen wählte Karl der Große das nach der Irminsäule benannte Heiligtum in Engem, in der Mitte des Landes. Denn da es das sächsische Nationalheiligtum war, hatte es auch eine hervorragende politische ßedeutung (Annales Laurissenses). Der Gail- oder Galgenberg bei Hildesheim war vermutlich auch ein Stammesheiligtum, und daß das dort 1868 gefundene Silbergerät, ein altrömisches Tafelservice, nicht nur im Besitze eines deutschen Fürsten, sondern sogar das Weihegeschenk nach einem Siege für einen heidnischen Tempel war, ist wohl möglich. Hermann Prell, der das Rathaus in Hildesheim mit köstlichen Gemälden geschmückt hat, erfand dazu die sinnige Legende, Arminius habe jene Schätze erbeutet und den deutschen Göttern geweiht; der Held naht zu Roß, umjauchzt von dem siegreichen Heere und läßt den „Hildesheimer Silberfund“ den Priestern zur Verwahrung tibergeben. Der friesische Haupttempel des Foseti lag auf Helgoland (S. 225), ein anderer, der Nehalennia geweiht, auf Walcheren (S. 289), als dritter wird ein Hain der Baduhenna erwähnt.

Wie es einen Gott geben mußte, zu dem die Kultverbände gemeinsam aufsahen, und eine Opferstätte, groß genug, die zahllosen Scharen zu fassen, so muß es einen bestimmten Leiter gegeben haben. Er wird aus dem Stamme genommen sein, der das Bundesheiligtum unter seiner Obhut hatte, er wird priesterliche, richterliche und weltliche Macht in sich vereint haben, also dem vornehmsten Adelsgeschlechte entstammt sein.

Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege

„Weder mit dem Tode noch mit Fesseln noch selbst mit Schlägen zu strafen, ist irgend einem gestattet außer den Priestern, und auch diesen nicht icie zur Strafe oder auf Befehl des Herzogs, sondern gleichsam auf Befehl des Gottes, der nach ihrem Glauben bei den Kämpfern ist. Holen sie doch Bilder und gewisse heilige Zeichen aus den Hainen, wo sie geivöhnlich auf bewahrt werden, hervor und nehmen sie in die Schlacht mitu (Germ. 7). Ans diesen Worten des Taci-tus geht hervor, daß der Krieg eine heilige Handlung, ein furchtbarer Opferdienst war. Der Anmarsch gegen den Feind glich den feierlichen Umzügen, bei denen das Bild der Götter vorangetragen, heilige Lieder angestimmt und weihevolle Opfer dargebracht wurden. Der Krieger fühlte sich im Dienste seines Gottes; fiel er, so wußte er, daß sein Tod vom höchsten Gotte bestimmt gewesen war, und daß der Gott ihn als sein Opfer gezeichnet hatte, um ihn teilnehmen zü lassen an seiner Herrlichkeit (S. 243).

Daher stammte die den Tod verlachende Tapferkeit der germanischen Krieger. Von den Vorbereitungen zur Schlacht an bis zur Niederlage der Feinde war der Krieg durch gottesdienstliche Gebräuche bestimmt. Unter dem Gesetze desselben Gottes, der über den Streit der Schwerter waltete, stand der Friede wie da3 Recht, und wie die Ding- oder Malstätte dem Schutze des Himmelsgottes Tius übergeben ward, so ward im Altertum der zur Walstatt auserlesene Platz mit Haselstecken umgrenzt, und wie man vor Gericht den Gegner an eine bestimmte Stätte am bestimmten Tage lud, so forderte man auch den Feind zur Entscheidung durch die Waffen auf ein bestimmtes Feld zur bestimmten Zeit. Diesem altgermanischen Kriegsbrauche folgte Boiorix, der König der Kimbern. Er ritt mit wenigen Begleitern an das römische Lager heran und forderte Marius auf, er möchte Tag und Ort bestimmen, wann und wo er sich stellen und mit ihm um den Platz kämpfen wollt».

Der dritte Tag ward zum Schlachttage, die Ebene von Vercellae zum Walplatze festgesetzt (Plutarch, Marius 25). Zum Zeichen, daß der Kriegsgott selbst bei den deutschen Völkern gegenwärtig war, standen seine Bilder und Symbole bei den Heeressäulen: der Adler oder das Schwert des Tius, die Lanze Wodans, der Hammer Donars. , Tacitus erwähnt, daß die Bilder der wilden Tiere den Hainen entnommen wurden, wie es bei jedem Stamme Brauch sei, in den Krieg zu ziehen (Hist. 422); es wraren Bilder von Drachen, Wölfen, Ebern, Adlern und Raben. Ein eherner Stier war das Feldzeichen der Kimbern (Plut., Mar. 23). Im Frieden schwebten sie an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den Opferfesten der Gau- und Volksgemeinde, wo auch die eroberten Feldzeichen der Feinde hingen (Ann. 159). Jetzt nahm sie der Priester, dem es allein gestattet wrar, herab, unter feierlichem Gebete, daß der Gott unter sein Heer kommen wolle (vgl. Germ. 40.: nur dem Priester ist es gestattet, den Wagen der Nerthus zu berühren). Damm erinnerte Civilis vor der entscheidenden Schlacht am Rheine seine Scharen daran, daß der Rhein und Deutschlands Götter ihnen vor Augen stünden, unter ihrem Segen sollten sie den Kampf beginnen (Hist. 517).

Die Priester waren auch während der Schlacht Träger und Hüter der heiligen Feldzeichen, und deshalb war auch die Handhabung der Kriegszucht nicht Sache des Herzogs, sondern Pflicht des Priesters (Germ. 7). Ehe die Schlacht beschlossen ward, forschten die Deutschen nach dem Willen des Gottes: er w?ard befragt, ob er dem Kampfe günstig sei oder nicht.Die im Lager der Ariovist befindlichen Hausmütter mußten aus Los und Weissagung verkünden, ob es Tätlich sei, eine Schlacht zu liefern oder nicht; sie sagten: es sei nicht der Götter Wille, daß die Deutschen Sieger blieben, wenn sie vor dem Neumonde eine Schlacht schlügen (Cäsar, b. g. Iso). Fielen die Zeichen ungünstig, so schob inan den Kampf auf oder ließ sich auf Friedensverhandlungen ein (Amm. Marc. 14,10, 9). Als trotz des Abratens ihrer Seher die Alemannen die Schlacht gegen Narses begannen, wurden sie besiegt (Agathias 28). Weissagende Frauen, vor allem die westfälische Veleda waren von größtem Einflüsse auf die kriegerischen Unternehmungen (Rist. 461, M, b22, 2B. Germ. 8).

Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens waren das einfache Loswerfen, das der Oberpriester des Volkes im Kriege wie bei allen öffentlichen Angelegenheiten vollzog (Germ. 10), die Beobachtung der Eingeweide und des rinnenden Blutes der Opfer (Strabo 72, S. 384), das Horchen auf verschiedene Stimmen, das schwellende Schlachtgeschrei (barditus Germ. 3, S. 264),. sowie das Wiehern der Tempelrosse und endlich der Zweikampf (Germ. 10).Die Deutschen stellten einen Gefangenen aus dem feindlichen Volke einem auserlesenen Krieger des eigenen Stammes, jeden mit seinen heimischen Waffen ausgerüstet, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder anderen als Vorentscheidung. Als die Vandalen und Alemannen sich im Felde gegenüberBtanden, weil ihre Wohnsitze zu nahe bei einander lagen, sagte der Alemannenkönig: „Wie lange soll denn der Krieg das ganze Volk heimsuchen? Labt doch nicht so viel Volks auf beiden Seiten umkommen, sondern zwei von uns mögen mit ihren Kriegswafien auf den Kampfplatz treten und die Sache unter sich ausfechten. Wessen Kämpfer dann siegt, der nehme das Land ohne Streit/ Alle stimmten dem bei, die Partei der Vandalen unterlag, und Geiserich gelobte, Spanien zu verlassen (Greg. v. Tours H. F. 2,).

Waren die Vorbedeutungen günstig ausgefallen, so wurden der Gottheit Opfer dargebracht, um sie zu versöhnen, falls sie etwa einen alten Grimm gegen das Volk hätten. Die gegen Drusus verbündeten Völker der Sueben, Cherusker und Sugambrer kreuzigten 20 römische Centurionen, gleichsam als Bundesopfer (Florus 4j2; S. 222). Um den göttlichen Zorn zu besänftigen, mußte menschliches Blut fließen‘. Mit diesem Sühnopfer war das Gelübde verbunden, die Erstlinge des Krieges und die furchtbaren Früchte des siegreichen Walfeldes den Göttern als Dankopfer zu bringen: antheiz hieß bei den Oberdeutschen solch Gelöbnis und Opfer. Vor der Schlacht bei Idisiaviso stellte Armin die Römer als den zürnenden Göttern verfallen dar (Ann. 2m).

Auch die Verwünschungsformel, die Civilis die Seinen nachsprechen ließ, hatte religiöse Bedeutung und gelobte den Göttern das feindliche Heer (Hist. 415). Das Blut aller Christen gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zuge nach Italien 405, wenn sie ihm den Sieg gäben (Isidor, chron. got.; weitere Zeugnisse für die Franken und Goten S. 222).Ständen sind die Höfe gegenüber,  ward ein Speer übef die feindlichen Reihen geschleudert. Aus seinem Fluge ergab sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes (S. 235). Noch in christlicher Zeit war es Sitte, vor der Sclilacht einen Speer mit Verwünschungsformeln über das feindliche Heer zu schleudern. Der Sperwurf geschah aber zugleich als eine Opferhandlung für den Totengott, der der wilde Kriegsgott geworden war, für Wodan. Erfolgte dann der Ansturm selbst, so erbrausten wie bei den festlichen Umzügen zur Friedenszeit heilige Gesänge, in denen die Heldentaten der Götter zur Nacheiferung gepriesen wurden (Germ. 3; S. 264).

Unter wildem Gesänge rückten die auf Seite des Vitellius kämpfenden Germanen vor (Hist. 2m). Im thracischen Aufstande jagt die Sugam-brische Kohorte dem Feinde Schrecken ein durch ihren brausenden Schlachtgesang. Im Befreiungskämpfe der Bataver unter Civilis rücken die Römer ganz still, die Germanen aber unter Gesang und Geheul der Weiber vor (Hist. 4l8). Als die Römer 377 den Goten schlachtbereit in Thracien gegenüberstanden, erhoben sio ihr Kriegsgeschrei, barritus mit Namen, das leise anfing und immer lauter anschwoll, dadurch stärkten sie ihren Mut; die Westgoten ab£r antworteten mit Gesängen auf ihre Götter, von denen die germanischen Völker und Königsgeschlechter abstammten, die Anses (Amm. Marc. 81,7, n).

Vor Beginn der Schlacht war den Göttern gelobt worden, ihnen für den errungenen Sieg die Feinde zu opfern. Dem Gelübde mußte die Erfüllung folgen.

Nach dem großen Siege über die Römer bei Arausio (105) warfen die Kimbern das erbeutete Gold und Silber ins Wasser, zerrissen die Gewänder, zerhieben die Rüstungen, zerstörten die Reitzeuge, ertränkten die Rosse im Flusse und henkten die lebenden Gefangenen an die Bäume (Orosins 5l8).

Ein anderes furchtbares Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es Germanicus sechs Jahre später antraf (15). So wie die Römer gefallen waren, lagen die Gebeine unbestattet, samt den Waffeniesten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Pferdeschädel genagelt, das eigentliche Opfer für die Götter. In den nahen Wäldern standen die Altäre, an denen die Tribunen und Centurionen ersten Ranges geopfert waren. Die anderen Gefangenen hingen an Galgen oder waren in Gruben lebendig begraben worden (Ann. 181). Ebenso opferten die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles dem Tius und Wodan, was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war (Ann. 13*7; vgl. S. (222). Pie Sachsen bestimmten aua den Kriegsgefangenen durchs Los dpn zehnten Mann und opferten sie (Sid. Apoll. 80; S. 353).

Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht.

Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen.

Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern.

Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen.

Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht.

Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche.

Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt.

Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein.

Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Germanenherz aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (Paul Herrmann 1906)

ergänzend

Die Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt. (Die Schöpfungsgeschichte)

Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt Die mythenbildende Kraft der Völker umspannt die ganze Welt, von ihrer nächsten Umgebung an bis hinauf zum Sternenzelte. Besonders zwei Gruppen dieser mythologischen Naturauffassung lassen sich unterscheiden, kosmo-gonische Sagen, die … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung

Während man früher einseitig glaubte, daß alle heidnische Religion sich aus der Naturbetrachtung entwickelt habe, nimmt man heute oft ebenso einseitig an, daß alles religiöse Denken aus dem Seelenglauben abzuleiten sei. Die Religion hat viele Quellen, und jeder Versuch, alle … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht … Weiterlesen

Wodan Ruprecht (Hruodpercht) Wodanstag

Die deutsche Weihnacht ist eine Verschmelzung des christlichen Jesusglaubens mit der germanischen Tradition (Nordlands Art!), da durch die Zwangs-Christianisierung Germaniens das Julfest abgelöst werden sollte. Die Jul-Tradition war derart tief in der völkischen Kultur der Germanen verwurzelt, daß die römische … Weiterlesen

Tacitus’ “Germania“

 Von Andrew Hamilton,  Das Original Tacitus’ Germania erschien am 30. September 2011 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right. Tacitus’ Germania, eine kurze Monographie über die germanische Ethnographie, die ca. 98 n. Chr. geschrieben wurde, ist von großer historischer Bedeutung. Die … Weiterlesen

Tacitus üder die Germanen

 Publius Cornelius Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) war ein bedeutender römischer Historiker und Senator. De origine et situ Germanorum Die Germania Allgemeiner Teil 1-46 Lage des Landes, Herkunft der Bewohner, Religion, Sitten und Bräuche, die allen … Weiterlesen

Kampf der Kulturen – Kampf der Religionen

Rieger-Juergen
Vorsitzender der völkisch-neuheidnischen Artgemeinschaft. Jürgen Hans Paul Rieger 11. Mai 1946 gestorben wurde er am† 29. Oktober 2009

von Rechtsanwalt Jürgen Hans Paul Rieger

TEIL I

In Heft 4/3801 der „Nordischen Zeitung“ habe ich in dem Beitrag „Amerikas Kreuzzug in den Dritten Weltkrieg“ vor einem Krieg in Afghanistan gewarnt, und davor, daß dies zu einem weltweiten Religionskrieg zwischen Moslems und Christen führen könne. Ich habe ferner dargelegt, daß Osama bin Laden nur ein Vorwand ist, daß es tatsächlich um den Bau einer Ölpipeline durch Afghanistan geht, um Öl und Erdgas der kaukasischen Republiken direkt für die Amerikaner verfügbar zu machen. Mein Aufsatz wurde zwar geschrieben, als die ersten Luftangriffe schon gewesen waren. Die Empörung über zivile Opfer, besonders bei den Moslems, nahm aber noch zu, als Freudentänze und Geknalle bei einer Hochzeit dazu führten, daß die Amerikaner ein gesamtes Dorf nebst Hochzeitsgesellschaft auslöschten mit weit über 100 Toten.

Afghanistan beinhaltet mehrere Völker in seinen Grenzen, und die Amerikaner verbündeten sich mit den Stämmen der „Nordallianz“, die mit dem Mehrheitsvolk der Paschtunen bereits seit Jahrhunderten auf Kriegsfuß stehen. So konnten sie zwar Kabul einnehmen, haben dort aber dieselbe Stellung gehabt wie die Sowjets, die zwar die Hauptstadt beherrschten, das gesamte Land trotz Einsatz von 250 000 Soldaten bis auf einige feste Plätze aber nicht kontrollieren konnten. Afghanistan ist viel zu zerklüftet und unwegsam, als daß es durch eine Besatzungstruppe kontrolliert werden könnte; das hätten die Amerikaner schon vorher wissen können, haben es dann aber selbst erfahren. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Pipeline fertig gebaut würde, würde sie jeden Tag an zehn Stellen durch Sprengstoffexplosionen unterbrochen werden, so daß kein Tropfen Erdöl zum Golf von Oman fließen würde. Nachdem die Amerikaner dies erkannt hatten, zogen sie sich aus Afghanistan zurück, ließen Verbündete die Kosten einer symbolischen Truppe von einigen tausend Mann (bei 20 Mio. Einwohnern) tragen, und erklärten – welch Wunder! –, daß sie die Suche nach Osama bin Laden offiziell einstellten; die Strafexpedition zum Fangen oder Ermorden (der amerikanische Präsident hatte ausdrücklich einen Auftrag gegeben, Osama bin Laden wenn nötig zu fangen oder zu töten – ohne Gerichtsverfahren), immerhin der Person, die die Amerikaner für den 11. September 2001 verantwortlich machen, wurde abgeblasen. Damit hätte eigentlich dem letzten nichtamerikanischen Politiker deutlich werden müssen, daß es beim Afghanistankrieg um andere Dinge als um die Bekämpfung des Terrors ging.

Gleichwohl fanden dann auch beim nächsten Krieg der USA diese willige Verbündete in Europa, nämlich in Blair (der offensichtlich britische Weltmachtsillusionen noch durch das „Mitsiegen“ mit den Amerikanern aufrechterhalten will), und im spanischen, italienischen und polnischen Regierungschef. Die von den Geheimdiensten – auch dem britischen – als absurd eingestufte Behauptung, Saddam Hussein habe das Al-Qaida Netzwerk von Osama bin Laden unterstützt, wurde von Bush und Blair wider besseren Wissens ihren Völkern vorerzählt, und es wurde so getan, als ob Saddam Hussein hinter den Anschlägen vom 11. September stünde (dies glauben 2/3 der amerikanischen Bevölkerung noch heute, entsprechend verdummt durch ihre zionistisch beeinflußten Massenmedien). Weiterhin wurde wider besseren Wissens behauptet, daß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen habe oder jedenfalls unmittelbar vor der Fertigstellung habe; zu diesem Zwecke wurden Beweismittel gefälscht, die dann vom UNO-Chefinspekteur Blix sehr schnell als Fälschungen widerlegt werden konnten. Trotz dieser Tatsache wurde der Irak-Krieg geführt, und zwar als völkerrechtswidriger Krieg ohne Zustimmung der UNO, und auch hier ging es um Öl wie beim Afghanistan-Krieg: die USA wollten die irakischen Ölquellen in die Hand bekommen.

Die Bodentruppen setzten sich nicht zunächst in Richtung Bagdad in Marsch, sondern besetzten die Ölquellen, um diese vor einer Zerstörung zu schützen, und in den Nachrichtensendern waren dann anschließend Amerikaner zu sehen, die neue Arbeitsverträge mit den Arbeitern der Ölquellen abschlossen; mit anderen Worten: Die Ölquellen waren von den Amerikanern übernommen worden, obwohl sie dem irakischen Staat ebenso wie die Förderanlagen und Pipelines gehört hatten. Zum Schutz der Museen allerdings fühlten sich die Amerikaner nicht verpflichtet; die konnten ruhig geplündert werden. Auch hier zeigte sich aber dasselbe wie in Afghanistan: Es reicht nicht, ein Land zu besiegen; befrieden kann man es nur, wenn man es insgesamt gesehen beherrscht, und dies können die Amerikaner nicht. Ihre Stützpunkte sind wie Festungen ausgebaut, und sie vermeiden Konvois zwischen diesen Festungen, weil diese immer wieder von Irakern angegriffen werden. Hinzu kommt, daß die Amerikaner sich vor dem Krieg nicht klargemacht haben, was nach dem Krieg werden soll. Saddam Hussein ist Sunnit, und diese haben den Irak seit vielen Jahrhunderten beherrscht, obwohl er eine schiitische Mehrheit (65 %) hat.

Bei beiden muslimischen Richtungen handelt es sich um Gegner, wenn sie keine äußeren Feinde haben; sie stehen aber zusammen im Kampf gegen die Fremdherrschaft durch Vertreter einer anderen Religion. Drittes bedeutendes Bevölkerungselement im Irak sind die Kurden. Falls es demokratische Wahlen im Irak gibt, werden die Schiiten die Mehrheit haben und werden dann einen „Gottesstaat“ wie im Iran errichten. Dies wird von den Sunniten nicht hingenommen werden, und auch nicht von den Kurden, so daß dies zu einem Bürgerkrieg führen wird. Falls man den Irak aufteilt in drei verschiedene Staaten, ginge dies am problemlosesten hinsichtlich des kurdischen Siedlungsgebietes, was relativ geschlossen ist; die Türkei hat aber schon angekündigt, daß sie einen selbständigen kurdischen Staat nicht dulden würde, sondern dann in den Irak einmarschieren würde. Es droht dann da dasselbe Völkermorden, wie es die Türkei gegenüber den Armeniern im ersten Weltkrieg durchgeführt hat. Die Kurden werden sich aber die Unterdrückung nicht gefallen lassen, so wie schon jetzt die Kurden in der Türkei einen Freiheitskampf führen. Dadurch wird dann ein Kriegsschauplatz mehr auf der Welt eröffnet. Schiiten und Sunniten sind ferner in einer Reihe von Städten (beispielsweise Bagdad) miteinander verzahnt, so daß eine konfliktlose Trennung in verschiedene Herrschaftsgebiete auch Schwierigkeiten bereitet. Mit dem Sturz von Saddam fangen die Probleme also erst an. Ob die Amerikaner tatsächlich – was sie wollen – die Ölquellen ausbeuten können, ist deshalb mehr als zweifelhaft; bislang jedenfalls ist die Produktion noch niedriger als vor dem Krieg. Damit sie die Ölquellen weitgehend alleine, lediglich unter geringer Beteiligung der Briten, ausbeuten können, und nicht durch Gläubiger, die aus der Ölförderung Rückzahlung von Schulden verlangen können, gehindert werden, haben sie die Gläubigerstaaten des Irak aufgefordert, auf ihre Forderungen zu verzichten; die bundesdeutsche Regierung hat dazu schon ihre Bereitschaft erklärt.

Unabhängig von diesen finanziellen Folgen des Irakkrieges sind aber auch hier die religiösen Folgen viel bedeutsamer. Der Angriff auf den Irak erfolgte nicht nur zwecks Raub der irakischen Ölreserven, sondern auch, um die bereits vom Vater von Bush im ersten Irakkrieg beabsichtigte Schwächung des stärksten arabischen Staates neben Israel fortzuführen mit seiner totalen Entmachtung. Zwischenzeitlich ist durch eine Reihe von Veröffentlichungen deutlich geworden, daß schon vor dem 11. September 2001 eine Reihe von „Neokonservativen“ nicht nur einen zweiten Krieg gegen den Irak gefordert hatten, sondern ebenso Kriege gegen Syrien und den Iran. Der Begriff „Neokonservative“ wird von diesen Personen selbst verwendet, offensichtlich deswegen, um von ihren eigenen Bestrebungen abzulenken. Tatsächlich handelt es sich um jüdisch-zionistische Vordenker in den USA, wie Perle und Wolfowitz, die als Redakteure in maßgeblichen Zeitschriften sitzen, ferner im Außenministerium und im Kriegsministerium.

Sie wollen Amerika auf Kriegskurs bringen, und da die Konservativen in den USA durchaus nicht immer Beherrschung der Welt durch die USA als erstrebenswert angesehen haben, bezeichnen sie sich als „neokonservativ“, da ihr Ziel die imperialistische Ausdehnung der Herrschaft der USA über die ganze Welt, das heißt die Weltherrschaft der USA und der sie bestimmenden Kräfte, ist. Unter Clinton konnten sie sich nicht durchsetzen, so daß die von ihnen geforderten Kriege damals noch nicht geführt wurden; Bush jedoch ist christlicher Fundamentalist, betet jeden Morgen eine halbe Stunde, und ist natürlich mit dem Alten Testament vertraut, wonach der Gott der Bibel, der ja sowohl der Gott der Juden wie der Christen ist, den Juden als heiligem Volk nicht nur ganz Palästina, sondern auch große Teile Jordaniens, des Iraks und Syriens als Siedlungsgebiet versprochen hat. Deswegen unterstützen die USA nach wie vor mit Milliarden Dollar jedes Jahr Israel, obwohl diese Dollars dazu verwendet werden, israelische Siedlungen im vor fast vierzig Jahren besetzten Palästinenserland zu errichten; diese „ethnischen Säuberungen“ sowie die von der israelischen Regierung angeordneten Morde an Palästinensern und ihren Führern werden von den USA nicht verurteilt, Resolutionen der UNO dagegen regelmäßig durch das Veto der USA im Sicherheitsrat blockiert.

Die bekennenden Christen der USA ziehen sich damit nicht nur den Haß aller Araber zu, die über ihre Fernsehsender das tagtägliche Morden von Israelis gegen Araber sehen, sondern den Haß der Moslems der ganzen Welt. Da die USA eine überwältigende Militärmacht haben, ebenso das von ihnen unterstützte Israel, können sie nicht durch einen „normalen Krieg“ bekämpft werden. Die Araber greifen zu dem Mittel, was unterdrückte Völker schon immer verwendet haben: den Feind dort anzugreifen, wo er nicht geschützt ist, und wo mit möglichst geringen eigenen Verlusten eine höchstmögliche Zahl von Toten beim anderen erzielt werden kann. Als die afrikanischen Völker ihre Selbständigkeit haben wollten, sind die dazu gebildeten Organisationen vom Westen nicht als Terrororganisationen bezeichnet worden, sondern als Freiheitsbewegungen, sei es in Kenia, Rhodesien, Südafrika, Algerien oder Südwestafrika. Sie haben genau das getan, was nunmehr vom Westen als „Terrorismus“ verurteilt wird, nämlich weiße Zivilisten umgebracht. Der Weltkirchenrat und auch die westdeutschen Kirchen haben beispielsweise die Swapo unterstützt, die deutsche Farmerfamilien in dem früheren Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) ermordeten, und zwar mit Millionenbeträgen. Dabei ist es den Einwohnern in den früheren Kolonialgebieten unter weißer Herrschaft sehr viel besser gegangen, als es ihnen heute „befreit“ geht, oder als es den Palästinensern unter jüdischer Herrschaft heute geht. Die afrikanischen Terrororganisationen haben keinerlei Selbstmordattentate gemacht, weil sie nicht so verzweifelt in die Enge getrieben waren, wie dies heute die Palästinenser sind. Gleichwohl werden die palästinensischen Attentäter als Terroristen bezeichnet, nicht als Freiheitskämpfer. Warum? Weil hier natürlich das auserwählte Volk der Bibel betroffen ist, und alle Kirchen der Welt hier eine besondere Beziehung sehen; das Volk Gottes kann und darf man nicht kritisieren. Alles, was dieses Volk tut, ist durch Gott gerechtfertigt; die Palästinenser haben ihre Vertreibung, Ausbeutung, Entrechtung und Ermordung mithin hinzunehmen, da schon im Alten Testament ihnen dieses prophezeit worden sei.

Diese einseitige Sicht der Christen im Westen führt dazu, daß der primär gegen Israel und die Juden gerichtete Haß sich auf die jüdisch-christlich geführten USA mit ihrer Kreuzzugsmentalität überträgt, ferner weiter auf alle, die dem jüdisch-christlichen Weltherrschaftsstreben Vorschub leisten und dieses unterstützen. Die lautstarke Unterstützung des spanischen Ministerpräsidenten Aznar für den Irakkrieg und die Entsendung spanischer Truppen als Besatzungstruppen führte deshalb zu den Bombenanschlägen auf Züge in Spanien, und wenn Deutschland in vergleichbarem Maße jüdisch-amerikanische Weltherrschaftsbestrebungen und Unterdrückungen von Arabern unterstützt, wird dies genauso zu Anschlägen in Deutschland führen.

Wir müssen uns nur immer darüber im Klaren sein, daß die Terroristen des einen die Freiheitskämpfer des anderen sind, daß es eine Verhinderung des Terrors nicht gibt, außer wenn die Wurzeln des Terrors beseitigt werden. Die Wurzeln des Terrors liegen nicht bei Al-Qaida, Hamas oder anderen Gruppierungen; selbst wenn sie vollständig ausgerottet würden, würden andere Organisationen nachwachsen. Der Terror entsteht wegen der zionistischen Unterdrückung, Vertreibung und Entrechtung der Palästinenser und anderer Araber, und wegen des amerikanischen Weltherrschaftsstrebens. Genauso, wie vom „deutschen Überfall auf Polen“ 1939 gesprochen wurde, obwohl vorher zahlreiche Volksdeutsche durch Polen ermordet, vertrieben und drangsaliert wurden, mithin die Vorgeschichte des deutsch-polnischen Krieges ausgeblendet wurde, wird heute die Vorgeschichte der Attentate, sei es in Israel, sei es in den USA oder Spanien, ausgeblendet.

Wenn die USA nicht jeden Mord und jede Gewalttat Israels gedeckt hätten, wozu Israel nur deswegen in der Lage war, weil es von den USA jährlich Milliarden-Subventionen und Militärhilfe im allergrößten Umfang erhält, wäre es nicht zum 11. September gekommen. Die Amerikaner blenden dies oftmals aus (die Medien berichten natürlich nicht darüber), genauso wie sie nicht wissen, daß es nicht zu Pearl Harbour gekommen wäre, wenn Roosevelt nicht die japanischen Guthaben in den USA beschlagnahmt hätte, Rohstofflieferungen an Japan unterbunden hätten, Sanktionen und Blockaden sowie „Entschuldigungen“ von der stolzen japanischen Nation verlangt hätte. Ereignisse dürfen nicht punktuell gesehen werden; sie müssen in ihrer Entwicklung und in ihrer Vorgeschichte gesehen werden. Dann allein kommt man zu einer objektiven Beurteilung. Wie verhaßt die US-Amerikaner inzwischen weltweit sind, ist daraus zu ersehen, daß auch die Schiiten im Irak, die ihren Einfluß letztlich der anglo-amerikanischen Invasion verdanken, den möglichst raschen Abzug der Amerikaner fordern. Hier wird schon ersichtlich, daß – unabhängig von primärpolitischen Fragen – der Einfluß von Nichtmuslimen nicht geduldet wird.

Wenn Bush – was er nach eigenem Bekunden so gut wie gar nicht tut – Bücher lesen würde, hätte er vor seinem Irakkrieg das Buch seines Landsmannes Samuel (trotz des Vornamens kein Jude) P. Huntington: „The Clash of Civilizations“, was 1996 herausgekommen ist, gelesen, der darlegt, daß die Kernmacht eines Kulturkreises tunlichst nicht im Zentrum anderer Kulturkreise eingreifen soll. Die deutsche Übersetzung ist unter dem Namen „Kampf der Kulturen“ erschienen. Aber wenn man das Buch liest, wird sehr deutlich, daß es letztlich nicht um Kampf der Kulturen geht, sondern um Kampf der Religionen; ausführlich wird beispielsweise der Jugoslawien-Konflikt behandelt: Serben und Kroaten haben dieselbe Kultur, auch eine sehr ähnliche Sprache; sie unterscheiden sich aber in ihrer Religion, die einen sind katholisch, die anderen orthodox, und deshalb hassen sie sich. Auch sonst laufen die Bruch- und Konfliktlinien oftmals an religiösen Grenzen: Huntington selbst erwähnt auf Seite 52 eine Mitteilung der Athener an die Spartaner, sie würden mit den Persern keine gemeinsame Sache machen, wobei sie als Grund „die Bluts- und Sprachgemeinschaft mit den anderen Hellenen, die Gemeinsamkeit der Heiligtümer, der Opferfeste und Lebensweise“ anführten. Huntington selbst fährt dann fort: „Blut, Sprache, Religion, Lebensweise waren das, was die Griechen gemeinsam hatten, und was sie von den Persern und anderen Nichtgriechen unterschied.

Von allen objektiven Elementen, die eine Kultur definieren, ist jedoch das wichtigste für gewöhnlich die Religion, wie die Athener betonten. In ganz hohem Maße identifiziert man die großen Kulturen der Menschheitsgeschichte mit den großen Religionen der Welt; und Menschen, die Ethnizität und Sprache miteinander teilen, sind fähig – so im Libanon, im früheren Jugoslawien und auch dem indischen Subkontinent –, einander abzuschlachten, weil sie an verschiedene Götter glauben“. Huntington scheute sich aber offensichtlich, noch Öl ins Feuer zu gießen, was durch einen Titel des Buches „Kampf der Religionen“ geschehen wäre; letztendlich läuft es aber darauf hinaus. Insgesamt muß sein Werk als für einen Amerikaner erstaunlich kenntnisreich und vorurteilsfrei bezeichnet werden.

Er zitiert zwar nicht den deutschen Professor Carl Schmitt, der als das Wesen des Politischen das Erkennen des Freund-Feind-Verhältnisses darstellt, aber zustimmend aus einem Roman über die Venezianer: „Ohne wahre Feinde keine wahren Freunde! Wenn wir nicht hassen, was wir nicht sind, können wir nicht lieben, was wir sind. Das sind die alten Wahrheiten, die wir heute, nach dem sentimentalen Gesülze von 100 Jahren, unter Schmerzen wieder entdecken. Wer diese Wahrheiten leugnet, der verleugnet seine Familie, sein Erbe, seine Kultur, sein Geburtsrecht, sein ganzes Ich!“ Seine zentralen Aussagen sind, daß die Modernisierung keine universale Kultur irgendeiner Art oder die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften erzeugen wird. Ferner wird das Machtgleichgewicht zwischen den Kulturkreisen sich verschieben; der Westen verliert an relativem Einfluß, asiatische Kulturen verstärken ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht, und der Islam erlebt eine Bevölkerungsexplosion, wobei die nichtwestlichen Kulturen selbstbewußt den Wert ihrer eigenen Grundsätze betonen. Gesellschaften, die durch „kulturelle Affinitäten“ verbunden seien, würden miteinander kooperieren; Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben, seien erfolglos.

Die universalistischen Ansprüche des Westens würden ihn zunehmend in Konflikt mit anderen Kulturkreisen bringen, am schwerwiegendsten mit dem Islam und mit China. Bruchlinienkriege, im wesentlichen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, würden die Gefahr einer breiteren Eskalation und damit Bemühungen von Kernstaaten um Eindämmung und Unterbindung dieser Kriege bringen. Das Überleben des Westens hänge davon ab, daß die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigten und die Westler sich damit abfänden, daß ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal sei, und sich einigten, diese Kultur vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen. Ein weltweiter Kampf der Kulturen könne nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine Politik akzeptierten und aufrecht erhielten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigten.
Was jedem, der das nationale Erwachen in Asien, Afrika, der Sowjetunion mit offenen Augen miterlebt hat, bewußt ist, was aber die EU-versessenen bundesrepublikanischen Politiker nicht wahrhaben wollen, ist seine Erkenntnis: „Nationalstaaten bleiben die Hauptakteure des Weltgeschehens.“ (S. 21).

Die Nachkriegszeit, die durch die Zweiteilung der Welt in Kommunismus und Antikommunismus bestimmt war, wobei die Staaten der dritten Welt von beiden Lagern umworben wurden, ist vorbei. Gesellschaften, die durch Ideologie oder historische Umstände geeint waren, aber kulturell vielfältig waren, fallen entweder auseinander, wie die Sowjetunion, Jugoslawien und Bosnien, oder sind starken Erschütterungen ausgesetzt, wie die Ukraine, Nigeria, der Sudan, Indien, Sri Lanka und viele andere. Soweit es zu Kriegen kommt, gibt es das Bemühen, diese zu begrenzen, so daß sich der Kampf der Stämme Ruandas nur auf Uganda, Zaire und Burundi auswirkte, aber nicht auf weitere afrikanische Staaten. Huntington setzt sich mit der These von Fukujama vom „Ende der Geschichte“ auseinander, wonach sich die westlich-liberale Demokratie als „definitive Regierungsform des Menschen“ überall durchsetzen werde. Diese Harmonieerwartung sei aber illusionär. Vom ersten Weltkrieg sei schon behauptet worden, daß dies „der Krieg zur Beendigung aller Kriege“ sei, und zum zweiten Weltkrieg sagte Franklin Roosevelt, daß hieraus eine „dauerhafte Struktur des Friedens“ hervorgehen würde. Unabhängig davon, ob die Behaupter dieser Phrasen daran selbst geglaubt haben, haben sich jedenfalls diese Voraussagen als völlig irrig erwiesen, wie die zahlreichen Kriege und Konflikte nach dem ersten und nach dem zweiten Weltkrieg gezeigt haben.

