Ich bin noch da !

Noch !!! Und wenn nicht ??? Auch egal !!! Die Willkür und die weisungsgebundene Verlogenheit der unrechtmäßigen Justiz werden so lange von den meisten ignoriert, bis sie selbst davon betroffen sind.
Moin Moin
Ich hatte  am 12.07.2019 um 09:30 eine Verhandlung, wegen meiner Webseiten. Es ging um Beiträge und Bücher die auf meinen Blogs – Totoweise und Germanenherz. eingestellt waren. Die aber nicht, meinem Geiste entsprangen. Ich habe die betreffenden entfernt bzw. bin noch dabei.

Für den zweiten Gang am 23.10. 2019 hat mir der, der sich Richter nennt, seinen Amtskollegen den Notar Knut Ebel als Pflichtverteidiger zugeteilt. Man schaue auf dem Ebel, und hier im Blog, einen Beitrag zurück. Thema Klosterbad Neumünster Hmm

Der Mandantenorientierte Sachbearbeiter und Kollege des rechtbeugenden RichtersPflichtverteidiger ohne rechtswissenschaftlicher Bindung“ hat sich auch schon, schriftlich gemeldet. Da er seinen Betrug an meiner Person wohl nicht vergessen hat, wird da wohl auch diesmal nicht zwingend mehr Beistand für mich zu Erwarten sein.

Sie wollen gar keine Verhandlung mit mir führen, Der weisungsgebundene Richter in seiner Jurisprudenz will mir, den Prozess machen und sich, die Taschen füllen. Bei dem Polizeiaufwand kommen Kosten zusammen. Er bemerkte schon mal vor ab, daß er auch eine Freiheitsstrafe in Betracht ziehen würde !!! Selbst ein Freispruch – währe ein Schlag ins Gesicht. Schaut mal richtig hin, was man hier angestellt hat.

Was soll ich da noch sagen ?
Wir leben in einem Irrenhaus und die Patienten haben die Macht!
Es ist so gekommen, wie ich es voraus beschrieben habe.
Herzlich willkommen in der nazierten DDR 2.0 Diktatur !
Bald wohl auch mit Arbeitslager und den Rest,  kennen wir aus der Geschichte. Die Geschichte wiederholt sich in unserer Zeit.  Und später werden sie sagen, sie hätten nur Befehle ausgeführt. Auf die einsamen Rufer, wollte auch damals, keiner hören.

Es waren keine Farbigen und Fremden, die meine Familie zerstört haben !!!
Es waren auch keine Farbigen und Fremden, die meine Tochter zum Pflegefall gemacht und Ihr meine Enkelkinder gestohlen haben !!!
Es waren auch keine Farbigen und Fremden, die mein Eigentum geraubt haben !!! Merkt Ihr diebischen Heuchlerischen und verstohlene Nazis noch was ???

Zurück zum Amtsmißbrauch und vorsätzlich, organisierten Rechtsbeugung:
Die geraubten Kinder, daß interessiert ihn nicht.
Der unrechtmäßige Zugang zu meiner Wohnung und der Raub meiner IT und Telekommunikation, daß interessiert ihn auch nicht.
Meine Tochter, die in diesem Fall der Menschenhändler Opfer geworden ist, durfte mit 100% A..L.S. Pflegebedürftigkeit im Rollstuhl, draußen im Regen, vor dem Gerichtsgebäude bleiben, daß interessierte ihn auch nicht. Schaut es Euch an, was Ihr gemacht habt  Meiner Tochter geht es gar nicht gut

Was noch bemerkenswert war ! Und bestimmt auch sehr kostspielig ! NSU 2.0 Wie wollt ihr das, den Bundesrechnungshof erklären. Der Aufwand, war für ein 60 Jährigen Opa mit seiner 100% pflegebedürftigen, 30 Jährigen Tochter im Rollstuhl. ??? Das kann nicht Euer Ernst sein. Die Nummer, solltet ihr aus eigener Tasche bezahlen. Wie soll bei dem aufgepumpten Kostendruck, eine Verhandlung zustande kommen ??? Ich sage mal, Ihr wolltet mir vorsätzlich Unrecht antun und ein riesen Finanzaufwand produzieren. Ich überlege gerade, den Fall auf die EU Ebene zuziehen. Dann habt ihr Euer NSU 2.0 – Aber mit anderem Ausgang !!! Da werden auf sicher, keine 53 Millionen Euro an rechtbeugende Schein-Juristen verteilt und bei Nachfrage, für 120 Jahre die Akten geschlossen, daß, wird es Da nicht geben.Die mengenmäßig, anwesende Polizeipräsenz, die machte mir mehr den Eindruck, als wenn ich da, wie ein Terrorist abgeurteilt werden sollte. Und  in mittendrin, der diebische Psychopath KHK Heuer mit einem süffisanten Grinsen in der Fratze.
Verpestet ist ein ganzes Land, wo schleicht herum solch Denunziant
Zusammenfassend kann man sagen, daß hatte mit Recht und Gesetz, nichts gleichendes und war nichts weiter wie, Ganz großes und kostspieliges Kino!

Ach ja, Ich hatte an meinem Hemdkragen eine schwarze Kippaklammer, die habt ihr beim Filzen sichergestellt, sollte noch bei Euch liegen. Könnt ihr behalten – das gefährliche Ding !

Was mich am meisten enttäuscht hat – Ich habe nur sehr wenig, unterstützende Begleitung vorgefunden.

Eines ist jetzt schon sicher – Ich werde meine Seiten ausplündern. Hier bekommt auch keiner mehr zusätzliche Administrationsrechte

Wenn sich Richter und Staatsanwälte beim Missbrauch der Amtsgewalt ( § 302 StGB ) gegenseitig decken, dann werden solche Vorgänge auch als organisierte Kriminalität bezeichnet. ( § 278 StGB Mafiaparagraph ) Die Justiz unterliegt keiner Kontrolle, so wird dem Machtmissbrauch Tür und Tor geöffnet. Wir müssen gegen den Justiz-Abschaum dringend etwas unternehmen und eine Kontrolle einführen, um diesem Treiben ein Ende zu setzen. Wir haben einen Rechtsbankrott und den Bürgern wird immer noch das Märchen von einer unabhängigen Justiz erzählt. Rechtsstaat, die unentliche Geschichte einer Lüge! Wir haben durchaus ein naturgegebenes Recht darauf, den Sprechtüten, Claqueuren und Erfüllungsgehilfen der Globalisierung zu widersprechen.

Das Rechtssystem der BRD umgeht die der BRD nach eigenem sogenannten Grundgesetz zwingend vorgeschriebene Gewaltenteilung.
Schlimmer noch, es stellt die Gewaltenteilung auf den Kopf.
Denn im GEGENTEIL ,
die Staatsgewalt der LEGISLATIVE (Regierung/Gesetzgebung ) arbeitet
Hand in Hand mit der JUDIKATIVE (Justiz ) und diese wiederum
Hand in Hand mit der EXEKUTIVE (GV, Zoll, Polizei ) zum materiellen Vorteil
des eigentlich freien JOURNALISMUS also der GEZ und Medienkonzerne die eben
NICHT frei und NICHT staatsfern sind.
Die Medienkonzerne gehören den etablierten Parteien und sichern durch
Manipulation und Lüge die Macht des Systems über das Volk.
Sind wiederum Erfüllungsgehilfen der LEGISLATIVE, damit schließt sich der Kreis
des Mafia – Kartells.
Grundgesetzwidrig.
Rechtsverdrehend.
Rechtsmissbräuchlich.
Es ist mutiert zu einem in sich geschlossenen Kreis der der Interessen,
der Machtausübung, der Zensur, der Plünderung durch ein Mafiasystem  alles Firma, alles Betrug und natürlich nach ungültigen Gesetzen .

Zusammenfassend sage Ich mal: Wir leben in einem Irrenhaus und die Patienten haben die Macht!
Deutschland ist der einzige Staat, im gesamten Europarat sogar, in welchem die Richter von der Exekutive bestellt werden. Und das bedeutet natürlich notgedrungen eine Abhängigkeit, denn der Richter kann von der Exekutive, die ihn bestellt, die ihn befördert, ihn beurteilt, die ihm Vergünstigungen verschafft oder auch versagt, nicht unabhängig sein. Sie haben sich mithilfe des Fleißes der Michel einen gewaltigen und gewalttätigen, nazierten DDR 2.0 Diktatur -Apparat aufgebaut, mit dem man uns in Knie zwingen möchte.   Ergänzende Beiträge bei Germanenherz StGB § 133 

Besonderer Teil

Siebenter Abschnitt: Straftaten gegen die öffentliche Ordnung

§ 133 Verwahrungsbruch

(1) Wer Schriftstücke oder andere bewegliche Sachen, die sich in dienstlicher Verwahrung befinden oder ihm oder einem anderen dienstlich in Verwahrung gegeben worden sind, zerstört, beschädigt, unbrauchbar macht oder der dienstlichen Verfügung entzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Dasselbe gilt für Schriftstücke oder andere bewegliche Sachen, die sich in amtlicher Verwahrung einer Kirche oder anderen Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechts befinden oder von dieser dem Täter oder einem anderen amtlich in Verwahrung gegeben worden sind.

(3) Wer die Tat an einer Sache begeht, die ihm als Amtsträger oder für den öffentlichen Dienst besonders Verpflichteten anvertraut worden oder zugänglich geworden ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Rechtsbeugung, Meineid und Hochverrat.

Rechtsbeugung, Meineid, Hochverrat. Beschämend für einen sogenannten Rechtsstaat. Die  Justiz kann nur noch als ein erbärmlicher Haufen von ehrlosen Rechtsbeugern angesehen werden – die sich hinter einem „Machtsystem“ verstecken.  Wenn sich Richter und Staatsanwälte beim Missbrauch der Amtsgewalt ( § … Weiterlesen 

Deutschland ist kein Rechtsstaat

Religionskritik und virtueller Onlinegedankenaustausch

Wer stetig lügt und falsches spricht, der gebraucht da gern ein fremd Gesicht. Befasst euch mit dem Esausegen. Die Lügenmacht ist längst allumfassend und kann nur mehr mit diesem Teil aus ihrem eigenen Glauben gebrochen werden. Die Welt ist von 3 Betrügern irregeführt worden: Moses, Jesus und Mohammed.
Vatikan: (Kaballa – Der Sefirot-Baum)

Allvater…. Runa .. (Yggdrasil Göttlicher  Weltenbaum)Textknechtschaften, Gebölke und Gelala bei Germanenherz von Preußen.

https://dailymotion.com/video/xqhs0q?autoPlay=1  Unsere Krone ging verloren.  Aber, ihr werdet sehen, es geht auch ohne Kreuz und Krone. Wir werden „GEMEINSAMals Diener des Staates, etwas ganz Neues aufbauen. Wenn . . . wir ein Volk sind. Wir haben nur die eine Chance „Gemeinsam“ Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Wir müssen uns schnellstens Vereinigen. Das ist kein Spaß !!!

Weltweiter Migrationsvertrag als Verpflichtung bei Doppelmoral im Vatikan: Papst feiert Migrationspakt – wollte Vertrag aber selbst nicht unterschreiben

 Der Vatikan hat vor den Vereinten Nationen in New York erneut zur Aufnahme und zum Schutz von Migranten aufgerufen. Besondere Erwartungen setzte er in den geplanten UN-Migrationspakt, sagte Erzbischof Bernardito Auza, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den UN, am Freitag zum Abschluss der Beratungen über das Abkommen.

 Der weltweite Migrationsvertrag werde es für Staaten, die Zivilgesellschaft und jeden Einzelnen schwieriger machen, die Probleme Betroffener zu ignorieren und der gemeinsamen Verantwortung ihnen gegenüber nicht nachzukommen.
Der Entwurf für den „Global Compact For Migration“ wurde am Freitag in der UN-Vollversammlung in New York beschlossen. Die USA sind nicht an den Verhandlungen beteiligt, auch Ungarn sieht den Vertragstext kritisch. Hauptanliegen des rechtlich nicht bindenden Dokumentes ist eine bessere Organisation der weltweiten Flüchtlings- und Migrantenströme. Es soll im Dezember im marokkanischen Marrakesch offiziell angenommen werden. Hier schauen  https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2018-07/vatikan-uno-global-compact-for-migration-auza.html

Ein Elternpaar aus Schleswig-Holstein, das sein Kind nicht an einem Schulausflug in eine Moschee teilnehmen ließ, ist rechtskräftig zu einem Bußgeld verurteilt worden. Das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht entschied am Dienstag, eine Rechtsbeschwerde gegen ein entsprechendes Urteil des Amtsgerichts Meldorf nicht zuzulassen.

Das selbe Kieler Bildungsministerium hat auch gendergerecht zugestimmt, daß „Vorschulkinder“ zukünftig mit Dildos, Liebeskugeln und Analsex unterrichtet und praktiziert werden. Die Zerstörung der Familie ist eines der wichtigsten Ziele der Illuminaten.

Das Volk , musste schon immer für all die Kosten der Kirchen aufkommen, während die Priester Bischöfe und Kardinäle,ihre dicken Plautzen immer mehr füllten. Irgendwie passt das alles nicht, zu den vielgepriesenen Teilungen von Staat und Kirche. Aber letzendlich wird das Volk von der Kirche dumm gehalten und von Staat arm.

Wir brauchten mehr als 1000 Jahre um festzustellen, daß wir keine Kaiser, Könige und Fürsten benötigen, damit sie mit uns spielen, uns ausrauben und sagen, was wir zu tun und zu lassen haben. Hoffentlich dauert es keine weiteren 1000 Jahre, bis wir feststellen, daß wir dazu auch, keine Regierungen, keine Politiker und keine verlogenen und völkerzersetzenden Religionen brauchen. Auf deren Spielfeld, nach deren Spielregeln, deren Schiedsrichter und deren Moderator ist das Ergebnis doch sehr vorhersehbar. Christentum, Islam u. Judentum haben den gleichen Ursprung und glauben an den selben Gott. Dieser Gott ist für alle drei nur ein Instrument um freie Menschen zu knechten und zu versklaven. Die herrschende religiöse Kaste aller drei Religionen ist das absolut Böse in dieser Welt. Gehirnwäsche ist deren Instrument. Freies Denken wird unterdrückt. Und wo das nicht klappt wird brutale Gewalt angewendet.
 Der Aufruhr, den eine Wahrheit verursacht, ist direkt proportional dazu, wie tief der Glaube an die Lüge war. Nicht über die Tatsache, dass die Welt rund ist, haben sich die Menschen aufgeregt. Sondern darüber, dass die Welt nicht flach war. Wenn ein gut verpacktes Netz aus Lügen den Massen über Generationen hinweg verkauft worden ist, dann erscheint die Wahrheit völlig grotesk und ihr Verkünder wie ein rasender Verrückter. Was glaubt ihr, was hier los wäre, wenn mehr Menschen wüssten, was hier los ist! Sie halten das für Unsinn? Kann sein, aber vielleicht fehlen Ihnen ja auch einfach nur die richtigen Informationen. ***SAGT NICHT IHR HABT NICHTS GEWUSST–ICH HAB ES EUCH GESAGT ***

Die meisten Gläubigen, die heute auf ihren „Messias“ warten, würden ihn dann vielleicht gleich wieder aufhängen. Auf die einsamen Rufer gibt niemand mehr acht. Ein Prophet findet am wenigsten Aufmerksamkeit und Anerkennung in seinem Volk, in seiner Heimat und in seiner eigenen Familie. Noch ehe der Hahn kräht, wirst Du mein Volk, mich dreimal verraten haben.

Die Wahrheit wird von denen Unterdrückt , die viel zu Verbergen und zu Verlieren haben ! Vor allem was die wahren Strukturen im Hintergrund und die Tatsächlichen Machtgefüge Betreffen. Im Römerbrief wirft Paulus den Juden vor, das sie schnell dabei sind „Blut zu Vergießen“, dass sie zu nichts gutem taugen und das auf ihren Wegen „Verderben und Unheil“ ist. Das jetzige Christentum fußt auf deren vor 2000 Jahren geschaffenen Gründungsfigur des heiligen Bartholomäus Baphomet. Als Astaroth transformierte weibliche babylonische Göttin Ištar, die erst zur westsemitischen Göttin Astarte wurde in Berlin ein Tempel gestellt, der Flughafen, hat auch damit was zu tun. Das richtige Christentum ist um einiges Älter. Hier mal schauen  Die christliche Lehre kam aus dem Norden  Was wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich in Natur zu hegen, So daß, was in ihm lebt und … Weiterlesen

Die alten Blutlinien der europäischen Königshäuser und der von ihnen kreierte Vatikan, wollten von Anfang an, die Weltherrschaft über die von Ihnen ausgeraubten, unterjochten und versklavten Völker dieser Erde. Die, die damals behaupteten sie hätten Drachenblut, sind die, die uns schon sehr oft an Fremdmächte verkauft haben. Momentan im aktuellen Weltgeschehen sehr aktiv im Einsatz. Deren Pläne sind Uralt und ganz einfach zu durchschauen. Wer darüber, die Wahrheit schreibt und spricht, muß vor ein Scheingericht.

ergänzend :  Bei der Invasion des Irak wurden mehr als 5 Billionen Dollar an Gold und Öl gestohlen.

Denken Sie daran, dass Saddam keine Massenvernichtungswaffen besaß und nicht am 11. September beteiligt war, aber der Reichtum seines Landes wurde geplündert. Dann gingen sie nach Afghanistan, um die Mohnfelder und die Lithiumminen gewaltsam zu sichern, nachdem die Taliban den ganzen Mohn zerstört hatten. Danach gingen sie und töteten Gaddafi in Libyen, um die Kontrolle über seine mehr als 22 Tonnen Gold, die 30 Billionen mehr Ölpipeline, die Afrika wiederbelebt hätte, und die Diamanten, Silber und andere Lagerstätten zu gewinnen. Überall auf der Welt gibt es Krieg und Genozid für Gold, Öl, Drogen und andere natürliche Ressourcen und alles ist für die Rothschilds, den Vatikan, Könige und Banker, jedoch behaupten sie, dass wir Milliarden den gleichen Familien schulden, die alles gestohlen haben, habe alle Länder geplündert!

Die Kreuzzüge

Germanenherz Die ChristianisierungJeder zugefügte Schaden muss gleichem Maße beglichen werden. Ob nun, Christ, Moslem oder Jude. Sie werden noch dieses Jahr 2018 für ihre Schandtaten, an Mensch, Natur und Tierwelt zahlen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule, Seele um Seele.  So steht es geschrieben, so soll es geschehen!

Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld

Magic Runes by Germanenherz

Bild


Den Einstig und Beginn zum Thema Runen, findest du auf meinen Germanenherz Blog´s. Doch die Bedeutung für dich, die findest du nur in dir selbst. Mache dich auf und folge dem Ruf der Runen, sie werden dich zu neuen Erkenntnissen über dich selbst und deine Umwelt bringen. Vielleicht begreifst du erst dann, was dein Weg durch die Zeit ist und wie du ihn gehen sollst.

Runen Rad Runen Rat

Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum neun lange Nächte, vom Speer verwundet, dem Odin geweiht, ich selber mir selbst, am Ast des Baumes, von dem niemand weiß, aus welcher Wurzel er wuchs.Sie boten mir nicht Brot noch Met … Weiterlesen

Die theoretische Magie als Grundlage der Runenmagie

Die Runenmagie wird wohl am ehesten von den verschiedenen magischen Richtungen mit der Alten Sitte in Verbindung gebracht und wohl auch von nicht wenigen Menschen betrieben. Runenmagie kann verschiedene Formen haben. Grundsätzlich soll sie so funktionieren, daß die Kraft der Rune (also das Energieprinzip, das die Rune verkörpert) angewandt wird. Runische Magie ist Zeichenmagie, das Zeichen, die Rune, wird ihrem Sinngehalt und ihrem magischen Potential entsprechend verwendet. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, daß die Menschen früher die Energien, die sie wahrnahmen, mit Symbolen bezeichnet haben. In diesem Sinne stehen die Runen für bestimmte Energien, zu denen man einen Kanal öffnen und mit denen man arbeiten kann.
Fliegenpilze

Als einfachste Form magischer Runenanwendung ist wohl die Visualisierung zu nennen. Dabei wird die Rune mit ihren Kräften vor dem inneren Auge vorgestellt und sie kann dann auch projiziert werden, was bedeutet, daß man die visualisierte Kräfte auf ein Ziel hin aussendet. Wirksam ist hierbei die Form der Rune, wie sie als Bild erscheint, und gerade in bezug auf die Aussendung in Verbindung mit der gewünschten Wirkung der Rune, die man ebenfalls visualisieren kann. Man kann dies auch sehr gut dadurch unterstützen, daß man die Stellung (Stadha) der Rune einnimmt oder die Rune mit den Händen bildet. Als Beispiel für diese Anwendung könnte man die Heilung nennen.

Runen können aber auch gesprochen oder gesungen werden. Wirksam ist hier der Laut der Rune (was durch Stöður und Visualisierung unterstützt werden kann). Zaubergesänge allgemein werden als seið-læti bezeichnet, die Wortmagie in einem zeremoniellen, runischen Sinn als galdr; es existiert sogar ein eigenes Versmaß dafür, das galdralag. Durch Wiederholung der Worte / Strophen kann eine Verstärkung erreicht werden. Man verwendet hier entweder nur den Runennamen, den man intoniert, bzw. die Runenreihe, die man komplett singt, oder aber richtige Verse, in denen die Wirksamkeit der Runen sich manifestieren soll. Eine Galdr-Verfluchung wird als alög bezeichnet. Golther glaubt, daß „runo“ das Raunen oder Murmeln eines Zauberspruches bezeichnet, wohingegen galdr der eigentliche „Zaubergesang“ sei (also eine Form von Seiðr).

Die skeptische Frage, ob es Magie überhaupt gibt, ist äußerst unpräzise, so wie auch Glaube oder Nichtglaube an Magie weder richtig noch falsch sind. Es kommt dabei darauf an, was man eigentlich unter Magie versteht, und schon hier laufen die … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

In meinem neuen Titelbild könnt ihr es sehen. Meine Othala Rune symbolisiert, den Sündenbock des heiligen Bartholomäus (Astaroth) in seiner Niederlage, fixiert in meinem Runenkreis
 Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der … Weiterlesen

Magische Nächte. Die 12 Rauhnächte

Die 12 Rauhnächte Die zwölf Nächte am Ende des Jahres und die mit ihnen verknüpften Mysterien gehen bis in die Antike zurück. Sie haben sowohl römische als auch germanische und sogar indische, japanische und chinesische Wurzeln, und auch heute noch finden sie vielerorts im Brauchtum Beachtung. Nach uralten Überlieferungen suchen zu dieser Zeit die Seelen … Weiterlesen

Die weisen Frauen Hagedisen – Hexen

Die erfolgreiche Vorgehensweise und die überzeugenden Ergebnisse der heilkundigen Frauen stellten eine große Bedrohung für das aufkommende Christentum, sprich die Kirche dar. Denn diese Frauen verließen sich mit ihren außergewöhnlichen Begabungen eher auf ihre Sinne und Erfahrungen als auf die Gebote des Glaubens. Versuch und Jrrtum lehrte sie Ursache und Wirkung zu erkennen. Sie Forschten … Weiterlesen

Das Erforschen der Zukunft

Als Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens bei den Deutschen nennt Cäsar „Losorakel und Prophezeiungen (sortes et vaticinationes; b. g. 150), Tacitus „Götterzeichen und LosorakeV1 (auspicia et sortes, Germ. 10). Beim Los wurde die Gottheit nach ihrem Willen gefragt, im anderen Falle erfuhr man ihn aus gewissen Vorzeichen. Die Wahrsagekunst scheint mehr Aufgabe der Frauen … Weiterlesen

Germanenherz

Germanenherz_Toto_Haas
Ein Volk, das sich einem fremden Geist fügt, verliert schließlich alle guten Eigenschaften und damit, seine Kultur und sich selbst. Wir sind und werden gezwungen, unseren eigenen speziellen Charakter und unseren Lebensstil zu verbergen und zu Verachten, um nicht als Nazi oder Antisemit verspottet und ausgegrenzt zu werden. Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheiten ihres Geistes und ihre Sprache nimmt. Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluss von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die jüdische Fremdherrschaft zu verewigen.

Wir Deutschen haben uns für unsere Vergangenheit und unsere Ahnen nicht zu schämen, ganz im Gegenteil, wir müssen sie unbedingt neu entdecken. Es ist unsere Pflicht uns mit der Germanistik auseinanderzusetzen. Wir Deutschen haben eine wahre Kultur. Wir Deutschen gehören zu dem Ursprung einer westlich zivilisierten und autarken Welt ohne das wir eine kulturelle Identität künstlich erzeugen müssen indem wir andere Kulturen vernichten! Wir sind mehr als das was uns seit Dekaden eingeredet wird, wir haben eine Geschichte die es wert ist sich zu entwickeln, denn unsere Vorfahren haben ihr Leben gegeben damit wir heute in Freiheit leben sollten.
In  Wahrheit baute  die germanische Weltanschauung auf die Gleichstellung von Menschen und dem Respekt gegenüber der Natur.  Gewalt, Naturzerstörung, egoistischer Intellekt waren verpönt, der Sinn für das Gemeinwohl (Natur inkl. Mensch) war vordergründig. Nichts wurde getan, ohne die Ahnen und die beseelte Natur zu fragen. Das alte Wissen war allen zugänglich und wurde nicht von elitären Herrenmenschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht und der Masse vorenthalten worden!

Das alles ist ein wesentlicher Teil der deutschen Historie, welche jedoch immer mehr in das Vergessen gedrängt wird. Wir sind inmitten eines kulturellen Bewusstseins der Selbstaufgabe und des ewigen Schuldkult, ohne sich auf das zu besinnen was wir sind und andere Völker als selbstverständlich erachten. Den Deutschen hat man die Geschichte abtrainiert. Bei den einen reicht das Gedächtnis nur bis zur letzten Fußball-WM, bei den anderen nur auf 1933.1945. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern will, wird dazu genötigt, sie im weniger Positiven bzw. die negativen Eigenschaften zu wiederholen.

Wer sich aber mit den alten germanischen Mythen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass uns die Judeachristen unsere fundamentalen Lebensgrundlagen und Lebensweisheiten gestohlen haben!. Die drei großen patriarchalen Religionen (Christentum, Islam, Judaismus) sind für rasendes Massenmorden, rücksichtslose Industrialisierung, Sklavenarbeit, Ungerechtigkeit, Plünderung der natürlichen Ressourcen verantwortlich! Sie haben uns den Zugang zu unseren Seelen geklaut, uns von ihren (Schulen, Banken, Medien) abhängig gemacht!
***Es ist an der Zeit, dass Odin zurückkommt***
.odin geist
Allvaters Anrufung
Der Du einst im Waldesrauschen
Deinem Volke Dich genaht,
Dass sein Herz in brunst’gem Lauschen
Sich entzündete zur Tat,

Der Du standest an Deutschlands Seite
Immerdar und allerorts,
Kraftverleiher warst im Streite,
Spender tiefen Weisheitsworts,

Wir, von Deinem Blut geboren,
Gott der Deutschen, nahen Dir,
Wir, in fremdem Volk verloren,
Dich, Allvater, rufen wir.

Hast es manches Mal gesehen,
Jenes Schauspiel voller Gram:
Sahst aus Deutschland Deutsche gehen,
Deren keiner wiederkam,

Die in Angst vor fremden Spöttern
Sich des Vaterlands geschämt,
Opfer brachten fremden Göttern,
Sich mit fremdem Putz verbrämt;

Hör’ uns rufen, hör’ uns schwören:
Wir sind treu, und wir sind Dein,
Unser Land soll uns gehören,
Uns’res Landes woll’n wir sein!

Sieh’, der Fremdling will’s verhindern,
Altes Recht, er schreibt es neu —
Vater, bleibe Deinen Kindern,
Gott der Deutschen, bleib’ uns treu!

Schüttle Deine heil’gen Locken,
Necke die allmächt’ge Hand,
Dass der Eindringling erschrocken
Weiche aus dem deutschen Land;

Dass er zagen lerne, zittern
Vor urew’ger Majestät,
Wenn in heil’gen Ungewittern
Deutsche Gottheit aufersteht;

Dass das Herz uns mutig werde,
Stark in neuer Zuversicht:
Vatergott und Vatererde
Raubt uns Macht der Menschen nicht!

Viking_Toto_Germanenherz
Vom Hohen Norden wird er kommen mit seinen Streitwagen, und seine Macht wird unbezwingbar sein. Eine Schar Aufrechter wird um Ihn sein, ihnen wird er das Licht geben, und sie werden der Welt leuchten, Und die Stunde des Lichtes wird heimkehren über die Erdenwelt.
Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Man sei sich der Gegenkräfte gewahr und schließe nicht die Augen vor ihnen. Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Zum Leben gehört auch der Mut zum Konflikt. Hindernisse sind dazu da, furchtlos, aber umsichtig überwunden zu werden. Man vertraue seinem Willen und seinem innerem Impuls. Man diene mit diesen Kräften der Schöpfung. Man tue, was zu tun ist. WENN DIE ZEIT REIF IST
toto_haas_lichtbringer*** Die Zeit ist nun reif ***
*** Mein Volk Erwache ***
Nur der Wache (Sehende) erkennt schnell die Lüge! Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken, Wo alle spotten, spottet nicht. Wo alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht. 

21.12 – 06.01 Julfestzeit und magische Rauhnächte

. Germanenherz wünscht allen Beseelten, friedliche und besinnliche Festtage.
Gledelig Jul und erkenntnisreiche,  magische 12 Rauhnächte. Ein gesundes neues Jahr und uns allen eine bessere Zeit!. In diesem Sinne, Heil und Segen auf all unseren Wegen.

 

 

Wir sind von Nordlands Art !

jul-2016Wenn durchs Land der Herbstwind pfeift, sind schon Berg und Tal bereift, dann wendet sich mit frohem Sinn, unser Herz zur Julzeit hin:
Herbststürme brausen, grau das Himmelszelt, wir harren und hausen in unsrer dunklen Welt.
Kein Wettersturm ist uns zu hart; wir sind von Nordlands Art!

Hat der Julmond Schnee gebracht, freuen wir uns dieser Pracht.
Hei, frisch die Schneeschuh angeschnallt, uns ist kein Schnee zu kalt;
Schneestürme brausen über Wald und Feld,
wir schlittern und sausen durch unsre weiße Welt.
Kein Aufwärts ist zu steil, zu hart, wir sind von Nordlands Art!

Hat die Zeit uns wohlgetan, sehnen wir das Fest heran,
die Sonnenwend mit neuem Licht, das hell ins Finstre bricht:
Lichter erhellen jedes deutsche Haus, wo wir uns gesellen,
bei Wetter, Sturm und Braus, ums heilge Feuer froh geschart,
wir sind von Nordlands Art!

Mehr zum Thema in den folgenden Links

Julfesten

Julfesten Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende. Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen. Wintersonnenwende – Das große germanische Fest Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da, Yulezeit ist da Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht die Sonne wendet und Balder … Weiterlesen

Wodan Ruprecht (Hruodpercht) Wodanstag

Die deutsche Weihnacht ist eine Verschmelzung des christlichen Jesusglaubens mit der germanischen Tradition (Nordlands Art!), da durch die Zwangs-Christianisierung Germaniens das Julfest abgelöst werden sollte. Die Jul-Tradition war derart tief in der völkischen Kultur der Germanen verwurzelt, daß die römische Kirche, wie auch beim Ostara-Fest, eine zuerst beabsichtige Auslöschung verwarf und daraufhin die Julzeit umdeutete … Weiterlesen

Magische Nächte. Die 12 Rauhnächte

Die 12 Rauhnächte Die zwölf Nächte am Ende des Jahres und die mit ihnen verknüpften Mysterien gehen bis in die Antike zurück. Sie haben sowohl römische als auch germanische und sogar indische, japanische und chinesische Wurzeln, und auch heute noch finden sie vielerorts im Brauchtum Beachtung. Nach uralten Überlieferungen suchen zu dieser Zeit die Seelen … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der … Weiterlesen

Die weisen Frauen Hagedisen – Hexen

Die erfolgreiche Vorgehensweise und die überzeugenden Ergebnisse der heilkundigen Frauen stellten eine große Bedrohung für das aufkommende Christentum, sprich die Kirche dar. Denn diese Frauen verließen sich mit ihren außergewöhnlichen Begabungen eher auf ihre Sinne und Erfahrungen als auf die Gebote des Glaubens. Versuch und Jrrtum lehrte sie Ursache und Wirkung zu erkennen. Sie Forschten … Weiterlesen

Das Erforschen der Zukunft

Als Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens bei den Deutschen nennt Cäsar „Losorakel und Prophezeiungen (sortes et vaticinationes; b. g. 150), Tacitus „Götterzeichen und LosorakeV1 (auspicia et sortes, Germ. 10). Beim Los wurde die Gottheit nach ihrem Willen gefragt, im anderen Falle erfuhr man ihn aus gewissen Vorzeichen. Die Wahrsagekunst scheint mehr Aufgabe der Frauen … Weiterlesen

Die Indogermanen

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905) Vorwort In diesem Buche habe ich beabsichtigt, eine knappe Übersicht über die Urheimat und Kultur der Indogermanen zu geben. Um die Urheimat zu bestimmen, mussten die Sprachen Europas betrachtet und die Wanderungen der einzelnen Stämme kurz dargestellt werden. Die Kultur … Weiterlesen

Der himmlische Lichtbaum der Indogermanen in Sage und Kultus.

Wenn die prähistorische Archäologie allmählich immer mehr einen gewissen homogenen Zustand der in Europa sich ausbreitenden und dasselbe eigentümlich kolonisierenden indogermanischen oder arischen Stämme in Bezug auf das häusliche Leben und die Anfänge gewerblicher Thätigkeit aufdeckt, so entsprechen dem auch die Besultate der Untersuchungen über den mythologisch-religiösen Entwickelungsstandpunkt derselben. Neben den überall bei den betreffenden … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, … Weiterlesen

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen Vorwort. Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen … Weiterlesen

Runen Rad Runen Rat

Germanenherz Runologe 02
Ich weiß, dass ich hing
am windigen Baum
neun lange Nächte,
vom Speer verwundet,
dem Odin geweiht,
ich selber mir selbst,
am Ast des Baumes,
von dem niemand weiß,
aus welcher Wurzel er wuchs.Sie boten mir
nicht Brot noch Met
lernte sie seufzend,
fiel endlich zur Erde.Hauptlieder neun;
da neigt‘ ich mich nieder
auf Runen sinnend,
lernt‘ ich vom weisen Sohn
Bölthorns, Bestlas Vater
und trank einen Trunk
des teuren Mets,
aus Odrörir geschöpft.Runen wirst du finden
und Ratstäbe,
sehr starke Stäbe,
sehr mächtige Stäbe.
Erzredner ersann sie,
Götter schufen sie,
sie ritzte der hehrste der Herrscher.Odin den Asen,
den Alfen Dáinn,
Dvalinn den Zwergen,
Álsvidur den Riesen,
einige schnitt ich selbst.Weißt du zu ritzen?
Weißt du zu raten?
Weißt du zu finden?
Weißt du zu forschen?
Weißt du zu bitten?
Weißt du zu opfern?
Weißt du zu senden?
Weißt du zu tilgen?Besser nicht gebetet
als zuviel geboten:
die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet
als zuviel getilgt.
So ritzt‘ es Thulur
zur Richtschnur den Völkern.
Dann entwich er
dahin, wo er herkam.
 Veit eg, að eg hékk
vindga meiði á
nætur allar níu,
geiri undaður
og gefinn Óðni,
sjálfur sjálfum mér,
á þeim meiði,
er manngi veit,
hvers hann af rótum renn.Við hleifi mig sældu
né við hornigi;
nýsta eg niður,
nam eg upp rúnar,
æpandi nam,
féll ag aftur þaðan.Fimbulljóð níu
nam eg af inum frægja syni
Bölþorns, Bestlu föður,
og eg drykk um gat
ins dýra mjaðar,
ausinn Óðreri.Rúnar munt þú finna
og ráðna stafi,
mjög stóra stafi,
mjög stinna stafi,
er fáði fimbulþulur
og gerðu ginnregin
og reist Hroftur rögna.Óðinn með ásum,
en fyr álfum Dáinn,
Dvalinn dvergum fyrir,
Álsviður jötnum fyrir,
eg reist sjálfur sumar.Veistu, hve rísta skal?
Veistu, hve ráða skal?
Veistu, hve fáa skal?
Veistu, hve freista skal?
Veistu, hve biðja skal?
Veistu, hve blóta skal?
Veistu, hve senda skal?
Veistu, hve sóa skal?Betra er óbeðið
en sé ofblótið,
ey sér til gildis gjöf;
betra er ósent
en sé ofsóið,
Svo Þundur um reist
fyr þjóða rök,
þar hann upp um reis,
er hann aftur um kom.

Runologe-Toto-Haas-GermanenherzRunen sind nicht einfach nur Schriftzeichen. Es sind Symbole, die Kraft beinhalten und diese auch übertragen können. Jeder Rune sind bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die man durch die Darstellung des jeweiligen Symbols in Schrift oder Klang oder Körperhaltung freisetzen kann. Runen sind wie Schlüssel zu bestimmten Energien… wenn du weist wie du Energie lenken und kanalisieren kannst, dann musst du eigentlich nur den Schlüssel betätigen (durch die fuer dich passendste Methode) , dir Zugang zu dem Energie-Feld „hinter“ der Rune verschaffen. folgende Links nutzen. Die Runenbeiträge liegen noch auf  mein Google Blogspot
Buchvorstellung zum Thema Runen
Der kosmische Ursprung der Runen **
Runen wissenschaftliche Evolutionsforschung  **
Odins Runen – unsere Schrift **
Runen selbst herstellen **
Kleine Runenkunde
Am Anfang war das Wort
Runen 24er futhark  **

Runenmagie
Mittelalterliche Geheimrune n
Germanenherz_Toto_Haas_Runenrad Wenn du dich entschlossen hast dich mit den Runen zu beschäftigen so werden sie dich nicht mehr loslassen. Der Ruf der Runen ist sehr stark, das war er schon von alters her. Bereits unsere Vorfahren haben sich mit den Runen beschäftigt. Bei den Runen gibt es zwei verschieden Systeme sie zu benutzen. Das eine ist das sie als Schrift fungieren der zweite Aspekt, der meiner Meinung nach viel wichtigere, ist es sie als magisches System zu erkennen. Im magischen Sinne können Runen sehr viel tun. Mit ihnen kann man Dinge und Personen schützen oder Eigenschaften verändern.
Wenn du die Runen wirklich erkennen willst so musst du dahin gehen wo die Runen früher benutzt wurde. Finde alte Kraftorte, Eichenhaine, Hügelgräber oder Bergkuppen. An diesen Plätzen sind diese Symbole durch das viele Arbeiten mit ihnen immer noch präsent. Tausende Schamanen vor dir haben an diesen Plätzen ihr Wissen vertieft, weitergegeben oder gefunden. Im Beschäftigen mit der Natur erschließt sich die Bedeutung der Runen auch für uns. Runen sind Symbole für die Natur und für den Menschen. Auch für das Zusammenwirken von Mensch und Natur sind Runen ein Symbol.
Odin hing am Weltenbaum als er die Runen „fand“. Das bedeutet nicht dass du dich auch an einen Baum hängen sollst aber in die Natur musst du gehen. Verlasse die Stadt und mache dich auf um im Wald an einem Bach zu Meditieren. Finde deine Kraft unter einer mächtigen, tausend Jahre alten Eiche. Denke über die Natur nach und über das was die Natur dir mitteilen will. Finde deinen eigenen Zugang zur Natur, zu den Runen und zur geistigen Welt. Verbinde dich mit Odin, Thor, Thyr, Freya mit allen deinen Vorfahren und deren Göttern.
Den Einstig und Beginn der Runen findest du hier im Blog doch die Bedeutung für dich die findest du nur in dir selbst. Mache dich auf und folge dem Ruf der Runen, sie werden dich zu neuen Erkenntnissen über dich selbst und deine Umwelt bringen. Vielleicht begreifst du erst dann was dein Weg durch die Zeit ist und wie du ihn gehen sollst.

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Fehu

germanisch: Fehu
gotisch: Faíhu
altenglisch: Foeh
altnordisch:
Bedeutung: Vieh
Lautwert: F
Zahl: 1
Schreiben: F / V
Kraft: aktiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 1. Freyr
Götter: Freyr, Freyja
Baum: Holunder
Pflanze: Maiglöckchen
Kraut: Brennessel
Edelstein: Moosachat
Farbe: helles Rot
Elemente: Feuer, Erde
Halbmond: 12.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Nov. – Anfang Dez.
Schlagworte: Vieh, Rindvieh, Tierherde, Geld, materieller Besitz, Eigentum, Nahrung, archetypische Energie der Bewegung, ewiges Werden, bewegliche Form der Macht, aussendende Rune
Bedeutung: Übersetzt bedeutet der Name Fehu „Vieh“, genauer: Rindvieh, und man mag in der äußeren Form dieser Rune zwei Hörner erkennen, symbolisch für ein Rind des Viehbestands. Tiere oder Tierherden, insbesondere Rinderherden, wurden früher mit Reichtum gleichgesetzt, denn wer viele Tiere besaß, hatte erstens genügend zu essen und zweitens ein wichtiges Tauschobjekt. Fehu steht somit für Besitz und Reichtum, und auch Geld und materieller Besitz, der nicht gerade aus Viehherden besteht, kann sich in dieser Rune ausdrücken. Im Allgemeinen steht Fehu daher heute für Geld und bewegliches Eigentum (im Gegensatz zum unbeweglichen Eigentum, welches die letzte Rune Othala symbolisiert). Für Geld steht auch das englische „fee“ (Gebühr), welches etymologisch von Fehu abstammt (beziehungsweise vom davon stammenden altenglischen „Foeh“). Geld ist auch Ausdruck von Energie – ohne Geld fehlt auch Energie, so zumindest im modernen Lebenskonzept. Fehu ist damit auch Kraft, symbolisiert durch die Kraft des Rinds, mit welcher der Mensch erst in der Lage ist, einen Acker zu pflügen. Fehu ist die Urenergie, die ganz am Anfang der Schöpfung stand. Diese Urenergie ist groß und gewaltig, vor allem aber unkontrolliert, chaotisch und kaum faßbar. Ein Mensch, der in Ekstase oder in einen Wutausbruch verfällt, stellt dieses chaotische Energie ausgezeichnet dar. Mit Fehu ist man reich, und man ist fest in seinem Urgrund verankert, so daß man jedem Sturm unerschütterlich entgegentreten kann. Gleichzeitig sagt Fehu aber, daß ein großzügiger Umgang mit Geld und beweglichem Besitz allgemein die einzige Möglichkeit ist, Streit und Kampf aus Habgier zu verhindern. Die Rune fordert auf, nicht am Reichtum festzuhalten, sondern ihn weiterzugeben, ihn zu teilen. Die Rune steht auch für den immateriellen Besitz eines Menschen, der sich in seinem „guten Ruf“ (Ruhm) ausdrückt. Auf der spirituellen Ebene ist Fehu die Fähigkeit, die geworfenen Runen bei der Divination zu interpretieren.

Immer wieder stößt man auch auf die Deutung „Feuer“ für Fehu. Diese scheinbare Lautübereinstimmung ist jedoch eine von mehreren Fehlinterpretationen des Prof. Friedrich Fischbach, ein von romantischem Deutschtum getragener Wiesbadener Forscher, der mit seiner 1900 erschienenen Schrift „Ursprung der Buchstaben Gutenbergs“, den Grundstein zur Fehlentwicklung der esoterischen Runenliteratur legte. Er verglich antike Schriftzeichen mit den Runenformen, um deren hieroglyphischen Ursprung herauszufinden. Hierbei ging er bewußt streng einseitig vor, indem er bemüht war, jedes Runenzeichen aus der Sicht des von ihm überbetonten Feuerkults zu verstehen, was zwangsläufig zu Irrtümern und der Verwechslung der Urenergie mit dem Urfeuer in Muspelheim führen mußte. Obwohl seit 1874 der Runologe Wimmer darauf hingewiesen hatte, daß das 16’er Futhark das jüngere System ist, beharrte Fischbach auf dem überholten Standpunkt, es handele sich dabei um das Ur-Futhark. Er machte jene tragischen Fehler, welche später Guido List und andere Autoren aufgriffen und übernahmen. Leider findet man sogar in der modernen Literatur immer wieder diese frei erfundene Interpretation Fischbachs, für die es keine historischen Quellenbelege gibt.

Mythologie: Fehu ist die reine archetypische Energie der Bewegung und Ausdehnung im Multiversum. Fehu ist Ausdruck der allumfassenden und allgegenwärtigen Macht und wird durch die anstürmende Rinderherde symbolisiert. In der germanischen Schöpfungsgeschichte entstand die Welt aus Dampf, als das Feuer Muspelheims und das Eis Niflheims (siehe Isa) einander berührten und bekämpften. Dies steht sinnbildlich für eine Synthese aus Urenergie (nicht mit Urfeuer zu verwechseln) und Urmaterie. Fehu steht aber nicht für die undifferenzierte, homogene Macht der Urenergie, sondern eher für das Mysterium ihres ewigen, wunderbaren Wirkens innerhalb des ganzen Multiversums. Diese Rune ist für die der Fruchtbarkeit zugrundeliegende Kraft zuständig und ebenso sowohl für die der Erschaffung als auch der Zerstörung und das harmonische Zusammenwirken dieser beiden Extreme, aus denen dann die evolutionäre Kraft hervorgeht. Fehu ist die archetypische Kraft, welche den ewigen Prozeß des Entstehens, des Werdens, des Vergehens und neuen Werdens in Gang setzt. Das Wort „Vermögen“ bedeutet ursprünglich „Können“. Indem der Mensch die ihm anvertraute (oder auch ausgelieferte) Materie nicht verneint, sondern sie achtet und pflegt, ohne sie jedoch zum Götzen zu machen, erfährt er die Einheit des Seins im Rhythmus von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Fehu, als Symbol für die Fruchtbarkeit und Mehrung des Viehs, ist Freyr zugeordnet, dem nordischen Gott der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Er wird mit einem großen erigierten Penis dargestellt und sein Heiligtum war in Upsala (Schweden). Er sorgt für die Fruchtbarkeit der Menschen, der Tiere und der Natur. Freyr steht mit Fehu in enger Verbindung, und ihm werden auch die ersten acht der 24 Runen zugeschrieben (Freyrs-Aett)

Magie: Wie aus dem bereits Gesagten unschwer zu entnehmen ist, kann man die Rune Fehu für ganz gezielte magische Bereiche einsetzen: Energie, Fruchtbarkeit, Ekstase und Reichtum. Im Ruhezustand ist sie neutral, erst durch die Intentionen des Anwenders wird die Richtung festgelegt, in die es gehen soll. Magie ist neutral, und man kann sie für gute und schlechte Dinge einsetzen. Man kann sie dazu benutzen, um Energie anzuziehen, nur muß man frühzeitig bremsen, denn sonst wird die Energie zu viel, und die Arbeit verfällt ins Chaotische, Unkontrollierte. Wenn man die aufgenommene Energie dann nicht mehr kanalisieren, sie nicht mehr anwenden kann, dann kommt es zu einem Energiestau, und man explodiert auf die eine oder andere Weise – ganz nach Veranlagung. Fehu will mit seinem Konzept des Geldes und Reichtums auch daran erinnern, daß vor jeder spirituellen Reise zunächst die materielle Sicherheit des Daseins hergestellt werden sollte, welche auch Grundlage spiritueller Energie ist. Erst wenn man mit beiden   Beinen im Leben steht und Sicherheit im Leben hat, ist es auch sicher, spirituell andere Welten zu bereisen und sich sicher auf dem magischen Weg fortzubewegen. Sind diese materiellen Grundlagen nicht gegeben, führt der spirituelle Weg noch weiter vom Selbst weg, so daß man schließlich den Boden unter den Füßen und jeglichen Zugang zur Alltagswelt verliert. Fehu ist sowohl die Realität des Alltags wie auch der Katalysator für alles, was dahinter liegt. Es ist das Heim, in das man nach jeder Wanderung wieder Heimkehren muß, und sich dort den einfachen Freuden des Lebens hinzugeben. Wie Fehu Sinnbild des beweglichen Besitzes ist, so steht sie auch für bewegliche Energie, sozusagen das „bewegliche Kapital des Geistes“. Im magisch-psychischen Bereich ist das Konzept der beweglichen und übertragbaren magischen Macht eng mit dem altgermanischen Begriff des „Hamingja“ (oft als „Glück“ übersetzt, meint aber positive Energie) verbunden. Diese Energie kann von einem Einzelwesen ausgehen und ist eine mittels Fehu kanalisierte, auf ein Ziel gerichtete expansive Kraft, welche die Projektion seelischer Wesenheiten und magischer Macht von einem Menschen auf einen anderen oder von einem Menschen auf ein Objekt erleichtert.

Anwendung: Konstruktiv wirkt Fehu auf das Fließen von Energie, neutral liefert Fehu bewegliche Energie und destruktiv verwandt, blockiert sie das Fließen, und der Geldbeutel wird immer leichter. Fehu ist außerdem eine Fruchtbarkeitsrune.

Wirkung: Stärkung der psychischen Kräfte. Übertragung oder Projektion von Kraft. Förderung der persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung sowie Vergrößerung des persönlichen Reichtums. Beeinflussung beweglicher Güter, Zerstörung feindlichen Besitzes. Amulett gegen finanzielle Schwäche oder Bedrohungen. Talisman für materielle Mehrung.

Heilrune: Zuständig für den Brustbereich und gegen Atmungsbeschwerden. Kräftigung bei Krankheit und in Zeiten seelischer Krisen, Heilung erkrankter Fortbewegungsorgane.

Orakelbedeutung: Finanzielle Stärke und Wohlstand in der Gegenwart und der nahen Zukunft. Gewonnener und/oder erworbener Besitz.

Runenbotschaft: Man hüte und mehre seinen Besitz, denn er gibt Sicherheit und Unabhängigkeit. Aber man verhafte sich ihm nicht und blockiere sich nicht durch Geiz. Noch höher als materiellen Besitz ehre man   den verborgenen Wert in seinem Inneren. Wer die Kräfte dieser Rune mißbraucht, um seine egoistischen Ziele durchzusetzen, wird auch den Fluch des Goldes erfahren. Man lerne, seine eigene Macht und seine eigene Kraft anzunehmen, erst dann kann man sie nutzen, um seine persönliche Entwicklung und die der anderen, der Gesellschaft und der Menschheit als Ganzes zu fördern. Reich sein heißt „reiches Sein“ – man werde reich, innerlich wie äußerlich, dann kann man sein Leben so gestalten, wie es seiner Bestimmung und/oder seinem eigenen Wollen entspricht.

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Uruz
germanisch: Uruz
gotisch: Úrus
altenglisch: Úr
altnordisch: Úr
Bedeutung: Auerochse
Lautwert: U
Zahl: 2
Schreiben: U
Kraft: passiv
Geschlecht: männlich
Aett: 1. Freyr
Götter: Thor (auch Loki, Odin)
Baum: Birke
Pflanze: Kapuzinerkresse
Kraut: Sumpfmoos
Edelstein: Granat
Farbe: dunkles Grün
Elemente: Erde
Halbmond: 12.  Neumond
Zeit ca.: Ende Okt. – Ende Nov.
Schlagworte: Auerochse, Opferstier, Heilung, Quelle der ordnenden und formgebenden Kräfte, kosmischer Same, natürliche Ordnung
Bedeutung: Diese Rune symbolisiert durch die typische Krümmung ihres Rückens einen Auerochsen (germanisch: Ur), und dieser ist Sinnbild für die gewaltige Kraft der Erde. Der Energie von Fehu wurde hier eine Form gegeben, und manchmal kann man bei soviel komprimierter Energie schon rot sehen. Diese Rune besitzt ein verstecktes, aggressives Potential. Uruz steht sozusagen zwischen Himmel und Erde und schöpft aus diesen Gegensätzen die Kraft, die unverwundbar werden läßt. Sie ist das Symbol für die Eigenart eines Menschen, der erdverbunden, kämpferisch und doch nie ganz von dieser Welt nach Höherem strebt. Der Auerochse verkörpert ungeheure Energie, die solange ruhig bleibt, bis sie gereizt wird. Dann kommt die Aggression zum Zuge, mit welcher das Tier um seine Freiheit und sein Leben kämpft. Aggression wird in der heutigen Gesellschaft negativ bewertet, doch tatsächlich ist es doch die allen   Menschen innewohnende Kraft, mit der man sich durchsetzen kann, mit der man wieder in die Freiheit gelangt. Die Verteufelung der Aggression läßt heute die Schwachen über die Starken herrschen. Ein gesunder und bewußter Umgang mit dieser Energie macht den Menschen vollständiger und mächtiger. Wird die Aggression heruntergeschluckt, frißt sie einen auf. Allein der Wille vermag die potentielle Energie der Aggression in Bahnen der Kreativität zu lenken. Uruz gilt auch als Gottesstier-Opferrune, da sie im Runenkalender in die Zeit des zweiten Disenopfers (altnordisch: Dísablót), beziehungsweise Samhain fällt (um Ende Oktober).

Mythologie: Der Auerochse ist ein Wildrind, das früher in fast ganz Europa angetroffen wurde. In der Bronze- und Eisenzeit zogen große Herden durch Norddeutschland. Der Auerochse wurde im 17. Jahrhundert ausgerottet und ist in den 1980’er Jahren wieder „zurück“-gezüchtet worden. Der Auerochse steht für das Wild, wie Fehu für das domestizierte Vieh steht. Der Auerochse ließ sich niemals vom Menschen domestizieren, es war immer ein freies, stolzes Tier, behielt seine Ursprünglichkeit und verteidigte tapfer und wehrhaft sein Revier. Daher ist Uruz die Rune der starken Persönlichkeit mit einer großen Regenerationsfähigkeit. Uruz ist die Rune für den Gott der heiligen Jagd und seines Schamanen. Dies ist der erste Schritt aus der Sicherheit Fehus heraus, in Richtung der Ungezwungenheit. Dieser Schritt ist aber auch mit einem Risiko verbunden. Uruz steht auch für Sterblichkeit und die Erkenntnis des Todes. Die Rune wird daher als Tor zur Unterwelt gesehen. Die Energie dieser Rune ist roh und ungestüm, maskulin, und eng mit dem Element Feuer verbunden. Mit der Tötung eines Urs bewiesen Jünglinge ihre Männlichkeit. Der Junge der seinen ersten Auerochsen tötete wurde zum Mann und damit in die ersten Mysterien des Erwachsenseins eingeweiht, die Sterblichkeit allen Seins. Uruz wird auch als Urdbrunnen (Urd war eine der drei Nornen, Schicksalsgöttinnen) gesehen, welcher Gesundheit, Leben und Einfachheit verleiht und das wesentliche Selbst offenbart.

Magie: Die Rune Fehu brachte Energie, doch dies ziemlich unkontrolliert und chaotisch. Die logische Folge ist nun Uruz, welche diese chaotische Energie in eine bestimmte Form bringt. Uruz verkörpert aber eben nicht die Form, sondern die formgebende Kraft. Weiterhin steht Uruz mit der Erdkraft in Verbindung. Man findet diese Kraft in den Kraftlinien (sogenannte Ley-Linien) der gesamten Erde wieder, welche diese wie ein Netz umspannen. Viele Kraftplätze finden sich an und auf ihnen und ihren Kreuzungspunkten. Wer sensibel ist, kann diese Kraftlinien wahrnehmen, ebenso wie die Germanen es taten. Sie erbauten darauf ihre heiligen Plätze, aus welchen dann im Zuge der Christianisierung Kapellen, Kathedralen und Kirchen wurden. Stonehenge, Glastonbury, die Externsteine, Chartre, Prag, der Heiligenberg bei Heidelberg – dies sind alles Orte auf diesen Kraftlinien. Manchmal findet man solche Kraftplätze der Erde auch mitten im Wald oder Feld. Bäume und Pflanzen wachsen dort etwas anders als anderswo, und kein Mensch weiß mehr um die Bedeutung dieses Kraftortes, doch dort kann man die Energie der Erde besonders deutlich wahrnehmen. Manchmal hat man solche Punkte sogar mitten in der Wohnung. Mit Uruz kann man die Erdenergie mit in seine Arbeit einbeziehen und sie nutzen. Mit dieser Kraft kann man heilen und wird selbst geheilt. Uruz verleiht jugendliche Kraft und fördert die Regeneration der physischen Gesundheit. Man vermag mit ihr so stark und mutig wie ein Auerochse zu werden, vorausgesetzt, man läuft nicht ständig vor seiner eigenen Kraft davon. Die Energie, welche durch die Fehu-Rune angezogen wird, vermag Uruz durch die Kraft des Willens in die Tat umzusetzen. Auch wenn es vonnöten sein sollte, einen chaotischen Zustand wieder in geordnete Bahnen zu lenken, empfiehlt sich diese Rune. Die Kraft von Uruz ist gefährlich, kann zwar begrenzt kontrolliert, nie aber gezähmt werden. Sie steht für Freiheit, Ungezügeltheit und überwältigende Kreativität, d.h. wenn man sie einzusperren versucht, wird sie einen Ausweg finden („Das Leben findet einen Weg“).

Anwendung: Uruz entspricht positiv einer beständigen, kraftvollen Erdenergie, neutral der ruhenden Erdkraft und negativ der zerstörerischen Kraft der Erde und dem Tod. Der negative Aspekt der Uruz-Rune ist die blinde Wut, die unkontrollierte Aggression, die Durchsetzung des eigenen Willens ohne Rücksicht auf andere Menschen und die Bedürfnisse der eigenen Seele. Menschen, die sich selbst besonders wichtig nehmen und bei der Ausführung ihrer Ideen über Leichen gehen, entsprechen diesem negativen Aspekt. Eine andere Schattenseite von Uruz ist das krankhafte Alles-in-eine-Form-Pressen. Um sich sein Weltbild aufrecht zu erhalten, wird alles geordnet und dem eigenen Horizont angepaßt. Was über diesen hinausgeht, wird verteufelt und als lebensbedrohend empfunden. Uruz kann zwar bei der inneren Verwurzelung helfen, doch zeigt sich ihre negative Seite auch im physischen Bereich, im Festsitzen und Festhalten an alten Mustern und Strukturen.

Wirkung: Kreatives Erschaffen und Formen äußerer Umstände durch Willenskraft und Imagination beziehungsweise Inspiration. Erlangen von Stärke, Entschlossenheit und Ausdauer. Heilung und Aufrechterhaltung eines guten geistigen und körperlichen Gesundheitszustandes. Anziehen von glücklichen äußeren Umständen. Induktion von Erdenergie. Konzentrationsfördernd. Bewußtmachen von Kausalitäten.   Erkennen und Verstehen des Selbst. Schutz vor Nachlässigkeit und Unzuverlässigkeit bei materiellen Unternehmungen. Erdung und organische Kräftigung, Steigerung der Vitalität. Talisman für die Stabilisierung und Konkretisierung geschäftlicher Vorhaben und Sicherung von Grund und Boden.

Heilrune: Zuständig für die Muskulatur, die körperliche Kraft, die Stärkung der Abwehrkräfte und die Förderung einer gesunden körperlichen Konstitution. Uruz steht eng mit der Tätigkeit des Heilens in Verbindung. Dabei geht es um die Heilung anderer Menschen und der von sich selbst. In Odins Runenlied heißt es zu Uruz: „Ein anderes weiß ich, des alle bedürfen, Die heilkundig heißen.“ Oft geht eine Krankheit mit der Entwurzelung von Körper, Seele oder Geist einher. Zu diesen Wurzeln kann Uruz zurückführen. Uruz findet bei Heilungen Verwendung, meistens in Kombination mit anderen Runen. Fehu und Uruz ergänzen sich ausgezeichnet.

Orakelbedeutung: Körperliche Kraft und Schnelligkeit, kann sich auf den Befrager und andere beziehen.

Runenbotschaft: Man achte auf das, was einen im tiefsten Inneren bewegt und antreibt und stelle den Kontakt zu seinem eigenen Ursprung (wieder) her. Man sei stark, bodenständig, wehrhaft und selbstbewußt. Man werde sich seiner wahren Ursprünge bewußt und bleibe ihnen treu – aber entwickle auch weiter, was einem gegeben wurde. Man lerne, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen, aber auch zu gehen. Sorgfalt in kleinen Dingen bringt Kraft und innere Ruhe. Man richte seinen Blick auf das Höhere und schöpfe so aus der Quelle der Urkraft.

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Thurisaz
germanisch: Þhurisaz
gotisch: ÞiuÞ
altenglisch: Thorn
altnordisch: Þurs
Bedeutung: Riese
Lautwert: TH
Zahl: 3
Schreiben: Th
Kraft: aktiv
Geschlecht: männlich
Aett: 1. Freyr
Götter: Thor
Baum: Eiche, Weißdorn
Pflanze: Mondviole
Kraut: Gartenlauch
Edelstein: Saphir
Farbe: leuchtendes Rot
Elemente: Feuer
Halbmond: 11.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Okt. – Anfang Nov.
Schlagworte: Riese, Dämon Schaden, Chaos, gegen die Ordnung gerichtete Kräfte, Polarität von Leben und Tod
Bedeutung: Thurisaz bedeutet Riese (altnordisch: Thurse) und später bei den Angelsachsen auch Dorn. Thurisaz steht in enger Verbindung zu den Riesen, welche sich nach der nordischen Mythologie als Unholde für alle Unwetter und Naturkatastrophen verantwortlich zeichnen. Thor ist der einzige, unter den Göttern, welcher sie in Zaum zu halten vermag. Uruz konnte die Fehu-Energie nicht mehr halten und entlädt sich nun in Thurisaz. Sie ist die erste der „Hindernis“-Runen. Diese Hindernisse müssen nicht notwendigerweise zerstörerischer Natur sein, sondern sie werden dem Suchenden in den Weg gelegt, um ihn zu stärken. Man kann kein mutiger Held sein, ohne nicht vorher einen Drachen erschlagen zu haben. Die Lehre dieser Rune lautet: „Aus (schlechter) Erfahrung wird man klug.“, auch im Sinne von: „Man muß sein Schicksal auf sich nehmen und das Beste daraus machen.“ Was im ersten Augenblick ein negatives und zerstörerisches Element ist, kann sich durchaus in eine wichtige Lehrstunde verwandeln und der Beginn einer positiven Wende sein. Die Riesen scheinen böse und zerstörerisch gegenüber den Asen, aber sie stehen auch für Wechsel und Veränderung und bereiten den Weg für Neues. Thurisaz steht für ungezähmte Kräfte und Chaos, die sich gegen die göttliche Ordnung wenden.

Oft wird Thurisaz auch als Thors-Rune fehlinterpretiert, Aber Thurisaz bedeutet eben gerade nicht Thor. Diese falsche Annahme mag an der lautlichen Ähnlichkeit liegen, ist aber eine Verwechslung der Thursen mit deren Erzgegner Thor. Diesen Irrtum begründete 1900 Prof. Friedrich Fischbach, und er setzt sich, von Guido List und anderen Autoren brav aufgegriffen, bis heute in zahlreichen Werken über Runen fort. Auch die Fehldeutung des Runensymbols als Thors Hammer Mjöllnir, wofür es keinen Quellennachweis gibt, beruht auf diesem Irrtum. Daß Thor in Wahrheit keine ihm zugeordnete Rune besitzt, liegt daran, daß das ältere Futhark sehr viel früher entstand als der Glaube an Thor/Donar, der erst etwa Anfang des Frühmittelalters aufkam.

Mythologie: Thurisaz ist die Rune der Riesen. Um die Bedeutung dieser Rune zu verstehen, muß man die Rolle der Riesen in der germanischen Mythologie genauer betrachten. Im Schöpfungsmythos sind die Riesen die ersten Wesen, die aus dem leeren Raum, dem Ginnungagap und den in ihn hineindringenden Urelementen Feuer und Eis gezeugt worden sind. Ymir (der Rauschende) heißt der erste Riese. In ihm sind beiderlei Geschlecht vereinigt, von ihm stammen alle Riesen ab, und diese zeugen schließlich die Götter Odin, Wili (Hönir) und We (Loki). Diese töten dann Ymir, um aus dem toten Körper die Erde zu bilden und Ordnung in das Urchaos der Welt zu bringen. Die Riesen werden in ein Gebiet außerhalb der gehegten Welt (Asgard und Midgard) verbannt oder haben ihren Wohnsitz in den Elementen, die sie darstellen. Von nun an gibt es Feindschaft zwischen den Göttern und dem Geschlecht der Riesen, die immer wieder versuchen, ihre eingeschränkte Macht zurückzugewinnen und wieder das Urchaos und die Macht der Urelemente über die Welt hereinbrechen zu lassen. Der einzige, der es im germanischen Götterhimmel mit den Riesen aufnehmen kann, ist der Gott Thor oder (in Deutschland) auch Donar genannt. Der Kampf der Götter, insbesondere der Kampf Thors gegen die Riesen, symbolisiert nichts anderes, als der Kampf der Ordnung gegen das Chaos. Darum ist Thor den Menschen auch beschützender Freund gegen die Urgewalten der Natur und gegen Unheil und Gefahr. Deshalb ist Thor als Gegenspieler der Riesen dem bäuerlichen Menschen verläßlicher Freund und Beschützer im Kampf gegen die Urgewalten der Natur. Thor vertreibt die Riesen mit seinem Hammer Mjöllnir (der Zermalmer), den man zum Schlagen benutzen, aber ebenso auch werfen kann, wobei er wie ein Bumerang wirkt. Eine weitere, allerdings angelsächsische Bedeutung der Thurisaz-Rune ist im Schlaf- und Todesdorn Wotans zu sehen, mit der er die ungehorsame Walküre in Schlaf versetzt, sie so dem irdischen Schicksal geweiht wird und sie den Weg der Entmachtung und Erniedrigung als ehemals weibliche (vanische) Gottheit, durch die Vorherrschaft des Mannes, gehen muß. Die Erweckung der Walküre durch den Helden basiert auf dem urindogermanischen Mythos des Erweckens der sich im Winterschlaf befindlichen Natur durch die Kraft der Sonne im Frühjahr.

Magie: Thurisaz ist eine der mächtigsten Runen des Futhark und auch die Unberechenbarste. Daß diese schon an dritter Stelle kommt, ist eine Prüfung für alle Menschen, die sich mit den Runen wirklich auseinandersetzen wollen. Viele hören genau an diesem Punkt damit auf, sich weiter für Runen zu interessieren, denn sie bemerken plötzlich, daß es wirklich funktioniert und man spürt, daß das Runensystem nicht nur Esoterik-Geschwätz ist, sondern daß tatsächlich Kraft dahinter steckt – und die verträgt nicht jeder. Thurisaz bringt den Menschen mit der unkontrollierbaren Kraft seines Unbewußten in Verbindung. Wenn man sie unterdrückt, regt sie sich erst recht. Thurisaz zwingt einen dazu, sich mit seinen Schatten auseinanderzusetzen, und wahrscheinlich ist das der Grund, warum so viele Menschen es bei Thurisaz mit den Runen auch wieder aufgeben. Die wilde psychische Kraft von Thurisaz ist auch in der Tat nicht ungefährlich, weil diese Rune sozusagen an der Schwelle des Bewußtseins operiert und sehr problematisch werden kann, wenn man nicht weiß, was im Unbewußten eigentlich vor sich geht. Die ursprünglich chaotische Energie von Fehu wird durch Uruz in verwendbare Bahnen gelenkt und kann in Thurisaz als Explosion ans Tageslicht treten. Ein ordentlicher Wutanfall ist Thurisaz. Aber auch das Wissen um seine Kraft und Unbesiegbarkeit symbolisiert diese Rune. Gerade aus diesem Grund stellt sie eine der mächtigsten aktiven Schutzrunen des Systems dar. Darüber hinaus bietet sie Hilfe bei Studien und Meditationen, und führt zur Selbstdisziplin. Man kann die Rune zur aktiven Verteidigung in jeder Form verwenden. Wie in der Realität auch, sollte man dabei ohne Sentimentalität vorgehen, aber auch jede unnötige Grausamkeit vermeiden.

Anwendung: Konstruktiv angewandt, kann diese Rune aktiven Schutz darstellen, in neutraler Form ähnelt sie einem Energiestoß und destruktiv ist Thurisaz eine chaotische, alles zerstörende Energie. Thurisaz ist eine Rune der Extreme, und sie läßt sich nur mühsam neutral halten. Aus diesem Grund sollte man am Anfang vorsichtig mit Thurisaz umgehen, da sonst mehr Schaden als Nutzen entsteht. Thurisaz kann in einer Botschaft als Warnung dienen und wird neben Isa in Flüchen verwendet.

Wirkung: Aktive Verteidigung. Zerstören von Feinden. Fluch (altnordisch: Nidstang). Umsetzen des Willens in Handlung Vorbereitung für die Entwicklung in allen Bereichen. Liebesmagie. Amulette gegen Gewaltausübung durch Gegner. Talismane für Liebesbeziehungen.

Heilrune: Man kann Thurisaz auch mit den Schmerzen einer schweren Geburt in Verbindung bringen. Die Kräfte, die während der Geburt eines Kindes walten, lassen einen wirklich die gewaltigen Urkräfte nachvollziehen, welche die Gebärende ganz und gar erfassen, mit sich reißen in einen Zustand zwischen Leben und Tod, um schließlich doch das Leben siegen zu lassen.

Orakelbedeutung: Schmerzvolle Ereignisse, Disziplin, Wissen, Fokus, gerichtete Energie, Dorn. Thurisaz   deutet an, daß ein Konflikt oder ein Problem endgültig nur mit einer Konfrontation gelöst werden kann und durch Kompromisse und zögerliches Abwarten nur aufgeschoben wird. Probleme verschlimmern sich, wenn man sie ignoriert. Thurisaz könnte in seiner Wirkung mit Hagalaz verwechselt werden. Thurisaz symbolisiert jedoch die rohe Gewalt, die von den Ordnungsmächten der Natur in Schach gehalten wird, während Hagalaz die Kräfte symbolisiert, die in der Materie wohnen und aus dieser freigesetzt werden. Hagalaz ist daher eine Rune, die auf verschiedene Energiezustände hinweist, die ihre Wirkung in der Welt unterschiedlich vollziehen. Hagel kann die Ernte vernichten, tut dieses jedoch äußerst selten. Hagel wird hingegen sehr schnell von seinem festen Zustand wieder in den Flüssigen versetzt, wechselt seine Energie unmittelbar, wird wieder zu Wasser und dient der Fruchtbarkeit des Feldes. Das Zusammentreffen von Hagalaz und Thurisaz ist ein äußerst ernster Zustand. Ein solcher Zustand würde im Extremfall bei einem Reaktorunfall eines Atomkraftwerkes oder bei der Explosion einer Atombombe entstehen. Hier treffen rohe Gewalt und energetische Umwandlung auf absolut zerstörerische Weise zusammen. Man kann nur hoffen, daß einem die Kombination von Hagalaz und Thurisaz erspart bleibt. Das Antreffen der beiden Runen für sich allein kann zwar Unannehmlichkeiten und auch Schmerzen bedeuten, aber niemals die Bedrohung der eigenen Existenz. So kann die Kombination von Thurisaz und Naudhiz auf einen bedrohlichen Zustand hinweisen, der durch Gewalt entsteht. Das können die Gewalten der Natur sein, oder sie können auf einen Unfall hinweisen. Die Kraft von Hagalaz kann man durch tiefe Reife- und Transformationsprozesse nutzen lernen. Naudhiz zwingt durch seine Macht zur Wandlung, aber gegen die Macht von Thurisaz schützen nur die Götter (beziehungsweise das Göttliche im Menschen), denn es gibt keine Verbindung zwischen Menschen und Riesen, nur zwischen Riesen und Göttern, und die Götter treten wieder mit den Menschen in Verbindung, beziehungsweise sind als Archetypen im Menschen verankert.

Runenbotschaft: Man sei sich der Gegenkräfte gewahr und schließe nicht die Augen vor ihnen. Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Zum Leben gehört auch der Mut zum   Konflikt. Hindernisse sind dazu da, furchtlos, aber umsichtig überwunden zu werden. Man vertraue seinem Willen und seinem innerem Impuls. Man diene mit diesen Kräften der Schöpfung. Man tue, was zu tun ist.

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altenglisch: Ós
altnordisch: Áss
Bedeutung: Wind
Lautwert: A
Zahl: 4
Schreiben: A
Kraft: passiv
Geschlecht: männlich
Aett: 1. Freyr
Götter: Odin
Baum: Esche
Pflanze: Purpurwinde
Kraut: Fliegenpilz
Edelstein: Smaragd
Farbe: dunkles Blau
Elemente: Luft
Halbmond: 11.  Neumond
Zeit ca.: Ende Sep. – Mitte Okt.
Schlagworte: Wind, Atem, Inspiration, Gott (Ase), Ekstase, spirituelle Macht, Wort, Dichtung, Gesang, Wissen, Mund (Quelle göttlicher Äußerungen)
Bedeutung: Diese Rune symbolisiert den Wind, welcher alles durchdringen kann. Der Wind steht auch für die Kommunikation. Diese Rune repräsentiert die gewaltige Energie und Stärke von Uruz, kombiniert mit der Disziplin und Erfahrung von Thurisaz. Diese Elemente werden auch in Odin kombiniert, der die Charakteristiken des Häuptlings mit denen des Schamanen kombiniert. Odin ist der Gott des Krieges und der Weisheit. Ansuz ist eine ausbalancierte Rune. Wie bei Fehu entscheiden sich viele Menschen an diesem Punkt ihrer Reise zu verharren. Ansuz repräsentiert Macht, sowohl weltlich wie auch magisch, und ihre Macht kann sehr verführerisch sein. Odin lernte die Lehren der ersten drei Runen und so ist es ihm möglich, weise zu herrschen, aber eigentlich ist dies nur ein neuer Anfang. Es fehlen noch viele Elemente in diesen drei Runen und damit auch in seiner Erfahrung.

Mythologie: Ansuz unterstützt den Kontakt zu den Gottheiten, und Odin hat einen besonders starken Bezug zu ihr. Ansuz steht für die Asen, deren höchster Odin ist. Dies ist übrigens nicht überall in der germanischen Welt so. Manchmal steht Tyr an der Spitze, manchmal Thor. Dies ist von Region zu Region verschieden und auch eine Frage der Zeitepoche, denn zu Beginn der nordischen Kultur steht Odin noch nicht an der Spitze der Götter. Ursprünglich befand sich Tyr dort und wurde später durch Odin verdrängt. Odin ist es schließlich auch, der im späteren Verlauf der Geschichte den ersten Menschen den Atem (Önd, Ond oder Anda) verleihen wird. In Indien nennt man diesen Lebensatem Prana, manche deutschen Mystiker nannten es Od, und im allgemeinen heißt die Lebensenergie auch heute noch in Deutschland Atem oder Odem. Ansuz steht also in enger Verbindung mit den Asen und so auch mit Odin. Manchmal wird in der Form der Ansuz-Rune der wehende Umhang des Gottes Odin gesehen. Ihre Form könnte aber auch auf das Piktogramm eines fliegenden Raben zurückgehen (wenn man sie um 90° nach links dreht). Der Rabe ist ebenfalls ein Sinnbild Odins, denn zwei Raben begleiten ihn überall hin. Sie heißen Hugin (Sinn, Gedanke) und Munin (Erinnerung, Wille) und raunen dem Gott ins Ohr, was sie auf ihrem Flug durch die Welt sahen und tragen ihm Informationen aus aller Welt zu. Die Asen spenden den Menschen den Atem, die Luft zum Leben und die Luft des Lebens. Die beiden Runen Thurisaz und Ansuz halten das kosmische Gleichgewicht aufrecht, Ansuz als Prinzip der Ordnung und Thurisaz als Prinzip des Chaos. So verwundert es auch nicht, daß Odin, welcher ja von den Riesen abstammt, oft selbst als Gott des Chaos auftritt und sich immer mit einem Fuß am Rand der sogenannten Legalität bewegt. Odin gleicht in vielem Merkur, dem Gott der Händler. So steht Odin auch für die Kommunikation und die Beseelung der Welt durch das Wort. Wenn man Dinge beim Namen nennen kann, verlieren sie ihre Macht und Wirkung dies ist bei Wesen der Anderswelt genauso wie bei psychosomatischen Krankheitsbildern. Ansuz ist die Rune des Odin als Gott der Magie und der Ekstase, die Rune des Empfangens, des Bewahrens, des Umwandelns und des Ausdrückens von spiritueller Macht und göttlichem Wissen. Diese Kraft wird direkt von den Asen empfangen und in der Menschheit transformiert, um dann gegenüber dem Multiversum wieder in Form magischer und religiöser Handlungen zum Ausdruck gebracht zu werden. Ansuz verkörpert das Medium, durch welches göttliches Wissen empfangen wird, den Träger dieser Macht, und die Kraft selbst, die sich als ekstatischer Zustand manifestiert. Diese Gleichheit von Träger und Inhalt kommt bei den Symbolen für einen Zustand der Inspiration oder der Ekstase häufig vor. In der nordischen Mythologie sind sowohl der poetische Met der Inspiration als auch das Gefäß, welches ihn enthält, unter dem Namen Odhroerir (derjenige, der Inspiration auslöst) bekannt. Ansuz ist die Ekstase, aus der ein großer Schatz an Weisheit und Wissen hervorgeht. Ansuz ist die Rune des Wortes, des Gesanges, der Dichtkunst und der magischen Beschwörung (Galdr) als Träger und Ausdrucksform magischer Kraft. Ansuz verkörpert die magische Kraft der Vorfahren, etwas, das von einer Generation an die andere weitergegeben wurde. Ansuz stellt ein ekstatisches Konzept dar, das die stabile institutionelle Kraft der Heimrune Othala ergänzt. Das Wissen und die Magie der Sprache empfingen die Ahnen von den Göttern und gaben es an alle weiteren Generationen durch das gesprochene Wort weiter, den Atem des Lebens. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen der mündlichen und der schriftlichen Form von Überlieferung. Ansuz ist die Rune der Poeten. Sie zeigt den ersten Schrei eines Neugeborenen, den letzten Schrei eines Sterbenden und das Flüstern in der Dunkelheit, welches die Angst vertreibt. Es ist die Rune der wilden Jagd, der Götter, welche die heulenden Winde reiten, die verlorenen Seelen sammeln und in die Arme der wartenden Ahnen führen. Sie kann dazu verwendet werden, Inspiration und Verständnis auszulösen. Sie fördert poetische Fähigkeiten.

Magie: Ansuz steht für den Wind, in dessen Säuseln das Flüstern Odins allgegenwärtig ist. Ansuz hilft, weise Entscheidungen zu treffen, verleiht Erfolg und Führerschaft und ist eine Hilfe bei Divination und Magie. Was Thurisaz fesselt, kann Ansuz lösen. Mit dieser Rune ist es möglich, sich aus den Fesseln der eigenen Ängste zu befreien, um der Selbsterkenntnis näherzukommen. Eine wichtige Funktion von Ansuz ist neben der Befreiung aus verschiedenen Fesseln die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit den Göttern – also den von ihnen repräsentierten Kräften und Archetypen im Menschen. Wenn man sich in einer verzwickten Situation befindet, fängt man manchmal zu beten an. Dieses Beten stellt eine Art der Kontaktaufnahme dar, und in der Regel bekommt man auch durch die Ansuz-Kraft Hilfe. In diesem Augenblick durchflutet den Menschen die kosmische Inspiration (das unbewußte Wissen) und hilft ihm aus dem Schlamassel heraus. Über die Ansuz-Rune kann man Kontakt zu den Göttern (dem Unterbewußtsein) und zur Geschichte seines Volkes aufnehmen. Ob dies in Form von Gebet oder Meditation geschieht, ist dabei nicht von Bedeutung. Fehu und Ansuz stehen in einer engen Beziehung zueinander. Fehu repräsentiert das kosmische Feuer, die chaotische Energie des Lebens, während Ansuz für das geistige Feuer des Lebensatems steht. Bei der magischen Arbeit kann man Ansuz benutzen, um Kontakt mit seinen Vorfahren aufzunehmen und über diese Visualisierungshilfe zu den Quellen des alten (unbewußten) Wissens zurück zu gelangen. Auch wenn man sich bei der Arbeit der Hilfe der weisen Götter (ebenfalls unbewußtes Wissen) bedienen möchte, kommt diese Rune zum Einsatz. Eines der Elemente Odins ist der Wind; so kann Ansuz dazu verwendet werden, den Wind zu besänftigen oder ihn zu rufen. Dies ist neben der tatsächlichen Bedeutung auch bildlich zu verstehen: Immer dann, wenn es Zeit für frische Luft ist, kommt Ansuz zum Zuge. Im negativen Sinne kann diese Rune auch dazu verwendet werden, einem Lebewesen den Atem zu nehmen. Zu diesem Zweck bedient man sich noch weiterer Runen, so daß sich eine wirkungsvolle Binderune ergibt. „Den Atem nehmen“ bedeutet in kleinerem Rahmen, jemanden zum Schweigen zu bringen   und im Großen, jemandem das Leben, beziehungsweise die geistige Kraft nehmen.

Anwendung: Positiv angewandt, stärkt Ansuz die Kommunikation mit den Gottheiten beziehungsweise dem Archetypischen im Menschen, neutral stellt sie die überall vorkommende Energie des Universums dar und in ihrer negativen Ausformung bringt sie den Anwender zurück zu allem Irdischen. Gerade bei der sogenannten negativen Ausformung dieser Rune erkennt man die Sinnlosigkeit jeglicher Wertung in diesen Bereichen.

Wirkung: Steigerung sowohl der aktiven als auch der passiven magischen Kraft divinatorischer Fähigkeiten. Überzeugungskraft des sprachlichen Ausdrucks, Macht der Suggestion und Hypnose. Erlangen von kreativer Weisheit, Inspiration, Ekstase und Kommunikation mit Göttlichem. Verbannung von Tod und Furcht durch das Wissen. Förderung der Inspiration und Überzeugungskraft, Zugang zu Ekstase und Kreativität. Amulette gegen Intrigen und üble Nachrede. Talismane für sprachliche Aktivitäten und zur Steigerung der Intuition und Sensitivität.

Heilrune: Zuständig für Mund, Zähne und Sprachstörungen. Behandlung von Organen des Sprechens und deren Erkrankungen, unterstützend bei Heilsuggestionen. Ansuz kann auch als Lebensretter-Rune dienen. Man kann zum Beispiel nach einem schweren Unfall während der Erste-Hilfe-Maßnahmen Ansuz projizieren, um Hilfe und Unterstützung der Götter (in diesem Fall innere Heilkräfte) zu gewährleisten.

Orakelbedeutung: Segnungen, vor allem in Zusammenhang mit Religion. Der Trost des Glaubens. Autorität, Führer, Balance zwischen Körper und Geist, Gerechtigkeit.

Runenbotschaft: Man erkenne die Macht des richtigen Gedankens. Man lasse die Inspiration zu, indem man sich ihr von ganzem Herzen öffnet. Man lege alle Vorurteile ab. Man lausche der göttlichen Stimme in seinem Inneren, man finde die Wahrheit und werde wahrhaftig. Gemeint ist der Geist Odins oder Wotans, die Verständigung mit dem Göttlichen im Menschen selbst. Hier wird die Einheit zwischen menschlichem Bewußtsein und göttlichen Gedanken symbolisiert; auch im Sinne der platonischen Ideenlehre, wonach alle   Gedanken Erinnerungen sind, die aus dem göttlichen Ursprung des Menschen kommen. Die Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung) als Begleiter Odins zeigen die Wichtigkeit dieses Prinzips. Gedanken und Erinnerungen sind die ständigen Weggefährten im Leben.

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Raidho
germanisch: Raiðo
gotisch: Raiða
altenglisch: Ráð
altnordisch: Reið
Bedeutung: Reiten
Lautwert: R
Zahl: 5
Schreiben: R
Kraft: aktiv
Geschlecht: männlich
Aett: 1. Freyr
Götter: Thor
Baum: Eiche
Pflanze: Löwenmaul
Kraut: Beifuß
Edelstein: Chrysopras
Farbe: leuchtendes Rot
Elemente: Luft
Halbmond: 10.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Sep. – Anfang Okt.
Schlagworte: Reiten, Rhythmus, Reisen (auch Geist- und Astralreisen), Weg, Wagen, Konzentration der Kraft auf ein Ziel, Urteil, Ratschlag, innere Ordnung, Reise der Seele nach dem Tod, Reise-Amulett
Bedeutung: Raidho bedeutet Ritt und Rhythmus. Die Rune symbolisiert den Rhythmus des Reitens, der Bewegung und die Gabe, zur rechten Zeit am rechten Platz zu sein, und somit Glück im Leben zu haben. Raidho ist das Gesetz des Wirklichen und umschreibt die Reise Suchender auf den Wegen der geistigen Welt ihrer Vorfahren. Sie symbolisiert die Bewegung und Entwicklung nach den Naturgesetzen. Damit kann Raidho auch als Rune des Schicksalsprinzips gesehen werden, als Vollendung der Lebensgesetze in und um dem Menschen. Raidho beschreibt den Weg des Lebens, den der Mensch in einer feindlichen und fremden Umwelt zu durchreisen hat. Die Erfahrungen, die er auf seiner Lebensreise sammelt, ermöglicht es ihm, sein Urteilsvermögen zu entwickeln und Weisheit zu erlangen. Immer wieder wird der Krieger getrieben, durch die feindliche Welt zu reiten, diese in all seinen Erscheinungsformen kennenzulernen und so Wissen und Urteilsvermögen zu erlangen, indem er die Gesetze des Lebens kennen und verstehen lernt. Dies steht in Verbindung mit der germanischen Rechtsprechung, die sich an den Naturgesetzen orientiert. Sie strebt den Ausgleich oder die Wiederherstellung des durch menschliche Tat wider den Naturgesetzen gestörten Gleichgewichtes an. Nur derjenige kann Recht sprechen, der genug von der Welt gesehen hat und sich nicht scheut, immer wieder in sie hinauszutreten. Die verwöhnten Sprößlinge einer dekadenten Wohlstandsgesellschaft sind nicht in der Lage, Recht zu sprechen, sie sind nur die Knechte der Entfremdung von der Weisheit der Ahnen. Erkenntnisse möchten in die Tat umgesetzt werden. Wissen, das nicht umgesetzt werden kann oder wird, ist trocken und verliert seine Kraft; ganz besonders in Zusammenhang mit der eigenen Entwicklung. Gerade diesen Prozeß beschreibt die Abfolge Ansuz-Raidho vortrefflich. Das durch Ansuz gewonnene Wissen (die Inspiration des göttlichen Geistes) wird durch die folgende Raidho-Rune in Bewegung gebracht. Das Gehen, das Reisen und die Fortbewegung schlechthin sind die treffenden Sinnbilder dieser Rune, und zu all dem gehört auch der Rhythmus, und damit hat man den wichtigsten Aspekt dieser Rune dazugewonnen: Reisen im eigenen Rhythmus fordert den richtigen Weg. Letzterer ergibt sich nämlich ganz von selbst, wenn man sich wirklich in seinem eigenen Rhythmus bewegt und die Fremdbestimmung, soweit es nur geht, hinter sich läßt. Das Leben bringt es mit sich, daß man sich nach anderen Menschen richten muß, daß man sich zum Beispiel bei seiner Lohnarbeit nach einem fremden Rhythmus zu richten hat – dabei gibt man sich selbst teilweise auf und verläßt den eigenen Weg. Dabei wären Menschen, die ihren eigenen Takt und ihre eigenen Zeiten gefunden haben, wesentlich zufriedener mit sich selbst, und vor allem wären ihre Leistungen wesentlich effizienter. Raidho steht für eine Suche, eine Reise oder allgemein den rechten (im Sinne von „richtig“) Weg. In diesem Zusammenhang steht Raidho auch für die Strecken, welche die Sonne und die Sterne auf ihren zyklischen Bahnen zurücklegen. Jeder kann mit etwas Übung auf einem Pferd kurze Entfernungen zurücklegen. Das Geheimnis dieser Rune ist unter anderem aber die Ausdauer. Hohe Ziele erreicht man nur, wenn man das Ziel nicht aus den Augen verliert und mit echtem Willen den Weg hinter sich bringt, ohne sich dabei durch Probleme vom Ziel abbringen zu lassen.

Mythologie: Raidho steht mit Thor im Zusammenhang und symbolisiert das Rad seines Streitwagens. Dreht man die Rune um 90° im Uhrzeigersinn, kann man diese Symbolik erkennen. Raidho ist auch das Rad des Sonnenwagens. Raidho steht für den Weg im Leben eines jeden und wie er mit anderen Wegen zusammentrifft oder sie kreuzt. In der nordischen Mythologie werden diese Pfade als Fäden auf einer Spindel des Schicksalsrades gesehen, die von den Nornen gesponnen werden. Die Nornen sind drei Schwestern, die nahe bei der Wurzel Yggdrasils wohnen und diese mit dem Wasser aus der Quelle des Wyrd (altnordisch: Schicksal) begießen. Sie spinnen sowohl die Fäden der Götter, wie auch die der Menschen, aber was am wichtigsten ist, sie verstehen die Zusammenhänge zwischen Runen und Magie. Dieses komplexe Gebilde aus Fäden bildet ein Netzwerk. Jedes Ereignis formt einen anderen Weg auf diesem Netz. Wenn man an einem Faden vibriert, zittern viele andere mit ihm. So können bestimmte Ereignisse wieder zurück auf die Sicherheit Fehus schlagen, ohne daß man dies wirklich wollte. Raidho erinnert daran, daß, obwohl man seine Ziele erreicht hat (Ansuz), das Leben stetig weiter geht und man auch nicht stehen bleiben kann. Vielleicht kommt man sogar dort an, wo man gestartet war, aber auf einer anderen Ebene, die Reise endet niemals…

Magie: Raidho ist als Rune des Rhythmus und des Tanzes auch grundsätzlich die Rune des Kultes und der Rituale. Das Wort Ritual stammt sogar etymologisch von Raidho ab. Man „reitet“ ein Ritual in einem bestimmten Rhythmus, und jedes Ritual ist auch eine Reise in die geistige Welt. Das Ritual ist eine rhythmische Abfolge von magischen Handlungen, mit der man die Persönlichkeit und somit die Umwelt verändern kann (wie innen – so außen). Da Raidho ganz wesentlich mit dem Rhythmus des Lebens zusammenhängt, kann man diese Rune natürlich dazu verwenden, wieder in diesen Rhythmus hinein zu kommen und dann zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein – was wiederum die Wunder des Lebens ermöglicht. Durch Raidho kann man sich den Lebensweg ebnen, da man über die Stolpersteine hinwegsetzt. Durch die Raidho-Kraft wird man zum Ritter seines eigenen Lebensweges, man reitet selbst und wird nicht geritten. Raidho beschützt das Reisen. Alles, was man mit dem Reisen in Verbindung bringen kann, trifft meist auch auf Raidho zu. Ein Raidho-Amulett ist ein guter Schutz für ein Fahrzeug.

Anwendung: Konstruktiv angewandt, bringt Raidho die Gabe des Glücks und des in der eigenen Kraft ruhenden Lebens, neutral stellt sie die kosmischen Rhythmen dar, und destruktiv führt sie aus dem Rhythmus heraus, läßt manchmal sogar alles rückwärts ablaufen, oder Begebenheiten wiederholen sich, als Fluch oder zur Erkenntnis.

Wirkung: Förderung ritueller Fähigkeiten und Erfahrungen. Hilfe zum Zugang zu „innerer Führung“. Stärken des Bewußtseins für richtige und natürliche Vorgänge. Verschmelzen des persönlichen mit dem Weltrhythmus. Erfahrung von Gerechtigkeit. Förderung von Mobilität. Beschleunigen oder Stabilisieren von Zyklen. Festigung der eigenen Mitte. Schutz auf Reisen. Sieg bei Gerichtsprozessen. Amulette gegen Prozeßverluste und Reiseunfälle. Talismane für Gerichtsverhandlungen und Reisen. Die negativen Aspekte von Raidho sind: Stagnation, Unbeweglichkeit, Verlieren des Rhythmus beziehungsweise der Kontrolle über das „Pferd“. Somit kann man die dunkle Seite der Rune auch benutzen, um jemandem „vom hohen Roß“ zu werfen. Die Beschäftigung mit Raidho oder die Wirkung ihrer Energie trägt manchmal seltsame Früchte, denn um in den eigenen Rhythmus zu kommen, zerstört die Rune oft den alten völlig. Die alten, längst überfällig gewordenen Mauern werden niedergerissen, und man steht vor einem Scherbenhaufen, aus dem man mit neuem Rhythmus und neuer Identität wieder ins Leben hervorgeht.

Heilrune: Zuständig für Beine und Gesäßbacken. Einsatz zur Wiederherstellung einer gesamtorganischen Ordnung von Geist und Körper. Behandlung rhythmischer Störungen.

Orakelbedeutung: Reise, sowohl physische als auch weltanschauliche. Die richtige Entscheidung fällen und ausführen. Die Rune kann für einen Vorgang der Veränderung stehen.

Runenbotschaft: Man lerne die Welt und ihre natürlichen Gesetze kennen, nach denen sich alles bewegt. Man werde durch sie weise und gerecht. Bei Raidho geht es um den Rhythmus und um den eigenen Weg. Man sollte einfach mal sein eigenes Leben betrachten und sehen, wieviel davon von einem selbst bestimmt wird und wieviel man wegen den Anforderungen von außen macht. Man sollte versuchen, hierbei mindestens ein Verhältnis von 51:49 herzustellen. Dabei ist es ausgesprochen wichtig, daß man erst einmal wieder lernt, etwas für sich selbst zu tun, somit herauszufinden, was man selbst will und – natürlich – seinen eigenen Rhythmus zu finden. Selbständig arbeitende Menschen haben es da wesentlich leichter als die Knechte von Lohn und Brot, aber es geht bei beiden, wenn der Willen und die Inspiration vorhanden sind. Man denke einfach nur an die bisherige Abfolge des Futhark: Fehu liefert die Energie, Uruz die Bodenständigkeit und den Willen, Thurisaz die Wut und die Kraft, Ansuz die göttliche Inspiration des Geistes und Raidho den Rhythmus des eigenen Lebens. Nach dem Willen und dem Geist formt sich nun der Rhythmus einer Struktur heraus und kann Anwendung finden. Ein Pferd hört man schon von weitem kommen, man erkennt dessen Geschwindigkeit am Rhythmus des Hufschlags. Somit erschließt sich hier die Bedeutung der Raidho-Rune in Bezug auf das Reiten, einer der wichtigsten Fortbewegungsmethoden früherer Zeiten. Das Pferd ist ja seit seiner Domestizierung ein Freund des Menschen, und es gibt wohl nur wenige Tiere, mit denen man eine so innige Beziehung aufbauen kann wie mit Pferden. Wichtig beim Reiten ist der Einsatz des eigenen Willens, denn wenn das Pferd bemerkt, daß man diesen verliert, wird es einem mit seinem eigenen Willen durchgehen. Raidho hat also auch etwas mit der Kontrolle des Weges durch den eigenen Willen zu tun. Hier hält sozusagen die Struktur in das menschliche Leben Einzug. Es geht bei dieser Rune jedoch nur um die Symbolik oder die Tätigkeit des Reitens und nicht um das Pferd selbst. Dieses kommt erst im letzten Aett zum Zuge. Raidho steht mit dem Prinzip der Fortbewegung in Verbindung und dank des Laufs der Zeit kann man sich bewegen, ohne den Ort zu verlassen. Die Zeit wird zum Transportmittel der Entwicklung. Mit den Runen kann man verändernd auf den Rhythmus des Lebens einwirken.

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Kenaz
germanisch: Kenaz, Kaunaz
gotisch: Kusma (Schwellung)
altenglisch: Cén
altnordisch: Kaun (Geschwür)
Bedeutung: Feuer
Lautwert: K
Zahl: 6
Schreiben: K / Q / X
Kraft: passiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 1. Freyr
Götter: Heimdall, Freyja
Baum: Föhre, Kiefer
Pflanze: wilde Rose
Kraut: Sumpfdotterblume
Edelstein: Blutstein
Farbe: helles Rot
Elemente: Feuer
Halbmond: 10.  Neumond
Zeit ca.: Anfang Sep. – Ende Sep.
Schlagworte: Feuer, Fackel, Kien(span), Erneuerung durch Tod und Opfer, Rune des Schmiedes und des Künstlers, Transformation, sexuelle Liebe, Entzündung, Schaden durch Feuer, Geschwür, assoziiert mit dem Kulten der Göttin Nerthus
Bedeutung: Kenaz bedeutet Kien(span), Fackel oder Feuer. Wenn man die Sonnenstrahlen in einem Parabolspiegel einfängt, entsteht im Brennpunkt extreme Hitze. Ein solches Feuer symbolisiert Kenaz. Somit kann man diese Rune als Rune der Erkenntnis bezeichnen, welche erst durch die Spiegelung in einem Gegenüber ermöglicht wird. In der modernen Version bedeutet das schottische „Ken“ soviel wie „wissen“ oder „verstehen“, und so sollte diese Rune auch interpretiert werden. Heute werden Inspiration und Wissen häufig mit Licht gleichgesetzt: „jemandem geht ein Licht auf“, oder bildlich erscheint er mit einer Glühbirne über dem Kopf. So bildlich kann man diese Rune auch deuten. Kenaz steht auch für das Licht von Sonne und Mond, und die Rune ähnelt in der Form doch einer Mondsichel. Anders als bei Thurisaz erlaubt Kenaz lediglich kleine Stücke der Weisheit zu erfahren, nur soweit man es braucht. Meistens kommt die Erkenntnis in Form einer plötzlichen Eingebung, und man sieht dann klar, was sonst verborgen war. Diese Denkweise ist mehr mit der rechten Gehirnhälfte verbunden, der Hälfte, die bei Frauen ausgeprägter ist. Dem Reisenden durch die Runen wird mit Kenaz ein weibliches Element mitgegeben. Kenaz ist das Symbol für Umwandlung jeder Art, ob diese im Inneren eines Menschen stattfindet (in Form einer Erleuchtung) oder diese sich auf der Ebenen der Umformung von Energie in Materie vollzieht. Auch das Feuer einer Idee und Erkenntnis, die im Inneren brennt und den Menschen erleuchtet, ist hier gemeint. Kenaz ist auch das Feuer der Leidenschaft, das im Menschen brennt und ihn zu verzehren droht. So versinnbildlicht Kenaz darüberhinaus die sexuelle Energie, die der Eingeweihte zu seiner Wandlung und Vollkommenheit nutzt. Auch diese Energie muß in geordneten Bahnen gehalten werden. Kenaz mahnt, den Körper rein zu halten, denn alles, womit man sich schadet und seine Lebensenergie schwächt, geht auch auf seine Nachkommen über. Kenaz ist aber wie ein Parabolspiegel eben auch ein Spiegel. Schaut man in einen so geformten Spiegel hinein, sieht man seltsam aus, aber durch den vergrößernden Effekt, kann man einzelne Dinge besser erkennen (Schminkspiegel sind deshalb häufig Hohlspiegel). Ähnlich ist es auch in der nicht ganz so alltäglichen Wirklichkeit. Kenaz verwandelt das Selbstbild erheblich. Das Feuer der Erkenntnis erhellt schonungslos das vergrößerte Detail, und somit kommt man wieder bei der Bedeutung dieser Rune als Fackel an. Reflektieren bedeutet auch, über etwas nachzudenken und es mit dem Intellekt zu durchleuchten, sich eine eigene Meinung zu etwas zu bilden. Man schafft sich also ein eigenes Bild, welches sich aus den erhaltenen Informationen und den eigenen Erfahrungen zusammensetzt. Die Reflektion des Intellekts erleuchtet also das Bewußtsein und bringt Licht in das Dunkel des Unterbewußtseins. Kenaz ist auch für das Konzept der Verwandtschaft (engl.: kin) von Bedeutung, besonders in Zusammenhang mit jenem Teil der Stammesüberlieferungen, der eine Einheit der lebenden und toten Stammesmitglieder vertritt. Eine andere, aber sekundäre Bedeutung von Kenaz ist im Jüngeren Futhark in Form der Kaun-Rune zu finden, die statt der Kenaz-Rune im Älteren Futhark jetzt den K-Laut vertritt. „Kaun“ bedeutet im Nordischen Geschwür und das damit verwandte gotische „Kusma“ (Schwellung), und geraten die Kenaz-Kräfte außer Kontrolle, mag Kenaz tatsächlich zum Geschwür werden, welches ungezügelt wächst und ein   negatives Feuer (Fieber, Entzündung, Wundbrand) verursacht. Die Zerstörung des Gesunden durch destruktive Energie ist die Bedeutung der Kaun-Rune.

Mythologie: Ein weiterer Aspekt von Kenaz ist die Erzeugung eines Dritten aus der Vereinigung von Zweien. Gegensätze werden in einer ästhetischen Art und Weise zusammengefügt und das Ergebnis dieser Vereinigung im Sichtbaren manifestiert. Kenaz ist daher die Rune menschlicher Leidenschaft, Lust und sexueller Liebe in ihrer positiven Bedeutung. Hier liegt die emotionelle Wurzel der Kreativität in allen Bereichen. Dieser Aspekt der Rune entspricht in vielem der Göttin Freyja. In der Halle spendet die Fackel Licht und Sicherheit, die dunkle Nacht wird erhellt, der Mensch kann in seinem Schein kreativ tätig sein oder gesellig beisammen sitzen, um das Nachtmahl einzunehmen. Kenaz ist die Idee, welche die dunkle Götternacht erhellt und im neuen Göttertag umgesetzt wird. Auf jeden Fall ist hier ein schöpferischer Moment in Form von Lichtwerdung und Transformation versinnbildlicht. Die Kraft, die in diesem Vorgang steckt, beherrscht der Mensch und nutzt sie, um kreativ zu formen. Kenaz ist das heilige Feuer des Herdes,   an dem die Germanen ihr Ahnenopfer dargebracht haben, und das heilige Feuer der Schmiede, das die göttliche Schaffenskraft symbolisiert. Kenaz verkörpert das Mysterium der Regeneration durch Tod oder Opferung. Sie ist die Rune des Feuers, d.h. des vom Menschen kontrollierten Feuers in Form der Fackel. Rituell gesehen ist Kenaz das Feuer der Schöpfung, des Opfers, der Feuerstelle und der Esse – vom Menschen kontrolliertes und einem bestimmten Zweck dienendes Feuer. Die Verbrennung als Begräbnisritual erleichtert die Transformation der psychischen Aspekte des Menschen in neue und regenerierte Formen und verhindert ihren Rückfall in die physische Ausgangsform. Im Opferfeuer wird das Fleisch des Opfertiers gegart und geheiligt und damit vorbereitet für den Genuß durch Götter und Menschen. Das Feuer wird stets als transformierende und regenerierende Kraft angesehen.

Magie: Kenaz ist in der Tat wie ein Parabolspiegel. Bei einem solchen wird etwas eingefangen und wieder   abgestrahlt, wobei alles Eingefangene auf einen Brennpunkt gebracht wird – so auch bei Kenaz. Mit ihrer Hilfe kann man auch magisch sehr genau „peilen“ beziehungsweise feststellen, aus welcher Richtung etwas kommt. Ob das nun positive Energie eines Freundes ist oder sogar ein magischer Angriff (im ersten Moment unterscheiden sich diese Wahrnehmungen sowieso selten), man kann es anpeilen und orten. Selbstverständlich geht das auch mit allen anderen Formen von „Sendern“. Man wird durch Kenaz aber nicht zum einem Empfänger, denn man nimmt nicht auf, sondern sammelt und fokussiert lediglich. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Gerade aus diesem Grund eignet sich Kenaz auch hervorragend dazu, magische Angriffe (oder wie immer man diese wenigen Momente im Leben auch betiteln mag, bei denen man ganz deutlich spürt, daß etwas von außen auf einen einwirkt und die Schutzschichten des eigenen Raumes durchbrechen will) abzuwehren. Das auf einen Gesendete wird ganz einfach gesammelt und wieder zurückgeschickt. Mit dieser Technik zieht man sich auch keinen Ärger zu, solange man diese Energie nicht noch zusätzlich verstärkt – einfach nur zurückschicken, das genügt völlig. Im Runenlied Odins heißt es: „…so wer mich versehrt … und den andern allein der mir es antut, verzehrt der Zauber, ich bleibe frei.“ Odin schickt mit der Rune Kenaz den Runenzauber wieder zurück zum Absender und bleibt unversehrt. Kenaz verkörpert außerdem die Fähigkeit und den Willen, etwas hervorzubringen und zu erschaffen. Sie ist deshalb die Rune des Künstlers und Handwerkers und ein Symbol für die technischen Aspekte der Magie. Die kontrollierte Macht der Psyche wird mit der kontrollierten Energie der Natur kombiniert und aus dieser Verbindung geht das Werk hervor. Feuer hat aber auch einen zerstörerischen Aspekt, der dann wirkt, wenn die Macht von Kenaz unkontrolliert eingesetzt wird. Das Element Feuer ist zunächst undifferenziert, kann aber als Herdfeuer oder Hausbrand völlig unterschiedliche Konsequenzen hervorrufen. Wenn es ausbricht, kann es als grundlegendes Element der Schöpfung im spirituellen Sinne sowohl Kreation als auch Zerstörung bewirken. Eine angemessene Kontrolle dieser Kraft ist sehr wichtig.

Anwendung: Positiv ermöglicht Kenaz den Zugang zur inneren Fackel des Wissens, neutral spiegelt sie die Welt (welche auch immer) und negativ wirft sie den Menschen auf sich selbst zurück, entzündet ein Feuer unter dem trägen Hintern. Einer der negativen Aspekte dieser Rune wäre ihre Anwendung als unerwünschtes, bewußtseinserweiterndes Instrument bei Menschen, die nicht darum gebeten haben. Man macht ihnen dann sprichwörtlich „Feuer unter dem Hintern“, und sie werden gezwungen, mit der freigesetzten Energie etwas in Bewegung zu setzen. Entweder sie rennen vor sich selbst und ihren Problemen davon, oder sie bezwingen eine weitere Hürde auf dem Lebensweg. Auch ein noch so gut gemeinter Versuch, einen Menschen auf seinem Weg weiterzubringen, kann mehr Schaden als Nutzen anrichten, wenn er nicht selbst darum gebeten hat. Derartige gut gemeinte Hilfe kann eine sehr negative Ausübung von Magie sein.

Wirkung: Fördert die Fähigkeiten auf allen Gebieten. Kreative Inspiration. Prozesse der Regeneration und Heilung. Liebe (insbesondere die sexuelle). Schutz vor Feuer. Besänftigen von cholerischem Temperament. Aktive Verteidigung, Gegenangriffe. Amulette gegen Brandausbrüche, Fieber und Entzündungen. Talismane zur Steigerung von Kreativität und sexuellem Erfolg.

Heilrune: Behandlung von Entzündungen, Vereiterungen, Brandwunden und Fieber, Erkrankungen des Genitalbereichs, Heilung von Augenleiden. Kenaz verstärkt Heilungsprozesse.

Orakelbedeutung: Möglichkeit gesundheitlicher Probleme sowie allgemeiner geistlicher und körperlicher Kränklichkeit oder des Unbehagens. Kenaz kann Gefahr oder eine innere Sperre darstellen, die zum Erreichen der eigenen Ziele überwunden werden muß. Aber es kann auch Weisheit, Einsicht, die Lösung eines Problems, eine kommende kreative Phase, Inspiration oder Erleuchtung bedeuten.

Runenbotschaft: Man halte seinen Geist, seine Seele und seinen Körper rein, damit sich die schöpferische Kraft, die in einem wohnt, entfalten kann und auch für seine Nachkommen erhalten bleibt. Man entwickle Klarheit über die konstruktiven Aspekte seiner Leidenschaften und nutze sie zur Förderung seines Lebens. Man lerne, kreativ mit den Kräften des Feuers auf allen Ebenen umzugehen. Feuer kann Leben erhalten und es auch zerstören – vom Menschen allein hängt es ab, wie er es nutzt.

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Gebo
germanisch: Gebo
gotisch: Giba
altenglisch: Gyfu
altnordisch: Gipt
Bedeutung: Gabe
Lautwert: G
Zahl: 7
Schreiben: G
Kraft: aktiv
Geschlecht: beide / neutral
Aett: 1. Freyr
Götter: Odin
Baum: Ulme
Pflanze: Eberraute
Kraut: Stiefmütterchen
Edelstein: Opal
Farbe: dunkles Blau
Elemente: Luft
Halbmond: 9.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Aug. – Anfang Sep.
Schlagworte: Gabe, Geschenk (auch aus den Geistwelten), Austausch, Gefolgschaft, Gabe der Götter an treue Gefolgsleute
Bedeutung: Gebo bedeutet Geschenk oder Gabe. Das Prinzip von Gebo beinhaltet dabei auch die Gegengabe, die sich aus einem Geschenk ergeben muß. Geschenke sind nicht nur Aufmerksamkeiten, sondern initiieren eine soziale Bindung. Gebo ist die Rune der Verbindung, besonders der Verbindung zwischen Menschen. Bis jetzt war die Reise durch die Rune eine einsame. Diese Rune repräsentiert die Orte, an denen man mit anderen interagiert und erlaubt eine Form der bewußten Beziehung zu anderen. Solche Beziehungen werden durch den Austausch gegenseitiger Geschenke gefestigt. Das Zeichen eines Geschenks als Symbol eines Schwurs oder eine Bundes ist ein sehr altes Ritual, so zum Beispiel im Lehnswesen. Man verschenkte Land und band damit die Bewohner an sich. Im Gegenzug mußte der Schenker das Land im Kriegsfall beschützen. Aber auch der Ring zwischen zwei Liebenden zeigt eine Verbindung durch Geschenke. Geschenke an die Götter haben die gleiche Grundlage. Diese Geschenke zeigen die Loyalität zu dem Gott und erwarten im Gegenzug die Akzeptanz des Gottes. Man erwartet aber direkt keine Gegenleistung. Gebo findet sich oft als Symbol der Gastfreundschaft im Gebälk von Fachwerkhäusern, manchmal absichtlich, meist aber aus statischen Gründen. Die Gebo-Rune zeigt sich durch das Überkreuzen zweier Balken als Struktur, die sich auch im Multiplikationszeichen × wiederfindet,   ein Symbol für Mehrung und Wechselbeziehung zwischen zwei Kräften, die mehr ergeben als nur die Summe ihrer Teile.

Mythologie: Das Göttertrio Odin, Wili (Hönir) und Ve (Loki) belebte die noch hölzernen ersten Menschen Ask und Embla, und seit dieser Zeit vergelten die Menschen den Göttern diese Gabe durch Treue und Opfer, was wiederum eine Gabe der Götter in Bewegung setzt und sich somit ein kontinuierlicher Kreislauf zwischen Menschen und Göttern entfaltet. Nachdem die Götter die ersten Menschen belebt hatte, bauten sie sich Asgard, die Heimat der Götter, welche mit der Welt der Menschen (Midgard) in Verbindung und Austausch steht. Dieser Austausch findet über die Regenbogenbrücke Bifröst statt, welcher die Brücke zwischen Asgard und Midgard darstellt. Auf diesem Wege kommen die Energie und die Gaben der Götter auf die Erde. Durch diesen gerechten Austausch entsteht Stabilität. Um zu einem ausgeglichenen Leben zu gelangen, ist es wichtig, die Konflikte unter Menschen sofort beizulegen und zu klären. Ein ungeklärter Konflikt wirkt sonst wie ein schleichendes Gift und macht die Kraft von Gebo zunichte. Gebo steht auch für die vier Himmelsrichtungen und die vier Elemente und die sich aus deren Kräften ergebende energetische Stabilität auf der Erde. Die Opferriten waren Mittelpunkt der germanischen Religion. Sie stellten eine Initiation dar, welche die Verbindung zu den Göttern ermöglichte. Der Germane opferte nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit und zum symbolischen Erhalt des natürlichen Gleichgewichts für empfangene und erwünschte Gaben. Gebo ist die Rune der „Gabe der Götter“ an die Menschen und umgekehrt. Ein Verhältnis gegenseitigen Gebens und Nehmens herrscht zwischen Menschen und Göttern, zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur. Wer nicht gibt, dem   wird nicht gegeben, der tritt aus dem so wichtigen Austausch heraus, entzieht sich jeden Wirkens und der Weiterentwicklung in der Welt. Das Gebo-Prinzip kommt in dieser gegenseitigen Abhängigkeit von Geben und Empfangen voll zum Ausdruck. Man lebt durch seine Götter (die man als archetypische Prinzipien im Inneren trägt), und sie leben durch den Menschen. Der diese Wechselbeziehung eingegangene Mensch wird zu einem Teil des Göttlichen und erfährt die Gaben der Götter in all ihrem Reichtum und ihrer Faszination (aus Gebo gehen Ingwaz und auch Othala hervor). Wer sich öffnet und sich den Göttern zum Geschenk macht, erhält den unendlichen Reichtum des germanischen Erbes als Gegengabe und die Verpflichtung, dieses Erbe zu pflegen und weiterzugeben. Die Götter sind solange tot, wie man nicht an sie glaubt. Findet man seinen Glauben an sie wieder, damit den Glauben an einen selbst, werden sie mit jedem einzelnen Menschen, der sich ihnen zuwendet, unendlich an Kraft gewinnen. Auch das genetische Material ist etwas, was von den Göttern als ewiges Geschenk und Verpflichtung gegeben wurde. Das menschliche Chromosom hat mit seinen beiden Chromatiden weiblichen und männlichen Ursprunges die Form der Gebo-Rune. Auch in der geschlechtlichen Beziehung zwischen Mann und Frau wirkt das gegenseitige Verhältnis von Geben und Empfangen. In diesem Bündnis verschmelzen beide zu einem schöpferischen Ganzen. Ohne dem, was der eine gibt, ist der andere unvollständig. Die Germanen wußten um dieses Mysterium, darum sah der Germane seine Frau als ihm ebenbürtig an. Er schätzte ihre weiblich-intuitive Geisteskraft, ihre Kreativität und ihre lebensspendende Liebesfähigkeit als höchste Werte und war sich der Tatsache bewußt, daß sie zusammen Teil des heiligen Lebenszyklus sind. Die Frau hatte in der germanischen Gesellschaft ihren festen Platz als Mutter, Hüterin der Sippe, Heilerin, runenkundige Seherin und Priesterin und genoß in ihren Funktionen hohes Ansehen. Sie war dem germanischen Mann Kameradin in allen Lebenssituationen, wenn es sein mußte, auch mit der Waffe in der Hand. In der germanischen Mythologie erscheint sie als weise und wissend. Der Mann erhöhte sich erst durch sie zum Helden oder König, ja sogar der Auf- und Untergang eines ganzen Reiches ist von der richtigen Verbindung zwischen Mann und Frau abhängig. Auch die Walküren wählen den Helden und küren den König. Die südländische Mißachtung und Erniedrigung des Weiblichen kam erst mit dem Christentum in die nordisch-germanische Welt und erreichte ihren Gipfel in der systematischen Ausrottung wissender Frauen durch die Inquisition.

Magie: Man kann diese Rune benutzen, um disharmonische Zustände wieder ins Gleichgewicht, in Harmonie zu bringen. Auch als Binderune findet sie Verwendung, um entgegengesetzte runische Energien ins Gleichgewicht zu bringen. Selbstverständlich kann man Gebo auch für einen Fluch gebrauchen, indem man Gleiches mit Gleichem bekämpft, wobei dann jedoch das Risiko sehr groß ist, daß das „Geschenk“ wieder zurückkommt. Um zwei Menschen, Frau und Mann (also zwei entgegengesetzte Polaritäten), zusammenzubringen, kann man Gebo ebenfalls verwenden, denn sie harmonisiert. Männliche und weibliche Seelenseite sind in einem Menschen ins Gleichgewicht gebracht worden, und somit wird er zu einer Liebesbeziehung befähigt, die sein Seelengleichgewicht oder auch Ungleichgewicht wiederspiegeln wird. Gebo steht ferner in Bezug zur Ekstase – sei es nun die Ekstase, welche beim Zusammensein eines Paares entsteht oder die gnostische Ekstase eines magischen Rituals. Die Ekstase selbst harmonisiert (wie Gebo) unausgeglichene Kräfte. Aus der Vereinigung zweier Kräfte geht eine dritte hervor, und das ist Wunjo, die achte Rune des Futhark. Setzt man Gebo zur Harmonisierung und Zusammenführung zweier im Inneren befindlicher entgegengesetzter Kräfte ein, so wird eine Dritte daraus hervorgehen. Man kann diese Rune als Seelenmedizin verwenden, um Spannungen aufzulösen und in kreative Energie umzuwandeln. Gebo steht auch für das Mysterium der psychischen Vereinigung zweier oder mehrerer Menschen, um eine schöpferische Macht hervorzubringen, welche die Summe ihrer Einzelkräfte übersteigt. Es ist auch die Rune der sexuellen Magie. In altgermanischen Zeiten wurden sexuelle Magie besonders zur Erlangung göttlichen Wissens und göttlicher Weisheit praktiziert. Gebo ist die Rune der (nichtsexuellen) Liebe unter Geschwistern und der psychosexuellen Kraft, die zwischen zwei Kraftpolen ausgetauscht wird – zwei menschlichen oder zwei göttlichen. Im letzteren Fall steht Gebo für die sexuelle Lebenskraft, wie sie in der Fruchtbarkeitsmagie und in schamanischen Praktiken Anwendung findet.

Anwendung: Gebo ist die erste der fünf im Futhark vorkommenden Runen, die weder wend- noch umkehrbar sind. Man kann Gebo drehen und wenden, wie es einen beliebt, sie bleibt doch immer die Gleiche. So gibt es auch nur einen neutralen Aspekt und dieser ist das Prinzip, daß alles was man in die Welt gibt, auch wieder zurückkommt. Der negative Aspekt einer Gebo-Rune wäre allenfalls ein wohlgemeinter Wunsch für einen Mitmenschen, der jedoch noch gar nicht reif dafür ist. So wird der wohlgemeinte Wunsch zu einem Fluch. Gleiches wird mit Gleichem vergolten – das wäre die Schattenseite der Rune und ist auch die Warnung für Runenzauberer, denn da ein Austausch stattfindet, bekommt man nach dem Magiergesetz seine Flüche eines Tages auch irgendwie wieder zurück.

Wirkung: Sexualmagie (Einweihung durch Sexualmagie), mystische Vereinigung. Steigerung der magischen Kräfte. Harmonie zwischen Geschwistern und Liebenden. Magischer Einfluß im Reich der Götter und der Menschen. Erlangen von Weisheit. Fördern des Gruppenzusammenhalts. Schutz vor Unterwanderung und Zwietracht. Liebeszauber. Amulette gegen Geiz, Erstarrung und unberechtigte materielle Ansprüche anderer. Talismane für Liebe und Wohlstand Für Bindezauber sowie für Segenssprüche oder Flüche.

Heilrune: Zuständig für Vergiftungen, Kräftigen der inneren Mitte, Auflösen von Blockaden, Freisetzen des Energieflusses, Harmonisieren sexueller Strömungen.

Orakelbedeutung: Geschenke oder Gabe, sowohl im Sinne von Opfer als auch von Großzügigkeit, Verträge und persönliche Beziehungen. Gebo kann auch eine Verbindung, Liebe, Heirat oder Partnerschaft bedeuten.

Runenbotschaft: Man sei großzügig und gebe, denn daran erkennt man den wahren Wert eines Menschen. Man erlebe die Ekstase der Großmut und der Freigebigkeit. Man klammere sich an nichts – dann können die Energien ungehindert zum Wohle aller fließen. Am Ende wird man doch alles Materielle zurücklassen. Das gegenseitige Geben und Nehmen ist die Grundlage aller freien Entfaltung. Doch auch das Zuviel verabscheuen die Götter ebenso wie das Zuwenig. Man gebe auch sich selbst dem Göttlichen und empfange dessen Gaben. Im Hávamál steht geschrieben: „Der Freund soll dem Freunde Freundschaft gewähren und Gabe gelten mit Gabe. Hohn mit Hohn soll der Held erwidern, und Losheit mit Lüge.“

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Wunjo
germanisch: Wunjo
gotisch: Winja (Weide)
altenglisch: Wynn
altnordisch: Vend
Bedeutung: Wonne
Lautwert: P
Zahl: 8
Schreiben: W / V / Q
Kraft: passiv
Geschlecht: männlich
Aett: 1. Freyr
Götter: Odin
Baum: Esche
Pflanze: Rittersporn
Kraut: Flachs
Edelstein: Diamant
Farbe: Gelb
Elemente: Erde
Halbmond: 9.  Neumond
Zeit ca.: Anfang Aug. – Anfang Sep.
Schlagworte: Wonne, Freude, Sippe, Stamm, gemeinsame Wurzel und Herkunft, harmonisches   Zusammenleben, Kameradschaft, Vereinigung unterschiedlicher Kraftfelder, Abwesenheit von Leid und Kummer
Bedeutung: Wunjo bedeutet Wonne oder Freude und ist Ausdruck jener wohligen Zufriedenheit, die man in früheren Zeiten Wonne nannte. Diese Rune symbolisiert das Geschenk für die viele Arbeit, welches man unter Freunden findet, die einem auch in den schlimmsten Situationen nicht in den Rücken fallen. Wunjo ist die letzte Rune des ersten Aetts und steht damit für das Ende des ersten Zirkels und für die Vorbereitung der nächsten Gruppe. Es ist eine sehr positive und stabile Rune, aber ebenso ein Ort, an dem viele Menschen auf ihrer Reise verweilen. Sie ist mit Walhalla verbunden, denn ihr Paradies währt nicht ewig (in Walhalla wartet man auf die Götterdämmerung Ragnarök). Wie der Reichtum Fehus ist das Glück Wunjos nur eine temporäre Illusion. Man hat den Erfolg nur auf einer Ebene erreicht und es gibt noch viele Weisheiten zu lernen. Wunjo ist allerdings ein willkommener Ruhepunkt auf der Reise, eine Ort an dem man auftanken kann und sich auf den Rest der Reise vorbereiten sollte. Es ist auch der Zeitpunkt zu reflektieren, was man erreicht hat. Wunjo zeigt ein Stückchen von dem, was möglich ist, aber wenn man sich zu früh nach diesen fernen Zielen streckt, werden sie verschwinden, bevor man die Ziele erreichen kann. Das magische Werkzeug Wunjo als Hammer birgt eine große Palette an Möglichkeiten. Man kann beginnen, Pläne zu schmieden, denn jetzt ist ein Punkt der Ruhe und Zufriedenheit erlangt, den man nicht dazu nutzen muß, sich faul auszuruhen. Man kann auch einen Schritt weitergehen und sich in das Aett der Zauberer vertiefen. Niemand muß, doch jeder kann, wenn er will. Die bisher erarbeiteten Kräfte und Möglichkeiten des Bauern-Aetts geben die Standfestigkeit, die man benötigt, um in das Aett der Zwischenwelten zu gelangen. Mit Lebensfreude läßt es sich bekanntlich besser arbeiten als mit einer Portion Angst und Weltenschmerz. Wie man die Kraft von Wunjo letztendlich nutzt, bleibt individuell. Sie kann dazu dienen, Zufriedenheit herzustellen, zu seinem Stamm zurückzufinden oder eben, um Erwirtschaftetes im Leben zu sichern und zu erhalten. Mit Wunjo ist man nun am Ende des ersten Aett angekommen. Begonnen hat alles mit der feurigen Kraft, die für Fruchtbarkeit (Fehu) stand. Der Weg des Bauern ging weiter mit dem Auerochsen Ur (Uruz), die chaotischen Kräfte der Wetterriesen, der Thursen (Thurisaz) machten ihm zu schaffen, aber die Hilfe der Götter oder Asen (Ansuz) war ihm gewiß, und er erkannte den Rhythmus (Raidho) der Jahreszeiten. Er besann sich in stillen Stunden und sann über die gemachten Erfahrungen, sammelte Wissen und Kenntnis (Kenaz), welches er zusammen mit Freunden als Geschenk (Gebo) austauschte, um schließlich und endlich in seinem Stamm, seiner Familie die Wonne (Wunjo) seine ihm gebührende Stellung einzunehmen.

Mythologie: In der Welt der alten Germanen war die Gesellschaft „stammesorientiert“, denn ein starker traditioneller Clan bot den wirkungsvollsten Schutz gegen Eindringlinge von außen oder ein totalitäres System von innen. Indem er der Ehre und der Integrität des Stammes den Vorrang einräumte, war der Einzelne am besten imstande, seine Freiheit zu wahren. Wunjo verkörpert das Mysterium des harmonischen Zusammenlebens verschiedener verwandter Kräfte. Innerhalb der Stammesgemeinschaft stellt dies die Quelle höchster Freude dar. Wenn alle Mitglieder des Stammes in harmonischer Weise zusammenarbeiten, während sie in ihre Umwelt integriert sind, so herrscht ein wahrhaft heiliger Zustand. Wunjo wird offenbart, wo Menschen sich in ihrem Urgrund vereint erleben (aus Laguz wird Wunjo). Sie ist die Rune der Seelenverwandtschaft, auf deren Grundlage Menschen ihre fruchtbaren Beziehungen aufbauen sollten, und der man als verbindende Gemeinsamkeit Vertrauen schenken kann. Wunjo ist dem beschert, der ohne große Kämpfe ein ausgeglichenes Leben führen darf und in Einheit mit dem Göttlichen lebt. Wunjo ist der Wunsch, der am Anfang jeden Werdens steht und die Kräfte des Willens freisetzt. Er beinhaltet die Erinnerung an das Urzentrum, in welchem der Mensch in Einheit mit dem Göttlichen leben durfte und die er im tiefsten Inneren seiner Seele wieder anstrebt. Der Wunsch und der Wille sind die Kräfte, die den Weg zur inneren und äußeren Harmonie und Vollkommenheit öffnen. Das Symbol Wunjos erinnert an eine Stammesfahne oder, liegend gezeichnet, an einen Pflug beziehungsweise einen Hammer. All diese Attribute stehen für das Ziel des Bauern-Aett, da ein Pflug es möglich macht, den Boden zu bewirtschaften und somit das Leben zu sichern, ein Hammer für die gestalterischen Fähigkeiten eines Schmiedes steht und der Anblick der Stammesfahne bei den Vorfahren Freude auslöste. Heutzutage fällt es schwer, sich diesen nationalen Stolz, diesen Zusammenhalt sowie die damit verbundene Sicherheit und Freude eines Clans, eines Stammes oder eines Volkes zu vergegenwärtigen. Mit genügend Geschichtswissen weiß man schließlich auch um die Schattenseiten eines Fahnen-Treue-Eides. Die Fahne symbolisiert den Stamm und somit die Vollkommenheit, den Frieden und die Freude der Ahnen. Wunjo erinnert auch an das Wünschen, und Odin ist der Erfüller der Wünsche. Der Nikolaus ist der verchristlichte Nachfahre Odins.

Magie: Diese Rune umschreibt ausgewogene Energiezustände, die den vollkommenen Zustand der Harmonie erreicht haben. Gegensätze werden aufgehoben, es findet zusammen, was zusammen gehört; sei es aus Gleichheit oder aus Gegensätzlichkeit heraus. Wunjo entsteht bei der Verschmelzung von Mann und Frau als Einheit, die sich aus Gegensätzlichkeit ergibt und beglückt. Freude ist aber auch da, wo Gegensätzlichkeit noch nicht entstanden ist und sich alles in ungestörter energieloser Ruhe befindet. Wenn man einmal seinen Seelenweg gefunden hat, trifft man fast immer auf Menschen, die sich für die gleichen Dinge interessieren, eine ähnliche Lebensphilosophie ihr eigen nennen, und mit denen man ziemlich schnell auf einen Nenner kommt. Vieles mag unterschiedlich erscheinen, doch im Wesenskern ähneln sich diese Menschen ungemein. Wollte man aus dieser Gemeinschaft nun eine Gruppe bilden, die zusammen einen Stamm oder einen Clan repräsentiert – also eine lebendige Gruppe – dann könnte man Wunjo als harmonisierende und verbindende Rune einsetzen. Sie vermag unterschiedliche Energien zu harmonisieren. Dies wird im Falle eines Stammes oder Clans besonders wichtig, wenn es keinen befehlenden Anführer geben soll, sondern eine lebendige und für jeden einzelnen Menschen individuelle Art des Seins und Tuns. Eine religiöse Gemeinschaft, die Menschen mit verschiedenen Ansichten zusammenbringen will, ohne daß der eine dem anderen seiner Ansichten wegen Schlechtes will, braucht die Wunjo-Rune in ihrem magischen Konzept. Wunjo kann dazu verwendet werden, um entgegengesetzte runische Kräfte „auf einen Stamm“, beziehungsweise unter einen Hut zu bringen, damit sie gemeinsam auf ein bestimmtes Ziel hinarbeiten können. Gebo wird als Hilfsmittel benutzt, um Polaritäten auszugleichen und Wunjo, um „innere Gegensätzlichkeiten“ zu harmonisieren. Das christliche Pax Christi-Zeichen entspricht nämlich genau einer Binderune aus Wunjo und Gebo und hegt ähnliche Absichten, und wieder einmal hat die Kirche etwas Urheidnisches gestohlen. Wunjo kann benutzt werden, um Wünsche in Zusammenhang mit dem Weg des Willens zu verwirklichen. Wunjo verleiht Wünschen Form und die nötige Harmonie, um sie zu verwirklichen. Nur wenn ein Wunsch mit etlichen anderen Ebenen des Seins im Einklang steht, kann er erfüllt werden – diese Harmonisierung der Ebenen bewirkt Wunjo. Die Macht dieser Rune hilft bei der Förderung von Kameradschaft und Wohlwollen zwischen Brüdern und Schwestern und spielt damit eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Gesellschaften und Gilden. Wunjo repräsentiert die Energie, die unterschiedliche Kraftfelder vereint, und ist damit ein äußerst wertvolles Konzept für die Runenmagie. Mit Hilfe dieser Energie ist dem Runenmagier möglich, mehrere Runen zu einer einzigen harmonischen Kraft zu vereinen, die auf ein spezifisches Ziel ausgerichtet werden kann.

Anwendung: Positiv stellt Wunjo die Wonne einer Liebesnacht dar. Neutral die Lebensfreude, welche sich aus einer familiären Gemeinschaft ergibt und negativ wird Wunjo Sinnbild der Trauer und des Abschiedes.

Wirkung: Stärkt Verbindung und Zusammengehörigkeit. Beschwören von Kameradschaft und Harmonie. Verhindert Entfremdung. Glück und Wohlbefinden. Bewußtwerden der Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen allen Dingen. Verbindung der Runen für spezifische Zwecke. Steigern von Humor, Heiterkeit, allgemeinem Wohlbefinden und der eigenen Anziehungskraft. Amulette gegen Mutlosigkeit, Depression und   Pessimismus Talismane für allgemeines Glück, Erfolg eines Unternehmens, Wohlbefinden und Zusammenhalt in Familien und anderen Gemeinschaften. Wunjo verhilft zu Gemeinschaften, Gruppengeist, gemeinsame Arbeit an einem Projekt und Integration innerhalb einer bestimmten Gruppe.

Heilrune: Zuständig für Atemstörungen und allgemeiner Schmerzlinderung. Einsatz zur seelischen Aufheiterung und Steigerung der Lebensfreude. Behandlung von Potenzproblemen. Förderung der Genesung durch Stärkung des Gesundheitsbewußtseins.

Orakelbedeutung: Wonne, Freude, Erfolg, Anerkennung, Belohnung, das Erreichen von Zielen, aber auch die Möglichkeit des Übertreibens. Bei Zügelung allgemeiner Erfolg und Wertschätzung.

Runenbotschaft: Der Wunsch eröffnet die Welt des Willens. Man wünsche sich die Einheit, die einen stark macht. Freude in der Gemeinschaft und Freude durch die Gemeinschaft. Durch den eigenen Beitrag wird die Gemeinschaft bereichert und durch die Vielfalt der Gemeinschaft ergänzt man die eigenen Mängel. Durch dieses Prinzip wird eine Sippe nach außen hin zu einem geschlossenen, widerstandsfähigen Ganzen, welches von den Eigenheiten aller Mitglieder lebt. Man pflege deshalb aktiv die Beziehung zur physischen wie zur seelischen „Sippe“. Man vernachlässige keine Freundschaften und bereinige etwaige Zwistigkeiten in seiner näheren Umgebung. Man lasse sich nicht herunterziehen, sondern lebe fröhlich.


Hagalaz
germanisch: Hagalaz
gotisch: Hagl
altenglisch: Hægl
altnordisch: Hagall
Bedeutung: Hagel
Lautwert: H
Zahl: 9
Schreiben: H
Kraft: aktiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 2. Hel
Götter: Hella, Holda
Baum: Eibe und Esche
Pflanze: Farn
Kraut: Maiglöckchen
Edelstein: Onyx
Farbe: helles Blau
Elemente: Wasser
Halbmond: 8.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Jul. – Anfang Aug.
Schlagworte: Hagel, Graupeln, zerstörerische Naturkräfte, Zerstörung (auch von eigenen Hindernissen)
Bedeutung: Diese Rune bedeutet Hagel und ist kalendarisch dem Juli/August zugeordnet, eine Zeit, in der es tatsächlich häufig hagelt. Zusätzlich steht Hagalaz für die harte Form der Reinigung und Heilung. Hagalaz gehört zu einer der mysteriösesten Runen. Sie leitet die Einweihung in das Reich zwischen den Welten ein, beziehungsweise dem Verständnis dafür. Es ist die Rune des heiligen Haines im Kosmos. Diese Rune umfaßt alles. Hagel zerstört zwar die Ernte, doch gerade diese Zerstörung offenbart ein Geheimnis. Hagalaz enthält sowohl zerstörerisches Potential in Form des Hagels, aber auch die Kraft der Transformation, da das Eis zu Wasser wird, wenn es den Boden erreicht. Dieses Wasser trägt dann wieder zu Fruchtbarkeit und Wachstum bei. Damit ist es Zeichen für die Entstehung von Neuem durch die Zerstörung von Altem. Hagalaz spiegelt ein Ereignis wider, auf das man keinen Einfluß hat, welches über einem hereinbricht mit der Gewalt eines Hagelsturms, und das ertragen werden muß. Dieses Ereignis kann zerstörend wirken, schärft aber zugleich auch die Vorsicht für zukünftige, ähnliche Situationen. Man kann in einem derartigen Geschehen auch das Wirken der Naturkräfte sehen, denen der Mensch in solchen Situationen einfach untergeordnet ist.

Oft wird die Hagel-Rune Hagalaz wegen des gleichklingenden Anlautes auch in Bezug zu Hel, beziehungsweise deren Erscheinungsformen als Holle, Berchta oder Perchta, gesetzt, wofür es jedoch keine direkten Quellenbeweise gibt.

Mythologie: Die Idee, daß etwas Altes zerstört werden muß, um Neues zu erschaffen zieht sich durch die ganze Mythologie. Insbesondere in der Erzählung von Ragnarök. Dieser Mythos ist wichtig zum Verständnis dieser Rune. Deshalb liegt diese Rune auch zwischen Kenaz (Feuer) und Isa (Eis) und erinnert an den nordischen Schöpfungsmythos. Beide haben zerstörerische Kräfte in sich, doch zusammen schufen sie die Welt. Die Verbindung von zwei Balken durch einen Querbalken stellt genau dieses Zusammenwirken der Kräfte im Runensymbol dar. Das Hagelkorn stellt ein Symbol für das brodelnde „Rauhreif-Ei“ dar, das Ymir enthält, den Ur-Riesen des Rauhreifs. Ymir entstand aus der Kreuzung des Weltenfeuers von Muspelheim mit dem Welteneis von Niflheim. Diese Rune enthält das Grundmuster des gesamten Seins. Hagalaz ist eine Art Weckruf, ein Hinweis auf etwas Neues. Nur wer auch loslassen kann hat die Hände frei für Neues. Allerdings ist diese Handlung häufig mit negativen Erfahrungen verbunden. Hagalaz repräsentiert das vollendete Modell, das die potentielle Energie neutraler Macht im Multiversum enthält, die aus der dynamischen, schöpferischen und generativen Einheit von Feuer (Energie) und Eis (Materie) entsteht. Die Rune beschreibt die ewige kosmische Harmonie. In der germanischen Religion und Mythologie stellt die Zahl neun die heiligste und geheimnisvollste aller Zahlen dar. Die fälschlich als Weltesche bezeichnete immergrüne Welteneibe Yggdrasil besteht aus neun Welten, Odin hing neun Nächte lang an jenem Baum, um die Runen zu empfangen, der Gott Heimdall wurde von neun Müttern geboren und so weiter. Es ist die Zahl der Vollendung, die zu einer Expansion von Macht und Produktivität führt. Hagalaz ist die Mutter der Runen, einerseits auf Grund ihres numerischen Wertes, andererseits wegen ihrem Formsymbolismus.

Magie: Hagalaz steht für stetige Evolution innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Es ist das Zeichen des Schutzes und des Banns, da der vollendete und harmonische Charakter dieser Rune besondere Sicherheit mit sich bringt und dem Eindringen disharmonischer Elemente vorbeugt. Hagalaz sorgt für Schutz und gleichzeitig für Verwirrung und Zerstörung. Man kann sie (mit Vorsicht) auch für Rachezauber benutzen.

Anwendung: Konstruktiv angewandt führt diese Rune zum Verständnis einer ganz besonderen weiblichen Kraft. Neutral umfaßt sie alles, und destruktiv angewandt, kann sie den Menschen in die eigenen Tiefen führen.

Wirkung: Vollkommenheit und Gleichgewicht der Kräfte. Mystische und göttliche Erfahrung und Wissen. Operationen der Entwicklung und Evolution. Schutz. Fördern der Fruchtbarkeit und des Keimens auf allen Ebenen. Harmonisieren, Bannen von unerwünschten Fremdeinflüssen, aktive Verteidigung oder Angriff. Ausbrechen aus zerstörerischen Strukturen. Amulette gegen Angriffe und Katastrophen jeder Art. Talismane für das Gelingen von Vorhaben.

Heilrune: Zuständig für Wunden, Schnitte und Blutkrankheiten, Wiederherstellung der persönlich-kosmischen Harmonie, Steigerung der Heilungskräfte, Harmonisierung der Körperenergien, Förderung der Fruchtbarkeit.

Orakelbedeutung: Unkontrollierte Kräfte, sei es im Unbewußten oder außerhalb in der physischen Welt, dort vor allem das Wetter. Plötzlicher Verlust, Zerstörung, drastische Änderungen, Prüfungen.

Runenbotschaft: Nur aus der Zerstörung des Alten kann etwas Neues entstehen. Die Verbindung gegensätzlicher Kräfte schafft Harmonie. Man erkenne die Strukturen des Ganzen, denn vorsichtige Handhabung konträrer Energien führt zu großen Entwicklungen.

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Naudhiz
germanisch: Nauðiz
gotisch: NauÞs
altenglisch: Nýd
altnordisch: Nauðr
Bedeutung: Not
Lautwert: N
Zahl: 10
Schreiben: N
Kraft: passiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 2. Hel
Götter: Skuld
Baum: Buche, Eberesche
Pflanze: Krokus
Kraut: Wiesenknöterich
Edelstein: Lapislazuli
Farbe: tiefes Schwarz
Elemente: Feuer
Halbmond: 8.  Neumond
Zeit ca.: Anfang Jul. – Ende Jul.
Schlagworte: Not, Einengung, Zwang, Wendung der Not, Kraft des Widerstandes, Polarität des Schicksalsbegriffes, Rune der Nornen, Ursache menschlicher Sorgen
Bedeutung: Naudhiz bedeutet Not, beziehungsweise Zwänge. Wer in Not ist, kann eine Wende herbeiführen, ist man nicht in Not, so führt diese Rune unweigerlich zu dieser. Naudhiz beinhaltet das Konzept der Notwendigkeit. Durch äußere Umstände gezwungen und in die Ecke getrieben, entwickelt die Rune die Konzepte für eine Verbesserung der Lage. Ähnlich wie bei Thurisaz werden Konflikte nur dann lösbar, wenn man die Konfrontation mit ihnen sucht. Beim Konzept von Naudhiz wird diese Konfrontation allerdings durch die Umstände erzwungen. Einmal in die Enge getrieben, entfalten sich ungeahnte Kräfte, und eine nie gekannte Motivation, dieser Situation noch einmal zu entkommen. Der Stab der Rune zeigt die Entzündung des Notfeuers. Das Zeichen kann auch als Feuerbohrer interpretiert werden, welcher zum Überleben oder Entzündendes Notfeuers benötigt wurde. Naudhiz ist ein Konzept mit zwei Seiten. Es steht   für den Begriff des Elends, aber auch für die Erlösung aus diesem Elend. Die Rune steht für das selbst erzeugte Feuer, die brennende Not, entstanden durch Reibung und Widerstand gegen die Erfüllung der menschlichen Pflichten sowohl materieller wie auch spiritueller Natur. Naudhiz repräsentiert die vom Willen   gelenkte Handlung, verbunden mit Wissen und Weisheit, die als eine Gegenkraft zu den negativen Kräften fungieren kann.

Eine andere, umstrittene und historisch nicht nachweisbare Interpretation sieht in der Rune den Knoten, welcher zum Knüpfen eines Netzes gebraucht wird. Das Netz der Nornen werde aus diesem Knoten gewoben, heißt es.

Mythologie: Das Prinzip dieser Rune, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, um sich aus der Not zu befreien ist typisch für das Heidentum, insbesondere Asatru, und es steht im klaren Gegensatz zur christlichen fatalistischen Ergebenheit in das Schicksal, die zur Resignation führen muß. Wenn Hagalaz der drohende Kochlöffel ist, dann ist Naudhiz der leere Topf. Sie ist eine freundliche Erinnerung daran, daß nicht alles so ist wie es sein sollte. Das Leben ist aus dem Tritt und nichts ist so wie es sein sollte. Egal wieviel man auch hat, es scheint nie zu auszureichen. Auf der andere Seite kann diese Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand auch zu einem neuen Anfang führen und der erste Schritt zu Veränderung einleiten. Naudhiz steht für die Unausgewogenheit zwischen dem eigenen Verlangen und den tatsächlichen Zuständen. Aber auch dieses Bewußtsein alleine kann schon eine Erleuchtung sein. Es bringt einen dazu, die eigene Situation genauer zu analysieren und sich mit einer Lösung zu beschäftigen. Naudhiz bringt den Menschen wieder zurück auf seinen spirituellen Pfad, wenn er von ihm etwas abgekommen ist. Nach einer umstrittenen Theorie sollen auch die Nornen, welche das Geschick der Menschen wirken, mit dieser Rune in Verbindung stehen.

Magie: Infolge der dem Symbolismus dieses Zeichens innewohnenden sexuellen Elemente wurde die Naudhiz-Rune zu einem machtvollen Werkzeug isländischer Liebesmagie. Sie hat auch eine stark beschützende Funktion – besonders auf spirituellen Gebiet. Diese Rune sollte nicht nur in Zeiten innerer oder äußerer Not Beachtung finden, sondern gerade auch dann, wenn es einem besonders gut geht – nicht etwa, um die gute Laune zu dämpfen, sondern um stets das Ganze im Auge zu behalten, das Auf und Ab des Schicksals.

Anwendung: Positiv führt Naudhiz aus der Not heraus, neutral symbolisiert sie die Arbeit der Nornen und negativ führt sie zur Not – ein runisches Paradoxon.

Wirkung: Überwinden von Leid oder negativem Schicksal, Entwickeln magischer Willenskraft und spiritueller Kräfte, willentlich gelenkter Einsatz der Widerstandskräfte, um magische Ziele zu erreichen, plötzliche Inspiration, Beseitigen von Haß und Streit, Bedürfnis und Verlangen nach Ordnung, Erkenntnis persönlicher Notwendigkeiten, Schutz- und Liebesmagie (Eroberung eines geliebten Menschen), Gegenangriffe zur Schwächung und Auszehrung des Gegners, Weissagung. Amulette gegen Not und materielle Angriffe. Talismane zur Stärkung der Widerstandskraft und zur Förderung des Einfallsreichtums sowie zur Überwindung materieller Widrigkeiten. Die Rune bietet in einer scheinbar aussichtslosen Lage eine Lösung, allerdings auf meist unerwartete Weise.

Heilrune: Zuständig für die Arme, Abwehr und Verhinderung von Krankheiten aller Art, Hilfe bei depressiven Syndromen, Mattheit und Verlust des Lebenswillens.

Orakelbedeutung: Einschränkung durch Not, harte Arbeit bringt schließlich Linderung von Leid durch finanzielle Einschränkung. Armut, Verantwortung, Hindernis, Frustration, schwere Zeiten.

Runenbotschaft: Man nutze sein Schicksal und widerstrebe ihm nicht.

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Isa
germanisch: Isa
gotisch: Eis
altenglisch: Is
altnordisch: Ís
Bedeutung: Eis
Lautwert: I
Zahl: 11
Schreiben: I / Y
Kraft: aktiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 2. Hel
Götter: Verdandi, Skadi, Rindr, Eisriesen
Baum: Erle
Pflanze: Gartenwicke
Kraut: Bilsenkraut
Edelstein: Katzenauge
Farbe: tiefes Schwarz
Elemente: Wasser
Halbmond: 7.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Jun. – Anfang Jul.
Schlagworte: Eis, Konzept der Materie, Stille, Nullschwingung, Stillstand, Erstarrung, Gefrieren, in der Edda: der Frost-Riese Ymir wird aus Eis geboren
Bedeutung: Die Rune Isa bedeutet Eis, und sie stellt auch einen Eiszapfen dar. Ihre Bedeutung weist auf die Urmaterie Niflheims, das Eis, hin, aus welchem mit dem Feuer (Urenergie) Muspelheims die Welt (Midgard) entstand. Isa ist jenes Welteneis, das aus Niflheim fließt. In dieser Bedeutung hat die Rune im Gegensatz zur eigentlichen Eigenart von Eis einen Aspekt von Beweglichkeit. Isa stellt die Anziehungskraft, Schwerkraft, Trägheit und Entropie im Multiversum dar. Isa ist eine elementare Rune, deren Form in fast allen andern Runen wiederzuerkennen ist. Sie symbolisiert auf der einen Seite einen Zustand der absoluten Erstarrung. Wie für die Wassermoleküle in gefrorenen Wasser, gibt es in Isa keine Bewegung. Alles steht still und ist stabil. Auf der anderen Seite birgt die Transformation von Wasser nach Eis jedoch auch die Kraft, alle (physisch) einengenden Einflüsse zu sprengen. Isa steht im Gegensatz zum Zustand der totalen Beweglichkeit, die in Kenaz (Feuer) ausgedrückt ist.

Einer auf Prof. Friedrich Fischbach zurückgehenden Fehlinterpretation zufolge, wird Isa manchmal auch als Ich-Begriff gedeutet. Dieser oft zitierte Ansatz ist jedoch grundfalsch.

Mythologie: In der modernen Mythologie ist Feuer männlich und Eis (Wasser oder Erde als Materie) weiblich, es ist aber unbekannt, ob dies in den nordischen Kulturen auch der Fall war. Sicherlich war Eis ein täglicher Einflußfaktor im Leben der Menschen in Skandinavien, es bedrohte ihre Ernte, ihre Schiffe und damit ihr Leben. Isa steht für den Moment der zurückblickenden Ruhe vor der Phase der Aktivität. Bleibt man aber zu lange stehen so geht das Leben ohne einen weiter und man wird eingefroren im Ist-Zustand. Nur die Ausgewogenheit kann hier wieder Bewegung und Leben schaffen, in diesem Fall das Feuer. Nicht umsonst fällt Isa kalendarisch häufig in die Zeit der Sommersonnenwendfeuer. In der Mythologie entspricht   diese Runenkraft den Kräften der Eisriesen (Hrimthursar). Isa ist die Stille, das Fehlen jeglicher Schwingung. Feuer und Eis sind diejenigen Kräfte, welche die Welt erschaffen, aber diese Kräfte sind es auch, die jeder Existenz ein Ende bereiten werden. Eis und Feuer halten sich gegenseitig in der Waage. Jedes der beiden Extreme kann fatale Auswirkungen haben, wenn es ohne die Kontrolle des anderen wirkt. Die bewohnbare Welt ist zwischen den Extremen von Niflheim und Muspelheim durch eine gegenseitige Abschwächung (Kontrolle) entstanden. Hier balancieren sich die Kräfte gegenseitig aus.

Magie: Magisch kann Isa dazu benutzt werden, einen Prozeß aufzuhalten. Isa wird zwar neben Thurisaz in Flüchen verwendet, hat aber durchaus nicht nur negative Gesichtspunkte. Durch eine kontrollierte Erstarrung kann man zum Beispiel vor äußeren Einflüssen schützen oder andere Runeneinflüsse festigen. Isa hilft zur Selbstintegration innerhalb eines Universums, gibt Macht über andere Wesenheiten und stärkt die Gabe zur Konzentration. Sie dient zum Entwickeln von Willenskraft.

Anwendung: Isa ist die zweite nicht wend- oder umkehrbare Rune. Sie steht für die Konzentration auf das Wesentliche, die Erkenntnis des eigenen Bewußtseins und Wertes. Ihre neutrale Wirkweise ist eben diese. Zuwenig Isa führt zur klassischen Versumpfung („Ich bin nichts wert“), und zuviel Isa gebiert versteifte Egoisten mit Magengeschwüren.

Wirkung: Entwickeln von Konzentrationsfähigkeit und Willensstärke, Kontrolle und Bann unerwünschter, dynamischer Kräfte, Beherrschung, Bannung und Kontrolle anderer Wesenheiten, Überwindung äußerer und innerer Hektik und Unruhe, Herstellung von Stille und Versonnenheit, Regeneration. Amulette gegen Lähmung durch widrige Einflüsse und Umstände sowie gegen Unruhe in Unternehmungen. Talismane für Durchsetzungskraft und Beharrlichkeit sowie zur Förderung telepathischer Fähigkeiten. Diese Rune hilft gegen unerwünschte Emotionen und Einflüsse von anderen Wesen, welche die Individualität stören.

Heilrune: Zuständig für Erfrierungen, Lähmungen und körperliche Gefühllosigkeit, Wiederbelebung erfrorener Lebenskräfte, Dämpfung von Hyperaktivität, therapeutische Ruhigstellung. Blockadebrechende Rune.

Orakelbedeutung: Blockaden, Faulheit, Stagnation, Geduld, Reflektion, Ruhe, Rückzug.

Runenbotschaft: Man lerne, in der Schönheit des Eises auch die Gefahr zu sehen. Man erstarre manchmal, um sich zu sammeln, sich selbst zu finden und zu stärken. Doch bleibt man zu lange in der Erstarrung, friert der Geist fest.

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Jera
germanisch: Jera
gotisch: Jér
altenglisch: Gér
altnordisch: Ár (Adler)
Bedeutung: Jahr
Lautwert: J
Zahl: 12
Schreiben: J / Y
Kraft: passiv
Geschlecht: beide
Aett: 2. Hel
Götter: Freyr, Freyja, Baldur, Höðr
Baum: Eiche
Pflanze: Kornblume
Kraut: Rosmarin
Edelstein: Karneol
Farbe: helles Blau
Elemente: Erde
Halbmond: 7.  Neumond
Zeit ca.: Anfang Jun. – Ende Jun.
Schlagworte: Jahr, Rad, Jahresrad, Ernte, ein fruchtbares Jahr, Zyklus des Lebens, Werden-Sein-Vergehen, Wandel, Fruchtbarkeit, Sonnenadler
Bedeutung: Jera bedeutet wörtlich übersetzt Jahr und symbolisiert den ewigen Rhythmus von Kommen und Gehen oder allgemein das Rad der Zeit.. Das Bild der Rune stellt den Zyklus von Sommer und Winter dar. Manche sehen darin auch die heilige Vermählung von Sonne (Himmel) und Erde. In einer Zeit der Zentralheizung und Supermarkt-Orangen im Winter fällt es einem schwer, die Verbindung der Ahnen zum Jahreskreis und seinen Wechseln zu verstehen. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten änderte sich nicht nur das Wetter, sondern auch das Leben der Menschen. Der Wechsel des Jahres war im Blut der Bewohner, und sie brauchten keinen Kalender, um zu wissen, was für eine Zeit im Jahr es war. Jera folgt Isa, so wie das Frühjahr dem Winter folgt. Die Stagnation des Eises wird durch die neue Jahreszeit durchbrochen. Ebenso hat man nun aber auch den ganzen Satz negativer Runen durchbrochen, die mit diesem Aett begannen. Man hat nicht nur das gegen das Eis oder gegen ein unfaires Schicksal gekämpft, sondern hat auch aus den Erfahrungen gelernt und kann einfach auf die kommenden Ereignisse warten. Der nordische Name ár der Rune vermittelt die Assoziation mit dem Adler als Symbol des schnellen Fluges und der Sonne.

Götter: Der kosmische Fruchtbarkeitsaspekt dieser Rune weist auf Freyr und Freyja hin, die man um gute Ernte und Frieden (til árs og friðjar) anruft.

Mythologie: Jera verkörpert das universelle zyklische Muster von Werden, Vergehen und neuem Werden, das sich auch durch die gesamte Runenreihe zieht. Jera ist eine der beiden zentralen Runen des älteren Futhark. Sie beschreibt die zyklische Natur des stets im Werden begriffenen Seins, das Geheimnis des allgegenwärtigen Kreises. Jera verkörpert das Mysterium des zwölfteiligen Zyklus des jährlichen Sonnenumlaufs. Raidho ist der tägliche Weg und die bahnbrechende Kraft der Sonne, Jera ihr jährlicher Weg und Sowilo die Sonne selbst. Jera stellt den Lohn für ehrenhaftes, rechtmäßiges und den Gesetzen der Natur entsprechendes Verhalten in der Vergangenheit dar. Das ist nicht im moralischen Sinn gemeint – hier geht es um Naturgesetze. Wenn der Same richtig gesät ist, und das Glück (Hamingja) mit einem ist, dann wird die Ernte reichlich ausfallen. Es ist der Genuß der Früchte wohlüberlegter Bemühungen zur Erreichung eines bewußt oder instinktiv gewählten Ziels. Das hat sowohl für die Welt der sichtbaren Erscheinungen als auch für das Reich der Götter Gültigkeit.

Magie: Jera zeigt die dynamische Rotation von Kreisläufen, die durch gegensätzliche Komponenten gebildet werden. So bilden die Gegensätze Sommer und Winter den Kreis des Jahres, Feuer und Eis den Kreis der Schöpfung oder Mann und Frau den Kreis des menschlichen Lebens. Jera steht für Tod und Wiedergeburt. Die fruchtbringende Vollendung des Jahreskreises ist zum Beispiel die Erntezeit. Die Rune steht mit Fruchtbarkeit in Verbindung. In der Praxis kann Jera einen Vorgang zu einem guten, ertragreichen Ende führen. Sie steigert Fruchtbarkeit und Gewinn, führt zu Harmonie und Frieden. Die Rune repräsentiert das allgemeingültige Gesetz der Ernte. So wie man gesät hat, kann man ernten. Diese Rune enthält den Schlüssel zu jedem Prozeß, welcher in einer bestimmten Reihenfolge abläuft.

Anwendung: Konstruktiv angewandt fördert Jera gutes Gelingen jeglicher Arbeit, neutral steht sie für „alles zu seiner Zeit“ und destruktiv kann sie zur Verzögerung eingesetzt werden.

Wirkung: Fruchtbarkeit, Kreativität, Frieden, Harmonie, Erleuchtung, Begreifen der zyklischen Natur und des Geheimnisses des allgemeinen gegenwärtigen Kreislaufs, Sicherung der Ernte und Fruchtbarkeit, Überwindung von Stagnation. Manifestation anderer Konzepte in der sichtbaren Welt. Amulette gegen Schäden durch andere. Talismane zur Überwindung von Stagnation, Terminschwierigkeiten und zur Förderung des allgemeinen Gelingens längerfristiger Vorhaben.

Heilrune: Zuständig für den Darmtrakt und für Verdauungsstörungen. Wiederherstellung des natürlichen Zyklus, Korrektur organischer Rhythmusstörungen.

Orakelbedeutung: Hoffnungen und Erwartungen von Frieden und Wohlstand. Die Verheißung von Erfolg. Die Resultate früherer Bemühungen werden verwirklicht. Wechsel, Fortschritt, Belohnung, Bewegung, Produktivität.

Runenbotschaft: Man nehme bewußt die Jahreszeiten und ihren Wechsel wahr. Durch rechtes Tun zur rechten Zeit sichert man Fortbestand und Gewinn. Was man gesät hat, wird man auch ernten – und man ernte, was man gesät hat; das bedeutet aber auch, für die Konsequenzen seines Tuns geradezustehen. Stürme kommen und gehen, aber es wird immer Sonne im Leben geben. Man habe Spaß, wann immer man es kann.

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Eiwaz
germanisch: Îhwaz, Eihwaz
gotisch: Eihwas
altenglisch: Éoh
altnordisch: Ihwar
Bedeutung: Eibe
Lautwert: E/I
Zahl: 13
Schreiben: Ei
Kraft: aktiv
Geschlecht: männlich
Aett: 2. Hel
Götter: Odin, Ullr, Skadi
Baum: Eibe
Pflanze: Flieder
Kraut: Alraune
Edelstein: Topas
Farbe: dunkles Blau
Elemente: alle
Halbmond: 6.  Vollmond
Zeit ca.: Anfang Mai – Anfang Jun.
Schlagworte: Eibe, Weltenbaum, vertikale Achse der Welt, Tod, ewiges Leben, Immergrün, extrem hartes Holz, halluzinogene Kraft des alkaloiden Eibentoxins, Vision, Hinterhalt, ein Bogen aus Eibenholz, Runenzauber, abwehrende Kräfte
Bedeutung: Eiwaz (auch Eihwaz) bedeutet Eibe, und die Rune steht in enger Verbindung zum Eibenbaum, welcher bei den Germanen als Verbindung zwischen den Welten geschätzt wurde. Im Sommer verströmt er ein Gas, das Trancezustände hervorruft. Eiwaz ist die Rune des Todes, der Transformation, somit auch Rune des Neubeginns. Beim Symbol dieser Rune deutet man den senkrechten Pfeiler als Stamm des Weltenbaumes Yggdrasil, den unteren Abzweig als Wurzeln, den oberen als Äste. Einer anderen Interpretation zufolge stellt Eiwaz die drei Wurzeln Yggdrasils dar, unter denen die Welten der Menschen, der Reifriesen und die Unterwelt liegen. Zwar wird der Weltenbaum heute oft allgemein fälschlich als Esche interpretiert, jedoch war ursprünglich eine Eibe damit gemeint. Yggdrasil wurde außerdem auf alten Kultplätzen meist durch eine Eibe symbolisiert, die wie der Weltbaum in der Edda immergrün ist. Die Eibe heißt im Nordischen auch „Barraskr“ (Nadelesche), möglicherweise rührt daher die spätere Fehlinterpretation als Esche. Die Wurzeln Yggdrasils kommen aus dem Reich des Todes, und der Wipfel ragt bis ins hohe Asgard, dem Reich des Lebens selbst. Dieser Stab vereinigt die Mysterien von Leben und Tod zu der umfassenden Erkenntnis der natürlichen Zyklen. Phonetisch ist Eiwaz ein Laut zwischen „E“ und „I“, das „Ei“ und ist der zusätzliche (sechste) Vokal im Germanischen, von denen im Deutschen nur fünf übrig geblieben sind. Diese Rune wurde kaum als Schriftzeichen verwendet, weil sie auch für den Tod steht und Tore in andere Welten öffnen kann. Wurde sie niedergeschrieben, dann meist im Zusammenhang mit Magie. Für normale Runenschrift wird sie daher nicht benutzt und ersetzt deshalb nicht – wie man meinen könnte – das „ei“, sondern dafür werden Isa und Ehwaz verwendet. Möglicherweise hat genau diese Tatsache zusammen mit christlichen Einflüssen zur späteren Reduktion auf fünf Vokale im Deutschen geführt.

Mythologie: Yggdrasil bedeutet „Pferd des Yggr (Odin)“ und bezieht sich auf Odins Selbstopfer am Weltbaum, durch das er die Runen erlangt hat und fähig wird, entlang der Weltachse durch alle neun Welten zu „reiten“. Eiwaz bezeichnet die Verbindung zwischen den Welten. Diese Rune verkörpert das Mysterium von Leben und Tod und nimmt eine mystische Verbindung der beiden vor. Die Eibe enthält ein Toxin, welches das Zentralnervensystem beeinflußt und an heißen Tagen bei einem Menschen, der sich unter ihr befindet, Halluzinationen auslösen kann. Dadurch kann die Eibe schamanische Reisen unterstützen. Neben ihrer Verbindung mit dem Tod ist die Eibe auch das Symbol des dauerhaften Lebens und der Ausdauer, denn sie wird bis zu 2.000 Jahre alt. So ist Eiwaz die lebensspendende Kraft und der Weg, sie zu erlangen. Die Eibe war schon immer der Baum der Runen, der Magie und des Todes in der Mythologie, insbesondere der nordischen. Die Eibe wird sehr alt und ist immergrün. Aus Ihrem Holz wurden Bögen hergestellt und aus dem Eibengift Pfeilgift. Aus Ihrem Holz wurden Runenstäbe und Amulette gefertigt. Die Eibe stellt auch ein machtvolles Zeichen zum Schutz und Bann dar. Noch heute gibt es in manchen Teilen Deutschlands das Sprichwort: „Vor den Eiben kann kein Zauber bleiben.“ Ein friesischer Runen-Talisman aus Eibenholz aus der Zeit um 600 trägt die Inschrift: „Trage diese Eibe immer bei dir. In ihr ist Kraft enthalten.“ Eiwaz ist die dreizehnte Rune des Futhark und markiert die zweite Hälfte dieses Alphabets. Diese Rune ist der Wendepunkt auf der Reise des Runensuchenden und steht für die Transformation des Initiationsprozesses. Bei diesen Prozessen ist ein symbolisches Durchleben des Todes üblich und wird auch in der schamanistischen Tradition benutzt. Das alte Ich stirbt und ein neues Ich wird geboren. Eiwaz ist der Durchgang durch den man Hel erreicht, um Wissen und Weisheit zu erlangen, sowie die Akzeptanz des eigenen Todes. Dieser Prozeß ist natürlich furchteinflössend, aber etwas, das man erfahren muß. Denn nur wenn man seine tiefsten Ängste (er-)kennt, ist man auch auf sie vorbereitet. Ähnliches machte Odin durch, als er am Weltenbaum hing, um die Runen zu erfahren. Eiwaz ist das Tor zur Weisheit und liegt zwischen dem Leben (Jera) und der Wiedergeburt (Perthro).

Magie: Eiwaz ist eine mächtige Rune des Schutzes und der Verteidigung. Eiwaz kann auch dazu benutzt werden, einen Wechsel herbeiführen oder eine Veränderung erleichtern. Eiwaz bewirkt Weisheit in allen Dingen. Sie sorgt für Kommunikation zwischen den Welten, sie hilft zum Verständnis von Leben und Tod, stärkt die persönliche Willenskraft und erleichtert die spirituelle Kontaktaufnahme mit den Vorfahren.

Anwendung: Positiv steht Eiwaz für Weiterentwicklung, neutral für den natürlichen Wandel und negativ für einen übertriebenen Totenkult.

Wirkung: Einweihung in die Weisheit des Weltenbaumes, Förderung von geistiger Ausdauer und starker Willenskraft, spirituelle Kraft, Kreativität und Vision, Schutz vor destruktiven Kräften, Kommunikation zwischen verschiedenen Ebenen der Realität, Begreifen des Mysteriums von Leben und Tod und die Befreiung von der Furcht vor dem Tod. Starker Schutz vor fremdem Zauber, Bannung unerwünschter Einflüsse, Angriff und Vernichtung von Gegnern. Amulette gegen Betörung, Schwindeleien und Betrug. Talismane für magischen Schutz sowie für Liebes- und Bindungszauber. Die Rune kann enorme Ausdauer und Widerstandskraft verleihen.

Heilrune: Zuständig für Augenerkrankungen. Steigerung der Abwehrkräfte und der Ausdauer. Psychosomatische Ursachenbestimmung.

Orakelbedeutung: Wechsel, Initiation, Konfrontationsängste, eine Wegkreuzung, Tod, Transformation. Der Antrieb, etwas zu erwerben, welcher Motivation und Zielstrebigkeit verleiht.

Runenbotschaft: Leben und Tod bilden eine untrennbare natürliche Einheit. Man fürchte weder das eine noch das andere. Ist man darüber erhaben, öffnen sich neue Welten. Man werde sich darüber klar, was man im Leben wirklich will und wie man sein Leben leben will. Man strebe in allem die Vollendung an und bedenke das Ende. Man entlarve die Täuschung, vor allem die Selbsttäuschung, und finde Zufriedenheit im Erkennen seiner wahren Ziele.

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Perthro
germanisch: PerÞro
gotisch: PairÞra
altenglisch: Peorð
altnordisch: Peorð
Bedeutung: Geburt
Lautwert: P
Zahl: 14
Schreiben: P
Kraft: passiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 2. Hel
Götter: Nerthus, Frigg, Mimir
Baum: Buche, Espe
Pflanze: Chrysantheme
Kraut: Eisenhut
Edelstein: Aquamarin
Farbe: tiefes Schwarz
Elemente: Wasser
Halbmond: 6.  Neumond
Zeit ca.: Ende Apr. – Ende Mai
Schlagworte: Geburt, Wiedergeburt, Los, selbstbestimmtes Schicksal, permanente Veränderung, Zeit, Weissagung, etwas Geheimes (Rune des Geheimen)
Bedeutung: Perthro (auch Perdho) wird als Geburt oder Wiedergeburt, als Vulva, als Gefäß oder als Würfelbecher (der das Schicksal enthält) interpretiert. Die wirkliche Bedeutung der Rune Perthro war schon immer eine heiße Streitfrage zwischen Runengelehrten. Ihre Besonderheit liegt darin, daß der phonetische Laut P, mit dem auch die Rune beginnt, nirgendwo sonst in der germanischen Sprache bekannt ist. Dies führte zu der Interpretation, daß dieses Wort aus einer anderen Sprache importiert wurde. Ein altes englisches Runengedicht stellt eine Verbindung mit einer Art Spiel her, was viele dazu gebracht hat sie mit dem Bauern im Schach zu assoziieren oder als Würfelbecher. Gerade die letzte Interpretation dieser Rune ist sehr interessant, da sie auch ihrer Form entgegen kommt: einem Behältnis, das die Runen selbst enthielt. Eine andere Interpretation führt Perthro auf das slawische Wort „Pizda“ (Vulva) zurück. Diese Interpretation paßt zwar in die Reihenfolge der Runen (Wiedergeburt nach dem Tod) ist aber im gesamten Kontext eher fraglich. Aber wie immer man diese Rune auch wörtlich interpretieren möchte (keine der Theorien kann wirklich bewiesen werden), die prinzipielle Bedeutung von Perthro ist „Gefäß“, etwas, das schützt, birgt und auf irgendeine Weise etwas hervorbringt. Diese Rune ist eng mit dem Begriff Schicksal verknüpft, und der eingeschlagene Weg ist in gewissem Sinne vorbestimmt. Perthro ist der Beginn dieses Weges.

Mythologie: Diese Rune steht für die vielen Möglichkeiten und Ereignisse, auf die man selbst keinen Einfluß hat. Das Glück ist eine beständige Prüfung, die sich dem Suchenden stellt. Das Schicksal ist nicht fatal und unabänderbar, aber es gibt doch immer wieder Dinge, welche das eigene Umfeld beeinflussen und sich dem eigenen Zugriff entziehen. Damit umfaßt diese Rune auch den Aspekt Zeit. Sie fordert dazu auf, die eigene Zeit kompromißlos zu nutzen und damit zum Herrn über das eigene Leben zu werden. Diese Rune ist Tod und Wiedergeburt. Sie steht für die Einweihung in jegliche Geheimnisse. Perthro ist ein kultisches Symbol für die Wirkung der Kraft der Urgesetze (Örlög) im gesamten Multiversum und für die Möglichkeiten, die Götter und Menschen zur Erforschung dieser Wirkungen haben. Örlög wird meist mit „Schicksal“ übersetzt, hat aber nichts mit „Vorherbestimmung“ im christlichen Sinn zu tun, sondern bedeutet wörtlich „Ur-Schichten“ oder „Ur-Gesetze“, die durch frühere oder vergangene Handlungsweisen entstanden sind. Diese selbstverursachten Schichten aus vergangenen Taten stellen die Gesetze dar, denen Götter und Menschen unterworfen sind. Es sind nicht die unabänderlichen Gesetze der Natur, sondern eher jene, welche die Gesetze der Wesenheiten aufgrund von Handlungen und Geschehnissen der Vergangenheit bestimmen. Es ist dieses kosmische Prinzip, auf dem das allgemeine germanische Gesetz aufgebaut ist. Die Perthro-Rune enthält das Mysterium der nornischen Gesetze. Die Nornen (Nornir) sind die Medien, durch die eine Handlung empfangen wird, um dann in eine projektierbare, im wesentlichen aber unveränderte Form umgewandelt und in die Sphäre zurückgegeben zu werden, aus der diese Handlung ursprünglich erhalten wurde. Perthro ist die Rune der Zeit, und dieses Konzept kommt auch in den Nornen zum Ausdruck. Ihre Namen sind Urd (Urðr, das Gewordene), Verdandi (das Werdende) und Skuld (das werden wird). Die nornische Kraft definiert einen Aspekt des Gesetzes von Ursache und Wirkung im Multiversum, und ein Verständnis dieser Kraft ist daher unerläßlich für die Ausübung der Runenkunst. Eine zentrale Aussage der Perthro-Rune ist das Mysterium der Weissagung und der Gleichzeitigkeit. Die Kunst der Weissagung ermöglicht es dem Runenwissenden, persönliches oder jenseits des Persönlichen liegendes Örlög zu erkennen und sich der Skuld-Kraft und des Einflusses von Urd und Verdandi bewußt zu werden. Perthro stellt den großen Plan des kosmischen Werdens dar, was im Sinne der erwähnten Prinzipien verstanden werden sollte. Sie wird als ständige Veränderung wahrgenommen – die ewig die gleiche bleibt.

Magie: In der Magie dient Perthro zur Förderung der Fruchtbarkeit, Erleichterung der Geburt, Erleichterung der Magie, Verbesserung der psychischen Möglichkeiten. Perthro gibt Rat und hilft, Weissagungen zu erlangen.

Anwendung: Perthro ist die klassische Gebär-Rune. Im neutralen Aspekt steht sie für das Gebären, im positiven Aspekt für Erneuerung und im negativen Aspekt für den Rückzug in die embryonale Phase. Durch den Kessel der Wiedergeburt kommt man selbstverständlich auch in Kontakt mit dem kollektiven Unbewußten und hat somit Zugang zu allen Arten des Wissens.

Wirkung: Herbeiführen günstiger Zeitpunkte für Vorhaben. Weissagung. Realisierung von Vorstellungen oder Ereignissen als magischer Akt Amulette gegen Pechsträhnen. Talismane für Glücksspiel und zur Förderung der Weissagung. Bindungszauber.

Heilrune: Zuständig für die weiblichen Brüste und den Genitalbereich, für Entbindungen, Aktivierung der allgemeinen Lebenslust, besonders bei chronischen Krankheiten.

Orakelbedeutung: Wiedergeburt, Mysterien, Magie, Divination, Fruchtbarkeit, Sexualität, ein neuer Anfang, Prophezeiung. Weibliche Belange und Mysterien einschließlich der weiblichen Fruchtbarkeit. Kreativität.

Runenbotschaft: Die Gleichzeitigkeit allen Geschehens, das Schicksal (Örlög) ist nicht unbeugsame Vorherbestimmung, sondern das kosmische Gesetz von Ursache und Wirkung. Fataler Schicksalsglaube ist   bequem, aber falsch, denn er führt zu keiner Entwicklung. Man nehme daher sein Schicksal selbst in die Hand und mache aus den Dingen, auf die man keinen Einfluß hat, wenigstens das Beste.

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Algiz
germanisch: Algiz, Elhaz (Elch)
gotisch: Algis (Schwan)
altenglisch: Eolh (Elch)
altnordisch: Ihwar
Bedeutung: Schutz
Lautwert: Z
Zahl: 15
Schreiben: Z
Kraft: aktiv
Geschlecht: beide
Aett: 2. Hel
Götter: Heimdall, Walküren
Baum: Eibe
Pflanze: Riedgras
Kraut: Angelika
Edelstein: Amethyst
Farbe: Silber
Elemente: Luft
Halbmond: 5.  Vollmond
Zeit ca.: Anfang Apr. – Anfang Mai
Schlagworte: Schutz, Verteidigung, Elch, Schwan, Macht und Kraft des Menschen, heilige Stätte, Rune des menschlichen Strebens nach der Göttlichkeit, Rune der Kommunikation mit anderen Welten
Bedeutung: Die urgermanische Form Algiz bedeutet „Schutz“. Diese Rune wird zuweilen auch Elhaz genannt und bedeutet dann Elch oder Schutz. Die gotische Schreibweise Algis bedeutet Schwan, und die altenglische Eolh wieder Elch. Einer weiteren Interpretation zufolge bedeutet Algiz Schutzmacht oder Walküre. Auch das gotische Wort Alhs (Heiligtum) wird mit dieser Rune in Verbindung gebracht. Das Runenzeichen Algiz zeigt die Zweige des Baumes, die Hörner des Elchs (dessen Geweih für das Glück „Hamingja“ steht), den fliegenden Schwan, die ausgespreizten Finger einer Hand (das ursprünglichste Zeichen für Schutz und Verteidigung), einen Runenkundigen bei der Anrufung oder ein Schwert. Algiz stellt den neugeborenen Menschen, den Augenblick der Geburt, sowie jeden weiteren Zeitpunkt im menschlichen Erleben, sowie dessen ganz eigenes Paradoxon (das des Augenblicks) dar. Diese Rune verbindet oben und unten, vorne und hinten, kurzum alles Erfaßbare und bündelt es im Menschen. Sie stellt die Antenne des Menschen dar. Algiz ist jene Kraft im Leben und Geist des Menschen, die ihn in Richtung der Welt der Asen streben läßt. Es ist die Rune der Verbindung zwischen den Göttern und der Menschheit,   die Kraft, die das Bewußtsein des Menschen zum Reich der Götter zieht, und steht daher in Verbindung mit der Regenbogenbrücke Bifröst, die Asgard und Midgard verbindet und dem Bewußtsein die Reise durch die Welten ermöglicht. Dabei ist Algiz eher der gewundene Pfad der Zweige und Wurzeln als der gerade des Stammes, den die Rune Eiwaz verkörpert. Algiz ist eine Rune des Bewußtseins und der Bewußtheit (eine Hugrún).

Mythologie: Mit Schutz und der gotischen Bedeutung „Schwan“ hängt auch die Verbindung der Runen mit den Walküren zusammen, die beschützende und lebensspendende Wesen sind und oft in einem magischen Umhang aus Schwanenfedern durch die Lüfte fliegen. Man nennt sie daher auch Schwanenmaiden oder Schwanenjungfrauen. Als Schutz und Sieg bringendes Zeichen wurde Algiz oft in Speere geritzt. Der alternative Runenname Elhaz bezieht sich auf die vier kosmischen Hirsche, die ständig an den Nadeln des Weltenbaums nagen. Heimdall, welcher mit Algiz in Verbindung steht, ist eine ebenso interessante wie rätselhafte Figur der nordischen Mythologie. Er ist der Beschützer, der die Regenbogenbrücke Bifröst nach   Asgard bewacht. Er kennt die Wege zwischen den Welten und weiß von ihren Gefahren. Am bekanntesten ist sein Horn, mit dem er die Götter vor herannahenden Feinden warnt, aber ebenso wichtig ist sein Schwert, und dies sollte bei der Diskussion von Algiz nicht außer Acht gelassen werden. Die Edda erwähnt unter anderem den poetischen Namen „Heimdalls Kopf“ für ein Schwert und umgekehrt „Heimdalls Schwert“ für einen Kopf. Sowohl das Schwert, als auch das Horn sind Waffen zur Verteidigung, wie für den Angriff, ganz abhängig von der Situation. Auf der Reise durch die Runen hat man nun Tod und Wiedergeburt erlebt und steht nun vor dem Wächter der Welten, bevor man wieder in die eigene Welt darf. Er bringt den Menschen dazu, sein neues Wissen weise zu nutzen. Von nun an muß man nicht immer nur an sich selbst denken, sondern auch die Folgen seines Handelns mit einbeziehen.

Magie: Die Rune ist ein sehr wirksames Schutzsymbol. Sie steht für ein Zusammentreffen von Wegen oder Kräften oder für einen zentralen Punkt, von dem Kräfte oder Wege abgehen (dies wird besonders mit der Anrufung assoziiert, die Kräfte rufen oder bannen kann). Sie unterstützt bei Beschwörungen die Kommunikation mit anderen Welten. Die Rune wird dazu verwendet, die persönlichen Kräfte allgemein, wie auch die magischen Fähigkeiten zu steigern.

Anwendung: Negativ oder positiv gibt es hier nicht, denn Algiz ist die dritte nicht wend- und umkehrbare Rune.

Wirkung: Schutz und Verteidigung, Stärkung der Lebenskraft, Kommunikation im Allgemeinen, Entlarven von Illusionen und Fremdsuggestion. Mystische und religiöse Kommunikation mit nichtmenschlichen, empfänglichen Wesen. Kommunikation mit anderen Welten, besonders mit Asgard und den kosmischen Quellen von Urd, Mimir und Hvergelmir. Stärkung der Hamingja (magische Kraft und „Glück“) und der Lebenskraft. Amulette gegen Beschränkung der Handlungssphäre. Talismane für Wohlstand, Jagdglück, Informationen und Weisheit.

Heilrune: Zuständig für Kopf und Gehirn. Einsatz zur Energetisierung bei der Selbstheilung und zur Heilung anderer. Allgemeine Stärkung der Vitalkräfte.

Orakelbedeutung: Der Drang, sich selbst oder andere zu beschützen. Festhalten am Erfolg oder Bewahrung einer errungenen oder verdienten Stellung. Weitere Bedeutungen sind Schutz, Hilfe, Verteidigung, Warnung oder ein Mentor.

Runenbotschaft: Man muß sich über seine Ethik Gedanken machen, denn auch dies bedeutet Algiz: Nach welchen Maßstäben handelt man nun, wer ist der Wächter dieses Tuns und was läßt er durchgehen? Das Schwert kommt in die Hand des Suchenden, aber wann nutzt er es zur Verteidigung, wann zum Angriff? Man werde aktiv und lasse sich von den Kräften des Kosmos durchfluten. Dies verleiht intuitive Erkenntnis, daher lausche man auf die innere Stimme.

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Sowilo
germanisch: Sowilo
gotisch: Saugil
altenglisch: Sigil
altnordisch: Sól
Bedeutung: Sonne
Lautwert: S
Zahl: 16
Schreiben: S
Kraft: passiv
Geschlecht: männlich
Aett: 2. Hel
Götter: Baldur
Baum: Wachholder
Pflanze: Johanniskraut
Kraut: Mistel
Edelstein: Rubin
Farbe: Gold
Elemente: Luft
Halbmond: 5.  Neumond
Zeit ca.: Ende Mrz. – Ende Apr.
Schlagworte: Sonne, Licht, Wärme, Rune des Sonnenkultes und des drehenden Rades, solares Prinzip, Rune des Ehrenkodex, Siegopferrune, Erleuchtung, Sieg durch Schnelligkeit, Macht durch eigenen Willen
Bedeutung: Die Rune Sowilo bedeutet Sonne, und sie symbolisiert alle Zusammenhänge mit der Sonne. Ihr Bild stellt einen Teil des Sonnenrades oder einen Sonnenstrahl dar. Somit steht auch die Rune selbst für das heilige Sonnenrad (Swatiska). Legt man zwei Sowilo-Runen überkreuz, entsteht das Symbol des Sonnenrades, welches stark einem Hakenkreuz ähnelt. Manchmal wird in Sowilo auch ein Donnerkeil gesehen. Sie stellt auch den Blitz dar, welcher als göttliches Feuer vom Himmel fällt. Sowilo steht in ihrer Eigenschaft als Sonnenrune im Gegensatz zu Isa. Sie repräsentiert den Sieg, beziehungsweise besser: den Weg zum Sieg. Ihre Form läßt einen Blitz erahnen, der auch für Inspiration stehen kann (Geistesblitz). Der individuelle Wille führt über Sowilo zum Erfolg. Widerstand kann gebrochen werden, so wie die Kraft der Sonne das lebensfeindliche Eis schmilzt und es wieder zum lebensspendenden Wasser macht. Zusammengefaßt steht Sowilo für einen errungenen Sieg, ein hart erkämpftes, aber letztendlich erreichtes Ziel. In späterer Zeit wurde diese Rune als „Siegrune“ gedeutet. Tatsächlich stellt sie zwar eine machtvolle, willensgelenkte Kraft dar, die zu Erfolgen und Siegen verhelfen kann, die Interpretation als „Siegrune“ beruht aber auf einem Mißverständnis des altenglischen Runennamens „Sigil“, der wie Sowilo ebenfalls „Sonne“ und nicht „Sieg“ bedeutet. Die wirkliche „Sigrún“ der nordischen Tradition ist Tiwaz. Die SS benutze die Rune Sowilo in ihrem Einheitenkennzeichen, um die Stellung dieser Einheit im dritten Reich zu symbolisieren. Durch ihren Mißbrauch in der NS-Vergangenheit Deutschlands ist diese Rune, wie auch das Sonnenrad, häufig ein Anstoß zu Verdächtigungen und Verleumdungen von Menschen, die sich mit den Runen im Allgemeinen beschäftigen. Sowilo steht am Ende des zweiten Aetts, und symbolisiert – wie Wunjo – Erfolg und Ruhm. Aber hier kommt keine Ruhe auf, denn die Sonne ist ein aktives Zeichen. Hier erwartet den Suchenden nicht die Ruhe des Abends, sondern die wilde Siegesfeier. Man ist auf seiner Reise am Ende des zweiten Aetts angekommen, und wieder ist der Abschluß ein positives Erlebnis, aber diesmal ist man sich auch dessen bewußt. Man kann den Fenris-Wolf auf seinen Fersen sehen, der die Sonne verschlingen will, und man weiß, daß man weiterziehen muß. Aber hier kann man kurz pausieren und die Sonne mit ihrer Wärme genießen. So kann man Energie für den Weg tanken der noch vor einem liegt.

Mythologie: Die Sonne ist fast allen Religionen in der Welt heilig. Ihre Wärme und ihr Licht symbolisieren Leben und Wachstum und stehen für alles, was gut ist. In der nordischen Mythologie wird die Sonne als Wagen beschrieben, der über den Himmel fährt und von einem großen Wolf verfolgt wird. Der Wolf wird die Sonne verschlingen, wenn die Zeit Ragnarök gekommen ist. Durch die ganze indo-europäische Kultur wird die Sonne auch häufig mit einem Pferd verglichen, das über den Himmel reitet. Beide Symbole stehen für Leben und Fruchtbarkeit. Sowilo verkörpert die archetypische Sonne und ihr Licht, symbolisch in Form des Sonnenrades ausgedrückt. Das Konzept des sich drehenden Rades (nordisch: Hvel) ist für das Verständnis der Rune wesentlich. Es wird durch die Räder des Sonnenwagens und durch die Scheibe, die durch ihre Drehung entsteht, dargestellt. Dieser Symbolkomplex steht im Zentrum des alten, hyperboräischen Sonnenkultes der Bronzezeit. Im Nordischen gibt es für die Sonne zwei Namen, das nordische Wort „Sól“ und das altgermanische „Sunna“, das als Kultwort in der Edda (Alvismal) erhalten blieb: „Unter den Menschen heißt sie Sól und Sunna unter den Göttern.“ Sól steht für das Phänomen, Sunna   für die geistige Idee, die dem Konzept innewohnende spirituelle Macht. Beide Wörter sind weiblich. Das Mysterium der Sonne ist in der Erfahrung der nördlichen Völker, die sie vor allem als Lebensspenderin erleben, im wesentlichen weiblicher Natur – im Gegensatz zum männlichen „Mani“ (Mond). Es ist aber auch eng mit dem Schicksal Baldurs verbunden, des sonnenhaft lichten Gottes, der mit den Sonnenwenden stirbt und wiedergeboren wird. Als Baldur-Rune kann Sowilo daher auch männlich sein. Sowilo ist der magische Wille, der im gesamten Multiversum zum Ausdruck kommt. Im einzelnen Menschen drückt er sich in den „spirituellen Rädern“ (Hvel, Chakren) aus. Die Rune stellt die eminente spirituelle Kraft dar, die den Runenkundigen durch die Pfade von Yggdrasil leitet. Sie verkörpert einen Aspekt des Zieles und auch den aktiven, entschlossen verfolgten Weg zu ihm. Sie kann als eine dynamische Verbindung zwischen Himmel und Erde (Asgard und Midgard) dienen. Sowilo ist auch die Rune des germanischen Ehrenkodex, ein höchst wirkungsvoller Weg zu ekstatischen Erfahrungen. Das Sonnenrad symbolisiert diese Sonne und Zeichnungen des Hakenkreuzes werden durch das ganze Neolithikum gefunden.

Magie: Dies ist eine Rune für Erfolg und Sieg in allen Angelegenheiten, wobei der Eigenantrieb entscheidend ist.

Anwendung: Sowilo liefert die Lebensenergie. Leider wird sie meistens in verkehrter Drehrichtung verwandt und wirkt somit zerstörend. Neutral ist sie Energie pur, positiv, anregende Lebensenergie und negativ destruktive Kraft, welche die Materie zu zerstören sucht.

Wirkung: Stärkung der psychischen Zentren (Hvel) und des spirituellen Willens, Führung entlang des Pfades, Erleuchtung, Sieg und Erfolg durch den Willen des Einzelnen und durch persönliche Bemühungen, Schutz der Vitalität, Absicherung kollektiver Vorhaben. Amulette gegen Ehr- und Kraftverlust. Talismane zur Stärkung von Körper und Geist.

Heilrune: Zuständig bei Verbrennungen und Hautkrankheiten. Wiederherstellung überreizter Nerven. Behandlung von Übernervosität und geistigen Störungen.

Orakelbedeutung: Die Lebenskraft. Stabile Gesundheit oder andere günstige Umstände und künftige Harmonie. Verbindung zwischen dem höheren Selbst und dem Unbewußten.

Runenbotschaft: Wer den Sieg will, der muß auch selbst etwas dafür tun. Nur dem Tüchtigen winkt das Glück (der Erfolg, die Sonne). Man erkenne die wahren Stärken und Schwächen der Situation, seiner selbst und die seiner Partner, und berücksichtige sie in seiner Planung. Man lausche dem Rat seiner inneren Stimme und handle danach.


Tiwaz
germanisch: Teiwaz
gotisch: Teiws
altenglisch: Tir
altnordisch: Týr
Bedeutung: Sieg
Lautwert: T
Zahl: 17
Schreiben: T
Kraft: aktiv
Geschlecht: männlich
Aett: 3. Tyr
Götter: Tyr
Baum: Eiche
Pflanze: Fackellilie
Kraut: Salbei
Edelstein: Koralle
Farbe: leuchtendes Rot
Elemente: Luft
Halbmond: 4.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Mrz. – Anfang Apr.
Schlagworte: Sieg, Speer, Tyr, Recht und Gesetz, Gerechtigkeit, Rune der Selbstaufopferung, spirituelle Disziplin, Sieg in der Schlacht
Bedeutung: Tiwaz steht für den Himmelsgott Tyr und bedeutet damit Ruhm oder Mut. Dargestellt als Speer, aber auch als Säule, welche die Himmelswölbung stützt, ist sie die Rune der Männer, und diese können aus ihr Kraft zur Weiterentwicklung beziehen. Mit ihr beginnt das dritte Aett, die Acht des Kriegers. Die Rune steht für Gerechtigkeit, Ordnung der Welt, Sieg (in Entsprechung mit dem Gesetz), Selbstaufopferung und spirituelle Disziplin. Dies ist die eigentliche Siegesrune (Sigrún), und die treibende Kraft ist dabei die Gerechtigkeit. Sie repräsentiert dabei hauptsächlich einen rechtmäßig errungenen Sieg über einen ungerechtfertigten Angriff.

Mythologie: Die Tiwaz-Rune verkörpert die Kraft des Asen-Gottes Tyr (Ása-Týr), der für Recht und Gesetz sowie für das Thing (Þing) sorgt. Sein transzendenter (über sich hinausweisender) Charakter zeigt sich in der nordischen Überlieferung im Mythos von der Fesselung des Fenriswolfs, wobei Tyr seine Hand opfert, um die Götter vor der Zerstörung zu bewahren. Tyr legte Fenris während dessen Fesselung als Vertrauensbeweis seine Hand ins Maul. Als Fenris jedoch merkte, daß er betrogen werden sollte, biß er die Hand ab und verschlang sie. Dennoch war es zu spät, und er blieb gefesselt. Tiwaz ist damit die Rune der Selbstaufopferung und der Könige und großen Volksführer. Das Wort Tiwaz (auch Teiwaz) oder nordisch Týr ist die germanische Bezeichnung für einen einzelnen Gott – im Unterschied zu GoÞ (Goth oder Gott) für die Ganzheit des Göttlichen – und kehrt in zahlreichen indogermanischen Namen für den Himmelsgott wieder. Tiwaz/Tyr ist im wesentlichen die Kraft der göttlichen Ordnung im Multiversum und besonders in der Menschenwelt, in Gesetz und Rechtsfindung. Insofern ist Tyr auch ein Kriegsgott, denn auch kriegerische Konflikte wurden in der germanischen Kultur als Rechtskonflikte angesehen, wie das nordische Wort Vápnadómr („Rechtsprechung durch Waffen“) ausdrückt. Man glaubte, daß diejenige Partei von den Göttern begünstigt wird, die durch rechtmäßiges und ehrenhaftes Verhalten in der Vergangenheit mehr Heil besaß. Streitigkeiten konnten früher auf einem Thing durch Zweikämpfe entschieden werden. Unter den Germanen war das Konzept der „siegenden Gerechtigkeit“ weit verbreitet, d.h. ein fälschlicherweise Beschuldigter konnte einen Zweikampf nicht verlieren, da das Recht, und damit Tyr selbst, auf seiner Seite war. Die göttliche Ordnung des Multiversums drückt sich in der Form der Tiwaz-Rune als Abbild der Weltsäule aus, die Himmel und Erde zugleich trennt und verbindet. Tiwaz wird auch durch die Irminsul der Sachsen dargestellt, die auf den Externsteinen aufgestellt war. So wie das zweite Aett mit der reinigenden Zerstörung durch Hagalaz begann, so beginnt auch das dritte Aett mit einem Verlust. Aber dieser Verlust ist freiwillig, um ein größeres Ziel zu erreichen, geopfert von jemanden, der versteht was er aufgibt und warum. Tyr opfert seine Hand, um den Wolf Fenris zu binden, dieses Opfer war ehrenvoll, und Tyr wurde für sein Selbstopfer vom ganzen Pantheon bewundert. Tyr ist wahrscheinlich der älteste Gott der nordischen Mythologie, und er war wichtiger als Odin. Die Rune ist ebenso die älteste des Futhark, da sie fast unverändert aus der Bronzezeit überliefert wurde. Sie repräsentiert all das, was man mit einem Gott verbindet: Stärke, Heldentum, Pflicht und Verantwortung. Aber sie steht ebenso für ein tieferes Mysterium, das der Verwundung eines Gottes.

Magie: Tiwaz kann dort eingesetzt werden, wo eine gerechte Entscheidung herbeigeführt werden soll. Wie Thurisaz, erinnert der Schmerz daran, sich noch mehr auf Pflichten und Verantwortung zu konzentrieren. Tiwaz ist der Weg des Kriegers.

Anwendung: Tiwaz lenkt Energie auf eine bestimmte Richtung. Konstruktiv wirkt sie sich auf das Finden und Erreichen eines Zieles aus, neutral dient sie dem Intellekt, und destruktiv leitet sie alle Ideen in das große Nichts, die Zerstörung der Träume.

Wirkung: Erreichen von gerechtem Sieg und Erfolg, Aufbau spiritueller Willensstärke, Entwickeln der Macht positiver Selbstaufopferung und der Kraft des Glaubens in Magie und Religion, Steigern der Loyalität, Abwehr von Mißtrauen und Streit, aktive Verteidigung, Bestehen im Kampf, Fördern des kollektiven Zusammenhalts. Amulette gegen das Auftreten absehbarer Konflikte. Talismane für Sieg und Durchsetzung.

Heilrune: Zuständig für Handgelenke, Hände und Finger und für Arthritis. Wiederherstellung des organischen Gleichgewichtes. Einsatz im Sinne von „Heilen durch Erkennen“.

Orakelbedeutung: Wissen um die eigenen wahren Stärken. Allgemeiner Erfolg in rechtlichen Dingen. Ehre, Gerechtigkeit, Führerschaft und Autorität. Tiwaz steht auch für Gerechtigkeit, eine Entscheidungen oder die Herausforderung, für sein Recht zu kämpfen, wenn es versagt wird.

Runenbotschaft: Der Mut zur Selbstaufopferung führt zum gerechten Erfolg. Man übe und verlange selbst Treue, auch in schwierigen Zeiten. Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit sind gefordert, wenn die Gerechtigkeit siegen soll.

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Berkana
germanisch: Berkana
gotisch: Baírkan
altenglisch: Beorc
altnordisch: Bjarkan
Bedeutung: Birke
Lautwert: B
Zahl: 18
Schreiben: B
Kraft: passiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 3. Tyr
Götter: Berta, Holda
Baum: Birke
Pflanze: Mondwinde
Kraut: Frauenmantel
Edelstein: Mondstein
Farbe: dunkles Grün
Elemente: Erde
Halbmond: 4.  Neumond
Zeit ca.: Ende Feb. – Ende Mrz.
Schlagworte: Birke, Brüste der Mutter Erde, Rune der Übergangsriten, Variation, Zufall, Evolution, repräsentiert die Birke als Baum des Lebens und des Todes, weibliche Intuition, assoziiert mit Fruchtbarkeitskulten
Bedeutung: Berkana bedeutet Göttin der Birke, und die Birke ist ein Symbol für Fruchtbarkeit. In der ganzen europäischen Kultur werden Birkenzweige für kultische Zwecke genutzt. Man bringt sie in Form von Herzen an der Tür von frisch Verheirateten an oder schmückt damit den Maibaum. Hexen sollen auf Besen aus Birkenholz geritten sein – vielleicht kommt dieses Bild aus dem Brauch sich mit Birkenzweigen zu schlagen, um fruchtbar zu werden. Wenn Tiwaz eine fundamental männliche Rune war, so ist Berkana ausnehmend weiblich, denn sie steht für die Mutter, die weise alte Frau und das junge Mädchen. Tyrs Wunde entsteht durch die Begegnung mit dem Tod, Berkanas Wunde ist die des Lebens – die der Menstruation. Um 90° gedreht stellt die Rune die Brüste der Erdmutter dar.

Mythologie: Die Birke leuchtet in der Vollmondnacht und ihr reflektiertes Licht wirft keinen Schatten. Iduna ist die Göttin der Birken und steht für natürliche Weiblichkeit. Die Göttin der Birke (Iduna oder Frigg) wird in Berkana auch als Erdmutter, die große Göttin, angesehen. Sie ist die Mutter aller Lebewesen Midgards und Herrin über Geburt und Wiedergeburt. Sie ist das weibliche Konzept des Lebens, die Form der Rune Berkana wird mit den lebensspendenden Brüsten einer Mutter assoziiert. Heiden sehen in der Erdmutter auch die dreifache Göttin, da die Erscheinung als Mädchen, Mutter und alte Frau starke Parallelen zum Heidentum aufweist. Die Berkana-Rune enthält das komplexe Mysterium der großen Mutter. In ihrem kosmologischen Aspekt ist sie die Mutter jeglicher Manifestation und verkörpert das Mysterium kosmischer und menschlicher Geburt und Wiedergeburt. Berkana herrscht über die vier zentralen menschlichen „Übergangsrituale“ (Geburt, Eintritt in die Welt der Erwachsenen, Hochzeit und Tod). Die Göttin der Birke verkörpert den aufblühenden, aber auch den dunklen Aspekt der großen Mutter, die „schreckliche Mutter“, die über den Tod regiert. Im Ritual der Erdmutter Nerthus, wie es Tacitus beschreibt, bringt die in einem Wagen über die Felder ziehende Göttin Segen, Frieden und Fruchtbarkeit, nimmt am Ende aber Menschenopfer entgegen, die in ihrem heiligen See ertränkt werden – wobei allerdings unklar ist, ob es sich um ein faktisches Opfer oder um eine symbolische Beschreibung von Tod und Wiedergeburt handelt, für die oft, besonders in germanischen und keltischen Mythen, ein geheimnisvoller See steht (das Wort Seele kommt von See). In der Berkana-Rune ist alles Werden und Sein enthalten. Sie ist die Einheit des Kreislaufs von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, die Einheit der Evolution und das „Mysterium des Augenblicks“, durch das sich diese Einheit des Seins in ein Werden entfaltet. Als Rune der Muttergottheit ist Berkana eine erhaltende, schützende und daher auch verbergende Macht. Sie herrscht über alle schützenden und verbergenden Orte wie Höhlen, Behausungen und Einweihungsorte.

Magie: Berkana ist die Rune der Frauen, und sie können aus ihr Kraft beziehen. Berkana hilft beim Bewußtwerden der Einheit des Augenblicks als Mutter aller Dinge und bei der Verwirklichung von Ideen durch den schöpferischen Prozeß und bewirkt Fruchtbarkeit und Wachstum. Der Prozeß der Erneuerung in Form einer Wiedergeburt in veränderter Form wird vom Prinzip dieser Rune unterstützt. Nach einer Zeit der negativen Erfahrungen brechen die positiven Gefühle und der Lebenswille wieder hervor wie die Pflanzen im Frühling.

Anwendung: Positiv stärkt Berkana die weiblichen Seiten, neutral ist sie Beschützerin des Menschen und negativ die Mutter, die ihre Kinder frißt.

Wirkung: Reinkarnation und Wiedergeburt im Geist. Stärkt die Macht des Geheimen. Rituale des Schutzes und der Verheimlichung. Festhalten und Bewahren anderer Kräfte. Schutz des Heims und des unmittelbaren persönlichen Umfelds. Sicherung der Versorgung. Schutz vor Täuschung. Amulette gegen Bedrohung des Besitzstandes von außen und gegen Heimtücke. Talismane zur Förderung des allmählichen wachsenden Reichtums und der allgemeinen Fruchtbarkeit.

Heilrune: Zuständig für verschiedene Fruchtbarkeitsstörungen. Steigerung der physischen Standfestigkeit. Stärkung von Knochengerüst und Muskulatur. Steigerung der allgemeinen Widerstandsfähigkeit. Heilung von Infektionen.

Orakelbedeutung: Allgemeine Fruchtbarkeit, sowohl geistige als auch körperliche, sowie persönliche Entwicklung, Gesundheit, das Gedeihen eines Unternehmens, ein neuer Anfang, Wachstum, Klarheit.

Runenbotschaft: Diese Rune kann alles verbergen und geheimhalten oder Geheimnisse teilen – wohl dem, der weiß, wie. Man pflege den Kontakt zur Erde in jeder Hinsicht: körperlich, geistig und seelisch.

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Ehwaz
germanisch: Ehwaz, Ehwo (zwei Pferde)
gotisch: Aíhws
altenglisch: Eh
altnordisch: Íor (Pferd)
Bedeutung: Pferd
Lautwert: E
Zahl: 19
Schreiben: E
Kraft: aktiv
Geschlecht: beide
Aett: 3. Tyr
Götter: Freyr und Freyja
Baum: Eiche, Esche
Pflanze: Forsythie
Kraut: Kreuzkraut
Edelstein: Kalkspat
Farbe: strahlendes Weiß
Elemente: Erde
Halbmond: 3.  Vollmond
Zeit ca.: Anfang Feb. – Anfang Mrz.
Schlagworte: Pferd, esoterische Ähnlichkeit zwischen Pferd (Ehwaz) und Mensch (Mannaz), Rune von Sleipnir, Rune des Weltenreitens, Macht der Zwillinge, beziehungsweise des Dualismus, Loyalität, Ehe, Treue, eigener Geist, Unbewußtes, Bewegung, assoziiert mit dem Lauf der Sonne
Bedeutung: Die Rune Ehwaz bedeutet Pferd, und leitet sich vom urgermanischen „Ehwo“ (zwei Pferde) ab – das Runenzeichen stellt zwei einander zugewandte Pferde dar, steht aber auch für Odins achtbeiniges Roß Sleipnir. Das Pferd kommt nach nordischer Überlieferung der Runen vor dem ganzen Menschen. Daraus ergeben sich interessante Denkanstöße. Das Pferd war schon immer in fast jeder Kultur ein kraftvolles Symbol. Häufig zogen Pferde die Sonne über den Himmel und waren damit ein elementarer Bestandteil des Lebens. Stärke, Schnelligkeit und Loyalität sind ihre Eigenschaften, und ihre Verbindung zum Menschen ist einmalig. Sie machen es dem Menschen möglich, Dinge zu bewerkstelligen, zu denen er alleine nicht fähig wäre und lassen ihn Distanzen überwinden, die er alleine nicht geschafft hätte. Dieses Tier hat seine Wildheit und Stärke nicht verloren, obwohl es domestiziert ist. Der altnordische Runenname Íor (Pferd) wird sogar nur für ein Pferd in Zusammenhang mit kultischen Handlungen benutzt. Wie die Sonne steht Ehwaz für Energie und Bewegung. In diesem Falle kommt aber noch Respekt für die Quelle der Energie hinzu. Dies ist keine unpersönliche Energie, sondern eine lebende Quelle, die Respekt verdient und deren Wünsche man beachten muß. Diese Rune erinnert daran, immer zu helfen und nicht zu schaden mit der Macht, die man erhalten hat. Wie das Schwert ist auch das Pferd mächtig und kann gefährlich sein. Wenn man unvorsichtig ist, bricht es, und man verliert seine Stärke für immer. Es ist das Gleichgewicht, das auf dem Weg der Runen erreicht werden muß. Ehwaz repräsentiert die harmonische Beziehung zwischen zwei Kräften, die sich gegenseitig ergänzen. Dies gilt sowohl für die Beziehung zwischen Mensch und Pferd als auch für Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Die Rune steht für Partnerschaft. Die Ehwaz-Rune stellt das Symbol der idealen Mann-Frau-Beziehung und somit das Mysterium der mit dem Gesetz im Einklang stehenden Ehe „Êh“ (Vertrag, Ehe) dar.

Mythologie: Ehwaz repräsentiert die Macht der göttlichen Zwillinge, repräsentiert durch zwei Pferde. Diese Machtstruktur spiegelt eine duale Form germanischen Königtums wieder. Auch diese Führer wurden in der Mythologie oft als Pferde dargestellt (zum Beispiel Hengest und Horsa). Auch der Name der Zwillingsgottheit Asvinau im indischen Veda bedeutet wörtlich „zwei Pferde“. Hier wird eher die harmonische Beziehung zwischen den beiden Kräften der dualen Machtstruktur betont als die defensive und nach außen gerichtete Kraft, die von der Algiz-Rune repräsentiert wird. All das weist auf die enge Beziehung zwischen Mensch und Pferd hin, die bei den Indoeuropäern im allgemeinen und de germanischen   Völkern im besonderen erkennbar ist. Das Pferd stellt eine Quelle göttlichen Wissens dar, und Pferde wurden oft von den alten germanischen Priestern in Weissagungsriten befragt. Die spirituelle Qualität von Ehwaz steht in engem Zusammenhang mit der Menschheit (Mannaz). Im Altnordischen heißt es: „Marr er Manns Fylgja“ (Das Pferd ist der Doppelgänger oder Schutzgeist des Mannes). Die Fylgja ist in einer Familie erblich, also der Geist der Ahnen, der den Nachkommen ihre ererbte Identität gibt und sie beschützt. Die Binderune von Ehwaz und Mannaz ist „em“ („ich bin“). Die Ehwaz-Rune erleichtert das Reisen zwischen den einzelnen Welten von Yggdrasil. Der Runenkundige kann mit ihrer Macht durch die Reiche der Realität „reiten“. Ehwaz ist die Rune von Odins achtfüßigem Roß Sleipnir. Oft findet man auf runischen Amuletten das Bildnis eines auf einem Pferd reitenden Mannes als symbolische Form integrierten Schutzes unter der Schirmherrschaft von Odin. Dies ist der jenseitige Aspekt von Ehwaz, das Pferd steht jedoch auch mit Fruchtbarkeitsmagie in Verbindung und damit mit Freyr, dem Gott der Fruchtbarkeit, des Friedens und der Sinnlichkeit. Dies ist die Rune des Vertrauens und der Loyalität. Die spirituelle Beziehung   zwischen einem Reiter und seinem Pferd ist ein gutes Beispiel für die Kraft dieser Rune. In diesem Geheimnis ist ein großes Potential an Macht enthalten. Ehwaz ist die Kombination zweier gleichgestimmter, aber in Form einer Dualität ausgedrückter Kräfte oder Wesenheiten (wie Mann/Pferd, Pferd/Kutsche, Mann/Fylgja, Körper/Seele), die in harmonischer Weise auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.

Magie: Ehwaz verleiht Kraft und gilbt Hilfe in der Kommunikation und auf Reisen. Sie kann dabei unterstützen, einen Zauber auf große Entfernung zu wirken (obwohl dies nur eine geistige Blockade abbaut, denn eigentlich spielen Entfernungen für die Magie überhaupt keine Rolle) und fördert die Schnelligkeit. Ehwaz kann als Instrument für Reisen durch die Anderswelt genutzt werden, setzt aber Vertrauen, Loyalität und harmonische Dualität voraus, die sie andererseits auch verleiht. Mit Hilfe dieser Rune kann man durch alle Welten „reiten“, es bleibt kein Tor verschlossen. Bei Beschwörungen kann man Ehwaz zum Herstellen und Abbrechen von Verbindungen jeglicher Art benutzen.

Anwendung: Neutral ist diese Rune dem Wesen der Pferde sehr ähnlich, im positiven Aspekt fördert sie das Liebesleben sowie das Sich-Begegnen, und im negativen Aspekt bringt sie jedes Pferd zu Fall, vor allem das in einem selbst.

Wirkung: Hilfe bei schamanischer Reise. Bewußtmachen der fundamentalen Einheit von Körper und Geist. Verleiht Vertrauen und Loyalität. Fördert Schnelligkeit. Sicherung von Flucht- und Auswegmöglichkeiten. Steigerung der Sinnlichkeit und Unmittelbarkeit. Amulette gegen die Bewegungsfähigkeit einschränkende. Angriffe Talismane für Einigkeit Loyalität und Zuverlässigkeit.

Heilrune: Zuständig für Rückenschmerzen, -probleme und -erkrankungen, Förderung der Beweglichkeit, Harmonisierung symbiotischer Prozesse in Körper und Geist.

Orakelbedeutung: Gesellschaftliche Stellung, persönlicher Status, eine Nachricht der Götter. Beim Werfen bestätigt diese Rune ohne jede Einschränkung die Bedeutung der sie umgebenden Runen. Sie kann aber auch Transport, Bewegung, Energie, Kraft, Wille oder Kommunikation bedeuten. In der Divination kann Ehwaz auch für einen Weg stehen, den man „gemeinsam mit“ oder „geführt von“ jemandem geht oder gehen wird.

Runenbotschaft: Man erkenne den Wert seines „Reittiers“ – gleichgültig, ob dies ein reales Tier, einer oder mehrere menschliche Partner seien oder ob es sich dabei um Theorien, Arbeitshypothesen oder andere Hilfen handelt, mit denen man von einer Realität in die andere „reitet“. Eine für beide Seiten vorteilhafte Symbiose entsteht nur, wenn beide Teile den anderen integrieren statt ihn zu mißachten und auszubeuten. Treue und Verläßlichkeit sind die Grundlagen dieser Art von Beziehung. Wenn sie richtig funktioniert, entsteht eine Einheit, die weit mehr beinhaltet, als die Summe ihrer Teile eigentlich vermuten läßt. Individuelle Eigenschaften werden nicht ausgemerzt, sondern betont und hervorgehoben, sodaß jeder Teil seinen ganz eigenen Beitrag zum Wohle des Ganzen einbringen kann.