Die Kolonialkriege früherer Zeiten sind abgelöst worden von blutigen Kriegen der zwischenzeitlich in die Selbständigkeit entlassenen Völker. Huntington glaubt nicht an einen Krieg der armen Ländern gegen die reichen Länder, weil den armen Ländern der dritten Welt dazu die militärischen Voraussetzungen fehlten. Eine kulturelle Zweiteilung in „westlich – nichtwestlich“ sei abwegig, weil die japanische, chinesische, hinduistische, arabische und afrikanische Kultur wenig Verbindendes hätten, was Religion, Gesellschaftsstruktur, Institutionen, herrschende Werte betreffe. Huntington ist der Auffassung, daß Staaten mit ähnlicher Kultur und ähnlichen Institutionen ein gemeinsames Interesse sehen würden; allerdings berücksichtigt er dabei nicht (und kann es als Amerikaner vielleicht auch nicht), daß die USA in ihrem imperialistischen Weltherrschaftsstreben nicht darauf abstellen, wer ihre Verbündeten sind und wer nicht. Der pakistanische Diktator ist ein guter Freund, weil Pakistan die Al-Qaida bekämpft, der saudische König ebenfalls, obwohl es dort keine Demokratie gibt; andererseits ist die Bundesrepublik unter Schröder schon fast in die „Achse des Bösen“ eingereiht worden, da Bush erklärt hatte, wer nicht für ihn sei, sei gegen ihn. Daß nach dem Ende des „kalten Krieges“ die Zeit der Konflikte vorbei sei, widerlegt Huntington damit, daß 1993 auf der ganzen Welt schätzungsweise 48 „ethnische Kriege“ geführt wurden; auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion gab es 164 „territorial-ethnische Forderungen und Grenzkonflikte“, von denen 30 in irgendeiner Form bewaffnete Konflikte waren (S. 41).

Der Druck in Richtung Integration sei in der Welt vorhanden; genau dieser Druck sei es aber auch, der den Gegendruck der kulturellen Selbstbehauptung und des kulturellen Bewußtseins wecke. Hierzu mag eingeschoben werden eine Übersicht aus der „Wirtschaftswoche“ vom 16.01.2003, wo eine Umfrage aus verschiedenen Staaten abgedruckt ist, ob die Verbreitung amerikanischer Ideen und Gebräuche gut oder schlecht sei. Nachfolgend werden die Zahlen derjenigen, die das als „gut“ bzw. als „schlecht“ bezeichnen, wie folgt angegeben: Pakistan (2:81), Türkei (11:78), Mexiko (22:65), Indien (24:54), Frankreich (25:71), Deutschland (28:67), Südkorea (30:62), Großbritannien (39:50). Am meisten Zustimmung fanden erstaunlicherweise die amerikanischen Ideen und Gebräuche in Japan; nur dort gab es mit 49 % mehr Zustimmung als mit 45 % Ablehnung. Dadurch wird Huntingtons Ausführung dazu, daß durch Warenverkehr entgegen mancher Meinung kein Kultureinfluß ausgeübt werde, insbesondere nicht das Schätzen bestimmter kultureller Dinge, nachhaltig gestützt. Er legt dar, daß Hollywood auf dem Musikmarkt zwar dominiert, und 88 % der weltweit meistbesuchten Filme 1993 aus den USA kamen; zwei amerikanische und zwei europäische Nachrichtenagenturen beherrschten weltweit die Sammlung und Verbreitung von Nachrichten.

Gleichwohl habe dies nicht zu einem Abbau der Abneigung nichtwestlicher Gesellschaften gegen westliche Werte geführt. Der Westen habe auch in der Vergangenheit die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion erobert, sondern durch die Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. „Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ (S. 68). Auch internationaler Handel habe Konflikte nicht vermindert; um 1910 habe es mehr Handel zwischen den Ländern gegeben als jemals davor oder danach, wobei der Handel insgesamt 33 % des globalen Sozialproduktes ausgemacht habe. Gleichwohl habe dies nicht den ersten Weltkrieg verhindert. Seit der französischen Revolution seien die Konfliktlinien hauptsächlich zwischen Nationen, nicht zwischen Fürsten (wie vorher) verlaufen. Das zwanzigste Jahrhundert habe einen tiefgreifenden Wandel gebracht. Die Weltkarte von 1990 habe wenig Ähnlichkeit mit der Weltkarte von 1920. Das Gewicht der militärischen und ökonomischen Macht habe sich gravierend verschoben. Der Westen habe politische Ideologien erzeugt (Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus, Kooperatismus, Marxismus, Kommunismus, Sozialdemokratie, Konservatismus, Nationalismus, Faschismus, christliche Demokratie).

Keine andere Kultur habe eine bedeutsame politische Ideologie hervorgebracht, wohingegen der Westen andererseits „niemals eine große Religion hervorgebracht“ habe; die Religionen der westlichen Welt seien ausnahmslos in nichtwestlichen Kulturen entstanden und den meisten Fällen älter als die westliche Kultur (S. 71). Die Ideologien verfielen heute; sie hätten die Bedeutung der Religion im zwanzigsten Jahrhundert zunächst zurückgedrängt, seit den 60er Jahren sei die Bedeutung der Religion zu Lasten der Ideologien zunehmend gestiegen. Der Begriff „freie Welt“ sei schon in den 80er Jahren immer seltener verwendet worden. Spengler habe den Blick dafür geöffnet, daß die im Westen vorherrschende, kurzsichtige Auffassung der Geschichte mit ihrer säuberlichen Einteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit falsch sei, sondern jede Kultur ihre eigene Bedeutung, ihren Aufstieg und Abstieg habe, und keine Kultur eine bevorzugte Stellung in der Geschichte einnehmen könne. Auch Toynbee hat die „egozentrischen Illusionen“ des Westens gegeißelt, daß die Welt sich um ihn drehe, und daß der „Fortschritt“ unausweichlich sei. Jede Kultur sehe sich selbst als Mittelpunkt der Welt und schreibe ihre Geschichte als zentrales Drama der Menschheitsgeschichte. Realistisch sei aber, jede Kultur in ihrer Bedingtheit zu sehen.

Daß bestimmte Intellektuelle in anderen Kulturkreisen als den westlichen Ideen anhängen, sei nicht anders zu bewerten, als daß beispielsweise in früheren Jahrhunderten in der westlichen Welt in regelmäßigen Abständen Begeisterungen für verschiedene Aspekte der chinesischen oder hinduistischen Kultur aufgetreten seien (S. 79). Irgendwo im nahen Osten könne es sehr wohl ein paar junge Männer in Jeans geben, die Coca Cola trinken und Rap hören, aber zwischen Verbeugungen in Richtung Mekka eine Bombe basteln, um ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen.

Er verweist auf die großen Unterschiede in der Geburtenrate. Der Anteil der Weltbevölkerung, die die großen westlichen Sprachen sprechen, sei in der letzten Hälfte des Jahrhunderts laufend gesunken. Doppelt so viele Menschen sprechen Mandarin wie Englisch (1992), das nur von 7,6 % der Weltbevölkerung gesprochen werde. Eine Sprache, die 92 % der Menschen fremd sei, könne nicht eine Weltsprache sein. Allerdings sei sie die Sprache, die Menschen verschiedener Sprachgruppen und Kulturen benutzten, um miteinander zu verkehren. Dies habe es auch in der Vergangenheit gegeben: Latein in der klassischen und mittelalterlichen Welt, französisch jahrhundertelang danach, womit zwar sprachliche und kulturelle Unterschiede überwunden würden; dies sei aber „nicht eine Methode, um sie zu beseitigen“ (S. 84).

Eine „lingua franca“ werde generell nur dann akzeptiert, wenn sie nicht einer bestimmten ethnischen Gruppe, Religion oder Ideologie zugeordnet werden könne (S. 85). Dazu ist dann die Anmerkung zu machen, daß der imperialistische Kurs der US-Regierung dazu führen wird, daß das Englische zunehmend als Sprache der Unterdrücker gesehen wird, so daß es an Bedeutung verlieren wird. Die meistverbreiteten Sprachen seien die Sprachen imperialer Staaten gewesen, die aktiv den Gebrauch ihrer Sprache durch andere Völker förderten. Verschiebungen in der Machtverteilung bewirkten Verschiebungen im Gebrauch der Sprachen. Wirtschaftliche Macht Japans hat Nichtjapaner zum Erlernen des Japanischen veranlaßt, und die wirtschaftliche Macht Chinas wird einen ähnlichen Zug beim Chinesischen bewirken.

Chinesisch habe das Englische als vorherrschende Sprache in Hongkong bereits verdrängt und sei angesichts der Rolle der Auslandschinesen in Südostasien die Sprache geworden, in der ein guter Teil der internationalen Geschäfte in der Region abgewickelt werde. In dem Maße, wie die Macht des Westens im Verhältnis zu der Macht anderer Kulturkreise schwinde, werde auch der Gebrauch des Englischen und anderer westlicher Sprachen in anderen Gesellschaften langsam zurückgehen. Wenn China „in ferner Zukunft“ den Westen als herrschende Kultur der Welt abgelöst habe, werde Englisch dem Mandarin als „lingua franca“ der Welt weichen. Nun, daß Chinas Aufstieg zur Weltmacht erst „in fernster Zukunft“ liege, glaube ich angesichts der jährlichen Zuwachsraten beim Bruttosozialprodukt von 8 % nicht. Richtig ist jedenfalls Huntingtons Bemerkung, daß zur Kolonialzeit die Gebildeten in den Kolonien sich vom „einfachen Volk“ durch den Gebrauch der Kolonialsprache abheben wollten, durch die Einführung demokratischer Institutionen und die stärkere Beteiligung von Menschen am politischen System bei diesen Völkern aber der Gebrauch westlicher Sprachen zurückgehen, und die einheimischen Sprachen zunehmend an Bedeutung gewinnen mußten. Auch in den meisten der früheren Sowjetrepubliken sind große Anstrengungen unternommen worden, die traditionelle Sprache zu neuem Leben zu erwecken. Estnisch, lettisch, litauisch, ukrainisch, georgisch und armenisch sind heute Amtssprachen unabhängiger Staaten. Aserbaidschan, Kirgisistan, Turkmenistan und Usbekistan sind von der kyrillischen Schrift ihrer früheren russischen Herren zur westlichen Schrift ihrer türkischen Verwandten übergegangen, während das persischsprachige Tadschikistan die arabische Schrift eingeführt hat (S. 89). Die Serben sind von der westlichen Schrift ihrer katholischen Feinde zur kyrillischen Schrift ihrer russischen Verwandten übergegangen. Kroaten reinigen ihre Sprache von türkischen und anderen Fremdwörtern, wohingegen in Bosnien gerade diese türkischen und arabischen Lehnwörter wieder groß in Mode gekommen sind.

Ebensowenig also, wie die einzelnen Nationalsprachen an Bedeutung verloren haben, sondern hingegen gewonnen haben, sind wir auf dem Wege zu einer Einheitsreligion. In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts erzielten sowohl der Islam als auch das Christentum Zugewinne in Afrika. Muslime haben in hundert Jahren ihren Anteil von 1900 auf 2000 von 12,4 auf 19,2 % der Weltbevölkerung erhöht: „Auf lange Sicht gesehen wird jedoch Mohammed das Rennen machen. Das Christentum breitet sich in erster Linie durch Bekehrung aus, der Islam durch Bekehrung und Reproduktion. Der Anteil der Christen an der Weltbevölkerung erreichte in den 80er Jahren mit 30% seinen Höchststand, hielt dieses Niveau eine Zeit lang, geht heute zurück und wird wahrscheinlich um das Jahr 2025 bei 25 % der Weltbevölkerung liegen.“ (S. 92). Andererseits werden die Muslime wahrscheinlich spätestens im Jahr 2025 auf 30 % der Weltbevölkerung angestiegen sein. „In der modernen Welt ist Religion eine zentrale, vielleicht sogar die zentrale Kraft, welche die Menschen motiviert und mobilisiert. Es ist reine Überheblichkeit zu glauben, daß der Westen, nur weil der Sowjetkommunismus zusammengebrochen ist, die Welt für alle Zeiten erobert hat und daß Muslime, Chinesen, Inder und alle anderen nun nichts Eiligeres zu tun haben, als den westlichen Liberalismus als einzige Alternative zu übernehmen.“ (S. 93).

Der Westen würde von einem Konzept der universalen Kultur ausgehen, um seine Dominanz über andere Gesellschaften und die Notwendigkeit der Nachahmung westlicher Praktiken und Institutionen durch andere Gesellschaften zu rechtfertigen. „Die Nichtwestler betrachten als westlich, was der Westen als universal betrachtet. Was Westler als segensreiche globale Integration anpreisen, z. B. die Ausbreitung weltweiter Medien, brandmarken Nichtwestler als ruchlosen westlichen Imperialismus.“ (S. 93).

Kulturexport befriedet also nicht. Auch der Handel befriedet – entgegen gängiger Klischees – nicht. Handel kann sogar ein „stark polarisierender Faktor“ sein (S. 94). Hierzu ist anzumerken, daß England Deutschland zu Beginn des ersten im wesentlichen und zu Beginn des zweiten Weltkrieges nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen den Krieg erklärt hat, weil Deutschland als Handelsnation zu stark wurde und England von verschiedenen Märkten zu verdrängen drohte bzw. schon verdrängt hatte (1939 beispielsweise vom Balkan). Populär war die durch viele Zeitungen vor dem ersten Weltkrieg in England ausgedrückte Meinung, daß es jedem Engländer wirtschaftlich besser gehen würde, wenn Deutschland vernichtet werde. Das „Made in Germany“ hatte englische Waren in vielen Bereichen verdrängt, was England nicht hinzunehmen bereit war. In regelmäßigen Abständen wird auch immer wieder vom „Handelskrieg“ zwischen der Europäischen Union und den USA gesprochen, angefangen vom „Hähnchenkrieg“, weil die Amerikaner für freien Handel sind, wenn es ihnen nützt, und Schutzzölle einführen (beispielsweise bei Stahl), wenn dies in ihrem Interesse liegt. Zu wirklichen Kriegen weiten sich diese „Handelskriege“ deswegen nicht aus, weil die USA derzeit die einzige Weltmacht sind. Daß Handel aber zu einer friedlichen Welt führe, ist als Vorurteil dadurch erwiesen.
Auch daß sich Menschen zunehmend mehr auf Reisen, in ihren Berufen, durch Wanderbewegungen kennenlernen, fördert nicht ihr Einvernehmen – so Huntington. In einer zunehmend globalisierten Welt „verschärft sich das kulturelle, gesamtgesellschaftliche und ethnische Bewußtsein“. (S. 96). Durch die Einwanderung anderer Volksgruppen, insbesondere solcher religiös verschiedener Art, kommt es zu Feindseligkeit; die Franzosen beispielsweise haben auf die Einwanderung von muslimischen Nordafrikanern mit der Förderung der Einwanderung katholischer Polen reagiert.

Huntington versucht dann, den modernen Westen zu beschreiben, und kennzeichnet ihn erst einmal damit, daß er durch das „klassische Erbe“ (das antike Griechenland und Rom) beeinflußt sei. Das westliche Christentum sei das wichtigste Charakteristikum der westlichen Kultur: das „christliche Abendland“ sei durch „Katholizismus und Protestantismus“ geprägt. Dies ist eine gewisse Inkonsequenz, da er Rußland und die christlich-orthodox bestimmten Völker einem gesonderten Kulturkreis zuordnen will. Das derzeitige Bemühen um einen „interkonfessionellen Dialog“, die „Ökumene“ zwischen Katholiken und Protestanten, die besonders von Protestanten ausgeht, ist aber erst wenige Jahre alt; noch vor zwei Jahren wurde beispielsweise ein katholischer Priester gemaßregelt, weil er an einem ökumenischen Gottesdienst teilnahm, und bis zur Wahl John F. Kennedys war es in den USA undenkbar, daß ein Katholik Präsident wurde, da sie durch die „Wasp“ („White anglo saxon protestants“) beherrscht werden sollten. Der Konflikt in Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken wirft immer noch blutige Spuren, und der Katholik Adenauer wollte lieber mit dem katholischen Frankreich zusammengehen, als mit dem „heidnischen Osten“, den Protestanten der DDR. Dementsprechend hat Kohl beispielsweise Hilfspäckchen in das katholische Polen portofrei gestellt und der polnischen Post sogar viele Millionen DM zwecks Beförderung dieser Hilfspakete erstattet, Päckchen in die DDR aber nicht portofrei gestellt. Der Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus wird von Huntington also nicht hinreichend gewürdigt, und auch innerhalb des Protestantismus gibt es erhebliche Unterschiede, was ich noch zeigen werde. Es gibt kein einheitliches westliches Christentum.

Als weiterhin westlich bezeichnet er die „Trennung von geistlicher und weltlicher Macht“. Dies ist nur erklärlich aus seiner US-Geschichte. Im Mittelalter hat der Papst dahin gestrebt, die weltliche Macht zu beherrschen, und es hat viele Jahrhunderte gebraucht, um sich hiervon zu befreien. Richtig ist allerdings, daß es zwischen Kirche und Staat, geistlicher Autorität und weltlicher Autorität einen durchgängigen Dualismus in der westlichen Kultur gegeben hat. Er verweist darauf, daß nur in der hinduistischen Kultur Religion und Politik so klar getrennt gewesen seien; im Islam sei Gott der Kaiser, in China und Japan der Kaiser Gott gewesen. Beim orthodoxen Christentum sei Gott des Kaisers Juniorpartner gewesen. Die Trennung und die immer neuen Konflikte von Kirche und Staat, die für die westliche Kultur typisch gewesen seien, habe es in keiner anderen Kultur gegeben. Wenn Huntington aber schreibt: „Diese Teilung der Herrschaft hat unermeßlich viel zur Entwicklung der Freiheit im Westen beigetragen“, so muß dem widersprochen werden. Es hat „unermeßlich viel“ zur Ausrottung der besten Kräfte unserer Völker beigetragen; unsere Völker ständen ganz anders in der Welt da, wenn es nicht den ständigen Konflikt zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter gegeben hätte, den verheerenden Dreißigjährigen Krieg, die Verbrennung von Hexen und Ketzern usw. Denn wir haben diese Konflikte deswegen gehabt, weil uns eine orientalische Religion aufgezwungen wurde; im Germanentum spielte die Religion im wesentlichen nur im häuslichen Bereich eine Rolle, nicht auf Stammes- oder Staatsebene. Der König vermittelte das Heil von den Göttern auf sein Volk. Es gab keine Konflikte zwischen ihm und den Goden, die sich nicht religiöse Allmacht anmaßten. Wenn sich die germanische Religion aus eigenen Wurzeln hätte weiterentwickeln können, hätte es keinerlei Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht gegeben, und die Freiheit war im heidnischen Germanien auch nie angetastet.

Zutreffend hat Huntington dann wieder die Rechtstaatlichkeit als kennzeichnend für den Westen genommen. Soweit er allerdings meint, daß dies von den Römern übernommen worden sei, ist dies unzutreffend; vor der Übernahme des römischen Rechts mit seinen verschiedenen – zum Teil spitzfindigen – Bestimmungen hat es germanische Volksrechte gegeben, die die Rechte der Einzelnen sicherten. Dort gab es sehr viel mehr Rechtstaatlichkeit, als im Mittelalter im christlichen Abendland. Im übrigen ist anzumerken, daß es selbstverständlich auch in China, im Islam – allerdings nicht in Afrika – verbindliche Rechtsvorstellungen gegeben hat.

Huntington findet weiter für die westliche Gesellschaft den „gesellschaftlichen Pluralismus“ kennzeichnend. Er erwähnt dazu die Klöster, Orden und Zünfte, Adel, Bauernschaft, Handwerker sowie Kaufleute und Händler. Es habe insoweit sehr viel mehr Pluralismus als in Rußland, China und in osmanischen Ländern gegeben. Allerdings ist hierzu anzumerken, daß im Hinduismus mit seinen zahlreichen Kasten noch eine viel größere Vielfalt schon vor vielen Jahrhunderten bestanden hat. Soweit er Repräsentativorgane als bezeichnend ansieht, wird dies durch eine Reihe geschichtlicher Epochen im Westen widerlegt.
Mehr Gewicht hat seine Aussage, daß der Individualismus für den Westen bedeutsam sei. Insbesondere die Germanen sind immer sehr freiheitsliebend gewesen und von daher die geborenen Individualisten. Er erwähnt allerdings auch, daß diese Charakteristika nicht immer anzutreffen gewesen seien.

Huntington zeigt dann anhand der Türkei und anderer Staaten, daß die Modernisierung zu einer vermehrten ökonomischen, militärischen und politischen Macht einerseits führt, andererseits zu einer Entfremdung und zu einer Identitätskrise. Über die vermehrte Macht und ebenso über eine Sehnsucht nach der kulturellen Eigenart komme es dann aber nahezu unvermeidlich zu einem kulturellen und religiösen Wiedererwachen. Bemerkenswerterweise finden sich unter den religiösen Fundamentalisten im Islam häufig naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen, nicht etwa Personen, die sich in irgendeine Klause zum Koranstudium zurückgezogen hätten. Huntington betont: „Nichtwestliche Gesellschaften können sich modernisieren und haben sich modernisiert, ohne ihre eigene Kultur aufzugeben und pauschal westliche Werte, Institutionen und Praktiken zu übernehmen.“ (S. 113). Die Welt sei „insgesamt dabei, moderner und weniger westlich zu werden.“ (S. 114).

Er legt dann dar, daß zwar der Westen die Weltwirtschaft beherrsche und militärisch-technologisch weit überlegen sei, auch die Kapitalmärkte und Schiffahrtsstraßen beherrsche, aber daß die Macht des Westens sich – je länger, je mehr – verringern werde, und zwar aus verschiedenen Gründen. Einmal habe der Westen zunehmend mehr innere Probleme (geringes Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Staatsdefizite, niedrige Arbeitsmoral, Drogen, Kriminalität). Die Rassenspannungen durch Einwanderer erwähnt er nicht, müßten aber hinzugefügt werden. Er spricht lediglich von „sozialer Desintegration“ (S. 118).

Die Macht werde einerseits auf andere Mächte, z. B. Indien und China, übergehen, andererseits auf multinationale Unternehmen. Der Niedergang des Westens stecke noch in der ersten langsamen Phase, könne sich aber in irgendeinem Punkt dramatisch beschleunigen. Ab 1900 sei die europäische Komponente der westlichen Zivilisation niedergegangen, besonders auffällig mit der Auflösung der Kolonialreiche nach dem zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1920 habe der Westen etwa 66 Mio. km2 oder etwa die Hälfte der Landoberfläche der Erde kontrolliert, wobei dies bis 1993 auf die Hälfte heruntergegangen sei. Das Territorium unabhängiger islamischer Gesellschaften sei in dieser Zeit von 4,7 Mio. km2 auf 28,5 Mio. km2 gestiegen. 1920 beherrschten die westlichen Staaten 48 % der Weltbevölkerung, wohingegen sie selbst 1993 nur 13% ausmachten, bis zum Jahre 2025 auf 10 % zurückgehen werden. Wie dramatisch sich die Verhältnisse wandeln, ist daraus zu ersehen, daß 1960 China 4% zum Weltbruttosozialprodukt beigetragen hat, die USA 37 %, wohingegen 30 Jahre später beide 24 % beitrugen. Nach Huntingtons Meinung ist spätestens 2050 die westliche Vorherrschaft durch China abgelöst (nach meiner Meinung schon in zwei Jahrzehnten). Schon im Jahre 2020 werden vier der fünf größten Volkswirtschaften der Erde in Asien liegen. Dieser rasche Erfolg wird von den Asiaten auch ihrer eigenen Kultur und deren Werte zugeschrieben: Ordnung, harte Arbeit, Gruppeninteresse vor Einzelinteresse, Familienzusammenhalt, Disziplin; die Gemeinschaft wird wichtiger als das Individuum gesehen.

Außerhalb Afrikas sei um 1990 praktisch die gesamte Altersgruppe mit Grundschulunterricht in der ganzen Welt versorgt worden. Während das Durchschnittsalter von Westlern, Japanern und Russen stetig steige, so daß die nicht mehr im Erwerbsleben stehenden Menschen zunehmend zu einer wirtschaftlichen Belastung werden, werden die anderen Kulturen durch riesige Zahlen von Kindern wirtschaftlich belastet: „Kinder aber sind künftige  Arbeiter und Soldaten“ (S. 126). 1928 erzeugte der Westen 84 % der Weltindustrieproduktion. 1992 gehörten bereits vier der sieben größten Volkswirtschaften der Welt zu nichtwestlichen Nationen (Japan, China, Rußland und Indien). Zwar habe die USA eine überwältigende militärische Macht; Kernwaffen und die Systeme zu ihrem Einsatz sowie chemische und biologische Waffen sind aber nach Huntington das Mittel, „wodurch Staaten, die den USA und dem Westen an konventioneller militärischer Stärke weit unterlegen sind, mit relativ geringen Kosten gleichziehen können.“

Aus diesem Grunde versuchten die USA mit allen Mitteln die Ausbreitung von Kernwaffen zu verhindern. Militärische Macht führe zu Selbstzweifeln bei den anderen und dazu, daß die Kultur der starken Macht attraktiv sei; dies habe die Anziehung der Sowjetunion in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ausgemacht. In dem Maße, wie die Macht des Westens schwindet, schwinde auch das Vermögen des Westens, anderen Zivilisationen westliche Vorstellungen von Menschenrechten, Liberalismus und Demokratie aufzuzwingen, und schwinde auch die Attraktivität dieser Werte für andere Zivilisationen. Menschen Ostasiens schreiben heute ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht einem Import der westlichen Kultur zu, sondern vielmehr ihrem Festhalten an der eigenen. Der Islam erstarke; in Algerien hätte eine islamistische Partei 1992 die Macht übernommen, wenn es nicht einen Militärputsch (von den USA unterstützt) gegeben hätte. „Zunehmende Macht beschert zunehmendes kulturelles Selbstbewußtsein.“ Deswegen erstarkten auch wieder in vielen Bereichen die einheimischen Religionen. Im Westen erzogene Atheisten wurden, zurückgekehrt nach Pakistan, glühende Apostel des Islam. Der anglisierte Lee lernte Mandarin und wurde ein entschiedener Verfechter des Konfuzianismus. Der Christ Bandaranaike bekehrte sich zum Buddhismus und appellierte an den singhalesischen Nationalismus.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe die geistige Elite angenommen, daß wegen der Modernisierung die Religion verkümmern werde. Mitte der 70er Jahre kehrte sich aber die Tendenz zur Säkularisierung um. Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus und Orthodoxie erlebten alle einen neuen Aufschwung, fundamentalistische Bewegungen entstanden, und in manchen Ländern ist diese Entwicklung besonders auffällig. 1994 gaben 30% der Russen unter 25 Jahren an, sie seien vom Atheismus zum Glauben an Gott umgeschwenkt. Als erstes wurden in den verfallenen Städten die Kirchen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus restauriert und prächtig ausgestattet. Ebenso gab es ein religiöses Erwachen in Zentralasien, wo es 1989 160 Moscheen gab, Anfang 1993 etwa 10000. Huntington meint, daß der stärkste Grund für den weltweiten Aufschwung der Religionen derjenige sei, der eigentlich den Tod der Religionen habe bewirken sollen: nämlich die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Modernisierung.

Weil althergebrachte Identitätsquellen und Herrschaftssysteme zerborsten sind, die Menschen vom Land in die Stadt ziehen, ihren Kontakt zu den Wurzeln verlieren und neue Berufe ergreifen oder arbeitslos sind, mithin vielfach neuartigen Beziehungssystemen ausgesetzt sind, brauchen sie neue Formen einer stabilen Gemeinschaft und neue moralische Anhaltspunkte, die ihnen ein Gefühl von Sinn und Zweck vermitteln. Die Religion befriedigt diese Bedürfnisse. Die Religionen bieten auf die Frage: „Wer bin ich? Wohin gehöre ich?“ Antworten, und religiöse Gruppen bilden kleine soziale Gemeinschaften, die die früheren dörflichen Gemeinschaften – die bei der Verstädterung verloren gehen – ersetzen. Ob in Indien die Erstarkung des Hinduismus und des Islam (mit entsprechenden Konflikten zwischen beiden), ob das Erwachen des Islam – überall befriedigen religiöse Gruppen die sozialen Bedürfnisse, die die Staatsbürokratien vernachlässigt hatten. Durch die Umbrüche kommt es teilweise auch zu neuer religiösen Orientierung.

Als Korea ein reiner Agrarstaat war, waren die Menschen buddhistisch. Als es sich technisch stark entwickelte und verstädterte, die dörflichen Gemeinschaften zerschlagen wurden, bot das Christentum mit seiner Botschaft der persönlichen Erlösung einen Ausweg, so daß die Zahl der Christen von rund 2 % auf 30 % in der südkoreanischen Bevölkerung anstieg. Vergleichbar führte die Verstädterung und Technisierung in Südamerika zum Abwenden vom Katholizismus und Hinwenden zum Protestantismus. Beispielsweise gehen heute in Brasilien mehr Protestanten in die Kirchen als Katholiken, ganz anders als in der Bundesrepublik. (Allerdings wird bei diesen Dingen von Huntington nicht genügend beachtet, daß religiöse Neuorientierungen im Zusammenhang mit der Modernisierung genauso, wie er dies vorher bezüglich der kulturellen Werte geschrieben hat, zu einem Rückschlag führen kann, nachdem ein entsprechendes Selbstbewußtsein gewonnen worden ist, so daß dann die ursprünglichen Werte wiederentdeckt werden.) Was die religiöse Neuorientierung häufig fördert, sei es Fundamentalismus, sei es Übergang zu anderen Glaubensformen, ist oftmals die Tatsache, daß auch fundamentalistische Bewegungen geschickt moderne Massenkommunikationsmittel und Organisationstechniken zur Verbreitung ihrer Botschaft einsetzen.

In Mittelamerika hat beispielsweise die protestantische Fernseh-Missionierung großen Erfolg. Gerade die jüngsten Großstadtwanderer bedürfen in der Regel gefühlsmäßiger, sozialer und finanzieller Unterstützungen, die religiöse Gruppen mehr als alle anderen Gruppen bieten können. Hier sei Religion nicht Opium fürs Volk, sondern Vitamin für die Schwachen. Ferner findet sich bei Islamisten unter den Fundamentalisten die neue Mittelschicht, oft die erste Generation ihrer Familie, die eine Universität oder technische Hochschule besucht hat; bei den Muslimen sind die Jungen religiös, die Eltern säkular. Ähnlich ist es im Hinduismus. Gemeinsam ist ihnen die stolze Feststellung: „Wir werden modern sein, aber wir werden nicht wie Ihr sein.“
Hier ist einzuwerfen, daß auf die Probleme des Westens, die uns bedrohen (Überfremdung, Instabilisierung durch Arbeitslosigkeit, mehrere Berufswechsel im Laufe eines Lebens, Vergreisung der Gesellschaft) die hier traditionellen Religionen Protestantismus und Katholizismus auch keine Antwort haben, so daß nach etwas neuem gesucht wird. Das ist schließlich der Hintergrund des Erstarkens verschiedener Sekten und außereuropäischer Religionsformen hier bei uns. Letztlich ist dies aber auch die Chance, die wir als germanische Heiden haben, in dem im Untergang und Umbruch befindlichen Abendland erheblichen Zulauf für unsere germanisch-fundamentalistischen Vorstellungen zu gewinnen.

Während im asiatischen Bereich Selbstbewußtsein und Rückbesinnung auf die Religion besonders aus dem wirtschaftlichen und technologischen Wachstum gezogen werden, ergibt sich der Aufstieg des Islam besonders wegen des großen Geburtenüberschusses seit einigen Jahrzehnten. Junge Menschen sind weniger geneigt, sich bestehenden Verhältnissen anzupassen, als ältere; sie fordern und kämpfen. Besonders konfliktträchtig wird es nach Huntington dann, wenn die 15 bis 24-jährigen mehr als 20 % der Bevölkerung stellen. So ist es in vielen islamischen Staaten heute, und Huntington zufolge sollen 1995 Moslems an 26 von 50 Konflikten beteiligt gewesen sein. Die zunehmende Bedeutung des Islam wird auch daraus ersichtlich, daß beim ersten Krieg gegen den Irak die arabische Liga weit überwiegend zunächst auf amerikanischer Seite stand, dann die Regierungen auf Druck der Bevölkerungen aber umschwenkten, und der zweite Irakkrieg geschlossen sowohl von der Bevölkerung wie von den arabischen Regierungen verurteilt wurde. Alle islamischen Staaten (mit Ausnahme des Irans), auch die Türkei, sind in den letzten Jahren immer islamischer geworden. In China, und zwar sowohl in Taiwan wie in Festlandchina, auch in Singapur, findet eine Rückbesinnung auf die Werte des Konfuzianismus statt; ausländische Importe wie die westliche Demokratie oder der Marxismus – Leninismus werden zunehmend abgelehnt. Nur Japan hat den 1945 erlittenen Schock noch nicht überwunden.

Nachdem Huntington dargelegt hat, daß sich die Welt im Umbruch befindet, behandelt er die kommende Neugestaltung. „Was bei der Bewältigung einer Identitätskrise für die Menschen zählt, sind Blut und Überzeugung, Glaube und Familie. Menschen gesellen sich zu anderen, die dieselbe Herkunft, Religion und Sprache, dieselben Werte und Institutionen haben, und distanzieren sich von denen, die das nicht haben.“ (S. 194). Jemand kann sich mit seinem Clan, seiner ethnischen Gruppe, seiner Nationalität, seiner Religion, seiner Zivilisation identifizieren. Auf jeder dieser Ebenen kann man sich laut Huntington selbst nur in bezug auf ein „Anderes“, eine andere Person, Sippe, Rasse oder Zivilisation definieren. (S. 200). Immer in der Menschheitsgeschichte galt für das Verhalten gegenüber denen, die „wie wir“ sind, ein anderer Code als gegenüber den „Barbaren“, die es nicht sind. Gegenüber anderen gibt es Überlegenheitsgefühle, manchmal auch Minderwertigkeitsgefühle, Furcht und mangelndes Vertrauen, mangelnde Vertrautheit mit den Annahmen, Motivationen, sozialen Beziehungen und sozialen Praktiken anderer Menschen, und die Kommunikation mit ihnen ist erschwert. Konflikte sind allgegenwärtig. „Hassen ist menschlich. Die Menschen brauchen Feinde zu ihrer Selbstdefinition und Motivation: Konkurrenten in der Wirtschaft, Gegner in der Politik. Von Natur aus mißtrauen sie und fühlen sich bedroht von jenen, die anders sind und die Fähigkeit haben, ihnen zu schaden… In der zeitgenössischen Welt handelt es sich bei den „sie“ mit immer größerer Wahrscheinlichkeit um Menschen einer anderen Zivilisation. Das Ende des Kalten Krieges hat den Konflikt nicht beendet, sondern neue, kulturell verwurzelte Identitäten gestiftet und neue Muster des Konflikts zwischen Gruppen aus verschiedenen Kulturen entstehen lassen, die auf allgemeinster Ebene Zivilisationen sind.“ (S. 202).

Länder, die nicht zu ihrer eigenen kulturellen Vergangenheit stehen, bezeichnet Huntington als „zerrissene Länder“. Hierzu zählt er die Türkei, die durch Atatürk zwangsweise verwestlicht wurde, ebenso Rußland seit Peter dem Großen, wobei es seitdem die Auseinandersetzung zwischen den Westlern und den Slawophilen gibt, Mexiko und Australien. Seit den 90er Jahren versucht die Labour-Regierung Australien von einem westlichen Staat in einen asiatischen Staat umzuwandeln; asiatische Einwanderung wird gefördert, und die entsprechenden Beziehungen zu Asiaten sollen – allerdings mit vielem Mißtrauen von seiten der asiatischen Staaten – verstärkt werden. Die Australier sind hinsichtlich dieses Kurses gespalten, und Huntington erklärt, daß hier – ebenso wie bei den anderen zerrissenen Staaten – „das kurzsichtige Resultat einer Überbewertung wirtschaftlicher Faktoren“ vorliegt, „die die Kultur des Landes nicht erneuert, sondern ignoriert“ (S. 243). Er verweist darauf, daß Anfang des nächsten Jahrhunderts die Historiker diese Entscheidung als „einen bedeutsamen Schritt auf dem Weg in den „Untergang des Abendlandes“ erblicken“ werden. Durch diese Option werde aber nicht das westliche Erbe Australiens beseitigt, sondern es werde ein auf Dauer zerrissenes Land die Folge sein. Ergänzen können wir, daß dasselbe natürlich auch für die Schaffung „multikultureller Gesellschaften“ in Europa gilt.

Huntington betont: „Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden“. (S. 247). In diesen Kulturkreisen nehmen „Kernstaaten“, das heißt die herausragenden Staaten eines solchen Kulturkreises, Ordnungsfunktionen ein, und können auf Länder ihres Kulturkreises friedenstiftend einwirken, weil sie von diesen anerkannt werden (nach ihm Rußland im christlich-orthodoxen Kulturkreis, China im asiatischen, USA im westlichen). Das Problem bei den islamischen Ländern ist, daß – anders als im Westen, wo der Nationalstaat die höchste Loyalität genießt – im Islam der Staat oder das Volk nicht die entscheidende Rolle spielt, sondern die Bindung an Allah, so daß es dort keinen Kernstaat gibt.

Welche Kulturkreise gibt es nun laut Huntington? Einmal den afrikanischen und den südamerikanischen, die nach Huntington beide in der Zukunft aber keine machtpolitische Rolle spielen werden, wobei Huntington die Gründe nicht näher erwähnt; hinsichtlich Afrika dürfte dies darauf zurückzuführen sein, daß wegen der intellektuellen Kapazität der Bevölkerung Schwarze nie irgendeine machtpolitische Rolle in der Geschichte haben spielen können, bei Südamerika, daß wegen der vielfach gemischten Bevölkerung sich das Interesse nur auf die eigene Familie bezieht, nicht auf Volk oder Staat, und deswegen Korruption, Vetternwirtschaft usw. jegliche Machtentfaltung verhindern.