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Mannaz
germanisch: Mannaz
gotisch: Manna
altenglisch: Mann
altnordisch: Maðr
Bedeutung: Mann
Lautwert: M
Zahl: 20
Schreiben: M
Kraft: passiv
Geschlecht: männlich
Aett: 3. Tyr
Götter: Heimdall
Baum: Stechpalme
Pflanze: Fingerhut
Kraut: Krapp
Edelstein: Granat
Farbe: dunkles Rot
Elemente: Luft
Halbmond: 3.  Neumond
Zeit ca.: Ende Jan. – Ende Feb.
Schlagworte: Mann, Mensch, Menschlich, göttliche Abstammung des Menschen, Intelligenz, Tradition, Rune der Einweihung und der Blutsbrüderschaft, Öffnung des inneren Auges, Verbindung vom Menschlichem zum Göttlichem
Bedeutung: Mannaz bedeutet Mann oder Mensch, aber auch das männlich-weibliche Menschenpaar, und im weitesten Sinne steht Mannaz für Menschlichkeit und damit für ganz Midgard. In einer mehr praktischen Bedeutung steht Mannaz, für die Menschen, mit denen man eine Verbindung hat, also die Familie und Freunde, die Sippe. Die Personen, die den Menschen daran erinnern, daß er von Natur aus ein Tier mit einem sozialem Gefüge ist. Die Form der Rune symbolisiert die Vermählung zwischen Himmel und Erde oder ein menschliches Paar. Diese Rune kann sich, als für den Menschen stehend, auf ein Individuum oder eine Gruppe beziehen und so die Position des Menschen in der Schöpfung symbolisieren. Abhängig von seiner sozialen Umgebung und den Umständen seines Lebens, ist der Mensch nicht isoliert lebensfähig. Er definiert sich aus einer Interaktion mit anderen Menschen und Gruppen. Mannaz zeigt das Innere, die Zusammenhänge, von denen das Individuum in der umgebenden Natur abhängt. In der Sippe existieren aber auch die Ahnen, ihre Erinnerungen und Erfahrungen. Alles zusammen ergibt einen Schatz von Wissen, welche im Inneren jedes Einzelnen verborgen liegt. Um dieses Wissen zu erschließen, bedarf es eines tiefen Verständnisses der eigenen, subjektiven Zusammenhänge. Mannaz wird durch die Integration der Ahnen in die Sippe zum Tor, welches zu dem alten Wissen führt (Zugang zur „Erberinnerung“ oder dem „kollektiven Unterbewußtsein“).

Mythologie: Die Rune steht neben dem Menschen auch für den göttlichen Vorfahr und Himmelsvater und damit auch für die Verbindung des Menschen mit den Göttern (Ymir) und mit der Natur (zwei Bäume). Sie nimmt die wilde Energie von Ehwaz und kontrolliert sie durch ein soziales Bewußtsein, sie erinnert an diejenigen, die man mit seinen Taten beeinflußt, magisch wie auch weltlich. Die Rune selbst ähnelt Gyfu indem sie weibliche und männliche Elemente vereint, sie ist aber vollständiger in dieser Vereinigung. Sie ist das komplette Netz menschlicher Beziehung, mit dem Selbst im Zentrum, welches das Netz des Schicksal wiederspiegelt, welches durch Raidho erforscht wird. Als man das Netz betrat, war es mehr oder weniger fest, aber dieses hier ist beweglich und lebendig. Vergangenheit und Gegenwart, männlich und weiblich, das Selbst und die anderen – alle Gegensätze werden hier verbunden und zusammengefügt. Mannaz ist die Heimat des Selbst und spricht für alle, die man erreicht und erreicht hat durch die Gabe der Runen. Mannaz ist das Mysterium der göttlichen (archetypischen) Struktur in jedem Einzelwesen und in der Menschheit im allgemeinen. Diese Struktur wird vom Gott Heimdall als Urahn der Menschheit verliehen. Eine Schilderung davon findet man in der „Rigsthula“ der älteren Edda. Sie beschreibt, wie Rigr (Heimdall) die archetypischen Repräsentanten der drei sozialen Funktionen in der Welt der Menschen hervorbringt (den Ernährer, den Krieger und den Priester/König), welche die drei Ebenen der göttlichen Struktur widerspiegeln. Heimdall ist dort eigentlich Odin in einer seiner vielen Ausdrucksformen, der des Ur- und Allvaters (Alfaðir). Die Mannaz-Rune stellt das Symbol Heimdalls als genetische Verbindung zwischen Göttern und Menschen und als Wächter der Regenbogenbrücke Bifröst dar, welche Asgard mit Midgard verbindet. Dies ist die Rune, welche die Entstehung der germanischen Völker aus der göttlichen Ordnung und die göttliche Abstammung der Menschen beschreibt. Sie repräsentiert das Mysterium der Menschheit und die runische Struktur in der menschlichen Seele. Mannaz ist die Macht menschlicher Intelligenz, Vernunft, Erinnerung und Tradition. Es ist das Runenzeichen des „vollendeten Menschen“, des vollkommenen menschlichen Wesens, des Eingeweihten in einen der vielen Kulte des „alten Glaubens“. Mannaz stellt ein androgynes, archetypisches Wesen dar, und ihr Mysterium verkörpert somit die Macht des Androgynen in der psychologischen Sphäre der Menschheit. Die Rune repräsentiert die Einrichtung der Blutsbrüderschaft.

Magie: Diese Rune fördert die geistige Weiterentwicklung auf allen Ebenen und erweitert das Bewußtsein. Manaz hilft beim Überwinden geistiger Schwierigkeiten, sie bewirkt den Ausgleich der guten und bösen Seite des Menschen (Dr. Jekyll & Mr. Hyde).

Anwendung: Diese Rune steht für den in Harmonie mit seinen beiden Seiten lebenden Menschen. Neutral zielt sie auf den heilen Menschen ab, positiv unterstützt sie den Heilungsprozeß und negativ wirft sie ihn gänzlich durcheinander.

Wirkung: Förderung der Intelligenz, des Gedächtnisses und generell der geistigen Kräfte. Ausgleich der „Pole der Persönlichkeit“. Öffnen des „geistigen Auges“ (Hugauga). Bewußtmachen der göttlichen Struktur der Menschheit. Abwehr von Fehleinschätzungen anderer. Amulette gegen Trennungs- und Lösezauber. Talismane für Liebeszauber und Vereinigung.

Heilrune: Zuständig für Füße und Fußknöchel, Zerrungen, Behebung von Selbsttäuschung und geistiger Umnachtung, Harmonisierung der motorischen Aussteuerung.

Orakelbedeutung: Das Individuum. Die Einstellung zu anderen und deren Einstellung zu sich selbst. Freunde und Feinde.

Runenbotschaft: Der Mensch, seine Sippe, seine Ahnen, die Götter und der Kosmos – alles ist eins, und der Einzelne kann Zugriff erhalten auf das Wissen aller. Man erkenne das Wesen der Menschlichkeit, man nehme die Menschen so, wie sie wirklich sind, und nicht etwa so, wie man sie gern hätte oder wie das System es von ihnen verlangt.

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Laguz
germanisch: Laguz, Laukaz (Lauch)
gotisch: Lagus
altenglisch: Lagu
altnordisch: Lögr
Bedeutung: Wasser
Lautwert: L
Zahl: 21
Schreiben: L
Kraft: aktiv
Geschlecht: weiblich
Aett: 3. Tyr
Götter: Nerthus
Baum: Weide
Pflanze: Seerose
Kraut: Lauch
Edelstein: Perle
Farbe: tiefes Grün
Elemente: Wasser
Halbmond: 2.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Jan. – Anfang Feb.
Schlagworte: Wasser, Meer, Welle, Quelle des organischen Lebens, Urwasser – latentes Potential zwischen Eis und Feuer, Rune der Wasserweihe, Lauch, organische Fruchtbarkeit, Rune der Kräuterweihe, Vorwärtskommen, Aufladen der eigenen Energie
Bedeutung: Laguz bedeutet Wasser oder Gewässer. Die Vorstellung der meisten Menschen, wenn sie an Wasser denken, ist eine eher angenehme Assoziation – friedevoll, Liebe, Leidenschaft, Intuition, Emotionen im Allgemeinen. Man muß aber auch daran denken, daß für die Menschen des Nordens Wasser normalerweise für das Meer stand, und das war fürchterlich. Ein unberechenbarer Ort, die Heimat der Midgardschlange und das Grab von unzähligen Seefahrern. Laguz sollte mit den schönen und weniger schönen Eigenschaften des Wasser in Verbindung gebracht werden. Diese Rune spricht die Urängste an, wie Kälte, Dunkelheit und all diese schrecklichen Dinge, die tief im Unterbewußtsein verwurzelt sind. Wie Ehwaz den Wanderer mit seiner Sterblichkeit konfrontiert, läßt Laguz ihn die Grundlagen seines Selbst und seines Verhaltens untersuchen, und erlaubt es ihm dadurch, sein Handeln zu ändern und Behinderungen zu beseitigen. Das Verständnis und die Weisheit, die durch Ehwaz gewonnen wird, haben den Reisenden auf die dunkleren Seiten (repräsentiert durch Laguz) vorbereitet, und er akzeptiert sie nun als Teil seines ganzen Selbst. Laguz bereitet den Reisenden ebenso darauf vor, anderen zu helfen, indem man sich selbst untersucht und erkennt, sie erlaubt ihnen besser auf die eigene Weisheit und Erfahrung zurückzugreifen. Das macht sie unter anderem zur Rune des spirituellen Beraters. Man sieht im Symbol der Rune Laguz eine Welle oder den schnellwüchsigen grünen Teil des Lauchs, weil man die Rune auch mit dem urgermanischen „Laukaz“ (Lauch) in Verbindung bringt, was im altnordischen Runennamen „Laukr“ zum Ausdruck kommt. Der Lauch ist ein Symbol für organisches Wachstum, phallische Macht (Tugend), und Fruchtbarkeit im physischen wie im spirituellen Bereich. Laukaz herrscht über die Lehre der Kräutermagie, die im Altnordischen als „Lyf“ und im Altenglischen als „Lac-Nunga“ bezeichnet wurde. Das „Itrlaukr“ (glänzender Lauch) gab man oft einem jungen Mann, sobald er sich als Krieger erwiesen hatte.

Mythologie: Laguz ist die Grundenergie des Lebens im Multiversum und die geheime Quelle allen organischen Lebens. Laguz ist das Gesetz (Lög) des Lebens, innerhalb des ganzen Multiversums ebenso wie in Midgard. Es sind dies die Schichten (Gesetze) vergangener kosmischer und menschlicher Taten, welche die zukünftige Entwicklung der Lebensformen bestimmen. Die Laguz-Rune steht für die Ur-Wasser in Niflheim, die das latente, ungeformte Potential des Lebens enthalten, welches zu Eis verfestigt ist und durch die Feuer von Muspelheim mit Energie geladen werden muß, bevor es als manifestiertes Muster verwirklicht werden kann. Die Laguz-Rune stellt eine machtvolle Rune der Einweihung dar – besonders der Einweihung in das Leben. In heidnischen Zeiten besprengte man ein neugeborenes Kind mit Wasser und gab ihm seinen Namen, sobald es sich als des Lebens würdig erwiesen hatte. Dadurch wurde das Kind wieder in die Lebenskraft seines Stammes integriert. Das Mysterium des „Vatni Ausa“ (das rituelle Besprengen mit Wasser) geht auf vorchristliche Zeiten zurück und ist ein Hauptbestandteil der alten nordischen Lehre der Wiedergeburt (Aptrburdhr). Die Funktionen der Uruz-Rune und der Laguz-Rune sind auf unterschiedlichen Ebenen eng miteinander verwandt. Laguz beinhaltet auch den Ritus der Überquerung des Wassers am Ende des Lebens – der Überquerung des Ur-Wassers, um ins Totenreich zu gelangen. In diesem Zusammenhang sind die Mythen um Odin als Fährmann der Seele von. Bedeutung. Auch die Schiffsbegräbnisse der Wikinger und die dadurch angedeutete symbolische Überquerung des Wassers weisen auf diesen Glauben hin.

Magie: Diese Rune steht für das Wasser. Sie repräsentiert auch den Lauch, der häufig in der Magie angewendet wurde. Magie kann in ihren Auswirkungen wie Lauch sein. Man kann ihn für sich nutzen, aber   es ist nicht ungefährlich, ihn aus dem Boden zu ziehen, da man sich an seinen scharfen Seiten leicht schneiden kann. Ein tiefes Gewässer kann für das verborgene Unbewußte stehen, welches sich unter der Oberfläche ausbreitet, aber nicht einsehbar ist. Das Meer wurde als eine Quelle des Lebens angesehen und stand auch für die Mysterien von Leben und Tod (das Meer gibt, nimmt aber auch Leben). Laguz ist das kollektive Unbewußte, das universelle Wissen. Man verschaffe sich Klarheit über sein eigenes Durchhaltevermögen und seine Standhaftigkeit angesichts von Schicksalsprüfungen – und über die gewaltigen Kräfte in seinem Inneren, die es einem ermöglichen, solche Prüfungen zu bestehen. Die Rune steht für das Getränk, welches im Ritual mit runischer Macht „aufgeladen“ wird.

Anwendung: Laguz symbolisiert einen großen, reinigenden, klaren Fluß, der alles, was ins Stocken geraten ist, wieder zum Fließen bringt. Neutral steht diese Rune für die reinigende Kraft des Wassers, positiv wirkt sie auf die Gefühlswelt ein und erinnert uns an die Wichtigkeit des Loslassens. Negativ vermag sie alles in Fluß gekommene wieder zu stoppen.

Wirkung: Stärkung des Magnetismus. Entwicklung hellseherischer Fähigkeiten. Führung bei schwierigen Einweihungsprüfungen. Gesteigerte Vitalität und Lebenskraft. Konzentration ungeformter magischer Kraft zur Strukturierung und Formung durch den Willen. Stabilisieren mentaler und emotionaler Abweichungen. Schutz vor Feigheit, Verrat und Unflexibilität. Schutz vor Vergiftungen. Amulette gegen Vergiftungen und Unfälle. Talismane zur Steigerung der Standhaftigkeit und für sicheres Reisen. Diese Rune wirkt auch stark auf den Körper

Heilrune: Zuständig für Nieren- und Hauterkrankungen und Nierenbeschwerden. Anwendung bei Vergiftungen. Gebrauch zur Erlangung von Kräuterwissen. Heilung von Lähmung und Unbeweglichkeit.

Orakelbedeutung: Erfolg bei Reise oder Erwerb, allerdings mit der Möglichkeit des Verlustes. Imagination und geistig-paranormale Angelegenheiten. In der Divination steht Laguz für das Unbekannte, das „unter der Oberfläche Verborgene“.

Runenbotschaft: Das Wasser ist tief und scheinbar unergründlich. Es gibt seine Geheimnisse dem Suchenden preis, wenn er mit Umsicht hineintaucht. Wasser ist gefährlich und kann auch töten, doch ohne Wasser ist auch kein Leben möglich. Es kommt auf das richtige Maß an. Man handle unverzüglich und schiebe nichts mehr auf die lange Bank. Man lerne, den „Wogenhengst“ (das Schiff) zu zähmen, der einen über die Wasser des Lebens trägt.

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Ingwaz
germanisch: Ingwaz
gotisch: Enguz, Iggws
altenglisch: Ing, Yngvi
altnordisch: Ing, Yngwio
Bedeutung: Himmelslicht
Lautwert: NG
Zahl: 22
Schreiben: Ng
Kraft: passiv
Geschlecht: beide
Aett: 3. Tyr
Götter: Freyr, Freyja
Baum: Apfelbaum
Pflanze: Enzian
Kraut: Brunelle
Edelstein: Topas
Farbe: goldenes Gelb
Elemente: Wasser, Erde
Halbmond: 2.  Neumond
Zeit ca.: Anfang Jan. – Ende Jan.
Schlagworte: Himmelslicht, Ing (der legendäre Held, später Gott), Gemahl der Erdmutter, Kraft des Freyr, neutrale männliche Energie als Potential der Erneuerung im Jahres- und Lebenslauf, Sexualität, Fruchtbarkeit
Bedeutung: Ingwaz bedeutet Ing, der Erdgott, der auch als Fruchtbarkeits- und Sonnengott Ingvi-Freyr angesehen wird. Die Form der Rune kann als Feld gedeutet werden, manche sehen darin auch das männliche Genital, andere wiederum das Himmelsfeuer (Rune zu Imbolc), aber ihre wirkliche Signifikanz liegt wohl in der Balance. Sie zeigt eine harmonische Beziehung zwischen den Menschen und den vier Elementen der Natur. Ingwaz erinnert an die alte Verbindung der Götter mit dem Land und verbindet den Menschen wieder mit seiner spirituellen Natur durch die reale Natur. Sie ist eine Erdungsrune, die den Menschen und seinen Körper, seinen Geist und seine Wahrnehmung wieder auf die Erde zurückführt. Manche halten sie auch für das männliche Gegenstück zu Berkana, denn während Berkana das weibliche Mysterium in sich birgt, so steht Inguz für das männliche. Ingwaz steht für die Energie des Samens. Die Rune ist zurückgezogen und isoliert. Sie beinhaltet den Reifungsprozeß, welcher sich im Verborgenen abspielt. Ingwaz stellt Rückzug, Transformation im Verborgenen und die darauffolgende Rückkehr dar. Dazu kann als Beispiel das Reifen einer Pflanze, die Geburt eines Kindes oder das Leben eines Schmetterlings dienen. Das Leben zieht sich zurück und vollzieht im Verborgenen eine Umwandlung, eine Transformation zu neuer Kraft. Der obere Bereich im Bild der Rune steht für den Bereich der sichtbaren Realität (Alltag), der untere Teil für das verborgene Reich der Verwandlung (bildlich: die Erde). Am Anfang des Zyklus steht der Rückzug in den verborgenen Bereich. In dieser geheimen, intimen Umgebung vollzieht sich die Umwandlung. Die Kräfte werden wieder gesammelt, und eine Regeneration findet statt. Ein Samenkorn überwintert zum Beispiel unter der Erde und sammelt die Kräfte für sein Hervorbrechen im Frühling. Am Ende steht die Wiederkehr mit neuer Kraft oder in einer neuen Form.

Mythologie: Man nimmt an, daß Ing der Name eines alten germanischen Erdgottes ist, der zusammen mit der Erdmutter Nerthus wirkte. Ihr Kult war in alter Zeit besonders in den Nordseegebieten stark ausgeprägt. In einem altenglischen Runengedicht wird berichtet, daß Ing zuerst unter den Ostdänen von einem menschlichen Auge erblickt wurde, bis er gegen Osten über das Meer ging, und sein Wagen folgte ihm nach. So nannten die Heardings den Helden. Der hier erwähnte Wagen ist identisch mit dem, der im Nerthus-Kult verwendet wurde. Ingwaz stellt den Gemahl der Erdmutter dar und den ihr zur Seite stehenden Priester. Dieser Kult spielte bei den Völkern der Nordsee eine so bedeutende Rolle, daß sie oft als Ingvaeones (Jene des Ing) bezeichnet wurden. Der vanische Gott Freyr, der Gott des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit, ist auch unter dem Namen Yngvi bekannt. Ing ist auch der dänische/angel-sächsische Name für Freyr. Es scheint, daß Freyr ganz allgemein im Norden die Rolle und den Namen des Ing an sich gerissen hat, und er spielt auch bei den Fruchtbarkeitsritualen eine Rolle, indem er in einem Wagen in rituellen Prozessionen fährt. Ackerbau ist einer der ersten Versuche der Menschheit ihre Umgebung zu kontrollieren. Die Fruchtbarkeit der Tiere und Pflanzen ist in jeder heidnischen Religion ein zentrales Thema. Von dem frühesten Sumerer bis zur modernen Volksglauben, haben die Menschen versucht, den Erfolg ihrer Ernte zu verbessern. Der größte Teil der westlichen Zivilisation hat den Kontakt zum Land und seinen Lebewesen verloren. Die spirituelle Konsequenz dieser Trennung von der Erde ist erschreckend, da die meisten Menschen keinen Bezug mehr zum natürlichen Leben auf der Erde haben. Im Ing-Nerthus-Kult verzehrt das feminine Element das maskuline, um die verbrauchten Energien wieder zu ersetzen, die nötig waren, um dem Land und dem Volk Fruchtbarkeit zu spenden. Kennzeichnend ist in diesem Zusammenhang die Sage, in der Freyr sein Schwert opfert, um Skadhi zu gewinnen oder auch der Name Gelding (kastriertes Pferd) für Odin. Das männliche Element repräsentiert die sich immer wieder selbst erneuernde „kosmische Nahrung“ in Form von potentieller Energie, die den Winter hindurch von der Göttin einbehalten wird, um sie dann im Frühling plötzlich und mit gewaltiger Kraft in einem orgiastischen Prozessions-Ritual wieder freizusetzen. Die Ingwaz-Rune stellt einen Vorrat potentieller Energie dar, die erst durch einen Prozeß des Wachstums und der Reifung hindurchgehen muß, um an Kraft zu gewinnen. Dieses Prinzip hat für alle Ebenen des Multiversums Gültigkeit, und dieser Rune wohnt große Kraft inne, denn jede Macht muß eine solche geschützte Periode des Wachstums und der Reifung durchmachen, ehe sie in ihrer potentesten Form in Erscheinung treten kann.

Magie: In dieser Rune ist eines der größten Geheimnisse nordischer Sexualmagie verkörpert.

Anwendung: Inguz ist die vierte, nicht wend- und umkehrbare Rune. Sie wirkt beschützend, und wenn sie zum Wirken kommt, herrscht um einen wohltuende Ruhe. Man kann sie einsetzen, um Abstand vom „Lärm der Welt“ zu bekommen.

Wirkung: Fruchtbarkeitsrituale. Plötzliche Freisetzung von Energie. Speicherung und Transformation von Kraft für rituelle Zwecke. Konzentration von Energie und Gedanken. Amulette gegen Entwicklungsstörungen. Talismane für Fruchtbarkeit, organisches Gelingen und zur Absicherung von Ruhepausen.

Heilrune: Zuständig für Erkrankungen und Beschwerden der männlichen Genitalien. Ebenfalls Anwendung bei Autismus und zur Heilung von Lähmungen.

Orakelbedeutung: Männliche Fruchtbarkeit und Erwartungen auf der physischen Ebene, darunter auch Angelegenheiten der Gesundheit, der Familie und des Nachwuchses. Aber auch Arbeit, Produktivität, Freigebigkeit, Balance und Verbindung mit der Erde.

Runenbotschaft: Man erkenne, daß Phasen der Ruhe im Leben ebenso notwendig sind, wie Zeiten eifrigen Tuns. Man übe Selbstbesinnung und Geduld und lausche in sich hinein.. Wieviel Geduld hat man mit sich selbst? Man lasse die Dinge sich entwickeln und erzwinge nichts. Alles braucht Zeit, um zu reifen, oft im Verborgenen, bis es genug Kraft gewonnen hat, um machtvoll hervorzubrechen. Jedes Vorhaben beginnt zunächst als Samenkorn.

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Dagaz
germanisch: Dagaz
gotisch: Dags
altenglisch: Dæg
altnordisch: Dagr
Bedeutung: Dämmerung
Lautwert: D
Zahl: 23
Schreiben: D
Kraft: aktiv
Geschlecht: männlich
Aett: 3. Tyr
Götter: Heimdall, Loki
Baum: Fichte, Weide
Pflanze: Ringelblume
Kraut: Scharlei
Edelstein: Chrysolith
Farbe: helles Blau
Elemente: Erde
Halbmond: 1.  Vollmond
Zeit ca.: Mitte Dez. – Anfang Jan.
Schlagworte: Dämmerung, Tag, Licht, Zwielicht, Rune des Erwachens, Übergangszustand, heilige   Synthese aus der Polarität des Lebens, mystischer Augenblick, Gnosis
Bedeutung: Dagaz steht für den Tag, beziehungsweise das Licht des Tages, wie es zum Zeitpunkt des Sonnenaufganges und Sonnenunterganges wahrgenommen wird, in der Morgen- und Abenddämmerung. Es ist die Rune des vollkommenen Erwachens. So symbolisiert auch die Form der Rune den Ausgleich zwischen Tag und Nacht. Die Rune Dagaz ist ein odinisches Paradoxon, welches für die Bildung einer Synthese aus Gegensätzlichem, das Erreichen des mystischen Augenblicks und das Empfangen mystischer Inspiration steht. Diese Rune ist ein Widerspruch in sich, löst ihn aber auch auf.

Mythologie: Das durch Dagaz symbolisierte Zwielicht ist ein Symbol für die Geburt der Erkenntnis, oder das Licht des Bewußtseins. Gegensätze sind Teile von etwas Größerem, etwas Umfassendem. Kein Ding im Multiversum kann für sich allein betrachtet werden, da es immer von seinen Gegensätzen und den umgebenden Bedingungen abhängt. Die Suche nach dem Licht des Wissens geht beim Mysterium von Dagaz von den Extremen, den Außenbereichen aus. Die Gesamtheit ist der Schlüssel, nicht die isolierte Betrachtung einer Seite. Das beeinflußt auch die Betrachtung der (zum Beispiel christlichen) Konzepte von Gut und Böse, die als solches im Heidentum eigentlich nicht existent sind. Dreidimensional betrachtet stellt die Form von Dagaz einen endlosen Kreislauf dar (zum Beispiel Möbiusband). So kehrt etwa die Dämmerung immer wieder, ebenso wie Extreme immer um einen Bereich der Ausgeglichenheit kreisen (zum Vergleich Niflheim und Muspelheim in der Kosmologie). Diese Extreme sind die Bereiche derer, welche die Erkenntnis auf den Spuren von Odin zu erlangen suchen. Die Kenntnis der Extreme verhilft eher zum Verständnis der Gesamtheit als ein Verharren in der Ausgeglichenheit der Mitte. Diese Rune markiert das Beinahe-Ende des dritten Aetts und macht den Weg frei für Othala, den Kreis zu vollenden. Wie in den vorherigen beiden Aetts, beendet Dagaz das dritte mit Licht und Hoffnung. Während Wunjo für irdischen Ruhm und Sonne steht, bringt Dagaz die beiden Reiche zusammen, schafft damit das sehr abstrakte Licht von Sowilo wieder auf die Erde zurück, in das Alltagsleben. Wie Ingwaz symbolisiert sie die Harmonie mit der Natur und der Umgebung des Menschen, geht aber einen Schritt weiter und schließt die Spiritualität mit ein. Im übertragenen Sinne steht Dagaz als Dämmerungs-Rune auch für die Götterdämmerung Ragnarök. Wenn der Untergang des Heidentums durch Ragnarök (weltlich durch die Kirche) eine Art Abenddämmerung war, so erlebt die Welt jetzt, da sich immer mehr Menschen auf ihre Wurzeln zurückbesinnen, sich vom naturfeindlichen Christentum abwenden und die alte Religion wiederentdecken, vielleicht bereits wieder eine zarte Morgendämmerung, welche im Geist von Dagaz beschützt und gefördert werden möge.

Magie: Dagaz repräsentiert das rituelle Feuer der Feuerstelle und das mystische Licht, das der Vitki (Runenmagier) bei magischen Handlungen wahrnimmt. Dagaz verkörpert die Synthese der Kraft von Tag und Nacht durch die Konzepte der Morgen- und Abenddämmerung. Dies kommt in den himmlischen Phänomenen des Morgen- und Abendsterns zum Ausdruck – Symbole der göttlichen Zwillinge. Dagaz ist die Rune der Polarität und des „odinischen Paradoxons“, welches das zentrale Geheimnis des odinischen Kults darstellt. Es ist in der paradoxen Natur des Gottes Odin selbst enthalten und kann am ehesten mit dem Begriff des „mystischen Augenblicks“ erklärt werden, dem Augenblick, der im Wirbel polarisierter Konzepte gesucht und gefunden wird. Diese Konzepte werden miteinander verschmolzen, so daß aus zwei Extremen eins wird. Dagaz ist der Ort und Zeitpunkt, in dem aus Dunkelheit und Licht, Freude und Schmerz, Leben und Tod, Körper und Seele, Materie und Energie eine Synthese in einem gemeinsamen Konzept gebildet wird, das über ihren wahrnehmbaren, erkennbaren Gegenpol hinausgeht. Dagaz übersteigt die Grenzen sprachlicher Ausdrucksmöglichkeit. Sie ist reine Runen-Gnosis. Dagaz ist die am stärksten der Mystik verbundene Rune des älteren Futhark, sie führt den Suchenden direkt in die Transzendenz jenseits der Polaritäten. Deshalb ist es auch nicht möglich, hier weitere Empfehlungen für ihren Gebrauch in der Magie zu geben, denn das ist eine unmittelbare, zutiefst persönliche Angelegenheit zwischen dem Kosmischen und dem Inneren des Magiers.

Anwendung: Dagaz symbolisiert den Augenblick zwischen Tag und Nacht, welcher im Volksmund auch als „Blaue Stunde“ bekannt ist. Es ist die fünfte nicht wend- und umkehrbare Rune. Sie dient der Harmonisierung und wenn man sie auf der Stirn visualisiert, öffnet sie das dritte Auge.

Wirkung: Mystische Inspiration. Zugang zum Überpersönlichen. Abbau von Engstirnigkeit. Amulette zur Vermeidung zwielichtiger Zustände der Verkennung oder falsche Gesellschaft. Talismane zur Steigerung der Durchsetzungskraft, des eigenen Beharrungsvermögens bei der Verfolgung wichtiger Lebensziele.

Heilrune: Zuständig für Angstzustände, Geistesstörung und Niedergeschlagenheit, Festigung der Gesundheit und Verwurzelung im Überpersönlichen.

Orakelbedeutung: Sicherheit und Gewißheit. Die Klarheit des Tageslichts im Gegensatz zur Ungewißheit der Nacht. Zeit, ein Unternehmen zu planen oder zu beginnen. Sie verspricht Glück, Erfolg, Aktivität, Zufriedenheit und ein erfülltes Leben.

Runenbotschaft: Man sei zwischen den Extremen, betrachte sie nicht einzeln, sondern immer als Gesamtheit, verschmelze mit ihnen, erreiche den mystischen Augenblicks durch Erfassen des Mysteriums, und man empfange mystische Inspiration als Geschenk Odins. Man suche das Ideal überall – es verbirgt sich vielleicht auch dort, wo man es am wenigsten vermutet.

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Othala
germanisch: OÞala
gotisch: OÞal
altenglisch: Éthel
altnordisch: Óðal
Bedeutung: Heim
Lautwert: O
Zahl: 24
Schreiben: O
Kraft: passiv
Geschlecht: männlich
Aett: 3. Tyr
Götter: Odin
Baum: Weißdorn
Pflanze: Schneeglöckchen
Kraut: Goldfaden
Edelstein: Rubin
Farbe: tiefes Gelb
Elemente: Feuer, Luft
Halbmond: 1.  Neumond
Zeit ca.: Ende Nov. – Ende Dez.
Schlagworte: Heim, Heimat, Eigentum oder Erbbesitz, Verwurzelung, Geburtsland, Einfriedung, Hain der Mitte, unbewegliches und unverkäufliches, meist immaterielles Generationserbe, aristokratische Ordnung, Odins-Rune
Bedeutung: Othala (auch Odalaz oder Odhalaz) bedeutet Heim oder Heimat, aber auch ererbter Besitz. Othala ist das Ziel des Futhark und die Heimat des auf der Suche nach Wissen befindlichen Runenreisenden. Zur Heimat gehört auch der Stamm und die eigene Familie, und dies stellt Othala in allen möglichen Varianten dar. Das Runenzeichen symbolisiert ein abgeschlossenes, in einer Wechselbeziehung mit der Umgebung stehendes Gut. Die Form des Zeichens dient auch als Monogramm Odins. Mit Othala findet sich der Suchende am Ende des dritten Aetts auf der normalen Welt wieder, so wie man bei Fehu begonnen hat. Während Vieh allerdings beweglicher Besitz ist, ist das Land das einzige, was beständig ist. Es kann als Erbe weiter gereicht werden, aber – wichtiger noch – es definiert, wer man ist. Die Heimat ist der Grund und Boden, auf welchem der Mensch oder die Sippe verwurzelt ist. Hier lebten die Vorfahren, hier sind sie bestattet, hier lebten und leben die Eltern. Die frühe Kindheit wurde hier erlebt und man verbindet Geborgenheit und Unbeschwertheit mit dieser Rune. Sie bedeutet Heimat im positivsten Sinne des Wortes. Sie drückt, im Gegensatz zu Fehu (beweglicher Besitz), den unbeweglichen, den Landbesitz einer Sippe aus. Auch gemeinsame Werte der Sippe, wie zum Beispiel die Sprache oder kulturelle Gebräuche, spielen in diesen Bereich hinein. Othala ist der Boden, auf dem eine Sippe wachsen kann und der Boden, auf dem das Sippenbanner (Wunjo) errichtet wird. Sie ist die Vorraussetzung, die Basis. Die Heimat ist der Treffpunkt zwischen Midgard und Asgard, zwischen dem dort verwurzelten Menschen und den Göttern, zu denen er von dort aus blickt. Heimat ist die Achse, um die sich das Leben dreht. Die Idee des Landes oder Besitzes ist dennoch nur ein Symbol – man muß sein eigenes Zentrum finden, um seinem Leben einen Sinn zu geben, und dies ist das letztendliche Ziel der Reise durch die Runen. Alles führt schließlich wieder nach Hause, trotz aller Erlebnisse. Das soll aber nicht heißen, daß diese Reisen sinnlos sind. Im Gegenteil, nur durch diese Erkundungen bekommt das Heim überhaupt eine Bedeutung für den Menschen, und er versteht erst, was eine Heimat überhaupt ist. Keine diese Lehrstunden ist wirklich sinnvoll, wenn man sie nicht in sein alltägliches Leben einbindet und ein Zentrum findet, in dem man ruhen kann. Othala komplettiert nicht nur den kleinen Kreis des dritten Aetts, sondern bringt den Suchenden auch zum Beginn des Futharks selbst zurück, nur auf einer höheren Ebene. Von dort aus kann man die Reise wieder von vorn beginnen.

Mythologie: Das Mysterium von Othala wird durch die befestigte Abgrenzung des Clans symbolisiert, die seine unantastbaren Grenzen festlegt und ihn gegen glaubensfeindliche Eindringlinge schützen soll. Es ist die Essenz des kosmischen Konzeptes von Midgard – die Festung in der Mitte. Die Rune ist auch das Zeichen für angeborene Qualitäten, die aus der Abstammung von einem bestimmten Clan oder einer Sippe resultieren. Diese sind im wesentlichen spirituellen Ursprungs, und sie sind letztlich das Ergebnis göttlicher Abstammung zuzüglich der in der Vergangenheit von den Vorfahren gesetzten Handlungen. Othala ist eine spirituelle Quelle magischer Macht, resultierend aus den tugendhaften Taten vergangener Generationen, welche als runische Prägungen im „genetischen Code“ der Nachkommen gespeichert sind – eine machtvolle Rune Odins. Diese Rune symbolisiert das Erbe, das von Generation zu Generation in der ganzen Sippe weitergegeben wird, sowohl im materiellen wie auch im spirituellen Bereich. Es ist ebenso unbeweglich wie Grund und Boden und kann nur innerhalb des Stammes oder der Sippe vererbt werden. Durch die Institution der Ehe haben jedoch auch Außenstehende die Möglichkeit, Zugang zu dieser Macht zu erhalten und sie zu integrieren. Othala verkörpert die weise und gerechte Verwaltung des Landes durch die Edlen, jene, die von der geistigen Macht dieser Rune durchdrungen sind und sie im Einklang mit Stammestradition und Gesetz zur Anwendung bringen. Es ist die Rune des materiellen Wohlstands und Wohlbefindens. Sie wirkt Hand in Hand mit dem ergänzenden Konzept beweglichen Eigentums – der in Fehu enthaltenen Macht, um dieses wichtige Prinzip im Universum zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Othala bürgt für menschliche Freiheit innerhalb einer gesicherten und gesetzmäßigen Gesellschaft, die mit sich selbst und ihrer Umgebung im Einklang steht. Sie verkörpert traditionell bewahrte Stammes- und Sippengesetze auf spiritueller Ebene. Man könnte Othala auch als das Heidentum selbst betrachten, eine ererbte Heimat, in der man nun in der Morgendämmerung der Rune Dagaz wieder zu Wurzeln beginnt.

Magie: In der Magie kann Othala Rituale zum Kauf von Land unterstützen, helfen, ein Projekt zu komplettieren oder die Familie zu stärken. Othala ist die Rune der Freiheit innerhalb gewisser Grenzen.

Anwendung: Neutral steht Othala für die Energie, welche aus der Verwurzelung entspringt, positiv für den geistigen und emotionalen Weg nach Hause, negativ für den Verlust des Vorgenannten.

Wirkung: Aufrechterhaltung der Ordnung von Strukturen innerhalb der Gemeinschaft. Erwerben von Reichtum und Wohlstand. Förderung von Erbschaftsangelegenheiten. Sicherung des Besitzes. Hilfe bei Immobilienangelegenheiten. Kontakt zum Wissen der Ahnen und Übernahme desselben. Übergang vom Egoismus zum Stammesbewußtsein (gemeinsame Interessen in Familie und Heim). Amulette gegen Verlust des kollektiven Besitzes und gegen materielle Gefährdungen. Talismane für kollektiven Wohlstand und für den Zugang zu altem Wissen.

Heilrune: Zuständig für Erbkrankheiten und erblich bedingte Behinderungen. Erdung und Stabilisierung der Vitalkräfte.

Orakelbedeutung: Erbschaft, Land, Besitz, Gefolgschaft, Zugehörigkeitsgefühl. Heim, einschließlich körperlicher Vaterschaft. Spirituelles Erbe, Erfahrung und fundamentale Werte.

Runenbotschaft: Man werde sich darüber bewußt, was und wo die eigene Heimat ist und was sie bedeutet – sowohl auf der materiellen als auch auf der geistig- spirituellen Ebene. Man erkenne seine materiellen Wurzeln (Bodenständigkeit), denn man ist ein Geschöpf des Bodens. Man empfängt seine Heimat von den Ahnen, man nutze sie und mehre ihren Nutzen für die Sippe und gebe sie schließlich an seine Erben weiter, deren Ahne man dereinst selbst sein wird. Eine innere Heimat sorgt dafür, daß man immer zu sich selbst zurückfinden kann.

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21.12 – 06.01 Julfestzeit und magische Rauhnächte

jul-2016

Germanenherz wünscht allen Beseelten, friedliche und besinnliche Festtage.
God Jul und magische 12 Rauhnächte. Ein gesundes neues Jahr und uns allen eine bessere Zeit!. 

Wir sind von Nordlands Art !

Wenn durchs Land der Herbstwind pfeift, sind schon Berg und Tal bereift, dann wendet sich mit frohem Sinn, unser Herz zur Julzeit hin:
Herbststürme brausen, grau das Himmelszelt, wir harren und hausen in unsrer dunklen Welt.
Kein Wettersturm ist uns zu hart; wir sind von Nordlands Art!

Hat der Julmond Schnee gebracht, freuen wir uns dieser Pracht.
Hei, frisch die Schneeschuh angeschnallt, uns ist kein Schnee zu kalt;
Schneestürme brausen über Wald und Feld,
wir schlittern und sausen durch unsre weiße Welt.
Kein Aufwärts ist zu steil, zu hart, wir sind von Nordlands Art!

Hat die Zeit uns wohlgetan, sehnen wir das Fest heran,
die Sonnenwend mit neuem Licht, das hell ins Finstre bricht:
Lichter erhellen jedes deutsche Haus, wo wir uns gesellen,
bei Wetter, Sturm und Braus, ums heilge Feuer froh geschart,
wir sind von Nordlands Art!

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Julfesten

Julfesten Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest der Wintersonnenwende. Es ist eines der 8 Jahreskreisfeste der alten Germanen. Wintersonnenwende – Das große germanische Fest Rauch von Holz und Harz liegt in der Luft ich atme ein den verlockenden Duft Yulezeit ist da, Yulezeit ist da Im tiefsten Winter, so einsam die Nacht die Sonne wendet und Balder … Weiterlesen

Wodan Ruprecht (Hruodpercht) Wodanstag

Die deutsche Weihnacht ist eine Verschmelzung des christlichen Jesusglaubens mit der germanischen Tradition (Nordlands Art!), da durch die Zwangs-Christianisierung Germaniens das Julfest abgelöst werden sollte. Die Jul-Tradition war derart tief in der völkischen Kultur der Germanen verwurzelt, daß die römische Kirche, wie auch beim Ostara-Fest, eine zuerst beabsichtige Auslöschung verwarf und daraufhin die Julzeit umdeutete … Weiterlesen

Magische Nächte. Die 12 Rauhnächte

Die 12 Rauhnächte Die zwölf Nächte am Ende des Jahres und die mit ihnen verknüpften Mysterien gehen bis in die Antike zurück. Sie haben sowohl römische als auch germanische und sogar indische, japanische und chinesische Wurzeln, und auch heute noch finden sie vielerorts im Brauchtum Beachtung. Nach uralten Überlieferungen suchen zu dieser Zeit die Seelen … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der … Weiterlesen

Die weisen Frauen Hagedisen – Hexen

 Die erfolgreiche Vorgehensweise und die überzeugenden Ergebnisse der heilkundigen Frauen stellten eine große Bedrohung für das aufkommende Christentum, sprich die Kirche dar. Denn diese Frauen verließen sich mit ihren außergewöhnlichen Begabungen eher auf ihre Sinne und Erfahrungen als auf die Gebote des Glaubens. Versuch und Jrrtum lehrte sie Ursache und Wirkung zu erkennen. Sie Forschten … Weiterlesen

Das Erforschen der Zukunft

Als Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens bei den Deutschen nennt Cäsar „Losorakel und Prophezeiungen (sortes et vaticinationes; b. g. 150), Tacitus „Götterzeichen und LosorakeV1 (auspicia et sortes, Germ. 10). Beim Los wurde die Gottheit nach ihrem Willen gefragt, im anderen Falle erfuhr man ihn aus gewissen Vorzeichen. Die Wahrsagekunst scheint mehr Aufgabe der Frauen … Weiterlesen

Die Indogermanen

Germanenherz aus dem Buch: Die Indogermanen – Ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905) Vorwort In diesem Buche habe ich beabsichtigt, eine knappe Übersicht über die Urheimat und Kultur der Indogermanen zu geben. Um die Urheimat zu bestimmen, mussten die Sprachen Europas betrachtet und die Wanderungen der einzelnen Stämme kurz dargestellt werden. Die Kultur … Weiterlesen

Der himmlische Lichtbaum der Indogermanen in Sage und Kultus.

Wenn die prähistorische Archäologie allmählich immer mehr einen gewissen homogenen Zustand der in Europa sich ausbreitenden und dasselbe eigentümlich kolonisierenden indogermanischen oder arischen Stämme in Bezug auf das häusliche Leben und die Anfänge gewerblicher Thätigkeit aufdeckt, so entsprechen dem auch die Besultate der Untersuchungen über den mythologisch-religiösen Entwickelungsstandpunkt derselben. Neben den überall bei den betreffenden … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, … Weiterlesen

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen Vorwort.  Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen … Weiterlesen

Mythologie der Germanen – Der Seelenglaube

Tief aus der Deutschen Seele

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Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo.
Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten. Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien.

So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert. Denn es ist ein durchgreifendes Gesetz der Psychologie, daß eine Vorstellung je älter, desto unverwüstlicher ist. Die Götterwelt, das Letzte und Schönste des Heidentums, ist längst vor den Augen des Volkes versunken. Für zerstäubt in nichts gilt auch schon lange wenigstens der Mehrheit das Elfenwesen; die Gespenster aber leben in der Einbildung gar vieler noch heute fort und feiern sogar Triumphe in gebildeten Spiritistenkreisen. Fast möchte man sagen, der Same des Gespensterglaubens rege sich in uns Allen, wo die Nähe einer Leiche und das tiefe Dunkel der Nacht in einem Sterbezimmer, auf einem Friedhof, an einer Mordstätte sich vereinen, oder auch sogar mitten im hellerleuchteten vollen Theater, wenn ein wirklicher Dichter an ihn appelliert. „Auch kommt es nur“, sagt Lessing in seiner Dramaturgie,

„auf die Kunst des Dichters an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den Gründen für die Wirklichkeit von Gespenstern in der Geschwindigkeit den Schwung zu geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir im gemeinen Leben glauben, was wir wollen, im Theater müssen wir glauben, was Er will. Vor dem Gespenste in Shakespeares Hamlet richten sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ein imgläubiges Gehirn bedecken“.

Wenn es uns rührt und erhebt, daß schon die Urmenschen hinter dem Tode ein Leben witterten und der erbarmungslosen Tatsache des Sterbens ein durch den Tod ununterdrückbares Leben entgegenstellten, so erfüllt es uns fast mit Scham, oder soll ich lieber sagen, mit Demut, daß ihre tiefsten Geheimnisse auch noch die unsrigen sind: Leben, Tod, Seele. Gerade darum haben diese der ältesten Religion den Boden aufgewühlt, sie sind die starken Pflugscharen noch unsers Glaubens.

Um den Begriff der Seele oder des Geistes dreht sich dieser alte Mythenkreis. Dieser Begriff ist ursprünglich keine Abstraktion, herausgezogen etwa aus der zusammenfassenden Beobachtung der vielen Einzelerregungen des eigenen Inneren, er ist auch nicht das Produkt der Sehnsucht nach einem höheren, freieren Dasein. Er ist dem schmerzlichen Anblick der seltsamen, wechselnden Wandelungen, die der Sterbende in seinen letzten Stunden durchmacht, abgerungen. Da wird der Atem immer schwerer und langsamer, um dann plötzlich still zu stehen, das Auge bricht und starrt unheimlich, Wärme und Farbe verlassen den Leib, kalt, bleich, steif und lautlos liegt er da, wie ein Stein. Nach unsrer gegenwärtigen Gemeinauffassung ist mit diesen Vorgängen das physische Leben und gleichzeitig mit ihm, aber losgelöst von ihm, das psychische Leben, die Seele, entflohen. Jenes besteht überhaupt nicht mehr und läßt den Leib als tote Masse zurück, die Seele aber lebt für sich in einer anderen Welt unvergänglich weiter. Eine alte weitverbreitete und auch germanische Auffassung war eine ganz andre. Nicht nur gleichzeitig mit, sondern in dem physischen Leben, in dem Atem, der Bewegung, der Wärme und Farbe entwich die Seele. Das physische Leben selber war ein Wesen, das im Tode sich löste, so daß es gleichsam zweimal da war, neben seinem lebendigen Ich ein im Tode erst frei werdendes andres Ich beherbergte. Dieses letzte, das im Kopfe wohnt, ging beim Sterben als ein Bewegliches, ein Hauch, ein Wind, ein Nebel, ein Licht oder gar als ein Tierchen aus dem Munde davon. Die Seele blieb also ein körperliches, wenn auch ein verflüchtigtes oder zusammengeschrumpftes Wesen. Sie hielt sich auch möglichst dicht an den verlassenen Leib, wohnte bei ihm im Grabe oder in dessen Nähe, oder auch in dem von ihm verlassenen Hause, oder in benachbarten Bäumen und Hügeln. Sie war auch nicht unvergänglich, sondern starb mit dem Zerfall der Leiche, zu der sie gehörte, oder welkte mit der Erinnerung der Überlebenden an den Toten auf immer dahin. Dazu stimmt, daß in den dänischen Steingräbern die Knochen der älteren Leichen bei Seite geschoben und über einander aufgestapelt wurden, um Platz für die neu beigesetzten Gerippe zu gewinnen. Viele neue Gräber sind auf fränkischen und merovingischen Gräberfeldern in und quer durch ältere gelegt.

Die Seele ist nach der germanischen Anschauung vor allem das Bewegliche. Denn die beiden Wörter Seele, gotisch saiwala, und See, gotisch saiws sind beide derselben Wurzel entsprungen, die etwas Bewegliches bezeichnet haben muß. Der Begriff einer noch heftigeren Beweglichkeit möchte im Worte Geist stecken, was besonders die nordischen Worte geisa = brausend einherfahren, wüten, geistr = heftig, feurig, geist = brausend, schnell verraten. Die deutsche Sage erzählt wiederholt von brausenden Geistern. Aus einer Wurzel an = hauchen entwickelte sich das indische anas Hauch, anilas Wind, das griechische anemos Wind, das lateinische anima Wind und Seele, vergleichbar dem griechischen Psyche Hauch und Seele. Zur Wurzel an gehört das althochdeutsche unst = Wind, Sturm und möglicherweise auch das althochdeutsche ano, unser Ahne, das ursprünglich einen, der ausgehaucht hat, einen Verstorbenen und darnach den Vorfahren bezeichnet hätte. Auch das gothische us-anan bedeutet aushauchen und das aus derselben Wurzel erwachsene nordische Seele, Leben, andi Geist und ör-endr todt, eigentlich ausgehaucht.

Noch sicherer als die Sprache bezeugt der Volksglaube die Windnatur der Seele. Die plötzlich gewaltsam ausgepreßte oder auch die beim Tode imruhige Seele fährt folgerichtig nicht als Wind, sondern als Sturm davon. Darum heißt es noch durch ganz Deutschland, daß sich ein Sturm erhebe, wenn sich jemand erhängt, und sich erst nach dessen Bestattung lege.

„Welcher Lump mag sich nun wieder erhängt haben!“

sagt man am Lechrain bei plötzlich losbrechendem Sturm. So sauste einmal an Hans Sachs im Walde bei Osnabrück das wütende Heer der kleinen Diebe vorbei, das aus lauter Erhängten bestand, und darunter ein erst desselbigen Tags Gehenkter, mit dem er sich in ein Gespräch einließ, fuhr dahin „als ein scharpfer Wind“. In Schwaben fahren auch die im Rausch Gestorbenen mit dem Muetisheer d. h. dem stürmischen wilden Heer. Von den Geistern Verstorbener heißt es in England, daß sie Hindernisse auf ihrem Wege umwerfen wie „a furious whirlwind“.

Rührend ist, daß eine im Kindbett und noch dazu ohne Beichte, also mit doppelt unruhiger Seele gestorbene Frau im Wirbelwind dahinfliegt. Dagegen wenn ein Mensch ruhig verscheidet, bewegt sich nach Schweizer Glauben die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen. In Devonshire kann ein Verschluß im Hause das Sterben eines Kranken verzögern, und so öffnet man in Bayern wohl das Fenster oder deckt einige Dachschindeln ab, um einem Menschen das Sterben zu erleichtern. Gemeindeutscher Brauch, der sich noch an zahllosen Orten erhalten hat, war es, beim Eintreten des Todes ein oder mehrere Fenster, die Türe, die Luke oder gar die „Dachblatte“ zu öffnen, daß die Seele bequem hinwegfliegen könne. Man jagt sie sogar bisweilen durch Wehen mit Tüchern hinaus und ruft ihr nach „Geh hin und pfludere“ d. h. flattere. Hat das Dach im Aargau keine „Heiterlöcher“ d. h. Luftlöcher, so sucht die Seele des verstorbenen Hausbewohners gewaltsam Einlaß, indem sie es mit Sturm abdeckt. Darum muß in einigen Orten der Schweiz immer ein Fenster oder eine Stelle des Dachs offen bleiben, damit der „Geist“ aus- und eingehen könne. Im Unterinntal fahren noch heute die armen Seelen im sogenannten Allerseelenwind und anderswo in Deutschland nach älterem, schon von Geiler v. Keisersperg um 1500 bezeugten Glauben alle eines gewaltsamen Todes Gestorbene oder vor der Taufe gestorbene Kinder im wütenden Heer oder in der wilden Jagd, namentlich während der Zwölften, der zwölf heiligen Nächte der Jahreswende. Dieser Jagdzug der Seelen hat im höheren Norden im Geisterzuge der norwegischen Aaskereia, Oskerei, die ebenfalls in den Jul-nächten durch die Dörfer und Häuser tobt, noch den niedrigeren rein dämonischen Charakter bewahrt. Sie hat keine Gottheit an ihrer Spitze, die doch in Deutschland und Dänemark den Zug führt: nämlich Wodan oder auch Bertha oder Holda. In dieser Verbindung mit der Gottheit erreicht die Vorstellung vom Windseelenzuge ihren höchsten mythologischen Ausdruck. Ähnliche Stadien durchläuft der griechische Seelenglaube: in der Odyssee werden die dicht vor ihrer Hochzeit gestorbenen Töchter des Pandareos durch Stürme hinweggeführt, offenbar ursprünglich ihre, über ihr Los zürnenden windförmigen Seelen. Ein paar Verse weiter heißen diese Stürme schon Harpyien, sind also dahin raffende Winddämonen geworden. Später sausen vor ihrer Hochzeit verstorbene Mädchen im Heer der Jagdgöttin Artemis oder in dem ganz jagdartig dargestellten, von Hunden umbellten Schwarm der Hekate. In Indien fahren die Bhütas, die Seelen von Bösewichtern, im Gefolge des Sturmgottes Rudra durch die Luft. Selbst in den höchsten Mythen von der Windseele berühren sich also die verschiedenen indogermanischen Völker.

Verdichtet sich der Hauch, so wird er zum Nebel, Dunst, Rauch oder gar zur Wolke. Schon bei Homer geht die Seele als Rauch oder Schatten dahin. Nach dem neueren germanischen Aberglauben schwebt in Tirol die Seele eines Tugendhaften als weißes Wölkchen aus dem Munde. Wo man ihr im schlesischen Dyhemfurth beim Sterbefall nicht das Fenster öffnete, sah man sie am nächsten Morgen als Rauchwölkchen an der Zimmerdecke. In Ostpreußen können manche den Gestorbenen noch vierzig Tage nach dem Tode als eine nebelartige Gestalt erkennen. Und nicht nur im Tode, sondern auch im Traume des todähnlichen Schlafs wird jenes andere Ich, die Seele, lebendig und kann durch den atmenden Mund herausspazieren, um am Schluß des Traumes wieder zum Körper des Schläfers zurückzukehren. Diese Traumseele entschlüpft als Dunst dem Munde eines Schlafenden nach hessischer wie Oldenburger Sage; nach dieser kehrt sie zurück und mit ihr das Leben, nach jener bleibt sie aus und der Tod erfolgt. Diese Sage lebt voll ausgebildet in Island weiter und war schon vor mehr als einem Jahrtausend bekannt. Nur güt, was man in Island von einem bläulichen Dunst erzählt, im altfränkischen Bericht von einem Tierlein. Der gute Frankenkönig Gunthram, der um 600 lebte, war einmal auf der Jagd im Schoß eines Dieners eingeschlafen. Da schlich aus seinem Munde ein Tierlein in Schlangenweise hervor und wollte gern über den nahen Bach. Der Diener legte sein Schwert hinüber, auf dem das Tierlein das Wasser überschritt. Drüben schlüpfte es in einen Berg und lief nach einigen Stunden wieder über die Schwertbrücke in den Mund des Königs zurück. Erwacht aber erzählte dieser, er wäre im Traum über die eiserne Brücke eines großen Flusses gegangen und hätte in der Höhle des drüben gelegenen Berges einen unsäglich reichen Schatz gefunden.

Bevor wir aber die vielerlei Seelentierchen näher betrachten, müssen wir des Lichts oder Feuers als Seelenformen gedenken. Die Seele läßt den toten Leib kalt zurück oder, wie es Freidank derber ausdrückt: „die Seele fährt von mir wie ein Blaas (Hauch, Windlicht) und läßt mich liegen wie ein Aas.“ Wenn über dem Schlafenden oder am Dach eines Hauses ein Flämmchen schwebt, ein Licht von selbst erlischt oder eine Sternschnuppe in der Richtung eines Hauses fällt, so kommt nach deutschem Aberglauben der Tod, und der Sterbende „verzeigt sich“ gern Abwesenden durch einen plötzlichen Lichtschein. Die Seele macht sich dann gleichsam zeitig davon und kündet dadurch die Nähe des Todes des bereits von ihr verlassenen Leibes an. Das „Totenlicht“ setzte sich schon im Mittelalter an Haar und Kleidung der Nordleute, wenn sie sterben sollten. Manche altnordische Gräber umgab ein Feuer; nach der Hervarar-saga zeigten sich Angantyr und seine Brüder nachts als Flammen auf ihren Gräbern, und noch heute erscheinen isländische Gespenster vom „Totenfeuer“ ümleuchtet. In Deutschland flattert der Irrwisch, das Irrlicht, der Brünnlig, Pütz- und Wiesenhüpfer, in England der Willy with the wisp (Wisch), in Dänemark der blaas- oder lygtemand, der Feuer- oder Lichtmann, in Schweden der eidgast der Feuergeist über Sümpfen, feuchten Wiesen oder Feldrainen. Im Aargau gibt es Irrlichter beiderlei Geschlechts, Füerstein-mannli wie Zunselwibli. Das sind die Seelen derer, die wie die noch ungetauften Kinder, die Erhängten, die Ertrunkenen, vor der Zeit das liebe Leben eingebüßt, oder solcher, die ihr Leben mit einer beunruhigenden Tat beschlossen hatten und nun die Stätte derselben wieder aufsuchen, z. B. Grenzsteinverrücker und unehrliche Landmesser, die dann den Grenzstein auf der Schulter tragen müssen, oder Geizhälse, die irgendwo ihr Geld verscharrt hatten. Auch irrlichtem die von den Tirolern erschossenen und zerschmetterten Franzosen bei Mittenwald im Herbst auf ihren in fremder Erde bereiteten Gräbern umher. Die irrlichtemden Landmesser schlagen im Badischen wohl mit glühenden Meßstangen auf einander los, und bis ins Hochgebirge hinein, auf dem Streitgampen unter dem Pazinkopf in Tirol, befehden sich die feurigen Pütze. Reizbar ohrfeigt der Irrwisch den Wanderer, der ihn neckt, führt ihn irre, springt ihm auf den Rücken, zündet ihm das Haus an und bedroht sogar sein Leben. Seltener leuchtet er ihm dienstfertig heim. Wie andere Seelen fahren auch die Irrwische mit der wilden Jagd um.

Die flüchtige Seele als Vogel aufzufassen, lag nahe. Die indischen Ahnen, die Pitaras, fliegen in Vogelgestalt umher, weshalb beim Totenopfer den Vögeln ein Kuchen gegeben wurde. Den Griechen zeigte sich die Seele bei der Totenbeschwörung als Uhu oder Fledermaus. Germanische Seelen von Ermordeten und Selbstmördern fliegen als Raben und Krähen umher, diejenigen unschuldig Getöteter als weiße Tauben und Schwäne. Doch scheinen die Taubenfiguren bei Paulus Diaconus, die bei Pavia von Grabstangen nach der Richtung schauten, wo der in der Fremde gestorbene Langobarde seine Ruhestatt hatte, nicht die Toten, sondern deren klagende Verwandte zu bedeuten. In Westfalen sagt man Mädchen, die nicht heiraten:

„Ihr sollt die Kibitze heiraten,“

und auf dem wilden Gieritz(Kibitz)moos an der Aare in der Schweiz werden die alten Jungfern wirklich zu Kibitzen. In Schweden heißt der Schmetterling „Altweiberseele“, und in Deutschland sagt man, daß man vor der Geburt mit den „Feifaltem“ d. h. Schmetterlingen fliege. Auch in den Motten, Bienen, Käfern und sonstigem fliegenden Getier stecken Seelen, auch in der Hausgrille.

Aber andre Hausgenossen spielten unter den Seelentieren eine viel bedeutendere Rolle, die unschädliche Ringelnatter, die Maus, das Wiesel und die Kröte. Der Wohnung der Menschen zugetan, leise aus der Erde kriechend oder huschend und wieder still und plötzlich dann verschwindend, erschienen sie wie geheimnißvoll in ihrem alten Heim fortlebende Seelen der Verstorbenen, deren Leiber früher in dessen unmittelbarer Nähe oder sogar in dessen Innerem bestattet wurden. Wir blicken in den dunkelsten Winkel indogermanischer Hausreligion mit all ihrer Heimlichkeit und Unheimlichkeit, wie sie durch zahllose neuere, aber auch viele ältere nicht nur germanische, sondern auch andere indogermanische Zeugnisse enthüllt wird.

Früh wird auf attischen Grabdenkmälern und spartanischen Votivreliefs eine Schlange dargestellt, die als Opfergaben Honig und Brei zu sich nimmt, also nicht Schlangen-, sondern Menschennahrung. Verschiedene Seelenformen, Flügel wesen und Schlangen wesen, vereinigt die Darstellung einer Totenklage auf einem attischen Gefäß: am oder im Grabhügel flattern beschwingte Menschenfigürchen über einer Schlange, der Seele des Verstorbenen, von dem die Inschrift spricht. In Theophrasts Charakteren 16 errichtet der Abergläubische an dem Ort seines Hauses, wo er eine heilige Schlange gesehen, sofort ein Heroon, ein Ahnenheiligtum. Am Grabe des Heros wurde häufig eine Schlange als dessen dämonische Erscheinung gehegt. Wie er, hütet diese „Haushüterschlange“ Tempel, Haus und Grab; beleidigt aber bringt er, wie sie, Verderben. Nach dem neugriechischen Volksglauben lebt im Grunde jedes Hauses eine Schlange als Hausherr oder Hausherrin. Ihr Erscheinen im Innern desselben bedeutet Glück, besonders die unerwartete Rückkehr des Hausherrn. Verscheucht oder beleidigt zieht sie Unheil herab; man steckt Brot in ihr Erdloch und schmeichelt ihr mit dem Gruße: „Schönes Dingel!“ — Die Römer weihten ihrem Genius einen von einer Schlange umwundenen Altar und hielten im Schlafzimmer ein paar Schlangen, die für die Genien des Hausherrn und der Hausfrau galten, und zwar in so vielen Häusern, daß Plinius besorgte, die Schlangenbrut würde in Rom den Menschen noch über den Kopf wachsen, wenn ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt täten. Starb eine solche Schlange, so galt das als böses Vorzeichen dem Vater der Gracchen, wie dem Kaiser Tiberius. Umwand eine Schlange fest das Haupt eines Schlafenden, das war den Römern ein gutes Vorzeichen; die Seele dachte nicht daran sich abzulösen. Die Schlangen aber, die Pompejus beim Verlassen seines Schiffes in Dyrrhachium erblickte, bedeuteten seinen nahen Untergang; als Seelen, die schon ihn und die Seinigen aufgegeben hatten. — In Litthauen hatte jeder Familienvater im warmen Winkel eine Schlange, der er Speise auf Heu darbrachte.

Die Ringelnatter heißt bei den Germanen Hausschlange, Hausotter, Hausunk, Hauswurm, schwedisch gärds- oder lyckoorm, Hof- oder Glücksschlange. Das altschwedische Erbauungsbuch, der Seelentrost, verbot schon tun 1400 den tief gewurzelten Glauben an Tomptorma d. h. Hausschlangen. Aber von Siebenbürgen und der Schweiz bis nach Skandinavien wurde diese da und dort noch neuerlich trotz ihres nicht angenehmen Geruchs im Stalle oder auch unter den Stubendielen gern geduldet und ihr im Herdwinkel wie in Griechenland eine für Schlangen ungeeignete offenbare Ahnenopferspende, nämlich Semmelmilch, vorgesetzt. Am Lechrain hielt noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts jedes Haus eine Hausotter, deren Geräusch den Tod eines Hausbewohners anzeigte. Auf den Betten, wenn sie gesonnt wurden, in der Küche und auf dem Rande des Brunnentrogs konnte man sie liegen sehen. Im Fricktaler Dorfe Mägden in der Schweiz vermutete man noch um dieselbe Zeit fast in jedem Keller eine Hausschlange, die sich nur bei außergewöhnlichen Fällen sehen ließ und durch ihr Geräusch, wie am Lechrain, einen Trauerfall der Familie anzeigte. Manchmal hatte ein Haus, ganz wie das römische, ihrer zwei, die mit Hausvater und Hausmutter lebten und starben. In Mittelschlesien wird die von niemand gesehene, in den Grund des Hauses sich einwühlende Hausotter für einen Schutzgeist angesehen. Doch in der ,Tunkelstunde‘ kommt die schlesische ,Otterkönigin‘, die Ahnfrau, gern einmal aus der Mauer herftir. Als der Hofbauer des sogenannten Schlangenhofes im badischen Schappacher Tal starb, starb auch der Schlangenkönig mit all den anderen Schlangen des Hofes, und von diesem wich seitdem der Segen. In der Liederedda gräbt sich die über den Tod ihres Sohnes Atli trauernde Mutter offenbar als Natter dem Gunnar rächend ins Herz. Gleich der Seele liegt auch die Hausotter gern unter der Türschwelle, auf der man wegen dieses Tieres in Bayern und im Voigtland allen Lärm, z. B. Holzspalten, möglichst vermeidet. Wie in Rom bedeutet das Erscheinen der männlichen Hausschlange im Spreewald den Tod des Vaters und der Mutter. Ja in einigen böhmischen Familien gab es ganze Schlangenfamilien, von der jedes Glied ein Glied der Hausbewohnerschaft vertrat, so daß, was einer der Schlangen geschah, auch dem entsprechenden Familiengliede widerfuhr. Mögen wir auch die beiden letzten Nachrichten den Slaven verdanken, die wie die Litthauer einen reichen Seelenschlangenkultus hatten, dieselben oder ähnliche Vorstellungen waren jedenfalls auch germanisch, z. B. nähert sich eine Schlange dem Hause, so bedeutet das nach norwegischem Glauben Glück, kriecht sie dagegen über die Straße, Unglück, wie in Rom. Wer im Bayreuthischen ein Erdhuhn oder eine Hausotter beschädigt oder sieht, muß selbigen Jahres sterben. Im innigsten Verhältnis steht dies Seelentier zum Kinde: Kinder werden wohl mit einer Schlange um den Hals geboren, wie in Rom. Die Hausschlange spielt in der Sage gern mit dem Kind des Hauses, teilt mit ihm Speise und Trank, schläft mit ihm in der Wiege und gibt ihm Gedeihen. Als aber einst das Kind, das mit ihr aus einem gemeinsamen Napf Milch und Brocken aß, sie schlug und ärgerlich rief: „Iß auch Brocken!“, da siechte es schnell dahin. Seine eigene Seele war getroffen. Die Schlange verwandelt sich also aus der Seele des lebenden und des verstorbenen Menschen zu einem Schutzgeist der Mitlebenden und der Überlebenden, zu einem Schutzgeist des Hauses. Sie wird die schützende ,Muhme‘ der ganzen Familie, wie auch das Wiesel und die Kröte. Um 1400 erzählt Nikolaus von Dinkelsbühl von der Muma, daß sie die Häuser besuche und aus offenen Gefäßen esse oder trinke, die dann die Leute alsbald wieder nachfüllten, denn sonst käme Unglück übers Haus. Mit der Muhme wird die Hausotter gemeint sein, der man ja noch viel später einen Milchnapf hinsetzte. Das Wiesel heißt gemütlich nicht nur Mühmlein, sondern in Spanien auch comadreja Gevatterin, Hebämmelein. Wie der Neugrieche die Hausschlange als „schönes Dingel“ begrüßt, so nennt der Oberbayer sein Hauswiesel „Schöntierlein oder Froie“. In andern deutschen Gegenden heißt es das Jüngferchen, bei den Griechen des Mittelalters „Bräutlein“. Obgleich es den Griechen und Römern ein bekanntes Haustier war, das etwa unsre Katze vertrat, erregte doch sein plötzliches Erscheinen bei einem außergewöhnlichen Unternehmen oder an ungewöhnlicher Stelle Furcht vor Unglück oder Tod. In Athen löste sich die Volksversammlung, in der es sich zeigte, auf; ließ es sich auf dem .Dach blicken, so war das ein böses Zeichen wie das Flämmchen auf dem Dach in Deutschland. Kommt ein Wiesel mehrmals nach einander in die Nähe derselben Wohnung, so beruft es jemand daraus ab. So gilt auch seine Vertreterin, die Katze, für einen Hausgeist. Im Aargau

„stirbt die schwarze Hauskatze ihrem Herrn vor“.

Wieseln oder schwarzen Katzen begegnen, ist im Lechrain und anderswo ein böser Angang. Bläst ein Wiesel den Menschen an, nachdem es die Springwurzel gefressen, so muß er nach Tiroler Glauben sterben. Ob die Kröten auch jenen andern Indogermanen für Seelentiere galten, ist mir nicht bekannt. Doch wagen die toskanischen Bauern eine Kröte nicht zu töten, weil so oft ein Mensch darin verwandelt ist, und in Sicilien füttert man Kröten im Hause mit Brot und Wein, weil diese „mächtigen Feen“ oder „unbegriffenen Genien“ Glück bringen. Die Germanen sahen in ihnen arme Seelen, namentlich in den Ostalpen. Aber auch im Badischen ächzt der Geist eines Wirtes als Kröte unter dem Ofen oder auch der eines Geizhalses auf dem mit ihm vergrabenen Geldsack. In Tirol darf man Kröten am Allerseelentage nicht töten, „weil arme Seelen darin sind“, wie sie denn auch an den Quatembertagen gleich armen Seelen zu Kapellen wallfahrten. Wie die römischen Laren oder Ahnengeister in Genien und sogar in Penaten Vorratsgeister übergehen, so hießen die Kröten in Schweden „bolvaetter“ Hausschutzgeister, im Aargau aber „Nahrungshunde“. Diese hielten im Keller die Lebensmittel in gutem Zustand und wurden mit Milch gepflegt. Mißhandelt bringen sie in Skandinavien Unglück und Alpdruck. Dagegen fing man sie am Lechrain wie die Wiesel im Frauendreißigst (15. Aug. bis 13. Sept.), spießte sie und opferte sie in Kirchen. „Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“. So pfiff ein schlecht behandeltes Bergmännchen Mäuse und Kinder in den Tannenberg bei Lorsch, der Hameler Rattenfänger Ratten und Kinder in den Koppelberg. Ein Windgeist pfeift den Kindern und ihren Seelen voran. Die von Hatto von Mainz in einer Scheune verbrannten Armen wimmeln als Mäuse aus dem Feuer hervor und verfolgen ihn bis zum Mäuseturm bei Bingen, wo sie ihn auffressen. Eine Mausheilige war die hl. Gertrud, die im krainischen Bauernkalender und im Gertrudenbüchlein als Spinnerin dargestellt wird, an deren Rocken Mäuse und Ratten hinauflaufen, offenbar Seelen, denn man nahm an, daß die Seelen in der ersten Nacht nach dem Tode bei dieser Heiligen herbergten. Der Sinn dieses Tiermythus ist jetzt klar. Auf ihrer Suche nach Seelenbildern stellte die Phantasie einen überraschenden Zusammenhang zwischen Tier und Mensch, einem kleinen Haustier und dem Edelsten, was er hat, seiner Seele her. Schon von den Indogermanen wurden jene der menschlichen Wohnung anhänglichen Erdtiere als Seelen der Toten des Hauses gedacht. Sie gehörten zum Ingesinde als einflußreiche Ahnengeister, mit deren Wohl und Wehe das der Nachlebenden auf das innigste verknüpft war. Daher die freundliche Pflege und die Furcht, sie zu verletzen oder gar zu töten. So erhob sich das Tierlein mehr und mehr zum Heros, Genius, Schutzgeist der Person und des Hauses. Aus dieser und ähnlichen Seelenvorstellungen erwuchs der namentlich im Norden so reich ausgebildete Glaube an die Folge- und Schutzgeister (siehe unten). Aber die Verwandlungsfähigkeit der Seele ist eine viel mannigfaltigere. Mochte sich der gemeine Mann mit einem Weiterleben als Haustierchen begnügen, so verlangte die Seele des Vornehmen für ihr öffentliches Auftreten vornehmere Tierformen. In Griechenland zeigte sich der wieder erwartete Ahnherr, der Heros, hier und dort in Wolfsgestalt, in eben dieser oder in Bärengestalt die Fylgja oder der Schutzgeist tapferer Nordleute. Während der kühne Bjarki noch schlummert, kämpft seine Fylgja schon vor seinem Zelte draußen in der Schlacht als Bär, um zu verschwinden, sobald er auf gewacht heraustritt. Die Traumseelen in Tierform schweben dann auch in die Träume Anderer, in denen das Schicksal ahnungsvoll auf steigt. Kriemhild träumt von ihrem Falken (Siegfried), daß ihn zwei Adler erkrallten (Hagen und Günther), und ähnlich sieht im Anfang der Gunnlaugssaga der träumende Thorstein auf dem Hausfirst einen schönen Schwan (Helga) sitzen, um den zwei Adler (Gunnlaug und Hrafn) kämpfen, bis sie beide im Streit tot herabfallen. Mit einem Falken aber (ihm selber) flieht endlich der Schwan davon. Öfter stürzen im Traum Scharen von Wölfen und Eisbären heran, welche Landesfeinde bedeuten. Andere Verstorbene nehmen je nach ihrem Charakter oder ihrer Lebenslage diese oder jene größere Tierform an. Den Bewohnern der Färöer und Rügens sind die ins Wasser sich werfenden rundköpfigen Seehunde Menschen, die sich ertränkt haben. Auf den Färöern kriechen sie in der Epiphaniasnacht mit ihren Menschenleibern aus dem Balg, um sich mit Tanz und Spiel in den Klippenhöhlen zu ergötzen. Nach dänischem Glauben legt der Seehund jeden neunten Tag seine Haut ab und wird ein Mensch. Auf der Tiroler Alm müssen Hirten, die ihr Vieh mißhandelten, nach ihrem Tode als Stiere, Säue, Hunde umgehen. Beim weinreichen Dorfe Oberflachs poltert das Gespenst eines unredlichen Trottenmeisters, das Trottentier, im Hause herum. Und viele Dorftiere, die abends in der Nähe der Dörfer dem Wandrer aufhocken und ihn irreführen in Kälber-, Hunde- und Schweinegestalt, sind die Seelen von Übeltätern, haben aber oft den Charakter von Wettergeistern. Auch lebendige Menschen können sich in Tiere verwandeln durch Zauberei. Die Königstöchter des eddischen Wielandsliedes machen sich zu Schwanjungfrauen, und der Iarl Franmar in dem einen Helgeliede nimmt Adlersgestalt an. Die bekannteste und schlimmste Tierform aber ist der Wolf. Er heißt althochdeutsch Weriwolf, bei Berthold von Regensburg werwolf, in England im Norden vargulfr (Verbrecherwolf), varulf. Noch heute sprechen wir vom Werwolf. Man schwankt, ob man den Werwolf als Mannwolf aus ags. ahd. Mann oder als Kleidwolf, Wolfsfellbekleideten aus ags. were, ahd. weri erklären soll. Für die erste Deutung spricht der griechische Werwolfsname: lykanthropos, Wolfsmensch, der bretonische denbleiz Mannwolf und vor allem der inselschwedische folkwarg Menschenwolf, ja auch der entlegenere, aber in seinem Wesen gleichartige indische „Menschentiger“. Die zweite Deutung empfehlen die altnordischen Ausdrücke ulfshamr Wolfskleid als Hülle des vargulfr und ulfhedinn wolfsbekleidet, das im ahd. Eigennamen Wolfhetan wiederkehrt. Auch der westfälisch-hessische Werwolfsname Böxenwolf d. h. Hosenwolf, wohl ein Wolf, der eigentlich Hosen trägt, spricht dafür. In Italien galt das allgemeine Wort Versipellis der Fell Wechsler, altnordisch hamrammr, der sein Kleid, sein Äußeres zu wechseln vermag. Das erste Zeugnis für Deutschland bringt Bonifacius im 8. Jahrhundert bei, wo er in einem Sermon verbietet, an Hexen und „ficti lupi“ d. h. fingierte Wölfe zu glauben; ausführlicher bekämpft Burkhard von Worms, wie es scheint, denselben Glauben an die sogenannten Parzen oder drei Schwestern, die einem Neugeborenen die Gabe verleihen könnten, sich jederzeit in einen Werwolf zu verwandeln. In einigen Familien galt diese Eigenschaft für erblich: ein gewisser Ulfhedinn hat einen Vater Ulfhamr und vielleicht noch einen Großvater Ulfhamr. Aber die nordische Sage von jenem geschilderten, selber so werwölfisch gesinnten größten Skalden, Egil Skallagrimsson, verbreitet noch mehr Licht über die unheimliche Art eines solchen Tiermenschen. Es ist des Dichters eigener Großvater Ulf, der vom ersten Morgengrauen an seine Wirtschaft mit kluger Tatkraft fördert und unablässig seine Knechte zur Arbeit antreibt. Abends aber kann ihn niemand zum Sprechen bringen, er wird in sich gekehrt und schlaftrunken. Nun zeigt er sich im Dunkel seines einsamen Lagers als hamrammr, er nimmt eine andere Gestalt an. Sein Arbeitsdrang erwacht von neuem, schlägt aber nun eine andre, furchtbare Richtung ein. Als Wolf fällt er mit unwiderstehlicher Stärke und Wildheit die Menschen draußen in der Nacht an. Ist die Wut gewichen, so liegt er andern Morgens tief erschöpft im Bette. Man nannte ihn von dieser abendlichen Vertierung Kveldülfr den Abendwolf. In der Wölsungensage legen zwei mit dicken Goldringen versehene Männer auf neun Tage Wolfsfelle an, um aus ihnen am 10. Tage herauszuschlüpfen und sie vor dem Schlaf an die Wand zu hängen. So finden Sigurds Vater Sigmund und Stiefbruder Sinfjötli diese Felle, ziehen sie über und fahren dann unter Geheul im Walde umher,

„mit Wölfen schwelgend und mit eisigem Atem Wunden saugend“.

Statt neun Tage muß der Werwolfsmensch nach pommerschen Sagen drei, sieben oder neun Jahre im Wolfsleib beharren. Sieben Jahre dauert diese Verwandlung in der Normandie, in Irland und Armenien. Nach deutschem Werwolfsglauben, der noch immer nicht im Norden und Osten (Hinterpommem), auch da, wo längst die Wölfe ausgestorben sind, erloschen ist, müssen namentlich die in den Zwölfnächten, zwischen Weihnacht und dem heiligen Dreikönigstage, geborenen Kinder Werwölfe werden. Die Kunst der Werwolfsverwandlung können auch, wie uns Burkhard von Worms soeben gelehrt hat, die Schicksalsweiber den Neugeborenen geben. Nach deutschem Aberglauben wird der siebente Sohn eines Ehepaares ein Werwolf, nach dänischem bringt die Frau, die sich behufs leichter Geburt eines Zaubers bedient, Knaben zur Welt, welche Werwölfe, oder Mädchen, welche Nachtmahren werden. Kenntlich im Norden sind die Menschen, die sich in Werwölfe verwandeln, an zusammengewachsenen Augenbrauen. Zum Werwolf kann sich derjenige selber machen, der einen aus Wolfsleder oder Menschenhaut verfertigten Wolfsgürtel um den Leib schnallt. Er geht nachts aus, um Menschen zu zerfleischen und Vieh zu verschlingen, der Böxenwolf springt den Leuten auf den Rücken. Die Nennung seines Taufnamens, oder ein Wurf von Stahl und Eisen über ihn weg, westfäl. Blankmaken genannt, oder eine gegen ihn gerichtete Degenspitze oder eine Verwundung entzaubert ihn. Doch wirkt die Verletzung oft nicht sofort, aber sie verrät ihn dann später, indem auch der wieder Mensch gewordene Körper an der entsprechenden Stelle die Wunde trägt. Eine Wolfsfalle, in die man drei Kreuze vom Holz von einem Osterfeuer steckt, fängt ihn. Verfolgt wird er wohl schon wieder zwar als Mensch im Bette angetroffen, aber noch hängt der Wolfsschwanz heraus. In Schleswigholstein galt er auch wohl als „gefroren“ d. h. unverwundbar. Im 16. Jahrhundert bis ins 17. hinein blühten die Werwolfsprozesse namentlich in Nord- und Mittelfrankreich, aber auch in Deutschland. Noch 1589 wurde in Köln Peter Stube, der Werwolf von Epprath, hingerichtet, weil er bekannte, in Wolfsgestalt 13 Kinder zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopf gefressen zu haben. 1610 wurden in Lüttich zwei Werwölfe wegen gleicher Untaten hingerichtet. Dieser allen europäischen Indogermanen und auch den indogermanischen Armeniern gemeinsame, dagegen bei den Persern und Indern nicht nachweisbare Glaube reicht hoch über die ältesten germanischen Zeugnisse in die Vorzeit hinauf. Schon das alte Griechenland kannte die Werwolfskrankheit, sie spielt schon in die Sage von dem altertümlichen Kultus des Zeus Lykaios hinein. Wer diesem Gotte auf dem hohen arkadischen Berge Lykaion ein Kind opferte, wurde zur Strafe in einen Wolf verwandelt. Enthielt er sich aber neun Jahre des Menschenfleisches, so nahm er im zehnten wieder Menschengestalt an, was an die neuntägige, beziehungsweise neunjährige Werwolfszeit bei den Germanen erinnert. Ferner stimmt zum deutschen Glauben, daß der neugriechische struppige, krallenbewehrte Kalikant-sare oder Werwolf, der wie der westfälische Böxenwolf jedem Begegnenden aufhockt und das Gesicht zerfleischt, ebenfalls in den Zwölfnächten geboren wird. Diese Zeit ist auch seine eigentliche Raubzeit, wie die der livländischen und polnischen Werwölfe. Während der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier rennen in Wolfspelze Vermummte umher und peinigen in Haus und Hof, wen sie erhaschen, und auch in Deutschland gab es Leute, die sich in der Weihnachtszeit in Wölfe verwandelten. Der germanische Norden brachte noch eine eigentümliche Abart dieser halb wirklichen, halb eingebildeten Ver-tierung des Menschen hervor, den Berserkergang d. h. die Berserkerwut. Die Vertierung nahm nämlich in der Wikingerzeit, in der so viele Nordleute ihre Sache auf Raub und Mord und Krieg stellten, einen militärischen Charakter an. Die Berserker d. h. Bärenkleider waren Soldaten, die statt des Panzers ein Bärenfell trugen. Angesichts des Feindes überkam sie eine unsinnige Kampfeswut, die ihnen ungewöhnliche Stärke und außerdem Empfindungslosigkeit gegen allen Schmerz verlieh. Sie scheuten weder Eisen, noch Feuer, zerbissen den Rand ihrer Schilde, stürzten sich mit geschwungenen Schwertern gleich Wölfen heulend in die Schlacht und hieben, was ihnen in den Weg kam, Menschen oder Bäume, nieder. Nach einem solchen Ausbruch fielen sie, wie nach einer schweren Krankheit, in tiefe Erschöpfung. Wie aus dem Krieg, machten sie aus dieser Wut ein Gewerbe und verdangen sich bandenweise dem Könige, der am meisten bot. Die zwölf Berserker des sagenhaften Dänenkönigs Hrolf Kraki kämpften bald an der sächsischen Grenze, bald auf dem Eise des schwedischen Waenersees. Noch Harald Schönhaar um 900 hatte Berserker, die über ihren Panzern Wolfspelze trugen, in seinem Dienst, und sein Skalde Thorbjöm Hornklofi feierte diese brüllenden Helden samt dem Hofnarren und dem Lieblingshunde des Königs. Aber obgleich sie sich oft als Schützlinge Odins ausgaben, wurden sie von den übrigen „Kämpen“ mit Mißgunst oder gar mit Verachtung angesehen. So verrauchte die alte wilde Leidenschaft in einer anmaßlichen gewinnsüchtigen Schauspielerei, und was einst vielleicht mehr eine Plage der Ergriffenen gewesen war, wurde nun zu einer schlimmeren Plage ordentlicher Leute. Darum straften die Isländer mit Recht den Berserkergang mit Friedloslegung, wenn aucht nicht mit völliger. Deute ich eine Stelle im Paulus Diakonus 1, 11 richtig, so hätten Südgermanen schon Jahrhunderte vor der nordischen Wikingerzeit solche Krieger gekannt. Als nämlich die Langobarden auf ihrer Wanderung nach Süden auf die Assipiter stießen und die große Zahl dieser ihrer Feinde und ihre eigne geringe sahen, da sprengten sie listig aus, sie führten Hundsköpfe im Lager bei sich d. h. ungeheure Menschen mit Hundsköpfen, die nach Menschenblut dürsteten und, wenn sie keinen Feind erreichen könnten, ihr eigenes tränken. Der aus der gelehrten Literatur des Plinius und Solinus bekannte Name der Kynokephalen, eines fabelhaften hundsköpfigen Volkes, ist an die Stelle der in Wolfs- oder Bärenfell gekleideten langobardischen Vorkämpfer getreten. Im bayrischen oder Tiroler Raufer, der, wenn er keinen Gegner findet, wie ein Stier den Rasen ausrauft, lebt die alte Kampfeswut fort. Auf diese Nachtseiten menschlichen Geisteslebens fällt vom Seelenglauben her einiges Licht. Denn der eingebildete Wechsel der Hülle oder des Überwurfs, das alt nordische „hamskiptast“, woran das deutsche „Ausderhautfahren“ anklingt, deckt sich im wesentlichen mit der griechischen Ekstasis, dem Austritt nämlich der Seele aus dem Körper. Verläßt die Seele diesen im Tode dauernd, im Traume oder auch in der Ohnmacht vorübergehend, so macht sie sich auch in der Verzückung frei von ihm oder wird vielmehr seine Herrin. Sie reißt ihn mit sich in ihr neues fremdartiges Treiben hinüber. Der tief eingewurzelte Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampflustigen Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zum Vorschein komme, mochte im aufregenden Dunkel des Abends einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber in ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen Sinnen und Gliedern eine melancholische Wildheit aufzwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen schien, wenn er in der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von demselben Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche Treiben ihres rücksichtlos rührigen Herrn leicht nach dieser Richtung hin deuten und seine etwaigen Erzählungen für wahr halten. Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben entsprach? Man behauptet, den Werwolf könne man morgens mit bleichem Gesicht und Blut im Bart heimkehren sehen. Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei den Goten und den salischen Franken ein Warg, ein Wolf, oder ein Waldgänger, der im dunklen Wald ein Wolfsleben führte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod, trug und überall auch im Heiligtum als „vargr i veum“, Wolf im Tempel, gehetzt wurde, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt und Menschen wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach dem altnordischen Gesetz, wie nach dem Sachsenspiegel überall, selbst im Bannforst, friedlos. Die Werwölfe trieben in der dunkelsten Zeit des Jahres, in den Zwölf nächten, ihr Unwesen oder waren in dieser Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch erst im 3., 7. oder 9. Jahre sein Fell ab, so hängt das wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist mit geteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Ertrunkene jeden neunten Tag seine Haut abstreife, um wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt der Verstorbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten Tag nach seinem Tode in Deutschland wie in Altgriechenland wiederzuerscheinen, wann nämlich die Zeit der ersten Versöhnungsopfer für die Toten abläuft. In Pommern heißen solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechenland die Selbstverbannung, das Wolfsleben, nach einem Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wiedergänger geht mm geradezu als Werwolf um, wie im Jahre 1685 der verstorbne Bürgermeister von Ansbach. Die umgehende Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch verwandelten lebenden Menschen an. In Pommern namentlich werden nicht zur Rechenschaft gezogene Verbrecher nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch nähren, sowie in der Normandie die Leichen Verdammter in Werwolfsgestalt Sarg und Hügel durchbrechen. Der englische König Johann ohne Land soll nach seinem Tode ebenfalls als Werwolf umgegangen sein. Wenn nun außerdem in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf zum Vampyr wird, so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser düstre Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch in Wolfsgestalt wieder und verübt Vampyrtaten. Auffallend erzählt die inselschwedische Sage, daß die Wölfe die Wiedergänger zerreißen, wo sie dieselben nur finden. Als ob sie in ihnen Nebenbuhler witterten. Die Berserkerwut aber gleicht mehr jener Ekstase der Bacchantinnen, die in der nächtlichen Feier des thrakischen Gottes Dionysos durch heftige Wirbeltänze zur Raserei gesteigert wurde. Mit geschwungnen Dolchen oder Thyrsosstäben, Schlangen würgend und zerreißend, trugen sie Feuer auf ihrem Lockenhaupt, ohne dessen Brand oder eine andere Wunde zu empfinden, und zerrissen mit ihren Zähnen das blutige Fleisch der Opfertiere, bis auch sie erschöpft zusammenbrachen. Hier haben wir die weibliche, griechische, dort die männliche, nordische Form der Ekstase; der wilde Tanz ist hier, der wilde Kampf dort die Triebfeder der Raserei. Von dieser Episode aus dem Seelentaumel Lebendiger rufen uns nun die Seelen der Toten wieder zu sich zurück. Denn außer dem Reiche der Lüfte und dem der Tiere sucht die Seele sich auch noch die gleichsam mitteninne liegende Pflanzenwelt dienstbar zu machen, diese jedoch nur mit halbem Erfolg. Die Bäume und Büsche, die um die Wohnung wuchsen, gehörten zwar auch, fast wie die Haus- und die besprochenen Seelentiere, mit zur Familie. Aber auf einen Fleck gebannt, zeigten sie doch kein ausreichendes Maß der Lebendigkeit, daß auch sie für wirkliche, vollgiltige Seelenverkörperungen gelten konnten. Um so besser eignete sich ihr dichtes, bald stummes, bald leise flüsterndes oder laut rauschendes Laub zum Aufenthalt der Seelen, namentlich solcher Verstorbener, die von ihrer heimlichen grünen Warte herab das Wohl der hinterbliebenen Ihrigen wachsam behüteten. Am längsten hat sich diese gewiss einst gemeingermanische Vorstellung im schwedisch-norwegischen Värd-oder Boträd Wacht- oder Hausbaum erhalten. Wir erinnern uns des Word, wie er als Schlange oder auch als Licht oder als des Menschen Scheinbild, also immer als Seele, sich offenbart, und der Boträd wird auch geradezu der Baum der Tomtegubber, der Gehöftsahnen, genannt, die im altschwedischen ,Seelentrost‘ sogar (tadelnd) Tomtegudha d. h. Gehöftsgötter heißen. Ein solcher Baum wurde durch Opfer und Gebet geehrt und von Schwangeren in ihrer Not umklammert, nicht weil er selber eine Seele oder ein Gott, sondern weil er der Sitz einer Ahnenseele, eines Schutzgeistes des Hauses, war. Darum leiteten manche schwedische Familien von einem solchen Baum ihren Namen ab, unter andern von einer dreistämmigen Hoflinde die drei Familien Lindelius, Tiliander (d. i. Lindemann) und die weltberühmte des Linnaeus oder Linn6. Aber der Glaube an eine eigentliche Verwandlung der Seele in einen Baum oder eine Blume, den Koberstein für altindogermanisch hält, scheint ein später zarter Seitenschößling des markigen Wiedergängerglaubens zu sein. Hin und wieder hört man z. B. von drei verfluchten und vom Blitz erschlagenen Jungfern, deren Seelen in drei große Bäume fuhren. Nach vielen Volksliedern und Ortssagen sprießen die Seelen Ermordeter oder unschuldig Gerichteter oder jung gestorbener Liebender aus dem Grabe oder dem hinströmenden Blut als weiße Lilien, rote Rosen, Myrthen und Epheu, ja als Eichen und Ebereschen hervor. Ruhen zwei Liebende darunter, so neigen und verzweigen sich die Gewächse, ,wär’n gern einander nah‘. In der englischen Ballade von Margret und William klettern die Rosenranken aus ihrer Brust sogar bis zur Turmspitze der Kirche, in der sie begraben liegen, empor und verschlingen sich hier in einen Liebesknoten.

„Das Gemüt vermag es nicht zu tragen, daß zwei jugendliche Wesen, deren Dasein soeben eines in dem andern erst erfüllt und vollendet werden sollte, so auf einmal auseinandergerissen oder beide zugleich der Zeitlichkeit entrückt sein könnten. Es ruft die Phantasie zu Hilfe, daß sie aus dem Tode ein neues Leben hervorgehen lasse, in dem sich das alte fortsetze, an das sich das Gemüt sinnlich halten, das es anschauen könne“.

Man könnte auch in den Grabesblumen gewaltsam oder unschuldig Getöteter ununterdrück-bare Zeugen der Unschuld sehen, die das von einer späteren Naturauffassung Tieren und Pflanzen beigelegte Mitgefühl unwiderstehlich aus der Unglücksstätte hervorgetrieben hätte. So wächst denn auch hinwiederum an solchem Ort kein Gras, und eine Fichte bleibt dort stets klein und dürr. Trostlose Trauer hängt darüber wie eine ewige Strafe. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wächst eine hohe Eiche, aus dem Grabe eines Selbstmörders ein Dornbusch oder eine Distel. Unter den alten Hagebuttensträuchem der nordfriesischen Gräber hausen Wiedergänger. Alle bisher besprochenen Seelenformen überbot an tiefer Gemütswirkung und poetischer Triebkraft weitaus die Erscheinung der Seele in Menschengestalt. Aus dem Traumbild oder auch dem wachen Phantasiebild, wie es im gram oder schreckerschütterten Gemüte der Überlebenden nach dem Tode eines verehrten, geliebten oder eines gefürchteten, gehaßten Angehörigen aufzusteigen pflegt, wurde ein mit voller Lebensgröße des Verstorbenen ausgestatteter Geist. Zuweilen schwebt er nur als ein Schatten vorüber wie der Geist von Hamlets Vater. Öfter aber ist der Wiederkehrende von Grabesdunst umwittert, entstellt oder verklärt, abgeblaßt oder gedunkelt, zuweilen ins Riesenhafte ausgereckt. Bald schwebt er still und flüchtig herbei, bald tritt er mit festem Fleisch und Bein in seiner leibhaftigen Gebärde und mit seiner Gemütsart mitten unter die Menschen, namentlich nach nordischer Sage mit übermenschlicher Höllenkraft ausgerüstet. In ihm, dem meist furchtbaren Heimsucher, aber auch wohl dem Helfer und Tröster der Überlebenden, dem phantastischen Wiedergänger, hat der Seelenmythus seinen höchsten, gleichsam klassischen Typus geschaffen und zugleich eins der wertvollsten Zeugnisse urältester Menschenkunde hinterlassen. Der an die Elemente, Tiere und Pflanzen geknüpfte Seelenglaube hatte entweder einen unbestimmten oder doch einen überwiegend ruhigen idyllischen Charakter, der Wiedergängerglaube legt wie kaum ein andrer das innerste Wurzelwerk der ältesten menschlichen Seele bloß. Aus ihm strömt eine leichenduftige und doch zum Leben drängende Poesie hervor, welche die ganze Tonleiter menschlicher Gefühle von der jämmerlichsten Gespensterangst durch die heißesten Gewissensqualen und die ergreifendsten Muttersorgen hindurch bis zu dem andachtsvollen Schauer durchläuft, den auch wir vor einer überirdischen Geistermacht empfinden. Der Ursprung dieses wilden, lebenssehnsüchtigen Glaubens, der doch auch ausnahmsweise so innig und zart sein kann, liegt in jener fernen Steinzeit, wo man die Toten, ihre ganzen Leiber, begrub, nicht in der späteren Zeit des Leichenbrandes, der nur ein paar Knochen in einem Häufchen Asche zurückließ. Er liegt in jener Zeit roher Gewalttat, Blutrache und Selbsthilfe, in der der Mörder nach seiner Untat zwar Gewissensangst nicht empfinden mochte, wohl aber das verwandte unbezwingbare Gefühl, daß der Gemordete ein Recht auf Vergeltung habe und zuraal, wenn dieser keine rächenden Erben besaß, als Ungesühnter sich selber zu blutiger Sühne erheben müsse. Denn seine ergrimmte Seele lebte und vermochte den begrabenen Leib zu vorübergehendem Nachleben mit sich fortzureißen, wie die Werwolfsseele den lebendigen in die ihr entsprechende Gestalt zwang. Aber nicht nur Ermordete kamen wieder, sondern alle, die im Leben oder im Tode nicht ihr Recht bekommen hatten, die, vor der Zeit gestorben, vom Leben nicht lassen wollten, oder die ungenügend bestattet waren. Wiederum liegt uns in der Wiederkehr solcher Toten ein indogermanisches Glaubensstück vor. Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hinterbliebenen und fuhren die Seelen ungeborener Kinder als Blutsauger um. Die Preta d. h. die Hingegangenen irrten zunächst hungernd auf Erden umher, bis sie durch ein besonderes Opfer zu den Pitaras oder Ahnen ins Jenseits geführt waren. Die Pitaras aber schützten oder straften ihre Nachkommen, je nachdem sie geehrt oder vernachlässigt wurden. Ein aus Kummer über die Untreue seiner Frau gestorbener Mann kommt jede Nacht, sie zu peinigen. Doch man verwarf den Glauben, daß Hausväter nach ihrem Tode als Dämonen ihre Gräber auf suchten. Für das Kastenwesen ist dieser alte Glaube verwertet, wenn im Mahabharata die Brahmanenhasser nach dem Tode zu Unholden werden. — Die Perser dachten offenbar ähnlich. Denn Xenophon scheint ihren Glauben richtig aufgefaßt zu haben, wenn er den sterbenden König Kyros daran erinnern läßt, daß die Seelen derer, die Unrecht erlitten, den Mördern Schrecken einflößten. In Griechenland spielte der Glaube an die Wiederkehr der Toten in verschiedenen Farben. In der Ilias fleht die Seele des Patroklos, in Euripides’ Hekuba der Schatten des ermordeten Polydoros um Bestattung, beide, weil sie Ruhe finden möchten. Nach Hesiod werden die Menschen des ältesten, goldenen Geschlechts nach ihrem Tode Dämonen auf der Erde, Wächter der Menschen, die ,in Nebel gehüllt‘ d. h. unsichtbar Recht und Unrecht beobachten. Plato gab, wenn er auch etwas von seiner Philosophie hineinvernünftelte, doch deutlicher den volkstümlichen Grund der Unruhe gewisser Toten an. Seelen, die ihre Sinnlichkeit nicht ablegen, meint er, umschweben längere Zeit ihre Gräber, da die sinnliche Leidenschaft die Seele wie mit einem Nagel an den Körper hefte und sie selber fast körperlich mache. Der Gemeinglaube aber kannte zwei große Klassen von Wiedergängem, nämlich die Aoroi, die vor der Zeit Gestorbenen, und die nach dem Tode Vernachlässigten. Zu jenen gehören die eines gewaltsamen Todes, sowie die kinderlos oder unverheiratet Gestorbenen, zu diesen die Unbestatteten, auch die ohne die gebührlichen Totenopfer Gelassenen. Was ihnen lebend oder tot entzogen wurde, suchen ihre Seelen einzubringen, indem sie entweder einzeln als rachgierige Irrgeister Alastores umgehen oder scharenweise im Heer der Hekate beängstigend einherziehen. Namentlich die Heroen mit ihrem reizbaren Ehrgefühl machen gefürchtete Angriffe auf ihre Beleidiger. Sie quälen mit vampyrartigem Alpdruck, stürzen ganze Familien ins Verderben, erwürgen jeden, der ihnen begegnet, und verhängen sogar über weite Landschaften Dürre und Seuche. Darum spielen sie im Zauberwesen einst wie heute eine bedeutsame Rolle. Aus dem Grabe trieb es noch die widerwillig zum Christentum bekehrte „Braut von Korinth“, den ihr genommenen heidnischen Bräutigam zu umarmen und seines Herzens Blut zu saugen. Der neue Glaube vermochte nicht diesen mächtigen Zug nach Vergeltung und Befriedigung zu ersticken : die Manes, die Ahnen, auch noch christlicher Römer wurden durch Rachsucht oder Mitleid auf die Oberwelt zurückgeführt. Bei allen Germanen hieß oder heißt dieses Wesen der Wiedergänger, französisch reve, oder allgemeiner Gespenst, Draugr, Trugbild, mundartlich , Nachsehr er, Neuntöter. Sein Tun ist der Wiedergang, der Nachspuk, das Umgehen. Groß ist die Schar der germanischen Wiedergänger: Ermordete, Ertrunkene, Verhungerte, Liebende, Kindbetterinnen und diejenigen, die in ihrer Sterbestunde nicht den Beistand ihrer Söhne oder nicht ein ehrliches Begräbnis gefunden haben; aber auch solche, denen noch im erkalteten Herzen der Gedanke an ihre Untat oder auch die Sorge um Hab und Gut brennt, oder denen ein Gelübde oder auch die Lust am Saus und Braus der Jagd keine Ruhe läßt, oder Kinder, die hilflos oder, wie man später sagte, ungetauft dahingerafft sind. Nach diesen ihren verschiedenen wirklichen Schicksalen gestaltete sich das Nachschicksal, das Schein- und Trugleben des Wiedergängers, das ihn rächen, sühnen, trösten, befriedigen, schadlos halten soll, sehr verschieden. Und so bekommt jeder dieser so schroff abgerissenen Lebensläufe ein meist unheimliches, zuweilen aber unsäglich rührendes Nachspiel; der schrille Schlußakkord ihres Lebens klingt noch einmal dumpf wider. Die ältesten Wiedergänger scheinen die Seelen von Ermordeten und Mördern gewesen zu sein, von denen der eine den andern zum Bruch der Grabesruhe aufregt. Schon die bloße Nähe des Mörders, des „Mortmeilen“, macht das starre Blut des auf der Bahre liegenden Erschlagenen fließen. Als Hagen an Siegfrieds Bahre trat, „flössen die Wunden sehr“. Als Richard Löwenherz sich der Leiche seines königlichen Vaters näherte, da brach aus dessen Nase das Blut hervor, als ob es zu Gott über den schreien wollte, der für die Ursache seines Todes gehalten wurde. Im Jahr 1503 troff das Blut einer aufgegrabenen Baslerin durch die Bahre, als ihr Mann ihre Ermordung abschwören wollte. Der schon indische Glaube an dieses in Mitteleuropa freilich erst in den französischen Artusromanen des 12. Jahrhunderts bezeugte Bahrgericht scheint im badischen Volke selbst heute noch nicht ganz erloschen. — Ermordete und andere Verunglückte müssen nach ostdeutschem Glauben so lange umgehen, als sie noch hätten leben können. Nach altnordischem Gesetz begrub man mit Tod gestrafte Verbrecher auf der Flutgrenze, als ob das wiederkehrende Wasser seine Wiederkehr hindern solle. Die Bedeckung, das Hüllen „hylja“ der Leiche, wurde später im Norden gesetzliche Pflicht eines jeden, der den Leichnam fand; sogar der Mörder hatte sie an seinem erschlagenen Gegner zu erfüllen. Unterließ er sie, so wurde er eben deswegen geächtet und fühlte sich selber der Rache des wiederkehrenden Gemordeten mm aus doppeltem Grunde preisgegeben. Nach dem angelsächsischen Gesetz soll der Mörder dem Getöteten nichts nehmen, sondern ihn auf den Schild legen, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Mit solcher Strenge wahrte das bajuwarische Volksrecht die Unverletzlichkeit der Toten, daß selbst derjenige, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeil verwundete, in Todesstrafe verfiel. — Unter den Mördern sind vorzugsweise die Selbstmörder zur Wiederkehr geneigt; sie müssen fort und fort nach dem Ort ihrer Entleibung hinwandeln, der für so unheimlich gilt, daß man dort nicht ruhig sterben kann. Nach altschwedischem Gesetz sind sie zu verbrennen, damit sie nicht nach ihrem Tode andres ehrliches Volk heimsuchen. Geschwächt kommt der Wiederkehrsgedanke zu neuerem Ausdruck, wenn die Hand des Vatermörders, ja des Kindes, das nach den Eltern geschlagen hat, sowie die des Meineidigen, Diebes, Baumfrevlers sich aus dem Grab emporstreckt. — Ertrunkene wollen ihr Teil am Totenmahl: so tritt der ertrunkene Isländer Thorodd noch naß mit seinen Unglücksgefährten neun Tage nach seinem Untergang in die Halle, wo man bereits zu seinem Totengedächtnis das Erbbier trinkt. So behält auch in Schwaben das Wasser den Ertrunkenen neun Tage, um ihn dann wieder auszuwerfen. In Steiermark wandelt der Ertrunkene so lange in der Nähe seiner Unglücksstätte, bis er einen verlockt hat, ebenfalls zu ertrinken. — Furchtbar rächen sich die nicht gebührlich Bestatteten. Nach der altisländischen Eyrbyggjasaga schieden eines Abends der herrische Thorolf und sein Sohn in Groll von einander. Heimgekommen setzte sich der Alte in seinen Stuhl, sagte nichts, aß nichts; seine Leute gingen schlafen. Als sie andern Morgens wieder eintraten, sitzt Thorolf noch immer da — tot! Als der herbeigerufene Sohn bemerkt, wie das Gesinde über den auf dem Antlitz des Toten lagernden Unmut erschrocken ist, nähert er sich dem Stuhle von hinten, zieht den schweren Greis rückwärts auf seine Schultern und schlägt seinen Mantel um dessen unversöhntes Haupt. Darauf läßt er die Wand durchbrechen, und durch das Loch, das dann wieder geschlossen wird, schleift er ihn ins Freie. Wozu das alles? Zu der germanischen Totenbesorgung, den nordischen „näbjargir Totenhilfen“, wie zu den griechischen gehörte es, gleich nach dem Eintritt des Todes dem Verstorbenen die Augen zuzudrücken, wie es scheint, damit nicht der unheimlich gebrochene Blick als „böser Blick“ Unheil stifte. In Deutschland belegte man noch dazu Augen und Mund mit einem Sternchen oder Geldstück, das ursprünglich ebensowenig wie die griechische Beigabe des Naulon oder Fährgelds für einen unterirdischen Fergen bestimmt, sondern eine Geldabfindung für den Toten war. Dem gefürchteten Verstorbenen zog man in anderen altnordischen Sagen auch eine Haut über den Kopf. Ähnlich wie den Thorolf im Norden, schleifte man in Deutschland einen toten Missetäter unter der Schwelle hindurch, damit er den Heimweg nicht fände, ja noch heute wird hie und da aus demselben Grunde die Leiche nicht durch die Türe, sondern durch das Fenster hinausgebracht. Aus Furcht vor der Wiederkehr bricht man auch im fernen Indonesien eine Öffnung durch die Mauer. Aber den vernachlässigten Thorolf bezwangen alle solche Vorsichtsmaßregeln nicht; nach Sonnenuntergang tobte er furchtbar unter Mensch und Vieh und verwüstete selbst den Acker, bis er umgebettet und sein neues Grab hoch umzäunt wurde. Viele brechen ihren eigenen Grabesfrieden aus unstillbarer Kampfbegier, Waidlust, Habgier und aus Geiz. Gleich den marathonischen Kämpfern erheben sich die Gefallenen der katalaunischen Schlacht zu neuem Waffengange. Hilde, Högnis Tochter, weckt auf der Insel Haey durch Zauber die samt ihren Waffen zu Stein gewordenen Erschlagenen wieder auf, und so sollen sie immer wieder kämpfen bis zur Götterdämmerung. Nach einer deutschen Sage sprangen einmal Tote aus den Gräbern den Ihrigen bei, als diese schon unterliegen wollten. Leidenschaftliche Jäger, später namentlich solche, die ruchlos den Feiertagsfrieden nicht geachtet haben, gesellen sich als Wiedergänger der wilden Jagd bei. Leidenschaftliche Hauswirte kommen wieder. Der Isländer Vigahrapp ließ sich dicht unter der Küchentür stehend begraben, um von dort aus nach seinem Tode die Wirtschaft bequemer überwachen zu können. Weil ihm aber die Knechte nicht genügten, quälte und tötete er sie voll Zorns, ja er verödete dann seine ergibigen Äcker, Lachs- und Seehundweiden. Darum grub man ihn wieder aus, verbrannte ihn und streute seine Asche ins Meer. Milder als der Isländer verfuhr der Geist eines oberschwäbischen Bauern, der seiner Kinder wegen gern nach Scheuer und Stall schaute und jeweils den saumseligen Knechten eine „Humse“ Ohrfeige versetzte. Fridthiofs Vater will dem Grabe seines Königs gegenüber am Strande begraben sein, daß sie sich bequem über den Fjord hinüber zurufen können, wenn Wichtiges bevorsteht. — Endlich haben Geizhälse, Wucherer, Betrüger, Wortbrüchige, ja in Norwegen selbst Trunkenbolde und Spötter keinen Grabesfrieden, sondern gehen um. Zumal in den langen Winternächten um Weihnachten. Da läßt sich der gottlose Fastenverweigerer anfangs undeutlich sehen. Die Kühe, die ihn erblicken, werden wild und stoßen einander, die Menschen verlieren den Verstand, mit zerbrochenen Knochen findet man sie am andern Morgen. Und selbst der furchtloseste aller Menschen, Grettir, ist einer Ohnmacht nahe, als er den von ihm besiegten Wiedergänger bei seinem Fall seine grauen Augen starr auf den Mond richten sieht. Um ihn dann unschädlich zu machen, wird sein abgeschlagener Kopf gegen seinen Hintern gesetzt und auf „kalten Kohlen“ verbrannt. Mit versöhnendem Glanz leuchtet in dieses Reich düsterer Vorstellungen die Liebe hinein, die Brautpaars-, die Gatten- und die Mutterliebe. Die Mitglieder eines eng verbundenen Menschenpaars treibt es zu einander, aus dem Leben zum Tode, aus dem Tode zum Leben, mit unwiderstehlicher Sehnsucht, mit unverbrüchlicher Treue. Der Wiedergängerglaube verklärt sich zu imvergänglicher Poesie. Im zweiten Eddaliede von Helgi, dem Hundingstöter, nimmt Odin den gefallenen Helden in Walhall auf. Aber es wird ihm eine „Heimfahrt“ erlaubt, und die Magd seiner Witwe Sigrun sieht ihn mit stattlichem Gefolge zu seinem Grabhügel reiten und berichtet der Herrin, das Grab Helgis sei offen, der Fürst sei gekommen und bitte sie, das Bluten seiner Wunden zu stillen. So ging denn Sigrun ins Grab zu Helgi und sprach:

„Nun will ich küssen dich leblosen König, Bevor du die blutige Brünne abwirfst. Dein Haar ist, mein Helgi, von Reif durchdrungen, Ganz bist du von Leichentau bespritzt.“

Darauf er:

„Du allein verschuldest, Sigrun von Sefafjöll, Daß Helgi mit Leidestau benetzt ist. Du weinst, Goldgeschmückte, grimme Zähren, Du Sonnenhelle, eh’ schlafen du gehst. Jede fällt blutig auf die Brust des Helden, Naßkalt, tiefdringend, kummerschwer.“

Und nun trinken sie zusammen im Hügel köstlichen Trunk, und selig ruht sie die Nacht dem Toten im Arme, bis es Zeit für ihn ist, auf fahlem Rosse die morgenroten Himmelswege zu reiten. Es war ein alter, mm den alten Weibern überlassener Glaube — so heißt es in einem Prosazusatz zum Gedicht —, daß die Beiden wiedergeboren seien, er als ein anderer Helgi und sie als Kara. Es ist der höchste Schluß des Wiedergängertums, der auch noch hie und da im Norden gezogen wird: die Wiedergängerseele kommt nicht zu einem bloß scheinbaren, sondern zu einem vollen neuen Leben wieder. Und zwar kann sie auch nach dem Prosazusatz in einer andern Person wiedergeboren werden, sich also auf die Seelenwanderschaft begeben. Denn auch die Seelenwanderung war dem Norden nicht ganz fremd. Das Gedicht aber gibt der alten einfachen Wiedergängersage, die offenbar an das irdische Grab als alleinigen Wohnsitz des Toten gebunden war, ebenfalls eine andre neue Wendung. Sie spielt sich nun, der Einheitlichkeit des Schauplatzes beraubt, auf dem prunkvolleren Hintergrund des später erfundenen Totenreiches, der Walhalla, ab. Das germanische Volkslied aber bewahrt überall die ältere einfachere und wohl ergreifendere Fassung. Der dänische Ritter Aage kehrt aus dem schwarzen Grund zu seiner herzwunden Braut Else zurück die ihn fragt, wie es in seinem Grabe sei, indem sie unter Tränen seine welken Haare kämmt. Er antwortet:

„Jedesmal daß du dich freuest, Und dir ist froh dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Mit Rosenblättern rot: Jedesmal daß du voll Sorgen Und dir ist schwer dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Ganz mit geronnenem Blut.“

So folgt sie dem wieder Versinkenden in den schwarzen Grund, sowie in Schottland Margarete, bis an die Kniee geschürzt, dem Geist ihres Wilhelm durch die lange Wintemacht nacheilt, bis der Hahn kräht und er verschwindet im Nebel und läßt sie ganz allein. Da bricht ihr holder Leib tot zusammen. Und mm steigt vor uns jenes unvergleichliche Stimmungsbild des deutschen Volksliedes auf, aus dem Bürgers Lenore hervorgegangen ist: Der Mond scheint so helle, Die Toten reiten schnelle. „Feins Liebchen, graut dir nicht?“ Im Volkslied des mährischen Kuhländchens nässen die Tränen der Witwe das Hemde des Eheherrn im Grabe so sehr, daß sie, wie sie davon hört, hineindringt, um immer bei ihm zu bleiben. Umgekehrt kommt in Pommern die heißgeliebte Frau allnächtlich aus ihrem Grabe ans Bett ihres Gatten, um ihm freundlich zuzusprechen, bis er eines Morgens auf ihrem Grabe gefunden wird, lang ausgestreckt, als ob er das Gras hätte küssen und mit seinen Armen umfangen wollen. Milder und behaglicher äußerte der Iarl Thorgnyr seine Anhänglichkeit an die verstorbene Gattin, wenn er gern auf ihrem nah bei der Wohnung gelegenen großen Grabhügel bei guter Mahlzeit saß, Rat erteilte und den Spielen zusah. Wie leidenschaftlich tanzt dagegen die tote Braut im Aargau auf dem Kreuzweg so lange fort, bis ihr der Bräutigam nachstirbt! Man mag sie im Wirbelwind, der die Kreuzwege liebt und Windsbraut heißt, zu sehen geglaubt haben. Alt ist auch die rührende Geschichte von der Wiederkehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinterbliebenen Kinde. Wochenlang kommt sie in jeder Mitternacht mit leisen Tritten, das Licht verlischt, und bald hört man das Kind an ihrer Brust begierig saugen, oder sie kocht ein Müslein und wäscht die Windeln. Sie wiegt und singt es ein, bei ihm wachend bis zum ersten Hahnschrei. In Oberelsaß tränkt die Mutter Gottes, auf die die Mutterpflichten übertragen sind, in stillen Nächten gütig das mutterlose Kindlein am Milchbrunnen. Dann lächelt es am Morgen in der Wiege mit seinem Milchbärtchen. In Schlesien bereitet man solcher Kindbetterin das Bett. Wo man aber ihre Wiederkehr nicht wünscht, breitet man die Windeln ihres Kindes, mit Steinen beschwert, über ihr Grab. So bleibt sie dort. Grausam hielt man zu Burchards Zeit, um das Jahr 1000, eine samt ihrem Kinde in den Wochen gestorbene Frau fern; man heftete beide mit einem Pfahl im Grabe fest. Auch ein imgetauft gestorbenes Kind durchbohrten Weiber mit einem Pfahl, damit es sich nicht aus dem Grabe erhöbe und Schaden anrichte. Nach der neueren Sage tritt das Kind in seinem Totenhemdchen vor der weinenden Mutter Bett und fleht:

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Leichenpfählungen trafen nach Saxo Grammatikus auch den blutsaugenden Wiedergänger Asvit und sollen noch in neuerer Zeit in Pommern tote Kindbetterinnen und ungetaufte Kinder getroffen haben. Oder man trennte des Wiedergängers Kopf ab oder durchschlug ihm die Sohlen. Oder man grub ihn, wie Thorolf und Vigahrapp, wieder aus und verbrannte ihn. Erklärt sich daraus, daß so manchen Toten Kopf, Hände und Füße, abgeschnitten und verbrannt, neben den übrigen Gliedern beerdigt wurden und in andern Gräbern wiederum nur der Schädel vorhanden war? Das waren übrigens nicht besonders germanische Maßregeln, sondern z. B. die Griechen ergriffen gleich erbarmungslose. Die Inder legten der Leiche nur eine Fußfessel an, um sie an der Wiederkehr zu hindern. In Altgriechenland aber schnitt der Mörder wohl dem Erschlagenen einzelne Glieder ab, um ihn zu schwächen, und hängte sie sich um den Nacken. In Neugriechenland nagelte man die Hände und die Füße des Wiedergängers fest, oder man riß ihm das Herz aus, zerstückelte und verbrannte es, oder man verbrannte den ganzen Körper. Den Wiedergänger unschädlich zu machen, beabsichtigt auch der uralte weltweite Brauch, Steine auf eine Mordstätte zu werfen. Zauberer, Räuber, Geächtete, selbst noch nicht ganz tote, steinigten die Nordleute, tun sie von weiterer Untat abzuhalten, und warfen noch später beim Vorübergehen Steine auf solche Haufen in demselben Sinne. In Schweden fürchtete man andernfalls von dem Erschlagenen irregeführt zu werden. Nach oldenburgischem und voigtländischem Glauben schafft am besten eine tiefe Einsenkung der Leiche oder eine feste Rasendecke der armen Seele Ruhe. Ein geistigeres Mittel war die Beschwörung, mit der man in England Wiedergänger feierlich in die See und in Deutschland später ein Geistlicher in den Wald oder auf einen hohen Berg z. B. den Feldberg bannte. Aber nicht nur gegenüber den zur Wiederkehr durch ihr Schicksal bestimmten Toten, sondern auch gegenüber den unter gewöhnlichen Umständen Verstorbenen und gebührend Begrabenen überwog die Furcht oder doch die Vorsicht die hingebende Verehrung, die sich erst später und auch dann nur vorzugsweise unter den höheren Ständen breitere Bahn machte. Hingen doch auch die gutmütigen und ungekränkten Sterbenden so fest am Leben, daß ihnen schon jedes Bedauern der Anwesenden das Sterben schwer machte. Die Furcht war der Grundzug der altgermanischen Totenbehandlung, wovon Burchard von Worms ums Jahr 1000 das erste vollere Zeugnis ablegt.

Er erwähnt nicht nur jene schauerlichen Pfählungen von Mutter und Kind, sondern auch lustige Leichenwachen, Körnerverbrennen und Kammklappem im Sterbehause, Aufsetzen des Sarges auf die Mitte eines auseinander gezogenen Wagens, Schütten von Wasser unter die Totenbahre und anderes. Aber auch die Volksüberlieferung ist hier besonders reich und fest. Durch ganz Deutschland und auch im Norden wurde der Seele des Verstorbenen alsbald das Fenster zu freiem Davonflug geöffnet, wo sie nicht etwa leicht von der freien Diele aus durch ein Loch im Dache oder den Schornstein entkommen konnte. Jeder Topf wurde umgekehrt, daß sie unterwegs nicht unterschlüpfe, das Geschirr des Toten zerschlagen, daß es ihn nicht festhalte. Nichts im Hause durfte rundum gehen, kein Spinn-, noch Wagenrad, etwa tun ihn nicht aufzuregen. Andererseits wurde alle Frucht gerüttelt, Wein und Bier geschüttelt, damit das nicht abstände, alles Vieh im Stalle aufgejagt und diesem, wie auch den Bienen, ja selbst den Bäumen der Tod angesagt und alle Schlafenden im Sterbehause geweckt, damit sie nicht mitstürben. So lange der Tote auf seinem Bett oder auf Stroh oder auf einem Brett im Hause lag, mußte er durch die Leichenwache nicht nur behütet, sondern auch ergötzt werden. Sie dauerte schon im Nibelungenlied drei Tage und drei, jetzt meistens zwei Nächte, ln guter Laune sollte er von den Lebenden scheiden, auch vielleicht derbe Scherze ihr Grausen betäuben. Singen und Lachen, Tanz und Vermummung bei Leichenwachen hatten im 10. und 11. Jahrhundert Regino von Prüm und Burchard von Worms zu verdammen, und im 13. sah sich das alte Stadtrecht von Zwolle genötigt, die Zahl der Wächter auf zwölf Männer und nur vier Frauen zu beschränken. Die Kurfürsten von Köln wiederholten im 18. Jahrhundert ihre scharfen Verbote gegen die Gelage und unzüchtigen Spiele der Leichenwachen, die man noch neuerdings im westfälischen Sauerlande untersagte wegen ihrer Stelldichein und tollen Pfänderspiele. In Tirol und im Schwarzwald beten die Wächter meistens, aber sie spielen und trinken auch dazwischen und erzählen sich lustige Geschichten. Auch in Skandinavien dauern die Leichenwachen fort. Daß in dem Hause, wo ein Toter lag, nach Burchard Korn verbrannt wurde, scheint auch germanisch, wenigstens werden noch in Westfriesland, freilich mit Bezugnahme auf die Dreieinigkeit, drei Handvoll Gerstenkörner um den Toten ausgestreut, in deutschen Sagen wird Korn auf die Gräber geworfen, und man hat auch im Innern derselben Korn gefunden. Burchard verbietet ferner den Frauen, ihre Weberkämme über der Leiche zusammenzuschlagen, was wohl die Seele verscheuchen sollte wie jenes Wehen mit Tüchern. Die Leiche darf noch an vielen Orten in Deutschland, Holland und Schweden nur so aus dem Bett oder dem Hause getragen werden, daß ihre Füße in der Richtung der Tür bleiben; so wird sie den Rückweg nicht finden. So lag schon Patroklos’ Leichnam mit dem Gesicht der Zelttüre zugewandt. Nach Burchard goß man, wenn die Leiche aufgehoben wurde, schweigend Wasser unter die Bahre, wie man dem Sarge heute in einzelnen Gegenden Wasser, hie und da auch Mehl, Asche, Feuer nachwirft, sogar dreimal. Oder man stellte, namentlich in Niederdeutschland und Ostholland, eine Schüssel Wasser unter oder an das Bett. Daraus hat sich auch wohl ein Seelenbad entwickelt, das man dem Toten ans Fenster setzt. Auch wird die Stube hinter der Leiche ausgefegt oder auf die Schwelle zur Abwehr ein Besen oder Stahl oder eine Axt gelegt. Die Leiche darf nicht höher als kniehoch in Westfriesland gehoben werden, nach Burchard aus Gesundheitsrücksichten. In Holland setzt man die Leiche noch hie und da auf einen sogen. ,Lank wagen*, der aus zwei durch einen langen Wagenbaumverbundenen Rädergestellen besteht; einen solchen auseinander geteilten Leichenwagen kennt auch Burchard. Das Reve- oder Leichenstroh ließ man bis vor kurzem in Westfalen auf dem Leichen weg, in Österreich auf dem Acker des Verstorbenen, in Holland auf einen Kreuzweg fallen und verbrannte es auch wohl vor dem Begräbnisplatz. So wurde die letzte Verbindung zwischen dem Toten und seinem Hause verweht und zerstört. Ausschließlich nur mit Leichen befahren wurde auch in Bayern der Toten weg, in Holland der Lijk-, Nood- oder Reeweg. Dem Toten gebührt die Totenklage, über die schon Tacitus in scharf zugespitzten Antithesen sich äußert.

„Die Deutschen legen das Jammern über den Tod schnell, den Schmerz langsam ab. Doch gilt bei den Frauen die Klage für ehrenvoll, bei den Männern die treue Erinnerung.“

Freilich übermäßige Klage stört die Totenruhe. Aber Klagen wurden angestimmt bei der Bestattung der Westgotenkönige Alarich und Theoderich und des Langobardenkönigs Alboin, und Beowulfs Grabhügel umritten zwölf Edelinge und priesen trauernd der Männer mildesten. Der Indiculus des 8. Jahrhunderts bekämpfte die „dadsisas“ die Totenklagen, die im 10. Regino von Prüm „Teufelsgesänge“ schimpfte. Man könnte fremden Einfluß vermuten, wenn bei den Deutschen in Siebenbürgen, Ungarn und Krain eigens bestellte Klageweiber ihre Weisen beim Begräbnis absingen. Aber im elsässischen Münstertal stürzen wohl noch nach einem Todesfall sofort laut schluchzende Weiber ins Sterbehaus, sowie bei Mülheim a. d. Ruhr noch kürzlich Frauen aus der Totenklage ein Gewerbe machten. In Schlesien aber darf man keine Träne auf die Leiche fallen lassen, weil sonst ihre Ruhe gestört oder der Weinende ihr nachgezogen wird. Weitaus die ältesten Zeugnisse für den Seelenglauben, ja für den Glauben der Germanen überhaupt liefert die Totenbestattung. Die Anlage, die Bauart und der Inhalt der Gräber geben mannigfachen Aufschluß über die Sinnes weise der näheren und der fernsten Vorzeit. Freilich sind aus der ältesten Steinzeit, in der die Menschen sich mit plumpen, grob zugehauenen Werkzeugen aus Feuerstein behalfen, Gräber nicht mit Sicherheit nachweisbar, vollends nicht germanische; die Leichen scheinen damals ohne besondere Bräuche nachlässig verscharrt worden zu sein. Mit der jüngeren Steinzeit aber begann eine sorgsame Beerdigung des Körpers, die nach vielen Jahrhunderten ihres Bestandes der Leichenverbrennung wich, um diese dann wieder überall zu verdrängen, so daß der Leichenbrand in dieser mehrtausendjährigen Geschichte gleichsam nur eine Episode bildet. Auch scheint er bei einigen Stämmen der Germanen nicht recht emporgekommen zu sein, wenigstens nicht bei den niederen Ständen. In der jüngeren Steinzeit baute man aus Steinen dem Toten zuerst kleinere Stuben, erweiterte sie dann zu den großen Riesenstuben oder Hünenbetten und ging dann mit Beginn der Bronzezeit, etwa seit 1500 v. Chr., zu der Steinkistenform über, einem bloßen Sarge. Meistens im norddeutschen oder dänischen Flachlande gelegen, wurden diese Steinhäuser aus mtihsamst zusammengeschleppten Findlingsblöcken hergestellt. Nichts kann den schwermütigen Reiz der Heide oder der Waldeinsamkeit mehr erhöhen als ein Hünengrab, dessen Felssteinmauem, halb oder ganz mit Erde bedeckt, von einem weiteren Steinkreise wie ein Heiligtum umzäunt sind. Dennoch war dieses ursprünglich wohl weniger ein eigentliches, der Andacht geweihtes Denkmal, als vielmehr ein festes Haus, das die Toten schützen, aber auch einschließen und von der Wiederkehr zu den Lebenden zurückhalten sollte. Die Gerippe liegen oder hocken in den geräumigeren Gräbern in größerer oder kleinerer Gemeinschaft, neben sich hochhalsige Krüge, trefflich geschliffene Steinbeile und oft auch schon gebrauchtes, ziemlich wertloses Gerät. Brandreste in den Kammern scheinen darauf hinzuweisen, daß man die Toten von Zeit zu Zeit durch Feuer erwärmte, um ihnen ihre dunkle Wohnstatt möglichst behaglich zu machen. Man dachte sich also die Toten noch fortlebend, doch nur eine Weile fortlebend. Denn wenn Gerippe später Verstorbener hineingelegt wurden, so wurden die älteren bei Seite geschafft und unordentlich aufeinander gestapelt. Nach dem Schädelbefund waren sie Germanen. Diese ältesten Germanengräber bedecken den nördlichsten Teil eines ungeheuren bogenförmigen Steingräberstreifens, der von Indien bis nach Spanien und von da durch Westeuropa bis an die Weichsel und nach Schweden reicht. Man vermutet, daß die im Morgenland üblichen einfachen Felsengräber die Vorbilder dieser zwar künstlicheren, aber immerhin noch einfacheren Steingräber gewesen seien, die in den ägyptischen Pyramiden und den mykenischen Kuppelgräbern ihre höchste Kunstform gefunden hätten. Wie dem sei, jedenfalls ist der Glaube an jene sehr bedingte Unsterblichkeit mit der von Volk zu Volk getragenen alten Kulturmitteilung der Steingräber nicht so fest verknüpft, daß er nicht auch schon vorher hätte gewonnen werden können. Doch mag er in dieser eingeführten fremden Grabform eine neue Stütze gefunden haben. Noch bis in die ältere Bronzezeit hinein, in der die Steingeräte den Bronzegeräten wichen, bis etwa zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wurden die Leichen unverbrannt in Steingemächern oder nun auch in Steinsärgen beigesetzt. Nicht lange vor der jüngeren Bronzezeit aber, die im Norden etwa mit dem 8. Jahrhundert v. Chr. anhob, wurde der ebenfalls aus dem Orient herübergebrachte Leichenbrand bei den Germanen üblich. Er scheint aus einem Umschwung des Glaubens hervorgegangen zu sein. Wollte man die Seele vom toten Leibe entschiedener loslösen und aus der dumpfen Grabesruhe befreien, ihr einen anderen lichteren Raum zum Weiterleben schaffen? Nach der ältesten indischen Urkunde, dem Rigveda, gibt es unverbrannte und verbrannte Ahnen. Für den imverbrannten wird bei der Totenfeier gebetet:

„Spring auf, o Erde, presse dich nicht nieder. Umhüll ihn, Erde, wie den Sohn die Mutter hüllt in ihr Gewand“ (10, 18, 11).

Dagegen führt die Seele des Verbrannten auf dem Feuer leicht wie auf einem Wagen ins Reich des Totengottes Iama und vereint sich mit ihm und den Ahnen, mit neuem Leibe glänzend (10, 14, 8). Nach der Ilias 7, 410 werden die Toten erst durch ihre Verbrennung besänftigt, nach der Odyssee 11, 222 vernichtet das Totenfeuer die Sehnen, die Fleisch und Gebein Zusammenhalten, die Seele aber fliegt frei davon. Von Kleinasien, wo die homerische Dichtung entstand, kam der Leichenbrand erst im 7. Jahrhundert nach Attika, und die römischen Zwölftafeln des 5. Jahrhunderts kannten beides, das Beerdigen und das Verbrennen. Die Germanen legten die verbrannten Gebeine in einem Tongefäß in einem kleinen von Steinen umgebenen Raum oder auch in einer Holzkiste oder auch ohne Behälter in der Erde nieder. Aber dann wurde nach altem Brauche, wie früher über den unverbrannten Gerippen, auch über den verbrannten ein Hügel gewölbt. Weit jünger als die germanischen Aschenurnen der jüngeren Bronzezeit ist das älteste literarische Zeugnis, das des Tacitus:

„die Leichen berühmter Männer werden auf bestimmten Holzarten samt ihren Waffen und auch wohl ihrem Rosse verbrannt.“

Aber gerade bei den westdeutschen Stämmen, die Tacitus am genauesten kennt, ist dieser Brauch schon vor dem 5. Jahrhundert wieder erloschen. Das salische Gesetz spricht nur von Beerdigung. Nicht einmal die deutsche Heldensage, die doch in der Völkerwanderung wurzelt, weiß von Verbrennung, und auch in den Geschichts- und Rechtsbüchern der Burgunder, Bayern, Langobarden und Goten fehlt jeder Hinweis darauf. Im Gegenteil, die großen historischen bekannten Leichenfeiern sind Beerdigungen: die Westgoten senkten ihren König Alarich mit vielen Schätzen in das trocken gelegte Busentobett und beerdigten hernach ihren greisen König Theoderich in vollem Waffenschmuck angesichts des feindlichen Heers auf dem katalaunischen Schlachtfeld. Der Frankenkönig Childerich (gestorben481) und der Langobarden könig Alboin wurden in voller Wehr beerdigt, der erste sogar mit seinem Rosse. Noch Kaiser Otto III soll Karl den Großen in der Domgruft zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend gesehen haben. Nur die Sachsen hielten am Leichenbrand zäher fest, nicht nur in der Poesie. Beowulfs „Beinhaus“ wird auf einem mit Waffen behängten Scheiterhaufen verbrannt, so daß der Rauch über das nahe Meer hinzieht, und dann die Brandstätte mit einem hohen breiten Hügel, einer „den Seefahrern weithin sichtbaren Burg“, zugedeckt, und noch Karl der Große setzte auf den Leichenbrand und solche Hügelbestattung der Sachsen Todesstrafe. Die westlichen Nordleute gaben, wie die Gräberfunde lehren, schon seit der Völkerwanderungszeit das Brennen nach und nach wieder auf, so daß z. B. auf der seit etwa 900 n. Chr. besiedelten Insel Island keine Spur mehr davon zu finden ist. Die östlichen Nordgermanen blieben beim alten Brauch noch im 10. Jahrhundert. Aber auch in der Sage und Dichtung der Norweger und Isländer wurden noch viele Jahrhunderte nach dem Aussterben der Sitte Scheiterhaufen für die gefallenen Helden angezündet, offenbar, um ein so altes malerisches Motiv nicht zu verlieren. Der Deutsche Siegfried, der nach seiner heimischen Sage beerdigt wird, verbrennt in der nordischen auf einem Holzstoß, und mit ihm verbrennen seine Brynhild, Knechte und Mägde, zwei Hunde und zwei Habichte, ein stattliches Gefolge, damit dem zum Totenreich voranziehenden Fürsten die hinter ihm zuschlagende Tür der Hel nicht auf die Fersen fallen könne. Aber die nordische Überlieferung schwankt auch in ihren Berichten von der Bestattung echt nordischer Götter und Helden. Nach dem Dänen Saxo erhielt Balder ein königliches Begräbnis, nach der isländischen Prosaedda aber einen großartigen Leichenbrand auf einem auf das Land gezogenen Schiffe. Als er hinaufgetragen wurde, brach seiner Gattin Nanna das Herz. Mitverbrannt wurde sein Roß in vollem Reitzeug, das Schiff wurde auf das Meer gestoßen. Auch der verstorbene Dänenkönig Harald Hilditönn wurde nach Saxo mit Roß, Wagen und Waffen auf einem Schiffshinterteil verbrannt und seine Urne in Lethra beigesetzt, dagegen ließ nach andrer Sage König Hring die Leiche Haralds, gewaschen und ausgerüstet, auf einem Wagen in den aufgeworfenen Hügel führen, das Roß töten und seinen eigenen Sattel zu dem Toten legen, damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder fahren könne. Waffen und Ringe warfen Hrings Krieger hinein. Die Schweden wollten den toten Frey nicht verbrennen, sondern begruben ihn, um ihrem Lande seine Gaben, gute Zeit und Frieden, zu erhalten. Nach den nordischen wie deutschen Gräberfunden wurden in dem Brennalter der Bronzezeit nicht Waffen und anderes Kriegs- oder Jagdzeug, sondern nach der Mode des klassischen Altertums vollständige Speise- und Trinkgeschirre in den Grabhügel gelegt. Die Herkunft dieser charakteristischen Beigaben aus dem Süden bezeugt am deutlichsten die häufige ungermanische Verzierung der Gefäße mit Mäanderbändem. Man suchte dem Verstorbenen das Dasein nach dem Tode möglichst genußreich zu gestalten. In jenen meist späteren Bestattungsberichten sind also die Bräuche verschiedener Zeitalter, das Brennen der Bronzezeit und die kriegerische Ausstattung der jüngeren Wikingerzeit, durcheinander geworfen. Tacitus zwar fand nach seiner obigen Aussage schon im Brennalter die Beigaben von Waffen und Roß vor, im Norden aber drang erst in der Wikingerzeit der neue kriegerische Geist in die Gräber, die Leichen wurden erst damals für ein weiteres Kampfleben, für Walhall ausgerüstet. Und die Ynglingasage verheißt jedem in Walhall den Besitz alles dessen, was auf seinen Scheiterhaufen gelegt ist. So fand man in den Bomholmer Gräbern, die der jüngeren Eisenzeit angehören, volle Waffenrüstung, auch Messer, Schere und Wetzstein und wiederum des Toten Reitpferd und Hund, einen Hund von großer, dänischer Rasse. So bargen die Grabhügel über verbrannten wie imverbrannten Leichen allerhand Schätze, die die Lebenden oft zum Nachgraben reizten, zum „Haugbrot“ oder Hügelbruch. Wer an der langen norwegischen Küste hinsegelte, sah ihrer viele, und die Schiffer verkürzten sich gern die Zeit mit Geschichten von ihren Insassen. Dafür dankbar trat einmal einer von ihnen, der tote König Vatnar, aus seinem Grabe, um dem Erzähler im Traume zu erscheinen und ihm zu sagen:

„Du hast meine Sage erzählt; nun will ich dich belohnen. Suche nach Gütern in meinem Grabe, und du wirst noch etwas finden.“

Er suchte und fand viel. Eigenartig germanisch, wenigstens nordgermanisch, ist die Ausstattung des Toten mit einem Schiff, das bald unversehrt mit ihm aufs Meer gestoßen oder beerdigt, bald brennend mit ihm aufs Meer gelassen oder verbrannt mit ihm gleichfalls mit Erde zugedeckt wurde. Wie oben bemerkt, wurde Balder auf brennendem Schiff den Wogen übergeben, Harald Hilditönn aber auf einem Schiffshinter-teüe verbrannt und dann mit einem Erdhügel bedeckt. Den Stammvater der dänischen Könige, Skyld, legten nach dem Beowulf gedieht seine Leute nach seinem Tode reichgeschmückt beim Maste in den Schoß eines Schiffes, befestigten ein goldnes Banner hoch über seinem Haupt und schoben das Fahrzeug ins Meer hinaus auf eine ungewisse Fahrt. Die Völkerwanderung scheint die Schiffsbestattung tief ins Binnenland gebracht zu haben: im 15. Jahrhundert fand man im Berner Oberland ein Totenschiff mit vielen Gerippen tief in der Erde. Aber die wichtigsten zwei Zeugnisse, ein antiquarisches und ein historisches, sind noch nicht gegeben. Vor einiger Zeit ist ein mit Erde bedecktes Schiffsgrab, das etwa aus dem Jahre 900 n. Chr. stammt, bei Gokstad in Norwegen gefunden worden; es barg ein mit einem Mast und 32 Rudern versehenes Schiff, dessen Bord mit Schildern behängt war, und dem darin liegenden unverbrannten Toten waren Pferde und Hunde beigegeben. Andere solcher Schiffsgräber sind außer in Norwegen noch in Schweden, aber nicht in Dänemark gefunden worden. Aber um dieselbe Zeit berichtet der Araber Ibn Fadlän von Schiffsbestattungen der skandinavischen Russen, d. h. der östlichen Nordgermanen, die den russischen Staat gründeten. Er traf ihre Kaufleute in den Jahren 921 und 922 unter den Wolga-Bulgaren. Einen Armen legen sie nach seinem Tode in ein eigens dafür gebautes kleines Schiff und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber teilen sie seine Habe in drei Teile, von denen der eine der Familie zufällt, der zweite für die Ausstattung des Toten verwendet wird, während sie für den dritten berauschende Getränke kaufen, um es an dem Tage zu trinken, an dem ein Mädchen (die Lieblingskebse?) sich dem Tode preisgibt und mit dem Herrn verbrannt wird. Denn sie ziehen ein Schiff auf das Land und legen darin den prächtig gekleideten Toten auf eine mit Tüchern und Kopfkissen bedeckte Ruhebank. Dann bringen sie ihm berauschendes Getränk, Früchte, Basilienkraut, Brot, Fleisch und Zwiebeln, auch seine Waffen.

Dann werfen sie das Fleisch eines in zwei Teile zerschnittenen Hundes und zweier müde gehetzter und zerstückelter Pferde ins Schiff, endlich einen geschlachteten Hahn und ein Huhn. Das Schiff wird mit seinem Inhalt verbrannt und ein Hügel darüber aufgeworfen. Fast durch ein Jahrtausend kann man als stets wiederkehrende Grabbeigaben Waffen, Pferd und Hund verfolgen; ein kampf- und jagdfrohes Geschlecht ruht zwischen ihnen. Je nach der Mode der Zeit, dem Stande, dem Vermögen und vielleicht auch je nach dem Charakter des Verstorbenen wurden zu seiner Rüstung noch Schmucksachen, Hausrat, Nahrungsmittel und Amulette hinzugefügt. Von letzteren z. B. enthielt ein schönes seeländisches Grabgefäß aus Bronze ausser einem Pferdezahn und Ebereschenzweig Reste eines Vogels, eines Wiesels, einer Natter, als ob diese uns schon (S. 76) bekannten Seelentiere dazu ausersehen wären, das Seelenleben des Toten zu schützen und zu fristen. Die seefahrenden Nordleute brachten das Schiff hinzu, das auch in ihrem Götterkultus und in ihrer Kunst eine viel wichtigere Rolle spielte als bei den Binnenlandsbewohnem. In einem jütischen Sandhügel der jüngeren Bronzezeit fand man, in einem Tongefäß in einander gesteckt, etwa 100 kleine Goldboote, die wahrscheinlich Votivgaben für die Götter waren, und viele südskandinavische Felsenzeichnungen derselben Zeit zeigen uns neben bewaffneten Männern und Wagen mit Pferden am häufigsten Schiffe mit hohen „Hörnern“ oder Steven, oft zu ganzen Flotten vereint. Später, in der jüngeren Eisenzeit, verwendete man das Schiff auch für den Totenkultus. Man richtete namentlich in Dänemark zahlreiche Schiffssteinsetzungen auf, zwei schwach um das Grab ausgebogene Steinreihen. Tiefer griff, wie wir gesehen, die eigentliche Schiffsbestattung ein. Das Schiff war wahrscheinlich nicht nur dazu bestimmt, dem Verstorbenen in einer anderen Welt zu dienen, sondern ihn auch sicher über etwaige hemmende Gewässer dahin zu geleiten, gerade wie auch das mitbegrabene oder mitverbrannte Pferd oder dessen Stellvertreter, das Rind. Die Reise nach Walhall mochte Harald Hilditönn zu Wagen oder Roß machen (S. 110), und die auf jütischen Leichen gefundenen Kuhhäute sollten ihnen die Hilfe der geopferten Tiere sichern. In christlicher Zeit, zuerst nach einer St. Galler Urkunde von 806, fiel auf germanischem, wie keltischem Boden das dem Sarge voranschreitende oder nachfolgende Rind oder Pferd der Kirche statt dem Grabe zu, um dem Seelenheil des Toten zu dienen. Man gedenke dabei des indischen Bestattungsgebrauches, den Schwanz einer Kuh, mit deren Fell der Tote Glied für Glied belegt wurde, ihm in die Hand zu geben, damit er auf schwindelndem Wege nicht falle. Noch heute führt man dort an das Lager des Sterbenden eine reich geschmückte Kuh, damit dieser sie beim Schwanz ergreife und sicher zur anderen Welt hinübergeführt werde. Merkwürdigerweise haben alte Leute in Mecklenburg gehört, daß kurz vor dem Abscheiden eines Familienmitglieds ein Stück Vieh ins Zimmer gebracht worden sei, damit der Sterbende seine Seele in dasselbe hineinhauche. Die deutschen Redensarten: ,die schwarze Kuh drückt ihn oder ,hat ihn getreten bedeuten so viel als: ,er ist todkrank‘ oder ,er ist gestorben‘ . Das norwegische Gedicht Draumakvaedi preist den glücklich, der in dieser Welt den Armen eine Kuh gibt, er braucht nicht schwindlig auf der Gjallarbru, der Totenbrücke, zu gehen. Und auch den preist es glücklich, der in dieser Welt den Armen Schuhe gibt, er braucht nicht barfuß die Domenheide zum Totenreich zu durchwandern. Der Holsteiner Godeskalk sieht auf seiner um 1190 unternommenen visionären Reise zuerst eine breite Linde, die über und über mit Schuhen behängen war, die denjenigen, die im Leben barmherzig gewesen, gereicht wurden, um darnach eine , weite Domenheide zu durchschreiten. Diese Jenseitsschuhe sind nach dem Volksglauben von Yorkshire dieselben, die man im Leben Armen geschenkt hat. So wurde denn auch dieses wichtigen Reisebedarfs bei der Bestattung nicht vergessen. Es war im Norden Sitte, den Toten Helschuhe zu binden, in denen sie nach Walhall gehen konnten. Auch in Deutschland wurden sie mit Totenschuhen versorgt, um unverletzt über die spitzen Steine und durch die Domen der Unterwelt schreiten zu können. Nach einem rührenden, noch nicht völlig erloschenen deutschen Volksbrauch bedenkt man die im Kindsbett Verstorbene mit Schuhen, damit sie zu ihrem zurückgelassenen Kind kommen und es säugen könne. Statt Schuhe den Toten ins Grab zu geben, spendete man sie in christlicher Zeit den Armen als Gottesschuhe, Hedwigssohlen, oder auch in Gebildbrote für die Armen verwandelt.

Diese oft reiche, oft ärmliche Aussteuer der Toten war gewohnheitsrechtlich genau bemessen. Ein Drittel der Habe jenes russischen Nordmanns an der Wolga wurde dazu verbraucht, dem Toten Kleider zuzuschneiden. Aus diesem für die Totenbestattung bestimmten Drittel wahrscheinlich nur der fahrenden Habe wurde nach der Christianisierung in England, Frankreich und Deutschland the deads pari, la partie au der Tote nteilt oder Seelschats, Seelgerät, Seelteil, ursprünglich ebenfalls ein Drittel der fahrenden Habe, das aber nun der Kirche oder den Armen zufiel, nicht im Grab erstarb. Daher erklärt sich auch, daß der Seelschatz noch bei offenem Grabe geleistet und daß die altheidnischen Beigaben des toten Kriegers, Waffen und Streitroß, der christlichen Kirche zugewendet wurden. Doch kehrte man sich schon in der Heidenzeit nicht immer an solche strenge Teilungsvorschriften: in der Vatnsdaelasaga wird alles, was der Held im Krieg erobert hatte, nicht vererbt, sondern als sein eigenstes Eigen mit ins Grab gesenkt.

Der höchsten Totenbeigabe ist noch nicht gedacht, des mit dem Toten im Leben eng verbundenen Menschen. Die Gefolgsleute eines deutschen Fürsten verschmähten es nach Tacitus, ihren in der Schlacht gefallenen Herrn zu überleben. Sie mögen mit ihm ein gemeinsames Grab gefunden haben. Nanna folgt ihrem Gatten, Brynhild mit Knechten und Mägden ihrem Geliebten auf den Scheiterhaufen, aber dies scheint reine Poesie, der die Wirklichkeit nicht entsprach. Blutsbrüder schwuren sich nach Saxo gegenseitig zu, daß nach dem Tode des einen der andere sich begraben lasse. Auch sitzt nach einer anderen Erzählung der Überlebende wohl bei dem Verstorbenen drei Nächte im Hügel.

Reste der Sitte, dem Toten allerhand Sachen zu weiterem Gebrauch mit in den Sarg zu legen, bestehen im Widerspruch mit der christlichen Lehre bei allen germanischen Stämmen bis auf den heutigen Tag.

Nicht nur durch solche einmalige Liebesgaben, sondern auch durch wiederkehrende Totenopfer wurde für Nahrung und Ehrung des Verstorbenen gesorgt. Die Stiere und Böcke, die die Deutschen nach Papst Zacharias’ Angabe um 748 den Göttern beim Totenopfer schlachteten, galten wohl eigentlich nicht den Göttern, sondern den Toten. Papst Gregor III. im Jahr 739 und kurz darauf der erste Artikel des Indiculus und später Burkhard von Worms bekämpften diese deutschen Opfer, durch die manche Tote ebenso wie Kirchenheilige gefeiert wurden. Im Norden wenigstens opferte man dem König Olaf Geirstadaalf um Fruchtbarkeit an seiner Grabstätte wie einem Alf d. h. Halbgott, und man verteilte die Gebeine Halfdans des Schwarzen gerade wie die Reliquien eines griechischen Heros oder eines christlichen Heiligen, damit sie mehreren Landschaften zum Schutz und Segen gereichten. Nach Rimberts Leben des H. Ansgar erhoben die Schweden ihren König Erich sogar unter die Götter, bauten ihm einen Tempel und opferten ihm darin. Schon die Brandstätten der mykenischen Kuppelgräber und der germanisehen Riesenstuben, welche unverbrannte Leichen bergen, scheinen Opferstellen gewesen zu sein. Kunstloser angelegte Gruben auf Grabfeldem der Merowingerzeit sind mit Asche, Kohlen, Gefäßscherben und Tierknochen angefüllt zum Beweise, daß in ihnen die den Toten dargebrachten und auf den Gräbern genossenen Mahlzeiten zubereitet wurden. Da der altgermanische Opferhof häufig zum Gerichts- und Versammlungsplatz diente, so erklärt sich, warum man noch im Mittelalter auf großen Grabhügeln, als auf früheren Totenopferstätten, Gerichte und Versammlungen abhielt; so auf dem Gunzenlö bei Augsburg und dem Birtinlö bei Rottenburg am Neckar. Bei dem schifförmigen Grab von Blomsholm in Südschweden steht ein „dömhringr“ ein Gerichtssteinring mit einem mächtigen (Opfer ?)stein in der Mitte. Die Totenopfer wurden später von den heidnischen Friedhöfen auf die christlichen übertragen, und mit ihnen drangen Gelage, Gesänge und Tänze sogar in die Kirche, namentlich in deren Vorraum, das „Paradies“. Im Jahr 1348 wurden diese Lustbarkeiten auf den Gräbern am Niederrhein unterdrückt; noch 1638 hielt in England die Kirchenbehörde darnach Umfrage.

Einflußreicher als die Übertragung der Totenopfer von heidnischen Gräbern auf christliche war ihre schon früh aus praktischen Gründen vorgenommene Verlegung vom Grabe ins Sterbehaus. Hier wurde das Leichenmahl gehalten, seltener vor dem Hinaustragen der Leiche, meistens nach der Beerdigung. Es ist das niederdeutsche Ostelbier oder Riieaten Reu-, Traueressen, das nord- und mitteldeutsche Fell-, Haut-, Bastversaufen oder das Sachsenhäuser Totenvertanzen, das bayrische Eindaichteln, das gemeinhochdeutsche Totenvertrinken. Die englischen „minnying days“ Gedächtnistage, das jütische ,der seligen Leiche Heil trinken‘ und das altnordische ,drekka erfl‘ das Erbe trinken oder ,erfiöl‘ Erbbier weisen schon auf einen höheren Sinn.

Im Norden wurde die Erbteilung am Begräbnistage oder am 7. oder am 30. Tage nach dem Tode, oft aber auch wegen der gewaltigen Entfernungen erst am Jahrestage des Begräbnismahls vorgenommen. Dann strömten wie zum Julgelage oder zum Thing von nah und fern die Gäste zu der Feier herbei, die drei Nächte dauerte. Die nächsten Verwandten aber, z. B. die Söhne Hjaltis, gingen zu ihres Vaters Erbgelage so schön gekleidet, daß die Leute glaubten, die Äsen kämen. Am ersten Abend saß der Erbe auf einer Stufe des Hochsitzes, den man für den anwesend gedachten Ehrengast, den Geist des Verstorbenen, frei hielt Dann aber nach einem Minnetrunk auf diesen und die Götter, mit dem er vom Toten freundlich Abschied nahm, bestieg er den leeren Hochstuhl und nahm damit sein Erbe in Besitz. Dann wurde ein Preisgedicht auf den Toten vorgetragen. Diese Teilnahme des Toten an seinem eigenen Gedächtnismahl tritt bei den einfacheren deutschen Leichen-schmäusen zurück. Doch verweilte noch nach neuerer Aussage in Ostpreußen der „Geist“ während dieses Mahls hinter einem breiten Handtuch, womit der Sarg in die Tiefe gesenkt war, oder er setzte sich ungesehen mit zu Tische, an den man ihm Stuhl, Licht, Speise und Trank hingestellt hatte. Erst mit den Gästen entfernt sich auch er. Dieser Stuhl war auch in Schlesien gebräuchlich. In Oldenburg kehrte der Tote drei, im Voigtland neun Tage nach seinem Tode zum Hause zurück, wahrscheinlich um sich wie der ertrunkene Therodd (S. 96) seinen Anteil am Totenmahl zu sichern.

Ein kleiner Zug ist noch bezeichnend, weil er ähnlich im alten Griechenland wiederkehrt. Die Verstorbenen haben namentlich Anspruch auf das Haus- oder Heimbrot. Wenn jemand in Tirol Brosamen auf die Erde fallen läßt, so sagt er:

„Arme Seelen, rappet, daß ’s der Tuifel nit dertappet“,

und wenn er Brosamen ins Feuer wirft, so kommen sie armen Seelen zu. Auch in Griechenland gehörten vom Tisch gefallene Brosamen den Verstorbenen, den Heroen.

Wieder stoßen wir hier auf einen den Indogermanen gemeinsamen eigentümlichen Festbrauch. In Indien stimmten die verschiedenen Provinzen in der Wahl und Zahl der Totengedächtnistage nicht immer genau überein. Aber der 1.,3., 7., 9. nach dem Tode springen als die beliebtesten Tage der Wasserspenden an den Verstorbenen und der 30. als ein Haupttotenopfertag deutlich heraus. Am dritten, später am 10. (9.?) Tage lud der Erbe den Verstorbenen zum Kloßopfer ein und trat damit seine Erbschaft an. Die Seele der toten Perser blieb bei ihrem Leibe noch drei Tage bis zum Schaf- oder Ziegenmahl, und während neun Tage durfte kein Feuer im Hause brennen. Am 30. Tag war das Totenopfer. Nachdem die Griechen am 3. Tage das Grabesopfer der Trita dargebracht hatten, nahmen sie das Perideipnon, das Rundmahl, ein, wobei in die Runde getrunken und der Verstorbene, der für den Wirt galt, gepriesen wurde. Auch noch am 9. oder 10. Tage setzte man Speisen, die Ennata oder Neunten, aufs Grab und schloß in Athen am 30. die Trauerzeit. Die Römer reichten dem Toten am 3. oder 7. Tage das Silicernium, Schweigemahl, am Grabe und feierten am 8. und 9. Tag in großer Stille daheim das Novemdiale, das Neuntagsopfer. Älter war wahrscheinlich die Circumpotatio, der Rundtrunk, den das Zwölftafelgesetz verbot. Doch der Grundsatz blieb: „Keine Erbschaft ohne Totenopfer“. Beide klassischen Völker brachten auch ein Jahrestotenopfer. Die littauische Totenfeier endet mit dem 9. Tag.

Diese heidnischen Festsetzungen eignete sich, auf biblische Stellen gestützt, auch die Kirche für ihre Seelmessen an, und so sind auch im deutschen Mittelalter der 3., der 7. und der 30. oder 40. Tag durch feierliche Seelgottesdienste ausgezeichnet. Und manche Geistliche hatten die Neigung, diese Totenfeste nicht nur in christlichem, sondern auch in heidnischem Stil mitzufeiern, so daß die Wormser Synode von 868 den Priestern verbieten mußte, an den Totengedächtnistagen des 3., 7., 30. oder am Jahresgedächt-nis sich zu berauschen, zu Ehren der Heiligen zu beten und der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich garstige Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Maskenspiele, talamascae, vorführen zu lassen. Noch im Scherzgedicht vom Frankfurter Borgerkapitän trinkt man beim Leichenmahl des ,Gestorbenen Gesundheit’.

Nicht nur eine Privatfeier des Einzeltoten, sondern auch eine umfassendere gemeinsame Feier mehrerer Toten eines Geschlechts oder einer ganzen Gemeinde kannte bereits das indogermanische Altertum. Drei Generationen Ahnen bis zum Urgroßvater wurden geehrt; „einen vierten Ahnen gibt es nicht“ sagte ein indisches Gesetzbuch. Später opferte man den Ahnen bis ins zwölfte Glied hinauf und empfahl endlich auch dringlich die Ehrung der verstorbenen Mütter. Ahnenopfer brachte auf der Hochzeit das junge Paar, wenn es zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Reis bestreut war, und wenn die Braut sich dem häuslichen Feuer und den Ahnen verneigte. Die indischen Hausregeln setzten für die allgemeinen Haupttotenfeste den Nachmittag der zweiten Monatshälfte am Ende und am Anfang des Winters an. Nachdem die herangekommenen Ahnen mit Speis und Trank gestärkt waren, wurden sie entlassen mit den Worten „Nun gehet fort, ihr Väter, auf euren tiefen alten Pfaden“, und wurden auch wohl bis zur Dorfgrenze begleitet. — Die Perser spendeten zu Ende Februar den Ahnen und den Armen ein Mahl. — Auch die Griechen opferten den Toten gegen Abend an den drei letzten Monatstagen im Frühling, wie im Herbst. Auch sie vertrieben bei der Darreichung ihrer Gaben die Seelen mit den Worten: „Aus der Türe, ihr Seelen“. In Attika beteten die Neuvermählten, die auch mit Früchten überschüttet wurden, zu den Dritt-vätem um Kindersegen. — Die Römer öffneten beim Eintritt des Bräutigams ins Haus, der dabei Nüsse ausstreute, die Schreine, in denen die Ahnenbilder standen. Auch sie feierten im Frühling wie im Herbst ein Totenfest, vorzugsweise gegen Ende des Tags und Monats. Im Mai entließ man die Lemuren, die unruhig tungehenden Verstorbenen, nach einem Bohnenopfer mit dem neunmaligen Rufe: „Geht hinaus, ihr Ahnen.“

In denselben Bahnen bewegte sich die Seelenfeier der heidnischen Germanen und verließ sie auch nicht nach der Bekehrung. Auch sie schoben sie gern auf das Ende eines Zeitabschnitts. In der Oberpfalz und am Rhein kommen die armen Seelen jeden Samstag aus dem Fegfeuer in ihr Haus, und an diesem Tage wird ihnen im Zillertal ein Stück Butter auf den Dreifuß des Herdes gelegt, um ihre Brandwunden zu salben. In Tirol und Böhmen bleiben sie vom Mittag- oder Abendläuten des Allerheiligentags bis zum Morgenläuten des folgenden Allerseelentags. Am Schluß der Ernte, im Herbst, feierten die Marsen beim Tempel der Tanfana ein großes Erntefest, an dem als Teilnehmer wahrscheinlich auch die Toten gedacht wurden. Denn zu derselben Zeit ehrten die Sachsen nach ihrem Sieg bei Scheidungen im Jahre 531 drei Tage lang ihre Toten, offenbar nach älterer Sitte. Die Kirche verlegte auf den 29. September das Fest ihres Seelenpatrons St. Michael, und in der damit verknüpften Festzeit, der Meinweke, oder ,Gemeinen‘ , wurden täglich Seelmessen gelesen. Im Norden trank man auf dem Herbstfest zu Ehren der Götter und der Verstorbenen einen Gedächtnistrunk, der später die Mikjalsminni hieß, und Michaelis Kirchwreih ist nach oberbayrischer Anschauung in Himmel und auf Erden, d. h. wird von den Verstorbenen im Himmel, deren Minne getrunken wird, wie von den überlebenden Freunden auf Erden gefeiert. Odilo von Clugny setzte im 10. Jahrhundert diesen allgemeinen Seelenkult in Novembersanfang. Besonders in Tirol ist der neue christliche Kult mit altheidnischen Bräuchen stark verschmolzen. Wie man vor Jahrtausenden den Toten in ihren kalten Steingräbern Feuer anmachte (S. 106), heizt man hier noch für die Allerseelennacht ein, damit die armen Seelen sich wärmen können, stellt Krapfen oder besonders geformte Kuchen für sie auf den Tisch, auch Milch. In Schweden empfängt man die Verstorbenen erst am Julabend in möglichster Stille in gewärmter Badstube, überläßt ihnen den Hochsitz und erquickt sie mit Julspeise. In Norwegen räumt man ihnen am Julabend die Betten ein.

Auch die bei jenen vier indogermanischen Völkern bemerkte Frühlingsfeier der Toten fehlte den Germanen nicht, insbesondere nicht der bezeichnende Zug, die Verabschiedung der Seelen, wenn er auch verdeckt erscheint. Schon die zweite Synode von Tours 567 mißbilligt diejenigen, die an der Stuhlfeier Petri den Toten Speisen opfern und nach der Messe daheim sich heidnischen Mißbräuchen hingeben. Man muß bedenken, daß dieses Fest in der römischen Kirche bis mindestens ins 12. Jahrhundert ausschließlich an dem altrömischen Totentag, dem 22. Februar, den sogenannten Caristia begangen wurde. Lorichius tadelte noch im 16. Jahrhundert den heidnischen Unfug in Schwaben, Fleischspeisen am ersten Fastensonntag, also um dieselbe Zeit, durch die ganze Nacht für die Seelen bereit zu halten. Dann kochte man auch im Odenwald und am Niederrhein leckere Speisen für die lieben Englein d. h. Seelen und ließ sie bei offenem Fenster über Nacht auf dem Tisch stehen. Um dieselbe Jahreszeit, in den Anthesterien, rief man in Athen nach der Seelenbewirtung: „Aus der Tür hinaus, ihr Seelen!“, und die Inder und Römer kannten ähnliche Verabschiedungen der Seelen (S. 19). Derselbe Ruf scheint versteckt in der bis in unsere Tage hineinreichenden Petri Stuhlfeier Westfalens und der badischen Ortenau, die zwar jene bereits von der Wormser Synode bekämpfte Totenspeisung auf gegeben hat, aber auch auf eine Vertreibung, wie die athenische Feier, gerichtet ist. Mit lautem „Herausruf“ und Hämmern an die Pforten werden Kröten, Schlangen, Mäuse und Motten, die wir alle als Seelentiere kennen, aus der Türe hinausgejagt. Und wiederum ist es doch nur eine Verschleierung des seelischen Inhalts dieser alten Bräuche, wenn Schwaben, Bayern und Franken am etwas späteren Frühlingsfest des Laetaretags: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus“ singen.

Die Kirche hat endlich auch den schönen Familienzug der Ahnenbegrüßung durch das Brautpaar, den wir in Indien, Griechenland und Rom fanden, nicht ausmerzen können oder wollen. In der schwedischen Landschaft Wärend trinkt der Bräutigam auf das Wohl seiner verstorbenen Voreltern und seiner Schwiegervoreltem. Am Lechrain, in Oberschwaben, Baden und um Saarlouis geht das Paar vor oder nach der Trauung mit den Freunden an die erblichen Grabstätten, um dort zu beten. Dies Betreten der Gräber nannte man bei Saarlouis „zu Gaste laden“. Das Gebet zu den Ahnen mag auch hier vorzugsweise auf Kindersegen gerichtet gewesen sein, wie bei jenen andern Völkern, wenigstens kommt die dort damit verbundene Beschüttung mit Früchten auch in Deutschland in demselben Abschnitt des Festverlaufes vor. Wenn das junge Paar aus der Kirche trat, überreichte man ihm in der Zwickauer Gegend Getreideähren, in Oberelsaß und in Mecklenburg aber begoß man es mit Korn oder Leinsamen. Nicht nur bei der Eheschließung, sondern auch bei andern wichtigen Entschlüssen suchte man die Stätten der Ahnen auf. So forderte der mächtige Gode Snorri einen ratsbedürftigen Freund auf, mit ihm hinauf aufs Helgafell, den heiligen Berg seiner Vorfahren, zu gehen, denn die dort geratenen Ratschläge seien gewöhnlich nützlich gewesen. Offenbar, weil die Toten für Schutzgeister der Familie galten.

Wie sich der Totenkultus aus dem engeren Geschlechtsverbande zu einer umfassenderen Geltung emporarbeitete, lehrt am deutlichsten die germanische namentlich im Norden, wo sich diese Art der Genossenschaft, gleich dem für ihre Hauptfeier maßgebenden Erbmahl, in der altertümlichsten und vollsten Form erhalten hat. Die nordische Gilde war eine nicht auf Blutsverwandtschaft, sondern auf einen feierlich beschworenen Bund gegründete Brüderschaft, deren Mitglieder in ältester Zeit die der Sippe zustehende Pflicht übernahmen, den Totschlag eines Mitglieds zu rächen, oder das Wergeid dafür zu empfangen und den Kultus des Toten zu besorgen. Sie führte ihren Namen von dem aus gemeinsamen Beisteuern, Geldern, bestrittenen regelmäßig wiederkehrenden Opfergelage, altnordisch gildi, altsächsisch geldy angelsächsisch gild, das ursprünglich dem Verstorbenen von der Genossenschaft verrichtet wurde. Der Erbe fügte bei diesem Mahl der Minne des Vaters die Minne der Götter, in christlicher Zeit aber Gottes, Christi und seiner Heiligen bei, die nach der Sage der Bischof Martin von Tours in einem Traum dem König Olaf Tryggvason statt der Götter beim Minnetrunk anzurufen geboten hatte. So trank denn auch z. B. König Svein als Erbe die Minne seines Vaters, des großen Knut, mit dem Gelübde, den Angelsachsen König Äthelred zu töten, dann die Minne Christi und endlich die des heiligen Michael. Der Totenminnetrunk wurde in den christlichen Gilden, z. B. den schwedischen, durch ein Gebet aller Brüder und später auch Schwestern für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder verdrängt, dann folgte aber der Rundtrunk auf das Gedächtnis Gottes im Himmel, der Dreieinigkeit oder des Schutzheiligen Erich oder Olaf oder aller Heiligen. Der altheidnische mit Blutrache und Totenverehrung verquickte Seelendienst mag vorzugsweise Karl den Großen im Jahr 779 bewogen haben, den sächsischen Gildebrüdem die gegenseitige Eidleistung zu verbieten und ihnen nur bei Feuers- und Wassersnot gegenseitige Hilfe zu gestatten.

Man verkehrte aber mit den Toten nicht nur durch Opfer, sondern auch durch , eine uralte Kultart, die gerade in diesem Verkehr ihre starke Stammwurzel hatte. Die Toten, an Alter den Lebenden überlegen und in andre Kreise entrückt, wußten mehr als die Hinterbliebenen. Schon die Sterbenden vermochten in die Zukunft zu schauen, wie der todeswunde Sigmund den Ruhm seines noch ungeborenen Sohnes Sigurd voraussagte, und dieser scheute sich, dem von ihm erlegten Drachen Fafnir seinen Namen zu nennen, aus Furcht vor des Sterbenden Fluch. Dem Verstorbenen vollends traute man übermenschliche Fähigkeiten zu und suchte sich in Zweifeln und Nöten seines Rats und Beistandes zu versichern. Man ging an sein Grab und weckte ihn durch feierliche Rufe, Beschwörungen und Runensprüche, die Hellirunen d. h. Unterweltsrunen. Als Sacrileg bekämpfte solches Toten wecken und befragen schon der fränkische Indiculus im 8. Jahrhundert bei den Sachsen. Swipdag rief vor seiner Brautfahrt seine Mutter Groa, ihn aus dem Grabe mit ihrer Zukunftskunde in Zaubersprüchen zu beraten. Hervör erwirkte durch ihren Weckruf, daß ihr toter Vater Angantyr ihr das fluchbeladene Schwert Tyrfing aus seinem Grabhügel warf. Wie im 12. Jahrhundert ein Norweger auf den Orkneys auf die Gräber ging, um von den Toten Ratschläge und Kunde verborgener Dinge zu empfangen, so legten in Deutschland „weise Leute“ noch vor kurzem den Toten nachts auf dem Friedhof Fragen über die Zukunft vor. Auch ging der alte Nordmann wohl zum Galgen, um mit dem vom eddischen Havamal überlieferten Runenspruch den daran schwebenden Leichnam zum Gehen und Sprechen zu bringen. Die Völur oder Seherinnen aber setzten sich nachts draußen auf das Feld, wo viele Geister schwärmten, und holten sich von ihnen ihre Weisheit (siehe unten). Also auch die Weissagung stammt aus dem Bereiche des Seelenkultus, und selbst der oberste Gott bedarf ihrer Hilfe. Durch Balders böse Träume erschreckt, ritt Odin zur Hel hinab und zwang durch seinen Leichenzauber eine längst tote Wölwa, auf die schon viel Schnee und Regen gefallen war, zur Auskunft über der Götter Schicksal.

Wie die christlichen Gräber unter dem Zeichen des Kreuzes oder auch unter einer frommen Inschrift stehen, so wurden die nordischen Grabsteine und Urnen nicht nur durch eingeritzte Hammerfiguren und Hakenkreuze, Thors Blitzwaffen, sondern auch noch deutlicher durch Runeninschriften wie: „Thor, weihe dieses Grab!“ geschützt. Im Bronzezeitalter aber stellte man im Norden große inschriftlose Steine bei und zuweilen in dem Grabe auf, die sogenannten Bautasteine, wahrscheinlich ursprünglich, um den Toten darin festzuhalten. Doch wurden diese Steine später durch Runen zu Gedenksteinen umgebildet. Dem Bautastein innerlich verwandt scheint die Heersäule (Haristado) oder der Stappel des Salischen Gesetzes, der ins Grab eingelassen wurde, und ziemlich klar liegt die Geschichte des bayrisch – alemannischen Toten-, Leichen-oder Rebretts vor. Man legte den Verstorbenen gleich nach dem Tode auf ein Brett, brachte ihn auf diesem zum Grabe, ließ ihn in die offene Erde hinabgleiten und legte das Brett über ihn. Dies letzte bezeugt das bajuwarische Gesetz. Auf der Züricher Landschaft und in der Ramsau ließ man noch später die Leiche vom Brette hinab, nahm dieses aber mit, um es als Gedenkladen über einen Bach zu legen oder am Wege aufzurichten. Noch später richtete in Bayern der Tischler zuerst das Brett, dann den Sarg und das einfache Holzkreuz. Das Brett wird noch im Salzburgischen beim Leichenzuge mitgetragen und bei der „Totenrast“, am ersten Feldkreuz oder alten Baum, woran ein Heiligenbild hing, unter kurzem Gebete niedergelegt. Oder es wird im Pinzgau nach der Heimkehr vom Begräbnis an der Scheune der Familie des Verstorbenen wagerecht befestigt oder senkrecht in die Erde gepflanzt. Sie sollen den, der über diese Rebretter oder Gedenkläden schreitet oder an ihnen vorbeigeht, zum Gebete für die arme Seele mahnen. Mitten in der freien stillen Natur oft in größerer Anzahl aufgerichtet, ergreifen sie als eigenartige Totengedächtnismäler einer anderen Welt mächtig das Gemüt, wie jene hohen unbehauenen Bautasteine, die in Schweden und Bornholm meistens auch in größerer Anzahl beisammenstehen.

Das bunte Wirrsal aller dieser oft widerspruchsvoller Vorstellungen und Bräuche indogermanischer Völker durchzieht wie ein roter Faden ein Urgefühl, ein Grundgedanke: die Seele ist ein nach dem Tode mehr oder minder sinnlich fortlebendes, wenn auch nur einige Zeit, etwa drei Menschenalter, nicht ewig fortlebendes Wesen. Sie fährt als Wind dahin, wohnt als Tier im Hause, streift in Wolfsgestalt umher oder kehrt als Wiedergänger in Menschengestalt zurück. Sie kann sich zu einem Heros, zu einem Rache- oder Schutzgeist steigern, wie wir noch hören werden. Sie kann mächtig auf das Dasein der Hinterbliebenen ein wirken. Weil sie reizbar ist, wird sie meistens abgewehrt oder zu versöhnen gesucht, doch macht sich später auch liebevolle Verehrung bemerkbar. Zumal am 3. Tage nach dem Tode, ferner am 9. (10.), später am 7., dann am 30. und endlich am Jahrestage des Todes verlangt die Seele ihr Opfer, die Seelengesamtheit im Herbst und im Frühling, wenn, wie es scheint, ihre Lebensweise mit der Jahreszeit sich ändert. Ein fleißiger Verkehr entsteht zwischen den Lebenden und den Toten und unterhält, wie z. ß. namentlich beim Gebet zu den Ahnen auf der Hochzeit, einen festen Familienzusammenhang. So ist auch vielfach noch der Aufenthalt der Seele das Haus, das sie als lebendiger Mensch bewohnte, oder doch die Umgebung desselben, das nahe Grab oder ein benachbarter Berg. Noch Snorres Vorfahren nimmt der heilige Fels Helgafell auf, und Holger Danske, Siegfried und die drei Grütlimänner gehen in den Berg. Doch bewohnen die Seelen auch abgelegene Heiden- und Waldhügel oder fahren unruhig in nebelnder oder sausender Luft einher. Wie es keine ewige Fortdauer, gibt es auch kein eigentliches Jenseits für sie. Doch besteht schon früh ein Vergeltungsglaube. Das ist der Urglaube der indogermanischen Völker, der zwar durch den Elfen- und den Götterglauben erweitert und veredelt wird, aber trotz aller Poesie und Philosophie und selbst trotz der Bekehrung zum Christentum noch immer wie ein Bleigewicht an den höheren Unsterblichkeitsvorstellungen unseres Volkes hängt.

Der Seelenglaube hat auf die anderen Gebiete der heidnischen Religion einen starken Einfluß geübt. Die Seele als Wind z. B. griff vielfach in den Kreis der Winddämonen und der Windgötter hinüber. Die Seele als Tier, das vor dem Todesmoment erscheint, und als Wiedergänger mußte den Glauben an besondere Schutz- oder Rachegeister wecken oder stärken. Vereinigte sich die Seele schon im Winde mit den Dämonen und Göttern, so lag es nahe, sie auch in deren Rast- und Wohnörter einzuführen und diese zu Höllen und Paradiesen zu gestalten. Die alten Totenopferzeiten und -bräuche wurden zum Teil auch den Naturgeistem und den Göttern zugewendet. Der Seelenglaube wurde eine Vorschule gar mancher höherer Mythenbildungen und Kultusformen. Diese sind weiten, teilweise später angelegten Schonungen vergleichbar, die im Schutze eines älteren Waldes aufwuchsen, um endlich hoch über jenen emporzuschießen. Wir betrachten nun diese anderen Bestände.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Meyer, Elard Hugo.

Mythologie der Germanen – Der Alpglaube

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Das Sterbelager und das Grab waren die Geburtsstätten des reichen Seelenglaubens, und schon dort war unter andern Erlebnissen und Eindrücken auch der Traum bei der Mythengeburt tätig. Das Traumbild des Toten aber, so wirksam es sich zeigte, war nicht die leitende Macht jenes Glaubensgebietes. Dagegen wenn der Traum sich krankhaft bis zum Alpdruck steigerte, wurde er allerdings die Haupttriebfeder einer anderen Vorstellungsmasse, des Alp- oder Mahrenglaubens. Auch dieser ist uralt.

Das Alpdrücken erklärte schon ein Hofmann Kaiser Ottos IV. für eine aus Verdickung der Säfte entstandene krankhafte Phantasie. Es wird durch eine akute Luftvergiftung oder, laienhafter gesagt, durch schwere Atemnot des Schlafenden hervorgerufen, wie sie etwa nach einer überreichlichen Mahlzeit namentlich in einem dumpfen Schlafraum aus der Verengerung oder dem Verschluß der Luftzugänge der Nase und des Mundes entsteht. Vom Fußende des Bettes fühlt der Schläfer eine unbehagliche Beklemmung allmählich auf den Leib, die Brust, den Hals, ja sogar den Mund vorrücken. Verwandelt sie sich also mehr und mehr in einen Erstickungsvorgang, so befreit sich der Betroffene endlich durch einen raschen Ruck, der auch die geschlossenen Lippen öffnet, oder häufiger noch durch ein Stöhnen oder einen Aufschrei der Angst und des Hilfsbedürfnisses, der ihm die erlösende Luft wieder zuführt. Er erwacht mit Herzklopfen und Schweiß. Nicht nur die Pein des Drucks ist es, die seine Nerven stark erregt, sondern auch die wilden Visionen, die gerade diese Traumart mit den durch betäubende Getränke erzeugten Hallucinationen teilt. Beim höchsten Grade des Alpfiebers reißt ein Taumel den Geplagten über Meere und Länder, von den höchsten Spitzen in die tiefsten Abgründe; feurige Kugeln umschwirren ihn, Flammen umlodern ihn, bis ein furchtbarer Knall die Irrfahrt urplötzlich abbricht.

In früheren roheren Zeiten mußte ein solcher Alpanfall viel öfter und stärker auftreten als in der unsrigen, weil namentlich bei einer auf die Jagdbeute angewiesenen Bevölkerung Speisemangel und Speiseüberfluß oft rasch wechselten und der letzte zu unmäßiger Magenüberladung und damit zu krankhaften Traumzuständen führte. Solche begünstigte ferner die dumpfere Enge der rauchigen Schlafstelle und das dichtere Zusammenleben und -schlafen mit den menschlichen und auch tierischen Hausgenossen. Wie oft mochten sich Hund und Katze dem Schlafenden lastend auf Brust oder Leib legen! Auch die Unordnung des Lagers verstärkte den Alpdruck, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß ein Zipfel des Bettzeugs oder eine Bettfeder oder ein Halm des Bettstrohs, dem Träumenden zwischen die Lippen geraten, sich ihm leicht als rauhaariges, befiedertes, stachliges Lebewesen fühlbar macht. Und das beängstigende Dunkel der Nacht, das schon der wachen Phantasie, wie wir im vorigen Kapitel sahen, allerhand Gespenster vorgaukelte, steigerte die Schrecken dieses qualvollen Halbschlafs.

Der Alpdruck vereinigt alle Erfordernisse eines zur Mythenbildung aufregenden Vorgangs in sich, die Rätselhaftigkeit, die volle Beweglichkeit eines körperlichen Wesens und die Macht eines wirklichen Einflusses auf des Menschen Befinden. Nicht nur sein Drücken, sondern auch sein Kommen, sein stilles, sicheres, unentrinnbares Heranschleichen, wie sein plötzliches, spurloses Verschwinden war unerklärbar. Und doch war der Alp soeben noch ein dicker, schwerer Körper, der an Leibhaftigkeit, an sinnenfälligster Wirklichkeit, alle gewöhnlichen Traumbilder, ja alle Bilder der Phantasie überhaupt, bei weitem übertraf.

Man sah und hörte ihn nicht nur, man fühlte ihn auch dreist und erbarmungslos dicht über sich gedrängt, und noch, wenn er beim Erwachen sich aus dem Staube gemacht hatte, troff man von Schweiß, und laut pochte das Herz. Es war fast unmöglich, die Erlebnisse eines solchen Schlafes und die des wachen Zustandes auseinanderzuhalten, jene waren ebenso wirklich wie diese! Aber der Alpdruck blieb denn doch wohl immer auf einzelne Personen und seltenere vorübergehende Momente ihres Lebens beschränkt. Darum hat seine Mythenbildung sich immer in engeren Grenzen bewegt und früh das Bedürfnis gefühlt, sich an andere Mythenkreise anzuschließen, um von ihnen Haltung und Fülle zu borgen.

Der Alp war vor Jahrtausenden und ist noch allen Indogermanen unliebsam bekannt. Die Inder klagten die etwa unseren Elfen vergleichbaren Gandharven an, daß sie aus dem Walde herantanzten, um sich wie ein Hund, ein Affe, ein ganz behaartes Kind dem Schlafenden aufzuhalsen. Die Griechen nannten den Alp Ephialtes den Aufspringer, die Römer Inuus den Aufhocker oder Incubus den Auflieger, die Litauer Aitvars, der unglaublich große Hände und Füße hat, die Letten Leeton, der namentlich Pferde matt reitet. Der jetzt in Deutschland schriftgemäße Name Alp gehörte etwa bis zu Luthers Zeit als Alpdrucksbezeichnung nur Mitteldeutschland an, galt aber bei allen Germanen ursprünglich einer ganz anderen Klasse mythischer Wesen, den elfischen Naturdämonen, und ist daher wahrscheinlich erst am Schluß des Mittelalters von diesen auf jene übertragen, da auch diese eigentlichen Albe oder Elfen vermittelst der Gewitterschwüle und des Wirbelwindes körperliches Unbehagen, ja Druck und Atemnot hervorzubringen vermochten. Der ältere und einst durchgreifende, schon althochdeutsche und altnordische Name ist Mara, zum Unterschied von Ephialtes, Incubus, Aitvars und Leeton weiblich, wie auch die rheinfränkische Mahr, während das angelsächsische mara, das englische nightmare, das niederdeutsche moor männlich ist und im mittelhochdeutschen , mare, im pommerschen Mahrt, das Geschlecht schwankt Neuhochdeutsch tiberwiegt das weibliche. Die Holländer haben nachtmerri, die Franzosen cauchemar die Tretmare vom lateinischen calcare treten, die Slaven , femin., aber böhmisch daneben auch morous masc., denen sich der andere pommersche Name Murraue nähert. Trotz einer lautgesetzlichen Schwierigkeit wird das vielgestaltige Wort wohl auf althochdeutsches marren, hemmen, hindern, altnordisch meria pressen zurückgehen und die Presserin bedeuten. Ähnlich weist der Ausdruck der Östreicher, Bayern und einiger mitteldeutscher Stämme: die Trüd, Trude, Drüde auf ein gotisches trudan d. i. treten, ebenso wie die althochdeutsche truta Trotte, Presse und trutäre der Springer. Die Trude ist also eine Treterin, Trotterin. Diese drei weitest verbreiteten Namen: Alp, Mare und Trude sind von zahlreichen mundartlichen umgeben. Die Franken nennen sie Trempe d. i. Tramplerin, die Tiroler Stempe d. i. Stampferin. Die Schwaben und Alemannen haben das unerklärte Wort Schrättele dafür, außerdem Toggeli d. i. Drückerlein, ferner Rätsel, Druckerl und Lork d. i. Kröte; Ausdrücke, die das Geschlecht dieses Wesens unentschieden lassen. Doch sagen die Züricher: „’s Nachtfräuli hat mi drückt “ Dieser freundlicheren Frauenbezeichnung steht die ernstere oldenburgisch-friesische Walriderske gegenüber, die wohl das Reiten auf dem Wal d. h. dem wie tot hingestreckten Schläfer oder die Zutodereiterin bedeutet. Denn wirklich schreibt man dem Alp sogar tötende Kraft zu. Der überwiegend unheimliche Charakter spricht sich auch in dem allgemeineren Ausdruck: „der “ aus, der im Mittelalter vorkam und bis in neuere Zeit in Bremen und Pommern fortlebte. Die Haupttätigkeiten des Alps, das Treten, Drücken, Reiten, erkennt man schon aus den älteren Schilderungen. Die Mara „trat“ nach der alten Ynglingasaga Kap. 16 dem norwegischen König Wanlandi erst die Beine fast entzwei und drückte ihm dann den Schädel ein, so daß er starb. Dieses ,Trotten’ der Trud beschwört ein alter Spruch, der noch heute durch weitverbreitete Zauberbücher, wie das Romanusbüchlein und den Wahren Geistlichen Schild, unseren Bauern im Aargau, wie in der ungarischen Zips, namentlich aber im Süden und Westen Deutschlands zum Gebrauch empfohlen wird und in bayrischen Hausern noch hie und da in der Kammer oder an der Bettstatt um einen darauf gemalten Trudenfuß oder ein Pentagramm geschrieben steht:

„Trudenkopf, ich verbiete dir mein Haus und Hof, meinen Roß- und Kuhstall, ich verbiete dir meine Bettstatt, mein Fleisch und Blut, mein Leib und Seel, daß du mich nicht trudest. Trude in ein anderes Haus, bis du alle Berge steigest und alle Läublein an Bäumen zählest und über alle Wässer steigest. So kömmt der liebe Tag wieder in mein Haus. Amen.“

Und so fordert auch eine niederländische Beschwörung den Maer, das häßliche Tier, auf, alle Wasser zu wehen, alle Bäume zu blähen, alle Gerstenähren zu zählen, ihn aber diese Nacht nicht zu quälen. So scheuchte schon der alte Inder seine Plagegeister, die Gandharven und ihre Frauen, die Apsa-ras, mit feierlichen Worten hinweg zu den Wasserfurten und großen bewipfelten Bäumen, wo sie sich nach Herzenslust tummeln und schaukeln mögen. Vom norddeutschen Moor heißt es ,he het mi drukkt’ oder ,reden (geritten)‘, hochdeutsch ,dich hät geriten der mar’ . Daher ist ein derartiger Träumer mar-, mortridden oder mareridt und das neumärkische Alpdrücken ein Mahrtriden. Im Mittelalter ,zäumt’ der Alp den also Betroffenen, ebenso wie die oldenburgische Walriderske und die isländische Alfemoe. Ihre Reitlust treibt den Alp von Norwegen bis nach Tirol in den Stall zu den Pferden, wie den lettischen Leeton, und er hetzt sie drinnen oder draußen bis zur äußersten Erschöpfung ab. Am andern Morgen stehen sie stark schnaubend, schweißgebadet, mit unauflöslich verflochtenen Mähnen da. Selbst Kühen saugt er die Milch aus und verschont auch Geißen und Schweine nicht; doch bleibt ihm das Schwein am Lechrain ein Graus. Und zuletzt, wenn der Mare nichts anderes übrig bleibt, umklammert sie sogar einen Baum und drückt ihn mit,Weltsgewalt’ , wobei sie sich wohl selbst zu Tode drückt. Die von ihr besessene Eiche kränkelt von Stund an und zittert auch beim stillsten Wetter.

Das geheimnisvolle Treiben dieses Unholds wurde von Anfang bis zu Ende mit gespannter Einbildungskraft verfolgt. Sein unmerkliches Kommen und sein Eindringen ins Haus erklärte man sich verschieden. Das süddeutsche Schrätteli schwebt wie ein Schatten von den Bergen zu den Häusern herab. Der Alp gleicht einem Nachtschmetterling; aus den zusammengewachsenen Augenbrauen eines dämonischen Menschen, des ,Rätzels’ , fliegt er auf und setzt sich auf die Brust des Schläfers. Meistens schlüpft er nach altem, wie neuerem Glauben in die Stube durch ein Astoder Schlüsselloch hinein, gleich der leisen Zugluft, nie durch offene Türen und Fenster. Eine erst im Jahre 1889 verstorbene Frau kam in einem schlesischen Dorfe einmal wie ein Zugwind durch die verschlossene Türe, huschte in das Bett der Hausfrau und quälte sie, bis sie vor dem Schimpfen des Mannes floh. In Kämthen spielt das Schrattl in den an der Wand zitternden Sonnenstrahlen. Nach der Schilderung eines Kaiserstühlers kriecht das Schrättele durch das Schlüsselloch, man hört es durch die Stube ,tappen’ , von unten herauf kriechen und über das Deckbett rauschen, bevor es Einem auf die Brust hockt. Aber derselbe wußte auch vom Mann im Monde, daß er sich bei Mondlicht über das Bett lehnte und nach Einem langte. Und so kommt die Drud in der Oberpfalz nie, eh der Mond auf gegangen ist, und in Westfalen und Thüringen sind Mondsüchtige Maren. Das aufregende Mondlicht umgibt hier geisterhaft den Alp und verstärkt seine Kraft. Wir verstehen nun auch, warum ein mittelalterlicher Dichter von seiner Liebsten singt:

„da kam sie gerade wie ein Alp auf mich geschlichen“.

Wegen ihres unheimlichen, leis wandelnden und doch schwerfälligen Körpers gilt die Kröte für einen Alp, daher dessen Name Lork. Grausiger ist die steirische Habergeiß oder Nachts,die, wie Rosegger erzählt, in eulenleisem Fluge oft durchs Schlüsselloch trotz ihres riesengroßen Kopfes kommt und diesen lastend auf die Brust des Schläfers legt. Je nach der Beschaffenheit des die Atemnot verstärkenden Bettstücks oder anderen Belags und je nach dem Gewicht des Drucks wechselt die den Träumenden bedrängende Tiergestalt. Bald ist sie glatt, ein Aal, eine Schlange, die dann in Seitentälern des Haslitals Stollwurm, in der Eifel Drache, in Niedersachsen Unke heißt, bald haarig, rauh und stachlicht, ein Pudel, Marder, Igel oder eine Katze. Sie ,gumpt‘ wie eine Katze auf der Brust auf und ab. Weil sie fest umarmt und schwer stößt und stampft, ist sie ein Bär, Schwein oder Bock, heißt auch darum wohl eine Bocksmärte oder Bockhexe. An der unteren Wupper dringt sogar ein Roß durch das Schlüsselloch, legt seine Vorderhufe auf des Schlafenden Brust und stiert ihn mit glühenden Augen an. Am schlimmsten quält das Schrättele, wenn es als Blutegel sich bald in ein Knäuel zusammenrollt, bald wieder zu Riesenlänge ausdehnt. Dieses Tier läßt schon ahnen, daß es nicht beim Drücken bleibt. Das schmerzhafte Saugen kommt noch hinzu. Das alemannische Dockele oder Schrättele saugt in Katzenform die Brüstchen der Kinder, selbst der Männer, an, daß sie aufschwellen und man Milch herauspressen kann. Den Frauen dagegen saugt es die Milch aus. Trinkt am Lechrain ein Kind an der Mutterbrust, so hat die Mutter gewöhnlich einen aus geweihtem Wachs gebildeten Trudenfuß auf der Brust liegen, damit nicht die Trud dem Kinde die Milch entfremde. Dagegen schlürft der Alp auch hin und wieder das Blut der Erwachsenen aus, so daß sie bleich werden und dahinsiechen, und berührt sich in dieser Begierde mit dem slavischen Vampyr. Doch ist er nicht immer Kinderfeind: mit dem im Schlaf lächelnden Kind, heißt es in Schlesien, spielt das Jüdel, das doch wohl auch ein Alp ist.

Über die Brust drängt sich die Mare noch weiter aufwärts bis an den Hals und bläst in den Mund, ja sie steckt ihre Zunge dem Menschen tief in den Hals hinein, daß er nicht schreien kann. Nun geraten auch Gesicht und Gehör des Gepeinigten in Aufruhr: Lichter, Flammen umschwirren ihn, und ein dumpfer Knall erschüttert ihm Mark und Bein. Befreit den Schläfer ein plötzliches Wegschleudem des Arms oder des Kissens von der belasteten Brust und bricht dann sein Schrei endlich hervor, oder — in offenbar milderen Fällen — kräht im Hofe zum erstenmale der Hahn, oder kommt der liebe Tag, wie es in jener Trudenkopfbeschwörung heißt, wieder ins Haus, dann entweicht sie lautlos, meist wie ein flüchtiges Tier: eine weiße Maus, ein Schmetterling, eine Elster, oder gar nur wie ein Rauch. Oder sie liegt als eine harmlose Flaumfeder, ein Besenreis, ein Strohhalm auf der Bettdecke, vom Erlösten noch krampfhaft gepackt.

Aus diesem erlösenden Schrei, vor dem der Alp floh, entwickelten sich dann als förmliche Abwehr- und Verscheuchungsmittel Rufe verschiedenen Inhalts. Fluchen kann das schwäbische Schrättele nicht vertragen, unangenehm ist ihm überhaupt die laute Nennung seines Namens, in christlicher Zeit auch die des Namens Jesu oder Gottes. Das gipfelte dann in der feierlichen Beschwörung, die mit dem Anruf des Trottenkopfes begann, ihn in Berge und Wälder zum Blätterzählen verwies und mit den Namen der hl. Dreieinigkeit schloß. Auch legte man sich wohl in Dänemark über den Kopf ein großes Sieb, dessen Löchlein die Mahrt, die doch über die heilige Zahl Drei nicht hinaus kann, erst zählen muß, ehe sie zu schaden vermag. Wenn der Alp selbst beim Erwachen nicht weichen wollte oder wenn man ihn noch ,hinauswitschen‘ hörte, so drohte man ihn festzunageln oder versprach ihm ein Geschenk: drei Almosen oder die drei weißen Gaben Salz, Mehl und Ei, die man ihm mit der linken Hand reichte. Auch lud man ihn für den folgenden Tag zum Frühstück ein oder rief ihm hastig nach: ,Komm morgen um ein Glehet’ d. h. um etwas zu leihen. In einigen Gegenden Deutschlands stellt der Bauer noch heute für [den]Unbekannten, der ihn in der letzten Nacht gedrückt hat, ein Näpfchen Quarkkäse an die Türe, und eine ältere Münchner Handschrift eifert gegen die, welche dem Teufel etwas opfern und dem Schrättlein oder der Trut ,rote Schüher’ . Ja im schlesischen Orte Kauffung umgeben sich noch gegenwärtig Leute geflissentlich mit dem Nimbus eines Alps, um dadurch nicht unbeträchtliche Geschenke zu erzielen.

Noch auf andre Weise sucht man sich des Alps zu versichern. Hat man beim Erwachen einen Strohhalm, einen Faden oder eine Bettfeder gepackt, so darf man sich durch die Harmlosigkeit des Gegenstands nicht irre machen lassen, sondern muß ihn festhalten, ja man nagelt oder schraubt ihn unbarmherzig fest, damit er elend zu Grunde gehe, oder sich entpuppe, etwa als eine um Hilfe schreiende Alte. Ist der Alp noch im Zimmer, verstopft man das Astoder Schlüsselloch, durch das er hereingekommen ist, denn schon Mephistopheles sagt: ,’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster, wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus4. So wird auch der Alp gefangen.

Man sorgt aber auch schon im voraus für allerhand Abwehrmittel, Wasser und Feuer, scharfe Werkzeuge, Zauberzeichen und übelriechende Sachen. In der Oberpfalz stellt man z. B. die Bettfüße in Wasser, damit die Trude nicht hinauf kann. Eine brennende Kerze, ja schon ein unangezündeter geweihter Wachsstock von roter Farbe hält den Alp ab. Ebenso ein Feuerstahl, eine Flachshechel, ein Beil, ein Messer auf der Brust. Dann mag sich auf den Färöern der Unhold die Klinge in den Leib drücken. Hier wie im norwegischen Tellemarken vertreibt man die Mare, indem man ein in ein Tuch gewickeltes Messer dreimal um den Leib aus einer Hand in die andre läßt, mit dem Spruch:

„Marra, Marra, Minni,

„Bist du hier innen?

„Denkst du nicht an jenen Schlag,

„Den Sjurdur Sigmundarson dir gab

„Einmal auf das Nasenbein?“

Sigurd oder Siegfried, der vornehmste aller Helden, wird hier als ein Marenschrecken aufgeboten. In Österreich hemmt ein Mistelzweig auf der Türschwelle, in Bayern ein Trudenfuß auf der Mutterbrust, fast überall ein kreuzweise unter das Bett gestelltes Schuhpaar, in der Schweiz und Vorarlberg ein unter das Kissen oder an die Wiege gehängter, mit einem Loch versehener „Schratten-“ oder „Toggistein“. Diese Steine mögen zu den Donar geweihten Donnersteinen gehören, wie denn auch in Ostpreußen die Pferde am Donnerstag vor dem Abendbrot abgefüttert werden müssen, um nicht von der Mahr gedrückt zu werden. Im Stalle wehrt sie am kräftigsten ein schwarzer Geißbock mit seinen Hörnern und seinem Gestank ab, vom Oberrhein bis tief nach Rußland hinein. So verscheuchten die Inder die alpartigen Gandharvas und Apsaras mit dem „Bockshorn“, einem stark riechenden Kraute. Im deutschen Mittelalter räucherte man den Alp mit der Verbena oder dem Holzwurz aus. Und noch werden starkriechende Hexenkräuter in Süddeutschland gegen ihn aufgehängt oder aufs Bett gelegt. In Hessen bestreicht man noch hie und da die von ihm gefährdeten Brustwarzen sogar mit Menschenkot. Ein ganzes Arsenal kindlich roher Anschauungen und Abwehrmaßregeln, das dem höchsten Altertum entstammt und bei den anderen indogermanischen Völkern, namentlich dem griechischen in gleicher Fülle und Eigenart bestand, hat noch bei den heutigen Germanen viele uralte Spuren hinterlassen.

Aber noch hat der Alpmythus seine üppigste Blüte nicht getrieben. Es war unvermeidlich, daß der gefürchtete Druck nicht bloß als von einem Tier, sondern auch von einem Menschen ausgeübt gefühlt wurde; aus der Gesellschaft der vielgestaltigen Alptraumbilder konnte die menschliche Gestalt nicht ausgeschlossen bleiben. Warum sollte nicht eine Liebende oder eine Hassende ganz leibhaftig den Feind oder Freund, eingehüllt ins Dunkel der Nacht, zu grausamer Lust oder Qual heimsuchen, oder auch ihre Seele im Traum in irgend welcher Form sich leidenschaftlich zu gleichem Zwecke aus ihrem Munde drängen und ins Nachbarhaus schlüpfen? Und nicht nur lebende Personen mochten so handeln, auch die Wiedergänger, von denselben Gefühlen stürmisch bewegt, ergriffen das böse Mittel des Alpdrucks, um sich zu befriedigen, schon im griechischen Altertum. Wie der Alpmythus durch diese Seelenanschauung sich mit dem schon besprochenen Seelenmythus verschlingt, so greift er auf der anderen Seite bereits in den Naturdämonenmythus des nächsten Abschnittes hinüber. Denn wenn sich auch der Mensch mit dem Plagegeist in seinem Hause praktisch abgefunden hatte, die einmal erregte Einbildungskraft verfolgte diesen weiter hinaus ins Freie, nicht nur in verdächtige Nachbarwohnungen, sondern auch in die weite Natur. Irgend wo mußte der Unhold doch stecken! Lauerte er nicht draußen auf einen neuen Angriff. Und wie sah er denn nun dort aus? Der Alp hält nur selten draußen seine häusliche, wirklich empfundene, seine sozusagen pathologische Form fest. Jenes Schweizer Schrät-teli, das nachts wie ein Schatten von den Bergen zum Haus herabschwebt, huscht nach seinem bösen Treiben wiederum wie ein Schatten zu den Schluchten und Wäldern zurück und verbirgt sich dort über Tag. Jene bayrische Habergeiß (S. 133), die mit ihrem Kopf den Schlafenden im Hause so schwer bedrückt, macht draußen auf ihrem Eulenfluge in der Mondnacht den Hafer schwarz, und jenes Roß mit den feurigen Glotzaugen tobt im Dunkel gespenstisch über die Heide an der unteren Wupper. Die steirische , Törin’, die die Menschen drückt, hält sich über Tag auf dem Heuboden auf. Am liebsten fliegen die Maren gleich ihren indischen Schwestern, den Apsaras, in die Kronen hoher Bäume, die dann fortwährend unter ihrem Druck zittern, und verwirren deren Zweige zu den sogenannten Marennestern oder Maretakken. Auch ruhen sie auf Brombeersträuchern aus oder lassen sich ins Korn nieder, aus dessen Ähren dann das schwarze giftige Mutterkorn hervorschießt. So werden die ursprünglichen mehr sächlich oder tierisch gedachten, im Schlafraum tätigen Alpgeister zu überwiegend menschengestaltigen Naturgeistern, vorzugsweise zu Windelfinnen, die frei durch die Luft schweifen und auf Wald und Flur verderblich herabfliegen. Die enge Genossenschaft verrät schon der altnordische Mythus: Drifa die Schneewirbelriesin tötet ihren Verlobten Vanlandi durch eine Mara.

Jetzt erst, nachdem der Alpmythus sich um wirkliche Menschen oder um Dämonen von menschlichem Aussehen gelegt und die engen Wände der dumpfen Schlafkammer durchbrochen, strömten alle Leidenschaften und Gefahren des wirklichen Lebens in das Traumleben des Mythus ein. Traum und Wirklichkeit schwammen nun noch leichter in einander über. Die im Traum erschienenen Nachbarn und Dorf genossen gerieten in den schlimmen Verdacht der Alpdrückerei, und indem der Traummythus ins reale Dasein gleichsam zurückwuchs, behauptete man auch, an diesen Verdächtigen die Spuren der mit ihnen im Traum erlebten Ereignisse mit wachen Augen wahmehmen zu können. Es entstand im Dorf eine höchst ärgerliche aus Traum und Leben wirr zusammengegossene Skandalchronik. Aber geheimnisvollen Liebreiz nimmt oft derjenige Alpmythus an, der sich an die übermenschlichen in der Natur waltenden Elfenweiber schließt.

Die mit der traurigen Fähigkeit des Alpdrückens begabten Menschen mußten nach dem Volksglauben von Dämonen oder unter dämonischem Einfluß geboren sein. Ihre Geburt fiel in ein böses Zeichen oder in die uni den 16. Oktober gelagerte Galluswoche, in der mit den Hirten allerhand böse Geister und Seelen von der Weide zu den Dörfern heimkehrten. Ihre Mutter hat in ihren Geburtswehen den Teufel angerufen, oder es ist bei deren Taufe ein Versehen begangen. Ein mit Zähnen auf die Welt kommendes Kind ist auch zum Alpdrücken bestimmt. Und wie der siebente Sohn ein Werwolf wird, so wird die siebente Tochter eine Mahrt. Beide, Werwolf wie Mahrt, sind an zusammengewachsenen Augenbrauen zu erkennen, auch alte Weiber mit Plattfüßen sind Maren. „Gänsfüßige Trute“ schilt man noch in Konstanz. Den breiten drückenden Alp-, Druten-, Schrättelesfuß stilisierte man später in die fremde Zauberfigur des Penta- oder Hexagramms oder um und gebrauchte sie homöopathisch als Gegengift gegen den Zauber. Von ihm stammt der niederdeutsche Name Maerenvoet.

Das weibliche Geschlecht ist der Leidenschaft des Alpdrückens zugänglicher als das männliche. Krankhafte Einbildung leidender junger Mädchen kam dem wilden Aberglauben entgegen, Liebe, Haß, Eifersucht trieb beiderlei Jugend dazu an, und namentlich alte Weiber waren in ihrer Bosheit, Ränkelust und ihrem Neide darauf erpicht Unleugbar hat manche auf diesem Wege förmlich nach Hexenruhm gegeizt. Sie muß aber oft für ihr boshaftes Geschäft büßen. In der Kammer, der Werkstube, der Mühle vom erwachenden Gesellen oder Müllerburschen als Strohhalm ergriffen, wird sie angeschraubt oder festgenagelt und steht anderen Tags als nacktes Frauenzimmer da, den kleinen Finger in den Schraubstock geklemmt, oder hängt gar als altes Weib tot an der Wand. Oder man haut auch einer Katze die Pfote ab, worauf die Frau am andern Morgen mit abgehauener Hand im Bett liegt. Durch ganz Süddeutschland ist folgende Sage verbreitet, die höheren Alters sein wird, ein milderes gleichsam weibliches Seitenstück zu der harten männlichen Werwolfssage: Eine Frau sah einst ihre Magd in der Nacht bleich an der Wand lehnen. Am anderen Morgen bekannte diese ihr weinend, daß sie drücken gehen müßte und ihr nur geholfen werden könnte, wenn sie etwas hätte, was sie erdrücken dürfte.

„Ei, so erdrücke meinthalben die schönste Kuh im Stalle“

, sagte die Frau. Am anderen Morgen lag die Kuh im Stall tot, und die Magd war befreit. Leidenschaftlicher erscheinen diese Nachtwandlerinnen nach norddeutschen Sagen bald in Menschen-, bald in Katzengestalt oder als schnell dahinlaufende Reifen oder Räder. Geistliche Lieder singend, schweifen sie durch die Felder, reißen mit bloßen Händen die Domen ab, schwimmen durch große Gewässer, stürzen sich in Flammen und magern bei ihren nächtlichen Menschenquälereien zu frühem Tode ab. Aber diesen unbestimmten rasenden Drang ersetzt nun auch eine auf eine bestimmte Person gerichtete bestimmte Leidenschaft. Im Hauensteinischen Schwarzwald z. B. dringt ein von seinem Mädchen verlassener Liebhaber als Schrättele durch das Schlüsselloch und legt sich ihr aufs Bett, und ebenso handelt dort wie in der Provinz Sachsen die verlassene Liebste. Auch in einer Bamberger Sage quält eine Müllerin ihren Knecht als Mare aus verschmähter Liebe. Der Quälgeist geht bereits in den Buhl-geist über, und in ähnlichen Sagen ist es nun nicht die leibhaftige Gestalt, sondern nur die im Traum ausgefahrne Seele, die aufs Drücken ausgeht.

Auch aus Gräbern steigt die Alpqual auf, wie wir aus dem. Wiedergängermythus erfahren haben, und der ertrunkne Syiter legt sich mit der ganzen Schwere seiner nassen Kleider alpartig über das Bett des Schlafenden. Die drückende Wucht verwandelt sich in ein markerschütterndes Geschrei, mit dem der Geist eines Ermordeten, das ,schrauend Ding‘ oder ,lopend Rad‘ im Oldenburgischen, so grausig über die Heide stürmt, daß auch die Tiere zittern.

Die volle Schönheit entfaltet der Alpmythus aber erst, wenn er in den Elfenmythus umschlägt; und da dieser es ist, von dem der eigentliche Glanz ausgeht, so kann hier diese leuchtende Spitze nur eben berührt werden. In dem Falle nämlich, wo die Mare nicht eine Nachtwandlerin oder eine ausgefahrene Seele oder eine Wiedergängerin, überhaupt nicht ein menschliches, sondern ein elfisches Wesen war, entstanden ganz neue imgewöhnliche Verhältnisse. Es war freilich auch ein Dämon wie der ursprüngliche Alp, aber es zog als elfisches Wesen seine ganze in den Wettererscheinungen sich offenbarende Naturgewalt mit sich. Es flog mit dem Sonnenstrahl durch das Schlüsselloch oder eine Ritze zum Jüngling hinein. Es floh nun auch nicht immer nach einem Zusammensein von wenigen Nachtstunden wieder davon, sondern wurde gezwungen, lange Jahre bei ihm zu verbleiben. Wesen zweier Welten taten sich zu einem dauernden Bündnis zusammen, sie trat in seinen Dienst oder schloß sogar mit ihm eine Ehe; denn als Elfin war sie klug und gewandt und oft genug von bezaubernder Schönheit. Immer aber blieb die Dauer solcher Verhältnisse von einer bedenklichen Bedingung abhängig. Eine gewisse Fremdheit konnten die Beiden gegen einander nicht überwinden, eine Spannung zitterte durch alle Liebe hindurch, stammte das eine doch von dieser Erde, während das andere über der Erde seine Heimat hatte, wonach es eine unstillbare Sehnsucht trug. Wie hoch man die Schönheit und den Adel dieses fremden, fluchtbegierigen Weibes schätzte, geht daraus hervor, daß man von Island bis nach Griechenland und Indien hin hervorragende, selbst königliche Geschlechter aus solch einer wundersamen Verbindung eines Sterblichen mit einer Apsaras, einer Nereide, einer Elfin herleitete.

Manchmal führte der Alpdruck einer Elfenschöne zu keiner dauernden Lebensgemeinschaft, sondern hatte den entgegengesetzten Erfolg. Die alte quälerische Unholdsnatur wog noch vor. Ein baumstarker Montavoner hatte mit beiden Händen ein Doggi, das sich ihm auf die Brust legte, bei den Zöpfen festgehalten. Als aber sein Weib, dem er zurief, mit Licht kam, wurde er des Doggi nicht mehr Meister; es huschte windschnell zur Tür hinaus, und man sah noch, wie seine zwei fliegenden Riesenzöpfe um die Türpfosten schlugen. Die Mare auf den Färöern gleicht der schönsten Dime und drückt zur Nachtzeit den von ihr heimgesuchten Mann so fest auf die Brust, daß er keinen Atem holen, kein Glied rühren kann. Sie fährt ihm mit ihren Fingern in den Mund, um die Zähne zu zählen; wird ihr Zeit gelassen, sie abzuzählen, so muß er das Leben verlieren. Anders erging es einem Witwer im Oldenburgischen. Als er einmal die Nähe einer Walriderske spürte, griff er zu und erhaschte einen vollen weichen Arm; aber sie entschlüpfte ihm durch das Riemenloch der Tür. In der folgenden Nacht jedoch gelang es ihm, sie festzuhalten, ein schönes junges Mädchen. Er machte das Riemenloch dicht zu, und sie war mehrere Jahre seine treue Haushälterin. Wie er aber einmal das Loch geöffnet hatte, verschwand die Fremde mit dem Ruf

„Wat klingen de Klocken in Engelland!“

Unsichtbar sorgte sie auch dann noch für seine und seiner Kinder Kleider und Wäsche bis zu seinem Tode. Fast genau dasselbe erzählt man von einer vorarl-bergischen und einer graubündischen Mare, von einem Doggi. Aber häufiger ist die schönere Geschichte, daß die Mare von dem Mann auf Bettesrand festgehalten wird, nackt und in leuchtendem Goldhaar, daß sie dann Kinder bekommen und glücklich Zusammenleben, bis der Mann ihrem Drängen, ihr das einst von ihr zum Einschlüpfen benutzte Astloch zu zeigen, in einer weichen Stunde nachgibt. Auch in Smäland kam eine Alfenjungfrau durch ein Astloch der Wand mit den Sonnenstrahlen in ein Haus und wurde von dem Sohn geheiratet. Sie gebar ihm vier Kinder, durch die sie die Stammutter eines namhaften Geschlechts wurde, und verschwand an einem heiteren Tage auf dieselbe Weise, wie sie gekommen war. Aber um dem aus den Erscheinungen der freien Natur geschaffenen Elfenmythus nicht vorzugreifen, dürfen wir hier nicht auf die hochpoetische Verkleidung der wüsten Maren in herrliche Schwanweiber, die nun nicht mehr in Kammer oder Stall oder Mühle, sondern im freien Quellbade überrascht werden, weiter eingehen. Und wenn das Alpwesen nicht im Sonnenstrahl in die Stube dringt, sondern in der Mittagshitze der Erntezeit draußen über den glühenden Kornfeldern zittert, so gewinnt es auch den Charakter eines Naturgeistes, des Mittagsgespenstes, das den Sonnenstich erzeugt. Und vollends modernisiert ist unser Alp, wenn „er im Traum eines Kandidaten als mordlustiger Examinator erscheint“.

Mythologie der Germanen – Die Elfen

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Das Seelen– und das Marenreich liegen hinter uns; wir betreten eine neue Welt, das Naturgeisterreich. Nicht nur am Sterbebett und am Grabe des Angehörigen und auf dem Lager des eigenen vom Alp gepeinigten Leibes erfuhr die Phantasie tiefe mythenbildende Eindrücke.

Die freie Natur mit ihren wechselnden Reizen und Schrecken, Segnungen und Gefahren wurde nun die ergiebigste Fundstätte der Einbildungskraft. Den weiten Luftraum gestaltete sie zu einem erdenhaften und doch überirdischen Wunderlande um, aus den Erscheinungen des Wetters, das auch heute noch die stärksten und weisesten Kulturmenschen in seiner Gewalt hat, aus all seinen zahllosen Formen, Tönen, Farben, Lichtem und seinen oft so auffälligen Wirkungen schuf sie zauberische Tiere und Hunderte von menschgestaltigen Geistern und Göttern, die jenes Wunderland bevölkerten. Aber auch die Erde war ihr Tummelplatz, denn die Licht- und Wettergewalten griffen ja fortwährend in die Berge, Gewässer, Wälder und Felder ein, und so entstand, um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen, ein reges

„Wechselleben der Weltgegenstände“.