Stärkste Bedeutung für die Zukunft wird China und der von ihm beherrschte oder beeinflußte asiatische Bereich haben. Hierzu gehören einmal die Staaten mit großen chinesischen Bevölkerungsanteilen in Asien, dann aber auch die kleineren umliegenden Staaten. In Asien hat Tradition, sich einem Stärkeren anzupassen, nicht in Konfrontationskurs zu gehen (wie es Großbritannien gegen das Aufsteigen Deutschlands zur Großmacht gemacht hat, und ebenso die USA; den gängigen Klischees hier bei uns, daß die Weltkriege zur Beseitigung des Kaisers oder des Nationalsozialismus geführt worden seien, wird von Huntington als zu abwegig nicht einmal diskutiert). Er erklärt nur kühl: „Mehr als zwei Jahrhunderte lang haben die USA den Versuch unternommen, das Entstehen einer dominierenden Macht in Europa zu verhindern. 100 Jahre lang, seit der Politik der „offenen Tür“ gegenüber China, haben sie das gleiche in Asien versucht. Zur Erreichung dieser Ziele haben die USA zwei Weltkriege und einen kalten Krieg gegen das kaiserliche Deutschland, Nazi-Deutschland, das kaiserliche Japan, die Sowjetunion und das kommunistische China geführt. Dieses amerikanische Interesse besteht fort und wurde von den Präsidenten Reagan und Bush bekräftigt.

Die Entwicklung Chinas zur dominierenden Regionalmacht in Ostasien stellt, wenn sie andauert, dieses zentralamerikanische Interesse in Frage. Die eigentliche Ursache des Konflikts zwischen Amerika und China ist die grundlegende Meinungsverschiedenheit darüber, wie das künftige Machtgleichgewicht in Ostasien aussehen soll.“ (S. 369). Zu ergänzen wäre hier nur, an die Adresse der „Gutmenschen“ in Deutschland, die ihre eigene moralische Einstellung bei den Angelsachsen für deren politisches Handeln unterstellen, daß Churchill vom zweiten Weltkrieg als dem „Dreißigjährigen Krieg“ gegen Deutschland sprach, der 1914 begonnen habe, und erklärte, auch wenn ein Jesuitenpater an der Spitze Deutschlands stünde, sei es sein Ziel, Deutschland zu vernichten, weil dies im britischen Interesse liege. Huntington zeichnet aus, daß er völlig von den „Hand aufs Herz – himmelwärts“ gerichteten Blicken der amerikanischen Präsidenten und ihrem Geschwafel von weltweiter Demokratie, weltweitem Frieden, weltweiten Menschenrechten absieht, und die Politik als das darstellt, was sie überall auf der Welt (mit Ausnahme Deutschlands) ist: Machtpolitik zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Wenn jemand Huntington sagen würde, die USA seien 1941 in den Krieg eingetreten, um irgendein Land zu befreien oder die Demokratie irgendwo einzuführen, würde er vermutlich einen Lachkrampf bekommen. In unseren Schulen ist dies aber „Bildungsziel“.

Machtpolitischen Einfluß hat der hinduistische Kulturkreis Indien mit einer Milliarde Menschen. Mit China hat es insoweit Grenzkonflikte gegeben, und allein schon wegen der Größe der Menschen und der sich entwickelnden Wirtschaft gibt es hier eine Konkurrenzsituation. China hat deshalb das islamische Pakistan als Gegengewicht zu Indien immer unterstützt, und unterhält auch hervorragende Beziehungen zu den anderen islamischen Staaten der Region. Indien selbst hat aus seiner Gegnerschaft gegen Pakistan und China sich zu Zeiten, als die Sowjetunion und China sich im kalten Krieg befanden, immer Anlehnung an die Sowjetunion gesucht, ebenso an die USA, die China einzudämmen suchen. Im Völkerleben gilt: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

Mit zwischenzeitlich 1,3 Milliarden Menschen stellt der Islam ein erhebliches Machtpotential dar, besonders deswegen, weil ein Großteil der Erdölreserven und Erdgasreserven der Welt in islamischen Ländern liegen. Arabisch als die heilige Sprache des Korans stellt in diesem Bereich – so sehr über die Welt verbreitet die islamischen Länder auch sind – die sprachliche Verbindung her. Die islamischen Länder stehen gegen Israel wegen Unterdrückung, Entrechtung und Ermordung von Palästinensern und gegen Christen, weil christliche Länder – insbesondere die USA – die Verfolgung der Muslime durch Israel finanziell und mit Waffen unterstützen, ferner wegen der schlechten Erfahrungen mit den Kreuzfahrern und der Unterdrückung arabischer Staaten zu Zeiten des britischen und französischen Kolonialreiches. Derzeit konzentriert sich der Haß der Muslime aber besonders auf Israel und die USA, weil die USA mit ihrem Veto im Sicherheitsrat jegliche Verurteilung Israels – gleichgültig, welche Taten von der israelischen Führung begangen werden – durch die UNO blockieren.

Während ich Huntington bei Darstellung der anderen Kulturkreise folgen kann, überzeugen mich seine Ausführungen zum westlichen Kulturkreis nicht.
Konsequent ist insoweit seine Auffassung, daß wegen des Erstarkens der Religionen das christlich-orthodoxe Rußland sich als Schutzmacht aller orthodoxen Länder versteht. Demzufolge hat Rußland immer Serbien unterstützt. Beim Zerfall Jugoslawiens und den nachfolgenden Auseinandersetzungen wurde dies deutlich. Ebenso – und auch da folge ich Huntington noch – hat sich das katholische Kroatien immer des besonderen Wohlwollens des Westens erfreut, insbesondere der katholisch beeinflußten Länder, und nicht zufällig hat die Bundesrepublik Deutschland unter dem katholischen Kanzler Kohl als erstes Land der Welt Kroatien als selbständigen Staat anerkannt. Beim Konflikt in Bosnien, wo die muslimischen Bosniaken von Serben und Kroaten verfolgt wurden, haben andererseits nicht nur die islamische Türkei Hilfe angeboten, sondern insbesondere finanzielle Hilfe auch so weit entfernte muslimische Länder wie Saudi-Arabien und Malaysia geleistet. Beim Krieg der NATO gegen Serbien wegen der Unterdrückung der Kosovo-Albaner hat das christlich-orthodoxe Griechenland – trotz NATO-Zugehörigkeit – dem orthodoxen Serbien Hilfe geleistet.

Huntington bezeichnete die Kriege beim Zerfall von Jugoslawien als die typischen „Bruchlinienkriege“, und zwar nicht nur zwischen zwei Kulturkreisen, sondern zwischen drei, wo die jeweiligen Kulturkreise Völkern am Rande ihres Kulturkreises Hilfe brachten – mit einer Ausnahme: den USA im Falle der Bosniaken. Der Grund dafür war, daß die USA Bosnien nicht zwischen Kroaten, Serben und Muslimen aufgeteilt sehen wollten, sondern diesen Staat als Beispiel für das Funktionieren von Multikultur erhalten sehen wollten, gegen den Willen der drei Volksgruppen, so daß sie deshalb die Muslime dort unterstützten, ferner mit Rücksicht auf ihr gutes Verhältnis zur Türkei, das sie als Macht zur Eindämmung der Russen sehen.

Die Türkei hat eine Bildungsoffensive bei den asiatischen muslimischen Turkvölkern gemacht. Allerdings ist die türkische Haltung nicht eindeutig, und zwar wegen der jahrhundertealten Gegnerschaft zu Rußland, weshalb die Türkei enge Verbindung zu den USA gesucht hat, und wegen des Kurden-Problems und einer eigenen Einflußnahme in dem Irak, um dort einen eigenständigen Kurdenstaat zu verhindern. Dies und der israelische Einfluß in den USA hat die Türkei dazu gebracht, eine intensive Zusammenarbeit mit Israel einzugehen. Ob dies aber auf Dauer halten wird, bleibt zweifelhaft; die türkische Regierung wollte sich am zweiten Irakkrieg beteiligen, was aber vom türkischen Parlament untersagt wurde, so daß die USA ihren Aufmarsch nicht über die Türkei vornehmen konnten. Daraufhin strich Amerika sofort erhebliche Hilfsgelder für die Türkei.

Während Huntington die orthodoxe christliche Richtung als Abgrenzungsmerkmal sieht, macht er dies inkonsequenterweise nicht für Protestantismus und Katholizismus, wobei hinsichtlich des Protestantismus noch verschiedene Richtungen unterschieden werden müßten. Für ihn sind das nichtorthodoxe christliche Europa und das christliche Nordamerika der westliche Kulturkreis.

Dabei wird zu wenig die Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken (nicht nur im Dreißigjährigen Krieg und heute in Irland) gesehen. Das ganze deutsche Volk hatte sich zum Protestantismus bekannt und ist dann nur blutig in der Gegenreformation in der südlichen Hälfte zum Katholizismus zurückgezwungen worden. Daraus ergaben sich zahlreiche Konflikte, bis hin zu Bismarcks Bekämpfung durch das katholische Zentrum, Adenauers Verhinderung der Wiedervereinigung 1955. Von einer protestantisch-katholischen Ökumene sind wir nach wie vor weit entfernt.

Der Westen ist also keine Einheit; ein romanisch-katholischer Bereich ist nach meiner Meinung hier als eine Untergruppe zu sehen, wobei es Aufgabe einer deutschbewußten Politik sein muß, die Bedeutung des Katholizismus zurückzudrängen, damit die Katholiken hier nicht zu Agenten romanischer Länder werden. Auch der protestantische Bereich ist aber keine Einheit. Von den sonstigen Protestanten ist die puritanisch-kalvinistische Richtung zu unterscheiden. Sie ist der Auffassung, daß sich die Gnade Gottes für einen Menschen nicht erst im Jenseits zeige, sondern bereits im Diesseits, und zwar dadurch, daß er geschäftlichen Erfolg habe. Geschäftlicher Erfolg – mit welchen Mitteln auch immer errungen – zeigt also die Auserwähltheit durch Gott. Überhaupt spielt die Auserwähltheit eine große Rolle; viele Briten sind der Auffassung, sie seien der verlorene „13. Stamm Israels“, und auch viele Amerikaner sehen die USA als „Gods own country“. Diesem angelsächsischen egoistisch-persönlichen Geldverdienen-Protestantismus steht der deutsch-lutherische (und skandinavische) Protestantismus gegenüber, der maßgeblich durch den Begriff der Pflicht gegenüber der Gemeinschaft, dem Staat, geprägt ist und in Preußen zur höchsten Blüte gekommen ist. Auch aus rein sprachlichen Gründen, nicht nur wegen dieser religiösen Sonderprägung des Protestantismus, ist ein britisch-nordamerikanischer Kulturkreis (mit Ausnahme der kanadischen Provinz Quebec, wo die französisch sprechenden Kanadier nichts mit ihren angelsächsischen Landsleuten zu tun haben wollen) als eigenständiger Kulturkreis zu sehen.

Daß nicht der gesamte Westen als Einheit gesehen werden kann, ist schon daraus ersichtlich, daß die USA beispielsweise als „Kernstaat“ von Frankreich nie anerkannt worden sind, sich Frankreich hingegen als Kernstaat, d. h. vorherrschende Macht Westeuropas, gesehen hat, in neuerer Zeit (so bei der Neugestaltung und Erweiterung der EU, dem Widerstand gegen den zweiten Irakkrieg) im Schulterschluß mit Deutschland. Angesichts der zurecht von Bundeskanzler Schröder „abenteuerlich“ genannten Politik der USA, die ihren Willen letztlich allen Ländern aufzwingen wollen und dabei zuweilen massiv europäische Interessen verletzen, ist auch nicht anzunehmen, daß mit dem zunehmenden Erstarken Asiens und des Islam ein Zusammenrücken der westlichen Nationen erfolgen wird. Hinzu kommt, daß zumindest in Deutschland die aus machtpolitischen Gründen vollständige Prinzipienlosigkeit und Heuchelei der USA nicht nachvollziehbar sind. Huntington verweist auf den Schlagwortcharakter bei der Argumentation der Regierung: Demokratie weltweit halten die USA für gut, aber nicht, wenn es Fundamentalisten an die Macht bringt (z. B. in Algerien, Iran). Kernwaffenverbreitung muß verhindert werden, z. B. beim Irak und Iran (Libyen und Nordkorea) – das gilt aber nicht für Israel. Die Weltwirtschaft soll frei handeln können – aber nicht, wenn es die US-Landwirtschaft schädigt. Menschenrechte haben eine große Bedeutung – aber nicht, wenn es Verbündete der USA, z. B. Saudi-Arabien, die Türkei oder Pakistan, angeht.

Probleme ergeben sich auch daraus, daß (so Huntington S. 374) der Westen gegen aufstrebende Mächte immer gegengehalten hat; das gilt meines Erachtens aber nur für Großbritannien und die USA, nicht im selben Maße für andere westliche Mächte. Laut Huntington ergeben sich die größten Probleme der Zukunft aus der westlichen Arroganz, der islamischen Unduldsamkeit, dem chinesischen Auftrumpfen. Insbesondere durch den Zusammenbruch des Kommunismus sei die westliche Arroganz verstärkt worden. Dadurch habe man die eigenen Probleme weitgehend verdrängt, nämlich die Zunahme von Kriminalität, Drogen und Gewalt in den eigenen Ländern, den Zerfall der Familien, den Rückgang der Mitgliedschaft in Vereinen (was zunehmenden Zerfall deutlich mache), das Nachlassen der Arbeitsethik, das Abnehmen von Bildungsinteressen und das Absinken der akademischen Leistungen. Hinzu komme die Zuwanderung Fremder. In Westeuropa lebten ca. 15,5 Mio. Einwanderer, wobei die meisten aus anderen Kulturkreisen kamen. Huntington verweist darauf, daß 10 % der Geburten in Westeuropa von Muslimen gestellt werden, und Araber bereits 50 % der Geburten in Brüssel stellen (S. 319). In Kalifornien wird ein Viertel der Bevölkerung bereits von Mexikanern gestellt. Huntington übt scharfe Kritik an denjenigen, die ihr kulturelles Erbe verleugnen und die Identität ihres Landes von der einen Kultur zu einer anderen zu verschieben versuchen. „Bis heute haben sie damit in keinem einzigen Fall Erfolg gehabt, vielmehr haben sie schizophrene, zerrissene Länder geschaffen.

Die Multikulturalisten in Amerika verwerfen auf ähnliche Weise das kulturelle Erbe ihres Landes. Anstatt jedoch zu versuchen, die USA mit einer anderen Kultur zu identifizieren, möchten sie ein Land der vielen Kulturen schaffen, will sagen ein Land, daß zu keiner Kultur gehört und eines kulturellen Kerns ermangelt. Die Geschichte lehrt, daß ein so beschaffenes Land sich nicht lange als kohärente Gesellschaft halten kann.“ (S. 503). Dasselbe könnte natürlich auch unseren Politikern entgegengehalten werden. „Die Ablehnung des Credos und der westlichen Kultur bedeutet das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika, wie wir sie gekannt haben. Sie bedeutet praktisch auch das Ende der westlichen Kultur. Wenn die USA entwestlicht werden, reduziert sich der Westen auf Europa und ein paar gering bevölkerte europäische Siedlungsgebiete in Übersee. Ohne die USA wird der Westen zu einem winzigen, weiter schrumpfenden Teil der Weltbevölkerung auf einer kleinen, unwichtigen Halbinsel am Rande der eurasischen Landmasse.“ (S. 504). (Hierzu ist aber anzumerken, daß das gegenwärtige Rußland nebst Weißrußland und Ukraine eine sehr viel europäischere und auch nordischere Bevölkerung hat als die USA). Er zitiert zustimmend den japanischen Philosophen Umehara, der erklärt hat: „Weit davon entfernt, als die Alternative zum Marxismus und als die herrschende Ideologie dieses Jahrhunderts dazustehen, wird der Liberalismus der nächste Dominostein sein, der fällt.“

Die USA mit ihrer aggressiven imperialistischen Politik führen durch ihr unkluges Verhalten noch eine Beschleunigung ihres Niedergangs herbei. Sie bringen nämlich die anderen Kulturkreise zusammen. Der libysche Staatspräsident Gaddafi hat im März 1994 erklärt: „Die neue Weltordnung bedeutet, daß Juden und Christen die Muslime kontrollieren, und wenn sie können, werden sie anschließend den Konfuzianismus und andere Religionen in Indien, China und Japan kontrollieren… Was die Christen und Juden heute sagen, ist: Wir waren entschlossen, den Kommunismus zu zerschlagen, und jetzt muß der Westen den Islam und den Konfuzianismus zerschlagen. Heute erleben wir hoffentlich eine Konfrontation zwischen China, das das konfuzianische Lager anführt, und Amerika, das das Lager der christlichen Kreuzfahrer anführt. Wir haben keinerlei Grund, nicht gegen die Kreuzfahrer eingestellt zu sein. Wir stehen auf der Seite des Konfuzianismus, und indem wir uns mit ihm verbünden und in einer einzigen internationalen Front an seiner Seite kämpfen, werden wir unseren gemeinsamen Gegner vernichten. Darum unterstützen wir als Muslime China in seinem Kampf gegen unseren gemeinsamen Feind. Wir wünschen China den Sieg…“ (S. 388 f).

TEIL II

Huntington hält weder die westliche oder amerikanische Lage für gesichert, noch ist er der Auffassung, daß der Niedergang unvermeidlich sei. Seine Forderung kann in dem Satz zusammengefaßt werden: „Im Kampf der Kulturen werden Europa und Amerika vereint marschieren müssen oder sie werden getrennt geschlagen.“ (S. 531).

Ich bin da anderer Ansicht, will meine Meinung aber erst darstellen, wenn ich zwei weitere Bücher besprochen habe, die gegensätzlicher nicht sein können. Das eine ist das Buch von Zbigniew Brzezinski, des polnisch-amerikanischen Sicherheitsberaters unter Präsident Carter: „Die einzige Weltmacht“ (1997). Das andere ist das Buch des französischen Autors Emmanuel Todd: „Weltmacht USA – ein Nachruf“, 2002 in Frankreich erschienen, 2003 in deutscher Übersetzung. Huntington hat das Buch von Brzezinski mit den Worten gelobt: „Das ist geostrategisches Denken in der großen Tradition Bismarcks“. Der langjährige deutsche Außenminister Genscher hat ein Vorwort dazu geschrieben. Gleichwohl sieht Brzezinski nach meiner Auffassung die Umstände, die die USA sehr schnell vom Rang einer Supermacht verstoßen werden, nicht hinreichend. Zutreffend erkennt Brzezinski, daß das europäische Zeitalter der Weltgeschichte während des zweiten Weltkriegs zu Ende ging, etwas, was Adolf Hitler vorausgesagt hatte, was die britische Führungsschicht aber nicht erkennen wollte, die mit der Kriegserklärung am 3. September 1939 an Deutschland ihr Weltreich verspielt hatte. (Der britische Premierminister Chamberlain zögerte denn auch, den Krieg zu erklären, und bekundete: „Amerika und das Weltjudentum haben England in den Krieg getrieben“).

Anschließend war jahrzehntelang die Welt durch den sowjetisch-amerikanischen Gegensatz beherrscht. Soweit allerdings Brzezinski schreibt, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan habe „eine zweigleisige Reaktion“ der USA heraufbeschworen, nämlich direkte Unterstützung des afghanischen Widerstands vor Ort (Osama bin Laden wurde bekanntlich durch die USA dort mit Waffen versorgt), und eine Steigerung der amerikanischen Militärpräsenz im persischen Golf als Abschreckungsmaßnahme, ist dies nicht richtig; die Amerikaner hatten sich bereits vorher in Afghanistan festgesetzt und dort Einfluß genommen, weswegen die Russen – erst nach sehr großem Zögern – zur Stützung ihrer Position dort einmarschiert sind. Es ging dabei nämlich – ebenso wie bei dem Krieg der USA gegen Afghanistan – um die Kontrolle von Erdöl und Erdgas in der Region, wie auf S. 212 dadurch deutlich wird, daß „der Westen“ (sprich USA) in Aserbaidschan eine Summe von mehr als 13 Milliarden Dollar in die Erdöl- und Erdgasförderung investiert hatte, in Kasachstan weit über 20 Milliarden Dollar (Stand 1996). Ebenso unterstützen die USA die Tschetschenen, damit die Russen die Kontrolle über die Erdöl-Pipelines verlieren. Brzezinski erkennt, daß Weltreiche von Natur aus politisch instabil sind, weil die untergeordneten Einheiten fast immer nach größerer Autonomie streben (S. 25) und deshalb auseinanderfallen.

Weltreiche gründeten ihre Macht auf eine Hierarchie von Vasallenstaaten, tributpflichtigen Provinzen, Protektoraten und Kolonien. Erfrischend zu hören, (was die ständigen CDU-Freundschaftsbeteuerungen ad absurdum führt,) sein Satz auf Seite 92: „Tatsache ist schlicht und einfach, daß Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern.“ Bemerkenswert ist die Karte auf Seite 42, woraus sich nicht nur die Überlegenheit der USA auf den Weltmeeren ergibt, sondern als „Einflußsphäre der USA“ nicht nur die Ukraine, sondern auch Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisien gesehen werden, also Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die von der Geschichte her ganz klar in die russische Einflußsphäre gehören.

Er behauptet, es sei ein Segen für die Welt, daß die USA den Ton angebe, weil ohne die Vorherrschaft der USA es auf der Welt mehr Gewalt und Unordnung und weniger Demokratie und wirtschaftliches Wachstum geben würde. Zum Glück für Amerika sei Eurasien zu groß, um eine politische Einheit zu bilden.
Nachdem Brzezinski dargelegt hat, daß nahezu 75 % der Weltbevölkerung in Eurasien leben, und in seinem Boden der größte Teil des natürlichen Reichtums der Welt stecke, erklärt er: „Eurasien ist mithin das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird.“ (S.57).

Die USA versuchten, daß die rußlandbeherrschte mittlere Region immer stärker in den Einflußbereich des Westens gezogen werden könne, die südliche (islamische) Region nicht unter die Herrschaft eines einzigen Akteurs gerate. Wenn eine eventuelle Vereinigung der Länder in Fernost um China herum nicht die Vertreibung Amerikas von seinen Seebasen vor der ostasiatischen Küste nach sich ziehe, dürften die USA sich behaupten können. Wenn die Staaten im mittleren Raum dem Westen eine Abfuhr erteilen und sich zu einer politischen Einheit zusammenschließen, die Kontrolle über den Süden erlangten oder mit dem „östlichen Gegenspieler“ (d. h. China) ein Bündnis eingehen, schwinde Amerikas Vorrangstellung in Eurasien dramatisch. Die Größe und Vielfalt Eurasiens wie auch die Macht einiger seiner Staaten setzten dem amerikanischen Einfluß und dem Umfang der Kontrolle über den Gang der Dinge Grenzen. Deswegen verlange die Sachlage „geostrategisches Geschick“, will heißen: Ausspielen des Einen gegen den Anderen. Hier darf angemerkt werden, daß genau dies die USA tun. Sie fördern die islamischen Nachbarn der Sowjetunion massiv militärisch, um dadurch zwischen Rußland und den islamischen Staaten Feindschaft aufzubauen, ebenso wie in den in der russischen Einflußsphäre liegenden baltischen Länder sowie Rumänien und Bulgarien. Damit soll natürlich der gesamte Westen – die NATO-Staaten – in Front gegen Rußland gebracht werden, und Konflikte und Auseinandersetzungen dort sollen sofort auf das westeuropäisch-russische Verhältnis negativ durchschlagen.

Als problematisch bezeichnet Brzezinski, daß die Staatsform Demokratie einer „imperialen Mobilmachung abträglich“ sei, und zwar wegen der mangelnden Aufopferungsbereitschaft im Falle eines Krieges. Auch er ist wie Huntington der Auffassung: „Nationalstaaten werden auch weiterhin die Bausteine der Weltordnung sein.“ (S. 62). Da Amerika mit Rücksicht auf seine demokratische Struktur sich Zurückhaltung angedeihen lassen müsse, soll für sie eurasische Geostrategie den „taktisch klugen und entschlossenen Umgang mit geostrategisch dynamischen Staaten“ bedeuten. (S. 65). Die drei großen Imperative in imperialer Geostrategie lauteten: „Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, daß die „Barbaren“-Völker sich nicht zusammenschließen.“ (S. 65 f). Nach Brzezinskis Meinung sind in Eurasien Hauptakteure Frankreich, Deutschland, Rußland, China und Indien, wogegen Großbritannien, Japan und Indonesien – obwohl ebenfalls sehr wichtige Länder – die Bedingungen dafür nicht erfüllten. Dreh- und Angelpunkte auf der eurasischen Drehschreibe seien die Ukraine, Aserbaidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran. Frankreich wie Deutschland seien mächtig genug, um innerhalb eines größeren regionalen Wirkungsbereiches ihren Einfluß geltend zu machen. Beide fühlten sich auch dazu berufen, die europäischen Interessen in ihren Beziehungen mit Rußland zu vertreten. Großbritannien sei hingegen wegen seines „relativen Niedergangs“ nicht mehr in der Lage, wie früher die Rolle eines Schiedsrichters in Europa zu spielen. London habe sich weitgehend aus dem europäischen Spiel verabschiedet.

Es sei hingegen die wichtigste Stütze der USA, ein sehr loyaler Verbündeter, eine unerläßliche Militärbasis und ein enger Partner bei heiklen Geheimdienstaktivitäten. „Seine Freundschaft muß gepflegt werden, doch seine Politik fordert keine dauernde Aufmerksamkeit. Es ist ein aus dem aktiven Dienst ausgeschiedener geostrategischer Akteur, der sich auf seinem prächtigen Lorbeer ausruht und sich aus dem großen europäischen Abenteuer weitgehend heraushält, bei dem Frankreich und Deutschland die Fäden ziehen.“ Trotz seiner gegenwärtigen Schwäche bleibe Rußland ein geostrategischer Hauptakteur. Dies sei unstreitig auch China, das sich für den Mittelpunkt der Welt halte. Japan könnte enorme politische Macht ausüben, wolle dies aber trotz seiner wirtschaftlichen Stärke nicht. Dies liege sicherlich auch daran, daß viele asiatische Staaten nach dem zweiten Weltkrieg eine japanische Vorherrschaft fürchteten. Japan bedürfe besonderer Aufmerksamkeit durch die USA. Brzezinski erklärt, daß ohne die Ukraine Rußland kein eurasisches Reich mehr sei, und ebenso wie im Fall der Ukraine auch die Zukunft Aserbaidschans und Zentralasiens „für das Wohl und Wehe Rußlands bestimmend“ sei. (S. 74). Um so bemerkenswerter ist, daß er diese Länder in seiner Karte als amerikanische Einflußzone einzeichnet. Südkorea diene dazu, „ohne anmaßende Präsenz im Land selbst Japan abzuwehren und daran zu hindern, sich zu einer unabhängigen und größeren Militärmacht aufzuschwingen.“ (S. 76).

Von den USA sei zwar seit Kennedy „gebetsmühlenhaft gleichberechtigte Partnerschaft“ beschworen worden, die es aber tatsächlich kaum gegeben habe. Die Haltung gegenüber Iran und Irak „wurden von den USA nicht als eine strittige Angelegenheit zwischen gleichgestellten Partnern, sondern als ein Fall von Insubordination behandelt.“ (S. 79). Wegen Frankreichs Sonderwegen haben die USA eine deutsche Vorherrschaft in Europa (man muß ergänzen: bis Schröder) vorgezogen, weshalb die Franzosen als Gegengewicht eine Verbindung zu Engländern und Moskau aufzubauen suchten. Wenn ein wirkliches vereintes Europa entstanden sei, würde dies „unweigerlich die Vormachtstellung der USA innerhalb des Bündnisses schwächen“ (S. 80). Mit anderen Worten: Es kann nicht im amerikanischen Interesse sein, daß die Europäer enger zusammenarbeiten.

Brzezinski sieht, daß es sowohl im Gürtel der von der Sowjetunion unabhängig gewordenen Staaten Georgien bis Kirgistan zu Konflikten und Kriegen kommen kann, ebenso mit Rücksicht auf den arabisch-israelischen Konflikt im Nahen Osten. Diese Konflikte könnten durch Stärkung des islamischen Fundamentalismus einige prowestliche Regierungen im Nahen Osten unterminieren und schließlich amerikanische Interessen in der Region, besonders am Persischen Golf, gefährden. „Ohne politischen Zusammenhalt und ohne die Rückendeckung eines wirklich mächtigen islamischen Staates fehlt es dem islamischen Fundamentalismus an einem geopolitischen Kern, deshalb würde die von ihm ausgehende Kampfansage sich wahrscheinlich eher in diffuser Gewalt Bahn brechen.“ (S. 85).

Als geostrategisch „grundlegendes Problem“ wird Chinas Aufstieg zur Großmacht bezeichnet. Soll Amerika bereit sein, die Einbindung Chinas in die Weltpolitik zu akzeptieren? Welche Koalitionen könnten sich bilden, um die amerikanische Vormacht herauszufordern? „Das gefährlichste Szenario wäre möglicherweise eine große Koalition zwischen China, Rußland und vielleicht dem Iran, ein nicht durch Ideologie, sondern durch die tiefsitzende Unzufriedenheit aller Beteiligten geeintes antihegemoniales Bündnis. Ein solches Bündnis würde in Größenordnung und Reichweite an die Herausforderung erinnern, die einst von dem chinesisch-sowjetischen Block ausging, obgleich diesmal wahrscheinlich China die Führung übernehmen und Rußland sich dieser anschlösse.“ (S. 87). Eine noch folgenreichere Herausforderung könnte eine chinesisch-japanische Achse bedeuten; eine weitblickende amerikanische Politik in Fernost solle allerdings „sehr gut in der Lage sein, das Eintreten eines solchen Falles zu verhindern.“ (S. 87) Nicht völlig auszuschließen sei auch eine europäische Neuorientierung, die auch eine deutsch-russische Absprache oder eine französisch-russische Entente zur Folge hätte. Für beide gäbe es in der Geschichte eindeutige Präzedenzfälle, und zu einer von beiden könnte es kommen, wenn die europäische Einigung ins Stocken geriete und sich die Beziehungen zwischen Europa und Amerika ernsthaft verschlechtern sollten.

Europa wird von Brzezinski als Amerikas natürlicher Verbündeter bezeichnet, weil es dieselben Werte teile und im wesentlichen dasselbe religiöse Erbe habe; dazu habe ich oben schon Ausführungen gemacht. Es sei demokratischen Prinzipien verpflichtet und die ursprüngliche Heimat der großen Mehrzahl der Amerikaner. Eine erfolgreich verlaufene politische Vereinigung würde etwa 400 Mio. Menschen unter einem Dach zusammenschließen, weshalb ein solches Europa „zwangsläufig eine Weltmacht werden“ würde.
Dies ist sicherlich falsch; anders als die USA, die durch eine einheitliche Sprache geprägt werden, sind schon jetzt die Reibungsverluste so groß, und wird das EU-Europa durch zu viele wirtschaftlich arme Staaten belastet, so daß ein vereintes Europa zum Niedergang aller Staaten, Zugrunderichten der Wirtschaft der noch jetzt wirtschaftlich starken Staaten und nachfolgend deren politischen Machtlosigkeit führen wird.
Bezeichnend ist, daß Europa als „Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent“ bezeichnet wird (S. 91). Dadurch werde der politische Einfluß und die politische Macht Amerikas „unmittelbar auf dem eurasischen Festland“ verankert.

Hinsichtlich Europa sagt Brzezinski: „Frankreich erhofft sich durch Europa seine Wiedergeburt, Deutschland seine Erlösung.“ (S. 94). Frankreich glaube, in Europa die Führung übernehmen zu können; noch 1995 gab es spontanen Beifall für die Worte des französischen Premierministers in der Nationalversammlung, daß Frankreich „seinen Ruf als Weltmacht behaupten kann und muß“. Er fährt fort: „Wenn jedoch Frankreich Europas Zukunft gestalten soll, muß es Deutschland mit einbeziehen, zugleich aber an die Kette legen, während es Washington seine politische Führungsrolle in europäischen Angelegenheiten Schritt für Schritt abzunehmen sucht.“ (S. 98). Deutschland hingegen kenne die wahren Grenzen französischer Macht; Frankreich sei wirtschaftlich viel schwächer als Deutschland, und sein Militärapparat nicht sehr leistungsfähig. „Frankreich ist nicht mehr und nicht weniger als eine europäische Macht mittleren Kalibers.“ Durch die Wiedervereinigung sei Deutschland „automatisch die unbestreitbar erste Macht in Westeuropa“ geworden und eine Weltmacht (Anmerkung: eine merkwürdige Interpretation!) „vor allem wegen seiner beträchtlichen Beitragszahlungen zur Unterstützung der wichtigsten internationalen Institutionen“. Hierzu wird darauf verwiesen, daß Deutschland am Gesamtbudget von der EU 28,5 % trägt, von der NATO 22,8 %, von der UNO 8,93 %. Die Weltbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung werden hauptsächlich von Deutschland finanziert. Deswegen sei Frankreich auch wieder in die NATO zurückgekommen. (Anmerkung: wie der erste Oberkommandierende der NATO erklärt hatte, ist ja das Ziel der NATO, die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten.) Bemerkenswert ist die Ausführung im Buch, daß das wiedervereinigte Deutschland „gedrängt von den USA“ die Oder-Neiße-Linie als endgültige Grenze zu Polen anerkannt habe (S. 106). Bemerkenswert ist auch, daß Brzezinski den USA rät, die Bemühungen um die europäische Einigung zu unterstützen, weil sonst „Rußland oder Deutschland“ Anlässe fänden, ihrem geopolitischen Geltungsdrang freien Lauf zu lassen: „In solch einem Fall würde zumindest Deutschland vermutlich seine nationalen Interessen bestimmter und deutlicher geltend machen.“ (S. 112).

Wenn Deutschland – wie im gesamten Mittelalter –in Europa stärkste Ordnungsmacht sei, verlöre Europa seine Funktion als „eurasischer Brückenkopf für amerikanische Macht und als mögliches Sprungbrett für eine Ausdehnung des demokratischen Globalsystems in den eurasischen Kontinent hinein.“ (S. 113). Die Gefahr bestünde zwar, daß eine mächtige Europäische Union irgendwann einmal der politische Nebenbuhler der Vereinigten Staaten werden könne, und auf wirtschaftlich-technologischem Gebiet ein schwieriger Konkurrent. Aber: „Bei einer Stagnation der europäischen Einigung wird Deutschlands Selbstidentifikation mit Europa nahezu zwangsläufig schwinden und das deutsche Staatsinteresse folglich eine nationalere Handschrift tragen.“ (S. 114).

Mit anderen Worten: Deutschland soll in Europa eingebunden werden, damit es dort und anderswo sein Volksvermögen verschwendet und nicht auf die Idee kommt, seine nationalen Interessen zu vertreten. Auch Polen soll in die NATO aufgenommen werden, um zusammen mit Frankreich „die Führung Deutschlands in Europa etwas auszubalancieren“ (S. 118). Die USA müßten sich von Frankreich einiges gefallen lassen, weil Frankreich „ein maßgebender Partner bei der grundlegenden Aufgabe ist, ein demokratisches Deutschland auf Dauer fest in Europa einzubinden“ (S. 119).

Da Frankreich nicht stark genug sei, Amerika in den geostrategischen Grundlagen seiner Europapolitik zu behindern, könne man seine Eigenheiten und sogar Ausfälle tolerieren. Die beherrschende Position Deutschlands lasse sich zwar nicht bestreiten. Aber: „Ein von Berlin aus errichtetes und geführtes Europa ist schlechterdings undenkbar.“ (S. 120). Die Gestaltung Europas dürfe nicht den Einwänden Moskaus untergeordnet werden. Amerikas langjährige Rolle in Europa stünde auf dem Spiel. Deshalb sei die Erweiterung der NATO von entscheidender Bedeutung (Anmerkung: die zwischenzeitlich vollzogen ist). Die Ukraine solle in ein Sonderverhältnis zwischen Frankreich, Deutschland und Polen eingebunden werden. Es gehe darum, „zu einem Versailler Europa zu kommen“ (S. 129: Anmerkung: Das Versailler Diktat mit der Knechtung, Entrechtung und Ausplünderung Deutschlands, das zu 6 Mio. Arbeitslosen führte, ist uns noch in guter Erinnerung!)