Die Wolken wurden der Einbildungskraft zu Bergen, darum bedeutete z. B. altnord, klakkr Fels und Wolke, das angelsächsische clûd Berg, das englische cloud Wolke. Aber auch Wälder, Flüsse, Seen, später Burgen und Türme sah man in ihnen. Ein großes, verzweigtes Wolkengebilde erschien wie ein Riesenbaum mit einem Quell an seinem Fuße. Manche Wolke hielt man für eine Mulde, einen Kessel, ein Trink-hom. In bewegten Wolken erkannte man allerlei laufende, springende, fliegende Tiere und in der wetterleuchtenden ein Untier, einen flügelschlagenden, feuerhauchenden Drachen, die großartigste mythische Tiergestalt. Die Blitze waren feurige Schlangen oder springende Geißböcke und dann wieder glühende Geschosse, vom rohen Stein und der Keule der Urzeit durch Hammer, Beil, Speer bis zum heldenhaften Goldschwert. Auch als Peitschen, Ruten, Kugeln dienten sie. Das befruchtende Regennaß verwandelte sich in einen köstlichen Trank, die im Gewölk verborgenen Sonne, Mond und Blitz in einen leuchtenden, von der goldenen Wünschelrute oder dem Drachen behüteten Schatz. Dann wieder glich die auf- und abflammende Gewitterwolke einer lodernden Schmiedeesse oder einem Backofen. Der Osten oder der Westen des Himmels mit ihrem zauberischen Farbenspiel am Morgen und Abend wurden zu fernen geheimnisvollen Lichtländern höherer Wesen. — Von dieser Metamorphose der Oberwelt übertrug die Phantasie manche Züge auf die Erde. Gewisse irdische Berge könnten, wie man erzählte, gleich den himmlischen auseinander krachen und zusammenschlagen und schlössen auch goldene Waffen und Schätze in ihrem Schoße oder auch das Lebenswasser oder wasserreiche Seen ein. Und davor lauere ein Drache. In den Alpen aber stürzt er über die steilen Abhänge und reißt Blöcke und Bäume mit sich. Dann sagen die Leute:

„der Drach ist ausgefahren“.

Und auch draußen im weiten nordischen Meer wälzt er sich wogend und brandend im Riesenzorn. Mit solchen Deutungen begann der geistige Kampf des Menschen mit der Natur, der ihm Knechtschaft und zugleich Erhebung vielerlei Art brachte und ihm erst spät, als er das Spielzeug der Einbildung mit den Waffen der Wissenschaft vertauschte, von Sieg zu Sieg führte.

Die bald zarteren, bald gewaltsameren Mächte der Luft erreichten ihren höchsten Ausdruck in einer menschenartigen Form und zwar jene in oft mehr untermenschlicher und diese in übermenschlicher Größe, sie waren Elfen oder Riesen. Ihre beiden Gruppen treten nun neben die Seelen- und die Marenschar. Der alte Name ,dessen ’ Plural Elbe oder Elber lautete, wovon z. B. Elberfeld stammt, ist im Deutschen jetzt durch die englische Form Elfe, Elf, die Wieland in seiner Übersetzung von Shakespeares Sommernachtstraum 1762 einführte, ersetzt worden.

Im Nordischen heißt er Alfr, Elf. Man hält ihn für identisch mit dem Namen eines kunstfertigen altindischen Dämonengeschlechts, Ribhu, den man unsicher als Greifer, oder listig, geschickt, oder glänzend, licht deutet. So zweifelhaft demnach der ursprüngliche Sinn des Namens der Elfen ist, desto klarer ist ihr Wesen, wenn es auch in hundert Formen und Farben spielt. Die Elfen sind kleinere Dämonen von menschlicher oder untermenschlicher Größe, durch Rührigkeit, Anstelligkeit und vielfaches Eingreifen ins menschliche, wie auch ins heroische und göttliche Dasein ausgezeichnet. Ihr ursprüngliches Element ist die bewegte Luft in ihren verschiedenartigen Äußerungen, vom Blitz und heftigem Windstoß und vom schwarzen Gewölk bis zum stäubenden Sonnenstrahl, zum unhörbaren Zittern der heißen Luft und zum zartesten Nebel. Mit andern Worten, es gibt Gewitter- und Windelfen und eine überwiegend weibliche Gruppe von Wolkenelfinnen, die mit den Lichtelfen nahe verwandt sind. Doch bedürfen jene beiden ersten naturgemäß auch der Wolkenumhüllung, sowie anderseits diese einen ,entsehenden‘ bezaubernden Blitz im Auge haben und dem Wirbelwindtanze leidenschaftlich ergeben sind. Eigentliche Sonnen- und Mondelfen sind nicht nachweisbar, und die altnordische Einteilung in Licht-, Dunkel-und Schwarzelfen erklärt sich genugsam aus dem Wechsel jener Lufterscheinungen. Die Luftelfen aber verwandeln sich nach ihren verschiedenen lokalen Wirkungskreisen in Berg-, Erd-, Wald-, Feld- und Wasserelfen, ohne aber dabei ihre ursprüngliche meteorische Natur wesentlich einzubüßen. Ein angelsächsisches Wörterverzeichnis unterscheidet Munt (Berg)-, Vudu (Wald)-, Feld-, Vylde-, Sae- und Dün (Hügel) elfen, denen Shakespeare mit echtem Naturgefühl die Sturm- und Gewitterelfen hinzugesellt, und noch der heutige Isländer findet Alfar in Höhlen, Felsen, Wasser und Luft. Als nach der jütischen Sage Gott die gefallenen Engel aus dem Himmel stieß, fielen einige auf Berge herab, das Bjärgfolk, andere in Wälder und auf Wiesen, das Ellefolk, andere wiederum in die Häuser, die Nisser. Je nach ihrer Wetternatur müssen sie bald licht, schön, freundlich, nützlich, dienstfertig, bald dunkel, häßlich, grausig, schädlich und tückisch sein. So führen sie auch allerlei andre Namen. In Norwegen heißen sie Huldren Verhüllte, in Deutschland mit verwandtem Klange die , Hollen die Gütigen, auf Island die Liuflingar Lieblinge, anderswo weiße Weiber oder Frauen. Fremd ist der Name der englischen Fairies und der deutschen Feen, den Wieland ebenfalls wie den der Elfen im Sommernachtstraum herüberbrachte. Der im Berge, in der Erde hausende Elf heißt Zwerg, angelsächsich dveorg, englisch der berühmteste Alberich oder Elberich Elfenkönig. Ein wieder umfassenderer Name ist das oder der , im got. vaihts und altnord, vaettr weiblichen Geschlechts. Das Wort bedeutet eigentlich ein Ding, ein Etwas und fernerhin ein rätselhaftes übermenschliches Wesen, wie das lateinische res und das altfranzösische chose, im Norden oft ein ungeheures, in Deutschland häufig ein zwerghaftes. Es durchläuft aber fast alle Stufen der mythischen Lebewelt: Wichter heißen die Geister der Verstorbenen, die Wichtelmännchen, die Riesen, die Walkyrien, die Götter und im Heliand sogar die Teufel. Das Opfern an die heidnischen Wichter, unter die wohl alle diese Mächte zusammengefaßt werden, galt in den altnordischen Kirchenrechten für ein Hauptmerkmal des Unglaubens. Die Wichter waren bald böse, bald gut, dann heißen sie holde Wichter. Am innigsten gestaltete sich das Verhältnis der Menschen zu ihnen im Hause, sie helfen bei der Niederkunft und Hausarbeit, begleiten ihren Schützling zum Thing oder auf die Jagd, ja sie bewachen im Norden noch hie und da den Hausfrieden oder auch das ganze Land. Des Skalden Egil Neidstange forderte die Landwichter auf, den König aus dem Lande zu jagen; das älteste isländische Gesetz verbot, durch Fratzen, wie sie am Vordersteven der Schiffe ausgeschnitzt waren, die Landwichter zu schrecken. — Anderen Namen werden wir bei den besonderen Elfenarten begegnen.

Der Glaube an die Elfen ist uralt wie der an die Seelen und die Maren. Wurden unsre Vorfahren von diesen zu Hause oder an den Gräbern heimgesucht, so waren ihre frühsten Feinde und Freunde in der freien Natur die rie-sischen und fast noch mehr die elfischen Wesen und zwar schon während ihres Zusammenlebens mit den andern Indogermanen. Die indischen Elfinnen heißen Apsaras Wolken- oder Wasserwandlerinnen; die Nymphen und Neraiden Alt- und Neugriechenlands sind ebenfalls ihrem Namen nach Wasserwesen, wie die germanischen Elfinnen ursprünglich Wolkenfrauen waren und später gleich jenen Inderinnen und Griechinnen ihren Lieblingsaufenthalt an den Gewässern der Erde hatten. Gleich den Elfinnen aber verteilen sich die Apsaras auch auf die Berge, Wälder und hohen Bäume, und schon in der Ilias bewohnen die Nymphen nicht nur die Quellen, sondern auch die Berge, die schönen Haine, die kräuterreichen Auen, die Felder und Bäume, und sie verzweigen sich in Nereiden, Okeaniden, Oreaden, Dryaden, Hamadryaden und Feldnymphen, gerade wie die deutschen. Die neugriechischen Neraiden helfen sogar wie unsre Elfen als Hausgeister beim Spinnen und Kehren und putzen die Stuben. Allen diesen verschiedenen Nymphen- oder Elfenarten messen die genannten Völker zauberhaften Gestalt- und oft sehr gefährlichen Sinneswechsel, Freundlichkeit wie Bosheit, Häßlichkeit wie höchste Anmut zu. Mit schlanken glänzenden Gliedern und einem blendenden Blick wiegen sie sich in verlockenden Reigen und singen unwiderstehliche Lieder. Gleich‘ einer Kette von Wasservögeln flogen die Apsaras schon nach rigvedischen Liedern über den See und spielten darin wie Tauchenten, wenn sie sich über seinem Spiegel schmückten. Die schönste, zur Göttin erhobene Nymphe, Aphrodite, sah man wohl auf einem Schwan durch die Lüfte oder über das Meer reiten. Unsere Elfinnen streiften oft an Seen und Quellen ihre Schwanhemden zum Bade ab. Statt des schneeigen Gefieders hüllt sie bei allen drei Völkern auch ein weißer Schleier, ein zartes Gewand ein. Die Phantasie sehnt sich, die höchste Schönheit aus dem einsamen zauberischen Walten der Naturmächte herauszuerkennen. Ein Weib von strahlender Schönheit fragte der bewundernde Hindu: „Bist du eine Apsaras ?“ „Schön wie eine Neraide“ ist noch heute in Griechenland und das angelsächsische „elfsctn“, das altnordische „frid sem alfkona, elfenschön, schön wie ein Elfenweib“ war bei den Germanen der höchste Preis irdischer Weiblichkeit! Man begreift, wie man solchen Wesen zutraute, auch andere Männer als solche elfischer Art, auch Männer menschlicher Art bestricken zu können. Ihre verführerische Herrlichkeit hat bei allen drei Völkern ein reizendes Mythenpaar hervorgerufen: die Elfin bringt ein männliches Wesen dämonischer oder menschlicher Herkunft in ihre Gewalt, — oder jenes männliche Wesen bringt die Elfin in seine Gewalt, und aus beiden Verbindungen entspringt großes Glück oder großes Unglück. Noch ein dritter Mythus, der aber der Gesellschaft der männlichen Elfen angehört, trägt indogermanisches Gepräge, obgleich er sich um die doch erst später ausgebildete Schmiedekunst dreht. Die Inder wie die Germanen kannten einen Ribhu- oder Elfenkönig, einen Ribhukschan oder Alberich, aus dessen Volk hier wie dort drei unübertreffliche Schmiede hervorgingen, die in der Wettarbeit mit anderen ausgezeichneten dämonischen Schmieden die besten Waffen, Geräte und Schmucksachen der Welt in ihrer Himmelsesse für die Götter verfertigten. Und wie die Schönheit die Elfenweiber, verbindet die Kunstfertigkeit die Elfenmänner unmittelbar mit den Menschen, denn wenn diese ihnen Metall vor die irdische Höhle legen, so machen halbgöttliche Meisterschmiede treffliche Kessel und gefürchtete Waffen daraus. Überall unterhalten die Elfen, in Berg und Wald, in Feld und Haus, den lebendigsten Verkehr mit den Menschen.

Durch ihre noch ganz frische Verbindung mit der Natur, die die Seelen und die Maren entbehren, und zugleich durch ihren persönlichen Umgang mit der Menschen weit, der den Riesen und Göttern fehlt, zeichnet sich die Elfengruppe vor allen andern mythischen Gruppen aus.

Die Germanen drückten diese Innigkeit ihrer Beziehungen zu den Elfen noch auf ihre eigene Art aus. Nach Riesen wurden Menschenkinder kaum genannt, nach den Elfen aber so häufig wie nach den Göttern. Bei allen Stämmen schmückte man die Kinder mit schönen Elfennamen, die ihnen den Schutz und die eigentümliche Begabung der Elfen sichern sollten, auch Königskinder, wie den Langobarden Albuin d. i. Albwin Elfenfreund und den Angelsachsen Alfred den von Elfen Beratenen. Albruna, wohl von ähnlicher Bedeutung, hieß wahrscheinlich eine schon von Tacitus erwähnte Seherin. Verwandten Sinn mögen Albigardis, Albheida, Albhilt, Aelflint gehabt haben. Albofledis bezeichnet die Elfenreine und vielleicht auch Alblaug; auf die leuchtende Farbe weist Alfdag. Die Stärke und Kühnheit rühmen die Namen Albswinda, Alf-hard, Alfnand, ihr Geschoß der Name Alfger, und an die Elfenkönige erinnern Alfhere, Aelfwold, Alfward und vor allen Alberich. Klugheit, Schönheit, Entschlossenheit und königliche Herrschgewalt sind also den Elfen in hervorragendem Maße in unsrer ältesten Geschichte eigen.

Wie mangelhaft doch auch der von uns oben gerühmte Religionsbericht des Tacitus ist! Von diesem ins Leben so tief eingreifenden Elfentum meldet er nichts. Erst ein halbes Jahrtausend später erfahren wir indirekt von ihnen, durch den Griechen Agathias, wo er von den Opfern spricht, die die Alemannen den Bäumen, Flüssen, Hügeln und Höhlen darbrachten, und seitdem hören die Geschichtsschreiber bis zu Helmold gegen 1200, sowie die Konzilsbeschlüsse und Kapitularien nicht auf, über die Quellen-, Stein- und Baumverehrung zu zürnen. Das dabei übliche Lichteranzünden bestrafte Karl d. Gr. durch das ganze fränkische Reich, insbesondere aber auch im Sachsenland.

Die Könige Knut und Olaf der Heilige verpönten diese Kulte in England und Norwegen. Auf Island opferten die ersten Ansiedler hier einem Steine, dort einem Wald, dort wieder einem Wasserfall. Einem solchen gelobte Einer sogar seinen ganzen Nachlaß, und in seiner Sterbenacht stürzten sich wirklich alle seine Schafe in die Flut hinein. Daß nun die Germanen nicht diese Naturgegenstände als solche, sondern die darin wohnenden Geister verehrten, dafür spricht außer dem durchgehenden, dem rohen Fetischdienst abholden Charakter ihrer Religion das Vorhandensein der Berg-, Stein-, Wald-, Baum- und Quellelfen, die gerade in den genannten Naturgegenständen ihren Aufenthalt hatten. Das jüngere Christenrecht des norwegischen Gulathings verbot, an Landgeister zu glauben, die in Hainen, Hügeln und Wasserfällen wohnten. Riesen aber empfingen überhaupt kaum Verehrung, wenigstens nicht an solchen bestimmten Örtlichkeiten, und auch die Götteropfer knüpften sich damals in heidnischer Gegend wohl nur an Tempel und wagten sich in schon bekehrter Bevölkerung kaum ins Freie hinaus. Endlich decken sich die oft auffälligen Formen dieses scheinbaren Naturkultus genau mit denen des Elfenkultus. Wie man an Quellen Lichter anztindete und in Deutschland am Christabend mit Lichtern in den Brunnen sah, so empfing man noch nach späterem isländischen Julbrauch die Elfen mit vollem Lichterglanz im Hause. Wie jener Isländer seine Schafe dem Wasserfall gelobt hatte, so warf noch später der norwegische Geiger seinem Lehrmeister, dem Fossegrim oder Wasserfallselfen, am Donnerstagabend ein weißes Böcklein ins Wasser. Auch setzte man sich allen Konzilsbeschlüssen zum Trotz noch viel später auf die Kreuzwege hinaus, um gerade hier der Elfen Gunst zu erfahren. Wie schwer das germanische Volk sich vom Glauben an sie losriß, das lehren z. B. einige englische Daten. Chaucer meinte im 14. Jahrhundert, in König Arthurs Tagen sei das ganze Land von Fairies erfüllt gewesen und die Elfenkönigin habe mit ihrer fröhlichen Gesellschaft auf mancher grünen Wiese getanzt, bis die Bettelmönche sie verdrängt hätten. Aber drei Jahrhunderte später behauptete der Bischof Corbet ganz ernsthaft, erst seit Abschaffung des Mönchtums durch die Königin Elisabeth hätten die Feen das Land verlassen, und wiederum drei Jahrhunderte später hielt ein hochgebildeter Dichter, Coleridge, die Elfen für wirkliche Wesen. Noch heute glaubt mancher Bauer in manchem Bach, im Acker und im Bergesschoß das leise Walten der Elfen wahrzunehmen, und ihre Sage wenigstens schwebt noch über mancher Lieblingsstätte unsrer Heimat wie ein zerrinnender zarter Duft. Die neuere Dichtung und Musik aber verdankt dem Elfenmythus die wundersamsten Töne, ohne ihn noch erschöpft zu haben.

Eine Gesamtcharakteristik des Elfenvolks, das ja in den verschiedensten Naturreichen wohnte, dazu in sich zweideutig, ja zwiespältig war, in die verschiedensten menschlichen Verhältnisse eingriff und sich auch diesen wieder anzupassen verstand, wird nicht leicht gelingen. Je nach den freundlichen oder wilden Wettererscheinungen gab es, wie schon bemerkt, schöne, lichte, nützliche, dienstfertige und gütige und wiederum häßliche, dunkle, schädliche, gewalttätige und tückische Elfen. Im Durchschnitt sind sie von der Größe des Menschenleibes, doch bleiben namentlich die Bergelfen, die Zwerge, aber z. B. nicht in Island, dahinter zurück. Aber auch die großen isländischen Alfar haben weicheres Fleisch und mürbere Knochen als die Menschen, und auch des deutschen Zwergkönigs Goldemar Hände sind weich anzufühlen wie eine Maus oder ein Frosch. Goldemar erscheint sogar als bloßer Schatten, und alle Elfen lieben es, rasch zu verschwinden wie ein „Schwick“, oder wie ein Schatten, altnordisch skuggi. Sie können bei geschlossenen Türen ins Haus kommen. Die Elfinnen sind überwiegend anmutig, oft bezaubernd namentlich durch Glanz der Haut, Schlankheit des Wuchses und üppiges Haupthaar. Bei Saxo hatte der mythische König Alf silberglänzendes Haar, und seine Geliebte Alfhild blendete durch ihre strahlende Schönheit, wenn sie sich entschleierte. Schöner als die Sonne sind die Alfen nach der Prosaedda. Doch sind andere mit bleckendem Gebiß und langen Zotten ausgestattet, und die Wasserelfinnen, die Nixen, haben glotzenden Blick, grüne Zähne und grüne Locken und enden auch wohl in einen Fischleib. Von den männlichen Elfen sind die Zwerge oft allzu gedrungen, verhutzelt und dickköpfig und schreiten zuweilen auf Vogeloder Geißfüßen einher. Häufig tragen Elfen einen roten oder grünen Spitzhut, oder eine Tarnkappe, die sie unsichtbar macht, und die Elfinnen ein Schwanhemd oder Schleierkleid, das sie zum Bade abwerfen. Keine Klasse der mythischen Wesen führt ein menschlicheres Dasein und ist mit dem Menschengeschlecht inniger verbunden als die Elfen. Sie werden geboren, wachsen und sterben, wie die griechischen Nymphen, nach Art der Menschen, wenn sie auch gewöhnlich ein weit höheres Alter als diese erreichen. Doch gehen sie darin weit auseinander. Der Felddämon entstand auf jeder Flur jedes Jahr neu, wurde bei der Ernte gefangen und lebte in der letzten Garbe fort, bis er während des Drusches auf der Tenne hinstarb. Der Hausgeist dagegen blieb fest im Hause nisten, mehrere Geschlechter hindurch. Andere rühmen sich so alt zu sein wie uralte Wälder. Die Elfen backen, brauen, waschen, spinnen und halten gut Haus, sie haben ihr eigenes, imgewöhnlich milch-reiches Vieh. Sie übertreffen die Menschen in Tanz, Gesang, Musik und zumal in der Schmiedekunst. Die Zwerge bilden ein Volk, das seine bestimmten Feste, wie z. B. das Julfest, feiert und seine Dingstätten, ja sogar seine Kirchen hat. Es hat einen König Alberich, Laurin, Goldemar, Pippe über sich, auf Island sogar zwei neben einander. Die Elfen beschenken und ergötzen die Menschen, aber sie verwunden sie auch, machen sie krank und töten sie. Der Zauber, den sie auf die Menschen ausüben, ist kaum größer als der, mit dem die Menschen sie anziehen. In diesem Wechselverkehr liegt sogar der Schwerpunkt des Elfenmythus, der insofern mehr Ähnlichkeit mit dem Seelen- und dem Maren-, als mit dem Riesen- und Göttermythus hat.

Beide, Elf wie Elfin, schließen sich oft als Hausgeister den Menschen zu dauerndem Dienste an oder wie Liebende zu dauerndem Bunde. Die Elfinnen locken durch Schönheit, Sang, Spiel und Trank die Männer in ihren Berg, Wald, See und beglücken sie mit ihrer Liebe, oder sie leiten sie irre bis zur Erschöpfung, zur Schwermut und zum Wahnsinn. Namentlich die Nixen dringen Abends sogar in die Spinnstuben, um sich dort am Tanz zu erlustigen und dann einen Burschen mit sich ins Wasser zu ziehen oder ihn in seinem Bette zu töten. Die Elfen holen gern Weiber in ihre Wochenstuben, um sich ihrer Hebammenkunst zu bedienen, und vertauschen gern ihre Kinder, die Wechselbälge, mit den menschlichen. Oft sehen sie sich genötigt, den bald zum Heil, bald zum Unheil ausschlagenden Umgang mit den Menschen ganz aufzugeben und in ein andres Land weit ab von den Menschen tiberzusiedeln.

In christlicher Zeit legte man oft dem Verlangen der Elfen nach Menschenverkehr die Sehnsucht nach dem Christentum und der Seligkeit unter. Sie haben daher auch ihre Kirchen. Dann wurden sie sogar in die christliche Mythenwelt versetzt: die Lichtelfen wohnen schon nach der Edda im dritten Himmel wie die Engel des Mittelalters; die Südtiroler Waldelfen oder Norgen sollen vom Himmel gestürzte Engel sein, die an den Bäumen hängen blieben, wie sie in Griechenland zu Sirenen wurden. Die isländischen Alfar galten für die bei Luzifers Aufstand gegen Gott neutral gebliebenen Engel oder für die bei des Herrgotts Besuch ungewaschenen Kinder der Eva.

Wie die Seelen und die Maren waren die Elfen eine bedeutende Macht im Dasein, die man durch Speis- und Trankopfer zu Hause und draußen unter Bäumen, an Steinen, an Quellen und auf Kreuzwegen zu begütigen und zu gewinnen, aber auch durch Feuer, Donnerkeil, Stahl und das Tageslicht und schließlich durch Glockengeläute zu verscheuchen suchte.

Die Urheimat der Elfen ist die bewegte Luft, darin sie als Gewitter-, Wind- und Wolkenwesen sich tummeln. Die Gewitterelfen sind ausgerüstet mit dem Blitzgeschoß, dem „Alpschoß“. Ursprünglich ein bloßer feuriger Stein, den man erkaltet im Belemnit, dem sog. Donnerstein, schwed. Aelfqvam, engl. Elfstone, schott. Elfflint, wiedererkannte, wurde es später als Pfeil gedacht, norw. Alfpil, schott. Elfarrow oder Elfbolt. Da die Maren, Druten, Schrättele und Hexen, wie bemerkt, sich vielfach unter die Elfen mischen, so heißt der Donnerstein auch Maren-, Drutten-, Schrattenstein, engl. Hagstone. Der durch diesen zwischen den Schulterblättern hervorgebrachte „Hexenschuß“ heißt holländisch „Spit“ d. i. Spieß, schwed., dän. und englisch Elfenschuß, norw. Elfenfeuer oder Zwergschuß. Schon vor 1000 Jahren erzählte ein Angelsachse, wie mächtige Frauen, Hexen, laut über das Land geritten seien und gellende Speere, Götter-, Elfen- und He, gesendet und dadurch einem Kranken schmerzhafte Stiche in Haut, Fleisch, Blut oder Glied verursacht hätten. Dann beschwor er den kleinen Speer heraus und bedrohte die Unholde mit einem Messerwurf. So sprach 1675 noch eine deutsche Hexe „wider das Geschoß“:

„Alle Wolken triefen und alle Wasser fließen. Alle Bolzen schießen, schießen dir aus alles dein Gebein“.

Aus den Wolken fliegen also diese Geschosse. Nach dem dänischen Volkslied schießt die Elfin vorzugsweise mit dem Elvekvist Elfenzweig zwischen die Schulterblätter oder schlägt der Bergkönig mit der Elverod Elfenrute. Vom elfischen Pilwiz weiß Wolfram v. Eschenboch, daß er durch die Kniee schießt und Fliehende lähmt. In deutschen Sagen werfen weiße Frauen und Hexen Lauschern oder andern unbequemen Leuten namentlich bei der wilden Jagd ein Handbeil in den Rücken, das dann wohl erst nach sieben Jahren an demselben Orte, wo es ihn getroffen, herausgezogen wird. Die Elfin oder Huldre schießt in Norwegen eine Alßzula Elfenkugel ins Vieh, d. i. der im Magen eines Rindes häufig gefundene Haarballen, der Tiroler Hagelstein, der von Hexen gefüllt sein soll. Im Blitz sah man auch eine goldene, feurige Peitsche, mit der der Zwergkönig Alberich im Nibelungenliede bitterlich auf Siegfried und der Aargauer Zwerg Stiefeli auf die Holzfrau loshaut: Alberich aber ist im Epos aus den Wolken in die Berge herab versetzt. Hurtig springt er aus der Felswand hervor mit seiner Geißel und zwar in der Tarnkappe, der imsichtbar machenden Wolkenhülle, und da sie in sich andre furchtbare Blitze birgt, verleiht sie ihm die Stärke von zwölf oder zwanzig Männern. Trotzdem besiegt, führt er nach dem Siegfriedslied den Sieger ins Innere des Berges zum Nibelungenhort, der unter Anderem ein Schwert, den Blitz, hat, das allein den Feuerdrachen töten kann. Und noch nicht des fantastischen Spiels mit den Blitzerscheinungen genug: auf dem Schatze ruht als Köstlichstes „von Gold ein Rütelein“, das den Schatz der Wolke aufdeckt und ihr das regensreiche Naß entlockt und den Besitzer zum Meister aller Menschen macht. Des Rüteleins Zauberkraft ist dann spät auf die sich gabelnde Haselrute, das Abbild des zackigen Blitzes, die „Wünschelrute“, übertragen, mit deren Hilfe der Mensch im Schoß der Erde Gold oder Wasser aufspürt und die ihn in Bayern vor Blitzgefahr schützt. — In diesen Vorstellungskreis gehört auch der Tiroler Alber oder Alp, der niederdeutsche Alf oder Dräk (Drache), eine feurige Lufterscheinung, die auch „Tragerl“ in Ostreich heißt, weil er den Leuten das Gut Anderer zuträgt; in Pommern, wenn er blau ist, Korn, wenn er aber rot ist, Gold. — Überhaupt wurden in verwandte Feuererscheinungen, wie Irrlichter und St. Elmsfeuer, allerhand elfenhafte Spukgestalten hineingesehen, die der Wanderer plötzlich vor sich hergehen sieht, die ihm grinsend immer winken und ihn in die Irre leiten. Auch setzen sie sich gern auf den Wagen. Die Dorftiere, die sich oft mit tellergroßen feurigen Augen stets in derselben Gasse oder draußen auf demselben Wege zeigen, sind zum Teil aus solchen örtlichen Lichterscheinungen hervorgegangen. Diese Gewitter- und Gebirgselfen waren aber nicht nur Handhaber und Besitzer jener eigenartigen Waffen, Geräte und Schätze, sondern, als die bewunderte Schmiedekunst sich entwickelte, als die Donnersteine, -keulen, -beile, -hämmer und Peitschen durch Bronzeäxte und -hämmer, Speere und Schwerter ersetzt wurden, da wurden diese gewandten Blitzelfen, unterstützt von den das Essenfeuer anblasenden Windelfen, die Meisterschmiede der Welt.

Einen voll und schon anekdotenhaft ausgebildeten Mythus weiß von ihnen die Prosaedda zu erzählen: Als Thor einst bemerkte, daß seiner Gemahlin Sif das Haar von Loki abgeschoren sei, da hätte er sicherlich dem gepackten Frevler alle Knochen zermalmt, wenn ihm dieser nicht geschworen, ihr aus Gold neues, wachstumfähiges Haar fertigen zu wollen. Da fuhr Loki zu den Schwär seifen, Iwaldis Söhnen, die das gewünschte Haar für Sif, ferner das Schiff Skidbladnir für Freyr und den Speer Gungnir für Odin schmiedeten. Trunken von seinem Erfolg, verpfändete Loki mm sein Haupt dem Zwerge Brokkr, falls dessen Bruder Sindri oder Eitridrei gleich wertvolle Kleinodien fertigte. Da legte Sindri eine Schweinshaut in die Esse und hieß Brokkr mit dem Blasen nicht eher aufhören, als bis er die Haut wieder herausgezogen hätte. Als Sindri die Schmiede verlassen hatte, blies Brokkr, obgleich ihn eine Fliege in die Hand stach, fleißig weiter, bis Sindri kam und die Arbeit aus dem Feuer holte, einen goldborstigen Eber. Darauf legte er Gold in die Esse, und Brokkr blies, obgleich ihn die Fliege in den Hals stach, noch einmal so stark, bis Sindri kam und einen Goldring Draupnir aus dem Feuer zog. Endlich legte Sindri Eisen in die Esse, da stach die Fliege dem blasenden Brokkr mitten zwischen die Augen, daß das Blut ihm hineinrann, so daß er nichts sah. Und möglichst geschwinde griff er mit der Hand nach ihr und streifte sie ab; jedoch der Blasbalg war inzwischen in sich zusammengesunken. Wie nun Sindri zurückkam, sagte er, fast wäre alles verdorben, und nahm einen Hammer aus dem Feuer. Mit diesem und den beiden andern Kleinodien schickte er seinen Bruder Brokkr zu den Göttern nach Asgard, um Lokis Pfand einzulösen. Als Brokkr und Loki ihre Schmiedearbeiten herantrugen, setzten sich die Götter auf ihre Richtsttihle und beschlossen, daß Odin, Thor und Freyr das Urteil sprechen sollten. Da gab Loki dem Odin den Speer Gungnir, dem Thor das Haar für Sif, dem Freyr Skidbladnir und setzte die Tugenden dieser Arbeiten auseinander: daß der Speer nie auf seinem Stich stecken bleiben, das Goldhaar fest an die Haut anwachsen und das Schiff Skidbladnir überallhin günstigen Wind haben würde, außerdem wie ein Tuch bequem zusammengelegt und in die Tasche gesteckt werden könnte. Nun aber zeigte Brokkr seine Arbeiten: er gab Odin den Ring, von dem in jeder neunten Nacht acht neue Ringe von gleichem Gewicht abtröpfeln würden, dem Freyr den Eber, Gullinbursti, der durch Luft und Meer Nacht und Tag mit solcher Schnelligkeit laufen könnte wie kein Roß und dessen Borsten auch die tiefsten Finsternisse der Nacht und der Welt erhellten, und endlich dem Thor den Hammer, mit dem er jedes Wesen, auch das größeste, angreifen könnte, der nie fehlen und nach dem Wurf stets in seine Hand zurückkehren würde. Dazu wäre er leicht in einer Brusttasche zu bergen. Nur wäre sein Handgriff zu kurz geraten. Da fällten die Götter das Urteil, daß dieser Hammer das beste aller der Kleinodien wäre, und der stärkste Schutz gegen die Erzfeinde der Götter, die bösen Reifriesen, weshalb sie dem Zwerge das von Loki gewettete Pfand zusprachen. Loki erbot sich zwar, sein Haupt zu lösen, doch der Zwerg lehnte ab. „Nun, so greif mich!“ sprach Loki, war aber, als Brokkr ihn greifen wollte, schon über alle Berge, denn auf seinen Schuhen konnte er Luft und Meer durchlaufen. Nun bat der Zwerg den Thor, Loki zu greifen, und Thor griff ihn auch. Als aber der Zwerg ihm das Haupt abschlagen wollte, sagte Loki:

„Zwar hast du Anspruch auf mein Haupt, aber nicht auf meinen Hals.“

Da nahm der Zwerg einen Riemen und ein Messer, um die Lippen Lokis zu durchbohren und ihm dann den Mund zuzunähen. Weil aber das Messer stumpf war, meinte Loki, der Pfriemen seines Bruders würde dafür besser sein. Und sowie er ihn genannt, war der Pfriemen da und durchbohrte Loki die Lippen, die Brokkr zusammen nähte. Loki aber riß den Faden heraus. Dieser heißt Vartari. — Sieht man von der Rahmenerzählung ab, so erkennt man als ältere Füllung die Geschichte von zwei Gruppen kunstfertiger Dämonen, die um die Wette für die Götter Kunstwerke von durchweg völlig meteorischer Natur hersteilen. Zwar wird das Goldhaar der Sif gewöhnlich auf den Kornsegen der Erdgöttin gedeutet, aber es kann auch auf das Wetterleuchten bezogen werden. Das Schiff Skidbladnir ist offenbar die Wolke, die die Himmlischen trägt, bei jedem Winde weiter fährt und nach dem Regen wieder verschwindet, der Speer Gungnir ist der ruhelos zitternde oder sausende Wind, den Shakespeare des Wetters Speer nennt. Der Ring Träufler scheint ein Sinnbild immer sich erneuernden Reichtums, der Eber Goldborst ist die Sonne oder die blitzende Wetterwolke, wie denn die Griechen dasselbe Wort Argetes für die Blitze und die Eberzähne gebrauchten. Als Meisterstück wird aber trotz seines Fehlers der Hammer Mjölnir, der Zermalmer, hervorgehoben, der unter Blitz und Donner durch die Luft fährt, von selbst in die Hand des Donnergottes zurückkehrt und einen zu kurzen Stiel hat. So fliegt der Donnerkeil im Lenz- und Sommergewitter stets von neuem aus Thors Eisenhandschuh, ist aber im Winter schwach, was die Kurzstieligkeit auszudrücken scheint.

In dieser Sage sind alte Züge verborgen, deren meteorischer Sinn in den entsprechenden griechischen und indischen noch deutlicher hervortritt. Nach Hesiod verfertigten und schenkten drei Kyklopen, Brontes Donnerer, Steropes Blitzer und Arges Donnerkeiler, dem Zeus den Donner, Blitz und Donnerkeil, mit denen er die Titanen bezwingt und über Menschen und Götter herrscht. Die Blitzwaffe ist also auch wie im germanischen Norden das eigentliche Herrscherzeichen, das Schmiedemeisterstück. Nach dem jüngeren Apollodor werden aber auch andre Götter von den Kyklopen, wie oben von den Elfen, nämlich Pluton mit einer Tarnkappe und Poseidon mit dem Dreizack versehen. Den Elfen durch Wettermacherei, bösen Blick und kleinere Gestalt sind noch näher verwandt die griechischen Teichinen, die nach andern die ersten Eisen- und Bronzeschmiede hießen und dem Poseidon den Dreizack machten, auf deren Schätzen und Geschenken aber auch ein Fluch ruhte, wie auf dem Nibelungenring des Zwerges Andvari.

Die Schmiedekunst ist aber auch den indischen Ribhus eigen, deren Name, wie wir wissen (S. 146), mit dem germanischen Elfennamen überein stimmt, und auch ihr Meisterwerk ist offenbar der Blitz, und zwar auch dieser ein Geschenk an die Götter. Denn von diesen Männern der Luft, wie sie im Rigveda heißen, erklärt der eine das Wasser, der andre das Feuer, der dritte aber das Geschoßschleudernde d. i. den Blitz für die Hauptsache. Dem damaligen Götterkönig Indra, dem Donnergotte, schufen sie die falben Pferde d. h. die Blitze; an einer anderen Stelle zimmerten sie ihm den „Blitz“. Aber sie schufen auch Panzer und einen gedankenschnell um den Himmel rollenden Wagen, der an das nordische Wolkenschiff erinnert, und erneuerten aus einer Haut stets wieder eine Kuh, die dem aus einer Haut geschaffenen nordischen Goldborst ähnlich ist. Ja, von den germanischen Elfen, den Zwergen und Kasermännlein in Tirol, den englischen Pixies und den nordischen Huldren erzählt man hie und da noch heute, daß sie eine im Herbst in der Sennhütte zurückgelassene Kuh verspeisen und aus Haut und Knochen wieder, wie die Ribhus, lebendig machen, offenbar, weil sie im Frühling die befruchtende Wolkenkuh wiederbringen, wie auch die Ribhus gleich den Tiroler Albern die Kräuter wieder wachsen lassen. Der erste Ribhu heißt Ribhukschan Ribhukönig gerade wie der erste Elfkönig, und wie Ribhuschan dem Indra den Blitz schmiedet, so schmiedet der nordische Alfrik mit drei andern Zwergen den Halsschmuck der Freyja, der deutsche Alberich den goldnen Ringpanzer König Ortnits, und der „Elfenfürst“ Wieland ist der Meisterschmied. Das Auffälligste aber ist, daß auch in Indien ein Wettstreit dämonischer Künstler von den Göttern entschieden wird, wozu auch, wie im Norden der Feuergott Loki, so hier der Feuergott Agni die Hauptanregung gibt. Tvashtri d. h. der Künstler schuf außer dem Blitze für Indra noch für die Götter eine Trinkschale, die jene drei Ribhus getadelt haben sollten. Da stellte ihnen Agni die Aufgabe, aus der einen Schale vier für die Götter zu machen. Sie lösten die Aufgabe, und Tvashtri floh besiegt zu seinen Frauen. Diesem indischgermanischen, zum Teil auch griechischen Schmiededämonenmythus liegen gemeinsame Vorstellungen von überirdischen Gewittermächten zu Grunde, die nach den Anfängen der Schmiedekunst im Beginn einer angestaunten Technik bereits eine gemeinsame feinere Gestaltung empfangen hatten. Die himmlischen Götterschmiede wurden dann samt ihren zauberischen Werkstätten in den Schoß der Berge versetzt, wie denn die Kyklopen, nunmehr Gesellen des Meisters Hephaestos, in den Vulkanen am Mittelmeer ihre glühenden Essen hatten und die germanischen Zwerge in Erdhöhlen für Helden und gewöhnliche Menschen tätig waren.

Während die Übereinstimmungen dieser indischen, griechischen und germanischen Künstlersagen auf gemeinsamem naturmythischen Untergrund ruhen, scheint die noch auffälligere Übereinstimmung der germanischen Wielandssage mit dem Daedalos- und Hephaestosmythus aus den Kulturmitteilungen erklärbar, die schon in der älteren Bronzezeit aus dem hellenischen Süden mit der Spiralornamentik der Mykenaekultur quer durch Europa nach dem Norden wandelten. Aus der Mischung von altgermanischen Elfenmären mit Daedalos- und Hephaestosgeschichten entstand im Norden der poesievolle Künstlerroman, den uns das eddische Völundslied meisterhaft erzählt.

Wieland, ein Elfenfürst mit weißem Halse, und seine Brüder Slagfidr und Egil bemächtigen sich dreier badender Königstöchter, die bald als Walküren das Kriegshandwerk treiben, bald ihr Schwanhemd ablegen und am Seestrand friedlich Flachs spinnen. Aber nachdem sie acht Winter mit den drei Brüdern zusammengelebt haben, fliegen sie sehnsüchtig zum Kampfleben zurück. Egil und Slagfidr machen sich auf, um sie ostwärts und südwärts zu suchen; Wieland aber bleibt einsam zurück und schlägt rotes Gold und Edelgestein zu kostbarem Geschmeide zusammen, tief im Wolfstal, seiner lichten Geliebten Alvit harrend. Als er einmal auf der Jagd ist, dringen die Leute König Niduds in sein Haus und sehen staunend all die Schmiedeherrlichkeit, doch nehmen sie nur einen von den 700 Ringen weg. Wie Wieland nach der Heimkehr diesen Verlust bemerkt, hofft er, Alvit sei wiedergekommen. Er sitzt lange, bis er einschläft, um aufzuwachen freudlos, mit gefesselten Händen und Füßen. Da gab Nidud seiner Tochter Bödvild den Goldring, den er von der Bastschnur in Wielands Hause genommen hatte, er selbst trug Wielands Schwert. Auf den Rat der Königin, die des Meisters Rache fürchtete, zerschnitten sie ihm die Sehnen seiner Kniekehlen und setzten ihn auf die Insel Seestatt. Nun schmiedete er für den König aller Arten Kleinode, und niemand durfte zu ihm gehen als der König allein. Doch beim Hammerschlag sann der Schmied auf Rache. Als einmal die zwei Knaben des Königs neugierig in die Werkstatt kamen und in die Goldkiste schauten, schlug Wieland mit dem fallenden Deckel ihre Häupter ab und legte ihre Füße in den Schmutz unter dem Blasebalg. Ihre Schädel faßte er in Silber und schickte sie ihrem Vater, aus ihren Augen machte er Edelsteine und schickte sie ihrer Mutter, und aus den Zähnen machte er Brustringe und schickte sie ihrer Schwester Bödvild. Da begann diese ihren Ring, den einst Alvit getragen, zu rühmen … bis er zerbrochen war. Aber Wieland tröstete sie und versprach, ihn schöner wieder herzustellen. Er schläferte sie mit Bier im Stuhle ein und überwältigte sie. Lachend erhob er sich dann in die Luft, weinend ging Bödvild vom Eiland, voll Sorge um die Fahrt ihres Liebsten und den Zorn ihres Vaters. Der König war schlaflos über den Tod seiner Söhne, ihn fror sein Haupt. Da sah er Wieland fliegen und rief zu ihm hinauf:

„Was ist aus meinen frischen Knaben geworden?“

Und Wieland enthüllte ihm alles, aber der König hatte keinen Mann so kräftig, daß er jenen herabschießen könnte, und seine Tochter gestand ihm ihre Schande.

Weland, Wieland, altnord. Völundr bedeutet den Künstler gerade wie Daedalos. Er war Fürst der Alfen, der, von Zwergen belehrt, Ringe, Becher und Schwerter schuf und im Wettkampf mit dem Schmiede Amilias mit dem Schwerte Mimung den Preis davontrug. Er fertigte auch ein getreues Abbild von Regin, wie Daedalos die ersten menschlich gestalteten Bilder schnitzte. Er schwang sich aus der Gefangenschaft eines harten Herrschers, der ihn nicht frei lassen wollte, auf künstlichen Flügeln in die Lüfte, wie Daedalos. Bei diesem Flugversuch kam hier der mitfliegende Sohn Iearus, dort der brüderliche Fluggenosse Egil um. Auch Hephaestos wurde Daedalos zubenannt und wie Wieland in seiner Werkstatt die Bödvild, bedrängte Hephaest in seiner Werkstatt Athene.

Die zweite Elfenklasse, die der Windelfen, wird durch die alten Zwergnamen Vindalfr und Gustr Bläser bezeugt. In der Edda werden auch die Zwerge Austri, Vestri, Nor-dri und Sudri an den vier Himmelsecken erwähnt. Die beiden Diener des Gottes Freyr, ein Ehepaar Beyggvir Bieger und Beyla Buckel, scheinen ein paar anmutige Windelfen, deren Namen die gleichmäßige Senkung und Erhebung der Wellen bei ruhigem Wetter abspiegeln. Der Name des Zwerges Andvari, der auf den Ring des nordischen Nibelungenhorts einen Flüch legt, bezeichnet neuisländisch sanften Gegenwind, wie er sich denn auch in der Liederedda selber als Gustr zu bezeichnen scheint. Wie das Blitzgeschoß der Gewitterelfen bringt der Anhauch der Windelfen bei Mensch und Vieh Krankheiten hervor: norweg. alfgust, schwed. elfrebläst Elfenhauch ist eine Gliedergeschwulst, die auch der Sturm z. B. der wilden Jagd verursacht. Gewisse Krankheiten heißen fliegende Elbe, angelsächsisch aelf- oder lyftädl Elfen- oder Luftkrankheit. Man bindet Kindern als Gegenmittel Donnerkeile oder in Schwellden am Donnerstagabend verfertigte ,Elfenkreuze um den Hals.

Die windelfische Hauptform ist der Wirbelwind, männlich, aber auch, da seine Rundtanzbewegung gern dem tanzlustigen weiblichen Geschlecht zugeschrieben wurde, oft weiblich aufgefaßt. Schon Wolfram von Eschenbach und Berthold von Regensburg bekannt, geht der Pil- oder Bilwiz dessen Name westslavisch klingt, im östlichen Süd-und Mitteldeutschland mit Messern oder Sicheln an den Füßen Abends am Sonn wendtage oder am Veits- oder Peter und Paultage durch die Felder oder reitet auf einem schwarzen Bock, hinter dem Rauch aufsteigt, hindurch. So zieht er einen wellen- oder bockssprungförmigen Schnitt, einen fußbreiten Streifen der Verwüstung, durch das Getreide, den sog. Bilwiz-, Bilmes-, Bocks- oder Wolfsschnitt. Schon im 14. Jahrhundert galt er für ein männliches Gegenstück der Hexe und ist noch jetzt meist ein neidischer, mit Hexenkunst begabter Mann, der seines Nachbarn Getreide in seine Scheune hinüberzustehlen sucht. Früher war er wohl ein Wirbelwindgeist, der verheerend ins Korn brach, und vielleicht noch früher ein toll kreiselnder Bock, wie auch die Inder den Wirbelwind als einfüßigen Bock sich vorstellten. Seine wirbelnde Hast verwirrte und verfilzte im Mittelalter den Bart und die Haare, die dann „Pilbiszotten“ bekommen, und auch bei Hans Sachs bedeutet bilbitzen zausen und verwirren. Man hing diesem Wesen Knabenkleider am „Pilbisbaum“ auf.

Die Elfinnen, Maren, die vorarlbergischen Fenesleute und die vielleicht aus diesen entstellten Venediger, lauter Elfenvolk, fahren im Wirbel- oder im niederdeutschen Door-wind, die bairischen Truten, die oldenburgischen Walridersken erregen Windgäspeln d. i. Wirbelwind oder Trutenwind. Der Alpenelf „Almputz“ heult im Sommer vor gefährlichem Gewitter wie die Windsbraut und bezieht wie das „Kasermandle“ im Spätherbst die verlassene Sennhütte, ein einziges großes Auge auf der Stirne, — den Wirbelwind? Die Elfen verschenken einen Gürtel, der in einer Tiroler Sage noch ganz offen „Windsbraus“ Wirbelwind genannt wird und in vielen Sagen Mann, Baum oder Pfahl, um den er gelegt wird, im Nu zerreißt. Wo sich die Mare oder Trut ins Korn niederläßt, wird es schwarz wie da, wo der Wirbelwind es niedergelegt hat. So verdorrt der Brombeerstrauch, auf dem die Walriderske sitzt. Er kommt nicht zur Ruh, denn ein vom Mar bedrückter Baum zittert beständig, und der bewegte Tannenwipfel heißt englisch Mares’ tail, womit die Schiffersprache auch den sturmverkündenden Wetterbaum am Himmel bezeichnet. In den Zweigen, auf denen diese tollen Elfen rasten, entstehen struppige, nestartige Verknotungen oder auch die Misteln, daher Alpruten, Druden- oder , oder Marennester, Donnerbesen, Marenquasten genannt. Damit schlägt der Elf oder wird er geschlagen. Der daraus fallende Regentropfen bringt dem Betroffenen Alpdruck oder Kopfweh. Der Schwede hängt die Mareqvastar in den Stall, damit die Maren auf ihnen sitzen, anstatt den Pferden Ma-relockar in die Mähnen zu machen. Denn sie verwirren Pferd- und Menschenhaar zum Alp-, Druten-, Wichtel-, Hollenzopf oder -schwänz. Noch mehr: sie verwirren auch den Geist. Der Blödsinnige oder der Einfaltspinsel heißt daher auch Elbentrötsch, Elbst, Drut, Schrättel. Als Windgeister sind die Elfen diebisch: ein nordischer Zwerg hieß Erzdieb, der deutsche Elbegast oder Algast war „aller Diebe Meister“. Die elfischen Venediger der deutschen Sage, Wirbelwindsfahrer, entführen Leute weit weg, die Elfen stellen namentlich Erbsen und Frauen nach, so die lüsternen Zwergkönige Laurin und Goldemar. Jener Elberich bewältigt Ortnits, ein andrer Dietrichs und Hägens Mutter. Auch stehlen die Elfinnen Kinder der Menschen und lassen dafür die ihrigen zurück. Als Windgeister, die leise murmelnd oder laut drohend den Umschlag der Witterung ankünden, sind die Wildmännlein und -fräulein, die Fengen, die Schneefräulein in den Alpen, der nordische Marbendill auf der See des Wetters und dann überhaupt der Zukunft kundig und weissagen, namentlich wieder Elberich, und werden Warner der Menschen. Wie milde und kühlende Winde sind sie heilkräftig und schaffen dem Menschen schon im alten Norden Heilhände, „laeknishendr“: Musik und Tanz aber ist ihr Leben! Im sanft flüsternden, melodisch aufrauschenden Winde stimmen sie ihre verlockende Weise, den althochdeutschen Albleich das Elfenspiel an, der im Norden auch Elfvalek oder Ellaspel heißt, den Huldreslaat die Huldrenmelodie, das dänische Ellekongestykk das Elfenkönigsstück, das auch Erlkönigs Töchter zu ihren Nebelreigen um die grauen, dürr belaubten Weiden ertönen lassen. In Schweden tanzten noch vor etwa 100 Jahren die Bauern nach ihrer anmutigen Weise, die so lautete:

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Auch das vorarlbergische Nachtvolk macht liebliche Musik, wenn es durch die Luft fährt; aus den isländischen Alfarhöhlen hört man Sang und Tanz. Die Tiroler Saligfräulein, die bei drohendem Unwetter so traurig klagen, singen sonst so schön, daß der Zuhörer wie gefroren steht. Am Geigerstein im Unterelsaß hört man noch jetzt am späten Abend einen dämonischen Geiger spielen, der einst seine treulose Braut nebst ihrem Verführer und der ganzen Gesellschaft wie wahnsinnig um den Felsen tanzen ließ. Spielt er auf, gibt’s Sturm und Regen. Oberons d. i. Alberons des Elfenkönigs Horn regt unwiderstehlich zum Tanz auf, die Elfen selber führen bei Mondlicht im wrallenden Nebel Reigen auf, nordisch eile-, älf-, alfedans, engl, fairyring, die in den dunkleren, dichteren Ringen des Grases, den fairyrings oder Hexenringen, ihre Spuren zurücklassen. In ihren Tanz ziehen sie gern Menschen, um sie des Atems zu berauben und zu töten. Wer vermag ihrer leichten Schwebekraft und unersättlichem Wirbellust zu genügen? Maren, Walridersken und Schwanjungfrauen fahren aber auch gern in einem kreisenden Siebe, worunter die durchlässige Wolke verstanden wird, durch die Luft, und zuweilen klingt herrliche Musik herunter. Aber oft klagt auch die Elf in. Bei Windesgeheul sagt man in Westflandem: „Alwina (d. h. die Elfin) weint“. In stürmischen Nächten jammert das luxemburgische Buschgretchen. Wie diese Waldfrau ist auch die Haffru d. i. Meeroder Seefrau des Nordens ihrem innersten Wesen nach eine Windelfin. Denn auf den Färöern wird das Wetter gut, wenn der Marmennil, der Meermann, friedlich neben ihr auftaucht. Singt sie aber so schön, daß die Menschen darüber toll werden, dann kommt Unwetter. Die schwedische Haffru wäscht ihre Kleider am Ufer und breitet sie dort auf den Steinen aus, wenn der See schäumend heraufspült; bei Wind aber fährt sie über das Wasser und singt im Walde, und bei schwülem Wetter zankt sie mit dem Bergesherm, dem Bergwinde. So schwankt , die auch mit einem Manne, ihrem Gatten, zwistet, zwischen Wind und Wasser. In Böhmen fliegt sie mit ihren Kindern im Winde jammernd durch die Luft; geht jemand bei Sturm aus, so fährt Melusine in ihn, und er wird krank, also wie ein Elfenhauch. Wie dem Wind und der Frau Windin und ihren Kindern (s. u.), streut man ihr eine Handvoll Mehl in die Luft, und in den 12 Tagen vor Weihnachten, wo sie am stärksten tobt, wirft man ihr Nüsse in den Ofen und knallt in der Stube mit der Peitsche, um die Windsbraut zu vertreiben. Die ursprünglich wohl deutsche Sage von der Melusine oder Melusindis ist in Lusignan eine Wasserfrausage. Melusine gelobte sich einem Ritter zur Ehe, wenn er verspräche, sie niemals nackt zu sehen. Trotz seines Versprechens drang er nach vielen Jahren glücklicher Ehe, in der sie ihm sieben Kinder brachte, ins Badegemach seiner Frau und sah sie als völlige Schlange oder doch mit einem Schlangen- oder Fischschwanz. Voll Entsetzen stieß er einen lauten Schrei aus, und erzürnt entfloh sie ihrem Gatten auf alle Zeit. In Burgund hört man sie im Gewitter zürnen.

Auch die dritte Klasse, die der Wolkenelfinnen, verleugnet ihren Doppelcharakter nicht. Goethe empfand auf seiner Schweizerreise von 1780, wie die sich zur Erde senkenden Wolken dem Geiste schwer auflagen, und Annette von Droste-Hülshoff sah, daß die Wolkenschichte sich über die Heide legte „wie ein dunkler Mar“. Eine niederländische Mar verwandelt sich in eine schwarze Wolke mit gräulichem Sturm. Dem lang nachschleppenden Gewölk entsprechend steht der Walriderske Haar hinten aus wie ein Pechquast und tragen Huldren und Maren einen Schwanz. Sie haben, wie z. B. die westfälischen ken und das dänische Ellefolk, lange Brüste, dagegen einen Rücken hohl wie ein Backtrog, weil die sich ergießende Wolke schwer herabhängt, während sie oben sich leert. Wenn vor Gewitter diese Wolke leuchtet, gleicht sie einem Backofen, den jene Sgönaunken mit ihren langen Brüsten reinigen. Die wilden Frauen verfügen auch über einen Kessel gleicher Bedeutung, in dem sie Menschen sieden; oder sie verleihen einen Schatzkessel, wobei der Schatzheber von der Elfin schwarz angehaucht wird. Die Elfinnen und Maren fahren oft in Sieben, triefenden Wolken, unter Wirbelsturm oder lieblicher Musik. Und mehr und mehr kommt nun anderseits die Schwangestalt, der überirdisch lichte, schneeige Glanz der Wolke, zur Geltung. Die schwedischen Elfinnen stürzen sich als Schwäne aus der Luft ins Meer und in Teiche und sind alsbald die schönsten Mädchen. Hunderte von Sagen preisen die Holdseligkeit der Seligen, der Hollen, der weißen Weiber und Schwanjungfrauen, die Volkslieder namentlich die weiße Haut. Sie tragen oft einen weißen Schleier, ein schneeweißes, von einem Goldgürtel zusammengehaltenes Gewand oder Schwangefieder, unter ihrer goldenen Haube fließt langes blondes Haar hervor. In einem eddischen Liede bringen die Lichtelfen das Tageslicht, die Sonne, die Alfrödull d. h. Elfenstrahlenglanz heißt. Scheint die Sonne durch den Regen, so strählt sich nach deutschem Glauben die Elfin mit goldnem Kamme, offenbar mit den zinkenartig erglänzenden Regenstrahlen, das reiche Goldhaar. Schwebt dagegen aus dem feuchten Walde Nebel auf, so hängt sie auf den Büschen oder auch an den höchsten Wipfeln schneeweiße Wäsche zum Trocknen auf. Wenn der Nebel wie ein langer Faden oder ein Seil von einem Berg zum andern schwebt, so spinnen, weben die Elfinnen oder drehen gar Seile. Sie schöpfen Wasser, wenn der Dunst über den Bach oder den See zieht, und gießen es als Tau über die Wiesen und Felder. Der aus gepflügtem Acker aufsteigende frische Erdgeruch rührt von den Kuchen her, die sie oder ihre Männer backen und auch wohl der ackernde Knecht als Lohn am anderen Ende der Furche findet. Wenn aber das Gebirge im Morgengrauen lustig dampft, so backen die Elfen nicht nur, sondern brauen und schmieden auch. — Sie verschwinden wie ein Nebelhauch, ein Schatten und nahen wieder auf „Elfenzehen“. Nebelhülle bedeutet die Nebel-, Hel- und , der altnord. huldarhöttr, der norweg. uddehatt. der schwed. hvarfshatt d. i. Hulden- oder Zwerghut. Zuweilen verdichtet sich der Nebel und wird dann wieder lichter, so daß man einen Augenblick ein Stück imbekannter Landschaft im Sonnenglanze vor sich sieht; dann zaubern die Elfen mitten in der Wildnis die Fata Morgana hervor, die gartenartigen Hullahöfe.

Der Wohnort aller dieser Elfen ist naturgemäß die Luft. Darum dachte man sich im Norden Alfheinir das Elfenheim am Urdarbrunnen unter der Esche Yggdrasel, dem Wolkenbaum. Infolge einer schon in die Prosaedda eingedrungenen christlichen Vorstellung von der Wohnung der Engel im dritten Himmel wurden die Lichtelfen von ihrem alten Sitz in diesen dritten Himmel versetzt. Das Elfenreich heißt auch später , aus dem die Schwanjungfrauen, Walridersken und Maren in ihren Sieben fahren und zu dem sie von den „Glocken von Engelland“ zurückgerufen werden. Meistens ist aber das Elfenreich auf der Erde oder gar in die Erde herabgesunken.

In Deutschland erzählte man von anmutigen Elfenwiesen, auf denen sich das in einen Brunnen gefallene Kind plötzlich zu freudiger Überraschung wiederfindet. Die Schweden kennen einen Elfträdsg&rd, einen Garten, der Schneeballbüsche mit Gold- oder Edelsteinfrüchten trägt, oder auch einen Rosenwald, in den Elfenkönigs Tochter einen Bräutigam hineinlockt, so daß ihm darin 40 Jahre vergehen wie eine Stunde. Hier kommen alte Mythenzüge zum Vorschein. Denn nach Saxo stieg ein Weib mit Blumen im Schoß plötzlich aus der Erde neben dem Dänenkönig Hadding auf, als dieser bei seiner jungen Frau saß, und entführte ihn in ihrem Mantel unter die Erde, um ihm den stark ausgetretenen Pfad zur Unterwelt zu zeigen. Nachdem sie durch einen dicken Nebel gedrungen waren und mehrere in Scharlach gekleidete Edle unterwegs gesehen hatten, kamen sie auf ein sonniges Feld, von dem jener Blumenschmuck stammte. Dann überschritten sie einen Speere dahinwälzenden Fluß, jenseits dessen zwei Schlachtreihen miteinander stritten, die Waffentoten, die dort den Kampf des Lebens fortsetzten. Als weiterhin eine hohe Mauer den Weg versperrte, warf Haddings Führerin den abgerissenen Kopf eines Hahns hinüber und horch! der König und das Elfenweib vernahmen einen hellen Hahnschrei, wie einen Ruf aus dem Lande der Unsterblichkeit. Die berühmtesten solcher Elfenreiche sind die durch die deutsche Heldendichtung des 13. Jahrhunderts verklärten Rosengärten. In dem auf einer Rheinaue gelegenen Wormser Rosengarten herrschte König Gibich d. h. der Freigebige, Gütige, der im Harze bei Grund als Gübich oder Hübich Gold und Silber und bei Nienburg als Zwerg Gäweke freundlich Kuchen spendet. Den andern Rosengarten, der auf einer üppigen Halde bei Meran liegt, besaß der Zwergkönig Laurin. Solch ein Garten ist mühselig zu erreichen, er heißt ein Paradies oder ein Himmelreich auf Erden. Er schwillt über von Rosen, und ein Jahr darin vergeht wie ein Tag. Blütenpracht und Kriegsgetümmel sind auch hier vereinigt wie in jener dänischen Unterwelt, mitten unter den Rosen werden blutige Kampfspiele getrieben.

Auch sonst nannte man im Mittelalter Belustigungsplätze Rosengärten, ob sie mm dicht vor dem Stadttor, wie der 1288 erwähnte Rostocker, oder hoch oben auf dem Rücken des Thüringer Waldes, z. B. über Tambach, lagen. Wiederum haben andere Rosengärten eine scheinbar entgegengesetzte Bedeutung. In den Oldenburgischen Heiden wurden öde heidnische Grabstätten so genannt und weiterhin auch die christlichen Totenhöfe in Grabinschriften und in Volksliedern.

„Hier lieg ich im Rosengarten und muß auf Weib und Kinder warten.“

Es ist wiederum die Bedeutung des Paradieses, aber die ernstere des Jenseits, im Gegensatz zu jenem weltlichen Paradiese. An viele deutsche Rosenauen, -berge und -täler knüpfen sich Sagen und Beziehungen desselben Sinnes. Sie gelten alle für echt deutsche Paradiese, und man darf weder die fremde Herkunft des Blumennamens, der erst in der althochdeutschen Zeit eingeführt scheint, noch auch die spätere Einführung der gefüllten Centifolie dagegen einwenden. Denn auch die volldeutschen entsprechenden Örter, wie Buttelloh und Buttelberg (oft in Butterberg entstellt), teilen die Eigenschaften der Rosengärten und haben deren Sagen, und auch Deutschland hatte ein paar Dutzend heimischer Rosenarten, die lieblichen Hecken- oder Buttelrosen. Wie man jene Schneeballbüsche in den weißen Wolken, jene Gold- und Edelsteinfrüchte in den funkelnden Lichtem derselben zu sehen glaubte, so schien der Himmel bei Sonnen-auf- oder Untergang in überschwänglicher Rosenpracht zu erblühen. Hier dachten sich die Griechen die Gärten ihrer elfischen Hesperiden und die elysischen Gefilde, die Aufenthaltsörter der Seligen, die Iren die Inseln ihrer Feen und Seligen und so nun auch die Germanen die Gärten der Elfen und, wie es scheint, auch die Wohnorte der Verstorbenen. Diese waren häufig mit dem Gesicht gegen Osten, gegen den elfischen Rosengarten des Morgenrots gewandt, begraben. Ob man sich wirklich dem Gedanken an ein ewiges Leben im Jenseits näherte, davon wird später die Rede sein.

Die drei verschiedenen Klassen der Luftelfen, die schon unter sich vielfach in einander verschwimmen, gehen nun noch außerdem in die mehr irdischen Elfengeschlechter über, weil die Wettererscheinungen unmittelbar auf die Erde hinüber wirken, auf die Berge, Wasser, Wälder und Felder. Sie kommen nun den Menschen noch näher, sie belauschen sie noch häufiger und werden von ihnen belauscht, mit noch mehr Vertrauen und noch mehr Furcht treten sie einander gegenüber.

Die Berg- oder Erdelfen heißen im Norden gewöhnlich kurzweg Alfar auf Island und den Färöern aber auch folk d. i. verborgenes Volk, in Norwegen in Schweden Jordfolk, Erdvolk, in Dänemark , seltner Dverg. In Deutschland heißen sie Zwerge, Quer ge, Querxe, Unterirdische, Wichtel- oder Erdmännlein, Fenesleute u. s. w., in England dvarfs. Die reichsten Sagen haben die Alpenländer, die mitteldeutschen Bergbaubezirke, Norddeutschland, England, Dänemark und Island. Die ältesten knüpfen sich an Steine und Löcher von eigentümlicher Form oder Eigenschaft; die jüngeren an Bergbaustriche. Die durchweg neueren Kohlengruben haben kaum neue Zwergsagen hervorgebracht. Die Zwerge wohnen unter oder in Steinen, Höhlen und Erdlöchem, unter Baumwurzeln und in Gräbern. Der von Thor ausgefragte und überlistete Zwerg Alvis haust nach einem Eddalied in der Erdtiefe unter einem Stein, der Zwerg Andvari hat den Nibelungenhort in seinem Stein. Die Bergelfen sind meist klein, von gedrungenem Körper, oft mißgestalt, bucklig und dickköpfig, daher in Brandenburg „Dickköppe“ genannt, ältlich, nützlich, graubärtig, blaß, fahl um die Nase wie jener Alvis, und dazu oft noch enten- oder geißftißig. Doch ihre Weiber sind überwiegend lieblich. Namentlich auf Island haben auch die Bergalfar Menschengröße, und man findet Schöne und Häßliche, Junge und Alte darunter. Die Zwerge tragen vorzugsweise gern unsichtbar machende Tarn- oder Nebelkappen oder breitrandige Hüte. Gelingt’s, diese ihnen beim Hochzeitsmahl oder beim Erbsenstehlen mit einem Sack oder Seil abzustreifen, so sind sie plötzlich sichtbar und suchen das Weite. Sie sind mit grauem, oft langem Kittel angetan. Die Kraft Laurins wie die der färörschen Zwerge steckt in ihrem Gürtel. Einige schwingen Peitschen und reiten auf Böcken. Im Echo hört man der Zwerge Sprache, das dverga mäl. Sie verschwinden wie der „Schwick“. Sie gelten für geschickt, listig, diebisch, wie denn Alfrik in der Thidrekssage der große Stehler heißt, und für trügerisch, aber sie sind auch ebenso hilfreich den Menschen, wie ihrer Hilfe bedürftig, ebenso dankbar für Wohltaten, wie rachsüchtig nach einer Beleidigung. Durch die bekannten Elfenkünste des Backens, Brauens, Butterns und Spinnens tun sich auch die Bergelfen namentlich in der zwar jünger überlieferten, keineswegs aber deshalb späteren Volkssage hervor, jedoch auch durch die höhere Schmiedekunst, die neben ihrem Gold- und Silberreichtum sie besonders auszeichnet. Der Nibelungenhort gehört den Zwergkönigen Nibelung und Der schatzmehrende Gold ring Andvaranaut ist im deutschen Schatz durch die Wünschelrute vertreten. Die Zwerge der Volkssage belohnen Dienste der Hebammen und anderer Leute mit Gold und Kostbarkeiten. Auch Verirrter erbarmen sie sich hie und da und stecken ihnen zum Trost Gold und Silber ein, wie z. B. der Zwerg Hübich dem Försterssohn, der sich auf einen Stein bei Grund im Harze verstiegen hat. In Märchen, doch wohl fremder Herkunft, hüten Zwerge noch Kostbareres, das Wasser des Lebens, die nordischen Zwerge Fjalar und Galar in einer geschmacklos verkünstelten, nur halbechten Skaldengeschichte den Met der Dichtung. Sie erschlugen nämlich den allweisen Menschen Kvasir, der aus dem Speichel entstanden war, den die Götter und die Wanen zur Bekräftigung des zwischen ihnen geschlossenen Friedens in ein gemeinsames Gefäß gespieen hatten. Kvasirs Blut fingen seine Mörder im Kessel Odrörir d. i. Geisterreger oder Verjüngungstrank und in den Gefäßen Sön und Bodn, Brau- und Einladungsgefäß, auf und mischten ihm Honig bei. Wer von diesem Trank genießt, wird Dichter oder Gelehrter. Den Göttern logen die Zwerge vor, der arme Kvasir sei in seiner allzu großen Weisheit erstickt.

Echteren Gehalt haben die Schmiedesagen. Die Bergelfen sind nun nicht mehr die vornehmen himmlischen Schmiede im Dienst der Götter wie die Luftelfen (S. 157), sondern sie schmieden in der älteren Literatur für Helden Sclvwerter und für deren Frauen kostbaren Schmuck, in der jüngeren Volksüberlieferung für die gewöhnlichen Menschenkinder namentlich scharfe Messer, Kessel und allerlei Hausrat. Jene Heldenschwerter beißen Eisen und Stein, sind aber auch wohl, wie Tyrfings Schwert, mit dem Fluch belegt, drei Neidingswerke oder Verbrechen auszuüben. „Fein wie ein Wichtelgeschmeide“ sagte man in Schweden, und in Norwegen heißt der glänzende Berg-krystall „Dvergsmie“ Zwerggeschmeide. Die Schmiedesagen des Volks haben einen hochaltertümlichen Zug treu bewahrt, über den die ältere germanische Literatur schweigt. In Berkshire war es Brauch, dem Wayland smith, in dem wir den schmiedekundigen Elfenfürsten Wieland (S. 161) wiederfinden, vor seine schon im 10. Jahrhundert bezeugte „Welandes smidde“, ein altes Steindenkmal, ein etwa abgelöstes Hufeisen und ein Stück Geld zu legen und sich auf kurze Zeit zu entfernen. Kam man zurück, so war das Geld weg und das Pferd neu beschlagen. Ein schwedischer „Bergschmied“ erbot sich gleichfalls, alles zu schmieden, wenn man nur Eisen und Stahl auf seine Bergklippe legen wollte. In Westfalen, wo es so viele Höhlen und alte nach Eisen durchwühlte Bergwerke gibt z. B. um Iserlohn und Osnabrück, auch am Harz und in den Ardennen legte man den Zwergen, Sgönaunken und wilden Gesellen gleichfalls Eisen und Lohn oder einen zur Zahlung verpflichtenden Bestellzettel vor die Höhle, auf dem am andern Tag der Preis für das daneben gelegte Gerät stand. Wer aber nicht zahlte, oder gar den Platz vor der Höhle übermütig und undankbar beschmutzte, der wurde von einem glühenden Rade verfolgt. Am Harz und in Jülich borgten die Leute Geschirr für ihre Hausfeste oder Kirmessen von den Quergen und Heinzelmännchen und setzten ihnen dafür nachher Kuchen und andre Hochzeitsspeisen oder Kirmess-wecken hin. Bei Verviers legte man auch Hanf und Wolle den Zwergen in die Höhle und fand es am andern Morgen gesponnen. Einen ähnlichen geheimnisvollen Tauschhandel der Bevölkerung mit ihrem zauberkundigen Schmiede kannte schon Pytheas im 4. Jahrhundert v. Chr. auf der vulkanischen Insel Lipara: wenn man dort ein Stück rohes Eisen vor die Hephaistische Kyklopenwerkstatt lege, so könne man gegen Bezahlung am andern Morgen ein fertiges Schwert, oder was man sonst wünsche, abholen. Und noch heute erwerben sich die wilden Weddahs auf Ceylon ihre kleinen eisernen Äxte und Pfeilklingen vom benachbarten singhalesischen Dorfschmied dadurch, dass sie ihm nachts etwas Dörrfleisch und Honig nebst dem aus Ton oder einem Blatt gefertigten Modell jener Waffen vor die Türe legen. Ist die Arbeit fertig, so hängt der Schmied sie an die Türe, von wo sie der Weddah bei Nacht abholt Ist dieser damit zufrieden, so fügt er dem Lohne noch ein Geschenk hinzu.

Als man nun anfing, ins Innere der Erde einzudringen, um ihre Metalle auszubeuten, wurde aus dem Schmiedezwerg ein Bergmann, Bergmönch, Berggeist, der plötzlich aus gold- und silbergefülltem Gestein hervortrat, bei der Arbeit half, reiche Adern zeigte und sich auch außerhalb des Bergwerks der armen, schwachen, verirrten Arbeiter annahm. Vor dem Gehämmer und Gepoche ziehen sich diese Zwerge aber zurück und können im Schacht namentlich Pfeifen nicht leiden. Auf einer der Färöern flohen die Zwerge, weil zwei Burschen einmal fluchten und sich rauften, und spalteten den großen Zwergenstein auf Skuvoy. Glockengeläut hat sie aus manchen Bergen vertrieben, aus dem Halberstädtischen aber der alte Fritz bei seinem Regierungsantritt verwiesen und zwar ins Schwarze Meer.

Auch abgesehen von den Schmiede- und Bergmannsgeschichten sind die germanischen Berge und Höhlen reich an den mannigfaltigsten Bergelfensagen, von denen wir drei charakteristische Gruppen herausheben, eine vom Südfuße des Schwarzwalds, eine mehr mittel- und norddeutsche und eine isländische. Dort tut sich die Tropfsteinhöhle bei Hasel mit ihren unterirdischen Gewässern und blitzenden Krystallen auf, alte Schachte weisen auf früheren Bergbau, und aus den Löchern des nahen Dinkelbergs steigen oft auffällig starke Erddünste auf. Idyllische, humorvolle Gemütlichkeit atmet die dortige Sage, wie die später dort entstandene Hebelsche Poesie. Die mittel- und norddeutsche Zwergsage hat oft einen ernsteren und bedeutenderen Inhalt. In Island sehen namentlich die Bewohner der einsamen Bauerhöfe in der ewigen Nacht der Julzeit die Alfar aus den umnebelten Klippen und Blöcken leibhaftig herauskommen, die daher Alfaheime, Alfaburgen und Zwergberge heißen. Fels und Hof, Alf und Mensch treten in einen scheuinnigen Verkehr und beeinflussen gegenseitig ihr Schicksal. Das Dämonische und wieder das Realistische ist wie in Ibsens Dramen weit stärker herausgearbeitet als in Deutschland; und dieser Kontrast erzeugt dann gelegentlich eine tiefe Leidenschaftlichkeit. Die von den mittelalterlichen Sagaschreibern vererbte Vortragskunst hat einzelnen dieser Geschichten eine große Gewalt des Ausdrucks verliehen. Gewiß sind manche modernere Motive in diese neuere Alfarsaga eingedrungen, aber z. B. der darin beliebte Kirchenbesuch zur Julzeit, von dem wir noch hören werden, ist nur die neuere Form des altüblichen Verwandt-und Freundschaftsbesuchs zu dieser altheiligen Festzeit und steht mitten in der heidnischen Bergelfensage, wie der berühmte Kirchenbesuch der Kriemhild und der Brunhild mitten in der heidnischen Nibelungensage.

Unsre erste Schwarzwaldsage knüpft noch einmal an die Bergmannssagen an. Zwei Erdmännle führten einst einen Bauer in jene Haseler Höhle, worin er viele tausend kleine Leute mit der Gewinnung von Gold und Silber beschäftigt sah. Nicht nur bei seinem Abschied von der Höhle, sondern für jede Abendsuppe, die er ihnen seitdem daheim hinsetzte, schenkten sie ihm ein Goldstängelein, und so wurde er ein reicher Mann. Da trieb ihn die Neugier, zu erfahren, was-sie denn für Füße unter ihren langen Kleidern hätten. Er streute ihnen unbemerkt gesiebte Asche in den Hausgang und siehe da ihre Fußstapfen glichen denen von Gänsen. Als aber die Erdmännle das merkten, verließen sie die Gegend, und der Bauer erkrankte alsbald und starb. Nach mündlicher Mitteilung aus Öflingen streute ein vorwitziges Haseler Bübchen die Asche. Diese in Deutschland weit verbreitete Sage beansprucht ein höheres Alter: schon im Mittelalter hören wir von einem Zwergkönig Goldemer, später Volmar genannt, der wie ein Schatten, jedoch mit maus- oder froschweichen Händen versehen, auf dem Schlosse Hardenstein an der Ruhr in Freundschaft mit dessen Herrn Neveling lebte und in dessen schöne Schwester verliebt war. Er würfelte und zechte mit dem Ritter und schlief sogar mit ihm in einem Bette. Er entzückte durch sein liebliches Saitenspiel, beantwortete schwierige Fragen, warnte rechtzeitig seinen Freund vor feindlichen Anschlägen und hielt den Mönchen der Umgegend ihr sündhaftes Leben vor. Als ihm aber einmal ein vorwitziger Küchenjunge Asche streute, drehte er ihm das Genick um, briet ihn an einem Bratspieß und belegte das Geschlecht der Hardenberge mit einem Fluch. Er ist offenbar der noch früher bezeugte Zwergkönig Goldemar, der nach einem epischen Bruchstück in einem. Gebirge Trütmunt — es ist doch wohl das Ruhrgebirge bei Dortmund gemeint — eine Königstochter entführte und gefangen hielt, bis Dietrich von Bern sie befreite.

Wo aus dem Dinkelsberg bei Schopfheim oder der Fullhalde bei Waldshut Erddünste aufsteigen, da brachten die Erdweiblein oder die Herrmännlein den Ackersleuten von ihren frisch gebackenen Kuchen und legten ihren Kindern Spielzeug auf die Bettdecke, damit sie nicht in Abwesenheit der Mütter schrieen. Sie spannen in den Lichtstuben fleißig mit, verließen sie aber stets um 10 Uhr, damit ihr Herr sie nicht auszanke. Die Männlein halfen in der nahen Hammerschmiede bei Hausen, schlissen den Hanf, fütterten das Vieh, schnitten die Frucht und banden Garben mit den Menschen. Bei diesen gemeinsamen Arbeiten aber kam es doch auch zu Mißhelligkeit, So sprang einmal beim Garbenbinden einem Erdmännle ein Knebel so heftig an den Kopf, daß es kläglich aufschrie. Da liefen alle Erdleute herbei, doch als sie erfuhren, was geschehen, gingen sie mit den Worten: „Selber than, selber han!“ wieder beruhigt auseinander. Den vollen Sinn legt aber erst die Vorarlberger Sage bloß: einem geschwätzigen Wildweibe stellt sich ein listiger Bauer unter dem Namen „Selb“ vor und klemmt sie dann, ärgerlich über ihre Zudringlichkeit, in eine Holzspalte. Auf ihren Angstruf eilt das wilde Feng-männlein heran und fragt sie, wer ihr das getan habe. „O! Selb than!“ erwidert sie. Da lacht das Männlein auf: „Selb than, selb han!“ Dasselbe mythische Anekdötchen spielt sich an der Ostsee zwischen einer Nixe und einem durch sie gereizten Schiffer ab. Odysseus überlistet den Polyphem mit einem ähnlichen uralten Kniff, wenn er sich ihm als Niemand angibt.

Und so lassen sich auch noch die anderen harmlosen Sagen des alemannischen Schwarzwaldwinkels in höheres Altertum zurückverfolgen. Die dortigen Zwerge nehmen Kuchen und Obst für ihren Dienst gern an, aber in Brot gebackenen Kümmel fliehen sie gleich den andern deutschen Zwergen, und Unrat, Fluchen, Grobheit der Menschen ist ihnen verhaßt. Auch hier kehrt das Motiv wieder, daß ein neuer Anzug, den z. B. ein Müller einem schlecht gekleideten Erdmännchen zum Dank für seine Arbeit auf den Mühlstein legt, dieses für immer aus der Mühle vertreibt. Ein westfälisches Schanholleken, das einem Schuster fleißig geholfen hatte und von ihm mit einem neuen Anzug belohnt worden war, rief lustig: „Ich bin ein Bürschchen hübsch und fein, ich brauche nicht mehr Schuster zu sein!“ So rufen die beschenkten Pixies in Devonshire: „Now the Pixies’ work is done, we take our clothes and off we run?“ Ein Wichtelmännchen von der Werra bekannte schon im fahre 1336 einer Nonne, daß es gern Eier, Butter und Kuchen annähme, aber Störung und Neckerei nicht vertrüge. Doch kleine Bogen und Kinderschuhe waren den Zwergen zum Spielzeug recht, denn Burkhard von Worms tadelte ums Jahr 1000 den Brauch, den Satyri und Pilosi derlei in den Keller oder die Scheune zu legen, damit sie andrer Leute Sachen darin zusammentrügen.

Aber noch eine andre alte Erdmännchengeschichte lebt hier am Schwarzwald fort: ein Mann hielt einen offenen Sack vor eine Höhle bei Hasel, um einen Dachs zu fangen.

Wirklich sprang auch etwas hinein, und er zog mit seiner Beute ab. Plötzlich rief in seiner Nähe ein Erdmännlein: „Krachöhrle! wo bist du?“ „Auf dem Buckel, im Sack!“ antwortete es aus dem Sack. Nim wußte der Mann, daß er ein Erdmännlein gefangen hatte, das er dann auch ungesäumt in Freiheit setzte. Nach einer andern Überlieferung ist aber das Gefangene wirklich ein Tier. So fing bei Muri in der Schweiz ein Bursche ein Ferkelchen, das hinter dem wie eine laut wühlende Schweineherde den Berg heraufziehenden wilden Heer dreinlief, in einen Sack. Wie er es aber heimtragen wollte, vernahm er eine Stimme aus dem Windsgebrause herab: „Hagöhrle (Krummöhrlein), wo bischt au?“ und sogleich antwortete es im Sack: „Ins Heiniguggeli’s Sack inne!“ Vor Schreck ließ der Heiniguggeli den Sack fallen und sprang davon. Die Zugehörigkeit des gefangenen Tiers zum wilden Heer bestätigt weiter die havelländische Sage, nach der einmal die wilde Jagd über Ernst Koppe kam, der einen Dachs in einem Sack gefunden hatte. Einer von der wilden Jagd fragte: „Sind wir alle zusammen?“ „Ja“, sagte ein anderer, „bis auf die einäugige Sau, die Emst Koppe in seinem Sack gefangen hat“. Und als dieser zu Hause nachsah, fand er richtig eine alte einäugige Sau und keinen Dachs darin. Die Dachse galten in den Kamemschen Bergen des Havellandes für die unterirdischen Schweine der Frau Harke, einer Zwergkönigin, die mit ihren Tieren oft bei den Jägern vorbeihuschte „wie eine wilde Jagd“. — Und nun verstehen wir die dunkle Sage. Bei stillem Wetter leben diese Windtiere ruhig in gewissen Höhlen, die ja auch „Windlöcher“ heißen, wie bei Windstille die griechischen Winde in der Höhle des Aeolos, und Odysseus hielt diese in einen Lederschlauch gebannt, bis seine neugierigen Gefährten ihn zu ihrem Unglück öffneten. Der Nordmann Ogautan hat einen „Wetterbalg“, aus dem, wenn man ihn schüttelt, so starker Sturm und so heftige Kälte hervorbricht, daß in drei Nächten das Wasser vom dicksten Eis bedeckt ist. „Unsen Herrgott is de Windbüdel reten: nu makt he den Sack apen“ oder „de Jungens hebben den Sack apen makt“ sagt man noch bei Wind in Mecklenburg. Wie man den Wind aus dem Sack loslassen kann, kann man ihn auch im Sack fangen, das einäugige Tier der wilden Jagd d. h. den Wirbelwind. Und noch gibt man den Kindern bei Waldshut auf: „Wenn der Luft recht goht, dno (dann) nimmt man en Sack und hebt en uf gegen de Luft, no fahret Dilldappe drin“. Der Dilldapp heißt aber sonst in Süddeutschland Hilpetritsch, Elpentrötsch, Olpetriitsch, er ist ein elfischer Windgeist.

Dem Schwarzwälder Zwergsagenkreis werden auch folgende gemeingermanische Züge nicht gefehlt haben. Überall in Süddeutschland wie im höchsten Norden rauben die Zwerge Kinder und legen ihren Wechselbalg, Kielkropf, Umskiptungr in die Wiege. Da muß die beraubte Mutter angesichts des verhaßten Balges Bier in Eierschalen kochen oder in einen ganz kleinen Topf einen aus vielen Stöcken hergestellten ellenlangen Rührlöffel stecken. Denn bei diesem Anblick läßt sich der alte häßliche Balg zu einem plötzlichen Aufschrei des Erstaunens hinreißen, er ruft:

„Nim bin ich so alt wie der Bremer Wald“, oder „Nun bin ich so alt und hab’ einen langen Bart und bin Vater von 18 Kindern in Alfheim und doch habe ich nie einen so großen Flegel in einer so kleinen Grütze gesehen“.

Nun hat die Mutter guten Grund, ihn unbarmherzig mit der Rute so lange zu schlagen, bis auf sein Geschrei die Zwergin das gestohlene Kind wieder bringt und mit ihrem Balge abzieht.

Süd- wie nordgermanisch ist die Sage von der elfischen Kindbetterin, die der Menschenhilfe bedarf. Plötzlich steht ein Zwerg vor einer Frau und bittet sie flehentlich, seinem Weibe Hebamme zu sein. Er führt sie in ein hübsches Höhlengemach hinein, wo ein kleines Weiblein in schweren Wehen liegt. Die Frau braucht nur die Hand ihr auf den Leib zu legen, und das Kind wird glücklich geboren. Dann wird sie entlassen, reich beschenkt, oft mit einem in der Familie sorgsam gehüteten Schmuck. So schützt ein der Frau von Alvensleben von einer solchen Zwergin geschenkter Goldring das Gedeihen ihres Geschlechts. Geht er verloren, so muß es erlöschen. In der altnordischen Göngu-Hrolfsaga Kap. 15 trat eine Alfkona aus einem Hügel, um dem Hrolf die Jagd auf einen zum Hügel geflüchteten Hirsch zu verweisen. Sie bat ihn dann zu ihrer Tochter, die im Kindbett lag. Hrolf fuhr mit der Hand um diese, sie kam sofort nieder, und die Mutter schenkte ihm einen Ring, der ihn vor aller Irrfahrt Nacht und Tag, zu Wasser und zu Land bewahrte. — Die Hebamme von Harzgerode, die ein Nix zur Entbindung einer Nixe rief, bekam von dieser ein Handtuch. Wie sie sich einst damit das eine Auge getrocknet hatte, erkannte sie auf dem Markte die Nixe. Sobald aber diese das merkte, spie sie in ihre Schürze und strich sie über das Auge der Hebamme, die sie fortan nicht mehr sah. Die eigentümlichsten Züge der Alvenslebenschen und der Harzgeroder Sage vereinigt die isländische: Sowie die von einem Elf zu seiner Kindbetterin geführte Frau dieser mit ihrer Hand um den Leib fährt, ist die Qual gehoben und das Kind da. Sie bestreicht aber dann auf Anordnung des Mannes die Augen des Kindes mit einer Elfensalbe oder einem Elfenstein. Sowie sie damit ihr eigenes Auge berührt, sieht sie plötzlich eine Menge Volks in der Stube und kann auch später auf Erden mitten aus dem Marktgetümmel jeden Elf herauserkennen. Doch wenn einer das merkt, benimmt er ihren Augen sofort mit seinem Hauch oder seinem Speichel ihre eigentümliche Sehkraft. Endlich ist die Geschichte von einem kostbaren Elfenschmuck in Island nicht an eine erfahrene Frau, sondern an ein Kind geknüpft. Eine fromme Elfin hat ein einsam spielendes Kind mit sich in den Stein genommen, aber bei seinem 13. Lebensjahre wieder ihren Eltern zurückgeschickt. Beim Abschied gab sie dem Mädchen unter anderem mehrere Edelsteine mit dem Rat, diese immer im Haar zu tragen. Und das tat sie auch noch nach ihrer Heirat. Aber als sie einst, von der Kirche heimgekehrt, ihr Kopftuch ab legte, fielen die Edelsteine ihr aus dem Haar auf den Boden. Alsbald erkrankte sie und starb. So gab einmal ein Zwerg bei Rinteln einem Mädchen einen Wocken voll Flachs und meinte, daran würde sie ihr Leben genug haben, aber sie solle ihn nie ganz abspinnen. Das hat sie auch getan, hat gesponnen jahrein jahraus, und immer war der Wocken voll, und sie bekam so viel Garn, daß sie immer ein Stück vom schönsten Linnen zum andern legte. Endlich wollte sie doch einmal wissen, was wohl unter dem Flachse säße, und spann und spann und hatte zuletzt das Ende des Fadens zwischen den Fingern. Aber darunter saß nichts, und soviel sie den Wocken auch rund drehte, der ewige Flachs war und blieb fort.

So vertraut fühlten sich die Menschen und Zwerge miteinander, daß diese jene zu Gevatter luden und von ihnen zu ihren Hochzeiten gern Schüsseln und Bratspieß borgten, wie umgekehrt die Menschen zu ihren Festen von den Zwergen. Diese finden sich auch ungeladen ein, so daß das Hochzeitsessen, kaum aufgetragen, schon wieder fort ist. Braut und Bräutigam schauen sich darob verwundert an und stecken die Köpfe zusammen, aber setzen vor, was sie haben. Wie es aber nun zum Schenken, zur Gifte, geht, nehmen die Zwerge ihre Hüte ab und werden sofort sichtbar. Da zeigte sichs denn wohl, warum die Speisen immer gleich verschwunden waren, denn die ganze Stube war von kleinen Mitessern voll. Aber hatten sie helfen essen, so halfen sie nun auch giften; jeder legte ein Goldstück in den Korb. Zuweilen werden sie aber auch bei der Hochzeit überrascht, indem mitten im Schmause die Hüte mit einem Seil abgestreift wurden; dann fliehen sie ärgerlich davon. Oft dünkten ihnen aber ihre eigenen Räume für ihre Feste zu klein und dürftig; dann feierten sie diese mit Musik und Tanz im nächsten hübschen Grafenschloß, z. B. auf der Eilenburg in Sachsen. In Goethes feinem Hochzeitslied hört und schaut der Graf ihrem festlichen Treiben freundlich träumend zu.

Auf Island waren die Elfen zu solchen Festen in ihren eigenen wie in fremden Wohnungen besonders zur Julzeit aufgelegt, in der ja auch die Nordleute sich der ausgiebigsten Festfreude hingaben. In den heiligen zwölf Julnächten hatten die Alfar ihre Fahrtage und zogen von Stein zu Stein zu andern. Elfen oder auch in die Häuser der Menschen zum Gelage. So fuhren schon die indischen Ribhus, ihre Stammverwandten, zwölf Tage im Jahr umher, um Gastfreundschaft zu genießen, suchten ihre Verwandten auf, fluchten oder grüßten, je nach dem Empfang, der ihnen ward, und befruchteten die Erde. Offenbar wurden die Elfen auf Island auch deswegen, um ihre Gunst zu gewinnen, besonders feierlich und vorsichtig empfangen. Die Hausfrau ließ noch bis ins 19. Jahrhundert hinein in jeder Ecke des Hauses Licht brennen, so daß es weit hinausleuchtete in die öde Wintemacht und nirgendwo drinnen Schatten war. Alles war sorgsamst gefegt, alle Türen standen offen. Sie aber umschritt das ganze Haus und sprach:

„Komme, wer nur kommen mag, fahre, wer nur fahren mag, mir und den Meinen ohne Schaden!“

Auch aus Deutschland erfahren wir, daß man am Weihnachtsabend in den Brunnen hinein mit Lichtem leuchtete, also den Quellelfen, wie dort den umziehenden Bergelfen. Wir verstehen nun auch die an Steinen und Quellenrand aufgestellten Lichter in den alten Konzilsbeschlüssen, auch sie waren zu Ehren der Elfen entzündet. Noch im Jahr 1819 sah ein Hirte am Morgen nach dem 13. Jultag viele Männer, Weiber und Kinder mit bepackten Pferden und Wagen durch ein Tal in einen Stein fahren. Geläute und Gesang tönte heraus, aber kein Wort konnte er unterscheiden und, wie er sich näherte, war der Stein verschlossen. Als er nun ängstlich davon eilte, bezwang ihn der Schlaf, ein langer Schlaf, bis ihm der kalte Morgentau am Kinn herabrann. Da erwachte er und trieb sein Vieh heim und war lange Zeit verstört. Noch bedenklicher ist es, wenn jemand sich in der Julnacht auf einen Kreuzweg setzt. Denn da kommen die Elfen von allen Enden und bitten ihn, mitzukommen; er darf nichts darauf antworten. Nim tragen sie Schmucksachen und Kleider, Speis und Trank herbei; er darf nichts davon nehmen. Endlich schmeicheln ihm freundliche Elfinnen in Mutter- oder Schwestergestalt, doch mit ihnen zu gehen, auf jegliche Weise; er muß ihnen Stand halten. Sobald aber der Tag anbricht, muß er aufstehen und sagen:

„Gott sei Lob, nun ist der Tag in der ganzen Luft!“

Da verschwinden die Elfen plötzlich, und ihre Schätze, die sie in Stich lassen, erhält der standhafte Mensch. Antwortet er ihnen aber oder geht auf ihr Angebot ein, so wird er verzaubert und seines Verstandes beraubt und verkehrt nie wieder mit andern Menschen. Auch dies ist deutsch. Läßt man sich in Schwaben während der Christnacht auf einem Kreuzweg von den herzudrängenden Gespenstern nicht zum Reden oder Lachen verlocken, so wird man vom Teufel nicht zerrissen, sondern vielmehr mit Famsamen beschenkt, der 20 bis 30 Männerkraft verleiht.

Eine isländische Elfin, die in einem Bauernhof als tüchtige Magd dient, legt in jeder Julnacht dem schlafenden Knecht, der während des Gottesdienstes allein mit ihr zu Hause geblieben war, ein Zauberrittgebiß an und reitet ihn auf dem Weg zu und von dem Elfenfeste zu Tode, bis es einem Knecht gelingt, lebend einen Ring aus dem Elfenreiche mit heimzubringen. Wie er nun daheim seine Erlebnisse im festlichen Elfenstein erzählt und alle schweigen, die Magd ihn aber laut der Unwahrheit zeiht, da zeigt er ihr den Ring mit den Werten „Königin Hilda, ist das dein Ring?“ Sie ruft: „Nun bin ich erlöst, weil endlich ein Mensch es wagte, mir nach in Alfheim einzudringen. Nun verlangt mich zu den Meinen!“ Nach schöner Danksage für alles Gute verschwand sie, der Knecht aber wurde der beste Bauer im ganzen Lande.

Einen anderen Verlauf nimmt der Elfenspuk auf einem andern Bauerhof, auf dem ebenfalls an jedem Weihnachtsmorgen ein Knecht tot im Bette gefunden wird, getötet von den Elfen, die ins Haus dringen, um hier während des Kirchgangs der Familie ihr Julfest zu feiern. Trotzdem entschließt sich ein neuer Knecht, allein am Julabend zurückzubleiben. Er zündet Licht an und versteckt sich dann hinter zwei losen Wanddielen der Wohnstube so, daß er durch die Ritze sehen kann. Da treten zwei unfreundliche Fremdlinge ein und spähen überall umher. Der eine sagt: „Menschenluft, Menschenluft“, der andre: „Nein, hier ist kein Mensch“. Mit dem Licht leuchten sie in alle Winkel, finden nur den Hund unter dem Bett, drehen ihm den Hals um und werfen ihn hinaus. Nun füllt sich die Stube mit Volk, der Tisch wird gedeckt mit Silbergerät, Speis und Trank; und auf das laute Mahl folgt ein fröhlicher Tanz, nachdem die Stube von Tisch und Gerät und Kleidern geräumt ist. Zwei halten draußen Wache, ob auch jemand käme oder der Tag anbräche. Nachdem sie dreimal drinneu günstige Meldung gemacht haben, ergreift gegen Morgen der Knecht die beiden losen Dielen, springt mitten in die Stube, schlägt die Dielen aneinander und schreit aus Leibeskräften: „Tag! Tag!“ Nun drängt die ganze Gesellschaft ins Freie, eins über das andre, stürzt sich draußen durch das Gerät, einer tritt den andern unter die Füße, manche bleiben schwerverwundet liegen. Und hinter ihnen drein der Knecht, der fortwährend die Bretter zusammenschlägt und „Tag! Tag!“ schreit, bis sich alles in ein benachbartes Wasser wirft. Heimgekehrt trägt der Knecht die Toten hinaus und erschlägt die Verwundeten und verbrennt dann ihre Leichen. In die Sachen, die die Alfen in Stich gelassen, teilen sich der Knecht und sein Herr, und der Knecht wird ein angesehener Mann. Aber eine Julnacht hat er nie wieder in dem Hofe zugebracht. In Norwegen und in Schleswig-Holstein geht eine ähnliche Sage von einem Knappen, der allein in einer gespenstischen Mühle nächtigt. Aber viel genauer stimmt die Harzer Sage von einem alten Soldaten, der einem nächtlichen Fest des Zwergkönigs Hübich und seiner Leutchen in der Mühle beiwohnt. Als sie plötzlich Tabak riechen, schlägt der Soldat sie mit einem Stock in die Flucht und streicht all ihr kostbares Geschirr ein.

Die schönsten Sagen sind auch hier aus der Liebe entsprungen, aus der der Elfin zum Manne, oder des Weibes zum Elfen. Die folgende englische Sage läßt dies Motiv noch gar nicht ahnen. Am S. Cuthberts-Brunnen bei Edenhall belustigen sich Elfen, denen ein Kellermeister vom Brunnenrande weg ein kostbares Glas raubt, „the luck of Edenhall“. Sie rufen ihm nach „if that glass either break or fall, farewell the luck of Edenhall.“

Angedeutet wird die Liebe der Elfin in folgender olden-burgischen Sage: Einmal hielt Graf Otto von Oldenburg jagdmüde auf seinem Schimmel am Osenberg und rief: „Ach Gott, wer nur einen kühlen Trunk hätte!“ Da tat sich der Berg auf, und heraus trat eine Jungfrau in schönen Kleidern, die Haare über die Achseln geteilt und oben mit einem Kranze bedeckt. Sie bot dem Grafen ein silbernes, reich verziertes Trinkhom. Er hob den Deckel auf, aber der Trank mißfiel ihm. Da sprach die Jungfrau: „Trinket Ihr aus diesem Horn, so wird es Euch und Eurem Geschlecht und Lande wohlgehn; wo nicht, so wird es in Zwietracht zerfallen.“ Er aber schwang das Horn hinter sich und goß es aus, wobei einige Tropfen auf des Schimmels Rücken fielen, dessen Haare sie sogleich verbrannten. Als nun die Jungfrau ihr Horn zurückbegehrte, sprengte der Graf mit diesem davon; sie aber eilte ihm nach, bis sie tot zusammenbrach, und in der folgenden Nacht hörte man ringsum den Ruf „ Fehmömeis dood“ Der Graf aber brachte das Horn nach Oldenburg, von wo es später nach Kopenhagen kam. — Deutlicher erzählt die schlichte Fär-öemsage: Geht ein Bursch in die Öde durstig und müde, so kommt ein Huldremädchen aus dem Elfenhügel und bietet ihm einen Trunk Bier oder Milch. Bläst er den Schaum nicht ab, so trinkt er sich Vergessenheit, und sie nimmt ihn mit sich in den Berg. Aber offenbar ist der Trank, nicht die Liebe das alte Leitmotiv der Sage. Die entsprechende Blekinger Sage, nach der ein Knecht in der Walpurgisnacht Hexen, die seinem Herrn die Felder verwüstet hätten, bei ihrem Gelage überrascht und ihnen ein goldenes Horn raubt, aus dem er zu trinken verschmäht, eröffnet einen großartigeren Naturhintergrund. Als sein Herr, dem er davonsprengend das Maitagshorn gebracht hat, die Rückgabe des Horns den Hexen verweigert, brennen sie ihm die drei nächsten Ernten ab und werfen ihn in völlige Armut. Diese Bergelfinnen, Huldremädchen, Hexen sind also wohl ursprünglich Wolkenelfinnen, wie die befruchtenden Regnerinnen, die Pleiaden, in Griechenland aus himmlischen Nymphen zu Gebirgsnymphen geworden. Und wie die nahverwandten Hyaden, die Regnerinnen, aus Krügen Wasser gießen und ein fruchtbares Jahr bringen, so tritt die germanische Wolkenelfin im ersten Frühlingsgewitter im Mai mit einem Trinkhorn hervor, aus dem sie Segen, aber auch Brand auf Tier und Flur schütten kann.

Freundlicher ist die andere deutsche Liebesgeschichte einer Elfin und eines Mannes. Dicht unter dem Gipfel des Paschenbergs über der Schaumburg an der Oberweser liegt das Mömkenloch, worin eine Zwergin mit langem schönen Haar wohnte, das bis an die Sohlen reichte. In sie verliebte sich ein Graf oder Bauer und besuchte sie immer heimlich. Aber sein Weib spähte ihm nach und ging tief in das Loch hinein, bis sie endlich in eine Kammer kam, wo sie ihren Mann mit der Zwergin fand. Deren lange Haare hingen aus dem Bette bis auf die Erde hinab. Da rief die gute Bäuerin — ein rührend bescheidener Zug —: „O behüte Gott deine schönen Haare!“ und hob diese behutsam aufs Bett. Damit wich sie von den beiden, der Bauer aber erschrak so sehr darüber, daß er nie wieder mit der Zwergin zusammenkam. Diese auch westfälische und bairische Sage hat an der Oberweser ein ernstes Nachspiel. Ebenso wie am Osenberg, nachdem die Feh-möme vom Oldenburger Grafen verlassen, der Wehruf erscholl: „Fehmöme is dood!“, so rief hier ein Zwerg zur Schaumburg hinab: „De Möme is dood“, und bald darauf ist in der Nacht einer zum Fährmann in Großwieden an der Weser gekommen und hat ihm geheißen, die Fähre bereit zu halten, denn er solle Leute übersetzen. Viermal hat er übersetzen müssen, hat aber niemand gesehen, und dennoch ist die Fähre so tief gegangen, als wenn sie ganz voll wäre. Als er endlich zum vierten Mal mit schwerer Ladung übergefahren ist, hat der, welcher ihn gedungen hat, gesagt, er solle einmal (über seine rechte Schulter, heißt’s in mehreren Sagen) auf die Wiese sehen. Da hat er auf der Wiese Kopf an Kopf erblickt. Beim Abschied rief ihm der Kleine zu, seine Bezahlung liege in der Fähre. Er fand aber nichts als Pferdemist und stieß diesen ärgerlich mit dem Fuß ins Wasser. Etwas blieb ihm aber in seinem Schuh sitzen, und das waren am andern Tage lauter Dukaten. — Das ist die Sage von des kleinen Volkes Überfahrt oder Abzug, die weit über Deutschland bis nach Schottland und Irland verbreitet ist.

Ergreifender sind die isländischen Liebessagen. Hat ein Mann mit einer Elfin Umgang gehabt, so steht eines Sonntags plötzlich vor der Kirchtür eine Wiege, darin ein Kind, mit einem kostbaren Tuche bedeckt. Dabei wartet die Elfenmutter auf die Kirchgänger, und ihrer einen fragt sie laut vor allen Leuten: „Bekennst du dich zur Vaterschaft dieses Kindes!“ Da er sie verleugnet, schleudert sie die Wiegendecke, den „Elfenmantel“, zum ewigen Zeugnis seiner Lüge in die Kirche und verflucht sein Geschlecht bis ins zehnte Glied und verschwindet samt Wiege und Kind. — Die Perle aber aller dieser Geschichten ist die isländische Sage von der Liebe einer Bauerntochter zu einem Elf oder Huldumann. Wie sie am Herd ihrer einsamen Sennhütte steht, kommt ein junger freundlicher Bursch zu ihr und bittet um einen Krug Milch für seine kranke Mutter. Sie heißt ihn täglich wiederkommen, bis zu deren Genesung, und sie gewinnen sich lieb. Als sie nun bei ihrer Niederkunft in Ohnmacht fällt, träufelt er ihr aus seinem Munde Kraft ein und trägt das Kindlein zu seiner Mutter, die darauf die junge Bäurin pflegt, bis sie wieder auf den Füßen ist. In den Hof zurückgekehrt, verrät sie dem alten Bauer nichts, und dieser drängt sie bald darauf wider ihren Willen zur Ehe mit einem reichen Freier. Endlich gibt sie ihm nach mit den Worten „Das wird nun so, wie’s werden soll!“, und nur das eine bedingt sie sich aus, daß ihr Ehemann nie einen Wintergast, wie sie sich wohl im Herbst der Unterkunft halber in den Höfen zur Winterarbeit meldeten, ohne ihre Einwilligung aufnehmen solle. Das verspricht er. Drei Jahre leben sie glücklich dahin. Da stellt sich zur Herbstzeit ein Mann mit einem kleinen hübschen Buben ein und bittet den Bauer, sie beide über Winter bei sich zu behalten. Er ist geneigt dazu, doch, eingedenk seines Versprechens, fragt er erst seine Frau um ihre Einwilligung. Sie verweigert sie, doch dringt er so lange in sie, bis sie nachgibt und abermals spricht: „Das wird nun so, wie’s werden soll!“ Die Frau redet den ganzen Winter lang kein Wort mit dem Fremden. Da will der Bauer mit ihr am Palmsonntag zum Abendmahl gehen, und vor der Tür fragt er sie, ob sie alle Hausgenossen, der Sitte gemäß, zuvor um Verzeihung gebeten habe. „Nein!“ antwortete sie, „den Wintergast nicht; mit dem habe ich ja auch nichts zu tun gehabt!“ Darauf er: „Nicht eher fahren wir zur Kirche, als du das getan hast.“ „Das wirst du bereuen“ erwidert sie und zum dritten Male „Das wird nun so, wie’s werden soll!“ Und traurig geht sie zu dem Fremden ins Haus und kommt nicht wieder. Da geht auch ihr Mann ungeduldig hinein und hört sie in der offenen Kammer sagen: „Nun habe ich den süßesten Labetrunk von deinen Lippen geschlürft.“ Er stürzt hinein, und in inniger Umarmung liegen sie vor ihm, beide von Harm zersprungen, und das Büblein steht weinend dabei. Der Bauer läßt das Paar begraben, der Knabe verschwindet, niemand weiß, wohin.