Er legt dann dar, daß die Auflösung der Sowjetunion zu einer entscheidenden Schwächung Rußlands geführt hat, insbesondere hinsichtlich der Ukraine und der im Süden gelegenen Republiken, die nunmehr auch einen „Zustrom geschäftstüchtiger Ölinvestoren aus dem Westen“ (S. 138) erlebten. Für die Russen sei das Gespenst eines möglichen Konflikts mit den islamischen Staaten entlang der gesamten Südflanke Rußlands (die zusammen mit der Türkei, dem Iran und Pakistan mehr als 300 Mio. Menschen aufbieten) Anlaß zu ernster Besorgnis. In Asien drücke China auf Rußlands Grenzen. Vollständig verunsichert, setzte zunächst eine Führungsschicht um Jelzin auf ein amerikanisch-russisches Kondominat, weil die Amerikaner das Schlagwort von der vollentwickelten strategischen Partnerschaft zwischen Washington und Moskau in die Welt gesetzt hatten. Dazu sagt Brzezinski nur kühl: „Die Vorstellung von einer vollentwickelten strategischen Partnerschaft war ebenso schmeichelhaft wie irreführend. Amerika verspürte keinerlei Neigung, seine Weltmacht mit Rußland zu teilen, es wäre auch völlig unrealistisch gewesen…

Überdies gingen in einigen der für die Vereinigten Staaten aus nationalem Interesse zentralen geostrategischen Fragen – in Europa, dem Nahen Osten und in Fernost – die amerikanischen und russischen Bestrebungen keineswegs in die gleiche Richtung.“ (S. 148). In Rußland habe sich daraufhin immer mehr der Eindruck verstärkt, als sei diese Formel bewußt dazu bestimmt gewesen, Rußland hinters Licht zu führen, und hat – dies als meine Anmerkung – dazu geführt, daß die Vertreter dieser Richtung (gleichbedeutend mit Freihandel pp.) nicht einmal 5 % bei den letzten Duma-Wahlen erhalten haben. Verstärkt wurden diese Bedenken durch die NATO-Osterweiterung. Brzezinski verweist darauf, daß beim Militär und im Außenministerium manche an den Überzeugungen festgehalten hätten, „daß Amerika in Eurasien nichts zu suchen habe und die NATO-Erweiterung weitgehend auf den Wunsch der Amerikaner zurückgehe, ihre Einflußsphäre zu vergrößern.“ (Deswegen die Russen zu kritisieren – so meine Anmerkung – ist allerdings gerade von amerikanischer Seite aus absurd: Die Amerikaner haben die Monroe-Doktrin aufgestellt, wonach weder in Nord- noch in Südamerika irgendeine andere Macht außer den USA entscheidenden Einfluß haben dürfte. Für die russische Einflußzone und sogar für die Staaten, die auf früher sowjetischem Territorium gelegen haben, wird eine vergleichbare russische Einstellung von den USA aber angegriffen.) Spätestens 1994 zeigte sich eine zunehmende Tendenz der USA, den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen höchste Priorität beizumessen, und es fanden sogar gemeinsame Militärübungen von ukrainischen und amerikanischen Truppen statt. Hinzu kommt, was selbst Brzezinski zugibt, daß in der Sowjetunion schließlich ein gemeinsamer Wirtschaftsraum bestanden hatte, der nach der Auflösung der Sowjetunion in viele Einzelstaaten weiterbestand.

Deswegen liegt natürlich in diesem Raum das russische Interesse. Da eine engere Zusammenarbeit in der GUS nicht vorankam, näherte sich Rußland China an, und unterstütze auch den Iran. Als Neuentwicklung ist hierzu nachzutragen, daß Putin dann unverhohlen im deutschen Bundestag die Deutschen aufgefordert hat, aus ihrer passiven und auf die Vergangenheit fixierte Büßerrolle herauszutreten, und eine eigenständige an nationalen Interessen orientierte Politik zu treiben. Leider ist diese Ermunterung ohne Antwort geblieben bis zum zweiten Irakkrieg, wo sich eine Achse – angestoßen von Deutschland, das sich als erstes Land gegen diesen Krieg aussprach – von Paris, Berlin, Moskau bis Peking bildete, mithin den gesamten eurasischen Kontinent umspannend. Als die Amerikaner nach dem erfolgreichen Test einer Raketenabwehr-Rakete einseitig den Vertrag, der ihnen und den Russen den Aufbau eines solchen Systems untersagte, für gekündigt erklärten (sie hatten heimlich immer weiter daran gearbeitet), wurde dieser Vertragsbruch nicht nur von Rußland, sondern auch von China schärfstes mißbilligt. Worum es bei der Schwächung Rußlands geht, kommt in Brzezinskis Buch in Sätzen zum Ausdruck wie: „Ein unabhängiges Aserbaidschan kann dem Westen den Zugang zu dem an Ölquellen reichen kaspischen Becken und Zentralasien eröffnen.“ (S. 177; statt „Westen“ ist hier „USA“ zu setzen). Zur starken nationalistischen Haltung der usbekischen Führung, die sogar russische Kindergärten schließt, wird erklärt: „Für die Vereinigten Staaten, die in Asien eine Politik der Schwächung Rußlands verfolgen, ist diese Position ungemein attraktiv.“ (S. 211).

Da die muslimischen Staaten in der früheren Sowjetunion eine reguläre Verfolgung der Slawen durchgesetzt haben, unterstütze Rußland die christlichen Armenier in ihrem Konflikt mit den muslimen Aserbaidschanern über die Enklave Berg-Karabach (mit überwiegend armenischer Bevölkerung), ein Krieg, der als Religionskrieg geführt wurde. Während in den muslimischen zentralasiatischen Staaten nach der Selbständigkeit ca. 9,5 Mio. Russen unter fremde Herrschaft gekommen sind, leben in Rußland selbst 20 Mio. Muslime, die mithin etwa 13 % der russischen Bevölkerung ausmachen, und zu Störfaktoren (siehe Tschetschenien) werden. Sie sind sehr geburtenreich, so daß sich ihr prozentualer Anteil laufend zulasten der Russen erhöht.

Die Türkei ist sich über ihre Rolle uneinig. Die Modernisten sähen ihr Land gerne als europäischen Staat und blicken nach Westen, die Islamisten tendieren in Richtung Naher Osten und muslimischer Gemeinschaften und schauen nach Süden, die historisch denkenden Nationalisten entdecken in den Turkvölkern des Kaspischen Beckens und Zentralasiens ein neues Missionsgebiet für eine in der Region dominierende Türkei und sehen deshalb nach Osten. (S. 195).

Ganz unverhohlen erklärt Brzezinski, daß im nachsowjetischen Eurasien sich die USA in „drohendem Hintergrund“ bereithielten, weil sie „nicht allein an der Förderung der Bodenschätze in der Region interessiert“ seien, sondern auch verhindern wollten, daß Rußland diesen geopolitischen Raum allein beherrsche. „Neben seinen weiterreichenden geostrategischen Zielen in Eurasien vertritt Amerika auch ein eigenes wachsendes ökonomisches Interesse… an einem unbehinderten Zugang zu dieser dem Westen bisher verschlossenen Region.“ (S. 203) Es gehe also darum, wer „den geopolitischen und ökonomischen Gewinn einheimst.“ (S. 203). Amerika sei zu mächtig, bei diesem Teil Eurasiens „unbeteiligt zuzusehen“ (S. 215). Sein Interesse müsse folglich sein, daß „keine einzelne Macht die Kontrolle über das Gebiet erlangt“ (S. 215). (Anmerkung: was würden wohl die USA sagen, wenn Rußland erklären würde, die USA sei nicht berechtigt, die Kontrolle über Südamerika alleine zu haben?) „Somit kann das Bemühen Rußlands, allein über den Zugang zu bestimmen, nicht hingenommen werden…“ (S. 216).

Zu China sagt Brzezinski zurecht, daß seit undenklichen Zeiten China mit seiner riesigen Bevölkerung eine eigenständige und stolze Zivilisation ganz besonderer Art gewesen sei, die auf vielen Gebieten hoch entwickelt sei. Die Demütigung der letzten 150 Jahre sei für jeden Chinesen eine persönliche Beleidigung, die getilgt werden müsse. An dieser Demütigung waren zunächst Großbritannien mit dem zur Einfuhr von Opium geführten Krieges und der daraus folgenden schmachvollen Erniedrigung Chinas beteiligt, Japan und Rußland wegen Raubkriegen und Übergriffen auf chinesisches Territorium, und schließlich Amerika, das Taiwan unterstütze und China überall in den Weg trat. Großbritannien und Rußland seien bestraft; ungeklärt sei das Verhältnis zu den anderen beiden. China könne innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einer Weltmacht aufsteigen, etwa gleichauf mit den Vereinigten Staaten. Dazu bedürfe es aber einer erfolgreichen Staatsführung, Ruhe im Land, sozialer Disziplin, hoher Sparzuwächse, eines weiteren starken Zustroms ausländischer Investitionen und regionaler Stabilität. Brzezinski erklärt, daß eine anhaltende Verbindung dieser positiven Faktoren mehr als fraglich sei; (in den sieben Jahren, die seit der Niederschrift des Buches vergangen sind, hat sich aber die chinesische Erfolgsgeschichte fortgesetzt.) China will einen beherrschenden Aufstieg von Japan verhindern, wozu Brzezinski schreibt: „Deutschland sind durch seine militärische Integration in die NATO die Hände gebunden, während Japan von seinen eigenen (obzwar die Handschrift Amerikas aufweisenden) Verfassungsvorbehalten und dem amerikanisch-japanischen Sicherheitsabkommen in Schranken gehalten wird. Beide sind Wirtschafts- und Finanzriesen, regional bestimmend und rangieren ganz oben auf der globalen Skala. Beide kann man als Quasi-Weltmächte bezeichnen, und beide verstimmt es, daß man ihnen die mit einem dauerhaften Sitz im UN-Sicherheitsrat verbundene Anerkennung verweigert.“ (S. 252). Japan sei aber in der Region politisch isoliert, anders als Deutschland. Chinas Aufstieg werde Japan einmal vor die Wahl stellen, entweder mit Amerika gemeinsame Sache gegen China zu machen oder ohne Amerika und mit China verbündet zu sein.

Faszinierend an diesem Buch ist, wie er darstellt, daß weltweit die eigenen Interessen vertreten werden (mit Ausnahme Deutschlands), und zwar von allen Staaten. Der Verfasser glaubt, daß Amerika „das Amt des Weltpolizisten“ (S. 279) wird weiter ausüben können, daß es für mehr als eine Generation als führende Weltmacht wohl von keinem Herausforderer angefochten werden könnte und Amerika deshalb die für die Welt „unentbehrliche Nation“ (Präsident Clinton) sei. Allerdings könne es unvorhersehbare Ereignisse geben, worunter er beispielsweise auch zählt, daß dann, wenn Massenarbeitslosigkeit in erfolgreichen europäischen Staaten andauere, dies „ausländerfeindliche Reaktionen, die in der deutschen oder französischen Politik einen plötzlichen Rechtsruck und chauvinistische Tendenzen herbeiführen könnten“, geben könne. Um das zu verhindern, müßten die Vereinigten Staaten Europas Einigungsbemühungen nachhaltig ermuntern (S. 280). Zum ersten Mal in der Geschichte sei ein einzelner Staat die wirkliche Weltmacht, und zum ersten Mal werde der zentrale Schauplatz der Welt, Eurasien, von einer außereurasischen Macht dominiert. Kurzfristig sei es in Amerikas Interesse, den „Pluralismus auf der Landkarte Eurasiens zu festigen“, „damit keine gegnerische Koalition zustande kommt, die schließlich Amerikas Vorrangstellung in Frage stellen könnte.“ (S. 283). Die Aufgabe bestehe darin sicherzustellen, daß kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlange, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen. (S. 283). Europa solle sich zwar mehr zusammenschließen, dürfe aber nicht so geschlossen sein, daß es den Vereinigten Staaten in für sie bedeutsamen geopolitischen Belangen anderswo, insbesondere im Nahen Osten, herausfordern könnte (S. 284).

Durch die Blume zielt die amerikanische Politik offensichtlich auf eine Aufteilung Rußlands, wie aus den Ausführungen auf S. 288 hervorgeht, daß ein „dezentralisiertes Rußland“ weniger anfällig für imperialistische Propaganda sei, und einem lockeren konföderierten Rußland – „bestehend aus einem europäischen Rußland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik“ es leichter fiele, engere Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem Osten zu pflegen. (Das Land, das einen ganzen Kontinent vom Osten zum Westen hin beharrlich sich unterwarf, das 1861 bis 1865 den bis heute für es verlustreichsten Krieg führte, um die Unabhängigkeit der konföderierten Staaten zu verhindern, empfiehlt Rußland nunmehr also die Aufteilung!). Ein gutes Verhältnis Amerikas zu Rußland sei gleichgültig; entscheidend sei die Unterstützung unabhängiger Schlüsselstaaten in amerikanischem Interesse, der Aufbau engerer Beziehungen, um sie „dem Weltmarkt zu öffnen“. (S. 290). Europa dürfe die Türkei nicht vor den Kopf stoßen, damit Amerika seinen Einfluß dort behalten könne. „Demgemäß sollte Amerika seinen Einfluß in Europa für einen Beitritt der Türkei geltend machen, und darauf achten, daß die Türkei als europäischer Staat behandelt wird – immer vorausgesetzt, die türkische Innenpolitik nimmt keine dramatische Wendung in die islamistische Richtung.“ (S. 291).

Hierzu angemerkt: Genauso hat es die amerikanische Politik auch gemacht. Und wie sehr es den USA nur um ihre eigene Macht geht, hat die Tatsache gezeigt, daß Frankreich und Deutschland, die den zweiten Irakkrieg ablehnten, abschätzig als zum „alten Europa“ von Rumsfeld abqualifiziert wurden, und er sogar die Stirn hatte, zu behaupten, die USA würden allgemein unterstützt mit Ausnahme von einigen Staaten wie Kuba, Libyen und Deutschland. Der Staat, der – auch laut Brzezinski – seit 1949 verlängerter Arm der USA in Europa war, der noch 1991 mit 17 Milliarden Dollar den 1. Irakkrieg finanzierte, wurde nur deswegen, weil er in einem Punkt eine andere politische Meinung als die US-Führung hatte, in einem Atemzug in die „Achse des Bösen“, zu der Kuba und Libyen gehören, eingereiht! Die bundesdeutschen demokratischen Institutionen, Christentum oder westliche Kultur zählen für die USA also offensichtlich weniger als die bedingungslose Unterordnung unter den imperialen Herrschaftswillen der USA. Die Politiker in der CDU, die die Erhaltung der „amerikanischen Freundschaft“ für unverzichtbar erachten, hätten dort eigentlich aufwachen müssen, aber sie bejammerten gleich die Abweichung und betonten, einen „deutschen Sonderweg“ dürfe es nie mehr geben! – China müsse bei „etwaigen Auswüchsen seines Machtgebahrens“ entgegengetreten werden (S. 296).

Abschließend sagt Brzezinski, daß Amerika zwar die erste und einzige echte Supermacht sei, aber sich ihr konstruktives Wirken möglicherweise aus innenpolitischen wie auch außenpolitischen Gründen als relativ kurz erweisen werde. „Da Amerikas Gesellschaft in steigendem Maße multikulturelle Züge annimmt, dürfte, außer in Fällen einer wirklich massiven und unmittelbaren Bedrohung von außen, ein Konsens über außenpolitische Fragen zunehmend schwerer herbeizuführen sein.“ (S. 300). Die Ausübung der Macht „erfordert ein hohes Maß an weltanschaulicher Motivation, intellektuellem Einsatz und patriotischer Begeisterung. Doch das kulturelle Leben steht mehr und mehr im Zeichen der Massenunterhaltung, in der persönlicher Hedonismus und gesellschaftlicher Eskapismus die Themen bestimmen. Aus all diesen Gründen wird es immer schwieriger, den notwendigen politischen Konsens über eine andauernde und gelegentlich auch kostspielige Führungsrolle der USA im Ausland herzustellen. Tonangebend in der Meinungsbildung sind die Massenmedien, die auf jeden noch so vorsichtigen Einsatz von Gewalt, selbst wenn er mit geringen Verlusten verbunden ist, mit Abscheu und Empörung reagieren.“ (S. 301 f). Hierzu ist anzumerken, daß dann, wenn israelische Interessen im Spiele sind, die Massenmedien durchaus zur Kriegsbegeisterung aufputschen, wie beim Irakkrieg, wo eine unmittelbare atomare Bedrohung der USA und Bestrafung der von Saddam Hussein ausgehenden Anschläge vom 11. September (was totaler Quatsch war) der dummen Masse vorgegaukelt wurden.

Ferner erklärt er, daß sowohl Amerika wie Westeuropa Mühe hätten, mit dem „dramatischen Werteverfall in der Gesellschaft fertigzuwerden“. „Die daraus resultierende kulturelle Krise ist durch die Verbreitung von Drogen und, vor allem in den USA, die Verknüpfung mit der Rassenproblematik noch verschärft worden.“ Ferner mache sich in einsichtigen Kreisen der westlichen Gesellschaft „eine gewisse Zukunftsangst, vielleicht auch Pessimismus“ breit. Bei wohlhabenden Nationen sei der Krieg zu einem „Luxus“ geworden. „Jene 2/3 der Menschheit, die in Armut leben, werden sich wohl auf absehbare Zeit nicht von der Zurückhaltung der Privilegierten leiten lassen.“ (S. 303). Ferner wachse die Wahrscheinlichkeit, daß von Terrorgruppen auch Waffen mit großer Vernichtungskraft eingesetzt werden könnten. Gleichwohl erklärt Brzezinski abschließend: „Kurz, die Politik der USA muß unverdrossen und ohne Wenn und Aber ein doppeltes Ziel verfolgen: Die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren und einen geopolitischen Rahmen zu schaffen, der die mit sozialen und politischen Veränderungen unvermeidlich einhergehenden Erschütterungen und Belastungen dämpfen und sich zum geopolitischen Zentrum gemeinsamer Verantwortung für eine friedliche Weltherrschaft entwickeln kann.“ (S. 306).

Anders als Brzezinski sieht Todd die USA bereits im Niedergang. Den Erfolg seines Buches macht es vermutlich aus, daß er eine etwas differenziertere Haltung einnimmt, als die von vielen Linksintellektuellen vertretene „Amerika-ist-böse“-Haltung. Er kritisiert beispielsweise Noam Chomsky, der auch ein starker Kritiker der amerikanischen Politik ist, der aber eine Kontinuität in der amerikanischen Politik sieht, die immer militaristisch gewesen sei und eine Liberalität vorgespielt habe, die es nie gegeben habe. Todd ist dagegen der Meinung, daß Amerika lediglich in den letzten Jahren imperialistisch gewesen sei; seine These ist, daß Demokratien grundsätzlich keine anderen Demokratien angreifen. Wir sollten uns zur Beruhigung ins Gedächtnis rufen, „daß Amerika doch immerhin eine Demokratie ist und daß Demokratien untereinander keine Kriege führen.“ (S. 31). (Anmerkung: dies ist natürlich kompletter Unsinn, gerade bei den USA, die zahlreiche Staaten, angefangen von Mexiko, angegriffen haben, wobei es ihnen völlig egal war, welche Regierungsform dort herrschte. Sie haben durch Putsche von ihnen finanzierter Söldner demokratisch gewählte Regierungen absetzen lassen, wenn ihnen deren Richtung nicht paßte.

Wie auch seriöse Zeitgeschichtler zugeben, hat eine überwältigende Mehrheit von Deutschen, mehr als 90 %, 1939 hinter Adolf Hitler gestanden; trotzdem haben die USA Druck auf Großbritannien ausgeübt, Deutschland den Krieg zu erklären, sofort unter Bruch der Neutralität und verschiedener amerikanischer Neutralitätsgesetze in großem Umfange Kriegsmaterial an England und später an Rußland geliefert, und pikanterweise fast auf den Tag genau 60 Jahre vor dem 11.09.2001, nämlich am 12.09.1941 hat Roosevelt ohne Kriegserklärung den Krieg mit Deutschland begonnen, indem er seiner Flotte den Befehl gab, jedes deutsche Kriegsschiff zu versenken, was den Chef der amerikanischen Flotte dazu bewegte, zu erklären, Amerika sei in den Krieg eingetreten, bloß die Nation wisse es noch nicht. Ihn interessierte überhaupt nicht, ob Hitler demokratisch legitimiert war oder nicht; es ging hier um die Zerschlagung Deutschlands, das die Golddeckung seiner Währung abgeschafft hatte und mit Rücksicht darauf innerhalb von vier Jahren 6 Mio. Arbeitslose von den Straßen bekommen hatte, wohingegen Roosevelts „New Deal“ keinerlei positive Auswirkungen hatte, und Roosevelt unbedingt einen Krieg zwecks Ausweitung der Rüstungsindustrie brauchte, um seine 13 Mio. Arbeitslosen von der Straße zu bringen. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der selbst mit heuchlerischen Phrasen dem Deutschen Reich 1917 den Krieg erklärt hat, sagte am 05.09.1919: „Gibt es einen Mann oder eine Frau – ja laßt mich sagen, gibt es ein Kind –, das nicht weiß, daß der Samen des Krieges in der modernen Welt der industrielle und wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den Nationen ist?…. Dieses war ein Industrie- und Handelskrieg.“).

Wenn Todd schreibt: „Im Laufe der Geschichte ist es Amerikas weltpolitische Rolle geworden, das demokratische Prinzip zu verteidigen, wenn es bedroht erschien: Durch den deutschen Nationalsozialismus, den japanischen Militarismus, den russischen und chinesischen Kommunismus“, dann ist dies ganz einfach Unsinn. (Die Amerikaner haben, genauso wie die Briten bei der Errichtung ihres Weltreiches vorher, ihre Absichten immer mit schönen Phrasen getarnt: In Afghanistan ging es nicht um eine Ölpipeline, sondern um die Bekämpfung des Terrors, im Irak ging es um die Verhinderung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen usw.) Todd hat die Auffassung von Doyle übernommen, daß Demokratien keinen Krieg anfingen, und hat dies mit Fukujamas These vom „Ende der Geschichte“ verknüpft, wonach der Zerfall der kommunistischen Systeme nur eine Etappe auf dem Weg zur Freiheit aller Menschen sei, mithin in einigen Jahren wir einen Planeten haben werden, auf dem der ewige Frieden gesichert sei (S. 26). Er korrigiert lediglich Doyles These, indem er sagt, daß Demokratien zwar durchaus Kriege führen, aber nicht mit anderen Demokratien, sondern gegen andere politische Systeme. Dazu klittert er die Geschichte, indem er erklärt, der erste Weltkrieg sei von Österreich-Ungarn und Deutschland vom Zaun gebrochen worden, in denen die Regierung dem Parlament nicht wirklich verantwortlich gewesen sei (S. 25).

In beiden Ländern herrschte aber eine konstitutionelle Monarchie, nicht anders als beispielsweise in Großbritannien, das bekanntlich Deutschland im ersten Weltkrieg den Krieg erklärt hat. Im übrigen ist die seriöse Geschichtsforschung auch in den USA der Auffassung, daß Deutschland allenfalls an fünfter Stelle der Kriegsschuldigen des ersten Weltkrieges genannt werden muß: Französische Revanchegelüste, um Elsaß-Lothringen sich einzuverleiben, britische Bestrebungen, den deutschen Wirtschaftskonkurrenten auf dem Weltmarkt auszuschalten, russische panslawistische Bestrebungen zur Zerschlagung Österreich-Ungarns und „Befreiung der slawischen Brüder“ und serbische Freimaurerhörigkeit hatten sehr viel größere Bedeutung für den Ausbruch dieses Krieges.

Um nun die gegenwärtige Kriegspolitik der USA zu erklären, behauptet er einen „Niedergang der amerikanischen Demokratie“, weswegen es heute auch bei den USA nicht mehr undenkbar sei, daß sie gegen Demokratien Kriege führen würden. Diesen Niedergang begründet er mit dem Entstehen einer neuen Klasse, einer Oligarchie, die sich aus 20 % der Bevölkerung zusammensetze, die 50 % der Wirtschaftskraft kontrollierten. Auch hier ist von ihm schlecht recherchiert worden; 50 % der Wirtschaftskraft werden von viel weniger Prozent der Bevölkerung kontrolliert, und schon nach dem ersten Weltkrieg galt das Wort von Rathenau, daß 300 Personen Europa beherrschen, von denen jeder jeden kennt.

Seine Behauptung, daß eine Demokratie an sich friedlich sein müsse, hat sich oft – und gerade auch bei den USA – als falsch erwiesen. Abgesehen davon, daß durch Neutralitätsbrüche ein anderes Land zum Zurückschlagen provoziert werden kann, wie es hinsichtlich Japans und Deutschlands im zweiten Weltkrieg durch Roosevelt provoziert wurde, können durch Massenmedien Leidenschaften aufgeputscht werden, wie beispielsweise zum ersten Irakkrieg durch die Lüge, daß irakische Soldaten angeblich Babys aus Brutkästen in Kuwaiter Krankenhäusern herausgerissen und auf die Straße geworfen hätten, die eine Kriegsbegeisterung in den USA anfachten. Genauso war es früher schon durch erfundene Übergriffe Mexikos gegenüber den USA oder angebliche Greuel deutscher Soldaten im 1. Weltkrieg, die angeblich belgischen Jungens die Hände abhackten, damit diese später nicht Soldaten würden. Die liberale Demokratie bedeutet Herrschaft der Massenmedien, weil diese Sachverhalte oft falsch oder einseitig darstellen und Meinungen erzeugen, ferner Kandidaten sympathisch oder unsympathisch zeigen, und die Massenmedien wiederum stehen unter Kontrolle der wirtschaftlich Mächtigen, so daß eine liberale Demokratie heutzutage eine Oligarchie ist, was Todd nicht erkannt hat.

Im übrigen sind verschiedene seiner Ausführungen auch widersprüchlich. Richtig sagt er beispielsweise (S. 37): „Das fundamentale strategische Ziel der Vereinigten Staaten ist die weltweite politische Kontrolle über die Ressourcen des Planeten.“ Es sei Amerika dazu zu schwach; seine Kraft reiche nur aus, um vergleichbar kleine Staaten wie den Irak anzugreifen. Damit werde der Anspruch als Supermacht unterstrichen, stärke die Macht Amerikas und verzögere bei den großen Mächten die Erkenntnis, daß sie aufgerufen seien, die Weltherrschaft mit den Vereinigten Staaten zu teilen. Richtig sagt er weiter, daß durch freien Handel alle Länder der Welt zueinander in Konkurrenz treten mit der Folge, daß die Löhne sinken. Dies führt zu einer Verarmung in den reichen Ländern, macht in den Entwicklungsländern aber auch nur eine Minderheit reich. Als Allheilmittel für die – auch von ihm gesehenen – zahlreichen Religions- und Stammeskriege in der Welt sieht er folgendes Modell: Überall verbreitet sich Lesen und Schreiben. Die Alphabetisierung der Frauen führe zur Geburtenkontrolle, damit einem Sinken der Geburtenzahl und auch deshalb mehr Aussicht für Frieden – so Todd. Er begründet dies damit, daß mit Vermehrung von Kenntnissen sich der Wunsch nach Demokratie und Freiheit einstelle. Dies allerdings stimmt, wie Huntington nachweist, nicht; allerdings sieht Huntington bei einer sehr hohen Geburtenrate bei Gesellschaften mit über 20 % 15 bis 24-jährigen die größten Umbrüche und Konflikte (ganz einfach deswegen, weil genug Männer in diesem Alter sich nicht anzupassen bereit sind). Dazu ist aber anzumerken, daß Großbritannien oder Frankreich Deutschland den Krieg erklärt haben, obwohl ihre Geburtenrate nicht sehr hoch war. Auch die USA haben in den letzten 50 Jahren zahlreiche Kriege geführt, obwohl ihre Geburtenrate nicht überdurchschnittlich hoch ist.

Andererseits können Todd zufolge durch die Alphabetisierung auch die Arbeiter in den Dritte Welt-Ländern ausgebeutet werden, weil dadurch erst die Globalisierung mit Verlagerung von Arbeitsstätten möglich werde. Um seine These, daß die Alphabetisierung zu Demokratisierung und zum Frieden führe, zu halten, muß er nicht in seine Theorie passende Dinge verbiegen. Beispielsweise behauptet er, daß sich der islamistische Eifer der Heilsfront erschöpft habe, und in der Türkei zwar religiöse Parteien an Stärke gewonnen hätten, aber keine Bedrohung für den laizistischen Staat darstellten (in der Türkei ist jetzt schließlich ein Ministerpräsident an die Macht gekommen, dessen früher favorisierte Partei gerade aus diesen Gründen verboten worden war!). Daß der Islamismus sich in einem „weltweiten Niedergang“ befände, wird zwar unter Verweis auf ein Buch von Kepel „Schwarzbuch des Dschihad“ behauptet, aber nicht begründet.

Auch sonst ist er von Wunschdenken geprägt, so, wenn er (S. 66) behauptet: „Die Kosten, die es verursacht, wenn Menschen mit einem bestimmten Grad von Bewußtheit autoritär regiert werden sollen, sind so hoch, daß die betreffende Gesellschaft ökonomisch nicht mehr konkurrenzfähig ist.“ Soweit er die deutsch-französische Freundschaft als Beispiel dafür anführt, „daß aus einem langjährigen Kriegszustand etwas werden kann, das sehr nah an den ewigen Frieden herankommt“, ist angesichts der schlagartig negativen Umfragewerte zu Deutschland im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung, den Bemühungen des französischen Staatspräsidenten, die DDR durch Milliardenzahlungen zu stützen und von einer Wiedervereinigung abzubringen, und die bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion geltende französische Militärdoktrin, daß im Falle eines sowjetischen Angriffs auf Westdeutschland die gesamte rheinische Tiefebene mit Atomwaffen atomar verseucht werden müsse, wohl nicht ernsthaft von einer schon erprobten Freundschaft auszugehen. Kein geringerer als de Gaulle hat gesagt, es sei gute französische Politik seit tausend Jahren gewesen, Deutschland geteilt zu halten. Frankreich erklärte seine Zustimmung zur Wiedervereinigung erst, als Deutschland sich bereiterklärte, auf die weltweit seit 1949 erfolgreichste Währung, die D-Mark, zugunsten des Euro zu verzichten, was eine französische Zeitung mit „Ein Versailler Vertrag ohne Krieg“ kommentierte. Bemerkenswert Todds Erklärung: „Hinter der Währungsunion… steckt in Wahrheit die Absicht, einem möglichen deutschen Vormachtsstreben die Zügel anzulegen.“ (S. 234).

Das alles passierte, als in Tischreden tagtäglich die deutsch-französische Freundschaft gepriesen wurde. Auch sonst gibt es bei Todd abenteuerliche Thesen. Daß in Großbritannien und Frankreich die Geburtenraten bei 1,7 und 1,9 Kindern pro Frau liegen, in Deutschland und Italien bei 1,3 Kindern und bei 1,2 Kindern in Spanien, wird darauf zurückgeführt, daß in den letzteren Ländern Diktaturen früher die Macht ergriffen hätten. „Den Gesellschaften mit individualistischer Tradition wie Amerika, Frankreich und England scheint die Entscheidung für Kinder leichter zu fallen. In den Ländern mit einer eher autoritären Vergangenheit hat sich in demografischer Hinsicht eine passivere Einstellung zum Leben gehalten. Die Entscheidung für die Fruchtbarkeit, die aktiv getroffen werden muß, scheint den Menschen in diesen Ländern schwerer zu fallen.“

Hier sind gleich mehrere Fehler. Deutschland hatte eine niedrige Geburtenrate in der Weimarer Republik, die aber immer noch höher war als im demokratischen Frankreich zu der Zeit. Im autoritären Dritten Reich ging die Geburtenrate um mehr als 1/3 in die Höhe. Als die Wertevorstellungen des Nationalsozialismus noch nachwirkten, war zunächst auch in den 50er und Anfang der 60er Jahre in Deutschland die Geburtenrate noch hoch. In Westdeutschland sank sie dann durch einen Wertewandel in Richtung Individualismus, keine Verantwortung für andere übernehmen zu wollen pp. In der autoritär regierten DDR war bis zu deren Ende die Geburtenrate um 1/3 höher als in Westdeutschland und ist anschließend rasch gesunken.
Die höheren Geburtenraten in England und Frankreich und auch in den USA mit 1,8 Kindern pro Frau sind – was Todd verschweigt – im wesentlichen in Frankreich auf die 5 Mio. Muslime zurückzuführen, in England auf die farbige Bevölkerung, in den USA auf Mexikaner, Puertoricaner und schwarze Amerikaner. Sie haben also nichts mit irgendeiner „individualistischen Tradition“ dieser Länder zu tun. Die 1 % der französischen Familien mit 10 und mehr Kindern stellen 25 % der nächsten Generation, und es handelt sich dabei meist um Moslems.

Der Realitätsverlust von Todd geht zuweilen soweit, daß er tatsächlich erklärt: „Das Amerika der Jahre 1950 bis 1965, das Land der Massendemokratie, der Meinungsfreiheit, der Ausweitung der sozialen Rechte, des Kampfes um die Bürgerrechte – dieses Amerika war das Reich des Guten.“ (S. 154).

Richtig hingegen ist seine Beschreibung der wirtschaftlichen Anfälligkeit der USA. Die Amerikaner haben Jahr für Jahr mehr als 300 Milliarden Defizit in ihrer Handelsbilanz, was zeigt, daß sie vom ständigen Zufluß ausländischen Kapitals abhängig sind. Wenn Amerika sein Handelsbilanzdefizit ausgleichen wollte, würde dies für die amerikanische Bevölkerung eine Senkung des Lebensstandards um 15 bis 20 % bedeuten (S. 249). Dies wäre weder für Demokraten noch Republikaner ohne Revolution machbar, so daß die Militärausgaben enorm gesenkt werden müßten, um den Rückgang des Lebensstandards nicht zu hoch ausfallen zu lassen. Auch bei ihrer früheren Domäne, den technischen Produkten, haben sie 2002 mehr eingeführt als ausgeführt. Die Stromversorgung bricht zeitweilig zusammen, wie wir das sonst nur vom Ostblock gekannt haben. Die Einkommen der Arbeitnehmer stagnierten, und die 5 % der reichsten Amerikaner erhalten einen immer größeren Prozentsatz des Volkseinkommens.

Die amerikanischen Truppen sind langsam, bürokratisch und ineffektiv; unbestreitbar sei nur die amerikanische Überlegenheit in der Luft und zur See. Traditionell habe aber Amerika eine Schwäche bei der Bodenkriegsführung, schon im zweiten Weltkrieg, und heute ebenso. Die Opferbereitschaft der Russen war und ist (siehe Afghanistan) viel höher als in den USA. Die USA haben ein enormes Haushaltsdefizit, das es auf Dauer verbietet, im bisherigen Umfang die Rüstung auszuweiten. 1990 lag die Börsenkapitalisierung in den Vereinigten Staaten bei 359 Milliarden Dollar, 1998 bei 13 451 Milliarden. Diese Steigerung stand in keinem Verhältnis zum realen Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft. Dies bedeutete nur, daß ein wichtiger Teil der weltweit anfallenden Profite an den amerikanischen Börsen investiert wurde. Jeder Firmenzusammenbruch in Amerika bedeutet deshalb für die europäischen und japanischen Banken (und Anleger) erhebliche Verluste. Irgendwann wird es wahrscheinlich zu einer Panik an den Börsen von unvorstellbarem Ausmaß kommen, gefolgt von einem tiefen Sturz des Dollars. (Ergänzend ist hierzu zu sagen, daß die nachgewiesenen Bilanzfälschungen bei großen amerikanischen Konzernen, um Gewinne und Umsätze vorzutäuschen, die es gar nicht gab, zu einer entsprechende Zurückhaltung zur Investierung in amerikanische Aktien auch beitragen werden).

Die Amerikaner seien dabei, den Reichtum der gesamten Welt an sich zu reißen, um ihn im eigenen Land zu verbrauchen. So sei es schon in Rom gewesen; Amerika habe aber nicht die militärische Macht des antiken Roms. (Ergänzend kann gesagt werden: Länder kann man durch Abdrosselung der Zufuhr mit Flotten und durch Bomben zerstören; ausbeuten kann man sie aber nur, wenn man eine schlagkräftige Armee hat, und die haben die Amerikaner nicht).

In anderen Fällen macht sich wieder die ideologische Voreingenommenheit des Verfassers bemerkbar. Den Universalismus, d. h. die Einbeziehung eroberter Völker und Menschen in den Kern des Machtbereichs der Eroberervölker, sieht er als positiv und als Begründung für die Herrschaft. Hierzu bezieht er sich auf das römische Reich, wo Kaiser Caracalla 212 n. d. ü. Ztr. allen frei geborenen Einwohnern des Imperium Romanum das römische Bürgerrecht gegeben hatte, wonach die Mehrzahl der römischen Kaiser aus den Provinzen stammten. Zu dem Zeitpunkt war Rom aber nicht mehr stark und hatte längst – was in den Germanenkriegen 200 Jahre vorher deutlich geworden war – seinen Höhepunkt überschritten. Die Briten waren weit davon entfernt, die eroberten Völker zur Herrschaft in ihrem Empire zuzulassen, und konnten jahrhundertelang ihr Weltreich behaupten, bis sie sich im zweiten Weltkrieg selbst zugrunde richteten. Die USA verschmolzen zwar aus Einwanderern verschiedener Völker Europas; Todd verschweigt aber, daß dies nur so lange klappte, solange zu 90 % Einwanderer aus den germanischen Völkern kamen. Indianer und Schwarze wurden nicht integriert, und sind es bis heute nicht. Der Großteil der Einwanderer heutzutage wird von Mexikanern, Asiaten und Puertoricanern gestellt; diese wollen sich nicht integrieren.

Das nichtuniversalistische Dritte Reich war so erfolgreich, daß es nur durch eine Koalition der stärksten Mächte der Welt in einem sechsjährigen Krieg niedergeworfen werden konnte. Universalismus kann – wenn die zu verschmelzenden Elemente sehr ähnlich sind oder nur in geringer Zahl vorhanden sind – machtstärkend wirken; ansonsten führt es (wie in Babylon schon in der Bibel als abschreckendes Beispiel geschildert, und in Ägypten, Griechenland, Rom u. a. zum Untergang von Völkern und Reichen geführt hat) zur Auflösung des Staatsvolkes in verschiedene Interessengruppen, damit Schwächung des Staates und Machtverlust. Dies hat Todd nicht erkannt. Auch der kommunistische Universalismus hat die aus vielen Völkern bestehende Sowjetunion nicht zusammenhalten können, ebensowenig wie es in Jugoslawien oder vorher in Österreich-Ungarn (wo ganz bewußt keine Germanisierung durchgeführt wurde) gelungen ist.

Auch die Araber – anders als die Juden, die sich inzwischen zur Hälfte mit Nichtjuden in den USA ehelich verbinden – sind in den USA von der Integration ausgenommen. Erstaunlicherweise schreibt Todd: „Die Treue Amerikas zu Israel ist für die Spezialisten der strategischen Analyse ein großes Rätsel.“ (S. 146). Er wundert sich, warum Brzezinski Israel überhaupt nicht erwähnt, obwohl diese Bindung an Israel doch dazu führe, daß die Vereinigten Staaten eine gegnerische Beziehung zur arabischen Welt und zur muslimischen Welt insgesamt aufgebaut haben (S. 146). Dies erscheine um so verwunderlicher, als das Unrecht, „das den Palästinensern tagtäglich angetan wird durch die israelische Besetzung ihrer Gebiete“, ein „täglicher Verstoß gegen das Prinzip der Gleichheit, das doch zur Basis der Demokratie gehört“, sei. (S. 146). Nun, ein Geheimnis ist dies nicht, wenn wir auf das unten erwähnte Scharon-Zitat abstellen. Die jüdische Eigentümerschaft bei maßgeblichen Zeitungen wie Washington Post und New York Times, den jüdischen Besitz von Nachrichtensendern usw. verharmlosend sagt Todd: „Alle Deutungen, die auf die Rolle der Juden in den Vereinigten Staaten abheben und betonen, daß sie großen Einfluß auf den Ausgang der Wahlen hätten, enthalten ein Körnchen Wahrheit. Das ist die Theorie von der „jüdischen Lobby“ (S. 147).

Sie enthalten nicht nur ein „Körnchen Wahrheit“, sondern die ganze Wahrheit, weil es für die USA – die ansonsten lediglich egoistisch handeln – ein geopolitischer Wahnsinn ist, sich 1,3 Milliarden Menschen dieser Erde zum Feind zu machen, obwohl Israel keinerlei geopolitische oder ökonomische (Bodenschätze) Bedeutung hat. Als weiteren Grund gibt Todd zurecht den christlichen Fundamentalismus, der hinter Bush steht, an, der geradezu ein „Herz für den Staat Israel entdeckt“ habe, als Gegenstück zu „ihrem Haß auf den Islam und die arabische Welt“. (S. 148). Dies sei desto verwunderlicher, weil 3/4 der amerikanischen Juden nach wie vor politisch links stünden, die Demokraten wählten und die christlichen Fundamentalisten fürchteten. Inzwischen merkten aber viele Juden: „Ein Protestant mit einem einigermaßen wortwörtlichen Verständnis der Bibel identifiziert sich mit dem Volk Israel.“ (S. 151). Obwohl selbst Jude, wundert er sich, daß die Juden sich in den USA nicht über ihre gelungene Integration freuen: „Diese privilegierte Bevölkerungsgruppe pflegt einen beunruhigenden, um nicht zu sagen neurotischen Kult um den Holocaust. Unermüdlich gedenken die Juden in Amerika des Mordens, dem sie entgangen sind. Unaufhörlich kritisieren sie den wachsenden Antisemitismus weltweit, und sie machen sich um alle Gemeinden in der Diaspora, vor allem in Frankreich, mehr Sorgen als die Gemeinden selbst… Die fortbestehende Angst der Juden in Amerika, dem Land mit der angeblich „allmächtigen jüdischen Lobby“, hat etwas Paradoxes.“ (S. 152).

Todd wirft der amerikanischen Diplomatie „katastrophale Fehler“ vor, indem es zwar konsequent Rußland zu destabilisieren suche, aber gleichzeitig die europäischen Bündnispartner demütige und vernachlässige, Japan mit Herablassung begegne, unermüdlich China provoziere und Iran zur angeblichen Achse des Bösen zähle. Dies ist aber nicht als „Tolpatschigkeit“ oder als „Logik“ (S. 167 f) zu sehen, weil – wie Todd meint – das wahre Amerika so schwach sei, daß es nur mit militärischen Zwergen eine Konfrontation suchen könne. Was die Amerikaner immer gehabt haben, ist ein ungebrochenes Selbstbewußtsein, das in vielen Fällen mit der Realität nicht übereinstimmte. Sie halten sich tatsächlich – ohne es zu sagen – für eine Macht, die den ganzen Erdball beherrschen könne, so wie es ein Präsident selbstbewußt sagte: „Was wir wollen, das passiert.“ Aus dieser Arroganz heraus sind sie nicht in der Lage – und insoweit ist Todds Vergleich der „Politik“ Wilhelm II. mit der amerikanischen Politik durchaus zuzustimmen –, die Kräfteverhältnisse richtig wahrzunehmen. Deswegen meinen die USA auch, überall Kriege führen zu können, und trotz der völligen Aussichtslosigkeit einer Besiegung Chinas wird allen Ernstes bei amerikanischen Politikern angedacht, ob man nicht einen Präventivkrieg gegen China führen solle, bevor es zu stark werde.

Falls Amerika durch ein funktionierendes Raketenabwehrsystem in der Lage sein sollte, andere Länder durch Raketen atomar zu verwüsten, ohne von deren Raketen einen Gegenschlag befürchten zu müssen, ist die Gefahr der Zerstörung Rußlands oder Chinas durch einen atomaren Erstschlag seitens der USA erheblich, wobei sich irgendein Grund für die Amerikaner noch immer hat finden lassen, wenn sie Krieg führen wollten. Dies auch deswegen, weil bei der gegenwärtigen Förderquote für Erdöl in den USA ihre Reserven bis zum Jahr 2010 erschöpft sein werden, und schon 1999 erheblich mehr Erdöl importiert wurde, als im eigenen Land gefördert wurde.

Todd begrüßt das Erstarken Rußlands unter Putin, der stabile Strukturen herstellt, da Rußland als Gegengewicht gegen die USA dringend gebraucht werde. Rußland könne wegen seiner Bodenschätze als von der Außenwelt von Natur aus unabhängig gesehen werden, so daß es eine viel unangreifbare Stellung als die USA habe, denn Rußland ist nicht auf Energiezufuhr aus der andere Welt angewiesen, anders als die USA, so daß die Russen prinzipiell friedlich sein könnten.

Soweit sich Todd hinsichtlich Deutschland über den „Gehorsam der Führung im wichtigsten Protektorat im Westen“ wundert, wobei er den Grund darin sieht, daß die Demonstration militärischer Übermacht durch das Zerstören der deutschen Städte zwischen 1943 und 1945 der Grund sei, ist dies nicht so; zunächst war es die am eigenen Leib erlebte sowjetische Bedrohung, später die Folge der Umerziehung nach 1945, die diese Vasallenhaltung hervorrief. Erst Schröder, der zur 68er Generation gehört und in seiner Jugend gegen den Vietnamkrieg demonstriert hatte, vertrat eine andere Politik, sofort konterkariert von der in den alten Gangschienen handelnden CDU unter Merkel.

Damit Europa sich gänzlich aus der Abhängigkeit der USA befreien kann, fordert Todd einen Aufbau der nuklearen Schlagkraft in Europa. Dann könnten die USA nicht mehr von Europa schmarotzen. Während in Europa Einverständnis für ausgewogene Wirtschaftsweisen vorhanden sei, sei dies bei den Amerikanern nicht gegeben, die ein jungfräuliches, an Bodenschätzen reiches und fruchtbares Land besiedelt hätten. „Von jeher verlief Amerikas Wirtschaftsentwicklung über die Auslaugung seiner Böden, die Verschwendung seines Öls und die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte im Ausland.“ (S. 221). Die amerikanische Mobilität (17,5 % der Einwohner wechseln beispielsweise gegen 9,5 % in Japan ihren Wohnsitz) wird als Beweis für wirtschaftliche Dynamik gepriesen; die Japaner produzieren pro Kopf aber doppelt so viel. Todd proklamiert mehr europäische Eigenständigkeit, und – für einen Juden bemerkenswert – erklärt er: „Allerdings kann Europa die Unruhe, welche die Vereinigten Staaten mit Israel in der arabischen Welt stiften, nicht auf Dauer hinnehmen. Die wirtschaftliche Realität legt nahe, daß der arabische Raum in eine Sphäre der Kooperation eintreten muß, die sich um Europa zentriert und die USA weitgehend ausschließt. Die Türkei und der Iran haben vollkommen begriffen, wo ihre wirtschaftliche Zukunft liegt… Mit Blick auf den Islam werden die USA zu einem immer konkreteren Störfaktor. Die islamische Welt versorgt Europa zu einem bedeutenden Anteil mit Zuwanderern: Pakistaner in Großbritannien, Nordafrikaner in Frankreich, Türken in Deutschland, um nur die wichtigsten Gruppen zu nennen. Die Kinder dieser Einwanderer sind Staatsbürger ihrer Gastländer, neuerdings auch in Deutschland, wo ein neues Zuwanderungsgesetz die Einbürgerung erleichtern soll. Friedliche und einvernehmliche Beziehungen sind für Europa so nicht nur wegen der geographischen Nähe zu islamischen Ländern, sondern auch zur Sicherung des inneren Friedens notwendig. Die Vereinigten Staaten treten hier als innere und internationale Unruhestifter auf.“ (S. 232 f).

Die Ausführungen von Huntington und Brzezinski wurden deshalb so breit dargestellt, um deutlich zu machen, wo wir als Deutsche künftig zu stehen haben. Huntington hat ja die westliche Wertegemeinschaft beschworen, Religionskriege vorausgesagt und behauptet, die Europäer seien auf Gedeih und Verderb mit den USA verbunden. Nun – die Nibelungentreue zum verwandten, aber als Vielvölkerstaat konfliktbehafteten Österreich-Ungarn hat den Sturz des zweiten Deutschen Reiches bewirkt und sollte uns Warnung sein. Rußland ist eine sehr viel „weißere“ Nation als die USA, so daß man uns auch nicht mit dem Argument, bei der Unterstützung der USA müßten die Weißen zusammenhalten, kommen möge; die USA betreiben konstant eine den Russen feindliche Politik seit etlichen Jahrzehnten. Der Wille Amerikas, seine Weltherrschaft aufrechtzuerhalten und wirtschaftlich die ganze Welt auszubeuten, muß zu einer Vielzahl von Konflikten und Kriegen führen.

Die amerikanische Unterstützung Israels und Bekämpfung der islamischen Staaten, deren Erdölreserven sich die USA unter den Nagel reißen wollen, hat zu einem tiefsitzenden Haß gegen die USA und alle ihre Verbündeten (siehe die Bombenanschläge in den Bahnen in Spanien) bei den Muslimen geführt. Die bisherigen Terrorakte sind sicherlich der Vorbote von weiteren. Terror kann man nicht dadurch bekämpfen, daß man Sicherungsmaßnahmen verstärkt; der Terrorist kann jederzeit und überall zuschlagen, so daß selbst in dem total militarisierten Israel so etwas nicht zu verhindern ist, obwohl Israel so viele Subventionen aus dem Ausland erhält, wie es kein europäischer Staat und auch nicht die USA bekommen würden, um ihre Sicherheitsstrukturen zu verbessern. Israelis versuchen überall in der Welt Deutschlands Ansehen zu untergraben; Israels Unterstützung liegt daher nicht in unserem nationalen Interesse, und der religiöse Auserwähltheitswahn kollidiert mit unserem heidnischen Selbstbewußtsein. Um die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion liegenden Rohstoffe auszubeuten, unterstützt Amerika nachhaltig eine Schädigung Rußlands, wohingegen es in deutschem Interesse ist, schon wegen der Besetzung ostdeutscher Gebiete durch Polen und Tschechien und Polens chauvinistischem Größenwahn auf weitere Gebiete von Mitteldeutschland bis nach Schleswig-Holstein hinein, ein gutes Verhältnis zu Rußland zu bekommen.

Die Deutschen sind – weil wir in unserer chinesischen kleinen Kolonialecke in der kurzen Zeit sehr viel mehr aufgebaut haben als wir an Erzeugnissen aus dem Lande entnommen haben, ferner 1937 viele Chinesen durch einen deutschen Konsul vor dem Abschlachten durch die Japaner gerettet wurden – in China außerordentlich beliebt, und man wird in der chinesischen Presse – anders als über England, Frankreich, die USA oder Rußland – kein schlechtes Wort über Deutschland finden, anders als in der israelischen oder angelsächsischen Presse. Es kann deshalb nicht in unserem Interesse liegen, diese freundschaftlichen Beziehungen durch eine Unterstützung der amerikanischen „Eindämmungspolitik“ gegen China zu gefährden. Hinzu kommt, daß in Israel ein unversöhnlicher Haß gegen Deutschland gepredigt wird, der sich in den US-Medien ebenso wie in Großbritannien ungehindert austobt, gemacht von den Glaubensgenossen der Israelis in den angelsächsischen Ländern. Kein Geringerer als Ariel Scharon hat am 3. Oktober 2001 im israelischen Rundfunk den Kritikern seiner auf die Entrechtung und Vertreibung der Palästinenser ausgerichteten Politik entgegen gerufen: „Ich möchte Ihnen etwas sehr klares sagen: Fürchten Sie keinen amerikanischen Druck auf Israel. Wir, das jüdische Volk, kontrollieren Amerika, und die Amerikaner wissen das.“ („We the Jewish people, control America, and the Americans know it.“).

Die christliche Kreuzfahrermentalität im Nahen Osten – so jedenfalls Brzezinski verschleiernd, indem er erklärte, Amerika müsse verhindern, daß  Europa dort eine andere Politik betreibe – wird also anhalten und zu weiterem Haß, weiteren Kriegen, weiteren Bombenangriffen gegen „Schurkenstaaten“ (und als Gegenschlag Attentaten) führen. Die sogenannten Neokonservativen haben nicht nur Syrien und den Iran im Visier, sondern weisen darauf hin, daß das Al-Kaida-Netzwerk in Saudi-Arabien gegründet sei, weswegen man vielleicht besser das saudische Königshaus absetzen und eine eigene Herrschaft dort übernehmen solle. Es geht letztlich darum, sämtliche arabischen Anrainerstaaten um Israel herum durch amerikanische Truppen besetzen zu lassen, damit diese dann den Schutz nach außen für Israel übernehmen können, wohingegen Israel sich darauf konzentrieren kann, die Palästinenser zu vertreiben, zu dezimieren und zu liquidieren, wie es tagtäglich geschieht. Der einzige Verdienst Schröders in seiner so erfolglosen Kanzlerschaft war die klare Absage an eine militärische und finanzielle Unterstützung des Irak-Krieges; das hat Deutschland viele Sympathien, die im arabischen und muslimischen Bereich insgesamt durch eine langjährige deutsche Unterstützung Israels verloren waren, wieder gewonnen. Da nicht nur die jüdischen „Neokonservativen“ in den USA eine antiarabische Politik betreiben, sondern die christlichen Fundamentalisten um Bush wegen der Ausführungen im Alten Testament, daß die Juden berechtigt seien, die Palästinenser auszurotten und zu vertreiben, keinen Widerstand gegen dergleichen Pläne leisten, da dies ja von Gott so gewollt sei, sondern dies sogar noch unterstützen, ist ein dauerhafter Konflikt vorprogrammiert, der – wie bei Schwachen ganz natürlich – sich im Gegenterror äußern wird.

Die Selbstmordattentäter aus Palästina opfern ihr eigenes Leben, und dies zeigt, wie verzweifelt sie die Situation ihres Landes, das seit fast vier Jahrzehnten von Israel nach einem kriegerischen Einmarsch besetzt worden ist, und trotz etlicher UNO-Resolutionen nicht geräumt wird, sehen. Bei solcher Verzweiflung, wo selbst Frauen sich opfern, können die Attentate nicht mit Sicherheitsmaßnahmen bekämpft werden, sondern nur dadurch, daß die verzweifelte politische Lage der Menschen verbessert wird, mithin, daß Palästina ein eigener selbständiger Staat ohne israelische Besatzung wird, und die 400 000 israelische Siedler, die von Israel mit amerikanischen Geldern in Palästina in den letzten 35 Jahren angesiedelt worden sind, nach Israel zurückzukehren haben. Anders kann es keinen Frieden im Nahen Osten geben, und wenn es diesen Frieden nicht gibt, wird es Bomben, vielleicht sogar noch viel schlimmere Anschläge mit viel größeren Auswirkungen in den Ländern geben, die die jüdisch-amerikanischen Pläne zur Ausmerzung der Palästinenser unterstützen. Wir dürfen uns keinesfalls hinter diese christlichen Kreuzfahrerbemühungen Amerikas stellen, und wir müssen jegliche Konfrontation mit den Muslimen in dieser Frage vermeiden! Wir als deutsche Heiden sollten deutlich machen, daß für uns die Bibel mit den Ausrottungsaufforderungen an die Juden zwecks Vertilgung aller Nachbarvölker keine heilige Schrift ist, daß wir das Alte Testament als ein zum Völkermord aufforderndes Buch ansehen, daß wir den christlichen Fundamentalismus als eine Gefahr für den Weltfrieden sehen, so wie schon heute mehr als 2/3 der Europäer in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sehen, und an zweiter Stelle die USA gesetzt haben. Wir haben nicht die Macht, die Amerikaner an der Führung ihrer Kriege, Bombardierungen, CIA-Aufstandsfinanzierungen und dergleichen zu hindern; es liegt aber weder im deutschen noch im heidnischen Interesse, dies in irgendeiner Art und Weise zu unterstützen.

Wir müssen deutlich machen, daß wir für die Wahrung unseres germanischen Kulturerbes hier in Deutschland eintreten, daß in islamischen Staaten aber selbstverständlich die Bevölkerung das Recht hat, sich so wie von ihnen gewünscht islamisch auszurichten und die Scharia zu praktizieren, christliche Mission zu erschweren, das Tragen von Kreuzen in der Öffentlichkeit zu verbieten und dergleichen. Dies erregt immer wieder christliche Fundamentalisten im Westen, kann und muß uns aber gleichgültig lassen, weil wir keine fremden Völker missionieren wollen. Genauso ist es, wenn in China halbchristliche Sekten, die mit dem Geist des Konfuzianismus nicht übereinstimmen, verfolgt werden; auch dies ist chinesische Angelegenheit und hat nicht zu Protesten unserer Regierung wegen angeblicher oder tatsächlicher Menschenrechtsverletzungen zu führen. Deutschland ist in zwei Weltkriegen nahezu ausgeblutet; wir können uns nicht leisten, in neue blutige Weltkriege verwickelt zu werden. England hat sein Weltreich verloren, „Great Britain“ ist zu „Little Britain“ geworden, weil es sich 1939 zur Kriegserklärung gegen Deutschland drängen ließ. Wir dürfen einem solchen Druck unserer „Freunde“ nicht nachgeben! Wir haben den Amerikanern auch nicht dankbar für irgend etwas zu sein.

Wir sind 1945 nicht befreit worden, sondern besiegt, Deutschland ist zerstückelt und aufgeteilt worden, rein deutsche Gebiete sind abgetrennt worden, die Amerikaner und die Briten haben zugestimmt, daß ein Viertel von Deutschland unter fremde Herrschaft gestellt und die Bevölkerung unter blutigsten Umständen vertrieben wird, große Teile der deutschen Industrie wurden von Amerika und England abmontiert, das deutsche Auslandsvermögen wurde einkassiert, die deutschen Patente im Wert von über 20 Milliarden Mark eigneten sich die Amerikaner an. Die etwas über eine Milliarde Dollar Marshallplan-Mittel, die Deutschland erhielt, waren Kredite, mit denen wir dann in den USA Waren kaufen „durften“, weil die amerikanische Kriegswirtschaft auf Frieden umschalten mußte, um die Arbeitslosigkeit dort nicht zu sehr hochschnellen zu lassen. Die Kredite haben wir zurückgezahlt, und das war im amerikanischen Interesse, genauso wie die Luftbrücke nach Berlin, die im übrigen gar nicht nötig gewesen wäre, wenn nicht die USA mit ihren massiven Hilfslieferungen sofort nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges den Zusammenbruch der Sowjetunion verhindert hätten. Die Care-Pakete, die von Amerika-Deutschen ins Mutterland geschickt wurden, verpflichten uns auch nicht zur Dankbarkeit gegenüber den USA, die zusammen mit den Briten mit ihren Flächenbombardements über eine halbe Million Frauen und Kinder in deutschen Wohngebieten umgebracht haben und eine Million deutscher Kriegsgefangener in Lagern nach Kriegsende haben verhungern lassen. Wir brauchen den Amerikanern also nicht dankbar zu sein, wir schulden ihnen keine Nibelungentreue, und es liegt in unserem Interesse, genauso wie beim letzten Irakkrieg uns aus jedem weiteren Krieg der Amerikaner herauszuhalten, notfalls unter Austritt aus der NATO, um unser Land nicht terroristischen Repressalien (gegen die uns die USA nicht schützen können) auszusetzen.

Huntingtons Sirenenklänge von der „westlichen Kultur- und Wertegemeinschaft“ hören wir wohl; wir müssen uns aber die Ohren verstopfen. Amerika wird an seinen inneren Rassenspannungen, seinem Multikulturalismus und seiner wirtschaftlichen Unfähigkeit (ohne den ständigen Zustrom von Milliarden und Abermilliarden an Kapital sowie Technikern, Wissenschaftlern und Forschern wären die USA längst zusammengebrochen) schneller seine Weltmachtrolle verlieren, als wir uns heute noch vorstellen können. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, uns an dem sinkenden Schiff festzubinden. Es liegt im Interesse der deutschen Heiden, daß hier eine eigenständige, an den Interessen unseres Landes ausgerichtete Politik getrieben wird, die für eine stabile Friedensordnung in diesem Raume sorgt. Amerika mit seinen „kulturellen Errungenschaften“ Fastfood, Popmusik, Fernseh-Seifenoperserien und Multikulturalismus hat nichts, was nachahmenswert wäre. Je schneller die Macht Amerikas sinkt, desto friedlicher kann die Welt leben. Ob durch Sendungen in tschetschenischer Sprache auf Radio Free Europe, durch Entsendung von Militärberatern nach Georgien oder durch die Einrichtungen von Militärbasen im ehemals sowjetischen Mittelasien: Immer versuchen die Vereinigten Staaten, Konflikte zu schüren. Die USA könnten ganz einfach durch Einstellung jeglicher Zahlung und Militärhilfe für Israel einen Friedensprozeß im Nahen Osten in Gang bringen, weil die „Groß-Israel-Politik“ für keine israelische Regierung mehr finanzierbar wäre. Die USA lassen es sich viel Geld kosten, um zunehmend mehr Kriege auf der Welt entstehen zu lassen. Es ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, daß gerade eine sozialdemokratische Regierung die Bundeswehr umbaut, so daß sie nicht mehr zur Verteidigung des eigenen Landes, sondern als Eingreiftruppe überall in der Welt dient, um künftig Hiwis für die Amerikaner zu spielen.

Je schneller die Nordamerikaner lernen, daß sie schon in einigen Jahren keine Weltmacht mehr sein werden, und daß sie deswegen mit ihren Kräften haushalten müssen, desto besser ist es für den Frieden der Welt.
Im übrigen ist nach meiner Auffassung „der Westen“ kein Abgrenzungskriterium. Was Huntington nicht erwähnt, was aber in den Debatten der letzten 20 Jahren immer wieder eine Rolle gespielt hat, sind Formulierungen wie „Aufstand der Dritten Welt“, oder aber „Entwicklungsländer gegen entwickelte Länder“ oder aber „Nord-Süd-Konflikt“. Der Begriff „Dritte Welt“ ist zwischenzeitlich auch überholt, weil mehrere früher dazu gerechnete Länder wie Indien oder China zwischenzeitlich Großmachtstatus sowohl wirtschaftlich wie militärisch erreicht haben. Bei dem Begriff „Entwicklungsländer“ ist nicht hinreichend unterschieden worden zwischen solchen Ländern, die die geistigen und willensmäßigen Voraussetzungen zu einer Entwicklung haben, und solchen Ländern, die dauerhaft keinen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen können. Aus dem Begriff „Nord-Süd-Konflikt“ wird schon deutlich, daß bei künftigen Auseinandersetzungen auch Rassenfragen eine Rolle spielen können. Allerdings wäre es falsch, nun zu glauben, mit Rücksicht auf den Zustrom von Farbigen nach Europa und in die USA würde aus gemeinsamer Solidarität heraus ein Einvernehmen zwischen allen weißen Völkern oder Staaten entstehen.

Wir haben schon gesehen, daß Huntington den von Rußland dominierten weiß-orthodoxen Bereich ausklammert bei seiner Forderung nach Solidarität. Nicht nur Adolf Hitler, sondern auch zahlreiche Bevölkerungswissenschaftler haben vor einem zweiten Weltkrieg, der Selbstzerfleischung Europas und den negativen Folgen gewarnt; das hat blindwütige Hasser wie Churchill, Vansittart, Hoare u. a. nicht daran gehindert, genau diesen Krieg für wünschenswert zu halten und darauf hinzuarbeiten. Die Engstirnigkeit, mit der Frau Thatcher u. a. Briten und Franzosen sowie italienische Staatsmänner die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern suchten, zeigt weiterhin, daß von irgendeinem Umdenken in den anderen Völkern keine Rede sein kann. Genausowenig ist zu erwarten, daß in den USA eine Sicht, die von der reinen Beschauung des Bauchnabels abgeht und über den Tellerrand guckt, entstehen wird. Wir Deutschen haben immer den Fehler gehabt, aus einem Verantwortungsbewußtsein heraus auch für andere Völker zu denken und deren Interessen wahrzunehmen (z. B. Herder, Kant usw., auch Hitler, der die britische Festlandsarmee entkommen ließ, um das britische Weltreich nicht zu gefährden). Wir haben daraus immer die größten Nachteile gehabt, so daß nunmehr die anderen Völker und Staaten vorzuleisten haben, statt von uns wieder „Zurückstecken der eigenen Interessen für das große Ganze“ zu verlangen. Hinzu kommt, daß eine Abgrenzung der Sympathien oder Antipathien nach solchen Begriffen wie „Weiße, Schwarze, Gelbe“ nicht möglich ist. Die Anthropologie unterscheidet drei Großrassenkreise, die Europiden, die Mongoliden und die Negriden. Typologisch gehören zu den Europiden auch der allergrößte Teil der indischen Bevölkerung, ferner fast alle Muslime.

Diese stellen aber eigene Kulturkreise dar, wie Huntington richtig erkannt hat. Recht hat Huntington damit, daß es sinnvoll ist, wenn es einen Kernstaat in einem Kulturkreis gibt, weil sich dann Konflikte entschärfen lassen. Seine Aufteilung der „Weißen Welt“ ist so aber nicht brauchbar. Die USA können realistisch in 20 oder 30 Jahren nur noch die Kernmacht eines angelsächsischen Kulturkreises sein, der aus England, Kanada und Australien sowie Neuseeland besteht. Rußland ist und wird bleiben die Kernmacht des slawisch-orthodoxen Teiles des Kontinents. Frankreich ist die Kernmacht des romanisch-katholischen Europas. Deutschland ist Kernmacht des germanischen Teils Europas (mit Ausnahme Englands). Natürliche Verbündete auf dem Kontinent, weil es dort nie Territorialstreitigkeiten gegeben hat, wären für uns Rußland, Weißrußland und die Ukraine. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß Großbritannien, Frankreich, Polen und Italien gegen die Wiedervereinigung waren, diese teilweise sogar aktiv zu verhindern suchten, wohingegen Rußland sie ermöglicht hat. Mitgespielt hat dabei sicherlich auch, daß es – anders als zwischen Deutschland und Großbritannien, Frankreich oder den USA – keinerlei handels- und industriepolitischen Gegensatz zwischen Deutschland und den großen slawischen Nationen in Vergangenheit oder Gegenwart gegeben hat.

Nordamerika, England und Australien werden in hundert Jahren – wenn dort nicht ein politischer Umsturz erfolgt – dasselbe Bevölkerungsbild bieten wie heute Südamerika und dann dieselbe finanzielle, wirtschaftliche und militärische „Leistungsfähigkeit“ wie die südamerikanischen Staaten besitzen. Teile der USA und Kanadas könnten nur überleben, wenn sie sich selbständig machen würden, was aber (vgl. den amerikanischen Bürgerkrieg) mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte. Jedenfalls kann es nicht in Frage kommen, daß wir Deutsche Fahnenträger der „westlichen Welt“ werden und mit ihr in den Untergang gerissen werden. Alle USA-Minister werden voraussichtlich in hundert Jahren nicht mehr wie Rumsfeld aussehen, sondern wie Powell oder die Sicherheitsberaterin Rice, und ihre Generäle wie der Chef der US-Truppen im Irak Sanchez. Im russischen Kabinett wird es aber auch in hundert Jahren – ohne daß es ein rassisches Erwachen und eine an Rassenfragen ausgerichtete Politik geben müßte – voraussichtlich nur Minister geben, die – wie Putin – uns auf Anhieb als Verwandte sympathisch vorkommen. Wir dürfen uns nicht als „Bannerträger der westlichen Wertegemeinschaft“ für die US-Interessen verheizen lassen. Nicht nur den anderen Kulturkreisen mit europäischer Herkunftsbevölkerung gegenüber, sondern auch bei unseren Beziehungen zu anderen Kulturkreisen (besonders dem chinesischen, dem hinduistischen und dem islamischen) haben wir uns einzig und allein von unseren eigenen Interessen leiten zu lassen.

Gerechtigkeitshalber muß gesagt werden, daß Huntington nicht der erste gewesen ist, der die selbstgefällige Attitüde der US-Amerikaner: „Wir sind die Größten, uns kann nichts passieren!“ in Frage gestellt hat. Ihre Gefährdung, insbesondere wegen Veränderung der inneren Struktur – haben vor ihm James Burnham („The Suicide Of The West“ – 1964) und – unter Darlegung der Gründe für den Verfall – insbesondere William Gayley Simpson („Which Way Western Man?“ – 1978), nach ihm Patrick J. Buchanan („Der Tod des Westens – Geburtenschwund und Masseneinwanderung bedrohen unsere Zivilisation“ – 2002) dargelegt. Solange sie Rufer in der Wüste bleiben, besteht keine Veranlassung, unsere Haltung zu überdenken. Es waren die USA, die durch ihren Eintritt uns zwei Weltkriege verlieren ließen. Die Teilnahme an einem Dritten Weltkrieg der USA würde unser Volk auslöschen.

Was ist für unsere Wirtschaft und Finanzen besser: Die Freundschaft der muslimischen Welt oder die alljährlichen immer wieder erneuerten Forderungen und Zahlungen von Milliarden Euro wegen „Wiedergutmachung“ an immer neuen Holocaust-Fonds? Was ist für unser Selbstbewußtsein schädlicher, die Pflichtlektüre des Tagebuchs der Anne Frank in den Schulen, oder eine muslimische Schülerin mit Kopftuch? Hat die Sterilisierung des gesamten deutschen Volkes ein muslimischer Geistlicher gefordert, oder war dies Nathan Kaufman von der amerikanischen „Friedens-Liga“? Wer stellt die deutschen Soldaten als dumme Schlächter dar, die islamische Filmproduktion oder Hollywood-Regisseure? Wer hat die Wiedervereinigung zu verhindern versucht, der Rat der islamischen Staaten oder der jüdische Weltkongreß? Wer war für die Ermordung von einer halben Million deutscher Zivilisten durch Bombenterror auf die deutschen Städte verantwortlich, ein Kalif oder der aus rassischen Gründen aus Deutschland emigrierte britische Unterstaatssekretär Lindemann? Wer wollte die Zerstückelung Deutschlands und den Hungertod von 20 Millionen, der Großmufti von Jerusalem oder Henry Morgenthau? Wer stand am 14.02.3804 in Dresden beim Trauerzug zum Gedenken an die Bombenopfer am Straßenrand mit jüdischen und amerikanischen Fahnen und den Transparenten: „Bomber Harris, do it again“ und „Oma und Opa waren Täter, keine Opfer“, islamische oder jüdische Einwanderer? Und wer würde sich am meisten freuen, wenn die im zweiten Weltkrieg noch zusammenwirkenden Araber und Deutschen sich in einem erneuten Kreuzzug gegenseitig umbringen würden? Lassen wir uns nicht als Kanonenfutter in einen christlichen Kreuzzug gegen die Muslime hetzen! Vor der muslimischen Zuwanderung nach Deutschland wird von manchen CDU-Politikern gewarnt und deren laufende Erhöhung angeprangert; aber dieselben Herrschaften erlaubten und ermöglichten, daß sich seit 1990 die Zahl der Juden durch Zuwanderung russischer Juden in Deutschland verachtfacht hat (von 33000 auf jetzt 270000 laut Mitteilung der evangelischen Nachrichtenagentur idea). Die Muslime haben sich in Deutschland jedenfalls in den letzten 14 Jahren nicht verachtfacht. Es muß unsere Aufgabe als deutsche Heiden sein, jeglichem Übergreifen des jüdisch-christlichen Fundamentalismus auf Deutschland entgegenzutreten, um unser Volk aus den Religionskriegen der Zukunft herauszuhalten!

Sommersonnenwende

Ewig dreht das Rad des Lebens
Ewig kreisen Zeit und Erde
Ewig neut sich so des Jahres
und des Menschen „Stirb und Werde“.
Ursprung und Bedeutung
sommersonnenwende

Zu Zeiten der Sommersonnenwende am 21.Tage des Brachmondes hat die Sonne den Höhepunkt ihrer Kraft und Einwirkung auf die Natur und damit auch den Menschen erreicht. Während dieser Zeit ruht die Arbeit auf den Feldern und die Frucht reift still vor sich hin. Eine Gelegenheit für die ländliche Bevölkerung ein ausgelassenes Fest zu feiern und sich von den Mühen der vergangenen Monate zu erholen, um frisch gestärkt der Ernte entgegenzusehen.

Wie allen indogermanischen Völkern war auch den Germanen der Lauf des Jahres bestimmend für Arbeit und Feier. Während die keltischen Völker nach der Zweiteilung ihres Jahreslaufes nur Feiern zur Maien- und Herbstzeit kannten, lagen bei den Germanen, die drei Jahreszeiten unterschieden, die bedeutendsten Festzeiten in unmittelbarer Nähe der Tag- und Nachtgleichen, bzw. der beiden Sonnenwenden. Galt die Mittwinterzeit, die Wiederkehr des lebenspendenden Lichtes, als höchste Festzeit, an der überall Julfrieden herrschte, so waren das Frühlings- oder Osterfest, die Sommersonnenwende und die Totengedenktage die festliegenden Tage des ungebotenen Things, der grossen Rats- und Gerichtsversammlungen aller freien 20 Männer eines Volksstammes.
Alle Jahreslauffeste sind von den gleichen Sinnbildern begleitet: Feuer, Lebensbaum und Lebenswasser, obwohl doch die Natur zu den verschiedenen Jahreszeiten ein ganz unterschiedliches Bild bietet.
Jahrhundertelang hat der eindringende Christianismus versucht, diese alten Volksbräuche auszurotten, und erst, als dies trotz strenger Strafen gegen Zuwiderhandelnde nicht gelang, begann man die Bräuche zu verfälschen und ihnen einen christlichen „Sinngehalt“ unterzuschieben. So wurde das höchste Fest unserer nordischen Ahnen, die Feier der Wiederkehr des Lichtes, zum Geburtstag des Jesus von Nazareth erklärt, das kräfteweckende, lebenspendende Maiengrün der Weidenzweige fand als „Palmbuschen“ Eingang in das kirchliche Osterbrauchtum und die Dank- und Freudenfeuer der Mittsommerzeit wurden Johannes dem Täufer geweiht. Kranz und Rad, seit Urzeiten im Norden Sinnbild der Unendlichkeit des Lebens in seiner ewigen Wiederkehr, lebten weiter in den „Osterrädern“, dem „Kirmesbaum“ und dem „Adventkranz“.