Mit wie erschreckender Gewalt hat sich da oft die innere Phantasiewelt in volle Wirklichkeit umgesetzt: die Schicksale der Menschen und der Elfen greifen von alten Zeiten her wie die zweier nah verwandter und doch ewig fremder Geschlechter tief in einander. Selbst das Christentum vermochte nicht die gern betretenen Brücken zwischen beiden vollständig zu sprengen: hie und da birgt wohl noch eine isländische Kirche ein sagenhaftes Elfentuch, und der schwedische Elf sucht die Verbindung mit einem Menschen, gerade um mit ihm die ewige Seligkeit zu erlangen. So hat namentlich das Bergelfenvolk, nicht ganz in sich befriedigt, schon immer Anschluß an die Menschen gesucht, und gar manche von diesen hat es immer gereizt, in die Elfenwelt einzudringen. Aber fast ausnahmslos endet dieser oft so freundliche, innige Verkehr in Trauer. Während die Riesen zu tappig dazu sind und die Götter sich vornehmer davon zurückhalten, müssen die Zwerge gerade in diesem Verkehr allerlei Prüfungen durchmachen, und über ihr strebsames, genußreiches, heiteres Leben legt sich eine Wolke der Enttäuschung und der Entsagung.

In den germanischen Wäldern sind überall die Wald-und Baumelfen zu Hause; seltener aber im deutschen Marschenland, in Dänemark und England, und ausgestorben sind sie im waldlosen Island. Früher hieß der deutsche Waldmann Scrato, gotisch wohl , angelsächsisch Wuduaelf oder Wudewase, altnordisch Holzmann, die deutsche Waldfrau Holsmuoja, was auch Eule bedeutet, Holzruna,Waldminna. Jetzt nennt man sie Wildleute in den Alpen oder genauer und Waldfänken in Graubünden und Vorarlberg, Moos-, Holz- und Wetterfräulein und Buschweibchen in Süd- und Mitteldeutschland, in Schweden ist Hülfe oder Skougsmann der Holz- oder Waldmann, Skogsfru die Waldfrau oder die Waldschnauberin. Allgemeiner werden sie auch „weiße Weiber“ in Norddeutschland und Ellepigern und Ellefruen Elfenmädchen und -frauen in Dänemark genannt.

Eines der ältesten indogermanischen Lieder, das rigvedische Lied an die Waldesfrau, schlägt den Grundton derjenigen Empfindungen an, der in der Waldeinsamkeit noch heute im germanischen Volksgemüte widerklingt. Es ist nicht so sehr die Freude über die Schönheit der grünen, stolzen Pracht und die Andacht zu der dämmerigen Stille, es ist vielmehr das verlockende und zuweilen beängstigende geheimnisvolle Weben der Waldeinsamkeit, das das Innere erregt und die germanische Waldelfensage beherrscht. Jenes aus tiefer Naturempfindung entsprungene Lied lautet :

1. O Waldesfrau, O Waldesfrau,

die du im Busch verschwindest dort,

was fragst du nach dem Dorfe nicht?

Beschleichet dich denn keine Furcht?

2. Wenn auf des Uhus lauten Ruf

der Papagei die Antwort gibt

und wie mit Glöcklein läutet froh,

dann ist die Frau des Waldes stolz.

3. ’s ist, als ob Kühe fräßen Gras,

und wie ein Wohnhaus sieht sich’s an,

und wie ein Wagen knarrt es jetzt,

auf dem sie Abends weiterfahrt.

4. Dort ruft wohl Einer seiner Kuh,

dort hat wohl Einer Holz gefallt;

wer nahe bei der Waldfrau weilt,

hört deutlich Abends Jemand schrein.

5. Sie tötet nicht, die Waldesfrau,

wenn nicht ein Andrer sie beschleicht;

genoß er von der süßen Frucht

nach seinem Wunsch, so fällt er hin.

6. Gerühmt hab ich die Liebliche,

nach Wohlgeruch schön Duftende,

die reich an Speisen ohne Pflug,

die Wildmutter, die Waldesfrau.

Einsam und furchtlos verliert sie sich, vom Dorf abgekehrt, im Dickicht, froh über den Wettgesang des Uhus und des Papageis. Im Dämmer des Waldes schwimmen allerlei Bilder vorüber, in der Stille tauchen unerklärbare Geräusche auf und vergehen. Ein unheimlicher Schrei! vielleicht geht er von ihr oder auch von einem zudringlichen Menschen aus, den sie getötet. Doch — wie wenn hier ein Jäger spräche: „ich preise die liebliche, duftige Mutter der wilden Tiere“.

Die schwedische Waldfrau ist der indischen am meisten ähnlich. Denn sie trällert, lacht und wispert im Dickicht. Am klatschenden Waldbach wäscht sie, und wo im Lenz schneeweiße Flecken tief hinten im dunklen Walde sichtbar werden, breitet sie ihre Kleider aus. Sie zaubert in den Wald einen Huldrehof oder Hullagaard mit fettem Vieh hinein, der aber immer verschwindet, sobald man sich ihm nähert. Oft hört man sich bei Namen rufen, dann antworte man bei Leibe nicht: „Ja!“, sondern: „He!“, denn sonst ist man in ihrer Gewalt. Laut lacht sie auf und schleppt Einen stundenlang durch Dom und Morast, und zuletzt ist man so sinnverwirrt, daß man sein eigen Haus nicht erkennt. Dann ist man „skogtagen“ vom Walde festgehalten, bezaubert. Oder sie schreit tückisch laut auf und ruft ihren Gatten herbei, der dann den Liebhaber niederschlägt. Der Jäger aber sucht sie zu gewinnen, denn sie ist die Herrin des Wildes, namentlich einzelner Hirsche, Hasen und Auerhühner, sogenannter Freitiere. Er legt eine Münze oder etwas Speise für sie auf einen Baumstumpf oder Stein nieder. Ihre ursprüngliche Wettematur bricht noch vielfach in wilder Frische durch; wie in Ober-franken Wetterfräulein, heißt sie dämm auch in Schweden die Waldschnauberin. Sie kündigt ihr Erscheinen, wie ausdrücklich bemerkt wird, mit einem scharfen eigentümlichen Wirbelwind an, der die Baumstämme bis zum Brechen zusammenschüttelt. Oder sie beugt den Wald und klopft im Gewitter ihre Kleider. In Westfalen sagt man bei Wirbelwind: „Da fliegen die Buschjtmfern“. Im Riesengebirge stürzen sich die „ Rüttelweiber“ im Wirbelwind auf die Wiesen und werfen das Heu auseinander. Bei zerrissenem Nebelgewölk kocht das Buschweibchen und steigt im Aprilhagel mit wildem schneeweißen Haar über den bayrischen Wald. Die Dante verte des Franche Comt£ lacht bei ihren Koboldstreichen hell auf, daß es in vielfachem Echo spöttisch widerhallt. Das badische Rockertweible} das sich in einer Regennacht mit drei Wilderem am Feuer die Kleider trocknet, schleift den einen, der ihr ein grobes „Packe dich!“ zugerufen, bis Tagesanbruch durch dick und dünn. Andre Beleidiger reißt sie hoch auf den Lautenfelsen oder taucht sie tief in den Gumpen des Bachs hinab. Doch in dem Jahre, wo sie sich den Menschen zeigt, gibt es Frucht und Heu die Hülle und Fülle. Die wilden Weiber in Wälsch-tirol spinnen plötzlich Leinewand (Nebel?) durch den Wald und versperren dadurch dem Verirrten den Weg, und in zahllosen deutschen Sagen kämmt die Waldfrau ihr Haar und lockt in den Wald, und dabei macht oft schon ihr Anblick wirr und schwermütig.

Auch die Waldelfinnen haben Liebschaften mit Menschen. Schon ums Jahr 1000 erzählt Burkhart von Worms von Waldfrauen, die sich plötzlich ihrem Liebhaber zeigen, um sich mit ihm zu ergötzen, und plötzlich wieder verschwinden. In einem Wolfdietrichsgedicht des 13. Jahrhunderts kriecht „ die rauhe “zum Feuer, an dem Wolfdietrich schläft, auf allen Vieren wie ein Bär, reizt ihn vergebens zur Minne, zaubert ihn in Schlaf, schneidet ihm seine Nägel und zwei Locken ab und macht ihn zu einem derartigen Toren, daß er ein halbes Jahr „wild“ laufen muß. Da stellt sie sich ihm plötzlich wieder dar, streift ihre rauhe Haut ab und wird nun die Königin minne} des Helden allerschönstes Weib. In der Volkssage ist sie oft behaart, mosig, mit runzligem Gesicht, doch öfter vorn lieblich und mit fliegendem Haar, dagegen, nach steirischer wie nach schwedischer Sage, hinten wie ein Backtrog oder ein hohler Baumstamm, wie jene Wolken-elfinnen bereits einen hohlen Rücken hatten. So haben sie weltflüchtige Mönche zur Frau Welt ausgestaltet, die der Dichter Wirnt von Grafenberg um 1200 darstellte, eine vorn schöne Frau mit schlangen- und krötengefülltem Rücken. Die schwedische Skogsfru liebelt um Mitternacht mit Jägern, Fischern und Köhlern am Lagerfeuer und schwälenden Meiler; noch 1691 wurde ein junger Bursche aus dem schwedischen Markehärad wegen unerlaubten Verkehrs mit einem solchen Waldweib zum Tode verurteilt. Die schwedische Waldfrau trägt auch Tierfelle und einen Kuhschwanz, wohl im Winter, ja die Waldfrauen nehmen oft Tiergestalt an. Die Wildfangen der Alpen springen als Wildkatzen herum, das Holzweib klagt als Eule auf dem Ast, und hoch in der Luft kreist das selige Fräulein als Geier, um ihre Gemsen zu schirmen. In rein menschlicher Gestalt ist sie gleich anderen Elfinnen wilder Tanzlust ergeben, so sehr, daß ein römisches Denkmal bei Schweinschied deswegen, weil eine Tänzerin darauf dargestellt ist, vom Volk Wildfrauenkirche genannt wird. Ja die hessische Waldfrau kitzelt kleine Buben und raspelt sie im Wirbelwinde an dürren Bäumen zu Tode.

Doch sind die deutschen Waldfrauen auch vertraut mit allerlei Heilwurzkräutern des Waldes, von denen eins, eine Art Baldrian, in Montavon auch Wildfräulekrut heißt. Im Gudrunliede verdankt Wate seine Wundheilkunst einem wilden Weibe, und im Eckenlied bestreicht das von Fasolt gejagte Fräulein mit einer Wurzel den wunden Dietrich von Bern und sein Roß. Harzer Moos weiblein gaben Wanderern Wurzeln und Kräuter zur Gesundheit; in der Pestzeit riefen die oberpfälzischen Holzfräulein aus dem Walde: „Eßt Binellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an!“ Als Hödr, der Feind Balders, zum erstenmal in einem Waldhause drei Waldmädchen findet, versprechen sie ihm Hilfe im Kampf. Im selben Augenblick verschwindet das Haus, und Hödr steht allein in der Wildnis. Hernach trifft er sie noch zweimal, und sie schenken ihm siegbringende Waffen und lassen ihn genießen von der Zauberspeise, die Balders Kraft so gefährlich steigert. Die Waldmädchen sind hier schon halbe Walküren. Sie nisten sich auch hilfsbereit dicht bei den Wohnungen ein. Im Mittelalter wohnten die westfälischen guden Holden oder witten Vrouwen unter der Erde oder schönen Bäumen und krausen Büschen, wo man ihnen opferte. Der südschwedischen Askafroa Eschenfrau oder Hyllefroa Hollunderfrau goß man Wasser oder Milch über die Wurzeln ihres Baumes, um ihres Schutzes willen, und den schon (S. 90) besprochenen Schutzbaum eines nordischen Bauernhofes, den Wichterbaum, umarmt die kreisende Bäuerin in ihrer Not.

Wenn aber der Herbststurm heulend das gelbe Laub und wüsten Nebel durch den Wald jagt, dann ergeht es der Waldfrau schlimm; dann verfolgt sie ein riesen- oder götterhafter Jäger. Mit lautem Jagdhorn hetzt zu Roß der Sturmriese Fasolt, von langem Weiberhaar umflattert, eine klagende Frau wie ein Wild. Der Verfolger ist oft der höllische oder der wilde Jäger, ein wilder Mann, in Südtirol Beatrik d. i. Berndietrich oder in Lauenburg geradezu Wode, in Dänemark Un d. i. Oden, in Sm&land König Oden. Die Verfolgte ist die wilde Frau oder , Ellefru oder auch die Beischläferin eines Priesters. Mit tief hangenden Brüsten und flatterndem gelben Haar rennt sie vor ihm her und flüchtet auf einen mit drei Kreuzen ausgehauenen Baumstumpf oder in einen für sie bestimmten Ährenbüschel. Wird sie aber eingeholt, so wirft der Jäger sie vor sich übers Roß und stürmt frohlockend durch die Wildnis weiter. So jagt der Sturmriese oder Sturmgott die Wirbel windselfin des Waldes: ein altes Herbststimmungsbild! Da nun aber in Schweden die Wirbelwinde vorzüglich im Sommer kurz vor einem Gewitter entstehen, so verfolgt hier Gofar d. i. der Donner die Trolle und Wald-weiber. In Gotland heißt ein solches Thorspjäska Donnersmädchen, vom schön, hinten hohl wie ein Backtrog, und flüchtet bei Gewitter ins Haus, in Norwegen unter eine Weiberschürze. Nimmt man sie auf, so schlägt der Blitz ein. Wenn aber im Winter das Stadelheu mit Schlitten von der Alp geholt wird, hockt wohl ein ganzes Dutzend wilder Frauen hintenauf und fährt mit; auch ruhen sie gern in den Heustadeln.

Die anmutigsten Wildfräulein sind die blonden, blauäugigen, silbergekleideten Seligen oder Saligen Fräulein Deutsch Tirols, die zuerst von Berthold von Regensburg als felices dominae ausdrücklich genannt werden und in Wälsch Tirol Enguane oder Belle Vivane heißen. Sie umleuchtet wie das Hochgebirge ein klarerer, reinerer Glanz. Sie bewohnen in den innersten Talwinkeln Eis- und Krystallgrotten, die oft talwärts von paradiesischen Blumenauen umgeben sind. Hier hegen sie namentlich Gemsen, strafen die Jäger für deren Verfolgung und bejammern deren Tod. Die weißen Wölkchen an den höchsten Gipfeln, ihre Hemden und Kindstüchel, künden schönes Wetter an; als Schneefräulein geben sie im Herbst den Hirten Winke zum rechtzeitigen Abfahren von der Alp vor Schneewetter. Zur Ernte kommen sie gern aus dem Walde aufs Feld herab, den Leuten zu helfen. Durch ihren schönen Gesang machte eine Salige einen Hirten seinem Weibe abspenstig, bis dieses ihn nachts in der Höhle der Saligen überrascht, wie jene Bäuerin ihren Mann im Mömekenloch an der Oberweser (S. 188). Es weint und verwünscht ihre Ehe und die Saligen, die seitdem spurlos verschwunden sind.

Die Waldelfinnen führen meistens ein freies, nicht an die Bäume gebundenes Leben. Doch sind manche Bäume von einem dryadenhaften Geiste erfüllt. Eine warnende Stimme ertönt aus dem schwedischen Wachholder, der von der Axt bedroht wird: „Haue den Wachholder nicht“. Und wird der Baum dennoch gefällt, so stößt er einen Schmerzensschrei aus, und aus seinen Wurzeln fließt Blut. In einem kärntischen Ahornbaum lebte eine verwunschene Jungfrau. Mit dem Bogen, der aus einem Zweige desselben geschnitten wurde, wurden die ergreifendsten Weisen gespielt. Die Jungfrau ist eine ursprüngliche Baumnymphe.

Die wilden Männer gehen häufiger als die wilden Frauen über das Elfenmaß in Riesengestalt über, namentlich in den Alpen, aber auch in Hessen. Hier schreitet der Wildmann entweder baumgroß über die Berge und rüttelt an den Waldwipfeln oder wandelt winzig zwischen den Schachtelhalmen einher. Groß oder klein, sind sie echte Wetterfiguren. Auch in Tirol fährt ein riesiger wilder Mann, einen entwurzelten Baum in der Hand, mit Sturm durch die Lüfte und verfolgt die Seligen, oder er nimmt als starker Geißler oder Küher beim „Geißlerstein“, bis zu dem man ihm die Geißen oder Kühe des Dorfs entgegentreibt, diese in seine Hut und treibt sie mit strotzendem Euter Abends wieder bis zu diesem Steine herab. Außer diesem Riesen zeigt sich in Tirol in Bergmoos und grüner Kleidung das „wilde Mannl“ oder , Orge, vom italienischen Orco d. i. Unterirdischer, jauchzt bei herannahendem Regenwetter auf einer Anhöhe und dient, namentlich zur Zeit der Aussaat, als Wetterprophet. Hält er seinen guten Rat zurück, so füllt ihm wohl ein mutwilliger Bauer sein Trinkgefäß, ein Loch im Felsstein, mit Wein. Neugierig kostet er vom ungewohnten Naß und, lustig geworden, wird er mit der Frage nach einem Heilmittel gegen die Pest überrascht. „Ich weiß es wohl“, antwortet er ähnlich wie oben die kräuterkundige Waldfrau, „Bibernell und Eberwurz; aber das sage ich dir noch lange nicht!“ Oder man bindet ihn im Rausch und befragt den darauf Losgebundenen nach seiner Kunst, Butter, Käse und Lab und aus Milchschotten Gold zu bereiten. Da speist er schelmisch die Neugierigen mit einer selbstverständlichen Wetterregel ab. Genau so preßte man aus dem im Rausch gefesselten lateinischen und griechischen Wildmann, dem Faunus und Silen, sein Geheimnis. Auch hier liegt eine altdeutsche Volkssage ungelehrten Ursprungs vor, die aber wahrscheinlich nicht heimisch war und daher auf den äußersten Süden beschränkt blieb. Sie mag ein früher Völkerverkehr aus Italien in die deutschen Alpen getragen haben.

Dagegen scheint trotz der Verwandtschaft mit der antiken Überlieferung ganz selbständig zu sein die von Tirol bis nach Nordschleswig und England verbreitete Sage vom Weheruf der Berg (S. 187 f.), wie der Waldelfen über den Tod ihres Herrn oder ihrer Herrin. Als ein Wildfangenmädchen, das bei einem Bauer dient, von diesem erzählen hört, „die Rauhe Rinte ist tot!“, springt sie mit dem Schrei: „Die Mutter ist tot!“ aus dem Hause in den Bannwald. Vielstimmig ertönt die Klage: „Die Mäume is „Pippe Kong is dood!“, „Urban ist tot“. So erscholl einst in Griechenland über das spiegelglatte, von keinem Lüftchen bewegte Meer der Ruf: „Der große Pan ist tot!“, dem die Klage vieler Stimmen folgte. Pan hieß der „Herr des Waldes“, der mit den Baumfrauen, den Dryaden, buhlte, durch plötzliche Töne und Widerhalle des Waldes Schrecken einjagte und im Zorn Irrsinn bewirkte. Der troezenischen Obrigkeit zeigte er Heilmittel gegen die Pest an. Abends überbot er allen Vogelsang, wenn er auf der Syrinx spielte, so daß die Nymphen beim Echo des Berges ihn umtanzten. In der stillen Gluthitze der Mittagssonne schläft er, bei langer Windstille ist er tot. Aus tiefster lautloser Waldesruhe stieg seine schwermütige Sage auf.

Die achtungsvolle Scheu, die die indogermanischen Völker vor ihren Waldgeistern hegten, zitterte noch bis vor kurzem in der beerensuchenden Jugend Thüringens und Braunschweigs nach; sie zerdrückten bei der Heimkehr auf einem Stein zum Dank einige Beeren, und in Franken legten sie gar Brot, Obst und Beeren dem Heidelbeermann beim Eintritt in den Wald hin. Der Schwarzwälder Bub aber sang:

„Holder, holder, reere,

„Mer chomme us de Beere,

„’s Beerimännli isch zue is cho (uns gekommen),

„’s hat is alli Beeri gno (genommen).“

„Wind ist der Welle lieblicher Buhler“. Schweben die Luftelfen zu den Gewässern hinab oder tauchen sie in diese nieder, so werden sie zu Wasserelfen, wie sie noch heute in Schweden heißen. Der Windelfe Andvari gestand, daß ihn in der Vorzeit eine jämmerliche Norne dazu bestimmte, sich im Wasser zu tummeln. Der älteste einfache Wasserelfenname scheint althochdeutsch , angels. Nicor und altnord. Nykr zu sein, mit dem freilich damals das Krokodil oder Flußpferd oder ein vielgestaltiges Wassertier übersetzt wurde. Das Wort soll mit dem griechischen niptein sich waschen Zusammenhängen, wie denn auch in Südwestdeutschland die Nixe Waschwibele heißt. Nach dem isländischen Landnahmebuch stürzte sich ein apfelgrauer Nykurhest bei Sonnenuntergang nach dem Heueinfahren ins Wasser. Der nordische Nikur, Neck oder , der schottische Waterkelpic stieg als Apfelschimmel oder als Seehund aus der Flut, der Ahnherr der Merowinger war ein mächtiger Wasserstier. Die Langobardenkönigin Theodolinde überwältigte ein Meerwunder, das plötzlich wie ein schwarzer, feueräugiger Bär aus dem Wasser stieg. Bald als Roß, bald als schwarzer brüllender Stier erscheint der ostpreußische Nix, als Pferd auch der schlesische Wassermann. In diesen Formen nähert sich der Nix mehr den Riesen, als den Elfen. Aber auf den Färöern taucht er als ein kleiner, zarter Hengst aus dem Meer, der badische Bachdatscher, dem sonst menschliche Figur eigen ist, kommt bei Welschensteinach als kleines „wuseliges“ Tier, die schwäbische Nixe sogar als Kröte zum Vorschein. Das althochdeutsche weibliche Niche(s)sa, das das lateinische lympha klares Wasser übersetzt, wird schon die persönliche Geltung unsrer Nixe, schlesisch Lix oder Lisse, gehabt haben; das Masculinum ist in unsrem und Nix, im englischen Nick, im schwedisch-dänischen Nöck, Nisse erhalten. Altnordisch ist auch Marmen, neuer Marbendil, älter auch die hochdeutsche Merimannin, Meriminni, dann Meerfei, bei Albrecht von Halberstadt Wasserholde. Jetzt gebrauchen wir Wasser-, Hakenmann, Wasserjungfer, Seeweibchen, Brunnenholde, die Engländer Watersprite und -fairy, die Skandinavier Haffru und -mand Meerfrau und -mann, Sjörät Seewesen, Vattenelf Wasserelf, Brunnen-gubbe Brunnenalter, Källrat Quellgeist. Von mehr landschaftlicher Geltung ist die hochdeutsche , die niederdeutsche Watermöme oder Mettje. Die Schweden kennen „tre Möjeru drei Wassermuhmen.

Im Wasser haben sich die Luftgeister fast noch mannigfaltiger geformt als in Berg und Wald, weil es selber diese an Beweglichkeit und Formen Wechsel übertrifft. Vom leise rieselnden Brünnlein rauschen die munteren Bäche und die starken Ströme, hier zu Wasserfällen hinabgedrängt, dort sich zu Seen ausbreitend, zum imübersehbaren wogenden Meer. Steile Felswände oder flache Sandufer, hoher Wald oder Sumpfgestäude und in späterer Zeit auch Werke der Menschenhand begleiten oder unterbrechen ihre Bahn.

Und Wind und Wolken fliegen über die Wasser hin, sie lachen im Sonnenschein und dräuen im nächtlichen Dunkel. Wie sie milde kosen und heimlich schluchzen und lieblich singen und heftig donnern! So bringen sie vielgestaltig den Menschen Labe, Gedeihen und Segen, aber auch Ungemach, Gefahr und Verderben.

Die Quelle wird ein Haupt genannt, von den Griechen ein Haupt des Flusses, von den Römern ein Haupt des Wassers, von den Germanen ein Brunnhaupt oder Bornhövede. Auch in der Verehrung der Quellen stimmen diese Völker, namentlich die Römer und die Deutschen, mit einander überein. Beide umkränzen sie mit Laub und Blumen, die Römer schlachten ihnen ein Böcklein wie die Norweger dem Wasserfall. Beide warfen in die Heilbrunnen Geldstücke hinein. Wenn man mm auch zahlreiche römische Kaisermünzen in deutschen Heilquellen, namentlich an beiden Ufern des Rheins, gefunden hat, so könnte man deutsche Nachahmung eines fremden Brauches vermuten. Aber wie die Brunnenbekränzung aufs innigste mit der germanischen Frühlingsfeier zusammenhängt, ist auch jener andre Brauch in Skandinavien und andern von Rom unbeeinflußten Ländern häufig. Aber was hat man von der Quellgöttin Coventina, deren Name nicht gerade germanisch klingt, zu halten, der germanische Soldaten in Northumberland kleine Altäre, sowie tönerne Becher und zahlreiche Münzen von Hadrian abwärts weihten? Auch anderen Elfen als Quellelfen opferte man Geld. Das schon erwähnte Umstellen der Quellen mit angezündeten Lichtem war ebenfalls weit verbreitet, es wird schon in der Katechese des Bischofs Cyrillus von Jerusalem im Jahre 347 getadelt. Die Römer spendeten den Quellen auch Wein, die Germanen Brot und Kuchen, und wenn die Griechen ihnen abgeschnittenes Haar, so brachten ihnen die Germanen abgeschnittene Nägel dar. Von entschiedenerer germanischer Eigenart waren die Opfer, die nach dem Indiculus die Sachsen den Quellen brachten, und die Oster-, Mai- und Johannifahrten, die man zu den Quellen unternahm, um gesund und fruchtbar zu werden und ihre Weissagung zu hören. Man durfte sie aber nicht verunreinigen und durch Steinwürfe trüben. Das alles geschah nicht den Quellen selber, sondern ihren Bewohnern. Denn die Bläschen, die in schwäbischen Quellen aufperlen, kommen von den atmenden Wassergeistern. Meist sind diese weiblichen Geschlechts, weiße Jungfern oder Frauen oder Waschwibele, die darin waschen oder sich baden. Doch kommen auch männliche Brunne vor.

Freier tummeln sich die Bach- und Flußelfen. Namentlich in Thüringen hat jedes Flüßchen seine Nixen, die Saale, die Ilm, die Unstrut. Sie bewohnen im Grunde des Wassers lichte Säle und tauchen mit halbem Körper hervor und lauem unter oder auf den Brücken, ja sie wagen sich darüber hinaus aufs Land. Da kämmt dann wohl eine Nixe ihr Goldhaar oder breitet ihre Wäsche aus, wie oben ihr Wald- oder Bergbäschen, blickt dich mit großen, starren Augen aus der stillen, glasigen Wasserfläche an und zeigt zwischen dem säuselnden Schilf ihre grünen Zähne und grünen Locken. Im Wasser fühlt sie sich am wohligsten mit einem Fischschwanz, aufs Ufer steigt sie mit langem, triefendem Kleid. Der Nix schaut auf dem Lande oft unauffällig wie ein ältlicher Mann aus, der einen grünen oder roten Hut auf dem Kopf trägt. Aber auch er hat grüne Zähne und einen tropfenden Rockschoß, und gefährlich zum Wasser lockend blickt sein Auge. Noch heute ist der thüringische Nixenglaube nicht ganz erloschen, und manches badische Mütterchen hört das Waschwibele oder den Bachdatscher Abends im Dorfbach plätschern, und die Kinder fürchten den Hakenmann oder das Hakenfräulein oder die Mettje, die sie mit einem Haken oder ihren grünen Haaren oder ihrem langen Arm in die Tiefe ziehn. Der schlesische Wassermann fängt sie in einem Netz. Doch die hessischen Kinder schelten derbe auf ihn los: „Nix in der Grube, bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen mit roten Ziegelsteinchen.“ Was hilft’s? In zahlreichen deutschen, auch dänischen Flüssen pochen die Wassergeister auf ein förmliches Wasserrecht: sie fordern alljährlich zu Laetare oder Himmelfahrt oder Johanni oder Peter und Paul einen bis zehn Menschen zum Opfer. Mit Blumen, den Wasserrosen, und bunten Bändern, dem Mond-und Sonnenglitzem der Wellen, lockt der österreichische Wassermann die neugierigen Kinder ins Wasser, lacht dabei laut auf, patscht in die Hände und verschwindet. Ist die Stunde gekommen, so ruft es in der Lausitz aus dem Wasser: „Zeit und Stunde ist da, aber der Mensch noch nicht,“ und ein Mensch eilt herzu und stürzt sich imaufhaltsam ins Wasser. Abends lockt der süddeutsche Nix durch seinen Hilferuf, und willenlos wirft sich ein Mensch in die Tiefe. Hoch im Norden lacht der isländische -bendill und der schwedische Sjörät gellend auf, bevor jemand ertrinkt, und an der andern Ecke des Germanengebiets, in Steiermark, die Bachbarbara. Auch den Wassergeist im Würmsee verlangt es nach einem Opfer, wenn der See blüht d. h. sich auf der Fläche viele von Grund aufsteigende Bläschen zeigen. An jenen verrufenen Tagen badet man daher nicht, der Fischer stellt keine Netze, der Schiffer unterbricht seine Fahrt, und man meidet sogar den Weg über die Brücke. Sieht man in Böhmen den Wassermann kommen, so wirft man bunte Bänder ins Wasser. Neugierig greift er darnach und verwickelt sich in sie. Der Schwede legte wohl vor dem Bade einen Stahl hinein, weil er dadurch den Neck gebunden glaubte. Als der Frankenkönig Theuderich 539 mit seinem Heere über die alte Po-brücke zog, brachte er furchtbare Menschenopfer. Geht in Katzhütte in Thüringen eine Mutter mit ihrem Kinde das erste Mal zur Kirche, so wirft sie dreierlei Münzen in den Fluß mit den Worten: „Da hast du das Deine, laß mir das Meine.“

Daraus, daß die Nixen am liebsten Kinder greifen, erklärt sich vielleicht der grausige Brauch, in den Grund namentlich von Brücken, Flußwehren, Deichen ein unschuldiges Kind lebendig einzumauern, zu beschwichtigender Sühne. Noch 1841, als die Elisabethbrücke in Halle gebaut wurde, glaubte das Volk, man bedürfe eines Kindes zum Einmauem. Die Wassergeister stellen dem Müller wie seiner Mühle nach. Die Müller an der Bode in Thale am Harz warfen immer, wenn das Wasserhuhn pfiff, dem Nickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, denn sonst mußte jemand ertrinken. Das fränkische Wasserweible stellte dem Müller unlieb die Räder; zur Julzeit dringt der schwedische Neck aus seinem stillen Wasser in die Flüsse und zerbricht die nicht gehemmten Mühlräder, oder er mahlt so arg, daß die Mühlsteine bersten. Der schlesische Wassermann überrascht einen spöttischen Müller mit seiner Flut, bis dieser ihm sieben Leben verspricht, und hinter einander fallen fünf Kinder, des Müllers Weib und der Müller selber ins Wasser. Die Heimlichkeit der Spinnstube oder die Kirchweihmusik der nahen Schenke lockt die deutsche Nixe ans Ufer. Sie trocknet ihr Haar, schmückt sich, stiehlt sich im Abendnebel über die Wiese ins Dorf hinein und huscht im Tanzsaal in die Mädchenschar. Und selig tanzt sie mit dem schönsten Burschen und vergißt die rechte Stunde des Scheidens. Wie sie nun den Morgen grauen sieht, erblaßt sie, reißt sich von ihrem Tänzer los und stürzt sich in den Bach. Aus der Tiefe schäumt das Wasser blutig auf; der Wassermann hat seine Tochter getötet. In Schweden kennt man auch eine Art Kehrseite dieser Geschichte: fünfzehn Jahre lang hatte ein Mädchen im Haus einer Meerfrau gewohnt und nie die Sonne gesehen. Endlich dringt ihr Bruder hinab und führt seine Schwester wieder zu den Ihrigen. Sieben Jahre wartete die Meerfrau auf ihre Rückkehr, dann schlug sie mit ihrem Stab ins Wasser, daß es hoch aufbrauste und rief:

„Hätt ich gewußt, daß du wärest so falsch,

So hätt ich gebrochen deinen Diebeshals.“

Das schwedische Meerweib und die deutsche Nixe wissen bezaubernd zu singen, wenn das Wasser rauscht, das Wasser schwillt. Der Fischer sinkt zu ihr hinab. Aber noch mächtiger reißt der schwedische Strömkarl der Flußmann oder der oberste Felekarl Fiedelmann, oder der norwegische Fossegrim oder Fossekall der Wasserfallmann, oder der Quernknurren der Mühlengeist hin, wenn er in grauem Kleid mit roter Mütze auf einem Stein mitten im Wassersturz sitzt und auf seiner Geige den unwiderstehlichen Elfvalek spielt. Erst streicht er ganz sacht wie leises Geplätscher, aber immer höher schwillt die Melodie, und immer stärker berauscht sie die Zuhörer. Der Elfvalek oder Strömkarlslag hat elf Variationen, von denen man aber nur zehn tanzen darf. Wird die elfte aufgespielt, so fangen Greise und Tische und Bänke und Kannen und Becher, selbst die Kinder in der Wiege an zu tanzen, bis die ganze Gastgesellschaft hinab ins Wasser tanzt, wenn nicht einer kommt und dem Musikanten die Saiten der Geige zerschneidet. Der Müller fürchtet des Feiekarls Spiel so, daß er, wenn es anhebt, sein Mühlenhaus schließt und den Schlüssel fortwirft, um nicht ins Wasser zu tanzen. Aber auch drinnen muß er mit einem Scheffel in seinen Armen die ganze Nacht herumspringen. Der Fossegrim lehrt seine Kunst gegen Lohn auch Menschen. Ist die Gabe mager, so lernt der Lehrling nur das Stimmen der Geige. Wirft dieser aber mit abgewandtem Haupt ein weißes Böcklein oder ein schwarzes Lamm in den Wasserfall, so führt ihm der Fossegrim die rechte Hand so lange über die Saiten hin und her, bis ihm das Blut aus allen Fingerspitzen springt. Dann kann auch der Mensch spielen, daß die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Falle Stillstehen. Solche volksberühmte Geiger waren in den Tagen Oie Bulls im schwedischen Wärend Nils und Peter. Nach Andern lernt einer sofort die Kunst der schwedischen Elfen, wenn er ihnen die Auferstehung verspricht, denn sie sehnen sich nach dem Christentum. Wer das aber nicht tut, der hört, wie sie in ihrem Berg die Geigen zerschlagen und bitterlich weinen. So schleuderte auch der deutsche Neck seine Harfe weg und weinte, als ihm zwei Knaben zugerufen hatten: „Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig!“ Aber als sie, von ihrem Vater getadelt, zum andern Male ihm die Erlösung verhießen, spielte er lieblich auf seiner Harfe bis lange nach Sonnenuntergang.

Die stilleren Seen, die zu Zeiten so unruhig und wild werden können, haben ihre eigenen Elfenmythen. Läßt man ein flaches Sternchen über ihre Fläche hintanzen, so löst man ,Bräutle‘ oder ,Wassermännchen’ , als ob dadurch die darüber schwebenden Wassergeister von ihrem Element gelöst würden. Viele Schweizer und deutsche Seen dürfen aber nicht durch Steinwürfe beunruhigt werden. Sie erregen im Schwarzwälder Mummelsee den Zorn der Seemuhme, sodaß Unwetter losbricht, und zornig erweist der Mummelsee sich auch in der etwas unklaren Erzählung des Simplicissimus 5, 16, nach der ein Wassermännlein darin seine geraubte Gemahlin sucht. Es kommt aber nicht wieder zum Vorschein. Nur sein Stecken mit einer Hand voll Blut springt nach einiger Zeit ein paar Fuß hoch in die Luft. Aber der berüchtigtste See ist doch der am Pilatusberg bei Luzern gelegene , dessen Sage erst im 13. Jahrhundert mit der Pilatuslegende verknüpft ist. Bald watete, übrigens mehr nach Riesenart, der Unhold in diesem See, daß er tiberströmte und seine Wasser ins Tal ergoß, bald stürmte er durch das Gebirge, jagte Hirten und Herden auseinander und stürzte sie in die Abgründe. Namentlich wenn man in der Nähe des Sees lärmte, Steine hineinwarf oder gar seine Tiefe ausmessen wollte. Der Zutritt zu dem See und selbst der Besuch des Berges waren verboten; vregen versuchter Besteigung wurden 1387 sechs Geistliche zu Luzern ins Gefängnis geworfen, und selbst der Herzog Ulrich von Württemberg und 1555 der berühmte Konrad Gesner wurden nur unter Aufsicht und dem Versprechen, nichts in den See hineinwerfen zu wollen, hinaufgelassen. Noch im vorigen Jahrhundert sprachen die Sennen bei Sonnenuntergang durch die „Volle“, den Milchtrichter, einen feierlichen Segen gegen den Unhold und wurden dafür mit dem sogenannten Rufkäse belohnt.

Am Strande größerer Landseen oder gar des Meers haben die Wassergeister wiederum andern Umgang. Der heilige Gallus hörte ums Jahr 600, wie ein Berggeist bei Bregenz seinem Kameraden im See zurief: „Komm, hilf mir die Fremdlinge vertreiben, die mich aus meinem Heiligtum vertrieben!“ Darauf antwortete der Wassergeist:

„Einer von ihnen ist auf dem See, aber vergebens suche ich seine Fischnetze zu zerreißen. Er ist durch das Zeichen Christi geschützt.“

Darauf erhoben sie ein „fantastisches“ d. i. dämonisches Geschrei. Wo sich das Rauschen des Bergwaldes mit dem der Wellen mischte, belauschte der Bekehrer ein Zwiegespräch der Geister. Der nordische Skalde aber nannte die Wogen im Nebel Bräute, die auf Brandungsklippen gehen und die Bucht entlang fahren; ein hartes Bett haben die weißgeschleierten Weiber und spielen in Seestille wenig. Wir kennen schon die schwedische Meerfrau, die am Strand ihre Kleider ausbreitet und mit dem Herrn des Berges zankt. Wirft der Nord aus Gischt und Wasser gemischte Wogen auf, so sieht man sie ihr weißes, schwarzköpfiges Vieh ans Land treiben. Am Mälarsee trieb sie es bis zur Klinta-tanne, unter der sie wohnte. Niemand wagte deren Äste anzurühren. Graue Kühe nennt man noch wohl auf Island den Seekuhschlag, weil sie von Kühen abstammen, die einst ein gefangener Marbendill aus Dankbarkeit in den Hof seines Befreiers aus der See herausschickte. Der Fischer der schwedischen Seen opfert der Seejungfrau Früchte und Geld, um Wind und Glück von ihr zu kaufen.

Dem rauschenden Wasser ist weissagende Kraft eigen. Nach Plutarchs Caesar gingen germanische Frauen an die Strudel der Flüsse zu weissagen, und mehr als ein halbes Jahrtausend später warfen noch christliche Franken gefangene Gotenweiber und -kinder als Opfer in den Po, um die Zukunft zu erfahren. Im Nibelungenlied künden die Quelljungfern, die aber „Meerweiber“ heißen, dem Hagen samt dem ganzen Burgunderheer Verderben in König Etzels Land. Die dänische Königin Dagmar läßt sich von einer Meerfrau weissagen, wie auch die mecklenburgische Sage eine zukunftskundige Watermöme kennt. Gefangen weissagt die Meerfrau Untergang des Landes, soweit man sie landeinwärts schleppe. Die Meermaid von Padstow in Cornwall, die man durch einen Schuß erbittert hat, verflucht den Hafen, der auch wirklich versandet. Der merkwürdigste Meergeist ist aber der , der etwa mit den weissagenden Meergreisen des griechischen Mittelmeers verglichen werden kann. Vom Nabel an gleicht er einem Seehunde, wie Proteus am Strande unter Robben ruht, er hat auch wie diese einen dicken Kopf und breite Hände. Wenn die Wellen klatschen, so lacht er laut auf; man gedenkt des unzählbaren Gelächters der Wogen, das bei Aeschylos der gefesselte Prometheus anfleht, sein Leiden anzuschauen. Noch heute ist es ein bekanntes Wort in Island: „Da lachte Marbendill“, und schon einem der ersten Ansiedler der Insel weissagte er scherzend seinen Wohnort. Was die Halfssaga um 1300 vom lachenden Meermännlein erzählt, weiß auch noch die neuisländische Volkssage und zwar viel hübscher vorzutragen. Bei einem schweren Fischzuge holte ein Bauer einen Marbendill ins Boot und nahm ihn mit sich ans Land. Noch hatte er nicht sein Schiff in Ordnung gebracht, als sein Hund fröhlich an ihm aufsprang, und ärgerlich schlug er ihn. Da lachte der Marbenbill zum erstenmal. Wie nun der Bauer auf seinen Hof zuging und an einen Stein stieß und diesen verwünschte, da lachte der Marbendill zum zweitenmal. Und als der Bauer den freundlichen Gruß seines ihm entgegenkommenden ^Weibes freundlich erwiderte, da lachte der Marbendill zum drittenmal. Nun fragte ihn der Bauer, warum er dreimal gelacht hätte. Er erklärte sich zur Auskunft unter der Bedingung bereit, daß er an der Stelle der See, wo er gefangen worden wäre, wieder hinabgelassen würde. Nachdem der Bauer ihm das versprochen, äußerte sich dieser: „Zuerst lachte ich, weil du deinen Hund schlugst, der dich mit aufrichtiger Freude begrüßte; zum zweiten, weil du einen Stein verwünschtest, unter dem ein Goldschatz liegt; zum dritten, weil du so freundlich die schönen Worte deines Weibes aufnahmst, das dir doch untreu ist“. Darauf sprach der Bauer: „Zwei von den Dingen, die du mir sagtest, kann ich jetzt nicht prüfen, die Treue meines Hundes und die Treue meines Weibes. Aber auch wenn nur das dritte wahr ist, werde ich dir mein Versprechen halten“ — und damit grub er den Stein heraus und fand da wirklich einen großen Schatz. Nun fuhr er mit dem Marbendill aufs Meer und ließ ihn an der verabredeten Stelle über Bord, worauf der Marbendill, noch auf dem Ruderblatt sitzend, sagte: „Du hast wohlgetan, Bauer, daß du mich mm meiner Mutter wieder heimschicktest; das werde ich dir vergelten. Sei gesund und glücklich!“ Und sieben seegraue Kühe fand der Bauer kurz darauf in seinem Hof, die größten Kostbarkeiten auf Island, und hatte zeitlebens allen Überfluß. — Grausiger als der Marmennil, dem Grendel ähnlich, ist der norwegisch-fä-röersche Sjödreygur, das Seegespenst, das mit gewaltiger Hand plötzlich aus der Brandung über den Strand, ja bis ins Haus hinein in Grendels Weise nach einem Menschen ausgreift, um ihn in die Tiefe zu reißen. Nachts rudert es heulend wie ein Mann oder Hund durch die Wogen, ja reizt als Schiffer mit seinem Schiff die Schiffer zu verderblicher Wettfahrt im Sturm. Oder es hüpft auf seinem einen Fuß auf die Insel und trachtet die Menschen vom Deich ins Meer zu stoßen, wie der übrigens mehr riesische dit-marsische „ Dränger“, der auch die Deiche stürzt, so daß die See wieder ins Land hereinbricht.

Aus den wilden Bergen und Wäldern, die die Siedelungen der Menschen umgeben, dringen die Elfen in die Gemarkung, die Ackerflur, ja in die Gärten der Dörfer herein, die Bergmännchen, die und die Saligen werden Weide- oder Feldelfen. Die Flur ist voll davon. Im bayrischen Hochlande bindet man den Kühen Körbchen voll Erdbeeren und Alpenrosen zwischen die Hörner für die „Fräulein“. Auf dem Brenner wirft man nach der Furl, die das Heu zerführt, ein Messer, wie nach dem Wirbelwind. Wenn der Mähder das Rodnerinnenlocken übte, d. h. dreimal mit dem Wetzstein schrill über die Sense strich, so kam jedesmal ein Saigfräulein in die Wiese herunter und zerstreute die Mahden. Das Innerfeldmandl aber sieht der Tiroler Hirte sich im Wirbelwind um die Füße der Rinder drehen und ihnen in die Ohren blasen. Aber die Saligen oder wilden Frauen helfen auch beim Heuen, wie beim Flachsjäten oder Kornschneiden; man gibt in Martell den Arbeitern auf den Bergwiesen die sogenannten „Mahdküchel“ mit, angeblich für einen zufälligen Besuch der weißen Fräulein. Aber vom wilden Mann gejagt, eilen diese ruhelos vorüber. — In Oberfranken läßt man beim Einfahren ein Häufchen Grummet auf der Wiese und bei der Kornernte auf dem Acker einige Ähren für das Holzfräulein liegen, und auf den Obstbäumen bleibt hie und da für sie etwas von der Frucht hangen. In der benachbarten Oberpfalz warf man beim Leinsäen einige Körner in die Büsche des nahen Waldes, stellte beim Jäten aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttchen auf und rief:

„Hulzfral, dau is dafi Dal (Holzfräulein, da ist dein Teil),

„Gib an (dem) Flachs an kräftinga Flaug (Flug, Schuß),

„Nau (dann) hob i un du gnaug (genug)!“

Beim Ausraufen des Flachses aber band man sechs stehen gelassene Halme oben in einen Knoten zusammen, damit sie darunter Schutz fände.

Ist nun die Saat emporgeschossen und schlägt im Winde Wellen, so laufen allerlei Tiere hindurch: Roggenwölfe und -hundey Haferböcke, Roggensäue und Menschlicher gedacht haust darin eine Roggenntuhmey die im östlichen Holland ihre Ferkel draußen im Korn hat, oder nach deutschem und dänischem Glauben eine langbrüstige Roggen-, Weisen- oder Gerstenalte, ein Schrecken der Kinder, denn sie preßt sie, wenn sie ins Korn laufen, an ihre eisernen Zitzen. Statt ihrer läuft auch der harmlosere Hafermann oder der „Alte“ durch das Korn. Wenn dieses reif war für die Ernte, so band die Frau von Donnersberg drei stehende Halme unter den Ähren mit weißer Seide zusammen und betete und sagte: „Das gehört den drei Jungfrauen“ und schickte ein Kind unter sieben Jahren auf das Feld, das die drei Ähren hinlegte. So wurde in Litauen der Krumine, der Buschfrau der ersten Garbe, geopfert und dann die erste Garbe ins Haus des Besitzers gebracht. Erst am folgenden Tag begann die eigentliche Ernte. So besteht im deutschen Stidwesten das Glückshämpfli aus einer Handvoll von den ersten oder letzten drei, sieben, neun, elf Ähren der Ernte, die, von einem unschuldigen Mädchen, auch wohl unter Gebet und Niederknieen des Schnittervolks, geschnitten, mit einem Seidenbande umwunden und dann im Hause an einem besonders ehrenvollen Platze aufgehängt werden. Derber knüpft man in Schweden bei der Ernte drei Halme oben in einen Knoten zusammen und legt einen Stein darauf für die Gloso, die Komsau.

Während der heißen Erntezeit ist die Kommutter am gefährlichsten um die Mittagsstunde. Aus Frankreich meldet Gregor v. Tours schon im 6. Jahrhundert, daß eine von der Feldarbeit zurückkehrende Frau, von dem meridianus daemon dem Mittagsgeist angegriffen, sprachlos zusammengebrochen sei, und Caesarius v. Heisterbach kennt auch auf deutschem Boden ein daemonium meridianum. Die Slaven nennen ihn die Mittagsfrau. Dasselbe bedeutet am Niederrhein noch heute die Ennungermohr, die Mittagsmutter, von „in unner, unger“ d. h. in der Mittagszeit (undem), oder die Futtika, die während der Mittagsruhe übers Feld geht und alle, die sich unzeitig im Felde aufhalten, verscheucht oder gar verwirrt. Im nassauischen Amte Limburg droht man: „die Unnermoire kriegt dich“. Eine weiße Frau hieß sie im Kreise Friedberg und im fernen Gottschee. Bei völliger Windstille, wenn die sommerliche Mittagshitze über der niederrheinischen Komflur zittert, erhebt sich oft ein plötzlicher Wirbelwind; das ist die Ennungermohr. Im badischen Klettgau nimmt eine übers Feld wandelnde Frau ein Kind, das sie allein in der Mittagsstunde im Feld trifft, weg und legt statt dessen ihr eignes Kind hin, wie die thüringische Kornfrau. So liegt denn im Aargau mittags das Komkind oder der Komengel, das in Ratzeburg das Amkind Erntekind heißt, weinend im hohen Korn. Wer es aufhebt, muß noch selbigen Jahres sterben. Man sagte bei Chur im Jahr 1686, es sei schwer aufzuheben und kündige ein besonders fruchtbares Jahr an. Mit dem oder der Alten ist das reife, alte, zum Tode bestimmte Korn gemeint, mit dem Kinde der Überschuß, die zur Aussaat bestimmte Garbe, die nur klein, aber schwer ist, die, besonders wenn sie klein ausfällt, um so reicheren Ertrag im nächsten Jahre tröstend verspricht und darum Glücksgarbe heißt. Sie wird auch Wiege genannt und in Mecklenburg ganz deutlich das Ornkind oder Emtekind. Aus solcher altertümlichen Vorstellung erwuchs der angelsächsische Skedf d. i. Garbe, den schon das Beowulfsepos kennt. Als neugebomer Knabe, in einem steuerlosen Schiff auf einer Garbe schlafend, von Waffen umgeben, wurde er hilflos ans Land getrieben, von den Bewohnern wie ein Wunder aufgenommen, benannt und auferzogen und endlich zum König gemacht. Er ist der heroisierte Gründer des Ackerbaues, wie sein Sohn Skild der des Kriegswesens.

Je tiefer die Mäher ins Ährenfeld hineinschreiten, desto weiter, mit jedem sinkenden Schwaden, flüchtet der Alte oder die Alte zurück, bis in die letzte Garbe, als einzigen Zufluchtsort auf der leeren Stoppel. In Oberfranken und der Oberpfalz läßt man den Holzfräulein die letzten Ähren auf dem Felde stehen, in Niederbayern den sieben Schauerjungfrauen eine Garbe auf dem Acker liegen. In Thüringen werden die letzten Ähren mit bunten Bändern zusammengebunden, so daß der Büschel die Gestalt einer Puppe bekam, und lustig sprang das Schnittervolk der Reihe nach über das „Schainichen“, das Scheun-chen, hinüber. So hatte die Kornalte gleich ihr Haus, wie die Flachsfrau. So „bildeten“ die alten Preußen beim Emteschluß schon im Jahr 1249 das göttlich verehrte Idol Kurche. — Aber der oder die Alte wird auch gefangen, gebunden, auf dem letzten Fuder als Emtemai heimgeführt und möglichst bis zur Ernte des nächsten Jahres an der Haus- oder Scheunentür hängen gelassen.

Die gütigen segnenden Ackerwesen waren überwiegend weiblich, und sie besonders mögen die alten Germanen die Geberinnen, Allgeberinnen, auf den römischen Inschriftsteinen Gabiae, Alagabiae, genannt haben, gerade wie die Kelten ihre Ollogabiae und die Litauer ihre Gabiae hatten. Die Litauer beteten zu ihnen, wenn sie die auf dem Halm nicht völlig ausgereiften Fruchtkörner am Feuer dörrten. Zu den Gabiae scheint Garmangabis, die „bereitwillig Begabende“ (?) zu gehören, der in der Grafschaft Durham Sueben, d. h. Sueben vom Neckar, um 250 n. Chr. einen Stein setzten. Die spätere Ortssage hat eine gütige vornehme Frau daraus gemacht, die dem Orte Acker- oder Weideland spendet (s. u.).

Noch innigeren Verkehr haben die Hauselfen mit den Menschen, die angelsächsischen Cofgodas, Stuben-, Haus- oder Stallgötter, die deutschen Kobolde Haus- oder Stallhüter, mundartlich Poppele, Butse, -, Wichtelmännchen nordisch, friesisch und englisch Puki, , Puckt englisch auch Brownie, nordisch Gardsvor Hofhüter, Tomte Hofgeist, Vaette Wicht. So nahe stehen sie den Menschen, daß diese sie gemütlich mit menschlichen Eigennamen benennen: Niels Nikolaus, Hannpeiter, Chim Joachim, Heins, Robin Goodfellow. Sie waren aber vor den Menschen und ihren Häusern da, als Berg-, Waldoder Feldelfen. Manche Leute scheuen sich einen Bauplatz für ein Haus zu suchen, wo sich Unterirdische aufhalten, oder der Bauherr muß sie vorher laut um Erlaubnis bitten. So ritt schon der Altisländer Oddr um ein verlassenes Haus gegen die Sonne von rechts nach links mit einem lodernden Holzbrande und sprach: „Hier nehme ich mir Land, denn ich sehe hier keine bewohnte Baustätte. Hört das, ihr Wichter, die ihr in der Nähe seid!“ Dann spornte er sein Pferd und sprengte davon. Sie nisten sich wohl unter der Ttirschwelle ein und bringen Glück. Aber wie alle Elfen, verleugnen auch sie ihre ursprüngliche Wetternatur nicht. Das Westerwälder Wort Pöpel, dem jenes schwäbische Poppele gleich sein wird, bedeutet eine dunkle Wolke. Heult der hildesheimische Hauskobold Hödeke, so stürmt es. Wenn die Hilfe des Nisse beim Einschobem abgewiesen wird, so zerstreut er im Wirbelwind das Heu, und als ihm auf den Färöern ein Stall abgebrochen wurde, warf er die Besitzer im Wirbel in die See. Die Hausgeister berühren sich auch mit den Seelen. Diese bleiben als gutmütig helfende Geister, wie Kobolde, im hessischen Hause wohnen. Der vogtländische Kobold wird als Geist eines imgetauften Kindes gedacht; der rügensche Schiffsgeist oder Klabautermann entsteht aus der Seele, die in einem zum Schiffsbau benutzten Baume weilte. Auch wohnen den Menschen hilfreiche „Unterirdische“ häufig in den altheidnischen Hügelgräbern, vielleicht also auch Seelen. Und der Gardsvor oder Hofgeist gilt sogar für einen Wiedergänger, eine Seele des Mannes, der den Platz, wo das Haus erbaut ist, zuerst urbar machte.

Der Glaube an die Hausgeister ist noch im Norden lebendig, und die Nisse werden sogar, wie aus alter Gewohnheit, zum heiligsten Fest des dänischen Hauses, dem Christfest, hinzugezogen, indem sie in Biscuit und Ton oder auf Bilderbogen unter dem erleuchteten Christbaum dargestellt werden. Das knüpft an den früheren Brauch an, ihnen am Weihnachtsabend einen Topf mit süßer Grütze hinzustellen oder auch das Herdfeuer, wenn man es für die Nacht zudeckt, unbekreuzt zu lassen, damit der Niss frei sein Nachtmahl am Herde kochen könne. Aber noch heidnischer setzt man ihm an jedem Donnerstag, dem alten Sonntag der Heiden, jene Lieblingsspeise, aber auch Kuchen und Bier hin. Am Donnerstagabend durften die Männer nicht arbeiten, die Frauen nicht spinnen, weil der „Gardsvor“ seine Ruhe haben wollte. In Norwegen stand für diesen auf dem Boden ein sauber gemachtes Bett, in welchem Niemand liegen durfte. Als grauröckiges Männchen mit rotem Hut wohnt der Nisse am Herde, wo man dem „Herdvätte“ Bierwürze opfert, wenn gebraut wird, oder im Stall und in der Scheune. Auch nistet er unter einem nahen alten Laubbaume, dem Bosträd oder V&rdträd, dem Haus- oder Schutzbaum, unter dem dann gern die Bauersfrau ihre Kuh melkt, um reichlich Milch und Butter von ihm zu bekommen. Über die Wurzeln des Baumes aber wurde unter Gebeten Milch und Bier gegossen, um Unglück von Mensch und Vieh abzuwenden. Mit den Worten „O du Gottes Vätte!“ setzte man einen Krug Bier neben den Stamm des Wichterbaums des Hofes. Auch nach Wichterhügeln und Opfersteinen brachte man seine Gaben mit dem Gruße: „Gottes Frieden im Hügel!“ Der Tomtegubbe, der Hofalte, haust auch unter einem großen Stein, unter dem er Kleider, Speisen und alle Gaben des Hofbauem, dem er immer viel Gutes getan hat, in sauberster Ordnung bewahrt, bis ein Pastor ihn schroff wegweist, und alle seine schönen Sachen unter dem Steine in Asche zerfallen. Das ist der altisländische Kodranstein, in dem ein dienstbarer Geist, ein ärmadr des Bauern Kodran, wohnt. Ein Bischof besprengt den Stein mit Weihwasser und singt über ihn Beschwörungen. So wird des Geistes Herberge verdorben und er selber wie mit siedendem Wasser begossen. Er trennt sich von Kodran in Zorn. — In die Löcher des butterbeschmierten Elfensteins setzten schwedische Weiber Puppen, wenn ihre Kinder krank waren. Die Gabe neuer Kleider ist dem Nisse meist verhaßt; er fühlt sich dadurch ausgelohnt und aufgekündet, und darum verschwindet er. Am liebsten ist ihm der Stalldienst, Rinder und noch lieber Pferde wartet er sorgsam, daß sie rund und glatt werden. Auch schleppt er sich bei der Ernte stöhnend mit Heubündeln und Ähren. Zu dreien mähen sie wohl ein ganzes Feld. Getreu, zuverlässig, rastlos pflegt er zu arbeiten, aber er foppt auch gern die Dienstboten und Hunde und verwandelt sich neckisch in allerhand Haustiere. Er ist selber reizbar, eifersüchtig und rachsüchtig, wenn er verspottet oder vernachlässigt wird. Er bindet dann alle Kühe im Stall los und hält das Heu zurück; er tanzt und drückt die Mägde halb oder ganz tot und klemmt den Knecht zwischen zwei Latten der Heuscheune, sodaß er umkommt. Ja, er setzt den ganzen Hof in Flammen. Auch mit Seinesgleichen verkehrt er bald freundlich, bald feindlich. Sie spielen um ein umgekehrtes Scheffelmaß als Tisch Karten miteinander, bis sie in lärmenden Zank geraten. Die Tomten zweier einander benachbarter Höfe, die sich gegenseitig bestahlen, schlugen aufeinander los, daß das Mehl aus dem Sack des einen wie eine Wolke rund um sie her stob. Wenn die Luft nebelig, sagen noch alte Leute: „Der Mehlsack des Tomtes stäubt.“ Einst hatte ein norwegischer Bauernsohn einem Huldremädchen vor ihrem Berge ihr Trinkhorn geraubt, wie jener Graf von Oldenburg der Fehmöhme, da stürzte das Huldrefolk ihm bis auf seinen Hof nach und hätte ihn erschlagen, wenn nicht der Godbonde, der Hausgeist, sie mit seiner eisernen Stange vertrieben hätte. Ein Schleswig-Holsteiner fand beim Abreißen seines alten Hauses einen guten Eichenständer und legte in einem Loche desselben für den Niskepuks eine kleine Wohnung an. Er stellte eine Schale mit Grütze auf ein darunter genageltes Brett und rief freundlich: „Nun komm her, fröhlicher Niskepuks“. Der kam auch, und der Bauer wurde ein reicher Mann. Nicht nur einzelne Höfe haben ihren Niss, sondern auch die Dörfer, in denen sie dann wohl Dorfhirten sind. Auch Kirchennisse gab es hie und da. Sie hatten ein „Nest“ im Turme und konnten in den Schallöchem an ihren roten Mützen leicht erkannt werden. Wenn aber die Glocken geläutet wurden, verließen sie den Turm. Und sie begleiten die Schiffer in die salze See und waschen das Schiff und helfen in den Segeln. Begegnen sich Schiffe, so rufen sich die Nisse an wie die Kapitäne. Vor Sturm lärmt er im Lastraum; strandet das Schiff, so verteidigt er es gegen Stranddiebe. Aber vor dem Untergang verläßt er es mit den Ratten.

Dieses nordische Haus- und Hofgeisterwesen fühlte sich in Deutschland am heimischsten im niedersächsischen Bauernhause, auf dessen großer Diele das Herdfeuer auf vorspringendes Gebälk spielende, zuckende Lichter wirft, während im Dunkel der Winkel und Ecken heimliche Schatten huschen und leise weiche Schritte wie von einer Katze auf Treppe und Boden hörbar werden. Drum hält sich der Kobold auch am liebsten in der Nähe des Herdes auf und trägt eine rote Mütze oder Jacke in der Mark, doch verrichtet er seine Dienste meist unsichtbar und sorgt für Recht und straft die Lüge. Aber auch anderswo in Deutschland, sowie in England finden wir ihn wieder, mit denselben Haupt- und Nebenzügen. Einzelne sind hier jedoch eigenartig ausgeprägt, z. B. das nordthüringische Steppchen (Stephanchen). Wenn jemand viel Geld verdient, dem hat’s Steppchen gebracht; er gibt auch wohl bei der Hochzeit einen Hecketaler in die Ehe. Er bringt den Feldarbeitern, wie ein drachenförmiger Vogel aus der Luft herabrauschend, Essen auf den Acker. Hat sich Jemand erhängt, den hat Steppchen auf den Kopf geschlagen. Er wird bald wie der altmärkische Drak, bald als Kobold, bald als Teufel gedacht. Es gibt nicht nur Hausgeister, sondern auch Burg- und Schloßgeister. Ähnlich ist jener niederdeutsche Klabautermann, der auch seine Milch bekommt.

Es sind echte Heidengeister, darum scheuen sie das Kreuz und den Namen Jesu; aber auch das den Tag ankündende Krähen des Hahns, den man zu Olaus Magnus’ Zeiten, im 16. Jahrhundert, in Schweden zuerst in ein neues Haus brachte wegen der bösen Geister. Die meisten Hausgeister zogen wegen des Glockenklangs aus, nur einer blieb, immer weinend, auf einem Hahnenbalken zurück, bis er sich im Moor ertränkte. Auch sie hat man später wie andre Elfen (S. 147. 154) als gefallene Engel aufgefaßt.

Dieses überwiegend nordische Bild der Haus- und Hofgeister trägt trotz der jungen Überlieferung und einzelner moderner Züge einen hoch altertümlichen Charakter.

Deswegen finden wir es überall in England und in Deutschland wieder. Doch sind hier einzelne Hausgeister feiner ausgeprägt zu Burg- und Schloßgeistem. Der alemannische Poppele wohnt zwar auch in Bauernhäusern, hat aber sein Hauptquartier auf dem Hohenkrähen, nicht weit vom berühmten Hohentwiel. Unter der Burg läßt er sich von einem Müller auf dem Wagen mitnehmen, stiehlt aus dessen Geldgurt einen Taler nach dem andern und wirft ihn auf die Landstraße, wo sie im Mondlicht blinken. Als der Müller das merkt, steigt Poppele unter lautem Lachen rasch ab. In die Scheuern kommt er nachts, um Heu für das Vieh herauszuholen. Dann muß man ihn mahnen: „Poppele, nit z’viel und nit z’weng!“ sonst wirft er den ganzen Heustock herab. Sonntags Mitternacht kegelt er mit goldenen Kegeln und Kugeln. Man stellt ihm täglich einen besonderen Teller hin und sagt: „Poppele, iß auch mit!“ — Vornehmeren Schnittes sind Goldetncr auf dem Hardenstein an der Ruhr, den wir S. 178 zu den Berggeistern gerechnet haben, und Hinselmann auf dem lüneburgischen Schlosse Hudemühlen, die im 15. und 16. Jahrhundert sich bekannt machten. Beide sind unsichtbar, aber an ihren weichen Händen kenntlich, beide sind musikalisch, beide beanspruchen ein wohlbereitetes Bett, beide sind in die Schloßfräulein verliebt, beide dienen ihrem Herrn mit guten Ratschlägen, und beiden sind Laster und Untugenden zuwider. Doch haben beide auch in der Küche zu schaffen; Hinzelmann striegelt auch fleißig die Pferde im Stall und schlürft täglich eine Schüssel voll süßer Milch mit Brocken von Weißbrot Er verwandelt sich auch in einen Marder oder in eine Schlange, und neben dem Wagen des Schloßherrn, der Hudemühlen auf eine Zeit verläßt, um ihn los zu werden, fliegt er her als eine weiße Feder. Nach vierjährigem Aufenthalt schied er vom Schloß im Jahr 1588. In der Regel aber läßt der Kobold seinen Hausherrn nicht los. Ein Bauer, der seiner überdrüssig war, steckte seine Scheune an, um ihn darin zu verbrennen, nachdem er das Stroh auf einem Karren herausgeführt hatte. Wie sie nun in vollen Flammen stand, sah er um sich; da saß der Kobold hinten auf dem Karren und rief ihm ganz munter zu: „Wenn wir nicht wären entronnen, so wären wir alle verbronnen!“

Aus dem Leben der germanischen Haus- wie Feldgeister ist zwar ersichtlich, daß diese manche, auch über ihr eigenstes Gebiet hinausreichende Tätigkeit ausübten, aber sie verteilten doch nie die vielen einzelnen Handlungen des Bauern mit der peinlichen Sorgfalt unter sich, wie die entsprechenden römischen und litauischen Hausgeister. Es fehlte den Germanen z. B. ein besonderer Geist für das erste Pflügen, ein anderer für das zweite, ein dritter für das dritte, wiederum ein andrer für das Eggen, das Jäten u. s. w. Die germanischen Geister halten sich die Hände freier und greifen bald hier, bald dort ein.

Neben dem Seelen- und Marenglauben entwickelte sich in uralter Zeit der Elfenglaube und zwar aus einer umfassenden Beseelung des freien Naturlebens. Wenn er sich auch hie und da mit jenen beiden anderen Richtungen berührte und vermischte, so nahm er doch innerlichst gegenüber ihnen, wie gegenüber dem Glauben an die Riesen, die höheren Dämonen und die Götter eine selbstständige Stellung ein. Seine Bedeutung kann nicht leicht überschätzt werden. Kein Glaube hat das Alltagsleben so dicht umsponnen, keiner ist so tief ins Familienbewußtsein hineingewachsen wie dieser. Der Elfenkultus und der Elfenmythus tragen die Merkmale höchster Altertümlichkeit an sich und ragen doch auch noch in unsere Zeit. Und wie konnte es anders sein? Führten diese Wesen doch dem Menschen die maßgebenden Licht- und Wettererscheinungen, die Gewitter- und Regenwolken samt den Winden herauf. Freundlich oder feindlich kamen sie aus Berg, Busch und Bach zu ihm, sie halfen oder schadeten ihm bei Saat und Ernte, auf der Jagd und bei jedem Weide- und Pfluggang; sie mühten sich mit ihm und scherzten mit ihm in Haus und Scheune und Stall. Und auch bei schwierigeren Handlungen, wie beim Bierbrauen und Schmieden, waren sie zur Hand. Ohne ihre Güte war das alte gewöhnliche Tagesleben des Volks undenkbar, war aber auch ihrer leicht erweckten Rachsucht ausgesetzt. Daher ist denn auch ihre Behandlung zum Unterschiede vom Götterkultus zwiefacher, ja entgegengesetzter Art. Noch ganz ein Naturvolk, wehrten die Germanen die elfischen Mächte durch allerlei naive Verachtungsgeberden, z. B. das Zeigen des bloßen Hintern, und durch andere Schreckmittel ab, oder gewannen sie durch allerlei Gaben ihres bescheidenen Haushalts und andere Aufmerksamkeiten.

Im alten Island war der Unrat ein Alfrek, ein Alfenvertreiber, und in Westfalen baten die „Guden Holden“ die Leute, ihre Stätte reinzuhalten, sollte es ihnen anders gut gehen. Man fuhr in Schweden nicht über einen Fluß, ohne vor sich zu spucken, wie die Zigeuner noch heute von einer Brücke herab tun, und warf in Tirol den Wildfräulein bespieene Steine hin. Stark riechende, würzige Kräuter wie Thymian, Dill, Kümmel und Lauch verscheuchten die Elfen. Man jagte sie bei der Ernte in die letzte Garbe und tötete auch wohl die Kornmutter darin, man warf die Wassergeister mit Steinen, die Windelfen mit dem Messer und schützte sich überhaupt gegen alle diese Geister durch schneidende Geräte und Donnersteine. Laute Flüche und Trommelwirbel wurden gegen sie angewendet, später kirchlich geweihte Dinge, wie Wasser, Salz und Osterbrände. Das Feuer nennt Saxo ein treffliches Schutzmittel gegen die Dämonen. Auch Nacktheit gilt dafür. Die meisten dieser Riten stehen noch unter dem Zeichen der Zauberei.

Ebenso kindlich war die Pflege der Elfen, die jedoch nicht zarterer Züge ermangelt. Mehl streut man den Winden als stillende Speise in die Luft, auch wohl Salz und Brot. Blumen trägt man den Quell- und Waldelfinnen zu und legt diesen auch Beeren auf einen Stein. Unschuldige Kindeshand muß bei der Ernte die ersten oder die letzten Ähren schneiden, mit Seidenfaden zum Büschel binden und den Kornfrauen hinlegen oder aufhängen. Nach Berthold von Regensburg wurde den saligen Fräulein, den felices dominae, zur Nacht sogar ein Tisch mit Speisen ausgerüstet, wie wir um dieselbe Zeit vom Pariser Bischof Wilhelm d’Auvergne hören, daß die Dominae noctumae, nächtliche Fräulein, vielleicht keltischer Art, nachts in den Häusern aus offenen Speis- und Trankschüsseln sich gütlich tun und dafür Fülle und Überfluß spenden. Den nordischen Hausgeistern spendet man gern Grütze mit Butter und leckerem Honig, den deutschen ein Süppchen. Oft fehlt auch Milch, Bier oder gar Branntwein nicht. Es galt wohl schon für feiner, ihnen Wolle oder gar Geld hinzulegen, draußen auf Steinen, an Höhleneingängen, Baumstümpfen und Wurzeln, drinnen auf Türschwellen und auf dem Herde oder im Ofenwinkel. Anspruchsvoller sind die deutschen Wassergeister, die ein Huhn verlangen, noch mehr der nordische Wasserfallelf, der Fossegrim, dem Schafe oder doch ein Böcklein dargebracht wird, und auch der Neckar verlangte am Himmelfahrtstage einen Bienenkorb, einen Laib Brot, ein Schaf und einen Menschen. Ein altnordisches Alfablöt Elfenopfer, durch das man gutes Wetter und Wundenheilung erlangen wollte, brachte man im Hause mit Ausschluß Fremder oder auf einem dem Hause nahen Hügel dar, den man mit blutigem Stierfleisch belegte. Ist ein Kind unruhig oder krank, so legt man in Schweden am Donnerstagabend bei Sonnenuntergang in eine einst vom Gletscherstrudel ausgehöhlte Elfenmühle oder Älfqvarn, die man mit Butter oder Pflaumenmus bestreicht, eine Puppe, auch wohl mit Nadeln, Getreide und andern Sachen. In Tirol warf man, um das Kind zu beruhigen, eine solche Puppe in die Ziller mit den Worten: „Nachtwuone, da hast du dein Kind!“ Mit einem Betrug also macht man sich von ihr los. Solche Puppen meint wahrscheinlich der Indiculus mit den aus Tuchstücken gemachten Götzenbildern. Vielleicht hat denselben Sinn die aus dem 15. Jahrhundert bezeugte Sitte, Knabenkleider an dem Pilbisbaum aufzuhängen, also für den Bilwiz. Auch in neuerer Zeit lohnte man die Elfen, wenn sie gar zu unbequem werden, mit neuen Kleidern ab oder brannte sie aus dem Hause aus.

Die Opfer wurden den meisten Elfen bei einzelnen Anlässen, wo man ihrer Gunst bedurfte, dargebracht, aber manche, namentlich die Hauselfen, hatten, wie die Seelen, auch ihre bestimmten Opferzeiten. Den Hausgeistern spendete man täglich oder doch wöchentlich am Donnerstag, statt dessen in späterer christlicher Zeit auch der Sonnabend oder Sonntag gewählt wurde. Die schonische Hausmutter opferte am Herdfeuer den guten Wichtern am Abend der drei hohen Feste. Das Haupt jahresfest der Elfen waren aber die Zwölften zwischen Weihnacht und dem Dreikönigstag, die Rauhnächte oder Loostage, im Norden die Julzeit, die Fahrtage der Landwichter und der Elfen oder moderner die Fahrengeltage. An diesen Tagen, übrigens in Deutschland auch schon an den „scheulichen“ und „verworfenen“ Tagen der Adventszeit, ziehen die Un-hulden und Schrezlein um. Da werfen die vizentinischen und veronesischen Deutschen der Waldfrau Flachs ins Feuer; in Deutschland bekommen die Schrezlein in der hl. Dreikönigsnacht Speise. Auch die Ausstattung der Tische zu Neujahr mit Broten und anderen Speisen, eine auch römische Sitte, die schon vom hl. Eligius (gestorben 659) und später um 1000 von Burkhard von Worms erwähnt wird, könnte ebenfalls altgermanischer Brauch sein, zumal da auch die Germanen an beliebigen Tagen die Elfen gastlich an Tischen bewirteten (S. 221) und die Engländer noch 1493 in der Neujahrsnacht den „Alholde“ und „Gobelyns“ Speis und Trank auf die Bank setzten. Um Husum tanzten um 1700 in den Zwölften die „Hahnjörs“ durch die Straßen, welche Menschen krank machen und in die Irre führen, und holen sich Essen und Trinken aus den Kellern. In Norwegen besuchen die Unterirdischen einander, ganz nach der Jul-sitte der Menschen, und das Ellefolk trinkt und tanzt dann auf den Kreuzwegen und in den Höhlen. Wie die wilde Jagd oder das wütende Heer in Deutschland zieht in Norwegen die Aasgardsreia, gleichfalls ein Gemisch von Seelen und Elfen, um und hält ihr Trinkgelage oder drängt sich in die Julfeste der Menschen. Diese setzen deshalb auch etwas vom Weihnachtsessen und einen Krug Bier auf den Hof hinaus. Von der isländischen Hausfrau wurden die Alfar in der Julnacht feierlich empfangen.

Diese kindlichen, armseligen Bräuche bezeugen den niedrigen Stand einer Religion, die sich zusammensetzt aus dem Grauen oder wenigstens der Furcht vor den Naturgeistern und aus der Zuneigung zu ihnen, einer gewissen Sympathie. Noch sind diese beiden Gefühle nicht veredelt und zu dem höheren Gefühle der Andacht verwoben. Die überlegene Zauberkraft wird anerkannt, aber im Übrigen betrachtet der Mensch die Elfen mehr wie Seinesgleichen. Daher behandelt er sie oft rücksichtslos und geht mit ihnen die allerpersönlichsten Verbindungen ein, wie sie manche schöne Sage uns bewahrt. So dreht sich der Elfenglaube noch ganz wie der Seelen- und der Marenglaube, im Gegensatz zu den jüngeren Glaubensrichtungen, um den unmittelbaren privaten Verkehr mit den religiösen Mächten, die noch kaum höhere zu nennen sind. In dieser nahen Fühlung mit den Menschen, wie in manchen andern Zügen stimmen diese drei älteren Gruppen so sehr miteinander überein, daß sie, obgleich verschiedenen Ursprungs und Gehalts, oft in einander übergreifen, und manche ihrer Mitglieder fließende Übergangsfiguren geworden sind. Seelen Verstorbener werden Winde, und Seelen noch ungeborener Kinder perlen im stillen Quell empor; aber Winde sind auch Elfen, und der Atem des Wassergeistes steigt in Bläschen aus dem See auf. Jene Zwölften-umzüge umfassen meistens Toten- wie Windgeister. Auch heißen Maren nicht nur die Alpdrucks-, sondern auch die drückenden Wolkenelfinnen.

Die nahe Fühlung dieser drei übermenschlichen Wesensarten mit den Menschen hat noch eine andere Wirkung; sie hat einige bevorzugte Menschen zu jenen gleichsam hintiberzogen und mit ihrer Zauberkraft ausgestattet, namentlich mit der Fähigkeit des Alpdrückens und mit der Kunst, das Wetter zu machen, Helle und Dunkel zu verbreiten durch Schwenken eines Tuchs oder Felles. Der Zauberer Eyvind machte sich und seinen Leuten einen Hulidshjälm Hüllhelm und ein solches Nebeldunkel, daß man sie nicht mehr sehen konnte. Ähnliche Künste schrieb man auch Weibern, Hexen, zu, deren geröteten oder triefenden oder stechenden Augen der elfische böse Zauberblick, eignete. Schon ums Jahr 1000 und gewiß viele Jahrhunderte früher hieß das Elfengeschoß ein Hexengeschoß, das den Hexenschuß verursacht. Die Hexen machen das Wetter wie die Elfen, in Stubai am Sailjoch gerade an dem Elfentage, dem Donnerstag. Auch sie flechten in den Bäumen Alpruten, daher heißen diese Hexenbüsche, und man fürchtete an den Adventsdonnerstagen und in den Zwölften den Umzug nicht nur der Unhulden und Truten d. h. der Elfen und Maren, sondern auch der Hexen. Diese haben später aber auch in den Frühlingsstürmen ihren eigenen Fahrtag oder vielmehr ihre Fahmacht. In der ersten Mai- oder der Walpurgisnacht reiten sie auf Wetterbesen, dunklen Hagelwolken, zu wildem Tanz und Schmaus auf die umwölkten Berge ihrer Gegend, von denen der Blocksberg im Harz und der Bläkulle auf dem schauerlichen Felseneiland Jungfrun an der Küste von Oeland die berühmtesten sind. So ist mitten zwischen der Seelen-, der Maren- und der Elfengruppe eine vierte mythische Gruppe aus leibhaftigen Menschen gebildet worden, der aber erst der kirchliche Wahn von ihrer Buhlschaft mit dem Teufel die ganze unheilvolle Gehässigkeit gegeben hat.

Der innige Verkehr der Menschen und Elfen hatte noch eine ganz andere Folge: das Elfenreich wurde den Seelen der Verstorbenen eröffnet, es wurde eine Art Totenreich geschaffen. Die Seelen führten in ältester Zeit ein unstetes oder unsicheres Dasein bald im Hause oder in einem nahen Baum oder Stein, bald in oder bei ihrem Grabe, bald in den Lüften ringsum. Hier schon berührten sie sich mit den Haus-, Baum-, Stein- und Windelfen, und die Elfen ihrerseits suchten auch die Grabhügel zur Wohnung aus. Als Winde waren die Seelen kaum von den Elfen unterscheidbar. Dazu kam der tägliche Umgang der lebenden Menschen mit den Elfen draußen und drinnen, man glaubte sogar, daß beide sich mit einander zur Ehe zusammenschlössen, und gar manches Menschenkind war ins Elfenland entführt oder eingedrungen. Nim gingen auch die Toten ein in die Herrlichkeit des Elfenreiches, das wir oben bald auf Erden, bald droben im Himmel oder in der Luft gefunden haben (S. 170). Der Niss antwortet dem nach seinem verstorbenen Vater fragenden Sohne: „Dein Vater ist bei uns!“ In einer schottischen Sage sagt der Tote:

„Ich bin nicht tot, sondern im Elfenland gefangen“.

Die Isländer „starben“ in den Berg, d. h. ihre Seelen fuhren in den Berg, so in den Helgafell, den Heiligenberg, in dem auch Alfar wohnten und die Toten um große Feuer jubelnde Gelage hielten. So sind die schonischen Trollenberge am Julabend auf Goldpfeiler gestellt, unter denen die Trolle tanzen. Die deutschen Toten aber kamen in den Rosengarten der Zwerge, die durch ihre paradiesischen Eigenschaften, durch einen dahin übersetzenden Fährmann oder einen Wächter, der eine Hand und einen Fuß als Zoll fordert, als Totenreiche charakterisiert werden.

Der Elfenglaube war ein Angelpunkt des germanischen Gesamtglaubens. Den Seelen- und den Marenglauben entwurzelte oder lockerte er zwar nicht, im Gegenteil diese blieben unvergleichlich fest in der Volksseele haften; aber die Naturverehrung gab ihm das Übergewicht über die beiden andern. Er gehörte nicht nur wie sie zu den ältesten und bis heute dauernden Grundlagen des menschlichen Glaubens überhaupt, sondern er bildete, zum Unterschied von ihnen, mit dem Riesenglauben vereint, die Grundlage des ganzen höheren Dämonen- und Götterglaubens.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen Meyer, Elard Hugo.

Mythologie der Germanen – Die höheren Dämonen

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Die Germanen gehörten zu denjenigen Naturvölkern, die zwar lange Zeiten hindurch nomadenhaft ihre Wohnsitze immer wieder wechselten, aber in der Regel mit diesem Wechsel einen höheren Kulturstand erreichten. Das zeigt auch ihr Übergang von der niederen zu einer höheren Mythologie. Sie gaben zwar keineswegs den Glauben an Gespenster und Maren, Elfen und Riesen auf — er bildete vielmehr den dauernden Untergrund ihrer Religion bis in die neuere Zeit hinein —, aber er allein genügte nicht mehr. Diese Wesen alle waren trotz ihrer mannigfachen Zauberkräfte doch nicht viel mehr als ihresgleichen. Im Umschwung der großen Schicksale, der die germanischen Stämme aus dem Osten zuerst nach Mitteleuropa und dann weiter nach Süd- und Westeuropa warf, bei der wachsenden Erkenntnis ihrer höheren Lebenszwecke bedurfte es für sie anderer stärkerer Mächte, als jene niederen Dämonen waren, um ein festes Vertrauen zu ihnen und das noch fehlende tiefste religiöse Gefühl, die Andacht, zu erwecken. Wie in der Sprache der alte Wortschatz einen allmählichen Bedeutungswandel erfuhr, indem man der Bezeichnung nicht bloß äußerlicher Dinge und Vorgänge, sondern auch innerer Eigenschaften Herr zu werden suchte, so bildete sich im Glauben der alte Mythenschatz um, indem seinem mehr sinnlichen Gehalt mehr und mehr geistige, sittliche und aesthetische Motive eingeflößt wurden. Die alten Figuren wurden umgeformt und vergeistigt, ihr Kultus gereinigt und vertieft. Aus dem sinnlichen Mythenstoff keimten immer kräftiger die Empfindungen des Unterschiedes von Schön und Häßlich, von Gut und Böse, von Vergangenheit und Zukunft empor. Über das Urgestein schob sich eine neue, in vielen Stücken wertvollere Schicht, die aber weder die Mächtigkeit der ältesten, noch die der späteren hatte. Mit andern Worten: der Glaube erstieg eine höhere Stufe, die der höheren Dämonen, die eine Zwischenstufe von der niederen Mythologie zu der Göttermythologie bildet.

Veredelung oder doch Vergeistigung des dämonischen Wesens ist das Hauptmerkmal, das diese höheren Dämonen von den niederen scheidet. Zwar haben auch sie noch nicht allen Zusammenhang mit den sinnlichen Naturerscheinungen gelöst, aber ein höherer, von diesen mehr oder minder unabhängiger Beruf füllt doch nun fast ihr ganzes Leben aus. Sie treten auch gewöhnlich nicht mehr in unzählbarer Menge auf, sondern ordnen sich entweder zu einer Sippe, wie die Riesen des späteren Mythus, oder sie verteilen sich in zwei oder drei Scharen, oder sie bilden eine scharf umrissene Gruppe von zwölf, neun, sieben oder drei Personen, wie die Walküren und die Nornen, oder auch nur ein Paar, oder sie schließen sich zu einer einzigen Gestalt zusammen, die nun ein ganz individuelles halbgöttliches Dasein führt, wie Mimer und Loki. Gleich den Elfen und den Riesen des späteren Mythus werden sie häufig in einen umfassenderen Götteroder Heroenmythus verflochten, aber sie greifen auch tief ins Menschenleben ein. So stellen sie einen Dämonenadel dar, der das niedere Volk der älteren Geister nicht verdrängt, aber überragt, jedoch selber wieder unter den noch jüngeren königlichen Göttern steht und diesen oft zu dienen hat. Mancher echt germanische Zug haftete schon den Seelen, Maren, Elfen und Riesen an, obgleich alle diese Dämonen internationale Figuren des indogermanischen Völkerkreises waren. Die höheren Dämonen haben zum Teil auch noch wenigstens ihren Ursprung in solchem weiteren Kreise, der sich aber schon zu einem indoeuropäischen zusammengezogen hat; zum Teil tragen sie bereits ein ganz nationales, eigentlichst germanisches Gepräge.

Unter diesen höheren Dämonen beanspruchen die weiblichen den Vortritt, sie zeigen sich gern in Gruppen. Die Nordleute nannten sie Disir, d. h. kluge Frauen oder genauer Spddisir, framvisar Disir zukunftskundige Frauen, worunter sie halbgöttliche Weiber verstanden, bald Nornen, bald Walküren, bald Schutzgeister. Ihnen scheinen die weit ungenauer charakterisierten Idisi in Deutschland zu entsprechen.

Die Schicksalsfrauen oder Nornen, die die erste Gruppe bilden, haben in den griechischen Moiren und den römischen Parzen ihre ziemlich getreuen Gegenbilder. Der Name der Nornen, der ursprünglich auf Island, die Färöern und Norwegen beschränkt war, ist nicht sicher zu deuten. Wenn er wirklich, wie man vermutet, die Flechterinnen bezeichnete, so würde das nicht nur zu der bisher einleuchtendsten Erklärung des lateinischen Parzennamens stimmen, sondern auch einen Hauptzug ihres Tuns wiedergeben. Nicht nur die nordischen Nornen, sondern auch die ihnen entsprechenden deutschen Schepfen flochten und wanden das Schicksalsseil. Seltener gebrauchte man für sie im Norden den Plural Urdir, dessen Sinn klar ist. Denn das singularische Urdá (r), der Name der bedeutendsten isländischen Norne, geht im Sinne von Geschick, Verhängnis, Tod als althochdeutsch Wart, altsächs. Wurdh, angelsächs. Wyrd, englisch Weird durch die andern germanischen Sprachen. Aber auch in diesen nahm der abstrakte Gattungsname, wie das entsprechende griechische Moira, das Lebenslos, mehr und mehr den Charakter des Eigennamens eines überirdischen Wesens an, die Wurt wurde eine Schicksalswalterin. Als Hadubrand, der seinen Vater Hildebrand für tot hält, vom Zweikampf mit diesem nicht lassen will, da ruft der Alte aus: „Nim wohlan, waltender Gott, Wehwurt geschieht!“ Schon persönlicher nimmt im Heliand und im Beowulf die Wurd oder Wyrd den Menschen weg, d. h. er stirbt, und die Wyrd webt ihm sein Geschick. In England waren die drei Weirdsisters bekannt.

Daneben erscheinen die Schicksalsfrauen als die altdeutschen Skeffarun, Skephentun, Schepfen und als rasche, jähe Gdchschepfen und noch bei Michael Behaim als die Geschöpfen, d. h. Verhängerinnen, wie auch den nordischen Nornen das Skapa, d. h. Verhängen, beigelegt wurde. Die angelsächsischen messen das Leben ab als graman Mettena grimme Messerinnen, und das ganze Schicksal hieß altsächsisch Wurdigiscapu oder Metodogiscapu und, als Werk ratender Mächte, Reganogiscapu.

Die Schicksalsfrauen treten fast immer in der Dreizahl auf, wahrscheinlich weil sie den Anfang, die Mitte und das Ende des Lebens bestimmten, und sehr häufig sind sie verschwistert oder wenigstens miteinander nahe verwandt. Burkhard von Worms nennt die drei „Parzen“, deren Bewirtung er tadelt, Schwestern, Saxo erzählt von drei schicksalbestimmenden Schwesternnymphen, der Engländer kennt drei Weirdsisters, der Friese , der Niedersachse drei weiße Jungfern, der Süddeutsche, insbesondere der Bayer, drei Schwestern, Basen, , Jungfern oder auch drei Heilrätinnen. Wie die Disir, die nicht nur Walküren, sondern auch Nornen bezeichnen, weiß oder schwarz sind, ist auch die der Urdr gleiche Hel halb schwarz, halb menschenfarbig, und von den drei bayrischen Heilrätinnen, deren eine Hel(d) heißt, ist die eine weiß, die andere halb weiß, halb schwarz und die dritte schwarz. Dem heiteren Geburtstage gebührt die weiße, dem freudevollen, aber auch mühevollen Hochstande des Lebens die gemischte und der ernsten Todesstunde die schwarze Farbe ihres Gewandes. Einfluß geübt haben mag auf diese Verteilung auch die Verschiedenheit der älteren Elfinnen, die, je nach der Wolkenfarbe, in der sie erschienen, bald licht und freundlich, bald finster und feindselig waren, bald zwischen beiden in der Mitte schwebten. So wurde im indischen Weda die leise auf dämmernde, dann voll prangende und wieder dahinschwindende Göttin der Morgenröte in den drei Formen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgeführt. Namentlich mit den Wolken- und Quellelfinnen zeigen die Nornen nahe Verwandtschaft. Der Schotte kannte sogar Weirdelves, die Norae Skuld ist Tochter einer Alfin und ist von Alfen und Nornen umgeben. Saxo nennt die Nornen Nymphen, und die bayrischen drei Schwestern sind auch Wasserjungfern und Meerfräulein. Gleich deutschen Nixen, weißen und wilden Frauen, spinnen, flechten, singen, weissagen jene drei Schwestern, und die nordischen Nornen sind auch Schwäne und Schwanjungfrauen. Die drei süddeutschen Schwestern haben wie die Wirbelwindsbräute (S. 164) einen Gürtel, der, vom Menschen umgelegt, ihm den Leib zerreißt. Wenn die Schicksalsfrauen andrerseits in der Völuspa drei übermächtige Riesenmädchen heißen und Urd vereinzelt als schwarzgekleidete Riesin auftritt, so kommt darin ebenfalls ihre Herkunft von älteren Naturdämonen, aber auch die Gewalt ihres erhabenen Berufs zum Ausdruck. Dann wieder stammen sie von Äsen, Alfen und Zwergen ab, je nach ihrem Charakter und dem Gebiete ihrer Tätigkeit. Doch scheinen sie keine Macht über der Götter Dasein zu haben, und ihr Erscheinen nach der Menschenschöpfung in der Völuspa hat den Zweck, den Menschen das Schicksal zu bestimmen.

In der Nornenschilderung der beiden Edda’s mischt sich Uraltes und Neueres. Die drei Nornen sitzen am Urdarbrunnen unter der immergrünen Eiche Yggdrasil, dem Wolkenbaum, den sie (täglich) mit glänzendem Naß begießen. Von da fällt der Tau in die Täler herab. (Zwei Schwäne schwimmen auf dem Brunnen.) In diese alte Wolkenscenerie, in der man die stille Badestelle der Schwanjungfrauen wiedererkennt, dringt mm der Gedanke eines höheren Berufes. Aus dem Saal oder, nach anderer Lesart, dem See unter dem Baum kamen die vielwissenden Mädchen Urdr, Verdandi — sie schnitten in ein Holzstück (den Schicksalsspruch) — und Skuld. Sie bestimmten das Gesetz, sie erkoren das Leben den Menschenkindern, das Schicksal der Männer. Und nun beginnt in der Völuspa sich das Weltenschicksal zu entrollen. Ruhig walten die Nornen ihres hohen Amtes. Eine ähnlich großartige Landschaft tut sich hinter ihnen bei des vornehmsten echt nordischen Helden Helgi Geburt auf. Da schrieen die Adler, und heilige Wasser strömten von himmelhohen Bergen. Kräftig wanden sie die Schicksalsfäden unter burgenbrechendem Sturm. So künden sie noch wie mit Naturkraft ein leidenschaftliches kurzes Kampfleben an.

Wie die drei Nornen, wohnen die drei bayrischen Schwestern an einem Brunnen oder See, schwimmen als Enten darauf, singen und jammern vor großen Ereignissen. An ihrem Rastort, der „Jungfernrast“ bei Meransen, hoch oben in den Alpen, entsprang ein heiliger Baum und ein Brünnlein. Von da spenden sie Regen, weshalb man bei Dürre noch im 19. Jahrhundert sieben bis acht stundenweite Wallfahrten dorthin machte. Wie die Nornen das Schicksalsseil drehen und auswickeln, so spinnen die bayrischen Schwestern, hängen Wäsche auf und spannen ein Seil von einem Berg zum andern, um gutes oder schlechtes Wetter anzuzeigen. Wird ihrer eine verwundet, so bricht ein Unwetter los.

Jene blaß abstrakten Einzelnamen der drei nordischen Nornen: Urdr, Verdandi und Skuld, die offenbar das Gewordene oder die Vergangenheit, das Werdende oder die Gegenwart und das Gesollte oder die Zukunft bedeuten sollen, sind stark verdächtig, den spätlateinischen Parzennamen Praeteritum, Praesens und Futurum nachgebildet zu sein. Von echterem Klange sind die allerdings auch wenig frisch sinnlichen Namen der drei süddeutschen Schwestern Einbet, Wilbet und Werbet, die wohl von Bitten in der alten Bedeutung des Gebietens und Befehlens herzuleiten sind. So wird auch das entsprechende nordische Bidja das Befehlen, Bestimmen als eine Haupttätigkeit der Nornen hervorgehoben. Dann wäre Einbet die in ihrer Art einzige Schicksalsbestimmerin, die oberste Bestimmerin, Wilbet, die des Gewollten, des Erwünschten, Werbet, die der Wirren, der Wechsel des Lebens.

Diese drei heidnischen Schwestern wurden nicht nur in den Heiligenstand erhoben, sondern auch an manchen Orten alle drei oder ihrer zwei durch Heilige ersetzt. Sie heißen dann St. Einbet, St. Werbet, St. Wilbet; von denen die erste bei Freiburg i. B. auch allein eine Kapelle hatte. Auf dem Kapellenberg bei Gengenbach aber, dem Platz eines alten Römerkastells, wurde der Einbet und den beiden christlichen Märtyrerinnen St. Perpetua und St. Felicitas eine Kapelle gebaut, und im Jülichschen und im Elsaß sogar Fides, Spes und Caritas an ihre Stelle gesetzt. Sie wurden auch dem Heere der 11000 heiligen Jungfrauen eingereiht. Die Bayern verehrten die drei Schwestern in unterirdischen Gängen und Höhlen, „steinernen Stuben“, und an heilkräftigen Brunnen bis in die Brixener Gegend, die Alemannen bei dem Dreischwesterbrunnen auf dem Rigi und an den Hängen des Schwarzwalds und noch über dem Rhein, die Franken vorzugsweise im niederrheinischen Jülichgaue. Saxo weist den nordischen drei Schwestern einen Tempel mit drei Sitzen an.

Die deutschen und die nordischen Schicksalsfrauen stimmen nicht nur in ihrem Naturleben, sondern auch in ihrem Berufsleben überein. Jene wie diese „schaffen“ oder „schepfen“ d. h. verhängen, oder „bitten“ im Sinne von befehlen, bestimmen, oder „raten“ d. h. entscheiden das Schicksal. Die guten Nornen schaffen Glück und Ehre, die bösen Freud- und Ruhmlosigkeit. Sie richten und weisen und weissagen schon bei seiner Geburt des Menschen Los, das die beiden ersten, wie es nach der Völuspa scheint, auf ein Holz einkerben. Darum hieß auch im Angelsächsischen der Schicksalsbeschluß Schicksalsbuchstabe Vyrdstäf. Ihrem unwiderruflichen Wahrspruch, heißt es, kann niemand widerstehen oder

„Niemand lebt nur noch einen Abend, wenn er ihren Spruch vernommen hat“.

Es bricht hier das Gefühl des Unabwendbaren durch, das mit unerschrockenem Fatalismus die Helden des germanischen Südens wie die des Nordens durchdringt und noch in der neueren isländischen Alfensage so ergreifend zum Ausdruck kommt.

Nach Burkhard von Worms um 1000 bestimmen drei Schwestern das Schicksal des Menschen bei seiner Geburt und können ihnen dabei die Fähigkeit verleihen, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Nach Saxo befragte König Fridlev nach feierlichen Gelübden drei auf Stühlen sitzende Nymphen in ihrem Tempel um die Zukunft seines Sohns. Die zwei ersten verhießen ihm Reichtum und Glück, die dritte aber Geiz. Der antiken Meleagersage scheint die vielleicht nur scheinnordische Nornagestssage zu entsprechen, in der zwei Nornen dem Kinde Glück verkünden, die dritte dagegen nur das kurze Leben einer neben ihm brennenden Kerze. Die wird mm rasch gelöscht, um ihre schnelle Aufzehrung zu verhindern, gerade wie der Feuerbrand des Herdes bei Meleagers Schicksalsoffenbarung. Auch die deutschen drei Schwestern stimmen keineswegs immer in ihrem Ausspruch überein, die zwei weißen haben meistens die gleiche Gesinnung, während die dritte sich oft nicht in den Willen der andern fügen will. So galten auch ihrer zwei für blind und wurden von der dritten übervorteilt.

Aber nicht nur durch Spruch oder Schrift fällen sie ihr Urteil, sie spinnen auch das Leben des Menschen an, spinnen es weiter, spinnen es ab. Sie wirken sein Lebensgewebe oder flechten ein Seil, bis die eine es zerreißt. Klar drückt dies ein Minnesinger des 13. Jahrhunderts, der Marner, aus:

„Zwei Schepfen flochten mir ein Seil, dabei die dritte saß; die zerbrach’s zu meinem Unheil“.

Unklarer ist das erste Helgilied. Die für Helgi kräftig gewundenen Schicksalsfäden waren goldene Seile, die die Nornen auseinander wickelten und unter dem Himmel befestigten. Ihre Enden bargen sie im Osten und Westen, zwischen denen sein Land in der Mitte lag. Eine Kette aber warf eine Norne nordwärts und befahl ihr, immer zu halten. Bedeutet das: Weit soll Helgi’s strahlender Ruhm sich ausbreiten und sein Andenken im Norden ewig dauern?

Die Nornen der Geburt sind Nothelferinnen, schon in der Liederedda Naudgönglur, die die Mutter vom neugeborenen Kinde lösen. So spinnen die zwei guten bayerischen Heilrätinnen Leinen für die Wöchnerin, die sich darauf legt, um leichter zu gebären, und die drei Jungfern von Schildtum, denen 1237 eine Kapelle geweiht wurde, beförderten glückliche Entbindung. Darum erschienen die Nornen, wie die drei deutschen Schwestern des Mittelalters und die neuisländischen Blakapur oder Schwarzmäntel, bei der Geburt im Hause des Neugeborenen und wurden hier bewirtet. Die „Nornengrütse“, wahrscheinlich die beliebteste mit Honig durchsüßte Grütze, die erste Speise der färöerschen Kindbetterin, ist wohl als Nornenopfer zu betrachten. Auch das Zuckerwerk, das noch in Deutschland und Holland das Neugeborene seinen Geschwistern mitbringt, mag ursprünglich für die Schicksalsfrauen bestimmt gewesen sein. Denn Burkhard von Worms erwähnt die volle Zurüstung eines Tisches mit Speis und Trank und drei Messern für die drei Schwestern. Aber sie fand nicht am Geburtstag, sondern zu Neujahr statt, war also übertragen auf die Zeit, in der man im Orient und darnach im Abendlande den Tisch des Glücks mit Speisen und Getränken versah.

Die Gabe, ein Geldstück oder eine Peitsche oder ein Kochlöffel, die man noch hie und da in Deutschland zu guter Vorbedeutung ins erste Kindsbad beschert oder dem Kinde ins Händchen steckt, wird früher als Gabe der Schicksalsfrauen gedacht worden sein, wie es der unten erwähnte griechische Brauch ausdrückt. Die deutschen Schicksalsfrauen wurden wahrscheinlich auch mit einem Liede begrüßt, das in moderner Form noch über der Wiege manches Bauernkindes gesungen wird:

„In N. N. steht ein goldnes Haus,
Da schauen drei Jungferle (Mariele) heraus,
Eine windet Seide,
Die andere schnitzelt Kreide,
Die dritte schneidet Haferstroh,
Behüt mir Gott mein Kindlein auch!“

Hoffnungsvoll beginnt das Leben mit dem Winden der schönen Seide, setzt sich fort in dem unklaren, wahrscheinlich verderbten Kreideschnitzeln und endet mit dem Schneiden des dürren Strohes, eines Symbols des Todes. Freundlicher heißt es auch von der letzten Jungfer: „Die dritte macht’s heilig Tor auf“, sie öffnet also den Himmel. — Weiße Fleckchen auf den Fingernägeln, die noch heute nach deutschem Aberglauben Glück bedeuten, gelten auf den Färöern für „Nornenspuren“.

Die altnordischen Nornen gossen Naß auf den Wolkenbaum, von dem Tau auf die Erde herabfällt. Auch die bayerischen drei Schwestern begünstigten nicht nur die Fruchtbarkeit der Weiber, sondern auch die der Felder, weshalb bei Dürre die Tiroler mühsam über Berg und Tal zu ihnen hoch nach Meransen hinauf wallfahrten. An den drei ersten Märzdonnerstagen verehrt man zu Lützkampen im Kreise Prüm die drei in Holz geschnitzten Fides, Spes und Caritas, vielleicht weil man dann die ersten Pfluggänge machte; in Frauweiler bei Bedburg wurde der Einbett, Willbett und Warbett am 1. August d. h. am Schluß der Getreideernte das Dreijungfernfest gefeiert, und den süddeutschen drei Heilrätinnen opferte man drei schwarze Pfennige oder auch vor der Ernte drei stehende Ähren, die man mit weißer Seide zusammenband und die dann ein Kind unter sieben Jahren auf das Feld legte. Auch scheinen sie Ehestifterinnen zu sein, denn die drei wilden Frauen vom Staufen bei Reichenhall, zwei weiß und die eine halb schwarz, halb weiß, kamen nicht nur nach der Geburt ins Haus und sangen, dem Kinde zum Glück, sondern sie kamen auch zur Hochzeit. So erschienen früher auch auf märkischen Hochzeiten drei Feien oder als Frauen verkleidete Maschkers. Von der Botenlaube, einer Burg bei Kissingen, stellten sich die drei Schwestern, in denselben Farben wie jene Staufer Frauen, bei Kindstaufen, Hochzeiten und Begräbnissen ein.

Ist der Nornen Spruch ergangen, so lebt niemand nur einen Abend. Der Urdarmdniy der Mond der Norne Urd, ein halbmondförmiger Schein, bewegt sich an der Wand eines Hauses und bedeutet großes Sterben; ebenso wie das westfälische Quädlecht an der Wand den Tod eines Hausbewohners ankündigt. Namentlich Urd, Wurd oder Wyrd führt den Tod durch ihren Eingriff herbei, und Ainbet wird als ein mörderisches Burgfräulein geschildert. Wie diese zur Held oder Rachel d. h. zur rächenden Hel, der Unterweltsgöttin, wird, berührt sich auch Urd nahe mit der nordischen Hel. Hel bezeichnete ursprünglich das Grab, weiterhin das Totenhaus und endlich die Herrscherin desselben. Sie ist halb schwarz, halb menschenfarbig oder ganz schwarz; sie hat ein Seil und einen Hund gerade wie die bayerische Held; sie nimmt nach der älteren nordischen Auffassung und der Volkssage alle Toten auf, nach der späteren nur die nicht im Kampf Gefallenen oder gar nur die Schlechten. Aber auch den getöteten Gott Balder erwartet die Hel in einem hohen geschmückten Hause, im Saale Eljudnir, mif Met und Goldschmuck der Dielen. Auf dem Helweg kommt man über den Totenfluß zur Helgrind, zum Höllengitter. Aus Näsheim, dem Totenheim, reitet ein großes Weib auf grauem Hengst, an dessen Schwanz ein Mann fortgeschleppt wird zur Strafe für seine Schlechtigkeit. In Dänemark geht ein Seuchen ankündigender Hel als dreibeiniger Helhengst um, der an den männlichen reitenden Tod der Apocalypse erinnert. In Bayern erscheint dieses gespenstische Todesroß allein oder mit den drei Schicksalsschwestern.