Im heutigen Brauchtum der Julzeit tritt das im Freien abgebrannte Feuer gegenüber dem ewig grünenden Lebensbaum zurück und findet nun seine Darstellung im Licht der Kerzen und dem noch in einzelnen Landschaften gebräuchlichen kultischen Neuentfachen des Herdfeuers. Herd und Altar waren bei den indogermanischen Völkern ein- und dasselbe und galten als heilig. Demgegenüber haben sich zur Mittsommerzeit vor allem die Feuerbräuche erhalten, während das Lebensbaum-Brauchtum dieser Zeit oft mit den Frühlingsbräuchen verschmilzt oder sich nach „Hohe Maien“, der christlichen „Pfingstzeit“, verlagert. In vielen deutschen Gauen setzt man auch heute noch feierlich den „Maibaum“, einen mit bunten Bändern und meist 3 Kränzen geschmückten hohen Baum, oder man steckt Sträusse, die oft aus siebenerlei Kräutern gebunden sind, an die Ecken der Felder. In manchen Gegenden Thüringens gibt es buntgeschmückte „Eierbäume“, sowohl zu Ostern und Hohe Maien als auch zur Sommersonnenwende und sie werden genau so im Reigen umtanzt, wie es bei den eiergeschmückten Bäumen in den Vogesen zur Neujahrsnacht Brauch ist.
Hängt beim Maibaum der grüne Kranz immer waagerecht, so finden wir ihn zur Sonnwendzeit oft senkrecht auf hohen Stangen befestigt, sei es bei den schwedischen Mittsommerstangen, dem Mimosquost in Nordschleswig oder der Queste und dem Ouestenbaum im Harz und in Thüringen. Im Salzburgischen trägt man Prangstangen über die Felder, während in der Heidelberger Gegend und im Odenwald beim „Sommertagumzug“ Haselgerten mitgetragen werden, die mit immergrünen Pflanzen, Äpfeln und Brezeln geschmückt sind. Eier und Äpfel zählen seit altersher zu den Sinnbildern der Fruchtbarkeit und Brezel und Kranz verkörpern die Unendlichkeit.
Es gibt aber auch Umzüge, bei denen Gestalten mitgeführt werden, die in grünes Laub – seltener in Stroh – gewickelt sind. Die Gestalt trägt verschiedene Namen: in den Alpenländern nennt man sie meist „Pfingstlümmel“, in der Saarpfalz „Pfingstquak“ und vom Augsburger Umland bis tief hinein ins Schwäbische „Wasservogel“. Der letztgenannte Brauch stellt schon die Verbindung zu den verschiedenen Wasserbräuchen her, die vielfach zu Ostern, zu Pfingsten oder zur Sonnwendzeit überliefert sind. Quellen und Brunnen waren für unsere Vorfahren verehrungswürdige Stellen, wohl in Erinnerung an den Urdbrunnen, aus dem alles Leben stammte. Auch heute noch ist es in verschiedenen deutschen Landschaften üblich, Brunnen und Quellen zur Festzeit mit Blumen zu umkränzen oder in ernstem Schweigen ihr segenbringendes Wasser nach Hause zu tragen. In vielen süddeutschen Orten, von den Ardennen bis nach Oberkrain, lässt man zur Mittsommerzeit bei einbrechender Nacht brennende Lichter die Bäche und Flüsse hinabschwimmen, während man am Kurischen Haff brennende Teertonnen ins Meer treiben lässt.

So, wie beim Tode berühmter germanischer Helden ihre Grabhügel umritten wurden, fanden auch in den Nächten der grossen Stammesfeier Ritte um Hügel und Brunnen statt. Aus der Freude aller indogermanischer Völker am Wettkampf entwickelten sich hieraus später Kampf- und Reiterspiele. Die Rennbahnen in der Nähe der berühmten Sonnenheiligtümer von Stonehenge und den Externsteinen geben hiervon noch genau so Zeugnis wie jene über Jahrhunderte überlieferten Reiterspiele wie das Ringelstechen oder das Vogelschiessen, die heute noch mancherorts am Nachmittag des Sonnwendtages gebräuchlich sind.

Die eigentlichen Feuerbräuche sind aber am weitesten verbreitet und gleichen sich in ihrem Ablauf von Lichtmess, Fasnacht, Ostern und Walpurgisnacht bis zur Sommersonnenwende. Die Biikenfeuer in Nordfriesland werden am 22. Hornungs in der Nähe alter Grabhügel abgebrannt und zeigen damit noch sehr gut die altnordische Sitte, die verstorbenen Vorfahren am Leben und Feiern der Sippengefährten teilnehmen zu lassen. Im schwäbisch-alemannischen Siedlungsraum sind die Höhenfeuer vor allem zur Fasnachtszeit gebräuchlich, was in den Ausdrücken Fasnetfunken und Funkensonntag seinen Niederschlag findet. Sie gehen vielleicht ebenso wie die irischen Feuer am Fasnachtsdienstag auf die alte keltische Jahresteilung zurück. Jakob Grimm ist in seiner „Deutschen Mythologie“ noch der Ansicht, die Osterfeuer wären mehr im Norden, die „Johannisfeuer“ mehr im Süden Deutschlands gebräuchlich, doch hat die neuere Volkskundeforschung diese Annahme nicht bestätigen können.

Osterfeuer sind auch im Sauerland, im Harz und in Tirol nachgewiesen. Im Klagenfurter Becken ist zu Ostern ein Fackeltanz üblich und des Osteräderrollen in Lügde in Westfalen gleicht genau jenem, das schon 1576 von dem Donauwörther Humanisten Sebastian Frank erwähnt wird. Diese Feuerräder kennt man aber auch zur Sonnwendzeit in vielen Orten in Luxemburg, im Moselland und in der Eifel, im Elsass und in der Rhön, im Odenwald, in Nassau, in Bayern und Schwaben, in der Schweiz und in Schlesien. Es sind grosse, hölzerne Räder, die mit viel Stroh oder Werg umwickelt sind und brennend von den Höhen ins Tal gerollt werden. In anderen Gegenden werden kleinere hölzerne Scheiben auf eine Stange gesteckt und brennend ins Tal geschleudert. Von den Burschen werden dazu gereimte Liebeswünsche gerufen oder altüberlieferte Sprüche für Flursegen und Erntedank.

Die Feuerstösse selbst sind meist kunstvoll aufgebaut, oft ragt in ihrer Mitte ein hoher, mit Blumen oder Kränzen geschmückter Stamm empor. In manchen Gegenden ist es der Maibaum, der vorher wochenlang mitten im Dorf stand. Aus Frankreich ist der Brauch bekannt, am 1. Mai einen Baum zu fällen und so kunstvoll zu keilen, dass er rautenförmig auftreibt. Er wird dann zur Sonnenwende auf einem Hügel abgebrannt. So, wie oft der Maibaum im Reigen umtanzt wird, geschieht es auch mit dem Feuer, nicht nur bei uns, sondern auch in England, Dänemark und Norwegen.

Überall ist der Glaube verbreitet, dass das heilige Sonnwendfeuer Segen bringe, sei es für die Fluren, über die die Räder rollen oder die Scheiben fliegen, sei es für das Vieh, das durch das fast herabgebrannte Feuer getrieben wird, wie vor Jahrhunderten bei Seuchengefahr durch das kultisch entfachte „Notfyr“. Auch die Menschen sollen dieser läuternden Kraft der Flammen teilhaftig werden. Deshalb springen sie übers Feuer, Bursch und Mädel gemeinsam, wenn sie in Zukunft auch gemeinsam den Lebensweg mit einer Fackel oder einem Span heimgetragen, um das vorher sorgfältig gelöschte Feuer neu zu entfachen und bis zum nächsten Sonnwendfeuer zu bewahren.

Vielfach gerieten jedoch die alten Bräuche gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Vergessenheit als Industrialisierung und Verstädterung die alten bäuerlichen Lebensformen zu verflachen begannen. Im Brennpunkt des Volkstumskampfes jedoch, im Grenzgebiet z.B. Deutsch-Österreichs, lebten die alten Formen weiter und in den Jahren der deutschen Not wurden die ursprünglichen Freudenfeuer mehr und mehr zu vaterIändischen Mahnfeuern. Vom Wandervogel und der Bündischen Jugend wurde diese Form aufgegriffen und in ganz Deutschland verbreitet, sodass für uns heute die Feier der Sonnenwende auch das Bekenntnis zu Volk und Vaterland einschliesst, auch wenn wir uns in den Formen möglichst an altüberliefertes Brauchtum halten wollen.

Mythologie

Das Fest der Sommersonnenwende ist mir dem Tode Baldurs durch die Hand seines Bruders Hödur verknüpft. Es steht im Jahreslauf gegenüber der Wintersonnenwende. So wie wir zur Wintersonnenwende uns mit Baldur und seinem Vater Odin verbinden, sind wir nun eins mit ihm und seiner Mutter Frigga. Dieses Fest soll uns an den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen erinnern. Ähnlich wie die Sonne ab diesem Tage langsam stirbt, verkörpert diese Zeit unser Leben im Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein. Ein Zeitpunkt an dem auch unser eigener Körper die höchste Kraft erreicht hat und von nun an langsam durch das Alter geschwächt wird.

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft´gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.”
Ludwig Uhland (1787-1862), „Sonnenwende”

Die Nacht zum 21. Juni ist die kürzeste Nacht des Jahres und markiert den Beginn des Sommers, vielerorts finden Feiern statt, die den Sommer und die Sonne, die nun ihren höchsten Stand erreicht hat, mit Feuern begrüßen. Solche Feste waren in Europa bei Kelten, Germanen und Slawen bekannt.

Die Sonnenwendfeiern finden nicht unbedingt zum astronomischen Zeitpunkt statt, vielfach sind sie mit den Feierlichkeiten der Johannisnacht zum 24. Juni, dem Festtag Johannes des Täufers, verbunden. Symbol des Johannistages ist eine teilweise geschälte, mit Blumen bekränzte Fichte. Um diesen Johannisbaum werden Reigen getanzt, immer linksherum, dem Lauf der Sonne entsprechend.
Andere Bräuche sind aus Eichenlaub geflochtene Johanniskronen an Türen und Dächer gebunden, ein Anklang an den Gott Donar (Thor), dem die Eiche heilig ist und der als Gewittergott das so geschmückte Bauwerk verschonen sollte. Weiteres Brauchtum siehe weiter unten und unter Johannes.

Die Sonnenwende markiert im Mythos einen Höhe- und Wendepunkt. Die germanische Sage weiß von Siegfried zu berichten, der von Hagen zur Sonnenwende getötet wird. Siegfried ist der strahlende Sonnenheld, der tagsüber unüberwindlich ist. Mit der Sonnenwende verliert er Macht und Leben.

Damit ist aber kein Tod im eigentlichen Sinne gemeint, vielmehr darf auf eine Wiederkehr gehofft werden und tatsächlich zeigt der Jahreslauf, daß dem Absterben im Herbst und der toten Zeit des Winters im Frühjahr neue Fruchtbarkeit folgt, die sich im Sommer zur ganzen Pracht entfaltet und der Zyklus weitergeht.

Es ist dies die Vermählung der Erdgöttin in Heiliger Hochzeit mit dem Sonnenheros, wie es in Mythen vielfach überliefert ist, z. B. die Isis und der sterbende Osiris.

GRIMM führt die Mutmaßung an, an Stelle des nordischen Gottes Baldur, dem die Mittsommerzeit heilig war, könne in christlicher Zeit der Johannes getreten sein, die Johannesfeuer könnten an Baldurs Leichenbrand erinnern (Deut. Myth., III, S. 78).
Brauchtum und Aberglaube zur Sommernachtgleiche

„wer eines montags drei stunden nach sonnenaufgang zur zeit der sommernachtgleiche geboren ist, kann mit geistern umgehen.” (GRIMM, Dt. Myth., III., A. 810, S. 463)

Brauchtum und Aberglaube zur Johannisnacht

Am Johannistag pflücken Jungfern stillschweigend in der Stunde nach Mittag neunerlei Blumen, darunter Storchschnabel, Weide und Feldraute. Mit einem zu gleicher Stunde gesponnenen Faden wird daraus ein Kranz gebunden und rückwärts in einen Baum geworfen. Soviele Würfe es bedarf, ehe der Kranz im Baum hängenbleibt, soviele Jahre wird es dauern, bis die Jungfer heiraten wird.

Mancherorts werden in der Johannisnacht brennende Räder einen Hang herabgerollt, verbreitet sind auch Fackelumzüge und der Tanz um das Johannisfeuer.

Ein Sprung über das Johannisfeuer soll das Jahr über vor Fieber bewahren (GRIMM, 1992, Bd. III, S. 468, Nr. 918), von Sünden reinigen und Schwangeren die Niederkunft erleichtern (WEHR, 1991, 135).

Die Asche des Johannisfeuers wird aufgehoben und unter der Türschwelle vergraben, da ihr noch lange Zeit magische Kraft innewohne (WEHR, 1991, 135).

Aus Eiern sollen Hexen in der Johannisnacht die Zukunft vorausgesagt haben. Der Zeitpunkt wird auch gern für einen Hexensabbat genutzt.

Wird beim Kräutersammeln in der Johannisnacht versehentlich ein Johanniskraut zertreten, so ist zu befürchten, daß plötzlich ein Pferd aus dem Boden steigt und den Unachtsamen in rasendem Ritt davonträgt.

Allgemein soll dieser Zeitpunkt für das Sammeln von Kräutern besonders günstig sein (Holunder, Johanniskraut).

Mädchen sollen in der Johannisnacht ihren Zukünftigen sehen, wenn sie zwischen 11 und 12 Uhr einen Kranz aus neunerlei Blumen winden — so jedenfalls der im „Sechsten und siebenten Buch Mosis” enthaltene „Magisch-sympathetische Hausschatz” (n. BAUER, 1996, S. 135). An gleicher Stelle heißt es, wenn das Mädchen einen Kranz aus Klebkraut windet und dabei dreimal ums Haus geht, wobei es spricht: „Klebekranz ich winde dich, Schätzchen, empfinde mich”, dann erscheine ihr der Zukünftige im Traum. Wird der Kranz während der Umgänge allerdings nicht fertig, so droht dem Mädchen Krankheit.

Wird eine Frau in der Johannisnacht schwanger, so soll das Kind später die Gabe des Bösen Blicks haben — vielleicht kirchliche Propaganda gegen allzu ausgelassene heidnische Festgebräuche.

Menhir – Sonnenwende

Zeitgenössisches Heidentum – Tradition, Kontinuität und Rekonstruktion

wilnort-heidentumZu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen irgendwo in Deutschlands geographischem Herzen etwa 30 junge Menschen beisammen und schweigen. Hier auf einer Waldlichtung sind der Schein der Fackeln und das prasselnde Feuer in der Mitte des Gemeinschaftskreises das einzige Licht, das die ernsten Gesichter der Anwesenden zaghaft erhellt. Zum Fest der Tagundnachtgleiche im Frühling haben sie sich zusammengefunden und begehen es, wie schon die Jahre davor. Der Kultleiter führt die Versammelten durch diese Feier, Sinnsprüche ertönen, Gaben werden als Opfer an die Göttern dem Feuer übergeben, Gedichte werden vorgetragen und ein gemeinschaftliches Mahl abgehalten. Man könnte meinen, daß unsere Altvorderen ihre kultischen Feste in etwa genauso begingen. Schließlich werden dieselben Götter angerufen, dieselben Runen beschwört und selbst der vergossene Met ist augenscheinlich „nach alter germanischer Rezeptur“ hergestellt. Traditionspflege ist angesagt.

Tradition. Welch hehrer Begriff! Welch mißverstandener Begriff! Wie viele Menschen, die sich in irgendeiner Form mit dem mythologischen und realhistorischen Wert des Germanentums auseinandersetzen, haben den Begriff der Tradition in bezug auf das germanische Heidentum wirklich verstanden? Gibt es eine Tradition des germanischen Heidentums bis in die heutige Zeit? Gibt es die Tradition? Kann man diesen Begriff wissenschaftlich absichern und mit ihm sowohl für als aber auch gegen das „Neuheidentum“ Position beziehen? Im folgenden soll die Problematik, welche die Erklärungsgrundlagen des „Neuheidentums“ betrifft, aus undogmatischer, nicht-streng-wissenschaftlicher, aber keinesfalls allzu verklärender Sicht heraus umrissen werden.

Oben beschriebenes Szenario ist zeitgenössische Realität. Dutzende mehr oder weniger klar organisierter Gruppen, die sich der Wiederbelebung des germanischen Heidentums verschrieben haben, finden sich mehrmals im Jahr zusammen, um die Feste der Sonne und des Mondes zu feiern. Wodurch ist nun der Drang zu erklären, sich von der Institution der Kirche und ihrem dogmatischen Glauben zu lösen und sich einer „Glaubensrichtung“ zuzuwenden, die als vermeintlich „überwunden“ galt?

 

olshansky-night-of-a-warrior Die Antwort gibt uns im Prinzip die Jetztzeit. Diese zeichnet sich aus durch eine fortschreitende Auflösung und Nicht-Beachtung gemeinschaftlicher Werte und Institutionen im Kleinen, wie auch im Großen, was vorwiegend negativ zu bewerten ist. Grober Materialismus, Konsumgeilheit, Vortäuschung vermeintlicher Freiheit, die letztlich nur das totale Ausleben triebhafter Ich-Bezogenheit mit sich bringt, Auflösung der Familien- und Gemeinschaftsstruktur zugunsten des Single-Daseins, Abkapselung vom Gedanken an die Heiligkeit der Natur und so vieles mehr sind die Symptome einer Atomisierung der Gesellschaft. Der identitätslose Großstadtbürger in seinem grenzenlosen Fortschrittswahn, kosmopolitisch erzogen und ohne Bindung zu spirituellen Werten ist nicht etwa nur ein polemisches Postulat rechtsradikaler Vergangenheitsverklärer. Er ist soziale Realität.

Daß dieser Menschentypus in zunehmendem Maße abstoßend wirken kann, beweist die Suche vieler Menschen nach einem spirituellen Ersatz, nach einem Gegenpol zum Materialismus, nach religiöser Bindung. Diese Zeit erlebt sowohl den Niedergang der Kirchen als gemeinschaftsförderndes Element als auch das Emporsteigen vermeintlich spiritualitätsspendender Weltanschauungen und Gruppierungen. Nur allzu typisch für diese Zeit der Entwurzelung ist allerdings das Wesen dieser mehr oder weniger neuen Heilslehren: New-Age-Esoterik, fernöstliche Weisheiten und judäo-christliche Erlösungsgedanken bieten – oft genug in den verworrensten Verquickungen – dem sinnentleerten Mensch der Großstadt eine Möglichkeit, seine Sehnsucht nach Spiritualität zu stillen, obwohl sie nüchtern betrachtet kaum etwas mit dem Menschen des Abendlandes zu tun haben. Was verstehen gestreßte deutsche Manager aus Frankfurt a. M. von Jahrtausende alter japanischer Shinto-Tradition? Was haben fehlgeleitete britische Bürokauffrauen aus London mit indischen Yoga-Praktiken zu tun? Was finden verzogene Wohlstandsjugendliche in der oberflächlichen Beschäftigung mit einer Kombination aus den spirituellen Werten der Hopi-Indianer und der Kultur der australischen Aborigines? Vielleicht haben diese Menschen schon den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, vielleicht haben sie ansatzweise erkannt, daß das Anbeten des Götzen Mammon nicht das einzige sein kann, das dem Dasein seinen Inhalt zu geben vermag. Doch wohin schweifen diese Geister? Der – meist kommerziell orientierte – Markt der Esoterik bietet alles an, was exotisch und geheimnisvoll klingt und befriedigt damit das beim modernen Menschen latent vorhandene, durch eine möglichst kosmopolitische Erziehung geförderte Verlangen nach fremden Geistes-, ja Kulturwerten. Wir sehen: auch in den Bereich des Glaubens hielten Stofflichkeit (Konsumorientierung) und der den Menschen in seiner völkisch-artgemäßen Persönlichkeitsentfaltung gefährdende Geistes-Internationalismus Einzug. Der Mensch scheint den Kräften der Jetztzeit, des dunklen zersetzenden Zeitalters in allen Belangen ausgeliefert zu sein.

Was bleibt an Alternativen? Der christliche Glaube – oberflächlich betrachtet traditionell abendländisch – verliert in Mitteleuropa an Strahlungskraft, Frische und Anziehungsvermögen. Für die meisten Menschen ist er zu einem bloßen Relikt in Form der verstaubten, dogmenbeladenen Amtskirche verkommen und allenfalls ein politisch instrumentalisierter Werteträger, weil er „ja eigentlich schon immer da war“. Wirklich tief empfundene Religiosität und Gottschau läßt sich in Hinsicht auf die Masse mit dem Begriff des Christentums heutzutage, zumindest in Deutschland, kaum noch verbinden. Jenseits des Atlantiks findet sich ein alttestamentarischer Auserwähltheitswahn in Kombination mit puritanischer Diesseitsverachtung und panzerkapitalistischer bzw. –imperialistischer Weltverbesserungsethik in einer unsäglichen und gefährlichen Weltsicht wieder. Der Rest der christlichen Herde, vornehmlich in Süd- und Osteuropa, mag an dieser Stelle nicht von Belang für das vorliegende Thema sein und kann getrost mit einem Begriff charakterisiert werden: Sklavenmoral. Neben dem etablierten Christentum buhlen noch zahlreiche Freikirchen und christliche Sekten, sowie der nicht minder universalistische, d.h. kosmopolitische Islam um die nach Transzendenz bettelnden Seelen der weißen Menschen.[Christentum und Islam speisen sich aus ein und derselben vorderasiatischen Quelle. Das sollte klar sein. Doch ist es erstaunlich, wie viele religiöse Motive sich diese beiden Weltreligionen vom Beginn ihrer Entstehung an und im Laufe ihrer Genese von uralten indogermanischen Glaubensmodellen entliehen haben. Überall, wo besonders das Christentum auf ein Volk (einen Stamm etc.) stieß, formte die völkisch-gebundene „Volksseele“ sich den neuen Glauben, in diesem Fall das Christentum, zu einem arteigenen Religionsempfinden um, und zwangsläufig verbanden sich vorchristliche heidnische Einflüsse mit den neuen Ansätzen zu einer stets von Volk zu Volk unterschiedlichen Volksreligion und Volksfrömmigkeit. Das stil- und charakterprägende völkische Prinzip ist also selbst im Christentum von höchster, ja absoluter Wichtigkeit. Diese kurze Erörterung ist für den weiteren Verlauf nicht unwichtig.] Ob für diese Menschen jedoch die in ihrer Konsequenz aggressiven, ihre absolute Alleingültigkeit verteidigenden Fremdlehren vom Sinai der richtige, besser: vernünftige Weg sind, um ihrem Dasein religiöse Ordnung zu verleihen, soll hier nur als rhetorische Frage im Raum stehen bleiben. Die Antwort ist für den freiheitsliebenden, undogmatischen Menschen klar…

Wir haben bisher versucht aufzuzeigen, daß innerhalb des Spektrums der verschiedenen, von der heutigen Gesellschaft akzeptierten Religionen oder „spirituellen“ Lehren keine einzige religiöse Weltsicht vorhanden ist, die den Kern eines deutschen Menschen, sein Wesen und seine Art wirklich anspricht. Keine der genannten Religionsformen ist blutgebunden, keine ist auf den germanischen Menschen zugeschnitten. [Der Artikel bezieht sich auf die Situation in vorwiegend germanisch bestimmten Ländern. „Germanisch“ soll in diesem Zusammenhang in erster Linie als sprachwissenschaftlicher und religionsgeschichtlicher Begriff verstanden werden. Um dem Begriff „germanisch“ eine biologische Bedeutung zu verleihen – was an dieser Stelle bewußt der Fall sein soll-, muß man zuerst verstehen, daß es keine „germanische Rasse“ gibt. Jedoch gibt es den „Nordischen Rassetypus“, der als Träger germanischer Kulturwerte (im sprach- und religionsgeschichtlichen Sinne) gilt und durch sein wanderungsbedingtes Auftreten im Blut der europäischen Menschen (natürlich stärker ausgeprägt in Nord- und Mitteleuropas) diesen Kontinent unvergleichlich stark prägt. So ist der Anteil „nordischen Blutes“ in Ländern wie Deutschland, Holland, Dänemark oder Schweden besonders hoch und erklärt somit das Vorherrschen germanischer Kultur in diesen Ländern, im Gegensatz zu „romanisch“ bestimmten Ländern oder Völkern im Süden bzw. Osten Europas. Vgl. hierzu Hans F.K. Günther: Der nordische Gedanke unter den Deutschen, München 1927.] Warum sollten da junge Menschen, die sich den Auswüchsen dieser Verfallszeit nicht beugen wollen, nicht den direkten, ehrlichen Weg wählen und sich mit den eigenen Wurzeln auseinandersetzen?

Die Auseinandersetzung mit den schriftlichen Überlieferungen germanischen Heiden- und Heldentums, wie sie beispielsweise in den eddischen Schriften, in den nordskandinavischen Sagas oder im Nibelungenlied [Das in mittelalterlicher, christlicher Zeit niedergeschriebene Nibelungenlied weist natürlich etliche christliche Motive auf, zeugt jedoch – wie auch das Hildebrandslied – über  weite Strecken von germanischer Geisteshaltung. Einwände, die den christlichen Charakter solcher Schriften (dazu zählt auch die jüngere und ältere Edda) wegen ihrer mittelalterlichen Aufzeichnungszeit überbetonen, zählen wenig. Der Kern dieser Werke bleibt ethisch und philosophisch betrachtet stets germanisch. Von vorderasiatisch judäo-christlichem Ethos ist in ihnen nichts zu spüren.] zu finden sind, führen den Suchenden erst einmal heran an den Kosmos germanischer Ethik. Ein Siegfried von Xanten und ein Hagen von Tronje vermögen junge Menschen doch wohl eher zu einer wertvollen Charakterbildung hin zu inspirieren als ein Jesus von Nazareth. Der Mut Siegfrieds und die Treue Hagens wirken positiver auf gedeihende junge Seelen ein als das Bild eines am Kreuze leidenden, uns in seiner Stammeszugehörigkeit fremden und in seiner widernatürlichen Passivität feindlichen Vorderasiaten. Ist dann die Grundlage geschaffen, die man braucht, um germanisches Wesen in früherer Zeit zu begreifen, steht einer Vertiefung in den mythologischen Stoff der germanischen Religion nichts mehr im Wege. In dieser Mythologie, die schließlich von Menschen unserer Wesensart geschaffen wurde, spiegelt sich das Jahrtausende alte Wissen um die Geheimnisse des Lebens, ja der kosmischen Ordnung – in die herrlichsten Sinnbilder und Geschichten verpackt – wieder. So wie die charakterlichen Eigenschaften unserer Ahnen beschaffen waren, so wurden auch die Götter von denen, die sie verehrten, mit Eigenschaften bedacht, ohne daß die Archetypen, die von den Götter repräsentiert wurden, verfälscht wurden. Die Beziehung zwischen Menschen und Göttern war lebendig. Die Beziehung zwischen den Menschen und der Natur (deren Kräfte die Götter ebenfalls symbolisieren) war lebendig. Die Weltsicht des germanischen Menschen war – auf den Punkt gebracht – lebendig! Was aber Jahrtausende gewachsen ist, kann nicht mit einem Male verschwinden. Das Christentum lagerte sich nur oberflächlich auf den Geist des germanischen Menschen. In ihm schlummerte, was früher lebendig war und was nie gänzlich verleugnet werden konnte. Und so verwundert es niemanden, daß in den letzten 250 Jahren das Bewußtsein um das Versagen des unmenschlichen, weil lebensverneinenden Christentums zunahm und freie, große Geister wie Goethe, Nietzsche oder Hegel eben diesem Christentum – jenseitsverliebt, rechthaberisch und mit dem Makel der Inquisition und anderer Verbrechen versehen – im innersten abschworen.

Wenden wir uns dem Vorwurf der blutarmen und verwerflichen Rekonstruktion germanischen Heidentums zu, der vor allem von den Vertretern der Amtskirche, von Geisteswissenschaftlern und Medienleuten oft genug ins Feld geführt wird. Ihre Argumentation stützt sich auf der Annahme, daß ein vermeintlich „überwundenes, totes Heidentum ohne Kontinuität“ nicht wiederbelebt werden dürfe, da sich ja das Christentum als die stärkere Religionsform erwies und erst die kulturelle Entwicklung des Abendlandes, ja gar der ganzen Welt vorantrieb, so daß der christliche Glaube nun für immer als der einzige in (zumindest) Europa zu gelten hat. Ferner ließen sich urgermanische Rituale nicht rekonstruieren und damals benutzte Symbole nicht mehr mit Sinn füllen, da die entsprechenden schriftlichen Quellen aus damaliger Zeit fehlen. Des weiteren wird die Hinwendung eines jungen Menschen zum germanisch-heidnischen Glauben schon deshalb lächerlich gemacht, argwöhnisch beäugt und somit in Frage gestellt, weil diese Hinwendung, oder besser: dieses Wiedererkennen ja nur aus einer wie auch immer gearteten „Verirrung“ heraus geschieht, aus „jugendlicher Ziellosigkeit“ und aus Gründen „subkulturellen Modeerscheinungen“. Letzten Endes sind es eine Vielzahl von Argumenten, denen sich die (vor allem jungen) Menschen heidnischer Lebenssicht ausgesetzt sehen müssen. Sicherlich ist eine gewisse „Verirrung“ der Grund für das Wiederaufkeimen heidnisch-germanischer Weltanschauung. Doch diese Verirrung ist ganz allein das Resultat einer krassen Fehlentwicklung Europas, die in Form geistiger Versklavung und Verdörrung der Völker erst durch das Christentum, dann durch diverse politische und wirtschaftliche Philosophien wie den Liberalismus, den Kapitalismus, den Kommunismus, kurz: den groben Materialismus des Geistes eintrat. Ja, der heutige Mensch ist „verirrt“. Er ist entwurzelt, zerrissen und abgenabelt…von seinem Ich, von der Natur! Analog dazu sind die Kerneinheiten Familie und Volk innerlich im Begriff, sich aufzulösen. Und da wundern sich die Autoritäten, wenn der germanisch-heidnische Glaube eine Renaissance erlebt? Und diese Renaissance ist nicht blutarm! Sie wird gespeist durch die Zuversicht und die Energie junger Menschen. Wir Heiden von heute haben das Recht und die Pflicht etwas weiterzuführen, was einmal blutvoll glühte! Der germanische Glaube lebt mit den Menschen, die ihn in sich tragen und bei aller Zustimmung zum Postulat des „ständigen Wandels aller Dinge“ behaupten wir, daß eine religiöse Tradition niemals tot, sondern nur verdrängt sein kann, weswegen wir ja nichts anderes tun, als ein religiöses System in ein neues Jahrhundert zu führen und mit Leben zu füllen. Das bedeutet aber auch, daß wir als Menschen des 21. Jahrhunderts natürlich andere Vorraussetzungen und Möglichkeiten haben, unser Heidentum zu leben. Wir leben in einer technisch hoch stehenden Zivilisation und warum sollten wir uns nicht die technischen Errungenschaften zu nutze machen? Wir benutzen Autos, das Weltnetz und Mobiltelefone, doch haben diese Dinge nichts mit einer gewissen heidnischen Grundeinstellung zu tun, solange alles in Maßen benutzt wird und sowohl die Natur als auch unser Körper und Geist nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Achtung und Wahrung der zuletzt genannten wesentlichen Elemente unseres Lebens ist echtes Heidentum! Ihre Nicht-Achtung und Nicht-Wahrung ist Verfall, ist lebensfeindlich! Wir jedenfalls haben unser Heidentum in unseren Alltag integriert, so wie dieses religiöse Empfinden auch sozialer Alltag unser Ahnen war. Die verschiedensten Aspekte der religiösen Weltsicht unserer Altvorderen wurden von diesen auf ihre Art interpretiert, und so interpretieren wir dieselben Aspekte auf unsere Art und Weise, ohne daß beide Möglichkeiten der Interpretation zu stark voneinander abweichen. Was im Blut, im Wesen unserer Ahnen schon diese spezielle, nordische, germanische Art und Weise der Reflektion aller Dinge, ja des Lebens an sich bedingte, kann in unserem Blut und unserem Wesen nicht völlig erloschen sein!

 

yavolod-reichsburg-trifels Ein Beispiel: Für die vorchristlichen germanischen Stämme mit ihrer agrarisch bestimmten Lebensrealität war die Sonne von immenser Bedeutung für ihr Überleben, weil sie als Licht- und Wärmespenderin das Wachsen der Vegetation und somit die Sicherung der Nahrungsgrundlagen der Menschen garantierte. So genoß das höchste Gestirn eine entsprechende kultische Verehrung und verschiedene, auf die Sonne bezogene Symbole wurden ersonnen. Wir in der heutigen Zeit sind zwar auch noch von der Kraft der Sonne abhängig, doch ist die direkte Verbindung Sonne – Acker – Nahrung für die meisten von uns nicht mehr bestimmend. Jedoch erschließen sich uns in Hinsicht auf die Sonne durch die Beschäftigung mit der Weltsicht der (indo-)germanischen Tradition [Wir merken hier explizit an, daß das germanische Heidentum ein wesentlicher Bestandteil der indo-germanischen Tradition ist, um dem unbedarften zu verdeutlichen, daß es ein gewisses weltanschauliches Band gibt, das unsere germanische Weltsicht mit beispielsweise der alten hellenischen, persischen oder keltischen verbindet, was uns wiederum neue (eigentlich ja alte), wertvolle, religiös-philosophische Erkenntnisse für die Gegenwart und Zukunft verschafft.], also mit unserer traditionalen Geistesgeschichte, neue philosophische und esoterische  Bedeutungshorizonte. Das Symbol der Sonne und somit auch die Sonne an sich bedeuten uns „Dynamik“, „Leben“, „Männlichkeit“, „Zentrum“ etc. und stehen den alten, vermeintlich primitiveren Vorstellungen von der Sonne definitiv nicht konträr gegenüber. Weil wir uns weiterentwickeln, wird sich auch der heidnisch-germanische Glaube weiterentwickeln ohne den Grundton zu verlieren, der unsere Seelen erklingen läßt, denn unser Götterglaube ist ein lebendiger Glaube, ein lebendiges Wissen um das Leben an sich! Wir tragen das Erbe der Vorväter einer Fackel gleich und führen es weiter und weiter, weil wir begriffen haben, daß wir ein Glied in einer (biologischen) Kette sind und Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden. Das ist unsere Pflicht! Wir „Neu-Heiden“ rekonstruieren das germanische Heidentum nicht, wir konstruieren es nach unserer Art, nach unserem Wesen. Das ist unsere Antwort auf den Vorwurf der bloßen Rekonstruktion. Dieses Konstruieren oder Neu-Erkennen umschließt natürlich ebenso die Art und Weise, wie wir unsere Kultfeiern gestalten oder wie wir die Gestalten unserer Götter begreifen: Das rituelle Feuer und das Miteinbeziehen höherer Kräfte waren beispielsweise Elemente, die den Sonnenfesten der Altvorderen zu eigen waren, und auch wir beziehen sie mit in unsere frei gestalteten Feiern ein, doch wollen wir keine „Germanenfeierei“ „nachäffen“, sondern nehmen uns das Recht heraus, unsere in uns ruhende germanische Schöpferkraft zu verwenden und aus dieser heraus eigene Feierabläufe zu kreieren. Was die Betrachtung unserer Götter betrifft, so sind wir sicherlich den Schilderungen der Eigenschaften dieser Götter in den eddischen Schriften hauptsächlich unterworfen, weil sie unser Bild von Wotan, Donar, Frigga oder Loki stark prägen. Nichtsdestotrotz erhalten wir durch die Beschäftigung mit unserer (indo-)germanischen Tradition, mit der Lektüre religionsgeschichtlicher Fachliteratur und psychologischen Werken verschiedenste Anregungen, um die Göttergestalten mit unserem erworbenen, „modernen“ Wissen zu interpretieren. [Beispielsweise wird uns der Wandel der Gestalt Odin-Wotans vom Toten- und Sturmgott hin zum Wanderer und Dichtergott erst durch wichtigen Religionswissenschaftler und Germanisten wie De Vries, Golther, Dumeziel oder Neckel vor Augen geführt, was unsere Sicht auf die Götter genauso beeinflußt wie die Archetypenlehre von C.G. Jung.] Dabei ist es von absoluter Bedeutung, daß wir uns bei allen Betrachtungen und bei allen Versuchen der Weiterbildung (die ja nur das Fundament unserer Weltsicht sein kann) hinsichtlich der Geschichte unserer (indo-)germanischen Tradition auf verläßliche Quellen berufen können. Das soll heißen, daß eine archäologisch oder philologisch abgesicherte Quelle uns das nötige Wissen um unsere Vorzeit liefert, während eine eher spekulative Schrift uns nur zu inspirieren vermag. [Ohne die Leistung hinsichtlich der Verbreitung germanischer Ethik schmälern zu wollen, seien diesbezüglich vor allem jene Werke genannt, die den Bereich der reinen Esoterik und/oder persönlichen Deutung – mit dem Anspruch nach Unfehlbarkeit versehen – oftmals nicht verlassen. Beispiele sind zahlreiche Schriften von Marby, v. List, Tiede, Lanz v. Liebenfels, Aswynn oder Gorsleben.] Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen: Diejenigen Geisteswissenschaftler, die durchaus bemüht sind, die Quellen des vorchristlichen Germanentums freizulegen und uns damit, wie gesagt, helfen, sind zumeist auch die, – das erwähnte ich  ebenfalls – deren Anliegen es ist, uns den Rekonstruktions-Vorwurf entgegenzuhalten. Zumindest die Geisteswissenschaftler moderner Prägung (die 68er-Generation läßt grüßen) sind alles andere als germanophil wenn es darum geht, den Wert des vorchristlich-germanischen Kulturschaffens und dessen Quellen für unser heutiges Volkstum zu erkennen. [Doch sollte dies allerdings nicht die tatsächliche wissenschaftliche Leistung dieser Leute, von der wir profitieren, in Frage stellen.] Erkannt haben dies die längst verstorbenen Forscher der älteren Generation, und damit sind wir an einem Aspekt angelangt, der uns hinsichtlich germanischer Kulturwerte immer wieder abgesprochen wird: der Kontinuität. Grob gesprochen ist die moderne Auffassung von Kontinuität innerhalb der zeitgenössischen Geisteswissenschaft folgende: Liegen zeitlich zwischen dem quellenmäßig abgesicherten Erscheinen eines Kulturmusters (in heidnischer Zeit beispielsweise) und dem selben, durch den Wandel der Zeit nur gering veränderten Muster nicht mindestens ein Dutzend schriftlich fixierte Aufzeichnungen über dieses Muster vor, so kann unmöglich von einer Kontinuität gesprochen werden. Das ist eine moderne Kontinuitätsauffassung. Das ist eine Zeitgeist-unterworfene, also ideologische Auffassung und somit eine Anschauung, die darauf zielt – der Zeitgeist will es so – uns von unseren Wurzeln komplett zu scheiden! Natürlich verändern alle Kulturwerte und –muster ihre Gestalt, doch lassen sich in beinahe jedem Fest, in jedem Sinnzeichen, in jedem Brauch und jeder volksreligiösen Handlung noch Reste germanischer Frömmigkeit erblicken, auch wenn sich die christliche Ascheschicht und die Kraft der Zeit über diese Muster gelegt und dieses modifiziert haben. [Ein Paradebeispiel ist das Osterfest. Die christliche Liturgie sieht allein die vermeintliche Auferstehung Christi und das jüdische Passah-Fest als die Grundlagen dieses Festes an, ohne zuzugeben, daß vorchristliche Fruchtbarkeits- und Frühjahrskulte den Ursprung für das hiesige feiern von Ostern bieten. Sicherlich sind an schriftlichen Aussagen über Fruchtbarkeitsgöttinnen nur die von Tacitus und Beda Venerabilis überliefert. Dennoch verweist allein schon die Etymologie (Wortherkunft) der von Beda für den angelsächsischen Raum erwähnten Ostara/Eostre auf ein Fest zu Ehren einer Fruchtbarkeitsgöttin hin, da die indogermanische Tradition verschiedene, etymologisch mit Ostara/Eostre verwandte Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsgöttinnen kennt, wie z.B. Eos oder Astarte.] Wir sagen: Wie ein roter Faden ist germanisch-deutsches Wesen in das Groß unsere Feste, Sitten, Sagen und Bräuche eingewoben. Es gibt eine Kontinuität, auch wenn diese sich nicht an zig verschiedenen Schriftquellen festmacht, sondern sie sich erahnen, erfühlen, erschließen läßt. Diese Auffassung steht im übrigen nicht widersprüchlich zu der oben getroffenen Feststellung, daß wir auf wissenschaftlich fundierte Quellen zur Altgermanischen Religionsgeschichte zurückgreifen sollten, um selbige besser verstehen zu können und daß wir nicht allzu leichtgläubig irgendwelche Deutungen oder Vermutungen in uns aufnehmen sollten. Im Gegenteil: Je mehr Quellen zu unserer Kulturgeschichte, um so besser! Doch lassen wir uns nicht einreden, daß es keine Reste germanischer Kultur mehr gibt und jegliche Kultur sowieso aus dem mediterranen Raum oder dem Morgenland kommt. Wir sind nicht blind und erkennen den germanischen Fruchtbarkeitsbrauch im heutigen Questenfest, die Göttin Holda im Märchen von Frau Holle, die germanische, zur Wintersonnenwende gelebte Sonnenverehrung im sog. „Johannisfeuer“ oder die Gebo-Rune in der Sitte, das Besteck gekreuzt auf den Teller zu legen, wenn man Nachschlag erwartet. Wo germanisches Wesen in Kulturmustern vorhanden ist, erkennen wir es auch und verteidigen es gegen die Widrigkeiten dieser zersetzenden, weil „kosmopolitischen“, Zeit. Das ist unsere Kontinuität, das ist unser Traditionsbewußtsein!

Heide zu sein, bedeutet, Altes zu wahren und Neues zu schaffen; sein Wesen und seine Wurzeln zu (er)kennen und getreu diesen Grundlagen zu denken, fühlen und handeln. Es bedeutet, dem Geist dieser Zeit abzuschwören und die technischen Errungenschaften der Moderne kritisch zu prüfen, ohne jedoch diesen von vornherein abzusagen. Wir sind keine „Neuheiden“, weil wir als Menschen nie „Christen“ waren und darum nicht „neu“ vom Christen zum Heiden mutierten. Der germanische Mensch ist von Natur aus ein Heide, ein freier Mensch. Er wird erst durch fremde Lehren zum „Christen“ umfunktioniert. Wir sind auch deshalb schon keine „Neuheiden“ im historischen Sinne, weil es immer Heiden gegeben hat! Wo immer germanische Menschen sich ihre Frömmigkeit dem heiligen, dem Leben gegenüber bewahrt haben, wo immer germanische Menschen die Erde und den Kosmos erforschen wollten, wo immer germanische Menschen sich’s trauten, die tiefsten Geheimnissen des Lebens auf den Grund zu gehen, wo immer germanische Menschen für die Freiheit ihrer Sippe, ihres Volkes kämpften und starben, wo immer germanische Menschen hart arbeiteten und das Diesseits bejahten… überall da waren Heiden zu finden. Sie waren Ketzer gegenüber der christlichen, todesverehrenden Lehre vom „irdischen Jammertal“, von dem es nur Erlösung für den Schwachen und Sündigen durch den am Kreuze verendeten Vorderasiaten Jesus von Nazareth gibt. Wir können uns nur selbst erlösen und das durch den Beweis unserer Tat- und Schöpferkraft in diesem Leben unter Wahrung der heiligen Natur. Vom kleinsten Bauern bis zum größten Geiste haben das die meisten germanisch bestimmten Menschen Europas erkannt oder erfühlt und somit – ob bewußt oder unbewußt – das christliche Büßergewand abgeworfen und sich als das herausgestellt, was sie von Geburt an eigentlich waren: Heiden im besten Sinne! An uns liegt es nun, mit dem klaren Bewußtsein, ein von indogermanischer Tradition geprägter freier Mensch zu sein, dies auch in die Welt zu tragen und eine Festung germanischer Ethik darzustellen, die dem Ungeist der jetzigen Zeit trotzt und Inspiration für die uns umgebenden Menschen spendet.

Judäo Christentum

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Seligsprechung in Vatikan

Die Einführung des Judäo-Christentums nach Europa bedeutete einen fremdartigen Einschlag, einen kulturellen Umbruch in einem bis dahin pantheistisch, polytheistisch geprägten Kontinent. Von daher kommt jene kulturell-geistige Bewußtseinsspaltung, der man auf Schritt und Tritt begegnet: einerseits ein christlich durchsetztes Bewußtsein, egalitär und universalistisch; andererseits ein heidnisches Bewußtsein, das partikularistisch denkt. In Europa entstand und entwickelte sich die wissenschaftliche Denkweise gegen den jüdisch-christlichen Geist, also in Anlehnung an das Heidentum. Dagegen befinden sich die politischen Ideologien (Egalitarismus, Kosmopolitismus, Fortschrittsglaube, Individualismus) vollkommen im Fahrwasser der jüdisch-christlichen Geistesart. Die marxistischen Postulate zum Beispiel, die bei den politischen Linken weiterhin herumgeistern (auch nach dem Ende des historischen, etablierten Kommunismus) sind nichts anderes als eine Verweltlichung der jüdisch-christlichen Heilsverheißungen. Desgleichen bekennen sich der amerikanische Herrschaftsanspruch und sein >humanitär< motivierter Interventionismus wie auch das amerikanische, kaufmännische Gesellschaftsmodell zur protestantischen Lesart des Judäo-Christentums. Dabei muß man allerdings hervorheben, daß das Judentum (das nicht vom paulinischen Schisma berührt wurde) nie universalistisch noch kosmopolitisch dachte, da im Judentum das gemeinschaftliche Gebot des >auserwählten Volkes< schon immer über jede andere Überlegung die Oberhand behielt. Der traditionelle Katholizismus, welcher im Mittelalter Gestalt annahm, zeugt jedoch von einer gewissen Akklimatisierung, einer gewissen >Paganisierung< des Judäo-Christentums: In diesem Sinne ist er fester – wenn auch keineswegs ausschließlicher – Bestandteil der europäischen Tradition.

In der Tat ist das Heidentum in Kunst, Kultur, Philosophie, in den Geistesverfassungen und im Volksbrauch überall in Europa vorhanden und lebendig. Desgleichen darf man die Christianisierung Europas nicht mit der gegenwärtigen Eroberungskolonisation durch den Islam vergleichen, denn das (europäische) Christentum wurde von den Europäern selbst auf der Grundlage fremder Quellen erarbeitet, während der Islam – der eine weitaus schlimmere Bedrohung darstellt als selbst die Amerikanisierung! – sich als Ganzes, in Bausch und Bogen aufoktroyiert, ohne die Möglichkeit einer >Akklimatisierung<, und zwar, als eine der europäischen Vorstellungswelt und den europäischen Sitten vollkommen gegensätzliche, ja todfeindlich gesonnene Welt- und Gesellschaftsauffassung.

Dabei stellt das aus dem 2. Vatikanischen Konzil hervorgegangene Christentum, das einer Rückkehr zu den biblischen Wurzeln des Frühchristentums gleichkommt, einen Bruch mit der >heidnisch-christlichen< Kompromißlösung dar. Dieser Bruch leitet darüber hinaus eine Verschiebung der religiösen Dogmen des Christentums in die weltliche Sphäre ein, d. h. eine Politisierung seiner geistlichen Voraussetzungen, was längerfristig einen Zusammenbruch der katholischen Religionspraxis nach sich ziehen mußte. Denn dieses 1962-65 beschlossene Neu-Christentum wandte sich von seiner heiligen Sprache, dem Lateinischen, ab (während der Islam sich nie von seiner heiligen Sprache, dem klassischen Arabischen, trennte!), erlag dem Sirenengesang der >Modernität< und verlor jene Sakralität, die bisher aus einer urwüchsigen, unterschwelligen, ja unbewußten Energie hervorgebrochen war. In Wirklichkeit kehrte es aber zurück zu den uneuropäischen, radikal egalitaristischen Quellen der Urkirche, also des Urchristentums. Das Ergebnis war ein Rückfall in den Atheismus schlechthin, wie die Schriften der modernen katholischen Theologen über Gebühr zeigen.

Die Kirchen sehen heute wie Postämter aus und haben mit den herkömmlichen Münstern oder Domen, die unsere Städte zieren, nicht das geringste mehr gemein. Amtliche Prälaten reden wie Gewerkschaftsfunktionäre. Indem es den heidnischen Teil seiner Sakralität vergaß, den Heiligenkult und die Jungfrau Maria über Bord warf, zerstörte das offizielle Christentum des 2. Vatikanischen Konzils seine eigentlich religiöse, d.h. verbindende Funktion und stellte sich bloß als eine objektiv dem Schicksal der europäischen Völker abträgliche Ideologie dar. Der Vergleich mit dem Urchristentum liegt nahe, das sich als eine Protestbewegung gegen den römischen Patriotismus verstand – bis zum Aggiornamento des 4. Jahrhunderts.

Beweise gibt es in Hülle und Fülle: die Duldsamkeit der offiziellen Kirche, die >ökumenisch< sein will, gegenüber den Fortschritten des Islams, die systematische Ausrichtung der kirchlichen Hierarchie auf trotzkistische Positionen, ihre ständige Förderung des Ethnomasochismus sowie ihre nahezu perfekte Abstimmung mit der politischen Korrektheit der intellektuellen Klasse und der Massenmedien, wobei alle der heuchlerischen Religion der >Menschenrechte< huldigen. In Osteuropa hört die orthodoxe Kirche glücklicherweise nicht auf diesen Sirenengesang. Mit anderen Worten: Die katholische Kirche ist dabei, Selbstmord zu begehen. Doch sie wird die wahre Seele der europäischen Völker nicht mit in den Tod reißen.

Warum? Weil die postkonziliare Kirche sich von dem, was das Volk für heilig hält, restlos getrennt hat. Sie hat auch dem religiösen Unterbewußtsein der europäischen Völker den Rücken gekehrt. Daß ihr heute die Schäfchen scharenweise davonlaufen, ist ein untrügliches Zeichen dafür. Auch Werbestrategien (wie die >Weltjugendtage<) werden nichts daran ändern: Die Kirche verurteilt sich selbst, eine Sekte unter vielen zu sein, die vom heißen Wind des Islams hinweggefegt werden wird.

Wie sollten demnach diejenigen handeln, die willens sind, Widerstand zu leisten? Die Antwort lautet: Ein historischer Kompromiß ist zwischen den echten Heiden und denjenigen katholischen oder orthodoxen Gläubigen, die das traditionell europäische Christentum weiterhin praktizieren, selbstverständlich möglich. Gegen die heutigen Anfechtungen, denen wir ausgesetzt sind, wird nämlich kein Widerstand möglich sein ohne den Rückgriff auf etwas, das ich in Ermangelung einer besseren Bezeichnung >die heidnische Seele< nennen möchte, eine Seele, die sich zu zwei verbündeten, unbesiegbaren Gottheiten bekennt: Apollo und Dionysos. So konnte Pierre Vial schreiben: „Europa lebte recht oder schlecht 2000 Jahre lang mit dem Christentum. Dos sollte man nie vergessen, nie ausradieren. Es ist Bestandteil eines Erbes, unseres Erbes, und wir müssen es übernehmen wie alle anderen Bestandteile auch: diejenigen, die uns ansprechen, und diejenigen, die uns weniger ansprechen!“ Anders ausgedrückt: Ein waschechter Heide wird sich immer dagegen stemmen, daß ein Minarett einen Kirchturm verdrängt. Ein Würdenträger der offiziellen Kirche wird damit einverstanden sein!

(Aus: Guillaume Faye, Wofür wir kämpfen. Manifest des europäischen Widerstandes)

Heidnisches Europa – Midgard – Unsere Zukunft

Heiden_gegen_Hass

Politiker aller Richtungen sprechen heute oft vom gemeinsamen Haus Europa. Unsere uralten heidnischen Überlieferungen, meinen etwas ähnliches, wenn sie von Midgard sprechen. Midgard ist aber nicht nur ein „gemeinsames Haus“, Midgard ist ein „Garten der Mitte“, den die Götter uns Menschen als unsere Heimat gaben, damit wir darin friedlich zusammenleben. Midgard ist der paradiesische Garten der Menschen mit seinen Wäldern und Feldern, seinen Bergen und Tälern, seinen Flüssen und Seen.

Unsere Vorfahren, Wenden (von den Christen Slaven genannt), Germanen und Kelten besiedelten alle Landschaften Midgards und lebten in der kulturellen Vielfalt der zahlreichen Stämme friedlich nebeneinander. Erst das Eindringen intoleranter missionseifriger Ideologien und die Eroberungslust raumfremderEindringlinge brachte die althergebrachten föderativen Strukturen zum Wanken. Europa wurde für Jahrhunderte Schauplatz blutigster Verfolgungen und Kriege.

Durch den fortschreitenden Verfall der mittelalterlichen und neuzeitlichen Ideologien sowie der alten Imperialstaaten können sich Vielfalt, Toleranz und Gastfreundschaft des heidnischen Midgard-Europa wieder entwickeln.

„Zurück zu den Wurzeln“ sollte es nun heißen. Dort an einer der drei Wurzeln des Lebensbaumes, der mit seinem Stamm die ganze Welt durchwächst und in seinen Zweigen die Sterne trägt, finden wir auch den Ursprung unserer gemeinsamen Herkunft und unserer Überlieferungen. Daraus erwächst die Klarsichtigkeit für die Probleme der Gegenwart und schließlich der Ausblick auf eine Zukunft im Frieden und Wohlstand Midgards, die wir uns gemeinsam, wie Mitglieder einer Familie, schaffen können.

Die kulturell verschiedenen Regionen als Nachfolger der alten Stammesstrukturen betonen die Vielfalt der europäischen Menschen. Wendische („slavische“), germanische und keltische Elemente sollen sich entfalten und damit auch gegenseitig ergänzen können. Im politischen Bereich zeichnet sich die alte Thingdemokratie, durch das Allthing in Island oder die altgriechische Demokratie Vorbild aller modernen Demokratien und noch in einigen Kantonen der Schweiz erhalten geblieben, wieder ab. Die Beratung auf örtlicher Ebene und die Entsendung von Vertretern in Thingversammlungen immer größerer Gebiete vertreten die Anliegen der Einzelnen direkt, binden sie aber durch die verschiedenen Aussprachemöglichkeiten auch in Gemeinschaftsinteressen ein. Die innere Entfremdung der Menschen in der Parteien- und Mediendemokratie kann dabei überwunden werden.

Als Heiden treten wir für ein durch Verständnis und gegenseitige Anerkennung geprägtes Miteinander in Europa ein. Die verschiedenartigen kulturellen Regionen sollen sich in Midgard-Europa wiederfinden können, die mündigen und für ihre Zukunft verantwortlichen Menschen sollen überall vertreten sein. Der Schutz der Natur muß Vorrang vor allen anderen Interessen haben, denn in ihr und mit ihr sind wir ein Bestandteil des sich immer erneuernden Götterreiches, das uns und unseren Nachfahren auf Erden erblühen kann.

Heidnische Gedichte

Heiden_gegen_Hass

DAS „VATER UNSER“ GEGEN DEN MARQUIS VON SANTA CROCE IN BRÜSSEL

„Vater unser“ den man in Brüssel sucht,
„Dein Name“ sei bei uns verflucht,
„Dein Wille“ ist nicht das geringste wert.
Weder im Himmel noch auf der Erd‘.
Du stiehlst uns unser täglich Brot,
Unsere Frauen und Kinder leiden Not.
Niemandem magst Du die Schuld vergeben,
Denn aus Hass und Neid besteht Dein Leben.
„Vater unser“ in Deinem Himmel
Befrei uns von diesem Höllenlümmel,
Lass ihn bis hin nach Spanien rennen,
Dort mag er Scheiterhaufen brennen.

Aus den Niederlanden 1633

Ketzerglaube

Ich glaub an der Sonne segnende Kraft,
an der Erde heilige Mutterschaft.
Ich glaub an des Baumes Wipfelglück,
der gereifte Frucht gibt den Boden zurück
zu neuem Wachstum stets neuer Erben –
Ich glaub nicht an endliches, dumpfes Sterben!
Es gibt einen Morgen nach jeder Nacht,
und Wandlung allein ist des Todes Macht.
Ich glaub an der Sterne Gesetzesbahn,
die keiner Willkür je untertan.
Ich glaub an des Blutes Stolz und Ehr’,
an des Volkes Sieg und Freiheit und Wehr.
Ich glaube an mein und des Freundes Herz,
für immer verbunden in Glück und Schmerz.
Ich glaub an das Leben göttlichen Sinn,
weil ich ein Trotzer und Ketzer bin!

Mein Glaube

Heil! Große Götter ,Asen , Wanen!
Heil! Miölnir , Heil Yggdrasil –
ihr Heiligtümer der Germanen!
Wie schändlich ist das grause Spiel,
mit dem man zu vernichten suchte
euch tausend Jahre lang. Voll Hass
verbrannte, tötete, verfluchte,
was Heiligstes das Volk besaß.
Das Gift des „Lichtes aus dem Osten“
kann niemals unsre Rettung sein.
Es wird unsre Seele kosten,
wenn wir uns nicht davon befreien.
Ich habe die Ketten überwunden,
die mich mein Leben lang beschwert.
Ich hab zu meinem Volk gefunden,
das euch, ihr Götter, doch gehört!

Im heiligen Hein

Es ist so still- die Buchen stehn
in hehrem feierlichen Schweigen.
Wie Atem geht des Windes Wehn
mit leisem Wogen in den Zweigen.
An silbergrauen Stämmen schweifen
die Blicke auf zum Blätterdach,
wo junge, lichte triebe greifen
fliehenden weißen Wölkchen nach.
Wie recken sich die stolzen Kronen
so weit hinauf in Himmelsfernen.
In hellen Sommernächten wohnen
sie nahe bei den ewigen Sternen.
Es wachsen aus der Muttererde
stets Erben auf zu gleichen Höhn.
So bleibt im steten Stirb und Werde
derselben Buchenwald bestehen.
O Heiliger Hain, du Stätte der Ahnen,
wie bist du schön und licht und frei!
Ich hör’ die Stimme meines Blutes mahnen,
dass meines Volkes Glaube hier geboren sei!

Einst

Einst, als das Land noch frei und die salzene See
standen zur Sonnenwendzeit Feuer auf jeder Höhe.
Flammen grüßten hinüber weit über Bucht und Tal,
Und der Toten Vermächtnis sprach aus dem flammenden Mal.
Einst klangen Spruch und Lieder der Jungen mit fröhlichem Mut,
jauchzend setzten im Sprung sie über die lohende Glut.
Einst- und es brennt dieses Wort, wie kein Feuer gebrannt,
einst besaßen wir dieses: Freiheit und Reich und Land.
Heute hegen wir still nur verschwiegene Glut,
in dem Wissen um Wandel und Schicksal, um Erbe und Blut.
Wir grüßen die Sonne, die Über uns ist!
Licht bleibt und treu stets das Herz,
das nie seines Ursprungs vergisst.

Der ewige Baum

Ich weiß im Walde einen Baum,
man sieht die höchsten Zweige kaum.
Am Fuße spinnen Nornen still
und jede etwas sagen will.
Die erste Norne nennt sich Skuld,
sie sitzt am Bronnen der voll Schuld,
denn Schlangen wimmeln ohne Zahl
in diesem Bronnen überall.
Werdandi heißt die zweite Norn,
sie hütet fein den reinen Born
der Wissen schenkt und weise macht,
trinkt man aus ihm in stiller Nacht.
Die dritte Norn Frau Urda heißt,
mit goldnem Seil den Weg sie weist
zum heiligsten der Bronnen hin,
auf dem zwei Schwäne Kreise ziehn.
Drei Wurzeln tragen stolz den Baum,
sie ragen in den Weltenraum.
Die eine führt nach Niflheim
Und trägt in sich den Todeskeim.
Denn hört, der Neidwurm Niedertracht
Benaget sie bei tag und Nacht,
gefährdet so durch Zeit und Raum
den allerschönsten, hohen Baum.
Die Zweite Wurzel führet weit
ins Riesenheim für alle Zeit.
Sie stützt den Baum mit starker Kraft,
ein Bronnen ihr Erquickung schafft.
Die dritte Wurzel führt dorthin
Wo Götter nach Walhalla ziehn.
Sie führt hinweg von Raum und Zeit
Und endet in der Ewigkeit.
Wir haben den ew`gen Schnee geseh`n
Und sahen Kulturen untergeh`n
Wir schauten der Welten Morgenschein
Bauten Kreise aus holz und aus Stein
Wir liebten die Schönheit und stolze Frau`n
Lenkten Langboote mit Selbstvertrau`n
Wir zogen mit dem stürmischen Wind
An Orte, die sonst keiner find.

An Mutter Erde

Aus deinem Schoß geboren
Streben wir zum Licht.
Wieviele Stürme brausten über dir?
Wieviele Wasser wuschen dein Angesicht?
Kein Mensch kann es sagen.
Von deinem Schoß erkoren
Ein Kreislauf ewigen Gebens.
Wieviele Quellen ließest du Sprudeln?
Wieviel Wesen sind Teil deines Strebens?
Kein Mensch kann es sagen.
In deinem Schoß geborgen
Liegt das Geheimnis des Lebens.
Und du ziehst deine Bahn
Im Zeichen beständiger Wandlung.

Nebelmond

Es dreht sich der Kreis im ewigen Ringen,
das Jahr ,es altert, trägt graue Schwingen.
Düstres Gewölkt fegt über raues Meer und Land
doch im Sturm erst den Freund ich fand.

Atlantis

Es liegt ein Land versunken, verschlungen von schäumender See,
die Sonnenhaften Träumen, verdeckt von Fimbuls Eis und Schnee.
Der Hort ist still begraben, ein Erbe so reich und auserkoren,
und leise weht zu uns herüber, was wir zutiefst verloren:
Einst trugen dort die Menschen in ihren Herzen Einigkeit,
doch längst ist die vergangen, die hohe goldne Zeit.
Es liegt ein Land versunken, liegt nicht in weiter Ferne,
den Weg, den weisen Möwen und Nordland helle Sterne.

Nacht der längsten Stunden

Klar zeigt sich uns, die zeitreichste Nacht,
bevor die Sonn hell glänzend erwacht!
Und wir weilen hier, treuen Herzens im Kreise
und zünden ein Feuer nach uralter Weise.
Es kündet an, was unterm Eise sich regt,
was im kommenden Jahr uns Früchte trägt.
Es lodert und knistert es zeigt uns wohl Leben
und will es zugleich mit dem Rauch wieder geben.
So hadert nicht, brennt mit dem Feuer hinfort,
der Feigheit Fratze und unwahres Wort.

Ahnenglaube

Wenn Winterwodes tolle Jagt,
voll Tosen über Felder braust,
dann hegt Frau Holles weise Magt,
was Wodes Sturm zu wild zerzaust.
Ein weißes Linnen deckt die Erde,
hüllt schützend ein die junge Saat,
auf daß ein neuer Frühling werde,
zu herbstlich reifer Erntemahd.
Will auch der Fenriswolf das Licht,
in seiner Rachengier verschlingen,
uralter Ahnenglaube spricht;
Nie wird der Wolf das Licht bezwingen!
Denn im weiten Weltenraum,
hoch über dunkler Winternacht,
wächst ewiglich der Lebensbaum
bis zu der Sterne heller Pracht.

Gjallars Ruf

Schalle weit und schalle laut,
dem Feinde zum Schrecken,
dem Freunde vertraut!
Rufe die Götter zum heiligen Fest,
auf Daß ihr Segen uns stark sein läßt!
Erinnern soll uns der heilige Klang,
an uraltes Wissen und Ahnengesang!
Auf ewig woll’n wir sie behüten,
die göttlichen Lieder, die Sagen und Mythen!
Und sollte Verderben uns wieder bedroh’n,
rufe zusammen, wie einstmals schon!
Rufe Wanen und Asenmacht!
Verkünde die Welten die letzte Schlacht!
Und ist auch bestimmt, daß sie untergeh’n,
gereinigt werden sie aufersteh’n.
Verkünde dies allen, deutlich und klar!
Was war, wird wieder sein,
bis es wieder war!

Weisheit der Ahnen von S. Wittkopf

Sehen soll jeder, wes Art und Abkunft,
Seltsam versippt, im Volke fortlebt.
Ob Grimm und Gram das Grab ihr gönnen, –
Heil bringt die Einsicht, manche mahnt sie.

Fein zu fühlen, wahr zu werten,
Klar zu erkennen – weit zu greifen;
Kühn zu kämpfen, edel zu herrschen,
Maß zu achten, sei Unsere Art.

In Kindern kündet das Menschengeschlecht
Ungleichen Ursprung verschiedener Wertwahl.
Selten sieht man Gestalt im Gleichmaß,
Wo Zufall statt Zucht gezeugt.
Für ewiges Leben hoffen vom Himmel
Erdenfremde Gnade vergeblich.
Sie suchten besser Freundgott im Gefährten,
Das Göttliche hütend in Kindeskindern.

Völker versinken und weite Reiche,
Wo nötiger Nachwuchs dem Adel mangelt.
Gering gilt Großes dem Minderwerten,
Gutes gedeiht nicht, wo Menge mindert.

Der Stolze stirbt nicht, wo Art-Erbe dauert.
Lechzende Lust schafft schlechtes Geblüt.
Doch immer währt, wenn Edle sich gatten;
Im Asen-Sinn bleibt Adelskraft.

Wittekind von Robert Hohlbaum

Ich will den Gott nicht, der den Frieden gibt,
ich will den Gott nicht, der in Mauern wohnt,
ich will den Gott nicht, der unsichtbar thront,
ich will den Gott nicht, der das Recht verschiebt.

Ich will den Gott nicht, der die Demut lohnt,
ich will den Gott nicht, der den Sklaven liebt,
denn ich bin Herr, vor meiner Faust zerstiebt
alles, was seine falsche Milde schont!

Ich will den Gott im grünen Eichenkleid,
ich will den Gott, der dumpf im Donner schreit,
ich will den Gott, der lichten Lenz mir bürgt,

und will den Eisgott, der die Sonne würgt,
ich will den Gott, der Blitzes Peitsche schwingt,
der meines heil’gen Waldes Sturmlied singt.

Das Götterlied von Theo Heermann von Sonnenheim

Es ragt kein Felsen, ohne je zu beben,
Und zu verfallen, wenn die Zeit vergeht,
Wie Feld zu Stoppel wird, zu Streu das Beet,
Indes die Sonne flammt im Saft der Reben.
Denn ewig brennt und wandelt sich das Leben,
Das früh und spät verbleicht und aufersteht.
Es rinnt, es strömt in abertausend Wieden,
Und rudert, schwillt und steigt empor ins Licht,
Und hastet, überstürzt sich, ringt und ficht,
Und denkt an keine Ruh‘, an keinen Frieden.
Ist dem Lebendigen doch kein Tod beschieden,
Und Skulds Gericht bezwingt sein Wesen nicht.

Denn die Unendlichkeit kenn keine Marken.
Sie webt in Ueberfluß und Ueberschwang!
Sie ist der Götter wundersamer Sang!
Und sicher treibt die Schwar der stillen, starken,
Der heitern Männer in den hohen Arken,
Das Lied entlang, das alle Welt durchdrang…

Offenbarung von Otto Bangert

Gäbe es denn einen Gott, der sich nur einmal bezeugt
ferne im fremdesten Stamm, der, in ein Buch nun gepreßt,
als ein welkes Verblühtes
durch die lange Entgottung währt?

Hätte der Stunde es denn und einer Stätte bedurft,
um zu erscheinen dem Stern, der ihn doch selber gesäugt,
dem er allgegenwärtig
immer wieder als Sohn entspringt?

Denn ohne Grenzen ist Pan, ohne die Züge der Zeit,
die um den Ewigen rauscht, und nicht in Urkunden barg
er sein hohes Geheimnis,
das die knopfende Erde wahrt.

Gottes Gang durch das Jahr ist Offenbarung genug
seines drei-einigen Bilds Sonne und Erde und Blut,
und die Irdischen brauchen
kein versiegeltens Zeugnis mehr.

Einkehr von Hildulf R. Flurschütz

Ahnen hoben betend Hände,
Wende du dich innenwärts;
Gott und Welt hältst du umschlossen
Und die Wahrheit wohnt in dir!

Tief am Grunde deiner Seele,
Die ein Meer ist, unermeßlichm
Und ein Brunnen unerschöpflich,
Liegt das goldne Götterland.

Dorten quillt dein’s Lebens Quelle,
Dort, zu dritt, die stillen Nornen
Deines Lebens Faden führen,
Streng verknüpfend Blutes Bande.

Kniee nicht vor heil’gen Büchern,
Suche Gott in Tempeln nicht,
Deiner Ahnen göttlich Wissen,
Sieh, es spricht zutiefst aus dir!

Kehre ein in weiten Wäldern,
Wo die grüne Stille wohnt,
Wirst ein ewig‘ Bild erkennen,
Das als große Mutter thron.

Atlantis, Edda und Bibel – 200 000 Jahre Germanischer Weltkultur

Hörbuch


.Hier als pdf >  Atlantis, Edda und Bibel

Die Edda pdf< Die Edda als pdf
Wenn die „Edda“ nicht in Ihrem Bücherschrank steht, dann können Sie sie hier herunterladen: „Edda“ (PDF, 691 kB)

Die Edda, das Buch der Götter und Heldensagen!

edda-banner

Das Buch der Götter und Heldensagen, die Edda wird als Überlieferung des alten Nordischen Heidnischen Glaubens gehandelt. Sollte man sich für dieses Thema interessieren ist es unumgänglich die Edda wenigstens einmal gelesen zu haben. Wobei man jetzt schon aus persönlicher Sicht schreiben kann, das einmal lesen nicht ausreichen wird. Die Edda kann man als ein Buch bezeichnen was in Reimen geschrieben ist zumindestens im ersten Teil als „Die Göttersagen“. Im zweiten Teil geht es um „Die Heldensagen“. Für den ein oder anderen wird es nicht im Ansatz zu verstehen sein oder gar einen Sinn ergeben, oder er sieht schlicht und einfach eine Kopie der Christlichen Bibel stellenweise vor sich. Oder andere machen sich wahrlich Gedanken über das was dort überliefert worden ist. Man sollte seinen Instinkten dort vielleicht ein wenig folgen und sich eine Anzahl an Lesestoff zu Gemüte führen was viele vor einem darüber geschrieben haben. Denn man sollte auch wissen das aus den verschiedenen Verlagen die, die Edda herausgebracht haben auch im Vorwort eine eigene Interpretation der Edda zu lesen ist.

Daher dürfte eine Edda nicht ausreichen um sich dort ein weitreichendes Bild zu machen. Ich persönlich werde hier keine Edda jemanden empfehlen, ( außer die Edda die ich hier angebe als PDF Datei zum reinschauen ) da dieses Buch auch nach gut über 800 Jahren nach seiner ersten Abschrift um ca 1200  unserer Zeitrechnung von Snorri Sturluson immer wieder Unklarheiten aufzeigt wie man was sehen könnte. Da jeder Suchender im Leben ist und seine persönlichen Wahrheiten für sich vertritt wäre es auch eine Diskussion, die zu weit führen würde. Da die Edda in der Vergangenheit sowie Zukunft zu deuten sein könnte. Mit Sicherheit ist in den Worten und Reimen der Edda mehr zu erkennen. Wem die Edda seine Aufmerksamkeit erweckt hat wird da auch weiter in die Thematik vordringen und vielleicht auch mehr das nordische Heidentum von einer Seite sehen die bis dato vielleicht noch unbekannt war.

Es wäre vielleicht noch darauf zu achten ob es die Erst Übersetzung in die deutsche Sprache von Karl Simrock ist und diese bis heute in den Nachdrucken von Karl Simrock erhalten ist. Zum anderen gibt es noch die Übersetzung von  Felix Genzmer die sich darin unterscheiden soll das Karl Simrock versucht hat vom Skandinavischen ins Deutsche sich an den genauen Wortlaut zu halten. In der Übersetzung von Felix Genzmer soll die Edda in einem Wortlaut zu lesen sein den man heute mehr verstehen würde. Was aber nicht heißt das, das so richtig sein muss und ist. Man sollte auch dazu schreiben, das man vor über 1000 Jahren eine völlig andere Sprache hatte sowie eine völlig andere Ausdrucksweise und Bedeutung, daher dürfte das dem ein oder anderen schwer fallen das gleich sofort alles richtige zu deuten und zu verstehen.
Wie schon vorher angedeutet, darauf achten aus welchem Verlag die Edda ist, da auch dort im Vorwort der Eddas eine eigene Darstellung der Gesichtspunkte steht wie man dort dem Leser vermittelt wie die Edda zu sehen ist oder zu sehen sein könnte. Will man sich unabhängig davon machen sollte man erst die Edda lesen danach das Vorwort so kann man seine eigenen Gedanken darüber ordnen und sich Anregung darüber hinaus holen. Das als kleiner Tipp von mir dazu.

      

Die Snorra Edda von Ólafur Brynjulfsson (1760). Aus der Dänisch Königlichen Bibliothek in Kopenhagen.