Der Dreischwesterglaube ist nicht schon in der indogermanischen Gemeinschaft entstanden, er scheint auf die europäischen Indogermanen beschränkt. Die Schicksalsfrauen sind nicht gleich den Gestalten der niederen Mythologie psychologische Urphänomene, sie sind Geisteserzeugnisse einer schon späteren Kultur in Europa, die mit der der asiatischen Arier, der Iranier und Inder, nicht mehr in genauem Verbände stand.

Schon in der homerischen Dichtung tritt eine einzige Schicksalsfrau oder mehrere, meist drei, auf, eine Moira oder drei Moiren, wie im germanischen Glauben eine Urd-Wurt oder drei Urdir. Die Moiren sind schon damals Klothes, Spinnerinnen, deren erste bei der Geburt eines Menschen den Lebensfaden anspinnt, während die beiden anderen ihn weiter- und abspinnen, oder die letzte ihn zerreißt oder nach römischer Anschauung abschneidet, sowie die germanischen spinnen, winden, weben und ein Seil drehen und zerreißen. Nach hellenistischem und neugriechischem Glauben spinnt nur eine, die andere zieht von drei Losstäbchen eins hervor, die dritte schreibt den Schicksalsspruch auf ein Täfelchen oder in ein Buch. So kannte der Angelsachse ein Vyrdstäf, ein Losstäbchen der Vyrd, und zwei der nordischen Nornen schnitten den Schicksalsspruch in ein Holz ein. Unwiderruflich ist der griechischen wie der germanischen drei Frauen Beschluß. Noch vor Kurzem riefen schwangere athenische Frauen die Hilfe der Moiren an und rieben sich dabei an einem Felsen bei der Quelle Kalirrhoé, und so breiteten ja auch die bayerischen Heilrätinnen ihr Leintuch hilfreich den Gebärenden unter. Die antiken Moiren wurden auch bei Geburten angefleht und in Sikyon alljährlich mit trächtigen Schafen, Honigwasser und Blumen beschenkt. Die neugriechischen Moiren, die in der dritten Nacht nach der Geburt erscheinen, werden im sorgsam gesäuberten Hause mit einem Teller Honig, Zuckerwerk und drei Gläsern Wasser, drei Löffeichen und drei Handtüchern empfangen. Auf Corfu legt man für sie neben den Neugeborenen außer Brot und Zuckerwerk auch Gold. Ähnlich wurden die germanischen Schicksalsfrauen bewirtet und beschenkt und ähnliche Gaben, Zuckerwerk und Geld, auch neben das deutsche Kind gelegt. Und, um das gleich anzuführen, auch den bretonischen Feen wurde eine reich besetzte Tafel mit drei Gedecken bereitet, um sie dem Neugeborenen günstig zu stimmen. Nehmen und Geben gehen in diesem Verkehr hin und her; die Gaben sind bald mehr für die überirdischen Weiber, bald mehr für das neue schwache Erdenkind bestimmt. Die griechischen Drei sind nicht immer einig in ihrem Verhalten gegen das neue Leben; öfter hadern sie vor ihrem endgültigen Schicksalsspruch unter einander. So zanken auch häufig die nordischen Nornen und die bayerischen Schwestern. Kleine Blütchen auf der Nase des neugeborenen Kindes gelten in Neugriechenland für Schriftzeichen der Moiren; weiße Tupfen auf den Fingernägeln, „das Blühen der Nägel“, im Norden für Nornenspuren. Die von der deutschen Mutter an der Wiege ihres Kindes begrüßten drei Jungfern schauen aus einem goldenen Haus; die Moiren wohnen auf dem Gipfel des Olympes oder am Ende der Welt in einem Palast mit herrlichem Garten. Die drei wilden Frauen vom Reichenhaller Staufen singen das Hochzeitslied, wie die drei Moiren bei der Vermählung des Zeus mit der Hera und der des Peleus mit der Thetis. Wie Wurt und die Todesgöttin Hel sich berühren, so wirken schon in der Ilias Moira und die beiden Todesgottheiten Thanatos und Ker kameradschaftlich zusammen, und der neugriechische Todesgott Charos auf seinem Pferde, der die Moiren vom Gebiete des Todes zurtickgedrängt hat, erinnert an den germanischen Helhengst, der die Stelle der Todesnorne einnimmt. Felsgrotten und unterirdische Gänge waren in Griechenland wie in Bayern die Lieblingskultstätten der Schicksalsfrauen.

Die auffallende Übereinstimmung der Grundzüge des germanischen Nornenglaubens mit denen des griechischen Moirenglaubens, die auch bei den Slaven und Kelten wiederkehren, darf nicht auf Entlehnung zurückgeführt werden, sondern ist aus alter Religionsgemeinschaft zu erklären. Aus dieser heraus entwickelte dann nach der Trennung jedes Volk für sich einzelne besondere, meist aber dann auch noch ähnliche Züge. Die Gesamtbenennung dieser mythischen Wesensgruppe scheint sich erst später befestigt zu haben und ist darum überall eine abweichende, und so auch die Benennung der einzelnen drei Gestalten. Die einzige Übereinstimmung auch in den Namen, die zwischen den römischen Parzen und den nordischen Nornen besteht, ist dagegen mehr gelehrten Charakters. Schon in Platos Republik erscheinen die Moiren als Zeitgottheiten, welche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft singen. Aber nach den Zeiten benannt sind erst bei Isidor die drei spätlateinischen Parzen Praeteritum, Praesens und Futurum, denen dann wieder in der Völuspa die Namen der drei Nornen Urdr, Verdandi und Skuld nachgebildet worden sind. Dagegen mag die Doppelfarbigkeit der drei bald weißen, bald schwarzen deutschen Schwestern und der römischen bald weißen, bald schwarzen Parzen in Bayern, wie in Rom aus ihrem zwiespältigen Wesen selbständig sich ergeben haben.

Wie die griechischen und germanischen Schicksalsfrauen spinnen die Parzen, singen bei der Gebtut, und ihrer eine, namens Scribunda, trägt den Schicksalsspruch ein und zwar in ein Buch; neu ist ihr Name „Mütter“, der vereinzelt dem Parzennamen vorgesetzt wird. Da wirkten wahrscheinlich die drei Matres oder Matronae herüber, denen in den Rheinlanden Hunderte von Steinen mit Inschriften und auch Bildnissen geweiht worden sind. Sie waren aber keine Schicksalsgottheiten, sondern keltische Ortsgottheiten wohl ausschließlich der Fruchtbarkeit, die dann auch von den angrenzenden Germanen übernommen wurden. Sie wurden dargestellt als mütterliche Frauen, die nebeneinander sitzend den Segen der Erde in Körben auf ihrem Schoße halten.

Die Schicksalsfrauen bestimmten zwar des Menschen Lebenslauf, aber sie verfolgten diesen nur von ferne, sie begleiteten ihn nicht. Fast nur bei Geburten und etwa noch bei Hochzeiten und Sterbefällen traten sie in die Häuser. Doch der Mensch hatte auch seinen persönlichen Begleiter, der ihm auf all seinen Wegen folgte, einen Schutzgeist. Das war in Griechenland der Daimon oder auch Heros, in Rom der Genius der Männer und die Juno der Frauen, im germanischen Norden aber — denn in Deutschland ist sie nicht erkennbar — die Fylgja oder Fylgjukona die Folgerin, Folgefrau. Mit ihr fällt oft zusammen die Hamingja, die wohl von dem Ham d. h. der zarten Glückshaube des Neugeborenen, die für ihren Sitz galt, ihren Namen hat. Beide unterschieden sich aber dadurch, daß die Fylgja nicht immer zuverlässig schützte und nicht immer Glück brachte, während die Hamingja ursprünglich mehr einer freundlichen Fortuna glich, die man sogar einem Andern mit auf den Weg gab.

Bei den Griechen, Römern und Nordgermanen hat sich der Schutzgeist aus der Vorstellung der Seele des Menschen entwickelt, darum teilt er einige merkwürdige Eigenschaften mit ihr. Er wird dem Menschen namentlich sichtbar im Traume und dicht vor dessen Tode, d. h. dann, wenn sich die Seele vom Menschen löst; sein Erscheinen kündet ihm also auch, wie das der Seele, den Tod an. Er nimmt dabei, wie sie, entweder Tier- oder auch Menschenform an und zwar von den Tierformen, ebenfalls wie sie, namentlich die der Hausschlange oder eine dem Charakter seines Schützlings entsprechende Tierform. Der griechische Heros zeigt sich bald als Schlange, bald als Wolf; ein dem Genius geweihter römischer Altar wird als von einer Schlange umwunden dargestellt. Da wir im Norden fast nur von den Lebensläufen vornehmer und kriegerischer Männer hören, tritt die Hausschlange zurück. Aber im Traum rennen die „Hugir“ die Seelen starker Männer als Bären und Wölfe heran und schweben als Adler, Raben, Schwäne und fantastische Tiere vorüber. Des Helden Bjarki Fylgja kämpft, während er noch im Zelte schlummert, schon draußen als Bär, der aber beim Erscheinen des Erwachten in der Schlacht sofort verschwindet. Scherzhaft behauptete ein Alter, der sein Enkelkind fallen sah, es wäre über einen Bären, seine Fylgja, gestolpert. Wie oft künden sich in den Sagen Personen und ihre Schicksale durch ihre Fylgjen in der Gestalt heldenhafter Tiere an! Jedoch Thord, ein zum Hause Njals gehöriger Freigelassener, sah vor seinem Tode seine Fylgja als ein bloßes Haustier, einen Geißbock, blutig in einer Pfütze liegen; ein im Traum eines andern erschienener roter Hengst wurde auch als Fylgja gedeutet, die einen gewaltsamen Tod ankündige.

Die reifste Form des nordischen Schutzgeistes, die weibliche, hat sich am entschlossensten von den alten Seelenvorstellungen losgesagt. Sie übertrifft die des antiken Schutzgeistes an Freiheit und plastischer Deutlichkeit, sowie an Tiefe des Ausdrucks für das Verhältnis des Menschen zu seinem besseren Selbst. Während die Griechen und überwiegend auch die Römer sich ihn als männlich dachten, faßten die Nordleute, denen ihr Weib eine irdische Lebensgefährtin war, auch diese überirdische Geleitschaft als eine Frau, eine übermenschliche Dis auf. So hatte denn auch ursprünglich jeder nur eine Fylgja, die geheim neben ihm waltete ; denn sie wurde in der Regel von Andern als etwa Geistersichtigen oder Hellsehern (spämadr) nicht erblickt, selbst von ihrem Schützling, wie bemerkt, nur im Traume, oder dicht vor seinem Tode. Aber indem sie ihm vor dem Kampfe Mut einflößte oder eine Warnung gab, schloß sie sich dicht an ihn an, weshalb sie auch einmal mit einer aufhockenden Mare verglichen wurde. Doch auch ganz anders trat sie auf. Der zwischen Heiden- und Christenglauben schwankende Hallfred Vandraedaskald sah sie, als er auf einer Seefahrt im Sterben war, als walkürenhaft gepanzertes Weib über die Wogen auf sein Schiff zuschreiten. Einem Andern, der eines gewaltsamen Todes sterben sollte, erschien sie blutbefleckt, als wäre sie schon von seinem Blute angespritzt. Am ergreifendsten weiß die dänische Volksballade vom Erik Glipping, der im Jahr 1286 ermordet wurde, den schmerzlichen Abschied von ihr und aller Lebenslust zu schildern: Der auf der Jagd verirrte König fand seine Fylgja in einem Waldhaus als schönste Jungfrau, und wie er sie umarmte, schwand sie ihm unter den Händen, und er stand wieder in dichtem Gestrüpp, einem schmählichen Tode verfallen.

Unter den Seelen ist die angesehenste die des Familienhaupts, des Ahnen oder vielleicht der Ahnin; sie bleibt wirksam über mehrere Generationen hinaus. So erweiterte sich dem entsprechend der persönliche Daimon und Genius der Alten zum Schutzgeist der ganzen Familie, so wurde die Fylgja des Einzelmenschen die Mannsfylgja zur Kyn-und Aettarfylgja zum Geschlechtsschutzgeist. Diese Fylgja oder Hamingja wandte sich beim Tode ihres ersten Schützlings oder auch schon dicht vorher einem anderen jüngeren, nächst verwandten Familienmitgliede zu. Der Held Hetgi, Hjörvards Sohn, ahnte seinen baldigen Tod, weil er bemerkte, wie seine Fylgja, auf einem schlangengezäumten Wolf reitend, bereits seinen Bruder Hedin auf gesucht hatte. Als jener Skalde Hallfred sich im Sterben von seiner walkürenhaften Fylgjukona lossagte, fragte sie seinen Bruder: „Willst du mich nehmen?“, und als dieser sich dessen weigerte, erklärte sich Hallfreds Sohn dazu bereit, und alsbald verschwand sie. Vigaglum träumte, er ginge einer übers Meer auf ihn zureitenden Frau entgegen, die mit ihren Schultern die Felsen des Fjords überragte. Er hielt sie für die Hamingja seines vermutlich verstorbenen Großvaters Vigfus, die nun beim Enkel Unterkunft suchte. In der Vatnsdaelasaga schützt die Hamingja eines Mannes auch schon dessen Söhne bei dessen Leibzeiten und „folgt“ auch anderen Verwandten.

Der dehnbare Begriff der Fylgja, Hamingja, Dis verflüchtigt sich mehr und mehr, wenn sie in einer Mehrzahl den Menschen umgeben. Der Römer duldete solche unlogische Vervielfachung des Genius nicht, obgleich er in der augusteischen Zeit wohl die Schattenseele eines Einzelnen durch den Plural „umbrae“ wiedergab. Auch der Grieche hielt am Einzeldämon fest, doch wechselte der Mensch wohl mit seinem Dämon, sei’s daß, wie bei Pindar, ein böser Schutzgeist einen guten verdrängte, sei’s daß, wie bei Euripides, der alte Dämon sich bei seinem Schützling langweilte und gern einem anderen Platz machte. Aber die Nordleute kannten ganze Gesellschaften von Schutzgeistern, die sich freilich zunächst wohl auflösen, um sich einzeln an einzelne Menschen zu heften. In den Vafthrud-nismal reiten drei Scharen kluger Riesenmädchen herbei, um nach dem Weltbrand den Erdbewohnern nur Hamingjen zu werden, nur Glück zu spenden. So wendet sich durch sie alles zum Besten zu guter Letzt. Jedoch hat nun weiterhin auch der Einzelne mehrere Schutzgeister, der eine große, starke, der andere kleine, schwache, die beim Zusammenprall jenen nicht widerstehen können. Auch verlassen die Disir wohl ihren Schützling und sterben kraftlos ab, dann erscheinen sie ihm im Traume als tote Weiber. Bei der Geburt wendet man nach Sigrdrifum. 9 nicht nur „Bergerunen“ an, um den Kreisenden zu helfen, sondern man bittet auch die Disir um ihren Beistand. Die guten, mächtigen Disir verbreiten Licht über ihren Schützling. So sah ein finnischer Seher tun König Olaf Tryggvasons Haupt leuchtende „Götter“ schweben, deren Nähe er nicht ertragen konnte.

Ein neues Motiv brachte wohl erst das aufsteigende Christentum, es schied die Fylgjen eines und desselben Mannes in zwei Parteien, die sich ihren Schützling streitig machten, wie sich um die Christenseele böse und gute Geister streiten. Der Isländer Thidrandi sah in einer mondhellen Nacht vor der Türe seines väterlichen Hauses neun schwarz gekleidete Disir mit gezogenen Schwertern von Norden heranreiten, neun lichte von Süden her. Von jenen wurde er auf den Tod verwundet. Es waren die heidnischen Fylgjen des Geschlechts, die vor der Bekehrung desselben ein Opfer, ihr Disablot (S. 270), verlangten. Die weißen waren die christlichen Schutzengel. Bald darauf landete der erste Missionar, Thangbrand, auf der Insel, und Thidrandis Vater ließ sich mit seinem „Heimvolk“ taufen und zwar gegen das Versprechen, daß der Erzengel Michael sein Fylgjuengil würde. So mündete der alte Glaube friedlich in den neuen.

Es gibt nur schwache Spuren eines ähnlichen Glaubens in Deutschland; denn eine unsichere ist doch die Bezeichnung des Todestags als „Folgedach“ bei den Wurster Friesen. Dagegen entwickelte sich aus einer anderen Seelenvorstellung, dem Schatten, bei den Südgermanen wie bei den Neugriechen etwas Vergleichbares. Die letzteren nennen sogar den persönlichen Schutzgeist Iskios d. h. Schatten, und vielleicht denkt der Norweger, wenn er hinter dem scheidenden Gaste nochmals die Türe öffnet, damit dessen Folgte nachkommen könne, an den Schatten, der durch das Schließen der Türe einen Augenblick abgeklemmt erscheint. Der Schatten folgt dem Menschen wie ein anderes Ich überall hin, wo Sonne und Mond auf seinen Weg scheinen und ein Feuer oder Licht ihn beleuchtet. Er gleicht somit der Seele, die sich vor oder bei dem Tode als Schatten vom Menschen löst oder als schattenhaftes Tierlein davonhuscht Daher knüpfen sich noch heute an die Erscheinungen des Schattens Todesgedanken, wie im Altertum an die Erscheinungen der Seele und des Schutzgeistes. In Bayern muß sterben, wer am Weihnachtsabend seinen Schatten doppelt d. h. zu seinem natürlichen Schatten noch seinen schattenförmigen Schutzgeist sieht. Anderswo in Deutschland und in der Schweiz ist dem der Tod nahe, der in dieser entscheidenden Zeit, in der auch Helgi von seinem Schutzgeist verlassen wird, einen kopflosen oder gar keinen Schatten hat. Da schwindet der Schutzgeist allmählich hin oder ist schon auf und davon. Wer binnen Jahresfrist sterben soll, sitzt auch in Schweden zur Julzeit am Jultisch mit einem doppelten oder einem kopflosen Schatten. Dieser Erscheinung des Schattens ist nahe verwandt die in Deutschland geglaubte, gleichfalls todan-ktindende Erscheinung des D die auch in andern germanischen Ländern, auf den Färöern unter den Namen Hamferd d. h. Fahrt in eine andere Gestalt, bekannt ist und dieselbe Wirkung wie jene hat.

Die oft kriegerischen Schutzgeister nähern sich bereits einer neuen Gruppe von Halbgöttinnen, den altdeutschen Idisi und nordischen Valkyrjur, die auch Disir hießen. Die Valkyrjur, angelsächs. Välcyrigen sind Kürerinnen der in der Schlacht gefallenen Krieger, des sogen. Wals; in ihnen atmet die eigentümlich wilde Kampflust der Germanen, die während ihres tausendjährigen Eroberungszuges nicht nur die Männer, sondern auch manche Weiber ergriff. Schon aus jener Frühzeit, in der unsre Vorfahren in die nordostdeutsche Tiefebene einbrachen, mag die nach einem römischen Inschriftstein in Tongern verehrte Vihansa d. i. Schlachtgöttin stammen, der Schild und Speer geweiht werden, sowie die kölnische Hariasa und die von Germanen am Hadrianswall verehrte , offenbare

Göttinnen des Heers. Tacitus weiß von dem Hain einer friesischen Göttin Baduhenna, in dem die aufständischen Friesen im Jahre 28 n. Chr. 900 Römer erschlugen. Badu aber ist Schlacht. Auch die alten kriegerischen Frauennamen, wie z. B. Brunhild und Helmgund die Panzer- und die Helmstreiterin, waren nicht eitle Phantasienamen, sondern Bezeichnungen überirdischer Frauenideale, denen die damit geschmückten irdischen Weiber im wilden Männerkampf nachstrebten. Tacitus schildert die deutsche Frau als Genossin der Arbeiten und Gefahren des Mannes, bereit, im Frieden wie im Kriege dasselbe wie er zu ertragen und zu wagen. Es kam vor, daß Frauen die Schlachtreihe ihrer wankenden oder fliehenden Männer wiederherstellten. Die Römer der späteren Kaiserzeit erstaunten über die wie Männer gerüsteten Weiber, die unter den gefangenen Goten einherschritten, oder unter den gefallenen Markomannen und Quaden auf der Walstatt lagen. Noch über die Völkerwanderung hinaus dauerte im Norden diese Kampffreudigkeit der Frauen fort. Im 8. und 9. Jahrhundert zogen norwegische und dänische Jungfrauen als Schildmädchen mit den Wikingern über See, um Sachsen und Iren zu schlagen. Kriegsschiffe hießen nach ihnen, und noch kürzlich hat man Grabhügel der jüngeren Eisenzeit bei Aasnes und am Nordfjord geöffnet, in denen eine vollbewaffnete Frau ruhte, auch zusamt einem Pferde, inmitten eines verbrannten Schiffes. In der berühmten Bravallaschlacht kämpften drei fremde Scharen, geführt von drei Schildmädchen, und Lathgertha stritt mit lang herabwallendem Haar unter den vordersten Kriegern. Oft werden sie in den altnordischen Sagen als übermütig und herrschsüchtig geschildert, und sie streben sogar nach Thronen. In den dänischen Volksliedern befreit das Weib mit der Waffe Bruder oder Bräutigam, verteidigt mit ihr seine eigene Ehre, kämpft statt des alten Vaters oder zieht gepanzert aus, um seinen Tod zu rächen. Noch 1500 scharten sich die Ditmarschen in der Schlacht von Hemmingsted, noch 1516 die Wursterfriesen um ein Schildmädchen.

Solche Heldinnen sah man nun auch in den stürmischen, düsteren und wieder leuchtenden Wettererscheinungen ; wie ja auch die Sturmriesin Skadi im Zorn in voller Rüstung gedacht wurde (S. 236). Die nordischen Dichter wurden nicht müde, die Schlacht als Wetter der Waffen, Lanzen, Schilde oder noch zutreffender als Rauschen, Schauer, Sturm und Wind der Walküren zu umschreiben. Vielleicht bedeuten schon ihre Namen Skögul und Göndul nichts anderes als Wolkenstreifen und Wolkenballen, jedenfalls die Namen Hrist und Mist Sturm und Nebelwolke. Die Walküre Sigrdrifa, der sieghafte Schneesturm, schläft in einer Brünne, von wetterleuchtender Waberlohe umgeben. Andre Walküren reiten unter Blitzen über Land und Meer auf Rossen, die befruchtenden Tau oder auch Hagel von den Mähnen schütteln. Gunnr und Göndul „rudern“ gleich den oldenburgischen Walridersken (S. 167), aber so, daß es Blut regnet. Dann freuten sich die Krieger, denn ein Blutregen galt ihnen wie den Griechen vor Troja als ein Vorzeichen mörderischen Kampfes. So werden die Wetterfrauen immer mehr zu Schlachtweibern und heißen darum auch Gunnr und Hildr die Kämpferin und ähnlich. Sie gehen auch hier, wie auf dem elfischen Gebiete, in Waldfrauen über, die die Schlachten lenken, unsichtbar mitten im Getümmel sind und ihren Freunden heimlich helfen und so auch dem dänischen Hother, dem Feinde Balders, eine feste Brünne und einen Siegesgürtel schenken. Saxo Grammaticus wundert sich wiederholt über die Dreistigkeit dieser Mädchen, nachts auszureiten, um einen Helden aufzusuchen und zu Taten zu reizen.

Wenn nun der Kampf losbricht, reiten die Walküren oder auch Disir, von Adlern und Raben, den gierigen Aasvögeln, umflattert, zu Neunen oder Dreimalneunen oder auch zu Sechsen und Sechsen, bewaffnet herab. Altnordische Sigrmeyjar Siegmädchen oder angelsächsische Sigevif Siegweiber walten des Kampfs und des Sieges, treiben Kriegshandwerk, indem sie mitten unter die Krieger sprengen, die Gegner durch „Herfjötr“ Heerfessel lähmen und töten, ihren Schützlingen aber helfen und sie lebend oder tot küssen und umarmen. Ein wildes Schlachtschauspiel unter dem wolkenüberflogenen Himmel des Nordens! Ein ähnliches deutsches Bild deutet der mehr als tausendjährige Merseburger Zauberspruch an, den Einer zu sprechen hat, um aus der Gefangenschaft befreit zu werden:

„Einst saßen Idisi, saßen hier- und dorthin,
Einige hefteten Hafte, einige hielten das Heer auf,
Einige klaubten rings alle Fesseln los:
„Entspring den Haftbanden, entlaufe den Feinden!“

Die Schlachtweiber also lassen sich an drei Stellen in drei Haufen nieder; der eine fesselt die gefangenen Feinde hinter dem Heere der Landsleute, der andere wirft sich den Feinden entgegen, und der dritte löst hinter ihrer Reihe die Fesseln eines Gefangenen mit einer Zauberformel, die ihm Freiheit gibt. In dieser Weise waren auch die nordischen Walküren tätig, denn eine heißt Hlöck die Kette und eine andere Herfjötr die Heerfessel. Einen umfassenderen Sinn hat ein angelsächsisches Schlachtgebet zu den Siegweibern, das merkwürdigerweise später auf die schwärmenden Bienen übertragen wurde:

„Sitzt, ihr Siegeweiber, kommt zur Erde herab.
Wollet ja nicht fort in den Wald fliegen!
O seid eingedenk meines Heiles,
Wie ein jeder Mensch seiner Speise und Heimat!“

Den nordischen Disir brachte man auch Opfer dar und zwar in einer Disarhalle oder einem Disarsaal z. B. im Tempelhofe zu Uppsala. Das Verhältnis der Krieger zu ihren Schlachtgenien gestaltete sich im Norden, wie es scheint, inniger, ja leidenschaftlicher als im Süden. Zumal in der Wikingerzeit. Einige Walküren umschweben schützend ihre tapferen Krieger in der Schlacht, wie liebende Wesen die Geliebten. Freilich reicht ihre Sorge nicht immer aus, und trotz der Hilfe seiner Walküre Kara wird Helgi im Kampfe erschlagen. Wenn die Helden nun als „Valr“ dalagen, dann hoben sie dieselben von der Walstatt auf und führten sie in das himmlische Kriegerheim, die Walhalla, ein. So wurden sie nun auch die Dienerinnen des Schlachtenlenkers und Walhallkönigs Odin, Odins , Herjans des Heergottes Disir. Der Gott sandte sie zu jedem Kampf hinab, den Wal zu küren, die Gefallenen auszulesen und zu ihm zu bringen mit dem Jubelruf: „Nun mehrt sich die Gefolgschaft.“ Andre Walküren empfingen die neuen Ankömmlinge in der Halle und schenkten ihnen Met oder Wein ein. Wie lieblich mögen diese Oskmeyar oder Wunschmädchen manchen sterbenden Wikinger umrauscht haben! Ungehorsame Walküren wurden von Odin ausgestoßen, und z. B. Sigrdrifa von ihm durch einen Domstich in Schlaf versenkt, weil sie wider Odins Willen ihrem Liebling Agnar den Sieg verliehen hatte. Von Sigurd auf erweckt, weiß sie ihn vielnütze Runen zu lehren. In der neuen Halle des reichen Isländers Olaf Pfau sah man Odin abgebildet, wie er seinen schwersten Ritt ritt, zum Leichenbrande Balders; da wurde er begleitet von seinen Raben und seinen Walküren.

Ist es ein schwacher, verchristlichter Nachklang, wenn nach der Legende die heilige , die Speerfreundin, die einen ganz walkürenhaften Namen hat, dem ihr ergebenen Ritter mit ihrem Hirtenstab erscheint und einen Becher Weins reicht oder hinter ihm aufs Roß sitzt, um ihn für das Himmelreich zu retten? Sie beherbergt in der ersten Nacht nach dem Tode die Verstorbenen, die in der zweiten zu den Erzengeln und dann erst zum Heere Gottes kommen. Sie wird als Spinnerin dargestellt, an deren Rocken, Kleid und Kopf Mäuse oder Ratten, die uns bekannten Seelentiere, hinauflaufen. Spann sie etwa den Schicksalsfaden? Denn auch die altnordischen Walküren erscheinen einmal zwar nicht als Spinnerinnen, so doch als Weberinnen, die vor der von Iren und Nordleuten geschlagenen Schlacht bei Clontarf 1014 an einem furchtbaren Gewebe arbeiteten. Daran hingen Menschenhäupter als Gewichte, Menschendärme waren Zettel und Einschlag, Schwerter die Spulen und Pfeile der Kamm. Und immer wieder klang durch ihr Lied der Kehrreim:

„Winden wir, winden wir das Speergewebe!“

Endlich zerrissen sie ihr blutiges Gewebe, von dem jede ein Stück festhielt, und schwangen sich auf ihre Rosse; sechs ritten gen Süden, sechs gen Norden. Ihre Schützlinge, die Nordleute, siegten. Noch der christliche König von Norwegen, Harald Hardrade der Strenge, singt dicht vor der Schlacht von Stamford im Jahre 1066, die ihm das Leben kostete, von den Walküren, die ihm, über dem Walplatz schwebend, den Kampf lehren.

Ein liebliches Gegenbild, ein Stillleben der Walküren, entwirft der Dichter des schönen eddischen Wielandsliedes (S. 161). Drei Walküren, Alvitr, Svanhvit und Ölrun, flogen aus dem Süden vom Schwarzwald, einem mächtigen Waldgebirge, an den Meeresstrand, um sich vom Kriegshandwerk auszuruhen, und spannen kostbaren Flachs, und Schwankleider lagen neben ihnen. Da wurden sie von Wieland und seinen beiden Brüdern gefangen, und sie lebten sieben Winter (Jahre) mit ihnen, aber den ganzen achten sehnten sie sich fort, und im neunten flogen sie davon zum Schwarzwald, um wieder Kampf zu suchen. Wielands Brüder wandelten, um sie zu finden, der eine nach Osten, der andere nach Süden; Wieland selber aber blieb einsam zurück und schlug rotes Gold und Edelgestein zu kostbarem Geschmeide zusammen, tief im Wolfstal, auf sein lichtes Weib wartend.

Echte Walkürennamen tragen auch noch andere Schwanfrauen, die „weisen Meerweiber“ Hadburg und Siglint im Nibelungenlied. Als sie in einem schönen Brunnen ihren Leib kühlten, nahm ihnen der grimme Hagen ihr Vogelgewand, und die erste weissagte den Burgundern große Ehren in Etzels Land, um ihre Kleider wieder zu bekommen. Als aber Hagen diese zurückgegeben hatte, warnte die andere:

„Meine Muhme hat dir gelogen; ihr habt alle den Tod an der Hand!“

In eine Heroine verwandelt ist in der Nibelungensage die Walküre Brünhild, die nicht mehr in Luft und Himmel, sondern auf Erden ihr herrlich schweres Schicksal lebt. Im Speer- und Steinwurf, im Sprung und dann weiter im Ringkampf ist sie imbesiegbar, außer für Siegfried. Doch im nordischen Bericht umlodert sie noch, ein Zeichen ihrer höheren Abkunft, die Waberlohe, die auch nur Siegfried durchreitet. Die nordischen Walküren berühren sich vielfach mit den Schicksalsfrauen, denn auch sie tun entscheidende Sprüche und spinnen und weben, sowie mit den Folgefrauen, denn auch sie schweben schützend über ihrem Helden. Ihrer neun reiten nach der Geburt Helgis heran, von denen die stattlichste, Svava, ihm den Namen des Heiligen d. h. des durch Götterschutz Unverletzlichen gibt. Diese drei Gruppen höherer weiblicher Mächte lassen sich nicht mehr allein aus Naturerscheinungen erklären, sondern sie schöpfen ihr Herzblut aus dem ahnungsvollen, mitfühlenden und mittätigen und kampffreudigen Wesen altgermanischer Weiblichkeit.

Walkürenhaft sind die Riesinnen Thórgerár Hölgabrúdr d. h. Háleygis oder Hölgis Braut, und Irpa. Jene war der Schutzgeist des Iarl Hakon vom norwegischen Haloga-land. Später wurde ihr ein Tempel in Island geweiht, den Grimkell im Zorne darüber, daß sie ihm nichts Gutes prophezeit hatte, samt allen Götterbildern verbrannte. Am Abend war er tot. Die Bildsäule der Thorgerd hatte einen Goldring um den Arm und krümmte die Hand, als ihn Einer greifen wollte, dem sie ihn nicht gönnte. Da kniete der Mann nieder und legte ihr unter Tränen viel Geld zu Füßen, und als er nun nochmals den Ring faßte, ließ sie ihn los. In einem norwegischen Tempel standen drei Bilder, Thors und der mit Armspangen geschmückten Thörgerdr und Irpa. In der Schlacht schleuderten sie aus jedem Finger Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihrer Schützlinge entgegen, gleich Walküren der grimmigsten Art. In der Not opferte ihnen Hakon sogar seinen Sohn.

Zwei andere halbgöttliche Riesinnen sind Menglöd die Halsbandfrohe und Gerdr die Eingesperrte. Sie sind beide schöne Sommerwolkenfrauen, die aus düsterer Wolkenhaft im Lenzgewitter befreit werden. Die Befreiung der Menglöd, die wie die indische Wolke am Regenbogenhalsband ihre Freude hat und acht Winter(monde) eingesperrt war, vollzog Svipdagr, der sie wie ein svip, ein plötzlicher Blick, ein taghell aufleuchtender Blitz, mit dem Laevateinn, der Verderbensrute erlöst. Der Held lebt im skandinavischen Volkslied als Jung Sveidal fort. Die Erlösung der von den Hrimpursar, den Reifriesen, mit ewiger Haft bedrohten lichtarmigen Gerdr vollzog Freyr oder an seiner Statt sein Diener Skirnir der Aufheiterer, Wetterklärer mit seinem sich selber bewegenden Schwert, das Gambanteinn Zauberrute heißt und, wie der Laevateinn, den Blitz bedeutet. Beider Riesinnen Saal ist von Waberlohe, Wetterleuchten, umgeben, wie Brünhilds Lager, und bewacht von Hunden, und einem Wächter. Diese nordischen Mythen sind nah verwandt mit den deutschen Sagen von der Erlösung der weißen Schloß- oder Burgfrau.

Endlich sind die beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena zu erwähnen. Diesen beiden und dem Mars Thingsus weihten römische Soldaten des 3. Jahrhunderts n. Chr., Friesen aus Twenthe, am Hadrianswall zwei Altäre. Der eine stellt nur Opfergeräte, der andere nur eine weibliche Figur mit Kranz und Palmzweig in den Händen dar. Die weibliche Gegenfigur, die zweite Alaesiaga, fehlt. Wie sich im Mars Thingsus römische Form und germanischer Inhalt vereinigen (s. u.), so sind auch vielleicht die Alaesiagen an die Stelle von Victorien getreten. Aber an sich sind sie ihren Widmern und ihren Namen nach offenbar deutsch. Ihr Gesamtname ist freilich unerklärt, auch die beiden Einzelnamen sind nicht sicher zu deuten. Doch scheint Beda vom friesischen Zeitwort beda zu stammen, worin die Bedeutung bitten und gebieten zusammenfallen, woraus auch schon die Namen der deutschen Schicksalsfrauen hergeleitet wurden. Fimmilena wird die Bewegliche bezeichnen. Sie sind, nach dem von ihnen unterstützten Hauptgott zu schließen, Thinggöttinnen d. h. Göttinnen des Gerichts oder des Kampfs.

Die Ausbildung von Naturgewalten zu höheren Dämonen erreicht ihren Gipfel in den Einzelgestalten Loki und Mimir, von denen der erste das bisher kaum beachtete Element des Feuers personifiziert, der andere in geistigerer Weise als die älteren Wasserdämonen das des Wassers. Als das gewaltige Himmelsfeuer, das Wetterleuchten, war Loki doch nur eine Begleiterscheinung anderer Wettermächte und als Herdfeuer in die Enge des Hauses gebannt nach Art untergeordneter Hausgeister. Darum ist er kein Vollgott geworden und hat trotz seiner tiefen Eingriffe in die Götterschicksale neben den Göttern eine oft untertänige Stellung, die auch die anderen indogermanischen, übrigens durch eigene Kulte viel höher geehrten Feuergottheiten einnehmen, der indische Agni, der griechische Hephaistos und der lateinische Vulcanus. Loki teilt mit diesen und nun gar mit den Herdgöttinnen Hestia und Vesta nur wenige Züge und scheint auch nur den Nordgermanen bekannt gewesen zu sein. Auf die Angabe Caesars, daß die Germanen außer Sonne und Mond auch den Vulkan verehrt hätten, ist kein Verlaß (S. 5).

Dieses absonderliche Mittelwesen wird freilich Gott genannt und als solcher in den drei oder vier Götterlisten der Edda mit aufgezählt. Aber Loki hat keine Götterwohnung im Himmel wie die anderen Götter, ja es ist nach der Lokasenna ein Wunder, wenn dieser Vater so ungeheuerlicher Kinder sich unter den Göttern blicken läßt. So heißt er denn auch Riese und Elf oder Zwerg und wird Wicht gescholten. Bald ist er der Götter Freund, bald ihr Feind, ihr Verleumder und Schandfleck. Er entführt z. B. die Jugendgöttin Idun zuerst den Göttern zu den Riesen, dann aber den Riesen zu den Göttern. Er ist schön von Aussehen, aber böse von Sinnesart. Wie ein Alf verzaubert er sich in größere und kleinere Tiere: Pferd, Kuh, Lachs, Fliege und Floh, auch gern in ein Weib und in die Hexe Thökk. Durch Alfen läßt er Göttergeschenke schmieden. Seine Sippe aber ist riesisch. Alle übertrifft er an Lug und Arglist. Er haßt alle lebenden Wesen, auch die Götter.

Der Name Loki ist identisch mit (V)logi Lohe und scheint von derselben Wurzel ausgegangen wie der römische Vulcanus. Auch sein andrer Name Loptr, das dem bayrischen Loftern d. i. Lodern verwandt ist, kennzeichnet ihn als Feuergott. Seine Eltern sind der Riese , der gefährliche Schläger d. i. der Blitz, und Laufey oder Ndl, das dürre Laub- oder Nadelwerk der Bäume, das die Flamme erzeugt oder nährt. Im Namen seines Bruders Byleiptr steckt jedenfalls leiptr der Blitz, und der seines andern Bruders Helblindi bezeichnet wohl das höllenartig finstre Gewitterdunkel. Schwieriger sind seine Gattinnen Sigyn und Angrboda und ihre Söhne zu erklären, sie sind wohl zum Teil fremden Mustern nachgebildet.

Loki ist die Himmelslohe, dann die Sommerschwüle und die in der Hitze zitternde Luft, ferner das Herdfeuer und endlich das vulkanische Erdfeuer; er ist das Feuer in seiner Beweglichkeit und Verderblichkeit. Er hohnlacht, wenn das Wetter imheimlich am Horizont aufleuchtet. Wenn es in Tirol „himmelblitzt“ ohne Regen und Donner, so nennt man das am Brenner „Wetterlachen“, wobei man nicht mehr an das ältere Wetterleichen, das Wetterspielen, denkt. Doch auch einem lächerlichen Spiel gleicht die Posse, die Loki mit einer an ihn gebundenen Geiß aufführt, um die finstre sturmwolkige Skadi zum Lachen zu bringen. Er buhlt mit ihr und mit Thors Gattin Sif, der er das Goldhaar abschert. Auf wunderbaren Fitigelschuhen durchläuft er Luft und Meer. — Bei drückender Schwüle vergiftet Loki die Luft schon nach der Völuspa. Meint man in Mecklenburg: „Nu höddt (hütet) de Düwel sin Schap up Land, wenn dat so flämmert, wenn de Luft so wackelt“, so sagt man in Dänemark altertümlicher: „Lokke driver med sine Geder d. h. Loki treibt seine Geißen aus“ und neuisländisch: „Loki führt über die Äcker“. In Jütland „sät Loki Hafer“ d. h. den Tieren schädliches Unkraut. Knistert das Herdfeuer stark, so prügelt der dänisch-norwegische Lokje seine Kinder; knallendes oder brummendes Herdfeuer kündet in Deutschland Zank an.

In Griechenland galt das Knistern für ein Lachen der Herdgöttin Hestia oder des Feuergottes Hephaestos. Um den zürnenden Lokje zu beschwichtigen, wirft man den „Pelz“, die Haut abgekochter Milch, in die Flamme. — Jung scheint der Mythus vom vulkanischen Loki, der nach der Völuspa „und hvera lundi“ d. h. unter dem Haine der Kessel, der Sprudel, also wahrscheinlich unter dem isländischen Geysir gefesselt liegt, und wenn er an seinen Banden rüttelt, Erdbeben erzeugt. Erst seit der Besiedelung Islands im 9. Jahrhundert lernten die Germanen Erdbeben und Vulkane kennen, also in einer Zeit, in der antike und christliche Vorstellungen von verwandten Wesen, wie Typhon und Luzifer, bereits ihren Einzug in den Norden hielten. Kein andrer war mehr dazu geschaffen, um deren Rolle zu übernehmen, als der tückisch stets auf Zwist und Schande und Unheil sinnende Loki.

Diese Züge seines allgemeinen Charakterbildes kehren in seinen zahlreichen, bald freundlichen, bald feindlichen Beziehungen zu den Dämonen und Göttern wieder. Alt sind seine Fahrten mit Thor zu Thrym, Geirröd und Utgardaloki, denn das Wetterleuchten ist der natürliche Gefährte des Gewitters. Noch ein neuisländisches Sprichwort lautet:

„Lange gehen Loki und Thor, das Unwetter läßt nicht nach“.

Bei Thors Heimkehr von dem furchtbaren Kampf mit dem Midgardsdrachen und mit dem Riesen Hymir verursacht er das Hinken des Bocks vor Thors Wagen. Wie Thors Hammer acht Rasten tief liegt, ist Loki acht Jahre d. h. ebenfalls acht Wintermonate in der Erde verborgen. Auf der Fahrt zu Utgardaloki begleiten den Donnergott Loki und Thjalfi, der Blitz, dieser, um mit dem schnellen Hugi, aber Loki, um mit dem Wildfeuer Logt zu kämpfen. Auf der Geirröds-, wie auf der Thrymsfahrt fliegt Loki als Späher in Freyjas Falkengewand voraus. Auf der ersten begleitet er ihn dann als Diener, der sich beim Durchwaten des Flusses Vimur ängstlich an Thors Kraftgürtel anklammert. Auf der anderen begleitet er ihn als kluge Magd. Als Loki die Idunn entführt, schützt ihn Thor vor dem verfolgenden Sturmriesen Thjazi. Dem riesigen Sturmroß Svadilfari gebiert Loki den Sleipnir, das den Windgott Odin trägt.

Aber Thor und Loki haben auch, ganz den von ihnen vertretenen Naturerscheinungen gemäß, Feindschaft miteinander. Das zeigt vor allem das „ Lokasenna Lokis Lästerung“ betitelte Eddalied. Loki tötet vor Aegirs Halle, in der die Götter zum Gelage versammelt sind, ihren Diener Fima- oder Funafengr, zankt mit Eldir, der ihm den Eintritt wehrt, wird aber nach seiner Berufung auf seine Blutsbrüderschaft mit Odin eingelassen. Nachdem er den Göttermet mit bösem Zusatz versehen, die Götter mit Hohn übergossen und sich seiner Liebschaften mit drei Göttinnen gerühmt hat, bringt ihn Thors Erscheinen endlich zum Schweigen, doch nicht bevor er den Gott mit dem leckenden „logi“, der Lohe, bedroht hat. — Ferner fängt Thor den Loki, als dieser der Sif das Haar abgeschoren, doch Loki löst rieh mit den kostbaren Schmiedearbeiten der Iwaldissöhne. Thor fängt den Loki nochmals, als diese Arbeiten vom Zwerge Brokkr noch tibertroffen werden; Lokis Lippen werden zusammengenäht. Zum drittenmale fängt Thor den Loki, als dieser nach dem von ihm verschuldeten Tode Balders in Lachsgestalt sich in einem Wasserfall verbirgt. — Alle diese letzten Mythen mögen in allerhand Spielen der Einbildungskraft mit den Naturerscheinungen ihre Keime haben, aber sie sind dann zu freieren Darstellungen des Götterlebens ausgestaltet worden. Und Lokis grausamste Bestrafung, seine Fesselung im Kesselhain, ist sogar der christlichen Legende entlehnt.

Während die Reisegenossenschaft Lokis und Thors in echter Naturanschauung wurzelt, scheint die Gesellschaft dreier himmlischer Erdenwanderer, zu denen auch Loki gehört, ein novellistisches, in der griechischen und christlichen Legende beliebtes Motiv zu sein, das auch dem Norden bekannt wurde. Im Thjazimythus sind Odin, Hoenir und Loki Reisegefährten, aber die beiden ersten sind überflüssige Figuren. Dieselbe Dreizahl zieht im Eingang der nordischen Nibelungensage über die Erde, wobei Loki unterwegs den Otr tötet, aber auch vom Zwerge Andvari das nötige Gold herbeischafft, um damit Otrs Vater Hreidmar die Mordbuße zu zahlen. Er erlangte auch den Goldring, der stets neues Gold erzeugte, aber von Andvari verflucht wurde, stets seinem Besitzer Verderben zu bringen. Diese Vorgeschichte des Nibelungenhorts ist wie die ganze Umrahmung der deutschen Siegfriedssage durch den Göttermythus erst später im Norden hinzugefügt worden. Auch die anderen Beziehungen Odins und Lokis, wie ihre Blutsbrüderschaft und der Auftrag Odins an Loki, der Freyja ein Halsband zu stehlen, das sie von den Zwergen gegen Gewährung ihrer Gunst bekommen hatte, mögen freie Erfindungen sein. Vielleicht gehört auch Lokis Kampf mit Heimdall um die schöne Meerniere d. h. den Regenbogen dazu.

Diesem schelmisch-boshaften Abenteurer, der originellsten Figur des germanischen Götterhimmels, war noch eine bedeutendere Rolle aufgespart in den neuen mythologischen Gestaltungen, die das Christentum heraufführte. Er wurde zum Teufel, der den Tod Christi-Balders anstiftete, der ráábani Baldrs, er wurde zum gefesselten Fürsten der Hölle und zu einem Hauptfeind der Gottheit in der großen Entscheidung des Weltuntergangs. Doch davon im Schlußkapitel.

Der nordische Kultus kümmerte sich so wenig um ihn, wie um die Riesen. Man warf, in späterer Zeit, ein Milchhäutchen ins knisternde Feuer, wenn Lokje seine Kinder schlug, oder schwedische Kinder warfen ihren ausgefallenen Zahn ins Feuer, um einen neuen von Loki zu bekommen. Das ist alles!

Aus der Schar der weissagenden Geister des rauschenden Wassers und Waldes erhebt sich ein anderer höherer Dämon, Mimir, den schon sein mit dem lateinischen Worte memor verwandter Name als ein geistigeres Wesen, als den Denker bezeichnet. In Südskandinavien verblieb er noch bis in die neuere Zeit ein gefährlicher Wassergeist, der z. B. in der südländischen Mimest dem Mimesbach haust, und nach dem auch der Mimesjö der Mimesee genannt ist Bei Saxo heißt er Miming, der ursprünglich wahrscheinlich Mime hieß, während sein berühmtes Schwert den bekannten Schwertnamen Miming nach ihm führte. Er war ein Waldsatyr, der eine für Menschen kaum erreichbare, von eisigen Bergen umstarrte Höhle bewohnte und ein Schwert darin barg, mit dem selbst der gegen alles Eisen gefeite Halbgott Balder getötet werden konnte. Außerdem hatte er einen Armring, der den Reichtum des Besitzers stetig vermehrte. In diese wilde Öde eilte Balders Feind Hother und lauerte Miming auf, lange vergebens. Als aber einmal der Waldgeist nachts aus seiner Höhle trat und sein Schatten den Eingang des davor aufgeschlagenen Zeltes Hothers verdunkelte, da stach dieser ihn nieder. Und nun mußte er, gefesselt und mit dem Tode bedroht, Schwert und Ring herausgeben. Das alte Motiv der Fesselung des zum Ratgeben gezwungenen deutschen Waldgeistes und des Witolfs oder Waldmannes kehrt hier wieder. Jenem Schwerte aber wird in der ursprünglichen Sagenfassung Balder erlegen sein.

Der deutsche Mime ist ein weiser Waldschmied, Wielands Lehrmeister, und heißt im Norden gewöhnlich Regin d. i. Berater, wie er denn auch durch kluge Zauberkunde sich auszeichnet. Er wird bald Riese, bald Zwerg, bald sogar Drache genannt, während er doch nur ein Bruder des Drachen Fäfnir ist. Aus seiner dunklen Waldschmiede bricht ein strahlendes Heldenleben hervor. Denn Mime erzieht den jungen Siegfried und stachelt ihn aus Gier nach seines Drachenbruders Golde zu dessen Ermordung an. Er hat für ihn ein Schwert Gram geschmiedet, das so scharf ist, daß es, in den Rhein gehalten, eine entgegentreibende Wollflocke zerschneidet. Er begrüßt den jungen Helden als Sieger, wie dieser mit Gras das Blut des Drachen von seinem Schwerte wischt.

Die isländische Überlieferung hat die alte einfache Wald- und Wassergeistsage von Mimir künstlich gesteigert, man möchte fast sagen, verhimmelt. Sein Brunnen liegt nun wie der Urdarbrunnen am Fuße der Weltesche Yggdrasil, die deswegen auch Mimatneidr Mimisbaum heißt. Der Mimisbnmnen wird auch Odroerir Geisterreger genannt und birgt Weisheit und Verstand. Aus ihm schöpft Odin die hineinverquirlten Runen, die ihm Zauberkräfte verleihen. Und so hoch schätzt dieser Mimirs Geist, daß er sein Auge in dessen Quell als Pfand läßt, um einen Trunk daraus zu erlangen. Oder der Gott raunt mit Mimirs Haupt, das wohl ursprünglich den natürlichen Urquell, das Brunnhaupt, das Bomhövede war und dann durch einen Mythenkünstler zu einem wirklichen, vom Leibe abtrennbaren Haupte gemacht wurde. Denn laut eines Friedensvertrages, den die beiden verfeindeten Göttergeschlechter der Äsen und der Wanen miteinander schlossen, wurden Geiseln ausgetauscht: die Äsen gaben Hoenir her, den Mimir nach Wanaheim begleitete, die Wanen die schöne Freyja. Als die Wanen sich nun mit dem zwar stattlichen, jedoch einfältigen Hoenir betrogen sahen, da schlugen sie zornig dem Mimir das Haupt ab und schickten es den Äsen. Odin aber salbte es unter Beschwörungen ein, damit es nicht verfaule und ihn weiterhin beraten könne. — Nicht die Verpfändung des Gottesauges, noch weniger die Enthauptung Mimirs und vor allem die Einbalsamierung seines Kopfes sind echte Volksmythen. Auch scheint die Annahme zweier Götterfamilien und ihres uralten Krieges durchaus unheidnisch. Überhaupt wurde in diesen an sich schon geheimnisvollen Wald- und Wassergeist durch die christliche Mythologie noch viel mehr hineingeheimnißt.

Wenn wir die römisch-germanischen namenreichen Inschriftsteine mustern, so gewinnen wir den Eindruck, daß die Germanen noch manche höhere Geister verehrt haben. Aber selten gelingt es, auch nur ihren Namen sicher zu deuten, geschweige denn ihr Wesen. Möglich wäre es, daß man mit dem aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. bei Köln bezeugten Requalivahanus d. h. dem im Dunkel Lebenden den geheimnisvoll im Waldesdunkel hausenden Mimer meinte. Spielt doch die mit Mime verknüpfte Siegfriedssage gerade am Niederrhein und scheint doch im anstoßenden Westfalen die Stadt Münster mit ihrem ältesten Namen Mimigardeford nach diesem Waldgeist benannt worden zu sein.

Mythologie der Germanen – Die Riesen

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Die niedere Mythologie pflegt sich nicht mit einer einzigen Art der Naturpersonifizierung zu begnügen, sondern sie schafft sich noch eine zweite, davon geschiedene: zu den Elfen die Riesen.

Und nicht so sehr hat ein sittlicher Gesichtspunkt, der auf eine Scheidung von Gut und Böse Bedacht genommen hätte, diese Zweiteilung veranlaßt, sondern der Eindruck der bloß äußerlichen Größen- und Machtunterschiede der Naturgewalten. So erheben sich hinter den Elfen deren kolossale Gegenbilder, die Riesen, die dieselben Naturmächte wie jene verkörpern, aber in ihrem wilden Aufruhr, in ihrem verwüstenden Übermaß und in ihrer alles Andere überragenden Massenhaftigkeit oder gar in ihrer schrankenlosen Ausdehnung. Gewitter-, Sturm und Wolkendämonen sind auch sie wie die Elfen, aber vom allerheftigsten Temperament. Selbst die hohen starren Berge und das unabsehbare Meer werden zu Riesen, der alles hüllende und füllende Nebel, die tiefe undurchdringliche Finsternis und endlich die ewige Nacht der Unterwelt. Doch kommen einzelne Riesen auch in sanfteren Winden herbei, und im schneeweißen Gewölk strecken schöne Riesinnen ihre Glieder.

Im Norden, wo die Mythologie schon eine mittelalterliche Wissenschaft ist, wurde früh ein übrigens nur halb gelungener Versuch gemacht, das Riesengeschlecht als eine wohlgegliederte Einheit zu umspannen. Man richtete verschiedene Riesenstammbäume auf, die aber alle unvollständig und einseitig sind. In einer solchen besonders nordisch gearteten Genealogie heißt der Ahnherr einfach Fornjótr der alte Jüte, der die drei Söhne Hlér, und Kári hat Hlér Brauser, Brander oder Aegir, bei Saxo Ler oder Eyr, d. i. das Meer, haust auf der nach ihm benannten Insel Hlésey oder Lessö mitten im verrufenen Kattegat, dessen jütischer Küste große Sandbänke und dessen schwedischer viele offene, sowie tückischere verborgene Klippen vorlagern. Ihm gebar seine Gattin die Räuberin, neun Töchter, die Wellenmädchen Udr, Hrönn, Bylgja, Bára, ferner die Taucherin Dúfa, die Branderin K´ölga, die Stürmerin Hefring, die Blutlockige Blódughadda, die vom Blut der an den Klippen Zerschmetterten bespritzt ist, und die Himmelshelmige, d. h. wohl die bis zum Himmel gischende Himinglaefa. Auf Hlésey hausen nach dem Harbardslied Berserkerweiber und Wölfinnen, die Thor schlägt, weil sie alle Leute betrügen und sein Schiff schütteln. Das werden jene Wellenmädchen sein. Aegir ist sonst den Göttern ein guter Wirt; zu ihrem Festmahl bei ihm trägt das Bier sich selber auf. Fomjots zweiter Sohn Logt die Lohe hat ein unbestimmteres Gepräge als seine Gattin Glöd, die Heitere, Glänzende. Soll er nur das irdische Feuer, nicht auch die Himmelslohe, das drohende Wetterleuchten, bedeuten, wonach er auch Hálogi die Hochlohe heißt? Der dritte Sohn Kári der Rauscher, d. i. der Wind, tost hoch über dem Meer in der Schnee- und Eiswüste des norwegischen Dovrefjelds um den Sneehätta. Sein Sohn ist Jökull der Eisberg oder Frosti der Frost, dessen Sohn Snaer der Schnee, und dessen Kinder wieder Thorri, die Dürre, dann die Schneehäuferin, die Schneewirblerin und die Schneestäuberin sind. Die großartigen Züge der norwegischen Natur, das rauhe Meer und das stürmische Schneegebirge, sind hier deutlich verkörpert, vielleicht auch die an diesen Küsten so häufig bis in den Winter hineinleuchtende Gewitterscenerie. Aber die Wolkenriesinnen und die Waldriesen fehlen und manche andere.

Freilich darf man unter diesen gewaltigen und gewaltsamen Naturdämonen nicht, wie unter den Elfen, hilfreiche Feld- und Hausgeister suchen, überhaupt knüpfen sie mit den Menschen viel seltener Verhältnisse an, zu denen die Elfen fast leidenschaftlich hinneigen. Ein Verhältnis eines Helden zu einer Riesin gilt für verächtlich (Helg. Hund, 1,43). Doch viele norwegisch-isländische Heldensagen denken darüber anders. Harald Schönhaar befreite den Riesen Dovre aus seinen Banden und wurde seitdem in Dovrefjeld aufgezogen, bis er das Reich erbte; beim Abschied gelobte ihm Dovre, ihm stets im Kampfe helfen zu wollen. So kämpfte der Riese Vagnhoved mit im Heer seines Pflegesohnes Hadding, als dieser ihn zu Hilfe rief, und des Riesen Tochter Hardgrep war Haddings Geliebte, die sich von den Riesen losriß und ihm im Kampfe gegen Trolle half. Vollends die jüngeren Sagas, namentlich die sogenannten Lügensagen, dichteten den Riesen gern Liebschaften mit Menschen an. Sie gehen auch, wie in der neueren Tiroler Sage, zu Bauern in Dienst, um dankbar in den Alpen den Hof vor Wildwassern und Bergstürzen zu schützen. Aber meistens sind die Menschen zurückhaltend gegen sie und richten ihre Opfer und Gebete nicht an sie, sondern an deren Todfeinde, die Götter, um Schutz vor diesen Unholden zu haben. Darum kommen auch eigentliche Riesennamen bei Menschen kaum vor, doch sind Menschennamen bei nordischen wie deutschen Riesen häufiger. Meistens leben diese mit den Menschen wie mit den Göttern und Heroen auf Kriegsfuß. Erst eine ganz moderne Gestaltung des Mythus verflicht sie in fremdartige Schöpfungs- und Weltuntergangsgeschichten.

Während der altnordische Mythus eine lange Gallerie verschiedenartiger Riesenbildnisse aufstellt, erscheint der deutsche arm und fristet häufig sein Dasein in ziemlich eintönigen Teufelssagen. Schon in einem althochdeutschen Heilsspruch gegen die fallende Krankheit wird der sehr mächtige Riese Doner als des Teufels Sohn bezeichnet, der den Stein in Stücke schlägt, aber von Adams Sohn (Christus) auf der Adamsbrücke in den Wald vertrieben wird.

Die Hauptnamen der Riesen gehen von ihrer Stärke aus. So scheint der bei allen Germanen bekannte ahd. duris, mhd. Hirse, ndrd. dros, ags. dyrs, altn. purs, mit dem altindischen turas stark, wie der deutsche Riese, altsächs. wriso mit dem sanskrit. vrsan stark, verwandt zu sein. Der altnordische Ausdruck jötun, schwed. jätte, ags. eoton und altsächs. etan kennzeichnet ihn als Esser oder Fresser. Der in der Bedeutung „Riese“ nicht vor dem 13. Jahrhundert belegbare Ausdruck „Hüne“ scheint aus dem Namen der wilden Hunnen hergenommen zu sein. Der germanische Troll bedeutet meistens den riesischen, doch auch den elfischen Dämon. Die Riesin heißt im Norden Gygr die Schreckerin.

Die Riesen zeigen sich öfter als die Elfen in Tiergestalt. Riesinnen heißen Hyndla und Kött. Von den Flügeln des im Norden sitzenden Riesenadlers Hrcksvelgr Leichen-schwelg kommt der Wind über alle Menschen; der Riese Pjási sitzt als Adler im Baume über dem Feuer, an dem die Götter einen Ochsen braten; der Riese Suttúngr fliegt als Adler hinter dem Adler Odin her, um ihm seinen Methraub abzujagen. Der Drache Fáfnir ist ein Bruder des Riesen Regin, und die Schlange Midgardsormr umschlingt die Erde. Riesenhafte Wölfe, die heulenden Winde, sind Mánagarmr, Hati und Sköll, die im Wettergewölk aufsteigen und den Mond und die Sonne verfolgen, der furchtbarste aber Fenrir oder Fenriswolf dessen aufgesperrter Rachen mit seinem Oberkiefer den Himmel, mit seinem Unterkiefer die Unterwelt berührt. Wie er von den Göttern gefesselt wird, erfahren wir später. Aber auch ihre Menschengestalt trägt noch oft die schreckhaften Abzeichen der Naturerscheinung. Schwarzhaupt und Eisenschädel heißen ein paar nordische Riesen nach der unheimlichen Eisenfarbe der Wolke, die tief herabhängend auch der Riesin Hengjankjapta, der Kieferhängerin, den Namen gegeben haben mag. Der Mecklenburger sagt noch heute bei schwerem Gewölke:

„Mudder N. makt all wedder (schon wieder) ne dick Unnerlipp“.

Die Gewitterwolke, deren „Grummelköppe“ uns noch heute bedrohlich erscheinen, scheint die Drei- oder Sechs- oder Neunhäuptigkeit meh-rerer Riesen im Norden, wie in Deutschland veranlaßt zu haben. In des Riesen Hymir Halle an des Himmels Ende sitzt die grimmige Rießengroßmutter mit 900 Köpfen. Hymirs Blick bricht einen Pfeiler entzwei. Dem Riesen Fasolt als echtem Windgeist flattert vom Haupte langes Frauenhaar. Ist es die alte Greiflust der Winde, die sich, wie in den griechischen Hekatoncheiren oder Hunderthändern, in den vier Ellenbogen Heime’s und den vier Händen Asprians äußert? Man denke auch an die Achtbeinigkeit des Pferdes des Windgotts Odin, die offenbar die Windesschnelle ausdrücken soll. Die Riesen stellen sogar dem Menschenfleisch nach, daher heißen sie öfter Menschenfresser und Leichenschwelg. Diese Gier weist auch auf die Winde zurück. Erregt doch gerade Leichenschwelgs Flügelschlag alle Winde, und kommt doch im deutschen Märchen der Sturm ins Haus herein, wo seine Frau ein Mädchen versteckt hat, und wittert darin Menschenfleisch, das er auffressen will. Wenn der Riese Pjdsi der Fresser als hungriger Adler einen halben Stier verschlingt, so war der thrakische Boreas ein Rinderschinder und der deutsche Nordwind ein Roß- oder Geißentöter. Man streut dem Winde Mehl hinaus, damit er „was zu fressen habe“. Die Riesen gelten für tölpisch und dumm — einer heißt sogar Dumbr —, aber auch für gutmütig, fröhlich wie Kinder und treu wie Gold. Sie haben auch Wetterverstand, doch nur einige besitzen, weil sie viel älter als die Götter sind, Urweisheit, so in der Liederedda Vafprudnir , den Odin in einem Wettstreit über die mythischen Dinge befragt. Im Hyndlulied erhält Freyja Auskunft von der Riesin Hyndla über alte Königsgeschlechter. Vom Riesen Svarthöfdi stammen sogar alle Zauberer. Der Ackerbau ist ihnen unbekannt und unheimlich, wie den Elfen das Glockengeläut. Aber sie haben in der schwedischen Sage schwarzes fettes Vieh, und der Herr der Riesen, Prymr, strählt, wenn er auf dem Hügel sitzt, seinen Rossen die Mähne und hat seine Freude an seinen heimkehrenden goldgehömten Kühen und allschwarzen Ochsen. So sind manche Riesen große Herren, reich, freigebig, prachtliebend, geschmückt und einige Riesinnen wie Skadi und Gerár von strahlender Schönheit. Ihre Lebensart und Wirksamkeit stellt sich aber je nach der Naturkraft, die sie vertreten, je nachdem sie Gewitter-, Sturm-, Wolken-, Berg-, Wald- und Wasserdämonen sind, sehr verschieden dar. Nacht- und Unterweltsriesen fanden sich später ein.

Unter den Gewitterriesen ragt Hrungnir der Lärmer hervor, der von Odin zum Wettritt herausgefordert wird. Zornig sprengt er auf seinem Gullfaxi oder Goldmähne hinter Odin auf seinem Sleipnir her, vom Riesenheim im Osten über Luft und Meer bis in die Asenburg hinein. Hier prahlt er, vom guten Göttermet berauscht, Walhall nach Riesenheim überführen zu wollen, und fordert den von den erschreckten Göttern herbeigerufenen Thor zum Zweikampf auf der Grenze der beiden Reiche, den Felssteinhöfen, heraus. Hier wird er samt seinem Gefährten, dem Lehmriesen Möckrkalfi, trotz seines Steinschilds, Steinhaupts und Steinherzens von Thor und dessen Genossen Thjalfi besiegt. Denn sein Wetzstein zerschellt in der Luft an Thors entgegenfliegendem Hammer, nur ein Stückchen dringt in Thors Kopf, während des Riesen Schädel ganz zersplittert wird. Thors Heimkehr bildet einen dritten Teil dieses ausgebildeten Mythus, der trotz aller skaldischen Künstelei die ursprüngliche Naturbedeutung nicht ganz verdeckt. Der Sieg des donnernden Hrungnir über den Windgott Odin stellt die dem Wind überlegene Schnelligkeit des goldmähnigen Blitzes dar. So heißen auch in der spanischen Poesie und im rumänischen Märchen das schnelle Pferd Wind, das schnellere Blitz und das schnellste Gedanke und im Russischen die schnellsten Pferde Wind, Donner und Blitz. Der Sieg Thors über Hrungnir stellt den Kampf zweier Gewitter dar, wie sie an der norwegischen Küste öfter bei plötzlichem Ostwind heftig aufeinander stoßen, wobei die Schlammlawinen herabrutschen. Jeremias Gotthelf schildert die Gewitter ähnlich als zwei Ringer, die sich auf dem Platze ringsum drängen, bis sie sich höher und höher am Horizonte hinaufringen. — Noch mit einem zweiten Gewitterriesen, Geirrödr dem Speerröter, hat Thor einen Kampf zu bestehen. Der ließ den als Vogel in seinen Hof geflogenen Loki nur unter der Bedingung frei, daß er Thor überrede, unbewaffnet nach Riesenheim zu kommen. Loki gelingt das, und Thor fährt mit ihm ohne jede Rüstung aus. Aber unterwegs versieht ihn die mitleidige Riesin Gridr mit ihrem Kraftgürtel, Eisenhandschuhpaar und Zauberstab. Thor durchwatet nun den Fluß Vimur, den aber Gjalp Geirröds Tochter so anschwellt, daß Thor, dem Ertrinken nahe, nach einer Eberesche greift, um sich daran herauszuziehen. Im Hause Geirröds setzt er sich auf einen Stuhl, den die Riesentöchter Gjalp und Greip samt ihm emporheben und gegen das Dach drücken. Da brach er ihnen das Genick und zerschmetterte ihres Vaters düsteres Haus, das einem dampfenden Gewölk glich. Geirröds glühenden Eisenkeil fing Thor auf und durchbohrte nicht nur ihn damit, sondern auch eine dahinter liegende Bergwand. Wer wollte da alle Einzelheiten deuten? Aber der Hauptakt ist klar, und die Namen Gridr Ungestüm, Gjalp Lärm, Greip Griff und Vimur Wildläufer lassen keinen Zweifel über den meteorischen Sinn der Nebenakte. Die verwandte, aber schon stark allegorisierte Fahrt des Gottes zu Utgardaloki sei im Göttermythus besprochen.

Deutschland hat nur ganz verchristlichte Sagen von dergleichen Gewitterkämpfen: Petrus, der Wetterherr, begegnete einst dem Teufel mit einer Glocke (Wetterwolke) in der Luft, entriß ihm dieselbe und warf ihn in die See, und die Riesen werfen gern Steine nach Peterskirchen.

Ähnlich ausgebildete Sagen wie von den Gewitterriesen erzählten die Nordleute auch von den Sturmriesen, den schönsten Frühlingsmythus vom Riesen Thrymr. Thor erwacht aus tiefem Schlaf und vermißt seinen Hammer. Den hat Thrymr acht Rasten tief in die Erde versenkt und will ihn nur gegen die schöne Göttin Freyja ausliefern, wie er Thors Boten Loki mitteilt. Da Freyja sich weigert, rät Heindall in der Götterversammlung, daß Thor als Braut verkleidet nach Riesenheim ziehen möge. Obgleich sich dieser anfangs sträubt, entschließt er sich doch, im Brautstaat hinüberzufahren mit Loki als seiner Magd. Schon freut sich Thrymr des schönen Weibes, wie seiner Kühe und Ochsen. Sein Schrecken über ihre übermäßige Eß- und Trinklust und ihre brennenden Augen wird durch Loki’s Hinweis auf ihre achttägige Sehnsucht nach Riesenheim beschwichtigt. Da wird der Mjöllnir, der Hammer, hereingetragen ; Thor faßt ihn und erschlägt Thrymr samt seinem Geschlecht. So erzählt das Eddalied, das noch lange im dänischen und norwegischen Volksliede fortlebte, humorvoll die Heimholung des acht Monate lang (acht Rasten tief) von dem Sturmriesen verborgenen Donnerkeils durch den Donnergott, dem er während seines Winterschlafs gestohlen ist, aber im Sommer wieder zukommt.

Ein anderer Sturmriese ist der Fresser, der als hungriger Adler auf einem Baum saß, unter dem drei Götter: Odin, Loki und Hoenir einen Ochsen sotten. Er hinderte das Garwerden, versprach jedoch gegen die besten Fleischstücke Abhilfe. Nim verschlang er aber die Hälfte des Ochsen, weshalb Loki nach ihm schlug. Da riß er diesen mit sich fort und ließ ihn nur gegen die Bierspenderin Idun frei, die er nach Thrymheim entführte. Ohne Iduns Unsterblichkeitstrank alterten nun die Götter dahin und zwangen Loki, Idun wiederzuschaffen. Während Thjäzi auf der See tobte, raubte Loki in Freyja’s Falkenhaut die in eine Nuß verwandelte Idun. Thjázi flog aber in Adlershaut dem Räuber nach, verbrannte sein Gefieder an einem von den Göttern angezündeten Feuer und wurde herabgestürzt von den Göttern oder auch von Thor allein getötet. Odin oder Thor warf Thjázi’s Augen an den Himmel. Unverkennbar ist im gefräßigen Adlerdämon der Sturm, und Idun mag die Regenwolke im Frühling sein, die neue Jugend bringt.

Thors Kampf mit Kári, den wir schon als Sturmriesen kennen, bietet das herbstliche Gegenstück. Nach jüngerer nordischer Überlieferung ängstigt Kári durch Klappern an den Fenstern die Mädchen in der Julnacht und entzweit sich mit Thor auf der Hochzeit ihrer Kinder so, daß sie sich gegenseitig erschlagen. Ihre Gräber liegen bei einem jütischen Bauernhof, dessen Tür in einer bestimmten Augustnacht offen stehen muß, weil der Brautzug jener Hochzeit hindurchzuziehen pflegt. So nehmen auch die riesenhaften „Westfriesen“, wie die Föhnwinde heißen, ihre Weidbahn durch die Melkhäuser auf der Scheidegg, und saust die wilde Jagd durch bestimmte deutsche Bauernhäuser und Türen. Im letzten stürmischen Herbstgewitter erliegt selbst der Donner.

Im deutschen Walde tobte der Windriese , möglicherweise der „Schrecker“. Im Eckenlied des 13. Jahrhunderts stößt er ins Horn wie ein Jäger und verfolgt mit langem flatternden Weiberhaar nach lüsterner Winddämonenart das wilde Fräulein durch den Wald, wobei man eine halbe Meile weit die Äste krachen hört. Dann erliegt er dem Heldenkönig Dietrich von Berne. In einem Münchner Wettersegen des Mittelalters wird Fasolt beschworen, das Wetter wegzuführen. Eine durch ihren Nordostwind berüchtigte Schlucht im Siebengebirge heißt noch heute die Faseltskaule. Zu Fasolts Sippe gehörten in Tirol Helle der Schallende, Zerre der Zerreißer, Weiderich der Waldmann und die Riesin Runse, mit welchem Namen die Tiroler noch heute die Schlammlawine bezeichnen.

Der riesige Smidr d. h. Baumeister, will den Göttern in einem Winter oder in anderthalb Jahren bis zum ersten Sommertag eine Burg zum Schutz gegen die Riesen bauen, wofür ihm Freyja und Sonne und Mond verheißen werden. Es ist der wolkentürmende Wind. Doch lenkt Loki das mitarbeitende Riesenroß Svadilfari, d. i. der weiter fährt, daß es raucht, ein Staub aufwirbelndes Sturmroß, von dieser Arbeit ab, so daß das Werk stockt, und am ersten Sommertag erschlägt Thor den Baumeister. Wie so oft, hat auch hier die jüngere norwegische Volkssage den ursprünglichen Natursinn viel treuer bewahrt als die altnordische stilisierte Darstellung; sie läßt den Baumeister mit Sturm aufsteigen und nennt ihn ganz offen „ Vind och Veder“ oder auch „Bläster“ den Blaser oder auch wieder moderner den Teufel, der beim Rufen seines Namens oder beim Hahnkrat vom Verderben ereilt wird. Eine elsässische Sage dreht sich auch um ein mächtiges Bauwerk, aber die Bauarbeit tritt zurück, dafür kommt des Riesen Pferd wieder zum Vorschein. Der Teufel fuhr einmal auf einem Winde wie auf einem „Pferde“ zum Straßburger Münster, stieg ab und besah sich das Innere; der Wind mußte draußen warten. Als er wieder hinaus wollte, konnte er nicht, er war gebannt. Dem Winde aber wurde die Weile lang, heulend fuhr er um das Münster und wartet noch heute auf seinen Meister.

Ein verwickelter und von den Skalden sehr verkünstelter Mythus geht von dem Riesen Suttungr, der als Rauscher oder vom Rausch Bezwungener gedeutet wird. Nach der von Zusätzen befreiten Fassung hat er in seinen Hnitbjörg, den zusammenstoßenden Bergen, einen kostbaren Metkessel Odroerir, d. h. den zur Dichtkunst Begeisternden. In Schlangenform kriecht Odin durch ein Bohrloch in den Felsen, wo ihm Suttungs Tochter Gunnlöd, die zum Kampf Ladende, in jeder der drei Nächte, die er bei ihr schläft, einen Trunk von ihres Vaters Met reicht. Das lohnt er ihr übel. Er leert den ganzen Metkessel samt zwei Metgefäßen, fliegt mit seiner Beute als Adler davon, speit, von Suttung in Adlersgestalt verfolgt, in seiner Bedrängnis in die in Asgard bereit gehaltenen Gefäße den geraubten Met aus und entläßt nur einen Teil seinem Verfolger von hinten, nämlich für die schlechten Poeten. Der volkstümliche Kern dieser tendenziös zugestutzten Skaldenanekdote war wohl etwa folgender: Der Sturmriese hält in den zusammenstoßenden Gewitterwolkenbergen den Regen im Wolkenkessel für seinen eigenen Genuß zurück, denn „de Wind hahlt Regen tohop (zusammen)“ sagt man noch heute in Mecklenburg. Seine Tochter scheint eine Wolkenriesin zu sein, die dem buhlerischen Windgott Odin davon spendet. Verfolgt vom Sturmriesen muß dieser aber einen Teil in Regenschauern wieder hergeben. — Nach jüngerer Dichtung spuckten Äsen und Wanen bei ihrem Friedensschlüsse in ein Gefäß und schufen aus dem Speichel das weiseste Geschöpf, den Kväsir, den die Äsen von den Wanen als Geisel erhielten. Aber die Zwerge Fjalar und Galar erschlugen ihn und mischten sein Blut mit Honig und füllten mit diesem Met den Kessel Odroerir und die Krüge Són und Bodn.

Auch Sturmriesinnen gibt es, die sich einem verzweigten Riesengeschlecht einreihen. Der uns schon bekannte Thjazi nämlich ist der Sohn Öl-, Aud- oder Allvaldis des Reichtums-, Bier- oder Allwalters und Bruder des Gang und des Idi. Der reiche Vater vererbt seinen drei Söhnen gleich viele Mundvoll Gold. Aus dem einen, Suttungr ähnlichen Trankbesitzer ist ein goldreicher und schließlich allmächtiger Herr geworden. Thjazi’s Tochter aber ist Skadi und seine Verwandten Fenja und Menja. Der Wind wurde von den Skalden bereits Skadi Schade genannt, und noch heute heißt im Norden der Nordwind Skadi, und mutmaßlich bedeutet Skandinavien, in älterer Form Skadinavia, die Insel des Nordwinds. Skadi heißt öndergud oder -dis die Schneeschuhläuferin und Jamvidja die Eisenwälderin, die Urwaldsfrau. Sie haßt das mildere Meergestade und jagt mit dem Bogen im Hochgebirge, in Thrymheim, dem Sturmheim. Als ihr Vater Thjazi von den Göttern getötet war, fuhr sie in voller Rüstung rachedurstig nach Asgard und erhielt als Buße den Gott Njördr, in dem wir den besänftigenden Frühlingswind erkennen werden, zum Gemahl. Ihre Trauer verwandelten die possenhaften Sprünge Loki’s und einer mit ihm zusammengebundenen Geiß in Lachen. Aber weil Loki ihres Vaters Tod herbeigeführt hatte, ließ sie das Gift einer über ihm in der Unterwelt aufgehängten Schlange auf sein Antlitz herabträufeln, bis zum Weltuntergang. Wenn er nun vor Schmerz zuckt, bebt die Erde; doch sucht seine Frau Sigyn das Gift aufzufangen. Die letzte Unterweltsscene ist fremden Ursprungs verdächtig.

Thjazi’s Verwandte sind Fenja und Menja , Mägde König Frodi’s, die in seiner Mühle Grotti Gold, Reichtum, Frieden und Glück mahlen. Aber als ihr Herr sie übermäßig zur Arbeit antreibt, mahlen sie Krieg, bis die Mühle zerbricht. Nach einer andern eddischen Stelle zerbricht sie nicht, sondern der Seekönig Mysingr kommt darüber, tötet Frodi und nimmt die Mühle auf sein Schiff und läßt hier die Riesinnen so viel Salz mahlen, bis es samt der Mühle versinkt und die ganze See salzt. Das geschah an der schottischen Küste. Zahlreich sind die nordischen, deutschen, aber auch finnischen und irischen Wundermühlen, die Gold und Silber, Graupeln und Salz und auch Streit oder streiterregende Dinge mahlen. Fenja und Menja mögen ursprünglich stürmische Wettermüllerinnen gewesen sein, die aus der wirbelnden Wolke bald Regen, bald Sonnenschein, Graupeln und Gold und Reichtum, aber auch Krieg und Frodi’s sommerlichen Frieden mahlten. In den Meeresstrudeln, wie der Mahlström einer ist, mahlen sie Salz, sowie die vom Wind bewegten Wogen, jene neun Töchter Aegirs, nach einem Skalden am äußersten Rande der Erde rasch die den Menschen so feindselige Klippenmühle bewegen. Unwetter heißt dänisch noch heute das Mahlen des Meers. Nicht nur zur Meer-, sondern auch zur Bergriesin wird die Sturmriesin: Im Givrinarhol, einem tiefen Erdloch auf den Färöern, hört man noch, wie darunter eine blinde, alte Riesin Gold mahlt, und sie hat eine Nachbarin, die einen Reiter, der vom Golde gestohlen hat, verfolgt und seinem Pferde den Schwanz ausreißt.

Zu den Windriesinnen wird auch das fahrende Weib, die Gefjon, gehören, die mit einem Riesen vier Ochsen zeugt, mit denen sie das ihr vom König Gylfi geschenkte Pflugland, nämlich Seeland, aus dem Mälarsee lospflügt. Hyrrokkitty die Feuergekräuselte, reitet auf einem Wolf, den sie mit Nattern zügelt, auf Göttergebot herbei, um das Schiff, das Balders Leiche trägt, so stark in die See zu stoßen, daß Feuer aus den Walzen bricht und alle Lande beben. Thor, der ihr den Kopf zerschmettern will, wird von den Göttern zurückgehalten. Diese Riesin ist eine durch und durch skaldische Erfindung.

Da erzählt die neuere Volkssage von viel natürlicheren Wetterriesinnen, die oft für sich, oft mit den Elfen vereint, insbesondere in der Julzeit oder in den Zwölfnächten ihren wilden Umzug halten, ln Norwegen ist es namentlich die Gurorysse Guroschwanz oder die Aaskereida der Blitzritt, entstellt zu Aasgardsreid. Unter Donner und Blitz — Wintergewitter sind im südlichen Norwegen nicht unhäufig — über Wasser und Land reitet ein Dämonenheer, das dann wohl bei den Julgelagehäusem absattelt, Vieh und Menschen mit sich nimmt, sie ermattet oder verwirrt, aber durch Stahl- oder Kreuzwürfe unschädlich gemacht wird. An der Spitze reitet die langschwänzige Riesin Guro, ein Kinderschreck. Nicht ganz so toll treibt es z. B. im oberdeutschen Westen die Posterlijagd, die namentlich aus wilden Weibern oder Sträggelen besteht.

Der Wolkenriesen gewaltigster ist Hýmir , der in einem Eddaliede als Wasserriese geschildert wird. Aber húm bedeutet die dunkle Dämonenluft, die von der Bewölkung, namentlich der winterlichen, verursacht wird, und der Kampf mit Riesen und einer Schlange um einen Kessel, wie ihn Hymir besitzt, ist ein uraltes Doppelmotiv des indogermanischen Mythus vom Kampf des Gewittergottes mit den Wolkenriesen und Ungeheuern, denen der fruchtbare Gewitterregen im Sommer abgerungen werden muß. Die Götter vermissen bei einem Gelage bei Aegir diesen Trank, und Thor entschließt sich, mit Tyr den Kessel, in dem er gebraut wird, von dem urweisen Hymir zu holen. Sie finden ihn im Osten an des Himmels Ende mit seiner leidigen neunhunderthäuptigen Mutter und seiner allgoldnen weißbrauigen Geliebten. Diese versteckt die beiden Gäste unter die Kessel. Da kommt der Riese von der Jagd mit gefrornem Kinnbart heim unter dem Krachen der Eisschollen. Vor seinem Blick zerspringen Pfeiler, Balken und acht Kessel, nur einer bleibt heil. Da kommen die Versteckten zum Vorschein, und sie verzehren mit ihrem Wirte drei Stiere, davon Thor zwei. Um für ein neues Mahl Fische fangen zu können, enthauptet Thor einen Ochsen, dessen Kopf als Köder dienen soll, und nun rudern sie weit ins Meer hinaus. Hymir zog an der Angel einen Walfisch, aber Thor den großen Midgardswurm bis zum Bord des Kahnes empor und schlug mit seinem Hammer dessen Haupt, daß die Ungeheuer lärmten und die Felsen widerhallten und die ganze alte Erde bebte. Der Wurm sank ins Meer zurück. Dann fuhren die Beiden heim, Hymir verdrossen und schweigsam, bis er den Gott zu einer neuen Stärkeprobe reizte. So hob denn Thor das Schiff samt seinem Schöpfwasser und Gerät am Steven zum Hause des Riesen in den Kessel der Waldhalden. (?) Und wiederum gereizt, zerschmetterte er einen Kelch an Hymirs Haupt, das heil blieb. Nim aber gab Hymir seinen Kessel preis, und Thor stülpte diesen sich aufs Haupt, daß die Griffringe an seinen Fersen klangen. Wie er jedoch auf der Heimfahrt merkte, daß Hymir mit seinem vielhäuptigen Volk hinter ihm her kam, da hob er sich den Kessel von den Schultern und zermalmte mit seinem Hammer sie alle, und kraftstrotzend brachte er den Kessel in die Götterversammlung. So erzählt das eddische Hymislied. — Nach der Prosaedda, die sich auf den Fang des Midgardswurms mit dem Ochsenkopfköder beschränkt, war die furchtbarste Scene, wie Thor und die an Bord gehobene Schlange sich gegenseitig mit wilden Blicken anschauten, sie ihm Gift entgegenfauchte und der Riese vor Angst die Farbe wechselte. Da aber zerschnitt Ymir, wie er hier statt Hymir heißt, die Angelschnur, sodaß das Ungeheuer ins Meer zurücksank. Thor schleuderte ihm seinen Hammer nach, sodaß man nun nicht weiß, ob es zu Tode getroffen wurde oder noch lebt. Dann versetzte er dem Riesen einen Schlag, und dieser flog aus dem Kahn, die Sohlen nach oben gekehrt. Da das Schiff zerstoßen war, watete Thor zum Lande zurück. Dieser Mythus, der wie einige andere Thorsmythen: seine Fahrt zu Geirröd und Utgardaloki mit manchen Märchenzügen ausgeschmückt ist, kann in seiner vollen zentralen Bedeutung erst gewürdigt werden, wenn wir die germanischen Götter genauer kennen gelernt haben.

Von den Wolkenriesinnen, die vielfach von den Sturmriesinnen nicht zu unterscheiden sind, sind uns schon Fenja und Menja, Gjalp und Greip und Gridr begegnet. Die letzte rüstet Thor für seine Geirrödsfahrt mit einem Wolkengürtel und schwarzen Wolkenhandschuhen und dem Blitzstab aus und sie bläst Platzregen, Sturm und Hagel aus der Nase. Graue Wölfe werden als ihr Gestüt bezeichnet. Die Wolkenriesinnen sind oft wie die Wolkenelfinnen geschwänzt, so die kinderschreckende Gryla auf Island.

Die Bergriesen bergrisar, fjallgautar, schwedisch bergafolk sind meistens ursprünglich Sturmriesen, die in Wolkenbergen oder auf wirklichen Bergen hausen, wie Suttungr, Thjazi und Skadi, und Steine schleudern und brechen, wie Hrungnir, Fenja und Menja. Die Tiroler wilden Jäger Watzmann und Serles und Frau Hütt versteinern gleich einer nordischen Wetterriesin Hrimgerdr zu Felsbergen. Das norwegische Hochgebirge Dovrefjeld wird in Dovri, dem König über Riesenheim, personifiziert. Wenn deutsche Riesen auf zwei neben einander liegenden Bergen wohnen, so werfen sie sich mit Steinen oder Äxten, und Feldsteine schütteln sie aus ihrem Schuh. Die Riesentochter hüpft von ihrem Berge herab, hebt auf dem Acker den Bauer samt Pflug und Ochsen wie ein Spielzeug in ihre Schürze, muß ihn aber zurücktragen, weil der Vater daran erinnert, daß sie ohne den Ackerbau der Menschen nicht bestehen können. Bei Schleswig trifft ein Riesenmädchen eine Bäuerin beim Flachssäen und bittet sie um ein Hemd. Die Bäuerin verspricht ihr’s. Sie freut sich, als der Flachs keimt, blüht und endlich aufgezogen wird. Da meint sie, das Hemd sei nun fertig. Als ihr aber die Bereitung zu langweilig scheint, wirft sie ihre langen Brüste über die Schultern, springt in einem Satz über den nächsten Berg und verschwindet. Steigt mächtiger Nebel aus den Bergen, so brauen die Riesen oder rauchen, nach neuerer Vorstellung, ihre Pfeifen, ln Höhlen wohnt die zukunftskundige Hyndla und das Dutzend Riesen, das Schilbung und Nibelung dienstbar ist. Darin hüten sie einen köstlichen Met, wie Suttungr, oder den Nibelungenschatz und schöne Jungfrauen dazu, wie Gunnlöd und Kriemhild.

Als Waldriese ist uns schon der Windriese Fasolt bekannt geworden, zu seinem Geschlecht kommen im Gedicht von Dietrich und seinen Gesellen hinzu Fellen-, Rumen- und Schellenwalt, die den Wald fällen, zerstören und schallen machen. Der bayrische Riese Widolt, der Holzherr im König Rother, rauscht, daß die Erde bebt, und springt mit klingendem Panzer über die Sträuchen Der Riese im Gedicht von Sigenot rauft Bäume aus, und vor seinem Atem biegen sich die Äste, aber er verbindet auch Wunden nach sanfterer Winddämonenart. Der fast gleichnamige altdänische Riese Witolf ist ein durch Nebel täuschender Waldeinsiedler, der, wenn er bedroht wird, wie jener wilde Mann Heilmittel angibt. Von seinem altnordischen Namensgenossen Vidolfr stammen alle Völur Wahrsagerinnen. Auf der Fahrt nach Utgard, das über das Ende der Welt hinausliegt, gesellt sich zu Thor in einem dichten Walde der Riese , der während der Nachtruhe schnarcht, daß die Erde bebt, und Thor wohnt im Däumling seines Handschuhs wie in einer Stube. So fährt ein Tiroler Bauer mit seinem Gespann in einen bewachsenen Hohlweg, das Nasenloch des Walderriesen, der ihn samt Ochsen und Wagen weit in die Luft hinausniest.

Der Wasser- und Meerriesen Haupt ist Aegir der Wassermann, auch Hléer und Gymir genannt, er hat wie Ymir und Hymir (S. 238) einen großen Braukessel und gibt Göttergelage, bei welchem Eldr Feuer und Funafeng Funkenfang, die wohl das Meerleuchten bedeuten, aufwarten. Sein Weib ist Rdn, die bei Sturm den Schiffern die Arme öffnet. Mit einem Netz, dessen Maschen niemand entschlüpft, zieht sie die Ertrunkenen hinab in ihren Saal. Da werden sie mit Hummer und Dorsch bewirtet. Ihre neun Töchter wogen und branden und tauchen und spritzen hoch gegen den Himmel und röten ihre Locken mit dem Blut der Zerschellten. Wie Aegir wohnt auch Grendel der Toser (?) in einem von bleichem Feuer erleuchteten Wasserhaus. Es steht im Grunde eines verborgenen Sumpfes, in den das Meer unter windigen Felsen einfließt. Darüber hängt verdorrter Wald. Mit Grendel leben dort seine furchtbare Mutter und viele Niceras Nixe, die die Segelfahrt sorgenvoll machen mit ihren Stahlkrallen und Hauzähnen. Die Flut steigt dunkel bis zu den Wolken, wenn der Wind die Gewitter sendet, bis die Luft dröhnt und die Himmel weinen, ln Nebel und Gewölk geht Grendel allnächtlich aus seinem Moor nach der Königshalle Heorot und schleppt in seinen Stahlkrallen einen schlafenden Krieger davon. Aber in einer Nacht reißt ihm Beowulf einen Arm bis zur Achsel aus, so daß er totwund in sein Sumpfbett flieht. Nun macht sich die fürchterlichere Mutter auf, packt einen Krieger und eilt davon; aber Beowulf taucht ihr nach und erschlägt sie nach schwerem Kampf auf dem Meeresgründe. So erwehrt sich der Mensch der Hochfluten des Meeres, die versumpfende Buchten in die Küsten reißen und selbst die Siedlungen der Menschen überfallen. — Auch der sturzreiche Wasserfall scheint in Norwegen als Riese auf gef aßt zu sein. Der achthändige Starkad wohnte an den Alufällen. Er raubte aus Alfheim die leuchtende Alfhild, deren Vater, König Alf, den Thor gegen ihn zu Hilfe rief.

„Thor schleudert ihn vom schroffen Fels herab; rücklings, mit gespreizten acht Händen, stürzte der brüllende Wasserriese nieder, und noch jeden Augenblick sieht man ihn im grauenvollen Sturze begriffen.“

Im deutschen Hochgebirge sind solche Wasserstürze tosende Drachen, die Dietrich von Bern erschlägt. Die nordischen Nacht- und Tag-, Mond- und Sonnenriesen sind jüngere poetische Gebilde ohne eigentlich mythisches Leben, weshalb auch in der Volksüberlieferung kaum Spuren davon zu finden sind. Die Skalden aber erfanden wieder einen ganzen Stammbaum, an dessen Spitze der Urriese Narfi oder Narvi stand. Seine Tochter Nött, die Nacht, zeugte mit drei Männern den Audr oder Unnr, die Jörd Erde und den Dagr Tag. Die Skalden erfanden außerdem die Rosse Hrimfaxi Reifmähne oder Fjörsvatnir oder -svartnir, die die Nacht, Skinfaxi Glanzmähne oder Gladr, die den Tag, sowie Arvakr Frühauf und Allsvidr Allschnell oder Allbrenner, die die Sonne ziehen. Söl fern, die Sonne und Mäni m. der Mond sind Kinder des Mundilferi, – farides Achsenträgers, der an den antiken riesigen Träger der Achse der Himmelskugel, Atlas, erinnert, den Vater der Plejaden und Hyaden.

Die nordischen Riesen haben ein Reich, wie die Elfen, im Jötunheimr. Es liegt im Osten oder Norden, wo die rauhen norwegischen Gebirge ragen, hinter Grönland oder Bjarmeland am weißen Meer. So das Reich des Riesen Utgardaloki’s, der außerhalb Midgards, der bewohnten Erde, wohnt. Von dem wird folgender mit Märchenzügen und sogar mit Allegorien aufgeputzter Mythus erzählt: Thor und Loki herbergten einmal bei einem Bauer zu Nacht. Thor schlachtete seine Böcke und ließ sie in einem Kessel kochen, lud den Bauer samt Weib und Kindern zum Nachtmahl ein und befahl, daß sie die Knochen auf die Bocksfelle würfen. Vor Tagesanbruch weihte er mit seinem Hammer die Felle, so daß die Tiere sich zu neuem Leben erhoben, doch hinkte das eine, weil Thjalfi, der Sohn des Bauers, ihm das eine Hinterbein durchbohrt hatte, um das Mark herauszusaugen. Schon schärfte Thor zornig seine Augen, schon packte er seinen Hammer so heftig, daß seine Fingerknöchel weiß wurden, da ließ er sich durch das Angstgeschrei der Leute erweichen und begnügte sich damit, ihre beiden Kinder mitzunehmen, Thjalfi und Röskwa. Die Böcke zurücklassend, wanderte er ostwärts gegen Jötunheim und bis zum tiefen Meer und schwamm hinüber. Mit ihm Loki, Thjalfi und Röskwa. Nun gingen sie durch einen großen Wald, Thialfi, der schnellste aller Männer, trug Thors Rucksack. Abends legten sie sich in einem großen Hause mit weiter Türe zur Ruhe, bis sie um Mitternacht, durch ein Erdbeben erweckt, in ein kleineres Nebenhaus flüchteten. Am Morgen bemerkte Thor einen schlafenden Riesen, der mächtig schnarchte. Als der erwachte und sich erhob, soll Thor zum ersten Mal bestürzt gewesen sein. Er nannte sich Skrymir und hob seinen Handschuh auf, in dessen Däumling Thor mit den Seinen gekrochen war. Dann ging der Riese mit großen Schritten durch den Wald voran, und in der zweiten Nacht tat Thor drei vergebliche Hammerschläge auf des schlafenden Riesen Haupt, der glaubte, ein Blatt, eine Eichel, etwas Vögelkot sei auf ihn herabgefallen. Da sie nahe bei der Burg Utgard waren, verließ der riesige Wegweiser die Kleinen mit dem guten Rat, dort nicht zu sehr zu prahlen. Um Mittag lag, von Feldern umgeben, die Burg Utgard vor ihnen, die so hoch war, daß sie mit zurückgebogenem Kopf kaum ihre Spitze erblicken konnten. Durch das hohe Gitter des Thors zwängten sie sich mühsam hindurch und traten in eine weite Halle, deren Bänke von vielen Riesen besetzt waren. Der König Utgardaloki würdigte sie kaum eines Blickes und fragte mit bleckenden Zähnen die Kleinen nach ihren Künsten. Loki aß mit dem Riesen Logi Fleisch aus einem Troge, und Thjalfi lief mit dem Riesen Hugi um die Wette, aber beide wurden besiegt. Auch konnte Thor ein Strafhorn nicht leeren, eine graue Katze auch nur mit einem Fuß nicht vom Boden heben und eine alte Riesin im Ringkampf nicht bezwingen. Aber nach einer gastlichen Nachtherberge, als der Wirt seine scheidenden Gäste vor die Burg begleitete, klärte er sie auf: er selber war Skrymir, der sich durch Zauberkünste vor Thors Hammerschlägen geschützt hatte, Logi war das Wildfeuer, Hugi der Gedanke, die Spitze des Trinkhoms reichte ins Meer, die Katze war der erdumschlingende Midgardswurm und die Ringerin das Alter. Als Thor diese Worte vernommen, schwang er seinen Hammer, und plötzlich war alles verschwunden; nur liebliche Gefilde breiteten sich vor ihm aus. Da kehrte er nach seiner Heimat Thrüdwang zurück. — Alte Riesenkämpfe Thors sind in dieser Utgardaloki-, wie in jener Geirrödssage mit Märchenzügen und allegorischen Motiven reich durchflochten. Beiden eddischen Berichten gibt aber Saxo ein noch moderneres Gepräge. Bei ihm ist Thors Nachfolger der kühne Thorkill, der auf seiner Fahrt den, wie er wohl weiß, vom Thor durchbohrten Geruthus (Geirröd) auf einen Hochsitz an eine Klippe festgenagelt und dessen Töchter mit gleichfalls von Thor zerschmettertem Rücken antrifft. Beider Riesen Reich trägt aber bereits einen völlig unterweltlichen Charakter. Isländer haben dem Dänenkönig Gorm von Geruths schätzereichem Lande erzählt, das, durch den Ozean von der Erde geschieden, in der Unterwelt sonnen-und sternlos dahege. Unter Thorkills Leitung schiffte Gorm mit 300 Gefährten nach dem ewig kalten Bjarmeland hoch im Norden, wo sie nach ihrer Landung der Riese Guthmund, Geruths Bruder, zum Genuß von Zauberspeisen und schönen Weibern einlud. Aber von Thorkill gewarnt, wurden nur vier Dänen verführt und verloren ihr Gedächtnis. Darauf setzte Guthmund die Übrigen über einen furchtbar kalten Fluß, der, von einer goldenen Brücke überspannt, die Menschen von den Bewohnern der Unterwelt trennte. Eine schwarze Stadt, einer dampfenden Wolke ähnlich, lag vor ihnen, ihre Zinnen mit Menschenhäuptem besteckt, von wilden Hunden bewacht. Auf einer Treppe drang man ein; alles voll von heulenden Gespenstern und unerträglichem Gestank. Am gräulichsten war ein Felsengemach, voll Ruß und Kot, das Dach mit Spießen gedeckt, der Boden von Nattern wimmelnd. Hier fand Thorkill Geruth und seine Töchter in der jammervollen Lage, in die sie Thor gebracht hatte. In einem Kampf mit den Gespenstern kamen die meisten Dänen um, nur wenige, wie Gorm und Thorkill, kehrten heim.

Doch abermals muß Thorkill sich aufmachen, um Ugarthilocus zu befragen um den Verbleib der Seelen nach dem Tode. Nachdem er viele Gefahren im hohen Norden bestanden, trifft er den Riesen in einer schmutzstarrenden, von Schlangen wimmelnden Höhle, an Händen und Füßen mit ungeheuren Ketten belastet; seine stinkenden Haare ragen wie hornfeste Lanzen. Als Thorkill ihm eines mit Unterstützung seiner Genossen aus dem Kinn reißt, bricht ein erstickender Qualm hervor, uiid von allen Seiten fliegen Schlangen auf sie los und bespeien sie. Alle kommen um, vergebens ihre Götter anflehend, nur Thorkill, der zum Gott des Weltalls betet, wird gerettet.

Wie aus dem Morgen- oder Abendrot ein heiteres Land des Jenseits, wurde aus dem drohenden, dampfenden, düsteren Gewittergewölke am Horizont ein finsteres Gegenstück geschaffen, die Hölle. Jenes gehört den Elfen, dieses den Riesen. Ein Mischgebilde sind die Glaesisvellir Glanzgefilde, die von jenem Riesenkönig Gudmund (S. 245) beherrscht werden, aber einen elfischen Lustgarten mit Blumen, allerlei zauberischen Dingen und verführerischen Weibern in sich schließen. Der heißt Udainsakr das Feld der Unsterblichen. Doch die Unsterblichkeit bedeutet nur ein übermenschliches Lebensmaß, stirbt doch der König selber nach einem halben Jahrtausend, um darnach wie ein Gott mit Opfern geehrt zu werden.

Faßt man diese Vorstellungen eines jenseitigen Riesenreichs mit jenen eines jenseitigen Elfenreichs zusammen, so gewahrt man ein starkes Schwanken zwischen dunklen und lichten Jenseitsbildern. Man will den Verstorbenen losreißen aus seinen engen Grabesbanden, man versetzt ihn weit über die Erdengrenzen hinaus zu unsterblichen oder vielmehr länger lebensfähigen Wesen, den freundlichen Elfen oder den finstern Riesen. Denn man weiß nicht sicher, was drüben zu erwarten steht. Nur mühsam, unvollkommen ringt sich der Unsterblichkeitsgedanke durch. Nur ausnahmsweise denkt man daran, außer der Örtlichkeit und ihrem Herrscher die Untertanen desselben, die Verstorbenen, und ihr Treiben zu schildern. Und sogar Sterbliche dringen in die andere Welt ein. Am schärfsten umrissen tritt aus dieser unterweltlichen Riesengruppe ein Weib, die Hel, heraus. Sie greift tiefer als die Riesenmänner ins Menschenschicksal ein, in das diesseitige und das jenseitige. Sie stellt sich darnach zu den höheren Dämonen.

So machtvoll die Riesen sind, so sehr manche wie ältere, nur rohere Götter ausschauen, so dürftig sind die Spuren eines wirklichen Riesenkultus. Zwar wurde der deutsche Riese Fasolt beschworen, Unwetter abzuwenden; dem nordischen Riesen Gudmund, der ein Alter von 500 Jahren erreicht hatte, brachte man Opfer. Der Unterweltsfahrer Thorkill geht bei Saxo den Riesen Utgarthiloki mit Gelübden und Besänftigungsmitteln an, daß er ihm freundliches Reisewetter schaffe, und in Norwegen opferte man den Riesen auch noch in neuerer Zeit am Julfest. Aber diese Nachrichten bedeuten nichts gegenüber den tausenden von Zeugnissen für den Elfenkultus. Entweder war also immer der geistige Verkehr der Germanen mit den Riesen ein seltener, wie sich leicht aus deren maßlosen Formen erklärt, oder sie wurden daraus später durch die edleren Götter verdrängt. Bei Saxo ist Hadding erst ein Schützling der Riesen und sogar der Geliebte einer Riesin, aber später tiberläßt er sich dem Beistand der Götter, Odins und Frey’s, und eine Frau mit Blumen im Schoße, vielleicht Freyja, führt ihn in ein unterirdisches Paradies. Zu Saxo’s und Snorre’s Zeit glaubte man, daß die aus dem fernen Süden oder Osten eingewanderten Äsen die Riesen ausgerottet und nach der Olaf Tryggvasons-sage insbesondere Thor die beiden letzten Riesenweiber mit seinem Hammer erschlagen habe. Noch in der neueren Überlieferung ahnen die Riesen, daß ihre Zeit bald vorüber ist. Nach der von Jütland bis ins Elsaß verbreiteten Sage trägt eine Riesin einen Bauer samt seinem Pfluge in ihrer Schürze als Spielzeug heim. Ihr Vater oder Mann aber sagte zu ihr:

„Schnell trage es wieder auf den Acker, denn ohne die Menschen wären wir übel dran und hätten kein Brot“

oder nach andrer Wendung:

„Sie werden uns sonst bald vertreiben“.

Die niedere Mythologie hat mit dem Riesenmythus ihren Abschluß gefunden. Sie hat den religiösen Sinn der Germanen Jahrhunderte, Jahrtausende beherrscht und zwar in vier Hauptformen. Die Vorstellungen vom Sterben führten zum Seelenglauben, die vom Alpdruck zum Marenglauben, die von den Naturmächten einerseits zum Elfen-, andrerseits zum Riesenglauben. Aus tiefen Quellen geboren, haben sich diese vier Strömungen bis in unsere Zeit ergossen, und oft mußte, wenn ihr reinerer Oberlauf verdeckt war, aus dem freilich oft getrübten, aber zugänglichen Unterlauf die Erkenntnis des alten Gehaltes geschöpft werden. Mit ungleicher Kraft aber tränken sie noch heute den Untergrund unserer Volksreligion. Der Gespensterglaube ist noch stark, wie der Marenglaube; schon geringer, aber doch noch vielfach lebendig, ist der Elfenglaube; der an die Riesen äußert sich wohl nur noch in einigen Teufelssagen. Überhaupt ist unsere Riesenkunde um so unsicherer, als ihre meisten Mythen aus einer Zeit stammen, in der sie schon mit den späteren Göttermythen verknüpft waren, während die Mythen der Seelen, Maren und Elfen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sich davon frei halten. Im ganzen aber ist das Gebäude der ältesten germanischen Religion, wie es auf jenen vier Hauptpfeilern ruhte, mit einiger Sicherheit aus den alten Zeugnissen, wie aus den noch heute bestehenden Resten zu erkennen. Lange Zeiten hindurch der einzige Schutz und Hort des religiösen Bedürfnisses, wurde es später mit einem Oberbau versehen, der viel weitere Ausblicke gewährte.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Meyer, Elard Hugo.

Mythologie der Germanen – Das Christentum in der nordischen Mythologie

Nordischer Glaube

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Der germanische Mythenbau steht jetzt vor uns, freilich durch weit klaffende Lücken entstellt, aus verschiedenartigem, bald nordischem, bald deutschem Gestein zusammengesetzt und in den Stilen verschiedener Zeiten und Stände aufgeführt.