Die Edda als PDF Datei

Die Edda pdf

Vertonte Produkte der Edda

Poeta Magica Edda Vol.1

  1. Edda theme 2. Runes 3. Polska av gustafson 4. Råmund den unge 5. Oravais 6. Darradsljod 7. Polska efter j.a. andersson 8. Kempene på dovrefjell 9. Øgirs visedans 10. Katso katso 11. Asgards golden hall 12. Tuliloitsu 13. Fyr thióòa roc

Poeta Magica Edda Vol.2

Sequentia Edda (Myths From Medieval Iceland)

  1. Leikr elds og isa 2. Veit ek at ek hekk 3. Hliods bid ek allar 4. Vreidr var pa Ving-porr 5. Nu erum komnar 6. Baldurs minni 7. Senn voru aesir allir a pingi 8. Pat man hon folkvig 9. Ragnarok 10. A fellr austan um eitrdala
Sveinbjorn Beinteinsson – EDDA
1. The Prophecy of Seeress (Völuspá) 2. The Sayings of Hár (Hávamál) 3. The Lay Of Sigrdrifa (Sigurdríf) 4. Poems By Sveinbjorn Beinteinsson (Bragaþing)

Freya Aswynn – Fruits Of Yggdrasil

 1. Havamal 2. Voluspa     3. Wotan    4. Invokation Of The Gods 5. Nithing 6. Sigdrifumal 7. Northstar 8. Ragnarok    9. Panzer Rune 10. North 11. Futhark 12. Nietzsche 13. Seeker
Freya Aswynn – Shades Of Yggdrasil
 1. Håvamål        2. Nietzche        3. Ragnarok        4. Futhark        5. Volupsà        6. Wotan        7. Invocation        8. Seeker        9. Explanation        10. Leah Sublime

Odroerir – Götterlieder I

 1. Ginungagap (Intro) 2. Weltenanfang 3. Wanenkrieg 4. Odroerir 5. Ask und Embla 6. Zwergenschmiede 7. Skirnirs Fahrt

Odroerir – Götterlieder II

 1. Heimdall 2. Bifröst 3. Des Thors Hammer Heimholung 4. Idunas Äpfel 5. Skadis Rache 6. Der Riesenbaumeister 7. Allvater

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Die Edda – ihre Bedeutung für uns

Am 21. April 1971 lief ein dänisches Kriegsschiff mit einer Abordnung dänischer Regierungsmitglieder im Hafen von Reykjavik, Island, ein, wo es von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge und fast der ganzen isländischen Regierung erwartet wurde. Der Empfang galt aber nicht so sehr der dänischen Abordnung selbst, sondern zwei Pergamenthandschriften, die mit diesem Kriegsschiff unter besonderen Sicherheitsmassnahmen von Kopenhagen unter offiziellem Geleit dänischer Vertreter nach Island gebracht worden waren. Eine der beiden Handschriften war ein grosser, mit prachtvollen Bildern verzierter Codex mit Sagas aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, die andere aber war ein kleines, unscheinbares und fast schmuckloses Manuskript: Die Haupthandschrift der Lieder-Edda. Für ganz Island, keineswegs nur wissenschaftliche, literarische oder heidnische Kreise, war dieser Tag ein besonderer Festtag, und der Zug, der sich mit den beiden Handschriften vom Hafen zur Universität bewegte, wurde in den Strassen überall bejubelt. Jahrzehnte hindurch hatte sich Island bemüht, die frühen isländischen Handschriften, die zumeist seit dem 17. oder 18. Jahrhundert in Kopenhagener Bibliotheken lagen, als kostbarsten kulturellen Besitz zurück zu erhalten. Mit diesen beiden Handschriften war der Anfang gemacht, und in den Jahren danach kamen noch hunderte weiterer isländischer Manuskripte aus Dänemark in das vor allem der Forschung gewidmete isländische Handschrifteninstitut.
Es ist schwer vorstellbar, dass in einem anderen Land der Welt die Rückkehr von zwei alten Handschriften den Anlass zu einem nationalen Freudentag geben könnte. Die Isländer hatten aber immer eine besondere Beziehung zu Büchern, und dies gilt in besonderem Masse für die mittelalterlichen Schriften. Eine der bedeutendsten ist die soeben erwähnte Lieder-Edda, der Codex Regius. Diese Handschrift bezeichnet sich selbst nicht als Edda. Auf sie wurde der Name Edda übertragen, der sich in der von Snorri Sturluson zusammengestellten Handschriftensammlung findet, wo es in der Einleitung heisst: „Dieses Buch heisst Edda“. Letztere Sammlung wird gewöhnlich als Prosa-Edda bezeichnet. Zum Wort gibt es verschiedene Deutungen: Isländische Gelehrte des 16. und 17. Jahrhunderts – und so noch Ranisch heute – übersetzen das Wort mit „Poetik“. Aber das ist einfach eine Ableitung, weil die Prosa-Edda ein Skaldenlehrbuch ist. Andere – so Maurer – deuten „Edda“ als „Ahne“ – das sei die nämlich, die die Geschichten erzählt hat. Aber das Geschichtenerzählen war im alten Island nicht Privileg der Grossmütter, sondern der Männer. Die wahrscheinlichste Deutung, die heute überwiegend vertreten wird, übersetzt den Einleitungssatz mit: „Das Buch von Oddi“
Oddi war ein Hof auf Island. Saemund „der Gelehrte“ lebte 1056 bis 1133 als Herr dieses Hofes im südwestlichen Island. Snorri verbrachte auf diesem Hof als Pflegesohn von Saemunds Enkel Jon Loptsson den grössten Teil seiner Jugend bis zu seinem 19. Lebensjahr. Snorri baute in seinem späteren Königsbuch auf den von Saemund und Ari (1067 – 1148) entworfenen Skeletten der norwegischen Königsgeschichte seit Halfdan dem Schwarzen auf. Während Ari in der Landessprache schrieb, verfasste Saemund seine Arbeiten wahrscheinlich auf Lateinisch, da er in Paris studiert hatte – deswegen der Beiname „der Gelehrte“. Dort muss er auch mit der antiken Grammatik, Rhetorik und Poetik Bekanntschaft geschlossen haben, und diese philologischen Studien müssen diesen wissbegierigen Isländer mindestens ebenso stark angezogen haben wie die lateinische Geschichtsschreibung, weil Poesie und Skaldenunterweisung der bevorzugte Bestandteil der Überlieferungen seiner Heimat waren. Saemund hat so nicht nur nordische Geschichte geschrieben, sondern er war der erste Nordmann, der Sammlungen anlegte über germanische Poetik und Stilistik. Wie weit diese Sammlungen reichten, und was sie enthielten, wissen wir nicht; ihr Schatz ist aufgegangen in dem Lebenswerk des berühmten Snorri.
Wer war dieser Snorri Sturluson? Er wurde im Jahre 1178 zu Hjardaholt auf West-Island geboren und stammte väterlicherseits von dem durch eine eigene Saga bekannten Goden Snorri (gestorben 1031), mütterlicherseits durch Gudny, der „gepriesenen Sturlungenmutter“, von dem gleichfalls durch eine eigene Saga verherrlichten grössten Skalden Islands, Egil Skallagrimsson, ab. Erzogen wurde er von 1181 bis 1197 auf dem Hof Oddi, der als „Schule“ bezeichnet werden kann. Mit 23 Jahren heiratete er die wohlhabende Priesterstochter Herdis und übernahm deren Gut Borg am Borgfjord in West-lsland, den ehemaligen Skaldensitz seines Ahnen Egil Skallagrimsson, wodurch er zu einem der reichsten Männer Islands wurde. Er übersiedelte jedoch bald auf das neuerworbene Gut Reykjaholt am selben Fjord, das er stark befestigte, mit Bädern versah und in herrschaftlicher Pracht ausstattete. Er galt als kenntnisreicher Mann und guter Skalde. Nachdem er infolge seines Ansehens, das er durch erfolgreiche Fehden gemehrt hatte vier Jahre lang oberster Gesetzessprecher der Insel gewesen war, zog er mit dreissig Jahren an die Höfe König Hakons und Jarls Skule nach Norwegen, wo er sich zehn Jahre lang als deren Gefolgsmann aufhielt. Bei beiden Herren stand er in grösster Gunst, die sich durch reiche Geschenke und allerlei Ehrenzeichen äusserte. Das Preislied, welches er auf beide dichtete, zählt über hundert Weisen und ist ein Musterbeispiel der verschiedenen Formen der Skaldendichtung und als solches der Edda angehängt. Heimgekehrt, wurde Snorri abermals als Gesetzessprecher zehn Jahre lang der einflussreichste Mann Islands. Nun entstanden ausser der Egilssaga die beiden Hauptwerke Snorris, die Heimskringla und die Edda, die er seinen Schreibern in die Feder sagte.
Ersteres (nach seinem Anfangsworte, das „Erdkreis“ bedeutet, so benannt) behandelt in drei starken Bänden die gesamte norwegische Königsgeschichte, angefangen von den Ynglingen der Urzeit bis auf Magnus Erlingson im Jahre 1177; von der letzteren hören wir hier noch weiter. Beide Werke fanden ihre letzte Ausgestaltung durch die beiden Neffen Snorris, Olaf und Sturla, von denen der ältere Olaf die Edda überarbeitet, der jüngere Sturla die Königsbücher weiterführte. Die letzten Lebensjahre Snorris waren erfüllt von zahlreichen Fehden und Zerwürfnissen, teilweise mit politischem Hintergrund, da König Hakon von Norwegen nunmehr die Unabhängigkeit des isländischen Freistaates antastete. Ein letzter kurzer Besuch, der Snorri nach Norwegen führte, galt nur noch dem Jarl Skurle. Bald nach seiner Heimkehr überfiel auf Befehl König Hakons dessen isländischer Parteigänger Gissur Snorri in Reykjaholt und tötete ihn (1241). Snorri starb – wie sich das für einen Menschen des Sagazeitalters gehörte – also keinen Strohtod. Was Iässt sich nun über seine Edda sagen? Wissenschaftler bezeichnen sie als „Jüngere Edda“, weil in ihr Strophen enthalten sind, und man deshalb mutmasste, dass sie auf reine gestabte Lieder zurückgehe. Als der Codex Regius aufgefunden wurde, der nur aus Götter- und Heldenliedern (z.B. über die Nibelungen) besteht, meinte man, hier die Vorlage für Snorris Edda gefunden zu haben, und benannte den Codex Regius als „Saemunds Edda“ oder „Ältere Edda“. Aber der Codex Regius stammt von 1270 und geht auf eine verlorene Handschrift von 1240 zurück, ist also mit Sicherheit jünger als Snorris Edda. Heute nimmt man an, dass er das, was er sich selbst hatte erzählen lassen, und über Götter und Helden zu erzählen wusste, seinen Schreibern in die Feder diktiert hat. Snorri hatte wohl keine geschriebene Vorlage, schöpfte aber noch aus dem vollen Erzählschatz der heidnischen Zeit.
Aber wie schöpfte er? Hier setzten die Auseinandersetzungen unter den Wissenschaftlern ein. Island war im Jahr 1000 christlich geworden; was können uns da Jahrhunderte später aufgeschriebene Lieder und Erzählungen über das Heidentum berichten, wenden die Kritiker ein. Und ist nicht auch Skepsis angebracht, wenn wir hören, dass schon Saemunds Vater Sigfus, der verheiratet war mit einer Enkelin des Sidu-Heil, eines der ersten isländischen Grossen, die sich taufen liessen, die Priesterweihe empfangen hatte, und auch Saemund selbst Priester war, ebenso wie Ari ? Nun – zur Priestereigenschaft sagt Gustav Neckel zurecht, dass dies damals auf Island nicht viel mehr als eine Art Gelehrtengrad bedeutete, und wirkliche Priestertätigkeit des entsprechenden Hofbesitzers kaum im nennenswerten Grade damit verbunden war: „Wenn Sämund in dem von ihm vergrösserten und energisch bewirtschafteten Oddi als Krönung des Ganzen eine Kirche baut und damit Tempelherr wird, so erscheint er uns nicht viel anders als ein Gode der heidnischen Zeit, der ebenfalls in erster Linie wirtschaftliche und herrschaftliche Interessen verfolgte.“ Ebenso wie manche Goden, ähnlich wie die Fürsten auf dem germanischen Festlande, Förderer der Dichtkunst und Heger der alten Überlieferungen waren, zeigten einige der getauften Nachfolger der Goden diese Neigungen. Und ich habe deshalb so ausführlich Snorris Leben dargestellt, um zu zeigen, dass sein Leben wesentlich dem eines Goden des Heidentums entsprach. Er dichtete ein Preislied auf Jarl und König – wie die heidnischen Skalden vor ihm – nicht auf Christus, obwohl ein Preislied auf Christus schon Jahrhunderte vor ihm auf Island gemacht worden war. An vielen Stellen begegnet Snorri den Göttern mit Achtung. Hans Kuhn – und ihm nachfolgend Siegfried Gutenbrunner – glauben aus einem Satz Snorris herauszuhören, dass dieser zu Odin noch in einem Verhältnis religiöser Überzeugung stand. Der Satz steht in Kapitel 6 von „Gylfis Betörung“ und ist dem Hoch in den Mund gelegt:
„Borr ……… nahm Bestla ……… zur Frau und diese bekamen drei Söhne: Odin, Wili und We. Und das ist mein Glaube, dass dieser Odin und seine Brüder die Regierer von Himmel und Erde sind. Wir glauben, dass dies sein Name ist. Es ist der Name des Grössten und Vornehmsten, den wir kennen, und ihr könnt ihm wohl diesen Namen geben.“ Diese Worte klingen wie ein Glaubensbekenntnis. Zwar werden die Worte dem Hoch in den Mund gelegt, der auf diese Weise dem Gylfi-Gangleri die Auskunft gab. Aber der Klang der Stelle ist der eines Bekenntnisses, und im christlichen Zeitalter wäre es kaum möglich gewesen, als eigene Überzeugung dieses darzulegen. Snorri war seiner Anlage nach kein Dramatiker, so dass er hier eigene Überzeugungen hat einfliessen lassen. Hinzu kommt, dass der „Hoch“ gewöhnlich als Odin gedeutet wird, und anders als der Gott der Bibel pflegen germanische Götter sich nicht selbst zu preisen.
Als weitere Ergänzung möchte ich hinzufügen, dass mein persönlicher Eindruck ist, dass Snorri unter dem Vorwand, eine Skaldenlehre zu geben, das alte Heidentum lebendig erhalten wollte. Wenn er die germanische Religion als solche hätte darstellen wollen, wäre sein Buch genauso auf den Scheiterhaufen gewandert, wie dies Ludwig der Fromme sogar mit den germanischen Heldenliedern, die ihm sicherlich zu viel Heidnisches enthielten, getan hat. Die Sprache der Skalden = Sänger besteht fast ganz aus gekünstelten Umschreibungen, die der Isländer „Kenningar“ nennt. Neben weltlichen Umschreibungen (das Schwert wird z.B. „eines Mannes Messer“ genannt) und Umschreibungen aus der Heldendichtung (Gold wurde das „Lager Fafnirs“ genannt, weil das Gold das Sigurd dem Drachen nahm, in dessen Lager lag) finden sich auch Umschreibungen aus der Götterwelt: Statt Gold heisst es in manchen Strophen „Sifs Haar“, weil Loki der Göttin Sif einmal alle Haare abgeschnitten hatte, und Thor ihn zwang, durch Zwerge Haare aus Gold für Sif zu schalten. Zum Verständnis dieser Umschreibungen erzählte Snorri die Göttergeschichten.
Aus den Personen, die uns die Edda überliefert haben, lassen sich also keine Einwände gegen den heidnischen Charakter der in der Edda befindlichen Götterlieder finden. Und wie steht es mit einer Analyse des Inhaltes? Ende des 19. Jahrhunderts nahm man an, dass in den Liedern und Erzählungen reines Heidentum überliefert sei, und wollte mit der Nähe mancher Stelle zum Christentum das Heidentum „aufwerten“, so im Balder-Mythos den Auferstehungsgedanken nach dem Kreuzestod, oder das Selbstopfer Odins am Baum, um Weisheit zu erlangen. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts schlug das Pendel zur anderen Seite aus: Fast alles in der Edda wurde als christlich beeinflusst gesehen. Heute sehen die Forscher es differenzierter, wobei überwiegend der Grossteil des Inhalts als heidnisch angesehen wird. Schärfster Kritiker der Edda ist Bernhard Kummer , der sie als „Danaer-Geschenk“, das der Norden der Religionswissenschaft gemacht habe, bezeichnet hat. Er nennt den Edda-Glauben eine „Erfindung von Vorzeitschwärmern, Dichtern und Mythologen“ und meint, die Edda sei „in erster Linie und oft ausschliesslich literarisch“ zu deuten, zitiert ferner Olrik, der gesagt habe, den Glaubensinhalt der Völuspa habe vielleicht nur der Dichter selbst geglaubt, und Heusler, der die Edda „eher zu den Märchenbüchern“ rechnete und behauptete, „dass ein einzelner vedischer Hymnus, ein jüdischer Psalm, ein attisches Chorlied mehr Religion enthalten als die gesamten altnordischen Pergamente“. Nach Kummer habe kein Mensch an die Edda geglaubt, kein Priester sie gelehrt. Nur die Saga-Literatur vermittele den wahren Heiden-Glauben, und da spiele Thor eine grosse, Odin keine Rolle.
Kummer hat das Verdienst, das Verhängnis des Glaubensumbruchs für unser Wesen und unsere Weltanschauung überzeugend dargestellt zu haben. Aber bei ihm und bei manchen anderen ist der Wunsch Vater des Gedankens. Der beissende Kritiker des Christentums Kummer steht nämlich in Fragen der Moral noch oftmals fest in der christlichen Tradition. Ihn schmerzt es, wenn Hans von Schubert die Sprüche Hars-Odin mit den Worten Jesu aus der Bergpredigt vergleicht, Odins Selbstopfer für eigene Weisheit mit dem „Opfer Christi am Stamm des Kreuzes zum Besten der Brüder“, so dass er zustimmend v. Schubert zitiert, dass „tiefere Geister sich nicht der Erkenntnis hätten entziehen können, wo der höhere religiöse Gehalt, wo die sittliche Überlegenheit lag“. Dementsprechend bezeichnet Kummer Odin wie folgt: „treulos-verschlagen, greisenhaft-lüstern, blindwaltender Gott“.
Nun – vom Standpunkt der christlichen Moral lag die sittliche Überlegenheit natürlich in der Bibel. Es gibt aber keine allgemein-menschliche Moral. Eine geistesgeschichtliche Konsequenz des biblischen Gottesbegriffes hat Kummer nämlich verkannt. Mit einem allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott, den die Christenheit uns beschert hat, sind die Verbrechen in der Welt nicht zu vereinbaren. Wenn Gott allwissend und allmächtig wäre, könnte er die Verbrechen unterbinden; wenn er es nicht tut, obwohl er es könnte, ist er nicht allgütig, sondern sadistisch. Mein Sohn Harald sagte von sich heraus im Alter von 4 Jahren, nachdem er von meiner Schwiegermutter etwas von einem lieben Gott gehört hatte, und ich ihn vorsichtig über Mitschnacker und böse Menschen aufgeklärt hatte: „Warum hat der liebe Gott böse Menschen gemacht ? Das ist doch nicht lieb!“ Wo ist die Überlegenheit der biblischen Überlieferung, wenn ihre Widersprüche bereits einem knapp Vierjährigen auffallen?
Gustav Neckel nimmt beispielhaft die Geschichte von der Erlistung des Suttungen-Metes, wo Odin durch Verwandlungskünste und sogar einen Meineid zum Ziele kommt, und sagt dazu: „Diese Geschichte von der Erlistung des Suttungen-Metes ist die klassiche Stelle für Odins Erhabenheit über Gut und Böse, welche die Grundeigenschaft seines Charakters ausmacht und zusammen mit seinem unvergleichlichen Können ihn zum höchsten Wesen stempelt, zum absoluten Souverän – was nicht Allmacht bedeutet, denn die feindlichen Mächte, die die Welt bedrohen, bestehen weiter bis zum Ragnarök, wo auch die Götter fallen, trotz aller Erfolge, die Odin, Thor und Frey über sie davontragen, und nicht etwa Dank der Duldung des höchsten Herrschers (so wie Gott den Teufel duldet), sondern weil sie unüberwindlich sind, mit der Welt gegeben so gut wie die Asen. Dieser Dualismus der germanischen Religion ist es, der den Macchiavellismus ihres höchsten Gottes bedingt. Auch Macciavellis moralfreier Fürst ist moralfrei, weil er Nebenbuhler und Gegner hat und daher auf andere Weise seinen Staat nicht am Leben halten kann. Der Staat, den Odin am Leben zu erhalten hat, ist Midgard, das Reich der Götter und Menschen. Die Wesen, die er als Bollwerk überlistet, sind Riesen, die unversöhnbaren Feinde dieses Reiches. Zu allen Zeiten haben die wirklich Aufgeklärten – nicht bloss Fichte – Macchiavelli ernst genommen. So will auch der Odinsglaube ernst genommen sein. Er rührt an die tiefste Problematik.
Die so anspruchslos vorgetragene Geschichte von Odin und Suttung, die der Philister abgeschmackt findet, ist eins der wichtigsten Stücke der Edda und verdient auch aus diesem Grunde ihren Platz im Eingang der Skalda, wo sie das in „Gylfis Betörung“ über Odin Gelehrte wesentlich ergänzt. Während Odin auch für viele Germanen unbegreiflich war, und sie ihm scheu entgegenstanden, hatten sie – und das hat wiederum Kummer richtig erkannt – in Thor einen „fulltrui“, also einen fast väterlichen Freund, wobei Thor ganz bewusst (mit nur wenigen Ausnahmen) als ehrlich im Kampf und fair selbst gegenüber den Riesen, seinen Todfeinden. gezeigt wird.
Durch einen Verweis auf die Moral in der Edda kann also die Frage der Herkunft nicht geklärt werden. Dass die Gestalt von Odin-Wotan nicht in der christlichen Umbruchszeit des Wikingerzeitalters entstanden ist, ist schon daraus ersichtlich, dass er schon bei Tacitus erwähnt wird, und er im Stammbaum der englischen und norwegischen Königsgeschlechter erscheint; bei den Karolingern selbstverständlich nicht, weil sie nicht königlicher Abstammung sind, sondern als Hausmeier nicht die ursprünglich bei allen Germanen verbreitete Überlieferung der göttlichen Abstammung des Königshauses auf sich ziehen konnten.
Sicherlich ist nicht jede der Götterfabeln alt. Überwiegend nimmt die Forschung an (wobei allerdings auch auf Burlesken des Aristophanes zum Gegenbeweis verwiesen wird), dass das Scheltgedicht von Loki, wo er die Götter herunterputzt, von Christen erfunden wurde, da Heiden sich nicht so abfällig über ihre Götter äussern würden. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, im einzelnen darzulegen, welche Herkunft (ob aus Schweden, Dänemark bzw. Norwegen oder Deutschland, teils auch Entstehung in Island selbst) die Forschung annimmt. Einiges nur zum Alter, wobei natürlich mit Rücksicht auf den Gegenstand keine 100 %ige Sicherheit erwartet werden kann. Eine Möglichkeit bietet die Sprache. Besonders archaische oder offensichtlich junge Wörter geben Anhaltspunkte für die Datierung; manchmal ist der Stabreim gestört, würde aber den Reimgesetzen entsprechen, wenn man eine ältere Sprachform einsetzt, und dann ist es wahrscheinlich, dass diese Strophen oder der entsprechende Strophenteil in eine Zeit zurückreichen, in der die älteren Sprachformen noch gültig waren. Aber ganz sicher ist auch das nicht: gerade in Texten religiösen Inhalts oder in formelhaften Wendungen können altertümliche Ausdrücke bewahrt bleiben, auch wenn sie in der Alltagssprache längst geschwunden sind, und andererseits können in einer mündlich überlieferten Dichtung nicht mehr gebräuchliche oder unverständliche Wörter durch neuere ersetzt werden.
Zuweilen haben Eddalieder Wendungen oder Strophen aus anderen übernommen; so findet man den Anfang von „Balders Träume“: „Die Asen eilten alle zum Thing / und die Asinnen alle zum Rat: und das berieten die reichen Götter …“ wörtlich wieder im Thrymlied, Str. 14, und gerade in diesem Lied gibt es noch weitere Beispiele solcher Art. Allerdings lässt sich nicht immer sicher feststellen, in welcher Richtung die Entlehnung gegangen ist. Besser steht es, wenn sich sprachliche Zusammenhänge mit datierbaren Skaldendichtungen nachweisen lassen, oder wenn Eddalieder eine nur in einem begrenzten Zeitraum verwendete Sprachform widerspiegeln. So hat etwa Helmut de Boor gezeigt, dass die verschiedenen, in der Übersetzung nicht in allen Abstufungen genau wiederzugebenden Ausdrücke für „Gott“ oder „Götter“, die in den Liedern „Der Seherin Gesicht“, „Grimnirlied“ und „Wafthrudnirlied“ verwendet werden, auch in Skaldendichtungen des späten 10. Jahrhundert auftauchen. Dort zeigen sie an, dass im Umkreis der norwegischen Jarle von Lade (bei Trondheim) eine Wiederbelebung heidnischer Vorstellungen einsetzte; in diesen zeitlichen und geistigen Umkreis können wohl auch diese drei Eddalieder eingeordnet werden. Dabei ist sehr streitig, welche Einzelheiten etwa bei der Schilderung des Weltendes in der „Seherin Gesicht“ auf christliche Vorstellungen zurückzuführen sein könnten. Manche haben gemeint, das Blasen des Horns von Heimdall beim Ansturm der Riesen sei den Posaunen des Jüngsten Gerichts entlehnt, und das Bild des goldgedeckten Saales Gimle, in dem in einer neuen Welt Freuden herrschen, erinnere an das Neue Jerusalem des Neuen Testaments. Solche Ähnlichkeiten müssen aber nicht Übernahme christlichen Gedankengutes sein, sondern es ist durchaus denkbar, dass manche im Heidentum bereits vorhandene Ideen – wie diejenige vom Untergang der Welt – in der Übergangszeit durch Berührung mit dem Christentum etwas andere Züge angenommen haben. Älter als die Götterlieder sind die Heldenlieder , die die Forschung teilweise bis ins 1. vorchristliche Jahrhundert, überwiegend in die Völkerwanderungszeit legt. Hier finden wir in beiden Eddas manches wertvolle, angefangen von der Urform der Nibelungensage bis hin zu dem bei uns verlorenen Schluss des Hildebrandliedes.
Da es bei den Heldenliedern diese Entsprechungen gibt, sind sie auch bei den Götterliedern anzunehmen, nur hier kaum mehr nachzuweisen, da sie bei der Christianisierung hier restlos vernichtet wurden. Die uns vorliegende sprachliche Form der Götterlieder kann nicht vor 800 n.Zw.. geschaffen sein. Sie wurden mündlich weitergegeben und machten deshalb den Sprachwandel mit. Dass sie in vielem auf frühere gemeingermanische Vorstellungen zurückgehen, und nicht etwa nordische Erfindung des ausgehenden Wikingerzeitalters sind, ist aber aus vielen Punkten ersichtlich. Bis auf die für den Inhalt der Sagen belanglose landschaftliche Färbung, die im übrigen auch nicht allzu unterschiedlich ist, stimmen die Vorstellungen zunächst in den Hauptpunkten überein. Wir können Odin mit Wotan, Thor mit Donar, Baldur mit Balder, Tyr mit Ziu, Freya mit Frea, Freyr mit Fro gleichstellen. Aber auch in so unwesentlichen Punkten wie beispielsweise Ymir und Twisto, die doppelgeschlechtigen Weralti, Hlodyn und Hludana, Urd und Wurt, Nornen und Schephen, Mimir und Mime, Fulla und Volla, Syn und Sunna, Njord und Nerthus, Oerwandil und Orendel, Forseti und Fosittes, Hel und Hölle (got. halia, ahd. hella), Midgard und Mittgart (got. midjungards, ahd. mittilgart), Walküren und Idisen (ahd. valagirida), altn. fiadhrhamr und ahd. fedharhama, Thurs und ahd. durisi zeigt uns die Übereinstimmung des oft Nebensächlichen, dass diese in der Hauptsache gegeben sein muss. Mit beinahe völlig gleichen Worten schildern Völuspa und das bayerische Wessobrunner Gebet den Urzustand, mit beinahe gleichen Worten Völuspa und das bayerische „Muspilli“ den Weltuntergang. Das nordische „Muspel“ scheint sich ebenso von ahd. muspilli abzuleiten, wie die ganze Baldersage von Deutschland, was schon der Name mistiltein beweist, da der Norden dessen Bestimmungswort nur in der Bedeutung „Wolke“ und ähnlich kannte. So erscheint in vielen Fällen auch hier der Ausspruch Jakob Grimms, des Altmeisters der germanischen Mythologie, berechtigt, dass der Norden von uns empfing, was er uns rettete. Die 29 Lieder des Codex Regius (bei dessen Manuskript leider 8 Seiten verloren sind) enthalten neben Götter- und Heldengeschichten auch sittliche Regeln (Havamal) und die Völuspa (Der Seherin Gesicht), eine eindrucksvolle Schau auf Welt und Weltende. Snorris Prosa-Edda enthält nach dem ersten Teil, der Gylfaginning, wo ein mythischer König Gylfi zu den Göttern kommt, und ihm Geschichten erzählt werden, als zweiten Teil „Bragis Gespräche“, als dritten Teil die „Skalda“, wo wir Umschreibungen, Beinamen, Dichtungsarten, Redewendungen und Sprachlehren finden.
Das muss zur Inhaltsangabe genügen; einiges will ich aber noch über die Form sagen. Gedichtet sind die Lieder im Stabreim. Die älteste Form sind Gedichte, die in 4 Langzeilen, die aus je 2 Halbzeilen bestehen, abgefasst sind. Sie werden fornyrthislag oder auch „Altmärenton“ genannt. Jede dieser Halbzeilen hat zwei Takte, wobei die Takte meist zwei- oder mehrsilbig sind. Von mehreren Silben eines Taktes trägt stets die erste den Hauptton, die zweite oder eine spätere oft einen Nebenton, der Auftakt ist frei. Daneben finden wir die Ljothahattr oder auch Spruchweise. Hier folgt auf eine Langzeile stets eine „Vollzeile“, die als Zweitakter aufzufassen ist. Die Taktfüllung ist hier noch freier als im Altmärenton. Die Strophe setzt die Folge Langzeile – und Vollzeile zweimal. Die Spruchweise ist eine nordische Neuschöpfung, bei der die altertümliche Freiheit gemeingermanischer Merkdichtung in regelmässigere Ordnung gebracht erscheint. Als Beispiel für die Spruchweise bringe ich Strophe 77 des Havamal, an dieser Strophe will ich auch beispielhaft die Schwierigkeiten der Übersetzung des altnordischen Textes darstellen. Wohl allen von uns ist die Übersetzung von Genzmer geläufig:

Besitz stirbt, Sippen sterben,   du selbst stirbst wie sie;   eins weiss ich, das ewig lebt:   des Toten Tatenruhm.

Diese Strophe ist vom Dichterischen her dem ursprünglichen Versmass und seinem Stabreim hervorragend nachempfunden. Der Sinn allerdings ist nicht richtig getroffen. Als Sinn dieser Übersetzung erscheint, dass Geschlechter vergehen, einzig der Ruhm bleibt. Die letzte Zeile hat aber nichts mit Ruhm zu tun, der in der davorstehenden Strophe 76 besungen wird, und in der ersten Zeile ist dem Stabreim zuliebe (Besitz-Sippen) ein falsches Wort eingesetzt worden; im Urtext heisst es Fraendr, was wörtlich übersetzt „Freunde“ heisst, wobei man wissen muss, dass damals „Freund“ gleichbedeutend mit „Verwandter“ war. Unglücklich erscheint auch das Sterben des „Besitzes“, der ja nicht im eigentlichen Sinn sterben kann. Näher am Urtext ist die Übersetzung von Hans Naumann:

Es stirbt das Vieh, es stirbt die Freundschaft,   man selbst stirbt ebenso;   eins weiss ich, das ewig lebt,   der Ruhm, den der Tote errang.

Auch hier findet sich noch der „Ruhm“, und der Begriff „Freundschaft“ ist lediglich noch älteren Menschen als „Verwandtschaft“ geläufig; er bedeutet im heutigen Sprachgebrauch etwas anderes. Simrock hat zwei Übersetzungen vorgelegt. Zunächst übersetzte er mit:

Vieh stirbt, Freunde sterben,   ebenso stirbt man selbst;   doch eins weiss ich, das immer bleibt,   das Urteil über jeden Toten.

Seine dann vorgelegte zweite Übersetzung erscheint gegenüber der ersten schlechter:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,   endlich stirbt man selbst;   doch eins weiss ich, das immer bleibt,   das Urteil über jeden Toten.

Aus Gründen des Stabreims hat er wohl „das Vieh“ und „die Freunde“ gesetzt, wohingegen der Urtext dies nicht nahelegt. Auch das „endlich“ findet im Urtext keine Entsprechung. Demgegenüber übersetzt Ranke wie folgt:

Besitz stirbt, Verwandte sterben,   man selbst stirbt ebenso;   ich weiss etwas, das niemals stirbt,   das Urteil über jeden Toten.

Hier ist wieder der „Besitz“, der stört, ferner das Wort „man“, das es in dieser Form im alten Norden nicht gab. Eine weitere noch lieferbare Übersetzung ist diejenige von Arthur Häny: „Die Edda“, (Manesse-Verlag, Zürich 1987), wobei er ebenfalls die Lieder-Edda als Vorlage hat. Als Beispiel für seine Bearbeitung die Übersetzung der eben erwähnten Strophe:

„Es stirbt Besitz. Verwandte sterben.   Du selbst stirbst einst ebenso:   jedoch ich weiss, was niemals stirbt:   das Urteil über die Toten.

Dem Urtext am nächsten kommt nach meiner Meinung folgende Kombination, die ich aus den verschiedenen Übersetzungen gebildet habe:

Vieh stirbt, es sterben Verwandte,   du selbst stirbst wie sie;   eins weiss ich, das niemals stirbt,   das Urteil über jeden Toten.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, mehrere Übersetzungen heranzuziehen, wobei die sprachlich schönste sicherlich die von Genzmer ist, die im Diederichs-Verlag immer wieder neu aufgelegt ist, diejenige, die dem Urtext stärker verpflichtet ist, die Übersetzung von Simrock, von der ein Nachdruck in der VMA -Vertriebsgesellschaft, Wiesbaden, erschienen ist. Bei Reklam sind Auszüge der Simrock-Übersetzung („Die Götterlieder der älteren Edda-Auswahl“) und der Übersetzung von Genzmer („Heldenlieder der Edda- Auswahl“) erschienen und ebenfalls noch greifbar. Wenn wir bedenken, dass der Stabreim bei uns nur bruchstückhaft erhalten ist, kann die Bedeutung der Helden- und Götterlieder des Codex Regius ebenso wie der Snorri-Edda für die Erkenntnis des Heidentums kaum überschätzt werden. Zur Erhellung unseres Wesens – da gebe ich Kummer recht – ist eine Beschäftigung mit den isländischen Sagas erforderlich, die einmal vollständig in 24 Bänden im Diederichs- Verlag vorgelegt worden sind, wobei die 2. Auflage noch in den 60iger Jahren erschien, von denen heute allerdings nur noch einige besonders kennzeichnende Sagas in Auswahlbänden vom Verlag ausgeliefert werden. Daneben aber bewahren beide Eddas einen Schatz heidnischer Überlieferungen, so dass die Beschäftigung mit ihr für jeden germanischen Heiden unumgänglich ist. Dass diese Beschäftigung nicht unkritisch sein kann, wenn wir das Wesen des germanischen Heidentums wahrhaft erschliessen wollen, habe ich dargelegt. Bei aller Vorsicht bleibt aber genug, was uns heidnisches Denken unverfälscht vermittelt. Kritiklose „Offenbarung“ einerseits, Abwertung als „Skaldenerfindungen“ andererseits werden den Götterliedern wie den anderen heidnischen Bestandteilen beider Eddas also gleichermassen nicht gerecht. Zur vertieften Beschäftigung mit dem Stoff verweise ich zunächst einmal auf die in der wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienen Bände von Georges Dumezil: „Loki“ (1959), Sigurdur Nordal: „Voeluspa“ (1980) und Gottfried Lorenz: „Snorri Sturluson: Gylfaginning“ (1984), ferner auf Kummers „Midgards Untergang“ und bei den gegenwärtig nicht lieferbaren Büchern auf Otto Siegfried Reuter: „Das Rätsel der Edda“ 1. und 2. Band 1922 und 1923 (Nachdruck Soyka – Bremen 1987) sowie auf Bernhard Kummers: „Die Lieder des Codex Regius“ Band 1 erster Teil: „Die Schau der Seherin“ (1961) und Band 2: „Heldendichtung erster Teil: Die Dichtung von Helgi und der Walküre“ (1959). Glücklich können wir uns schätzen, dass uns Island diesen Schatz gerettet hat !


Schrifttumsverzeichnis: Neben den Edda-Bänden der Sammlung „Thule“ bei Diederichs wurden verwandt. Felix Nieder: „Islands Kultur zur Wikingerzeit“, Diederichs-Verlag, Jena 1913. F. Ranke: ,.Altnordisches Elementarbuch“, Sammlung Göschen, Band 1115, Berlin 1949. Wilhelm Ranisch: „Edda-Lieder“. Sammlung Göschen, Leipzig 1903 Karl Conrad: „Die Edda des Snorri Sturluson“, Mühlhausen 1926 Hugo Gering: „Edda: Götterlieder/Heldenlieder“. Askadischer Verlag Berlin 1943 Karl Simrock: „Die Edda“, VMA-Wiesbaden 1987 Bernhard Kummer: „Midgards Untergang“, 5. Auflage Zeven 1972