So lückenhaft ist die heimische heidnische Überlieferung, daß man sagen darf, sie beginne erst in dem Zeitpunkte, wo das germanische Heidentum zu bestehen aufhört. Nur landfremde Römer und glaubensfremde Mönche wissen schon früher davon zu berichten. Die heimische Überlieferung aber zerfällt in zwei große Hauptmassen, eine überwiegend skaldische nordische und eine überwiegend volkstümliche gemeingermanische. Darin spiegelt sich der scharfe Gegensatz der Stände wieder, der die germanische Staatsverfassung und Gesellschaft beherrscht. Es gab eine Bauernmythologie und eine Adelsmythologie.

Beiden zugrunde aber liegt dieselbe Entwicklung: aus den ältesten niederen Formen des Seelen-, Alp– und Dämonenglaubens erheben sich nach und nach höhere Gestalten, und Götter bilden den krönenden Abschluß. Aber die übermenschlichen Wesen des Bauernglaubens wahren sich fast alle noch den Zusammenhang mit den Naturkräften, selbst die Götter, und behaupten sich gerade dadurch sogar gegenüber dem Andrang der geistigeren Mächte des Christentums lange, lange Zeit. Der Glaube der großen Masse war in seinem Mythus, wie Kultus vorzugsweise Naturreligion, die aber schon seit unvordenklicher Zeit sich zu festumrissenen und menschlich gearteten Gestalten erhoben hatte. Dagegen huldigte der gottentstammte Adel vorzugsweise den Göttern einer geistigeren Art, wie sie namentlich die Priester und die Hofsänger veredelten. Zu dem schlichten, oft derben, aber durchweg keuschen, sinnigen und oft poetischen Bauemgeist gesellte sich ein kriegerischer, kühner, höher strebender Heldensinn, von dem wir die schönsten Proben in manchen aus der Wikingerzeit hervorgewachsenen Eddaliedern haben. So begann allmählich eine Geistesreligion sich zu entwickeln. Aber erst im Werden begriffen, erwies sie sich beim Zusammenstoß mit dem Christentum viel haltloser und erlag diesem weit schneller als jener alte robuste Volksglaube. Ihre höchste Leistung war, doch wohl nur im Norden, die Herstellung einer durch Verwandtschaft und Schicksal leidlich fest verbundenen Götterordnung, in der jeder Gott sein Amt hatte, vom König herab bis zum Hofdichter und zur Kammerfrau. Aber die Vorstellungen vom Jenseits schwankten beim Volk, wie bei den Großen hin und her und waren durchweg sinnlicher Natur, ja das Familienleben wurde in Walhall zugunsten des Kampf- und Freudelebens mit den Walküren unterdrückt. Noch viel imgenügender wurden die noch ferner liegenden Fragen nach dem Anfang, dem Verlauf und dem allerletzten Ende der Dinge und der Menschheit beantwortet. Es fehlte die Weisheit einer hochgebildeten, sinnenden Priesterschaft, sowie die anregende Fülle einer städtischen Kultur. Man brachte es zu vielen einzelnen runden Personenmythen und bildete daraus hie und da Mythengruppen. Aber man hatte nicht das Zeug zur Schaffung eines zusammenhängenden, wohlgegliederten Weltmythus.

Mit dieser aus den Quellen geschöpften Charakteristik unserer Mythologie steht in schroffem Widerspruch die Völuspa, die Weissagung der Seherin, das großartigste und meistumstrittene Gedicht der Liederedda, das, obgleich absichtlich dunkel gehalten und in Einzelheiten ungedeutet, seine Hauptgedanken und seine ganze Grundidee vollkommen verständlich vorträgt. Es behandelt in einem vornehmen Überblick das denkbar erhabenste Thema, die Geschichte der Welt von ihrem äußersten Anfang bis zu ihrem äußersten Ende, ja darüber hinaus bis zu ihrer Erneuerung. Woher dieser kühne Ideenwurf, diese tiefgründige Weisheit? Konnte solche Raum und Zeit gewaltig umspannende Spekulation, deren Ausgestaltung eine vielhundertjährige Vorarbeit voraussetzt, wie eine Offenbarung aus der soeben gezeichneten zerstückelten, doch noch so unreifen germanischen Mythenwelt plötzlich hervorbrechen? Solche Wunder trugen sich in der nationalen Entwicklung der heidnischen Mythologie nicht zu. Es muß eine fremde Macht eingegriffen haben, die diese weiten Sprünge ermöglichte, die eine neue ganz andersartige Gedankenwelt in den alten Mythus einließ.

Die Heimat jener religiösen Spekulationen über den Anfang und das Ende der Dinge und ihren tieferen Sinn war das Morgenland; die Kirche stellte in all diese Weltbegebenheiten mitten hinein Christus, seinen Vergangenheit und Zukunft versöhnenden Kreuzestod. Seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts faßten die christlichen Weltgeschichten die Schöpfung, die Erlösung, die Wiederkunft Christi, das tausendjährige Reich und das Ende der Welt als die Hauptpunkte des göttlichen Heilsplans auf. In vielerlei Formen wurde diese Lehre in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends im Norden bekannt, die einfachste, beliebteste Form war die sogenannte Summe der Theologie, eine Predigt, die in volkstümlicher Weise jene ganze große Heilsgeschichte den Gemeinden öfters in Erinnerung brachte. So stieß sie auch auf das nordische Skaldentum.

In der Völuspa rinnen nun wie in einem Becken die beiden maßgebenden geistigen Strömungen des Nordens in der Zeit der inneren Abkehr vom Heidentum zum Christentum zusammen. Ihr Verfasser steht zwischen einer neuen Glaubenslehre und einer alten technischen Schulung. Jene führte ihm großartige, aber fremde Begriffe in Hülle und Fülle zu, diese nötigte ihn, nach Skaldenart die Begriffe, auch die fremdesten, durch die altgewohnten mythologischen Wendungen und Namen zu umschreiben.

Nicht nur christliche Einzelheiten, sondern auch ganze Gedichte christlichen Inhalts wurden in heidnischen Stil gekleidet. Ähnliches geschah auch in Südeuropa. So stückte die Dichterin Proba Faltonia im 4. Jahrhundert ihre lateinische Darstellung der wichtigsten Ereignisse des alten Testaments von der Schöpfung bis zur Sintflut und des neuen Testaments bis zur Himmelfahrt aus lauter virgilianischen Versen und Verstehen zusammen. So sklavisch beugte sie sich vor dem heidnischen Stilmuster, daß sie bei ihrer Schilderung der Kreuzigung nicht einmal das Wort „Kreuz“ zu brauchen wagte.

Die nordischen Künstler und Dichter hielten gleichfalls an ihren alten Figuren fest. Auf einem echt christlichen Denkmal, dem zweiten cumberländischen Gosforthkreuz, angelt der Gott Thor in des Riesen mir Gesellschaft aus dem Schiff heraus nach dem Midgardswurm. Der Künstler wollte mit Thor bereits Christus bezeichnen, wie dieser nach mittelalterlicher Anschauung mit dem Angelhaken des Kreuzes den Drachen oder Leviathan oder Teufel fängt. Daher wurde diese echt heidnische Szene auf dem heiligsten christlichen Symbol, dem Kreuz, angebracht. Wiederum heißt Christus in einem nordischen ihm gewidmeten Preisliede des 10. Jahrhunderts der Besieger der Bergriesen und hat am Nornenbrunnen seinen Sitz. Um dieselbe Zeit verherrlichten zwei Dichter den Einzug der christlichen Könige Erich Blutaxt und Hakon des Guten in das Heidenparadies der Walhall, wo jener von den Göttern Odin und Bragi, dieser von den Walküren festlich empfangen wird. Solche innere Widersprüche kümmerten die Skalden nicht; sie standen im zwingenden Banne ihrer von Geschlecht auf Geschlecht vererbten poetischen Stilistik und nordischen Anschauungsweise. Auch fremde Stoffe rein weltlichen Inhalts mußten sich dieser skaldischen Umstilisierung unterwerfen, wie z. B. die deutsche Nibelungensage. Nicht nur werden ihr nordische Helden, wie Helgi, einverleibt, nicht nur wird das milde Rheinland, der alte Schauplatz, in eine Landschaft wilder Eis- und Schneeberge verwandelt, über die Brunhild jeden Abend voll böser Gedanken dahinschreitet, sondern es wird auch durch eine eigens hinzuerfundene Vorgeschichte des Nibelungenschatzes das Geschlecht Siegfrieds mit dem nordischen Göttermythus verknüpft und Odin zum Lenker des Schicksals des Helden erhöben.

So haben sich die nordischen Dichter den größten germanischen Sagenstoff zu eigen gemacht, zu ewigem Ruhme; so desgleichen das höchste Erzeugnis der christlichen Weltanschauung, die Heilslehre. Schon Primin verkündigte sie den Alemannen am Bodensee, und Karl der Große ließ sie in eine Musterpredigt verarbeiten, in eine Summa der Theologie, die die Geistlichen seines Reichs den Gemeinden von Zeit zu Zeit einzuprägen hatten, damit jeder Christenmensch erführe, was ihm zu wissen notwendig sei. Auch die Dichter des Abendlands bemächtigten sich des eindrucksvollen Stoffes. In den Hauptpunkten Übereinstimmend, drangen diese prosaischen und poetischen Summen mit ihren vielerlei Änderungen und Erweiterungen der biblischen Überlieferung in den Norden vor und ließen namentlich, wenn wieder einmal die Furcht vor dem Untergang der Welt die Gemüter ergriff, zum Schlüsse die gewaltigen Klänge der Offenbarung des Johannes erdröhnen.

Die Summa begann mit der sechstägigen Schöpfung dürch die ewige Dreieinigkeit, die sich bei ihrem letzten und würdigsten Werke, der Erschaffung des ersten Menschenpaars, besonders macht- und liebevoll erwies. Ihm wird das Paradies mit seinem verhängnisvollen Baume zur Wohnung angewiesen. Es begibt sich der Sündenfall, dessen Hauptschuld der Eva zugemessen wird, dessen eigentlicher Urheber aber der erfolglos nach Gottgleichheit trachtende rachsüchtige Fürst der aufrührerischen und deshalb gestürzten Engel ist. Die von Eva auf die Erde gebrachte Sünde fordert Strafgerichte heraus, so die Zerstörung des frevelhaften babylonischen Turmbaues und die Verwirrung der Sprachen. Endlich erscheint der Herr, der auch das Pfand Gottes heißt, am Kreuz; aus seiner Seitenwunde vergießt er das sühnende Wasser und das erlösende Blut. Er fährt zur Hölle, ersteht auf und schwebt gen Himmel. Das jüngste Gericht kündet sich durch mancherlei Vorzeichen an, das erste und eigenartigste ist das Erscheinen des größten Bösewichts, des Antichrists. Dann folgen Sünde und Krieg der Menschen. Die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Himmelsmächte an, auch die Heidengötter gehen zu gründe. Finsternis bricht herein, in Flammen steht die Welt. Da sieht der Prophet einen neuen Himmel und eine neue Erde auftauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt, das neue Jerusalem erglänzt von Gold und Edelstein heller als die Sonne. Der Allmächtige kommt zum großen Gericht.

Und nun folge sofort das in der Völuspa auf gefangene Spiegelbild: Das Gedicht beginnt nach einer zweistrophigen Einleitung mit der sechsaktigen Schöpfung, deren letztes Werk, die Erschaffung des ersten Menschenpaars, von drei Göttern, mächtigen und liebevollen, vollzogen wird. Dann erhebt sich ein Schicksalsbaum vor uns; ein Weib, das sich vergangen hat, wird aus dem Himmel verstoßen und bringt bösen Zauber auf die Erde hinab. Ihr Vergehen hängt zusammen mit dem Krieg, den die Wanen, weil sie göttergleich sein wollten, gegen die Götter führten. Ein großer Bau, den ein frevelhafter Riese aufführt, wird hier nur rätselhaft angedeutet, ist uns aber sonst bekannt. Thor fährt dazwischen, und alle Verträge und Reden gehen auseinander. Dann steigt ein heiliger Baum auf mit dem Pfände Walvaters, von dem sich Wasser in einem Falle ergießt, und der blutige Balder wird nach einigen dunklen Strophen sichtbar. Hölle und Paradies werden mit heidnisch-christlichen Farben geschildert. Das Kommen des Weltuntergangs eröffnet die Erscheinung des größten Bösewichts, der später Surtr heißt. Sünde und Krieg der Menschen; die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Götter. Diese fallen. Sonnenfinsternis, Untergang und Brand der Welt. Da sieht die Prophetin eine neue Erde aus dem Meere tauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt. Schöner als die Sonne erglänzt das goldgedeckte Edelsteinhaus, und der Allmächtige kommt zum großen Gericht. Der noch einmal aufsteigende Drache versinkt auf alle Zeit.

So überraschend diese Gleichung auch wirken mag, überzeugen wird sie erst, wenn man ihre einzelnen Glieder prüft und das eigentümliche Umbildungsverfahren erkennt, dem der skaldische Dichter seine christliche Vorlage unterzogen hat. Er kleidet zunächst das Ganze in die Form der Weissagung einer Wölva oder Seherin:

1.
Um Gehör bitte ich alle heiligen Menschenkinder,
Hohe und niedere Söhne Heimdalls.
Du willst, daß ich, Walvater, genau erzähle
Die alten Geschichten der Menschen, d
eren ich von Anfang gedenke.

2.
Ich gedenke der Riesen, der früh geborenen,
Die einst mich erzeugt hatten,
Ich gedenke der neun Heime,
der neun Binnenwohnungen,
Des herrlichen Maßbaums bis hinab unter die Erde.

Was ist hier aus der meist armseligen nordischen Wölwa geworden, die zur Julzeit bei den Bauern von Hof zu Hof umherzog, um ihnen gegen Lohn die Witterung und den Ausfall der nächsten Ernte, Familienereignisse und etwa noch Krieg oder Frieden vorauszusagen? Unsere Wölwa wendet sich an das ganze Menschengeschlecht als Vollstreckerin des Willens Gottes, demgemäß sie die alten Geschichten der Menschen von Uranfang erzählen soll. Sie ist eine Urriesin und kennt alle Räume der Welt bis ins Innerste der Erde. Solch ein gewaltiges Seherweib ist nur einmal geschaffen worden, im alexandrinischen Judentum, das neben Gott die schöpferische Weisheit oder Sapientia als ein himmlisches Geistes wesen, ein allwissendes Weib, kühn einsetzte. Sie wurde dem ganzen Abendlande bekannt durch die hellenistischen Schriften des alten Testaments: die Sprüche Salomonis, das Buch der Weisheit und Jesus Sirach. Ihre hochheilige Natur übertrug der Dichter der Völuspa
auf das dürftige Zauberweib seiner Heimat. Denn alle die großartigen Züge unsrer Wölwa sind bereits in der Sapien-tia vorgebildet. Diese ruft: „Höret mich, ihr Menschensöhne. Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang der Erde“. Sie ist die Gehilfin Gottes, die seinen Willen ausführt, sie kennt die Gedanken der Menschen und den Anfang der Zeiten. Ja sie lebte mit den „Giganten“ zusammen, die „von Anfang bestanden“. Sie kennt die Ordnung des Erdkreises und mißt die Höhe des Himmels, die Breite der Erde und die Tiefe des Abgrunds. Das meint auch unsre Wölwa mit ihren neun Heimen und Binnenwohnungen und dem herrlichen Maßbaum. Nach christlicher Anschauung nahm man 9 Himmel für die 9 Engelchöre an und dem entsprechend 9 Höllenwelten, und wiederholt wird das Kreuz der herrliche Baum und das Maß genannt, und als ein kosmischer Baum aufgefaßt, dessen Wipfel zu den Himmeln strebe, dessen Zweige sich über die ganze Erde ausbreiten und dessen Wurzel unter der Erde bis in die Hölle hinabdringe.

Nun folgt die Schöpfung:

3.
Der Beginn war’s der Zeiten, in dem Ymir wohnte,
Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen,
Erde gab es nicht, noch Himmel oben:
Ein Abgrund war der Abgründe, aber Gras nirgend.

4.
Zuvor erhoben Scheiben Bors Söhne,
Die (dann) den herrlichen Midgard schufen.
Die Sonne schien von Süden auf des Saals Steine:
Da ward der Grund begrünt von grünem Kraute.

5.
Die Sonne schlang von Süden her,
die Gefährtin des Mondes,
Ihre rechte Hand um den Himmelsrand.
Die Sonne wußte nicht, wo sie Wohnungen hätte,
Der Mond wußte nicht, was für Kraft er hätte.
Die Sterne wußten nicht, wo sie ihre Stellen hätten.

6.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber.
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,
Benannten den Morgen und Mittag,
Nachmittag und Abend, die Jahre darnach zu zählen.

7.
Die Äsen trafen sich auf dem Idafelde,
Die Altar und Tempel hoch aufbauten.
Sie legten Essen an, schmiedeten Gold,
Schufen Zangen und fertigten Geräte.

8.
Sie spielten Brett im Garten und waren heiter,
— Es war ihnen kein Mangel an Gold —
Bis drei Riesenmädchen kamen,
Sehr übermächtige, aus Riesenheim.

9.
Es gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Wer von den Zwergen das Volk schaffen solle
Aus Brimirs Blut und aus Blaens Gebeinen.

10.
Da war Mótsogner der ausgezeichnetste
Aller Zwerge, aber Durenn der andre;
Die Zwerge machten viele Menschenkörper
In der Erde, wie Durenn sagte.

11—16 geben eine Zwergnamenliste.

17.
Bis drei kamen aus diesem Geschlechte
Mächtige und gütige Äsen nach Hause;
Sie fanden am Lande die wenig vermögenden,
Schicksalslosen Ask und Embla.

18.
Atem hatten sie nicht, noch Geist,
Noch Blut, noch Gebärde, noch gute Farben;
Atem gab Odin, Geist gab Hoener,
Blut gab Lothor und gute Farben.

Niemand wird auf den ersten Blick in diesem rätselhaften, seltsamen Berichte ein Abbild der biblischen Schöpfungsgeschichte, der Genesis, erkennen, höchstens eine gleiche Anzahl und eine gleichartige Reihenfolge ihrer Hauptakte von der uranfänglichen Leere bis zur Erschaffung des ersten Menschenpaars unsicher durchschimmern sehen. Erst wer die skaldische Formengebung, in welche die Vorgänge eingehüllt sind, abgestreift hat und vieler anderer mittelalterlichen Fassungen des Schöpfungsberichtes, welche Züge der weitbekannten platonischen Schöpfungslehre auf genommen hatten und von der biblischen Genesis mehr oder minder abwichen, eingedenk ist, wird unter dem heidnischen Schein das alttestamentliche Urbild wiederfinden.

Die wüste, leere Erde und den mit Finsternis bedeckten Abgrund des Anfangs übersetzt unser Dichter ganz verständlich durch die Worte:

„Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen, noch war Erde, es war ein Abgrund der Abgründe, ein Gap Ginnunga“.

Und diesem erhabenen Bilde fügt er den fast kleinlichen Zug ein: „aber Gras war nirgend“, gerade so wie der christliche Dichter der angelsächsischen Genesis zu derselben Bibelstelle hinzufügt: „die Erde war da noch von Gras ungrün“, was heißen soll: „Erde war noch nicht und Gras grünte nicht“. So weit steht also die Völuspaschilderung ganz im Banne der christlichen Genesisdarstellung.

Aber Ymer? Trotz seinem heidnischen Riesennamen, der vielleicht den Rauscher bedeutet, ist auch er aus dem Genesistexte der biblischen Vulgata hervorgewachsen. Sie spricht nämlich nicht kurzweg vom Abgrund oder Abyssus, sondern von einer Facies, einem Antlitz, des Abgrunds, woraus man schon im frühen Mittelalter einen Riesenkopf machte. Diese Personifizierung war so beliebt, daß Karl der Große in den sogen. Karolinischen Büchern, die von der Bilderverehrung handeln, als schriftwidrig verbot, den uranfänglichen Abgrund in menschlicher Figur darzustellen. Aber sein Verbot drang nicht durch. Noch im 11. und 12. Jahrhundert wird der Abyssus des zweiten Genesisverses auf einer Elfenbeintafel im Berliner Museum, auf einer Illustration der französisch-lateinischen Bibel von Noailles und auf einer Mosaik von Monreale als ein Riesenkopf dargestellt, der einen Wellenberg durchbricht. Der nordische Urriese der Völuspa ist also doch auch nur ein Auswuchs der Genesisauslegung.

Auch fast alles, was wir aus anderen Stellen der Liederedda und aus der Prosaedda von diesem Urriesen erfahren, stammt nicht aus dem heimischen Mythus, sonders aus der Lehre der mittelalterlichen Theologie von der Urmaterie. Den Abgrund erklärten viele Theologen für das häßliche Bild der formlosen Materie, die der schaffende Gott schon im Anfang vorgefunden habe. Dagegen setzten andre in den Anfang das Nichts. Der oft heftige Widerstreit dieser Lehrmeinungen bewog Snorre, im Sinne der strengeren Orthodoxie den Vers der Völuspa:

Der Beginn war’s der Zeiten,

da Ymir wohnte zu verwandeln in:

Der Beginn war’s der Zeiten, da Nichts war.

Der ganze Roman von Ymirs Geburt, Leben und Tod verdankt seine Herkunft der abendländischen Philosophie. Nach Snorre strömten zwölf Flüsse, die , bevor die Erde geschaffen war, aus dem kalten nördlichen Niflheim dem Nebelheim, in dessen Mitte der Brunnen Hvergelmir, der Rauschekessel, lag. Sie erstarrten in ihrem Laufe zu Eis, das immer höher im Ginnungagap übereinander wuchs, worin nun Feuchtigkeit und Wind entstand. Aus dem südlichen lichten und heißen dem Feuerheim, flogen Funken herüber, sodaß das Ginnungagap lau und windlos wurde. Der Hauch der Hitze brachte das Eis zum Tröpfeln, und die Kraft des Hitzesenders belebte die Tropfen zum ersten Wesen von Menschengestalt. Das hieß Ymir, aber bei den Reif riesen , das rauschende Naß, oder Örgelmir, der gewaltige Rauscher. — Diese Kosmogonie fröstelt einen echt nordisch an, aber auch sie ist fremd und entstammt dem Timaeus Platos, der in der lateinischen Übersetzung und Erläuterung des Chalddius schon seit dem frühen Mittelalter eifrig gelesen wurde. Nach Platos Theorie, die weithin das Mittelalter beherrschte, erstarrt ein die vier Elemente wild vermengender Strom zwischen dem kalten, feuchten Erdelemente und dem heißen, trocknen Feuer zu Eis. Nach der Erdseite hin bildet sich zwischen Kälte und Hitze das kalte, aber feuchte Wasser, nach der Feuerseite hin die warme, feuchte Luft. Der formlose Urstoff wird also jetzt zuerst zur Form, und zwar durch die „Kraft des Schöpfers“, die Virtus des Opifex. Also auch hier eine zwischen Kälte und Hitze vereisende Strömung, ein Entstehen der zwei jüngeren Elemente Wasser und Luft aus dem Zusammenstoß zweier älterer; auch hier eine Verwandlung des Formlosen in eine Form, auch hier ein unmittelbares Eingreifen einer höheren Macht, um dies zu bewirken. Nur dadurch unterscheidet sich Snorre von Plato, daß er dieser geformten Materie einen Personennamen gibt und zwar denselben, den die Völuspa der von ihm als das Nichts bezeichneten formlosen Materie gab, nämlich Ymir.

Aus dem tropfenden Reif entstand auch eine Kuh Audhumla, die mit der Milch ihres Euters Ymir, sich selber aber durch das Ablecken salziger Eisblöcke nährte. Infolgedessen trat der Körper eines Mannes nach und nach daraus hervor, des mächtigen, schönen , der (ohne Weib) einen Sohn Borr zeugte, der „Erzeuger“ den „Erzeugten“. Dem Borr schenkte die Riesentochter Bestla die drei Söhne Odin, Vili und Vé. Die nährende, leckende Riesenkuh mag noch ein altes Bild der die Gletscher umlagernden Wolke sein, die unten Leben schafft; der Erzeuger aber und der Erzeugte entsprechen dem Genitor und dem Genitus der Christologie, sowie Odin, Vili und Vé d. i. Gott, Wille und Heilig der mittelalterlichen Trinitätslehre, wonach die drei Personen u. a. auch als Gott, Wille (Voluntas) und heiliger Geist bezeichnet wurden.

Wie Audhumla nach Snorre die Ahnfrau der Götter und die Amme Ymirs ist, so ist nach den Vafthrudnismal Ymir oder Aurgelmir der Vater des sechshäuptigen Riesen Thrüdgelmir, den sein einer Fuß mit dem andern erzeugte, während unter seinem Arme ein Mann und ein Weib hervorwuchsen. Dies scheint ein verzerrtes Abbild des Urriesen der durch Irenäus im Abendland bekannt gewordenen fantastischen Ophitenlehre, der aus sich heraus sechs Söhne, die sechs Haupttugenden, hervorbringt und Adam sowohl als auch Eva das Leben schenkt.

Und um die Gelmirgenealogie hier verabschieden zu können, sei noch bemerkt, daß der Sohn Thrudgelmirs Bergehnir ist, der in den Vafthrudnismal bei der Sintflut in einen Kasten gelegt, nach Snorre diesen aber mit Weib und Kind besteigt und dadurch gerettet wird. Wer kann darin Noah verkennen, der ja auch zu dem Riesengeschlechte gehört? Fast möchte man in Bergelmir einen Berggelmir vermuten, so genannt, weil er auf dem Berge Ararat landete.

In dieser Erzählung ist die Sintflut aus dem Blute Ymirs, den die Götter erschlagen haben, entstanden. Nach einer andern zerstückeln die Götter den Urriesen und bilden aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen das Gebirge, aus seinem Schädel den Himmel, aus seinem Schweiß die See, aus seinem Haare den Baum, aus seinen Brauen den Midgard und aus seinem Gehirn die Wolken. Ähnliche Listen von Vergleichungen des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos, des Menschen mit der Welt, haben allerdings auch weit entfernte Völker auf gestellt, aber genau übereinstimmende finden wir doch nur in den kirchlichen Schriften des Mittelalters. Selbst deren auffällige Vergleichung der Wolken mit den Gedanken kehrt hier in den aus dem Hirn, dem Sitz der Gedanken, geschaffenen Wolken wieder.

Wie sehr diese ganze Vorgeschichte der Schöpfung, auch wo sie von der Genesis weit abweicht, von Gedanken und Motiven der christlichen Theologie durchsetzt ist, zeigt zum Schlüsse noch der folgende kleine Zug. Snorre wirft bei seiner Ymircharakteristik plötzlich die höchst überraschende Frage auf: „War Ymir ein Gott?“ und bekommt die Antwort:

„Wir halten ihn durchaus nicht für einen Gott, denn er war böse, wie alle seine Nachkommen.“

Diese ernste ethische Frage hatte dem volkstümlichen Riesentum gegenüber keinen Sinn, aber sie versetzt uns plötzlich wiederum mitten in die christliche Gedankenwelt. Denn seit Plato bis auf den heutigen Tag war man geneigt, in der Urmaterie, die doch Ymir vertritt, das Grundböse zu erkennen.

Kehren wir zur Völuspa zurück! Den eigentlichsten ersten Schöpfungsakt der biblischen Genesis, die Scheidung des Lichts von der Finsternis, überging unser Dichter, vielleicht mit dem stillen Einwande, daß das Licht doch erst möglich gewesen, nachdem die Sonne geschaffen worden sei. Darum ließen auch manche christliche Genesisdichter die Lichtschöpfung weg.

Die nächsten drei Schöpfungsakte, den zweiten, dritten und vierten, vollzieht die Gottheit nach den Strophen vier bis sechs der Völuspa genau in der biblischen Reihenfolge: Himmel, Erde und Gestirne. Die Götter erheben die Himmel, schaffen die Erde und bestimmen nach einer Beratung den Gestirnen ihre Bahnen und Zeiten. Der Dichter schließt sich bald mehr an den Genesistext an, bald mehr an dessen theologische Erklärung. So drückt er das Firmament der Genesis durch „Scheiben“ aus, wie es die Kirchenväter nach der mittelalterlichen Sphärentheorie durch himmlische Sphären, Zirkel und Kreise übersetzten. Und Gott nannte weiter das Trockne Erde, und die Erde ließ auf gehen Gras und Kraut. So wird in der Völuspa die Erde geschaffen, und um das Trockne auszudrücken, läßt der Dichter vorgreifend hier schon die Sonne auf sie, die mit einem Saalbau verglichen wird, herabscheinen, sodaß sie mit grünem Kraute begrünt wird. Zum vierten machte Gott, nach der Bibel, zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und diese Lichter scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. So kommen in der Völuspa hinter einander die Sonne, der Mond und die Sterne zum Vorschein, und die Götter geben ihnen Namen und Zeiten, die Jahre danach zu zählen.

Offenbar sind die Gegenstände dieser drei Schöpfungsakte dieselben, aber die Schöpferzahl ist eine verschiedene, mußte eine verschiedene sein, da die mythisierende Darstellungsmanier des im Polytheismus wurzelnden Skalden-tums an die Stelle des einen Gottes mehrere, Bors Söhne, um so unbedenklicher rückte, als ja auch die kirchliche Lehre die Schöpfergew^lt auf mehrere göttliche Personen verteilte. Es sind also heidnische Scheingötter; den echten Heidengöttem war eine Schöpferkraft nicht gegeben und überhaupt den Germanen eine Schöpfungslehre, eine Kosmogonie, fremd. Tadtus ließ kein Wort darüber fallen, denn die von ihm berichtete Herleitung der Ingvaeonen, Herminonen und Istvaeonen von drei Söhnen des Mannus, der wieder ein Sohn des erdgeborenen Tuisco war, ist nur eine Stammheroensage, keine Kosmogonie. Sechs Jahrhunderte später erkannte der kluge Bischof Daniel von Winchester als Kernschaden des deutschen Heidenglaubens den Mangel einer Lehre von der Schöpfung durch die Gottheit, und wenn die heidnischen Nordleute in ihren ausführlichen Debatten mit den Missionaren die Gewalt Thors und Odins über Unwetter und Ungeheuer, über das Gedeihen des Ackers und den Sieg in der Schlacht stolz rühmten, so wagten sie doch nie, obgleich von ihren Gegnern förmlich dazu gereizt, die Schöpferkraft ihrer Götter zu behaupten. Man hat also nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, die schaffenden Götter der Völuspa als bloße poetische Ersatzfiguren der christlichen Gottheit aufzufassen.

Aber wie ist weiterhin die Hochzimmerei und die Goldschmiedekunst der Götter samt ihrem heiteren Brettspiel zu erklären? Die Partie der Genesis 1, 31 bis 2, 2 bot dafür das Leitmotiv:

„Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Also wurden vollendet die Himmel und die Erde und ihr ganzer Schmuck, und Gott ruhete“.

Die christlichen Angelsachsen nannten den Himmel ein „Hochgezimmer“, und als er und die Erde fertig waren, jubelten in ihrer Genesis die Engel, „denen kein Mangel an irgend etwas war“, und hielten ein Gelage. So zimmerten die nordischen Götter den Himmel hoch wie ein Heiligtum und schmiedeten Gold, „an dem ihnen kein Mangel war“ (für den Stemenschmuck), und erfreuten sich am Brettspiel. Die selige Ruhe, die Gott nach der Vollendung Himmels und der Erden empfindet, wird vom angelsächsischen Genesisdichter ebenso frei ausgemalt, wie vom nordischen Völuspaverfasser. Dort jubeln die Engel und halten, frei von allem Mangel, ein Gelage, hier schmie den die Götter, frei von allem Mangel, schönen Schmuck und ergötzen sich mit Spiel. Ein eigentlich heidnisches Motiv ist auch hier ganz ausgeschlossen, denn der echtnordische Glaube versagte seinen Göttern nicht nur die schöpferische Tätigkeit überhaupt, sondern auch insbesondere alles Bauen und Schmieden. Mit diesen Künsten sind nur Zwerge und Riesen vertraut. Wenn dann plötzlich drei mächtige Riesenweiber erscheinen d. h. die Nomen, so sind wir überrascht. Doch auch dieser Zug, die Verknüpfung des Schicksals mit der Schöpfung der Sterne, kehrt in der mittelalterlichen Kosmogonie wieder: Chalcidius fand das Schicksal in den neugeschaffenen Sternen und zwar dreigeteilt in die drei Parzen Atropos, Clotho und Lachesis.

Noch überraschender ist nun die folgende Mitteilung, daß eine Götterversammlung Zwerge beauftragt, Menschenformen in Erde aus Wasser und Gestein zu bilden, da doch die Genesis als fünftes Werk die Schöpfung der Tiere schildert. Hier folgt der Dichter völlig der platonischen Schöpfungsgeschichte. Denn darnach werden von einer Götterversammlung die niederen Götter und Dämonen, die der nordische Verfasser Zwerge nennt, beauftragt, die Formen sterblicher Wesen aus den Elementen zu bilden.

Alsbald kehrt der Verfasser mit der Schilderung des sechsten Schöpfungsaktes zu der biblischen Vorlage und ihrer mittelalterlichen Auslegung zurück. Die Krone des ganzen SchöpfungsWerkes ist auch in der Völuspa das erste Menschenpaar. Die Worte Gottes in der Genesis:

„Lasset uns Menschen machen“

wurden von den Kirchenvätern schon früh auf die Dreieinigkeit gedeutet, und so greifen auch in der Völuspa drei Götter das Werk an und zwar durch dieselben zwei Eigenschaften getrieben, ihre Macht und ihre Güte. Der dreieinige Gott findet einen Erdenkloß, dem er den lebendigen Odem in die Nase bläst, so daß der Mensch eine lebendige Seele wird. Diese Gaben verteilt die christliche Auslegung auf die drei göttlichen Personen, so daß Gottvater den Atem, Gottsohn die Seele und der heilige Geist die bewegliche Lebenskraft spendet.

So finden die drei nordischen Götter unvermögend und schicksalslos jene von den Zwergen aus Erde gemachten Körper und verleihen ihnen dieselben Gaben in derselben Verteilung. Und sie tragen die frei erdichteten Namen Ask und Embla, die den gleichen Stabreim bilden wie Adam und Eva. Daß die erste Person der Dreieinigkeit mit dem Namen des höchsten nordischen Gottes Odin bezeichnet wurde, ist fast selbstverständlich, wie ihn auch Snorre als Här den Hohen neben die beiden anderen Namen der christlichen Dreieinigkeit Jafnhär Ebenhoch und Thridi den Dritten setzt. Verunglückt dagegen ist die Umtaufung der beiden andern Schöpfer in Hoenir und L6-ßor, denn jener ist ein höchst unbedeutender Gott und dieser ein völlig unbekanntes, wohl nur für diese Stelle erfundenes Wesen.

Der dritte Abschnitt der Völuspa besteht aus den Strophen 19—26:

19.
Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasill;
Ein hoher Baum, mit glänzendem Naß begossen,
Von da kommen die Tautropfen, die in die Täler fallen,
Er steht immer grün über dem Urdarbrunnen.

20.
Von da kommen Mädchen, vielwissende,
Drei aus dem Saal (See), der unter dem Wipfel steht.
Urd nannten sie die eine, die andre Werdandi,
— sie schnitten ins Scheit ein — Skuld die dritte.
Sie setzten die Satzungen, sie erkoren das Leben
Den Kindern der Menschen, das Schicksal der Männer.

21. D
ieses Volkskriegs gedenke ich als des ersten in der Welt,
Als sie Gollweig mit Geren stießen
Und sie in der Halle des Hohen brannten,
Dreimal brannten, die dreimal Geborne;
Oft, unselten; dennoch lebt sie noch.

22. Heibr nannten sie sie, wo immer sie in die Häuser kam,
Eine wohlkundige Wölwa: sie rüstete Zauberwesen aus,
Zauberte, wo sie konnte, zauberte sinnbetörend,
Immer war sie die Lust böser Weiber.

23.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Ob die Äsen Abgabe zahlen sollten,
Oder alle Götter Opfer haben.

24.
Odin schleuderte und schoß ins Volk,
Das war jener erste Volkskrieg in der Welt,
Gebrochen wurde der Ringwall der Asenburg,
Die kampfkühnen Wanen waren imstande, die Felder zu
zerstampfen.

25.
Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle,
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber,
Wer die ganze Luft mit Unheil gemischt hätte
Oder dem Riesengeschlecht Ods Mädchen gegeben.

26.
Thor allein schlug zu, von Zorn bezwungen,
Er sitzt selten, wenn es sich darum handelt.
Zertreten wurden die Eide, die Worte und Schwüre,
Alle feierlichen Verträge, die zwischen ihnen fuhren.

Der Erschaffung des Menschen folgt auch in der Genesis das Bild eines Baums des Lebens, der nach der Apokalypse an beiden Seiten des Flusses mit dem krystall-hellen Lebenswasser steht und das ganze Jahr hindurch Frucht und Laub trägt. Mit ihm verschmolz der Dichter die heidnische hohe Weltesche, die bei den Skalden Odins Roß d. i. Yggdrasill hieß. Aber auch des Genossen des paradiesischen Lebensbaumes scheint er sich dabei erinnert zu haben, des schicksalvollen Baumes der Erkenntnis, und darum die drei Schicksalsweiber an seinen Stamm gesetzt zu haben, wenn ihm hier nicht eine ältere volkstümliche Nornenszenerie vorschwebte. Ob nicht auch die Namen der drei Nornen ,

Gegenwart und Zukunft den drei lateinischen Parzennamen Praeteritum, Praesens und Futurum, die wir bei den Gelehrten des Mittelalters z. B. Isidor finden, nachgebildet worden sind?

Und nun entrollt sich das Schicksal der Welt. Es beginnt in der Völuspa wie in der Bibel mit der Ver- schuldung eines Weibes, die hier wie dort auf eine noch ältere Verwicklung, einen Krieg, zurückdeutet. Denn nach der Kirchenlehre erhoben sich Luzifer und andere treulose Engel gegen Gott, weil sie ihm gleichgestellt sein wollten, zum „primum bellum civile“, zum ersten Volkskrieg. Sie wurden aber aus dem Himmel gestoßen, worauf sich Satanas rächte durch die Versuchung der Eva zum Sündenfall. Die lichten Engel verwandelt der Dichter in die lichten Wanen, die gleich den andern Göttern durch Opfer geehrt sein wollen. Darüber bricht der erste Volkskrieg aus. Die angelsächsische Genesis schildert, wie nun des Himmels Hochkönig zornig gegen die Aufrührer die Hände erhebt, auf einer ihrer 48 Miniaturen schleudert er sogar, von seinen Engeln umgeben, ein Bündel Pfeile gegen sie. So schießt in der Völuspa Odin ins Volk hinein. Dennoch gelang es nach der romanhaften Darstellung des Engelsturzes z. B. durch Honorius von Augustodunum, den meuterischen Engeln, einen Palast des Allmächtigen zu zerstören. So brechen auch in der Völuspa die Wanen den Burgwall der Äsen.

Dieses Volkskriegs gedenkt also die Seherin mit Recht, als sie den Sündenfall schildern will. Denn die mit Geren gestoßene, in der Halle des Hohen dreimal gebrannte, dreimal geborene, noch lebende , Goldgetränk (?) ist keine andere als Eva, wie sie die kirchenväterliche Deutung darstellte. Sie wird nach Ambrosius durch drei vergiftete Pfeile d. h. drei Versuchungen des Teufels getroffen, die von andern Kirchenvätern auch drei feurige Gere genannt wurden. Das geschah im Paradiese, das hier die Halle des Hohen heißt. Ob sie dreimal geboren genannt wird, weil sie erstens zugleich mit und in Adam, dann aus seiner Rippe, endlich auf Erden gleichsam noch einmal geboren wurde, bleibe dahingestellt. Auf Erden lebt sie noch heute als Heidr, Heitere, Strahlende fort, die durch ihre Schönheit bezaubert, immer die Lust böser Weiber.

Den Sinn der zwei folgenden Strophen 25 und 26 kann man nur erraten, wenn man sich erinnert, daß mit dem Riesengeschlecht insbesondere der riesige Baumeister Smidr gemeint sein muß, der eine große Burg den Göttern baute und dafür Ods Mädchen d. i. Freyja zum Lohn erhalten sollte, bis Thor dazwischen fuhr, den Vertrag brach und den Baumeister erschlug. Die Anspielungen auf einen alten Heidenmythus haben hier den Sinn der christlichen Heilslehre fast verdrängt, die hier als einen der durch die Sünde der Menschen herbeigeführten Hauptakte den Bau des Turms zu Babel vorführt. Dieser Bau galt auch den Kirchenschriftstellem als ein Bau der bösen Giganten, den Gott zerstört, und die auffällig breite Ausführung der Störung der Eide, Worte, Schwüre und Verträge hatte zur geheimen Ursache die andere Bedeutung Babels, die der Störung, der Verwirrung der Sprachen.

27.
Sie weiß Heimdalls Horn verborgen
Unter dem aethergewohnten heiligen Baume,
Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle
Aus dem Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres?

28.
Allein saß sie draußen, als der Alte kam,
Der schreckliche der Äsen und sah ihr ins Auge.
„Wonach fragst du mich, wie versuchest du mich?
Alles weiß ich, Odin, wo du das Auge verbargst“.

29.
Ich weiß Odins Auge verborgen
In jenem berühmten Mimisbrunnen,
Met trinkt Mimir jeden Morgen
Vom Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres?

30.
Heervater schenkte Ringe und Halsbänder,
Ich empfing weise Kunden und Zauberkünste.
Ich sah weit und breit über alle Welten.

31.
Ich sah die Walküren weither gekommen,
Fertig zum Ritt ins Heldenvolk.
Skuld hielt den Schild, Skögul war die andre,
Gudr, Hildr, Göndul und Geirskögul.
Nun sind gezählt die Mädchen Herjans (Odin),
Die Walküren fertig zum Ritt auf die Erde.

32.
Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte,
Odins Sohne, das Schicksal verborgen.
Gewachsen stand hoch über der Flur
Der zarte und sehr schöne Mistelzweig.

33.
Es wurde aus dem Baumstamm das sehr zart erscheinende,
Aber gefährliche Unglücksgeschoß: Höder ergriff es zum
Schießen.
Balders Bruder wurde alsbald davon getragen,
Da übernahm Odins Sohn, eine Nacht alt, die Rache,

34.
Wusch seine Hände nicht, noch kämmte er sein Haupt,
Bevor man auf den Scheiterhaufen trug Balders Feind.
Aber Frigg beweinte in ihren Fensälen
Das Weh der Walhall: wißt ihr noch weiteres?

35.
Gebunden sah ich liegen unter dem Kesselhaine
Die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki.
Da sitzt Sigyn, doch nicht um ihren
Mann sehr erfreut: wißt ihr noch weiteres?

In diesen dunklen Strophen tritt die Wölwa mit Fug und Recht wieder in den Vordergrund. Die Schöpfung samt den ersten sündigen Störungen der neu geschaffenen Welt liegen hinter ihr. Ihr drängt sich jetzt etwas Wichtigeres, Schwereres, Persönlicheres auf. Sie hat ein zentrales Ereignis zu verkünden, das voll Schmerz und Kampf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet. Es birgt das tiefste Mysterium in sich, das das furchtbarste Strafgericht nach sich zieht. Dies Mysterium stellt sich ihr in drei Gesichten vor, immer deutlicher, immer beängstigender.

Sie weiß Heimdalls Horn, sie weiß Odins Auge, sie weiß Balders Schicksal verborgen. Das alles weiß sie aber nicht aus dem nordischen Mythus, wenn sie sich auch der Sprache desselben bedient, sondern aus dem christlichen Ideenkreise und zwar aus demjenigen, der den Mittel- und Kernpunkt der Heilslehre, den Kreuzestod des Gottessohnes Christus, umgibt. Von dem seltsamen Versteck des Homes Heimdalls unter einem in den Äther ragenden heiligen Baum ist im nordischen Mythus nichts bekannt, auch nicht die leiseste Anspielung. Dagegen nannten zahlreiche Kirchenschriftsteller, auch angelsächsische und nordische Dichter, das Kreuz den „heiligen Baum“ und rühmten von ihm, daß sein oberer Teil gen Himmel blicke, also äthergewohnt sei. Seine Äste oder Arme wurden von ihnen Hörner genannt. Den in der Tiefe der Erde verborgenen unteren Teil, das untere Horn, hebt hier die Wölwa besonders hervor, denn dieses unsichtbare „Profundum“ des Kreuzes wurde auf die unerforschlichen Gerichte Gottes gedeutet, von denen zu reden sie sich ja gerade hier anschickt. Das Wächterhom Heimdalls (S. 408) hat hier nichts zu schaffen, es ist hier eine bloße mythologische Ketming oder Umschreibung eines christlichen Begriffs.

Wie tief aber die Wölwa aus der christlichen Ideenwelt schöpft, das lehren auch ihre unmittelbar folgenden Worte:

„Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle (forse) vom Pfände (ved) Wal vaters.“

Schon im Epheser-brief und weiterhin überall in der kirchlichen Literatur heißt das „Pfand“ der Erlösung durch sein Blut der Sohn Gottes, der Gekreuzigte, aus dem sich nach dem Lanzenstich des römischen Soldaten durch eine Seitenwunde Blut und Wasser ergießen, auf manchen alten Bildern in einem förmlichen Falle. Noch im 16. Jahrhundert sagt ein nordisches geistliches Gedicht:

„Uns wuschest du, o Christus, mit dem Falle (fossi) deines Blutes.“

In ihrer zweiten Vision sieht die Wölwa Odins Auge im Mimisbrunnen verborgen; Met trinkt Mimir jeden Morgen aus dem Pfände Walvaters. Die altmythischen Begriffe Odins Auge und der Mimisbrunnen sind hier, wie soeben Heimdalls Horn, der Darstellung christlicher Ideen dienstbar gemacht. Denn die Kirchensprache faßte auch wohl in der Dreieinigkeit Gott als das Auge, Christus als den Brunnen, den heiligen Geist als das daraus fließende Wasser auf. Und da Christus hier von neuem das „Pfand Gottes“ heißt, so gilt er für das verpfändete Auge, das im Brunnen verpfändete, im Brunnen des heiligen Geistes. Bedeutet vielleicht der tägliche Trunk Mimirs aus diesem Pfände den täglichen Opfertrunk des Messe haltenden Priesters? Denn es heißt z. B. bei Honorius, ohne Zweifel nach älteren Auslegern: Wegen des der Kirche übergebenen „Pfandes“ nimmt der Priester mit der Weihe des heiligen Geistes täglich Brot und Wein, das Fleisch und Blut Christ! Dieses nannte der Angelsachse Älfric auch kurzweg Pfand, mit dem gleichen Ausdruck, wie es die Wölwa „wedd“ nennt. Schon Snorre ahnte die neue Bedeutung des Mimis-brunnens, indem er ihn den Brunnen der göttlichen Weisheit (visindi) nannte. Doch gestehen wir gern, daß diese dunkle Partie noch sehr der Aufhellung bedarf, die sie aber schwerlich aus der Natursymbolik empfangen wird.

Die Wölwa sieht diese rätselhaften Bilder nach der Sitte der heidnischen Wölur draußen in der Einsamkeit, wobei ihr der Zaubergott Odin durch Gaben verschiedener Art Hilfe leistet. So ausgerüstet sieht sie das letzte, das traurigste Bild, das der wilde Ritt von Walküren ankündigt Krieg ist die Losung auf der Erde, wie im Himmel, zwischen den Guten und den Bösen. Und nun tut der Dichter einen Meistergriff. Er setzt den lichten der beiden altgermanischen Dioskurenbrüder, den Sommergott Balder, an die Stelle des lichten Christus und beläßt zwar noch dessen dunklen Bruder Hödr, der ihn mit der Mistel, dem Wintersymbol, erlegt, aber er macht zum eigentlichen Urheber des Todes Balders den unheilvollen Dämon , den Saxo noch gar nicht in diesem Mythus kennt So wurde Loki zu einer Art Teufel, der ja der eigentliche Urheber des Todes Christi war, und mußte sich die weitere Verchristlichung gefallen lassen, daß er für seine Untat in der Hölle gebunden wurde. Der Baldermythus mag auch schon, da er den Untergang eines glänzenden Lichtgottes zum Inhalt hatte, einen schwermutsvollen, auch die andern Götter beunruhigenden oder gar erschütternden Charakter gehabt haben; aber die das Schicksal des Weltalls entscheidende Zentralbedeutung des Todes Balders kann nur der des Todes Christi nachgebildet sein. Wie es in der Apokalypse 19, 11 heißt:

„Ich sah den König aller Könige, den Herrn aller Herren, angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war, und ich sah das Tier, und mit ihm den falschen Propheten, und lebendig wurden diese beide in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brennt“,

so heißt es in der Völuspa:

„Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte, sein Schicksal verborgen und ich sah gebunden liegen unter dem Haine der heißen Sprudel die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki.“

Die weinende Mutter Gottes aber wird durch die weinende Mutter Balders, Frigg, ersetzt. Beide Schilderungen des Todes des lichtesten Wesens, Balders wie Christi, bereiten die Ankunft des jüngsten Gerichts vor.

36.
Ein Strom fällt von Osten her durch Gifttäler.
Mit Schneiden und Schwertern: der Grausige heißt er.

37.
Es stand nördlich auf den Finsterfeldern
Ein Saal aus Gold des Geschlechtes Sindris,
Aber ein anderer stand zu Unkühlheim,
Der Biersaal des Riesen, der Brimer heißt.

38.
Einen Saal sah sie stehn, der Sonne unerreichbar,
An den Leichenstränden; nordwärts wendet sich die Tür.
Es fielen Gifttropfen herein durch die Lichtlöcher, G
eflochten ist der Saal aus Schlangenrücken.

39.
Sie sah da waten schwere Ströme Meineidige Männer und Mörder,
Und den, der eines Anderen Frau verfährt.
Da sog Nidhögg die Leichen der Abgeschiedenen,
Der Bösewicht zerriß die Männer: wißt ihr noch weiteres?

Diese Bilder der Unterwelt muten uns auf den ersten Blick unchristlich, nordisch genug an: der Waffenfluß, der aus den östlichen Frosttälern strömt, der Goldsaal der Zwerge, der Biersaal des Riesen und der Saal der Hel mit seinem Schlangendach. Die Sünder waten durch Ströme, Leichen werden von einem Drachen ausgesogen oder vom Bösewicht zerrissen. Aber gegen altheidnische Herkunft spricht, daß alle diese Unterweltsbilder, abgesehen etwa von dem Waffenfluß, kaum im altnordischen Glauben

nachgewiesen werden können, zumal nicht die Hel als Qualort der Sünder. Dagegen bieten die christlichen Quellen zahlreiche gleiche Vorstellungen dar, z. B. wird in der aus dem 4. Jahrhundert stammenden paulinischen Apokalypse, die seit dem 9. Jahrhundert vielfach übersetzt und bearbeitet wurde, Paulus in die goldtorige Stadt der Seligen, ins mehr als Gold glänzende Land der Sanftmütigen, endlich in die Stadt Gottes mit ihren Honig-, Milch-, Öl- und Weinflüssen versetzt. Daraus machte der nordische Dichter einen Goldsaal der Zwerge und einen Biersaal des Riesen. Darauf schaute Paulus den finstern Ort der Verdammten mit dem „bestrafenden“ Strom, in dem die Ehebrecher waten, und einen feurigen Strom, in dem die Diebe und Mörder gepeinigt werden. Einem dieser Sünder kriechen Würmer aus dem Munde. In der Vision Karls III. um 900 stehen die Räuber und Raufer in einem metallenen, also wirklich „schweren“, Strom, und Schlangen packen sie von den Ufern her an. Wie nach der Offenbarung des Johannes der Drache, die alte Schlange, im Abgrund gefesselt liegt, so haust auch in der Völuspa der Drache tief in der Unterwelt.

Der christliche Einfluß erscheint in dieser Strophengruppe vollends sieghaft durch die Stellung, die ihr im Gedankengange des Gedichts angewiesen ist. Die Schilderung des Paradieses und der Hölle eröffnet die eigentliche Darstellung des jüngsten Gerichts, wie auf den alten Wandbildern der Kirche und den Miniaturen der Evangeliarien Italiens und Deutschlands unter dem Gerichtsbilde häufig Hölle und Paradies nebeneinander stehen, und Predigten und Gedichte des Mittelalters vor der Schilderung des Gerichts diese beiden Welten vorführen.

40.
Ostwärts saß die Alte im Eisenwalde
Und gebar da Fenris Gezücht.
Es wird von allen vornehmlich ein Gewisser
Des Gestirns Verschlinger in Unholdsgewande.

41.
Er füllt sich mit dem Fleische getöteter Männer,
Er rötet der Götter Sitz mit rotem Blute.
Schwarz werden die Sonnenscheine die folgenden Sommer über,
Die Wetter werden alle übelgesinnt. Wißt ihr noch weiteres?

42.
Es saß da auf dem Hügel und schlug die Harfe
Der Riesin Hirte, der frohe Eggther,
Über ihm sang im Vogelwalde
Ein schönroter Hahn, der Fjalar heißt.

43.
Es sang über den Äsen Gullinkambi,
Der weckt die Männer in Heervaters Hause,
Aber ein andrer singt unter der Erde unten,
Ein rußroter Hahn, in den Sälen der Hel.

44.
Laut bellt Garm vor Gnipahellir,
Die Fessel wird zerreißen, aber der Wolf rennen!

Viel weiß ich der Kunden, vorwärts sehe ich weiter Über der Götter Untergang, den gewaltigen der siegmächtigen. Man hat die im Eisenwalde d. h. im unermeßlichen Walde sitzende Alte für eine Waldriesin erklärt, die im östlich gelegenen Riesenheim wohnte. Aber nirgendwo erscheint in der heidnischen Überlieferung der Osten als Brutstätte besonders bösartiger Wesen, und vollends über deren schlimmstes gibt sie keine Auskunft, weder über dessen Charakter, noch über dessen Auftreten in einem so entscheidenden Zeitpunkt der Erzählung. Dagegen stellen uns die Offenbarung des Johannes und die im Mittelalter außerordentlich beliebte Antichristlegende jene beiden abschreckenden Persönlichkeiten, Mutter wie Kind, dicht vor dem Einbruch der Weltkatastrophe vor Augen. In der Wüste fern im Osten sitzt das furchtbare Weib, die Mutter aller Gräuel auf Erden, die Behausung der Teufel und das Behältnis aller unreinen Geister, die „alte, wüste Babilonie“, wie es oft im Mittelalter heißt. Die unermeßliche Wüste, deren Begriff den Germanen weiter ablag, wird hier, wie auch in andern Wiedergaben der Antichristlegende, ein unermeßlicher Wald genannt. In ihrer Wildnis gedeihen namentlich Drachen und Würmer aller Art, und mit dem Teufel gebiert sie als schlimmstes Kind, als omnium nequis-simus, den größten Böse wicht, den Antichrist, der das menschliche Geschlecht verderben wird, und zwar in des „Teufels Form“, also in Unholdsgewande. Aus dem Osten dringt er vor und übt dieselben Frevel aus, wie der Sohn der Eisenwälderin. Nach Jerusalem kommend tötet und erwürgt er alle Gläubigen und dringt in den heiligen Tempel Jehovas, um dort seinen Sitz aufzuschlagen. Er erfüllt nun Christi evangelische Prophezeiung, daß der Antichrist große Zeichen und Wunder tun wird und daß Sonne und Mond den Schein verlieren und die Sterne vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel sich bewegen werden. Auch heißt es in der Antichristlegende:

„Die Lüfte wird er mit Winden erregen.“

Die auch die Sommer über übelgesinnten Wetter, die in der Völuspa zu den Vorzeichen des Weltuntergangs gehören, werden in den Vafthrudnismal, einem andern der Völuspa ungefähr gleichaltrigen eddischen Gedichte, und in der Prosaedda als der Fimbulvetr d. h. der große, furchtbare Winter bezeichnet. Und auch diese beiden nordischen Berichte zeigen sich durchaus abhängig von der Antichristlegende. Denn der Antichrist kehrt die Ordnung der Natur um, erregt die Lüfte durch Winde und vielfache Störungen. Diese schreckliche Plage wird drei und ein halbes Jahr in der ganzen Welt dauern, nach andern Theologen drei Jahre. Die Prosaedda aber beschreibt jenen Winter so:

„Da treibt Schnee aus allen Ecken, großer Frost ist da und scharfe Winde, und die Sonne nützt nichts. Da fahren drei Winter zusammen, und ist kein Sommer dazwischen“.

Also auch hier dieselbe dreijährige Frist furchtbaren Wetters. Ferner: als der Antichrist gebietet, daß Feuer vom Himmel herabfalle, fliehen viele Menschen in die Einsamkeit. So verbergen sich nach der Prosaedda zwei Menschen in Hoddmimisholt während dem Feuer, das Surtr auch vom Himmel reißt, und Surtr, der Schwarze, ist auch weiterhin beim Ansturm auf die Himmelsmächte mit dem Antichrist identisch. Jene beiden Menschen Lif und Lifthrasir d. h. Leben und Lebenswünscher haben Morgentau zur Speise, und davon nähren sie ihr Leben. So fliehen z. B. nach dem Kirchenschriftsteller Lactanz die Menschen vor dem Antichrist in die Einsamkeit, da fällt von Gott der Morgentau seines Segens, und Gott spendet allen reichliche und unschuldige Nahrung.

Den zwei folgenden Strophen 42. 43 ist kein bestimmterer, tieferer mythischer Sinn abzugewinnen. Der Harfenschlag Eggthers und die Schreie der drei Hähne scheinen auf die Entscheidung vorbereiten zu sollen, wie das Gebell des Hundes und das Loskommen des Wolfes in der 44. Strophe. Der letzte Zug entstammt wohl wieder der christlichen Überlieferung: schon im 8. Jahrhundert hört ein Christ als Zeichen des Weltuntergangs, wie die Seylla und ihre jungen Hunde vor der Hölle nicht aufhören, zu bellen; und in der Apokalypse wird vor dem jüngsten Gericht ein Tier los, der Drache oder die alte Schlange oder Teufel und Satanas genannt Nun überblickt die Wölva den gewaltigen Untergang der Götter, das

Weitende, das in ein paar andern Liedern auch Götterdämmerung ( Ragnarekkr) genannt wird d. h. ebenfalls Untergang der Götter, etwa wie die Christen des Mittelalters das jüngste Gericht den Finis oder die Consummatio mundi, das Ende oder den Untergang der Welt, nannten, oder auch die Vespera mundi, den Abend der Welt.

45.
Brüder werden sich schlagen und einander zu Tötern werden,
Schwesterkinder, werden die Sippe brechen.
Arg ist es in der Welt: großer Ehebruch,
Beilalter, Schwertalter, Schilde werden zerspalten,
Windalter, Wolfsalter, bevor die Welt zusammenstürzt,
Kein Mensch wird des andern schonen.

46.
Es spielen Mims Söhne, aber der Maßbaum entzündet sich,
Beim Schall des alten Gjallarhorns.
Laut bläst Heimdall, das Horn ist in der Luft:
Odin redet mit Mims Haupt.

47.
Es bebt Yggdrasils Esche, die emporragende,
Es stöhnt der alte Baum, aber der Riese kommt los!
Alle fürchten sich auf den Unterweltswegen,
Bevor Surts Blutsfreund ihn verschlingt.

48.
Was ist bei den Äsen, was bei den Elfen?
Es tost ganz Jötunheim, die Äsen sind auf der Dingstatt,
Es ächzen die Zwerge vor den Steintoren,
Der Felswand kundig. Wißt ihr noch weiteres?

49. wiederholt Strophe 44.

Der Dichter überläßt sich in der 45. Strophe dem Zuge der biblischen Schilderung der Vorzeichen des Weltuntergangs. So heißt es im Marcusevangelium 13,12: Es wird ein Bruder überantworten den andern zum Tode und der Vater den Sohn, und die Söhne werden sich gegen die Eltern erheben und werden sie töten. Und schon Jesaias 9,19 verkündet, daß im Zorn des Herrn kein Mensch des andern schonen wird. Ehebruch wird nicht erwähnt, aber nach Marcus wird man, bevor alles zu Ende geht, hören von Kriegen und Kriegsgeschrei, und Erdbeben werden geschehen, und es wird teure Zeit sein. Das meinen jene Schwertalter, Wind- und Wolfsalter.

Nur kurze Zeit bedient sich der Dichter einer einfacheren, unverhüllten Ausdrucksweise, um in den nächsten Strophen wieder ganz in den skaldischen Rätselton zu verfallen. Aber wie dunkel er klingt, biblische Anschauungen von den Vorgängen vor dem Weltuntergang, nicht heidnische, klären uns über den Sinn auf. Nach Matthaeus 24,29 werden nach der Trübsal derselben Zeit die Kräfte des Himmels sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes im Himmel. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen. Die Bewegung der Himmelskräfte, die auf die vom heiligen Geist belebten Engel gedeutet wurden, übersetzt der Dichter durch das Spiel der Söhne Mimirs, in dem wir schon oben den heiligen Geist vermutet haben. Das Zeichen des Herrn, des Gekreuzigten, das bei den Angelsachsen das leuchtende Zeichen, der leuchtende Baum und insbesondere als Vorzeichen des Gerichts auch bei Berthold von Regensburg das „leuchtende“ heißt, wird der sich entzündende Maßbaum genannt und auch hier wie oben mit dem Gjallarhom in unmittelbare Verbindung gesetzt. Hier aber ist dieses nicht mehr verborgen, sondern erschallt laut wie ein Heerhom in die Luft gleich den Posaunen der Engel, die den Kampf verkünden. Gottvater und der heilige Geist, Odin und Mimir, bereden sich mit einander, wie sie beide nach den Kirchenschriftsteilem dem Gottsohne beim Gerichte beistehen.

Zwischen heidnischem Ausdruck und christlichem Inhalt bewegen sich auch die folgenden Strophen. Freilich ist Yggdrasils Esche, die heidnische Weltesche, ein Abbild des Alls, die beim Beginn des allgemeinen Zusammenbruchs ganz natürlich erbebt und alle Wesen der Welt, die Riesen wie die Menschen, die Äsen wie die Zwerge, in Aufregung versetzt. Aber ein paar intimere Züge des Baumes stammen doch von Ezechiel Kap. 31 und Jesaias 14. 26. 31, wo sie den Sturz Assurs mit dem Sturz eines gewaltigen Baumes vergleichen. Denn die Völker erschrecken, da sie ihn fallen hören, da er hinuntergestoßen wird mit denen, so in die Grube fahren. Und als der Herr die gewaltige Rute Babel zerbricht, da erweckte er die Giganten. Nach Ezechiel fällt der Assurbaum in die Hand des Mächtigsten, der mit ihm machen wird, was er will. Er rottet ihn aus. Das ist wahrscheinlich Surts Blutsfreund, der ihn verschlingt, nämlich das Feuer. Die Aufregung der Riesen, Götter und der felswandkundigen Zwerge, die in den Bergtoren vor Angst stöhnen, entspricht der Angst der Könige, der Gewaltigen, der Freien und der Knechte, die nach der Apokalypse Kap. 6 vor dem Gericht in den Höhlen und Steinen der Berge sich verbergen.

In die apokalyptische Bahn lenken dann auch die folgenden Strophen ein.

50.
Hrym fährt von Osten her, hält den Schild vor.
Die Weltschlange windet sich im Riesenzorne,
Der Wurm drängt die Wogen. Aber der Adler kreischt,
Der schnabelfahle zerreißt die Leichen: Naglfar kommt los.

51.
Ein Schiff fährt von Norden her:
kommen werden der Hel Leute über die See, aber Loki steuert.
Die tollen Gesellen fahren alle mit dem Wolfe,
Mit denen der Bruder Byleipts in der Fahrt ist.

52.
Surtr fährt von Süden her mit dem Reiserverderben:
Es glänzt von dem Schwerte die Sonne der Schlachtgötter.
Steinberge schlagen zusammen, aber die Bergriesinnen stürzen.
Die Männer betreten den Helweg, aber der Himmel spaltet sich.

53.
Dann kommt der Hlin zweiter Harm heran,
Als Odin auszieht, mit dem Wolf zu kämpfen,
Aber der Töter Belis, der leuchtende, gegen Surtr:
Dann wird fallen der Frigg Geliebter.

54.
Es kommt der große Sohn Siegvaters,
Vidar, zu kämpfen mit dem Leichentier,
Es läßt dem Sohne Hvethrungs dringen
Das Schwert ins Herz: so ist der Vater gerächt.

55.
Es kommt der herrliche Sohn der Hlothyn:
Es übergähnt die Luft der Erdumgürter von unten,
Es geht Odins Sohn dem Wurm zu begegnen.

56.
Er erlegt im Zorne den Schützer Midgards,
Alle Menschen werden die Heimstatt räumen!
Neun Schritte geht der Sohn der Fjörgyn
Kaum noch von der Schlange, die die Schandtat nicht kümmert.

57.
Die Sonne beginnt zu verfinstern: die Erde sinkt ins Meer,
Es fallen vom Himmel die heitern Sterne,
Es rast Dampf und Feuer:
Es spielt die hohe Hitze bis zum Himmel selbst.

58. = 44. 49.

Die Völuspa zählt fünf dämonische Angreifer auf: Hrym, die Schlange, Loki mit den Helsöhnen, den Wolf Freki und Surtr, die Apokalypse im 20. Kapitel Mors und Infemus, dazu im 16. drei andre, den Drachen, die Bestia und den Pseudopropheten oder Antichrist, also auch fünf. Hrym scheint ein Schiffer, dem das aus den Nägeln der Toten zusammengesetzte Schiff Naglfar gehört, und der vielleicht auch dem Namen nach mit dem antiken Ch(a)rön verwandt ist. Er vertritt den apokalyptischen Tod, der im Mittelalter trotz des weiblichen Geschlechts der Mors durchweg als Mann vorgestellt wurde. Ihm ist in der Apokalypse, wie in der mittelalterlichen Malerei und Dichtung, der Infemus, der Höllenfürst, zugesellt, gleich wie in der Völuspa Loki, der mit seinen Höllenleuten über die See fährt. Und wenn in der Apokalypse das Meer und der Tod und die Hölle ihre Toten herausgeben, so zerreißt hier ein Adler, der Hrym, die Wogenschlange und Loki begleitet, die auf dem Meer treibenden Toten. Den drei andern Gottesfeinden der Apokalypse: dem Drachen, der Bestia dem Antichrist entsprechen aufs beste der Wurm, der Wolf und Surtr. Hier vollendet sich unsere obige Gleichung Surtr-Antichrist. Surtr fährt mit dem Reiserverderben d. h. mit Feuer daher, oder, wie Snorre es ausdrückt, er reitet an der Spitze der Söhne Muspells d. h. des Feuers, brennendes Feuer vor sich und hinter sich, gegen ein sonnenleuchtendes Schwert, und der Himmel klafft. So geht eine unauslöschliche Flamme vor dem Antichrist her, vom Himmel fällt ein Schwert, und der Himmel öffnet sich in der Mitte.

Nun hebt der Kampf an. Der Antichrist überwindet nach der Legende den Apollo, Jupiter und Mercurius, wie in der Völuspa drei Götter besiegt werden, die aufs genaueste nach der gangbaren lateinischen Auslegung jenen römischen Göttern entsprechen. Denn Odin, der Geliebte der Frigg oder Hlin (S. 415), ist gleich Mercur, der Töter Belis, d. i. der milde lichte Frey gleich dem Lichtgotte Apoll und der herrliche Sohn der Hlothyn d. i. Thor gleich Jupiter. Doch weichen die beiden Kampfschilderungen darin erheblich von einander ab, daß der Antichrist alle drei überwindet, während in der Völuspa dem Surtr nur Frey erliegt. Aber nach der Apokalypse Kap. 16 versammeln sich mit dem Antichrist am großen Tage Gottes auch gerade jene beiden tierischen Dämonen, der Drache und die Bestia, auf dem Schlachtfeld Armageddon, das in Vafthrudnismal Vigridr Kampfplatz heißt, zum Streite.

Nun mußte der Drache dem alten Drachenschläger des altnordischen Mythus, dem Thor, entgegengestellt werden und die Bestia als Wolf, als Fenriswolf, dem Odin. Eine schlimmere Ungereimtheit ergibt sich aber daraus, daß Odin, der durch das ganze übrige Gedicht hin den Christengott der christlichen Heilslehre wiedergibt, an dieser Stelle dem Ansturm des Antichrists erliegt wie ein Heidengott. Ein solcher uns unerträglicher Widerspruch ist aber in allen derartigen ernsten und gewaltsamen Trave-stieen fast unvermeidlich. Er ist aber kaum stärker, als wenn die Skalden Christenkönige feierlich in Walhall von heidnischen Göttern empfangen lassen oder Christus im Kampfe mit Riesen und am Nornenbrunnen sitzend darstellen (S. 437). Daß aber der Dichter wirklich, dem Druck der Antichristlegende nachgebend, jene Götter erliegen und dem Tode verfallen sein ließ, daß er wirklich hierin einem christlichen Vorbilde folgte, geht klar daraus hervor, daß keiner von ihnen zu der herrlich erneuten Welt zurückkehrt, sondern nur die beim letzten Kampf unbeteiligten, die noch stärker christianisierten, wie Balder, oder solche bedeutungslose Wesen, wie Hoenir. Wie hätte ein wirklich heidnischer Dichter es übers Herz bringen können, seinen alten Göttern Odin, Thor und Frey die neue Herrlichkeit zu verschließen und statt ihrer andere jüngere, im Kult ganz nichtige Götter darin einzuführen?

Die Schilderung der Naturstörungen in der 57. Strophe schließt sich wieder an die Apokalypse Kap. 6, denn es heißt dort: „Da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack. Und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde. Der Himmel entwich, und alle Berge und Inseln wurden bewegt aus ihren Örtern. Nach 2. Petrus 3, 7 werden die Himmel und die Erde dem Feuer Vorbehalten für den Tag der Gerichte, und nach Apokalypse 20 fällt verzehrendes Feuer vom Himmel auf die dämonischen Angreifer.

59.
Sie sieht aufsteigen zum andern Male
Die Erde aus dem Meer frisch und grün.
Sturzbäche fallen: der Adler fliegt darüber,
Der auf dem Gebirge Fische jagt.

61.
Da werden wieder die wundersamen Goldnen Bretter im Grase sich Anden,
Die sie vor Zeiten gehabt hatten.

62.
Ungesät werden die Äcker tragen,
Alles Übels Besserung wird werden;
Balder wird kommen. Höder und Balder bewohnen Hropts Siegeshallen,
Herrlich die Schlachtgötter. Wißt ihr noch weiteres?

63.
Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen
Und die Söhne der zwei Brüder bewohnen
Das weite Windheim. Wißt ihr noch weiteres?

64.
Einen Saal sieht sie stehen schöner als die Sonne,
Mit Gold bedeckt, auf Gimlee:
Da sollen treue Scharen hausen Und ewiglich Freude genießen.

65.
Es kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht,
Der Starke von oben her, der über alles herrscht

66.
Es kommt der düstre Drache fliegend,
Die gleißende Schlange unten von den Finsterbergen:
In seinem Gefieder trägt er, — das Feld überfliegt er, —
Nidhögg die Leichen: nun wird er versinken.

Nach dem Kampf und dem Brande fährt die Völuspa im Ton der Apokalypse Kap. 21 fort, wo es heißt: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Ob der fischjagende Adler, der dann über Wasserfällen fliegt, eine tiefere Bedeutung hat, ist unsicher. Aber wie vor der Ankunft des jüngsten Tages nach 2 Petrus 3 die Frommen sich zu heiligen Unterhaltungen versammeln und im neuen Himmel und auf der neuen Erde nach Jesaias 65 die vorige Angst vergessen wird und nach der Apokalypse dann der

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Herr spricht: „Ich bin das A und O“, so unterhalten sich nun die Äsen auf dem Idafelde, in der neuen Welt, ruhig von dem sie früher so beängstigenden Erdumspanner, der Midgardsschlange, und gedenken jener alten Runen (A und O) des Herrgottes.

Jesaias prophezeit weiter:

„Sie werden sich ewiglich freuen . . . und sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und derselben Früchte essen. Sie sollen nicht pflanzen, daß ein anderer esse.“

Und nach Ezechiel 36 will der Herr sich wieder zu den Bergen Israels wenden und sie ansehen, daß sie bebaut und besäet werden. Die christliche Theologie ging weiter. Honorius z. B. sagt: „Dann wird die verfluchte Erde gesegnet und keine Arbeit und kein Schmerz mehr sein“. So werden sie in der Völuspa ewiglich Freude genießen, Höder und Balder Häuser bewohnen und die Äcker ungesät Früchte tragen. Balder wird kommen und alles Übel bessern. Wenn Balder in seiner Siegeshalle dem Christus entspricht, den die Angelsachsen gern den Siegesherm nannten, so mag hier Höder, der Kampfgott, den streitbaren Erzengel Michael bedeuten, der als Verwalter des Paradieses im Mittelalter für die Herbergen tüchtiger Krieger im Himmel sorgte.

Außer Christus und Michael sind nach der Apokalypse auch Henoch und Elias in den letzten Kampf mit den dämonischen Mächten verwickelt. Sie kommen dabei um, werden aber nach der Apokalypse neu belebt. Wie sie dem alten Paradiese angehörten als die zwei einzigen Menschen des alten Testaments, so auch dem neuen. Als alttestamentlicher Heros hat namentlich Henoch für die Juden in der neuen Welt zu sorgen. Nach der berühmten Vision Ezechiels Kap. 37 (vergl. 47, 14) fährt ein aus vier Winden herzugekommener Wind über ein weites Totenfeld und weckt die Toten zu neuem Leben. Dann werden die Wohnsitze des neuen Jerusalems unter die Söhne der beiden lange getrennten Stämme Israel und Juda wie unter Brüder verteilt durch ein Losholz. Das Mittelalter übertrug diese

Verteilung dem Henoch. Der Völuspadichter verwandelte dessen Namen in den für einen skandinavischen Mund leichter aussprechbaren nordischen Götternamen Hoenir. So enträtselt sich der Sinn der Worte:

„Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen, und die Söhne der zwei Brüder bewohnen das weite Windheim.“

Und mm wird das himmlische Jerusalem geschildert fast genau mit den apokalyptischen Zügen. Es bedarf der Sonne nicht, seine Häuser sind von Gold, seine Mauern von Edelstein. Darum heißt es bei den Kirchenschriftstellen die gemmata et aurea Jerusalem. So nennt die Wölwa hier den Saal der neuen Welt schöner als die Sonne, mit Gold bedeckt und mit halbfremdem Worte Gimle d. h. Gemmenheim, Edelsteinheim. Im neuen Jerusalem wohnen nach christlichen Quellen Gottes Trautfreunde, um mit ihm in Ewigkeit zu genießen, gerade wie die treuen Scharen in der Völuspa im Edelsteinheim.

Endlich kommt nach Matthaeus Kap. 24 des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit zum Gericht, und in der Völuspa kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht, der Starke von oben her, der über alles herrscht.

Zuletzt erhebt sich noch einmal der Drache aus der Hölle mit Toten im Gefieder, um dann zu versinken. So wird der in den Abgrund geworfene Drache der Apokalypse Kap. 20 nach tausend Jahren der Gefangenschaft noch einmal los, aber nur eine kleine Zeit.

So endet das ernsteste, erhabenste Gedicht des alten Nordens mit gewaltigen, trostreichen Akkorden. Immer freier durchbricht in der Schlußpartie der Strom der christlichen Gedanken die Dämme der Heidensprache und führt nur noch ein paar heidnische Namen, aber keine heidnische Mythen mehr mit sich. Wie sollte die darüber schwebende Hoffnung auf eine letzte Gerechtigkeit und einen ewigen Frieden anderswoher als aus einem Christenherzen auf steigen? Man sieht, wie der neue Glaube den alten fast vollends überwältigt.

Wie die Geistlichen des Mittelalters so gern die Ereignisse und Personen des neuen Testaments in denen des alten vorgebildet wiederfanden, weil dem Neuen etwas tief ausgebildetes Altes vorangegangen war, so suchte der noch immer auf seinen alten Glauben und seine alte Kunst stolze nordische Skalde für die neuen christlichen Heilswahrheiten gewisse Vorbilder in der alten Fundgrube seiner Dichtung, in der heimischen Mythologie. Hatten doch die starken Götter Odin und Thor manche Züge mit Gottvater gemein und der jung sterbende Balder mit dem Heiland! Und, was noch wichtiger war, die poetische Sprache fühlte sich stark genug, mit ihren mythologischen Bildern auch die christlichsten Gedanken zu umschreiben! Je tiefer der Dichter nicht nur aus der Bibel und ihren Erläuterungen, sondern auch aus anderen christlichen Schriften fremde Weisheit, auch allerlei christliche Mythen schöpfte, desto williger fügte sich das alte Nordlandstum der „neuen Summe der Theologie“.

So bietet uns denn die Völuspa die goldenen Früchte des Christentums in der silbernen Schale der Skaldendichtung dar, schön geschichtet nach altheiliger Ordnung. Sie ist demnach wohl ein Kunststück, nicht aber ein Kunstwerk ersten Ranges, weil ihr die Haupttriebfeder eines solchen gebricht, die innere Wahrheit. Dem Mythologen aber klingt sie wie ein Gruß des siegreichen christlichen Geistes an das versinkende Heidentum.

Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen,  Meyer, Elard Hugo.

ergänzend

Die vorchristlichen Ursprünge des Christentums

Das Christentum zählt heute zu den drei größten Religionsgemeinschaften der Welt. Seine Ursprünge liegen jedoch nicht, wie von vielen Theologen noch heute verbreitet, primär im Judentum, sondern in heidnischen Religionskulten, aus denen sich auch die mosaische Glaubensgruppe eifrig bediente.1 Die bekanntesten und offensichtlichsten Adaptionen aus heidnischem Brauch finden sich bereits in den christlichen Festen. Die … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Götterglaube und Ort der Götterverehrung

Der Götterglaube Wie bei den Dämonen ist bei den Naturgöttern der Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Naturerscheinungen gelockert, ja oft aufgelöst; der Glaube, daß es die großen Naturmächte sind, von denen Wohl und Wehe des menschlichen Daseins abhängt, ist mehr und mehr zurückgetreten. Die Götter sind zu wunderbarer Größe und Herrlichkeit gesteigerte Menschen, Idealbilder von … Weiterlesen

Die Religion der Germanen

Statt von germanischer Religion sprach man früher von germanischer oder „deutscher“ Mythologie. Wir kennen nämlich von den vorchristlichen Religionen Europas die Mythologie, d. h. die Göttersagen, am besten, weil diese den Glaubenswechsel überlebt haben, was die alte Frömmigkeit auf die Dauer nicht vermochte und auch der alte Kultus nur in bruchstückweiser Erinnerung; und die Göttersagen … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Kultus und Götterdienst

Das Christentum schlug den heidnischen Germanen gegenüber ein doppeltes Verfahren ein. Das unduldsame Wort des Bischofs Remigius von Rheims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodoveeh (496): „Beuge dein Haupt in Demut, stolzer Sigamber, und verehre von nun an, was du bisher verbranntest, und verbrenne, was du bisher verehrtest!“, darf als vorbildlich für die spätere Zeit … Weiterlesen

Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, … Weiterlesen

Wald- und Feldkulte: Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen Vorwort.  Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen … Weiterlesen

Zauberei und Hexerei

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der … Weiterlesen

Frömmigkeit nordischer Artung

Ein Querschnitt durch das Indogermanentum von Benares bis Reykjavik7. Auflage, 1989, Verlag Hohe Warte • Franz von Bebenburg • KG Hans F.K. Günther zeigt zunächst einmal, was nordische Frömmigkeit nicht ist, beispielsweise die Herabwürdigung des Leibes, die Abhängigkeit der Frömmigkeit von dem Tode, die Wertung des diesseitigen Lebens als Jammertal. Er zeigt darüber hinaus die … Weiterlesen

Atlantis, Edda und Bibel – 200 000 Jahre Germanischer Weltkultur

Hörbuch .Hier als pdf >   < Die Edda als pdf Wenn die „Edda“ nicht in Ihrem Bücherschrank steht, dann können Sie sie hier herunterladen: „Edda“ (PDF, 691 kB) Die Edda, das Buch der Götter und Heldensagen! Das Buch der Götter und Heldensagen, die Edda wird als Überlieferung des alten Nordischen Heidnischen Glaubens gehandelt. Sollte … Weiterlesen

Zeitgenössisches Heidentum – Tradition, Kontinuität und Rekonstruktion

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen irgendwo in Deutschlands geographischem Herzen etwa 30 junge Menschen beisammen und schweigen. Hier auf einer Waldlichtung sind der Schein der Fackeln und das prasselnde Feuer in der Mitte des Gemeinschaftskreises das einzige Licht, das die ernsten Gesichter der Anwesenden zaghaft erhellt. Zum Fest der Tagundnachtgleiche im Frühling haben sie … Weiterlesen

Germanische Mythologie

  EINLEITUNG Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß die Stammväter der Germanen, nachdem sie sich von den anderen Ariern getrennt hatten und in zwei Strömen die Ebenen Mitteleuropas und den hohen Norden unseres Kontinents überfluteten, die alten religiösen Anschauungen der Urheimat noch treu bewahrten und vorzugsweise die lichten Mächte des Himmels verehrten. Darauf … Weiterlesen

Mythologie der Germanen – Das Götterleben und der Götterdienst

mythologie-der-germanen-elard-hugo-1837-1908Germanenherz aus dem Buch: Mythologie der Germanen von Meyer Elard Hugo. Nächst dem Aufkeimen des Glaubens an übermenschliche Wesen überhaupt ist die Wendung eines Volkes vom niederen Seelen– und Geisterglauben zum höheren Götterglauben das denkwürdigste Ereignis seiner Mythengeschichte. Durch hundert Fasern hängt dieser neue Glaube mit dem alten zusammen; am tiefsten wurzelt er im Naturgeisterreich.

Denn die auf einzelne Menschen angewiesenen Seelen und Maren fügten sich ihrer ganzen Art nach schwer zu einer höheren geschlossenen Körperschaft zusammen. Ungezählt und zerstreut lebten sie weiter und gestatteten nur eine schwache Idealisierung über ihr Dämonentum hinaus. Das Reich der Naturgeister aber, unter denen schon Könige erstanden und aus denen schon, gleichsam als Versuche der Vergöttlichung, die meisten höheren Dämonen hervorgegangen waren, wurde bei der wachsenden Naturerkerintnis, beim Bestreben, die zersplitterten Naturkräfte einheitlicher zu fassen und das Naturleben gleich dem Menschenleben besser zu ordnen, und bei dem mit der Kultur steigenden Bewußtsein von dem Dasein auch sittlicher Mächte, äußerlich und innerlich umgeschaffen. Man schritt von Einzelvorstellungen zu höheren und umfassenderen Begriffen fort, und der Name einer bedeutenderen Naturgeistergruppe z. B. der Holden und Berchten wurde zum Eigennamen einer einzelnen Göttin, zu Holda oder Berchta, oder es wurde ein neuer Name dem neuen Vertreter einer hervorragenden Naturgewalt z. B. Donar beigelegt. So finden wir denn all die alten dämonisierten Naturgewalten, außer dem Donner auch den Wind und die Wolke, das Himmelslicht und die sprossende Erde, in den neuen Göttergestalten wieder. Aber alle Eigenschaften, Kräfte und Ehren der Vielen, die bisher Herren dieser oder jener Naturkräfte waren, wurden nun einem Donnergott, einem Windgott u. s. w. zugeschrieben, der wie ein unumschränkter König in seiner Machtsphäre herrschte. Höchstens wurde dieser von den älteren Naturgeistem als Dienerschaft und Troß umgeben oder auch mit Kindern und anderer Verwandtschaft ausgestattet. Während jene älteren Naturgeister nicht nur die Luft, sondern auch die Erde bewohnten, wurden die Götter, abgesehen von der Mutter Erde, als durchweg vornehme Himmelsbewohner gedacht, die nur ausnahmsweise die Erde mit ihrem Besuch beehrten.

Der Götterglaube ist ein jüngeres religiöses Gebilde, weshalb er auch ein schärferes nationales Gepräge trägt als die älteren Glaubensformen. Wann er unter den Indogermanen aufkam, kann nur ungefähr angegeben werden. Die Urmythen des Himmels- oder Donnergottes und der Mutter Erde, sowie die eines im Wechsel von Licht und Dunkel lebenden Brüderpaars und einer Göttin der Morgenröte, scheinen noch vor der Auflösung ihrer Völkergemeinschaft geschaffen worden zu sein, vielleicht auch einige skizzenhafte Entwürfe etlicher anderer Hauptgottheiten. Zunächst geben ihre Namen darüber Auskunft. Einige greifen in die indogermanische Urzeit zurück. Der deutsche Ziu, altnordische Týr begegnet wieder im indischen Dyaus, im griechischen Zeus, im römischen (D)jupiter, und der angelsächsischen Erdgöttin Folde entspricht trotz der Abweichung aller Laute genau die indische Erdgöttin Prithivi, die Breite. Die anderen germanischen Götter haben ihr eigenes Namenbuch. Von den älteren hat nur einer einen durchsichtigen Namen: Donar — Thor, andere, wie Frey und Freyja d. h. Herr und Herrin, fallen jüngeren zu. Weniger durchsichtig ist Wodan — Odin, doch hat das Volk noch lange den Zusammenhang mit dem Worte Wuot, unserem Wut, festgehalten, wie die Bezeichnungen des Wuotanheeres als Wüetungesheers, oder wütenden, wilden Heers bezeugen. Aber den Sinn des Namens seiner Gattin Frigg-Fria, indisch prija Geliebte, Gattin oder Tochter, fühlte der Germane nicht mehr. Einen zusammengesetzten Namen trug von den wichtigeren Göttern nur der neuere nordische Gott Heimdall.

An der Spitze der allgemeinen Namen für die Gottheit steht wie ein nationales Wahrzeichen der geheimnisvolle Name Gott, der durch alle germanischen Mundarten läuft, aber allen andern indogermanischen Sprachen fehlt. Er umfaßt als höchster Name die Äsen, wie die Wanen. Wie Gott hat auch der andre gemeingermanische Name, der gotisch und hochdeutsch Ans, worunter Jordanes nur einen heroischen Halbgott versteht, niederdeutsch und angelsächsisch ös und nordisch Äs lautete und z. B. in dem bekannten Personennamen Ansgar, Oskar und vielen Ortsnamen erhalten ist, bisher keine sichere Deutung erfahren. Am nächsten kommt ihm das altindische Asu Lebensgeist. Gemeingermanisch waren auch die Regin, Rögn die Ratenden, Bestimmenden, die an die 12 Consentes Dii, die 12 obersten beratenden Götter der Römer, erinnern. Nach ihnen heißt das Ragnarökkr das Götterdunkel oder heißen die Ragnrökk der Götteruntergang im Norden und die altsächsischen Reganogiscapu die Götterschickungen bei den Sachsen. Altsächsisch ist auch Metod der Messer und Metodgiscapu das Schicksal, beides auch angelsächsisch. Die altnordischen Viar die Heiligen und Höpt und Bönd Haft und Bande sind Skaldenausdrücke, vielleicht auch die Vanir die Lichten. Nach diesen allen ist unvolkstümlicherweise kein Ort benannt. Nur eine altnordische Bezeichnung: Tivar die Lichten reicht in die indogermanische Vorzeit hinauf und ist verwandt mit dem altindischen devas, dem griechischen dios und dem lateinischen divus.

Die folgende genauere Göttercharakteristik ist einseitig, weil sie fast ausschließlich auf nordischen und zum großen Teil noch dazu skaldischen Angaben beruht. Die Gestalt der Götter ist die kraftvoller stattlicher Menschen, sie bleibt an Größe hinter der der Riesen weit zurück, wie denn z. B. Thor in dem Däumling von Skrymirs Handschuh übernachtet. Die Mehrhäuptigkeit und -armigkeit der Riesen kommt bei den Göttern nicht vor. Im Gegenteil ist Odin einäugig, Tyr einhändig und Hödr blind, doch die beiden letzten vielleicht nicht nach echt germanischer Überlieferung. Die Götter nehmen Tiergestalt an, doch immer nur in bestimmter Absicht, so Odin, Freyja und Frigg, aber nie Thor, der nur einmal in Brauttracht verkleidet zum Riesen Thrymr fährt. Jene Göttinnen verdanken ihr Flugvermögen dem Falkengewand, Odin seine Schnelligkeit dem Pferde Sleipnir, Thor seine Kraft einem Gürtel, eisernen Handschuhen und dem Hammer, ohne den er machtlos ist. Alle Götter gehen oder, was den antiken Göttern fast durchaus fremd ist, sie reiten, nur Thor und Freyja gehen oder fahren zu Wagen, Frey auch zu Schiff. Nicht nur Rosse, sondern auch Eber, Böcke und Katzen sind Reit- und Wagentiere; Raben, Wölfe und Hunde begleiten Odin, auch Walküren und die wilde Jagd; Thor hat zu Gefährten Loki und Thjalfi, auf der Fahrt zu Hymir sonderbarerweise auch Tyr. Die Götter bedürfen des Essens, des Trinkens und Schlafens. Sie erscheinen dem Menschen unerwartet, wie namentlich Odin, oder bei Anruf, wie Thor, werden ihnen beim Blicken durch die Armbeuge sichtbar, verschwinden plötzlich (hverfa) elfengleich, lassen aber oft Spuren ihrer Hände, ihrer und ihrer Rosse Füße in einem Steine zurück. In der Mittsommemacht, in der die Sonne kaum unterging, glaubten die nordischen Germanen nach Tacitus ein Getöse zu vernehmen und Göttergestalten mit Strahlenhäuptem zu sehen. Nach Vellejus hielt ein deutscher Greis den waffenglänzenden römischen Imperator Tiberius für einen Gott, und auf Island gingen die Söhne Hjaltis zum Erbgelage ihres Vaters so schön gekleidet, daß die Leute meinten, die Äsen kämen. Götter und Göttinnen sind schön, namentlich, gleich manchen Elfen, durch die lichte Farbe ihrer Haut und ihres Haars, so Idunn und Heimdall, auf den eddischen Balder fällt auch fremder Glanz.

Im Gemüte der nordischen Götter überwiegt die Güte oder doch Freundlichkeit, sie heißen heiter, hold und nütze. Aber Liebe im höheren Sinne, die ihnen die Völuspa bei der Menschenschöpfung beilegt, wohnt weder in ihnen, noch in den altgriechischen Göttern. Sie stammt aus dem Christentum. Wohl schenken sie Einzelnen ihre Gunst, aber andere verfolgen sie auch, wie namentlich Odin, mit ihrem Grimm, der nicht immer ohne Tücke ist, während aus Thor öfter ein ehrlicher tobender Zorn hervorbricht. Die Götter spielen gern Brett und vertreiben sich z. B. beim Zechgelage beim Riesen Aegir die Zeit mit Weissagen aus Losstäbchen. Einzelne gehen allerlei Liebschaften nach, namentlich Odin und Freyja, niemals Thor. Die Kunstfertigkeit der Elfen, der sie ihre kostbaren Waffen, Schmucksachen und andere Kleinodien verdanken, ist ihnen versagt. Von dem Riesen Smid lassen sie sich ihre Götterburg bauen. Ihr Zimmern von Altären und Tempeln und ihr Schmieden von Zangen und anderen Werkzeugen auf dem Idafeld, das mit jener Nachricht von ihrer Ausstattung durch Elfen und Riesen im Widerspruch steht, wird nur von der Völuspa gemeldet und bildet einen Zug ihrer dort nach fremden Mustern ausgeführten schöpferischen Tätigkeit. Sind sie doch als echte Heidengötter durch ihre Körperlichkeit in ihren Leistungen stark beschränkt. Wenn Odin nicht auf seinem Himmelsthrone, der Hlidskjalf, sitzt, vermag er die Welt nicht zu überschauen. Von diesem aus vermögen aber auch Frigg und Frey dasselbe wie er. Die Götter, namentlich Odin und die Wanen, sind weise und runenkundig. Jedoch obgleich Odin der weiseste Gott heißt, wird er von des Riesen Billing Tochter überlistet, und der Riese Vafthrudnir kennt die Weltgeschichte fast so gut wie er. Wenn die Götter Thor nicht hätten, und dieser nicht unablässig die Riesen bekämpfte, so ginge die Welt alsbald an diese verloren. Die Götter gelten bald für unverwundbar, bald nicht. Bei Saxo verleihen sie sogar ihrem Schützling Unverletzbarkeit. Aber nach demselben Saxo, wie nach der Edda wird Balder von Hödr zu Tode verwundet und nach jenem sogar das ganze Götterherr, das dem Balder zu Hilfe kommt, von Hödr in die Flucht geschlagen, nachdem er den Schaft von Thors Keule abgehauen hat. Später minderte sich das Ansehen der Götter so, daß in den Färöerischen Liedern Odin vor gewaltigen Heldenhieben in die Erde versinkt.

Die Götter werden nie ewig genannt, wenn es auch in Grimnismal einmal heißt, daß Odin nur von Wein immer lebe. Sie konnten auch nicht ewig sein, denn sie hatten sowohl Eltern als Kinder. So galt Thor für einen Odins-sohn und hat wieder einen Sohn Magni. Aber die neugeborenen Götter wachsen mit übermenschlicher Schnelle zu voller Stärke heran: Jener Thorssohn hebt, drei Tage alt, das Bein des Riesen Hrungnir vom Halse seines hingestreckten Vaters, und der einnächtige Vali rächt blutig seinen Bruder Balder. Aber diese jäh aufstrotzende Kraft dauert nicht ewig, die Götter altem, wenn ihnen die Äpfel der Idun fehlen. Nach der Völuspa sterben sie alle beim Weltuntergang, und das Auftauchen, das Wiederkommen einiger imsicherer Göttergestalten nach dieser Katastrophe ist nur der Nachklang der großartigen Schlußakkorde des christlichen jüngsten Gerichts.

Die Elfen hatten bereits ihre Könige, aber kein eigentliches Staatswesen. Auch nennt Tacitus einen Semnonengott mit einem seltenen lateinischen Ausdruck omnium Deus, einen Allwalter, einen Oberherrscher. Die eddischen Götter bildeten einen Staat, den ein inmitten seines Hofes thronender Herrscher regierte, in dem jeder Gott einen Palast hatte, in dem Rats- und Gerichtsversammlungen gehalten wurden. Die spätere historisierende Überlieferung bei Saxo und Snorre schildert die Götter als ein irdisches Volk, das von Byzanz oder dem Tyrklande unter Odins Führung nach Sachsen, Fünen und Sigtun in Schweden zog. Odin verteilte unter seine 12 Tempelpriester die Wohnsitze, unter andern bekam Frey Uppsala, wo er Menschenopfer einführte. In Saxos Baldersage setzte ein Kollegium von Göttern Odin ab und wählte Oller zum König.

Die Hauptgötter haben in diesem Reiche jeder seinen eigenen Stand und Beruf, tragen weit individuellere, porträtartigere Züge als die Elfen und Riesen und haben einen bestimmteren, bedeutenderen Charakter. Das aber ist das Wichtigste, daß sie in ihrem Verhalten zu den Menschen viel stetiger sind als die wetterwendischen, launischen Naturgeister, daß sie zwar auch zürnen und strafen, namentlich die Friedensbrecher, daß sie aber durchweg das Gute fördern und dem Menschen Wohlwollen und ihm Vertrauen und Hoffnung einflößen. Wird doch auch die furchtbare dämonische Blitzwaffe in des Gottes Hand zu einem Schutz und Segen für die Erde und ihre Menschheit. Ein tieferer Einfluß der Götter auf die Sittlichkeit des Volks ist aber nicht bemerkbar; steht doch auch ihre eigene Sittlichkeit nicht höher als die der damaligen großen Herren auf Erden. Die Götter glichen Gefäßen, die Reines und Unreines in sich schlossen, und waren wert, von jenem Starken der Völuspa, der von oben kam, zerbrochen zu werden.

Die Zahl der Götter schwankte. Sie ging von drei Hauptgöttem und einer Hauptgöttin aus, denen auch noch zu Tacitus’ Zeit das göttliche Ansehen ausschließlich oder vorzugsweise Vorbehalten blieb. In dieser Auffassung darf man sich nicht durch die zahlreichen Namen beirren lassen, die die römisch-germanischen Inschriftsteine aus der römischen Kaiserzeit überliefern. Das sind wahrscheinlich entweder nur andere Namen jener höheren Gottheiten wie z. B. Hludana, oder Beinamen derselben, wie z. B. Magusanus der Starke ein Beiwort des Hercules ist, wie hinn rammi der Starke ein Beiwort des Thor. Oder diese sogenannten „Göttinnen“ sind höhere Ortsgeister, oder walkürenhafte Wesen, wie Hariasa ein Schutzgeist des Heers, falls sie nicht keltisch sind. Später aber nahm nach einem bei den meisten anderen Indogermanen wiederkehrenden Entwicklungsgesetz die Götterzahl von Jahrhundert zu Jahrhundert zu, um im Norden zur Zeit der Bekehrung auf einige Dutzend zu steigen. Tacitus meinte mit seinem Hercules, Mercurius und Mars den Thunar, Wodan und Tiu oder Saxnot. Als dann bald darauf die römischen Wochentage in Deutschland eingeführt wurden, übersetzte man den dies Martis, Mercurii und Jovis durch den Tiestag, den späteren Dienstag oder Zistig, und durch den Wotanstag, den niederländischen Woensdag, den englischen Wednesday der alten taciteischen Auffassung gemäß. Aber abweichend von dieser entriß man mit Recht den Thunar seiner Gleichstellung mit Hercules und erhob ihn auf Jupiters Platz: der dies Jovis hieß Thunarstag, unser Donnerstag. Diese Göttertrias blieb in Deutschland lange maßgebend, und noch in der Karolingerzeit verlangte der christliche Priester vom deutschen Täufling die Abschwörung derselben Dreiheit: Thunaer, Woden und Saxnot (Tiu). Das von Tacitus daneben erwähnte bildlose Brüderpaar der Alcis im Haine der Naharvalen scheint nur von diesem einzigen Stamme verehrt worden zu sein. Dagegen kennt er außerdem eine Hauptgöttin, die aber unter verschiedenen Namen als Nerthus, Tanfana und wie eine Isis erscheint. Auch im götterreicheren Norden springt doch eine ähnliche Dreizahl männlicher Gottheiten überall als die alte Kerngruppe hervor. Adam von Bremen meldet, daß in dem berühmtesten nordischen Tempel, dem zu Uppsala, drei Götterbilder standen: Odin, Thor und Fricco, der, wohl der nordische Frey, nur eine Abwandlung jenes deutschen Tiu ist.

Wie die Griechen schon früh bei den drei Göttern: Zeus, Athena und Apollo, schworen die Nordgermanen ebenfalls bei drei Göttern, während die Römerschwüre die Dreizahl nicht erkennen lassen. Odin, Thor und Frey, oder Frey, Njörd und der allmächtige Gott d. i. Thor oder der Landgott d. i. wiederum Thor, oder Thor, Odin und Frey, oder Frey, Freyja und der starke Thor werden angerufen. In allem Wechsel der Schwurformeln bleibt Thor der Hauptschwurgott, wie Zeus, insbesondere Zeus der König, in Griechenland und Jupiter in Rom. Öfter wurde auch, wie in Rom, beim Donnergott und den „andern Göttern“ geschworen. Im Mythus machten sich neben den Hauptschwurgöttern auch die drei anderen, die Wanengötter Njörd, Frey und Freyja geltend, deren ursprünglich auf einen östlichen Stamm beschränkter Dienst sich später weiter nach Westen verbreitete. Außerdem traten noch Odins Gattin Frigg und der zurückgesetzte alte Tyr wenigstens im Mythus hervor. Endlich führten die vielgereisten und zum Teil gelehrten Skalden aus den verschiedenen Landen allerlei lokale oder fremde Götter ein oder schweißten ältere Götter nach fremden Vorbildern um, wie z. B. Baldr. Nun wurde man auch mit dem antiken Zwölfgöttersystem bekannt. Die älteste indogermanische Religionsurkunde, der Rigweda 2, 27, nennt nur sechs höhere Götter, deren Zahl später auf zwölf steigt und bald in ein Göttergewimmel auswuchert. Die Griechen deuteten ein Zwölfgöttersystem zuerst im sogenannten homerischen Hermeshymnus V. 128 an, das später auch vom Kultus der Italiker übernommen wurde. Aber während das griechische System in Rom schon zu Hannibals Zeit wirklich eingebürgert war, wurde es im Norden zum bloßen Spielzeug der Dichterlaune. Die eddischen Grimnismal zählen zuerst zwölf Gottheiten auf, aber nicht nach antikem Vorbild je sechs von beiden Geschlechtern, sondern neun Götter, nämlich Thor, Ullr, Frey, Odin, Baldr, Heimdall, Forseti, Njörd und Widar, und drei Göttinnen: Säga, Freyja und Skadi, wobei namentlich die Abwesenheit Tyrs und Friggs auffällt, wenn diese nicht in der Saga verborgen ist. Elf Äsen werden auch gezählt, als Baldr, der zwölfte, zu Tode kam, und auch Snorre Sturluson nennt zwölf die Zahl der göttlichen Äsen, und Odin verteilt nach demselben Snorre in Schweden Wohnsitze an seine 12 Tempelpriester d. h. Götter. Aber Snorres Göttemamenlisten überschreiten bereits die älteren bescheidenen Zahlen bedeutend, die erste enthält 14 Götter und sogar 18 Göttinnen. Er fügt jenen neun der Grimnismal noch fünf hinzu: Tyr, Bragi, Hödr, Väli und Loki und umgibt die beiden Hauptgöttinnen Frigg und Freyja mit einem reichen Gefolge von Nebengöttinnen, die zum Teil deren Dienerinnen sind, zum Teil die besonderen Eigenschaften ihrer Herrin darstellen.

Die Götterwohnung Äsgardr Asenhof oder Ragna Sjöt der Waltenden Sitz wurde im Westen gedacht Da schaute der langobardische Wodan morgens durch ein Fenster gen Osten, und Thor fährt ostwärts gegen die Riesen aus. Bei der Götterabschwörung wandte man sich mit zorniger Gebärde gegen Sonnenuntergang, dagegen mit erhobenen Händen und Augen gegen Sonnenaufgang. Doch dies mag ein aus rein christlicher Symbolik hervorgegangener Brauch sein. Bei Gebet und Opfer schauten die Nordleute gegen Norden. Die einen dachten sich Asgard mitten auf der Erde, die anderen im Himmel gelegen. Erde und Himmel verband die Äsbrü die Götterbrticke oder Bifröst die bebende Rast, sie führte zur Göttergerichtsstatt am Fuße der Esche.

Der Dichter der Grimnismal führt uns tiefer hinein in das „heilige Land“ der Götter, eine weite mit Burgen besetzte Landschaft von durchaus nicht isländischem oder norwegischem, sondern altirischem Stil. Nur eine Zwölfzahl von Göttern besitzt darin himmlische Paläste. Da wohnt Thor in Thrüdheim mit dem Saale Bilskimir, Ullr in Ydalir, Frey in Alfheim, Skadi in Thrymheim, Baldr in Breidablick, Heimdall in Himinbjörg, Freyja in Folkwang, Forseti in Glitnir, Njörd in Noatün und Vidar in Vidi. Alle diese Göttersitze werden mit wenigen Strichen geschildert, aber von Odins Palästen entwirft das überhaupt zu Odins Preise bestimmte Gedicht mehrere glänzende Bilder. Der Gott sucht das silberbedachte Gehöft, die Valaskjälf, auf, oder er trinkt am Sökkvabekkr mit Saga glücklich alle Tage aus goldenen Bechern. Seine prachtvollste Wohnung aber ist die goldstrahlende Valhall in Gladsheim, in die Odin täglich waffentote Männer aufnimmt. Sie hat 540 Türen, durch deren jede 800 Einheriar täglich zum Kampf gegen den furchtbarsten Feind Odins, den Wolf, fahren. Ihr Dach, dessen Sparren Speerschäfte sind, ist mit Schilden gedeckt, der Saal um die Bänke mit Brünnen bestreut. Ein Wolf hängt vor der Westtür, und ein Aar schwebt darüber. Drinnen speisen abends die Einheriar, jene durch Waffen Erschlagene, von einem im Kessel gekochten Eber Saehrimnir, während der Gott seine Hunde Geri und Freki füttert und selber immer nur von Wein lebt. Auf der Halle steht die Geiß Heidrün oder der Hirsch Eikthymir; sie beißen von den Zweigen des Baumes Laerädr. Ihr Euter füllt die Henkelgefäße stets mit Met, und von seinem Geweihe tropfen alle Erdengewässer. Der Laerädr ist wohl die in einen Burgbaum verwandelte Weltesche, die nun auch Yggdrasill heißt, die Yggr oder Odin wie ein Drasil oder Pferd reitet, wenn er als Windgott durch ihre Krone braust. Alle Götter fahren über die flammende Götterbrücke zum Gericht unter diese Esche, unter deren einer Wurzel die Unterweltsgöttin Hel, der andern die Reifriesen, der dritten die Menschen wohnen. Das Eichhörnchen Ratatösk läuft an ihrem Stamme hinab, um das Zankwort des Adlers